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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 09:09:31 -0800 |
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diff --git a/41931-0.txt b/41931-0.txt new file mode 100644 index 0000000..f732bb4 --- /dev/null +++ b/41931-0.txt @@ -0,0 +1,4122 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 *** + +Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden + übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden + korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet + sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert. + Fett gedruckter Text wurde mit * markiert. + + Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben. + + + + + +Sklaven der Liebe + +Ein Verzeichnis +der Werke Knut Hamsuns +findet sich am Schluß +dieses Buches + +KNUT HAMSUN + +SKLAVEN DER LIEBE + +und andere Novellen + +Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann* + +5. und 6. Tausend + + + + + + + +Albert Langen +Verlag für Literatur und Kunst +München 1922 + + + + +Inhalt + + Seite + + Sklaven der Liebe 1 + + Der Sohn der Sonne 17 + + Zachäus 31 + + Über das Meer 61 + + Ein Erzschelm 101 + + Vater und Sohn 139 + + + + +Sklaven der Liebe + + +Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu +erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine +frohen Tage. + +Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei +Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so +viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur +er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar +und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen +Anflug von Bart auf der Oberlippe. + +Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine +ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn +gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging +durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich +ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer +Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange +Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung +und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau. + +Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon +sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig +und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige +Jungfrau, warum geht er nicht zu mir? + +Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm +wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst +wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt. +Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren +gestern nicht hier.« + +»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu +seinen Kameraden. + +»Bier?« fragte ich. + +»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei +Seidel. + +Ein paar Tage vergingen. + +Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...« + +Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie +der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F. + +Als ich zurückkam, sah er mich fragend an. + +»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich. + +»Und Sie haben keine Antwort erhalten?« + +»Nein.« + +Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd: + +»Keine Antwort ist auch eine Antwort.« + +Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und +ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an +ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen +sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb +einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die +eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog +ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem +Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab +und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!« + +Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich +über den Rücken. + +Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch +Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er +sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei +dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und +zog seine Hand sofort zurück. + +Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für +ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er +berührt hatte. + + * * * * * + +Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie +bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot +und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch +liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich +Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte +bei mir: Wladimierz F. heißt er. + +Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah +fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn: + +»Erwarten Sie jemand?« + +Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich: + +»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?« + +»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.« + +»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.« + +Und er gab mir die Blumen. + +Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort +hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam +mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen +sollte. + +»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell. + +»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht. + +»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?« + +»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.« + +Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den +Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen. + +»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit +dem Bier davon. + +F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich +erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte: + +»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.« + +Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich +bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft +hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht, +Wladimierz. + +Am Morgen darauf regnete es. + +»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?« +dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich +also an.« Ich war sehr heiter. + +Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und +wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr +an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da +spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich +wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei +mir. + +Am Abend kam Wladimierz ins Café. + +»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz. + +»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den +Blumen.« + +»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich. + +Er zuckte die Achseln und entgegnete: + +»Sie liebe ich nicht, Sklavin!« + +Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und +war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte +sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen, +Wladimierz! + +Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte: + +»Haben Sie viel Geld, Sklavin?« + +»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes +Mädchen.« + +Da sah er mich an und sagte lächelnd: + +»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.« + +»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich +habe hundertunddreißig Mark zu Hause.« + +»Zu Hause? Nicht hier?« + +Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit +mir, wenn wir schließen.« + +Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir. + +»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an +meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen. + +»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner +Hausthür stehen blieben. + +»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.« + +Er wartete. + +Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte: + +»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als +Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als +Trinkgeld geben.« + +Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der +Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin +eine Mark geben. + +Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht +zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte. +Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe. + +»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie +wissen: die gelbe Dame!« + +»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner +Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.« + +»Bier?« fragte ich und unterbrach sie. + +Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich. +Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch, +lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr +hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten +erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich +kehre nie wieder zurück.« + +»Danke,« entgegnete sie. + +Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett +und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr +zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir +einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus. + +Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F. +bis an meine Hausthür. + +»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er. + +Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber +trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück. + +»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie +bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine +kleine Kammer.« + +»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!« + +Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß +aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich +lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von +dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.« + +»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau. + +»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.« + +»Sind Sie seine Frau?« + +Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.« + +Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir +mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh +zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und +mehrere lachten deshalb über ihn. + +»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld +von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe +mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.« + +Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber +nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte +es nicht. + +Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es +mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist. +Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.« + +»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte +einer seiner Freunde. + +»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz. + +Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in +das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf +meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast +unmöglich, die Stecknadel zu befestigen. + +»Danke!« sagte er. + +Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte, +und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit. + +»Danke!« sagte er abermals. + +Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich +sagte: + +»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich +zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine +Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er +ergriff meine Hand. + +Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte, +wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die +vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger +aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände. + +»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob +sich. + +Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also +in vierzehn Tagen!« + +Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche +ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken, +ich wandte mich um, -- er war schon gegangen. + + * * * * * + +Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief +von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben +Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen, +niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich +wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er +geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.« + +Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine +Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer +neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und +Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen +meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte +ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen +sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann +ich Wladimierz und mich retten ... + +Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von +ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam +erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo +geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen +zu können; aber das weiß ich jetzt nicht. + +Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich +nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände; +dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich +mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit +den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte. +Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und +ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden +und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich +mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das +ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!« + +»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie. + +Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.« + +Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und +jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er. + + + + +Der Sohn der Sonne + + +Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel +lag über der Erde. + +Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen +Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er +fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu +singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang +zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich, +ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen, +schräg abfallenden Schultern zuckten. + +Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine +andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des +Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die +langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen, +sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten, +seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines +Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes +Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt +waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte +ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner +Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate +lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch +das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer +beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten, +-- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht +anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im +Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste +feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das +Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die +Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft +aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des +elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf +und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel +Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter +die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer +halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder +heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm +geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge +Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein +jähes Ende. + +Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt. + +Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland, +am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- -- + +Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die +Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der +Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte +der Hase heute leben! + +Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt +das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier +Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken. +Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war +jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an +Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine +zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf +beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken. + +Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im +allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt +eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an +alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine +Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß +das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch +diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch +die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in +anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein +Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein +Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume +beunruhigten. + +Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte, +konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren +Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge +waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor +seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen +Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe +niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er +selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die +Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man +sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße +beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende +über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre +Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe +sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte +ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie +suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach +einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle +die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das +Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in +umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen. +Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde +Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den +Stangen wehten nicht dieselben Flaggen. + +Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang +herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen +Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so +sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während +seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er +geerntet hatte, leben und sterben. + + -30° Celsius. + +Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben +auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus, +und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu +der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind +wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme, +kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da, +wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen +Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und +kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie +Talg. + +Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten +zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame. +Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen +Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr +und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube +wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine +gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit +dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt +zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn +sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam +bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen +Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung +dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten +umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber +Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind. + +Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den +Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene +Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren +liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im +Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen +seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er +ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß +auf die Stirn. + +Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz +unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem +Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den +Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine +dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror +nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz +verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror +nie. + +Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr +Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte +gethan! denkt er mit zitternder Seele. + +In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und +wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter +wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde. +Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde. + +Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den +Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von +gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren +Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte +ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen +Trommeln rührte. + +Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein +Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine +wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über, +eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh +nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine +gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in +derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen +Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten +ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen +Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und +mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die +zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt. + +Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und +sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die +Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische +Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie +Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und +Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in +seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen +sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie +Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz +im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in +der Ferne verliert. + +Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der +Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom +Scheitel bis zur Sohle. -- -- + +Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde +und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine +ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während +fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem +Bilde: _Der Sohn der Sonne_. -- + +Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart +und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem +Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und +fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort +an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine +Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er +den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und +sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas +daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als +sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter +Männer geraten. + +Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von +demselben Tage an kennen ihn alle. -- -- + +Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht +mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und +vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn +der Sonne_ heißt. + + + + +Zachäus + + +I + +Tiefster Friede ruht über der Prärie. + +In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur +Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter +Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde +und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren +Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige +Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der +Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein +anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Geräusch der Mähmaschinen +unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig +nahe. + +Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten +Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt, +und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen. +Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine +Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen. + +Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum +späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen +beschäftigt. + +Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden +Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen +Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige +Frau auf der Billybory-Farm. + +Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern +in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt +die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer. + +Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen, +spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt +wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner +beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie +feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem +Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als +das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und +auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei +Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus. + +Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig, +von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht +offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von +aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit +einem Papagei hat. + +Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er +ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch +ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte +Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt +er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche +liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben. +Und er benutzt sie mit großem Fleiß. + +Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und +eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um +darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch +anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor +seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung +des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der +Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich +seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die +Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und +lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern. + +Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er +schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er +jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung +eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er +sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht +nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat? +Habe er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh gestern +gekalbt? + +Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den +Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin +anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er, +Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung +wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh' +nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!« + +Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in +dem wütenden Gesicht. + +Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den +beiden Landsleuten. -- -- + +Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und +speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von +allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen +sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten +während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das +Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und +kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen +fahren wieder nach der Farm zurück. + +Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und +Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly +selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum +tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren +Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist +Polly wieder Soldat. + + +II + +Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen +mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prärie heim. Die meisten +waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot +gehen, einige kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und +mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen, +Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher, +alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen. +Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren +Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen, +ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt +vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über +die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich +die Leute sofort zur Ruhe. -- -- -- + +Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von +Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf +seinen Rücken brannte. + +Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem +großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln +in die Nacht hinaus. + +Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit +Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser +sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser zu +Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen. + +Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd +ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt, +es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er +pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern. + +Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür. Er hielt eine Lampe +in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus. + +»Aha!« sagte der Koch und kam heraus. + +Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus +zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?« + +»Ich nahm es,« antwortete Zachäus. + +»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast +es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!« + +Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem +an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen. + +Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem +Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und +lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel. + +Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem +kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!« + +»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um. +»Ich habe es benutzt!« + +Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst +du die?« + +»Ja,« antwortete Zachäus. + +»Ich will sie dich kosten lassen!« + +»Wenn du es wagst!« + +Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und +im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen +ein Geheul über das andere aus, das war der Ausdruck ihres +Beifalls und Wohlbehagens. + +Zachäus aber hielt nicht lange stand. + +Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze, +seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten +zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt +über den Platz und fiel dann um. + +Der Koch wandte sich an die Menge: + +»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn +gefällt!« + +»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme. + +Der Koch zuckte die Achseln. + +»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein +großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft +den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck +verleihen, er wird litterarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,« +sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel +Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich, +der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie, +frage ich?« + +Und alle bewunderten Pollys Rede. + +Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so +verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du +Hasenfuß!« + +Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur +mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit +dieser Lampe prügeln!« + +Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein. + +Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder +in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang +es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter +den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu +kommen. + + +III + +Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras +auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist +heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den +Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar +Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es +von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und +springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke +Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen +Schritten auf und nieder zu gehen. + +Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein +Pferd an und fragt: »Was giebt's denn?« + +Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.« + +Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt: +»Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem +Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!« + +Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren +zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus +wie eine kleine Leiche. + +Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend +an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn +einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen +davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern +wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die +Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich +wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand. +Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und +sandte ihn nach der Farm zurück. + +Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen Finger +aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er +Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und +verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack +in seiner Pritsche. + +Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in +der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug +sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag +da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit +wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal +vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen +beschädigte. + +Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch +Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die +Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde +lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr +als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne +schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so +ohnmächtig war. + +Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen +und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich +war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu +sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Thür nach +der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem +Munde da und lauschte dem Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter +Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er +sie vor sich habe. + +Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt +nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thür vor der Nase +zu unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich, +und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus +außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen +Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein +brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber +Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht um zu zielen, und er +traf niemals. + +Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu +Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen +Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute +sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz +verlassen da und krümmte sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß +die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem +Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und +Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu +machen. + +Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber +nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen +an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder +zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und +fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu +lesen. + +Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden +vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der +Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs, +der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen +zu waschen. + +Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies +war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner +Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann +die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile +holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf +seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung +wieder ausliefern! + +Es vergeht eine Minute. + +Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus +liegt da und starrt zum Dach empor. + +Polly tritt ein. + +»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt +mitten in dem Raum stehen. + +»Nein!« antwortet Zachäus. + +»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran. + +Zachäus richtet sich auf. + +»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er +und wird ganz wütend. + +Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an, +die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso +die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte. + +»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte +und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von +neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur, +mein Freund!« + +Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte: +»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du +schmutziges Ferkel!« + +Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und +ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er +sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!« + + +IV + +Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der +Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die +Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher +Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige +flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes +Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und +Mähmaschinen. + +Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche, +wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er +ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein +Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun +an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein +Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben +wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die +blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das +vielleicht nicht gut genug?« + +Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein +Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man +ihm gab. + +»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?« +knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her. + +»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß +aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging. + +»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen +mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du +Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce. + +Und er aß von dem Fleisch. + +Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug +werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen +mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat, +nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund +kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die +Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es +mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und +sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die +Flasche war verschwunden. + +Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit +verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß +alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein +Finger?« + +Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe. + +Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu +kichern. + +Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und, +Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt' +ich den nicht wiedererkennen?« + +Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die +wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an. + +»Was hast du eigentlich?« fragt einer. + +»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,« +erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem +Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.« + +Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los, +und die Leute schrieen durcheinander. + +»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen +gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du +hast die eine Seite abgenagt!« + +»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- -- +ich dachte nicht -- --« + +Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus. + +Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich, +wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem +anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?« + +»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür +haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz +anderen Kessel.« + +Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen +Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande, +man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch +feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben. + +Zachäus aber war verschwunden. + +Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch +immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus +aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug +seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er +konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten +durchnäßt. + +Er setzt seine Wanderung fort. + +Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim +Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg +wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, +bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die +Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder +bei der Farm an. + +Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum +beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster +guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen, +daß er sehr guter Laune ist. + +Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den +Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken +schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von +Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel +mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder. + +Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den +Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um +nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig +und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche. + +Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er +tritt ruhig ein. + +»Guten Abend!« sagt er. + +Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich: + +»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.« + +Zachäus entgegnet: + +»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist +gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder +waschen.« + +»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch. + +»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!« + +»Ich rate dir davon ab.« + +»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus. + +»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!« + +Und Zachäus geht hinaus. + +Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so +recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem +Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus. + +Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht +geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf +Zachäus zu. + +»Was machst du hier?« fragt er. + +Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.« + +»In meinem Wasser?« + +»Natürlich!« + +Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich +davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser +nach dem Hemd. + +Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten +Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab. + +Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus. + + +V + +Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen +kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen +Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe. + +Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.« + +Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu +hören. + +»Du hast ihn erschossen?« + +»Ja!« + +»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?« + +»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach +oben.« + +»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?« + +»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.« + +»Hast du das gethan?« + +Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu +schlafen. + +Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?« + +»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch +das Gehirn.« + +»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch +das Gehirn, so ist das der Tod.« + +Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- -- +--. + +Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die +seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef +erhöht und war herzlich glücklich über den Mord. + +Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht +weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er +lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen +waren; dabei war nichts mehr zu machen. + +Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der +nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken +und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere +Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und +meinten es ehrlich damit. + +»Wohin gehst du, Zachäus?« + +»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht +nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum +Holzschlagen.« + +»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche +Reise!« + +Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das +große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming. + +Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die +Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen +gleichen. + + + + +Über das Meer + +Ein Reisebrief + + +Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich +endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu +senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, -- +der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte +August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit +einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in +eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies +griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute +Septembergesundheit. + +Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis +zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von +allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg. +Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der +Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den +Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei. +Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie +ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich +mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken +vermochte. + + * * * * * + +So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem +wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung +für die Emigrantenladung abgelegt hatte. + +»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger +Reisegefährte mit weinerlicher Stimme. + +»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.« + +»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der +Heimat fort,« schluchzte er. + +Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war +noch nie von Hause fort gewesen. + +Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen +wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von +Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten +Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen +Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute, +bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen, +junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien. + +»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren +schon früher drüben?« + +»Ja!« + +Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne +Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der +Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips. +Er hatte Ohrlöcher in den Ohren. + +»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste +auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank. + +»Weshalb verlassen Sie es denn?« + +Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war +Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in +eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus +geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine +Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an +die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der +Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief +geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das +Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.« + +»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?« + +Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche +Begeisterung: + +»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich +durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine +Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach +den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen +Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen +den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben +konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar +Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich, +von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines +Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein +Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil +ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von +Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem +menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne +Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein +weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?« + +Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem +eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern, +andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer +Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort, +über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren: + +»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor +der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu +glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies +geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so +gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man +keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in +einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der +fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will +euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer +gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.« + +Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß +Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des +Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den +geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten +Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten. + +Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und +blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien +vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord, +starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden +sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das +Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen +Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von +ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht +vergnügliches Leben an Bord. + +Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen +reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein +junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben +auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje +nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf. + + * * * * * + +In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine +Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche +Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen +Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein; +der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes +Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns +während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie +seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er +zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig +über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine +drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen: +nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem +Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten +vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den +Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu +erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während +Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen +»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein. + +Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen. + +»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann. + +Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter +Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann +mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht +zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm +wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich +trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College +gedacht. + +Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit +Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde +das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das +Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging +über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als +Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig, +daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können +glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch +ohne andere Hilfe gehen _konnte_. + +Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber +hatte Frau und Kinder in Kopenhagen. + +Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde +herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte, +ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger +Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und +schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach +angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und +verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel +war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt +_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet +Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das +man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am +Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit, +Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den +Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte +dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ. + +Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die +Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum +ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost +zu ihrem Brot zu schwelgen. + +Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer +Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an +Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen +Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich +konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine +Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht +trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er +mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte. + +Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im +Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache +mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen. +Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir +hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er +denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht +wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen +Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten. + + * * * * * + +Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich. +Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere +Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in +der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf +Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß +schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen +flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden. + +Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven +gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus +Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter +für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer -- +bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren +es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da +unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka +tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten. + +Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er +trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes +Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen. + +»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich +gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!« + +Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei +versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel +gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt. + +Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die +Sache. + +Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck +geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir +Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag +in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen +war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder +mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln +und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein +verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und +sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner +erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die +Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein +besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar, +das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu +sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch +ausbitten! + +Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen. + + * * * * * + +Wir dampften in die Nordsee hinein. + +In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar +Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben +waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier +getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland +verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein. + +Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war +sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten +schon Stiefel an. + +Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende +Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich +schlief wieder ein. + +Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden, +die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück +einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um +Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu +sehen. + +Was gab es denn nur? + +Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer +gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um +sich zu beklagen. + +Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel +die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten +des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der +verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker +Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges +Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich +auf Deck. + +Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen, +denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der +Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die +See wurde immer unruhiger. + +Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich +über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen +Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen? + +Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um +sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut +des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache +nachzudenken. + +»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,« +sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er +wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!« + +Nyke senkte sinnend das Haupt. + +»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon +daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich +zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das +wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es +wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach +er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm +einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte. + +Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und +mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll +zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse +hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun. +Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den +stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch +war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang. +Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann +lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht +hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein +paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje +links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche +Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat +ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht +imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen. +Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher +Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank +während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes +Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über +die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als +ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er +empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm +glauben. + + * * * * * + +Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker +saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der +Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch +genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, +einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen +begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne +Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie +an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten; +sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann. +Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie +mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines, +schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet +sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das +kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre +Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen, +die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige +Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht +möglich ist, sie zu wiederholen -- -- + +Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte +hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war +betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen, +glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond +spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten +besten Platz und lallte weiter. + +Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und +die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken +lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern. +Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine +leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker +saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen. + +Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte +wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem +eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später +erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei +nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir +seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und +jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter +dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er +die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen +hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten. + +Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke +sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner +süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den +Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir +einen blutenden Finger. + +Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger +Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich +nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein +wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem +verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre +Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war. + +Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war +überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war +achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im +letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln +Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde +ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die +Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine +Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir +uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns +das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war +auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert. +Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot. + +Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean. + +Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern: + +Also jetzt! -- In Gottes Namen! + +Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm +ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der +atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß +darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für +Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie +schief, so stürbe man. + +»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte +der Kaufmann. + +»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die +Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der +Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann +wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber +aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.« + +Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem +Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen. +Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die +durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und +wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke +längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich +machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in +ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder +und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei +Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur +zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien +erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel +aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand +an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den +Nägeln. + +Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, +und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein +Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und +dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte +umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu +können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos +für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da +und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und +stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie +die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten. + +Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im +Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er +wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst +niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er +alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück +Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang +entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf +dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so +unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein +verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter +Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach? + +Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem +gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn +Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in +Trümmer. + +Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom +Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur +der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel, +der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der +wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument, +dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte. + + * * * * * + +Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der +Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor +Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden +Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger +Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es +sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er +stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals +wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so +wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust +eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit +ernster. + +Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher +auf den Beinen, und er war sehr blaß. + +»Ist Ihnen nicht wohl?« + +»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch, +außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht +einen elend.« + +Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit +einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn +das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er +lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und +schloß die Augen. + +»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm +lächelnd ins Gesicht. + +Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn +Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte +seine Unvorsichtigkeit bezahlen. + +Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich. + +Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett. + +Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit +jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und +ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er +uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte +bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen +ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen +sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die +Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack +oder einer Kiste elendiglich wieder ein. + +Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere +Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten +Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die +Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau +schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung. + +»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am +Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?« + +Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken: + +»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das +Schiff leck ist?« + +Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem +sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das +Schiff geborsten sei. + +Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein +einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn +einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht, +murmelte er. + +Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns +herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen +bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene +begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege +zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten +seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine +Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle +ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord +wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen. + +In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer +traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden, +daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln +müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern +eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen +und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz +oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische +Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern. +Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie +versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend +hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu +ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell +wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter +Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« -- +Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu +werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit +sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach +einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß, +vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer +flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu +tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen. +Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man +vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde +besinnen. + +Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar +heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen +der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier +unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch +gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser, +seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war. +Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues +Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit +dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- -- + +Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert +wurde. + +Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff +hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See +strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte +Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch +auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah +mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje +geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und +geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als +ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje +zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts +fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur +eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. -- +Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!« + +Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr: + +»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den +Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!« + +Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen +Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger +liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes +Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine +Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem +Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die +Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu +Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte +er: + +»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen +Gedanken!« + +Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte, +daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in +seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- -- + +Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage +konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein +Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke +befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war +auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und +der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten, +zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen +Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit +genesene Patienten besitzen. + + * * * * * + +Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise +unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den +Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem +Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den +Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten. +Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten +erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der +Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem +Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig +neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn +Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch +nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten +Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns +die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern. +Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und +sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine +sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark +fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf +der wir uns befinden. + +Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden +wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst. +Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich +versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser +Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und +macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen. + +Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord +gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher, +und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen. + +Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich, +gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt +marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in +allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren, +wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und +Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften, +von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten +Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten. + +Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es +ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere +unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen +sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen +Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und +ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger, +einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen +begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement +ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war +auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand +er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in +wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und +greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte +Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der +Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest. + +Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und +konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen +Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und +der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine +Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen +Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und +ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem +Plagegeist, dem Kaufmann, stammte. + +So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein. + + + + +Ein Erzschelm + + +Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich +that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber +legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine +Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte: + +»Störe ich auch?« + +Da fing er an: + +»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich +sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit +einer Handbewegung auf die Gräber. + +Wir waren auf dem Krist-Friedhof. + +Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben +geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen +gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las +Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen +pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang +geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen +Kastanienbäumen. + +Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann, +breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die +Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit, +nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn, +wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«. + +»Sie sind fremd hier?« + +»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.« + +Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den +Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und +französische Zeitungen hervor. + +»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte +er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so +wenig ausgerichtet.« + +»Wie meinen Sie das?« + +»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.« + +Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir. + +Er fuhr fort: + +»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit +den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!« + +»Eine fromme Zwecklosigkeit!« + +Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf. + +»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern +steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft +sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen, +errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den +Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist +einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja, +nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal +hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist +unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine +Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine +Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken. +Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!« + +Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der +im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt +hat, -- nach dem Kapital. + +»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er. + +»Ja!« + +Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank, +blinzelte und dachte, blinzelte und dachte. + +Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock, +krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht +Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den +Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und +raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, +und das von der Sonne getrocknet ist. + +»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern, +nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns +zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.« + +Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem +schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein +kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug +eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der +Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte. + +»Nun?« fragte er. + +»Nun?« + +»Haben Sie nichts bemerkt?« + +»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.« + +»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die +Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns +entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier +vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war +bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes +Handwerk einzuimpfen.« -- + +»Aber weshalb denn nur?« + +»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für +die Lebenden, die davon leben sollen.« + +Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo +steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der +Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu +langweilen. + +»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht, +sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah +mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos: +haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in +den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt +der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit +gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, +aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis +vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe +wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich +nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?« + +»Blumen.« + +»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer +Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich +empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt, +sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die +Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.« + +Da antwortete ich dem Freigeist und sagte: + +»Die Pyramiden waren doch noch teurer.« + +Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien +die Einwendung bereits früher gehört zu haben. + +»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war +obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt +war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden, +wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung +gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in +der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist +etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern, +Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu +drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei +Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden +von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf +steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit, +ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal +diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber +hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß +kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie +doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das +Leben!« + +Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller +Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein +bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar +Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin +ich auch heutigen Tages noch. + +»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier +vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen, +schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge +Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von +zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu +so etwas hat, wird er Gourmand.« + +Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein +Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu +stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu. + +Er fuhr fort: + +»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was +der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung, +und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der +Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind +sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös +zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine +Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie +nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich +Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger +Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm +zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, -- +beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen +blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege. +Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage +später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist, +und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu +folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie +können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn +ich habe die ganze Nacht gewacht.« + +»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine +Arbeit.« + +Ich erhob mich, um zu gehen. + +Er zeigte hinab auf die See und die Brücken. + +»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu +machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie +nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor +neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich +glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht +vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die +Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der +auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die +Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog +die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen +Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume +rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das +hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg -- +schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und +war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort +heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines +Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen +sei. + +Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine +Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen? + +»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging +weiter. + +Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam. + +»Nun? haben Sie sie gefunden?« + +»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.« + +Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine +Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte +endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute +die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine +Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie +stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja, +nette Kinder! das mußte man sagen! + +Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die +Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den +Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing +an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf. + +»Wo ist das bestohlene Grab?« + +»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?« + +Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab +kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut +gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die +Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie +nirgends mehr. + +»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist +schändlich!« + +Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber +er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei +an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges +gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das +zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter +Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich +so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben +war. + +Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen. + +»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?« +fragte ich. + +Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die +Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir +nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um +ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.« + +Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr: + +»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas +Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du +die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!« + +Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten. + +»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben +wir die Diebin!« + +»Wie?« + +»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!« + +Da mußte ich lächeln. + +»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die +kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie +heißt Elina, ich kenne sie.« + +Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der +Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die +sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem +Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht +einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen. + +Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden +Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben +elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem +Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich +auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber +nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht +gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte +Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten, +glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese +beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das +kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der +ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu +ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war +auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine +Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine +Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe +heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das +Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft +habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten +überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes, +ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer. + +»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber. + +Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar +meine eigenen zwei, drei wieder. + +Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und +sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, +sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und +nahm das Kind mit sich. + +Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte, +sie sagte plötzlich: + +»Nein, wo soll ich denn hin?« + +Der Totengräber antwortete: + +»Auf die Polizeistation!« + +»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie. + +Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche, +wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich, +sie habe sie nicht gestohlen. + +In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß +fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und +dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm. + +Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden +einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der +kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder, +denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg. + +Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war +ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich +nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage +mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie +wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen +verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das +Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und +kann Sie zu ihr führen!« + +Er machte eine Pause. + +»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie +zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so +werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn +die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche +sendet vielleicht gar einen Kranz. + +Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark +gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die +Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht, +schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt +bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die +Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen +Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich +die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit +miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren +Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen. + +Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die +Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf +einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch +nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl +noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen +hatten? Sie waren warm! + +Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu +zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz +genau. + +Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das +Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel +ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen. + +Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm. + +Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte +sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße +spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und +oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke +fahren. Sie kauften gewiß Blumen. + +Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne. + +Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe +kaufen. + +Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu +sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina +mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend +abholen, ehe sie verwelkten.« + +»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?« + +»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das +Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte +Griechisch als sie noch _so_ klein war. + +Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde +sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen +unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie +verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich +ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es +auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den +Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick, +ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und +bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert, +Gott um Verzeihung zu bitten. + +Da zerbricht etwas in ihr. + +Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt +ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen +verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der +Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen +zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an, +die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages, +wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein +gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre +Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt +ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab, +die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße +herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke -- +-- -- + +Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten. +Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich +konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich +kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden +war!« + +»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie. + +»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden +bist, Elina!« + +Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum +Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich +nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen. + +Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die +kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen +und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich. + +Als wir hineinkamen, sagte sie: + +»Spendieren Sie etwas zu trinken?« + +So war sie. + +»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann +hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes +geschwatzt.« + +Sie lachte schrill. + +»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder +kindisch!« + +»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich. + +Da spie sie wütend vor sich hin. + +Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind +sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein +Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle. + +»Ja, gern.« + +Sie steht auf und geht hinaus. + +Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen, +Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder +zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach +einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt. + +Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß, +sie zündete sich auch eine Cigarette an. + +»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie. + +»Wie lange sind Sie hier gewesen?« + +»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!« + +Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten +Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel. + +»Wo haben Sie das gelernt?« + +»Im Tivoli.« + +»Gehen Sie oft dahin?« + +»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr +was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine +so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann +bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas +Geld geben?« + +Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte. + +Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht +empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch +eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich +ausgepumpt werden. + +Der Wein kam. + +Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein +paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein +abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an, +die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, +und sie trugen abgeschnittenes Haar. + +Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz +genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld +gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich +um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen. + +Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten +sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei +Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das +Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch +und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen, +um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte +gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich +verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und +machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und +Jacke und schickte sich an auszugehen. + +»Wollen Sie gehen?« fragte ich. + +Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie +vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die +Thür nach dem Gang und rief: + +»Gina!« + +Das war ihre Mutter. + +Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend. +Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen. + +»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden +Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine +Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht +wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch +jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!« + +Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte +unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte +die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören. + +»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina. + +Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die +Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen. + +Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte: + +»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein +bezahlen und gehen.« + +»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser. + +Ich war ganz betroffen. + +»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich +denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber +vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche. + +Die Mädchen fingen an zu lachen. + +»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so +viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal +den Wein bezahlen! Hahaha!« + +Da wurde Elina in ihrer Seele wütend. + +»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr +haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir +gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und +Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich +auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen +gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht +Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu +necken. Ihr sollt aber hinaus!« + +Und die Mädchen mußten hinaus. + +Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter +ihnen abschloß. + +»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie +entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen +ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig +waren?« + +»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu +beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie +erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette +Mädchen.« + +»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du +ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der +Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin +auf den Tisch geworfen hatte. + +»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie +sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.« + +»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe +nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna +anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und +übel. Davon kann ich nicht leben!« + +»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte +ich. + +Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer +herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu +machen. + +»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir +still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl +verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen +mag ich nicht.« + +»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares +Leben anzufangen.« + +»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden? +Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich +habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche +Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen +sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus. + +Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein +vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie +summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin, +während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr +Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder +auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da, +sieh!« Schließlich fragte sie geradezu: + +»Bleibst du übernacht hier?« + +»Nein!« antwortete ich. + +»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- +-- -- + +Der Erzähler schwieg. + +»Nun?« fragte ich. + +»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde? +Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage. +Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?« + +Er sah mich an. + +»Ich blieb!« sagte er. + +»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem +Mädchen?« + +»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er. + +»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei? +Waren Sie betrunken?« + +»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger +widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die +Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war +mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das +begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von +Zügellosigkeit wir versanken!« + +Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber. + +»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß +sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die +geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so +schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von +übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre +ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie +voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen +könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin +rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen +Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß +gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du +widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem +solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch +bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem +Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es +erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie +jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich +war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!« + +Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen. + +Endlich erwachte er wie aus einem Traum. + +»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich +müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?« + +Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir, +ich hatte sie zu Hause vergessen. + +»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte +seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da +kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das +kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder +da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt. +Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich +ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein +Unrecht!« -- + +Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an +mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus. + +»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für +die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!« + +Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging. + + * * * * * + +Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich +mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und +meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte +die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine +verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine +erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum +andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch +einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte +vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie +gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent. +Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt! + +Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner +Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die +Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr +gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel! + +Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und +meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen. +Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen. +Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg. + +Ich schwieg. + + + + +Vater und Sohn + +Eine Spielergeschichte + + +I + +Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach +dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem +Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem +sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem +Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer +Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und +Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während +einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel +Leben und großer Umsatz. + +Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war +herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit +Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und +Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo +gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war +das Zelt des Pavo aus Sinvara. + +Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der +Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere +Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld. + +Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen. +Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich +hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die +Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des +größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei +dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht. +Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei +der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft +sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene +Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er +war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich. + +Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter +das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet +hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen. +Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte +Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der +nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank +angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch +noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte +er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank +ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft; +er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner +gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln. +Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle, +sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft. + +Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß +er kommen würde. + + * * * * * + + +II + +Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in +den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte +der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt. + +»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch +kommen!« + +Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem +Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher +kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus +Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen +Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos +leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der +Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach +umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber +dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und +dessen Mutter so viel Kummer bereitete. + +»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete +ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!« + +Und dann ging der Diener. + +Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr +war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller +Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die +Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte +der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren +Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des +Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde +war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten +einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der +Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher. + +Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig +Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von +dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart +und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts +gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws +Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil +sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend +war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und +antwortete. + +Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen +Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er +gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem +Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück. +Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein, +auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt. + +Plötzlich sagt er: + +»Wo ist die Bank? Ich will dahin.« + +Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor +ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen. + +Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das +Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein +brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig +vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz. + +Im selben Augenblick ruft der Croupier: + +»Dreizehn!« + +Er heimst alles Geld ein. + +Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze +Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem +eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von +neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts +geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn +einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen +Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder +dreizehn! + +»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein. + +Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher +gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft +eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen. +Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener +stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch, +ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des +Rades, das sich dreht. + +»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara. + +Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles +darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch +genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es +sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf +seinem Stuhl hin und her. + +»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er +arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.« + +Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein +Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu +reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ, +ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf +eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war. + +Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben +ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn +hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine +eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb +hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen +Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert. + +»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr. + +Der Sohn, Pavo, nickt und sagt: + +»Verloren!« + +»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von +mir. Warte, ich will es selber thun.« + +Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu +erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso +wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.« + +Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in +Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen. + +»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet +er ein. + +»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie +kommt,« lügt Pavo. + +Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein +Taschenbuch hervor. + +»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber +ganz niedrig, ungefährlich.« + +Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt +Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn: + +»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom +Croupier? Sage ihm das doch!« + +Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken, +als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine +heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt: + +»Setze auf dreizehn!« + +Pavo wendet ein: + +»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.« + +Der Vater nickt und entgegnet bestimmt: + +»Ja! Setze auf dreizehn!« + +Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer +dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit. + +»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das +Doppelte!« + +Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man +wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern +die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den +Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert, +seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt +auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an +dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe. + +Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten +dreizehn nennt, ruft er: + +»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!« + +»Aber --« + +»Setze hundert!« + +Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig, +dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen +Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis +siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das +ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen. + +»Dreizehn!« ruft der Croupier. + +»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara. +Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er +sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!« + +»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt +wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.« + +»Setze hundert auf dreizehn!« + +»Warum willst du das Geld wegwerfen?« + +Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung, +als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber +und sagte: + +»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen +und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu +zerstören? Setze hundert auf dreizehn!« + +Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem +Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am +Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das +Roulette gelenkt. + +»Dreizehn!« + +»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das +Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!« + +Pavo war ganz bestürzt. + +»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen. +»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.« + +»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze +auf Rot!« + +Pavo setzte auf Rot und verlor. + +Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu. + +»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man +hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war +gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf +Gerade!« + +»Wieviel?« + +»Soviel du willst. Setze sechshundert.« + +»Sechshundert ist zu viel.« + +»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja, +ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.« + +Gerade verlor. + +Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und +sagte heftig: + +»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren. +Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.« + +Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein +Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt +da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott +halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten +Mann, Roulette spielen zu wollen!« + +Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem +Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe. + +Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe +neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ. + + +III + +Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in +Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen. +Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von +Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im +Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu +erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig +geworden. + +»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt +kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!« + +Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der +Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen. + +»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten +Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich +konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau +die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie +zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in +Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.« + +Pavo steht stumm da. + +Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt +kein Wort. + +»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht +vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns +keine Zeit verlieren.« + +Und von dannen ging es. + +»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns +hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.« + +Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht +naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der +Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt +Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem +Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles +mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu +zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende +Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und +bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er +stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es +zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um +einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu +unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch +das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen. +Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern, +hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das +nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten +Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben. + +Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn +wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er +das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint +sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen. + +»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich, +was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am +meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.« + +Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit +einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal +hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf +Schwarz. + +»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!« +meldet der Croupier und streicht das Geld ein. + +»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,« +sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen? +Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du +auf Rot!« + +Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe, +traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine. +Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er +diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und +von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er +gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf +einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig +den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm, +ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem +mit zitternden Händen. + +»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du +hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und +ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich +bessern. Pavo, hast du mich verstanden?« + +Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß +sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und +selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen. +Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des +Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen +eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut! + +Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam, +geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er +-- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er +wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde +darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld +zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu +retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden? +Fürchtet er das Unglück? + +Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und +fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er +plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie +ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu +Vater und Sohn hinüber und sagte: + +»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat +schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er +will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich +versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist +brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater +ruiniert.« + +Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches +vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn +umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei +Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln +und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und +unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen +sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin. + +»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt. + +Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn +zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen +und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in +den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend, +eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht +nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist +sehr finster. + +»Dreizehn!« meldet der Croupier. + +Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz +blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose +Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der +Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann +setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards +gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt +einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all +sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft +alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in +einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem +Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und +links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen. + +Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und +sieht ihn mit fieberglühenden Augen an. + +»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich +spiele euch doch alle unter den Tisch!« + +Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern +gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf +die dreizehn. + +»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen, +sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.« + +Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es +zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch +einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern, +der ja doch früher oder später seine Beute werden muß. + +Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn +von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein. + +»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe +auf dieser dummen Zahl genug verloren.« + +Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird +gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen +Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und +dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an, +sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend +umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das +junge Mädchen aus der Menge heran und sagte: + +»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?« + +Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix. + +»Ja, Herr!« antwortet sie. + +»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?« + +Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug +die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und +reichte ihr noch ein Goldstück. + +»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!« + +Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte +voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück, +lächelte allen zu und ging. + +Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu. + +»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so +viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!« + +Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von +Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen. + +»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine +habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich +verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht +ist das meine Farbe.« + +Rot gewann. + +»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist +ein Versuch.« + +Rot verlor. + +Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft. + +»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir +Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich +muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben +Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und +er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich +will dich bessern.« + +»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo. + +»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue +das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.« + +Und Pavo erhob sich und ging. + + +IV + +Es war fast zwölf Uhr. + +Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der +Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der +weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen +Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte +fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner. + +Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem +geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht +alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In +zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort +einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und +er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der +als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig +ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara. + +»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend +auf.« + +Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen +Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er +sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch +genommen, und trank den Wein schweigend aus. + +Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er +gewann dreimal, Schlag auf Schlag. + +»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem +alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch +genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein. +Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der +sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit +dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er +beschließt das Spiel. + +Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich +auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er +sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden. + +»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er. + +Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn +nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger +seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara +sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum +geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger, +einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem +Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in +sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn +von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er +hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er +zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige +Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine +nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den +Papierhüllen. + +Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert +bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an. + +»Rot!« + +Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden +Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt +den Tisch. + + +V + +Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir +erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend +vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo +dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe +ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und +habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens +könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den +Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das +andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm +deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken, +daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?« + +Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte, +er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen +halten wollte. + +Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte +überall Bescheid. + +»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir. + +Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine +Rechnung gebeten. + +»Woher weißt du das?« fragte ich. + +»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die +Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch +einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.« + +Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als +würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte +mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich +konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein +paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind. + +»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich. + +Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht +vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran +dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem +Rücken? Hatte er irgend etwas vor? + +»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich. +Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich +trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er +vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet +und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine +Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt. +Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff, +es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich +zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein +lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn +in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt +herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr +über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe +regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf +den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die +Thür zu. + +»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er. +»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!« + +Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl: + +»Geh und hole meine Rechnung!« + +Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn +laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- -- + +Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig, +und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk +befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem, +zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter +hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen +seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den +Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher +konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß +in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur +Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb. +Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor +meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg. +Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche +Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der +sein Handgelenk verletzt habe. + +Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war +in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der +Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße +heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam, +konnte ich mich nicht enthalten zu sagen: + +»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das +Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen. +Bringen Sie mir Thee.« + +Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts, +sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich +ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht +nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch +unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut +machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam: + +»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute +auch krank.« + +Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und +entgegnete: + +»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine +ganz notwendige Besorgung war.« + +Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte +Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller +Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten +über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen. + +»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von +Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um +Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette +ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.« + +»Es ist gut!« sagte ich. + +»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei +ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche +Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es +nicht glauben.« + +Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete +den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der +Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem +Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß +der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld +holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit +Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater +habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen +lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben. +Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in +allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle? +Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen, +um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die +ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten +nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring +an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden. + +»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so +eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um +seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, +die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.« + +»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?« + +»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder +auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!« + +Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen, +und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es +war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen +Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig +war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu +halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes +willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck +würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein +ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater +dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller +Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten, +er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe +unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe +Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht. + +»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die +Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun. +Leb wohl, Pavo!« + +Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in +die Spielhölle gegangen. + +»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters +ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?« +fragte ich den Russen. + +Er schüttelte den Kopf. + +»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der +Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.« + +Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel. +Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch +höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und +wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab. + +»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm +geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!« + +Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte, +aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles +berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer +am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte +mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück +gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle +er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und +sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener +gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte. + + +VI + +Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich +hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um +einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der +Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege +kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen +Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen. +Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von +Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich +nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und +jeden Tag nach dem Herrn zu fragen. + +Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört, +daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen +fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann +hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem +Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um +ein ganzes Vermögen geschädigt. + +»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat, +-- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben +hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe +einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche +Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir +leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe +es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der +Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt, +wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz +richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?« + +Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war +selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des +vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt +hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie, +tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen +logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den +schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen, +roten Mund. + +»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er. + +»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich. + +»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines +vernünftigen Mannes nicht.« + +Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf +und nieder. Dann stand er still und fragte: + +»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe +gemacht haben, mich aufzusuchen?« + +Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im +Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten +hatte, entfernte ich mich wieder. + +Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich +zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei +mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem +zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts +davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich +eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo +erzählte. + +Die Uhr wurde fünf. + +Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von +Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die +eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als +gelobe er etwas. + +Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne +hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen. +Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus. + +»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen +operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen. +Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm. + +»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der +Croupier, indem er sich verneigte. + +Das Spiel begann. + +Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal +hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes +Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er +macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der +Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot +und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf +dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er +wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich +schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er +zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf +ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große +Summe auf dies Quadrat. + +Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze +Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er +nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen +Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum, +aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er +atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein. +Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt +ihr ab. + +»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im +nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen +geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des +Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das +schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe +in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und +das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren +eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus. + +Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist, +völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele +schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn +eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung +mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen, +beherrscht sich aber und läßt sie stehen. + +Das Rad hält an. + +»Rot!« + +»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den +Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder +Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!« + +Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird +zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler, +deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter +ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte +mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von +Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von +allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er +Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er +arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit. +Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand +voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig +zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um +ihn her flüstern und warten. + +»Dreizehn!« + +Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der +Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb +auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null. +Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle +zurück. + +»Null!« + +In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen +fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von +dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo +ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen, +packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn. + +Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff, +daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen. + +»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er +seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine +Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder +Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand, +steht auf und geht mit Pavo. + +Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach; +das Spiel gerät ins Stocken -- -- + +Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur +seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder +eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man +nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen +darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem +Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige +Zeiten den Rücken wenden. + + * * * * * + + +VII + +Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach +dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und +alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in +die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen +Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand. + +»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet +seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer +wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der +allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit +seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede +gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte, +hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt, +mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten. +Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws +Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und +teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld +zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause +reisen. + +»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.« + +Die Uhr schlug fünf. + +Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich +mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie +Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der +Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig +gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber +nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte: + +»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?« + +»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade +herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er +nicht. Das sieht Pavo ähnlich.« + +Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand +abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt. +Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick. + +Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen +Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren. +Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber +sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen +um, auch sie war verschwunden. + +Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte +Passagier kam an Bord. Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen +nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er +geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war +sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne +den großen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den +Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm, +und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser +gefallen? Hatte er sich hineingestürzt und war in aller Stille +ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine Ahnung, ein ganz +sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu +warten, dann würde ich vielleicht Auskunft über den Vermißten +geben können. + +Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, stürme die Treppe +hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich +die Thür und sehe hinein. + +Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie hat +ihre errötende Miene wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und +vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am +Roulette. + + * * * * * + + + + +Knut Hamsun + +Die Königin von Saba + +und andere Novellen + +Dritte Auflage + + +_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewußt hat, kann es an +dem neuen _großartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden, +daß hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten +der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit +tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und +bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen dürfen, mit +seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf großer dichterischer Höhe +stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der +Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner »Königin von +Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze +hinweisen: »Der Ring«, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt, +_das Werk eines echten Dichters ist_. + +_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltägliches in dem +Buch, es enthält Dichtungen von überaus apartem Reiz, die uns so +oft überraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgängen geführt +werden, ohne daß diese willkürlich wären. Hamsun versteht es +wunderbar, mit wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er +versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und +gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt. + +_Albert Langen, Verlag in München_ + + + + +Knut Hamsun + +Pan + +Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren + +Einundzwanzigste Auflage + + +»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame Buch lesen,« +-- schreibt der »Hannoversche Courier« in einem längeren Artikel +-- »um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen völlig +genießen zu können. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich +atmen aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler Träume +wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und +Kälte, höchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich +sprechen sich _in Worten von außerordentlicher Formvollendung_ +aus.« + +_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwürdiger +Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen +modernen Norwegern. Sein Roman »_Pan_« enthält viel Wunderliches, +aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine +so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang +mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und +Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler +ersten Ranges mit der Feder. + +_Albert Langen, Verlag in München_ + + + + +Knut Hamsun + +Victoria + +Geschichte einer Liebe + +Fünfzehnte Auflage + + +»_Victoria_« oder »_Die Geschichte einer Liebe_« kann nicht +besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie +Hamsun im »Pan« eine Symphonie über die _Natur_ schuf, die vor +ihm vielleicht niemals intensiver künstlerisch erfaßt worden ist, +so hat _Knut Hamsun_ in »_Victoria_« das _Hohe Lied der Liebe_ +gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit all der +ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle, die nur +Hamsun eigen sind. + +»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein _seltsames, +unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer +in einer stillen Juninacht_. + +_Allg. Zeitung, München_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter +den zeitgenössischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert, +das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen +dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten +inneren Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen +weiß. + +_Albert Langen, Verlag in München_ + + + + +Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_ +aus dem Verlag von _Albert Langen_: + + + _Hunger_, Roman 18. Auflage + _Mysterien_, Roman 12. Auflage + _Neue Erde_, Roman 8. Auflage + _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren) 21. Auflage + _Redakteur Lynge_, Roman 6. Auflage + _Viktoria_, Geschichte einer Liebe 15. Auflage + _Die Königin von Saba_, Novellen 3. Auflage + _Sklaven der Liebe_, Novellen 6. Auflage + _Im Märchenland_, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien 3. Auflage + _Kämpfende Kräfte_, Novellen 3. Auflage + _Schwärmer_, Roman 3. Auflage + _Unter dem Halbmond_, Reisebilder 3. Auflage + _Benoni_, Roman 5. Auflage + _Rosa_, Roman 3. Auflage + _Unter Herbststernen_, Erzählung eines Wanderers 3. Auflage + _Gedämpftes Saitenspiel_, Erzählung eines Wanderers 5. Auflage + _Die letzte Freude_, Roman 7. Auflage + _Kinder ihrer Zeit_, Roman 11. Auflage + _Die Stadt Segelfoß_, Roman 8. Auflage + _Segen der Erde_, Roman 23. Auflage + _Die Weiber am Brunnen_, Roman 15. Auflage + _Abenteurer_, Ausgewählte Novellen 15. Auflage + _Erzählungen_, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage + _An des Reiches Pforten_, Schauspiel + _Abendröte_, Schauspiel + _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht + _Königin Tamara_, Schauspiel + _Spiel des Lebens_, Schauspiel + _Vom Teufel geholt_, Schauspiel + + + + +Druck von Hesse & Becker in Leipzig + + + + + * * * * * + + + + +Die folgende Tabelle enthält die vorgenommenen Änderungen. + + S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur) + S. 34: später -> späten + S. 66: Offentlichkeit -> Öffentlichkeit + S. 66: Christen -> Kristen (hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke) + S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten + S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke) + S. 72: Getose -> Getöse (das Getöse unten sich ein wenig gelegt) + S. 79: Offnung -> Öffnung + S. 116: vorzubringen -> vorbringen + S. 116: »Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten) + S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine) + S. 117: Ubergewicht -> Übergewicht + S. 122: verwelten -> verwelkten + S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes + S. 132: kommen? -> kommen! (Laß noch eine Flasche Wein kommen!) + S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn) + S. 153: Gerade? -> Gerade! + S. 156: Uberblick -> Überblick + S. 171: Rechnung! -> Rechnung!« + S. 172: Uberfall -> Überfall + S. 184: Rot!« -> Rot! (»Wieder Rot! Ja, ich hatte) + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 *** |
