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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 ***
+
+Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+ übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+ korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
+ sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
+ Fett gedruckter Text wurde mit * markiert.
+
+ Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.
+
+
+
+
+
+Sklaven der Liebe
+
+Ein Verzeichnis
+der Werke Knut Hamsuns
+findet sich am Schluß
+dieses Buches
+
+KNUT HAMSUN
+
+SKLAVEN DER LIEBE
+
+und andere Novellen
+
+Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann*
+
+5. und 6. Tausend
+
+
+
+
+
+
+
+Albert Langen
+Verlag für Literatur und Kunst
+München 1922
+
+
+
+
+Inhalt
+
+ Seite
+
+ Sklaven der Liebe 1
+
+ Der Sohn der Sonne 17
+
+ Zachäus 31
+
+ Über das Meer 61
+
+ Ein Erzschelm 101
+
+ Vater und Sohn 139
+
+
+
+
+Sklaven der Liebe
+
+
+Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu
+erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine
+frohen Tage.
+
+Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei
+Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so
+viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur
+er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar
+und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen
+Anflug von Bart auf der Oberlippe.
+
+Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine
+ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn
+gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging
+durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich
+ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer
+Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange
+Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung
+und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau.
+
+Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon
+sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig
+und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige
+Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?
+
+Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm
+wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst
+wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt.
+Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren
+gestern nicht hier.«
+
+»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu
+seinen Kameraden.
+
+»Bier?« fragte ich.
+
+»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei
+Seidel.
+
+Ein paar Tage vergingen.
+
+Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...«
+
+Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie
+der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.
+
+Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.
+
+»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.
+
+»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«
+
+»Nein.«
+
+Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:
+
+»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«
+
+Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und
+ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an
+ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen
+sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb
+einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die
+eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog
+ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem
+Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab
+und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«
+
+Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich
+über den Rücken.
+
+Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch
+Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er
+sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei
+dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und
+zog seine Hand sofort zurück.
+
+Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für
+ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er
+berührt hatte.
+
+ * * * * *
+
+Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie
+bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot
+und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch
+liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich
+Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte
+bei mir: Wladimierz F. heißt er.
+
+Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah
+fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:
+
+»Erwarten Sie jemand?«
+
+Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich:
+
+»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?«
+
+»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.«
+
+»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.«
+
+Und er gab mir die Blumen.
+
+Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort
+hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam
+mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen
+sollte.
+
+»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.
+
+»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht.
+
+»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?«
+
+»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.«
+
+Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den
+Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen.
+
+»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit
+dem Bier davon.
+
+F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich
+erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:
+
+»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«
+
+Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich
+bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft
+hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht,
+Wladimierz.
+
+Am Morgen darauf regnete es.
+
+»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?«
+dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich
+also an.« Ich war sehr heiter.
+
+Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und
+wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
+an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da
+spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich
+wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei
+mir.
+
+Am Abend kam Wladimierz ins Café.
+
+»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz.
+
+»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den
+Blumen.«
+
+»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.
+
+Er zuckte die Achseln und entgegnete:
+
+»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«
+
+Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und
+war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte
+sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen,
+Wladimierz!
+
+Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte:
+
+»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«
+
+»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes
+Mädchen.«
+
+Da sah er mich an und sagte lächelnd:
+
+»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.«
+
+»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich
+habe hundertunddreißig Mark zu Hause.«
+
+»Zu Hause? Nicht hier?«
+
+Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit
+mir, wenn wir schließen.«
+
+Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.
+
+»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an
+meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen.
+
+»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner
+Hausthür stehen blieben.
+
+»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.«
+
+Er wartete.
+
+Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte:
+
+»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als
+Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
+Trinkgeld geben.«
+
+Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der
+Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
+eine Mark geben.
+
+Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht
+zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte.
+Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe.
+
+»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie
+wissen: die gelbe Dame!«
+
+»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner
+Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.«
+
+»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.
+
+Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich.
+Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
+lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr
+hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten
+erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich
+kehre nie wieder zurück.«
+
+»Danke,« entgegnete sie.
+
+Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett
+und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr
+zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir
+einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.
+
+Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F.
+bis an meine Hausthür.
+
+»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er.
+
+Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber
+trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.
+
+»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie
+bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine
+kleine Kammer.«
+
+»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!«
+
+Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß
+aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
+lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von
+dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«
+
+»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau.
+
+»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«
+
+»Sind Sie seine Frau?«
+
+Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«
+
+Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir
+mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
+zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und
+mehrere lachten deshalb über ihn.
+
+»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld
+von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
+mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.«
+
+Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber
+nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte
+es nicht.
+
+Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es
+mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist.
+Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«
+
+»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte
+einer seiner Freunde.
+
+»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.
+
+Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in
+das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf
+meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast
+unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.
+
+»Danke!« sagte er.
+
+Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte,
+und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.
+
+»Danke!« sagte er abermals.
+
+Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich
+sagte:
+
+»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich
+zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine
+Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er
+ergriff meine Hand.
+
+Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte,
+wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die
+vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
+aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.
+
+»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob
+sich.
+
+Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also
+in vierzehn Tagen!«
+
+Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche
+ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken,
+ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.
+
+ * * * * *
+
+Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief
+von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben
+Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
+niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich
+wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er
+geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«
+
+Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine
+Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer
+neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und
+Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen
+meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte
+ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
+sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann
+ich Wladimierz und mich retten ...
+
+Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von
+ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam
+erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo
+geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen
+zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.
+
+Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich
+nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände;
+dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich
+mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit
+den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte.
+Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und
+ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden
+und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich
+mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das
+ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«
+
+»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.
+
+Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.«
+
+Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und
+jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er.
+
+
+
+
+Der Sohn der Sonne
+
+
+Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel
+lag über der Erde.
+
+Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen
+Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er
+fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu
+singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang
+zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich,
+ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen,
+schräg abfallenden Schultern zuckten.
+
+Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine
+andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des
+Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die
+langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen,
+sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
+seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines
+Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes
+Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt
+waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte
+ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner
+Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate
+lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch
+das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer
+beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten,
+-- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht
+anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im
+Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste
+feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das
+Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die
+Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft
+aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des
+elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf
+und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel
+Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter
+die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer
+halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder
+heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm
+geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge
+Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein
+jähes Ende.
+
+Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.
+
+Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland,
+am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --
+
+Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die
+Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
+Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte
+der Hase heute leben!
+
+Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt
+das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
+Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken.
+Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
+jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an
+Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine
+zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf
+beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.
+
+Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im
+allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt
+eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an
+alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine
+Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß
+das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch
+diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch
+die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in
+anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein
+Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein
+Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume
+beunruhigten.
+
+Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte,
+konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren
+Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge
+waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor
+seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
+Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe
+niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er
+selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
+Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man
+sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße
+beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
+über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre
+Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe
+sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte
+ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie
+suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach
+einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle
+die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das
+Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in
+umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen.
+Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde
+Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
+Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.
+
+Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang
+herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen
+Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so
+sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während
+seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er
+geerntet hatte, leben und sterben.
+
+ -30° Celsius.
+
+Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben
+auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus,
+und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu
+der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind
+wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme,
+kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da,
+wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
+Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und
+kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie
+Talg.
+
+Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten
+zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame.
+Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen
+Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr
+und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube
+wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine
+gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit
+dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt
+zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
+sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam
+bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen
+Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung
+dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten
+umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
+Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.
+
+Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den
+Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene
+Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren
+liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im
+Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen
+seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er
+ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß
+auf die Stirn.
+
+Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz
+unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem
+Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den
+Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine
+dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror
+nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz
+verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror
+nie.
+
+Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr
+Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte
+gethan! denkt er mit zitternder Seele.
+
+In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und
+wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
+wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde.
+Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.
+
+Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den
+Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von
+gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren
+Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte
+ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
+Trommeln rührte.
+
+Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein
+Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine
+wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über,
+eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh
+nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine
+gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
+derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen
+Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten
+ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen
+Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und
+mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die
+zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.
+
+Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und
+sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die
+Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
+Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie
+Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und
+Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in
+seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen
+sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie
+Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz
+im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in
+der Ferne verliert.
+
+Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der
+Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom
+Scheitel bis zur Sohle. -- --
+
+Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde
+und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine
+ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während
+fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem
+Bilde: _Der Sohn der Sonne_. --
+
+Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart
+und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem
+Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und
+fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort
+an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine
+Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er
+den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und
+sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas
+daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
+sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter
+Männer geraten.
+
+Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von
+demselben Tage an kennen ihn alle. -- --
+
+Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht
+mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und
+vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn
+der Sonne_ heißt.
+
+
+
+
+Zachäus
+
+
+I
+
+Tiefster Friede ruht über der Prärie.
+
+In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur
+Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
+Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde
+und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren
+Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige
+Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der
+Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein
+anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Geräusch der Mähmaschinen
+unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig
+nahe.
+
+Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten
+Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt,
+und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen.
+Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine
+Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
+
+Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum
+späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen
+beschäftigt.
+
+Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
+Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen
+Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige
+Frau auf der Billybory-Farm.
+
+Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern
+in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt
+die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
+
+Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen,
+spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt
+wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner
+beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie
+feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem
+Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als
+das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und
+auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei
+Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
+
+Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig,
+von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht
+offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von
+aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit
+einem Papagei hat.
+
+Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
+ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch
+ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte
+Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt
+er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche
+liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben.
+Und er benutzt sie mit großem Fleiß.
+
+Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und
+eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um
+darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch
+anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor
+seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung
+des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der
+Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich
+seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die
+Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und
+lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
+
+Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
+schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
+jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung
+eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er
+sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht
+nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat?
+Habe er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh gestern
+gekalbt?
+
+Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den
+Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin
+anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er,
+Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung
+wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh'
+nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!«
+
+Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in
+dem wütenden Gesicht.
+
+Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den
+beiden Landsleuten. -- --
+
+Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und
+speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von
+allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen
+sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten
+während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das
+Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und
+kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen
+fahren wieder nach der Farm zurück.
+
+Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und
+Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly
+selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum
+tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren
+Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist
+Polly wieder Soldat.
+
+
+II
+
+Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen
+mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prärie heim. Die meisten
+waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot
+gehen, einige kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und
+mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen,
+Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher,
+alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen.
+Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren
+Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen,
+ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt
+vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über
+die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich
+die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
+
+Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von
+Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf
+seinen Rücken brannte.
+
+Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem
+großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln
+in die Nacht hinaus.
+
+Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit
+Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser
+sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser zu
+Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen.
+
+Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd
+ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt,
+es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er
+pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
+
+Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür. Er hielt eine Lampe
+in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
+
+»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
+
+Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus
+zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
+
+»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
+
+»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast
+es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
+
+Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem
+an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
+
+Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
+Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
+lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
+
+Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem
+kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
+
+»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um.
+»Ich habe es benutzt!«
+
+Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst
+du die?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus.
+
+»Ich will sie dich kosten lassen!«
+
+»Wenn du es wagst!«
+
+Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und
+im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen
+ein Geheul über das andere aus, das war der Ausdruck ihres
+Beifalls und Wohlbehagens.
+
+Zachäus aber hielt nicht lange stand.
+
+Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze,
+seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten
+zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt
+über den Platz und fiel dann um.
+
+Der Koch wandte sich an die Menge:
+
+»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn
+gefällt!«
+
+»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
+
+Der Koch zuckte die Achseln.
+
+»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
+großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft
+den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck
+verleihen, er wird litterarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,«
+sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel
+Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich,
+der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie,
+frage ich?«
+
+Und alle bewunderten Pollys Rede.
+
+Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so
+verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du
+Hasenfuß!«
+
+Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
+mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit
+dieser Lampe prügeln!«
+
+Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
+
+Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder
+in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang
+es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter
+den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu
+kommen.
+
+
+III
+
+Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras
+auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist
+heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den
+Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar
+Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es
+von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und
+springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke
+Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen
+Schritten auf und nieder zu gehen.
+
+Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
+Pferd an und fragt: »Was giebt's denn?«
+
+Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
+
+Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt:
+»Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem
+Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
+
+Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren
+zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus
+wie eine kleine Leiche.
+
+Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend
+an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn
+einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen
+davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern
+wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die
+Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich
+wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand.
+Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und
+sandte ihn nach der Farm zurück.
+
+Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen Finger
+aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er
+Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und
+verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack
+in seiner Pritsche.
+
+Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in
+der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug
+sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag
+da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit
+wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal
+vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen
+beschädigte.
+
+Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch
+Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die
+Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde
+lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr
+als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne
+schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so
+ohnmächtig war.
+
+Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen
+und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich
+war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu
+sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Thür nach
+der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem
+Munde da und lauschte dem Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter
+Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er
+sie vor sich habe.
+
+Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt
+nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thür vor der Nase
+zu unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich,
+und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus
+außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen
+Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein
+brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber
+Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht um zu zielen, und er
+traf niemals.
+
+Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu
+Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen
+Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute
+sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz
+verlassen da und krümmte sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß
+die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem
+Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und
+Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu
+machen.
+
+Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber
+nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen
+an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder
+zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und
+fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu
+lesen.
+
+Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden
+vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der
+Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs,
+der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen
+zu waschen.
+
+Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies
+war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner
+Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann
+die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile
+holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf
+seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung
+wieder ausliefern!
+
+Es vergeht eine Minute.
+
+Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus
+liegt da und starrt zum Dach empor.
+
+Polly tritt ein.
+
+»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt
+mitten in dem Raum stehen.
+
+»Nein!« antwortet Zachäus.
+
+»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
+
+Zachäus richtet sich auf.
+
+»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er
+und wird ganz wütend.
+
+Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
+die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso
+die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
+
+»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte
+und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von
+neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur,
+mein Freund!«
+
+Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
+»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
+schmutziges Ferkel!«
+
+Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und
+ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er
+sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
+
+
+IV
+
+Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
+Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
+Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
+Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige
+flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
+Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und
+Mähmaschinen.
+
+Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche,
+wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er
+ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein
+Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun
+an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein
+Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben
+wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die
+blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das
+vielleicht nicht gut genug?«
+
+Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein
+Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man
+ihm gab.
+
+»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?«
+knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her.
+
+»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß
+aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
+
+»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen
+mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
+Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.
+
+Und er aß von dem Fleisch.
+
+Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug
+werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen
+mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat,
+nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund
+kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die
+Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es
+mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und
+sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die
+Flasche war verschwunden.
+
+Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
+verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß
+alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein
+Finger?«
+
+Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
+
+Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu
+kichern.
+
+Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
+Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
+ich den nicht wiedererkennen?«
+
+Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die
+wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
+
+»Was hast du eigentlich?« fragt einer.
+
+»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
+erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem
+Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
+
+Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los,
+und die Leute schrieen durcheinander.
+
+»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen
+gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du
+hast die eine Seite abgenagt!«
+
+»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- --
+ich dachte nicht -- --«
+
+Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus.
+
+Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich,
+wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
+anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«
+
+»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
+haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz
+anderen Kessel.«
+
+Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
+Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande,
+man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch
+feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
+
+Zachäus aber war verschwunden.
+
+Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch
+immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus
+aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug
+seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er
+konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten
+durchnäßt.
+
+Er setzt seine Wanderung fort.
+
+Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim
+Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg
+wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen,
+bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die
+Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder
+bei der Farm an.
+
+Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum
+beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster
+guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen,
+daß er sehr guter Laune ist.
+
+Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den
+Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
+schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von
+Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel
+mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
+
+Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
+Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um
+nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig
+und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche.
+
+Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er
+tritt ruhig ein.
+
+»Guten Abend!« sagt er.
+
+Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
+
+»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
+
+Zachäus entgegnet:
+
+»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist
+gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
+waschen.«
+
+»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
+
+»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
+
+»Ich rate dir davon ab.«
+
+»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
+
+»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
+
+Und Zachäus geht hinaus.
+
+Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so
+recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem
+Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
+
+Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht
+geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf
+Zachäus zu.
+
+»Was machst du hier?« fragt er.
+
+Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
+
+»In meinem Wasser?«
+
+»Natürlich!«
+
+Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich
+davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser
+nach dem Hemd.
+
+Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten
+Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
+
+Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
+
+
+V
+
+Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen
+kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen
+Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe.
+
+Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
+
+Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu
+hören.
+
+»Du hast ihn erschossen?«
+
+»Ja!«
+
+»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
+
+»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach
+oben.«
+
+»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
+
+»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
+
+»Hast du das gethan?«
+
+Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu
+schlafen.
+
+Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?«
+
+»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch
+das Gehirn.«
+
+»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch
+das Gehirn, so ist das der Tod.«
+
+Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- --
+--.
+
+Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die
+seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef
+erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.
+
+Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
+weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er
+lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen
+waren; dabei war nichts mehr zu machen.
+
+Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der
+nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken
+und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere
+Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und
+meinten es ehrlich damit.
+
+»Wohin gehst du, Zachäus?«
+
+»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht
+nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum
+Holzschlagen.«
+
+»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
+Reise!«
+
+Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das
+große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
+
+Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die
+Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
+gleichen.
+
+
+
+
+Über das Meer
+
+Ein Reisebrief
+
+
+Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich
+endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu
+senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, --
+der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte
+August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit
+einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in
+eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies
+griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute
+Septembergesundheit.
+
+Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis
+zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von
+allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg.
+Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der
+Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den
+Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei.
+Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie
+ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich
+mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken
+vermochte.
+
+ * * * * *
+
+So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem
+wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung
+für die Emigrantenladung abgelegt hatte.
+
+»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger
+Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.
+
+»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«
+
+»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der
+Heimat fort,« schluchzte er.
+
+Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war
+noch nie von Hause fort gewesen.
+
+Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen
+wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von
+Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten
+Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen
+Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute,
+bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen,
+junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.
+
+»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren
+schon früher drüben?«
+
+»Ja!«
+
+Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne
+Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der
+Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips.
+Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.
+
+»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste
+auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.
+
+»Weshalb verlassen Sie es denn?«
+
+Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war
+Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in
+eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus
+geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine
+Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an
+die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der
+Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief
+geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das
+Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«
+
+»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«
+
+Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche
+Begeisterung:
+
+»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich
+durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine
+Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach
+den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen
+Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen
+den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben
+konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar
+Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich,
+von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines
+Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein
+Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil
+ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von
+Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem
+menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne
+Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein
+weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«
+
+Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem
+eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern,
+andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer
+Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort,
+über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:
+
+»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor
+der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu
+glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies
+geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so
+gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man
+keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in
+einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der
+fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will
+euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer
+gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«
+
+Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß
+Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des
+Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den
+geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten
+Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.
+
+Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und
+blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien
+vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord,
+starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden
+sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das
+Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen
+Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von
+ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht
+vergnügliches Leben an Bord.
+
+Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen
+reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein
+junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben
+auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje
+nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.
+
+ * * * * *
+
+In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine
+Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche
+Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen
+Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;
+der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes
+Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns
+während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie
+seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er
+zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig
+über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine
+drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen:
+nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem
+Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten
+vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den
+Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu
+erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während
+Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen
+»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.
+
+Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.
+
+»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.
+
+Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter
+Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann
+mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht
+zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm
+wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich
+trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College
+gedacht.
+
+Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit
+Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde
+das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das
+Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging
+über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als
+Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig,
+daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können
+glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch
+ohne andere Hilfe gehen _konnte_.
+
+Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber
+hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.
+
+Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde
+herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte,
+ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger
+Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und
+schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
+angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und
+verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel
+war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt
+_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet
+Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das
+man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am
+Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit,
+Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den
+Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte
+dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.
+
+Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die
+Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum
+ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost
+zu ihrem Brot zu schwelgen.
+
+Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer
+Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an
+Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen
+Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich
+konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine
+Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht
+trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er
+mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.
+
+Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im
+Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache
+mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen.
+Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir
+hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er
+denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht
+wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen
+Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.
+
+ * * * * *
+
+Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich.
+Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere
+Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in
+der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf
+Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß
+schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen
+flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.
+
+Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven
+gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus
+Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter
+für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer --
+bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren
+es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da
+unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka
+tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.
+
+Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er
+trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes
+Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.
+
+»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich
+gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«
+
+Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei
+versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel
+gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.
+
+Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die
+Sache.
+
+Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck
+geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir
+Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag
+in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen
+war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder
+mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln
+und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein
+verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und
+sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner
+erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die
+Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein
+besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar,
+das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu
+sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch
+ausbitten!
+
+Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.
+
+ * * * * *
+
+Wir dampften in die Nordsee hinein.
+
+In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar
+Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
+waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier
+getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland
+verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.
+
+Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war
+sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten
+schon Stiefel an.
+
+Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende
+Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich
+schlief wieder ein.
+
+Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden,
+die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück
+einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um
+Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu
+sehen.
+
+Was gab es denn nur?
+
+Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer
+gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um
+sich zu beklagen.
+
+Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel
+die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten
+des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der
+verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker
+Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges
+Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich
+auf Deck.
+
+Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen,
+denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der
+Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die
+See wurde immer unruhiger.
+
+Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich
+über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen
+Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?
+
+Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um
+sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut
+des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache
+nachzudenken.
+
+»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,«
+sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er
+wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«
+
+Nyke senkte sinnend das Haupt.
+
+»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon
+daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich
+zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das
+wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es
+wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach
+er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm
+einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.
+
+Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und
+mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll
+zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse
+hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun.
+Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den
+stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch
+war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang.
+Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann
+lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht
+hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein
+paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje
+links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche
+Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat
+ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht
+imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.
+Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher
+Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank
+während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes
+Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über
+die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als
+ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er
+empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm
+glauben.
+
+ * * * * *
+
+Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker
+saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der
+Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch
+genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund,
+einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen
+begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne
+Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie
+an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten;
+sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann.
+Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie
+mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines,
+schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet
+sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das
+kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre
+Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen,
+die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige
+Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht
+möglich ist, sie zu wiederholen -- --
+
+Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte
+hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war
+betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,
+glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond
+spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten
+besten Platz und lallte weiter.
+
+Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und
+die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken
+lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern.
+Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine
+leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker
+saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.
+
+Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte
+wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem
+eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später
+erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei
+nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir
+seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und
+jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter
+dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er
+die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen
+hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.
+
+Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke
+sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner
+süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den
+Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir
+einen blutenden Finger.
+
+Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger
+Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich
+nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein
+wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem
+verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre
+Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.
+
+Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war
+überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war
+achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im
+letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln
+Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde
+ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die
+Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine
+Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir
+uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns
+das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war
+auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.
+Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.
+
+Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.
+
+Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:
+
+Also jetzt! -- In Gottes Namen!
+
+Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm
+ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der
+atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß
+darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für
+Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie
+schief, so stürbe man.
+
+»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte
+der Kaufmann.
+
+»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die
+Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der
+Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann
+wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber
+aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«
+
+Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem
+Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen.
+Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die
+durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und
+wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke
+längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich
+machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in
+ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder
+und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei
+Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur
+zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien
+erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel
+aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand
+an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den
+Nägeln.
+
+Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit,
+und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein
+Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und
+dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte
+umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu
+können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos
+für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da
+und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und
+stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie
+die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.
+
+Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im
+Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er
+wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst
+niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er
+alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück
+Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang
+entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf
+dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so
+unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein
+verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter
+Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?
+
+Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem
+gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn
+Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in
+Trümmer.
+
+Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom
+Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur
+der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel,
+der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der
+wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument,
+dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.
+
+ * * * * *
+
+Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der
+Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor
+Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden
+Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger
+Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es
+sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er
+stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals
+wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so
+wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
+eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit
+ernster.
+
+Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher
+auf den Beinen, und er war sehr blaß.
+
+»Ist Ihnen nicht wohl?«
+
+»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch,
+außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht
+einen elend.«
+
+Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit
+einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn
+das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er
+lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und
+schloß die Augen.
+
+»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm
+lächelnd ins Gesicht.
+
+Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn
+Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte
+seine Unvorsichtigkeit bezahlen.
+
+Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.
+
+Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.
+
+Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit
+jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und
+ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er
+uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte
+bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen
+ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen
+sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die
+Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack
+oder einer Kiste elendiglich wieder ein.
+
+Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere
+Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten
+Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die
+Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau
+schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.
+
+»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am
+Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«
+
+Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:
+
+»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das
+Schiff leck ist?«
+
+Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem
+sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das
+Schiff geborsten sei.
+
+Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein
+einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn
+einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,
+murmelte er.
+
+Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns
+herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen
+bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene
+begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege
+zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten
+seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine
+Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle
+ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord
+wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.
+
+In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer
+traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden,
+daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln
+müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern
+eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen
+und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz
+oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische
+Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern.
+Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie
+versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend
+hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu
+ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell
+wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter
+Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« --
+Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu
+werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit
+sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach
+einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß,
+vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer
+flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu
+tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen.
+Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man
+vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde
+besinnen.
+
+Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar
+heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen
+der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier
+unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch
+gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser,
+seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war.
+Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues
+Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit
+dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- --
+
+Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert
+wurde.
+
+Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff
+hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See
+strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte
+Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch
+auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah
+mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje
+geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und
+geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als
+ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje
+zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts
+fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur
+eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. --
+Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!«
+
+Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:
+
+»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den
+Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«
+
+Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen
+Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger
+liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes
+Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine
+Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem
+Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die
+Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu
+Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte
+er:
+
+»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen
+Gedanken!«
+
+Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte,
+daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in
+seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- --
+
+Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage
+konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein
+Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke
+befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war
+auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und
+der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten,
+zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen
+Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit
+genesene Patienten besitzen.
+
+ * * * * *
+
+Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise
+unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den
+Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem
+Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den
+Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten.
+Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten
+erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der
+Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem
+Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig
+neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn
+Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch
+nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten
+Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns
+die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern.
+Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und
+sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine
+sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark
+fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf
+der wir uns befinden.
+
+Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden
+wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst.
+Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich
+versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser
+Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und
+macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.
+
+Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord
+gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher,
+und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.
+
+Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich,
+gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt
+marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in
+allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren,
+wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und
+Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften,
+von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten
+Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.
+
+Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es
+ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere
+unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen
+sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen
+Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und
+ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger,
+einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen
+begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement
+ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war
+auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand
+er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in
+wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und
+greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte
+Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der
+Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.
+
+Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und
+konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen
+Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und
+der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine
+Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen
+Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und
+ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem
+Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.
+
+So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.
+
+
+
+
+Ein Erzschelm
+
+
+Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich
+that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber
+legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine
+Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:
+
+»Störe ich auch?«
+
+Da fing er an:
+
+»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich
+sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit
+einer Handbewegung auf die Gräber.
+
+Wir waren auf dem Krist-Friedhof.
+
+Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben
+geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen
+gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las
+Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen
+pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang
+geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen
+Kastanienbäumen.
+
+Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann,
+breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die
+Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,
+nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn,
+wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.
+
+»Sie sind fremd hier?«
+
+»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«
+
+Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den
+Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und
+französische Zeitungen hervor.
+
+»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte
+er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so
+wenig ausgerichtet.«
+
+»Wie meinen Sie das?«
+
+»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«
+
+Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.
+
+Er fuhr fort:
+
+»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit
+den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«
+
+»Eine fromme Zwecklosigkeit!«
+
+Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.
+
+»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern
+steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft
+sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen,
+errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den
+Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist
+einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja,
+nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal
+hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist
+unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine
+Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine
+Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken.
+Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«
+
+Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der
+im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt
+hat, -- nach dem Kapital.
+
+»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.
+
+»Ja!«
+
+Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank,
+blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.
+
+Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock,
+krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht
+Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den
+Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und
+raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt,
+und das von der Sonne getrocknet ist.
+
+»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern,
+nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns
+zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«
+
+Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem
+schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein
+kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug
+eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der
+Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.
+
+»Nun?« fragte er.
+
+»Nun?«
+
+»Haben Sie nichts bemerkt?«
+
+»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«
+
+»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die
+Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns
+entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier
+vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war
+bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes
+Handwerk einzuimpfen.« --
+
+»Aber weshalb denn nur?«
+
+»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für
+die Lebenden, die davon leben sollen.«
+
+Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo
+steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der
+Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu
+langweilen.
+
+»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht,
+sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah
+mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos:
+haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in
+den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt
+der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit
+gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens,
+aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis
+vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe
+wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich
+nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«
+
+»Blumen.«
+
+»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer
+Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich
+empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt,
+sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die
+Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«
+
+Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:
+
+»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«
+
+Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien
+die Einwendung bereits früher gehört zu haben.
+
+»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war
+obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt
+war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden,
+wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung
+gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in
+der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist
+etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern,
+Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu
+drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei
+Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden
+von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf
+steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit,
+ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal
+diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber
+hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß
+kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie
+doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das
+Leben!«
+
+Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller
+Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein
+bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar
+Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin
+ich auch heutigen Tages noch.
+
+»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier
+vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen,
+schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge
+Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von
+zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu
+so etwas hat, wird er Gourmand.«
+
+Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein
+Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu
+stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.
+
+Er fuhr fort:
+
+»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was
+der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,
+und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der
+Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind
+sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös
+zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine
+Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie
+nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich
+Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
+Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm
+zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, --
+beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen
+blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege.
+Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage
+später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist,
+und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu
+folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie
+können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn
+ich habe die ganze Nacht gewacht.«
+
+»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine
+Arbeit.«
+
+Ich erhob mich, um zu gehen.
+
+Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.
+
+»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu
+machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie
+nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor
+neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich
+glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht
+vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die
+Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der
+auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die
+Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog
+die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen
+Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume
+rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das
+hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg --
+schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und
+war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort
+heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines
+Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen
+sei.
+
+Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine
+Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?
+
+»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging
+weiter.
+
+Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.
+
+»Nun? haben Sie sie gefunden?«
+
+»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«
+
+Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine
+Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte
+endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute
+die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine
+Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie
+stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja,
+nette Kinder! das mußte man sagen!
+
+Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die
+Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den
+Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing
+an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.
+
+»Wo ist das bestohlene Grab?«
+
+»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«
+
+Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab
+kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut
+gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die
+Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie
+nirgends mehr.
+
+»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist
+schändlich!«
+
+Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber
+er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei
+an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges
+gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das
+zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter
+Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich
+so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben
+war.
+
+Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.
+
+»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?«
+fragte ich.
+
+Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die
+Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir
+nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um
+ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«
+
+Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:
+
+»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas
+Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du
+die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«
+
+Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.
+
+»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben
+wir die Diebin!«
+
+»Wie?«
+
+»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«
+
+Da mußte ich lächeln.
+
+»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die
+kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie
+heißt Elina, ich kenne sie.«
+
+Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der
+Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die
+sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem
+Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht
+einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.
+
+Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden
+Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben
+elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem
+Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich
+auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber
+nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht
+gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte
+Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten,
+glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese
+beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das
+kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der
+ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu
+ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war
+auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine
+Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine
+Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe
+heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das
+Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft
+habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten
+überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes,
+ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.
+
+»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.
+
+Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar
+meine eigenen zwei, drei wieder.
+
+Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und
+sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus,
+sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und
+nahm das Kind mit sich.
+
+Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte,
+sie sagte plötzlich:
+
+»Nein, wo soll ich denn hin?«
+
+Der Totengräber antwortete:
+
+»Auf die Polizeistation!«
+
+»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.
+
+Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche,
+wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich,
+sie habe sie nicht gestohlen.
+
+In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß
+fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und
+dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.
+
+Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden
+einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der
+kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder,
+denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.
+
+Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war
+ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich
+nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage
+mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie
+wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen
+verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das
+Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und
+kann Sie zu ihr führen!«
+
+Er machte eine Pause.
+
+»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie
+zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so
+werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn
+die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche
+sendet vielleicht gar einen Kranz.
+
+Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark
+gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die
+Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht,
+schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt
+bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die
+Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen
+Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich
+die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit
+miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren
+Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.
+
+Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die
+Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf
+einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch
+nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl
+noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen
+hatten? Sie waren warm!
+
+Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu
+zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz
+genau.
+
+Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das
+Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel
+ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.
+
+Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.
+
+Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte
+sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße
+spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und
+oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke
+fahren. Sie kauften gewiß Blumen.
+
+Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.
+
+Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe
+kaufen.
+
+Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu
+sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina
+mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend
+abholen, ehe sie verwelkten.«
+
+»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«
+
+»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das
+Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte
+Griechisch als sie noch _so_ klein war.
+
+Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde
+sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen
+unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie
+verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich
+ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es
+auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den
+Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick,
+ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und
+bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert,
+Gott um Verzeihung zu bitten.
+
+Da zerbricht etwas in ihr.
+
+Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt
+ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen
+verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der
+Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen
+zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an,
+die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages,
+wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein
+gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre
+Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt
+ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab,
+die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße
+herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke --
+-- --
+
+Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten.
+Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich
+konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich
+kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden
+war!«
+
+»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.
+
+»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden
+bist, Elina!«
+
+Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum
+Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich
+nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.
+
+Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die
+kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen
+und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.
+
+Als wir hineinkamen, sagte sie:
+
+»Spendieren Sie etwas zu trinken?«
+
+So war sie.
+
+»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann
+hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes
+geschwatzt.«
+
+Sie lachte schrill.
+
+»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder
+kindisch!«
+
+»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.
+
+Da spie sie wütend vor sich hin.
+
+Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind
+sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein
+Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.
+
+»Ja, gern.«
+
+Sie steht auf und geht hinaus.
+
+Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen,
+Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder
+zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach
+einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.
+
+Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß,
+sie zündete sich auch eine Cigarette an.
+
+»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.
+
+»Wie lange sind Sie hier gewesen?«
+
+»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«
+
+Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten
+Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.
+
+»Wo haben Sie das gelernt?«
+
+»Im Tivoli.«
+
+»Gehen Sie oft dahin?«
+
+»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr
+was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine
+so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann
+bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas
+Geld geben?«
+
+Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.
+
+Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht
+empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch
+eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich
+ausgepumpt werden.
+
+Der Wein kam.
+
+Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein
+paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
+abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an,
+die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend,
+und sie trugen abgeschnittenes Haar.
+
+Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz
+genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld
+gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich
+um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.
+
+Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten
+sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei
+Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das
+Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch
+und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,
+um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte
+gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich
+verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und
+machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und
+Jacke und schickte sich an auszugehen.
+
+»Wollen Sie gehen?« fragte ich.
+
+Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie
+vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die
+Thür nach dem Gang und rief:
+
+»Gina!«
+
+Das war ihre Mutter.
+
+Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend.
+Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.
+
+»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden
+Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine
+Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht
+wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch
+jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«
+
+Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte
+unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte
+die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.
+
+»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.
+
+Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die
+Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.
+
+Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:
+
+»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein
+bezahlen und gehen.«
+
+»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.
+
+Ich war ganz betroffen.
+
+»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich
+denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber
+vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.
+
+Die Mädchen fingen an zu lachen.
+
+»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so
+viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal
+den Wein bezahlen! Hahaha!«
+
+Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.
+
+»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr
+haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir
+gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und
+Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich
+auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen
+gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht
+Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu
+necken. Ihr sollt aber hinaus!«
+
+Und die Mädchen mußten hinaus.
+
+Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter
+ihnen abschloß.
+
+»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie
+entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen
+ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig
+waren?«
+
+»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu
+beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie
+erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette
+Mädchen.«
+
+»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du
+ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der
+Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin
+auf den Tisch geworfen hatte.
+
+»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie
+sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«
+
+»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe
+nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna
+anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und
+übel. Davon kann ich nicht leben!«
+
+»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte
+ich.
+
+Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer
+herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu
+machen.
+
+»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir
+still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl
+verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen
+mag ich nicht.«
+
+»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares
+Leben anzufangen.«
+
+»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden?
+Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich
+habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche
+Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen
+sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus.
+
+Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein
+vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie
+summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin,
+während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr
+Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder
+auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da,
+sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:
+
+»Bleibst du übernacht hier?«
+
+»Nein!« antwortete ich.
+
+»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+-- --
+
+Der Erzähler schwieg.
+
+»Nun?« fragte ich.
+
+»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde?
+Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.
+Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«
+
+Er sah mich an.
+
+»Ich blieb!« sagte er.
+
+»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem
+Mädchen?«
+
+»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.
+
+»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei?
+Waren Sie betrunken?«
+
+»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger
+widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die
+Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war
+mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das
+begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von
+Zügellosigkeit wir versanken!«
+
+Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.
+
+»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß
+sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die
+geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so
+schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von
+übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre
+ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie
+voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen
+könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin
+rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen
+Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß
+gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du
+widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem
+solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch
+bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem
+Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es
+erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie
+jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich
+war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«
+
+Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.
+
+Endlich erwachte er wie aus einem Traum.
+
+»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich
+müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«
+
+Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir,
+ich hatte sie zu Hause vergessen.
+
+»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte
+seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da
+kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das
+kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder
+da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.
+Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich
+ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein
+Unrecht!« --
+
+Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an
+mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.
+
+»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für
+die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«
+
+Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.
+
+ * * * * *
+
+Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich
+mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und
+meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte
+die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine
+verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine
+erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum
+andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch
+einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte
+vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie
+gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent.
+Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!
+
+Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner
+Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die
+Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr
+gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!
+
+Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und
+meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen.
+Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen.
+Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.
+
+Ich schwieg.
+
+
+
+
+Vater und Sohn
+
+Eine Spielergeschichte
+
+
+I
+
+Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach
+dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem
+Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem
+sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem
+Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer
+Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und
+Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während
+einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel
+Leben und großer Umsatz.
+
+Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war
+herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit
+Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und
+Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo
+gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war
+das Zelt des Pavo aus Sinvara.
+
+Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der
+Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere
+Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld.
+
+Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen.
+Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich
+hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die
+Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des
+größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei
+dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht.
+Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei
+der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft
+sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene
+Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er
+war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.
+
+Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter
+das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet
+hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen.
+Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte
+Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der
+nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank
+angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch
+noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte
+er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank
+ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft;
+er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner
+gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln.
+Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle,
+sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.
+
+Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß
+er kommen würde.
+
+ * * * * *
+
+
+II
+
+Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in
+den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte
+der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.
+
+»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch
+kommen!«
+
+Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem
+Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher
+kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus
+Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen
+Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos
+leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der
+Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach
+umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber
+dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und
+dessen Mutter so viel Kummer bereitete.
+
+»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete
+ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«
+
+Und dann ging der Diener.
+
+Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr
+war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller
+Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die
+Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte
+der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren
+Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des
+Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde
+war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten
+einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der
+Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.
+
+Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig
+Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von
+dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart
+und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts
+gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws
+Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil
+sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend
+war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und
+antwortete.
+
+Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen
+Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er
+gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem
+Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück.
+Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein,
+auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.
+
+Plötzlich sagt er:
+
+»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«
+
+Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor
+ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.
+
+Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das
+Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein
+brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig
+vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.
+
+Im selben Augenblick ruft der Croupier:
+
+»Dreizehn!«
+
+Er heimst alles Geld ein.
+
+Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze
+Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem
+eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von
+neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts
+geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn
+einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen
+Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder
+dreizehn!
+
+»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.
+
+Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher
+gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft
+eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen.
+Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener
+stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch,
+ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des
+Rades, das sich dreht.
+
+»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.
+
+Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles
+darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch
+genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es
+sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf
+seinem Stuhl hin und her.
+
+»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er
+arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«
+
+Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein
+Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu
+reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ,
+ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf
+eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.
+
+Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben
+ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn
+hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine
+eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb
+hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen
+Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.
+
+»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.
+
+Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:
+
+»Verloren!«
+
+»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von
+mir. Warte, ich will es selber thun.«
+
+Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu
+erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso
+wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«
+
+Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in
+Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.
+
+»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet
+er ein.
+
+»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie
+kommt,« lügt Pavo.
+
+Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein
+Taschenbuch hervor.
+
+»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber
+ganz niedrig, ungefährlich.«
+
+Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt
+Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:
+
+»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom
+Croupier? Sage ihm das doch!«
+
+Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken,
+als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine
+heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:
+
+»Setze auf dreizehn!«
+
+Pavo wendet ein:
+
+»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«
+
+Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:
+
+»Ja! Setze auf dreizehn!«
+
+Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer
+dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.
+
+»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das
+Doppelte!«
+
+Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man
+wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern
+die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den
+Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert,
+seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt
+auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an
+dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.
+
+Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten
+dreizehn nennt, ruft er:
+
+»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«
+
+»Aber --«
+
+»Setze hundert!«
+
+Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig,
+dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen
+Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis
+siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das
+ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.
+
+»Dreizehn!« ruft der Croupier.
+
+»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara.
+Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er
+sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!«
+
+»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt
+wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«
+
+»Setze hundert auf dreizehn!«
+
+»Warum willst du das Geld wegwerfen?«
+
+Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung,
+als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber
+und sagte:
+
+»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen
+und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu
+zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«
+
+Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem
+Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am
+Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das
+Roulette gelenkt.
+
+»Dreizehn!«
+
+»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das
+Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«
+
+Pavo war ganz bestürzt.
+
+»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen.
+»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«
+
+»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze
+auf Rot!«
+
+Pavo setzte auf Rot und verlor.
+
+Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.
+
+»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man
+hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war
+gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf
+Gerade!«
+
+»Wieviel?«
+
+»Soviel du willst. Setze sechshundert.«
+
+»Sechshundert ist zu viel.«
+
+»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja,
+ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«
+
+Gerade verlor.
+
+Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und
+sagte heftig:
+
+»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren.
+Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«
+
+Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein
+Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt
+da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott
+halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten
+Mann, Roulette spielen zu wollen!«
+
+Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem
+Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.
+
+Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe
+neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.
+
+
+III
+
+Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in
+Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.
+Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von
+Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im
+Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu
+erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig
+geworden.
+
+»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt
+kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«
+
+Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der
+Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.
+
+»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten
+Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
+konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau
+die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie
+zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in
+Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«
+
+Pavo steht stumm da.
+
+Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt
+kein Wort.
+
+»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht
+vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
+keine Zeit verlieren.«
+
+Und von dannen ging es.
+
+»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns
+hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«
+
+Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht
+naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der
+Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt
+Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
+Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles
+mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu
+zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende
+Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und
+bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er
+stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es
+zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um
+einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu
+unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch
+das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen.
+Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,
+hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das
+nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten
+Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.
+
+Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn
+wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er
+das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint
+sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.
+
+»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich,
+was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
+meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«
+
+Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit
+einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal
+hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf
+Schwarz.
+
+»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!«
+meldet der Croupier und streicht das Geld ein.
+
+»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,«
+sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
+Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du
+auf Rot!«
+
+Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,
+traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine.
+Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er
+diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und
+von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er
+gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf
+einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
+den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,
+ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
+mit zitternden Händen.
+
+»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du
+hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und
+ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich
+bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«
+
+Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß
+sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
+selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.
+Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des
+Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen
+eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!
+
+Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
+geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er
+-- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er
+wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde
+darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld
+zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu
+retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden?
+Fürchtet er das Unglück?
+
+Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und
+fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
+plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie
+ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
+Vater und Sohn hinüber und sagte:
+
+»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat
+schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er
+will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich
+versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist
+brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater
+ruiniert.«
+
+Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches
+vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn
+umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei
+Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln
+und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und
+unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen
+sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.
+
+»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.
+
+Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn
+zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
+und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in
+den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
+eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht
+nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist
+sehr finster.
+
+»Dreizehn!« meldet der Croupier.
+
+Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz
+blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
+Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der
+Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
+setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards
+gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt
+einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all
+sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft
+alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in
+einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem
+Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
+links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.
+
+Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und
+sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.
+
+»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich
+spiele euch doch alle unter den Tisch!«
+
+Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern
+gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf
+die dreizehn.
+
+»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen,
+sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«
+
+Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es
+zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch
+einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern,
+der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.
+
+Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn
+von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.
+
+»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe
+auf dieser dummen Zahl genug verloren.«
+
+Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird
+gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
+Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und
+dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an,
+sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend
+umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das
+junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:
+
+»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«
+
+Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.
+
+»Ja, Herr!« antwortet sie.
+
+»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«
+
+Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug
+die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und
+reichte ihr noch ein Goldstück.
+
+»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«
+
+Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte
+voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück,
+lächelte allen zu und ging.
+
+Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.
+
+»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so
+viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«
+
+Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von
+Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.
+
+»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine
+habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich
+verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht
+ist das meine Farbe.«
+
+Rot gewann.
+
+»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist
+ein Versuch.«
+
+Rot verlor.
+
+Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.
+
+»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir
+Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich
+muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben
+Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und
+er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich
+will dich bessern.«
+
+»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.
+
+»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue
+das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«
+
+Und Pavo erhob sich und ging.
+
+
+IV
+
+Es war fast zwölf Uhr.
+
+Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der
+Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der
+weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen
+Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte
+fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.
+
+Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem
+geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht
+alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In
+zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort
+einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und
+er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der
+als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig
+ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.
+
+»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend
+auf.«
+
+Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen
+Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er
+sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch
+genommen, und trank den Wein schweigend aus.
+
+Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er
+gewann dreimal, Schlag auf Schlag.
+
+»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem
+alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch
+genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein.
+Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der
+sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit
+dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er
+beschließt das Spiel.
+
+Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich
+auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er
+sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.
+
+»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.
+
+Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn
+nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger
+seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara
+sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum
+geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,
+einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem
+Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in
+sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn
+von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er
+hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er
+zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige
+Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine
+nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den
+Papierhüllen.
+
+Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert
+bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.
+
+»Rot!«
+
+Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden
+Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt
+den Tisch.
+
+
+V
+
+Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir
+erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend
+vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo
+dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe
+ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und
+habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens
+könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den
+Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das
+andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm
+deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken,
+daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?«
+
+Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte,
+er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen
+halten wollte.
+
+Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte
+überall Bescheid.
+
+»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.
+
+Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine
+Rechnung gebeten.
+
+»Woher weißt du das?« fragte ich.
+
+»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die
+Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch
+einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«
+
+Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als
+würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte
+mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich
+konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein
+paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.
+
+»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.
+
+Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht
+vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran
+dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem
+Rücken? Hatte er irgend etwas vor?
+
+»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich.
+Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich
+trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er
+vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet
+und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine
+Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt.
+Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff,
+es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich
+zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein
+lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn
+in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt
+herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr
+über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe
+regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf
+den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die
+Thür zu.
+
+»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er.
+»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«
+
+Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:
+
+»Geh und hole meine Rechnung!«
+
+Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn
+laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- --
+
+Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig,
+und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk
+befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,
+zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter
+hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen
+seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den
+Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher
+konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß
+in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur
+Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.
+Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor
+meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.
+Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche
+Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der
+sein Handgelenk verletzt habe.
+
+Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war
+in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der
+Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße
+heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam,
+konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:
+
+»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das
+Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen.
+Bringen Sie mir Thee.«
+
+Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts,
+sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich
+ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht
+nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch
+unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut
+machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:
+
+»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute
+auch krank.«
+
+Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und
+entgegnete:
+
+»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine
+ganz notwendige Besorgung war.«
+
+Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte
+Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller
+Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten
+über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.
+
+»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von
+Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um
+Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette
+ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«
+
+»Es ist gut!« sagte ich.
+
+»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei
+ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche
+Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es
+nicht glauben.«
+
+Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete
+den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der
+Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem
+Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß
+der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld
+holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit
+Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater
+habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen
+lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben.
+Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in
+allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle?
+Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen,
+um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die
+ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten
+nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring
+an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.
+
+»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so
+eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um
+seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz,
+die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«
+
+»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«
+
+»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder
+auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«
+
+Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen,
+und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es
+war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen
+Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig
+war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu
+halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes
+willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck
+würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein
+ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater
+dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller
+Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten,
+er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe
+unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe
+Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.
+
+»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die
+Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun.
+Leb wohl, Pavo!«
+
+Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in
+die Spielhölle gegangen.
+
+»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters
+ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?«
+fragte ich den Russen.
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der
+Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«
+
+Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel.
+Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch
+höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und
+wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.
+
+»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm
+geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«
+
+Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte,
+aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles
+berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer
+am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte
+mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück
+gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle
+er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und
+sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener
+gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.
+
+
+VI
+
+Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich
+hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
+einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der
+Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege
+kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen
+Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen.
+Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von
+Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich
+nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und
+jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.
+
+Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört,
+daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen
+fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann
+hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
+Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um
+ein ganzes Vermögen geschädigt.
+
+»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat,
+-- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
+hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe
+einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche
+Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir
+leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe
+es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
+Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt,
+wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz
+richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«
+
+Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war
+selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des
+vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt
+hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie,
+tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
+logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den
+schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen,
+roten Mund.
+
+»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.
+
+»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.
+
+»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines
+vernünftigen Mannes nicht.«
+
+Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf
+und nieder. Dann stand er still und fragte:
+
+»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe
+gemacht haben, mich aufzusuchen?«
+
+Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im
+Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten
+hatte, entfernte ich mich wieder.
+
+Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich
+zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei
+mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem
+zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts
+davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
+eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo
+erzählte.
+
+Die Uhr wurde fünf.
+
+Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von
+Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die
+eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als
+gelobe er etwas.
+
+Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne
+hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen.
+Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.
+
+»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen
+operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen.
+Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.
+
+»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der
+Croupier, indem er sich verneigte.
+
+Das Spiel begann.
+
+Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal
+hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes
+Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er
+macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der
+Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot
+und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf
+dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er
+wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich
+schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
+zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf
+ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große
+Summe auf dies Quadrat.
+
+Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze
+Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er
+nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen
+Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum,
+aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er
+atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein.
+Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt
+ihr ab.
+
+»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im
+nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen
+geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des
+Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das
+schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe
+in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und
+das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren
+eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.
+
+Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist,
+völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele
+schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn
+eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung
+mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen,
+beherrscht sich aber und läßt sie stehen.
+
+Das Rad hält an.
+
+»Rot!«
+
+»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den
+Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder
+Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«
+
+Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird
+zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler,
+deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter
+ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte
+mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von
+Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von
+allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er
+Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er
+arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit.
+Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand
+voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
+zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um
+ihn her flüstern und warten.
+
+»Dreizehn!«
+
+Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der
+Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb
+auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null.
+Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle
+zurück.
+
+»Null!«
+
+In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen
+fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von
+dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo
+ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen,
+packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.
+
+Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff,
+daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.
+
+»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er
+seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine
+Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder
+Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand,
+steht auf und geht mit Pavo.
+
+Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach;
+das Spiel gerät ins Stocken -- --
+
+Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur
+seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
+eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man
+nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
+darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem
+Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige
+Zeiten den Rücken wenden.
+
+ * * * * *
+
+
+VII
+
+Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach
+dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und
+alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in
+die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen
+Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand.
+
+»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet
+seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer
+wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der
+allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit
+seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede
+gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte,
+hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt,
+mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten.
+Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws
+Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und
+teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld
+zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause
+reisen.
+
+»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.«
+
+Die Uhr schlug fünf.
+
+Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich
+mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie
+Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der
+Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig
+gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber
+nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte:
+
+»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?«
+
+»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade
+herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er
+nicht. Das sieht Pavo ähnlich.«
+
+Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand
+abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt.
+Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick.
+
+Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen
+Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren.
+Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber
+sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen
+um, auch sie war verschwunden.
+
+Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte
+Passagier kam an Bord. Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen
+nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er
+geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war
+sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne
+den großen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den
+Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm,
+und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser
+gefallen? Hatte er sich hineingestürzt und war in aller Stille
+ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine Ahnung, ein ganz
+sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu
+warten, dann würde ich vielleicht Auskunft über den Vermißten
+geben können.
+
+Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, stürme die Treppe
+hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich
+die Thür und sehe hinein.
+
+Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie hat
+ihre errötende Miene wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und
+vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am
+Roulette.
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Knut Hamsun
+
+Die Königin von Saba
+
+und andere Novellen
+
+Dritte Auflage
+
+
+_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewußt hat, kann es an
+dem neuen _großartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden,
+daß hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten
+der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit
+tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und
+bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen dürfen, mit
+seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf großer dichterischer Höhe
+stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der
+Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner »Königin von
+Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze
+hinweisen: »Der Ring«, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt,
+_das Werk eines echten Dichters ist_.
+
+_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltägliches in dem
+Buch, es enthält Dichtungen von überaus apartem Reiz, die uns so
+oft überraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgängen geführt
+werden, ohne daß diese willkürlich wären. Hamsun versteht es
+wunderbar, mit wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er
+versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und
+gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt.
+
+_Albert Langen, Verlag in München_
+
+
+
+
+Knut Hamsun
+
+Pan
+
+Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren
+
+Einundzwanzigste Auflage
+
+
+»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame Buch lesen,«
+-- schreibt der »Hannoversche Courier« in einem längeren Artikel
+-- »um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen völlig
+genießen zu können. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich
+atmen aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler Träume
+wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und
+Kälte, höchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich
+sprechen sich _in Worten von außerordentlicher Formvollendung_
+aus.«
+
+_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwürdiger
+Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen
+modernen Norwegern. Sein Roman »_Pan_« enthält viel Wunderliches,
+aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine
+so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang
+mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und
+Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler
+ersten Ranges mit der Feder.
+
+_Albert Langen, Verlag in München_
+
+
+
+
+Knut Hamsun
+
+Victoria
+
+Geschichte einer Liebe
+
+Fünfzehnte Auflage
+
+
+»_Victoria_« oder »_Die Geschichte einer Liebe_« kann nicht
+besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie
+Hamsun im »Pan« eine Symphonie über die _Natur_ schuf, die vor
+ihm vielleicht niemals intensiver künstlerisch erfaßt worden ist,
+so hat _Knut Hamsun_ in »_Victoria_« das _Hohe Lied der Liebe_
+gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit all der
+ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle, die nur
+Hamsun eigen sind.
+
+»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein _seltsames,
+unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer
+in einer stillen Juninacht_.
+
+_Allg. Zeitung, München_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter
+den zeitgenössischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert,
+das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen
+dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten
+inneren Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen
+weiß.
+
+_Albert Langen, Verlag in München_
+
+
+
+
+Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_
+aus dem Verlag von _Albert Langen_:
+
+
+ _Hunger_, Roman 18. Auflage
+ _Mysterien_, Roman 12. Auflage
+ _Neue Erde_, Roman 8. Auflage
+ _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren) 21. Auflage
+ _Redakteur Lynge_, Roman 6. Auflage
+ _Viktoria_, Geschichte einer Liebe 15. Auflage
+ _Die Königin von Saba_, Novellen 3. Auflage
+ _Sklaven der Liebe_, Novellen 6. Auflage
+ _Im Märchenland_, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien 3. Auflage
+ _Kämpfende Kräfte_, Novellen 3. Auflage
+ _Schwärmer_, Roman 3. Auflage
+ _Unter dem Halbmond_, Reisebilder 3. Auflage
+ _Benoni_, Roman 5. Auflage
+ _Rosa_, Roman 3. Auflage
+ _Unter Herbststernen_, Erzählung eines Wanderers 3. Auflage
+ _Gedämpftes Saitenspiel_, Erzählung eines Wanderers 5. Auflage
+ _Die letzte Freude_, Roman 7. Auflage
+ _Kinder ihrer Zeit_, Roman 11. Auflage
+ _Die Stadt Segelfoß_, Roman 8. Auflage
+ _Segen der Erde_, Roman 23. Auflage
+ _Die Weiber am Brunnen_, Roman 15. Auflage
+ _Abenteurer_, Ausgewählte Novellen 15. Auflage
+ _Erzählungen_, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage
+ _An des Reiches Pforten_, Schauspiel
+ _Abendröte_, Schauspiel
+ _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht
+ _Königin Tamara_, Schauspiel
+ _Spiel des Lebens_, Schauspiel
+ _Vom Teufel geholt_, Schauspiel
+
+
+
+
+Druck von Hesse & Becker in Leipzig
+
+
+
+
+ * * * * *
+
+
+
+
+Die folgende Tabelle enthält die vorgenommenen Änderungen.
+
+ S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur)
+ S. 34: später -> späten
+ S. 66: Offentlichkeit -> Öffentlichkeit
+ S. 66: Christen -> Kristen (hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke)
+ S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten
+ S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke)
+ S. 72: Getose -> Getöse (das Getöse unten sich ein wenig gelegt)
+ S. 79: Offnung -> Öffnung
+ S. 116: vorzubringen -> vorbringen
+ S. 116: »Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten)
+ S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine)
+ S. 117: Ubergewicht -> Übergewicht
+ S. 122: verwelten -> verwelkten
+ S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes
+ S. 132: kommen? -> kommen! (Laß noch eine Flasche Wein kommen!)
+ S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn)
+ S. 153: Gerade? -> Gerade!
+ S. 156: Uberblick -> Überblick
+ S. 171: Rechnung! -> Rechnung!«
+ S. 172: Uberfall -> Überfall
+ S. 184: Rot!« -> Rot! (»Wieder Rot! Ja, ich hatte)
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 ***
diff --git a/41931-8.txt b/41931-8.txt
deleted file mode 100644
index 6a066c4..0000000
--- a/41931-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,4514 +0,0 @@
-The Project Gutenberg eBook, Sklaven der Liebe, by Knut Hamsun, Translated
-by Mathilde Mann
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-
-
-
-Title: Sklaven der Liebe
- und andere Novellen: Sklaven der Liebe--Der Sohn der Sonne--Zachäus--Über das Meer--Ein Erzschelm--Vater und Sohn
-
-
-Author: Knut Hamsun
-
-
-
-Release Date: January 27, 2013 [eBook #41931]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***
-
-
-E-text prepared by G. Decknatel, Norbert H. Langkau, Jana Srna, and the
-Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription:
-
- Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
- übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
- korrigiert. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet
- sich am Ende des Textes.
-
- Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
- Fett gedruckter Text wurde mit * markiert.
-
- Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang verschoben.
-
-
-
-
-
-Sklaven der Liebe
-
-Ein Verzeichnis
-der Werke Knut Hamsuns
-findet sich am Schluß
-dieses Buches
-
-KNUT HAMSUN
-
-SKLAVEN DER LIEBE
-
-und andere Novellen
-
-Einzig berechtigte Übersetzung von *Mathilde Mann*
-
-5. und 6. Tausend
-
-
-
-
-
-
-
-Albert Langen
-Verlag für Literatur und Kunst
-München 1922
-
-
-
-
-Inhalt
-
- Seite
-
- Sklaven der Liebe 1
-
- Der Sohn der Sonne 17
-
- Zachäus 31
-
- Über das Meer 61
-
- Ein Erzschelm 101
-
- Vater und Sohn 139
-
-
-
-
-Sklaven der Liebe
-
-
-Geschrieben von mir, geschrieben heute, um mein Herz zu
-erleichtern. Ich habe meine Stellung im Café verloren und meine
-frohen Tage.
-
-Ein junger Herr in grauem Anzug kam Abend für Abend mit zwei
-Freunden und setzte sich an einen meiner Tische. Es kamen so
-viele Herren und alle hatten ein freundliches Wort für mich, nur
-er nicht. Er war groß und schlank, hatte weiches, schwarzes Haar
-und blaue Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und einen
-Anflug von Bart auf der Oberlippe.
-
-Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen mich haben. Er kam eine
-ganze Woche hindurch ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn
-gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends ausblieb. Ich ging
-durch das ganze Café und sah mich nach ihm um; endlich fand ich
-ihn an einer der großen Säulen am anderen Ende; er saß mit einer
-Dame vom Cirkus zusammen. Sie trug ein gelbes Kleid und lange
-Handschuhe, die bis über die Ellenbogen reichten. Sie war jung
-und hatte schöne, dunkle Augen, -- und meine Augen waren blau.
-
-Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen und hörte zu, wovon
-sie sprachen: sie machte ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig
-und hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen: Heilige
-Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?
-
-Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden Freunden und nahm
-wieder an meinem Tisch Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst
-wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie nicht bemerkt.
-Als er mir winkte, trat ich an den Tisch und sagte: »Sie waren
-gestern nicht hier.«
-
-»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen ist,« sagte er zu
-seinen Kameraden.
-
-»Bier?« fragte ich.
-
-»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt holte ich drei
-Seidel.
-
-Ein paar Tage vergingen.
-
-Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen Sie die hinüber zu ...«
-
-Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen hatte und brachte sie
-der gelben Dame. Unterwegs las ich seinen Namen: Wladimierz F.
-
-Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.
-
-»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.
-
-»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«
-
-»Nein.«
-
-Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:
-
-»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«
-
-Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte zu der Dame und
-ihren Begleitern hinüber. Um elf Uhr stand er auf und ging an
-ihren Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren aber ließen
-sich näher mit ihm ein und schienen ihn zu foppen. Er blieb
-einige Minuten, und als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die
-eine Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen sei. Er zog
-ihn aus, wandte sich hastig um und sah einen Augenblick nach dem
-Tisch der Cirkusdame hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher ab
-und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«
-
-Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und strich ihm heimlich
-über den Rücken.
-
-Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde bestellte noch
-Bier, ich nahm das Seidel und wollte auch F.s Seidel nehmen. Er
-sagte aber: »Nein« und legte seine Hand auf die meinige. Bei
-dieser Berührung sank mein Arm plötzlich herab, er merkte es und
-zog seine Hand sofort zurück.
-
-Am Abend betete ich zweimal vor meinem Bett auf den Knieen für
-ihn. Und ich küßte ganz glücklich meine rechte Hand, die er
-berührt hatte.
-
- * * * * *
-
-Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge Blumen. Er kaufte sie
-bei dem Blumenmädchen, als er hereinkam; sie waren frisch und rot
-und fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich auf dem Tisch
-liegen. Keiner seiner Freunde war mit da. Ich stand, so oft ich
-Zeit hatte, hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich dachte
-bei mir: Wladimierz F. heißt er.
-
-Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein. Er sah
-fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:
-
-»Erwarten Sie jemand?«
-
-Er sah mich wie geistesabwesend an und sagte plötzlich:
-
-»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen Sie?«
-
-»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand erwarteten.«
-
-»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das ist für Sie.«
-
-Und er gab mir die Blumen.
-
-Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich ein Wort
-hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine blutrote Freude überkam
-mich; atemlos stand ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen
-sollte.
-
-»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.
-
-»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich wußte es selbst nicht.
-
-»Was ich glaube?« sagte die Mamsell. »Sind Sie verrückt?«
-
-»Raten Sie einmal, von wem ich diese Blumen bekommen habe.«
-
-Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen das Bier für den
-Herrn mit dem Stelzfuß,« hörte ich ihn sagen.
-
-»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,« sagte ich und eilte mit
-dem Bier davon.
-
-F. war noch nicht gegangen. Ich dankte ihm abermals, als er sich
-erhob, um zu gehen. Er stutzte und sagte:
-
-»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«
-
-Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine andere gekauft. Aber ich
-bekam sie. Ich bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft
-hatte. Und so durfte ich ihm auch dafür danken. Gute Nacht,
-Wladimierz.
-
-Am Morgen darauf regnete es.
-
-»Soll ich heute mein schwarzes oder mein grünes Kleid anziehen?«
-dachte ich. »Das grüne, denn das ist das neueste; das ziehe ich
-also an.« Ich war sehr heiter.
-
-Als ich an die Haltestelle kam, stand eine Dame im Regen und
-wartete auf die Pferdebahn. Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
-an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte es dankend ab. Da
-spannte ich meinen Regenschirm auch herunter, während ich
-wartete. Dann wird die Dame doch nicht allein naß, dachte ich bei
-mir.
-
-Am Abend kam Wladimierz ins Café.
-
-»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte ich stolz.
-
-»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so: schweigen Sie doch von den
-Blumen.«
-
-»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.
-
-Er zuckte die Achseln und entgegnete:
-
-»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«
-
-Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es auch nicht erwartet und
-war nicht enttäuscht. Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte
-sich an meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf Wiedersehen,
-Wladimierz!
-
-Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er fragte:
-
-»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«
-
-»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich bin ein armes
-Mädchen.«
-
-Da sah er mich an und sagte lächelnd:
-
-»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis morgen etwas Geld.«
-
-»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich habe viel Geld, ich
-habe hundertunddreißig Mark zu Hause.«
-
-»Zu Hause? Nicht hier?«
-
-Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde und kommen Sie mit
-mir, wenn wir schließen.«
-
-Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.
-
-»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt sich die ganze Zeit an
-meiner Seite und ließ mich weder voran noch hinterdrein gehen.
-
-»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte ich, als wir an meiner
-Hausthür stehen blieben.
-
-»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Ich warte hier.«
-
-Er wartete.
-
-Als ich wieder herunterkam, zählte er das Geld und sagte:
-
-»Das sind mehr als hundert Mark. Ich gebe Ihnen zehn Mark als
-Trinkgeld. -- Ja, ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
-Trinkgeld geben.«
-
-Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute Nacht und ging. An der
-Ecke sah ich ihn stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
-eine Mark geben.
-
-Er bedauerte am nächsten Abend, daß er mir das Geld nicht
-zurückzahlen könne. Ich dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte.
-Er gestand offen, daß er es durchgebracht habe.
-
-»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte er lächelnd. »Sie
-wissen: die gelbe Dame!«
-
-»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?« sagte einer seiner
-Freunde. »Du bist ja mehr Sklave als sie.«
-
-»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.
-
-Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F. erhob und verbeugte sich.
-Sie ging an ihm vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
-lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen. F. ging sofort zu ihr
-hin, nahm den einen Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten
-erhob er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich gehe. Und ich
-kehre nie wieder zurück.«
-
-»Danke,« entgegnete sie.
-
-Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine Füße, lief ans Büffett
-und sagte etwas. Ich erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr
-zurückkehren werde. Der Oberkellner ging vorüber; er erteilte mir
-einen scharfen Verweis, aber ich machte mir nichts daraus.
-
-Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde, begleitete mich F.
-bis an meine Hausthür.
-
-»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen gestern gab,« sagte er.
-
-Ich wollte ihm alle zehn geben und er nahm sie an, gab mir aber
-trotz meines Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.
-
-»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte ich. »Wenn ich Sie
-bitten dürfte, mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur eine
-kleine Kammer.«
-
-»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er. »Gute Nacht!«
-
-Er ging. Er kam wieder an der alten Bettlerin vorüber, vergaß
-aber, ihr etwas zu geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
-lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und sagte: »Das ist von
-dem Herrn, der eben vorüber ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«
-
-»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte die Frau.
-
-»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«
-
-»Sind Sie seine Frau?«
-
-Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«
-
-Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander, daß er mir
-mein Geld nicht zurückgeben könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
-zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören konnten, und
-mehrere lachten deshalb über ihn.
-
-»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,« sagte er. »Ich habe Geld
-von Ihnen geliehen und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
-mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein abhauen.«
-
-Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören, und ich dachte darüber
-nach, wie ich ihm wohl Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte
-es nicht.
-
-Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich übrigens fragen, wie es
-mir geht, so ... Die gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist.
-Ich habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«
-
-»Und doch hast Du ihr heute noch einen Brief geschrieben,« sagte
-einer seiner Freunde.
-
-»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.
-
-Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen und steckte sie ihm in
-das Knopfloch an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf
-meinen Händen, während ich es that, und es war mir fast
-unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.
-
-»Danke!« sagte er.
-
-Ich forderte mir drei Mark, die ich noch an der Kasse gut hatte,
-und gab sie ihm. Das war eine Kleinigkeit.
-
-»Danke!« sagte er abermals.
-
-Ich war den ganzen Abend glücklich, bis Wladimierz plötzlich
-sagte:
-
-»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort. Wenn ich
-zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder haben.« Als er meine
-Bewegung sah, fügte er hinzu: »Sie allein liebe ich!« Und er
-ergriff meine Hand.
-
-Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und nicht sagen wollte,
-wohin, obgleich ich ihn fragte. Alles, das ganze Café und die
-vielen Gäste, tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
-aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.
-
-»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,« sagte er und erhob
-sich.
-
-Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen: »Sie verlassen uns also
-in vierzehn Tagen!«
-
-Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht das? In einer Woche
-ist Wladimierz wieder bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken,
-ich wandte mich um, -- er war schon gegangen.
-
- * * * * *
-
-Eine Woche später fand ich, als ich nach Haus kam, einen Brief
-von ihm. Er schrieb so trostlos, er erzählte, er sei der gelben
-Dame nachgereist, er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
-niemals, er sei ganz gebrochen durch die Not. Dann schalt er sich
-wieder eine niederträchtige Seele und unter den Brief hatte er
-geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«
-
-Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts weiter thun. Eine
-Woche später verlor ich meine Stellung und mußte mich nach einer
-neuen umsehen. Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés und
-Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen und bot ihnen
-meine Dienste an. Es glückte mir aber nicht. Spät am Abend kaufte
-ich dann ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
-sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte: vielleicht kann
-ich Wladimierz und mich retten ...
-
-Gestern abend fand ich seinen Namen in einem Blatt und las von
-ihm. Ich ging gleich darauf aus, durch viele Straßen, und kam
-erst heute morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo
-geschlafen oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne weiter gehen
-zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.
-
-Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern abends, als ich
-nach Haus kam, habe ich es zuerst gelesen. Ich rang die Hände;
-dann setzte ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte ich
-mich auf die Erde und lehnte mich gegen den Stuhl. Ich schlug mit
-den flachen Händen auf den Fußboden, während ich nachdachte.
-Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste mir so im Kopf und
-ich wußte nichts von mir selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden
-und hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen entsinne ich
-mich, gab ich der alten Bettlerin einen Groschen und sagte: »Das
-ist von dem Herrn mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«
-
-»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.
-
-Ich antwortete: »Nein, -- ich bin seine Witwe.«
-
-Und ich trieb mich bis heute morgen auf der Straße herum. Und
-jetzt habe ich es nochmals gelesen. Wladimierz F. hieß er.
-
-
-
-
-Der Sohn der Sonne
-
-
-Über Nacht war der Schnee gekommen. Ein dichter, weißer Mantel
-lag über der Erde.
-
-Er war mit der frohen Erinnerung erwacht, daß er gestern einen
-Brief erhalten hatte, eine überraschende, erlösende Nachricht, er
-fühlte sich jung und glücklich, und er fing an, ein wenig zu
-singen. Da geschah es, daß er ans Fenster trat, den Vorhang
-zurückzog und den Schnee sah. Sein Gesang verstummte plötzlich,
-ein trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und seine armen,
-schräg abfallenden Schultern zuckten.
-
-Mit dem Winter kam eine böse Zeit für ihn, eine Qual wie keine
-andere, und die kein anderer verstand. Allein der Anblick des
-Schnees raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins Ohr. Die
-langen Abende kamen mit ihrer Finsternis und ihrem dummen,
-sinnlosen Schweigen, er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
-seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb stumm. Während eines
-Sommers hatte er in einem kleinen Städtchen ein helles und großes
-Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben geweißt
-waren. Dieser Anstrich von Kalk an den Fensterscheiben erinnerte
-ihn an Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht Herr seiner
-Qual werden. Er wollte sich zwingen, er hielt sich mehrere Monate
-lang in dem Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber, daß auch
-das Eis seine Schönheit für viele habe, daß Winter und Sommer
-beide Äußerungen derselben ewigen Idee seien und Gott angehörten,
--- aber es half alles nichts, seine Arbeit konnte er nicht
-anrühren, und die tägliche Qual zehrte an ihm. -- -- Späterhin im
-Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt ihre frohen Feste
-feierte, pflegte er auf die Boulevards hinauszugehen und das
-Spiel zu beobachten. Es konnte mitten im warmen Sommer sein, die
-Abende waren schwül, und über der Stadt schwebte der Blumenduft
-aus den großen Parks; die Straßen schimmerten im Schein des
-elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde Menschen wogten auf
-und nieder, riefen, sangen, warfen Confetti; alles war eitel
-Freude. Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen, sich unter
-die Menge zu mischen und mit zu jubeln; aber schon nach einer
-halben Stunde hatte er eine Droschke genommen und war wieder
-heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte aus der Ferne zu ihm
-geredet; in dem elektrischen Licht wirbelte die große Menge
-Confetti wie Schnee vor seinen Augen, und sein Vergnügen nahm ein
-jähes Ende.
-
-Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.
-
-Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht in einem Sonnenland,
-am Ufer des Ganges, wo die Lotosblume nimmer welkt! -- --
-
-Über Nacht war der Schnee gekommen. Er dachte daran, wie die
-Vögel im Walde frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
-Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben. Und wovon sollte
-der Hase heute leben!
-
-Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere Monate lang würde er jetzt
-das Zimmer kaum verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
-Wänden auf und nieder gehen und auf dem Stuhl sitzen und denken.
-Niemand verstand, wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
-jung genug, um am Leben teilzunehmen, es fehlte ihm auch nicht an
-Kräften dazu; aber durch eine Laune des Frostes, durch eine
-zufällige Witterungsveränderung sah er sich plötzlich darauf
-beschränkt, in seinem Zimmer zu sitzen und zu denken.
-
-Seine Vorstellungen wechselten in auffallend kurzer Zeit. Im
-allgemeinen war es ihm eine Qual, Briefe zu beantworten, jetzt
-eilte er an seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge Briefe an
-alle möglichen Menschen, ja, sogar an fremde, denen er keine
-Antwort schuldig war, und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß
-das Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären, und daß er durch
-diese vielen Briefe nach Süden und nach Norden eine Zeitlang noch
-die Verbindung mit dem Leben aufrecht erhalten könne. Auch in
-anderer Hinsicht gingen Veränderungen mit ihm vor; sein
-Gemütsleben war gestört, er weinte oft still für sich, und sein
-Schlaf in der Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame Träume
-beunruhigten.
-
-Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten Sinn hatte,
-konnte an kalten, dunklen Wintertagen von einer furchtbaren
-Niedergeschlagenheit überwältigt werden. Alle seine Übergänge
-waren jäh, heftig wie ein Unwetter, hin und wieder fiel er vor
-seinem jüngsten Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
-Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch war, daß der Knabe
-niemals eine öffentliche Persönlichkeit werden möge, wie er
-selber. Bei allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
-Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch verdorben, daß man
-sie öffentlich besprach, daß das Publikum sie auf der Straße
-beachtete, und daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
-über sie machten. Wie wurde nicht ihr Blick, ihr Gang, ihre
-Haltung durch diese ewige Ausstellung verfälscht! Der Knabe
-sollte die Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten. Es sollte
-ihm auch erspart bleiben, jemals fremde Erde zu betreten. Wie
-suchte man im fremden Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach
-einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man verstand nicht alle
-die Worte, die gesprochen wurden, nicht die Blicke, nicht das
-Lächeln. Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen in
-umgekehrter Richtung und waren nicht wieder zu erkennen.
-Betrachtete man die Blumen, so hatten diese oft eine fremde
-Nuance; oft waren es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
-Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.
-
-Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem Naturzusammenhang
-herausgerissen war, er hatte vielleicht einmal in einer fernen
-Vergangenheit einer fremden Welt in weiter Ferne angehört, -- so
-sollte denn der Sohn auf demselben Fleckchen Erde, das er während
-seines Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag er
-geerntet hatte, leben und sterben.
-
- -30° Celsius.
-
-Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt, und daß alles Leben
-auf dem Felde erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde hinaus,
-und nach dem breiten Wege, auf dem sich die Menschen von und zu
-der Stadt bewegen. Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind
-wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen. Eine arme,
-kleine Meise hat noch Kräfte genug, um die Flügel zu bewegen; da,
-wo sie geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
-Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug, sie ist ganz still und
-kalt, kein Wind bewegt die Luft, alles ist steif und weiß wie
-Talg.
-
-Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem Wege, ein Schlitten
-zieht vorüber, in dem Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame.
-Über dem Pferd und den beiden Menschen lagert während der ganzen
-Zeit eine weiße Wolke, die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr
-und diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben eine Weintraube
-wachsen sehen, vielleicht haben sie auch noch niemals eine
-gekostet. In ihren Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit mit
-dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines Anliegen in der Stadt
-zu erledigen, und sie rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
-sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen Talg zu langsam
-bewegt. Ein Mensch aus dem Sonnenlande würde sich über diesen
-Aufzug totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und ohne Verwunderung
-dies entsetzliche, kalte Rätsel an, das sie an allen Seiten
-umgiebt, und sie opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
-Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen sind.
-
-Er sieht seine kleine Tochter draußen auf dem Hof vor den
-Fenstern spielen. Sie ist von oben bis unten in dicke, wollene
-Kleider gehüllt, nur unter den langen Strümpfen aus Ziegenhaaren
-liegen lederne Sohlen. Ihre Schritte knirschen schmerzlich im
-Schnee, wenn sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick fangen
-seine Schultern an zu zucken, er schließt die Augen, als wäre er
-ermattet, seine wunderliche Qual treibt ihm den kalten Schweiß
-auf die Stirn.
-
-Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet sein rotwangiges Antlitz
-unbefangen nach oben und klagt, daß der Strick an seinem
-Schlitten zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und knüpft den
-Strick wieder zusammen, und er hat keinen Hut auf und keine
-dicken Kleider an. »Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn fror
-nicht, seine Hände waren warm, nur einen stechenden Schmerz
-verursachte die eisgesättigte Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror
-nie.
-
-Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor der Hausthür ihr
-Aussehen verändert hat, ihr Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte
-gethan! denkt er mit zitternder Seele.
-
-In der Nacht schlug die Witterung um. Er saß aufrecht im Bett und
-wartete auf das milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
-wieder von neuem anfangen und noch eine ganze Zeit währen würde.
-Es war, als wenn eine Hoffnung in ihm entzündet werde.
-
-Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich an, von den
-Dächern zu tropfen, und draußen im Weltenraum brauste es wie von
-gewaltigem Wellenschlag. Er ging mit größeren und größeren
-Hoffnungen im Herzen einher, dies Brausen in der Luft durchströmte
-ihn wie Musik, es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
-Trommeln rührte.
-
-Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch gegen sein
-Fenster, er richtete sich auf und lauschte, es war der Regen! Eine
-wunderliche Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider über,
-eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen an. Sein Heimweh
-nach dem Sommer schlug in hellen Flammen empor, alle seine
-gebundenen Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
-derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und Stimmen aus warmen
-Gegenden strömten aus weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten
-ihn; da war eine Landschaft, die in einer seltsamen und schönen
-Klarheit der Vision vor seinen Augen lag, ein Märchenthal, und
-mitten in dem Thal stand _Der Mensch_, die junge Herrlichkeit, die
-zum erstenmal den Blick über die Erde schweifen läßt.
-
-Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des Lebens erblüht ist und
-sich selber in einer verzauberten Gegend stehen findet. Die
-Vegetation ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
-Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten Blüten, die wie
-Fleisch aussehen und zu atmen scheinen, Indigobäume, Reis- und
-Weinfelder. Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat sie in
-seiner Nähe und hört, wie sie fressen; oben auf einem Felsen
-sitzt eine Schar zwitschernder Vögel, ihre Federn sind steif wie
-Schwerter, und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen. Ganz
-im Hintergrunde liegt wieder eine Palmenlandschaft, die sich in
-der Ferne verliert.
-
-Über dieser Landschaft taucht gerade der erste feine Rand der
-Morgensonne aus dem Weltall auf und beleuchtet den Menschen vom
-Scheitel bis zur Sohle. -- --
-
-Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann schläft er eine Stunde
-und beginnt von neuem. Nichts könnte ihn zurückhalten, eine
-ungewöhnliche Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort. Während
-fünf aufeinander folgender Regentage macht er den Entwurf zu dem
-Bilde: _Der Sohn der Sonne_. --
-
-Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher Mann, ohne Bart
-und mit kahler, kalter Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem
-Stuhl und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit zu Zeit und
-fährt verlegen mit der Hand nach dem Munde. Richtet man ein Wort
-an ihn, so zuckt er nervös zusammen und starrt den Sprecher eine
-Weile an, ehe er antwortet. Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er
-den ganzen Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen, und
-sein ganzes Wesen so wenig hervortretend, daß sich niemand etwas
-daraus macht, sich mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
-sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft bekannter
-Männer geraten.
-
-Einige Wochen später stellt derselbe Mann ein Bild aus. Und von
-demselben Tage an kennen ihn alle. -- --
-
-Ich habe diese Geschichte von einem Maler erfunden. Vielleicht
-mag er hier im Norden in den furchtbaren Wintern leben, und
-vielleicht mag er ein solches Bild gemalt haben, das _Der Sohn
-der Sonne_ heißt.
-
-
-
-
-Zachäus
-
-
-I
-
-Tiefster Friede ruht über der Prärie.
-
-In meilenweitem Umkreis sind keine Bäume und Häuser zu sehen, nur
-Weizen und grünes Gras, soweit das Auge reicht. In weiter, weiter
-Ferne, daß sie so klein erscheinen wie Fliegen, sieht man Pferde
-und Leute bei der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren
-Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise abmähen. Der einzige
-Laut, den man hört, ist das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der
-Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch wohl einmal ein
-anderer Laut ans Ohr -- das klappernde Geräusch der Mähmaschinen
-unten am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut ganz merkwürdig
-nahe.
-
-Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz allein im weiten
-Westen, ohne Nachbarn, ohne irgend eine Verbindung mit der Welt,
-und es sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten Präriestädtchen.
-Die Häuser der Farm sehen in der Entfernung aus wie winzig kleine
-Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer aufragen.
-
-Im Winter ist die Farm nicht bewohnt, aber vom Frühling bis zum
-späten Oktober sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen
-beschäftigt.
-
-Drei Männer arbeiten in der Küche, der Koch und seine beiden
-Gehilfen, und im Stall stehen zwanzig Esel außer den vielen
-Pferden; aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige
-Frau auf der Billybory-Farm.
-
-Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit. Himmel und Erde zittern
-in dieser großen Hitze, und nicht der geringste Windhauch kühlt
-die Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast aus Feuer.
-
-Auch bei den Häusern ist alles still, nur von dem großen,
-spangedeckten Schuppen her, der als Küche und Speisesaal benutzt
-wird, hört man die Stimmen und Schritte des Kochs und seiner
-beiden Gesellen, die sich in größter Geschäftigkeit regen. Sie
-feuern die großen Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem
-Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und Flammen vermischt. Als
-das Essen fertig ist, wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und
-auf Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt, und die drei
-Männer fahren mit dem Essen auf die Prärie hinaus.
-
-Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig Jahre alt, grauhaarig,
-von militärischem Aussehen. Er ist halbnackt, sein Hemd steht
-offen, und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein. Er wird von
-aller Welt Polly genannt, weil er im Gesicht Ähnlichkeit mit
-einem Papagei hat.
-
-Der Koch ist unten in einem der Forts im Süden Soldat gewesen, er
-ist litterarisch veranlagt und kann lesen. Deswegen hat er auch
-ein Liederbuch mit auf die Farm genommen und außerdem eine alte
-Nummer von einer Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt
-er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord in der Küche
-liegen, um sie in seinen freien Augenblicken zur Hand zu haben.
-Und er benutzt sie mit großem Fleiß.
-
-Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der beinahe blind ist und
-eine Brille trägt, hatte sich einmal der Zeitung bemächtigt, um
-darin zu lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches Buch
-anzubieten, die kleinen Buchstaben verschwammen wie im Nebel vor
-seinen Augen; dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die Zeitung
-des Kochs in der Hand zu halten und bei der großen Schrift der
-Anzeigen zu verweilen. Aber der Koch vermißte augenblicklich
-seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett auf und riß die
-Zeitung an sich. Und nun entspann sich ein heftiger und
-lächerlicher Wortstreit zwischen diesen beiden Männern.
-
-Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen Räuber und Hund. Er
-schnalzte dicht vor seiner Nase mit den Fingern und fragte, ob er
-jemals einen Soldaten gesehen habe, und ob er die Einrichtung
-eines Forts kenne. Nein, die kenne er nicht! Aber dann solle er
-sich nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle sich in acht
-nehmen! Und das Maul solle er halten! Was verdiene er im Monat?
-Habe er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh gestern
-gekalbt?
-
-Zachäus antwortete nichts auf das alles; aber er beschuldigte den
-Koch, daß er rohes Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin
-anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm deine Zeitung mit!« Er,
-Zachäus, sei ein rechtschaffener Mann, er würde die Zeitung
-wieder hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte. »Steh'
-nicht da und spuck' auf den Fußboden, du schmieriger Hund!«
-
-Und Zachäus' blinde Augen standen wie zwei harte Stahlkugeln in
-dem wütenden Gesicht.
-
-Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige Feindschaft zwischen den
-beiden Landsleuten. -- --
-
-Die Wagen mit dem Essen verteilen sich über die Prärie und
-speisen jeder seine fünfundzwanzig Mann. Die Leute kommen von
-allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen an sich und werfen
-sich unter die Wagen und unter die Esel, um etwas Schatten
-während der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten ist das
-Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder im Sattel und
-kommandiert die Leute wieder an die Arbeit, und die Proviantwagen
-fahren wieder nach der Farm zurück.
-
-Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt die Schüsseln und
-Kummen nach der Mahlzeit abwaschen und reinigen, sitzt Polly
-selber draußen im Schatten hinter dem Hause und liest zum
-tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder aus dem teuren
-Buch, das er aus dem Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist
-Polly wieder Soldat.
-
-
-II
-
-Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt, rollen sieben Heuwagen
-mit der Arbeiterschaar langsam aus der Prärie heim. Die meisten
-waschen ihre Hände draußen auf dem Hofe, ehe sie zum Abendbrot
-gehen, einige kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen und
-mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere und ältere Personen,
-Einwanderer aus Europa und eingeborene amerikanische Landstreicher,
-alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte Existenzen.
-Die wohlhabenderen der Bande tragen einen Revolver in der hinteren
-Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in großer Hast eingenommen,
-ohne daß irgend jemand was sagt. Die vielen Menschen haben Respekt
-vor dem Aufseher, der selber an der Mahlzeit teilnimmt und über
-die Ordnung wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben sich
-die Leute sofort zur Ruhe. -- -- --
-
-Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen. Es war so hart von
-Schweiß geworden, es schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf
-seinen Rücken brannte.
-
-Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe gegangen, von dem
-großen Schlafschuppen her ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln
-in die Nacht hinaus.
-
-Zachäus ging nach der Küchenwand hin, wo mehrere Behälter mit
-Wasser standen. Es war das Wasser des Kochs, das dieser
-sorgfältig während der Regentage sammelte, denn das Wasser zu
-Billybory war zu hart und zu kalkhaltig, um darin zu waschen.
-
-Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter, zog sein Hemd
-ab und fing an, es darin zu reiben. Der Abend war still und kalt,
-es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt werden, und er
-pfiff sogar leise vor sich hin, um sich ein wenig zu ermuntern.
-
-Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür. Er hielt eine Lampe
-in der Hand, und ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.
-
-»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.
-
-Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging geradeswegs auf Zachäus
-zu und fragte: »Wer hat dir das Wasser gegeben?«
-
-»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.
-
-»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du, schmutziger Sklave, hast
-es genommen, du Lügner, du Dieb, du Hund!«
-
-Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles, er fing nur von neuem
-an, seine Beschuldigung mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.
-
-Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte die Leute aus dem
-Schlafschuppen herbei, sie standen gruppenweise da und froren und
-lauschten mit größtem Interesse dem Wortwechsel.
-
-Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht großartig von dem
-kleinen Ferkel? Mein eigenes Wasser!«
-
-»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und stürzte den Behälter um.
-»Ich habe es benutzt!«
-
-Der Koch hielt ihm die Faust unter das Auge und fragte: »Siehst
-du die?«
-
-»Ja,« antwortete Zachäus.
-
-»Ich will sie dich kosten lassen!«
-
-»Wenn du es wagst!«
-
-Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge, die erteilt und
-im selben Augenblick zurückbezahlt wurden. Die Zuschauer stießen
-ein Geheul über das andere aus, das war der Ausdruck ihres
-Beifalls und Wohlbehagens.
-
-Zachäus aber hielt nicht lange stand.
-
-Der blinde, untersetzte Irländer war wütend wie eine Tigerkatze,
-seine Arme waren aber zu kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten
-zu können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei, vier Schritt
-über den Platz und fiel dann um.
-
-Der Koch wandte sich an die Menge:
-
-»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein Soldat hat ihn
-gefällt!«
-
-»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.
-
-Der Koch zuckte die Achseln.
-
-»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig. Und er fühlt sich wie ein
-großer, unüberwindlicher Sieger vor seinem Auditorium, er wirft
-den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen noch Nachdruck
-verleihen, er wird litterarisch: »Ich überlasse ihn dem Teufel,«
-sagt er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner Daniel
-Webster? Kommt her und will mich lehren, Pudding zu kochen, mich,
-der ich für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der Prärie,
-frage ich?«
-
-Und alle bewunderten Pollys Rede.
-
-Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden und sagte genau so
-verbissen, genau so trotzig wie vorhin: »Komm heran, du
-Hasenfuß!«
-
-Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch aber lächelte nur
-mitleidsvoll und sagte: »Unsinn! Ich kann mich ja ebensogut mit
-dieser Lampe prügeln!«
-
-Damit nahm er die Lampe und ging langsam und würdevoll hinein.
-
-Es ward dunkel auf dem Platz, und die Leute begaben sich wieder
-in ihren Schlafschuppen zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang
-es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte auch er hinter
-den andern drein, um seine Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu
-kommen.
-
-
-III
-
-Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen auf der Prärie im Gras
-auf den Knieen und schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne ist
-heute ebenso scharf und seine Augen laufen ihm hinter den
-Brillengläsern voll Schweiß. Plötzlich rückt das Pferd ein paar
-Schritte vor, mag es vor irgend etwas gescheut haben oder ist es
-von einem Insekt gestochen. Zachäus stößt einen Schrei aus und
-springt vom Boden auf. Eine Minute später fängt er an, die linke
-Hand in der Luft hin und her zu schwingen und mit hastigen
-Schritten auf und nieder zu gehen.
-
-Ein Mann, der in einiger Entfernung die Heuharke fährt, hält sein
-Pferd an und fragt: »Was giebt's denn?«
-
-Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick hierher und hilf mir.«
-
-Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus eine blutige Hand und sagt:
-»Mir ist ein Finger abgeschnitten, es geschah in diesem
-Augenblick. Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«
-
-Der Mann sucht nach dem Finger und findet ihn im Grase. Es waren
-zwei Glieder desselben. Er fing schon an abzusterben und sah aus
-wie eine kleine Leiche.
-
-Zachäus nimmt den Finger in die Hand, sieht ihn wiedererkennend
-an und bemerkt: »Ja, das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn
-einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und reißt zwei Streifen
-davon ab; mit dem einen verbindet er seine Hand, in den andern
-wickelt er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die
-Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die Hilfe und setzt sich
-wieder auf die Maschine. -- Er hielt fast bis zum Abend stand.
-Als der Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn aus und
-sandte ihn nach der Farm zurück.
-
-Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen Finger
-aufzubewahren. Spiritus hatte er nicht, deswegen goß er
-Maschinenöl in eine Flasche, steckte den Finger hinein und
-verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er unter den Strohsack
-in seiner Pritsche.
-
-Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er bekam heftige Schmerzen in
-der Hand und mußte sie Tag und Nacht ganz still halten; er schlug
-sich auf den Kopf, er bekam auch Fieber im ganzen Körper und lag
-da und litt und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit
-wie diese hatte er noch nie durchzumachen gehabt, nicht einmal
-vor einigen Jahren, als die Mine explodierte und seine Augen
-beschädigte.
-
-Um seine elende Lage noch unerträglicher zu machen, kam der Koch
-Polly selber mit dem Essen vor sein Bett und benutzte die
-Gelegenheit, um den Verwundeten zu necken. Die beiden Feinde
-lieferten manches Wortgefecht in dieser Zeit, und es geschah mehr
-als einmal, daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen und die Zähne
-schweigend zusammenbeißen mußte, weil er dem Riesen gegenüber so
-ohnmächtig war.
-
-Endlich kamen und gingen die schmerzvollen Tage und Nächte, kamen
-und gingen mit unerträglicher Langsamkeit. Sobald es ihm möglich
-war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht auf seiner Pritsche zu
-sitzen, und des Tags, während der Hitze hielt er die Thür nach
-der Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß er mit offenem
-Munde da und lauschte dem Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter
-Ferne, und dann sprach er laut mit seinen Pferden, als wenn er
-sie vor sich habe.
-
-Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly konnte ihn auch jetzt
-nicht in Ruhe lassen. Er kam und warf ihm die Thür vor der Nase
-zu unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe ganz entsetzlich,
-und dem Zug dürfe er sich nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus
-außer sich vor Wut aus der Pritsche heraus und sandte ihm einen
-Stiefel oder einen Holzschemel nach, und es war allemal sein
-brennender Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu machen. Aber
-Zachäus hatte kein Glück, er sah zu schlecht um zu zielen, und er
-traf niemals.
-
-Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er in der Küche zu
-Mittag essen wolle. Der Koch antwortete, er verbiete sich seinen
-Besuch ganz und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch heute
-sein Essen auf der Pritsche in Empfang nehmen. Er saß ganz
-verlassen da und krümmte sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß
-die Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen waren mit dem
-Mittagessen draußen in der Prärie, er hörte sie mit Gesang und
-Lärmen ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig zu
-machen.
-
-Zachäus steigt von seiner Pritsche herab und schwankt hinüber
-nach der Küche. Er sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen
-an ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt wieder
-zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt er die Brille ab und
-fängt an, die amüsanten, großen Buchstaben in den Anzeigen zu
-lesen.
-
-Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie, -- die Stunden
-vergingen jetzt so schnell! Endlich hörte Zachäus, daß der
-Proviantwagen zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des Kochs,
-der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl, die Schüsseln und Kummen
-zu waschen.
-
-Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt werden würde, dies
-war gerade der Augenblick, wo sich der Koch nach seiner
-Bibliothek begab. Er besann sich eine Sekunde und steckte dann
-die Zeitung unter den Strohsack seiner Pritsche. Nach einer Weile
-holt er schnell die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf
-seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben wollte er die Zeitung
-wieder ausliefern!
-
-Es vergeht eine Minute.
-
-Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen, und Zachäus
-liegt da und starrt zum Dach empor.
-
-Polly tritt ein.
-
-»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?« fragt er und bleibt
-mitten in dem Raum stehen.
-
-»Nein!« antwortet Zachäus.
-
-»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt näher an ihn heran.
-
-Zachäus richtet sich auf.
-
-»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich zum Teufel!« sagt er
-und wird ganz wütend.
-
-Da aber wirft der Koch den kranken Mann an die Erde und fängt an,
-die Pritsche zu durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso
-die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.
-
-»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und noch, als er gehen mußte
-und schon ganz auf den Hof hinausgekommen war, wandte er sich von
-neuem um und wiederholte: »Du hast sie genommen! Aber warte nur,
-mein Freund!«
-
-Da lachte Zachäus herzlich und boshaft über den andern und sagte:
-»Freilich habe ich sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür, du
-schmutziges Ferkel!«
-
-Da aber wurde das Papageiengesicht des Kochs ganz dunkelrot und
-ein unheilverkündender Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er
-sah sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja, warte du nur!«
-
-
-IV
-
-Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen Strömen floß der
-Regen vom Himmel hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
-Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs schon zu früher
-Morgenstunde. Die ganze Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige
-flickten Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
-Werkzeug oder Arbeitergerätschaften aus und schliffen Messer und
-Mähmaschinen.
-
-Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus von der Pritsche,
-wo er saß und wollte den anderen in den Speiseraum folgen. Er
-ward indes draußen von Polly in Empfang genommen, der ihm sein
-Essen brachte. Zachäus wandte ein, er habe beschlossen, von nun
-an mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser, er habe kein
-Fieber mehr. Der Koch antwortete, wenn er das Essen nicht haben
-wolle, das er ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf die
-blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und fragte: »Ist dir das
-vielleicht nicht gut genug?«
-
-Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und ergab sich in sein
-Schicksal. Es war das richtigste, daß er das Essen nahm, das man
-ihm gab.
-
-»Was für einen Schweinkram hast du denn heute wieder gekocht?«
-knurrte er nur und machte sich über die Schüssel her.
-
-»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein eigentümlicher Blitz schoß
-aus seinen Augen, als er sich umwandte und ging.
-
-»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin und durchsuchte das Essen
-mit seinen blinden Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
-Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.
-
-Und er aß von dem Fleisch.
-
-Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund, woraus er nicht klug
-werden konnte. Es läßt sich nicht schneiden, es ist ein Knochen
-mit zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite abgenagt hat,
-nimmt er das Stück aus dem Munde und betrachtet es. »Der Hund
-kann seinen Knochen selber behalten!« murmelte er und geht an die
-Thüröffnung, um es genauer zu untersuchen. Er wendet und dreht es
-mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche zurück und
-sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen Finger, -- die
-Flasche war verschwunden.
-
-Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum. Leichenblaß mit
-verzerrtem Gesicht bleibt er in der Thür stehen und sagt, so daß
-alle es hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies nicht mein
-Finger?«
-
-Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.
-
-Der Koch antwortet nicht, fängt aber an seinem Tische an zu
-kichern.
-
-Zachäus hält einen anderen Gegenstand in die Höhe und sagt: »Und,
-Polly, ist dies nicht mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
-ich den nicht wiedererkennen?«
-
-Jetzt wurden alle Männer an den Tischen aufmerksam auf die
-wunderlichen Fragen des Zachäus und sahen ihn staunend an.
-
-»Was hast du eigentlich?« fragt einer.
-
-»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen Finger im Essen,«
-erklärt Zachäus. »Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir mit meinem
-Essen gebracht. Hier ist auch der Nagel.«
-
-Da brach plötzlich an allen Tischen ein brüllendes Gelächter los,
-und die Leute schrieen durcheinander.
-
-»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und ihn dir zu essen
-gegeben? Du hast ein wenig davon abgebissen, wie ich sehe, du
-hast die eine Seite abgenagt!«
-
-»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus, »ich wußte nicht, -- --
-ich dachte nicht -- --«
-
-Dann aber plötzlich wendet er sich um und geht zur Thür hinaus.
-
-Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum schaffen. Er erhob sich,
-wandte sich an den Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
-anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«
-
-»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie könnte ich wohl! Wofür
-haltet ihr mich denn? Ich kochte ihn für sich, in einem ganz
-anderen Kessel.«
-
-Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger lieferte den ganzen
-Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher Heiterkeit für die Bande,
-man stritt und lachte darüber wie die Verrückten, und der Koch
-feierte einen Triumph, wie nie zuvor im Leben.
-
-Zachäus aber war verschwunden.
-
-Zachäus war in die Prärie hinausgegangen. Das Unwetter hatte noch
-immer nicht nachgelassen, und es gab nirgends Schutz. Zachäus
-aber wanderte weiter und weiter über die Prärie hinaus. Er trug
-seine kranke Hand in der Binde und schützte sie, so gut er
-konnte, gegen den Regen; im übrigen war er von oben bis unten
-durchnäßt.
-
-Er setzt seine Wanderung fort.
-
-Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er stehen, sieht beim
-Schein eines Blitzes nach der Uhr und kehrt dann denselben Weg
-wieder zurück, den er gekommen ist. Mit schwerfälligen,
-bedächtigen Schritten geht er durch den Weizen, als habe er die
-Zeit und den Weg genau berechnet. Gegen acht Uhr langt er wieder
-bei der Farm an.
-
-Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die Leute im Speiseraum
-beim Abendbrot versammelt sind, und als er durch das Fenster
-guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und glaubt zu erkennen,
-daß er sehr guter Laune ist.
-
-Er geht von dem Hause weg nach den Stallungen, wo er sich in den
-Schutz stellt und in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
-schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt noch immer und von
-Zeit zu Zeit schneidet ein schwefelfarbener Blitz den Himmel
-mitten durch und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.
-
-Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen kommen und in den
-Schlafschuppen hinübereilen, fluchend und im Sturmeslauf, um
-nicht naß zu werden. Zachäus wartet noch eine Stunde, geduldig
-und eigensinnig, dann begiebt er sich nach der Küche.
-
-Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen Mann am Herd, und er
-tritt ruhig ein.
-
-»Guten Abend!« sagt er.
-
-Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt schließlich:
-
-»Heute abend kannst du kein Essen mehr bekommen.«
-
-Zachäus entgegnet:
-
-»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife, Polly. Mein Hemd ist
-gestern abend nicht rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
-waschen.«
-
-»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.
-
-»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«
-
-»Ich rate dir davon ab.«
-
-»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.
-
-»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch. »Hinaus mit dir!«
-
-Und Zachäus geht hinaus.
-
-Er nimmt den einen der Wasserbehälter, trägt ihn an die Ecke, so
-recht mitten unter das Küchenfenster, und fängt an, laut in dem
-Wasser herumzuplätschern. Der Koch hört es und kommt heraus.
-
-Er ist heute groß und überlegen wie nie zuvor, und er geht
-geradeswegs mit ausgespreizten Armen entschlossen und zornig auf
-Zachäus zu.
-
-»Was machst du hier?« fragt er.
-
-Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche mein Hemd.«
-
-»In meinem Wasser?«
-
-»Natürlich!«
-
-Der Koch kommt näher, beugt sich über den Wasserbehälter, um sich
-davon zu überzeugen, ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser
-nach dem Hemd.
-
-Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der Binde der verwundeten
-Hand heraus, hält ihn dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.
-
-Ein schwacher Knall hallte in die nasse Nacht hinaus.
-
-
-V
-
-Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde in den Schlafschuppen
-kam, um zur Ruhe zu gehen, erwachten ein paar von seinen
-Kameraden und fragten, was er so lange draußen gemacht habe.
-
-Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe Polly erschossen.«
-
-Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen auf, um besser zu
-hören.
-
-»Du hast ihn erschossen?«
-
-»Ja!«
-
-»Das wäre doch des Satans! Wo trafst du ihn?«
-
-»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr, die Kugel ging nach
-oben.«
-
-»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«
-
-»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die Zeitung in die Hände.«
-
-»Hast du das gethan?«
-
-Damit legten sich die Kameraden wieder hin, um weiter zu
-schlafen.
-
-Nach einer Weile fragt noch einer von ihnen: »Starb er gleich?«
-
-»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort. Die Kugel ging durch
-das Gehirn.«
-
-»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der Kamerad. »Geht sie durch
-das Gehirn, so ist das der Tod.«
-
-Und dann wird es ruhig in dem Schuppen, und alle schliefen -- --
---.
-
-Der Aufseher ernannte einen neuen Koch, einen der Gehilfen, die
-seit dem Frühling in Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef
-erhöht und war herzlich glücklich über den Mord.
-
-Und alles ging seinen rührigen Gang bis zur Ernte. Es wurde nicht
-weiter über Pollys Heimgang geredet, der arme Teufel war tot, er
-lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo die Ähren ausgerissen
-waren; dabei war nichts mehr zu machen.
-
-Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter aus Billybory nach der
-nächsten Stadt, um einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken
-und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem Augenblick bessere
-Freunde denn je zuvor, und sie umarmten und dankten einander und
-meinten es ehrlich damit.
-
-»Wohin gehst du, Zachäus?«
-
-»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet Zachäus. »Vielleicht
-nach Wyoming. Aber zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum
-Holzschlagen.«
-
-»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen, Zachäus! Glückliche
-Reise!«
-
-Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen hinaus in das
-große Yankeeland. Zachäus reist nach Wyoming.
-
-Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen Meer, über das die
-Oktobersonne ihre langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
-gleichen.
-
-
-
-
-Über das Meer
-
-Ein Reisebrief
-
-
-Jetzt, drei Wochen nachdem ich in Amerika gelandet bin, komme ich
-endlich dazu, Ihnen diesen Bericht über die Reise dahin zu
-senden. Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun können, --
-der Geist ist willig gewesen, aber das Fleisch war schwach. Mitte
-August verließ ich Norwegen, wo wir schon seit längerer Zeit
-einen Überzieher getragen hatten, und kam drei Wochen später in
-eine Hitze von über 90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies
-griff mich nicht wenig an und störte meine sonst so gute
-Septembergesundheit.
-
-Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz nach dem Gedächtnis
-zu schreiben. Ich habe auch nicht einen Buchstaben mehr von
-allen meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles ist weg.
-Meine sämtlichen Notizen sind eines Nachts am Rande der
-Newfoundlandsbanks verschwunden. Jeder andere würde wohl den
-Verstand verloren haben, -- mir entfuhr nicht einmal ein Schrei.
-Ich setzte mich nur auf meinen gelben Handkoffer und fand mich wie
-ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag ermannte ich
-mich so weit, daß ich sogar eine Tasse Thee herunterzuschlucken
-vermochte.
-
- * * * * *
-
-So ließen wir denn die Brücke von Kristiania hinter uns, nachdem
-wir unsere Abschiedsgrüße geweht, und der Schiffer die Quittung
-für die Emigrantenladung abgelegt hatte.
-
-»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,« fragte mein junger
-Reisegefährte mit weinerlicher Stimme.
-
-»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du nicht thun.«
-
-»Dann betrinke ich mich und segele viele viele Meilen von der
-Heimat fort,« schluchzte er.
-
-Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn Jahre alt und war
-noch nie von Hause fort gewesen.
-
-Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch. Sechshundert Menschen
-wimmelten auf Deck durcheinander, schleppten ganze Fuder von
-Gepäck in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten
-Gebirgsbewohner aus unseren Thälern, Bauern von den dänischen
-Inseln, grobknochige Schweden, -- Bettler und arme Leute,
-bankerotte Kaufleute aus den Städten, Handwerker, -- Frauen,
-junge Mädchen und Kinder. Es war das auswandernde Skandinavien.
-
-»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann neben mir. »Sie waren
-schon früher drüben?«
-
-»Ja!«
-
-Er war ein Mann von dreißig Jahren, fett, sommersprossig und ohne
-Bart. Eine blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing ihm von der
-Brust herab, um den Hals trug er einen weißen, fettigen Schlips.
-Er hatte Ohrlöcher in den Ohren.
-
-»Ein schönes Land, das wir verlassen!« sagte er. »Das schönste
-auf der Erde!« -- Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.
-
-»Weshalb verlassen Sie es denn?«
-
-Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er war Seminarist, war
-Lehrer gewesen, hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke. Dann war er in
-eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer C. F. Magnus
-geraten, und diese Streitigkeit endete damit, daß er seine
-Lehrerstellung verlor. Er erzählte von seinem Appell an
-die Öffentlichkeit, von seinen vier langen Artikeln in der
-Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt auf dessen Brief
-geantwortet hatte: »Herr Bischof, Ew. Hochwürden können das
-Unmögliche von mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«
-
-»Und um was hat sich denn der Streit gedreht?«
-
-Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine unglaubliche
-Begeisterung:
-
-»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich lese viele Bücher, ich
-durchforsche Zeitungen und Schriften und werde für meine
-Verhältnisse ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder nach
-den Forderungen der Zeit und nach meinen eigenen natürlichen
-Vernunftschlüssen. Da steht von Noah, daß er ein Paar von allen
-den Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht im Wasser leben
-konnten. Das soll mir jemand einreden! Hatte er etwa ein Paar
-Mastodonten, ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten bei sich,
-von denen ein einziges Paar genügt hätte, um sein kleines
-Fahrzeug zu füllen? Auf der anderen Seite: Besaß Noah ein
-Vergrößerungsglas und ein Mikroskop? Ich frage so einfältig, weil
-ich es nicht besser weiß. Konnte Noah alle die Millionen von
-Millionen unsichtbarer Tiere und Gewürm mitnehmen, die dem
-menschlichen Auge verborgen sind? Und konnte er sie ohne
-Vergrößerungsglas untersuchen und ein männliches und ein
-weibliches Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«
-
-Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns gesellt, die dem
-eifrigen Redner lauschten. Hier fingen einige an zu kichern,
-andere standen in tiefem Sinnen da und hielten an ihrer
-Kinderlehre fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er fuhr fort,
-über die Unwahrscheinlichkeiten der Bibel zu räsonnieren:
-
-»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,« sagte er. »Vor
-der Kirchenversammlung zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu
-glauben, was man wollte; da aber wurde es festgestellt. Dies
-geschah im 4. Jahrhundert nach Christo. Und seither ist es so
-gewesen. Forscht man aber in Büchern und Schriften, findet man
-keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz. Ich habe in
-einem schwedischen Buch gelesen, das Ganze beruhe auf der
-fälschlichen Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich will
-euch das alles zeigen, wenn ich nur erst zu meinem Koffer
-gelangen kann; da habe ich eine Menge Bücher.«
-
-Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen ruhig geworden, so daß
-Herr Nyke ganz ungestört reden konnte; durch die Luken des
-Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen von allen den
-geschäftigen Menschen da unten auf, die ihre Kojen mit geballten
-Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite stauten.
-
-Vier junge Damen in flottgeschürzten Karl-Johann-Toiletten und
-blauen Ringen unter den Augen gingen plaudernd je zu zweien
-vorüber. Sie orientierten sich für die kommenden Tage an Bord,
-starrten mit großen, blauen Augen um sich, redeten jeden
-sündhaften Matrosen an und stiegen unerschrocken über all das
-Gepäck, das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die fetten, kleinen
-Hände aus den Manteltaschen zu ziehen. Strauchelte eine von
-ihnen, so lachten sie alle vier und meinten, es sei ein recht
-vergnügliches Leben an Bord.
-
-Ich ging hinunter, um mir eine Koje in einer einigermaßen
-reinlichen Nachbarschaft auszusuchen. Das hatte indessen mein
-junger Reisegefährte schon besorgt; er saß wie ein Kaiser oben
-auf seiner Strohmatratze und warf allen, die ihm seine Koje
-nehmen wollten, wütende Worte an den Kopf.
-
- * * * * *
-
-In der Nähe unserer Koje hatten auch Kristen Nyke und seine
-Kameraden Unterkommen gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche
-Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie hatten einen gemeinsamen
-Geldbeutel und einen gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;
-der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges, verschmitztes
-Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie. Dieser Mann sollte uns
-während der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen. Nie
-seekrank, immer lustig, hilfsbereit und immer parat, fuhr er
-zwischen den Passagieren umher und streute seine Scherze willig
-über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits schien dieses kleine
-drollige Männchen nur _ein_ Vergnügen hier im Leben zu kennen:
-nämlich seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei seinem
-Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu necken, und es kam nur selten
-vor, daß diese beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den
-Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach seinem Befinden zu
-erkundigen, oder er erzählte ihm, wieviel die Uhr war, während
-Nyke wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für diesen
-»Schurkenstreich« schwur. Und dann schliefen sie beide wieder ein.
-
-Jetzt standen sie da und warteten auf das Mittagessen.
-
-»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte der Kaufmann.
-
-Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er ein viel zu aufgeklärter
-Mensch! Und er wandte sich nach mir um und fragte, was ein Mann
-mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte. Er gehöre nicht
-zu denen, die körperliche Arbeit verachteten, aber man müsse ihm
-wohl recht geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem in sich
-trüge. Er habe an die Stellung eines Professors an einem College
-gedacht.
-
-Als die Essensglocke ertönte und die großen Eimer mit
-Emigrantenspeise auf das Zwischendeck herabgelassen wurden, wurde
-das Gedränge so groß und der Lärm so stark, daß ich es für das
-Geratenste hielt, eine Weile auf Deck hinaufzufliehen. Es ging
-über die Glieder der Mitmenschen her. Der Matrose, der als
-Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den Zustand derartig,
-daß auch er es vor seinem Gewissen verantworten zu können
-glaubte, jetzt seiner Wege zu gehen, -- jetzt, so lange er noch
-ohne andere Hilfe gehen _konnte_.
-
-Freie und ledige Leute konnten die Schlacht ja wagen, er aber
-hatte Frau und Kinder in Kopenhagen.
-
-Nachdem ich mich auf dem obersten Deck eine halbe Stunde
-herumgetrieben und das Getöse unten sich ein wenig gelegt hatte,
-ging ich wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie mein junger
-Reisegenosse von daheim saßen alle um eine Kiste herum und
-schnitten ein Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
-angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen, in Stücke und
-verzehrten es. Und überall in jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel
-war man mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der Mensch lebt
-_für_ das, _wovon_ er lebt! Auch nicht _ein_ Gesicht verriet
-Spuren von den Thränen, die für das Vaterland gefallen waren, das
-man verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb sich am
-Fußboden und auf den Matratzen herum, Kinder spielten damit,
-Jünglinge bombardierten einander damit, man saß da, Speck in den
-Zähnen, zwischen den Fingern, auf den Knieen, -- überall glänzte
-dieser fette, gelbe Stoff, der überall Flecke hinterließ.
-
-Viele aber langten mit herzerfreuendem Appetit zu. Die
-Gebirgsbewohner aus den engen Thälern hatten wohl jetzt zum
-ersten Mal in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust in Zukost
-zu ihrem Brot zu schwelgen.
-
-Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens von ebenso armer
-Herkunft war wie ich selber, sollte sein erstes Mittagessen an
-Bord eines Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den ganzen
-Nachmittag in seiner Koje und befand sich schlecht, und ich
-konnte nicht an ihm vorübergehen, ohne daß er nicht eine
-Unterhaltung über trockne Schiffszwieback anfing, so recht
-trockne, gute Zwieback, auf denen man kauen konnte, oder daß er
-mich um ein Mittel gegen Übelkeit um Rat fragte.
-
-Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen Gärung im
-Magen an einer gewissen Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache
-mit Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas vorzunehmen.
-Späterhin am Abend sollte er indessen genug zu thun bekommen. Wir
-hörten ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen, dessen er
-denn schließlich auch habhaft wurde, den er dann aber gar nicht
-wieder abgeben wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen
-Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt haben sollten.
-
- * * * * *
-
-Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern ganz vorzüglich.
-Sie hatten vor Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere
-Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch einen Schluck in
-der Reiseflasche. Nach Tische kamen dann die Handharmonikas auf
-Deck und es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz, daß
-schwache Leute unter die Starken gerieten; einige von den Frauen
-flehten sicher aufrichtig um Geduld im Leiden.
-
-Eine kleinere Gruppe von Menschen hatte sich am Vordersteven
-gesammelt, dort sang ein schwedischer Methodistenprediger aus
-Amerika geistliche Lieder von Sankey und betete um gutes Wetter
-für die Überfahrt. Man ist so gottlos als junger Auswanderer --
-bis zu dem Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier waren
-es nur ein paar ältere Sünder, die in sich gingen, während da
-unten auf dem Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka
-tanzten und sich nicht um den lieben Gott kümmerten.
-
-Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber. Herr Nyke schimpfte. Er
-trug seinen Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes
-Blechgefäß mit einem eisernen Henkel. Es war sehr mitgenommen.
-
-»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke. »Er hat es absichtlich
-gethan, sich daraufgesetzt, es zerbrochen. Sehen Sie nur!«
-
-Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft zu bleiben. Es sei
-versehentlich geschehen, sagte er. Es sei da unten so dunkel
-gewesen, da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.
-
-Und beide gingen weiter und redeten mit lauter Stimme über die
-Sache.
-
-Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend fortgesetzt, wo das Deck
-geräumt werden sollte. Das Reglement schrieb vor, daß wir
-Passagiere vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag
-in unserer Koje sein sollten, und sobald der Zeitpunkt gekommen
-war, sah man den Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder
-mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock, in allen Winkeln
-und Ecken herumstöbern, um plötzlich einen Lichtstrahl auf ein
-verspätetes Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß und
-sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen hatte. Ein kleiner
-erschreckter Schrei, zwei Paar entsetzte Augen starrten die
-Laterne an, dann eine hastige Flucht über das Deck -- in ein
-besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen forderten sogar,
-das Reglement zu sehen, das ihnen verbieten konnte, auf Deck zu
-sitzen, bis der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich denn doch
-ausbitten!
-
-Und dann bekamen sie das Reglement zu sehen.
-
- * * * * *
-
-Wir dampften in die Nordsee hinein.
-
-In Kristianssand waren wir an Bord gewesen und hatten ein paar
-Briefe geschrieben, eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
-waren und so weit es unsere Mittel erlaubten, ein wenig Bier
-getrunken. Das war das letzte, was wir auf europäischem Festland
-verzehrten. Jetzt dampften wir in die Nordsee hinein.
-
-Es war am Morgen, rings umher erwachten die Leute, die Uhr war
-sieben, in einer Stunde kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten
-schon Stiefel an.
-
-Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff rollte. Die stampfende
-Bewegung hatte meinen Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich
-schlief wieder ein.
-
-Ich erwachte von einem schallenden Gelächter meiner Kameraden,
-die schon unten auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück
-einzunehmen, und ich richtete mich gerade früh genug auf, um
-Herrn Nykes Beine die Treppe zum Deck hinauf verschwinden zu
-sehen.
-
-Was gab es denn nur?
-
-Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem Kaffee-Eimer
-gefunden, und deswegen war er jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um
-sich zu beklagen.
-
-Der Haugesunder an meiner linken Seite fragte gähnend, wieviel
-die Uhr sei, alle Leute erwachten und sprangen zu beiden Seiten
-des Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der Abteilung der
-verheirateten Leute drang das unangenehme Geräusch seekranker
-Frauen, in meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges
-Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die Stiefel an und begab mich
-auf Deck.
-
-Hier und da, im Schutz gegen den Wind, saßen bleiche Menschen,
-denen offenbar übel war; einige hingen schon trostlos über der
-Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns gerade entgegen. Die
-See wurde immer unruhiger.
-
-Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück und erging sich
-über den Heringskopf. War das vielleicht mit den modernen
-Gesundheitsregeln der Hygiene zu vereinen?
-
-Ein leidender Mitreisender, der offenbar genug zu thun hatte, um
-sich auf den Beinen zu halten, mußte trotz alledem über die Wut
-des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar Mühe, über die Sache
-nachzudenken.
-
-»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von einem Ihrer Kameraden,«
-sagte er. »Der ist nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen, er
-wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«
-
-Nyke senkte sinnend das Haupt.
-
-»Was Sie da sagen, hat etwas für sich, und ich habe auch schon
-daran gedacht. Die Öffnung in dem Eimer des Stewarts war wirklich
-zu eng dazu. Deshalb bin ich auch nicht zum Kapitän gegangen, das
-wäre zu dumm gewesen --« Und Herr Nyke meinte, was er sagte. Es
-wäre doch wirklich ein abscheulicher Scherz. Schließlich sprach
-er seine Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der bei ihm
-einzutreten pflege, wenn er »solchen Schweinkram« gegessen hatte.
-
-Und die See ward immer bewegter, die Seekrankheit griff mehr und
-mehr um sich. Ein Emigrant nach dem andern brach jammervoll
-zusammen, und unten in den Kajüten der ersten und zweiten Klasse
-hatten die dienstbaren Geister genug mit dem Reinigen zu thun.
-Mit welcher Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht den
-stärksten Mann an! Ich war sehr viel auf See gewesen, und doch
-war ich jetzt ohnmächtig, totkrank achtundvierzig Stunden lang.
-Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich einigermaßen, dann
-lag ich da! Einmal, als mein Elend seinen Höhepunkt erreicht
-hatte, und ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen mit ein
-paar andern Leidensgefährten lag, kam mein Kamerad aus der Koje
-links, der Haugesunder, vorüber, dieser dicke, unbehilfliche
-Mensch, der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte, und trat
-ohne die geringste Notwendigkeit auf meinen Fuß, -- ich war nicht
-imstande, mich aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.
-Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder ein hilfreicher
-Mann. Er stahl gelbe Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank
-während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff Herrn Nykes
-Partei, als dieser eines Tages mit dem Methodistenprediger über
-die Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks, als
-ich alle meine wichtigen Notizen verloren hatte, erklärte er, er
-empfinde das als ein persönliches Unglück, das könne ich ihm
-glauben.
-
- * * * * *
-
-Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und die beiden Handwerker
-saßen unten und belustigten sich mit einer Flasche Rum. Der
-Kaufmann war gerade von der schwarzen Victoria in Anspruch
-genommen, einer ganz jungen Mexikanerin, die ihren Herzensfreund,
-einen Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach Norwegen
-begleitet hatte -- und sich nun auf dem Rückwege in ihre ferne
-Heimat befand. Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging sie
-an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich für Aufmerksamkeiten;
-sie sang spanische Lieder und rauchte Cigaretten wie ein Mann.
-Der Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht und nannte sie
-mit liebevoller Betonung sein kleines Ungetüm, sein kleines,
-schwarzes Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal geriet
-sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen. Da sprang das
-kleine, feurige Ding plötzlich auf und überschüttete ihre
-Gegnerin mit einem Strom englischer Schimpfworte und Spottnamen,
-die wie die Sonne in ihrem Heimatlande brannten, rohe, blutige
-Farben und Gebärden, Worte, die so nackt waren, daß es nicht
-möglich ist, sie zu wiederholen -- --
-
-Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang und Rede, ertönte
-hinter mir. Es war Herr Nyke, der lallte. Herr Nyke war
-betrunken, der Rum war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,
-glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön, als im Mond
-spazieren gehn, spazieren gehn! Er setzte sich auf den ersten
-besten Platz und lallte weiter.
-
-Jetzt war alles still geworden, nur die Maschine stampfte, und
-die Wellen ließen das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken
-lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf ihren Koffern.
-Mein Freund, der Jüngling, war auf einem Sack umgesunken, eine
-leere Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm; die Handwerker
-saßen, den Kopf auf die Brust gesunken, da und schliefen.
-
-Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug die Augen auf und fragte
-wütend, wer ich sei. Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem
-eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback? Später
-erholte er sich ein wenig von dem Rausch und erklärte, es sei
-nicht hübsch von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch! Wir
-seien nun so manch lieben Tag Freunde gewesen, sagte er, und
-jetzt müsse ich diese Schande über ihn bringen. -- Er litt unter
-dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich zu betrinken, ehe er
-die Heimat viele, viele hundert Meilen hinter sich gelassen
-hatte. Ich hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.
-
-Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte gleich nach Nyke. Wo Nyke
-sei? Er müsse ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei seiner
-süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie nur! Da hat sie mich in den
-Finger gebissen, das infame Frauensmensch! --« Und er zeigte mir
-einen blutenden Finger.
-
-Aber ein paar Stunden später hatten Herr Nyke und mein junger
-Freund sich wieder gefunden. Sie standen da und fragten sich
-nach ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den Rausch ein
-wenig verschlafen, sie sahen sich etwas verschämt mit einem
-verlegenen Lächeln an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre
-Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen möglich war.
-
-Wir hatten Schottland hinter uns gelassen. Meine Seekrankheit war
-überstanden. Ich hatte achtundvierzig Stunden gehungert, war
-achtundvierzig Stunden unmenschlich krank gewesen und war im
-letzten Augenblick von dem zweiten Koch mit ein paar Löffeln
-Gerstgrütze, in Wasser gekocht, gerettet worden. Nie werde
-ich vergessen, wie gut das schmeckte! Überhaupt war die
-Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte uns oft eine
-Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel ausgestanden hatten. Als wir
-uns ein wenig an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte uns
-das auch so gut, wie wir es nur wünschen konnten. Das Brot war
-auch gut gebacken und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.
-Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.
-
-Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen Ozean.
-
-Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag auf den Gesichtern:
-
-Also jetzt! -- In Gottes Namen!
-
-Was meinen Freund, den Jüngling betrifft, so erklärte er, daß ihm
-ganz flau werde, wenn er den unendlichen Gedanken -- der
-atlantische Ozean -- denke. Kristen Nyke aber antwortete, daß
-darüber gar nichts zu denken sei, -- das sei ein Gedanke für
-Frauen und Kinder. Ginge die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie
-schief, so stürbe man.
-
-»Und welche Ansicht haben Sie denn über den Tod, Kristen?« fragte
-der Kaufmann.
-
-»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist wohl dieselbe wie die
-Ansicht anderer gebildeter Menschen. Das Ende des Ganzen, der
-Schluß, der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn Sie ein Mann
-wären, den so etwas interessierte, würde ich Ihnen etwas darüber
-aus einem Werk in meinem Koffer vorlesen.«
-
-Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung, dem
-Aufenthaltsort der verheirateten Leute und der jungen Mädchen.
-Das Zwischendeck war hier in größere Kammern abgeteilt, die
-durch die offenen Luken im Oberdeck Licht und Luft erhielten, und
-wo die besser eingerichteten Kojen, die Eßtische und die Bänke
-längs derselben den Aufenthalt für die Familien ganz gemütlich
-machten. Es befanden sich drei solche Kammern im Schiff, und in
-ihnen allen war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen Kinder
-und die nicht wenigen seekranken Frauen in Berechnung zog. Zwei
-Frauen waren miteinander in Streit geraten, aber von Natur
-zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen Familien
-erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur ein paar Haarbüschel
-aus, ja die eine von den beiden, eine Witwe, die in Kristianssand
-an Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut am liebsten mit den
-Nägeln.
-
-Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine Aufmerksamkeit,
-und ich beobachtete, wie ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein
-Schneider aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer dastand und
-dem Streit durch die Luke im oberen Deck zuschaute. Er wippte
-umher und wechselte fortwährend den Platz, um besser sehen zu
-können. Ein paar kleine Kinder dagegen waren ganz teilnahmslos
-für diesen Kampf der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie da
-und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen ihnen lag und
-stießen von Zeit zu Zeit einen unartikulierten Laut aus, wozu sie
-die ernsthaftesten Gesichter aufsetzten.
-
-Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte, war Herr Nyke gerade im
-Begriff, sich ein wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er
-wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen, und wenn sonst
-niemand aufräumte, müsse er es thun. Zu diesem Zweck hatte er
-alle Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt, ein Stück
-Gepäck über dem andern, so daß in der Mitte ein freier Gang
-entstand, -- »zum Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf
-dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der Nebel lege sich so
-unangenehm auf das Gesicht, der Kohlenstaub aus dem Schornstein
-verunreinige außerdem das Gesicht -- war dies da nicht ein guter
-Gedanke von ihm, -- ein Boulevard unter Dach und Fach?
-
-Der Haugesunder war der erste, der seinen Koffer an seinem
-gewöhnlichen Platz vermißte, und mit grober Hand riß er Herrn
-Nykes Gebäude um. Es stand eine kurze Zeit und versank in
-Trümmer.
-
-Das Wetter war kalt und naß, der Nebel verdichtete sich, vom
-Schiff aus war nichts zu sehen. Wohin man sich wandte, hing nur
-der graue Nebel schwer über dem Meer wie ein rauchender Himmel,
-der mit der Erde verschwamm. Und jede halbe Minute zog der
-wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem starken Instrument,
-dessen eiserne Stimme brutal über das Meer dahinschallte.
-
- * * * * *
-
-Und die Tage gingen dahin, die See wurde immer ungestümer, der
-Sturm nahm zu, und eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot vor
-Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte man einen gesunden
-Menschen, den die Seekrankheit verschont hatte. Mein junger
-Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen, er sagte, es
-sei unnatürlich zu _stehen_, wenn man sterben solle. Und er
-stöhnte und gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er jemals
-wieder an Land käme, -- was wohl sehr unwahrscheinlich sei, -- so
-wolle er nie wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
-eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn dies sei weit
-ernster.
-
-Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er schien ein wenig unsicher
-auf den Beinen, und er war sehr blaß.
-
-»Ist Ihnen nicht wohl?«
-
-»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu viel Ölgeruch,
-außerdem wird in der Kombüse Fleisch gebraten, der Geruch macht
-einen elend.«
-
-Nachdem wir aber hinuntergekommen waren und der Kaufmann ihn mit
-einer Rolle Kautabak traktiert hatte unter dem Vorwand, daß ihn
-das kurieren werde, ward Herr Nyke mehr und mehr Leiche, er
-lehnte sich hintenüber, steckte die Hände in die Taschen und
-schloß die Augen.
-
-»Doch nicht Ihr >Fall<?« fragt der Kaufmann und sieht ihm
-lächelnd ins Gesicht.
-
-Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht thun sollen, Herrn
-Nykes »Fall« saß zu lose, und der nichts ahnende Spaßvogel mußte
-seine Unvorsichtigkeit bezahlen.
-
-Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge hin und wüsche sich.
-
-Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig das Bett.
-
-Aber als sollte die Sache nie ein Ende nehmen, wurde die See mit
-jeder Wache, mit jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel kam und
-ging, der Sturm vertrieb ihn einen Augenblick, bald aber umgab er
-uns wieder, und das ununterbrochene Kreischen der Takelage tönte
-bis in das Zwischendeck hinab. In der Nacht brachen einige Kojen
-ein, die Menschen rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen
-sie die Decken über sich, und halbnackend und verfroren, ohne die
-Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen, schliefen sie auf einem Sack
-oder einer Kiste elendiglich wieder ein.
-
-Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf durch unsere
-Kojenthür. Sie war mühselig die steile Treppe von dem untersten
-Zwischendeck, wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die
-Laternen brannten trübe an ihren Haken, der Kopf der Frau
-schimmerte so sonderbar in der Lukenöffnung.
-
-»Kann nicht jemand von hier hingehen und melden, daß da unten am
-Boden des Schiffes ein so unheimliches Geräusch ist?«
-
-Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter, um jemand zu wecken:
-
-»Ist hier nicht jemand, der die Meldung machen kann, daß das
-Schiff leck ist?«
-
-Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht sich zurück, indem
-sie mit großer Beharrlichkeit vor sich hin murmelt, daß das
-Schiff geborsten sei.
-
-Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner Koje. Es war ein
-einziger, langer »Fall«. Einer seiner Gefährten fragte ihn
-einmal, ob er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,
-murmelte er.
-
-Vom Deck herab klangen die Kommandorufe der Offiziere zu uns
-herunter, und der Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen
-bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so spöttischer Miene
-begegnet war und uns wiederholt befohlen hatte, ihm aus dem Wege
-zu gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke. Wir hörten
-seine Stimme da oben, schnell und scharf erteilte er seine
-Befehle, und niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten alle
-ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem der beste Mann an Bord
-wäre, und diesen Augenblick war kein Spott in seinen Mienen.
-
-In den Familienkammern waren jetzt Luft und Licht in einer
-traurigen Verfassung. Der Seegang war nämlich so schwer geworden,
-daß man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln
-müssen. Die meisten lagen im Bett, die Mütter mit den Kindern
-eng aneinander geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen
-und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung. Ganz
-oben aber an der obersten Treppe stand der gesunde, frische
-Methodistenprediger, der Mann mit den geistlichen Liedern.
-Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter Brust, wie
-versteinert im Gebet. Und die ganze Nacht, seit gestern abend
-hatte er dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein Auswanderer zu
-ihm heran gekommen, mit dem er gesprochen hatte. Als es hell
-wurde und die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter
-Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme im Namen des Herrn!« --
-Und er fing an mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um sich zu
-werfen. Aber es war eine schlechte Kirche, dies Schiff mit
-sechshundert elenden Auswanderern! Die jungen Mädchen waren nach
-einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen, und wer weiß,
-vielleicht träumten sie jetzt einen bekannten Traum von einer
-flotten Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder seine Last zu
-tragen, deswegen war die Predigt auch in den Wind gesprochen.
-Ach, man wollte Ruhe haben. Man war so matt und elend, man
-vermochte keinen Gedanken zu denken, konnte sich auf keine Sünde
-besinnen.
-
-Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu Zeit zündete er sich sogar
-heimlich eine ungeheuer übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen
-der Seekranken und der Feuersgefahr strenge verboten war, hier
-unten zu rauchen. Herr Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch
-gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen. Dafür begann dieser,
-seinen Spott mit dem Seminaristen zu treiben, der so bange war.
-Kristen sei bange, Kristen habe vor einem Augenblick ein Neues
-Testament unter sein Kopfkissen gesteckt! -- Nyke aber schwur mit
-dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann lüge. -- -- --
-
-Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem Getöse zertrümmert
-wurde.
-
-Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner rollte über das Schiff
-hin, wir fühlten uns mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See
-strömte über die Treppen zu uns herab, von allen Seiten ertönte
-Geschrei. Als ich mich endlich selber wiederfand, mit dem Bauch
-auf dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell auf und sah
-mich nach meinem Reisegefährten um. Der war aus seiner Koje
-geschleudert und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund und
-geballten Fäusten. Als ich ihn anredete, antwortete er nicht, als
-ich ihn aber wieder auf die Füße gestellt und nach der Koje
-zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß ihm nichts
-fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet. »Es ist alles nur
-eine Kleinigkeit,« sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. --
-Nein, aber die Seekrankheit, -- die Seekrankheit!«
-
-Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:
-
-»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an! Liegt er da nicht auf den
-Knieen in seiner Koje und küßt das Neue Testament!«
-
-Die Handwerker, die beiden guten Freunde, lagen in dem nassen
-Zwischendeck am Boden, die See floß über sie hin. In gegenseitiger
-liebevoller Umarmung sandten sie weinend der Heimat ein letztes
-Lebewohl durch den Orkan hindurch zu. Abermals spülte eine
-Sturzsee zu uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem
-Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann wollte sich wirklich die
-Bemerkung erlauben, daß es jetzt anfinge, feucht zu werden! Und zu
-Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme und Miene er nachahmte, sagte
-er:
-
-»Der Tod, was ist der Tod? Nur der Schlußpunkt für die großen
-Gedanken!«
-
-Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte gehört, als er sich beeilte,
-daß Neue Testament unter sein Kopfkissen zu legen und sich in
-seine Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. -- --
-
-Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich ab. Am nächsten Tage
-konnten wir schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen, mein
-Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje sitzen, und Herr Nyke
-befand sich in guter Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan war
-auf keinem Gesicht mehr eine Spur der ausgestandenen Angst und
-der stillen Gottergebung, die einige an den Tag gelegt hatten,
-zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über die vollen
-Speiseeimer mit einer Gier, wie sie nur von der Seekrankheit
-genesene Patienten besitzen.
-
- * * * * *
-
-Regen, hoher Wellengang und Sturm waren auf der ganzen Reise
-unsere Begleiter gewesen, -- ein Ausnahmewetter im August für den
-Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der Jahreszeit und dem
-Himmel entsprechendes Wetter bekamen, waren einige von den
-Auswanderern so stolz, daß sie sich alle Komplimente verbaten.
-Undankbareren Menschen hat der liebe Gott nie seine Wohlthaten
-erwiesen. Nur die Seekranken erkannten den Umschlag in der
-Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger stand mitten auf dem
-Schiff und sang seine geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig
-neuen Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre zwölf, vierzehn
-Tage in den Kojen gelegen hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch
-nur den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus dem untersten
-Deck herauf, bleich, abgemagert wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns
-die zunehmende Hitze, daß wir uns der Küste von Amerika nähern.
-Vögel umschwärmen uns, Vögel mit fremdländischem Aussehen und
-sonderbarem Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine
-sieht man in allen Richtungen am Horizont, eine norwegische Bark
-fährt auf uns zu und bittet durch Signale um Angabe der Höhe, auf
-der wir uns befinden.
-
-Die Handharmonikas, die so lange begraben gelegen haben, werden
-wieder hervorgeholt, vergessen sind alle Leiden, alle Angst.
-Der Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar um sich
-versammelt, die am Boden kauert und Gott dankt, weil er unser
-Leben geschont hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse und
-macht einen Höllenlärm mit den Kochtöpfen.
-
-Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der Lootse war an Bord
-gekommen, die Passagiere gingen in ihren besten Kleidern umher,
-und mein Reisegefährte war wieder auf den Beinen.
-
-Da steigt New-York aus dem Meere auf, schwer, farbenreich,
-gigantisch. In dem nebeligen Sonnenlicht zittert die Stadt
-marmorweiß, ziegelrot, von den tausenden von Schiffen, die in
-allen Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her fahren,
-wehen Flaggen. Schon erreicht uns das Getöse von den Walzen und
-Rädern der Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf den Werften,
-von den unendlichen Maschinen aller Art, die mit den glatten
-Gliedern aus Stahl und Eisen arbeiten.
-
-Zwei Herren steigen von einem kleinen Dampfer zu uns an Bord. Es
-ist die Gesundheitspolizei, der wir Zwischendeckspassagiere
-unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern Puls befühlen lassen
-sollen. Abermals steigen zwei Herren von einem anderen kleinen
-Dampfer an Bord. Es ist der norwegische Konsul in New-York und
-ein amerikanischer Detektiv. Sie suchen nach einem Norweger,
-einem gewissen Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen
-begangen hat. Und sie finden den Mann schnell, sein Signalement
-ist zu deutlich: er hinkt ein wenig und ist pockennarbig. Er war
-auf der ganzen Reise so still und bescheiden gewesen, jetzt stand
-er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas Grund und Boden und wäre in
-wenigen Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden Herren und
-greifen ihn. Ich vergesse nie sein Gesicht, dies entstellte
-Gesicht und das hoffnungslose Zittern der Mundwinkel, als der
-Konsul ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.
-
-Kristen Nyke stand am Vordersteven, er war beiseite gegangen und
-konnte sich nicht erholen von seiner Verwunderung über einen
-Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche gefunden hatte, und
-der eine ganze Menge Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine
-Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk für den armen
-Seminaristen. Er begriff nicht, woher dies Geschenk kam, und
-ahnte wohl am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem
-Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.
-
-So glitten wir langsam in den Hafen von New-York hinein.
-
-
-
-
-Ein Erzschelm
-
-
-Lieber Leser! -- Ich traf diesen Mann auf einem Friedhof. Ich
-that nichts, um ins Einvernehmen mit ihm zu gelangen, er aber
-legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich nur auf eine
-Bank, wo er vor mir gesessen hatte, und sagte:
-
-»Störe ich auch?«
-
-Da fing er an:
-
-»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte mir Platz. -- »Ich
-sah nur hier über all diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit
-einer Handbewegung auf die Gräber.
-
-Wir waren auf dem Krist-Friedhof.
-
-Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter war es da oben
-geworden; Maurer und Arbeiter waren einer nach dem anderen
-gekommen, der alte Wächter saß schon in seinem Kiosk und las
-Zeitungen. Hier und da sah man Frauen in Schwarz, die Blumen
-pflanzten oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu lang
-geworden war. Und die Vögel zwitscherten laut in den großen
-Kastanienbäumen.
-
-Er war mir ganz unbekannt. Es war ein junger Mann,
-breitschulterig, unrasiert und in etwas abgetragenem Anzug. Die
-Runzeln auf der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,
-nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach, das alles machte ihn,
-wie man zu sagen pflegt, »alt und erfahren«.
-
-»Sie sind fremd hier?«
-
-»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«
-
-Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor und sah auf den
-Kirchhof hinaus. Aus seiner Rocktasche guckten deutsche und
-französische Zeitungen hervor.
-
-»Wie traurig ist es auf einem Friedhof wie dieser hier!« sagte
-er. »So viel Totes auf einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so
-wenig ausgerichtet.«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«
-
-Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.
-
-Er fuhr fort:
-
-»Aber das Schändlichste von allem ist doch dieser Kultus, der mit
-den Toten getrieben wird, diese Art und Weise zu beweinen!«
-
-»Eine fromme Zwecklosigkeit!«
-
-Er machte eine hastige Bewegung und richtete sich auf.
-
-»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit auf diesen Gräbern
-steht? Dann streut man kostbare Blumen über den Sand, schafft
-sich bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und zu weinen,
-errichtet heilige Götzensteine aus den Brüchen da oben in den
-Grefsenbergen, -- ein versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist
-einer der am wenigsten bankerotten Plätze in der Stadt. -- -- Ja,
-nicht wahr, das giebt Ihnen zu denken,« fuhr er fort. »Einmal
-hierhergesetzt, bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist
-unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur noch seine
-Verwaltung, das heißt seine Aufsicht, seine Thränen, seine
-Blumen, die rings umher auf den Sandhügeln liegen und welken.
-Kränze bis zu fünfzig Kronen das Stück!«
-
-Ein Socialist! dachte ich, -- ein reisender Handwerksbursche, der
-im Ausland gewesen ist und den Schrei nach dem Kapital gelernt
-hat, -- nach dem Kapital.
-
-»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?« fragte er.
-
-»Ja!«
-
-Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne der Bank,
-blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.
-
-Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide mit einem Stock,
-krummgebeugt, andächtig, miteinander flüsternd, -- vielleicht
-Eltern auf dem Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt über den
-Friedhof hin, wirbelt Staub und welke Blumenüberreste auf und
-raschelt leise mit dem gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt,
-und das von der Sonne getrocknet ist.
-
-»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine Stellung zu verändern,
-nur mit einer Bewegung der Augen, »sehen Sie die Dame, die auf uns
-zu kommt? Geben Sie einmal acht, wenn sie an uns vorüberkommt.«
-
-Nichts war leichter als das. Sie streifte uns fast mit ihrem
-schwarzen Kleide, und ihr Schleier berührte unsere Hüte. Ein
-kleines Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter ihr her trug
-eine Frau Rechen und Gießkanne. Sie verschwanden alle drei in der
-Biegung, die zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.
-
-»Nun?« fragte er.
-
-»Nun?«
-
-»Haben Sie nichts bemerkt?«
-
-»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«
-
-»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln und wollen mir die
-Versicherung geben, daß darüber kein Streit zwischen uns
-entstehen soll. Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen hier
-vorüberging. Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber, ich war
-bemüht, ihm ein klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes
-Handwerk einzuimpfen.« --
-
-»Aber weshalb denn nur?«
-
-»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt zum großen Schaden für
-die Lebenden, die davon leben sollen.«
-
-Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte ich bei mir; wo
-steht es in Gottes Wort geschrieben, daß die Leichen nicht in der
-Erde bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an, mich zu
-langweilen.
-
-»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber. Es ist unrecht,
-sagte ich. Die Dame ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah
-mich an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen Ort. Apropos:
-haben Sie wohl die alte Frau mit dem Rechen und der Gießkanne in
-den abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken, wie gebeugt
-der war? Dies Geschöpf hat sich wirklich um ihre Gesundheit
-gebracht in dem Streben, die Erde, die Quelle des Lebens,
-aufzuwühlen und brach zu legen. Aber sahen Sie es wohl: drei bis
-vier Schritte hinter der vornehmen Frau, die zu einem Grabe
-wollte um ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es eigentlich
-nicht. Sahen Sie, was das kleine Mädchen trug?«
-
-»Blumen.«
-
-»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl gesehen? Blumen zu einer
-Krone das Stück. Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich
-empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein wenig sengt,
-sterben sie. In vier Tagen werden sie über das Gitter in die
-Gärtnerei da unten geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«
-
-Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:
-
-»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«
-
-Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet hatte. Er schien
-die Einwendung bereits früher gehört zu haben.
-
-»In jener Zeit herrschte keine Armut,« sagte er. »Ägypten war
-obendrein die Kornkammer des ganzen römischen Reichs, die Welt
-war damals noch nicht so eng. Ich kann aus Erfahrung mitreden,
-wie eng sie jetzt ist. Nicht ich persönlich habe diese Erfahrung
-gemacht, sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die Pyramide in
-der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes, modernes Grab ist
-etwas ganz anderes. Sehen Sie sich hier um! hunderte von Gräbern,
-Monumente für große Summen, Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu
-drei Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus Egeberg zu zwei
-Kronen fünfzig Öre das Quadratmeter. Ich will gar nicht reden
-von den Inschriften und dem Raffinement, das in Bezug auf
-steinerne Säulen getrieben wird in polierter oder roher Arbeit,
-ausgehauen oder gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur einmal
-diese Unmenge Grassoden an! Ich sprach mit dem Totengräber
-hierüber, der Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen, daß
-kaum mehr Soden zu haben sind. Nun bitte ich Sie, bedenken Sie
-doch nur, was Grassoden auf der Erde bedeuten: sie sind das
-Leben!«
-
-Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies Leben nicht aller
-Idealität beraubt werden könne und dürfe; es habe doch wohl sein
-bißchen ethische Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar
-Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten. Und der Ansicht bin
-ich auch heutigen Tages noch.
-
-»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von dem, was täglich hier
-vergeudet wird, könnten Familien leben, Kinder erzogen,
-schiffbrüchige Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge
-Frau da unten und gräbt Kamelien in die Erde, die den Wert von
-zwei Kinderkleidern repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel zu
-so etwas hat, wird er Gourmand.«
-
-Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht war er gar ein
-Anarchist, dem es Vergnügen machte, ernste Dinge auf den Kopf zu
-stellen. Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.
-
-Er fuhr fort:
-
-»Und dann sitzt da oben ein Mann, der Wächter. Wissen Sie, was
-der zu thun hat? In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,
-und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht Ordnung im Kultus der
-Toten. Heute, als ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind
-sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher für den Erlös
-zu kaufen, ein kleines Mädchen, mager und ängstlich, das eine
-Kamelie wegnähme, um Essen dafür zu kaufen, so würde ich sie
-nicht anmelden, ich würde ihr behilflich sein. Das nenne ich
-Unrecht, sagte der alte Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
-Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an und bittet Sie, ihm
-zu sagen, wie viel die Uhr ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, --
-beachten Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt er Ihnen
-blitzschnell die Uhr und läuft davon. Ihnen bleiben zwei Auswege.
-Sie können den Raub melden, und dann bekommen Sie ein paar Tage
-später Ihre Uhr wieder, die bei einem Pfandleiher gefunden ist,
-und im Laufe von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der Sünder zu
-folgen. Oder Sie können schweigen. Das ist der zweite Ausweg. Sie
-können schweigen. -- -- Ich bin eigentlich ein wenig müde, denn
-ich habe die ganze Nacht gewacht.«
-
-»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag schreitet vor. Ich habe meine
-Arbeit.«
-
-Ich erhob mich, um zu gehen.
-
-Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.
-
-»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen, um ausfindig zu
-machen, wie die Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören Sie
-nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare Dinge! Eines Abends vor
-neun Jahren, als ich hier an diesem selben Fleck saß, -- ich
-glaube, auf dieser selben Bank -- geschah etwas, was ich nicht
-vergessen kann. Es war allmählich ganz spät geworden. Die
-Friedhofbesucher waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer, der
-auf dem Bauch auf einer Marmorplatte da hinten lag und die
-Inschrift einmeißelte, hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog
-die Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die verschiedenen
-Taschen und entfernte sich. Es fing an zu wehen, die Kastanienbäume
-rauschten schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz, das
-hier in der Nähe stand, -- es ist jetzt, glaube ich, weg --
-schwankte ein wenig im Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und
-war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber die Biegung dort
-heraufkommt und im Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines
-Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche vorübergekommen
-sei.
-
-Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben. Was für eine
-Bewandtnis hatte es denn mit dem kleinen Mädchen?
-
-»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber und ging
-weiter.
-
-Ich saß ganz still hier und wartete, bis er zurückkam.
-
-»Nun? haben Sie sie gefunden?«
-
-»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«
-
-Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet werden. Das kleine
-Mädchen war sicher noch auf dem Friedhof, und jetzt mußte
-endlich Ernst aus der Sache gemacht werden. Dies war nun heute
-die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder, kluge kleine
-Mädchen, die sehr wohl wußten, daß es unrecht war. Wie? Sie
-stehlen die Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen sie. Ja,
-nette Kinder! das mußte man sagen!
-
-Ich begleitete den Totengräber und half ihm eine Zeitlang, die
-Kleine suchen. Aber sie hatte sich gut versteckt. Wir nahmen den
-Wächter mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht. Es fing
-an zu dämmern und wir gaben das Suchen auf.
-
-»Wo ist das bestohlene Grab?«
-
-»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat man je so etwas erlebt?«
-
-Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus, daß ich dies Grab
-kannte. Das kleine verstorbene Mädchen hatte ich ganz gut
-gekannt, und am nämlichen Vormittag hatten wir sie begraben. Die
-Blumen waren verschwunden, auch meine eigenen. Ich sah sie
-nirgends mehr.
-
-»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu den anderen. »Dies ist
-schändlich!«
-
-Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit zu schaffen, aber
-er nahm doch der Sache wegen teil. Und nun fingen wir alle drei
-an, von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der Biegung des Weges
-gewahrte ich ein kleines Menschenkind, ein Mädchen, das
-zusammengekrochen hinter Brigadevogt With's großer polierter
-Grabsäule an der Erde kauerte und mich anstarrte. Sie hatte sich
-so klein gemacht, daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben
-war.
-
-Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester der Verstorbenen.
-
-»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn hier noch so spät?«
-fragte ich.
-
-Sie antwortete nicht und rührte sich nicht. Ich hob sie in die
-Höhe, nahm ihre Schultasche in die Hand und hieß sie, mit mir
-nach Hause zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß du um
-ihretwillen noch zu so später Stunde hier bist.«
-
-Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:
-
-»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen die Blumen von Hannas
-Grab gestohlen hat? Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid. Hast du
-die nicht gesehen? Nun, wir werden sie schon finden!«
-
-Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu antworten.
-
-»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber plötzlich. »Da haben
-wir die Diebin!«
-
-»Wie?«
-
-»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«
-
-Da mußte ich lächeln.
-
-»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin nicht. Dies ist die
-kleine Schwester von dem Kinde, das heute begraben wurde. Sie
-heißt Elina, ich kenne sie.«
-
-Der Totengräber aber war seiner Sache sehr sicher. Auch der
-Wächter erkannte sie wieder; namentlich an der roten Narbe, die
-sie an der einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen von dem
-Grabe ihrer Schwester gestohlen, und die Ärmste konnte nicht
-einmal ein Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen.
-
-Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten: ich hatte diese beiden
-Schwestern lange gekannt; wir hatten eine ganze Zeit in demselben
-elenden Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter meinem
-Fenster gespielt. Sie zankten sich oft sehr und prügelten sich
-auch, aber es waren ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber
-nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das hatten sie nicht
-gut von jemand lernen können. Die Mutter war eine schlechte
-Person, die selten zu Hause war, und den Vater -- sie hatten,
-glaube ich, jede ihren eigenen -- hatten sie nie gekannt. Diese
-beiden Kinder hatten ein kleines Loch, in dem sie lebten, und das
-kaum größer war als die Grabplatte dort, und da meine Stube der
-ihren gerade gegenüberlag, stand ich oft am Fenster und sah zu
-ihnen hinein. Hanna hatte in der Regel das Übergewicht, sie war
-auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig wie eine
-Erwachsene. Sie holte immer den Blecheimer heraus, wenn sie eine
-Schnitte Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es auf dem Hofe
-heiß war, hatte Hanna den guten Einfall, eine alte Zeitung an das
-Fenster zu befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten. Oft
-habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester die Schularbeiten
-überhörte, ehe sie zur Schule gingen. Hanna war ein verwachsenes,
-ernstes Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.
-
-»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,« sagte der Totengräber.
-
-Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen. Ich kannte sogar
-meine eigenen zwei, drei wieder.
-
-Was sollte ich sagen? Und da stand sie, die kleine Sünderin, und
-sah uns ganz verhärtet an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus,
-sie aber schwieg. Dann nannte der Totengräber die Polizei und
-nahm das Kind mit sich.
-
-Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar, was geschehen sollte,
-sie sagte plötzlich:
-
-»Nein, wo soll ich denn hin?«
-
-Der Totengräber antwortete:
-
-»Auf die Polizeistation!«
-
-»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.
-
-Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja in der Tasche,
-wir hatten es sozusagen gesehen. Sie aber wiederholte ängstlich,
-sie habe sie nicht gestohlen.
-
-In der Pforte hing der Kleiderärmel der kleinen Elina am Schloß
-fest, und der dünne Ärmel wurde beinahe ausgerissen. Und
-dadrinnen schimmerte der magere kleine Arm.
-
-Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete sie. Es wurden
-einige Erklärungen abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der
-kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie nicht wieder,
-denn ich reiste fort und blieb neun Jahre weg.
-
-Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die Sache bekommen. Es war
-ganz verkehrt, was wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich
-nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan hätte? Ich sage
-mir: warum nicht? Hat man je so etwas Verkehrtes gehört, als wie
-wir uns mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann uns deswegen
-verurteilen, wir nahmen sie nur fest und führten sie vor das
-Gericht. Ich kann Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen und
-kann Sie zu ihr führen!«
-
-Er machte eine Pause.
-
-»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen werde, müssen Sie
-zuhören! Ja, sagt das kranke Kind, wenn ich jetzt sterbe, so
-werde ich schon Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn
-die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und Frau Bendiche
-sendet vielleicht gar einen Kranz.
-
-Aber die kleine Kranke ist klug wie eine Alte. Sie ist zu stark
-gewachsen, um am Leben bleiben zu können, und seither hat die
-Krankheit ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn sie spricht,
-schweigt die andere, die kleinere Schwester, die angestrengt
-bemüht ist, sie zu verstehen. Sie wohnen allein dort, und die
-Mutter ist niemals zu Hause, hin und wieder aber schickt ihnen
-Frau Bendiche Essen, und sie verhungern nicht. Jetzt zanken sich
-die Schwestern nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit
-miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten aus früheren
-Zeiten auf dem Spielplatz sind längst vergessen.
-
-Aber die Blumen sind nichts übertrieben Herrliches, fährt die
-Kranke fort. Sie welken. Und welke Blumen sind nicht schön auf
-einem Grab zu haben. Und wenn sie tot war, konnte sie sie doch
-nicht sehen, und wärmen thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl
-noch an die Schuhe dächte, die sie einmal im Bazar gesehen
-hatten? Sie waren warm!
-
-Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und um ihrer Schwester zu
-zeigen, wie klug sie war, beschrieb sie ihr die Schuhe ganz
-genau.
-
-Es war jetzt nicht mehr lange bis zum Winter. Und durch das
-Fenster zog es so schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel
-ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar Schuhe bekommen.
-
-Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina ist gar nicht so dumm.
-
-Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und sie verkaufen. Das konnte
-sie. Es gingen am Sonntag so viele Leute auf der Straße
-spazieren. Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs Land, und
-oft sah man Herren mit einer Blume im Knopfloch in einer Droschke
-fahren. Sie kauften gewiß Blumen.
-
-Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze kaufen könne.
-
-Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber sollte sie die Schuhe
-kaufen.
-
-Das verabredeten sie miteinander. Niemand hatte etwas darüber zu
-sagen, die beiden Kinder hatten es unter sich abgemacht. Elina
-mußte aber acht geben und die Blumen noch am selben Abend
-abholen, ehe sie verwelkten.«
-
-»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«
-
-»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist nicht allemal das
-Alter, worauf es ankommt. Ich hatte eine Schwester, sie lernte
-Griechisch als sie noch _so_ klein war.
-
-Aber Elina erging es ja nicht gut bei der Sache. Bestraft wurde
-sie gerade nicht, aber die Polizei jagte ihr doch einen
-unschuldigen kleinen Schrecken ein, und damit war sie
-verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann nahm die Lehrerin sich
-ihrer an. Sich eines Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es
-auf die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina wird in den
-Pausen herangerufen: Liebe Elina, warte doch einen Augenblick,
-ich möchte mit dir sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll und
-bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache erinnert, aufgefordert,
-Gott um Verzeihung zu bitten.
-
-Da zerbricht etwas in ihr.
-
-Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem Gesicht, vergißt
-ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt, von forschenden Augen
-verfolgt, nimmt sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der
-Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den Leuten in die Augen
-zu sehen. Sie gewöhnt sich die verstohlenen, hastigen Blicke an,
-die ihr einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann, eines Tages,
-wird sie konfirmiert, der Pastor giebt ihr einen Spruch gegen ein
-gewisses Gebot, alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre
-Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche und sie verläßt
-ihre kleine Stube. Die Sonne scheint golden auf die Stadt hinab,
-die Leute schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der Straße
-herum, sie macht selber eine Fahrt aufs Land in einer Droschke --
--- --
-
-Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet. Sie wohnt da unten.
-Sie stand in einem Thorweg und redete mich flüsternd an. Ich
-konnte mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört, und ich
-kannte die rote Narbe. Aber, großer Gott, wie stark sie geworden
-war!«
-
-»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.
-
-»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie groß du geworden
-bist, Elina!«
-
-Groß? Was für ein Schnack war das? Sie hatte keine Zeit zum
-Plaudern. Wenn ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte ich
-nicht länger stehen zu bleiben und andere zu verscheuchen.
-
-Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie an den Hinterhof, an die
-kleine Hanna, an alles, was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen
-und ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.
-
-Als wir hineinkamen, sagte sie:
-
-»Spendieren Sie etwas zu trinken?«
-
-So war sie.
-
-»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch hier gewesen wäre! Dann
-hätten wir drei wieder zusammengesessen und über dies und jenes
-geschwatzt.«
-
-Sie lachte schrill.
-
-»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie werden wohl schon wieder
-kindisch!«
-
-»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?« fragte ich.
-
-Da spie sie wütend vor sich hin.
-
-Hanna und immer Hanna! Ob ich denn glaubte, daß sie noch ein Kind
-sei? Dies mit Hanna lag viel zu weit zurück, was für ein
-Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas zu trinken holen solle.
-
-»Ja, gern.«
-
-Sie steht auf und geht hinaus.
-
-Rings umher in den Nebenzimmern höre ich Stimmen, Korkenknallen,
-Fluchen, leise Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder
-zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen auf dem Gang nach
-einer Aufwärterin gerufen, die einen Befehl erhielt.
-
-Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir sitzen, auf meinem Schoß,
-sie zündete sich auch eine Cigarette an.
-
-»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?« fragte sie.
-
-»Wie lange sind Sie hier gewesen?«
-
-»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei. Prost!«
-
-Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne Stimme, den blühendsten
-Blödsinn, irgend etwas aus einem Tingeltangel.
-
-»Wo haben Sie das gelernt?«
-
-»Im Tivoli.«
-
-»Gehen Sie oft dahin?«
-
-»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt habe ich aber nie mehr
-was. Die Wirtin wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt eine
-so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld haben, -- und dann
-bleibt für uns nichts übrig. -- Könntest du mir nicht noch etwas
-Geld geben?«
-
-Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr geben konnte.
-
-Sie nahm es ohne Dank und ohne alle Bewegung, aber vielleicht
-empfand sie doch eine kleine innere Freude. Sie bat mich, noch
-eine Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl gründlich
-ausgepumpt werden.
-
-Der Wein kam.
-
-Aber nun wollte sie auch Staat mit mir machen. Sie wollte ein
-paar von den anderen Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
-abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten kurze, gesteifte Röcke an,
-die raschelten, wenn sie sich rührten; ihre Arme waren nackend,
-und sie trugen abgeschnittenes Haar.
-
-Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen Namen noch ganz
-genau. Sie erzählte in blasiertem Ton, ich hätte ihr viel Geld
-gegeben, ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne mich
-um so viel Geld bitten, wie sie wollte. Es sei immer so gewesen.
-
-Die Mädchen tranken und wurden nun auch vergnügt, sie überboten
-sich in unglaublichen Zweideutigkeiten, und krähten allerlei
-Lieder gegeneinander auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn ich das
-Wort auch einmal an eine der anderen richtete, sie wurde mürrisch
-und unangenehm. Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,
-um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen, denn ich wollte
-gern einen Einblick in ihren Gemütszustand gewinnen. Ich
-verfehlte indes meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken und
-machte sich etwas zu thun. Schließlich griff sie nach Hut und
-Jacke und schickte sich an auszugehen.
-
-»Wollen Sie gehen?« fragte ich.
-
-Sie antwortete nicht, summte mit überlegener Miene eine Melodie
-vor sich hin und setzte den Hut auf. Plötzlich öffnete sie die
-Thür nach dem Gang und rief:
-
-»Gina!«
-
-Das war ihre Mutter.
-
-Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten Pantoffeln schlurfend.
-Sie klopfte an, trat ein, blieb an der Thür stehen.
-
-»Ich habe dir doch gesagt, daß du den Staub von der Kommode jeden
-Tag abwischen sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für eine
-Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen komm mir nicht
-wieder, verstehst du! Und die Photographien da hinten sollen auch
-jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«
-
-Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder gehen. Sie hatte
-unzählige Runzeln im Gesicht und eingefallene Wangen. Sie hörte
-die Tochter gehorsam an und sah sie an, um nichts zu überhören.
-
-»Ich bitte mir nun aus, daß du daran denkst!« sagte Elina.
-
-Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und ging. Leise schloß sie die
-Thür hinter sich, um kein Geräusch zu machen.
-
-Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich mir zu und sagte:
-
-»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn Sie jetzt den Wein
-bezahlen und gehen.«
-
-»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und leerten ihre Gläser.
-
-Ich war ganz betroffen.
-
-»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich. »Warten Sie einmal! Ich
-denke doch, ich habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben? Aber
-vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff wieder in die Tasche.
-
-Die Mädchen fingen an zu lachen.
-
-»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet! Du hattest ja so
-viel Geld von ihm bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal
-den Wein bezahlen! Hahaha!«
-
-Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.
-
-»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will euch hier nicht mehr
-haben! Er hat Geld wie Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir
-gegeben hat!« -- Und triumphierend warf sie Scheine und
-Silbergeld auf den Tisch. -- »Er hat den Wein bezahlt und mich
-auch, seht nur her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem Haufen
-gesehen. Ich kann die Wirtin für zwei Monate bezahlen, versteht
-Ihr mich! Ich sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um ihn zu
-necken. Ihr sollt aber hinaus!«
-
-Und die Mädchen mußten hinaus.
-
-Elina aber lachte schrill und nervös auf, als sie die Thür hinter
-ihnen abschloß.
-
-»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,« sagte sie
-entschuldigend. »Es sind im Grunde langweilige Dirnen, mit denen
-ich gar nicht verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig
-waren?«
-
-»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich, um sie noch mehr zu
-beschämen. »Sie antworteten, wenn sie gefragt wurden, sie
-erzählten mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es waren nette
-Mädchen.«
-
-»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie Elina mir zu. »Geh du
-ihnen nur nach, wenn du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der
-Sicherheit halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie vorhin
-auf den Tisch geworfen hatte.
-
-»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,« sagte ich. »Wenn Sie
-sich entschließen könnten, ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«
-
-»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie höhnisch. »Ich habe
-nichts mit dir zu schaffen. Du willst wohl wieder von Hanna
-anfangen? Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz schlimm und
-übel. Davon kann ich nicht leben!«
-
-»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem Leben heraus?« fragte
-ich.
-
-Sie that, als höre sie es nicht, sie fing wieder an, im Zimmer
-herum zu kramen und zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut zu
-machen.
-
-»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und stand plötzlich vor mir
-still. »Wozu? Wo soll ich hin? Mit wem soll ich mich wohl
-verheiraten? Wer wollte wohl so eine wie mich haben? Und dienen
-mag ich nicht.«
-
-»Sie könnten ja versuchen, außer Landes zu gehen und ein ehrbares
-Leben anzufangen.«
-
-»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist du Missionar geworden?
-Wozu soll ich von hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl. Ich
-habe nichts auszustehen. Weißt du was? Laß noch eine Flasche
-Wein kommen! Aber nur für uns beide ganz allein. Die anderen
-sollen nichts abhaben -- -- Gina!« rief sie zur Thür hinaus.
-
-Sie bestellte Wein, trank und wurde immer weniger anziehend. Ein
-vernünftiger Bescheid war nicht aus ihr herauszubringen, sie
-summte unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor sich hin,
-während sie dasaß und sann. Dann trank sie wieder, und ihr
-Benehmen wurde geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und wieder
-auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge heraus und sagte: »Da,
-sieh!« Schließlich fragte sie geradezu:
-
-»Bleibst du übernacht hier?«
-
-»Nein!« antwortete ich.
-
-»Dann gehe ich aus!« sagte sie. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
--- --
-
-Der Erzähler schwieg.
-
-»Nun?« fragte ich.
-
-»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine solche Wahl gestellt würde?
-Würden Sie bleiben oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.
-Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«
-
-Er sah mich an.
-
-»Ich blieb!« sagte er.
-
-»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die Nacht über? Bei dem
-Mädchen?«
-
-»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.
-
-»Aber um des Himmels willen! Was dachten Sie sich denn dabei?
-Waren Sie betrunken?«
-
-»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen bin ich nicht weniger
-widerwärtig und jämmerlich als andere Menschen, das ist die
-Sache. Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich kannte. Es war
-mir eine solche Wollust, zügellos zu sein. Können Sie das
-begreifen? So blieb ich denn. Und in welch ein Meer von
-Zügellosigkeit wir versanken!«
-
-Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf über sich selber.
-
-»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,« fuhr er fort. »Es muß
-sich noch etwas thun lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die
-geeignete Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht doch nicht so
-schlimm wie Sie glauben. Sie denken an die Geschichte von
-übernacht. Bedenken Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so wäre
-ein anderer gekommen, und bei einem solchen Tausch würde sie
-voraussichtlich verloren haben. Wenn sie ihren Umgang wählen
-könnte, glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen, ich bin
-rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich vergesse auch keinen
-Augenblick, ihr zu widerstehen. Aber das Sonderbare ist, daß
-gerade dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie selber. >Du
-widerstehst mir so herrlich!< sagte sie. Was soll man einem
-solchen Mädchen gegenüber anfangen? Und dann muß man auch
-bedenken, daß sie einzig und allein um der Blumen willen in ihrem
-Herzen so übel zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre es
-erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern zu pflücken, so wäre sie
-jetzt ein anständiges Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und ich
-war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«
-
-Er schüttelte von neuem den Kopf und versank in Sinnen.
-
-Endlich erwachte er wie aus einem Traum.
-
-»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle auch selber, daß ich
-müde bin. Ahnen Sie, wieviel Uhr es ist?«
-
-Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich hatte sie nicht bei mir,
-ich hatte sie zu Hause vergessen.
-
-»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und erhob sich, streckte
-seine Beine und zog seine Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da
-kommt die vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet, das
-kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr. Die Blumen liegen wieder
-da unten, Rosen und Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.
-Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen bemächtigt, um sich
-ein Paar Schuhe dafür zu kaufen, so glaube ich, es ist kein
-Unrecht!« --
-
-Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute an, trat ganz nahe an
-mich heran und brach in ein verhaltenes Lachen aus.
-
-»Sehen Sie, solche Geschichten muß man erzählen,« sagte er. »Für
-die findet man willige Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«
-
-Er nahm den Hut ab, verbeugte sich und ging.
-
- * * * * *
-
-Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand zurück. Er hatte mich
-mit einem Schlage in einen Wirbel von Verwirrung versetzt und
-meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses Schwein! Er hatte
-die Nacht bei dem Mädchen zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine
-verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich zum Besten gehabt, seine
-erschütternde Erzählung war eine Erfindung von einem Ende bis zum
-andern. Wer aber war denn dieser Erzschelm? Wenn ich ihn noch
-einmal wieder treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte
-vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig gelernt, sie
-gehörte nicht zu den schlechtesten, der Bursche hatte Talent.
-Hahaha! Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!
-
-Ich ging in großer Verwirrung nach Hause. Ich suchte nach meiner
-Uhr. Sie lag nicht auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die
-Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich hatte er meine Uhr
-gestohlen, als er neben mir saß. Ha! Dieser Schlingel!
-
-Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich konnte eine Anzeige machen und
-meine Uhr in ein paar Tagen von einem Pfandleiher wiederbekommen.
-Dann wurde der Bursche auch wohl bald hinterher festgenommen.
-Oder ich konnte schweigen. Das war der zweite Ausweg.
-
-Ich schwieg.
-
-
-
-
-Vater und Sohn
-
-Eine Spielergeschichte
-
-
-I
-
-Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach dem Süden, weit nach
-dem Süden hinab, und kam an einem frühen Morgen mit dem
-Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen Dorf, einem
-sonderbaren Dorf, versteckt und vergessen, einem Dorf mit einem
-Dutzend Häuser, einer Kirche, einem Posthause und einer
-Flaggenstange. Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern und
-Spielern, feinen Leuten und Vagabunden, bekannt, und während
-einiger Sommermonate des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel
-Leben und großer Umsatz.
-
-Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung der Umgegend war
-herbeigekommen; sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit
-Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles nach Stand und
-Vermögen. Um die Kirche herum standen Reihen von Zelten, wo
-gekauft und verkauft wurde; eins dieser Zelte war blau, -- es war
-das Zelt des Pavo aus Sinvara.
-
-Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten zwischen der
-Flaggenstange und dem Posthause, lag das Hotel. Das obere
-Stockwerk war blau, -- dort verspielten die Spieler ihr Geld.
-
-Man erzählte im Hotel, heute abend würde Pavo ganz sicher kommen.
-Ich fragte, wer Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage, daß ich
-hier fremd war, sonst kannten alle Pavo. Er war der Mann, der die
-Bank dreimal gesprengt hatte, sein Vater war der Besitzer des
-größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und Pavo selber hatte bei
-dem letzten Frühlingsfest sein ganzes Vermögen durchgebracht.
-Alle Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn sie am Abend bei
-der Pumpe zusammenkamen, und die Frommen beteten für ihn, so oft
-sie an ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und der verlorene
-Sohn, eine gefallene Größe, ein Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er
-war der Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.
-
-Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis, daß seine gute Mutter
-das Zelt für ihn gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet
-hatte, um ihn, wenn möglich noch auf den rechten Weg zu bringen.
-Es hätte ja auch alles gut gehen können, wenn Pavo nur hätte
-Ernst machen wollen, aber das mißratene Kind hatte schon in der
-nämlichen Woche sein Zelt mit der blauen Farbe der Spielbank
-angestrichen, denn sein Sinn war unverändert. Er spielte auch
-noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch verdiente, legte
-er auf den Roulette-Tisch, und in der Regel verließ er die Bank
-ärmer, als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine gute Kundschaft;
-er verkaufte viele Sachen, weder die Bauern noch die Dorfbewohner
-gingen an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus Sinvara handeln.
-Und seine Mutter verschaffte ihm immer Waren in Hülle und Fülle,
-sein Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.
-
-Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das ganze Dorf wußte, daß
-er kommen würde.
-
- * * * * *
-
-
-II
-
-Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden Schlag, der sich in
-den übrigen Lärm vom Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte
-der Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann war sehr erregt.
-
-»Denken Sie nur,« sagte er, -- »der Herr von Sinvara will auch
-kommen!«
-
-Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten, und ich sagte zu dem
-Diener, daß besagter Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher
-kam er? Der Diener zuckte die Achseln und erklärte, der Herr aus
-Sinvara sei kein anderer als der vornehmste Herr der ganzen
-Gegend, der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos
-leiblicher Vater. Und _der_ würde kommen. Im übrigen sei der
-Zweck seines Kommens wohl nichts weiter, als daß er sich danach
-umsehen wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er wollte selber
-dies verfluchte Roulette sehen, das sein Kind ruinierte und
-dessen Mutter so viel Kummer bereitete.
-
-»Alle diese Nachrichten interessieren mich nicht,« antwortete
-ich dem Diener. »Dagegen habe ich um Thee gebeten. Adieu!«
-
-Und dann ging der Diener.
-
-Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung im Hotel, der Herr
-war gekommen. Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in heller
-Kleidung, er selber in dunkler. Er war ernsthaft und bestimmt. Die
-Kirchenglocke läutete, denn schon beim Betreten des Dorfes hatte
-der Herr der Kirche eine große Summe versprochen, die deren
-Zukunft völlig sicherte. Er hatte außerdem die Flaggenstange des
-Posthauses mit einer neuen Flagge bedacht. Aus diesem Grunde
-war das ganze Dorf in gehobener Stimmung. Die Diener erhielten
-einen freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen, und der
-Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen Uniform umher.
-
-Der Herr von Sinvara war ein würdiger Mann von einigen sechzig
-Jahren, ein wenig korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt von
-dem stillen Leben, das er führte, aber mit gewichstem Schnurrbart
-und jungen Augen; er hatte außerdem eine lustige, aufwärts
-gebogene Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst Yariws
-Freund war, er hatte zwei hohe Orden, trug sie aber selten, weil
-sein Auftreten auch ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend
-war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete den Hut ab und
-antwortete.
-
-Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah er alle die neugierigen
-Menschen an, die ihn bis an das Hotel begleitet hatten, und er
-gab ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief er sogar aus dem
-Haufen heraus und schenkte ihr mit eigener Hand ein Goldstück.
-Aber das Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben klein,
-auch war sie nicht mehr unter sechzehn, siebzehn Jahre alt.
-
-Plötzlich sagt er:
-
-»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«
-
-Pavo, der ganz entzückt über den Einfall des Vaters ist, geht vor
-ihm her die Treppe hinauf. Alle folgen ihnen.
-
-Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit empfangen. Das
-Rad ist in vollem Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein
-brünetter Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig
-vor seinem Freund, dem großen Herrn von Sinvara Platz.
-
-Im selben Augenblick ruft der Croupier:
-
-»Dreizehn!«
-
-Er heimst alles Geld ein.
-
-Da lagen Haufen von Silber, viele große goldene Münzen und ganze
-Packen von Papiergeld auf dem Tisch, alles verschwindet in dem
-eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch. Und es wird von
-neuem Geld gesetzt, so stillschweigend und ruhig, als sei nichts
-geschehen. Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn
-einen großen Coup. Aber niemand spricht, das Spiel geht seinen
-Gang, das Rad saust herum, wird langsamer, steht still: Wieder
-dreizehn!
-
-»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals und heimst das Geld ein.
-
-Diese beiden Coups haben ihn um viele hundert Goldstücke reicher
-gemacht, als er war. Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft
-eine ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne sie zu zählen.
-Niemand spricht, es ist sehr still rings umher, einer der Diener
-stößt in seiner Erregung ein leeres Weinglas gegen den Tisch,
-ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den dumpfen Laut des
-Rades, das sich dreht.
-
-»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der Herr von Sinvara.
-
-Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde kennt, teilt ihm alles
-darüber mit. Der große Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch
-genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet er. Und als sei es
-sein eigenes Geld, das auf dem Spiel steht, rückt er unruhig auf
-seinem Stuhl hin und her.
-
-»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet Pavo. »Er
-arbeitet nur mit dem Gewinn des Tages. Der versteht zu spielen.«
-
-Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte viel gewonnen; ein
-Diener stand fortwährend neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu
-reichen, sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es fallen ließ,
-ihm alle möglichen Dienste zu leisten, alles in der Hoffnung auf
-eine gute Belohnung, sobald das Spiel beendet war.
-
-Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger Rumänier steht neben
-ihm. Er spielt ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn
-hat er eine ungeheure Summe verloren, da er eigensinnig auf seine
-eigene, unglückliche Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb
-hinter dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand über dessen
-Schulter, wenn er seinen Einsatz macht. Sein Arm zittert.
-
-»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.
-
-Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:
-
-»Verloren!«
-
-»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater fort. »Sage es ihm von
-mir. Warte, ich will es selber thun.«
-
-Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht erlaubt, Ratschläge zu
-erteilen, -- »ebenso wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso
-wenig, wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«
-
-Der Vater sieht ihn verwundert an. Er begreift nicht, daß in
-Pavos Herzen schon die Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.
-
-»Hier stehen ja so viele andere, die auch nicht spielen!« wendet
-er ein.
-
-»Das sind Spieler, die nur darauf warten, daß die Reihe an sie
-kommt,« lügt Pavo.
-
-Da zieht der Herr von Sinvara mit großer Vorsicht sein
-Taschenbuch hervor.
-
-»So, spiele!« sagt er, -- »spiele ein wenig, zeige es mir. Aber
-ganz niedrig, ungefährlich.«
-
-Gleich darauf aber ergreift er den Arm des Sohnes und verlangt
-Aufklärung über die sonderbare Zahl dreizehn:
-
-»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist das nicht ein Betrug vom
-Croupier? Sage ihm das doch!«
-
-Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch wieder einzustecken,
-als ihm plötzlich ein Gedanke kommt. Er zieht einige Scheine
-heraus, schiebt sie Pavo hinüber und sagt:
-
-»Setze auf dreizehn!«
-
-Pavo wendet ein:
-
-»Die dreizehn ist zweimal hintereinander herausgekommen.«
-
-Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:
-
-»Ja! Setze auf dreizehn!«
-
-Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück auf Nummer
-dreizehn und lächelt nachsichtig über diese Thorheit.
-
-»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es noch einmal. Setze das
-Doppelte!«
-
-Pavo machte keine langen Einwendungen. Dies ist zu komisch. Man
-wechselt die Plätze am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern
-die doppelte Summe, und alle wollen den sonderbaren Spieler, den
-Herrn von Sinvara sehen. Er selber ist schon sehr interessiert,
-seine lebhaften Augen folgen den Bewegungen des Rades, er rückt
-auf dem Stuhle hin und her. Er ballt seine etwas fette Hand, an
-dem einen Finger trägt er zwei kostbare Ringe.
-
-Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig statt der erwünschten
-dreizehn nennt, ruft er:
-
-»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn! Setze hundert!«
-
-»Aber --«
-
-»Setze hundert!«
-
-Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der Zeiger rast zwanzig,
-dreißig Mal über jede Zahl hin, er sucht zwischen allen diesen
-Chancen, Rot und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis
-siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht das
-ganze System, beschnüffelt jede Zahl und bleibt stehen.
-
-»Dreizehn!« ruft der Croupier.
-
-»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt der Herr von Sinvara.
-Und er brüstet sich und läßt alle Umherstehenden hören, was er
-sagt: »Setze noch einmal, setze hundert auf dreizehn!«
-
-»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater. Dreizehn kommt
-wahrscheinlich den ganzen Abend nicht mehr heraus.«
-
-»Setze hundert auf dreizehn!«
-
-»Warum willst du das Geld wegwerfen?«
-
-Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig, er machte eine Bewegung,
-als wollte er dem Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber
-und sagte:
-
-»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht hätte, die Bank zu sprengen
-und das abscheuliche Roulette um einer gewissen Ursache willen zu
-zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«
-
-Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein Lächeln mit dem
-Croupier, und der Rumäne lachte laut auf. Das Pharaospiel am
-Nebentisch hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit war auf das
-Roulette gelenkt.
-
-»Dreizehn!«
-
-»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von Sinvara. »Da ist das
-Geld. Wie viel soll hier sein? Zähle es nach!«
-
-Pavo war ganz bestürzt.
-
-»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte er ganz geschlagen.
-»Du hast im ganzen fünftausend gewonnen.«
-
-»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie du es machst. Setze
-auf Rot!«
-
-Pavo setzte auf Rot und verlor.
-
-Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern zu.
-
-»So also spielst du! Siehst du denn nicht, wohin das führt? Man
-hat mir erzählt, du habest die Bank dreimal gesprengt, das war
-gut gemacht. Aber warum hast du alles wieder verloren? Setze auf
-Gerade!«
-
-»Wieviel?«
-
-»Soviel du willst. Setze sechshundert.«
-
-»Sechshundert ist zu viel.«
-
-»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch mehr setzen sollst. Ja,
-ich will es! Setze zwölfhundert auf Gerade.«
-
-Gerade verlor.
-
-Da erhob der Herr von Sinvara seinen fetten Finger drohend und
-sagte heftig:
-
-»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen zwölfhundert verloren.
-Jetzt entferne dich. Ich wünsche es.«
-
-Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er lachte, lachte wie ein
-Besessener. Ob ich jemals so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt
-da und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner Dummheit. Gott
-halte seine Hand gnädig über ihm. Welch ein Einfall von dem guten
-Mann, Roulette spielen zu wollen!«
-
-Pavo redete alle an, die er traf und erklärte ihnen unter lautem
-Lachen, was für einen Einfall der Vater gehabt habe.
-
-Späterhin am Abend hörte ich, der Herr von Sinvara habe
-neuntausend verloren, ehe er die Bank verließ.
-
-
-III
-
-Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon des Hotels und rauchte in
-Gesellschaft des Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.
-Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf, der Herr von
-Sinvara habe eben nach seinem Sohn geschickt. Ich war gerade im
-Begriff, ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit zu
-erteilen, der Russe aber hielt mich zurück. Er war neugierig
-geworden.
-
-»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen doch sehen, was jetzt
-kommt. Er schickt zu nächtlicher Stunde nach Pavo!«
-
-Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend. Pavo kommt. Der
-Vater geht ihm bis vor die Hoteltreppe entgegen.
-
-»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend bei dem verfluchten
-Roulette verloren. Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
-konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt mich, es war genau
-die Summe, die ich der Kirche gelobt hatte. Ich muß sie
-zurückgewinnen. Ich finde keine Ruhe, bis ich dies Geld wieder in
-Händen habe. Ich muß nach der Bank zurück.«
-
-Pavo steht stumm da.
-
-Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr vor Staunen. Er sagt
-kein Wort.
-
-»Was stehst du da!« ruft der Vater aus. »Das Spiel hört ja nicht
-vor Mitternacht auf, wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
-keine Zeit verlieren.«
-
-Und von dannen ging es.
-
-»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir. »Lassen Sie uns
-hineingehen. Dort wird sich etwas ereignen.«
-
-Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie immer, wenn Mitternacht
-naht, wurden größere Summen als zu Anfang des Abends gewagt. Der
-Prinz sitzt noch immer finster und ruhig auf seinem Platz, setzt
-Geld und gewinnt. Es lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
-Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen, besorgt alles
-mit der größten Ruhe, setzt Hände voll Geld, ohne es jedoch zu
-zählen. Nichts stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende
-Rumäne, der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig und
-bescheiden gewonnen hat, wieder anfängt zu verlieren. Auch er
-stapelt sein Geld auf und versucht in jedem freien Augenblick, es
-zu zählen, es in Haufen zu je eintausend zusammen zu legen, um
-einen Überblick über den Bestand zu behalten; aber er ist zu
-unruhig, seine Hände zittern, er muß auch die ganze Zeit hindurch
-das Rad beobachten, und er giebt es schließlich auf zu zählen.
-Wie dumm er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt vier Nummern,
-hält ununterbrochen diese Zahlen wie ein trotziges Kind, das
-nichts aufgeben will. Er würde vielleicht lieber ohne einen roten
-Heller vom Tische gehen, als diese Chance aufgeben.
-
-Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür, als Vater und Sohn
-wieder eintreten, er macht auch neben sich Platz. Dann setzt er
-das Spiel kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er scheint
-sich eines großen Respekts bei den Spielern zu erfreuen.
-
-»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, -- »du spielst wie gewöhnlich,
-was du selber willst. Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
-meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«
-
-Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem alten Militär mit
-einem Arm, und dieser teilt ihm mit, daß Rot sieben Mal
-hintereinander herausgekommen ist. Deshalb setzt Pavo auf
-Schwarz.
-
-»Gerade -- vierundzwanzig -- siebzehn zu vierunddreißig -- Rot!«
-meldet der Croupier und streicht das Geld ein.
-
-»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber doch nach deinem Kopf,«
-sagt der Herr von Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
-Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe? Jetzt setzest du
-auf Rot!«
-
-Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen kam Rot an die Reihe,
-traf das Kreuz des Rumänen und brachte ihn wieder auf die Beine.
-Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit getrieben, hatte er
-diesmal eine kolossale Summe auf seine vier Zahlen geworfen, und
-von Trotz verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig, ob er
-gewann oder verlor. Als das Rad stillstand und der Zeiger auf
-einer von seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
-den Diener, der hinter dem Stuhl des Prinzen stand und gab ihm,
-ohne ein Wort zu sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
-mit zitternden Händen.
-
-»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast nun abermals verloren. Du
-hast gar kein Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen, und
-ich thue es um deiner selbst willen. Diese Nacht will ich dich
-bessern. Pavo, hast du mich verstanden?«
-
-Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr wohl. Er weiß, daß
-sein guter Vater schon von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
-selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine Lust, teilzunehmen.
-Er durchlebt so heftig wie nur irgend jemand die Qualen des
-Spiels, bei den großen Chancen stockt sein Blut, er hört seinen
-eigenen Atem. Ach, das alles versteht Pavo nur zu gut!
-
-Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
-geistesabwesend. Der Croupier macht ihn darauf aufmerksam, daß er
--- der hochverehrte Spieler -- gegen sich selber spielt, und er
-wundert sich in seinem stillen Sinn über Pavo. Ich selber werde
-darauf aufmerksam, daß Pavo einmal über das andere Geld
-zurücknimmt, das er bereits gesetzt hat, gleichsam um es zu
-retten, ehe das Rad stillsteht. Ist er vernünftig geworden?
-Fürchtet er das Unglück?
-
-Der Russe aber führt mich an ein Sofa am Ende des Saales und
-fängt an über Pavo zu reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
-plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo war im Grunde klug wie
-ein Teufel, er verstand sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
-Vater und Sohn hinüber und sagte:
-
-»Von den beiden ist der Sohn am geringsten besessen. Pavo hat
-schon gemerkt, daß die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er
-will ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er will wirklich
-versuchen, den Alten zurückzuhalten. Nicht wahr, das ist
-brillant? Es kann Pavo nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater
-ruiniert.«
-
-Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette geht etwas Ungewöhnliches
-vor sich, alle haben den Herrn von Sinvara und seinen Sohn
-umringt. Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst die drei
-Bergbauern in den großen, grauen Mänteln mit den Metallgürteln
-und die alten Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen und
-unter sich um Weinkannen gespielt haben, stehen auf und mischen
-sich unter die Menge am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.
-
-»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe. Er ist sehr erregt.
-
-Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen mit Nummer dreizehn
-zu operieren. Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
-und den Einsatz persönlich besorgt. Seine fetten Hände wühlten in
-den Scheinen, zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
-eifrig bemüht, es zu zählen und in Haufen zu ordnen. Er spricht
-nicht und Pavo sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene ist
-sehr finster.
-
-»Dreizehn!« meldet der Croupier.
-
-Der Herr von Sinvara zuckt zusammen, und selbst Pavo sieht ganz
-blödsinnig aus. Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
-Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke in die Bank. Der
-Croupier zahlt die Summe mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
-setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle Launen des Hazards
-gesehen, hat die verzweifeltsten Dinge erlebt. Der Prinz bleibt
-einen Augenblick fassungslos stehen, gleich darauf packt er all
-sein Geld zusammen, scheidet das Geld von dem Papier und stopft
-alles in seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein, das er in
-einem Zuge austrinkt, dann steht er auf und schließt mit dem
-Spiel ab. Beim Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
-links, an alle Diener, die ihm in den Weg kommen.
-
-Der Herr von Sinvara aber stößt seinen Sohn gegen den Arm und
-sieht ihn mit fieberglühenden Augen an.
-
-»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich spielen lehren? Ich
-spiele euch doch alle unter den Tisch!«
-
-Und er lacht kurz und laut auf, zu den erstaunten Zuschauern
-gewendet. Entzückt über sein Glück wirft er noch eine Summe auf
-die dreizehn.
-
-»Laß das da stehen,« sagt er, -- »laß das Geld nur da liegen,
-sage ich. Dreizehn ist ja doch eine sonderbare Zahl.«
-
-Der Croupier aber holt sein Geld mit der Harke weg. Er thut es
-zögernd, er hätte gewiß gern gesehen, daß die dreizehn noch
-einmal herausgekommen wäre, um den reichen Spieler zu ermuntern,
-der ja doch früher oder später seine Beute werden muß.
-
-Nach vier vergeblichen Versuchen mit der dreizehn geht dem Herrn
-von Sinvara die Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.
-
-»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr auf dreizehn. Ich habe
-auf dieser dummen Zahl genug verloren.«
-
-Er wird immer gereizter, ein Diener mit knarrenden Schuhen wird
-gebeten, seiner Wege zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
-Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn einzuziehen und
-dadurch das Spiel verzögert. Der Herr von Sinvara fängt auch an,
-sich über alle die Zuschauer zu beklagen, die ihn fortwährend
-umstehen. Haben die denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt das
-junge Mädchen aus der Menge heran und sagte:
-
-»Habe ich _dir_ nicht vorhin das Goldstück gegeben?«
-
-Das Mädchen errötet und macht einen tiefen Knix.
-
-»Ja, Herr!« antwortet sie.
-
-»Aber warum gehst du denn nicht weg, mein Kind?«
-
-Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber sie schwieg und schlug
-die Augen nieder. Der Herr von Sinvara sah sie genauer an und
-reichte ihr noch ein Goldstück.
-
-»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel, nach Mitternacht zu mir!«
-
-Das kleine Mädchen erglühte über das ganze Gesicht und knixte
-voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich aus der Menge zurück,
-lächelte allen zu und ging.
-
-Der Herr von Sinvara wandte sich wieder dem Spiel zu.
-
-»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,« sagte er. »Hier ist so
-viel, was stört. Jagt die Fliegen hinaus!«
-
-Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne hatte Glück. Der Herr von
-Sinvara beobachtete das Glück mit großem Unwillen.
-
-»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein paar elende Scheine
-habe?« sagte er zu Pavo. »Aber ich gebe es nicht auf, ich
-verliere alles. So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht
-ist das meine Farbe.«
-
-Rot gewann.
-
-»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze noch einmal. Es ist
-ein Versuch.«
-
-Rot verlor.
-
-Da war die Geduld des Herrn von Sinvara erschöpft.
-
-»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite zu. »Du bringst mir
-Unglück! Kannst du denn nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich
-muß Revanche haben, ich will mein Geld wieder haben!« Im selben
-Augenblick fiel ihm aber ein, welche Rolle er spielen wollte, und
-er fügte hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue. -- Ich
-will dich bessern.«
-
-»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.
-
-»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst wieder zurück. Ich tue
-das alles um deinetwillen. Jetzt mach, daß du fortkommst.«
-
-Und Pavo erhob sich und ging.
-
-
-IV
-
-Es war fast zwölf Uhr.
-
-Ein Spieler nach dem andern erhob sich vom Roulettetisch, nur der
-Rumäne und der einarmige Militär hielten noch stand. Der
-weißbärtige Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte einen kleinen
-Schein, spielte brutal um kleine Münze und gewann. Er hatte
-fortwährend Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.
-
-Der Herr von Sinvara operierte auf ganz andere Weise, bei dem
-geringsten Glücksfall wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht
-alles in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn verließ. In
-zwei Zügen hatte er darauf sechshundert gewonnen, die er sofort
-einsetzte und verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert und
-er erregte auch die Sympathie der Umherstehenden. Der Prinz, der
-als Zuschauer in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig
-ein großes Glas Wein für den Herrn von Sinvara.
-
-»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten Sie für heute abend
-auf.«
-
-Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg und erteilte diesen
-Rat mit lauter Stimme. Der Herr von Sinvara antwortete nicht, er
-sah nur auf, geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch
-genommen, und trank den Wein schweigend aus.
-
-Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden zu wollen, er
-gewann dreimal, Schlag auf Schlag.
-
-»So müssen Sie spielen,« sagt er munter und liebenswürdig zu dem
-alten Militär. Dieser aber hörte nichts, er ist so in Anspruch
-genommen von seinem Spiel um den herkömmlichen kleinen Schein.
-Der Rumäne beobachtet aufmerksam die nervöse Erregung, in der
-sich der Herr von Sinvara befindet, er wechselt einen Blick mit
-dem Croupier und zieht seinen letzten Gewinn ein. Auch er
-beschließt das Spiel.
-
-Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank. Sein Geld beläuft sich
-auf ein paar hundert, die setzt er auf Schwarz und verliert. Er
-sieht verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.
-
-»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!« rast er.
-
-Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der Croupier läßt ihn
-nicht aus den Augen; mechanisch bezahlt er dem alten Krieger
-seinen Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr von Sinvara
-sitzt noch immer regungslos da, er scheint zu überlegen. Warum
-geht er denn nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,
-einen nach dem andern, und reicht sie über das Rad hinweg dem
-Croupier hin. Dieser wirft einen Blick darauf, legt sie ruhig in
-sein eisernes Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem Herrn
-von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand spricht ein Wort. Er
-hält die schweren Rollen eine ganze Minute in der Hand, er
-zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er eine heftige
-Bewegung, er erhebt sich halb vom Stuhl und setzt die Rollen eine
-nach der andern auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in den
-Papierhüllen.
-
-Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht und lautlos, zögert
-bald bei dieser, bald bei jener Zahl, hält endlich an.
-
-»Rot!«
-
-Der Herr von Sinvara springt auf. Er greift sich mit beiden
-Händen an den Kopf und schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt
-den Tisch.
-
-
-V
-
-Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase von Hoteldiener mir
-erzählen, daß der Herr von Sinvara am vorhergehenden Abend
-vierundfünfzigtausend beim Roulette verloren habe. Pavo
-dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt, er, der Diener, habe
-ihn bei der Pumpe getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und
-habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt. Übrigens
-könne kein Priester so predigen wie Pavo, wenn ihm das in den
-Sinn kam. -- »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal über das
-andere ausgerufen. »Wende dem Versucher den Rücken! Gieb ihm
-deinen Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so tief gesunken,
-daß ich -- dein verlorener Sohn -- dich warnen muß?«
-
-Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet, der Diener meinte,
-er habe sich die Rede eingeübt, die er dem Vater heute morgen
-halten wollte.
-
-Der durchtriebene Diener steckte seine Nase in alles und wußte
-überall Bescheid.
-
-»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.
-
-Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt und auch nicht um meine
-Rechnung gebeten.
-
-»Woher weißt du das?« fragte ich.
-
-»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie haben aber die
-Nachsendung ihrer Briefe im Posthaus bestellt, und Sie haben auch
-einen Wagen um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«
-
-Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich hatte ein Gefühl, als
-würde ich von diesem klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte
-mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger Zorn erfaßte mich, ich
-konnte seinen unverschämten Blick nicht ertragen; er hatte ein
-paar Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger Zugwind.
-
-»Mach, daß du wegkommst, du Hund!« sagte ich.
-
-Er stand ganz still. Der unverschämte Mensch rührte sich nicht
-vom Fleck. Er hielt die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran
-dachte er, und was machte er mit den beiden Händen auf dem
-Rücken? Hatte er irgend etwas vor?
-
-»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,« sagte er endlich.
-Weiter sagte er nichts, aber er starrte mich unverwandt an. Ich
-trete hinter seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was er
-vorhatte. Er hatte nichts in den Händen, er hielt sie gefaltet
-und rang sie heftig. Ich trete wieder vor ihn hin. Seine
-Schultern beben und seine Augen haben sich mit Thränen gefüllt.
-Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben, und ich bin im Begriff,
-es wieder gut zu machen, als er plötzlich eine Bewegung auf mich
-zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt in seiner Hand, ein
-lächerlich aussehender Thürschlüssel mit zwei Bärten. Er hebt ihn
-in die Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine Hand sinkt
-herab, der dumpfe Schlag hat sie lahm gemacht. Ich bin ganz starr
-über seine Frechheit, ich kann kein Wort sagen und stehe
-regungslos auf demselben Fleck. Er legt seine Hände wieder auf
-den Rücken. Nach einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die
-Thür zu.
-
-»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal schlagen will,« sagt er.
-»Aber das brauchen Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«
-
-Ich öffne die Thür mit der linken Hand und erwidere kühl:
-
-»Geh und hole meine Rechnung!«
-
-Der Diener verneigt sich tief vor mir und geht. Ich höre ihn
-laut schluchzen, als er zur Thür hinaus ist. -- --
-
-Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand schmerzte zu heftig,
-und ich fühlte mich ziemlich krank. In meinem Handgelenk
-befanden sich zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,
-zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis an die Schulter
-hinauf an. Welche Roheit von einem Diener! Er schien indessen
-seinen Überfall sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus für den
-Arm und legte mir einen Verband um die Wunde; jetzt hinterher
-konnte niemand behilflicher sein als er. Er sorgte auch dafür, daß
-in den Nebenzimmern alles still war, nachdem ich mich am Abend zur
-Ruhe begeben hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.
-Einen Haufen betrunkener Bauern, die gegen ein Uhr des Nachts vor
-meinen Fenstern stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.
-Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil sie die nächtliche
-Ruhe eines kranken, vornehmen Herrn störten, eines Fürsten, der
-sein Handgelenk verletzt habe.
-
-Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne daß er kam. Ich war
-in gereizter Stimmung und sehr krank, ich zog heftig an der
-Glocke und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn die Straße
-heraufkommen. Er war ausgewesen. Als er in mein Zimmer kam,
-konnte ich mich nicht enthalten zu sagen:
-
-»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich will gern das
-Doppelte bezahlen, wenn Sie glauben, daß Sie es verdienen.
-Bringen Sie mir Thee.«
-
-Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten. Er erwiderte nichts,
-sondern eilte hinaus, um den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich
-ganz gerührt durch seine Geduld und Demut; er hatte vielleicht
-nie im Leben ein freundliches Wort erhalten, jetzt war ich auch
-unbillig gewesen. Ich wollte mein Unrecht gleich wieder gut
-machen. Deswegen sagte ich, als er zurückkam:
-
-»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas wieder sagen. Ich bin heute
-auch krank.«
-
-Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit zu sein und
-entgegnete:
-
-»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere Sie, daß es eine
-ganz notwendige Besorgung war.«
-
-Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert, kam sofort die alte
-Geschwätzigkeit wieder zum Vorschein. Er steckte voller
-Geschichten und war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten
-über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.
-
-»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte er, »so hat der Herr von
-Sinvara in diesem Augenblick einen Mann nach Hause geschickt, um
-Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint, er werde sich am Roulette
-ruinieren. Seine Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«
-
-»Es ist gut!« sagte ich.
-
-»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern sahen, ist übernacht bei
-ihm gewesen. Sie ist aus den Bergen, sie hat sich eine solche
-Erhöhung sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr Vater wollte es
-nicht glauben.«
-
-Gegen Abend saß ich wieder draußen auf dem Balkon und beobachtete
-den Verkehr unten auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in der
-Binde. Der Russe lag auf einer Bank neben mir und las in einem
-Buch. Plötzlich sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse, daß
-der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt habe, um mehr Geld
-holen zu lassen. Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft mit
-Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine Standrede gehalten und der Vater
-habe ihm recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts sagen
-lassen, er behaupte, er wolle wenigstens sein Geld wieder haben.
-Ob man sich einbilde, daß er diesem Komplott von Räubern alles in
-allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde überlassen wolle?
-Dann irre man sich sehr. Er wolle übrigens nicht allein spielen,
-um nur seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten Leute, die
-ihn so bedauert hatten, als er seine Ringe verloren habe, sollten
-nur wissen, daß er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring
-an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch arm zu werden.
-
-»Und das ist wahr,« sagte der Russe, -- »er ist schon ein so
-eingefleischter Spieler, daß es ihm nicht in erster Linie um
-seinen Verlust zu thun ist. Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz,
-die Spannung, die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«
-
-»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu gesagt?«
-
-»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt. »Richte dich wieder
-auf, Mensch! Nimm dir ein Beispiel an mir!«
-
-Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme war traurig gewesen,
-und von Zeit zu Zeit hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es
-war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten jungen
-Sünder eine Tugend heucheln zu sehen, deren er längst verlustig
-war. Er war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede zu
-halten. Der Vater hatte behauptet, er spiele nur um des Sohnes
-willen, er wollte diesen von dem Laster erretten, und zu dem Zweck
-würde er nicht sparen. Da war Pavo heftig geworden: er habe sein
-ganzes Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der Vater
-dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine Kleinodien in aller
-Beisein verpfändet. Er, Pavo, habe seine Würde aufrecht erhalten,
-er habe nie eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe
-unberührt da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich habe
-Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.
-
-»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe mir selber gelobt, dir die
-Folgen deiner Ausschweifungen zu zeigen, und das werde ich thun.
-Leb wohl, Pavo!«
-
-Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er war direkt von dem Vater in
-die Spielhölle gegangen.
-
-»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich die Absicht des Vaters
-ist, Pavo auf diese Weise wieder auf den rechten Weg zu bringen?«
-fragte ich den Russen.
-
-Er schüttelte den Kopf.
-
-»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen. Außerdem ist der
-Alte ebenso darauf versessen wie der Junge.«
-
-Jetzt sprachen alle von dem Herrn von Sinvara und seinem Spiel.
-Das sei ihm ganz einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch
-höher als bisher und machte ein fröhliches Gesicht. Hin und
-wieder ließ er sich zu einem Scherz mit seiner Umgebung herab.
-
-»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach ja, ich bin sehr arm
-geworden, sogar meine Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«
-
-Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo er kein Geld mehr hatte,
-aber er ließ sich von den Dienern über den Gang des Spieles
-berichten, wer verlor und wer gewann, wieviel gewagt wurde, wer
-am kühnsten spielte. Der Russe kam am nächsten Tage und erzählte
-mir, der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang zu Gott um Glück
-gefleht; er wolle nur das verlorene Geld wieder haben, dann wolle
-er auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter Stimme gelobt und
-sogar dabei geweint. Der Russe hatte das von dem Hoteldiener
-gehört, der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.
-
-
-VI
-
-Es vergingen drei Tage. Meine Hand schmerzte nicht mehr, ich
-hatte beschlossen, am Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
-einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem war ich auf der
-Polizei, um meinen Paß unterschreiben zu lassen. Auf dem Rückwege
-kam ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich gegen meinen
-Willen an, Interesse für diesen Mann und seinen Vater zu fassen.
-Alle Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war voll von
-Geschichten über diese beiden Menschen, ich konnte schließlich
-nicht mehr umhin, ebensoviel wie die anderen an sie zu denken und
-jeden Tag nach dem Herrn zu fragen.
-
-Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden Abend hatte ich gehört,
-daß er eine große Summe im Pharao gewonnen habe. Er hatte einen
-fremden Reisenden seiner ganzen Barschaft beraubt, und ihm dann
-hinterher ein paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
-Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet, und die Bank um
-ein ganzes Vermögen geschädigt.
-
-»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald ich sein Zelt betrat,
--- »denken Sie nur, der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
-hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte seine Ringe
-einlösen. Es fällt mir natürlich nicht im Traum ein, eine solche
-Dummheit zu begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that mir
-leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu müssen. Aber ich habe
-es um seiner selbst willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
-Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar werden, wohin es führt,
-wenn man sich in Thorheiten stürzt. Ich finde, daß ich ganz
-richtig gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«
-
-Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick zurück. Er war
-selbstbewußt und sicher geworden durch das ungeheure Glück des
-vorhergehenden Abends, das seine Taschen wieder mit Geld gefüllt
-hatte. Während er sprach, senkte er die Stirn, verbarg sie,
-tauchte sie unter, als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
-logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug. Aber er hatte den
-schönsten Hals, den man sich denken konnte, und einen feinen,
-roten Mund.
-
-»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.
-
-»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete ich.
-
-»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen die Rede eines
-vernünftigen Mannes nicht.«
-
-Er zuckte heftig die Achseln und lief vor seinem Ladentisch auf
-und nieder. Dann stand er still und fragte:
-
-»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen, da Sie sich die Mühe
-gemacht haben, mich aufzusuchen?«
-
-Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel, wofür ich aber im
-Grunde keine Verwendung hatte. Als ich das Gewünschte erhalten
-hatte, entfernte ich mich wieder.
-
-Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als der Diener auf mich
-zustürzte und mir erzählte, der Kurier des Herrn von Sinvara sei
-mit Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das Spiel von neuem
-zu beginnen, sobald die Bank geöffnet werde. Pavo wisse nichts
-davon. Pavo solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
-eine Bezahlung dafür erhalten, daß er nicht hinlief und es Pavo
-erzählte.
-
-Die Uhr wurde fünf.
-
-Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab sich der Herr von
-Sinvara dorthin. Er war in erregter Stimmung, er machte die
-eigentümlichsten Handbewegungen, als versichere er etwas, als
-gelobe er etwas.
-
-Der Prinz und der alte Militär waren auch zugegen, der Rumäne
-hingegen nicht, ein paar Fremde fingen auch an zu spielen.
-Zuerst löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.
-
-»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen Summen
-operieren,« sagte er zu dem Croupier, ohne ihn aber anzusehen.
-Seine Miene war von jetzt an kühl und vornehm.
-
-»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück schenken,« sagte der
-Croupier, indem er sich verneigte.
-
-Das Spiel begann.
-
-Der Herr von Sinvara sah entschlossen aus. Er setzte dreimal
-hintereinander auf Rot und gewann. Dann steckte er sein eigenes
-Geld in die Tasche und spielte von nun an nur mit dem Gewinn. Er
-macht ein paar Mal den Versuch mit dreizehn, verliert aber, der
-Wechsel des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar Mal auf Rot
-und gewinnt. Jetzt hat er eine beträchtliche Summe vor sich auf
-dem Tisch liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung, er
-wagt kühn, und um keine Zeit zu verlieren, bereitet er sich
-schon, ehe das Rad still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
-zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine Augen fallen auf
-ein schwarzes Quadrat auf dem Tisch, und er setzt eine große
-Summe auf dies Quadrat.
-
-Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam. Dieses schwarze
-Quadrat wird eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft, und er
-nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich, er hält einen
-Augenblick inne, er atmet tief auf. Das Rad dreht sich herum,
-aber der Herr von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen, er
-atmet noch immer tief auf. Sein kleines Mädchen kommt herein.
-Lächelnd und rosig nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt
-ihr ab.
-
-»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu setzen!« sagt er. Im
-nächsten Augenblick winkt er sie wieder heran. Das Rad ist stehen
-geblieben, der Zeiger steht auf Rot, und es war das Glück des
-Herrn von Sinvara, daß er es diesmal unterlassen hat, auf das
-schwarze Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren Ringe
-in die Hand des kleinen Mädchens und flüstert ihr etwas zu. Und
-das kleine Mädchen wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren
-eigenen Hals und läuft aus dem Saal hinaus.
-
-Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel fort, dummdreist,
-völlig mechanisch. Er nimmt mehrere Hände voll Geld, viele
-schwere Rollen und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt ihn
-eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine ängstliche Bewegung
-mit der Hand, als wolle er die Summe wieder zurückziehen,
-beherrscht sich aber und läßt sie stehen.
-
-Das Rad hält an.
-
-»Rot!«
-
-»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara. Und er lächelt den
-Umstehenden wieder triumphierend zu und spricht laut: »Wieder
-Rot! Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«
-
-Von diesem Augenblick an verliert er die Besinnung. Die Uhr wird
-zehn, mehrere Fremde kommen herein, die eigentlichen Spieler,
-deren Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt. Unter
-ihnen befindet sich der Rumäne. Ich vergaß meine Reise und rührte
-mich nicht vom Fleck, ich folgte den Operationen des Herrn von
-Sinvara mit der größten Spannung. Er selber merkte nichts von
-allen den neuen Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum, daß er
-Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück halluciniert ihn, und er
-arbeitet mit großen Summen auf mehreren Nummern zu gleicher Zeit.
-Eine Laune, eine plötzliche Eingebung, veranlaßt ihn, eine Hand
-voll Geld zu nehmen und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
-zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem Beispiel, alle um
-ihn her flüstern und warten.
-
-»Dreizehn!«
-
-Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne vor Verzweiflung. Der
-Herr von Sinvara hat einen neuen Einfall. Er richtet sich halb
-auf seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe auf Null.
-Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte Spiel schreckt alle
-zurück.
-
-»Null!«
-
-In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich den Rumänen
-fürchterlich fluchen. Gleich darauf kam Pavo zur Thür herein, von
-dem Hoteldiener gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte. Pavo
-ging gleich auf den Stuhl des Vaters zu; ohne etwas zu sagen,
-packte er ihn bei der Schulter und schüttelte ihn.
-
-Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab sich sofort. Er begriff,
-daß ihm kein Widerstand half, er war auch zu angegriffen.
-
-»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur. Mechanisch zieht er
-seinen letzten Gewinn ein, sammelt sein Geld und fängt an, seine
-Taschen zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen in wilder
-Unordnung, nimmt dann den letzten Haufen Scheine in die Hand,
-steht auf und geht mit Pavo.
-
-Der Croupier sieht den Davonziehenden mit wütenden Blicken nach;
-das Spiel gerät ins Stocken -- --
-
-Später erzählt man im Hotel, der Herr von Sinvara habe nicht nur
-seinen ganzen Verlust am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
-eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine Summe gewonnen. Man
-nannte siebenhundert als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
-darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand spielte aus ehrlicherem
-Herzen als er, und nun würde er dem Roulette sicher für ewige
-Zeiten den Rücken wenden.
-
- * * * * *
-
-
-VII
-
-Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine Sachen waren nach
-dem Dampfer hinuntergeschafft, meine Rechnung war bezahlt und
-alles geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen Geldschein in
-die Hand und sage ihm Lebewohl. Er zuckt heftig mit den weißen
-Augen und fängt an zu weinen. Der arme Teufel küßt mir die Hand.
-
-»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er gleich darauf und trocknet
-seine Augen, -- »der Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer
-wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.« Und der
-allwissende Mensch verfolgt mich bis zum letzten Augenblick mit
-seinen Geschichten. Pavo hatte seinem Vater wieder eine Rede
-gehalten. Als es nicht half, daß er ihm mit Fürst Yariw drohte,
-hatte er ihm eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt,
-mit der er sich leider erschießen müsse, um seine Ehre zu retten.
-Da hatte der Vater nachgegeben. Er wollte wirklich Fürst Yariws
-Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte er Gott hoch und
-teuer gelobt, mit dem Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld
-zurückgewonnen habe. Kurz: der Herr von Sinvara wollte nach Hause
-reisen.
-
-»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn unten am Dampfer.«
-
-Die Uhr schlug fünf.
-
-Im selben Augenblick, als der Spielsaal geöffnet wurde, begab ich
-mich an den Landungsplatz. Der Dampfer nahm eine Partie
-Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen auch wirklich der
-Herr von Sinvara und sein Diener, sie waren beide reisemäßig
-gekleidet. Es waren viele Menschen zugegen, Pavo sah ich aber
-nicht. Ich fragte einen alten Mann nach ihm, ich sagte:
-
-»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht an das Schiff?«
-
-»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges Mädchen, das gerade
-herzukam. »Einen Vater, der seine Ringe verspielt, kennt er
-nicht. Das sieht Pavo ähnlich.«
-
-Da stand auch das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie stand
-abseits und sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem Haupt.
-Der, nach dem sie ausschaute, schenkte ihr keinen Blick.
-
-Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf und nieder, bezahlte meinen
-Wagen und gab acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht waren.
-Der alte Diener des Herrn von Sinvara war schon da, ihn selber
-sah ich hingegen nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen
-um, auch sie war verschwunden.
-
-Die letzte Matte wurde in den Lastraum versenkt, und der letzte
-Passagier kam an Bord. Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen
-nach dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte. Wo war er
-geblieben? Sein alter Diener springt auf. Wo in aller Welt war
-sein Herr? Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch nicht ohne
-den großen Herrn abfahren! Wir durchsuchen alle das Schiff, den
-Kai, alle Ecken und Winkel, wir fragen alle Menschen nach ihm,
-und niemand vermag uns Bescheid zu geben. War er ins Wasser
-gefallen? Hatte er sich hineingestürzt und war in aller Stille
-ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine Ahnung, ein ganz
-sonderbarer Gedanke, ich bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu
-warten, dann würde ich vielleicht Auskunft über den Vermißten
-geben können.
-
-Ich springe an Land, ich eile nach dem Hotel, stürme die Treppe
-hinauf, in das blaue Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich
-die Thür und sehe hinein.
-
-Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn von Sinvara. Sie hat
-ihre errötende Miene wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und
-vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara wieder am
-Roulette.
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Knut Hamsun
-
-Die Königin von Saba
-
-und andere Novellen
-
-Dritte Auflage
-
-
-_Hamburger Fremdenblatt_: Wer es noch nicht gewußt hat, kann es an
-dem neuen _großartigen_ Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden,
-daß hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten
-der Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles _mit
-tiefem Seherblick_, seine Menschen sprechen lautere Wahrheit und
-bezahlen diese Wahrheit, die sie in der Natur schauen dürfen, mit
-seelischer Qual. Auch in dem neuen, _auf großer dichterischer Höhe
-stehenden Novellenbande_ tritt Hamsun dem Leser wieder in der
-Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner »Königin von
-Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch auf eine ganz kleine Skizze
-hinweisen: »Der Ring«, die, trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt,
-_das Werk eines echten Dichters ist_.
-
-_Literarisches Echo, Berlin_: Es ist nicht alltägliches in dem
-Buch, es enthält Dichtungen von überaus apartem Reiz, die uns so
-oft überraschen, da sie zu so unvermuteten Ausgängen geführt
-werden, ohne daß diese willkürlich wären. Hamsun versteht es
-wunderbar, mit wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er
-versteht es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen, und
-gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt.
-
-_Albert Langen, Verlag in München_
-
-
-
-
-Knut Hamsun
-
-Pan
-
-Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren
-
-Einundzwanzigste Auflage
-
-
-»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame Buch lesen,«
--- schreibt der »Hannoversche Courier« in einem längeren Artikel
--- »um den vollendeten Zauber seiner poetischen Stimmungen völlig
-genießen zu können. Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich
-atmen aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler Träume
-wechselt ab mit der _Innigkeit wahrster Empfindung_; Glut und
-Kälte, höchste Leidenschaft und tiefste Ermattung zugleich
-sprechen sich _in Worten von außerordentlicher Formvollendung_
-aus.«
-
-_Neue Freie Presse, Wien_: _Knut Hamsun_ ist ein merkwürdiger
-Schriftsteller, in vielen Dingen wohl der erste unter allen
-modernen Norwegern. Sein Roman »_Pan_« enthält viel Wunderliches,
-aber ein heller Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine
-so innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang
-mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen in alle ihre Reize und
-Geheimnisse ist wenigen gegeben. Hamsun ist ein Landschaftsmaler
-ersten Ranges mit der Feder.
-
-_Albert Langen, Verlag in München_
-
-
-
-
-Knut Hamsun
-
-Victoria
-
-Geschichte einer Liebe
-
-Fünfzehnte Auflage
-
-
-»_Victoria_« oder »_Die Geschichte einer Liebe_« kann nicht
-besser als mit diesem Untertitel charakterisiert werden. Wie
-Hamsun im »Pan« eine Symphonie über die _Natur_ schuf, die vor
-ihm vielleicht niemals intensiver künstlerisch erfaßt worden ist,
-so hat _Knut Hamsun_ in »_Victoria_« das _Hohe Lied der Liebe_
-gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit all der
-ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle, die nur
-Hamsun eigen sind.
-
-»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein _seltsames,
-unendlich feines Buch, warm und leuchtend wie ein Johannisfeuer
-in einer stillen Juninacht_.
-
-_Allg. Zeitung, München_: Was _Hamsun_ auszeichnet und ihm unter
-den zeitgenössischen Dichtern einen hervorragenden Platz sichert,
-das ist der Scharfblick, mit dem er in die Tiefen der Seelen
-dringt, die Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten
-inneren Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen
-weiß.
-
-_Albert Langen, Verlag in München_
-
-
-
-
-Einzelausgaben der Werke von _Knut Hamsun_
-aus dem Verlag von _Albert Langen_:
-
-
- _Hunger_, Roman 18. Auflage
- _Mysterien_, Roman 12. Auflage
- _Neue Erde_, Roman 8. Auflage
- _Pan_ (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren) 21. Auflage
- _Redakteur Lynge_, Roman 6. Auflage
- _Viktoria_, Geschichte einer Liebe 15. Auflage
- _Die Königin von Saba_, Novellen 3. Auflage
- _Sklaven der Liebe_, Novellen 6. Auflage
- _Im Märchenland_, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien 3. Auflage
- _Kämpfende Kräfte_, Novellen 3. Auflage
- _Schwärmer_, Roman 3. Auflage
- _Unter dem Halbmond_, Reisebilder 3. Auflage
- _Benoni_, Roman 5. Auflage
- _Rosa_, Roman 3. Auflage
- _Unter Herbststernen_, Erzählung eines Wanderers 3. Auflage
- _Gedämpftes Saitenspiel_, Erzählung eines Wanderers 5. Auflage
- _Die letzte Freude_, Roman 7. Auflage
- _Kinder ihrer Zeit_, Roman 11. Auflage
- _Die Stadt Segelfoß_, Roman 8. Auflage
- _Segen der Erde_, Roman 23. Auflage
- _Die Weiber am Brunnen_, Roman 15. Auflage
- _Abenteurer_, Ausgewählte Novellen 15. Auflage
- _Erzählungen_, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo 20. Auflage
- _An des Reiches Pforten_, Schauspiel
- _Abendröte_, Schauspiel
- _Munken Vendt_, Dramatisches Gedicht
- _Königin Tamara_, Schauspiel
- _Spiel des Lebens_, Schauspiel
- _Vom Teufel geholt_, Schauspiel
-
-
-
-
-Druck von Hesse & Becker in Leipzig
-
-
-
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Die folgende Tabelle enthält die vorgenommenen Änderungen.
-
- S. 12: .. -> ... (mit hinauf zu kommen! ... Aber ich habe nur)
- S. 34: später -> späten
- S. 66: Offentlichkeit -> Öffentlichkeit
- S. 66: Christen -> Kristen (hieß übrigens Nyke, Kristen Nyke)
- S. 68: Karl Johann-Toiletten -> Karl-Johann-Toiletten
- S. 69: Christen -> Kristen (unserer Koje hatten auch Kristen Nyke)
- S. 72: Getose -> Getöse (das Getöse unten sich ein wenig gelegt)
- S. 79: Offnung -> Öffnung
- S. 116: vorzubringen -> vorbringen
- S. 116: »Jetzt -> Jetzt (Jetzt bitte ich Sie eins zu beachten)
- S. 116: gekannt -> gekannt; (lange gekannt; wir hatten eine)
- S. 117: Ubergewicht -> Übergewicht
- S. 122: verwelten -> verwelkten
- S. 126: abgeschnittes -> abgeschnittenes
- S. 132: kommen? -> kommen! (Laß noch eine Flasche Wein kommen!)
- S. 152: einmal -> einmal, (noch einmal, setze hundert auf dreizehn)
- S. 153: Gerade? -> Gerade!
- S. 156: Uberblick -> Überblick
- S. 171: Rechnung! -> Rechnung!«
- S. 172: Uberfall -> Überfall
- S. 184: Rot!« -> Rot! (»Wieder Rot! Ja, ich hatte)
-
-
-
-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***
-
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-collection are in the public domain in the United States. If an
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-1.E.9.
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-Foundation
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diff --git a/41931-h/41931-h.htm b/41931-h/41931-h.htm
index eda0f8b..5c6772b 100644
--- a/41931-h/41931-h.htm
+++ b/41931-h/41931-h.htm
@@ -2,7 +2,7 @@
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-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=ISO-8859-1" />
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<title>The Project Gutenberg eBook of Sklaven der Liebe, by Knut Hamsun</title>
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<body>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 ***</div>
<h1 class="pg">The Project Gutenberg eBook, Sklaven der Liebe, by Knut Hamsun, Translated
by Mathilde Mann</h1>
-<p>This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-<p>Title: Sklaven der Liebe</p>
-<p> und andere Novellen: Sklaven der Liebe--Der Sohn der Sonne--Zachäus--Über das Meer--Ein Erzschelm--Vater und Sohn</p>
-<p>Author: Knut Hamsun</p>
-<p>Release Date: January 27, 2013 [eBook #41931]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***</p>
<p>&nbsp;</p>
-<h3 class="pg">E-text prepared by G. Decknatel, Norbert H. Langkau, Jana Srna,<br />
- and the Online Distributed Proofreading Team<br />
- (http://www.pgdp.net)</h3>
<div id="tnote">
<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
-übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
-korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text
<ins title="so wie hier">so gekennzeichnet</ins>. Der
-Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
-Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
+Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a>
findet sich am Ende des Textes.</p>
<p>Das <a href="#contents">Inhaltsverzeichnis</a> befindet sich
am Ende des Buches.</p>
@@ -343,7 +329,7 @@ am Ende des Buches.</p>
<p class="center page-break">Ein Verzeichnis<br />
der Werke Knut Hamsuns<br />
-findet sich am Schluß<br />
+findet sich am Schluß<br />
dieses Buches
</p>
@@ -351,28 +337,28 @@ dieses Buches
<p class="center" style="margin-bottom: 2em;"><big>Knut Hamsun</big></p>
<p class="center" style="margin-bottom: 1em; font-size: x-large">Sklaven der Liebe</p>
<p class="center" style="margin-bottom: 2em;">und andere Novellen</p>
-<p class="center" style="margin-bottom: 4em;"><small>Einzig berechtigte Übersetzung von <b>Mathilde Mann</b></small></p>
+<p class="center" style="margin-bottom: 4em;"><small>Einzig berechtigte Übersetzung von <b>Mathilde Mann</b></small></p>
<div class="center">
<img src="images/logo.png" width="113" height="57" alt="" />
</div>
<p class="center" style="margin-bottom: 4em;"><small>5. und 6. Tausend</small></p>
<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen</em><br />
-Verlag für Literatur und Kunst<br />
-<b>München 1922</b></p>
+Verlag für Literatur und Kunst<br />
+<b>München 1922</b></p>
</div>
<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a><a name="Sklaven_der_Liebe" id="Sklaven_der_Liebe">Sklaven der Liebe</a></h2>
<p class="drop-cap">Geschrieben<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a> von mir, geschrieben heute, um
mein Herz zu erleichtern. Ich habe meine
-Stellung im Café verloren und meine frohen
+Stellung im Café verloren und meine frohen
Tage.</p>
<p>Ein junger Herr in grauem Anzug kam
-Abend für Abend mit zwei Freunden und setzte
+Abend für Abend mit zwei Freunden und setzte
sich an einen meiner Tische. Es kamen so viele
Herren und alle hatten ein freundliches Wort
-für mich, nur er nicht. Er war groß und
+für mich, nur er nicht. Er war groß und
schlank, hatte weiches, schwarzes Haar und blaue
Augen, mit denen er mich zuweilen streifte, und
einen Anflug von Bart auf der Oberlippe.</p>
@@ -380,157 +366,157 @@ einen Anflug von Bart auf der Oberlippe.</p>
<p>Nun, er mochte anfangs wohl etwas gegen
mich haben. Er kam eine ganze Woche hindurch
ununterbrochen. Ich hatte mich an ihn
-gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
-ausblieb. Ich ging durch das ganze Café und
+gewöhnt und vermißte ihn, als er eines Abends<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
+ausblieb. Ich ging durch das ganze Café und
sah mich nach ihm um; endlich fand ich ihn an
-einer der großen Säulen am anderen Ende; er
-saß mit einer Dame vom Cirkus zusammen.
+einer der großen Säulen am anderen Ende; er
+saß mit einer Dame vom Cirkus zusammen.
Sie trug ein gelbes Kleid und lange Handschuhe,
-die bis über die Ellenbogen reichten.
-Sie war jung und hatte schöne, dunkle Augen,
+die bis über die Ellenbogen reichten.
+Sie war jung und hatte schöne, dunkle Augen,
&mdash; und meine Augen waren blau.</p>
<p>Ich blieb einen Augenblick bei ihnen stehen
-und hörte zu, wovon sie sprachen: sie machte
-ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig und
-hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen:
+und hörte zu, wovon sie sprachen: sie machte
+ihm Vorwürfe, sie war seiner überdrüssig und
+hieß ihn gehen. Ich dachte in meinem Herzen:
Heilige Jungfrau, warum geht er nicht zu mir?</p>
-<p>Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden
+<p>Am nächsten Abend kam er mit seinen beiden
Freunden und nahm wieder an meinem Tisch
Platz. Ich ging nicht heran, wie ich sonst
-wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie
+wohl that, sondern stellte mich, als hätte ich sie
nicht bemerkt. Als er mir winkte, trat ich an den
-Tisch und sagte: »Sie waren gestern nicht hier.«</p>
+Tisch und sagte: »Sie waren gestern nicht hier.«</p>
-<p>»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen
-ist,« sagte er zu seinen Kameraden.</p>
+<p>»Wie wundervoll unsere Kellnerin gewachsen
+ist,« sagte er zu seinen Kameraden.</p>
-<p>»Bier?« fragte ich.</p>
+<p>»Bier?« fragte ich.</p>
-<p>»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt
+<p>»Ja,« antwortete er. Und im Geschwindschritt
holte ich drei Seidel.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>Ein paar Tage vergingen.</p>
-<p>Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen
-Sie die hinüber zu ...«</p>
+<p>Er gab mir eine Karte und sagte: »Bringen
+Sie die hinüber zu ...«</p>
<p>Ich nahm die Karte, ehe er ausgesprochen
hatte und brachte sie der gelben Dame. Unterwegs
las ich seinen Namen: Wladimierz F.</p>
-<p>Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.</p>
+<p>Als ich zurückkam, sah er mich fragend an.</p>
-<p>»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.</p>
+<p>»Ja, ich habe sie hingebracht,« sagte ich.</p>
-<p>»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«</p>
+<p>»Und Sie haben keine Antwort erhalten?«</p>
-<p>»Nein.«</p>
+<p>»Nein.«</p>
-<p>Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:</p>
+<p>Er gab mir eine Mark und sagte lächelnd:</p>
-<p>»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«</p>
+<p>»Keine Antwort ist auch eine Antwort.«</p>
<p>Den ganzen Abend blieb er sitzen und starrte
-zu der Dame und ihren Begleitern hinüber.
+zu der Dame und ihren Begleitern hinüber.
Um elf Uhr stand er auf und ging an ihren
-Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren
-aber ließen sich näher mit ihm ein und schienen
+Tisch. Sie empfing ihn kühl, ihre beiden Herren
+aber ließen sich näher mit ihm ein und schienen
ihn zu foppen. Er blieb einige Minuten, und
-als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die eine
-Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen
+als er wiederkam, sagte ich ihm, daß in die eine
+Tasche seines Sommerüberziehers Bier gegossen
sei. Er zog ihn aus, wandte sich hastig um und
sah einen Augenblick nach dem Tisch der Cirkusdame
-hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher
-ab und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«</p>
+hinüber. Ich trocknete ihm den Überzieher
+ab und er sagte lächelnd zu mir: »Danke, Sklavin!«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>Als er ihn wieder anzog, half ich ihm und
-strich ihm heimlich über den Rücken.</p>
+strich ihm heimlich über den Rücken.</p>
<p>Er setzte sich, zerstreut. Einer seiner Freunde
bestellte noch Bier, ich nahm das Seidel und
wollte auch F.s Seidel nehmen. Er sagte aber:
-»Nein« und legte seine Hand auf die meinige.
-Bei dieser Berührung sank mein Arm plötzlich
+»Nein« und legte seine Hand auf die meinige.
+Bei dieser Berührung sank mein Arm plötzlich
herab, er merkte es und zog seine Hand sofort
-zurück.</p>
+zurück.</p>
<p>Am Abend betete ich zweimal vor meinem
-Bett auf den Knieen für ihn. Und ich küßte
-ganz glücklich meine rechte Hand, die er berührt
+Bett auf den Knieen für ihn. Und ich küßte
+ganz glücklich meine rechte Hand, die er berührt
hatte.</p>
<hr />
<p>Einmal schenkte er mir Blumen, eine Menge
-Blumen. Er kaufte sie bei dem Blumenmädchen,
+Blumen. Er kaufte sie bei dem Blumenmädchen,
als er hereinkam; sie waren frisch und rot und
-fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich
+fast ihr ganzer Vorrat. Er ließ sie bei sich
auf dem Tisch liegen. Keiner seiner Freunde
war mit da. Ich stand, so oft ich Zeit hatte,
-hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich
-dachte bei mir: Wladimierz F. heißt er.</p>
+hinter einer Säule und starrte ihn an, und ich
+dachte bei mir: Wladimierz F. heißt er.</p>
<p>Es mochte vielleicht eine Stunde vergangen sein.
-Er sah fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:</p>
+Er sah fortwährend nach der Uhr. Ich fragte ihn:</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>»Erwarten Sie jemand?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>»Erwarten Sie jemand?«</p>
<p>Er sah mich wie geistesabwesend an und
-sagte plötzlich:</p>
+sagte plötzlich:</p>
-<p>»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen
-Sie?«</p>
+<p>»Nein, ich erwarte niemand. Was fragen
+Sie?«</p>
-<p>»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand
-erwarteten.«</p>
+<p>»Ich meinte nur, ob Sie vielleicht jemand
+erwarteten.«</p>
-<p>»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das
-ist für Sie.«</p>
+<p>»Kommen Sie her,« erwiderte er. »Das
+ist für Sie.«</p>
<p>Und er gab mir die Blumen.</p>
<p>Ich dankte ihm, aber ich konnte nicht gleich
-ein Wort hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine
-blutrote Freude überkam mich; atemlos stand
+ein Wort hervorbringen, ich flüsterte nur. Eine
+blutrote Freude überkam mich; atemlos stand
ich vor dem Buffet, wo ich etwas holen sollte.</p>
-<p>»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.</p>
+<p>»Was wünschen Sie?« fragte die Mamsell.</p>
-<p>»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich
-wußte es selbst nicht.</p>
+<p>»Ja, was glauben Sie?« fragte ich. Ich
+wußte es selbst nicht.</p>
-<p>»Was ich glaube?« sagte die Mamsell.
-»Sind Sie verrückt?«</p>
+<p>»Was ich glaube?« sagte die Mamsell.
+»Sind Sie verrückt?«</p>
-<p>»Raten Sie einmal, von wem ich diese
-Blumen bekommen habe.«</p>
+<p>»Raten Sie einmal, von wem ich diese
+Blumen bekommen habe.«</p>
-<p>Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen
-das Bier für den Herrn mit dem Stelzfuß,«
-hörte ich ihn sagen.</p>
+<p>Der Oberkellner ging vorüber. »Sie vergessen
+das Bier für den Herrn mit dem Stelzfuß,«
+hörte ich ihn sagen.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,«
+<p><a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>»Ich habe sie von Wladimierz bekommen,«
sagte ich und eilte mit dem Bier davon.</p>
<p>F. war noch nicht gegangen. Ich dankte
ihm abermals, als er sich erhob, um zu gehen.
Er stutzte und sagte:</p>
-<p>»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«</p>
+<p>»Ich kaufte sie eigentlich für eine andere.«</p>
-<p>Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine
+<p>Nun ja. Er hatte sie vielleicht für eine
andere gekauft. Aber ich bekam sie. Ich
-bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft hatte.
-Und so durfte ich ihm auch dafür danken.
+bekam sie, nicht die, für die er sie gekauft hatte.
+Und so durfte ich ihm auch dafür danken.
Gute Nacht, Wladimierz.</p>
<p>Am Morgen darauf regnete es.</p>
-<p>»Soll ich heute mein schwarzes oder mein
-grünes Kleid anziehen?« dachte ich. »Das grüne,
-denn das ist das neueste; das ziehe ich also an.«
+<p>»Soll ich heute mein schwarzes oder mein
+grünes Kleid anziehen?« dachte ich. »Das grüne,
+denn das ist das neueste; das ziehe ich also an.«
Ich war sehr heiter.</p>
<p>Als ich an die Haltestelle kam, stand eine
@@ -538,279 +524,279 @@ Dame im Regen und wartete auf die Pferdebahn.
Sie hatte keinen Schirm. Ich bot ihr
an, mit unter meinem zu stehen, aber sie lehnte
es dankend ab. Da spannte ich meinen Regenschirm
-auch herunter, während ich wartete.
-Dann wird die Dame doch nicht allein naß,
+auch herunter, während ich wartete.
+Dann wird die Dame doch nicht allein naß,
dachte ich bei mir.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>Am Abend kam Wladimierz ins Café.</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>Am Abend kam Wladimierz ins Café.</p>
-<p>»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte
+<p>»Ich danke Ihnen für die Blumen,« sagte
ich stolz.</p>
-<p>»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so:
-schweigen Sie doch von den Blumen.«</p>
+<p>»Welche Blumen?« fragte er. »Ach so:
+schweigen Sie doch von den Blumen.«</p>
-<p>»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.</p>
+<p>»Ich wollte mich dafür bedanken,« sagte ich.</p>
<p>Er zuckte die Achseln und entgegnete:</p>
-<p>»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«</p>
+<p>»Sie liebe ich nicht, Sklavin!«</p>
<p>Er liebte mich nicht, nein. Ich hatte es
-auch nicht erwartet und war nicht enttäuscht.
+auch nicht erwartet und war nicht enttäuscht.
Aber ich sah ihn jeden Abend; er setzte sich an
meinen Tisch und ich brachte ihm Bier. Auf
Wiedersehen, Wladimierz!</p>
-<p>Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er
+<p>Am nächsten Abend kam er sehr spät. Er
fragte:</p>
-<p>»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«</p>
+<p>»Haben Sie viel Geld, Sklavin?«</p>
-<p>»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich
-bin ein armes Mädchen.«</p>
+<p>»Nein, leider nicht«, antwortete ich. »Ich
+bin ein armes Mädchen.«</p>
-<p>Da sah er mich an und sagte lächelnd:</p>
+<p>Da sah er mich an und sagte lächelnd:</p>
-<p>»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis
-morgen etwas Geld.«</p>
+<p>»Sie mißverstehen mich. Ich brauche bis
+morgen etwas Geld.«</p>
-<p>»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich
-habe viel Geld, ich habe hundertunddreißig Mark
-zu Hause.«</p>
+<p>»Ich habe etwas Geld,« entgegnete ich. »Ich
+habe viel Geld, ich habe hundertunddreißig Mark
+zu Hause.«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>»Zu Hause? Nicht hier?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>»Zu Hause? Nicht hier?«</p>
-<p>Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde
+<p>Ich antwortete: »Warten Sie eine Viertelstunde
und kommen Sie mit mir, wenn wir
-schließen.«</p>
+schließen.«</p>
<p>Er wartete die Viertelstunde und ging mit mir.</p>
-<p>»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt
-sich die ganze Zeit an meiner Seite und ließ
+<p>»Nur hundert Mark,« sagte er. Er hielt
+sich die ganze Zeit an meiner Seite und ließ
mich weder voran noch hinterdrein gehen.</p>
-<p>»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte
-ich, als wir an meiner Hausthür stehen blieben.</p>
+<p>»Ich habe nur eine kleine Kammer,« sagte
+ich, als wir an meiner Hausthür stehen blieben.</p>
-<p>»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er.
-»Ich warte hier.«</p>
+<p>»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er.
+»Ich warte hier.«</p>
<p>Er wartete.</p>
-<p>Als ich wieder herunterkam, zählte er das
+<p>Als ich wieder herunterkam, zählte er das
Geld und sagte:</p>
-<p>»Das sind mehr als hundert Mark. Ich
+<p>»Das sind mehr als hundert Mark. Ich
gebe Ihnen zehn Mark als Trinkgeld. &mdash; Ja,
-ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
-Trinkgeld geben.«</p>
+ja, hören Sie, ich will Ihnen zehn Mark als
+Trinkgeld geben.«</p>
-<p>Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute
+<p>Und er reichte mir das Geld, wünschte Gute
Nacht und ging. An der Ecke sah ich ihn
stehen bleiben und der alten, lahmen Bettlerin
eine Mark geben.</p>
-<p>Er bedauerte am nächsten Abend, daß er<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
-mir das Geld nicht zurückzahlen könne. Ich
-dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte. Er
-gestand offen, daß er es durchgebracht habe.</p>
+<p>Er bedauerte am nächsten Abend, daß er<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+mir das Geld nicht zurückzahlen könne. Ich
+dankte ihm dafür, daß er es nicht konnte. Er
+gestand offen, daß er es durchgebracht habe.</p>
-<p>»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte
-er lächelnd. »Sie wissen: die gelbe Dame!«</p>
+<p>»Was soll man dazu sagen, Sklavin,« sagte
+er lächelnd. »Sie wissen: die gelbe Dame!«</p>
-<p>»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?«
-sagte einer seiner Freunde. »Du bist ja
-mehr Sklave als sie.«</p>
+<p>»Weshalb nennst du unsere Kellnerin Sklavin?«
+sagte einer seiner Freunde. »Du bist ja
+mehr Sklave als sie.«</p>
-<p>»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.</p>
+<p>»Bier?« fragte ich und unterbrach sie.</p>
<p>Bald darauf trat die gelbe Dame ein. F.
erhob und verbeugte sich. Sie ging an ihm
-vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
-lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen.
+vorüber und setzte sich an einen leeren Tisch,
+lehnte aber zwei Stühle umgekehrt dagegen.
F. ging sofort zu ihr hin, nahm den einen
Stuhl und setzte sich. Nach zwei Minuten erhob
-er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich
-gehe. Und ich kehre nie wieder zurück.«</p>
+er sich wieder und sagte sehr laut: »Gut, ich
+gehe. Und ich kehre nie wieder zurück.«</p>
-<p>»Danke,« entgegnete sie.</p>
+<p>»Danke,« entgegnete sie.</p>
-<p>Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine
-Füße, lief ans Büffett und sagte etwas. Ich
-erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr zurückkehren
-werde. Der Oberkellner ging vorüber;
+<p>Ich fühlte vor lauter Freude kaum meine
+Füße, lief ans Büffett und sagte etwas. Ich
+erzählte wohl, daß er nie wieder zu ihr zurückkehren
+werde. Der Oberkellner ging vorüber;
er erteilte mir einen scharfen Verweis, aber ich
machte mir nichts daraus.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>Als das Lokal um elf Uhr geschlossen wurde,
-begleitete mich F. bis an meine Hausthür.</p>
+begleitete mich F. bis an meine Hausthür.</p>
-<p>»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen
-gestern gab,« sagte er.</p>
+<p>»Fünf von den zehn Mark, die ich Ihnen
+gestern gab,« sagte er.</p>
<p>Ich wollte ihm alle zehn geben und er
nahm sie an, gab mir aber trotz meines
-Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.</p>
+Sträubens fünf als Trinkgeld zurück.</p>
-<p>»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte
-ich. »Wenn ich Sie bitten dürfte, mit hinauf
+<p>»Ich bin heute abend so vergnügt,« sagte
+ich. »Wenn ich Sie bitten dürfte, mit hinauf
zu kommen! <ins title="..">...</ins> Aber ich habe nur eine kleine
-Kammer.«</p>
+Kammer.«</p>
-<p>»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er.
-»Gute Nacht!«</p>
+<p>»Ich gehe nicht mit hinauf,« erwiderte er.
+»Gute Nacht!«</p>
<p>Er ging. Er kam wieder an der alten
-Bettlerin vorüber, vergaß aber, ihr etwas zu
+Bettlerin vorüber, vergaß aber, ihr etwas zu
geben, obwohl sie ihm einen Knix machte. Ich
lief zu ihr hin, gab ihr einige Groschen und
-sagte: »Das ist von dem Herrn, der eben vorüber
-ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«</p>
+sagte: »Das ist von dem Herrn, der eben vorüber
+ging, von dem Herrn im grauen Anzug.«</p>
-<p>»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte
+<p>»Von dem Herrn im grauen Anzug?« fragte
die Frau.</p>
-<p>»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«</p>
+<p>»Von dem mit dem schwarzen Haar, Wladimierz.«</p>
-<p>»Sind Sie seine Frau?«</p>
+<p>»Sind Sie seine Frau?«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>Ich antwortete: »Nein. Ich bin seine Sklavin.«</p>
<p>Er beklagte sich dann mehrere Abende hintereinander,
-daß er mir mein Geld nicht zurückgeben
-könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
-zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören
-konnten, und mehrere lachten deshalb über ihn.</p>
-
-<p>»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,«
-sagte er. »Ich habe Geld von Ihnen geliehen
-und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
-mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein
-abhauen.«</p>
-
-<p>Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören,
-und ich dachte darüber nach, wie ich ihm wohl
-Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte es nicht.</p>
-
-<p>Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich
-übrigens fragen, wie es mir geht, so ... Die
+daß er mir mein Geld nicht zurückgeben
+könne. Ich bat ihn, mir nicht so weh
+zu thun. Er sagte es so laut, daß alle es hören
+konnten, und mehrere lachten deshalb über ihn.</p>
+
+<p>»Ich bin ein Schurke und ein Spitzbube,«
+sagte er. »Ich habe Geld von Ihnen geliehen
+und kann es Ihnen nicht zurückgeben. Ich ließe
+mir die rechte Hand für einen Fünfzigmarkschein
+abhauen.«</p>
+
+<p>Es schmerzte mich, ihn so reden zu hören,
+und ich dachte darüber nach, wie ich ihm wohl
+Geld verschaffen könnte. Aber ich konnte es nicht.</p>
+
+<p>Er sagte ferner zu mir: »Wenn Sie mich
+übrigens fragen, wie es mir geht, so ... Die
gelbe Dame und der Cirkus sind abgereist. Ich
-habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«</p>
+habe sie vergessen. Ich denke gar nicht mehr an sie.«</p>
-<p>»Und doch hast Du ihr heute noch einen
-Brief geschrieben,« sagte einer seiner Freunde.</p>
+<p>»Und doch hast Du ihr heute noch einen
+Brief geschrieben,« sagte einer seiner Freunde.</p>
-<p>»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.</p>
+<p>»Das war der letzte,« entgegnete Wladimierz.</p>
-<p>Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen
+<p>Ich kaufte eine Rose von dem Blumenmädchen
und steckte sie ihm in das Knopfloch
-an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
-meinen Händen, während ich es that, und es war
-mir fast unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.</p>
+an der linken Seite. Ich fühlte seinen Atem auf<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+meinen Händen, während ich es that, und es war
+mir fast unmöglich, die Stecknadel zu befestigen.</p>
-<p>»Danke!« sagte er.</p>
+<p>»Danke!« sagte er.</p>
<p>Ich forderte mir drei Mark, die ich noch
an der Kasse gut hatte, und gab sie ihm. Das
war eine Kleinigkeit.</p>
-<p>»Danke!« sagte er abermals.</p>
+<p>»Danke!« sagte er abermals.</p>
-<p>Ich war den ganzen Abend glücklich, bis
-Wladimierz plötzlich sagte:</p>
+<p>Ich war den ganzen Abend glücklich, bis
+Wladimierz plötzlich sagte:</p>
-<p>»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort.
-Wenn ich zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder
-haben.« Als er meine Bewegung sah, fügte er hinzu:
-»Sie allein liebe ich!« Und er ergriff meine Hand.</p>
+<p>»Für die drei Mark reise ich auf eine Woche fort.
+Wenn ich zurückkomme, sollen Sie Ihr Geld wieder
+haben.« Als er meine Bewegung sah, fügte er hinzu:
+»Sie allein liebe ich!« Und er ergriff meine Hand.</p>
-<p>Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und
+<p>Ich war ganz bestürzt, daß er fortreisen und
nicht sagen wollte, wohin, obgleich ich ihn fragte.
-Alles, das ganze Café und die vielen Gäste,
-tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
-aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.</p>
+Alles, das ganze Café und die vielen Gäste,
+tanzte um mich herum; ich konnte es nicht länger
+aushalten und ergriff flehend seine beiden Hände.</p>
-<p>»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,«
+<p>»In einer Woche kehre ich zu Ihnen zurück,«
sagte er und erhob sich.</p>
-<p>Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen:
-»Sie verlassen uns also in vierzehn Tagen!«</p>
+<p>Ich hörte den Oberkellner zu mir sagen:
+»Sie verlassen uns also in vierzehn Tagen!«</p>
<p>Meinetwegen, dachte ich bei mir; was macht
das? In einer Woche ist Wladimierz wieder<a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>
-bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken, ich
+bei mir! Und ich wollte ihm dafür danken, ich
wandte mich um, &mdash; er war schon gegangen.</p>
<hr />
-<p>Eine Woche später fand ich, als ich nach
+<p>Eine Woche später fand ich, als ich nach
Haus kam, einen Brief von ihm. Er schrieb so
-trostlos, er erzählte, er sei der gelben Dame nachgereist,
-er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
+trostlos, er erzählte, er sei der gelben Dame nachgereist,
+er könne mir nie mein Geld zurückbezahlen,
niemals, er sei ganz gebrochen durch
-die Not. Dann schalt er sich wieder eine niederträchtige
+die Not. Dann schalt er sich wieder eine niederträchtige
Seele und unter den Brief hatte er
-geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«</p>
+geschrieben: »Der Sklave der gelben Dame.«</p>
<p>Ich trauerte Tag und Nacht und konnte nichts
-weiter thun. Eine Woche später verlor ich meine
-Stellung und mußte mich nach einer neuen umsehen.
-Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés
+weiter thun. Eine Woche später verlor ich meine
+Stellung und mußte mich nach einer neuen umsehen.
+Am Tage stellte ich mich in anderen Cafés
und Hotels vor; ich schellte auch bei Privatpersonen
-und bot ihnen meine Dienste an. Es glückte
-mir aber nicht. Spät am Abend kaufte ich dann
+und bot ihnen meine Dienste an. Es glückte
+mir aber nicht. Spät am Abend kaufte ich dann
ganz billig alle Zeitungen und las die Annoncen
-sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte:
+sorgfältig, wenn ich nach Haus kam. Ich dachte:
vielleicht kann ich Wladimierz und mich retten ...</p>
<p>Gestern abend fand ich seinen Namen in
einem Blatt und las von ihm. Ich ging gleich
-darauf aus, durch viele Straßen, und kam erst heute<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
-morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo geschlafen
+darauf aus, durch viele Straßen, und kam erst heute<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+morgens zurück. Vielleicht habe ich irgendwo geschlafen
oder auch auf einer Treppe gesessen, ohne
-weiter gehen zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.</p>
+weiter gehen zu können; aber das weiß ich jetzt nicht.</p>
<p>Ich habe es heute wieder gelesen; aber gestern
abends, als ich nach Haus kam, habe ich es
-zuerst gelesen. Ich rang die Hände; dann setzte
+zuerst gelesen. Ich rang die Hände; dann setzte
ich mich auf einen Stuhl. Nach einer Weile setzte
ich mich auf die Erde und lehnte mich gegen
-den Stuhl. Ich schlug mit den flachen Händen
-auf den Fußboden, während ich nachdachte.
+den Stuhl. Ich schlug mit den flachen Händen
+auf den Fußboden, während ich nachdachte.
Vielleicht dachte ich gar nicht; aber es sauste
-mir so im Kopf und ich wußte nichts von mir
+mir so im Kopf und ich wußte nichts von mir
selbst. Dann bin ich wohl aufgestanden und
-hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen
+hinausgegangen. Unten an der Straßenecke, dessen
entsinne ich mich, gab ich der alten Bettlerin einen
-Groschen und sagte: »Das ist von dem Herrn
-mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«</p>
+Groschen und sagte: »Das ist von dem Herrn
+mit dem grauen Anzug. Sie wissen ja!«</p>
-<p>»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.</p>
+<p>»Sind Sie vielleicht seine Braut?« fragte sie.</p>
-<p>Ich antwortete: »Nein, &mdash; ich bin seine Witwe.«</p>
+<p>Ich antwortete: »Nein, &mdash; ich bin seine Witwe.«</p>
<p>Und ich trieb mich bis heute morgen auf
-der Straße herum. Und jetzt habe ich es nochmals
-gelesen. Wladimierz F. hieß er.</p>
+der Straße herum. Und jetzt habe ich es nochmals
+gelesen. Wladimierz F. hieß er.</p>
<h2><a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a><a name="Der_Sohn_der_Sonne" id="Der_Sohn_der_Sonne">Der Sohn der Sonne</a></h2>
-<p class="drop-cap">Über<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> Nacht war der Schnee gekommen. Ein
-dichter, weißer Mantel lag über der Erde.</p>
+<p class="drop-cap">Über<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> Nacht war der Schnee gekommen. Ein
+dichter, weißer Mantel lag über der Erde.</p>
<p>Er war mit der frohen Erinnerung erwacht,
-daß er gestern einen Brief erhalten hatte, eine
-überraschende, erlösende Nachricht, er fühlte sich
-jung und glücklich, und er fing an, ein wenig
-zu singen. Da geschah es, daß er ans Fenster
-trat, den Vorhang zurückzog und den Schnee
-sah. Sein Gesang verstummte plötzlich, ein
-trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und
-seine armen, schräg abfallenden Schultern zuckten.</p>
-
-<p>Mit dem Winter kam eine böse Zeit für
+daß er gestern einen Brief erhalten hatte, eine
+überraschende, erlösende Nachricht, er fühlte sich
+jung und glücklich, und er fing an, ein wenig
+zu singen. Da geschah es, daß er ans Fenster
+trat, den Vorhang zurückzog und den Schnee
+sah. Sein Gesang verstummte plötzlich, ein
+trostloses Gefühl zog in seine Seele ein, und
+seine armen, schräg abfallenden Schultern zuckten.</p>
+
+<p>Mit dem Winter kam eine böse Zeit für
ihn, eine Qual wie keine andere, und die kein
anderer verstand. Allein der Anblick des Schnees
raunte ihm Tod, raunte ihm Vernichtung ins
@@ -818,29 +804,29 @@ Ohr. Die langen Abende kamen mit ihrer<a class="pagenum" name="Page_20" title="2
Finsternis und ihrem dummen, sinnlosen Schweigen,
er konnte nicht in seinem Atelier arbeiten,
seine Seele fiel in Winterschlaf und blieb
-stumm. Während eines Sommers hatte er in
-einem kleinen Städtchen ein helles und großes
+stumm. Während eines Sommers hatte er in
+einem kleinen Städtchen ein helles und großes
Zimmer bewohnt, in dem die untersten Fensterscheiben
-geweißt waren. Dieser Anstrich von
+geweißt waren. Dieser Anstrich von
Kalk an den Fensterscheiben erinnerte ihn an
Eis, und er konnte bei ihrem Anblick nicht
Herr seiner Qual werden. Er wollte sich zwingen,
er hielt sich mehrere Monate lang in dem
-Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber,
-daß auch das Eis seine Schönheit für viele
-habe, daß Winter und Sommer beide Äußerungen
+Zimmer auf und sagte täglich zu sich selber,
+daß auch das Eis seine Schönheit für viele
+habe, daß Winter und Sommer beide Äußerungen
derselben ewigen Idee seien und Gott
-angehörten, &mdash; aber es half alles nichts, seine
-Arbeit konnte er nicht anrühren, und die tägliche
-Qual zehrte an ihm. &mdash; &mdash; Späterhin im
+angehörten, &mdash; aber es half alles nichts, seine
+Arbeit konnte er nicht anrühren, und die tägliche
+Qual zehrte an ihm. &mdash; &mdash; Späterhin im
Leben wohnte er in Paris. Wenn die Stadt
ihre frohen Feste feierte, pflegte er auf die
Boulevards hinauszugehen und das Spiel zu
beobachten. Es konnte mitten im warmen
-Sommer sein, die Abende waren schwül, und
-über der Stadt schwebte der Blumenduft aus<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
-den großen Parks; die Straßen schimmerten im
-Schein des elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde
+Sommer sein, die Abende waren schwül, und
+über der Stadt schwebte der Blumenduft aus<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+den großen Parks; die Straßen schimmerten im
+Schein des elektrischen Lichts, lächelnde und jubelnde
Menschen wogten auf und nieder, riefen,
sangen, warfen Confetti; alles war eitel Freude.
Er konnte mit dem redlichen Vorsatz ausgehen,
@@ -849,115 +835,115 @@ jubeln; aber schon nach einer halben Stunde
hatte er eine Droschke genommen und war wieder
heimgekehrt. Weshalb? Eine Erinnerung hatte
aus der Ferne zu ihm geredet; in dem elektrischen
-Licht wirbelte die große Menge Confetti
+Licht wirbelte die große Menge Confetti
wie Schnee vor seinen Augen, und sein
-Vergnügen nahm ein jähes Ende.</p>
+Vergnügen nahm ein jähes Ende.</p>
-<p>Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.</p>
+<p>Dies hatte sich Jahr für Jahr wiederholt.</p>
<p>Wo lag die Heimat seiner Seele? Vielleicht
in einem Sonnenland, am Ufer des Ganges,
wo die Lotosblume nimmer welkt! &mdash; &mdash;</p>
-<p>Über Nacht war der Schnee gekommen.
-Er dachte daran, wie die Vögel im Walde
-frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
+<p>Über Nacht war der Schnee gekommen.
+Er dachte daran, wie die Vögel im Walde
+frieren mußten, und wie hart die Wurzeln der
Veilchen in der Erde litten, ehe sie abstarben.
Und wovon sollte der Hase heute leben!</p>
<p>Er konnte nicht mehr ausgehen. Mehrere
-Monate lang würde er jetzt das Zimmer kaum<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+Monate lang würde er jetzt das Zimmer kaum<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
verlassen, sondern nur zwischen seinen vier
-Wänden auf und nieder gehen und auf dem
+Wänden auf und nieder gehen und auf dem
Stuhl sitzen und denken. Niemand verstand,
wie er unter dieser Gefangenschaft litt. Er war
jung genug, um am Leben teilzunehmen, es
-fehlte ihm auch nicht an Kräften dazu; aber
-durch eine Laune des Frostes, durch eine zufällige
-Witterungsveränderung sah er sich plötzlich
-darauf beschränkt, in seinem Zimmer zu
+fehlte ihm auch nicht an Kräften dazu; aber
+durch eine Laune des Frostes, durch eine zufällige
+Witterungsveränderung sah er sich plötzlich
+darauf beschränkt, in seinem Zimmer zu
sitzen und zu denken.</p>
<p>Seine Vorstellungen wechselten in auffallend
kurzer Zeit. Im allgemeinen war es ihm eine
Qual, Briefe zu beantworten, jetzt eilte er an
seinen Arbeitstisch und schrieb eine Menge
-Briefe an alle möglichen Menschen, ja, sogar
+Briefe an alle möglichen Menschen, ja, sogar
an fremde, denen er keine Antwort schuldig war,
-und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß das
-Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären,
-und daß er durch diese vielen Briefe nach Süden
+und er hatte dabei ein dunkles Gefühl, daß das
+Ende, die Vernichtung im Anmarsch wären,
+und daß er durch diese vielen Briefe nach Süden
und nach Norden eine Zeitlang noch die Verbindung
-mit dem Leben aufrecht erhalten könne.
-Auch in anderer Hinsicht gingen Veränderungen
-mit ihm vor; sein Gemütsleben war gestört, er
-weinte oft still für sich, und sein Schlaf in der<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+mit dem Leben aufrecht erhalten könne.
+Auch in anderer Hinsicht gingen Veränderungen
+mit ihm vor; sein Gemütsleben war gestört, er
+weinte oft still für sich, und sein Schlaf in der<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
Nacht war nur ein Schlummer, den seltsame
-Träume beunruhigten.</p>
+Träume beunruhigten.</p>
-<p>Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten
+<p>Dieser Mann, der im Sommer den fröhlichsten
Sinn hatte, konnte an kalten, dunklen
Wintertagen von einer furchtbaren Niedergeschlagenheit
-überwältigt werden. Alle seine
-Übergänge waren jäh, heftig wie ein Unwetter,
-hin und wieder fiel er vor seinem jüngsten
-Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
-Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch
-war, daß der Knabe niemals eine öffentliche
-Persönlichkeit werden möge, wie er selber. Bei
-allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
-Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch
-verdorben, daß man sie öffentlich besprach, daß
-das Publikum sie auf der Straße beachtete, und
-daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
-über sie machten. Wie wurde nicht ihr
+überwältigt werden. Alle seine
+Übergänge waren jäh, heftig wie ein Unwetter,
+hin und wieder fiel er vor seinem jüngsten
+Kinde auf die Kniee und flehte unter heißen
+Thränen für dasselbe zu Gott. Sein Wunsch
+war, daß der Knabe niemals eine öffentliche
+Persönlichkeit werden möge, wie er selber. Bei
+allen öffentlichen Persönlichkeiten wurden die
+Quellen der Seele getrübt, sie wurden dadurch
+verdorben, daß man sie öffentlich besprach, daß
+das Publikum sie auf der Straße beachtete, und
+daß sie die Bemerkungen hörten, die Vorübergehende
+über sie machten. Wie wurde nicht ihr
Blick, ihr Gang, ihre Haltung durch diese ewige
-Ausstellung verfälscht! Der Knabe sollte die
-Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten.
+Ausstellung verfälscht! Der Knabe sollte die
+Erde besäen und den Ertrag der Erde ernten.
Es sollte ihm auch erspart bleiben, jemals fremde
Erde zu betreten. Wie suchte man im fremden
Lande vergebens mit seinen Wurzeln nach<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
-einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man
+einem günstigen Boden, nach einem Heim! Man
verstand nicht alle die Worte, die gesprochen
-wurden, nicht die Blicke, nicht das Lächeln.
+wurden, nicht die Blicke, nicht das Lächeln.
Der Himmel war ein anderer, die Sterne standen
in umgekehrter Richtung und waren nicht wieder
zu erkennen. Betrachtete man die Blumen, so
hatten diese oft eine fremde Nuance; oft waren
-es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
+es auch nicht dieselben Vögel. Und auf den
Stangen wehten nicht dieselben Flaggen.</p>
-<p>Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem
+<p>Er selber fühlte instinktiv, daß er aus seinem
Naturzusammenhang herausgerissen war, er
hatte vielleicht einmal in einer fernen Vergangenheit
-einer fremden Welt in weiter Ferne angehört,
+einer fremden Welt in weiter Ferne angehört,
&mdash; so sollte denn der Sohn auf demselben
-Fleckchen Erde, das er während seines
+Fleckchen Erde, das er während seines
Daseins hier auf Erden bestellt und dessen Ertrag
er geerntet hatte, leben und sterben.</p>
-<p class="center">-30° Celsius.</p>
+<p class="center">-30° Celsius.</p>
-<p>Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt,
-und daß alles Leben auf dem Felde
+<p>Er merkt mit Entsetzen, daß die Kälte zunimmt,
+und daß alles Leben auf dem Felde
erstirbt. Sein Fenster liegt nach dem Walde
hinaus, und nach dem breiten Wege, auf dem
sich die Menschen von und zu der Stadt bewegen.
Kein Blatt zittert mehr, die Tannennadeln sind<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
-wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen.
-Eine arme, kleine Meise hat noch Kräfte
-genug, um die Flügel zu bewegen; da, wo sie
-geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
+wie Pfriemen, und es liegt Reif auf allen Bäumen.
+Eine arme, kleine Meise hat noch Kräfte
+genug, um die Flügel zu bewegen; da, wo sie
+geflogen ist, sieht man in der Luft einen dünnen
Dampfstreif. Die Natur hat keinen Atemzug,
sie ist ganz still und kalt, kein Wind bewegt die
-Luft, alles ist steif und weiß wie Talg.</p>
+Luft, alles ist steif und weiß wie Talg.</p>
-<p>Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem
-Wege, ein Schlitten zieht vorüber, in dem
-Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame. Über
+<p>Da ertönt Schellengeklingel unten auf dem
+Wege, ein Schlitten zieht vorüber, in dem
+Schlitten sitzen ein Herr und eine Dame. Über
dem Pferd und den beiden Menschen lagert
-während der ganzen Zeit eine weiße Wolke,
-die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr und
+während der ganzen Zeit eine weiße Wolke,
+die sich fortwährend erneuert. Dieser Herr und
diese Dame haben wohl niemals in ihrem Leben
eine Weintraube wachsen sehen, vielleicht haben
sie auch noch niemals eine gekostet. In ihren
@@ -965,123 +951,123 @@ Mienen gewahrt man keine Unzufriedenheit
mit dem Wetter, sie fahren dahin, um ihr kleines
Anliegen in der Stadt zu erledigen, und sie
rufen von Zeit zu Zeit dem Pferde zu, wenn
-sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen
+sie meinen, daß es sich in dem wunderlichen
Talg zu langsam bewegt. Ein Mensch aus
-dem Sonnenlande würde sich über diesen Aufzug
+dem Sonnenlande würde sich über diesen Aufzug
totlachen. Ihre Augen sehen ganz offen und<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
-ohne Verwunderung dies entsetzliche, kalte Rätsel
+ohne Verwunderung dies entsetzliche, kalte Rätsel
an, das sie an allen Seiten umgiebt, und sie
opfern ihm keinen Gedanken, weil sie selber
Kinder des Schnees und im Schnee aufgewachsen
sind.</p>
-<p>Er sieht seine kleine Tochter draußen auf
+<p>Er sieht seine kleine Tochter draußen auf
dem Hof vor den Fenstern spielen. Sie ist von
-oben bis unten in dicke, wollene Kleider gehüllt,
-nur unter den langen Strümpfen aus
+oben bis unten in dicke, wollene Kleider gehüllt,
+nur unter den langen Strümpfen aus
Ziegenhaaren liegen lederne Sohlen. Ihre
Schritte knirschen schmerzlich im Schnee, wenn
sie den Schlitten zieht. Bei diesem Anblick
-fangen seine Schultern an zu zucken, er schließt
-die Augen, als wäre er ermattet, seine wunderliche
-Qual treibt ihm den kalten Schweiß auf
+fangen seine Schultern an zu zucken, er schließt
+die Augen, als wäre er ermattet, seine wunderliche
+Qual treibt ihm den kalten Schweiß auf
die Stirn.</p>
<p>Das Kind ruft zu ihm herauf, es wendet
sein rotwangiges Antlitz unbefangen nach oben
-und klagt, daß der Strick an seinem Schlitten
+und klagt, daß der Strick an seinem Schlitten
zerrissen ist. Er geht sogleich hinunter und
-knüpft den Strick wieder zusammen, und er hat
+knüpft den Strick wieder zusammen, und er hat
keinen Hut auf und keine dicken Kleider an.
-»Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn
-fror nicht, seine Hände waren warm, nur einen<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
-stechenden Schmerz verursachte die eisgesättigte
+»Friert dich nicht?« fragt das Kind. Ihn
+fror nicht, seine Hände waren warm, nur einen<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+stechenden Schmerz verursachte die eisgesättigte
Luft in seiner Kehle. Aber ihn fror nie.</p>
-<p>Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor
-der Hausthür ihr Aussehen verändert hat, ihr
-Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte gethan!
+<p>Er bemerkt, daß die große, alte Birke vor
+der Hausthür ihr Aussehen verändert hat, ihr
+Stamm ist gerissen. Das hat die Kälte gethan!
denkt er mit zitternder Seele.</p>
<p>In der Nacht schlug die Witterung um. Er
-saß aufrecht im Bett und wartete auf das
-milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
+saß aufrecht im Bett und wartete auf das
+milde Wetter, obwohl er wußte, daß der Winter
wieder von neuem anfangen und noch eine
-ganze Zeit währen würde. Es war, als wenn
-eine Hoffnung in ihm entzündet werde.</p>
+ganze Zeit währen würde. Es war, als wenn
+eine Hoffnung in ihm entzündet werde.</p>
-<p>Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich
-an, von den Dächern zu tropfen, und draußen
+<p>Die Kälte nahm beständig ab, es fing schließlich
+an, von den Dächern zu tropfen, und draußen
im Weltenraum brauste es wie von gewaltigem
-Wellenschlag. Er ging mit größeren und
-größeren Hoffnungen im Herzen einher, dies
-Brausen in der Luft durchströmte ihn wie Musik,
-es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
-Trommeln rührte.</p>
+Wellenschlag. Er ging mit größeren und
+größeren Hoffnungen im Herzen einher, dies
+Brausen in der Luft durchströmte ihn wie Musik,
+es konnte der Frühling sein, der seine goldenen
+Trommeln rührte.</p>
-<p>Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch
+<p>Eines Nachts hörte er ein klatschendes Geräusch
gegen sein Fenster, er richtete sich auf
und lauschte, es war der Regen! Eine wunderliche
Freude durchrieselte ihn, er warf die Kleider<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>
-über, eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen
+über, eilte in sein Atelier und zündete alle Lampen
an. Sein Heimweh nach dem Sommer schlug
in hellen Flammen empor, alle seine gebundenen
-Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
-derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und
-Stimmen aus warmen Gegenden strömten aus
-weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten ihn;
+Kräfte lösten sich, und er stürzte sich noch in
+derselben Nacht über seine Arbeit. Gesichte und
+Stimmen aus warmen Gegenden strömten aus
+weiter Ferne her auf ihn ein und erfüllten ihn;
da war eine Landschaft, die in einer seltsamen
-und schönen Klarheit der Vision vor seinen
-Augen lag, ein Märchenthal, und mitten in dem
+und schönen Klarheit der Vision vor seinen
+Augen lag, ein Märchenthal, und mitten in dem
Thal stand <em class="gesperrt">Der Mensch</em>, die junge Herrlichkeit,
-die zum erstenmal den Blick über die Erde
-schweifen läßt.</p>
+die zum erstenmal den Blick über die Erde
+schweifen läßt.</p>
<p>Ein Gott, ein Sieger, der am Morgen des
-Lebens erblüht ist und sich selber in einer verzauberten
+Lebens erblüht ist und sich selber in einer verzauberten
Gegend stehen findet. Die Vegetation
-ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
-Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten
-Blüten, die wie Fleisch aussehen und zu atmen
-scheinen, Indigobäume, Reis- und Weinfelder.
+ist üppig, da sind überall Palmen und tropische
+Gewächse, Schlingpflanzen mit großen, roten
+Blüten, die wie Fleisch aussehen und zu atmen
+scheinen, Indigobäume, Reis- und Weinfelder.
Unten im Thal weiden Tiere, der Mensch hat
-sie in seiner Nähe und hört, wie sie fressen;
+sie in seiner Nähe und hört, wie sie fressen;
oben auf einem Felsen sitzt eine Schar zwitschernder
-Vögel, ihre Federn sind steif wie Schwerter,<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
-und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen.
+Vögel, ihre Federn sind steif wie Schwerter,<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+und ihre Augen gleichen kleinen, grünen Flammen.
Ganz im Hintergrunde liegt wieder eine
Palmenlandschaft, die sich in der Ferne verliert.</p>
-<p>Über dieser Landschaft taucht gerade der erste
+<p>Über dieser Landschaft taucht gerade der erste
feine Rand der Morgensonne aus dem Weltall
auf und beleuchtet den Menschen vom Scheitel
bis zur Sohle. &mdash; &mdash;</p>
<p>Er arbeitet, bis der Morgen graut. Dann
-schläft er eine Stunde und beginnt von neuem.
-Nichts könnte ihn zurückhalten, eine ungewöhnliche
-Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort.
-Während fünf aufeinander folgender Regentage
+schläft er eine Stunde und beginnt von neuem.
+Nichts könnte ihn zurückhalten, eine ungewöhnliche
+Kraft hält ihn aufrecht, reißt ihn fort.
+Während fünf aufeinander folgender Regentage
macht er den Entwurf zu dem Bilde: <em class="gesperrt">Der
Sohn der Sonne.</em> &mdash;</p>
-<p>Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher
+<p>Ein kleiner, brünetter und ganz unansehnlicher
Mann, ohne Bart und mit kahler, kalter
Stirn. Er sitzt dort schweigend auf dem Stuhl
-und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit
-zu Zeit und fährt verlegen mit der Hand nach
+und läßt die andern reden. Er hustet von Zeit
+zu Zeit und fährt verlegen mit der Hand nach
dem Munde. Richtet man ein Wort an ihn,
-so zuckt er nervös zusammen und starrt den
+so zuckt er nervös zusammen und starrt den
Sprecher eine Weile an, ehe er antwortet.
Dort, wo er sich hinsetzt, bleibt er den ganzen
Abend sitzen, sein Benehmen ist so unbeholfen,<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
und sein ganzes Wesen so wenig hervortretend,
-daß sich niemand etwas daraus macht, sich
-mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
+daß sich niemand etwas daraus macht, sich
+mit ihm zu beschäftigen. Er sieht so aus, als
sei er durch ein reines Versehen in diese Gesellschaft
-bekannter Männer geraten.</p>
+bekannter Männer geraten.</p>
-<p>Einige Wochen später stellt derselbe Mann
+<p>Einige Wochen später stellt derselbe Mann
ein Bild aus. Und von demselben Tage an
kennen ihn alle. &mdash; &mdash;</p>
@@ -1089,1016 +1075,1016 @@ kennen ihn alle. &mdash; &mdash;</p>
erfunden. Vielleicht mag er hier im Norden
in den furchtbaren Wintern leben, und vielleicht
mag er ein solches Bild gemalt haben, das
-<em class="gesperrt">Der Sohn der Sonne</em> heißt.</p>
+<em class="gesperrt">Der Sohn der Sonne</em> heißt.</p>
-<h2><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a><a name="Zachaus" id="Zachaus">Zachäus</a></h2>
+<h2><a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a><a name="Zachaus" id="Zachaus">Zachäus</a></h2>
<p class="center">I<a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a></p>
-<p class="drop-cap">Tiefster Friede ruht über der Prärie.</p>
+<p class="drop-cap">Tiefster Friede ruht über der Prärie.</p>
<p>In meilenweitem Umkreis sind keine
-Bäume und Häuser zu sehen, nur Weizen und
-grünes Gras, soweit das Auge reicht. In
-weiter, weiter Ferne, daß sie so klein erscheinen
+Bäume und Häuser zu sehen, nur Weizen und
+grünes Gras, soweit das Auge reicht. In
+weiter, weiter Ferne, daß sie so klein erscheinen
wie Fliegen, sieht man Pferde und Leute bei
-der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren
+der Arbeit, das sind die Mäher, die auf ihren
Maschinen sitzen und das Gras schwadenweise
-abmähen. Der einzige Laut, den man hört, ist
+abmähen. Der einzige Laut, den man hört, ist
das Zirpen der Heuschrecken, und wenn der
-Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch
+Wind herübersteht, schlägt ausnahmsweise auch
wohl einmal ein anderer Laut ans Ohr &mdash; das
-klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten
-am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut
-ganz merkwürdig nahe.</p>
+klappernde Geräusch der Mähmaschinen unten
+am Horizont. Zuweilen hört man diesen Laut
+ganz merkwürdig nahe.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>Es ist die Billybory-Farm. Sie liegt ganz
allein im weiten Westen, ohne Nachbarn, ohne
irgend eine Verbindung mit der Welt, und es
-sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten
-Präriestädtchen. Die Häuser der Farm sehen
+sind mehrere Tagemärsche bis zum nächsten
+Präriestädtchen. Die Häuser der Farm sehen
in der Entfernung aus wie winzig kleine
-Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer
+Klippen, die aus dem unübersehbaren Weizenmeer
aufragen.</p>
<p>Im Winter ist die Farm nicht bewohnt,
-aber vom Frühling bis zum <ins title="später">späten</ins> Oktober
+aber vom Frühling bis zum <ins title="später">späten</ins> Oktober
sind dort einige siebzig Mann mit dem Weizen
-beschäftigt.</p>
+beschäftigt.</p>
-<p>Drei Männer arbeiten in der Küche, der
+<p>Drei Männer arbeiten in der Küche, der
Koch und seine beiden Gehilfen, und im Stall
-stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden;
+stehen zwanzig Esel außer den vielen Pferden;
aber es befindet sich keine Frau, nicht eine einzige
Frau auf der Billybory-Farm.</p>
-<p>Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit.
-Himmel und Erde zittern in dieser großen Hitze,
-und nicht der geringste Windhauch kühlt die
+<p>Die Sonne glüht mit 102 Grad Fahrenheit.
+Himmel und Erde zittern in dieser großen Hitze,
+und nicht der geringste Windhauch kühlt die
Luft ab. Die Sonne sieht aus wie ein Morast
aus Feuer.</p>
-<p>Auch bei den Häusern ist alles still, nur
-von dem großen, spangedeckten Schuppen her,<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
-der als Küche und Speisesaal benutzt wird,
-hört man die Stimmen und Schritte des Kochs
-und seiner beiden Gesellen, die sich in größter
-Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen
+<p>Auch bei den Häusern ist alles still, nur
+von dem großen, spangedeckten Schuppen her,<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+der als Küche und Speisesaal benutzt wird,
+hört man die Stimmen und Schritte des Kochs
+und seiner beiden Gesellen, die sich in größter
+Geschäftigkeit regen. Sie feuern die großen
Herde mit Gras, und der Rauch, der aus dem
Schornstein aufwirbelt, ist mit Funken und
Flammen vermischt. Als das Essen fertig ist,
wird es in Zinkbaljen hinausgetragen und auf
Wagen gehoben. Dann werden die Esel vorgespannt,
-und die drei Männer fahren mit dem
-Essen auf die Prärie hinaus.</p>
+und die drei Männer fahren mit dem
+Essen auf die Prärie hinaus.</p>
-<p>Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig
-Jahre alt, grauhaarig, von militärischem Aussehen.
+<p>Der Koch ist ein dicker Irländer, vierzig
+Jahre alt, grauhaarig, von militärischem Aussehen.
Er ist halbnackt, sein Hemd steht offen,
-und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein.
+und sein Brustkasten gleicht einem Mühlstein.
Er wird von aller Welt Polly genannt, weil
-er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.</p>
+er im Gesicht Ähnlichkeit mit einem Papagei hat.</p>
<p>Der Koch ist unten in einem der Forts im
-Süden Soldat gewesen, er ist litterarisch veranlagt
+Süden Soldat gewesen, er ist litterarisch veranlagt
und kann lesen. Deswegen hat er auch
ein Liederbuch mit auf die Farm genommen
-und außerdem eine alte Nummer von einer
-Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt
+und außerdem eine alte Nummer von einer
+Zeitung. Diese Kleinodien zu berühren, erlaubt
er keinem der Leute; er hat sie auf einem Bord<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
-in der Küche liegen, um sie in seinen freien
+in der Küche liegen, um sie in seinen freien
Augenblicken zur Hand zu haben. Und er benutzt
-sie mit großem Fleiß.</p>
+sie mit großem Fleiß.</p>
-<p>Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der
-beinahe blind ist und eine Brille trägt, hatte sich
-einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu
-lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches
+<p>Aber Zachäus, sein elender Landsmann, der
+beinahe blind ist und eine Brille trägt, hatte sich
+einmal der Zeitung bemächtigt, um darin zu
+lesen. Es nützte nichts, Zachäus ein gewöhnliches
Buch anzubieten, die kleinen Buchstaben
verschwammen wie im Nebel vor seinen Augen;
-dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die
+dahingegen war es ihm ein großer Genuß, die
Zeitung des Kochs in der Hand zu halten und
-bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen.
-Aber der Koch vermißte augenblicklich
-seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett
-auf und riß die Zeitung an sich. Und nun
-entspann sich ein heftiger und lächerlicher Wortstreit
-zwischen diesen beiden Männern.</p>
-
-<p>Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen
-Räuber und Hund. Er schnalzte dicht
+bei der großen Schrift der Anzeigen zu verweilen.
+Aber der Koch vermißte augenblicklich
+seinen Schatz, suchte Zachäus in seinem Bett
+auf und riß die Zeitung an sich. Und nun
+entspann sich ein heftiger und lächerlicher Wortstreit
+zwischen diesen beiden Männern.</p>
+
+<p>Der Koch nannte Zachäus einen schwarzhaarigen
+Räuber und Hund. Er schnalzte dicht
vor seiner Nase mit den Fingern und fragte,
ob er jemals einen Soldaten gesehen habe, und
ob er die Einrichtung eines Forts kenne. Nein,
die kenne er nicht! Aber dann solle er sich
-nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+nur lieber in acht nehmen, weiß Gott, er solle<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
sich in acht nehmen! Und das Maul solle er
halten! Was verdiene er im Monat? Habe
-er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh
+er etwa Häuser in Washington, habe seine Kuh
gestern gekalbt?</p>
-<p>Zachäus antwortete nichts auf das alles;
-aber er beschuldigte den Koch, daß er rohes
+<p>Zachäus antwortete nichts auf das alles;
+aber er beschuldigte den Koch, daß er rohes
Essen koche und Brotpudding mit Fliegen darin
-anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm
-deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei ein rechtschaffener
-Mann, er würde die Zeitung wieder
-hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte.
-»Steh' nicht da und spuck' auf den Fußboden,
-du schmieriger Hund!«</p>
+anrichte. »Scher dich zum Teufel und nimm
+deine Zeitung mit!« Er, Zachäus, sei ein rechtschaffener
+Mann, er würde die Zeitung wieder
+hingelegt haben, nachdem er sie studiert hätte.
+»Steh' nicht da und spuck' auf den Fußboden,
+du schmieriger Hund!«</p>
-<p>Und Zachäus' blinde Augen standen wie
-zwei harte Stahlkugeln in dem wütenden Gesicht.</p>
+<p>Und Zachäus' blinde Augen standen wie
+zwei harte Stahlkugeln in dem wütenden Gesicht.</p>
<p>Aber seit jenem Tage herrscht eine ewige
Feindschaft zwischen den beiden Landsleuten. &mdash; &mdash;</p>
<p>Die Wagen mit dem Essen verteilen sich
-über die Prärie und speisen jeder seine fünfundzwanzig
+über die Prärie und speisen jeder seine fünfundzwanzig
Mann. Die Leute kommen von
-allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen
+allen Ecken herbeigelaufen, reißen etwas Essen
an sich und werfen sich unter die Wagen und
-unter die Esel, um etwas Schatten während
+unter die Esel, um etwas Schatten während
der Mahlzeit zu ergattern. Nach zehn Minuten<a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>
ist das Essen verzehrt. Der Aufseher sitzt wieder
im Sattel und kommandiert die Leute wieder
an die Arbeit, und die Proviantwagen fahren
-wieder nach der Farm zurück.</p>
+wieder nach der Farm zurück.</p>
-<p>Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt
-die Schüsseln und Kummen nach der Mahlzeit
-abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen
+<p>Aber während die Gehilfen des Kochs jetzt
+die Schüsseln und Kummen nach der Mahlzeit
+abwaschen und reinigen, sitzt Polly selber draußen
im Schatten hinter dem Hause und liest zum
-tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder
+tausendsten Male seine Gesänge und Soldatenlieder
aus dem teuren Buch, das er aus dem
-Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist
+Fort im Süden mitgebracht hat. Und da ist
Polly wieder Soldat.</p>
<p class="center">II</p>
-<p>Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt,
+<p>Am Abend, als es schon zu dämmern beginnt,
rollen sieben Heuwagen mit der Arbeiterschaar
-langsam aus der Prärie heim. Die
-meisten waschen ihre Hände draußen auf dem
+langsam aus der Prärie heim. Die
+meisten waschen ihre Hände draußen auf dem
Hofe, ehe sie zum Abendbrot gehen, einige
-kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen
-und mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere
-und ältere Personen, Einwanderer aus Europa
+kämmen auch ihr Haar. Da sind alle Nationen
+und mehrere Rassen vertreten, da sind jüngere
+und ältere Personen, Einwanderer aus Europa
und eingeborene amerikanische Landstreicher,<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
-alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte
+alles mehr oder weniger Vagabunden und verunglückte
Existenzen. Die wohlhabenderen der
Bande tragen einen Revolver in der hinteren
-Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in
-großer Hast eingenommen, ohne daß irgend
+Rocktasche. Das Essen wird gewöhnlich in
+großer Hast eingenommen, ohne daß irgend
jemand was sagt. Die vielen Menschen haben
Respekt vor dem Aufseher, der selber an der
-Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung
+Mahlzeit teilnimmt und über die Ordnung
wacht. Und wenn die Mahlzeit beendet ist, begeben
sich die Leute sofort zur Ruhe. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-<p>Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen.
-Es war so hart von Schweiß geworden, es
+<p>Heute aber wollte Zachäus sein Hemd waschen.
+Es war so hart von Schweiß geworden, es
schauerte ihn am Tage, wenn die Sonne auf
-seinen Rücken brannte.</p>
+seinen Rücken brannte.</p>
<p>Der Abend war dunkel, alle waren zur Ruhe
-gegangen, von dem großen Schlafschuppen her
-ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in
+gegangen, von dem großen Schlafschuppen her
+ertönte nur noch ein gedämpftes Murmeln in
die Nacht hinaus.</p>
-<p>Zachäus ging nach der Küchenwand hin,
-wo mehrere Behälter mit Wasser standen. Es
-war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig
-während der Regentage sammelte, denn
+<p>Zachäus ging nach der Küchenwand hin,
+wo mehrere Behälter mit Wasser standen. Es
+war das Wasser des Kochs, das dieser sorgfältig
+während der Regentage sammelte, denn
das Wasser zu Billybory war zu hart und zu
kalkhaltig, um darin zu waschen.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter,
+<p><a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>Zachäus bemächtigte sich eines der Wasserbehälter,
zog sein Hemd ab und fing an, es
darin zu reiben. Der Abend war still und kalt,
-es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt
+es fror ihn gehörig, aber das Hemd mußte gereinigt
werden, und er pfiff sogar leise vor sich
hin, um sich ein wenig zu ermuntern.</p>
-<p>Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür.
+<p>Da öffnete plötzlich der Koch die Küchenthür.
Er hielt eine Lampe in der Hand, und
-ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.</p>
+ein breiter Lichtstrahl fiel auf Zachäus.</p>
-<p>»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.</p>
+<p>»Aha!« sagte der Koch und kam heraus.</p>
<p>Er setzte die Lampe auf die Treppe, ging
-geradeswegs auf Zachäus zu und fragte: »Wer
-hat dir das Wasser gegeben?«</p>
+geradeswegs auf Zachäus zu und fragte: »Wer
+hat dir das Wasser gegeben?«</p>
-<p>»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.</p>
+<p>»Ich nahm es,« antwortete Zachäus.</p>
-<p>»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du,
-schmutziger Sklave, hast es genommen, du Lügner,
-du Dieb, du Hund!«</p>
+<p>»Es ist mein Wasser!« schrie Polly. »Du,
+schmutziger Sklave, hast es genommen, du Lügner,
+du Dieb, du Hund!«</p>
-<p>Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles,
+<p>Zachäus erwiderte nichts auf dieses alles,
er fing nur von neuem an, seine Beschuldigung
mit den Fliegen im Pudding zu wiederholen.</p>
-<p>Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte
+<p>Der Lärm, den die beiden verursachten, lockte
die Leute aus dem Schlafschuppen herbei, sie
standen gruppenweise da und froren und lauschten
-mit größtem Interesse dem Wortwechsel.</p>
+mit größtem Interesse dem Wortwechsel.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht
-großartig von dem kleinen Ferkel? Mein eigenes
-Wasser!«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>Polly schrie ihnen entgegen: »Ist es nicht
+großartig von dem kleinen Ferkel? Mein eigenes
+Wasser!«</p>
-<p>»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und
-stürzte den Behälter um. »Ich habe es benutzt!«</p>
+<p>»Nimm du dein Wasser,« sagte Zachäus und
+stürzte den Behälter um. »Ich habe es benutzt!«</p>
<p>Der Koch hielt ihm die Faust unter das
-Auge und fragte: »Siehst du die?«</p>
+Auge und fragte: »Siehst du die?«</p>
-<p>»Ja,« antwortete Zachäus.</p>
+<p>»Ja,« antwortete Zachäus.</p>
-<p>»Ich will sie dich kosten lassen!«</p>
+<p>»Ich will sie dich kosten lassen!«</p>
-<p>»Wenn du es wagst!«</p>
+<p>»Wenn du es wagst!«</p>
-<p>Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge,
-die erteilt und im selben Augenblick zurückbezahlt
-wurden. Die Zuschauer stießen ein Geheul
-über das andere aus, das war der Ausdruck
+<p>Da ertönten plötzlich ein paar schnelle Schläge,
+die erteilt und im selben Augenblick zurückbezahlt
+wurden. Die Zuschauer stießen ein Geheul
+über das andere aus, das war der Ausdruck
ihres Beifalls und Wohlbehagens.</p>
-<p>Zachäus aber hielt nicht lange stand.</p>
+<p>Zachäus aber hielt nicht lange stand.</p>
-<p>Der blinde, untersetzte Irländer war wütend
+<p>Der blinde, untersetzte Irländer war wütend
wie eine Tigerkatze, seine Arme waren aber zu
kurz, um etwas gegen den Koch ausrichten zu
-können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei,
-vier Schritt über den Platz und fiel dann um.</p>
+können. Schließlich taumelte er zur Seite, drei,
+vier Schritt über den Platz und fiel dann um.</p>
<p>Der Koch wandte sich an die Menge:</p>
-<p>»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein
-Soldat hat ihn gefällt!«</p>
+<p>»Ja, da liegt er nun! Laßt ihn liegen! Ein
+Soldat hat ihn gefällt!«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>»Ich glaube, er ist tot!« sagte eine Stimme.</p>
<p>Der Koch zuckte die Achseln.</p>
-<p>»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig.
-Und er fühlt sich wie ein großer, unüberwindlicher
+<p>»Meinetwegen!« erwiderte er übermütig.
+Und er fühlt sich wie ein großer, unüberwindlicher
Sieger vor seinem Auditorium, er wirft
den Kopf in den Nacken und will seinem Ansehen
noch Nachdruck verleihen, er wird litterarisch:
-»Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt
-er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner
+»Ich überlasse ihn dem Teufel,« sagt
+er. »Laßt ihn liegen! Ist er etwa der Amerikaner
Daniel Webster? Kommt her und will
mich lehren, Pudding zu kochen, mich, der ich
-für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der
-Prärie, frage ich?«</p>
+für Generale gekocht habe! Ist er Oberst der
+Prärie, frage ich?«</p>
<p>Und alle bewunderten Pollys Rede.</p>
-<p>Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden
+<p>Da erhob sich Zachäus wieder vom Boden
und sagte genau so verbissen, genau so trotzig
-wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«</p>
+wie vorhin: »Komm heran, du Hasenfuß!«</p>
-<p>Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch
-aber lächelte nur mitleidsvoll und sagte: »Unsinn!
+<p>Die Leute brüllten vor Entzücken, der Koch
+aber lächelte nur mitleidsvoll und sagte: »Unsinn!
Ich kann mich ja ebensogut mit dieser
-Lampe prügeln!«</p>
+Lampe prügeln!«</p>
<p>Damit nahm er die Lampe und ging langsam
-und würdevoll hinein.</p>
+und würdevoll hinein.</p>
<p>Es ward dunkel auf dem Platz, und die<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>
Leute begaben sich wieder in ihren Schlafschuppen
-zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang
-es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte
+zurück. Zachäus nahm sein Hemd auf, rang
+es sorgfältig aus und zog es an. Dann schlenderte
auch er hinter den andern drein, um seine
Pritsche aufzusuchen und zur Ruhe zu kommen.</p>
<p class="center">III</p>
-<p>Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen
-auf der Prärie im Gras auf den Knieen und
-schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne
+<p>Am folgenden Tage liegt Zachäus draußen
+auf der Prärie im Gras auf den Knieen und
+schmiert seine Maschine mit Öl. Die Sonne
ist heute ebenso scharf und seine Augen laufen
-ihm hinter den Brillengläsern voll Schweiß.
-Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor,
+ihm hinter den Brillengläsern voll Schweiß.
+Plötzlich rückt das Pferd ein paar Schritte vor,
mag es vor irgend etwas gescheut haben oder
-ist es von einem Insekt gestochen. Zachäus
-stößt einen Schrei aus und springt vom Boden
-auf. Eine Minute später fängt er an, die linke
+ist es von einem Insekt gestochen. Zachäus
+stößt einen Schrei aus und springt vom Boden
+auf. Eine Minute später fängt er an, die linke
Hand in der Luft hin und her zu schwingen
und mit hastigen Schritten auf und nieder
zu gehen.</p>
<p>Ein Mann, der in einiger Entfernung die
-Heuharke fährt, hält sein Pferd an und fragt:
-»Was giebt's denn?«</p>
+Heuharke fährt, hält sein Pferd an und fragt:
+»Was giebt's denn?«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick
-hierher und hilf mir.«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>Zachäus antwortet: »Komm einen Augenblick
+hierher und hilf mir.«</p>
-<p>Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus
-eine blutige Hand und sagt: »Mir ist ein Finger
+<p>Als der Mann kommt, zeigt ihm Zachäus
+eine blutige Hand und sagt: »Mir ist ein Finger
abgeschnitten, es geschah in diesem Augenblick.
-Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«</p>
+Suche mir den Finger, ich sehe so schlecht!«</p>
<p>Der Mann sucht nach dem Finger und findet
ihn im Grase. Es waren zwei Glieder desselben.
Er fing schon an abzusterben und sah
aus wie eine kleine Leiche.</p>
-<p>Zachäus nimmt den Finger in die Hand,
-sieht ihn wiedererkennend an und bemerkt: »Ja,
+<p>Zachäus nimmt den Finger in die Hand,
+sieht ihn wiedererkennend an und bemerkt: »Ja,
das ist er. Warte einen Augenblick, halt ihn
-einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und
-reißt zwei Streifen davon ab; mit dem einen
+einmal!« Zachäus zieht sein Hemd heraus und
+reißt zwei Streifen davon ab; mit dem einen
verbindet er seine Hand, in den andern wickelt
er den abgeschnittenen Finger und steckt ihn in die
-Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die
+Tasche. Dann dankt er dem Kameraden für die
Hilfe und setzt sich wieder auf die Maschine. &mdash;
Er hielt fast bis zum Abend stand. Als der
-Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn
-aus und sandte ihn nach der Farm zurück.</p>
+Aufseher von seinem Unfall hörte, schalt er ihn
+aus und sandte ihn nach der Farm zurück.</p>
-<p>Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen
+<p>Das erste, was Zachäus that, war, den abgeschnittenen
Finger aufzubewahren. Spiritus<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
-hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl
+hatte er nicht, deswegen goß er Maschinenöl
in eine Flasche, steckte den Finger hinein und
verkorkte den Hals fest. Die Flasche legte er
unter den Strohsack in seiner Pritsche.</p>
<p>Eine ganze Woche blieb er zu Hause; er
bekam heftige Schmerzen in der Hand und
-mußte sie Tag und Nacht ganz still halten;
+mußte sie Tag und Nacht ganz still halten;
er schlug sich auf den Kopf, er bekam auch
-Fieber im ganzen Körper und lag da und litt
-und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit
+Fieber im ganzen Körper und lag da und litt
+und grämte sich über alle Maßen. Eine Unthätigkeit
wie diese hatte er noch nie durchzumachen
gehabt, nicht einmal vor einigen Jahren,
-als die Mine explodierte und seine Augen beschädigte.</p>
+als die Mine explodierte und seine Augen beschädigte.</p>
-<p>Um seine elende Lage noch unerträglicher
+<p>Um seine elende Lage noch unerträglicher
zu machen, kam der Koch Polly selber mit dem
Essen vor sein Bett und benutzte die Gelegenheit,
um den Verwundeten zu necken. Die
beiden Feinde lieferten manches Wortgefecht in
dieser Zeit, und es geschah mehr als einmal,
-daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen
-und die Zähne schweigend zusammenbeißen
-mußte, weil er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig
+daß Zachäus sich nach der Wand umdrehen
+und die Zähne schweigend zusammenbeißen
+mußte, weil er dem Riesen gegenüber so ohnmächtig
war.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>Endlich kamen und gingen die schmerzvollen
-Tage und Nächte, kamen und gingen mit unerträglicher
-Langsamkeit. Sobald es ihm möglich
-war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht
+Tage und Nächte, kamen und gingen mit unerträglicher
+Langsamkeit. Sobald es ihm möglich
+war, fing Zachäus an, ein wenig aufrecht
auf seiner Pritsche zu sitzen, und des Tags,
-während der Hitze hielt er die Thür nach der
-Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß
+während der Hitze hielt er die Thür nach der
+Prärie und nach dem Himmel offen. Oft saß
er mit offenem Munde da und lauschte dem
-Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne,
+Ton der Mähmaschinen in weiter, weiter Ferne,
und dann sprach er laut mit seinen Pferden,
als wenn er sie vor sich habe.</p>
<p>Aber der boshafte Polly, der schlaue Polly
konnte ihn auch jetzt nicht in Ruhe lassen. Er
-kam und warf ihm die Thür vor der Nase zu
-unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe
-ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er sich
-nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer
+kam und warf ihm die Thür vor der Nase zu
+unter dem Vorwand, daß es ziehe, es ziehe
+ganz entsetzlich, und dem Zug dürfe er sich
+nicht aussetzen. Dann taumelte Zachäus außer
sich vor Wut aus der Pritsche heraus und
sandte ihm einen Stiefel oder einen Holzschemel
nach, und es war allemal sein brennender
-Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu
-machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er
+Wunsch, ihn auf Lebenszeit zum Krüppel zu
+machen. Aber Zachäus hatte kein Glück, er
sah zu schlecht um zu zielen, und er traf niemals.</p>
-<p>Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
-in der Küche zu Mittag essen wolle. Der Koch
+<p>Am siebenten Tage hatte er erklärt, daß er<a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>
+in der Küche zu Mittag essen wolle. Der Koch
antwortete, er verbiete sich seinen Besuch ganz
-und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch
+und gar. Dabei blieb es, Zachäus mußte auch
heute sein Essen auf der Pritsche in Empfang
-nehmen. Er saß ganz verlassen da und krümmte
-sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß die
-Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen
-waren mit dem Mittagessen draußen in der
-Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen
-ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig
+nehmen. Er saß ganz verlassen da und krümmte
+sich vor Langeweile. Jetzt wußte er, daß die
+Küche leer war, der Koch und seine Gehilfen
+waren mit dem Mittagessen draußen in der
+Prärie, er hörte sie mit Gesang und Lärmen
+ausziehen, um sich über den Eingesperrten lustig
zu machen.</p>
-<p>Zachäus steigt von seiner Pritsche herab
-und schwankt hinüber nach der Küche. Er
+<p>Zachäus steigt von seiner Pritsche herab
+und schwankt hinüber nach der Küche. Er
sieht sich um, das Buch und die Zeitung liegen an
ihrem Platz, er ergreift die letztere und schwankt
-wieder zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt
-er die Brille ab und fängt an, die amüsanten,
-großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.</p>
+wieder zurück in den Schlafschuppen. Dann wischt
+er die Brille ab und fängt an, die amüsanten,
+großen Buchstaben in den Anzeigen zu lesen.</p>
<p>Es vergeht eine Stunde, es vergehen zweie,
&mdash; die Stunden vergingen jetzt so schnell! Endlich
-hörte Zachäus, daß der Proviantwagen
-zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des
-Kochs, der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl,
-die Schüsseln und Kummen zu waschen.</p>
+hörte Zachäus, daß der Proviantwagen
+zurückkehrte, und er vernahm die Stimme des
+Kochs, der den Gehilfen wie gewöhnlich befahl,
+die Schüsseln und Kummen zu waschen.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt
-werden würde, dies war gerade der
+<p><a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>Jetzt wußte Zachäus, daß die Zeitung vermißt
+werden würde, dies war gerade der
Augenblick, wo sich der Koch nach seiner Bibliothek
begab. Er besann sich eine Sekunde und
steckte dann die Zeitung unter den Strohsack
seiner Pritsche. Nach einer Weile holt er schnell
die Zeitung wieder heraus und bringt sie auf
-seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben
+seinem bloßen Leibe unter. Nie im Leben
wollte er die Zeitung wieder ausliefern!</p>
<p>Es vergeht eine Minute.</p>
<p>Da nahen sich schwere Schritte dem Schlafschuppen,
-und Zachäus liegt da und starrt zum
+und Zachäus liegt da und starrt zum
Dach empor.</p>
<p>Polly tritt ein.</p>
-<p>»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?«
+<p>»Wie geht es zu, hast du meine Zeitung?«
fragt er und bleibt mitten in dem Raum stehen.</p>
-<p>»Nein!« antwortet Zachäus.</p>
+<p>»Nein!« antwortet Zachäus.</p>
-<p>»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt
-näher an ihn heran.</p>
+<p>»Ja, du hast sie!« zischt der Koch und tritt
+näher an ihn heran.</p>
-<p>Zachäus richtet sich auf.</p>
+<p>Zachäus richtet sich auf.</p>
-<p>»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich
-zum Teufel!« sagt er und wird ganz wütend.</p>
+<p>»Ich habe deine Zeitung nicht! Scher dich
+zum Teufel!« sagt er und wird ganz wütend.</p>
<p>Da aber wirft der Koch den kranken Mann
-an die Erde und fängt an, die Pritsche zu<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
+an die Erde und fängt an, die Pritsche zu<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
durchsuchen. Er drehte den Strohsack um, ebenso
die armselige Decke, ohne zu finden, was er suchte.</p>
-<p>»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und
-noch, als er gehen mußte und schon ganz auf
+<p>»Du mußt sie haben!« dabei blieb er. Und
+noch, als er gehen mußte und schon ganz auf
den Hof hinausgekommen war, wandte er sich
-von neuem um und wiederholte: »Du hast sie
-genommen! Aber warte nur, mein Freund!«</p>
+von neuem um und wiederholte: »Du hast sie
+genommen! Aber warte nur, mein Freund!«</p>
-<p>Da lachte Zachäus herzlich und boshaft
-über den andern und sagte: »Freilich habe ich
-sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür,
-du schmutziges Ferkel!«</p>
+<p>Da lachte Zachäus herzlich und boshaft
+über den andern und sagte: »Freilich habe ich
+sie genommen. Ich hatte Verwendung dafür,
+du schmutziges Ferkel!«</p>
<p>Da aber wurde das Papageiengesicht des
-Kochs ganz dunkelrot und ein unheilverkündender
+Kochs ganz dunkelrot und ein unheilverkündender
Ausdruck kam in seinen Kanaillenblick. Er sah
-sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja,
-warte du nur!«</p>
+sich nach Zachäus um und murmelte: »Ja,
+warte du nur!«</p>
<p class="center">IV</p>
-<p>Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen
-Strömen floß der Regen vom Himmel
+<p>Am nächsten Tag war ein Gewitter, in gewaltsamen
+Strömen floß der Regen vom Himmel
hernieder, peitschte wie Hagelschauer gegen die
-Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs
-schon zu früher Morgenstunde. Die ganze
+Häuser und füllte die Wasserbehälter des Kochs
+schon zu früher Morgenstunde. Die ganze
Arbeitsmannschaft war zu Hause; einige flickten<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
-Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
-Werkzeug oder Arbeitergerätschaften
-aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.</p>
+Kornsäcke für die Ernte, andere besserten zerbrochenes
+Werkzeug oder Arbeitergerätschaften
+aus und schliffen Messer und Mähmaschinen.</p>
-<p>Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus
-von der Pritsche, wo er saß und wollte
+<p>Als der Mittagsruf ertönte, erhob sich Zachäus
+von der Pritsche, wo er saß und wollte
den anderen in den Speiseraum folgen. Er
-ward indes draußen von Polly in Empfang
-genommen, der ihm sein Essen brachte. Zachäus
+ward indes draußen von Polly in Empfang
+genommen, der ihm sein Essen brachte. Zachäus
wandte ein, er habe beschlossen, von nun an
mit den anderen zu essen, seine Hand sei besser,
er habe kein Fieber mehr. Der Koch antwortete,
wenn er das Essen nicht haben wolle, das er
-ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf
-die blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und
-fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«</p>
+ihm bringe, so bekäme er gar nichts. Er warf
+die blecherne Schale auf Zachäus' Pritsche und
+fragte: »Ist dir das vielleicht nicht gut genug?«</p>
-<p>Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und
+<p>Zachäus kehrte zu der Pritsche zurück und
ergab sich in sein Schicksal. Es war das richtigste,
-daß er das Essen nahm, das man ihm gab.</p>
+daß er das Essen nahm, das man ihm gab.</p>
-<p>»Was für einen Schweinkram hast du denn
-heute wieder gekocht?« knurrte er nur und machte
-sich über die Schüssel her.</p>
+<p>»Was für einen Schweinkram hast du denn
+heute wieder gekocht?« knurrte er nur und machte
+sich über die Schüssel her.</p>
-<p>»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein
-eigentümlicher Blitz schoß aus seinen Augen,
+<p>»Kücken!« antwortete der Koch. Und ein
+eigentümlicher Blitz schoß aus seinen Augen,
als er sich umwandte und ging.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin
+<p><a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>»Kücken?« murmelte Zachäus vor sich hin
und durchsuchte das Essen mit seinen blinden
-Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
-Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.</p>
+Augen. »Den Teufel auch ist das Kücken, du
+Lügner.« Aber es war Fleisch und Sauce.</p>
-<p>Und er aß von dem Fleisch.</p>
+<p>Und er aß von dem Fleisch.</p>
-<p>Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund,
-woraus er nicht klug werden konnte. Es läßt
+<p>Plötzlich bekam er ein Stück in den Mund,
+woraus er nicht klug werden konnte. Es läßt
sich nicht schneiden, es ist ein Knochen mit
-zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite
-abgenagt hat, nimmt er das Stück aus dem
-Munde und betrachtet es. »Der Hund kann
-seinen Knochen selber behalten!« murmelte er
-und geht an die Thüröffnung, um es genauer
+zähem Fleisch daran, und als er die eine Seite
+abgenagt hat, nimmt er das Stück aus dem
+Munde und betrachtet es. »Der Hund kann
+seinen Knochen selber behalten!« murmelte er
+und geht an die Thüröffnung, um es genauer
zu untersuchen. Er wendet und dreht es
-mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche
-zurück und sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen
+mehrere Male. Plötzlich eilt er nach der Pritsche
+zurück und sieht nach der Flasche mit dem abgeschnittenen
Finger, &mdash; die Flasche war verschwunden.</p>
-<p>Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum.
-Leichenblaß mit verzerrtem Gesicht bleibt
-er in der Thür stehen und sagt, so daß alle es
-hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies
-nicht mein Finger?«</p>
+<p>Zachäus schreitet hinüber nach dem Speiseraum.
+Leichenblaß mit verzerrtem Gesicht bleibt
+er in der Thür stehen und sagt, so daß alle es
+hören, zu dem Koch: »Sag mal, Polly, ist dies
+nicht mein Finger?«</p>
-<p>Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.</p>
+<p>Damit hält er einen Gegenstand in die Höhe.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>Der Koch antwortet nicht, fängt aber an
+<p><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>Der Koch antwortet nicht, fängt aber an
seinem Tische an zu kichern.</p>
-<p>Zachäus hält einen anderen Gegenstand in
-die Höhe und sagt: »Und, Polly, ist dies nicht
-mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
-ich den nicht wiedererkennen?«</p>
+<p>Zachäus hält einen anderen Gegenstand in
+die Höhe und sagt: »Und, Polly, ist dies nicht
+mein Nagel, der an dem Finger saß? Sollt'
+ich den nicht wiedererkennen?«</p>
-<p>Jetzt wurden alle Männer an den Tischen
+<p>Jetzt wurden alle Männer an den Tischen
aufmerksam auf die wunderlichen Fragen des
-Zachäus und sahen ihn staunend an.</p>
+Zachäus und sahen ihn staunend an.</p>
-<p>»Was hast du eigentlich?« fragt einer.</p>
+<p>»Was hast du eigentlich?« fragt einer.</p>
-<p>»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen
-Finger im Essen,« erklärt Zachäus.
-»Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir
+<p>»Ich fand meinen Finger, meinen abgeschnittenen
+Finger im Essen,« erklärt Zachäus.
+»Er hat ihn gekocht, er hat ihn mir
mit meinem Essen gebracht. Hier ist auch
-der Nagel.«</p>
+der Nagel.«</p>
-<p>Da brach plötzlich an allen Tischen ein
-brüllendes Gelächter los, und die Leute schrieen
+<p>Da brach plötzlich an allen Tischen ein
+brüllendes Gelächter los, und die Leute schrieen
durcheinander.</p>
-<p>»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und
+<p>»Hat er deinen eigenen Finger gekocht und
ihn dir zu essen gegeben? Du hast ein wenig
davon abgebissen, wie ich sehe, du hast die eine
-Seite abgenagt!«</p>
+Seite abgenagt!«</p>
-<p>»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus,
-»ich wußte nicht, &mdash; &mdash; ich dachte nicht &mdash; &mdash;«</p>
+<p>»Ich sehe nicht gut,« erwiderte Zachäus,
+»ich wußte nicht, &mdash; &mdash; ich dachte nicht &mdash; &mdash;«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>Dann aber plötzlich wendet er sich um und
-geht zur Thür hinaus.</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>Dann aber plötzlich wendet er sich um und
+geht zur Thür hinaus.</p>
-<p>Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum
+<p>Der Aufseher mußte Ruhe im Speiseraum
schaffen. Er erhob sich, wandte sich an den
-Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
-anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«</p>
+Koch und sagte: »Hast du den Finger mit dem
+anderen Fleisch zusammen gekocht, Polly?«</p>
-<p>»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie
-könnte ich wohl! Wofür haltet ihr mich denn?
-Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen
-Kessel.«</p>
+<p>»Nein,« erwiderte Polly. »Großer Gott, wie
+könnte ich wohl! Wofür haltet ihr mich denn?
+Ich kochte ihn für sich, in einem ganz anderen
+Kessel.«</p>
<p>Aber die Geschichte mit dem gekochten Finger
-lieferte den ganzen Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher
-Heiterkeit für die Bande, man stritt
-und lachte darüber wie die Verrückten, und der
+lieferte den ganzen Nachmittag Stoff zu unerschöpflicher
+Heiterkeit für die Bande, man stritt
+und lachte darüber wie die Verrückten, und der
Koch feierte einen Triumph, wie nie zuvor
im Leben.</p>
-<p>Zachäus aber war verschwunden.</p>
+<p>Zachäus aber war verschwunden.</p>
-<p>Zachäus war in die Prärie hinausgegangen.
+<p>Zachäus war in die Prärie hinausgegangen.
Das Unwetter hatte noch immer nicht nachgelassen,
-und es gab nirgends Schutz. Zachäus
-aber wanderte weiter und weiter über die Prärie
+und es gab nirgends Schutz. Zachäus
+aber wanderte weiter und weiter über die Prärie
hinaus. Er trug seine kranke Hand in der Binde
-und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen;
-im übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.</p>
+und schützte sie, so gut er konnte, gegen den Regen;
+im übrigen war er von oben bis unten durchnäßt.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>Er setzt seine Wanderung fort.</p>
-<p>Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er
+<p>Als die Dämmerung hereinbricht, bleibt er
stehen, sieht beim Schein eines Blitzes nach der
-Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück,
-den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen
+Uhr und kehrt dann denselben Weg wieder zurück,
+den er gekommen ist. Mit schwerfälligen, bedächtigen
Schritten geht er durch den Weizen,
als habe er die Zeit und den Weg genau berechnet.
Gegen acht Uhr langt er wieder bei
der Farm an.</p>
-<p>Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die
+<p>Es ist jetzt völlig dunkel. Er hört, daß die
Leute im Speiseraum beim Abendbrot versammelt
sind, und als er durch das Fenster
guckt, meint er den Koch dort zu sehen, und
-glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune ist.</p>
+glaubt zu erkennen, daß er sehr guter Laune ist.</p>
<p>Er geht von dem Hause weg nach den
Stallungen, wo er sich in den Schutz stellt und
in die Finsternis hineinstarrt. Die Heuschrecken
-schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt
+schweigen, alles ist still, nur der Regen fällt
noch immer und von Zeit zu Zeit schneidet ein
schwefelfarbener Blitz den Himmel mitten durch
-und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.</p>
+und schlägt weit hinten in der Prärie nieder.</p>
-<p>Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen
-kommen und in den Schlafschuppen hinübereilen,
+<p>Endlich hört er, daß die Leute vom Abendessen
+kommen und in den Schlafschuppen hinübereilen,
fluchend und im Sturmeslauf, um nicht<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>
-naß zu werden. Zachäus wartet noch eine
+naß zu werden. Zachäus wartet noch eine
Stunde, geduldig und eigensinnig, dann begiebt
-er sich nach der Küche.</p>
+er sich nach der Küche.</p>
<p>Es ist noch Licht da drinnen, er sieht einen
Mann am Herd, und er tritt ruhig ein.</p>
-<p>»Guten Abend!« sagt er.</p>
+<p>»Guten Abend!« sagt er.</p>
<p>Der Koch sieht ihn erstaunt an und sagt
-schließlich:</p>
+schließlich:</p>
-<p>»Heute abend kannst du kein Essen mehr
-bekommen.«</p>
+<p>»Heute abend kannst du kein Essen mehr
+bekommen.«</p>
-<p>Zachäus entgegnet:</p>
+<p>Zachäus entgegnet:</p>
-<p>»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife,
+<p>»Gut! Aber dann gieb mir ein wenig Seife,
Polly. Mein Hemd ist gestern abend nicht
-rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
-waschen.«</p>
+rein geworden, ich muß es noch einmal wieder
+waschen.«</p>
-<p>»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.</p>
+<p>»Nicht in meinem Wasser!« sagte der Koch.</p>
-<p>»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«</p>
+<p>»Ja, gerade. Ich habe es hier an der Ecke!«</p>
-<p>»Ich rate dir davon ab.«</p>
+<p>»Ich rate dir davon ab.«</p>
-<p>»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.</p>
+<p>»Bekomme ich Seife?« fragt Zachäus.</p>
-<p>»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch.
-»Hinaus mit dir!«</p>
+<p>»Ich will dir Seife geben!« schreit der Koch.
+»Hinaus mit dir!«</p>
-<p>Und Zachäus geht hinaus.</p>
+<p>Und Zachäus geht hinaus.</p>
-<p>Er nimmt den einen der Wasserbehälter,
-trägt ihn an die Ecke, so recht mitten unter das<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
-Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser
-herumzuplätschern. Der Koch hört es und
+<p>Er nimmt den einen der Wasserbehälter,
+trägt ihn an die Ecke, so recht mitten unter das<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
+Küchenfenster, und fängt an, laut in dem Wasser
+herumzuplätschern. Der Koch hört es und
kommt heraus.</p>
-<p>Er ist heute groß und überlegen wie nie
+<p>Er ist heute groß und überlegen wie nie
zuvor, und er geht geradeswegs mit ausgespreizten
-Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.</p>
+Armen entschlossen und zornig auf Zachäus zu.</p>
-<p>»Was machst du hier?« fragt er.</p>
+<p>»Was machst du hier?« fragt er.</p>
-<p>Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche
-mein Hemd.«</p>
+<p>Zachäus antwortet: »Nichts. Ich wasche
+mein Hemd.«</p>
-<p>»In meinem Wasser?«</p>
+<p>»In meinem Wasser?«</p>
-<p>»Natürlich!«</p>
+<p>»Natürlich!«</p>
-<p>Der Koch kommt näher, beugt sich über den
-Wasserbehälter, um sich davon zu überzeugen,
+<p>Der Koch kommt näher, beugt sich über den
+Wasserbehälter, um sich davon zu überzeugen,
ob es der seine ist, und sucht in dem Wasser
nach dem Hemd.</p>
-<p>Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der
-Binde der verwundeten Hand heraus, hält ihn
-dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.</p>
+<p>Da zieht Zachäus seinen Revolver aus der
+Binde der verwundeten Hand heraus, hält ihn
+dem Koch gerade vors Ohr und drückt ab.</p>
<p>Ein schwacher Knall hallte in die nasse
Nacht hinaus.</p>
<p class="center">V</p>
-<p>Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde
+<p>Als Zachäus zu später nächtlicher Stunde
in den Schlafschuppen kam, um zur Ruhe zu<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
gehen, erwachten ein paar von seinen Kameraden
-und fragten, was er so lange draußen
+und fragten, was er so lange draußen
gemacht habe.</p>
-<p>Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe
-Polly erschossen.«</p>
+<p>Zachäus antwortete: »Nichts. Ich habe
+Polly erschossen.«</p>
<p>Die Kameraden richteten sich auf den Ellenbogen
-auf, um besser zu hören.</p>
+auf, um besser zu hören.</p>
-<p>»Du hast ihn erschossen?«</p>
+<p>»Du hast ihn erschossen?«</p>
-<p>»Ja!«</p>
+<p>»Ja!«</p>
-<p>»Das wäre doch des Satans! Wo trafst
-du ihn?«</p>
+<p>»Das wäre doch des Satans! Wo trafst
+du ihn?«</p>
-<p>»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr,
-die Kugel ging nach oben.«</p>
+<p>»In den Kopf. Ich schoß ihn durchs Ohr,
+die Kugel ging nach oben.«</p>
-<p>»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«</p>
+<p>»Den Teufel auch! Wo hast du ihn begraben?«</p>
-<p>»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die
-Zeitung in die Hände.«</p>
+<p>»Westlich in der Prärie. Ich gab ihm die
+Zeitung in die Hände.«</p>
-<p>»Hast du das gethan?«</p>
+<p>»Hast du das gethan?«</p>
<p>Damit legten sich die Kameraden wieder
hin, um weiter zu schlafen.</p>
<p>Nach einer Weile fragt noch einer von
-ihnen: »Starb er gleich?«</p>
+ihnen: »Starb er gleich?«</p>
-<p>»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort.
-Die Kugel ging durch das Gehirn.«</p>
+<p>»Ja,« antwortete Zachäus, »beinahe sofort.
+Die Kugel ging durch das Gehirn.«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der
-Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist
-das der Tod.«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>»Ja, das ist der beste Schuß,« sagt der
+Kamerad. »Geht sie durch das Gehirn, so ist
+das der Tod.«</p>
<p>Und dann wird es ruhig in dem Schuppen,
und alle schliefen &mdash; &mdash; &mdash;.</p>
<p>Der Aufseher ernannte einen neuen Koch,
-einen der Gehilfen, die seit dem Frühling in
-Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht
-und war herzlich glücklich über den Mord.</p>
+einen der Gehilfen, die seit dem Frühling in
+Übung waren; dieser ward jetzt zum Chef erhöht
+und war herzlich glücklich über den Mord.</p>
-<p>Und alles ging seinen rührigen Gang bis
-zur Ernte. Es wurde nicht weiter über Pollys
+<p>Und alles ging seinen rührigen Gang bis
+zur Ernte. Es wurde nicht weiter über Pollys
Heimgang geredet, der arme Teufel war tot,
er lag irgendwo im Weizenfelde begraben, wo
-die Ähren ausgerissen waren; dabei war nichts
+die Ähren ausgerissen waren; dabei war nichts
mehr zu machen.</p>
<p>Als der Oktober kam, zogen die Arbeiter
-aus Billybory nach der nächsten Stadt, um
+aus Billybory nach der nächsten Stadt, um
einen gemeinsamen Abschiedstrunk zu trinken
und sich dann zu trennen. Alle waren in diesem
Augenblick bessere Freunde denn je zuvor, und
sie umarmten und dankten einander und meinten
es ehrlich damit.</p>
-<p>»Wohin gehst du, Zachäus?«</p>
+<p>»Wohin gehst du, Zachäus?«</p>
-<p>»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
-Zachäus. »Vielleicht nach Wyoming. Aber
+<p>»Ich gehe etwas weiter westlich,« antwortet<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+Zachäus. »Vielleicht nach Wyoming. Aber
zum Winter gehe ich wieder in den Wald zum
-Holzschlagen.«</p>
+Holzschlagen.«</p>
-<p>»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen,
-Zachäus! Glückliche Reise!«</p>
+<p>»Dann treffen wir uns dort. Auf Wiedersehen,
+Zachäus! Glückliche Reise!«</p>
<p>Und die Kameraden ziehen nach allen Richtungen
-hinaus in das große Yankeeland. Zachäus
+hinaus in das große Yankeeland. Zachäus
reist nach Wyoming.</p>
-<p>Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen
-Meer, über das die Oktobersonne ihre
+<p>Und die Prärie liegt da gleich einem endlosen
+Meer, über das die Oktobersonne ihre
langen Strahlen wirft, die blitzenden Pfriemen
gleichen.</p>
-<h2><a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a><a name="Uber_das_Meer" id="Uber_das_Meer">Über das Meer</a><br />
+<h2><a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a><a name="Uber_das_Meer" id="Uber_das_Meer">Über das Meer</a><br />
<small>Ein Reisebrief</small></h2>
<p class="drop-cap">Jetzt,<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> drei Wochen nachdem ich in Amerika
gelandet bin, komme ich endlich dazu, Ihnen
-diesen Bericht über die Reise dahin zu senden.
-Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun
-können, &mdash; der Geist ist willig gewesen, aber
-das Fleisch war schwach. Mitte August verließ
-ich Norwegen, wo wir schon seit längerer
-Zeit einen Überzieher getragen hatten, und kam
-drei Wochen später in eine Hitze von über
+diesen Bericht über die Reise dahin zu senden.
+Ich bedaure, daß ich es nicht früher habe thun
+können, &mdash; der Geist ist willig gewesen, aber
+das Fleisch war schwach. Mitte August verließ
+ich Norwegen, wo wir schon seit längerer
+Zeit einen Überzieher getragen hatten, und kam
+drei Wochen später in eine Hitze von über
90 Grad Fahrenheit im Schatten hinein. Dies
-griff mich nicht wenig an und störte meine sonst
+griff mich nicht wenig an und störte meine sonst
so gute Septembergesundheit.</p>
<p>Ich will versuchen, aus dem Kopf, ganz
-nach dem Gedächtnis zu schreiben. Ich habe
+nach dem Gedächtnis zu schreiben. Ich habe
auch nicht einen Buchstaben mehr von allen
meinen wichtigen Papieren vom Schiff. Alles<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>
-ist weg. Meine sämtlichen Notizen sind eines
+ist weg. Meine sämtlichen Notizen sind eines
Nachts am Rande der Newfoundlandsbanks
-verschwunden. Jeder andere würde wohl den
+verschwunden. Jeder andere würde wohl den
Verstand verloren haben, &mdash; mir entfuhr nicht
einmal ein Schrei. Ich setzte mich nur auf
meinen gelben Handkoffer und fand mich wie
ein Mann in das Unvermeidliche. Und gegen Vormittag
-ermannte ich mich so weit, daß ich sogar
+ermannte ich mich so weit, daß ich sogar
eine Tasse Thee herunterzuschlucken vermochte.</p>
<div class="center">
<img src="images/tb.png" width="63" height="83" alt="" />
</div>
-<p>So ließen wir denn die Brücke von Kristiania
-hinter uns, nachdem wir unsere Abschiedsgrüße
-geweht, und der Schiffer die Quittung für die
+<p>So ließen wir denn die Brücke von Kristiania
+hinter uns, nachdem wir unsere Abschiedsgrüße
+geweht, und der Schiffer die Quittung für die
Emigrantenladung abgelegt hatte.</p>
-<p>»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,«
-fragte mein junger Reisegefährte mit weinerlicher
+<p>»Kann man jetzt nicht mehr umkehren,«
+fragte mein junger Reisegefährte mit weinerlicher
Stimme.</p>
-<p>»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du
-nicht thun.«</p>
+<p>»Ja, in Kristianssand. Aber das wirst du
+nicht thun.«</p>
-<p>»Dann betrinke ich mich und segele viele
-viele Meilen von der Heimat fort,« schluchzte er.</p>
+<p>»Dann betrinke ich mich und segele viele
+viele Meilen von der Heimat fort,« schluchzte er.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>Ach, dieser blutjunge Mann! Er war siebzehn
Jahre alt und war noch nie von Hause fort gewesen.</p>
-<p>Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch.
+<p>Es entstand ein Lärmen und ein Geräusch.
Sechshundert Menschen wimmelten auf Deck
-durcheinander, schleppten ganze Fuder von Gepäck
+durcheinander, schleppten ganze Fuder von Gepäck
in das Zwischendeck hinab. Da waren die verarmten
-Gebirgsbewohner aus unseren Thälern,
-Bauern von den dänischen Inseln, grobknochige
+Gebirgsbewohner aus unseren Thälern,
+Bauern von den dänischen Inseln, grobknochige
Schweden, &mdash; Bettler und arme Leute, bankerotte
-Kaufleute aus den Städten, Handwerker, &mdash;
-Frauen, junge Mädchen und Kinder. Es war
+Kaufleute aus den Städten, Handwerker, &mdash;
+Frauen, junge Mädchen und Kinder. Es war
das auswandernde Skandinavien.</p>
-<p>»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann
-neben mir. »Sie waren schon früher drüben?«</p>
+<p>»Ja, jetzt schwimmen wir,« sagte ein Mann
+neben mir. »Sie waren schon früher drüben?«</p>
-<p>»Ja!«</p>
+<p>»Ja!«</p>
-<p>Er war ein Mann von dreißig Jahren,
+<p>Er war ein Mann von dreißig Jahren,
fett, sommersprossig und ohne Bart. Eine
blonde Haarschnur mit runden Gliedern hing
ihm von der Brust herab, um den Hals trug
-er einen weißen, fettigen Schlips. Er hatte Ohrlöcher
+er einen weißen, fettigen Schlips. Er hatte Ohrlöcher
in den Ohren.</p>
-<p>»Ein schönes Land, das wir verlassen!«
-sagte er. »Das schönste auf der Erde!« &mdash;
-Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.</p>
+<p>»Ein schönes Land, das wir verlassen!«
+sagte er. »Das schönste auf der Erde!« &mdash;
+Seine gutmütigen Augen wurden ganz blank.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>»Weshalb verlassen Sie es denn?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>»Weshalb verlassen Sie es denn?«</p>
<p>Das hatte seine besondere Bewandtnis. Er
-war Seminarist, war Lehrer gewesen, hieß übrigens
+war Seminarist, war Lehrer gewesen, hieß übrigens
Nyke, <ins title="Christen">Kristen</ins> Nyke. Dann war er in
eine theologische Streitigkeit mit dem Pfarrer
C. F. Magnus geraten, und diese Streitigkeit
-endete damit, daß er seine Lehrerstellung verlor.
-Er erzählte von seinem Appell an die <ins title="Offentlichkeit">Öffentlichkeit</ins>,
+endete damit, daß er seine Lehrerstellung verlor.
+Er erzählte von seinem Appell an die <ins title="Offentlichkeit">Öffentlichkeit</ins>,
von seinen vier langen Artikeln in der
Stiftszeitung, was er dem Bischof unverzagt
-auf dessen Brief geantwortet hatte: »Herr Bischof,
-Ew. Hochwürden können das Unmögliche von
-mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«</p>
+auf dessen Brief geantwortet hatte: »Herr Bischof,
+Ew. Hochwürden können das Unmögliche von
+mir verlangen, erfüllen kann ich es aber nicht.«</p>
-<p>»Und um was hat sich denn der Streit
-gedreht?«</p>
+<p>»Und um was hat sich denn der Streit
+gedreht?«</p>
<p>Aus dem Gesicht des Lehrers strahlte eine
unglaubliche Begeisterung:</p>
-<p>»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich
-lese viele Bücher, ich durchforsche Zeitungen
-und Schriften und werde für meine Verhältnisse
+<p>»Um was sich der Streit gedreht hat? Ich
+lese viele Bücher, ich durchforsche Zeitungen
+und Schriften und werde für meine Verhältnisse
ein gelehrter Mann. Ich katechisiere die Kinder
nach den Forderungen der Zeit und nach meinen
-eigenen natürlichen Vernunftschlüssen. Da steht
-von Noah, daß er ein Paar von allen den<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>
+eigenen natürlichen Vernunftschlüssen. Da steht
+von Noah, daß er ein Paar von allen den<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>
Tieren mit sich in die Arche nahm, die nicht
im Wasser leben konnten. Das soll mir jemand
einreden! Hatte er etwa ein Paar Mastodonten,
ein Paar Mammuttiere, ein Paar Elefanten
-bei sich, von denen ein einziges Paar genügt
-hätte, um sein kleines Fahrzeug zu füllen? Auf
-der anderen Seite: Besaß Noah ein Vergrößerungsglas
+bei sich, von denen ein einziges Paar genügt
+hätte, um sein kleines Fahrzeug zu füllen? Auf
+der anderen Seite: Besaß Noah ein Vergrößerungsglas
und ein Mikroskop? Ich frage so
-einfältig, weil ich es nicht besser weiß. Konnte
+einfältig, weil ich es nicht besser weiß. Konnte
Noah alle die Millionen von Millionen unsichtbarer
-Tiere und Gewürm mitnehmen, die
+Tiere und Gewürm mitnehmen, die
dem menschlichen Auge verborgen sind? Und
-konnte er sie ohne Vergrößerungsglas untersuchen
-und ein männliches und ein weibliches
-Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«</p>
+konnte er sie ohne Vergrößerungsglas untersuchen
+und ein männliches und ein weibliches
+Tier von jeder einzigen Art herausfinden?«</p>
<p>Es hatten sich noch mehr Menschen zu uns
gesellt, die dem eifrigen Redner lauschten. Hier
fingen einige an zu kichern, andere standen in
tiefem Sinnen da und hielten an ihrer Kinderlehre
fest. Herr Nyke hatte Blut geleckt, er
-fuhr fort, über die Unwahrscheinlichkeiten der
-Bibel zu räsonnieren:</p>
+fuhr fort, über die Unwahrscheinlichkeiten der
+Bibel zu räsonnieren:</p>
-<p>»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,«<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
-sagte er. »Vor der Kirchenversammlung
-zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu glauben,
+<p>»Ebenso verhält es sich mit Jesu Göttlichkeit,«<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+sagte er. »Vor der Kirchenversammlung
+zu Nicäa stand es jedem frei, darüber zu glauben,
was man wollte; da aber wurde es festgestellt.
Dies geschah im 4. Jahrhundert nach Christo.
Und seither ist es so gewesen. Forscht man
-aber in Büchern und Schriften, findet man
-keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz.
+aber in Büchern und Schriften, findet man
+keine Begründung für diesen menschlichen Lehrsatz.
Ich habe in einem schwedischen Buch
-gelesen, das Ganze beruhe auf der fälschlichen
+gelesen, das Ganze beruhe auf der fälschlichen
Auslegung eines griechischen Buchstabens. Ich
will euch das alles zeigen, wenn ich nur erst
zu meinem Koffer gelangen kann; da habe ich
-eine Menge Bücher.«</p>
+eine Menge Bücher.«</p>
-<p>Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen
-ruhig geworden, so daß Herr Nyke ganz ungestört
+<p>Oben auf Deck war es jetzt einigermaßen
+ruhig geworden, so daß Herr Nyke ganz ungestört
reden konnte; durch die Luken des
Zwischendecks stieg ein Gesurre von Stimmen
-von allen den geschäftigen Menschen da
+von allen den geschäftigen Menschen da
unten auf, die ihre Kojen mit geballten
-Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite
+Fäusten verteidigten und ihr Gepäck beiseite
stauten.</p>
-<p>Vier junge Damen in flottgeschürzten <ins title="Karl Johann">Karl-Johann</ins>-Toiletten
+<p>Vier junge Damen in flottgeschürzten <ins title="Karl Johann">Karl-Johann</ins>-Toiletten
und blauen Ringen unter den
-Augen gingen plaudernd je zu zweien vorüber.<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>
-Sie orientierten sich für die kommenden Tage
-an Bord, starrten mit großen, blauen Augen
-um sich, redeten jeden sündhaften Matrosen an
-und stiegen unerschrocken über all das Gepäck,
+Augen gingen plaudernd je zu zweien vorüber.<a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>
+Sie orientierten sich für die kommenden Tage
+an Bord, starrten mit großen, blauen Augen
+um sich, redeten jeden sündhaften Matrosen an
+und stiegen unerschrocken über all das Gepäck,
das ihnen im Wege lag, ohne auch nur die
-fetten, kleinen Hände aus den Manteltaschen zu
+fetten, kleinen Hände aus den Manteltaschen zu
ziehen. Strauchelte eine von ihnen, so lachten
-sie alle vier und meinten, es sei ein recht vergnügliches
+sie alle vier und meinten, es sei ein recht vergnügliches
Leben an Bord.</p>
<p>Ich ging hinunter, um mir eine Koje in
-einer einigermaßen reinlichen Nachbarschaft auszusuchen.
-Das hatte indessen mein junger Reisegefährte
-schon besorgt; er saß wie ein Kaiser
+einer einigermaßen reinlichen Nachbarschaft auszusuchen.
+Das hatte indessen mein junger Reisegefährte
+schon besorgt; er saß wie ein Kaiser
oben auf seiner Strohmatratze und warf allen,
-die ihm seine Koje nehmen wollten, wütende
+die ihm seine Koje nehmen wollten, wütende
Worte an den Kopf.</p>
<div class="center">
<img src="images/tb.png" width="63" height="83" alt="" />
</div>
-<p>In der Nähe unserer Koje hatten auch
+<p>In der Nähe unserer Koje hatten auch
Kristen Nyke und seine Kameraden Unterkommen
-gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche
-Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>
+gefunden. Zwei von ihnen seien »gewöhnliche
+Handwerker«, sagte Herr Nyke, sie<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>
hatten einen gemeinsamen Geldbeutel und einen
-gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;
-der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges,
+gemeinsamen Koffer, ohne doch Brüder zu sein;
+der dritte hatte feinere Hände und ein lustiges,
verschmitztes Gesicht, er war aus einer Kaufmannsfamilie.
-Dieser Mann sollte uns während
-der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen.
+Dieser Mann sollte uns während
+der Überfahrt viele Unterhaltung verschaffen.
Nie seekrank, immer lustig, hilfsbereit
und immer parat, fuhr er zwischen den Passagieren
umher und streute seine Scherze willig
-über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits
-schien dieses kleine drollige Männchen nur <em class="gesperrt">ein</em>
-Vergnügen hier im Leben zu kennen: nämlich
+über das ganze Zwischendeck aus. Seinerseits
+schien dieses kleine drollige Männchen nur <em class="gesperrt">ein</em>
+Vergnügen hier im Leben zu kennen: nämlich
seinen Reisegenossen Nyke, den er immer bei
-seinem Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu
-necken, und es kam nur selten vor, daß diese
+seinem Vornamen Kristen nannte, tüchtig zu
+necken, und es kam nur selten vor, daß diese
beiden Frieden hielten. Zuweilen weckte er den
Seminaristen mitten in der Nacht, um sich nach
-seinem Befinden zu erkundigen, oder er erzählte
-ihm, wieviel die Uhr war, während Nyke
-wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für
-diesen »Schurkenstreich« schwur. Und dann
+seinem Befinden zu erkundigen, oder er erzählte
+ihm, wieviel die Uhr war, während Nyke
+wütend erwachte und ihm schreckliche Rache für
+diesen »Schurkenstreich« schwur. Und dann
schliefen sie beide wieder ein.</p>
<p>Jetzt standen sie da und warteten auf das
Mittagessen.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte
+<p><a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>»Nyke soll drüben Pastor werden,« sagte
der Kaufmann.</p>
<p>Da lachte Nyke. Pastor, er! Dazu war er
-ein viel zu aufgeklärter Mensch! Und er wandte
+ein viel zu aufgeklärter Mensch! Und er wandte
sich nach mir um und fragte, was ein Mann
mit seiner Ausbildung eigentlich anfangen sollte.
-Er gehöre nicht zu denen, die körperliche Arbeit
-verachteten, aber man müsse ihm wohl recht
-geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem
-in sich trüge. Er habe an die Stellung
+Er gehöre nicht zu denen, die körperliche Arbeit
+verachteten, aber man müsse ihm wohl recht
+geben, daß er die Bedingungen zu etwas anderem
+in sich trüge. Er habe an die Stellung
eines Professors an einem College gedacht.</p>
-<p>Als die Essensglocke ertönte und die großen
+<p>Als die Essensglocke ertönte und die großen
Eimer mit Emigrantenspeise auf das Zwischendeck
-herabgelassen wurden, wurde das Gedränge
-so groß und der Lärm so stark, daß ich es für
+herabgelassen wurden, wurde das Gedränge
+so groß und der Lärm so stark, daß ich es für
das Geratenste hielt, eine Weile auf Deck
-hinaufzufliehen. Es ging über die Glieder der
+hinaufzufliehen. Es ging über die Glieder der
Mitmenschen her. Der Matrose, der als
Zwischendecks-Polizist angestellt war, fand den
-Zustand derartig, daß auch er es vor seinem
-Gewissen verantworten zu können glaubte, jetzt
+Zustand derartig, daß auch er es vor seinem
+Gewissen verantworten zu können glaubte, jetzt
seiner Wege zu gehen, &mdash; jetzt, so lange er noch
ohne andere Hilfe gehen <em class="gesperrt">konnte</em>.</p>
@@ -2107,55 +2093,55 @@ ja wagen, er aber hatte Frau und Kinder in
Kopenhagen.</p>
<p>Nachdem ich mich auf dem obersten Deck
-eine halbe Stunde herumgetrieben und das <ins title="Getose">Getöse</ins>
+eine halbe Stunde herumgetrieben und das <ins title="Getose">Getöse</ins>
unten sich ein wenig gelegt hatte, ging ich
wieder hinab. Meine neuen Bekannten, sowie
-mein junger Reisegenosse von daheim saßen
+mein junger Reisegenosse von daheim saßen
alle um eine Kiste herum und schnitten ein
-Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
+Stück herrlichen, gelblichen Speck, der ganz danach
angethan schien, um Seekrankheit zu erzeugen,
-in Stücke und verzehrten es. Und überall in
+in Stücke und verzehrten es. Und überall in
jeder Koje, in jedem Schlupfwinkel war man
-mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der
-Mensch lebt <em class="gesperrt">für</em> das, <em class="gesperrt">wovon</em> er lebt! Auch
-nicht <em class="gesperrt">ein</em> Gesicht verriet Spuren von den Thränen,
-die für das Vaterland gefallen waren, das man
+mit dem Mittagsessen beschäftigt. Ach ja, der
+Mensch lebt <em class="gesperrt">für</em> das, <em class="gesperrt">wovon</em> er lebt! Auch
+nicht <em class="gesperrt">ein</em> Gesicht verriet Spuren von den Thränen,
+die für das Vaterland gefallen waren, das man
verlassen hatte. Speck lag auf den Kisten, trieb
-sich am Fußboden und auf den Matratzen
-herum, Kinder spielten damit, Jünglinge bombardierten
-einander damit, man saß da, Speck
-in den Zähnen, zwischen den Fingern, auf den
-Knieen, &mdash; überall glänzte dieser fette, gelbe
-Stoff, der überall Flecke hinterließ.</p>
+sich am Fußboden und auf den Matratzen
+herum, Kinder spielten damit, Jünglinge bombardierten
+einander damit, man saß da, Speck
+in den Zähnen, zwischen den Fingern, auf den
+Knieen, &mdash; überall glänzte dieser fette, gelbe
+Stoff, der überall Flecke hinterließ.</p>
<p>Viele aber langten mit herzerfreuendem<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>
Appetit zu. Die Gebirgsbewohner aus den
-engen Thälern hatten wohl jetzt zum ersten Mal
+engen Thälern hatten wohl jetzt zum ersten Mal
in ihrem Leben Gelegenheit, nach Herzenslust
in Zukost zu ihrem Brot zu schwelgen.</p>
-<p>Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens
+<p>Aber mein junger Reisegefährte, der übrigens
von ebenso armer Herkunft war wie ich selber,
sollte sein erstes Mittagessen an Bord eines
Oceandampfers teuer bezahlen. Er lag den
ganzen Nachmittag in seiner Koje und befand
-sich schlecht, und ich konnte nicht an ihm vorübergehen,
-ohne daß er nicht eine Unterhaltung über
+sich schlecht, und ich konnte nicht an ihm vorübergehen,
+ohne daß er nicht eine Unterhaltung über
trockne Schiffszwieback anfing, so recht trockne,
gute Zwieback, auf denen man kauen konnte,
-oder daß er mich um ein Mittel gegen Übelkeit
+oder daß er mich um ein Mittel gegen Übelkeit
um Rat fragte.</p>
-<p>Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen
-Gärung im Magen an einer gewissen
-Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache mit
+<p>Herr Nyke dahingegen litt infolge der gefährlichen
+Gärung im Magen an einer gewissen
+Verdauungsträgheit. Er nähme die Sache mit
Ruhe, sagte er, und habe keine Lust, etwas
-vorzunehmen. Späterhin am Abend sollte er
-indessen genug zu thun bekommen. Wir hörten
-ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen,
-dessen er denn schließlich auch habhaft wurde,
+vorzunehmen. Späterhin am Abend sollte er
+indessen genug zu thun bekommen. Wir hörten
+ihn eifrig nach einem gewissen Schlüssel suchen,
+dessen er denn schließlich auch habhaft wurde,
den er dann aber gar nicht wieder abgeben<a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>
-wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen
+wollte, obwohl es der Schlüssel zu einer gewissen
Bequemlichkeit war, zu der auch andere Zutritt
haben sollten.</p>
@@ -2164,13 +2150,13 @@ haben sollten.</p>
</div>
<p>Indessen war die Stimmung unter den Auswanderern
-ganz vorzüglich. Sie hatten vor
-Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere
+ganz vorzüglich. Sie hatten vor
+Abgang des Schiffes in Kristiania eine größere
Menge Abschiedsbier getrunken und hatten noch
einen Schluck in der Reiseflasche. Nach Tische
kamen dann die Handharmonikas auf Deck und
es entspann sich gleich ein so lebhafter Tanz,
-daß schwache Leute unter die Starken gerieten;
+daß schwache Leute unter die Starken gerieten;
einige von den Frauen flehten sicher aufrichtig
um Geduld im Leiden.</p>
@@ -2178,24 +2164,24 @@ um Geduld im Leiden.</p>
sich am Vordersteven gesammelt, dort sang ein
schwedischer Methodistenprediger aus Amerika
geistliche Lieder von Sankey und betete um
-gutes Wetter für die Überfahrt. Man ist so
+gutes Wetter für die Überfahrt. Man ist so
gottlos als junger Auswanderer &mdash; bis zu dem
Augenblick, wo die Gefahr im Anzuge ist. Hier<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
-waren es nur ein paar ältere Sünder, die
-in sich gingen, während da unten auf dem
+waren es nur ein paar ältere Sünder, die
+in sich gingen, während da unten auf dem
Zwischendeck ein Schwarm lustiger Leute Mazurka
tanzten und sich nicht um den lieben Gott
-kümmerten.</p>
+kümmerten.</p>
-<p>Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber.
+<p>Herr Nyke und der Kaufmann kamen vorüber.
Herr Nyke schimpfte. Er trug seinen
Speiseneimer in der Hand, ein sonderbares, verbogenes
-Blechgefäß mit einem eisernen Henkel.
+Blechgefäß mit einem eisernen Henkel.
Es war sehr mitgenommen.</p>
-<p>»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke.
-»Er hat es absichtlich gethan, sich daraufgesetzt,
-es zerbrochen. Sehen Sie nur!«</p>
+<p>»Er hat es gethan!« sagte Herr Nyke.
+»Er hat es absichtlich gethan, sich daraufgesetzt,
+es zerbrochen. Sehen Sie nur!«</p>
<p>Der Kaufmann that sein Bestes, um ernsthaft
zu bleiben. Es sei versehentlich geschehen,
@@ -2203,27 +2189,27 @@ sagte er. Es sei da unten so dunkel gewesen,
da habe er sich, ohne es zu wollen, darauf gesetzt.</p>
<p>Und beide gingen weiter und redeten mit
-lauter Stimme über die Sache.</p>
+lauter Stimme über die Sache.</p>
<p>Der Tanz wurde bis an den dunklen Abend
-fortgesetzt, wo das Deck geräumt werden sollte.
-Das Reglement schrieb vor, daß wir Passagiere
+fortgesetzt, wo das Deck geräumt werden sollte.
+Das Reglement schrieb vor, daß wir Passagiere
vom Zwischendeck bis zu einem gewissen Glockenschlag
in unserer Koje sein sollten, und sobald<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>
der Zeitpunkt gekommen war, sah man den
Proviantverwalter und einen der Offiziere, jeder
mit einer kleinen Diebslaterne unter dem Rock,
-in allen Winkeln und Ecken herumstöbern, um
-plötzlich einen Lichtstrahl auf ein verspätetes
-Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß
-und sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen
+in allen Winkeln und Ecken herumstöbern, um
+plötzlich einen Lichtstrahl auf ein verspätetes
+Paar zu werfen, das noch im Verborgenen dasaß
+und sich in flüsterndem Zwiegespräch vergessen
hatte. Ein kleiner erschreckter Schrei, zwei Paar
entsetzte Augen starrten die Laterne an, dann
-eine hastige Flucht über das Deck &mdash; in ein
+eine hastige Flucht über das Deck &mdash; in ein
besseres Versteck. Die vier Karl-Johann-Damen
forderten sogar, das Reglement zu sehen, das
ihnen verbieten konnte, auf Deck zu sitzen, bis
-der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich
+der Morgen dämmerte. Das möchten sie sich
denn doch ausbitten!</p>
<p>Und dann bekamen sie das Reglement zu
@@ -2237,28 +2223,28 @@ sehen.</p>
<p>In Kristianssand waren wir an Bord gewesen
und hatten ein paar Briefe geschrieben,<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>
-eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
+eßbare Speisen gekauft, so gut sie zu haben
waren und so weit es unsere Mittel erlaubten,
ein wenig Bier getrunken. Das war das
-letzte, was wir auf europäischem Festland verzehrten.
+letzte, was wir auf europäischem Festland verzehrten.
Jetzt dampften wir in die Nordsee
hinein.</p>
<p>Es war am Morgen, rings umher erwachten
die Leute, die Uhr war sieben, in einer Stunde
-kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten
+kam das Frühstück. Mehrere von uns hatten
schon Stiefel an.</p>
-<p>Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff
+<p>Ich schloß die Augen wieder. Das Schiff
rollte. Die stampfende Bewegung hatte meinen
Kopf schon etwas schwer gemacht. Ich schlief
wieder ein.</p>
-<p>Ich erwachte von einem schallenden Gelächter
+<p>Ich erwachte von einem schallenden Gelächter
meiner Kameraden, die schon unten
-auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück
+auf den Kisten saßen, im Begriff ihr Frühstück
einzunehmen, und ich richtete mich gerade
-früh genug auf, um Herrn Nykes Beine
+früh genug auf, um Herrn Nykes Beine
die Treppe zum Deck hinauf verschwinden
zu sehen.</p>
@@ -2266,182 +2252,182 @@ zu sehen.</p>
<p>Herr Nyke hatte einen Heringskopf in seinem
Kaffee-Eimer gefunden, und deswegen war er<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
-jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um sich zu
+jetzt auf dem Wege zum Kapitän, um sich zu
beklagen.</p>
<p>Der Haugesunder an meiner linken Seite
-fragte gähnend, wieviel die Uhr sei, alle Leute
+fragte gähnend, wieviel die Uhr sei, alle Leute
erwachten und sprangen zu beiden Seiten des
Ganges im Mitteldeck aus den Kojen; aus der
Abteilung der verheirateten Leute drang das
-unangenehme Geräusch seekranker Frauen, in
-meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges
-Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die
+unangenehme Geräusch seekranker Frauen, in
+meinem eigenen Kopf machte sich ein verdächtiges
+Gefühl bemerkbar. Ich zog schnell die
Stiefel an und begab mich auf Deck.</p>
<p>Hier und da, im Schutz gegen den Wind,
-saßen bleiche Menschen, denen offenbar übel
-war; einige hingen schon trostlos über der
+saßen bleiche Menschen, denen offenbar übel
+war; einige hingen schon trostlos über der
Schanzverkleidung. Und der Wind stand uns
gerade entgegen. Die See wurde immer unruhiger.</p>
-<p>Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück
-und erging sich über den Heringskopf. War
+<p>Herr Nyke kehrte in höchster Erregung zurück
+und erging sich über den Heringskopf. War
das vielleicht mit den modernen Gesundheitsregeln
der Hygiene zu vereinen?</p>
<p>Ein leidender Mitreisender, der offenbar
genug zu thun hatte, um sich auf den Beinen
-zu halten, mußte trotz alledem über die Wut<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>
+zu halten, mußte trotz alledem über die Wut<a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>
des Seminaristen lachen. Er gab sich sogar
-Mühe, über die Sache nachzudenken.</p>
+Mühe, über die Sache nachzudenken.</p>
-<p>»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von
-einem Ihrer Kameraden,« sagte er. »Der ist
+<p>»Der Heringskopf ist ein Schelmstück von
+einem Ihrer Kameraden,« sagte er. »Der ist
nicht aus dem Eimer des Stewarts gekommen,
-er wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«</p>
+er wäre gar nicht durch den Guß hindurch gegangen!«</p>
<p>Nyke senkte sinnend das Haupt.</p>
-<p>»Was Sie da sagen, hat etwas für sich,
+<p>»Was Sie da sagen, hat etwas für sich,
und ich habe auch schon daran gedacht. Die
-<ins title="Offnung">Öffnung</ins> in dem Eimer des Stewarts war
+<ins title="Offnung">Öffnung</ins> in dem Eimer des Stewarts war
wirklich zu eng dazu. Deshalb bin ich auch
-nicht zum Kapitän gegangen, das wäre zu
-dumm gewesen &mdash;« Und Herr Nyke meinte,
-was er sagte. Es wäre doch wirklich ein
-abscheulicher Scherz. Schließlich sprach er seine
-Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der
-bei ihm einzutreten pflege, wenn er »solchen
-Schweinkram« gegessen hatte.</p>
+nicht zum Kapitän gegangen, das wäre zu
+dumm gewesen &mdash;« Und Herr Nyke meinte,
+was er sagte. Es wäre doch wirklich ein
+abscheulicher Scherz. Schließlich sprach er seine
+Besorgnis vor einem »gewissen Fall« aus, der
+bei ihm einzutreten pflege, wenn er »solchen
+Schweinkram« gegessen hatte.</p>
<p>Und die See ward immer bewegter, die
Seekrankheit griff mehr und mehr um sich. Ein
Emigrant nach dem andern brach jammervoll
-zusammen, und unten in den Kajüten der ersten
+zusammen, und unten in den Kajüten der ersten
und zweiten Klasse hatten die dienstbaren Geister<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>
genug mit dem Reinigen zu thun. Mit welcher
Unbarmherzigkeit greift diese Krankheit nicht
-den stärksten Mann an! Ich war sehr viel
-auf See gewesen, und doch war ich jetzt ohnmächtig,
+den stärksten Mann an! Ich war sehr viel
+auf See gewesen, und doch war ich jetzt ohnmächtig,
totkrank achtundvierzig Stunden lang.
-Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich
-einigermaßen, dann lag ich da! Einmal, als
-mein Elend seinen Höhepunkt erreicht hatte, und
+Bis zu der schottischen Küste hielt ich mich
+einigermaßen, dann lag ich da! Einmal, als
+mein Elend seinen Höhepunkt erreicht hatte, und
ich hilflos in einem Winkel des Decks zusammen
-mit ein paar andern Leidensgefährten lag, kam
+mit ein paar andern Leidensgefährten lag, kam
mein Kamerad aus der Koje links, der Haugesunder,
-vorüber, dieser dicke, unbehilfliche Mensch,
+vorüber, dieser dicke, unbehilfliche Mensch,
der in seinen eigenen Stiefeln stolpern konnte,
und trat ohne die geringste Notwendigkeit auf
-meinen Fuß, &mdash; ich war nicht imstande, mich
-aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.
-Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder
+meinen Fuß, &mdash; ich war nicht imstande, mich
+aufzurichten und ihn nach Verdienst zu züchtigen.
+Er entkam mir. Im übrigen war der Haugesunder
ein hilfreicher Mann. Er stahl gelbe
-Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank
-während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff
+Wurzeln für mich aus einem Vorratsschrank
+während der Zeit, wo ich seekrank war, er ergriff
Herrn Nykes Partei, als dieser eines
-Tages mit dem Methodistenprediger über die
+Tages mit dem Methodistenprediger über die
Wunder in Streit geriet, und auf den Newfoundlandsbanks,
als ich alle meine wichtigen<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
-Notizen verloren hatte, erklärte er, er empfinde
-das als ein persönliches Unglück, das könne ich
+Notizen verloren hatte, erklärte er, er empfinde
+das als ein persönliches Unglück, das könne ich
ihm glauben.</p>
<div class="center">
<img src="images/tb.png" width="63" height="83" alt="" />
</div>
-<p>Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und
-die beiden Handwerker saßen unten und belustigten
+<p>Mein junger Reisegefährte, Herr Nyke und
+die beiden Handwerker saßen unten und belustigten
sich mit einer Flasche Rum. Der Kaufmann
war gerade von der schwarzen Victoria
in Anspruch genommen, einer ganz jungen
Mexikanerin, die ihren Herzensfreund, einen
Schiffer aus Sandefjord auf seinem Schiff nach
Norwegen begleitet hatte &mdash; und sich nun auf
-dem Rückwege in ihre ferne Heimat befand.
+dem Rückwege in ihre ferne Heimat befand.
Gleich einem seltenen, fremdartigen Tier ging
-sie an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich
-für Aufmerksamkeiten; sie sang spanische Lieder
+sie an Bord umher, zärtlich, sehr empfänglich
+für Aufmerksamkeiten; sie sang spanische Lieder
und rauchte Cigaretten wie ein Mann. Der
Kaufmann sah ihr von Zeit zu Zeit ins Gesicht
und nannte sie mit liebevoller Betonung
-sein kleines Ungetüm, sein kleines, schwarzes
+sein kleines Ungetüm, sein kleines, schwarzes
Beast, Worte, die sie ja nicht verstand. Einmal<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
geriet sie in Streit mit einer der Karl-Johann-Damen.
Da sprang das kleine, feurige
-Ding plötzlich auf und überschüttete ihre Gegnerin
+Ding plötzlich auf und überschüttete ihre Gegnerin
mit einem Strom englischer Schimpfworte und
Spottnamen, die wie die Sonne in ihrem Heimatlande
-brannten, rohe, blutige Farben und Gebärden,
-Worte, die so nackt waren, daß es nicht
-möglich ist, sie zu wiederholen &mdash; &mdash;</p>
+brannten, rohe, blutige Farben und Gebärden,
+Worte, die so nackt waren, daß es nicht
+möglich ist, sie zu wiederholen &mdash; &mdash;</p>
<p>Ein Gesang, ein Mittelding zwischen Gesang
-und Rede, ertönte hinter mir. Es war Herr Nyke,
+und Rede, ertönte hinter mir. Es war Herr Nyke,
der lallte. Herr Nyke war betrunken, der Rum
war ihm zu Kopf gegangen. Mit einem sonnigen,
-glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön,
+glücklichen Lächeln erklärte er, nichts sei so schön,
als im Mond spazieren gehn, spazieren gehn! Er
setzte sich auf den ersten besten Platz und lallte weiter.</p>
<p>Jetzt war alles still geworden, nur die
-Maschine stampfte, und die Wellen ließen
-das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken
+Maschine stampfte, und die Wellen ließen
+das Schiff erzittern. Die Müden und die Kranken
lagen alle durcheinander in den Kojen oder auf
-ihren Koffern. Mein Freund, der Jüngling,
+ihren Koffern. Mein Freund, der Jüngling,
war auf einem Sack umgesunken, eine leere
Rumflasche und ein Glas lagen neben ihm;
-die Handwerker saßen, den Kopf auf die Brust
+die Handwerker saßen, den Kopf auf die Brust
gesunken, da und schliefen.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug
-die Augen auf und fragte wütend, wer ich sei.
+<p><a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>Ich schüttelte meinen Freund. Er schlug
+die Augen auf und fragte wütend, wer ich sei.
Und was wollte ich mit seinem Speck, seinem
eigenen Mittagessen, dem Speck und dem Schiffszwieback?
-Später erholte er sich ein wenig von
-dem Rausch und erklärte, es sei nicht hübsch
-von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch!
+Später erholte er sich ein wenig von
+dem Rausch und erklärte, es sei nicht hübsch
+von mir gewesen, ganz und gar nicht hübsch!
Wir seien nun so manch lieben Tag Freunde
-gewesen, sagte er, und jetzt müsse ich diese
-Schande über ihn bringen. &mdash; Er litt unter
-dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich
+gewesen, sagte er, und jetzt müsse ich diese
+Schande über ihn bringen. &mdash; Er litt unter
+dem Wahn, daß er mir versprochen habe, sich
zu betrinken, ehe er die Heimat viele, viele
hundert Meilen hinter sich gelassen hatte. Ich
-hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.</p>
+hatte ihn jedenfalls nicht davon zurückgehalten.</p>
-<p>Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte
-gleich nach Nyke. Wo Nyke sei? Er müsse
-ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei
-seiner süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie
+<p>Der Kaufmann kehrte zurück. Er fragte
+gleich nach Nyke. Wo Nyke sei? Er müsse
+ihn sprechen. Er erzählte weiter, er sei bei
+seiner süßen Schwarzen gewesen. »Sehen Sie
nur! Da hat sie mich in den Finger gebissen,
-das infame Frauensmensch! &mdash;« Und er zeigte
+das infame Frauensmensch! &mdash;« Und er zeigte
mir einen blutenden Finger.</p>
-<p>Aber ein paar Stunden später hatten Herr
+<p>Aber ein paar Stunden später hatten Herr
Nyke und mein junger Freund sich wieder gefunden.
Sie standen da und fragten sich nach<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
ihrem gegenseitigen Befinden. Beide hatten den
Rausch ein wenig verschlafen, sie sahen sich
-etwas verschämt mit einem verlegenen Lächeln
+etwas verschämt mit einem verlegenen Lächeln
an, ihre Augen waren rot und sie suchten ihre
Stimmen so klar zu machen, wie es ihnen
-möglich war.</p>
+möglich war.</p>
<p>Wir hatten Schottland hinter uns gelassen.
-Meine Seekrankheit war überstanden. Ich hatte
+Meine Seekrankheit war überstanden. Ich hatte
achtundvierzig Stunden gehungert, war achtundvierzig
Stunden unmenschlich krank gewesen
und war im letzten Augenblick von dem zweiten
-Koch mit ein paar Löffeln Gerstgrütze, in Wasser
+Koch mit ein paar Löffeln Gerstgrütze, in Wasser
gekocht, gerettet worden. Nie werde ich vergessen,
-wie gut das schmeckte! Überhaupt war die
+wie gut das schmeckte! Überhaupt war die
Schiffsmannschaft sehr gut gegen uns, sie erzeigte
uns oft eine Extra-Freundlichkeit, wenn wir viel
ausgestanden hatten. Als wir uns ein wenig
-an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte
-uns das auch so gut, wie wir es nur wünschen
+an das Essen an Bord gewöhnt hatten, schmeckte
+uns das auch so gut, wie wir es nur wünschen
konnten. Das Brot war auch gut gebacken
und wurde uns in reichlicher Menge geliefert.
Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.</p>
@@ -2449,150 +2435,150 @@ Wir bekamen jeden Tag Weizenbrot.</p>
<p>Jetzt schwammen wir auf dem Atlantischen
Ozean.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag
+<p><a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>Ein finsterer, fast religiöser Ausdruck lag
auf den Gesichtern:</p>
<p>Also jetzt! &mdash; In Gottes Namen!</p>
-<p>Was meinen Freund, den Jüngling betrifft,
-so erklärte er, daß ihm ganz flau werde, wenn
+<p>Was meinen Freund, den Jüngling betrifft,
+so erklärte er, daß ihm ganz flau werde, wenn
er den unendlichen Gedanken &mdash; der atlantische
Ozean &mdash; denke. Kristen Nyke aber antwortete,
-daß darüber gar nichts zu denken sei, &mdash; das
-sei ein Gedanke für Frauen und Kinder. Ginge
-die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie schief,
-so stürbe man.</p>
+daß darüber gar nichts zu denken sei, &mdash; das
+sei ein Gedanke für Frauen und Kinder. Ginge
+die Sache gut, so wäre es gut, ginge sie schief,
+so stürbe man.</p>
-<p>»Und welche Ansicht haben Sie denn über
-den Tod, Kristen?« fragte der Kaufmann.</p>
+<p>»Und welche Ansicht haben Sie denn über
+den Tod, Kristen?« fragte der Kaufmann.</p>
-<p>»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist
+<p>»Meine Ansicht über den Tod? Sie ist
wohl dieselbe wie die Ansicht anderer gebildeter
-Menschen. Das Ende des Ganzen, der Schluß,
-der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn
-Sie ein Mann wären, den so etwas interessierte,
-würde ich Ihnen etwas darüber aus einem
-Werk in meinem Koffer vorlesen.«</p>
+Menschen. Das Ende des Ganzen, der Schluß,
+der Punkt für alle großen Gedanken. Wenn
+Sie ein Mann wären, den so etwas interessierte,
+würde ich Ihnen etwas darüber aus einem
+Werk in meinem Koffer vorlesen.«</p>
<p>Ich machte einen Besuch in der Familienabteilung,
dem Aufenthaltsort der verheirateten
-Leute und der jungen Mädchen. Das Zwischendeck
-war hier in größere Kammern abgeteilt,<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>
+Leute und der jungen Mädchen. Das Zwischendeck
+war hier in größere Kammern abgeteilt,<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>
die durch die offenen Luken im Oberdeck Licht
und Luft erhielten, und wo die besser eingerichteten
-Kojen, die Eßtische und die Bänke
-längs derselben den Aufenthalt für die Familien
-ganz gemütlich machten. Es befanden sich drei
+Kojen, die Eßtische und die Bänke
+längs derselben den Aufenthalt für die Familien
+ganz gemütlich machten. Es befanden sich drei
solche Kammern im Schiff, und in ihnen allen
war die Luft gut, wenn man die vielen kleinen
Kinder und die nicht wenigen seekranken Frauen
in Berechnung zog. Zwei Frauen waren miteinander
in Streit geraten, aber von Natur
-zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen
+zurückhaltend, wie sie waren, und in christlichen
Familien erzogen, rissen sie sich gegenseitig nur
-ein paar Haarbüschel aus, ja die eine von den
+ein paar Haarbüschel aus, ja die eine von den
beiden, eine Witwe, die in Kristianssand an
-Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut
-am liebsten mit den Nägeln.</p>
+Bord gekommen war, kämpfte in ihrer Demut
+am liebsten mit den Nägeln.</p>
<p>Dieser kleine Zeitvertreib erregte die allgemeine
Aufmerksamkeit, und ich beobachtete, wie
-ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein Schneider
+ein Passagier aus der ersten Kajüte, ein Schneider
aus Kopenhagen, mit seinem goldenen Kneifer
dastand und dem Streit durch die Luke im
oberen Deck zuschaute. Er wippte umher und
-wechselte fortwährend den Platz, um besser
-sehen zu können. Ein paar kleine Kinder dagegen<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>
-waren ganz teilnahmslos für diesen Kampf
-der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie
+wechselte fortwährend den Platz, um besser
+sehen zu können. Ein paar kleine Kinder dagegen<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>
+waren ganz teilnahmslos für diesen Kampf
+der Frauen; ernst und nachdenklich saßen sie
da und verzehrten eine alte Zeitung, die zwischen
-ihnen lag und stießen von Zeit zu Zeit einen
+ihnen lag und stießen von Zeit zu Zeit einen
unartikulierten Laut aus, wozu sie die ernsthaftesten
Gesichter aufsetzten.</p>
-<p>Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte,
+<p>Als ich zu meinen Kameraden zurückkehrte,
war Herr Nyke gerade im Begriff, sich ein
-wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er
-wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen,
-und wenn sonst niemand aufräumte, müsse
+wenig »einzurichten«, wie er es nannte. Er
+wollte auf der Überfahrt wie ein Mensch wohnen,
+und wenn sonst niemand aufräumte, müsse
er es thun. Zu diesem Zweck hatte er alle
Kisten und Koffer zu einem Berg aufgestapelt,
-ein Stück Gepäck über dem andern, so daß in
-der Mitte ein freier Gang entstand, &mdash; »zum
-Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf
+ein Stück Gepäck über dem andern, so daß in
+der Mitte ein freier Gang entstand, &mdash; »zum
+Spazierengehen«, erklärte Herr Nyke. Oben auf
dem Oberdeck wehe ein so kalter Wind, der
Nebel lege sich so unangenehm auf das Gesicht,
der Kohlenstaub aus dem Schornstein verunreinige
-außerdem das Gesicht &mdash; war dies da
+außerdem das Gesicht &mdash; war dies da
nicht ein guter Gedanke von ihm, &mdash; ein
Boulevard unter Dach und Fach?</p>
<p>Der Haugesunder war der erste, der seinen
-Koffer an seinem gewöhnlichen Platz vermißte,<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
-und mit grober Hand riß er Herrn Nykes Gebäude
+Koffer an seinem gewöhnlichen Platz vermißte,<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
+und mit grober Hand riß er Herrn Nykes Gebäude
um. Es stand eine kurze Zeit und versank
-in Trümmer.</p>
+in Trümmer.</p>
-<p>Das Wetter war kalt und naß, der Nebel
+<p>Das Wetter war kalt und naß, der Nebel
verdichtete sich, vom Schiff aus war nichts zu
sehen. Wohin man sich wandte, hing nur der
-graue Nebel schwer über dem Meer wie ein
+graue Nebel schwer über dem Meer wie ein
rauchender Himmel, der mit der Erde verschwamm.
Und jede halbe Minute zog der
wachthabende Matrose an der Pfeife, diesem
starken Instrument, dessen eiserne Stimme brutal
-über das Meer dahinschallte.</p>
+über das Meer dahinschallte.</p>
<div class="center">
<img src="images/tb.png" width="63" height="83" alt="" />
</div>
<p>Und die Tage gingen dahin, die See wurde
-immer ungestümer, der Sturm nahm zu, und
+immer ungestümer, der Sturm nahm zu, und
eine ganze Menge Auswanderer lag halbtot
vor Elend da. Nur ganz ausnahmsweise erblickte
man einen gesunden Menschen, den die
Seekrankheit verschont hatte. Mein junger
-Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen,
-<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>er sagte, es sei unnatürlich zu <em class="gesperrt">stehen</em>,
-wenn man sterben solle. Und er stöhnte und
-gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er
-jemals wieder an Land käme, &mdash; was wohl
+Reisegefährte hatte mehrere Tage zu Bett gelegen,
+<a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>er sagte, es sei unnatürlich zu <em class="gesperrt">stehen</em>,
+wenn man sterben solle. Und er stöhnte und
+gebärdete sich wie ein krankes Kalb. Wenn er
+jemals wieder an Land käme, &mdash; was wohl
sehr unwahrscheinlich sei, &mdash; so wolle er nie
-wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
-eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn
+wieder über Kleinigkeiten wie z. B. den Verlust
+eines Fingers oder eines Fußes klagen, denn
dies sei weit ernster.</p>
<p>Ich traf Herrn Nyke einmal auf Deck. Er
schien ein wenig unsicher auf den Beinen, und
-er war sehr blaß.</p>
+er war sehr blaß.</p>
-<p>»Ist Ihnen nicht wohl?«</p>
+<p>»Ist Ihnen nicht wohl?«</p>
-<p>»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu
-viel Ölgeruch, außerdem wird in der Kombüse
-Fleisch gebraten, der Geruch macht einen elend.«</p>
+<p>»Ach ja, so einigermaßen. Aber hier ist zu
+viel Ölgeruch, außerdem wird in der Kombüse
+Fleisch gebraten, der Geruch macht einen elend.«</p>
<p>Nachdem wir aber hinuntergekommen waren
und der Kaufmann ihn mit einer Rolle Kautabak
-traktiert hatte unter dem Vorwand, daß
+traktiert hatte unter dem Vorwand, daß
ihn das kurieren werde, ward Herr Nyke
-mehr und mehr Leiche, er lehnte sich hintenüber,
-steckte die Hände in die Taschen und
-schloß die Augen.</p>
+mehr und mehr Leiche, er lehnte sich hintenüber,
+steckte die Hände in die Taschen und
+schloß die Augen.</p>
-<p>»Doch nicht Ihr &gt;Fall&lt;?« fragt der Kaufmann
-und sieht ihm lächelnd ins Gesicht.</p>
+<p>»Doch nicht Ihr &gt;Fall&lt;?« fragt der Kaufmann
+und sieht ihm lächelnd ins Gesicht.</p>
-<p>Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>
-thun sollen, Herrn Nykes »Fall« saß zu lose,
-und der nichts ahnende Spaßvogel mußte seine
+<p>Aber das hätte der Kaufmann lieber nicht<a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>
+thun sollen, Herrn Nykes »Fall« saß zu lose,
+und der nichts ahnende Spaßvogel mußte seine
Unvorsichtigkeit bezahlen.</p>
<p>Der Kaufmann sagte, er glaubte, er ginge
-hin und wüsche sich.</p>
+hin und wüsche sich.</p>
-<p>Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig
+<p>Seit jenem Tage hütete Herr Nyke beständig
das Bett.</p>
<p>Aber als sollte die Sache nie ein Ende
@@ -2601,164 +2587,164 @@ jedem Morgengrauen bewegter. Der Nebel
kam und ging, der Sturm vertrieb ihn einen
Augenblick, bald aber umgab er uns wieder,
und das ununterbrochene Kreischen der Takelage
-tönte bis in das Zwischendeck hinab. In der
+tönte bis in das Zwischendeck hinab. In der
Nacht brachen einige Kojen ein, die Menschen
-rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen
-sie die Decken über sich, und halbnackend und
+rollten auf die Erde, müde und seekrank zogen
+sie die Decken über sich, und halbnackend und
verfroren, ohne die Kraft, ihre Matratzen mitzunehmen,
schliefen sie auf einem Sack oder
einer Kiste elendiglich wieder ein.</p>
<p>Gegen Mitternacht steckte eine Frau den Kopf
-durch unsere Kojenthür. Sie war mühselig die
+durch unsere Kojenthür. Sie war mühselig die
steile Treppe von dem untersten Zwischendeck,
wo die Familien wohnten, heraufgeklettert. Die<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
-Laternen brannten trübe an ihren Haken, der
+Laternen brannten trübe an ihren Haken, der
Kopf der Frau schimmerte so sonderbar in der
-Lukenöffnung.</p>
+Lukenöffnung.</p>
-<p>»Kann nicht jemand von hier hingehen und
-melden, daß da unten am Boden des Schiffes
-ein so unheimliches Geräusch ist?«</p>
+<p>»Kann nicht jemand von hier hingehen und
+melden, daß da unten am Boden des Schiffes
+ein so unheimliches Geräusch ist?«</p>
<p>Niemand antwortet. Die Frau schreit lauter,
um jemand zu wecken:</p>
-<p>»Ist hier nicht jemand, der die Meldung
-machen kann, daß das Schiff leck ist?«</p>
+<p>»Ist hier nicht jemand, der die Meldung
+machen kann, daß das Schiff leck ist?«</p>
<p>Jetzt lachen einige laut, und die Frau zieht
-sich zurück, indem sie mit großer Beharrlichkeit
-vor sich hin murmelt, daß das Schiff geborsten sei.</p>
+sich zurück, indem sie mit großer Beharrlichkeit
+vor sich hin murmelt, daß das Schiff geborsten sei.</p>
<p>Herr Nyke lag im tiefsten Elend in seiner
-Koje. Es war ein einziger, langer »Fall«.
-Einer seiner Gefährten fragte ihn einmal, ob
+Koje. Es war ein einziger, langer »Fall«.
+Einer seiner Gefährten fragte ihn einmal, ob
er tot sei. Nein, so gut erginge es ihm nicht,
murmelte er.</p>
<p>Vom Deck herab klangen die Kommandorufe
der Offiziere zu uns herunter, und der
-Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen
+Kapitän, dieser über und über mit Goldtressen
bedeckte Herr, der uns Emigranten mit so
-spöttischer Miene begegnet war und uns wiederholt
+spöttischer Miene begegnet war und uns wiederholt
befohlen hatte, ihm aus dem Wege zu<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>
-gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke.
-Wir hörten seine Stimme da oben,
+gehen, stand nun selber auf der Kommandobrücke.
+Wir hörten seine Stimme da oben,
schnell und scharf erteilte er seine Befehle, und
niemand zauderte, ihm zu gehorchen. Wir hatten
-alle ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem
-der beste Mann an Bord wäre, und diesen Augenblick
+alle ein Gefühl, daß der Kapitän trotz alledem
+der beste Mann an Bord wäre, und diesen Augenblick
war kein Spott in seinen Mienen.</p>
<p>In den Familienkammern waren jetzt Luft
und Licht in einer traurigen Verfassung. Der
-Seegang war nämlich so schwer geworden, daß
+Seegang war nämlich so schwer geworden, daß
man die Luken zu dem obersten Verdeck hatte verrammeln
-müssen. Die meisten lagen im Bett,
-die Mütter mit den Kindern eng aneinander
-geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen
-und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung.
+müssen. Die meisten lagen im Bett,
+die Mütter mit den Kindern eng aneinander
+geschmiegt, die Männer mit stumpfsinnigen Augen
+und großen Nasenlöchern, unfähig zu jeder Bewegung.
Ganz oben aber an der obersten
Treppe stand der gesunde, frische Methodistenprediger,
der Mann mit den geistlichen Liedern.
-Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter
+Er stand da mit entblößtem Haupt und entblößter
Brust, wie versteinert im Gebet. Und
die ganze Nacht, seit gestern abend hatte er
dagestanden, und von Zeit zu Zeit war ein
Auswanderer zu ihm heran gekommen, mit dem
er gesprochen hatte. Als es hell wurde und<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
-die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter
-Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme
-im Namen des Herrn!« &mdash; Und er fing an
-mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um
+die Leute erwachten, rief er plötzlich mit lauter
+Stimme zu uns hinab: »Ich bin eine Stimme
+im Namen des Herrn!« &mdash; Und er fing an
+mit Bekehrungsworten und Höllenstrafen um
sich zu werfen. Aber es war eine schlechte
Kirche, dies Schiff mit sechshundert elenden
-Auswanderern! Die jungen Mädchen waren
+Auswanderern! Die jungen Mädchen waren
nach einer durchwachten Nacht endlich eingeschlafen,
-und wer weiß, vielleicht träumten sie
+und wer weiß, vielleicht träumten sie
jetzt einen bekannten Traum von einer flotten
-Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder
+Mazurka. Die Mütter und Väter hatten jeder
seine Last zu tragen, deswegen war die Predigt
auch in den Wind gesprochen. Ach, man wollte
Ruhe haben. Man war so matt und elend,
man vermochte keinen Gedanken zu denken,
-konnte sich auf keine Sünde besinnen.</p>
+konnte sich auf keine Sünde besinnen.</p>
<p>Der Kaufmann war gesund, von Zeit zu
-Zeit zündete er sich sogar heimlich eine ungeheuer
-übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen
+Zeit zündete er sich sogar heimlich eine ungeheuer
+übelriechende Pfeife an, obwohl es wegen
der Seekranken und der Feuersgefahr strenge
verboten war, hier unten zu rauchen. Herr
Nyke hatte gerade den infamen Tabaksrauch
-gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen.
-Dafür begann dieser, seinen Spott mit dem<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+gespürt und drohte, den Kaufmann anzuzeigen.
+Dafür begann dieser, seinen Spott mit dem<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
Seminaristen zu treiben, der so bange war.
Kristen sei bange, Kristen habe vor einem
Augenblick ein Neues Testament unter sein
Kopfkissen gesteckt! &mdash; Nyke aber schwur mit
-dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann
-lüge. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
+dem letzten Rest seiner Kräfte, daß der Kaufmann
+lüge. &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-<p>Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem
-Getöse zertrümmert wurde.</p>
+<p>Da geschah es, daß oben etwas mit furchtbarem
+Getöse zertrümmert wurde.</p>
-<p>Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner
-rollte über das Schiff hin, wir fühlten uns
-mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See
-strömte über die Treppen zu uns herab, von
-allen Seiten ertönte Geschrei. Als ich mich
+<p>Ein Krachen, ein ohrenbetäubender Donner
+rollte über das Schiff hin, wir fühlten uns
+mit plötzlicher Gewalt umgerissen, die See
+strömte über die Treppen zu uns herab, von
+allen Seiten ertönte Geschrei. Als ich mich
endlich selber wiederfand, mit dem Bauch auf
dem Gesicht des Haugesunders, sprang ich schnell
-auf und sah mich nach meinem Reisegefährten
+auf und sah mich nach meinem Reisegefährten
um. Der war aus seiner Koje geschleudert
-und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund
-und geballten Fäusten. Als ich ihn anredete,
+und lag wie tot mit zusammengepreßtem Mund
+und geballten Fäusten. Als ich ihn anredete,
antwortete er nicht, als ich ihn aber wieder
-auf die Füße gestellt und nach der Koje
-zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß
+auf die Füße gestellt und nach der Koje
+zurückgeführt hatte, stellte es sich heraus, daß
ihm nichts fehlte, der Fall hatte ihm nicht geschadet.
-»Es ist alles nur eine Kleinigkeit,«<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
-sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. &mdash;
-Nein, aber die Seekrankheit, &mdash; die Seekrankheit!«</p>
+»Es ist alles nur eine Kleinigkeit,«<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
+sagte er, »ein Glied mehr oder weniger. &mdash;
+Nein, aber die Seekrankheit, &mdash; die Seekrankheit!«</p>
-<p>Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:</p>
+<p>Der Kaufmann brüllte mir ins Ohr:</p>
-<p>»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an!
+<p>»Sehen Sie sich doch Kristen einmal an!
Liegt er da nicht auf den Knieen in seiner Koje
-und küßt das Neue Testament!«</p>
+und küßt das Neue Testament!«</p>
<p>Die Handwerker, die beiden guten Freunde,
lagen in dem nassen Zwischendeck am Boden,
-die See floß über sie hin. In gegenseitiger
+die See floß über sie hin. In gegenseitiger
liebevoller Umarmung sandten sie weinend der
Heimat ein letztes Lebewohl durch den Orkan
-hindurch zu. Abermals spülte eine Sturzsee zu
-uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem
+hindurch zu. Abermals spülte eine Sturzsee zu
+uns herunter und führte Splitter von zertrümmertem
Holz die Treppe hinab. Der Kaufmann
wollte sich wirklich die Bemerkung erlauben,
-daß es jetzt anfinge, feucht zu werden!
+daß es jetzt anfinge, feucht zu werden!
Und zu Herrn Nyke gewandt, dessen Stimme
und Miene er nachahmte, sagte er:</p>
-<p>»Der Tod, was ist der Tod? Nur der
-Schlußpunkt für die großen Gedanken!«</p>
+<p>»Der Tod, was ist der Tod? Nur der
+Schlußpunkt für die großen Gedanken!«</p>
<p>Und kaum hatte Herr Nyke diese Worte
-gehört, als er sich beeilte, daß Neue Testament
+gehört, als er sich beeilte, daß Neue Testament
unter sein Kopfkissen zu legen und sich in seine
-Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. &mdash; &mdash;</p>
+Koje zurückzuziehen. So verlegen war er. &mdash; &mdash;</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich
-ab. Am nächsten Tage konnten wir
+<p><a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>Von nun an nahm aber das Unwetter allmählich
+ab. Am nächsten Tage konnten wir
schon wieder mit voller Fahrt weiterdampfen,
mein Reisegenosse konnte aufrecht in seiner Koje
sitzen, und Herr Nyke befand sich in guter
-Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan
+Besserung. Zwölf Stunden nach dem Orkan
war auf keinem Gesicht mehr eine Spur der
ausgestandenen Angst und der stillen Gottergebung,
die einige an den Tag gelegt hatten,
-zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über
+zu entdecken. Man stürzte sich dahingegen über
die vollen Speiseeimer mit einer Gier, wie sie
nur von der Seekrankheit genesene Patienten
besitzen.</p>
@@ -2769,31 +2755,31 @@ besitzen.</p>
<p>Regen, hoher Wellengang und Sturm waren
auf der ganzen Reise unsere Begleiter gewesen,
-&mdash; ein Ausnahmewetter im August für den
+&mdash; ein Ausnahmewetter im August für den
Atlantischen Ocean! Als wir endlich ein der
Jahreszeit und dem Himmel entsprechendes
Wetter bekamen, waren einige von den Auswanderern
-so stolz, daß sie sich alle Komplimente<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
+so stolz, daß sie sich alle Komplimente<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
verbaten. Undankbareren Menschen hat der liebe
Gott nie seine Wohlthaten erwiesen. Nur die
Seekranken erkannten den Umschlag in der
Witterung dankbar an. Der Methodistenprediger
stand mitten auf dem Schiff und sang seine
-geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig neuen
+geistlichen Lieder, ein Schwarm von völlig neuen
Menschen kam zum Vorschein, Leute, die ihre
-zwölf, vierzehn Tage in den Kojen gelegen
+zwölf, vierzehn Tage in den Kojen gelegen
hatten, ohne die Kraft zu besitzen, auch nur
-den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus
+den Kopf zu erheben, wimmelten plötzlich aus
dem untersten Deck herauf, bleich, abgemagert
-wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns die zunehmende
-Hitze, daß wir uns der Küste von
-Amerika nähern. Vögel umschwärmen uns,
-Vögel mit fremdländischem Aussehen und sonderbarem
+wie Holzpuppen. Jetzt erzählt uns die zunehmende
+Hitze, daß wir uns der Küste von
+Amerika nähern. Vögel umschwärmen uns,
+Vögel mit fremdländischem Aussehen und sonderbarem
Geschrei, Segel und qualmende Dampfschiffschornsteine
sieht man in allen Richtungen
-am Horizont, eine norwegische Bark fährt auf
+am Horizont, eine norwegische Bark fährt auf
uns zu und bittet durch Signale um Angabe
-der Höhe, auf der wir uns befinden.</p>
+der Höhe, auf der wir uns befinden.</p>
<p>Die Handharmonikas, die so lange begraben
gelegen haben, werden wieder hervorgeholt,
@@ -2801,24 +2787,24 @@ vergessen sind alle Leiden, alle Angst. Der
Methodistenprediger aber hat eine kleine Schar<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>
um sich versammelt, die am Boden kauert
und Gott dankt, weil er unser Leben geschont
-hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse
-und macht einen Höllenlärm mit den
-Kochtöpfen.</p>
+hat. Und dazu singt der Koch in der Kombüse
+und macht einen Höllenlärm mit den
+Kochtöpfen.</p>
-<p>Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der
+<p>Das Schiff war gespült und ausgeputzt, der
Lootse war an Bord gekommen, die Passagiere
gingen in ihren besten Kleidern umher,
-und mein Reisegefährte war wieder auf den
+und mein Reisegefährte war wieder auf den
Beinen.</p>
<p>Da steigt New-York aus dem Meere auf,
schwer, farbenreich, gigantisch. In dem nebeligen
-Sonnenlicht zittert die Stadt marmorweiß, ziegelrot,
+Sonnenlicht zittert die Stadt marmorweiß, ziegelrot,
von den tausenden von Schiffen, die in allen
Richtungen, so weit das Auge reicht, hin und her
fahren, wehen Flaggen. Schon erreicht uns
-das Getöse von den Walzen und Rädern der
-Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf
+das Getöse von den Walzen und Rädern der
+Fabriken, von den Dampfhammerschlägen auf
den Werften, von den unendlichen Maschinen
aller Art, die mit den glatten Gliedern aus
Stahl und Eisen arbeiten.</p>
@@ -2827,18 +2813,18 @@ Stahl und Eisen arbeiten.</p>
Dampfer zu uns an Bord. Es ist die Gesundheitspolizei,
der wir Zwischendeckspassagiere<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>
unsere Zunge zeigen, und von der wir unsern
-Puls befühlen lassen sollen. Abermals steigen
+Puls befühlen lassen sollen. Abermals steigen
zwei Herren von einem anderen kleinen Dampfer
an Bord. Es ist der norwegische Konsul in
New-York und ein amerikanischer Detektiv. Sie
suchen nach einem Norweger, einem gewissen
-Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen
+Ole Olsen aus Risör, der Wechselfälschungen
begangen hat. Und sie finden den Mann schnell,
sein Signalement ist zu deutlich: er hinkt ein
wenig und ist pockennarbig. Er war auf der
ganzen Reise so still und bescheiden gewesen,
-jetzt stand er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas
-Grund und Boden und wäre in wenigen
+jetzt stand er beinahe mit dem Fuß auf Amerikas
+Grund und Boden und wäre in wenigen
Minuten gerettet gewesen. Da kommen die beiden
Herren und greifen ihn. Ich vergesse nie sein
Gesicht, dies entstellte Gesicht und das hoffnungslose
@@ -2847,14 +2833,14 @@ ihm den Verhaftungsbefehl vorliest.</p>
<p>Kristen Nyke stand am Vordersteven, er
war beiseite gegangen und konnte sich nicht erholen
-von seiner Verwunderung über einen
+von seiner Verwunderung über einen
Brief, den er am Morgen in seiner Rocktasche
gefunden hatte, und der eine ganze Menge
Kronen enthielt, wirklich eine nette kleine<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>
Summe in Zehnkronenscheinen, als Geschenk
-für den armen Seminaristen. Er begriff nicht,
+für den armen Seminaristen. Er begriff nicht,
woher dies Geschenk kam, und ahnte wohl
-am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem
+am wenigsten, daß die Hälfte allein von seinem
Plagegeist, dem Kaufmann, stammte.</p>
<p>So glitten wir langsam in den Hafen von
@@ -2869,26 +2855,26 @@ legte gleich Beschlag auf mich. Ich setzte mich
nur auf eine Bank, wo er vor mir gesessen
hatte, und sagte:</p>
-<p>»Störe ich auch?«</p>
+<p>»Störe ich auch?«</p>
<p>Da fing er an:</p>
-<p>»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte
-mir Platz. &mdash; »Ich sah nur hier über all
-diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit einer
-Handbewegung auf die Gräber.</p>
+<p>»Sie stören gar nicht,« sagte er und machte
+mir Platz. &mdash; »Ich sah nur hier über all
+diesen toten Reichtum hin.« Er zeigte mit einer
+Handbewegung auf die Gräber.</p>
<p>Wir waren auf dem Krist-Friedhof.</p>
<p>Je weiter der Morgen vorschritt, um so lebhafter
war es da oben geworden; Maurer und
Arbeiter waren einer nach dem anderen gekommen,<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>
-der alte Wächter saß schon in seinem
+der alte Wächter saß schon in seinem
Kiosk und las Zeitungen. Hier und da sah
man Frauen in Schwarz, die Blumen pflanzten
oder begossen, oder Gras abschnitten, das zu
-lang geworden war. Und die Vögel zwitscherten
-laut in den großen Kastanienbäumen.</p>
+lang geworden war. Und die Vögel zwitscherten
+laut in den großen Kastanienbäumen.</p>
<p>Er war mir ganz unbekannt. Es war ein
junger Mann, breitschulterig, unrasiert und in
@@ -2896,484 +2882,484 @@ etwas abgetragenem Anzug. Die Runzeln auf
der Stirn, die gewichtige Stimme, seine Gewohnheit,
nachdenklich zu blinzeln, wenn er sprach,
das alles machte ihn, wie man zu sagen pflegt,
-»alt und erfahren«.</p>
+»alt und erfahren«.</p>
-<p>»Sie sind fremd hier?«</p>
+<p>»Sie sind fremd hier?«</p>
-<p>»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«</p>
+<p>»Ich bin neun Jahre außer Landes gewesen.«</p>
-<p>Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor
+<p>Er lehnte sich zurück, streckte die Beine vor
und sah auf den Kirchhof hinaus. Aus seiner
-Rocktasche guckten deutsche und französische Zeitungen
+Rocktasche guckten deutsche und französische Zeitungen
hervor.</p>
-<p>»Wie traurig ist es auf einem Friedhof
-wie dieser hier!« sagte er. »So viel Totes auf
-einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so wenig
-ausgerichtet.«</p>
+<p>»Wie traurig ist es auf einem Friedhof
+wie dieser hier!« sagte er. »So viel Totes auf
+einem Fleck! So viel Kraft ertötet und so wenig
+ausgerichtet.«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>»Wie meinen Sie das?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>»Wie meinen Sie das?«</p>
-<p>»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«</p>
+<p>»Dies ist der Militär-Begräbnisplatz.«</p>
<p>Ach so, der ewige Friede! dachte ich bei mir.</p>
<p>Er fuhr fort:</p>
-<p>»Aber das Schändlichste von allem ist doch
+<p>»Aber das Schändlichste von allem ist doch
dieser Kultus, der mit den Toten getrieben wird,
-diese Art und Weise zu beweinen!«</p>
+diese Art und Weise zu beweinen!«</p>
-<p>»Eine fromme Zwecklosigkeit!«</p>
+<p>»Eine fromme Zwecklosigkeit!«</p>
<p>Er machte eine hastige Bewegung und richtete
sich auf.</p>
-<p>»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit
-auf diesen Gräbern steht? Dann streut man
-kostbare Blumen über den Sand, schafft sich
-bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und
-zu weinen, errichtet heilige Götzensteine aus den
-Brüchen da oben in den Grefsenbergen, &mdash; ein
-versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist einer
-der am wenigsten bankerotten Plätze in der
+<p>»Wissen Sie, daß ein Vermögen von Granit
+auf diesen Gräbern steht? Dann streut man
+kostbare Blumen über den Sand, schafft sich
+bequeme Bänke an, um darauf zu sitzen und
+zu weinen, errichtet heilige Götzensteine aus den
+Brüchen da oben in den Grefsenbergen, &mdash; ein
+versteinertes Vermögen. Der Friedhof ist einer
+der am wenigsten bankerotten Plätze in der
Stadt. &mdash; &mdash; Ja, nicht wahr, das giebt Ihnen
-zu denken,« fuhr er fort. »Einmal hierhergesetzt,
+zu denken,« fuhr er fort. »Einmal hierhergesetzt,
bleibt dieser Reichtum hier stehen, er ist
unantastbar, denn er ist tot. Er erfordert nur
-noch seine Verwaltung, das heißt seine Aufsicht,
-seine Thränen, seine Blumen, die rings umher<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
-auf den Sandhügeln liegen und welken. Kränze
-bis zu fünfzig Kronen das Stück!«</p>
+noch seine Verwaltung, das heißt seine Aufsicht,
+seine Thränen, seine Blumen, die rings umher<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
+auf den Sandhügeln liegen und welken. Kränze
+bis zu fünfzig Kronen das Stück!«</p>
<p>Ein Socialist! dachte ich, &mdash; ein reisender
Handwerksbursche, der im Ausland gewesen ist
und den Schrei nach dem Kapital gelernt hat,
&mdash; nach dem Kapital.</p>
-<p>»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?«
+<p>»Sind Sie auch fremd hier in der Stadt?«
fragte er.</p>
-<p>»Ja!«</p>
+<p>»Ja!«</p>
-<p>Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne
+<p>Dann legte er sich wieder zurück gegen die Lehne
der Bank, blinzelte und dachte, blinzelte und dachte.</p>
-<p>Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide
-mit einem Stock, krummgebeugt, andächtig, miteinander
-flüsternd, &mdash; vielleicht Eltern auf dem
-Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt
-über den Friedhof hin, wirbelt Staub und welke
-Blumenüberreste auf und raschelt leise mit dem
-gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, und
+<p>Ein paar alte Gestalten gleiten vorüber, beide
+mit einem Stock, krummgebeugt, andächtig, miteinander
+flüsternd, &mdash; vielleicht Eltern auf dem
+Wege zu einem Grabe. Ein Windstoß fährt
+über den Friedhof hin, wirbelt Staub und welke
+Blumenüberreste auf und raschelt leise mit dem
+gefallenen Laub, das die Gänge bedeckt, und
das von der Sonne getrocknet ist.</p>
-<p>»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine
-Stellung zu verändern, nur mit einer Bewegung
-der Augen, »sehen Sie die Dame,
+<p>»Sehen Sie!« sagt er plötzlich, ohne seine
+Stellung zu verändern, nur mit einer Bewegung
+der Augen, »sehen Sie die Dame,
die auf uns zu kommt? Geben Sie einmal acht,
-wenn sie an uns vorüberkommt.«</p>
+wenn sie an uns vorüberkommt.«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>Nichts war leichter als das. Sie streifte
uns fast mit ihrem schwarzen Kleide, und ihr
-Schleier berührte unsere Hüte. Ein kleines
-Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter
-ihr her trug eine Frau Rechen und Gießkanne.
+Schleier berührte unsere Hüte. Ein kleines
+Mädchen, das Blumen trug, folgte ihr, hinter
+ihr her trug eine Frau Rechen und Gießkanne.
Sie verschwanden alle drei in der Biegung, die
-zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.</p>
+zu dem unteren Teil des Friedhofes führte.</p>
-<p>»Nun?« fragte er.</p>
+<p>»Nun?« fragte er.</p>
-<p>»Nun?«</p>
+<p>»Nun?«</p>
-<p>»Haben Sie nichts bemerkt?«</p>
+<p>»Haben Sie nichts bemerkt?«</p>
-<p>»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«</p>
+<p>»Nichts ungewöhnliches. Sie sah uns an.«</p>
-<p>»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln
-und wollen mir die Versicherung geben, daß
-darüber kein Streit zwischen uns entstehen soll.
-Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen
-hier vorüberging. Ich saß hier und sprach
-mit dem Totengräber, ich war bemüht, ihm ein
-klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes
-Handwerk einzuimpfen.« &mdash;</p>
+<p>»Bitte sehr, sie sah mich an. Sie lächeln
+und wollen mir die Versicherung geben, daß
+darüber kein Streit zwischen uns entstehen soll.
+Die Sache ist die, daß sie vor einigen Tagen
+hier vorüberging. Ich saß hier und sprach
+mit dem Totengräber, ich war bemüht, ihm ein
+klein wenig Verachtung für sein ehrenwertes
+Handwerk einzuimpfen.« &mdash;</p>
-<p>»Aber weshalb denn nur?«</p>
+<p>»Aber weshalb denn nur?«</p>
-<p>»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt
-zum großen Schaden für die Lebenden, die
-davon leben sollen.«</p>
+<p>»Weil er unnützerweise die Erde aufwühlt
+zum großen Schaden für die Lebenden, die
+davon leben sollen.«</p>
<p>Ein armer, verirrter Freigeist also! dachte<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
ich bei mir; wo steht es in Gottes Wort geschrieben,
-daß die Leichen nicht in der Erde
-bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an,
+daß die Leichen nicht in der Erde
+bestattet werden sollen? Jetzt fängst du an,
mich zu langweilen.</p>
-<p>»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber.
+<p>»Ich saß hier und sprach mit dem Totengräber.
Es ist unrecht, sagte ich. Die Dame
-ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah mich
+ging vorüber, sie hörte meine Worte und sah mich
an. Ich sprach von Unrecht an einem heiligen
Ort. Apropos: haben Sie wohl die alte Frau
-mit dem Rechen und der Gießkanne in den
-abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken,
-wie gebeugt der war? Dies Geschöpf hat sich
+mit dem Rechen und der Gießkanne in den
+abgearbeiteten Händen beachtet? Und ihr Rücken,
+wie gebeugt der war? Dies Geschöpf hat sich
wirklich um ihre Gesundheit gebracht in dem
-Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, aufzuwühlen
+Streben, die Erde, die Quelle des Lebens, aufzuwühlen
und brach zu legen. Aber sahen Sie
es wohl: drei bis vier Schritte hinter der vornehmen
Frau, die zu einem Grabe wollte um
ihre Trauer zu verrichten. Ja, das war es
eigentlich nicht. Sahen Sie, was das kleine
-Mädchen trug?«</p>
+Mädchen trug?«</p>
-<p>»Blumen.«</p>
+<p>»Blumen.«</p>
-<p>»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl
-gesehen? Blumen zu einer Krone das Stück.
-Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+<p>»Kamelien. Rosen. Haben Sie das wohl
+gesehen? Blumen zu einer Krone das Stück.
+Feine Blumen, die ein ganz außerordentlich<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
empfindliches Leben haben; wenn die Sonne ein
wenig sengt, sterben sie. In vier Tagen werden
-sie über das Gitter in die Gärtnerei da unten
-geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«</p>
+sie über das Gitter in die Gärtnerei da unten
+geworfen, dann werden sie durch neue ersetzt.«</p>
<p>Da antwortete ich dem Freigeist und sagte:</p>
-<p>»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«</p>
+<p>»Die Pyramiden waren doch noch teurer.«</p>
-<p>Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet
+<p>Das übte nicht die Wirkung aus, die ich erwartet
hatte. Er schien die Einwendung bereits
-früher gehört zu haben.</p>
+früher gehört zu haben.</p>
-<p>»In jener Zeit herrschte keine Armut,«
-sagte er. Ȁgypten war obendrein die Kornkammer
-des ganzen römischen Reichs, die Welt
+<p>»In jener Zeit herrschte keine Armut,«
+sagte er. Ȁgypten war obendrein die Kornkammer
+des ganzen römischen Reichs, die Welt
war damals noch nicht so eng. Ich kann aus
Erfahrung mitreden, wie eng sie jetzt ist. Nicht
-ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht,
-sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die
-Pyramide in der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes,
+ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht,
+sondern ein anderer. Aber ich weiß nur, die
+Pyramide in der Wüste ist eins und ein wohlgepflegtes,
modernes Grab ist etwas ganz anderes.
Sehen Sie sich hier um! hunderte von
-Gräbern, Monumente für große Summen,
+Gräbern, Monumente für große Summen,
Granitrahmen aus den Grefsenbergen zu drei
-Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus
-Egeberg zu zwei Kronen fünfzig Öre das
+Kronen sechzig Öre die Elle. Grassoden aus
+Egeberg zu zwei Kronen fünfzig Öre das
Quadratmeter. Ich will gar nicht reden von<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>
den Inschriften und dem Raffinement, das in
-Bezug auf steinerne Säulen getrieben wird in
+Bezug auf steinerne Säulen getrieben wird in
polierter oder roher Arbeit, ausgehauen oder
-gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur
+gefügt, rot, weiß und grün. Sehen Sie nur
einmal diese Unmenge Grassoden an! Ich
-sprach mit dem Totengräber hierüber, der
-Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen,
-daß kaum mehr Soden zu haben sind. Nun
+sprach mit dem Totengräber hierüber, der
+Handel damit hat dermaßen um sich gegriffen,
+daß kaum mehr Soden zu haben sind. Nun
bitte ich Sie, bedenken Sie doch nur, was Grassoden
-auf der Erde bedeuten: sie sind das Leben!«</p>
+auf der Erde bedeuten: sie sind das Leben!«</p>
-<p>Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies
-Leben nicht aller Idealität beraubt werden könne
-und dürfe; es habe doch wohl sein bißchen ethische
-Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar
-Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten.
+<p>Da erlaubte ich mir zu entgegnen, daß dies
+Leben nicht aller Idealität beraubt werden könne
+und dürfe; es habe doch wohl sein bißchen ethische
+Bedeutung, daß die Menschen noch ein paar
+Grassoden für ihre lieben Toten übrig hätten.
Und der Ansicht bin ich auch heutigen Tages noch.</p>
-<p>»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von
-dem, was täglich hier vergeudet wird, könnten
-Familien leben, Kinder erzogen, schiffbrüchige
+<p>»Sehen Sie,« sagte der Mann heftig, »von
+dem, was täglich hier vergeudet wird, könnten
+Familien leben, Kinder erzogen, schiffbrüchige
Existenzen gerettet werden. Jetzt sitzt die junge
-Frau da unten und gräbt Kamelien in die
+Frau da unten und gräbt Kamelien in die
Erde, die den Wert von zwei Kinderkleidern
-repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel
-zu so etwas hat, wird er Gourmand.«</p>
+repräsentieren. Wenn der Kummer die Mittel
+zu so etwas hat, wird er Gourmand.«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>Er war ganz sicher Socialdemokrat, vielleicht
-war er gar ein Anarchist, dem es Vergnügen
+war er gar ein Anarchist, dem es Vergnügen
machte, ernste Dinge auf den Kopf zu stellen.
-Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.</p>
+Ich hörte ihm mit schwindendem Interesse zu.</p>
<p>Er fuhr fort:</p>
-<p>»Und dann sitzt da oben ein Mann, der
-Wächter. Wissen Sie, was der zu thun hat?
+<p>»Und dann sitzt da oben ein Mann, der
+Wächter. Wissen Sie, was der zu thun hat?
In erster Linie buchstabiert er seine Zeitung,
-und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht
+und dann bewacht er die Gräber. Es herrscht
Ordnung im Kultus der Toten. Heute, als
ich kam, sagte ich zu ihm, wenn ich ein Kind
-sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher
-für den Erlös zu kaufen, ein kleines Mädchen,
-mager und ängstlich, das eine Kamelie wegnähme,
-um Essen dafür zu kaufen, so würde
-ich sie nicht anmelden, ich würde ihr behilflich
+sähe, das hier Blumen stähle, um sich Schulbücher
+für den Erlös zu kaufen, ein kleines Mädchen,
+mager und ängstlich, das eine Kamelie wegnähme,
+um Essen dafür zu kaufen, so würde
+ich sie nicht anmelden, ich würde ihr behilflich
sein. Das nenne ich Unrecht, sagte der alte
-Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
-Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an
+Wächter. Unrecht, sagte er. Ein hungriger
+Mann hält Sie eines Tages auf der Straße an
und bittet Sie, ihm zu sagen, wie viel die Uhr
ist. Sie holen Ihre Uhr heraus, &mdash; beachten
-Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt
-er Ihnen blitzschnell die Uhr und läuft davon.
-Ihnen bleiben zwei Auswege. Sie können den<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>
+Sie dann einmal seine Augen! Dann entreißt
+er Ihnen blitzschnell die Uhr und läuft davon.
+Ihnen bleiben zwei Auswege. Sie können den<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>
Raub melden, und dann bekommen Sie ein
-paar Tage später Ihre Uhr wieder, die bei
+paar Tage später Ihre Uhr wieder, die bei
einem Pfandleiher gefunden ist, und im Laufe
von vierundzwanzig Stunden pflegt dann der
-Sünder zu folgen. Oder Sie können schweigen.
-Das ist der zweite Ausweg. Sie können schweigen.
-&mdash; &mdash; Ich bin eigentlich ein wenig müde,
-denn ich habe die ganze Nacht gewacht.«</p>
+Sünder zu folgen. Oder Sie können schweigen.
+Das ist der zweite Ausweg. Sie können schweigen.
+&mdash; &mdash; Ich bin eigentlich ein wenig müde,
+denn ich habe die ganze Nacht gewacht.«</p>
-<p>»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag
-schreitet vor. Ich habe meine Arbeit.«</p>
+<p>»So, Sie haben gewacht! Nun der Tag
+schreitet vor. Ich habe meine Arbeit.«</p>
<p>Ich erhob mich, um zu gehen.</p>
-<p>Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.</p>
+<p>Er zeigte hinab auf die See und die Brücken.</p>
-<p>»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen,
+<p>»Ich bin da unten in den Spelunken umhergegangen,
um ausfindig zu machen, wie die
-Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören
+Not und das Elend des Nachts schlafen. Hören
Sie nur einmal zu! Es geschehen so sonderbare
Dinge! Eines Abends vor neun Jahren,
-als ich hier an diesem selben Fleck saß, &mdash; ich
+als ich hier an diesem selben Fleck saß, &mdash; ich
glaube, auf dieser selben Bank &mdash; geschah
etwas, was ich nicht vergessen kann. Es war
-allmählich ganz spät geworden. Die Friedhofbesucher
+allmählich ganz spät geworden. Die Friedhofbesucher
waren nach Hause gegangen; ein Steinhauer,
der auf dem Bauch auf einer Marmorplatte
-da hinten lag und die Inschrift einmeißelte,<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+da hinten lag und die Inschrift einmeißelte,<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
hatte endlich seine Arbeit beendet, er zog die
Jacke wieder an, steckte das Werkzeug in die
verschiedenen Taschen und entfernte sich. Es
-fing an zu wehen, die Kastanienbäume rauschten
+fing an zu wehen, die Kastanienbäume rauschten
schon ganz laut, und ein kleines eisernes Kreuz,
-das hier in der Nähe stand, &mdash; es ist jetzt,
+das hier in der Nähe stand, &mdash; es ist jetzt,
glaube ich, weg &mdash; schwankte ein wenig im
-Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und
-war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber
+Winde. Ich knöpfte auch meine Jacke zu und
+war eben im Begriff zu gehen, als der Totengräber
die Biegung dort heraufkommt und im
-Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines
-Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche
-vorübergekommen sei.</p>
+Vorübergehen hastig frägt, ob hier ein kleines
+Mädchen in gelbem Kleide mit einer Schultasche
+vorübergekommen sei.</p>
<p>Ich erinnerte mich nicht, sie gesehen zu haben.
-Was für eine Bewandtnis hatte es denn mit
-dem kleinen Mädchen?</p>
+Was für eine Bewandtnis hatte es denn mit
+dem kleinen Mädchen?</p>
-<p>»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber
+<p>»Sie hat Blumen gestohlen,« sagte der Totengräber
und ging weiter.</p>
-<p>Ich saß ganz still hier und wartete, bis er
-zurückkam.</p>
+<p>Ich saß ganz still hier und wartete, bis er
+zurückkam.</p>
-<p>»Nun? haben Sie sie gefunden?«</p>
+<p>»Nun? haben Sie sie gefunden?«</p>
-<p>»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«</p>
+<p>»Nein! Aber ich habe die Pforte verschlossen.«</p>
<p>Es sollte eine ordentliche Jagd veranstaltet
-werden. Das kleine Mädchen war sicher noch<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>
-auf dem Friedhof, und jetzt mußte endlich Ernst
+werden. Das kleine Mädchen war sicher noch<a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>
+auf dem Friedhof, und jetzt mußte endlich Ernst
aus der Sache gemacht werden. Dies war nun
heute die dritte, die gestohlen hatte. Schulkinder,
-kluge kleine Mädchen, die sehr wohl wußten,
-daß es unrecht war. Wie? Sie stehlen die
-Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen
-sie. Ja, nette Kinder! das mußte man sagen!</p>
+kluge kleine Mädchen, die sehr wohl wußten,
+daß es unrecht war. Wie? Sie stehlen die
+Blumen, binden Sträuße daraus und verkaufen
+sie. Ja, nette Kinder! das mußte man sagen!</p>
-<p>Ich begleitete den Totengräber und half ihm
+<p>Ich begleitete den Totengräber und half ihm
eine Zeitlang, die Kleine suchen. Aber sie hatte
-sich gut versteckt. Wir nahmen den Wächter
+sich gut versteckt. Wir nahmen den Wächter
mit, wir suchten zu dreien und fanden sie nicht.
-Es fing an zu dämmern und wir gaben das
+Es fing an zu dämmern und wir gaben das
Suchen auf.</p>
-<p>»Wo ist das bestohlene Grab?«</p>
+<p>»Wo ist das bestohlene Grab?«</p>
-<p>»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat
-man je so etwas erlebt?«</p>
+<p>»Dort. Noch dazu ein Kindergrab! Hat
+man je so etwas erlebt?«</p>
<p>Ich ging dahin. Jetzt stellte es sich heraus,
-daß ich dies Grab kannte. Das kleine verstorbene
-Mädchen hatte ich ganz gut gekannt,
-und am nämlichen Vormittag hatten wir sie
+daß ich dies Grab kannte. Das kleine verstorbene
+Mädchen hatte ich ganz gut gekannt,
+und am nämlichen Vormittag hatten wir sie
begraben. Die Blumen waren verschwunden,
auch meine eigenen. Ich sah sie nirgends mehr.</p>
-<p>»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu
-den anderen. »Dies ist schändlich!«</p>
+<p>»Wir müssen weiter suchen,« sagte ich zu
+den anderen. »Dies ist schändlich!«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit
+<p><a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>Der Totengräber hatte eigentlich nichts hiermit
zu schaffen, aber er nahm doch der Sache
wegen teil. Und nun fingen wir alle drei an,
-von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der
+von neuem zu suchen. Plötzlich unten an der
Biegung des Weges gewahrte ich ein kleines
-Menschenkind, ein Mädchen, das zusammengekrochen
-hinter Brigadevogt With's großer
-polierter Grabsäule an der Erde kauerte und
+Menschenkind, ein Mädchen, das zusammengekrochen
+hinter Brigadevogt With's großer
+polierter Grabsäule an der Erde kauerte und
mich anstarrte. Sie hatte sich so klein gemacht,
-daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben
+daß ihr Hals ganz in den Rücken hineingeschoben
war.</p>
<p>Aber ich kannte sie ja! Es war die Schwester
der Verstorbenen.</p>
-<p>»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn
-hier noch so spät?« fragte ich.</p>
+<p>»Mein liebes Kind! Weshalb sitzest du denn
+hier noch so spät?« fragte ich.</p>
-<p>Sie antwortete nicht und rührte sich nicht.
-Ich hob sie in die Höhe, nahm ihre Schultasche
-in die Hand und hieß sie, mit mir nach Hause
-zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß
-du um ihretwillen noch zu so später Stunde
-hier bist.«</p>
+<p>Sie antwortete nicht und rührte sich nicht.
+Ich hob sie in die Höhe, nahm ihre Schultasche
+in die Hand und hieß sie, mit mir nach Hause
+zu gehen. »Klein Hanna mag gar nicht, daß
+du um ihretwillen noch zu so später Stunde
+hier bist.«</p>
<p>Dann kam sie mit mir und ich sprach zu ihr:</p>
-<p>»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen
+<p>»Weißt du denn auch, daß ein böses Mädchen
die Blumen von Hannas Grab gestohlen
-hat?<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid.
+hat?<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> Ein kleines Mädchen in gelbem Kleid.
Hast du die nicht gesehen? Nun, wir werden
-sie schon finden!«</p>
+sie schon finden!«</p>
<p>Und sie ging ruhig neben mir, ohne zu
antworten.</p>
-<p>»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber
-plötzlich. »Da haben wir die Diebin!«</p>
+<p>»Da haben Sie sie ja!« rief der Totengräber
+plötzlich. »Da haben wir die Diebin!«</p>
-<p>»Wie?«</p>
+<p>»Wie?«</p>
-<p>»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«</p>
+<p>»Wie? Sie halten sie ja an der Hand!«</p>
-<p>Da mußte ich lächeln.</p>
+<p>Da mußte ich lächeln.</p>
-<p>»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin
+<p>»Nein, da irren Sie. Sie ist die Diebin
nicht. Dies ist die kleine Schwester von dem
-Kinde, das heute begraben wurde. Sie heißt
-Elina, ich kenne sie.«</p>
+Kinde, das heute begraben wurde. Sie heißt
+Elina, ich kenne sie.«</p>
-<p>Der Totengräber aber war seiner Sache sehr
-sicher. Auch der Wächter erkannte sie wieder;
+<p>Der Totengräber aber war seiner Sache sehr
+sicher. Auch der Wächter erkannte sie wieder;
namentlich an der roten Narbe, die sie an der
einen Seite des Kinnes hatte. Sie hatte Blumen
von dem Grabe ihrer Schwester gestohlen,
-und die Ärmste konnte nicht einmal ein Wort
+und die Ärmste konnte nicht einmal ein Wort
zu ihrer Entschuldigung <ins title="vorzubringen">vorbringen</ins>.</p>
-<p><ins title="»Jetzt">Jetzt</ins> bitte ich Sie eins zu beachten: ich
+<p><ins title="»Jetzt">Jetzt</ins> bitte ich Sie eins zu beachten: ich
hatte diese beiden Schwestern lange <ins title="gekannt">gekannt;</ins>
wir hatten eine ganze Zeit in demselben elenden<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>
Hinterhof gewohnt und sie hatten oft unter
meinem Fenster gespielt. Sie zankten sich oft
-sehr und prügelten sich auch, aber es waren
-ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber
+sehr und prügelten sich auch, aber es waren
+ein paar nette Kinder, und anderen gegenüber
nahmen sie sich gegenseitig stets in Schutz. Das
-hatten sie nicht gut von jemand lernen können.
+hatten sie nicht gut von jemand lernen können.
Die Mutter war eine schlechte Person, die selten
zu Hause war, und den Vater &mdash; sie hatten,
glaube ich, jede ihren eigenen &mdash; hatten sie nie
gekannt. Diese beiden Kinder hatten ein kleines
-Loch, in dem sie lebten, und das kaum größer
+Loch, in dem sie lebten, und das kaum größer
war als die Grabplatte dort, und da meine
-Stube der ihren gerade gegenüberlag, stand ich
+Stube der ihren gerade gegenüberlag, stand ich
oft am Fenster und sah zu ihnen hinein. Hanna
-hatte in der Regel das <ins title="Ubergewicht">Übergewicht</ins>, sie war
-auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig
+hatte in der Regel das <ins title="Ubergewicht">Übergewicht</ins>, sie war
+auch ein paar Jahre älter und war oft so verständig
wie eine Erwachsene. Sie holte immer
den Blecheimer heraus, wenn sie eine Schnitte
Brot haben wollten, und im Sommer, wenn es
-auf dem Hofe heiß war, hatte Hanna den guten
+auf dem Hofe heiß war, hatte Hanna den guten
Einfall, eine alte Zeitung an das Fenster zu
-befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten.
-Oft habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester
-die Schularbeiten überhörte, ehe sie zur Schule<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
+befestigen, um die ärgste Sonne fern zu halten.
+Oft habe ich auch gehört, daß sie ihrer Schwester
+die Schularbeiten überhörte, ehe sie zur Schule<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
gingen. Hanna war ein verwachsenes, ernstes
Kind und ihr Leben war nur von kurzer Dauer.</p>
-<p>»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,«
-sagte der Totengräber.</p>
+<p>»Lassen Sie uns die Tasche untersuchen,«
+sagte der Totengräber.</p>
<p>Und richtig, in der Tasche lagen die Blumen.
Ich kannte sogar meine eigenen zwei,
drei wieder.</p>
<p>Was sollte ich sagen? Und da stand sie,
-die kleine Sünderin, und sah uns ganz verhärtet
-an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, sie
-aber schwieg. Dann nannte der Totengräber
+die kleine Sünderin, und sah uns ganz verhärtet
+an. Ich schüttelte sie und fragte sie aus, sie
+aber schwieg. Dann nannte der Totengräber
die Polizei und nahm das Kind mit sich.</p>
-<p>Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar,
-was geschehen sollte, sie sagte plötzlich:</p>
+<p>Oben an der Pforte ward ihr plötzlich klar,
+was geschehen sollte, sie sagte plötzlich:</p>
-<p>»Nein, wo soll ich denn hin?«</p>
+<p>»Nein, wo soll ich denn hin?«</p>
-<p>Der Totengräber antwortete:</p>
+<p>Der Totengräber antwortete:</p>
-<p>»Auf die Polizeistation!«</p>
+<p>»Auf die Polizeistation!«</p>
-<p>»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.</p>
+<p>»Ich habe sie nicht gestohlen,« sagte sie.</p>
<p>Hatte sie sie nicht gestohlen? Sie hatte sie ja
in der Tasche, wir hatten es sozusagen gesehen.
-Sie aber wiederholte ängstlich, sie habe sie nicht
+Sie aber wiederholte ängstlich, sie habe sie nicht
gestohlen.</p>
-<p>In der Pforte hing der Kleiderärmel der
-kleinen Elina am Schloß fest, und der dünne
-Ärmel<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> wurde beinahe ausgerissen. Und dadrinnen
+<p>In der Pforte hing der Kleiderärmel der
+kleinen Elina am Schloß fest, und der dünne
+Ärmel<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> wurde beinahe ausgerissen. Und dadrinnen
schimmerte der magere kleine Arm.</p>
<p>Auf die Polizeistation ging es. Ich begleitete
-sie. Es wurden einige Erklärungen
-abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der
+sie. Es wurden einige Erklärungen
+abgegeben, aber so viel ich weiß, geschah der
kleinen Elina nichts weiter. Ich selber sah sie
nicht wieder, denn ich reiste fort und blieb neun
Jahre weg.</p>
<p>Jetzt aber habe ich mehr Einsicht in die
Sache bekommen. Es war ganz verkehrt, was
-wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich
+wir da thaten. Sie hatte die Blumen natürlich
nicht gestohlen, aber selbst wenn sie es gethan
-hätte? Ich sage mir: warum nicht? Hat man
-je so etwas Verkehrtes gehört, als wie wir uns
+hätte? Ich sage mir: warum nicht? Hat man
+je so etwas Verkehrtes gehört, als wie wir uns
mit ihr benahmen? Aber kein Richter kann
uns deswegen verurteilen, wir nahmen sie nur
-fest und führten sie vor das Gericht. Ich kann
+fest und führten sie vor das Gericht. Ich kann
Ihnen sagen, ich habe Elina wieder gesehen
-und kann Sie zu ihr führen!«</p>
+und kann Sie zu ihr führen!«</p>
<p>Er machte eine Pause.</p>
-<p>»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen
-werde, müssen Sie zuhören! Ja, sagt das kranke
+<p>»Wenn Sie verstehen wollen, was ich erzählen
+werde, müssen Sie zuhören! Ja, sagt das kranke
Kind, wenn ich jetzt sterbe, so werde ich schon
Blumen bekommen, vielleicht viele Blumen, denn<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>
-die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und
+die Lehrerin wird gewiß ein Bouquet schicken und
Frau Bendiche sendet vielleicht gar einen Kranz.</p>
<p>Aber die kleine Kranke ist klug wie eine
Alte. Sie ist zu stark gewachsen, um am Leben
-bleiben zu können, und seither hat die Krankheit
-ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn
+bleiben zu können, und seither hat die Krankheit
+ihr Nachdenken unglaublich geschärft. Wenn
sie spricht, schweigt die andere, die kleinere
-Schwester, die angestrengt bemüht ist, sie zu verstehen.
+Schwester, die angestrengt bemüht ist, sie zu verstehen.
Sie wohnen allein dort, und die Mutter
ist niemals zu Hause, hin und wieder aber
schickt ihnen Frau Bendiche Essen, und sie verhungern
nicht. Jetzt zanken sich die Schwestern
nie mehr, es ist lange, lange her, seit sie Streit
-miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten
-aus früheren Zeiten auf dem Spielplatz
-sind längst vergessen.</p>
+miteinander hatten, und ihre früheren Streitigkeiten
+aus früheren Zeiten auf dem Spielplatz
+sind längst vergessen.</p>
-<p>Aber die Blumen sind nichts übertrieben
-Herrliches, fährt die Kranke fort. Sie welken.
-Und welke Blumen sind nicht schön auf einem
+<p>Aber die Blumen sind nichts übertrieben
+Herrliches, fährt die Kranke fort. Sie welken.
+Und welke Blumen sind nicht schön auf einem
Grab zu haben. Und wenn sie tot war,
-konnte sie sie doch nicht sehen, und wärmen
+konnte sie sie doch nicht sehen, und wärmen
thaten sie auch nicht. Ob Elina aber wohl
-noch an die Schuhe dächte, die sie einmal
+noch an die Schuhe dächte, die sie einmal
im Bazar gesehen hatten? Sie waren warm!</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>Elina erinnerte sich der Schuhe noch. Und
@@ -3382,8 +3368,8 @@ beschrieb sie ihr die Schuhe ganz genau.</p>
<p>Es war jetzt nicht mehr lange bis zum
Winter. Und durch das Fenster zog es so
-schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel
-ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar
+schrecklich, daß der Waschlappen dort am Nagel
+ganz steif fror. Elina könnte so ein Paar
Schuhe bekommen.</p>
<p>Die beiden Schwestern sahen sich an. Elina
@@ -3391,27 +3377,27 @@ ist gar nicht so dumm.</p>
<p>Ja, sie konnte ihre Blumen nehmen und
sie verkaufen. Das konnte sie. Es gingen am
-Sonntag so viele Leute auf der Straße spazieren.
+Sonntag so viele Leute auf der Straße spazieren.
Sie fuhren oft mit Blumen im Knopfloch aufs
Land, und oft sah man Herren mit einer Blume
im Knopfloch in einer Droschke fahren. Sie
-kauften gewiß Blumen.</p>
+kauften gewiß Blumen.</p>
<p>Elina fragte, ob sie nicht eine kleine Katze
-kaufen könne.</p>
+kaufen könne.</p>
-<p>Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber
+<p>Ja, wenn sie Geld übrig behielt. Erst aber
sollte sie die Schuhe kaufen.</p>
<p>Das verabredeten sie miteinander. Niemand
-hatte etwas darüber zu sagen, die beiden Kinder
-hatten es unter sich abgemacht. Elina mußte<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
+hatte etwas darüber zu sagen, die beiden Kinder
+hatten es unter sich abgemacht. Elina mußte<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
aber acht geben und die Blumen noch am selben
-Abend abholen, ehe sie <ins title="verwelten">verwelkten</ins>.«</p>
+Abend abholen, ehe sie <ins title="verwelten">verwelkten</ins>.«</p>
-<p>»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«</p>
+<p>»Wie alt mochte die Kranke wohl sein?«</p>
-<p>»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist
+<p>»Zwölf, dreizehn Jahre, denke ich. Es ist
nicht allemal das Alter, worauf es ankommt.
Ich hatte eine Schwester, sie lernte Griechisch als
sie noch <em class="gesperrt">so</em> klein war.</p>
@@ -3420,12 +3406,12 @@ sie noch <em class="gesperrt">so</em> klein war.</p>
Sache. Bestraft wurde sie gerade nicht, aber
die Polizei jagte ihr doch einen unschuldigen
kleinen Schrecken ein, und damit war sie
-verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann
+verhältnismäßig gut davon gekommen. Dann
nahm die Lehrerin sich ihrer an. Sich eines
-Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es auf
+Kindes annehmen, heißt es auszeichnen, es auf
die Probe stellen, es heimlich beobachten. Elina
wird in den Pausen herangerufen: Liebe Elina,
-warte doch einen Augenblick, ich möchte mit dir
+warte doch einen Augenblick, ich möchte mit dir
sprechen! Dann wird sie ermahnt, liebevoll
und bestimmt, zur unrechten Zeit an die Sache
erinnert, aufgefordert, Gott um Verzeihung
@@ -3434,113 +3420,113 @@ zu bitten.</p>
<p>Da zerbricht etwas in ihr.</p>
<p>Elina erschlafft, sie kommt mit ungewaschenem
-Gesicht, vergißt ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt,<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>
+Gesicht, vergißt ihre Bücher zu Hause. Verdächtigt,<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>
von forschenden Augen verfolgt, nimmt
sie die Gewohnheit an, sich dem Blick der
Lehrerin zu entziehen, es zu vermeiden, den
-Leuten in die Augen zu sehen. Sie gewöhnt
+Leuten in die Augen zu sehen. Sie gewöhnt
sich die verstohlenen, hastigen Blicke an, die ihr
einen scheuen Ausdruck verleihen. Und dann,
eines Tages, wird sie konfirmiert, der Pastor
giebt ihr einen Spruch gegen ein gewisses Gebot,
-alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre
-Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche
-und sie verläßt ihre kleine Stube. Die Sonne
+alle Leute machen sich ihre Gedanken über ihre
+Vergangenheit. Und dann verläßt sie die Kirche
+und sie verläßt ihre kleine Stube. Die Sonne
scheint golden auf die Stadt hinab, die Leute
schlendern mit Blumen im Knopfloch auf der
-Straße herum, sie macht selber eine Fahrt aufs
+Straße herum, sie macht selber eine Fahrt aufs
Land in einer Droschke &mdash; &mdash; &mdash;</p>
<p>Und diese Nacht bin ich ihr wieder begegnet.
Sie wohnt da unten. Sie stand in einem Thorweg
-und redete mich flüsternd an. Ich konnte
-mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört,
-und ich kannte die rote Narbe. Aber, großer
-Gott, wie stark sie geworden war!«</p>
+und redete mich flüsternd an. Ich konnte
+mich nicht irren, ich hatte ihre Stimme gehört,
+und ich kannte die rote Narbe. Aber, großer
+Gott, wie stark sie geworden war!«</p>
-<p>»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.</p>
+<p>»Kommen Sie her! Ich bin es!« sagte sie.</p>
-<p>»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie
-groß du geworden bist, Elina!«</p>
+<p>»Ja, ich bin es auch,« entgegnete ich. »Wie
+groß du geworden bist, Elina!«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>Groß? Was für ein Schnack war das?
+<p><a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>Groß? Was für ein Schnack war das?
Sie hatte keine Zeit zum Plaudern. Wenn
ich nicht mit hereinkommen wollte, so brauchte
-ich nicht länger stehen zu bleiben und andere
+ich nicht länger stehen zu bleiben und andere
zu verscheuchen.</p>
<p>Ich nannte meinen Namen, erinnerte sie
an den Hinterhof, an die kleine Hanna, an alles,
-was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen und
+was ich wußte. Lassen Sie uns hineingehen und
ein wenig zusammen plaudern, sagte ich.</p>
<p>Als wir hineinkamen, sagte sie:</p>
-<p>»Spendieren Sie etwas zu trinken?«</p>
+<p>»Spendieren Sie etwas zu trinken?«</p>
<p>So war sie.</p>
-<p>»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch
-hier gewesen wäre! Dann hätten wir drei
-wieder zusammengesessen und über dies und
-jenes geschwatzt.«</p>
+<p>»Denken Sie doch, wenn Hanna jetzt auch
+hier gewesen wäre! Dann hätten wir drei
+wieder zusammengesessen und über dies und
+jenes geschwatzt.«</p>
<p>Sie lachte schrill.</p>
-<p>»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie
-werden wohl schon wieder kindisch!«</p>
+<p>»Was schwatzen Sie da für Unsinn? Sie
+werden wohl schon wieder kindisch!«</p>
-<p>»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?«
+<p>»Denken Sie denn gar nicht mehr an Hanna?«
fragte ich.</p>
-<p>Da spie sie wütend vor sich hin.</p>
+<p>Da spie sie wütend vor sich hin.</p>
<p>Hanna und immer Hanna! Ob ich denn
-glaubte, daß sie noch ein Kind sei? Dies mit
-Hanna<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a> lag viel zu weit zurück, was für ein
-Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas
+glaubte, daß sie noch ein Kind sei? Dies mit
+Hanna<a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a> lag viel zu weit zurück, was für ein
+Geschwätz war das doch! Ob sie uns etwas
zu trinken holen solle.</p>
-<p>»Ja, gern.«</p>
+<p>»Ja, gern.«</p>
<p>Sie steht auf und geht hinaus.</p>
-<p>Rings umher in den Nebenzimmern höre
+<p>Rings umher in den Nebenzimmern höre
ich Stimmen, Korkenknallen, Fluchen, leise
-Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder
-zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen
-auf dem Gang nach einer Aufwärterin gerufen,
+Schreie. Thüren werden geöffnet und wieder
+zugeschlagen, hin und wieder wurde draußen
+auf dem Gang nach einer Aufwärterin gerufen,
die einen Befehl erhielt.</p>
-<p>Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir
-sitzen, auf meinem Schoß, sie zündete sich auch
+<p>Elina kehrte zurück. Sie wollte bei mir
+sitzen, auf meinem Schoß, sie zündete sich auch
eine Cigarette an.</p>
-<p>»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?«
+<p>»Warum darf ich nicht bei dir sitzen?«
fragte sie.</p>
-<p>»Wie lange sind Sie hier gewesen?«</p>
+<p>»Wie lange sind Sie hier gewesen?«</p>
-<p>»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei.
-Prost!«</p>
+<p>»Ich weiß nicht recht. Es ist auch einerlei.
+Prost!«</p>
<p>Wir tranken. Sie sang eine Melodie ohne
-Stimme, den blühendsten Blödsinn, irgend etwas
+Stimme, den blühendsten Blödsinn, irgend etwas
aus einem Tingeltangel.</p>
-<p>»Wo haben Sie das gelernt?«</p>
+<p>»Wo haben Sie das gelernt?«</p>
-<p>»Im Tivoli.«</p>
+<p>»Im Tivoli.«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>»Gehen Sie oft dahin?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>»Gehen Sie oft dahin?«</p>
-<p>»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt
+<p>»Ja, wenn ich so viel Geld habe. Jetzt
habe ich aber nie mehr was. Die Wirtin
wollte heute Geld von mir haben. Sie nimmt
-eine so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld
-haben, &mdash; und dann bleibt für uns nichts übrig.
-&mdash; Könntest du mir nicht noch etwas Geld
-geben?«</p>
+eine so große Abgabe, sie muß wohl so viel Geld
+haben, &mdash; und dann bleibt für uns nichts übrig.
+&mdash; Könntest du mir nicht noch etwas Geld
+geben?«</p>
<p>Ich hatte Gottlob noch etwas, das ich ihr
geben konnte.</p>
@@ -3549,282 +3535,282 @@ geben konnte.</p>
aber vielleicht empfand sie doch eine
kleine innere Freude. Sie bat mich, noch eine
Flasche Wein zu bestellen. Ich sollte wohl
-gründlich ausgepumpt werden.</p>
+gründlich ausgepumpt werden.</p>
<p>Der Wein kam.</p>
<p>Aber nun wollte sie auch Staat mit mir
machen. Sie wollte ein paar von den anderen
-Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
-abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten
-kurze, gesteifte Röcke an, die raschelten, wenn
-sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, und
+Mädchen hereinrufen und ihnen von dem Wein
+abgeben. Die Mädchen kamen. Sie hatten
+kurze, gesteifte Röcke an, die raschelten, wenn
+sie sich rührten; ihre Arme waren nackend, und
sie trugen <ins title="abgeschnittes">abgeschnittenes</ins> Haar.</p>
-<p>Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
-Namen noch ganz genau. Sie erzählte in blasiertem
-Ton, ich hätte ihr viel Geld gegeben,
-ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne
+<p>Elina stellte mich vor, und sie wußte meinen<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+Namen noch ganz genau. Sie erzählte in blasiertem
+Ton, ich hätte ihr viel Geld gegeben,
+ich sei ein guter alter Freund von ihr, sie könne
mich um so viel Geld bitten, wie sie wollte.
Es sei immer so gewesen.</p>
-<p>Die Mädchen tranken und wurden nun auch
-vergnügt, sie überboten sich in unglaublichen Zweideutigkeiten,
-und krähten allerlei Lieder gegeneinander
-auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn
+<p>Die Mädchen tranken und wurden nun auch
+vergnügt, sie überboten sich in unglaublichen Zweideutigkeiten,
+und krähten allerlei Lieder gegeneinander
+auf. Elina wurde eifersüchtig, wenn
ich das Wort auch einmal an eine der anderen
-richtete, sie wurde mürrisch und unangenehm.
+richtete, sie wurde mürrisch und unangenehm.
Aber ich sprach absichtlich auch mit den anderen,
-um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen,
+um Elina zu größerer Mitteilsamkeit zu zwingen,
denn ich wollte gern einen Einblick in ihren
-Gemütszustand gewinnen. Ich verfehlte indes
+Gemütszustand gewinnen. Ich verfehlte indes
meinen Zweck, sie warf den Kopf in den Nacken
-und machte sich etwas zu thun. Schließlich griff
+und machte sich etwas zu thun. Schließlich griff
sie nach Hut und Jacke und schickte sich an
auszugehen.</p>
-<p>»Wollen Sie gehen?« fragte ich.</p>
+<p>»Wollen Sie gehen?« fragte ich.</p>
-<p>Sie antwortete nicht, summte mit überlegener
+<p>Sie antwortete nicht, summte mit überlegener
Miene eine Melodie vor sich hin und setzte den
-Hut auf. Plötzlich öffnete sie die Thür nach
+Hut auf. Plötzlich öffnete sie die Thür nach
dem Gang und rief:</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>»Gina!«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>»Gina!«</p>
<p>Das war ihre Mutter.</p>
<p>Sie kam, mit schweren Schritten, in weiten
Pantoffeln schlurfend. Sie klopfte an, trat ein,
-blieb an der Thür stehen.</p>
+blieb an der Thür stehen.</p>
-<p>»Ich habe dir doch gesagt, daß du den
+<p>»Ich habe dir doch gesagt, daß du den
Staub von der Kommode jeden Tag abwischen
-sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für
+sollst!« sagte Elina sehr bestimmt. »Was für
eine Schweinerei ist das! Mit der Art Reinmachen
komm mir nicht wieder, verstehst du!
Und die Photographien da hinten sollen auch
-jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«</p>
+jeden Tag mit einem Tuch abgewischt werden!«</p>
-<p>Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder
-gehen. Sie hatte unzählige Runzeln im Gesicht
-und eingefallene Wangen. Sie hörte die Tochter
+<p>Die Mutter sagte: »Ja« und wollte wieder
+gehen. Sie hatte unzählige Runzeln im Gesicht
+und eingefallene Wangen. Sie hörte die Tochter
gehorsam an und sah sie an, um nichts zu
-überhören.</p>
+überhören.</p>
-<p>»Ich bitte mir nun aus, daß du daran
-denkst!« sagte Elina.</p>
+<p>»Ich bitte mir nun aus, daß du daran
+denkst!« sagte Elina.</p>
-<p>Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und
-ging. Leise schloß sie die Thür hinter sich, um
-kein Geräusch zu machen.</p>
+<p>Die Mutter antwortete: »Jawohl!« und
+ging. Leise schloß sie die Thür hinter sich, um
+kein Geräusch zu machen.</p>
<p>Elina stand angekleidet da. Sie wandte sich
mir zu und sagte:</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn
-Sie jetzt den Wein bezahlen und gehen.«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>»Ja, es wird wohl am besten sein, wenn
+Sie jetzt den Wein bezahlen und gehen.«</p>
-<p>»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und
-leerten ihre Gläser.</p>
+<p>»Vielen Dank!« sagten die Mädchen und
+leerten ihre Gläser.</p>
<p>Ich war ganz betroffen.</p>
-<p>»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich.
-»Warten Sie einmal! Ich denke doch, ich
-habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben?
-Aber vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff
+<p>»Den Wein soll ich bezahlen?« sagte ich.
+»Warten Sie einmal! Ich denke doch, ich
+habe Ihnen das Geld für den Wein gegeben?
+Aber vielleicht habe ich noch etwas.« Ich griff
wieder in die Tasche.</p>
-<p>Die Mädchen fingen an zu lachen.</p>
+<p>Die Mädchen fingen an zu lachen.</p>
-<p>»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet!
+<p>»Ach, so ist es mit seinem Reichtum bewendet!
Du hattest ja so viel Geld von ihm
bekommen, Elina, und jetzt kann er nicht einmal
-den Wein bezahlen! Hahaha!«</p>
+den Wein bezahlen! Hahaha!«</p>
-<p>Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.</p>
+<p>Da wurde Elina in ihrer Seele wütend.</p>
-<p>»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will
+<p>»Hinaus mit euch!« schrie sie. »Ich will
euch hier nicht mehr haben! Er hat Geld wie
-Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir gegeben
-hat!« &mdash; Und triumphierend warf sie
-Scheine und Silbergeld auf den Tisch. &mdash; »Er
+Heu! Hier könnt ihr sehen, was er mir gegeben
+hat!« &mdash; Und triumphierend warf sie
+Scheine und Silbergeld auf den Tisch. &mdash; »Er
hat den Wein bezahlt und mich auch, seht nur
her! Ihr habt nie so viel Geld auf einem
-Haufen gesehen. Ich kann die Wirtin für<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
+Haufen gesehen. Ich kann die Wirtin für<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
zwei Monate bezahlen, versteht Ihr mich! Ich
-sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um
-ihn zu necken. Ihr sollt aber hinaus!«</p>
+sagte es nur, um ihn ein wenig zu ärgern, um
+ihn zu necken. Ihr sollt aber hinaus!«</p>
-<p>Und die Mädchen mußten hinaus.</p>
+<p>Und die Mädchen mußten hinaus.</p>
-<p>Elina aber lachte schrill und nervös auf,
-als sie die Thür hinter ihnen abschloß.</p>
+<p>Elina aber lachte schrill und nervös auf,
+als sie die Thür hinter ihnen abschloß.</p>
-<p>»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,«
-sagte sie entschuldigend. »Es sind im Grunde
+<p>»Ich mag sie wirklich nicht hier haben,«
+sagte sie entschuldigend. »Es sind im Grunde
langweilige Dirnen, mit denen ich gar nicht
-verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig
-waren?«</p>
+verkehre. Fandest du nicht auch, daß sie langweilig
+waren?«</p>
-<p>»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich,
-um sie noch mehr zu beschämen. »Sie antworteten,
-wenn sie gefragt wurden, sie erzählten
+<p>»Nein, das fand ich nicht,« antwortete ich,
+um sie noch mehr zu beschämen. »Sie antworteten,
+wenn sie gefragt wurden, sie erzählten
mir, was ich von ihnen wissen wollte. Es
-waren nette Mädchen.«</p>
+waren nette Mädchen.«</p>
-<p>»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie
-Elina mir zu. »Geh du ihnen nur nach, wenn
-du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der Sicherheit
+<p>»Dann kannst du ja auch gehen!« schrie
+Elina mir zu. »Geh du ihnen nur nach, wenn
+du Lust hast. Ich halte dich nicht.« Der Sicherheit
halber steckte sie jetzt das Geld ein, das sie
vorhin auf den Tisch geworfen hatte.</p>
-<p>»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,«
-sagte ich. »Wenn Sie sich entschließen könnten,
-ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«</p>
+<p>»Ich wollte Sie gern noch etwas fragen,«
+sagte ich. »Wenn Sie sich entschließen könnten,
+ruhig zu sitzen und mich anzuhören.«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie
-höhnisch. »Ich habe nichts mit dir zu schaffen.
+<p><a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>»Mich nach etwas fragen?« antwortete sie
+höhnisch. »Ich habe nichts mit dir zu schaffen.
Du willst wohl wieder von Hanna anfangen?
Dies Gequatsche von Hanna macht mir ganz
-schlimm und übel. Davon kann ich nicht
-leben!«</p>
+schlimm und übel. Davon kann ich nicht
+leben!«</p>
-<p>»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem
-Leben heraus?« fragte ich.</p>
+<p>»Möchten Sie denn aber nicht aus diesem
+Leben heraus?« fragte ich.</p>
-<p>Sie that, als höre sie es nicht, sie fing
+<p>Sie that, als höre sie es nicht, sie fing
wieder an, im Zimmer herum zu kramen und
zu ordnen, und dazu pfiff sie, um sich Mut
zu machen.</p>
-<p>»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und
-stand plötzlich vor mir still. »Wozu? Wo soll
+<p>»Aus diesem Leben heraus?« sagte sie und
+stand plötzlich vor mir still. »Wozu? Wo soll
ich hin? Mit wem soll ich mich wohl verheiraten?
Wer wollte wohl so eine wie mich
-haben? Und dienen mag ich nicht.«</p>
+haben? Und dienen mag ich nicht.«</p>
-<p>»Sie könnten ja versuchen, außer Landes
-zu gehen und ein ehrbares Leben anzufangen.«</p>
+<p>»Sie könnten ja versuchen, außer Landes
+zu gehen und ein ehrbares Leben anzufangen.«</p>
-<p>»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist
+<p>»Blödsinn! Blödsinn! Schweig davon! Bist
du Missionar geworden? Wozu soll ich von
hier fortgehen? Ich befinde mich ganz wohl.
-Ich habe nichts auszustehen. Weißt du was?<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
-Laß noch eine Flasche Wein <ins title="kommen?">kommen!</ins> Aber
-nur für uns beide ganz allein. Die anderen
-sollen nichts abhaben &mdash; &mdash; Gina!« rief sie
-zur Thür hinaus.</p>
+Ich habe nichts auszustehen. Weißt du was?<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
+Laß noch eine Flasche Wein <ins title="kommen?">kommen!</ins> Aber
+nur für uns beide ganz allein. Die anderen
+sollen nichts abhaben &mdash; &mdash; Gina!« rief sie
+zur Thür hinaus.</p>
<p>Sie bestellte Wein, trank und wurde immer
-weniger anziehend. Ein vernünftiger Bescheid
+weniger anziehend. Ein vernünftiger Bescheid
war nicht aus ihr herauszubringen, sie summte
-unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor
-sich hin, während sie dasaß und sann. Dann
+unablässig Bruchstücke von Gassenhauern vor
+sich hin, während sie dasaß und sann. Dann
trank sie wieder, und ihr Benehmen wurde
-geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und
-wieder auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge
-heraus und sagte: »Da, sieh!« Schließlich fragte
+geradezu abstoßend. Sie wollte wieder und
+wieder auf meinen Schoß, sie streckte die Zunge
+heraus und sagte: »Da, sieh!« Schließlich fragte
sie geradezu:</p>
-<p>»Bleibst du übernacht hier?«</p>
+<p>»Bleibst du übernacht hier?«</p>
-<p>»Nein!« antwortete ich.</p>
+<p>»Nein!« antwortete ich.</p>
-<p>»Dann gehe ich aus!« sagte sie. &mdash; &mdash; &mdash;
+<p>»Dann gehe ich aus!« sagte sie. &mdash; &mdash; &mdash;
&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-<p>Der Erzähler schwieg.</p>
+<p>Der Erzähler schwieg.</p>
-<p>»Nun?« fragte ich.</p>
+<p>»Nun?« fragte ich.</p>
-<p>»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine
-solche Wahl gestellt würde? Würden Sie bleiben
+<p>»Was würden Sie thun, wenn Ihnen eine
+solche Wahl gestellt würde? Würden Sie bleiben
oder gehen? Sehen Sie, das ist die Frage.
-Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«</p>
+Wissen Sie, wozu ich mich entschloß?«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>Er sah mich an.</p>
-<p>»Ich blieb!« sagte er.</p>
+<p>»Ich blieb!« sagte er.</p>
-<p>»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die
-Nacht über? Bei dem Mädchen?«</p>
+<p>»Sie blieben?« fragte ich gähnend. »Die
+Nacht über? Bei dem Mädchen?«</p>
-<p>»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.</p>
+<p>»Ich bin eine erbärmliche Seele!« sagte er.</p>
-<p>»Aber um des Himmels willen! Was
-dachten Sie sich denn dabei? Waren Sie betrunken?«</p>
+<p>»Aber um des Himmels willen! Was
+dachten Sie sich denn dabei? Waren Sie betrunken?«</p>
-<p>»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen
-bin ich nicht weniger widerwärtig und jämmerlich
+<p>»Das auch. Zuletzt. Aber vor allen Dingen
+bin ich nicht weniger widerwärtig und jämmerlich
als andere Menschen, das ist die Sache.
-Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich
+Sie war ein Mädchen, deren Geschichte ich
kannte. Es war mir eine solche Wollust,
-zügellos zu sein. Können Sie das begreifen?
+zügellos zu sein. Können Sie das begreifen?
So blieb ich denn. Und in welch ein Meer
-von Zügellosigkeit wir versanken!«</p>
+von Zügellosigkeit wir versanken!«</p>
-<p>Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf
-über sich selber.</p>
+<p>Der abscheuliche Cyniker schüttelte den Kopf
+über sich selber.</p>
-<p>»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,«
-fuhr er fort. »Es muß sich noch etwas thun
+<p>»Aber jetzt will ich wieder zu ihr gehen,«
+fuhr er fort. »Es muß sich noch etwas thun
lassen! Hm! Sie meinen, ich sei nicht die geeignete
-Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht
+Persönlichkeit dazu? Ich bin vielleicht
doch nicht so schlimm wie Sie glauben. Sie
-denken an die Geschichte von übernacht. Bedenken<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
-Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so
-wäre ein anderer gekommen, und bei einem
-solchen Tausch würde sie voraussichtlich verloren
-haben. Wenn sie ihren Umgang wählen könnte,
-glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen,
-ich bin rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich
+denken an die Geschichte von übernacht. Bedenken<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
+Sie, wenn ich nicht geblieben wäre, so
+wäre ein anderer gekommen, und bei einem
+solchen Tausch würde sie voraussichtlich verloren
+haben. Wenn sie ihren Umgang wählen könnte,
+glaube ich, würde sie unfehlbar mich wählen,
+ich bin rücksichtsvoll und habe Verständnis, ich
vergesse auch keinen Augenblick, ihr zu widerstehen.
-Aber das Sonderbare ist, daß gerade
+Aber das Sonderbare ist, daß gerade
dieser Zug an mir sie reizte. Das sagte sie
selber. &gt;Du widerstehst mir so herrlich!&lt; sagte
-sie. Was soll man einem solchen Mädchen
-gegenüber anfangen? Und dann muß man
-auch bedenken, daß sie einzig und allein um
-der Blumen willen in ihrem Herzen so übel
-zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre
-es erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern
-zu pflücken, so wäre sie jetzt ein anständiges
-Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und
-ich war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«</p>
-
-<p>Er schüttelte von neuem den Kopf und versank
+sie. Was soll man einem solchen Mädchen
+gegenüber anfangen? Und dann muß man
+auch bedenken, daß sie einzig und allein um
+der Blumen willen in ihrem Herzen so übel
+zugerichtet ist. Das war der Anfang. Wäre
+es erlaubt gewesen, Blumen auf den Gräbern
+zu pflücken, so wäre sie jetzt ein anständiges
+Mädchen. Aber da faßten wir sie ab, und
+ich war dabei behilflich! Ich war dabei behilflich!«</p>
+
+<p>Er schüttelte von neuem den Kopf und versank
in Sinnen.</p>
<p>Endlich erwachte er wie aus einem Traum.</p>
-<p>»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
-auch selber, daß ich müde bin. Ahnen Sie,
-wieviel Uhr es ist?«</p>
+<p>»Ich habe Sie gewiß aufgehalten. Ich fühle<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
+auch selber, daß ich müde bin. Ahnen Sie,
+wieviel Uhr es ist?«</p>
<p>Ich wollte meine Uhr herausziehen. Ich
hatte sie nicht bei mir, ich hatte sie zu Hause
vergessen.</p>
-<p>»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und
+<p>»Danke, es ist auch einerlei,« sagte er und
erhob sich, streckte seine Beine und zog seine
-Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da kommt die
-vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet,
-das kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr.
+Beinkleider herunter. »Sehen Sie, da kommt die
+vornehme Dame zurück, die Trauer ist beendet,
+das kleine Mädchen trägt keine Blumen mehr.
Die Blumen liegen wieder da unten, Rosen und
Kamelien; in vier Tagen sind sie verwelkt.
-Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen
-bemächtigt, um sich ein Paar Schuhe dafür zu
-kaufen, so glaube ich, es ist kein Unrecht!« &mdash;</p>
+Wenn ein kleines Mädchen sich dieser Blumen
+bemächtigt, um sich ein Paar Schuhe dafür zu
+kaufen, so glaube ich, es ist kein Unrecht!« &mdash;</p>
<p>Jetzt sah mich der Mann eine ganze Minute
an, trat ganz nahe an mich heran und brach
in ein verhaltenes Lachen aus.</p>
-<p>»Sehen Sie, solche Geschichten muß man
-erzählen,« sagte er. »Für die findet man willige
-Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«</p>
+<p>»Sehen Sie, solche Geschichten muß man
+erzählen,« sagte er. »Für die findet man willige
+Ohren. Tausend Dank, verehrter Zuhörer!«</p>
<p>Er nahm den Hut ab, verbeugte sich
und ging.</p>
@@ -3832,28 +3818,28 @@ und ging.</p>
<hr />
<p><a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>Ich blieb in einem sehr verdutzten Zustand
-zurück. Er hatte mich mit einem Schlage in
+zurück. Er hatte mich mit einem Schlage in
einen Wirbel von Verwirrung versetzt und
meinen klaren Verstand ganz umnebelt. Dieses
-Schwein! Er hatte die Nacht bei dem Mädchen
-zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine
-verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich
-zum Besten gehabt, seine erschütternde Erzählung
+Schwein! Er hatte die Nacht bei dem Mädchen
+zugebracht! Bei dem Mädchen? Eine
+verdammte Lügengeschichte! Er hatte mich
+zum Besten gehabt, seine erschütternde Erzählung
war eine Erfindung von einem Ende
bis zum andern. Wer aber war denn dieser
Erzschelm? Wenn ich ihn noch einmal wieder
treffe, so setzt es was! Er hat die Geschichte
vielleicht irgendwo gelesen und sie auswendig
-gelernt, sie gehörte nicht zu den
+gelernt, sie gehörte nicht zu den
schlechtesten, der Bursche hatte Talent. Hahaha!
-Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!</p>
+Weiß Gott, der hat mich an der Nase herumgeführt!</p>
-<p>Ich ging in großer Verwirrung nach Hause.
+<p>Ich ging in großer Verwirrung nach Hause.
Ich suchte nach meiner Uhr. Sie lag nicht
auf dem Tisch. Ich schlug mich gegen die
-Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich
+Stirn: meine Uhr war gestohlen! Natürlich
hatte er meine Uhr gestohlen, als er neben mir
-saß. Ha! Dieser Schlingel!</p>
+saß. Ha! Dieser Schlingel!</p>
<p>Jetzt blieben mir zwei Auswege. Ich<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
konnte eine Anzeige machen und meine Uhr
@@ -3871,72 +3857,72 @@ Ausweg.</p>
<p class="center"><a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>I</p>
<p class="drop-cap">Im letzten Herbst machte ich eine Reise nach
-dem Süden, weit nach dem Süden hinab,
-und kam an einem frühen Morgen mit dem
-Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen
+dem Süden, weit nach dem Süden hinab,
+und kam an einem frühen Morgen mit dem
+Flußdampfer nach dem Dorf D., einem kleinen
Dorf, einem sonderbaren Dorf, versteckt und
-vergessen, einem Dorf mit einem Dutzend Häuser,
+vergessen, einem Dorf mit einem Dutzend Häuser,
einer Kirche, einem Posthause und einer Flaggenstange.
Der Ort ist Eingeweihten, Abenteurern
und Spielern, feinen Leuten und Vagabunden,
-bekannt, und während einiger Sommermonate
-des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel
-Leben und großer Umsatz.</p>
+bekannt, und während einiger Sommermonate
+des Jahres herrscht in diesem Krähwinkel
+Leben und großer Umsatz.</p>
-<p>Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung
+<p>Jetzt war Markt im Dorfe, und die Bevölkerung
der Umgegend war herbeigekommen;
-sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit
-Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
-nach Stand und Vermögen. Um die Kirche
+sie trugen Gewänder aus Seide und Pelz mit
+Gürteln und Schärpen und Geschmeiden, alles<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+nach Stand und Vermögen. Um die Kirche
herum standen Reihen von Zelten, wo gekauft
und verkauft wurde; eins dieser Zelte war
blau, &mdash; es war das Zelt des Pavo aus Sinvara.</p>
-<p>Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten
+<p>Aber ganz in der Nähe der Kirche, mitten
zwischen der Flaggenstange und dem Posthause,
lag das Hotel. Das obere Stockwerk war blau,
&mdash; dort verspielten die Spieler ihr Geld.</p>
-<p>Man erzählte im Hotel, heute abend würde
+<p>Man erzählte im Hotel, heute abend würde
Pavo ganz sicher kommen. Ich fragte, wer
Pavo sei, und man ersah aus dieser Frage,
-daß ich hier fremd war, sonst kannten alle Pavo.
+daß ich hier fremd war, sonst kannten alle Pavo.
Er war der Mann, der die Bank dreimal gesprengt
hatte, sein Vater war der Besitzer des
-größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und
-Pavo selber hatte bei dem letzten Frühlingsfest
-sein ganzes Vermögen durchgebracht. Alle
-Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn
+größten Gutes in meilenweitem Umkreis, und
+Pavo selber hatte bei dem letzten Frühlingsfest
+sein ganzes Vermögen durchgebracht. Alle
+Mädchen des Dorfes sprachen von ihm, wenn
sie am Abend bei der Pumpe zusammenkamen,
-und die Frommen beteten für ihn, so oft sie an
+und die Frommen beteten für ihn, so oft sie an
ihn dachten. Kurz, er war der Spieler und
-der verlorene Sohn, eine gefallene Größe, ein
-Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er war der
+der verlorene Sohn, eine gefallene Größe, ein
+Ex-Krösus, Pavo aus Sinvara. Er war der
Stolz der Stadt und ihre Schande zugleich.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>Und mit Pavos Zelt hatte es die Bewandtnis,
-daß seine gute Mutter das Zelt für ihn
-gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet hatte,
-um ihn, wenn möglich noch auf den rechten
-Weg zu bringen. Es hätte ja auch alles gut
-gehen können, wenn Pavo nur hätte Ernst
-machen wollen, aber das mißratene Kind hatte
-schon in der nämlichen Woche sein Zelt mit der
+daß seine gute Mutter das Zelt für ihn
+gekauft, und ihm das Geschäft eingerichtet hatte,
+um ihn, wenn möglich noch auf den rechten
+Weg zu bringen. Es hätte ja auch alles gut
+gehen können, wenn Pavo nur hätte Ernst
+machen wollen, aber das mißratene Kind hatte
+schon in der nämlichen Woche sein Zelt mit der
blauen Farbe der Spielbank angestrichen, denn
-sein Sinn war unverändert. Er spielte auch
+sein Sinn war unverändert. Er spielte auch
noch immer. Alles, was er hinter dem Ladentisch
verdiente, legte er auf den Roulette-Tisch,
-und in der Regel verließ er die Bank ärmer,
+und in der Regel verließ er die Bank ärmer,
als er gekommen war. Sein Zelt hatte eine
gute Kundschaft; er verkaufte viele Sachen,
weder die Bauern noch die Dorfbewohner gingen
-an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus
+an ihm vorüber, alle wollten mit Pavo aus
Sinvara handeln. Und seine Mutter verschaffte
-ihm immer Waren in Hülle und Fülle, sein
+ihm immer Waren in Hülle und Fülle, sein
Zelt war bis an das Dach vollgepfropft.</p>
<p>Jetzt, heute abend, sollte er kommen. Das
-ganze Dorf wußte, daß er kommen würde.</p>
+ganze Dorf wußte, daß er kommen würde.</p>
<div class="center">
<img src="images/flag.png" width="56" height="29" alt="" />
@@ -3944,530 +3930,530 @@ ganze Dorf wußte, daß er kommen würde.</p>
<p class="center">II<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a></p>
-<p>Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden
-Schlag, der sich in den übrigen Lärm vom
-Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte der
+<p>Die Turmuhr schlug, ich hörte den singenden
+Schlag, der sich in den übrigen Lärm vom
+Marktplatz her mischte. Plötzlich klopfte der
Hoteldiener an mein Zimmer. Der junge Mann
war sehr erregt.</p>
-<p>»Denken Sie nur,« sagte er, &mdash; »der Herr
-von Sinvara will auch kommen!«</p>
+<p>»Denken Sie nur,« sagte er, &mdash; »der Herr
+von Sinvara will auch kommen!«</p>
<p>Ich hatte nicht um diese Mitteilung gebeten,
-und ich sagte zu dem Diener, daß besagter
+und ich sagte zu dem Diener, daß besagter
Herr mich nichts angehe. Wer war es? Woher
kam er? Der Diener zuckte die Achseln und
-erklärte, der Herr aus Sinvara sei kein anderer
+erklärte, der Herr aus Sinvara sei kein anderer
als der vornehmste Herr der ganzen Gegend,
-der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos
-leiblicher Vater. Und <em class="gesperrt">der</em> würde kommen. Im
-übrigen sei der Zweck seines Kommens wohl
-nichts weiter, als daß er sich danach umsehen
-wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er
+der reichste Herr, Fürst Yariws Freund und Pavos
+leiblicher Vater. Und <em class="gesperrt">der</em> würde kommen. Im
+übrigen sei der Zweck seines Kommens wohl
+nichts weiter, als daß er sich danach umsehen
+wollte, wie es mit seinem Sohn stünde; er
wollte selber dies verfluchte Roulette sehen, das
sein Kind ruinierte und dessen Mutter so viel
Kummer bereitete.</p>
-<p>»Alle diese Nachrichten interessieren mich<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
-nicht,« antwortete ich dem Diener. »Dagegen
-habe ich um Thee gebeten. Adieu!«</p>
+<p>»Alle diese Nachrichten interessieren mich<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
+nicht,« antwortete ich dem Diener. »Dagegen
+habe ich um Thee gebeten. Adieu!«</p>
<p>Und dann ging der Diener.</p>
-<p>Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung
+<p>Als die Uhr sechs war, entstand große Bewegung
im Hotel, der Herr war gekommen.
Er ging an der Seite seines Sohnes, Pavo in
heller Kleidung, er selber in dunkler. Er war
-ernsthaft und bestimmt. Die Kirchenglocke läutete,
+ernsthaft und bestimmt. Die Kirchenglocke läutete,
denn schon beim Betreten des Dorfes hatte
-der Herr der Kirche eine große Summe versprochen,
-die deren Zukunft völlig sicherte. Er
-hatte außerdem die Flaggenstange des Posthauses
+der Herr der Kirche eine große Summe versprochen,
+die deren Zukunft völlig sicherte. Er
+hatte außerdem die Flaggenstange des Posthauses
mit einer neuen Flagge bedacht. Aus
diesem Grunde war das ganze Dorf in gehobener
Stimmung. Die Diener erhielten einen
-freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen,
-und der Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen
+freien Tag, alle Leute waren auf den Straßen,
+und der Bürgermeister ging in einer funkelnagelneuen
Uniform umher.</p>
-<p>Der Herr von Sinvara war ein würdiger
+<p>Der Herr von Sinvara war ein würdiger
Mann von einigen sechzig Jahren, ein wenig
-korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt
-von dem stillen Leben, das er führte, aber mit
+korpulent, ein wenig blaß und aufgeschwemmt
+von dem stillen Leben, das er führte, aber mit
gewichstem Schnurrbart und jungen Augen; er
-hatte außerdem eine lustige, aufwärts gebogene<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
-Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst
+hatte außerdem eine lustige, aufwärts gebogene<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
+Nase. Es war allgemein bekannt, daß er Fürst
Yariws Freund war, er hatte zwei hohe Orden,
trug sie aber selten, weil sein Auftreten auch
-ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend
+ohne diese Dekoration höchst respekteinflößend
war. Redete er jemand an, so nahm der Angeredete
den Hut ab und antwortete.</p>
<p>Als er ein Glas Wein getrunken hatte, sah
er alle die neugierigen Menschen an, die ihn
bis an das Hotel begleitet hatten, und er gab
-ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief
+ihnen allen etwas. Ein kleines Mädchen rief
er sogar aus dem Haufen heraus und schenkte
-ihr mit eigener Hand ein Goldstück. Aber das
-Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben
+ihr mit eigener Hand ein Goldstück. Aber das
+Mädchen war nun freilich nicht so übertrieben
klein, auch war sie nicht mehr unter sechzehn,
siebzehn Jahre alt.</p>
-<p>Plötzlich sagt er:</p>
+<p>Plötzlich sagt er:</p>
-<p>»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«</p>
+<p>»Wo ist die Bank? Ich will dahin.«</p>
-<p>Pavo, der ganz entzückt über den Einfall
+<p>Pavo, der ganz entzückt über den Einfall
des Vaters ist, geht vor ihm her die Treppe
hinauf. Alle folgen ihnen.</p>
-<p>Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit
+<p>Er wurde dadrinnen mit der größten Aufmerksamkeit
empfangen. Das Rad ist in vollem
-Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein brünetter
-Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>
-vor seinem Freund, dem großen Herrn
+Gange, das Spiel ist sehr lebhaft; ein brünetter
+Herr, den der Diener Prinz nennt, macht liebenswürdig<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>
+vor seinem Freund, dem großen Herrn
von Sinvara Platz.</p>
<p>Im selben Augenblick ruft der Croupier:</p>
-<p>»Dreizehn!«</p>
+<p>»Dreizehn!«</p>
<p>Er heimst alles Geld ein.</p>
-<p>Da lagen Haufen von Silber, viele große
-goldene Münzen und ganze Packen von Papiergeld
+<p>Da lagen Haufen von Silber, viele große
+goldene Münzen und ganze Packen von Papiergeld
auf dem Tisch, alles verschwindet in dem
eisernen Schubfach der Bank unter dem Tisch.
Und es wird von neuem Geld gesetzt, so stillschweigend
und ruhig, als sei nichts geschehen.
Und doch bedeutete in Wirklichkeit diese Dreizehn
-einen großen Coup. Aber niemand spricht,
+einen großen Coup. Aber niemand spricht,
das Spiel geht seinen Gang, das Rad saust
herum, wird langsamer, steht still: Wieder
dreizehn!</p>
-<p>»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals
+<p>»Dreizehn!« ruft der Croupier abermals
und heimst das Geld ein.</p>
<p>Diese beiden Coups haben ihn um viele
-hundert Goldstücke reicher gemacht, als er war.
+hundert Goldstücke reicher gemacht, als er war.
Und wieder wird gesetzt, der Prinz wirft eine
ganze Hand voll Scheine auf den Tisch, ohne
-sie zu zählen. Niemand spricht, es ist sehr still
-rings umher, einer der Diener stößt in seiner
+sie zu zählen. Niemand spricht, es ist sehr still
+rings umher, einer der Diener stößt in seiner
Erregung<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> ein leeres Weinglas gegen den Tisch,
-ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den
+ein feines Klirren ertönt und mischt sich in den
dumpfen Laut des Rades, das sich dreht.</p>
-<p>»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der
+<p>»Erkläre mir doch das Spiel,« sagte der
Herr von Sinvara.</p>
<p>Und Pavo, der das Spiel aus dem Grunde
-kennt, teilt ihm alles darüber mit. Der große
+kennt, teilt ihm alles darüber mit. Der große
Mann ist ganz von dem Prinzen in Anspruch
-genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet
+genommen. »Er wird sich ruinieren!« behauptet
er. Und als sei es sein eigenes Geld, das auf
-dem Spiel steht, rückt er unruhig auf seinem
+dem Spiel steht, rückt er unruhig auf seinem
Stuhl hin und her.</p>
-<p>»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet
-Pavo. »Er arbeitet nur mit dem Gewinn
-des Tages. Der versteht zu spielen.«</p>
+<p>»Der Prinz ruiniert sich keineswegs,« entgegnet
+Pavo. »Er arbeitet nur mit dem Gewinn
+des Tages. Der versteht zu spielen.«</p>
<p>Es verhielt sich wirklich so. Der Prinz hatte
-viel gewonnen; ein Diener stand fortwährend
+viel gewonnen; ein Diener stand fortwährend
neben seinem Stuhl, um ihm Wasser zu reichen,
sein Taschentuch aufzunehmen, wenn er es
-fallen ließ, ihm alle möglichen Dienste zu leisten,
+fallen ließ, ihm alle möglichen Dienste zu leisten,
alles in der Hoffnung auf eine gute Belohnung,
sobald das Spiel beendet war.</p>
-<p>Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger
-Rumänier steht neben ihm. Er spielt<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>
+<p>Ein großer, blasser Mann, ein dunkelhaariger
+Rumänier steht neben ihm. Er spielt<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>
ums Leben. Infolge der beiden letzten Dreizehn
hat er eine ungeheure Summe verloren,
-da er eigensinnig auf seine eigene, unglückliche
+da er eigensinnig auf seine eigene, unglückliche
Einzelzahl gehalten hat. Er steht halb hinter
dem Herrn von Sinvara und streckt die Hand
-über dessen Schulter, wenn er seinen Einsatz
+über dessen Schulter, wenn er seinen Einsatz
macht. Sein Arm zittert.</p>
-<p>»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.</p>
+<p>»Der junge Mann ist verloren!« sagt der Herr.</p>
<p>Der Sohn, Pavo, nickt und sagt:</p>
-<p>»Verloren!«</p>
+<p>»Verloren!«</p>
-<p>»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater
-fort. »Sage es ihm von mir. Warte, ich will
-es selber thun.«</p>
+<p>»Bitte ihn, aufzuhalten!« fährt der Vater
+fort. »Sage es ihm von mir. Warte, ich will
+es selber thun.«</p>
<p>Hierauf entgegnete der Sohn, es sei nicht
-erlaubt, Ratschläge zu erteilen, &mdash; »ebenso
-wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso wenig,
-wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«</p>
+erlaubt, Ratschläge zu erteilen, &mdash; »ebenso
+wenig,« fügt er verschmitzt hinzu, »ebenso wenig,
+wie es erlaubt ist, nur als Zuschauer hier zu sitzen.«</p>
<p>Der Vater sieht ihn verwundert an. Er
-begreift nicht, daß in Pavos Herzen schon die
+begreift nicht, daß in Pavos Herzen schon die
Lust rast, sich am Spiel zu beteiligen.</p>
-<p>»Hier stehen ja so viele andere, die auch
-nicht spielen!« wendet er ein.</p>
+<p>»Hier stehen ja so viele andere, die auch
+nicht spielen!« wendet er ein.</p>
-<p>»Das sind Spieler, die nur darauf warten,
-daß die Reihe an sie kommt,« lügt Pavo.</p>
+<p>»Das sind Spieler, die nur darauf warten,
+daß die Reihe an sie kommt,« lügt Pavo.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>Da zieht der Herr von Sinvara mit großer
+<p><a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>Da zieht der Herr von Sinvara mit großer
Vorsicht sein Taschenbuch hervor.</p>
-<p>»So, spiele!« sagt er, &mdash; »spiele ein wenig,
-zeige es mir. Aber ganz niedrig, ungefährlich.«</p>
+<p>»So, spiele!« sagt er, &mdash; »spiele ein wenig,
+zeige es mir. Aber ganz niedrig, ungefährlich.«</p>
<p>Gleich darauf aber ergreift er den Arm
-des Sohnes und verlangt Aufklärung über die
+des Sohnes und verlangt Aufklärung über die
sonderbare Zahl dreizehn:</p>
-<p>»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist
+<p>»Warum gewinnt dreizehn jedesmal? Ist
das nicht ein Betrug vom Croupier? Sage
-ihm das doch!«</p>
+ihm das doch!«</p>
<p>Er ist gerade im Begriff, sein Taschenbuch
-wieder einzustecken, als ihm plötzlich ein Gedanke
+wieder einzustecken, als ihm plötzlich ein Gedanke
kommt. Er zieht einige Scheine heraus,
-schiebt sie Pavo hinüber und sagt:</p>
+schiebt sie Pavo hinüber und sagt:</p>
-<p>»Setze auf dreizehn!«</p>
+<p>»Setze auf dreizehn!«</p>
<p>Pavo wendet ein:</p>
-<p>»Die dreizehn ist zweimal hintereinander
-herausgekommen.«</p>
+<p>»Die dreizehn ist zweimal hintereinander
+herausgekommen.«</p>
<p>Der Vater nickt und entgegnet bestimmt:</p>
-<p>»Ja! Setze auf dreizehn!«</p>
+<p>»Ja! Setze auf dreizehn!«</p>
-<p>Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück
-auf Nummer dreizehn und lächelt nachsichtig
-über diese Thorheit.</p>
+<p>Pavo wechselt einen Schein, wirft ein Goldstück
+auf Nummer dreizehn und lächelt nachsichtig
+über diese Thorheit.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es
-noch einmal. Setze das Doppelte!«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>»Verloren!« sagt der Vater. »Versuche es
+noch einmal. Setze das Doppelte!«</p>
<p>Pavo machte keine langen Einwendungen.
-Dies ist zu komisch. Man wechselt die Plätze
+Dies ist zu komisch. Man wechselt die Plätze
am Tisch, Pavo setzt einmal nach dem andern
die doppelte Summe, und alle wollen den
sonderbaren Spieler, den Herrn von Sinvara
sehen. Er selber ist schon sehr interessiert, seine
lebhaften Augen folgen den Bewegungen des
-Rades, er rückt auf dem Stuhle hin und her.
+Rades, er rückt auf dem Stuhle hin und her.
Er ballt seine etwas fette Hand, an dem einen
-Finger trägt er zwei kostbare Ringe.</p>
+Finger trägt er zwei kostbare Ringe.</p>
<p>Als der Croupier die Zahl dreiundzwanzig
-statt der erwünschten dreizehn nennt, ruft er:</p>
+statt der erwünschten dreizehn nennt, ruft er:</p>
-<p>»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn!
-Setze hundert!«</p>
+<p>»Ei was, setze noch einmal auf dreizehn!
+Setze hundert!«</p>
-<p>»Aber &mdash;«</p>
+<p>»Aber &mdash;«</p>
-<p>»Setze hundert!«</p>
+<p>»Setze hundert!«</p>
<p>Und Pavo setzt. Das Rad spinnt weiter, der
-Zeiger rast zwanzig, dreißig Mal über jede Zahl
+Zeiger rast zwanzig, dreißig Mal über jede Zahl
hin, er sucht zwischen allen diesen Chancen, Rot
und Schwarz, Gleich und Ungleich, von eins bis
-siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht
-das ganze System, beschnüffelt jede Zahl
+siebzehn, von siebzehn bis vierunddreißig, er durchsucht
+das ganze System, beschnüffelt jede Zahl
und bleibt stehen.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>»Dreizehn!« ruft der Croupier.</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>»Dreizehn!« ruft der Croupier.</p>
-<p>»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt
-der Herr von Sinvara. Und er brüstet sich
-und läßt alle Umherstehenden hören, was er
-sagt: »Setze noch <ins title="einmal">einmal,</ins> setze hundert auf
-dreizehn!«</p>
+<p>»Nun, Pavo, hatte ich nicht recht?« sagt
+der Herr von Sinvara. Und er brüstet sich
+und läßt alle Umherstehenden hören, was er
+sagt: »Setze noch <ins title="einmal">einmal,</ins> setze hundert auf
+dreizehn!«</p>
-<p>»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater.
+<p>»Das kann nicht dein Ernst sein, Vater.
Dreizehn kommt wahrscheinlich den ganzen
-Abend nicht mehr heraus.«</p>
+Abend nicht mehr heraus.«</p>
-<p>»Setze hundert auf dreizehn!«</p>
+<p>»Setze hundert auf dreizehn!«</p>
-<p>»Warum willst du das Geld wegwerfen?«</p>
+<p>»Warum willst du das Geld wegwerfen?«</p>
<p>Der Herr von Sinvara wurde ungeduldig,
er machte eine Bewegung, als wollte er dem
Sohn das Geld wegnehmen, beherrschte sich aber
und sagte:</p>
-<p>»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht
-hätte, die Bank zu sprengen und das abscheuliche
+<p>»Mein Sohn, wenn ich nun die Absicht
+hätte, die Bank zu sprengen und das abscheuliche
Roulette um einer gewissen Ursache willen
-zu zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«</p>
+zu zerstören? Setze hundert auf dreizehn!«</p>
<p>Und Pavo setzte abermals. Er wechselte ein
-Lächeln mit dem Croupier, und der Rumäne
+Lächeln mit dem Croupier, und der Rumäne
lachte laut auf. Das Pharaospiel am Nebentisch
-hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit
+hörte gänzlich auf, aller Aufmerksamkeit
war auf das Roulette gelenkt.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>»Dreizehn!«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>»Dreizehn!«</p>
-<p>»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von
-Sinvara. »Da ist das Geld. Wie viel soll
-hier sein? Zähle es nach!«</p>
+<p>»Was hab' ich gesagt!« rief der Herr von
+Sinvara. »Da ist das Geld. Wie viel soll
+hier sein? Zähle es nach!«</p>
-<p>Pavo war ganz bestürzt.</p>
+<p>Pavo war ganz bestürzt.</p>
-<p>»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte
-er ganz geschlagen. »Du hast im ganzen fünftausend
-gewonnen.«</p>
+<p>»Dies sind drei und halbes tausend,« sagte
+er ganz geschlagen. »Du hast im ganzen fünftausend
+gewonnen.«</p>
-<p>»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie
-du es machst. Setze auf Rot!«</p>
+<p>»Gut, jetzt spiele du! Laß mich sehen, wie
+du es machst. Setze auf Rot!«</p>
<p>Pavo setzte auf Rot und verlor.</p>
-<p>Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern
+<p>Der Vater nickte und lächelte den Zuschauern
zu.</p>
-<p>»So also spielst du! Siehst du denn nicht,
-wohin das führt? Man hat mir erzählt, du
+<p>»So also spielst du! Siehst du denn nicht,
+wohin das führt? Man hat mir erzählt, du
habest die Bank dreimal gesprengt, das war
gut gemacht. Aber warum hast du alles
-wieder verloren? Setze auf <ins title="Gerade?">Gerade!</ins>«</p>
+wieder verloren? Setze auf <ins title="Gerade?">Gerade!</ins>«</p>
-<p>»Wieviel?«</p>
+<p>»Wieviel?«</p>
-<p>»Soviel du willst. Setze sechshundert.«</p>
+<p>»Soviel du willst. Setze sechshundert.«</p>
-<p>»Sechshundert ist zu viel.«</p>
+<p>»Sechshundert ist zu viel.«</p>
-<p>»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch
+<p>»Ich überlege mir eben, ob du nicht noch
mehr setzen sollst. Ja, ich will es! Setze
-zwölfhundert auf Gerade.«</p>
+zwölfhundert auf Gerade.«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a>Gerade verlor.</p>
<p>Da erhob der Herr von Sinvara seinen
fetten Finger drohend und sagte heftig:</p>
-<p>»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen
-zwölfhundert verloren. Jetzt entferne
-dich. Ich wünsche es.«</p>
+<p>»Geh, Pavo! Hier haben wir um deinetwillen
+zwölfhundert verloren. Jetzt entferne
+dich. Ich wünsche es.«</p>
<p>Und Pavo ging. Ich folgte ihm. Er
lachte, lachte wie ein Besessener. Ob ich jemals
-so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt da
+so ein Spiel gesehen hätte? »Er sitzt da
und gewinnt Tausende allein auf Grund seiner
-Dummheit. Gott halte seine Hand gnädig über
+Dummheit. Gott halte seine Hand gnädig über
ihm. Welch ein Einfall von dem guten Mann,
-Roulette spielen zu wollen!«</p>
+Roulette spielen zu wollen!«</p>
-<p>Pavo redete alle an, die er traf und erklärte
-ihnen unter lautem Lachen, was für einen
+<p>Pavo redete alle an, die er traf und erklärte
+ihnen unter lautem Lachen, was für einen
Einfall der Vater gehabt habe.</p>
-<p>Späterhin am Abend hörte ich, der Herr
+<p>Späterhin am Abend hörte ich, der Herr
von Sinvara habe neuntausend verloren, ehe er
-die Bank verließ.</p>
+die Bank verließ.</p>
<p class="center">III</p>
-<p>Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon
+<p>Es war zehn Uhr. Ich saß auf dem Balkon
des Hotels und rauchte in Gesellschaft des
Russen Iljitsch eine Papyrus nach der anderen.<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a>
-Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf,
+Plötzlich ruft der Hoteldiener zu uns herauf,
der Herr von Sinvara habe eben nach seinem
Sohn geschickt. Ich war gerade im Begriff,
ihm einen Verweis wegen seiner Zudringlichkeit
-zu erteilen, der Russe aber hielt mich zurück.
+zu erteilen, der Russe aber hielt mich zurück.
Er war neugierig geworden.</p>
-<p>»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen
+<p>»Geben Sie acht,« sagte er. »Wir wollen
doch sehen, was jetzt kommt. Er schickt zu
-nächtlicher Stunde nach Pavo!«</p>
+nächtlicher Stunde nach Pavo!«</p>
-<p>Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend.
+<p>Wir saßen eine Weile und rauchten schweigend.
Pavo kommt. Der Vater geht ihm bis
vor die Hoteltreppe entgegen.</p>
-<p>»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend
+<p>»Hör' einmal,« sagt er. »Ich habe neuntausend
bei dem verfluchten Roulette verloren.
Ich war schon zu Bett gegangen, aber ich
konnte nicht einschlafen. Dies Geld peinigt
mich, es war genau die Summe, die ich der
-Kirche gelobt hatte. Ich muß sie zurückgewinnen.
+Kirche gelobt hatte. Ich muß sie zurückgewinnen.
Ich finde keine Ruhe, bis ich dies
-Geld wieder in Händen habe. Ich muß nach
-der Bank zurück.«</p>
+Geld wieder in Händen habe. Ich muß nach
+der Bank zurück.«</p>
<p>Pavo steht stumm da.</p>
<p>Selbst Pavo, der gewiegte Spieler ist starr
vor Staunen. Er sagt kein Wort.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>»Was stehst du da!« ruft der Vater aus.
-»Das Spiel hört ja nicht vor Mitternacht auf,
-wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
-keine Zeit verlieren.«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>»Was stehst du da!« ruft der Vater aus.
+»Das Spiel hört ja nicht vor Mitternacht auf,
+wir haben noch zwei ganze Stunden. Laß uns
+keine Zeit verlieren.«</p>
<p>Und von dannen ging es.</p>
-<p>»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir.
-»Lassen Sie uns hineingehen. Dort wird sich
-etwas ereignen.«</p>
+<p>»Kommen Sie!« sagte der Russe zu mir.
+»Lassen Sie uns hineingehen. Dort wird sich
+etwas ereignen.«</p>
<p>Das Spiel war aufgeregter denn je. Wie
-immer, wenn Mitternacht naht, wurden größere
+immer, wenn Mitternacht naht, wurden größere
Summen als zu Anfang des Abends gewagt.
Der Prinz sitzt noch immer finster und ruhig
auf seinem Platz, setzt Geld und gewinnt. Es
lagen wohl sechzigtausend vor ihm auf dem
Tisch. Er operiert gleichzeitig mit drei Chancen,
-besorgt alles mit der größten Ruhe, setzt Hände
-voll Geld, ohne es jedoch zu zählen. Nichts
-stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende Rumäne,
-der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig
+besorgt alles mit der größten Ruhe, setzt Hände
+voll Geld, ohne es jedoch zu zählen. Nichts
+stört ihn, nicht einmal der bleiche, rasende Rumäne,
+der, nachdem er Dreiviertelstunden regelmäßig
und bescheiden gewonnen hat, wieder
-anfängt zu verlieren. Auch er stapelt sein Geld
+anfängt zu verlieren. Auch er stapelt sein Geld
auf und versucht in jedem freien Augenblick,
-es zu zählen, es in Haufen zu je eintausend
-zusammen zu legen, um einen <ins title="Uberblick">Überblick</ins> über<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
+es zu zählen, es in Haufen zu je eintausend
+zusammen zu legen, um einen <ins title="Uberblick">Überblick</ins> über<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
den Bestand zu behalten; aber er ist zu unruhig,
-seine Hände zittern, er muß auch die
+seine Hände zittern, er muß auch die
ganze Zeit hindurch das Rad beobachten, und
-er giebt es schließlich auf zu zählen. Wie dumm
+er giebt es schließlich auf zu zählen. Wie dumm
er es macht! Er spielt im Quadrat, belegt
-vier Nummern, hält ununterbrochen diese Zahlen
+vier Nummern, hält ununterbrochen diese Zahlen
wie ein trotziges Kind, das nichts aufgeben
-will. Er würde vielleicht lieber ohne einen
+will. Er würde vielleicht lieber ohne einen
roten Heller vom Tische gehen, als diese Chance
aufgeben.</p>
-<p>Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür,
+<p>Der Prinz wirft einen Blick auf die Thür,
als Vater und Sohn wieder eintreten, er macht
auch neben sich Platz. Dann setzt er das Spiel
-kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er
-scheint sich eines großen Respekts bei den Spielern
+kühl und finster fort, völlig kaltblütig. Er
+scheint sich eines großen Respekts bei den Spielern
zu erfreuen.</p>
-<p>»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, &mdash;
-»du spielst wie gewöhnlich, was du selber willst.
+<p>»Pavo!« sagt der Herr von Sinvara, &mdash;
+»du spielst wie gewöhnlich, was du selber willst.
Hier ist Geld. Nicht wahr, du hast am
-meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«</p>
+meisten Glück mit Rot, setze also auf Rot.«</p>
<p>Pavo erkundigt sich bei seinem Nachbar, einem
-alten Militär mit einem Arm, und dieser teilt ihm
-mit, daß Rot sieben Mal hintereinander herausgekommen
+alten Militär mit einem Arm, und dieser teilt ihm
+mit, daß Rot sieben Mal hintereinander herausgekommen
ist. Deshalb setzt Pavo auf Schwarz.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a>»Gerade &mdash; vierundzwanzig &mdash; siebzehn zu
-vierunddreißig &mdash; Rot!« meldet der Croupier
+<p><a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a>»Gerade &mdash; vierundzwanzig &mdash; siebzehn zu
+vierunddreißig &mdash; Rot!« meldet der Croupier
und streicht das Geld ein.</p>
-<p>»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber
-doch nach deinem Kopf,« sagt der Herr von
-Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
-Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe?
-Jetzt setzest du auf Rot!«</p>
+<p>»Du fängst schlecht an, Pavo, setze aber
+doch nach deinem Kopf,« sagt der Herr von
+Sinvara enttäuscht. »Wie oft soll ich es sagen?
+Glaubst du, daß ich das Geld in Scheffeln habe?
+Jetzt setzest du auf Rot!«</p>
<p>Aber Rot verlor. Endlich nach acht Malen
-kam Rot an die Reihe, traf das Kreuz des Rumänen
+kam Rot an die Reihe, traf das Kreuz des Rumänen
und brachte ihn wieder auf die Beine.
-Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit
+Rasend über sein Unglück, zur Verwegenheit
getrieben, hatte er diesmal eine kolossale Summe
auf seine vier Zahlen geworfen, und von Trotz
-verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig,
+verfärbt, war es ihm im Augenblick gleichgültig,
ob er gewann oder verlor. Als das
Rad stillstand und der Zeiger auf einer von
-seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
+seinen vier Zahlen liegen blieb, rief er instinktmäßig
den Diener, der hinter dem Stuhl des
Prinzen stand und gab ihm, ohne ein Wort zu
sagen, einen Schein. Dann setzte er von neuem
-mit zitternden Händen.</p>
+mit zitternden Händen.</p>
-<p>»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast
+<p>»Pavo!« sagt der Vater wieder, »du hast
nun abermals verloren. Du hast gar kein<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>
-Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen,
+Glück. Ich lasse dich mein Geld durchbringen,
und ich thue es um deiner selbst willen. Diese
Nacht will ich dich bessern. Pavo, hast du
-mich verstanden?«</p>
+mich verstanden?«</p>
<p>Und der durchtriebene Pavo versteht ihn sehr
-wohl. Er weiß, daß sein guter Vater schon
-von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
+wohl. Er weiß, daß sein guter Vater schon
+von dem Rausch des Spiels erfaßt ist, und
selbst wenn er verliert, ist es ihm doch eine
Lust, teilzunehmen. Er durchlebt so heftig wie
nur irgend jemand die Qualen des Spiels, bei
-den großen Chancen stockt sein Blut, er hört
+den großen Chancen stockt sein Blut, er hört
seinen eigenen Atem. Ach, das alles versteht
Pavo nur zu gut!</p>
-<p>Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
+<p>Plötzlich wird er nachdenklich, er wird aufmerksam,
geistesabwesend. Der Croupier macht
-ihn darauf aufmerksam, daß er &mdash; der hochverehrte
+ihn darauf aufmerksam, daß er &mdash; der hochverehrte
Spieler &mdash; gegen sich selber spielt, und
-er wundert sich in seinem stillen Sinn über
+er wundert sich in seinem stillen Sinn über
Pavo. Ich selber werde darauf aufmerksam,
-daß Pavo einmal über das andere Geld zurücknimmt,
+daß Pavo einmal über das andere Geld zurücknimmt,
das er bereits gesetzt hat, gleichsam
um es zu retten, ehe das Rad stillsteht. Ist
-er vernünftig geworden? Fürchtet er das
-Unglück?</p>
+er vernünftig geworden? Fürchtet er das
+Unglück?</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>Der Russe aber führt mich an ein Sofa am
-Ende des Saales und fängt an über Pavo zu
-reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
-plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo
+<p><a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>Der Russe aber führt mich an ein Sofa am
+Ende des Saales und fängt an über Pavo zu
+reden. Ob ich nicht bemerkt habe, daß er
+plötzlich sein Spiel veränderte? Ach, Pavo
war im Grunde klug wie ein Teufel, er verstand
sich auf so viel. Der Russe zeigte zu
-Vater und Sohn hinüber und sagte:</p>
+Vater und Sohn hinüber und sagte:</p>
-<p>»Von den beiden ist der Sohn am geringsten
-besessen. Pavo hat schon gemerkt, daß
+<p>»Von den beiden ist der Sohn am geringsten
+besessen. Pavo hat schon gemerkt, daß
die Spielsucht seinen Vater gepackt hat, er will
-ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er
-will wirklich versuchen, den Alten zurückzuhalten.
+ihn zurückhalten. Es ist sehr komisch, aber er
+will wirklich versuchen, den Alten zurückzuhalten.
Nicht wahr, das ist brillant? Es kann Pavo
-nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater ruiniert.«</p>
+nicht gleichgültig sein, ob sich der Vater ruiniert.«</p>
<p>Wir sitzen dort im Sofa. Am Roulette
-geht etwas Ungewöhnliches vor sich, alle haben
+geht etwas Ungewöhnliches vor sich, alle haben
den Herrn von Sinvara und seinen Sohn umringt.
-Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst
-die drei Bergbauern in den großen, grauen
-Mänteln mit den Metallgürteln und die alten
-Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen
+Das Pharaospiel hat aufgehört, selbst
+die drei Bergbauern in den großen, grauen
+Mänteln mit den Metallgürteln und die alten
+Zeltkrämer, die unten an der Thür gesessen
und unter sich um Weinkannen gespielt haben,
stehen auf und mischen sich unter die Menge
am Roulettetisch. Wir gehen auch dahin.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe.
+<p><a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>»Geben Sie jetzt acht!« sagt der Russe.
Er ist sehr erregt.</p>
<p>Der Herr von Sinvara hatte wieder angefangen
mit Nummer dreizehn zu operieren.
-Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
-und den Einsatz persönlich besorgt.
-Seine fetten Hände wühlten in den Scheinen,
+Er hatte in seinem Eifer selbst das Geld übernommen
+und den Einsatz persönlich besorgt.
+Seine fetten Hände wühlten in den Scheinen,
zitternd, suchend, das schmutzige Papier umkrallend,
-eifrig bemüht, es zu zählen und in
+eifrig bemüht, es zu zählen und in
Haufen zu ordnen. Er spricht nicht und Pavo
sitzt schweigend an seiner Seite. Seine Miene
ist sehr finster.</p>
-<p>»Dreizehn!« meldet der Croupier.</p>
+<p>»Dreizehn!« meldet der Croupier.</p>
<p>Der Herr von Sinvara zuckt zusammen,
-und selbst Pavo sieht ganz blödsinnig aus.
-Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
-Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke
+und selbst Pavo sieht ganz blödsinnig aus.
+Welch Glück heftete sich doch an dies sinnlose
+Spiel! Der letzte Coup bricht eine große Lücke
in die Bank. Der Croupier zahlt die Summe
mit ruhigen Bewegungen aus. Diesen Mann
setzt nichts mehr in Erstaunen, er hat alle
@@ -4478,481 +4464,481 @@ packt er all sein Geld zusammen, scheidet<a class="pagenum" name="Page_162" titl
das Geld von dem Papier und stopft alles in
seine Taschen. Er verlangt ein Glas Wein,
das er in einem Zuge austrinkt, dann steht er
-auf und schließt mit dem Spiel ab. Beim
+auf und schließt mit dem Spiel ab. Beim
Hinausgehen verteilt er Scheine nach rechts und
links, an alle Diener, die ihm in den Weg
kommen.</p>
-<p>Der Herr von Sinvara aber stößt seinen
-Sohn gegen den Arm und sieht ihn mit fieberglühenden
+<p>Der Herr von Sinvara aber stößt seinen
+Sohn gegen den Arm und sieht ihn mit fieberglühenden
Augen an.</p>
-<p>»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich
+<p>»Siehst du. Siehst du wohl! Willst du mich
spielen lehren? Ich spiele euch doch alle unter
-den Tisch!«</p>
+den Tisch!«</p>
<p>Und er lacht kurz und laut auf, zu den
-erstaunten Zuschauern gewendet. Entzückt über
-sein Glück wirft er noch eine Summe auf die
+erstaunten Zuschauern gewendet. Entzückt über
+sein Glück wirft er noch eine Summe auf die
dreizehn.</p>
-<p>»Laß das da stehen,« sagt er, &mdash; »laß das
+<p>»Laß das da stehen,« sagt er, &mdash; »laß das
Geld nur da liegen, sage ich. Dreizehn ist ja
-doch eine sonderbare Zahl.«</p>
+doch eine sonderbare Zahl.«</p>
<p>Der Croupier aber holt sein Geld mit der
-Harke weg. Er thut es zögernd, er hätte gewiß
-gern gesehen, daß die dreizehn noch einmal
-herausgekommen wäre, um den reichen Spieler
-zu<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a> ermuntern, der ja doch früher oder später
-seine Beute werden muß.</p>
+Harke weg. Er thut es zögernd, er hätte gewiß
+gern gesehen, daß die dreizehn noch einmal
+herausgekommen wäre, um den reichen Spieler
+zu<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a> ermuntern, der ja doch früher oder später
+seine Beute werden muß.</p>
<p>Nach vier vergeblichen Versuchen mit der
dreizehn geht dem Herrn von Sinvara die
Geduld aus. Er redet heftig auf den Sohn ein.</p>
-<p>»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr
+<p>»Ich sage dir, Pavo, ich setze nicht mehr
auf dreizehn. Ich habe auf dieser dummen
-Zahl genug verloren.«</p>
+Zahl genug verloren.«</p>
<p>Er wird immer gereizter, ein Diener mit
knarrenden Schuhen wird gebeten, seiner Wege
-zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
-Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn
-einzuziehen und dadurch das Spiel verzögert.
-Der Herr von Sinvara fängt auch
-an, sich über alle die Zuschauer zu beklagen,
-die ihn fortwährend umstehen. Haben die
+zu gehen, der Rumäne erhält einen bitterbösen
+Blick, als er einmal versäumt, seinen Gewinn
+einzuziehen und dadurch das Spiel verzögert.
+Der Herr von Sinvara fängt auch
+an, sich über alle die Zuschauer zu beklagen,
+die ihn fortwährend umstehen. Haben die
denn gar nichts weiter zu thun? Er winkt
-das junge Mädchen aus der Menge heran
+das junge Mädchen aus der Menge heran
und sagte:</p>
-<p>»Habe ich <em class="gesperrt">dir</em> nicht vorhin das Goldstück
-gegeben?«</p>
+<p>»Habe ich <em class="gesperrt">dir</em> nicht vorhin das Goldstück
+gegeben?«</p>
-<p>Das Mädchen errötet und macht einen
+<p>Das Mädchen errötet und macht einen
tiefen Knix.</p>
-<p>»Ja, Herr!« antwortet sie.</p>
+<p>»Ja, Herr!« antwortet sie.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>»Aber warum gehst du denn nicht weg,
-mein Kind?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>»Aber warum gehst du denn nicht weg,
+mein Kind?«</p>
<p>Ihr kleiner roter Mund bewegte sich, aber
sie schwieg und schlug die Augen nieder. Der
Herr von Sinvara sah sie genauer an und reichte
-ihr noch ein Goldstück.</p>
+ihr noch ein Goldstück.</p>
-<p>»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel,
-nach Mitternacht zu mir!«</p>
+<p>»Hier, nimm das! Komm nach dem Spiel,
+nach Mitternacht zu mir!«</p>
-<p>Das kleine Mädchen erglühte über das ganze
+<p>Das kleine Mädchen erglühte über das ganze
Gesicht und knixte voller Ehrfurcht. Dann zog sie sich
-aus der Menge zurück, lächelte allen zu und ging.</p>
+aus der Menge zurück, lächelte allen zu und ging.</p>
<p>Der Herr von Sinvara wandte sich wieder
dem Spiel zu.</p>
-<p>»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,«
-sagte er. »Hier ist so viel, was stört. Jagt
-die Fliegen hinaus!«</p>
+<p>»Jetzt sind hier Fliegen an den Fenstern,«
+sagte er. »Hier ist so viel, was stört. Jagt
+die Fliegen hinaus!«</p>
-<p>Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne
-hatte Glück. Der Herr von Sinvara beobachtete
-das Glück mit großem Unwillen.</p>
+<p>Sein Geld schwand stark hin. Der Rumäne
+hatte Glück. Der Herr von Sinvara beobachtete
+das Glück mit großem Unwillen.</p>
-<p>»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein
-paar elende Scheine habe?« sagte er zu Pavo.
-»Aber ich gebe es nicht auf, ich verliere alles.
+<p>»Siehst du denn nicht, daß ich nur noch ein
+paar elende Scheine habe?« sagte er zu Pavo.
+»Aber ich gebe es nicht auf, ich verliere alles.
So, jetzt setze ich tausend auf Rot, vielleicht ist
-das meine Farbe.«</p>
+das meine Farbe.«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a>Rot gewann.</p>
-<p>»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze
-noch einmal. Es ist ein Versuch.«</p>
+<p>»Vielleicht hat Rot wirklich Glück. Ich setze
+noch einmal. Es ist ein Versuch.«</p>
<p>Rot verlor.</p>
<p>Da war die Geduld des Herrn von Sinvara
-erschöpft.</p>
+erschöpft.</p>
-<p>»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite
-zu. »Du bringst mir Unglück! Kannst du denn
-nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich muß
+<p>»Geh!« schrie er dem Sohn an seiner Seite
+zu. »Du bringst mir Unglück! Kannst du denn
+nicht sehen, daß du mich ruinierst? Ich muß
Revanche haben, ich will mein Geld wieder
-haben!« Im selben Augenblick fiel ihm aber
-ein, welche Rolle er spielen wollte, und er fügte
-hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue.
-&mdash; Ich will dich bessern.«</p>
+haben!« Im selben Augenblick fiel ihm aber
+ein, welche Rolle er spielen wollte, und er fügte
+hinzu: »Da siehst du, was ich dir zuliebe thue.
+&mdash; Ich will dich bessern.«</p>
-<p>»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.</p>
+<p>»Ich bin belehrt!« murmelte Pavo.</p>
-<p>»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst
-wieder zurück. Ich tue das alles um deinetwillen.
-Jetzt mach, daß du fortkommst.«</p>
+<p>»Schweig! du bist nicht belehrt. Du fällst
+wieder zurück. Ich tue das alles um deinetwillen.
+Jetzt mach, daß du fortkommst.«</p>
<p>Und Pavo erhob sich und ging.</p>
<p class="center">IV</p>
-<p>Es war fast zwölf Uhr.</p>
+<p>Es war fast zwölf Uhr.</p>
<p>Ein Spieler nach dem andern erhob sich
-vom Roulettetisch, nur der Rumäne und der
-einarmige<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> Militär hielten noch stand. Der weißbärtige
+vom Roulettetisch, nur der Rumäne und der
+einarmige<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> Militär hielten noch stand. Der weißbärtige
Krieger spielte sehr vorsichtig, setzte
einen kleinen Schein, spielte brutal um kleine
-Münze und gewann. Er hatte fortwährend
-Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.</p>
+Münze und gewann. Er hatte fortwährend
+Glück, aber sein Glück machte ihn nicht kühner.</p>
<p>Der Herr von Sinvara operierte auf ganz
-andere Weise, bei dem geringsten Glücksfall
+andere Weise, bei dem geringsten Glücksfall
wurde er dummdreist. Er hatte vielleicht alles
-in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn
-verließ. In zwei Zügen hatte er darauf sechshundert
+in allem noch gut tausend übrig, als Pavo ihn
+verließ. In zwei Zügen hatte er darauf sechshundert
gewonnen, die er sofort einsetzte und
verlor. Im Grunde schien der Herr beklagenswert
und er erregte auch die Sympathie der
Umherstehenden. Der Prinz, der als Zuschauer
-in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig
-ein großes Glas Wein für den Herrn
+in den Saal zurückgekehrt war, holte eigenhändig
+ein großes Glas Wein für den Herrn
von Sinvara.</p>
-<p>»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten
-Sie für heute abend auf.«</p>
+<p>»Sie haben Unglück!« sagte der Prinz. »Halten
+Sie für heute abend auf.«</p>
-<p>Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg
+<p>Der Prinz setzte sich über die Regeln hinweg
und erteilte diesen Rat mit lauter Stimme. Der
Herr von Sinvara antwortete nicht, er sah nur auf,
geistesabwesend, ganz vom Spiel in Anspruch genommen,
und trank den Wein schweigend aus.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a>Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden
+<p><a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a>Und plötzlich schien das Glück sich ihm zuwenden
zu wollen, er gewann dreimal, Schlag
auf Schlag.</p>
-<p>»So müssen Sie spielen,« sagt er munter
-und liebenswürdig zu dem alten Militär. Dieser
-aber hörte nichts, er ist so in Anspruch genommen
-von seinem Spiel um den herkömmlichen
-kleinen Schein. Der Rumäne beobachtet
-aufmerksam die nervöse Erregung, in der sich
+<p>»So müssen Sie spielen,« sagt er munter
+und liebenswürdig zu dem alten Militär. Dieser
+aber hörte nichts, er ist so in Anspruch genommen
+von seinem Spiel um den herkömmlichen
+kleinen Schein. Der Rumäne beobachtet
+aufmerksam die nervöse Erregung, in der sich
der Herr von Sinvara befindet, er wechselt
einen Blick mit dem Croupier und zieht seinen
-letzten Gewinn ein. Auch er beschließt das Spiel.</p>
+letzten Gewinn ein. Auch er beschließt das Spiel.</p>
<p>Der Herr von Sinvara ist jetzt ganz blank.
-Sein Geld beläuft sich auf ein paar hundert,
+Sein Geld beläuft sich auf ein paar hundert,
die setzt er auf Schwarz und verliert. Er sieht
-verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.</p>
+verwirrt um sich. Er ist sehr blaß geworden.</p>
-<p>»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!«
+<p>»Zum Teufel mit der schwarzen Farbe!«
rast er.</p>
<p>Dann besinnt er sich einen Augenblick. Der
-Croupier läßt ihn nicht aus den Augen; mechanisch
+Croupier läßt ihn nicht aus den Augen; mechanisch
bezahlt er dem alten Krieger seinen
Schein, mag er gewinnen oder nicht. Der Herr
von Sinvara sitzt noch immer regungslos da,
-er scheint zu überlegen. Warum geht er denn<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
+er scheint zu überlegen. Warum geht er denn<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
nicht? Er zieht seine beiden Ringe vom Finger,
-einen nach dem andern, und reicht sie über das
+einen nach dem andern, und reicht sie über das
Rad hinweg dem Croupier hin. Dieser wirft
einen Blick darauf, legt sie ruhig in sein eisernes
Schubfach zu anderen Ringen und reicht dem
Herrn von Sinvara dreitausend in Gold. Niemand
-spricht ein Wort. Er hält die schweren
+spricht ein Wort. Er hält die schweren
Rollen eine ganze Minute in der Hand, er
-zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er
+zittert am ganzen Leibe. Plötzlich macht er
eine heftige Bewegung, er erhebt sich halb vom
Stuhl und setzt die Rollen eine nach der andern
-auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in
-den Papierhüllen.</p>
+auf Schwarz. Die Goldstücke klirren dumpf in
+den Papierhüllen.</p>
<p>Das Rad dreht sich herum, es saust so leicht
-und lautlos, zögert bald bei dieser, bald bei
-jener Zahl, hält endlich an.</p>
+und lautlos, zögert bald bei dieser, bald bei
+jener Zahl, hält endlich an.</p>
-<p>»Rot!«</p>
+<p>»Rot!«</p>
<p>Der Herr von Sinvara springt auf. Er
-greift sich mit beiden Händen an den Kopf und
-schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt den Tisch.</p>
+greift sich mit beiden Händen an den Kopf und
+schreit, stößt einen Ruf aus und verläßt den Tisch.</p>
<p class="center">V</p>
-<p>Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase
-von Hoteldiener mir erzählen, daß der Herr<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
-von Sinvara am vorhergehenden Abend vierundfünfzigtausend
+<p>Am nächsten Morgen konnte die Klatschbase
+von Hoteldiener mir erzählen, daß der Herr<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
+von Sinvara am vorhergehenden Abend vierundfünfzigtausend
beim Roulette verloren habe.
-Pavo dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt,
+Pavo dahingegen war in sein Zelt zurückgekehrt,
er, der Diener, habe ihn bei der Pumpe
-getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und
+getroffen, er sei barhäuptig dort gegangen und
habe laut mit sich selber geschwatzt oder gepredigt.
-Übrigens könne kein Priester so predigen
+Übrigens könne kein Priester so predigen
wie Pavo, wenn ihm das in den Sinn
-kam. &mdash; »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal
-über das andere ausgerufen. »Wende
-dem Versucher den Rücken! Gieb ihm deinen
+kam. &mdash; »Fliehe das Verderben!« hatte er einmal
+über das andere ausgerufen. »Wende
+dem Versucher den Rücken! Gieb ihm deinen
Finger und er nimmt dein Herz. Bist du so
-tief gesunken, daß ich &mdash; dein verlorener Sohn
-&mdash; dich warnen muß?«</p>
+tief gesunken, daß ich &mdash; dein verlorener Sohn
+&mdash; dich warnen muß?«</p>
<p>Pavo hatte wirklich sehr eindringlich geredet,
der Diener meinte, er habe sich die Rede
-eingeübt, die er dem Vater heute morgen halten
+eingeübt, die er dem Vater heute morgen halten
wollte.</p>
<p>Der durchtriebene Diener steckte seine Nase
-in alles und wußte überall Bescheid.</p>
+in alles und wußte überall Bescheid.</p>
-<p>»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.</p>
+<p>»Sie wollen heute abreisen?« sagte er zu mir.</p>
<p>Ich hatte kein Wort davon im Hotel gesagt
und auch nicht um meine Rechnung gebeten.</p>
-<p>»Woher weißt du das?« fragte ich.</p>
+<p>»Woher weißt du das?« fragte ich.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie
+<p><a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>»Ich weiß es nicht,« antwortete er. »Sie
haben aber die Nachsendung ihrer Briefe im
Posthaus bestellt, und Sie haben auch einen Wagen
-um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«</p>
+um fünf Uhr nach dem Dampfer bestellt.«</p>
-<p>Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich
-hatte ein Gefühl, als würde ich von diesem
-klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte
-mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger
-Zorn erfaßte mich, ich konnte seinen unverschämten
+<p>Sogar dies hatte er herausgeschnüffelt! Ich
+hatte ein Gefühl, als würde ich von diesem
+klugen Menschen ausspioniert und ich fühlte
+mich sehr von ihm abgestoßen. Ein heftiger
+Zorn erfaßte mich, ich konnte seinen unverschämten
Blick nicht ertragen; er hatte ein paar
Augen, die mich durchschauerten wie ein eisiger
Zugwind.</p>
-<p>»Mach, daß du wegkommst, du Hund!«
+<p>»Mach, daß du wegkommst, du Hund!«
sagte ich.</p>
-<p>Er stand ganz still. Der unverschämte
-Mensch rührte sich nicht vom Fleck. Er hielt
-die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran
-dachte er, und was machte er mit den beiden Händen
-auf dem Rücken? Hatte er irgend etwas vor?</p>
+<p>Er stand ganz still. Der unverschämte
+Mensch rührte sich nicht vom Fleck. Er hielt
+die beiden Hände hinter seinem Rücken. Woran
+dachte er, und was machte er mit den beiden Händen
+auf dem Rücken? Hatte er irgend etwas vor?</p>
-<p>»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,«
+<p>»Was Sie eben sagten, thut mir sehr leid,«
sagte er endlich. Weiter sagte er nichts, aber
er starrte mich unverwandt an. Ich trete hinter
-seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was
-er vorhatte. Er hatte nichts in den Händen,<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>
+seinen Rücken, um ausfindig zu machen, was
+er vorhatte. Er hatte nichts in den Händen,<a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>
er hielt sie gefaltet und rang sie heftig. Ich
trete wieder vor ihn hin. Seine Schultern
-beben und seine Augen haben sich mit Thränen
-gefüllt. Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben,
+beben und seine Augen haben sich mit Thränen
+gefüllt. Ich bereue, ihn ausgescholten zu haben,
und ich bin im Begriff, es wieder gut zu
-machen, als er plötzlich eine Bewegung auf
+machen, als er plötzlich eine Bewegung auf
mich zu macht, ein seltsamer Gegenstand blitzt
-in seiner Hand, ein lächerlich aussehender Thürschlüssel
-mit zwei Bärten. Er hebt ihn in die
-Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine
+in seiner Hand, ein lächerlich aussehender Thürschlüssel
+mit zwei Bärten. Er hebt ihn in die
+Höhe und trifft mein rechtes Handgelenk. Meine
Hand sinkt herab, der dumpfe Schlag hat sie
-lahm gemacht. Ich bin ganz starr über seine
+lahm gemacht. Ich bin ganz starr über seine
Frechheit, ich kann kein Wort sagen und
stehe regungslos auf demselben Fleck. Er legt
-seine Hände wieder auf den Rücken. Nach
-einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die
-Thür zu.</p>
+seine Hände wieder auf den Rücken. Nach
+einer Weile gehe ich an ihm vorüber, auf die
+Thür zu.</p>
-<p>»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal
-schlagen will,« sagt er. »Aber das brauchen
-Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«</p>
+<p>»Sie glauben, daß ich Sie noch einmal
+schlagen will,« sagt er. »Aber das brauchen
+Sie nicht zu glauben. Gott bewahre!«</p>
-<p>Ich öffne die Thür mit der linken Hand
-und erwidere kühl:</p>
+<p>Ich öffne die Thür mit der linken Hand
+und erwidere kühl:</p>
-<p>»Geh und hole meine <ins title="Rechnung!">Rechnung!«</ins></p>
+<p>»Geh und hole meine <ins title="Rechnung!">Rechnung!«</ins></p>
<p>Der Diener verneigt sich tief vor mir und<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a>
-geht. Ich höre ihn laut schluchzen, als er zur
-Thür hinaus ist. &mdash; &mdash;</p>
+geht. Ich höre ihn laut schluchzen, als er zur
+Thür hinaus ist. &mdash; &mdash;</p>
<p>Ich reiste an jenem Tage nicht; meine Hand
-schmerzte zu heftig, und ich fühlte mich ziemlich
+schmerzte zu heftig, und ich fühlte mich ziemlich
krank. In meinem Handgelenk befanden sich
-zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,
+zwei tiefe Löcher. Löcher von blutunterlaufenem,
zerquetschtem Fleisch. Die Adern schwellen bis
an die Schulter hinauf an. Welche Roheit von
-einem Diener! Er schien indessen seinen <ins title="Uberfall">Überfall</ins>
+einem Diener! Er schien indessen seinen <ins title="Uberfall">Überfall</ins>
sofort zu bereuen, er brachte mir Spiritus
-für den Arm und legte mir einen Verband um
+für den Arm und legte mir einen Verband um
die Wunde; jetzt hinterher konnte niemand behilflicher
-sein als er. Er sorgte auch dafür,
-daß in den Nebenzimmern alles still war,
+sein als er. Er sorgte auch dafür,
+daß in den Nebenzimmern alles still war,
nachdem ich mich am Abend zur Ruhe begeben
hatte, und dies that er ganz aus eigenem Antrieb.
Einen Haufen betrunkener Bauern, die
gegen ein Uhr des Nachts vor meinen Fenstern
-stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.
-Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil
-sie die nächtliche Ruhe eines kranken, vornehmen
-Herrn störten, eines Fürsten, der sein
+stehen blieben und sangen, jagte er wütend weg.
+Ich hörte, wie er ihnen Vorwürfe machte, weil
+sie die nächtliche Ruhe eines kranken, vornehmen
+Herrn störten, eines Fürsten, der sein
Handgelenk verletzt habe.</p>
-<p>Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>
-daß er kam. Ich war in gereizter Stimmung
+<p>Am nächsten Tage schellte ich zweimal, ohne<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>
+daß er kam. Ich war in gereizter Stimmung
und sehr krank, ich zog heftig an der Glocke
und schellte noch einmal. Endlich sah ich ihn
-die Straße heraufkommen. Er war ausgewesen.
+die Straße heraufkommen. Er war ausgewesen.
Als er in mein Zimmer kam, konnte ich mich
nicht enthalten zu sagen:</p>
-<p>»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich
+<p>»Ich habe eine Viertelstunde geschellt. Ich
will gern das Doppelte bezahlen, wenn Sie
-glauben, daß Sie es verdienen. Bringen Sie
-mir Thee.«</p>
+glauben, daß Sie es verdienen. Bringen Sie
+mir Thee.«</p>
<p>Ich sah, wie wehe meine Worte ihm thaten.
Er erwiderte nichts, sondern eilte hinaus, um
-den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich ganz
-gerührt durch seine Geduld und Demut; er
+den Thee zu holen. Ich wurde plötzlich ganz
+gerührt durch seine Geduld und Demut; er
hatte vielleicht nie im Leben ein freundliches
Wort erhalten, jetzt war ich auch unbillig gewesen.
Ich wollte mein Unrecht gleich wieder
gut machen. Deswegen sagte ich, als er
-zurückkam:</p>
+zurückkam:</p>
-<p>»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas
-wieder sagen. Ich bin heute auch krank.«</p>
+<p>»Verzeih mir! Ich werde nie so etwas
+wieder sagen. Ich bin heute auch krank.«</p>
-<p>Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit
+<p>Er schien sehr erfreut über meine Freundlichkeit
zu sein und entgegnete:</p>
-<p>»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
-Sie, daß es eine ganz notwendige Besorgung
-war.«</p>
+<p>»Ich mußte vorhin fortgehen. Ich versichere<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
+Sie, daß es eine ganz notwendige Besorgung
+war.«</p>
<p>Aber durch meine Freundlichkeit ermuntert,
-kam sofort die alte Geschwätzigkeit wieder zum
+kam sofort die alte Geschwätzigkeit wieder zum
Vorschein. Er steckte voller Geschichten und
-war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten
-über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.</p>
+war bereit, mir allerlei aufgespürte Geschichten
+über Dinge und Leute im Hotel zu erzählen.</p>
-<p>»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte
-er, »so hat der Herr von Sinvara in diesem
+<p>»Wenn ich es Ihnen erzählen darf,« sagte
+er, »so hat der Herr von Sinvara in diesem
Augenblick einen Mann nach Hause geschickt,
um Geld zu holen, viel Geld. Pavo meint,
er werde sich am Roulette ruinieren. Seine
-Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«</p>
+Ringe hat er noch nicht wieder eingelöst.«</p>
-<p>»Es ist gut!« sagte ich.</p>
+<p>»Es ist gut!« sagte ich.</p>
-<p>»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern
-sahen, ist übernacht bei ihm gewesen. Sie ist
-aus den Bergen, sie hat sich eine solche Erhöhung
-sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr
-Vater wollte es nicht glauben.«</p>
+<p>»Und das kleine Mädchen, das Sie gestern
+sahen, ist übernacht bei ihm gewesen. Sie ist
+aus den Bergen, sie hat sich eine solche Erhöhung
+sicher nicht träumen lassen. Selbst ihr
+Vater wollte es nicht glauben.«</p>
-<p>Gegen Abend saß ich wieder draußen auf
+<p>Gegen Abend saß ich wieder draußen auf
dem Balkon und beobachtete den Verkehr unten
auf dem Marktplatz. Ich trug die Hand in
der Binde. Der Russe lag auf einer Bank
-neben mir und las in einem Buch. Plötzlich<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>
+neben mir und las in einem Buch. Plötzlich<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>
sah er zu mir auf und fragte, ob ich wisse,
-daß der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt
+daß der Herr von Sinvara einen Kurier abgesandt
habe, um mehr Geld holen zu lassen.
Er habe am Vormittag auch eine Zusammenkunft
mit Pavo gehabt. Pavo habe ihm eine
Standrede gehalten und der Vater habe ihm
-recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts
+recht geben müssen. Aber er wolle sich nichts
sagen lassen, er behaupte, er wolle wenigstens
sein Geld wieder haben. Ob man sich einbilde,
-daß er diesem Komplott von Räubern alles in
+daß er diesem Komplott von Räubern alles in
allem dreiundsechzigtausend in blankem Golde
-überlassen wolle? Dann irre man sich sehr.
-Er wolle übrigens nicht allein spielen, um nur
+überlassen wolle? Dann irre man sich sehr.
+Er wolle übrigens nicht allein spielen, um nur
seinen Verlust wieder zu ersetzen. Die guten
Leute, die ihn so bedauert hatten, als er seine
-Ringe verloren habe, sollten nur wissen, daß
+Ringe verloren habe, sollten nur wissen, daß
er dem ersten besten Bettler einen solchen Ring
-an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch
+an jeden Finger schenken könne, ohne dadurch
arm zu werden.</p>
-<p>»Und das ist wahr,« sagte der Russe, &mdash; »er
-ist schon ein so eingefleischter Spieler, daß es ihm
+<p>»Und das ist wahr,« sagte der Russe, &mdash; »er
+ist schon ein so eingefleischter Spieler, daß es ihm
nicht in erster Linie um seinen Verlust zu thun ist.
Was ihn jetzt anzieht, ist der Reiz, die Spannung,
-die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«</p>
+die Qual, diese wilden Erregungen des Blutes.«</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu
-gesagt?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>»Und Pavo? Was hat denn Pavo dazu
+gesagt?«</p>
-<p>»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt.
-»Richte dich wieder auf, Mensch! Nimm dir
-ein Beispiel an mir!«</p>
+<p>»Fliehe das Verderben!« hatte Pavo gesagt.
+»Richte dich wieder auf, Mensch! Nimm dir
+ein Beispiel an mir!«</p>
<p>Pavo hatte eindringlich geredet, seine Stimme
war traurig gewesen, und von Zeit zu Zeit
hatte er sogar zum Himmel emporgezeigt. Es
-war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten
-jungen Sünder eine Tugend heucheln
-zu sehen, deren er längst verlustig war. Er
+war ein köstlicher Anblick gewesen, diesen abgefeimten
+jungen Sünder eine Tugend heucheln
+zu sehen, deren er längst verlustig war. Er
war frech genug, dem Vater die ernsteste Ermahnungsrede
zu halten. Der Vater hatte behauptet,
er spiele nur um des Sohnes willen, er
wollte diesen von dem Laster erretten, und zu
-dem Zweck würde er nicht sparen. Da war
+dem Zweck würde er nicht sparen. Da war
Pavo heftig geworden: er habe sein ganzes
Leben lang seine Selbstachtung bewahrt, der
Vater dahingegen habe seine Ringe verspielt, seine
-Kleinodien in aller Beisein verpfändet. Er, Pavo,
-habe seine Würde aufrecht erhalten, er habe nie
-eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe unberührt
-da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich
-habe Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.</p>
+Kleinodien in aller Beisein verpfändet. Er, Pavo,
+habe seine Würde aufrecht erhalten, er habe nie
+eine Anleihe auf sein Zelt gemacht, das stehe unberührt
+da, er besorge immer sein Geschäft. Schließlich
+habe Pavo dem Alten mit Fürst Yariw gedroht.</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe
+<p><a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>»Schweig!« sagte der Vater. »Ich habe
mir selber gelobt, dir die Folgen deiner Ausschweifungen
zu zeigen, und das werde ich
-thun. Leb wohl, Pavo!«</p>
+thun. Leb wohl, Pavo!«</p>
-<p>Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er
-war direkt von dem Vater in die Spielhölle
+<p>Und Pavo hatte gehen müssen. Aber er
+war direkt von dem Vater in die Spielhölle
gegangen.</p>
-<p>»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich
+<p>»Glauben Sie denn nicht, daß es wirklich
die Absicht des Vaters ist, Pavo auf diese Weise
-wieder auf den rechten Weg zu bringen?«
+wieder auf den rechten Weg zu bringen?«
fragte ich den Russen.</p>
-<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
+<p>Er schüttelte den Kopf.</p>
-<p>»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen.
-Außerdem ist der Alte ebenso darauf
-versessen wie der Junge.«</p>
+<p>»Vielleicht. Aber das wird ihm nicht gelingen.
+Außerdem ist der Alte ebenso darauf
+versessen wie der Junge.«</p>
<p>Jetzt sprachen alle von dem Herrn von
Sinvara und seinem Spiel. Das sei ihm ganz
einerlei, meinte er, und er trug den Kopf noch
-höher als bisher und machte ein fröhliches
-Gesicht. Hin und wieder ließ er sich zu einem
+höher als bisher und machte ein fröhliches
+Gesicht. Hin und wieder ließ er sich zu einem
Scherz mit seiner Umgebung herab.</p>
-<p>»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach
+<p>»Sie sehen meine Hände an,« sagte er. »Ach
ja, ich bin sehr arm geworden, sogar meine
-Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«</p>
+Ringe habe ich verspielt! Hahaha!«</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a>Er ging nicht mehr in die Bank, jetzt wo
-er kein Geld mehr hatte, aber er ließ sich von
-den Dienern über den Gang des Spieles berichten,
+er kein Geld mehr hatte, aber er ließ sich von
+den Dienern über den Gang des Spieles berichten,
wer verlor und wer gewann, wieviel
-gewagt wurde, wer am kühnsten spielte. Der
-Russe kam am nächsten Tage und erzählte mir,
+gewagt wurde, wer am kühnsten spielte. Der
+Russe kam am nächsten Tage und erzählte mir,
der Herr von Sinvara habe drei Stunden lang
-zu Gott um Glück gefleht; er wolle nur das
+zu Gott um Glück gefleht; er wolle nur das
verlorene Geld wieder haben, dann wolle er
auch aufhalten. Er habe Gott das mit lauter
Stimme gelobt und sogar dabei geweint. Der
-Russe hatte das von dem Hoteldiener gehört,
-der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.</p>
+Russe hatte das von dem Hoteldiener gehört,
+der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.</p>
<p class="center">VI</p>
@@ -4961,104 +4947,104 @@ der durch das Schlüsselloch geguckt hatte.</p>
schmerzte nicht mehr, ich hatte beschlossen, am
Abend abzureisen. Ich ging in die Stadt, um
einige Angelegenheiten zu ordnen, unter anderem
-war ich auf der Polizei, um meinen Paß unterschreiben
-zu lassen. Auf dem Rückwege kam
-ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich
-gegen meinen Willen an, Interesse für<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
+war ich auf der Polizei, um meinen Paß unterschreiben
+zu lassen. Auf dem Rückwege kam
+ich an Pavos Zelt vorüber. Ich fing schließlich
+gegen meinen Willen an, Interesse für<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
diesen Mann und seinen Vater zu fassen. Alle
Leute sprachen von ihnen, das ganze Hotel war
-voll von Geschichten über diese beiden Menschen,
-ich konnte schließlich nicht mehr umhin, ebensoviel
+voll von Geschichten über diese beiden Menschen,
+ich konnte schließlich nicht mehr umhin, ebensoviel
wie die anderen an sie zu denken und jeden
Tag nach dem Herrn zu fragen.</p>
<p>Ich ging in Pavos Zelt. Am vorhergehenden
-Abend hatte ich gehört, daß er eine
-große Summe im Pharao gewonnen habe. Er
+Abend hatte ich gehört, daß er eine
+große Summe im Pharao gewonnen habe. Er
hatte einen fremden Reisenden seiner ganzen
Barschaft beraubt, und ihm dann hinterher ein
paar Hundert geschenkt, dann hatte er sich dem
-Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet,
-und die Bank um ein ganzes Vermögen geschädigt.</p>
+Roulette zugewandt, stets vom Glück begleitet,
+und die Bank um ein ganzes Vermögen geschädigt.</p>
-<p>»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald
-ich sein Zelt betrat, &mdash; »denken Sie nur,
+<p>»Denken Sie nur,« sagte Pavo zu mir, sobald
+ich sein Zelt betrat, &mdash; »denken Sie nur,
der Herr von Sinvara, mein Vater, ist eben
hier gewesen, um sich Geld zu leihen! Er wollte
-seine Ringe einlösen. Es fällt mir natürlich
+seine Ringe einlösen. Es fällt mir natürlich
nicht im Traum ein, eine solche Dummheit zu
begehen. Mein Vater ist sehr gut und es that
mir leid, ihm diesen Liebesdienst abschlagen zu
-müssen. Aber ich habe es um seiner selbst<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a>
-willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
-Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar
-werden, wohin es führt, wenn man sich in Thorheiten
-stürzt. Ich finde, daß ich ganz richtig
-gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«</p>
-
-<p>Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick
-zurück. Er war selbstbewußt und sicher geworden
-durch das ungeheure Glück des vorhergehenden
+müssen. Aber ich habe es um seiner selbst<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a>
+willen gethan. Ein Sohn muß für die Ehre der
+Familie sorgen. Es muß meinem Vater klar
+werden, wohin es führt, wenn man sich in Thorheiten
+stürzt. Ich finde, daß ich ganz richtig
+gehandelt habe. Wie denken Sie darüber?«</p>
+
+<p>Sein Äußeres stieß mich diesen Augenblick
+zurück. Er war selbstbewußt und sicher geworden
+durch das ungeheure Glück des vorhergehenden
Abends, das seine Taschen wieder
-mit Geld gefüllt hatte. Während er sprach,
+mit Geld gefüllt hatte. Während er sprach,
senkte er die Stirn, verbarg sie, tauchte sie unter,
als sei sie gebrandmarkt, und seine Augen
logen so sonderbar, sobald er sie aufschlug.
-Aber er hatte den schönsten Hals, den man sich
+Aber er hatte den schönsten Hals, den man sich
denken konnte, und einen feinen, roten Mund.</p>
-<p>»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.</p>
+<p>»Wie denken Sie darüber?« wiederholte er.</p>
-<p>»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete
+<p>»Ich habe kein Urteil darüber,« entgegnete
ich.</p>
-<p>»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen
-die Rede eines vernünftigen Mannes
-nicht.«</p>
+<p>»Das heißt,« murmelte er wütend, »Sie verstehen
+die Rede eines vernünftigen Mannes
+nicht.«</p>
<p>Er zuckte heftig die Achseln und lief vor
seinem Ladentisch auf und nieder. Dann stand
er still und fragte:</p>
-<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a>»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen,
-da Sie sich die Mühe gemacht haben, mich
-aufzusuchen?«</p>
+<p><a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a>»Womit kann ich Ihnen übrigens dienen,
+da Sie sich die Mühe gemacht haben, mich
+aufzusuchen?«</p>
<p>Ich nannte allerlei, was mir gerade einfiel,
-wofür ich aber im Grunde keine Verwendung
-hatte. Als ich das Gewünschte erhalten hatte,
+wofür ich aber im Grunde keine Verwendung
+hatte. Als ich das Gewünschte erhalten hatte,
entfernte ich mich wieder.</p>
-<p>Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als
-der Diener auf mich zustürzte und mir erzählte,
+<p>Kaum war ich ins Hotel zurückgekehrt, als
+der Diener auf mich zustürzte und mir erzählte,
der Kurier des Herrn von Sinvara sei mit
-Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das
+Geld angelangt. Jetzt säße er da, bereit, das
Spiel von neuem zu beginnen, sobald die Bank
-geöffnet werde. Pavo wisse nichts davon. Pavo
-solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
-eine Bezahlung dafür erhalten, daß er
-nicht hinlief und es Pavo erzählte.</p>
+geöffnet werde. Pavo wisse nichts davon. Pavo
+solle nichts wissen, er, der Diener, habe ausdrücklich
+eine Bezahlung dafür erhalten, daß er
+nicht hinlief und es Pavo erzählte.</p>
-<p>Die Uhr wurde fünf.</p>
+<p>Die Uhr wurde fünf.</p>
-<p>Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab
+<p>Sobald der Spielsaal geöffnet wurde, begab
sich der Herr von Sinvara dorthin. Er war
-in erregter Stimmung, er machte die eigentümlichsten
+in erregter Stimmung, er machte die eigentümlichsten
Handbewegungen, als versichere er etwas,
als gelobe er etwas.</p>
-<p>Der Prinz und der alte Militär waren
-auch zugegen, der Rumäne hingegen nicht, ein<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a>
+<p>Der Prinz und der alte Militär waren
+auch zugegen, der Rumäne hingegen nicht, ein<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a>
paar Fremde fingen auch an zu spielen. Zuerst
-löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.</p>
+löste der Herr von Sinvara seine Ringe aus.</p>
-<p>»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen
-Summen operieren,« sagte er zu dem
+<p>»Ich werde heute abend mit den höchst zulässigen
+Summen operieren,« sagte er zu dem
Croupier, ohne ihn aber anzusehen. Seine
-Miene war von jetzt an kühl und vornehm.</p>
+Miene war von jetzt an kühl und vornehm.</p>
-<p>»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück
-schenken,« sagte der Croupier, indem er sich
+<p>»Möchte Ihr guter Stern Ihnen Glück
+schenken,« sagte der Croupier, indem er sich
verneigte.</p>
<p>Das Spiel begann.</p>
@@ -5069,123 +5055,123 @@ gewann. Dann steckte er sein eigenes Geld in
die Tasche und spielte von nun an nur mit
dem Gewinn. Er macht ein paar Mal den
Versuch mit dreizehn, verliert aber, der Wechsel
-des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar
+des Glückes reizt ihn, er setzt noch ein paar
Mal auf Rot und gewinnt. Jetzt hat er eine
-beträchtliche Summe vor sich auf dem Tisch
-liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung,
-er wagt kühn, und um keine Zeit zu
+beträchtliche Summe vor sich auf dem Tisch
+liegen, er spielt ohne Berechnung, ohne Überlegung,
+er wagt kühn, und um keine Zeit zu
verlieren, bereitet er sich schon, ehe das Rad
-still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
-zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>
+still steht, auf den nächsten Einsatz vor. Er
+zählt auch nicht, er spielt in Ekstase. Seine<a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>
Augen fallen auf ein schwarzes Quadrat auf
-dem Tisch, und er setzt eine große Summe
+dem Tisch, und er setzt eine große Summe
auf dies Quadrat.</p>
<p>Schwarz gewinnt. Er gewinnt jetzt unaufhaltsam.
Dieses schwarze Quadrat wird
-eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft,
-und er nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich,
-er hält einen Augenblick inne, er atmet tief
+eine Goldgrube, aus der er Schätze schöpft,
+und er nutzt sie aus. Plötzlich besinnt er sich,
+er hält einen Augenblick inne, er atmet tief
auf. Das Rad dreht sich herum, aber der Herr
-von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen,
+von Sinvara vergißt, seinen Einsatz zu machen,
er atmet noch immer tief auf. Sein kleines
-Mädchen kommt herein. Lächelnd und rosig
-nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt ihr ab.</p>
+Mädchen kommt herein. Lächelnd und rosig
+nähert sie sich ihm. Er bemerkt sie und winkt ihr ab.</p>
-<p>»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu
-setzen!« sagt er. Im nächsten Augenblick winkt
+<p>»Siehst du, du kommst, und ich vergaß zu
+setzen!« sagt er. Im nächsten Augenblick winkt
er sie wieder heran. Das Rad ist stehen geblieben,
der Zeiger steht auf Rot, und es war
-das Glück des Herrn von Sinvara, daß er es
+das Glück des Herrn von Sinvara, daß er es
diesmal unterlassen hat, auf das schwarze
Viereck zu setzen. Er legt einen seiner kostbaren
-Ringe in die Hand des kleinen Mädchens und
-flüstert ihr etwas zu. Und das kleine Mädchen
+Ringe in die Hand des kleinen Mädchens und
+flüstert ihr etwas zu. Und das kleine Mädchen
wird dunkelrot, schlingt die Arme um ihren eigenen
-Hals und läuft aus dem Saal hinaus.</p>
+Hals und läuft aus dem Saal hinaus.</p>
<p><a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a>Aber der Herr von Sinvara setzt das Spiel
-fort, dummdreist, völlig mechanisch. Er nimmt
-mehrere Hände voll Geld, viele schwere Rollen
-und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt
+fort, dummdreist, völlig mechanisch. Er nimmt
+mehrere Hände voll Geld, viele schwere Rollen
+und setzt sie auf Rot. Gleich darauf erfaßt
ihn eine schreckliche Unsicherheit, er macht eine
-ängstliche Bewegung mit der Hand, als wolle
-er die Summe wieder zurückziehen, beherrscht
-sich aber und läßt sie stehen.</p>
+ängstliche Bewegung mit der Hand, als wolle
+er die Summe wieder zurückziehen, beherrscht
+sich aber und läßt sie stehen.</p>
-<p>Das Rad hält an.</p>
+<p>Das Rad hält an.</p>
-<p>»Rot!«</p>
+<p>»Rot!«</p>
-<p>»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara.
-Und er lächelt den Umstehenden wieder triumphierend
-zu und spricht laut: »Wieder <ins title="Rot!«">Rot!</ins>
-Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«</p>
+<p>»Rot!« wiederholt der Herr von Sinvara.
+Und er lächelt den Umstehenden wieder triumphierend
+zu und spricht laut: »Wieder <ins title="Rot!«">Rot!</ins>
+Ja, ich hatte eine Ahnung davon!«</p>
<p>Von diesem Augenblick an verliert er die
Besinnung. Die Uhr wird zehn, mehrere Fremde
kommen herein, die eigentlichen Spieler, deren
Stunde erst jetzt mit diesem Glockenschlag beginnt.
-Unter ihnen befindet sich der Rumäne.
-Ich vergaß meine Reise und rührte mich nicht
+Unter ihnen befindet sich der Rumäne.
+Ich vergaß meine Reise und rührte mich nicht
vom Fleck, ich folgte den Operationen des
-Herrn von Sinvara mit der größten Spannung.
+Herrn von Sinvara mit der größten Spannung.
Er selber merkte nichts von allen den neuen
Menschen, die ihn umgaben, er ahnte kaum,<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a>
-daß er Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück
-halluciniert ihn, und er arbeitet mit großen
+daß er Mitspieler am Tische hatte. Sein Glück
+halluciniert ihn, und er arbeitet mit großen
Summen auf mehreren Nummern zu gleicher
-Zeit. Eine Laune, eine plötzliche Eingebung,
-veranlaßt ihn, eine Hand voll Geld zu nehmen
-und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
+Zeit. Eine Laune, eine plötzliche Eingebung,
+veranlaßt ihn, eine Hand voll Geld zu nehmen
+und den höchsten Einsatz auf fünfundzwanzig
zu setzen. Drei von den Spielern folgen seinem
-Beispiel, alle um ihn her flüstern und warten.</p>
+Beispiel, alle um ihn her flüstern und warten.</p>
-<p>»Dreizehn!«</p>
+<p>»Dreizehn!«</p>
-<p>Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne
+<p>Verloren. Der Rumäne knirscht die Zähne
vor Verzweiflung. Der Herr von Sinvara hat
einen neuen Einfall. Er richtet sich halb auf
-seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe
+seinem Stuhl auf und setzt die höchste Summe
auf Null. Niemand folgt ihm mehr, dies verzweifelte
-Spiel schreckt alle zurück.</p>
+Spiel schreckt alle zurück.</p>
-<p>»Null!«</p>
+<p>»Null!«</p>
-<p>In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich
-den Rumänen fürchterlich fluchen. Gleich darauf
-kam Pavo zur Thür herein, von dem Hoteldiener
+<p>In dem Getöse, das jetzt entstand, hörte ich
+den Rumänen fürchterlich fluchen. Gleich darauf
+kam Pavo zur Thür herein, von dem Hoteldiener
gefolgt, der ihn doch benachrichtigt hatte.
Pavo ging gleich auf den Stuhl des Vaters
zu; ohne etwas zu sagen, packte er ihn bei der
-Schulter und schüttelte ihn.</p>
+Schulter und schüttelte ihn.</p>
<p>Er sah auf, erkannte den Sohn und ergab<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>
-sich sofort. Er begriff, daß ihm kein Widerstand
+sich sofort. Er begriff, daß ihm kein Widerstand
half, er war auch zu angegriffen.</p>
-<p>»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur.
+<p>»Wie zornig du bist, Pavo,« sagte er nur.
Mechanisch zieht er seinen letzten Gewinn ein,
-sammelt sein Geld und fängt an, seine Taschen
-zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen
+sammelt sein Geld und fängt an, seine Taschen
+zu füllen. Er stopft Gold und Papier zusammen
in wilder Unordnung, nimmt dann
den letzten Haufen Scheine in die Hand, steht
auf und geht mit Pavo.</p>
<p>Der Croupier sieht den Davonziehenden
-mit wütenden Blicken nach; das Spiel gerät
+mit wütenden Blicken nach; das Spiel gerät
ins Stocken &mdash; &mdash;</p>
-<p>Später erzählt man im Hotel, der Herr von
+<p>Später erzählt man im Hotel, der Herr von
Sinvara habe nicht nur seinen ganzen Verlust
am Roulette vom vorhergehenden Abend wieder
-eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine
+eingeholt, sondern außerdem noch eine kleine
Summe gewonnen. Man nannte siebenhundert
als Reingewinn. Ich freute mich im Stillen
-darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand
+darüber, ich gönnte ihm den Sieg. Niemand
spielte aus ehrlicherem Herzen als er, und nun
-würde er dem Roulette sicher für ewige Zeiten
-den Rücken wenden.</p>
+würde er dem Roulette sicher für ewige Zeiten
+den Rücken wenden.</p>
<div class="center">
<img src="images/flag.png" width="56" height="29" alt="" />
@@ -5193,58 +5179,58 @@ den Rücken wenden.</p>
<p class="center"><a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>VII</p>
-<p>Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine
+<p>Am nächsten Abend war ich reisefertig. Meine
Sachen waren nach dem Dampfer hinuntergeschafft,
meine Rechnung war bezahlt und alles
geordnet. Ich stecke dem Hoteldiener einen
Geldschein in die Hand und sage ihm Lebewohl.
-Er zuckt heftig mit den weißen Augen
-und fängt an zu weinen. Der arme Teufel
-küßt mir die Hand.</p>
+Er zuckt heftig mit den weißen Augen
+und fängt an zu weinen. Der arme Teufel
+küßt mir die Hand.</p>
-<p>»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er
-gleich darauf und trocknet seine Augen, &mdash; »der
+<p>»Wollen Sie es wohl glauben,« sagt er
+gleich darauf und trocknet seine Augen, &mdash; »der
Herr von Sinvara reist mit demselben Dampfer
-wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.«
+wie Sie. Er hat Pavo versprochen, heimzukehren.«
Und der allwissende Mensch verfolgt
mich bis zum letzten Augenblick mit seinen Geschichten.
Pavo hatte seinem Vater wieder
-eine Rede gehalten. Als es nicht half, daß er
-ihm mit Fürst Yariw drohte, hatte er ihm
-eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt,
-mit der er sich leider erschießen müsse, um seine
+eine Rede gehalten. Als es nicht half, daß er
+ihm mit Fürst Yariw drohte, hatte er ihm
+eine kleine, völlig unbrauchbare Pistole gezeigt,
+mit der er sich leider erschießen müsse, um seine
Ehre zu retten. Da hatte der Vater nachgegeben.
-Er wollte wirklich Fürst Yariws
-Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte
+Er wollte wirklich Fürst Yariws
+Freundschaft nicht verlieren. Außerdem hatte
er<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a> Gott hoch und teuer gelobt, mit dem
-Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld zurückgewonnen
+Spielen innezuhalten, sobald er sein Geld zurückgewonnen
habe. Kurz: der Herr von Sinvara
wollte nach Hause reisen.</p>
-<p>»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn
-unten am Dampfer.«</p>
+<p>»Adieu!« sagte der Diener. »Sie treffen ihn
+unten am Dampfer.«</p>
-<p>Die Uhr schlug fünf.</p>
+<p>Die Uhr schlug fünf.</p>
<p>Im selben Augenblick, als der Spielsaal
-geöffnet wurde, begab ich mich an den Landungsplatz.
+geöffnet wurde, begab ich mich an den Landungsplatz.
Der Dampfer nahm eine Partie
-Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen
+Bastmatten ein. Einige Minuten später kamen
auch wirklich der Herr von Sinvara und sein
-Diener, sie waren beide reisemäßig gekleidet.
+Diener, sie waren beide reisemäßig gekleidet.
Es waren viele Menschen zugegen, Pavo
sah ich aber nicht. Ich fragte einen alten
Mann nach ihm, ich sagte:</p>
-<p>»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht
-an das Schiff?«</p>
+<p>»Weshalb begleitet er seinen Vater nicht
+an das Schiff?«</p>
-<p>»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges
-Mädchen, das gerade herzukam. »Einen Vater,
+<p>»Pavo ist stolz!« antwortete ein junges
+Mädchen, das gerade herzukam. »Einen Vater,
der seine Ringe verspielt, kennt er nicht. Das
-sieht Pavo ähnlich.«</p>
+sieht Pavo ähnlich.«</p>
-<p>Da stand auch das kleine Mädchen des
+<p>Da stand auch das kleine Mädchen des
Herrn von Sinvara. Sie stand abseits und<a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>
sah zu, aus der Entfernung, mit gesenktem
Haupt. Der, nach dem sie ausschaute, schenkte
@@ -5252,39 +5238,39 @@ ihr keinen Blick.</p>
<p>Ich ging ein paar Mal auf dem Kai auf
und nieder, bezahlte meinen Wagen und gab
-acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht
+acht, daß alle meine Sachen an Bord gebracht
waren. Der alte Diener des Herrn von Sinvara
war schon da, ihn selber sah ich hingegen
-nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen
+nicht. Ich sah mich nach seinem kleinen Mädchen
um, auch sie war verschwunden.</p>
<p>Die letzte Matte wurde in den Lastraum
versenkt, und der letzte Passagier kam an Bord.
-Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen nach
+Plötzlich entsteht ein allgemeines Fragen nach
dem Herrn von Sinvara, der mitfahren wollte.
Wo war er geblieben? Sein alter Diener
springt auf. Wo in aller Welt war sein Herr?
Der Dampfer blieb liegen, man konnte doch
-nicht ohne den großen Herrn abfahren! Wir
+nicht ohne den großen Herrn abfahren! Wir
durchsuchen alle das Schiff, den Kai, alle Ecken
und Winkel, wir fragen alle Menschen nach
ihm, und niemand vermag uns Bescheid zu
geben. War er ins Wasser gefallen? Hatte
-er sich hineingestürzt und war in aller Stille
-ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a>
+er sich hineingestürzt und war in aller Stille
+ertrunken? Plötzlich überkommt mich eine<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a>
Ahnung, ein ganz sonderbarer Gedanke, ich
-bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu warten,
-dann würde ich vielleicht Auskunft über den
-Vermißten geben können.</p>
+bitte den Schiffer noch fünf Minuten zu warten,
+dann würde ich vielleicht Auskunft über den
+Vermißten geben können.</p>
<p>Ich springe an Land, ich eile nach dem
-Hotel, stürme die Treppe hinauf, in das blaue
-Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich
-die Thür und sehe hinein.</p>
+Hotel, stürme die Treppe hinauf, in das blaue
+Stockwerk. Mit verhaltenem Atem öffne ich
+die Thür und sehe hinein.</p>
-<p>Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn
-von Sinvara. Sie hat ihre errötende Miene
-wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und
+<p>Zuerst sehe ich das kleine Mädchen des Herrn
+von Sinvara. Sie hat ihre errötende Miene
+wiedergewonnen und sieht glücklich aus. Und
vor ihr auf dem Stuhl sitzt der Herr von Sinvara
wieder am Roulette.</p>
@@ -5303,11 +5289,11 @@ wieder am Roulette.</p>
<td class="right"><a href="#Page_17">17</a></td>
</tr>
<tr>
- <td><a href="#Zachaus">Zachäus</a></td>
+ <td><a href="#Zachaus">Zachäus</a></td>
<td class="right"><a href="#Page_31">31</a></td>
</tr>
<tr>
- <td><a href="#Uber_das_Meer">Über das Meer</a></td>
+ <td><a href="#Uber_das_Meer">Über das Meer</a></td>
<td class="right"><a href="#Page_61">61</a></td>
</tr>
<tr>
@@ -5325,57 +5311,57 @@ wieder am Roulette.</p>
</div>
<p class="center page-break"><b>Knut Hamsun</b></p>
-<p class="center" style="font-size: x-large">Die Königin von Saba</p>
+<p class="center" style="font-size: x-large">Die Königin von Saba</p>
<p class="center"><big>und andere Novellen</big></p>
<p class="center">Dritte Auflage</p>
<p class="no-indent"><em class="gesperrt">Hamburger Fremdenblatt</em>: Wer es noch nicht
-gewußt hat, kann es an dem neuen <em class="gesperrt">großartigen</em>
-Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden, daß
-hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten der
+gewußt hat, kann es an dem neuen <em class="gesperrt">großartigen</em>
+Novellenband Knut Hamsuns wieder empfinden, daß
+hier eine der merkwürdigsten Dichterindividualitäten der
Zeit auf den Plan getreten ist. Hamsun schildert alles
<em class="gesperrt">mit tiefem Seherblick</em>, seine Menschen sprechen lautere
Wahrheit und bezahlen diese Wahrheit, die sie in der
-Natur schauen dürfen, mit seelischer Qual. Auch in dem
-neuen, <em class="gesperrt">auf großer dichterischer Höhe stehenden
+Natur schauen dürfen, mit seelischer Qual. Auch in dem
+neuen, <em class="gesperrt">auf großer dichterischer Höhe stehenden
Novellenbande</em> tritt Hamsun dem Leser wieder in der
Gestalt eines Sonderlings entgegen, zumal in seiner
-»Königin von Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch
-auf eine ganz kleine Skizze hinweisen: »Der Ring«, die,
-trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt, <em class="gesperrt">das Werk
+»Königin von Saba« ... Zum Schlusse möchte ich noch
+auf eine ganz kleine Skizze hinweisen: »Der Ring«, die,
+trotzdem sie nur wenige Zeilen umfaßt, <em class="gesperrt">das Werk
eines echten Dichters ist</em>.</p>
-<p class="no-indent"><em class="gesperrt">Literarisches Echo, Berlin</em>: Es ist nicht alltägliches
-in dem Buch, es enthält Dichtungen von überaus
-apartem Reiz, die uns so oft überraschen, da sie zu so
-unvermuteten Ausgängen geführt werden, ohne daß diese
-willkürlich wären. Hamsun versteht es wunderbar, mit
-wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er versteht
+<p class="no-indent"><em class="gesperrt">Literarisches Echo, Berlin</em>: Es ist nicht alltägliches
+in dem Buch, es enthält Dichtungen von überaus
+apartem Reiz, die uns so oft überraschen, da sie zu so
+unvermuteten Ausgängen geführt werden, ohne daß diese
+willkürlich wären. Hamsun versteht es wunderbar, mit
+wenigen Worten große Perspektiven zur eröffnen, er versteht
es, den Leser zwischen den Zeilen finden zu lassen,
-und gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt.</p>
+und gibt ihm mehr zu ahnen, als er enthüllt.</p>
-<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen, Verlag in München</em></p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen, Verlag in München</em></p>
<p class="center page-break"><b>Knut Hamsun</b></p>
<p class="center" style="font-size: x-large">Pan</p>
<p class="center"><big>Aus Leutenant Thomas Glahns Papieren</big></p>
<p class="center">Einundzwanzigste Auflage</p>
-<p class="no-indent">»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame
-Buch lesen,« &mdash; schreibt der »Hannoversche Courier« in
-einem längeren Artikel &mdash; »um den vollendeten Zauber
-seiner poetischen Stimmungen völlig genießen zu können.
+<p class="no-indent">»Irgendwo in einer Waldecke muß man dieses seltsame
+Buch lesen,« &mdash; schreibt der »Hannoversche Courier« in
+einem längeren Artikel &mdash; »um den vollendeten Zauber
+seiner poetischen Stimmungen völlig genießen zu können.
Der Sturm und die Ruhe des Waldes zugleich atmen
-aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler
-Träume wechselt ab mit der <em class="gesperrt">Innigkeit wahrster
-Empfindung</em>; Glut und Kälte, höchste Leidenschaft
+aus diesen Blättern, die Wildheit sommerschwüler
+Träume wechselt ab mit der <em class="gesperrt">Innigkeit wahrster
+Empfindung</em>; Glut und Kälte, höchste Leidenschaft
und tiefste Ermattung zugleich sprechen sich <em class="gesperrt">in Worten
-von außerordentlicher Formvollendung</em> aus.«</p>
+von außerordentlicher Formvollendung</em> aus.«</p>
<p class="no-indent"><em class="gesperrt">Neue Freie Presse, Wien</em>: <em class="gesperrt">Knut Hamsun</em> ist
-ein merkwürdiger Schriftsteller, in vielen Dingen wohl
+ein merkwürdiger Schriftsteller, in vielen Dingen wohl
der erste unter allen modernen Norwegern. Sein Roman
-»<em class="gesperrt">Pan</em>« enthält viel Wunderliches, aber ein heller
+»<em class="gesperrt">Pan</em>« enthält viel Wunderliches, aber ein heller
Schimmer von Poesie strahlt aus dem Buche. Eine so
innige Freude an der Natur, ein so unmittelbarer Zusammenhang
mit ihr, ein so meisterhaftes Eindringen
@@ -5383,37 +5369,37 @@ in alle ihre Reize und Geheimnisse ist wenigen gegeben.
Hamsun ist ein Landschaftsmaler ersten Ranges mit
der Feder.</p>
-<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen, Verlag in München</em></p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen, Verlag in München</em></p>
<p class="center page-break"><b>Knut Hamsun</b></p>
<p class="center" style="font-size: x-large">Victoria</p>
<p class="center"><big>Geschichte einer Liebe</big></p>
-<p class="center">Fünfzehnte Auflage</p>
+<p class="center">Fünfzehnte Auflage</p>
-<p class="no-indent">»<em class="gesperrt">Victoria</em>« oder »<em class="gesperrt">Die Geschichte einer Liebe</em>«
+<p class="no-indent">»<em class="gesperrt">Victoria</em>« oder »<em class="gesperrt">Die Geschichte einer Liebe</em>«
kann nicht besser als mit diesem Untertitel charakterisiert
-werden. Wie Hamsun im »Pan« eine Symphonie über
+werden. Wie Hamsun im »Pan« eine Symphonie über
die <em class="gesperrt">Natur</em> schuf, die vor ihm vielleicht niemals intensiver
-künstlerisch erfaßt worden ist, so hat <em class="gesperrt">Knut Hamsun</em>
-in »<em class="gesperrt">Victoria</em>« das <em class="gesperrt">Hohe Lied der Liebe</em>
-gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit
-all der ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle,
+künstlerisch erfaßt worden ist, so hat <em class="gesperrt">Knut Hamsun</em>
+in »<em class="gesperrt">Victoria</em>« das <em class="gesperrt">Hohe Lied der Liebe</em>
+gesungen mit all den Farben und Zwischentönen, mit
+all der ursprünglichen Eindringlichkeit und Zartheitsfülle,
die nur Hamsun eigen sind.</p>
-<p class="no-indent">»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein
+<p class="no-indent">»Victoria« oder »Die Geschichte einer Liebe« ist ein
<em class="gesperrt">seltsames, unendlich feines Buch, warm und
leuchtend wie ein Johannisfeuer in einer stillen
Juninacht</em>.</p>
-<p class="no-indent"><em class="gesperrt">Allg. Zeitung, München</em>: Was <em class="gesperrt">Hamsun</em> auszeichnet
-und ihm unter den zeitgenössischen Dichtern
+<p class="no-indent"><em class="gesperrt">Allg. Zeitung, München</em>: Was <em class="gesperrt">Hamsun</em> auszeichnet
+und ihm unter den zeitgenössischen Dichtern
einen hervorragenden Platz sichert, das ist der Scharfblick,
mit dem er in die Tiefen der Seelen dringt, die
Meisterschaft, mit der er die feinsten, intimsten inneren
-Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen
-weiß.</p>
+Regungen und Schwingungen zu ergründen und darzustellen
+weiß.</p>
-<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen, Verlag in München</em></p>
+<p class="center"><em class="gesperrt">Albert Langen, Verlag in München</em></p>
<p class="center page-break">Einzelausgaben der Werke von <em class="gesperrt">Knut Hamsun</em><br />
aus dem Verlag von <em class="gesperrt">Albert Langen</em>:</p>
@@ -5425,27 +5411,27 @@ aus dem Verlag von <em class="gesperrt">Albert Langen</em>:</p>
<tr><td><em class="gesperrt">Pan</em> (Aus Leutnant Thomas Glahns Papieren)</td><td class="right">21. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Redakteur Lynge</em>, Roman</td><td class="right">6. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Viktoria</em>, Geschichte einer Liebe</td><td class="right">15. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Die Königin von Saba</em>, Novellen</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Die Königin von Saba</em>, Novellen</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Sklaven der Liebe</em>, Novellen</td><td class="right">6. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Im Märchenland</em>, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Kämpfende Kräfte</em>, Novellen</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Schwärmer</em>, Roman</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Im Märchenland</em>, Erlebtes und Geträumtes aus Kaukasien</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Kämpfende Kräfte</em>, Novellen</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Schwärmer</em>, Roman</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Unter dem Halbmond</em>, Reisebilder</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Benoni</em>, Roman</td><td class="right">5. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Rosa</em>, Roman</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Unter Herbststernen</em>, Erzählung eines Wanderers</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Gedämpftes Saitenspiel</em>, Erzählung eines Wanderers</td><td class="right">5. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Unter Herbststernen</em>, Erzählung eines Wanderers</td><td class="right">3. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Gedämpftes Saitenspiel</em>, Erzählung eines Wanderers</td><td class="right">5. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Die letzte Freude</em>, Roman</td><td class="right">7. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Kinder ihrer Zeit</em>, Roman</td><td class="right">11. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Die Stadt Segelfoß</em>, Roman</td><td class="right">8. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Die Stadt Segelfoß</em>, Roman</td><td class="right">8. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Segen der Erde</em>, Roman</td><td class="right">23. Auflage</td></tr>
<tr><td><em class="gesperrt">Die Weiber am Brunnen</em>, Roman</td><td class="right">15. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Abenteurer</em>, Ausgewählte Novellen</td><td class="right">15. Auflage</td></tr>
-<tr><td><em class="gesperrt">Erzählungen</em>, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo</td><td class="right">20. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Abenteurer</em>, Ausgewählte Novellen</td><td class="right">15. Auflage</td></tr>
+<tr><td><em class="gesperrt">Erzählungen</em>, Ausgewählt und eingeleitet von Walter von Molo</td><td class="right">20. Auflage</td></tr>
<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">An des Reiches Pforten</em>, Schauspiel</td></tr>
-<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Abendröte</em>, Schauspiel</td></tr>
+<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Abendröte</em>, Schauspiel</td></tr>
<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Munken Vendt</em>, Dramatisches Gedicht</td></tr>
-<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Königin Tamara</em>, Schauspiel</td></tr>
+<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Königin Tamara</em>, Schauspiel</td></tr>
<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Spiel des Lebens</em>, Schauspiel</td></tr>
<tr><td colspan="2"><em class="gesperrt">Vom Teufel geholt</em>, Schauspiel</td></tr>
</table>
@@ -5455,8 +5441,8 @@ aus dem Verlag von <em class="gesperrt">Albert Langen</em>:</p>
<div id="tnote-bottom">
<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
-<p>Die folgende Liste enthält alle geänderten Textstellen,
-jeweils zuerst im Original und darunter in der geänderten Fassung.</p>
+<p>Die folgende Liste enthält alle geänderten Textstellen,
+jeweils zuerst im Original und darunter in der geänderten Fassung.</p>
<ul id="corrections">
<li><a href="#Page_12">Seite 12</a>:<br />
@@ -5464,20 +5450,20 @@ mit hinauf zu kommen! <span class="correction">..</span> Aber ich habe nur<br />
mit hinauf zu kommen! <span class="correction">...</span> Aber ich habe nur
</li>
<li><a href="#Page_34">Seite 34</a>:<br />
-vom Frühling bis zum <span class="correction">später</span> Oktober<br />
-vom Frühling bis zum <span class="correction">späten</span> Oktober
+vom Frühling bis zum <span class="correction">später</span> Oktober<br />
+vom Frühling bis zum <span class="correction">späten</span> Oktober
</li>
<li><a href="#Page_66">Seite 66</a>:<br />
-hieß übrigens Nyke, <span class="correction">Christen</span> Nyke<br />
-hieß übrigens Nyke, <span class="correction">Kristen</span> Nyke
+hieß übrigens Nyke, <span class="correction">Christen</span> Nyke<br />
+hieß übrigens Nyke, <span class="correction">Kristen</span> Nyke
</li>
<li><a href="#Page_66">Seite 66</a>:<br />
-erzählte von seinem Appell an die <span class="correction">Offentlichkeit</span><br />
-erzählte von seinem Appell an die <span class="correction">Öffentlichkeit</span>
+erzählte von seinem Appell an die <span class="correction">Offentlichkeit</span><br />
+erzählte von seinem Appell an die <span class="correction">Öffentlichkeit</span>
</li>
<li><a href="#Page_68">Seite 68</a>:<br />
-Damen in flottgeschürzten <span class="correction">Karl Johann</span>-Toiletten<br />
-Damen in flottgeschürzten <span class="correction">Karl-Johann</span>-Toiletten
+Damen in flottgeschürzten <span class="correction">Karl Johann</span>-Toiletten<br />
+Damen in flottgeschürzten <span class="correction">Karl-Johann</span>-Toiletten
</li>
<li><a href="#Page_69">Seite 69</a>:<br />
unserer Koje hatten auch <span class="correction">Christen</span> Nyke<br />
@@ -5485,18 +5471,18 @@ unserer Koje hatten auch <span class="correction">Kristen</span> Nyke
</li>
<li><a href="#Page_72">Seite 72</a>:<br />
und das <span class="correction">Getose</span> unten sich ein wenig gelegt hatte<br />
-und das <span class="correction">Getöse</span> unten sich ein wenig gelegt hatte
+und das <span class="correction">Getöse</span> unten sich ein wenig gelegt hatte
</li>
<li><a href="#Page_79">Seite 79</a>:<br />
Die <span class="correction">Offnung</span> in dem Eimer des Stewarts<br />
-Die <span class="correction">Öffnung</span> in dem Eimer des Stewarts
+Die <span class="correction">Öffnung</span> in dem Eimer des Stewarts
</li>
<li><a href="#Page_116">Seite 116</a>:<br />
ein Wort zu ihrer Entschuldigung <span class="correction">vorzubringen</span><br />
ein Wort zu ihrer Entschuldigung <span class="correction">vorbringen</span>
</li>
<li><a href="#Page_116">Seite 116</a>:<br />
-<span class="correction">»Jetzt</span> bitte ich Sie eins zu beachten<br />
+<span class="correction">»Jetzt</span> bitte ich Sie eins zu beachten<br />
<span class="correction">Jetzt</span> bitte ich Sie eins zu beachten
</li>
<li><a href="#Page_116">Seite 116</a>:<br />
@@ -5505,7 +5491,7 @@ lange <span class="correction">gekannt;</span> wir hatten eine ganze Zeit
</li>
<li><a href="#Page_117">Seite 117</a>:<br />
hatte in der Regel das <span class="correction">Ubergewicht</span><br />
-hatte in der Regel das <span class="correction">Übergewicht</span>
+hatte in der Regel das <span class="correction">Übergewicht</span>
</li>
<li><a href="#Page_122">Seite 122</a>:<br />
am selben Abend abholen, ehe sie <span class="correction">verwelten</span><br />
@@ -5516,8 +5502,8 @@ und sie trugen <span class="correction">abgeschnittes</span> Haar<br />
und sie trugen <span class="correction">abgeschnittenes</span> Haar
</li>
<li><a href="#Page_132">Seite 132</a>:<br />
-Laß noch eine Flasche Wein <span class="correction">kommen?</span><br />
-Laß noch eine Flasche Wein <span class="correction">kommen!</span>
+Laß noch eine Flasche Wein <span class="correction">kommen?</span><br />
+Laß noch eine Flasche Wein <span class="correction">kommen!</span>
</li>
<li><a href="#Page_152">Seite 152</a>:<br />
noch <span class="correction">einmal</span> setze hundert auf dreizehn<br />
@@ -5529,379 +5515,25 @@ wieder verloren? Setze auf <span class="correction">Gerade!</span>
</li>
<li><a href="#Page_156">Seite 156</a>:<br />
zusammen zu legen, um einen <span class="correction">Uberblick</span><br />
-zusammen zu legen, um einen <span class="correction">Überblick</span>
+zusammen zu legen, um einen <span class="correction">Überblick</span>
</li>
<li><a href="#Page_171">Seite 171</a>:<br />
-»Geh und hole meine <span class="correction">Rechnung!</span><br />
-»Geh und hole meine <span class="correction">Rechnung!«</span>
+»Geh und hole meine <span class="correction">Rechnung!</span><br />
+»Geh und hole meine <span class="correction">Rechnung!«</span>
</li>
<li><a href="#Page_172">Seite 172</a>:<br />
Er schien indessen seinen <span class="correction">Uberfall</span><br />
-Er schien indessen seinen <span class="correction">Überfall</span>
+Er schien indessen seinen <span class="correction">Überfall</span>
</li>
<li><a href="#Page_184">Seite 184</a>:<br />
-spricht laut: »Wieder <span class="correction">Rot!«</span> Ja, ich hatte<br />
-spricht laut: »Wieder <span class="correction">Rot!</span> Ja, ich hatte
+spricht laut: »Wieder <span class="correction">Rot!«</span> Ja, ich hatte<br />
+spricht laut: »Wieder <span class="correction">Rot!</span> Ja, ich hatte
</li>
</ul>
</div>
</div>
<p>&nbsp;</p>
-<hr class="full" />
-<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK SKLAVEN DER LIEBE***</p>
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-Gutenberg-tm License.</p>
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-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
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-
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-
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-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
-with this agreement, and any volunteers associated with the production,
-promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
-harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
-that arise directly or indirectly from any of the following which you do
-or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
-work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
-Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.</p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and
-the Foundation information page at <a
-href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at 809
-North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email
-contact links and up to date contact information can be found at the
-Foundation's web site and official page at <a
-href="http://www.gutenberg.org/contact">www.gutenberg.org/contact</a></p>
-
-<p>For additional contact information:<br />
- Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To
-SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
-particular state visit <a
-href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations.
-To donate, please visit: <a
-href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a></p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
-works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
-unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
-keep eBooks in compliance with any particular paper edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
-<a href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a></p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
+<div>*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41931 ***</div>
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</html>