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-The Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Vom Mars zur Erde
-
-Author: Albert Daiber
-
-Illustrator: Fritz Bergen
-
-Release Date: December 1, 2012 [EBook #41523]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-Vom Mars zur Erde
-
-
-Eine Erzählung für die reifere Jugend
-von
-Dr. Albert Daiber
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-Verfasser von: »Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars«
-
-Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen
-
-Zweite Auflage
-
-
-Stuttgart
-Verlag von Levy & Müller
-
-
-Nachdruck verboten.
-Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
-Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
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-Inhalt
-
-Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1
-Zweites Kapitel. Die Sühne 8
-Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21
-Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen 37
-Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars 45
-Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß 61
-Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr 69
-Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74
-Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89
-Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98
-Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112
-Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134
-
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-
-
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-
-Erstes Kapitel.
-Der Erdensohn auf dem Mars.
-
-
-Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich
-am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum
-Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und
-Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
-Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen?
-Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die
-ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden
-in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im
-lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen
-Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn
-jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten
-unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des
-monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres
-kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im
-Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick
-. . .
-
-Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie
-und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand
-über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller
-Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde,
-die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so
-viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon
-ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt
-daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern --
-das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne
-zu.
-
-»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob
-ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren.
-Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du
-bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders!
-Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir
-den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den
-Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in
-so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren
-Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier
-auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön
-nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!«
-
-Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß
-sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf
-seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein
-Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
-Quält dich das Heimweh nach der Erde?«
-
-»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will
-ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!«
-
-»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im
-Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses
-auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als
-deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem
-Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe
-läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?«
-
-Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden
-eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit
-dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den
-weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
-Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das
-lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie
-sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
-
-Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du
-selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein
-Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich
-dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten
-vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der
-Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es
-unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
-einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer
-Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!«
-
-»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir
-fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum
-angegangen?«
-
-»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz
-eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus
-hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber
-verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in
-euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses
-tatenlose Dasein auf meiner Seele.«
-
-»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich
-dich aufgesucht.«
-
-Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem
-Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?«
-
-»Du möchtest nach Angola kommen.«
-
-Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf
-volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen,
-aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten,
-ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der
-Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
-taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln.
-Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
-
-»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich.
-
-»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
-
-»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun
-aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben
-bereits Lumata wieder erreicht.«
-
-In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den
-nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern
-vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden
-Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
-Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten
-flache Dächer.
-
-»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung
-erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle
-emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist
-weit.«
-
-»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!«
-
-Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn
-wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in
-den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer
-wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
-gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren
-der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im
-Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen,
-ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch
-erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
-waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten
-als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach
-unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten
-zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom
-Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den
-Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.
-
-Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an
-demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich
-unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen
-paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen,
-gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
-etwas an seinem Herzen?
-
-Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit
-den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den
-scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied
-gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
-Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die
-Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente
-schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl
-zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem
-Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
-
-Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen,
-aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich,
-wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in
-respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen
-anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
-Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die
-Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner
-Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht
-bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier
-oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte
-er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten
-wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten,
-die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der
-Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung,
-die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte
-ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die
-Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos
-rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er
-immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege,
-obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische
-Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
-er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
-War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der
-Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner
-Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas
-länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei
-Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch
-nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine
-Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
-
-Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische
-Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
-
-Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich
-fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen
-durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im
-pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und
-Erde die krausesten Dinge erleben ließen.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-Die Sühne.
-
-
-Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur
-Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin
-Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein
-bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen
-sollte.
-
-Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen,
-die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch
-Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten.
-Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt
-unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte
-Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch
-durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden
-Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der
-Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte
-diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden
-rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine
-Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
-
-»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von
-Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns
-die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze
-laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind
-sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
-gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige.
-Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit
-Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze
-an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut
-besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr
-bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die
-uns unmöglich wären.«
-
-Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die
-gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch
-kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In
-üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
-und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute
-Bewunderung aus.
-
-»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus
-dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.«
-
-»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der
-Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich
-hinblickenden Greis.
-
-Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von
-Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der
-Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur
-Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem
-großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der
-Gesamtheit bedingt wird.«
-
-»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert,
-eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?«
-
-»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre
-mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst
-uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden
-sind?«
-
-»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde
-ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht
-bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde
-erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.«
-
-»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen
-Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für
-jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die
-wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist
-das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle
-Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder
-Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme
-der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern,
-ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein
-Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem
-Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du
-deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist,
-sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.«
-
-»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch
-bei euch zuweilen vorkommen.«
-
-»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat
-das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer
-abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie
-in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die
-Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen,
-gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.«
-
-»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der
-Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!«
-seufzte Fridolin Frommherz.
-
-»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung
-und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen
-ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!«
-
-Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder
-recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er
-erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die
-blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
-wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er
-schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir
-vorhat?«
-
-»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen
-dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben
-bist.«
-
-Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen.
-
-»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
-
-»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,«
-meinte Frommherz etwas unsicher.
-
-»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es
-gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene
-Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an
-sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber
-durchgesetzt hast.«
-
-Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
-
-Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund!
-Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war
-ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und
-daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit
-erwarten.«
-
-»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.«
-
-»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd.
-
-»Weiter nichts?«
-
-»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines
-Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.«
-
-»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich
-lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von
-der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber
-ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen
-dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein
-Wörterbuch der deutschen Sprache?«
-
-»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als
-Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.«
-
-»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder
-ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen,
-würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.«
-
-Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und
-drückte sie herzlich.
-
-»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab.
-
-Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam
-gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da,
-himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten.
-Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen
-den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des
-Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die
-Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde
-größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die
-Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren
-Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
-Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da
-weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und
-der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge
-. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich
-Fridolin Frommherz sehr wohl.
-
-»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So
-vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich,
-mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen,
-wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.«
-
-»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen
-Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus
-eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der
-unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.«
-
-»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen
-Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch
-dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie
-nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?«
-
-»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der
-Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte
-Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto
-drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto
-kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund,
-einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer
-Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen.
-Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich
-unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
-kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen
-Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten
-vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf
-ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein
-Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.«
-
-»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn
-bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe
-daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß
-gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um
-Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich
-unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer
-Entfernung auftauchte.
-
-»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der
-Knaben den unterrichtenden Lehrer?«
-
-»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so
-aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?«
-
-»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den
-Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm
-entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.«
-
-»Das ist viel,« sagte Fridolin.
-
-»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer
-unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze
-unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren
-Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir
-uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan
-seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.«
-
-Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe
-herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten
-eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
-
-»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend.
-»Gedeiht dein Werk?«
-
-»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine
-schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu
-tun.«
-
-»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!«
-
-»Ja, die Arbeit macht froh!«
-
-»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?«
-
-»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger
-Eran!«
-
-»Das wird mir Freude sein, junger Freund!«
-
-Weiter rollte der Wagen.
-
-»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd.
-
-»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er
-gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk.
-Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene
-verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
-dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.«
-
-»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der
-Schwabe.
-
-Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der
-bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch
-eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand
-ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und
-Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der
-Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten
-Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen
-übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich
-an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier
-gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine
-halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem
-Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei
-60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun
-schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des
-Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm
-und bequem machen konnte.
-
-Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der
-ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da
-vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe.
-Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen
-eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang
-und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen
-Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner
-besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen
-zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und
-Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur
-übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die
-Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie
-der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der
-Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren
-bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu
-schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur
-zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die
-marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden
-Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch
-unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
-erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die
-langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen
-versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
-
-Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug
-kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg
-es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden
-ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen!
-Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde
-sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
-
-»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des
-Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran.
-
-»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder
-einmal von oben herab schauen.«
-
-Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin
-Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen
-sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen.
-Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten
-Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre
-war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den
-Drückeberger, abgehalten worden.
-
-Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes
-Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar
-gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und
-darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und
-Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte
-sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
-Gewissensbissen.
-
-Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs,
-als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat.
-Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen
-anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn
-wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der
-Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im
-Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als
-er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten
-zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des
-Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen
-öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten
-Marsiten.
-
-»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr
-zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit
-den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
-
-»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde
-zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,«
-sprach Fridolin.
-
-»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,«
-entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder
-zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als
-wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde
-einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich
-auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
-wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der
-uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in
-diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt
-hatten, riefen wir dich.«
-
-Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es
-lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten.
-Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte,
-empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
-Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
-
-»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan
-nach kurzem Stillschweigen.
-
-»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz.
-
-»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich
-benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns
-ist die Sache abgetan.«
-
-»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte
-Frommherz.
-
-»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier
-in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns
-nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.«
-
-»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu
-antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich
-euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.«
-
-»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner
-Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder
-hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die
-Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen,
-dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender
-Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.«
-Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich
-zurück.
-
-»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der
-letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte
-Frommherz vor sich hin.
-
-»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?«
-forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
-
-»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz.
-
-»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für
-lange Zeit wohl auch das deine sein.«
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-
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-Drittes Kapitel.
-Eine Sisyphusarbeit.
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-Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim
-Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast
-viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus
-lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der
-Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über
-die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See
-einschlossen.
-
-Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von
-der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten
-gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller
-Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit
-farbenprächtigen, duftenden Blüten.
-
-Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans
-holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer
-jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher
-Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen
-gegenüber freundliche Gesinnungen hegen.
-
-Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur
-Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine
-herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt
-werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen
-wäre.
-
-Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich
-entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen,
-jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit
-doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
-einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug.
-
-Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des
-Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach
-getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
-Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich
-dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen,
-abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene
-Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und
-nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige
-Lebensauffassung umzuformen begannen.
-
-Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich
-an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung,
-wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im
-allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher
-erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
-
-Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta
-stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang.
-Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich
-göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen
-und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie
-bis dahin noch niemals gekannt hatte.
-
-Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und
-reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines
-hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos
-scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
-Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit
-jeglicher Empfindung.
-
-»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,«
-brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr
-seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus
-der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese
-Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz
-verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen
-Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in
-verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische
-lagen.
-
-Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald
-dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das
-Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer
-der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein
-Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen,
-seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und
-fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei.
-
-Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr
-eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an
-der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er
-einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
-Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem
-Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede
-tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches
-Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu
-schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm
-manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen.
-Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das
-schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
-außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn
-über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten,
-die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten.
-Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das
-die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
-
-Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde
-auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen,
-Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er
-hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation
-und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der
-Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen
-Muttersprache zuerkannt.
-
-An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom
-Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
-
-»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt,
-wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei
-fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art
-meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine
-Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt,
-so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das
-wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre
-dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über
-die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb
-emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer.
-
-»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola
-zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte.
-
-»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk
-gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße
-schüttelnd.
-
-»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits
-schlecht!«
-
-»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran.
-
-»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.«
-
-»So, so!« lächelte Eran.
-
-»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich
-vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite
-Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.«
-
-»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des
-Erdenalphabetes? Kaum möglich!«
-
-»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz
-betreten.
-
-»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit
-zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst
-du sie denn beenden?«
-
-»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je
-schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade
-seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von
-stattlicher Größe gefüllt.
-
-»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes
-vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin
-Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und
-mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
-und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug
-verdienen.«
-
-Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber
-wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?«
-
-»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine
-Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an
-Benta dachte.
-
-»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine
-Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt
-nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit
-in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.«
-
-»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang
-. . .«
-
-»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten
-Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein
-Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine
-geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir
-dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen
-will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.«
-
-»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich
-gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war.
-Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in
-wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!«
-
-»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt,
-daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so
-feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.«
-
-Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola
-kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich
-dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten
-Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
-
-Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht
-gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn.
-Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle
-geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran
-hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er
-umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des
-Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen?
-Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie
-der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich
-nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte
-eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
-das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese
-selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als
-ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam
-ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu
-vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte,
-nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so
-schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war.
-
-Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er
-schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine
-Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu
-vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das
-fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig
-gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene
-Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am
-Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß.
-
-»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen
-deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte
-Bentan.
-
-»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte
-gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine
-Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht
-mich frei und fröhlich zugleich.«
-
-»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große,
-unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch
-besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.«
-
-»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um
-an wichtigen Beratungen teilzunehmen.«
-
-»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie
-bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan.
-
-»Worin bestehen diese Berichte?«
-
-»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die
-Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch
-die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten
-wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge
-dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als
-er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du
-wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte,
-im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.«
-
-Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans
-Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen.
-
-»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe
-mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der
-Erheiterung.«
-
-»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer
-gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll
-Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
-
-In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das
-Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er
-sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie
-energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten
-beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu
-erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des
-Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des
-Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie
-Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen
-Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße.
-
-»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein,
-»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als
-wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid,
-müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.«
-
-»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere
-geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so
-langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als
-ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr
-verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die
-Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter
-wechselnden Siegen und Niederlagen.«
-
-»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein.
-
-»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure
-vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde
-geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht
-der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die
-Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt,
-jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der
-Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie
-auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den
-basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem
-Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton-
-und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im
-Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia
-gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der
-Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen
-ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der
-Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern
-dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort
-ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren
-Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an
-unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen
-beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet
-und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure
-die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,
-fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine
-Frage der Zeit.« Bentan schwieg.
-
-»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir
-wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause.
-»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir
-seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der
-Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor
-Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer
-darunter leiden.«
-
-»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen
-wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch
-öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe
-folgen.«
-
-»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere
-Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere
-Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier.
-Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir
-ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer
-gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein
-Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer
-kürzerer Dauer.«
-
-»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?«
-
-»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle,
-daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges
-schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne,
-spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was
-uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser
-Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber
-an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und
-unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles
-Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen,
-inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem
-Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.«
-
-»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll
-Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen
-nachleben!«
-
-»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere
-tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes
-Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die
-Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst
-unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit
-und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige
-Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir
-verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an
-unsere Stelle getreten.«
-
-»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler
-Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis
-geendet hatte.
-
-»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres
-Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der
-Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen
-Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der
-Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der
-klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist,
-daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet.
-Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen
-Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das
-Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können
-ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse
-Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch
-abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein
-sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.«
-
-»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in
-aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten
-Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von
-Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die
-bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen
-lassen.«
-
-»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren
-Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte
-Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht
-und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.«
-
-Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr
-oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem
-der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente
-seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und
-Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner
-Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen
-Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars
-veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt,
-das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang
-war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung.
-Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein
-unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm
-zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren
-gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen,
-war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für
-seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine
-befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er
-damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich
-kannte!
-
-»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das
-Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre
-der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte
-ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet.
-Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der
-Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung
-und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des
-treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren.
-
-Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den
-fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der
-Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht
-nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben
-Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er
-deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre
-zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all
-die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten
-Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz'
-Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger
-er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-Getäuschte Hoffnungen.
-
-
-In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen
-Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von
-Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies
-Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman,
-mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer
-wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer
-Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung
-zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen
-wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.
-
-Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im
-geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem
-alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen
-Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt
-eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein
-Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten
-Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte
-Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin
-Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend
-schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand
-der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
-
-Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung
-leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu
-imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin
-Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim
-gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte
-erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form
-angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch
-die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht
-auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die
-Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden
-ließ!
-
-So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er
-konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen
-Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich
-verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,
-als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer,
-herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der
-zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden
-war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz
-schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu
-jeglicher ernsten Arbeit.
-
-Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun
-oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere
-neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten
-fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit
-dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine
-Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun
-wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich
-wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen.
-
-Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine
-Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich
-erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit
-wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt
-Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und
-auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden
-lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen
-Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.
-
-Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen
-Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in
-Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines
-Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan
-selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der
-Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so
-stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben
-als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und
-suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
-
-Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine
-Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache
-handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans
-Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die
-Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen
-zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer
-saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend
-mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in
-die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle
-Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als
-fünf Jahre auf dem Mars befand.
-
-»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief
-der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.
-
-»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd.
-
-»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten
-nicht diese eigenartige Schönheit.«
-
-»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser
-Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.«
-
-»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie
-ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne,
-in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende
-Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!«
-
-»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine
-Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte
-Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der
-Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller
-Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar
-zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in
-Anspruch nehmen.«
-
-»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz.
-
-»Ja, wie du weißt.«
-
-»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.«
-
-»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin.
-Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch
-nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres
-Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich
-wahrnehmbar.«
-
-»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?«
-
-»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig,
-als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.
-
-»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.
-
-»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir
-alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die
-große Aufgabe zu lösen suchen.«
-
-»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle
-ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz.
-
-»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich.
-
-»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht
-hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer
-Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite
-angesehen werden.«
-
-»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans
-brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.
-
-»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur
-möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem
-als euresgleichen gelten.«
-
-»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch
-schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese
-Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich.
-
-»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.«
-
-»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.«
-
-»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.«
-
-»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon
-damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder
-ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger
-Betonung.
-
-»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in
-Generationen fortleben . . .«
-
-»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan
-ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede
-stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?«
-
-»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch
-begriffen worden zu sein.
-
-»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein.
-
-»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.«
-
-»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du
-bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was
-Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden,
-nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich
-mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung
-nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei
-uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns
-hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb,
-weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie
-denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und
-wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen
-Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die
-Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von
-den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch
-genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in
-Angola Vortrag gehalten habt.«
-
-»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches
-unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan,
-manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen
-geschlossen worden sind wie hier oben.«
-
-»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser
-Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend
-lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und
-wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen
-werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner
-Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es
-steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.«
-
-Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das
-Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung,
-nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch
-hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu
-Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer
-definitiven Klärung bringen.
-
-»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den
-Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der
-Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als
-Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung
-empfinde.«
-
-»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und
-rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta
-will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die
-Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden.
-Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon
-gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.«
-
-»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein.
-
-»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten
-wählen.«
-
-»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz.
-
-»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und
-verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes.
-Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über
-deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.«
-
-»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,«
-erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
-
-»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung
-wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir
-sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese
-Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.«
-
-»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta
-über das, was ich dir vorgebracht.«
-
-»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den
-harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern
-mich auch fernerhin an ihm erfreuen.«
-
-»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten
-Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die
-Rechte entgegen, die Bentan innig drückte.
-
-Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner
-ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen
-geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der
-Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-Die Doppelkanäle auf dem Mars.
-
-
-Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch
-behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste
-erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden.
-Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
-Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen,
-großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu
-Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die
-Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der
-menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und
-Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind
-wie hier auf dem Mars.
-
-Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen
-Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für
-das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die
-jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug
-dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle
-zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste
-Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten,
-natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu
-suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das
-Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,
-diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie
-bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
-
-Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in
-einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren,
-körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der
-Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen
-und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an
-die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank
-der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen
-Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von
-Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
-bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig
-ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe
-der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten
-durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die
-Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte
-Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
-
-In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen
-enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den
-neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf
-wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen
-Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen
-mußte.
-
-Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen
-Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des
-Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen
-schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
-Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers
-sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei
-seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur
-Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen.
-Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter
-ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle
-nördliche Gegend.
-
-Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am
-Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen
-Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der
-Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen
-ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit
-seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt,
-sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der
-Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige
-Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen
-Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von
-niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der
-weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
-
-Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade
-nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone,
-die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die
-Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald
-rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die
-Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber
-getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens
-nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung,
-kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das
-idealste aller Verkehrsmittel.
-
-Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone
-überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die
-Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz
-der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes
-Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle
-Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen
-und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste
-Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter
-man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur
-weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden
-Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne
-Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch
-immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
-grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand
-isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.
-
-»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser
-Ziel!«
-
-Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf
-zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf
-einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht
-ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem
-Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies
-auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle
-des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches,
-luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit
-Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.
-Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand
-gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!
-
-Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen
-sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz
-am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur
-Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das
-Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war
-gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte
-es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu
-solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!
-
-»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist
-bereit!«
-
-»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt.
-
-»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.«
-
-Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin
-gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher
-von statten.
-
-Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und
-ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt
-hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend
-grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in
-die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose
-Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem
-Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal
-das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm
-das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der
-Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es
-der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?
-
-Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges
-erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und
-sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen
-aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner,
-mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine
-Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des
-Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte
-weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
-
-Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen
-und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue,
-schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so
-kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine
-Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten
-seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der
-die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt
-keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut
-hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer
-neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art
-Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die
-neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als
-ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und
-an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm
-stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der
-Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und
-regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante
-versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls
-automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die
-Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die
-Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen
-Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten
-Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu
-schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
-
-Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde.
-Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas
-Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz
-außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine
-höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er
-selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich
-sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend
-abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall
-nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm
-dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht.
-
-Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis
-zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne
-gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße
-durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen
-zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der
-schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte
-er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
-
-»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage
-gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte
-erzählt:
-
-»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres
-Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern
-Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das
-allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die
-Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den
-Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere
-Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der
-Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe
-die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit
-unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe,
-die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit
-guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner
-Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr
-ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch
-der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme
-der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war.
-Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel
-auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er
-so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier
-ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und
-ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder,
-durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb
-im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus
-ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf
-technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu
-lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner
-außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine
-zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und
-du wirst noch viel Großes von ihm schauen.«
-
-Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen
-eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes,
-kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu
-viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an
-sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem
-Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße
-messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest
-seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig
-verlassen hatte.
-
-Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der
-Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner
-Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren
-Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der
-Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
-
-Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit
-seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber
-aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster
-der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen
-Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von
-ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort
-wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in
-Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die
-Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon
-mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den
-außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die
-Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die
-größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des
-Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche
-Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des
-öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach
-solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon
-untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.
-
-»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter
-die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen.
-Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu
-ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop
-einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute
-schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?«
-
-»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.«
-
-»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten
-vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht
-Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!«
-
-»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch
-höherem Maße als bei der Erde.«
-
-»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.«
-
-So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und
-Interessante.
-
-Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert.
-Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der
-Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit
-sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
-nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und
-Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche
-gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge
-schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern
-wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da
-aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch
-jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial
-einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und
-konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes
-vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der
-Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone
-vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die
-arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge
-Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel,
-der kein Eis kannte.
-
-Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie
-alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der
-Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem
-Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich
-entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines
-geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte
-hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem
-Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem
-Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere.
-Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die
-gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil
-der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem
-Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim
-geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren
-Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers
-und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne
-besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe
-empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.
-
-Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug,
-waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die
-Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich
-früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so
-kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
-oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von
-Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie
-ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber
-nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die
-Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
-
-Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden
-auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da
-und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst
-leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin,
-bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum
-Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie
-bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank,
-leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf
-war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf
-Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem
-Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn
-es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren
-konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es
-flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
-
-Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten
-erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk
-fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
-
-Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die
-alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich
-die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen
-Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach
-lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die
-schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
-
-Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die
-letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr
-altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem
-Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben,
-mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
-sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der
-Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten
-aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere
-Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
-
-Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben
-geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen
-Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen
-erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf
-dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
-erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der
-Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die
-Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird,
-auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile
-seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
-unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen
-Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte
-Richtung zu geben.
-
-So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner
-Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und
-wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten
-früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit
-geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der
-gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden,
-freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen
-Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral
-und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem
-Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu
-lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt
-hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums
-auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst
-gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem
-Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu
-folgen.
-
-Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an
-Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine
-vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige
-Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes
-der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft
-entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu
-natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola,
-um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner
-Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
-
-»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem
-Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war
-auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als
-bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem
-Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten
-purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem
-Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich,
-sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende
-Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
-
-Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem
-Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der
-Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur
-Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen
-Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen
-Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine
-Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand
-sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der
-Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-Ein tapferer Entschluß.
-
-
-An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in
-den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte
-sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der
-Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch
-der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach
-Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung
-ausgesprochen.
-
-Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des
-Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem
-ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden
-Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit
-Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für
-besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein
-Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
-
-Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede
-schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe,
-dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun
-seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so
-unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt:
-in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller
-Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der
-Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre
-zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen
-Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat
-mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer
-Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch
-entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen
-Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des
-Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich
-vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken
-vorhanden sein.
-
-»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den
-Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr
-Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die
-Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich
-damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit
-begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure
-Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer
-Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr
-meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte
-in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr
-nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich
-nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
-seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört
-worden war.
-
-»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir
-wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen
-lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich.
-
-Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als
-er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur
-Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie
-ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen
-Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen
-Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale
-fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß
-er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom
-Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den
-Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die
-an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat
-seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie
-wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er
-sie wiedersehen würde?
-
-In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut
-gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die
-Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz
-nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei
-ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der
-technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß
-er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
-
-Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch
-elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als
-er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die
-wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang
-seiner Sache hoffen.
-
-»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein
-Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise
-tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat
-uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren,
-sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein
-Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du
-gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und
-Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme
-der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so
-bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde
-des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu
-uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß
-wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an
-der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange
-vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über
-Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
-die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann
-im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von
-Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner
-Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen
-mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft
-aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln
-seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir
-selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf
-der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen
-unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
-halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert
-unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!
-Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir
-dir stets bewahren werden.«
-
-Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit
-erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das
-geringste eingebüßt hatte.
-
-»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem
-Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf
-Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine
-lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die
-Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
-Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin
-ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.«
-
-»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der
-Gelehrte.
-
-»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und
-die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied
-Bentan.
-
-Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit
-Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola
-verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.
-
-»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde
-überrascht?« fragte er seinen Gastgeber.
-
-»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung
-dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen
-Augenblick gewählt hast.«
-
-»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange
-Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz.
-
-»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.«
-
-»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?«
-
-»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den
-richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns
-auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter,
-fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine
-Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit
-hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.«
-
-»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.«
-
-»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber,
-daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon
-ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die
-möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person
-verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.«
-
-»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber
-trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer
-Rückkehr gefaßt haben.«
-
-»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir,
-lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd.
-
-»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf
-der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe
-und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund
-Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
-noch durch Musik und Gesang.«
-
-Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach
-sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen
-Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte
-Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
-Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes
-und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der
-schwäbischen Erde aus!
-
-Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief
-ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie
-werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen
-langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge
-dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es
-verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.«
-
-»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete
-Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde
-ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen
-Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen
-Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit
-dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war
-eilenden Schrittes im Hause verschwunden.
-
-Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er
-in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
-
-»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich
-werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.«
-
-»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der
-Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er
-seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.
-
-»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.«
-
-»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen
-früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich
-die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche
-für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
-ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-Vorbereitungen zur Rückkehr.
-
-
-Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem
-alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der
-Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem
-würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich.
-Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der
-Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten.
-Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der
-Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
-
-Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in
-jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu
-durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung
-bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die
-großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars
-ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten
-Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der
-Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
-
-Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten
-Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von
-Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von
-Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das
-fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in
-Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste
-Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte
-schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger
-Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm
-wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das
-ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf
-der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt
-der Arbeit.
-
-Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der
-Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt
-waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem
-kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln.
-Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft,
-aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein
-Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den
-»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich
-alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen
-zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller
-Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben,
-hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen
-können!
-
-Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System.
-Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher,
-selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim
-»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie
-alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht
-gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die
-in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
-weit in den Schatten stellten.
-
-Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe
-wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen
-dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum,
-der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des
-Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen
-und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung
-entgegenwirken sollte.
-
-Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was
-eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum
-erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die
-exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb
-der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen
-zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester,
-komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen
-Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung,
-teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im
-Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
-geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die
-Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die
-praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an
-den Wänden untergebracht.
-
-Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars
-eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die
-sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung
-mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es
-den Namen »Fridolin Frommherz« tragen.
-
-Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt
-worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der
-Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der
-Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran,
-Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug
-sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden.
-Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar.
-
-Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von
-allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel
-wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der
-Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu
-bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
-verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann
-erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen
-Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine
-nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen
-bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
-kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen
-Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung
-widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem
-ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
-Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst
-geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die
-Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten.
-
-Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin
-Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und
-Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie
-vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung
-an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
-aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit
-fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf
-Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt.
-
-Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
-
-Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all
-ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus
-vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und
-doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
-Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder
-erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben
-festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem
-Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg
-würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen.
-
-In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück,
-um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
-
-Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal
-Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit
-dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein
-Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine
-letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die
-Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in
-pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem
-Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-Auf der Fahrt im Weltraum.
-
-
-Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin
-Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf
-dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt
-worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da
-verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen
-Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und
-funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
-bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes
-Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände
-das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen
-in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte
-sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden
-auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der
-vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der
-Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
-
-Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in
-Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die
-fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete.
-Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach
-Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
-zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er
-naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen
-Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie
-Zeit in Fülle.
-
-Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal
-durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war
-die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger
-wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die
-Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht
-hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als
-der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die
-Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt
-gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz
-weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender
-geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl
-auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten
-Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte
-Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.
-
-Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben
-seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm
-größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere
-Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein
-mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.
-
-»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine
-Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.«
-
-»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja
-so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die
-lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter
-dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht
-genügen.«
-
-»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem
-sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck
-mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da
-plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich
-erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des
-Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem
-Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
-
-»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt.
-
-»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin
-Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber
-Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben
-gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser
-Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft
-erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die
-letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem
-verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das
-zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.«
-
-»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh
-erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?«
-
-»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man
-sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge
-natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige
-mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise
-keinen Mangel leiden.«
-
-Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.
-
-»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte
-er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.«
-
-Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
-
-»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der
-Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines,
-festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot
-sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte
-gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
-Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl,
-leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß
-Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster
-abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker
-Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder
-eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
-
-»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören,
-den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
-
-»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso
-leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine
-Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer
-bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen
-Gelegenheit haben.«
-
-»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin.
-
-»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir
-übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen
-wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.«
-
-»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch
-ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?«
-
-»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung
-sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da
-sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat.
-Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur
-ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das
-Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.«
-
-Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können?
-Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten
-Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch
-erscheinen.
-
-»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine
-augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da
-unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen
-»Mars« zu geben?«
-
-Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
-
-»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen
-sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches
-Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in
-solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
-formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.«
-
-»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des
-Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung
-aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da
-Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit
-Jahrtausenden schon sind sie überwunden.«
-
-»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,«
-sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen
-gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige
-Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.«
-
- * * * * *
-
-Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten
-unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine
-Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt,
-ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
-Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin
-Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite
-Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit
-einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
-zu stiften.
-
-Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und
-erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der
-Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war.
-Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was
-gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das
-Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff
-vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine
-Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen --
-wer vermochte sich das vorzustellen?
-
-Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
-
-»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist
-mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.«
-
-Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
-
-»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines
-jeden Meteoritenringes.«
-
-Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein
-glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit
-wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem
-sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife.
-Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die
-noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des
-Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob
-keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie
-leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen
-Kometenschweifes sein mußte!
-
-Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter,
-nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die
-Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians
-wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz
-vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete
-sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der
-Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im
-schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er
-leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch
-das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an
-andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah --
-Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
-ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe
-es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die
-Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes
-Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im
-Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer
-eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen.
-Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche
-Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen?
-
-»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer
-übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel
-bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich
-Interessantes schauen.«
-
-»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch
-außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir,
-Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine
-jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen
-berechnet, die mich schwindeln machen?«
-
-»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr
-nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.«
-
-»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz
-erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und
-Erde die Bahn eines Planeten läge!«
-
-»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr,
-wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.«
-
-»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen
-Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe.
-
-»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese
-Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser
-gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich
-sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein
-riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in
-stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines
-jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren
-Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller
-andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne
-hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt.
-Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen
-Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den
-wir jetzt treffen werden.«
-
-»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag
-mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?«
-
-»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich
-halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden
-zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde.
-Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine
-Atmosphäre eindringen.«
-
-»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt.
-»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!«
-
-»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß
-nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern
-Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der
-unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros
-nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland,
-Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.«
-
-Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich
-wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte
-den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine
-Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
-wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein
-undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
-
-»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder
-übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die
-Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre
-eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!«
-
-Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein
-Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der
-Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs
-viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
-Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch
-die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze
-einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten
-um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken
-öffneten, etwelche Kühlung.
-
-»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich.
-
-Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel
-eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine
-Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den
-Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so
-klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem
-hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide
-waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß
-die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die
-Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
-winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während
-sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.
-
-»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so
-wenig gesehen!«
-
-»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros
-dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um
-seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden
-und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns
-noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.«
-
-Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz
-neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes
-Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide.
-Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
-Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt,
-drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen
-Halbkugel nicht vorhanden.
-
-Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
-
-»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,«
-sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros
-bewohnt ist.«
-
-Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken
-abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner
-dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme,
-andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff.
-Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen
-das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte
-man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe,
-aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es
-waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar,
-das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
-im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.
-
-»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach
-Häusern aus.«
-
-»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen
-Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von
-Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen
-Eroswinter errichtet.«
-
-»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.
-
-»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit
-seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt,
-daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn
-die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht,
-ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen
-Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen
-Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du
-dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und
-etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?«
-
-Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff
-wieder zum Steigen.
-
-»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese
-armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im
-Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung
-zu stehen.«
-
-»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der
-gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin
-Frommherz begeistert.
-
-»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die
-Erositen nicht erklimmen.«
-
-»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die
-schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der
-Weiterentwicklung absprichst?«
-
-»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern
-Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird
-seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend
-Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft,
-verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann
-Eros seine Bahn um das ewige Licht.«
-
-Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine
-Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben
-verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu
-entwickeln!
-
-Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und
-schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.
-
-Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre
-der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf
-in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel
-plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.
-
-»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist
-er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel
-des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden
-suchen.«
-
-Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.
-
-»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das
-Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner
-gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!«
-
-Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung
-befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend
-Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand
-nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen,
-verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die
-Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom
-Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in
-nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende
-Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von
-Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke
-nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
-erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.
-
-»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das
-Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von
-der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden --
-sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später
-verschlingen.«
-
-Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des
-marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt
-hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen.
-In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem
-in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten
-den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
-erloschen.
-
-Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden,
-daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst
-marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu
-versagen drohten.
-
-Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm
-begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die
-Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel
-seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-Eine Station auf dem Monde.
-
-
-»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen
-Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt
-sich seinem Ende zu.«
-
-»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin
-Frommherz.
-
-»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.«
-
-»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags
-angekommen wären?«
-
-»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage
-bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige
-Mondnacht!«
-
-Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche
-überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen
-schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des
-Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte
-strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen
-hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
-Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz
-erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen,
-aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da
-türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler,
-übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
-und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen
-nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser,
-nach einer Spur von Grün.
-
-Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit
-landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs
-eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste,
-glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine,
-dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum
-Halse, wo sie fest geschlossen wurde.
-
-»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft
-zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den
-Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen.
-Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch
-schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
-sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da
-bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung
-noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten
-verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine
-Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge,
-die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
-eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um.
-Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos,
-darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum
-zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von
-glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten.
-Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am
-Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus
-gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
-
-»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage
-sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre
-Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die
-eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war
-Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein
-Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte
-kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die
-Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der
-Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
-
-»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der
-Erdensohn.
-
-Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und
-photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar
-nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich
-nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er
-auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite
-wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis
-seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er
-freundlich:
-
-»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?«
-
-»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt
-ist; aber keiner von euch antwortete mir.«
-
-»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd.
-
-»Ihr konntet nicht?«
-
-»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und
-wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.«
-
-»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich
-gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.«
-
-»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich
-langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich
-meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin
-eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist
-aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die
-Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft
-beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist,
-die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch
-Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
-Mangel an Luft.«
-
-Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der
-Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben
-der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so
-heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein
-Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
-überall.
-
-Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den
-nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es
-war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend
-Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne
-Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der
-höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie
-leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern,
-beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in
-kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
-Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die
-mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen
-hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer
-aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war
-ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so
-viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu
-leicht.
-
-Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen
-Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da
-gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine
-dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten
-Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
-
-Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer
-durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von
-Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte
-hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher
-schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr
-zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich,
-ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang,
-war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem
-Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne
-zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
-wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der
-Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
-
-Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine
-Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die
-Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung
-zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.
-
-Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein --
-ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten
-so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat.
-Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch
-fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim
-Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die
-gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die
-Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige
-Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen
-oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder
-vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In
-einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der
-Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen,
-über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner
-Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen.
-Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der
-Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen
-gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das
-Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das
-Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit
-einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an
-schwere Gegenstände an.
-
-»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken.
-
-»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche
-Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in
-schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir
-Marsiten es noch nie erlebt haben.«
-
-Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes
-plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt
-zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein
-fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz
-erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren
-Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
-
-Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische
-Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn
-Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über
-seine Hände.
-
-Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten
-die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters.
-Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten
-Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis
-der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die
-Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem
-Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen.
-Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die
-Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel
-in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die
-sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht
-werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.
-
-»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den
-vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein
-einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen
-kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch
-was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese
-herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
-bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr
-bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die
-durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und
-Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen
-Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem
-zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser
-Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.«
-
-Fridolin Frommherz nickte.
-
-»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft,
-den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit
-ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.«
-
-»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und
-es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es
-jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht
-nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft
-verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen.
-Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr;
-andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. --
-Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt!
-Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten
-Atmosphäre.«
-
-Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim
-ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-Die drei Freunde.
-
-
-Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres
-Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es
-waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum,
-die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft
-feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren
-Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige,
-idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars
-hatten führen dürfen.
-
-Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die
-Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem
-Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit
-abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur
-nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der
-Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus
-sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich
-für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein
-merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu
-bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte
-Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die
-hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu
-tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das
-Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
-
-Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu
-blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum
-noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es
-ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr
-verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
-ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt
-worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren
-die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner
-Huldigung.
-
-Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise
-der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche,
-brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als
-ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger
-verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die
-sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung
-zu tragen.
-
-In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit
-ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch
-nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise
-gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der
-Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph,
-und Parazelsus Piller, der Arzt.
-
-In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei
-Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses
-beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg
-bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort
-waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so
-behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine
-tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen
-Gedanken beschäftigt.
-
-»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen
-Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel
-betrachtete.
-
-»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller
-lächelnd.
-
-»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf
-Brummhuber ein.
-
-»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber
-Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft.
-
-»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen
-Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage
-euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen
-im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich
-hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich
-interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der
-Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.«
-
-»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,«
-lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige
-Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn
-der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?«
-
-Der Angeredete nickte lächelnd.
-
-»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,«
-erwiderte Piller finstern Tones.
-
-»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne
-Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer
-langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.«
-
-»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller.
-
-»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen
-Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir
-scheint.«
-
-»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber.
-
-»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller,
-bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle
-genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.«
-
-»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete
-Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte,
-den gewünschten Wein herbeizubringen.
-
-Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten
-Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine
-Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen
-feingeschnittenen Kopf.
-
-»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser
-Beleuchtung erblickte.
-
-»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,«
-bestätigte Brummhuber.
-
-»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen
-Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst:
-
-»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter
-geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und
-fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit
-tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du
-könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola
-eintreten.«
-
-»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei.
-
-»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der
-Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre
-der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.
-
-»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller.
-
-»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,«
-als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen
-Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.
-
-Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt
-waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck
-der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des
-Antrittes unserer Weltenreise.«
-
-Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem
-Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief:
-»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem
-Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas.
-
-»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein
-Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber.
-
-»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden
-verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas
-austrank.
-
-»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?«
-schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um
-sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.
-
-»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,«
-versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt,
-jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß
-er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.«
-
-»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller.
-»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch
-besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur
-Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.«
-
-»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde
-einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr
-entworfen haben,« knurrte Piller.
-
-»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein.
-
-»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir
-den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller.
-
-»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt
-die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!«
-
-»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir
-geblieben ist,« verwies ihn Stiller.
-
-»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund
-Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.
-
-»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten
-Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.«
-
-»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig
-verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann
-auch ich mit dem Dichter sagen.«
-
-»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und
-eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum
-grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und
-die Klingel ziehend.
-
-»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte
-Piller.
-
-»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!«
-
-»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt
-der edle Wein mein ganzes Ich.«
-
-»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen
-Betonung mehr.«
-
-»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.«
-
-»Hoffe es auch sonst immer zu sein.«
-
-»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.«
-
-»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.«
-
-»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller.
-
-»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese
-hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume
-dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt
-versöhnungsvoll,« entgegnete Piller.
-
-»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die
-Schulter.
-
-»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!«
-
-»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller.
-
-»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei.
-
-Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten
-zu werfen.
-
-»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste.
-
-»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so
-hübsch träumen.«
-
-»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder
-dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du
-selbst.«
-
-»Wie meinst du das?«
-
-»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.«
-
-»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so
-wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber.
-
-»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei.
-
-»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen
-mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne,
-poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große
-Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!«
-
-»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete
-Piller trocken.
-
-»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete
-Stiller.
-
-»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem
-Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends
-in dem Palaste der Weisen in Angola?«
-
-»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise.
-
-»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher
-gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese
-mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr
-hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des
-Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.
-
-»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch
-diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf
-ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.
-
-»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh
-nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch!
-Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten
-verfolgen.«
-
-»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche
-und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der
-Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals
-erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt.
-
-»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu.
-
-»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir,
-Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet
-werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige
-Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.«
-
-»Sehr wahr!« warf Piller ein.
-
-»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie
-von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der
-Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese,
-bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die
-naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird
-sich der Dumme breitmachen können.«
-
-»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale
-entfernt.«
-
-»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen,
-so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest.
-So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der
-Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste
-benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der
-härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben
-Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir
-da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System
-alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest
-verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine
-herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen.
-Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein
-Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache
-muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine
-Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise
-das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen
-gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu
-seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines
-wirklichen Menschen Anspruch erhebt.«
-
-Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden
-Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war
-auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen.
-
-»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der
-zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs
-Fenster geworfen hatte.
-
-»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem
-Beispiele Brummhubers gefolgt war.
-
-»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der
-Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein
-Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu
-betrachten.«
-
-»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde.
-
-»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon
-seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.«
-
-Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das
-große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen
-Weltkörpers begann.
-
-»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund,
-nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen.
-
-»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich
-bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.«
-
-»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?«
-
-»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig
-die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das
-existierte doch noch nicht, als wir oben waren.«
-
-»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für
-dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.«
-
-Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.
-
-»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob
-die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen
-wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung.
-
-»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme
-Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf
-dem Mars besprechen.«
-
-In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes
-Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu
-gemütlicher Plauderei zurück.
-
-»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,«
-bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend.
-
-»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber.
-
-»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer
-Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen
-Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.«
-
-»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller
-überrascht ein.
-
-»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine
-möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.«
-
-»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber.
-
-»Ich glaube, ja!«
-
-»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.«
-
-»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom
-Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu
-große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort
-oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener
-Anschauung kennen gelernt haben.«
-
-»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre
-fort.«
-
-»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind
-neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als
-überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles
-ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf
-dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der
-Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit
-wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.«
-
-»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde
-aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die
-Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich
-die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?«
-
-»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars
-selbst gehört habe,« antwortete Stiller.
-
-»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir
-geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit
-aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber.
-
-»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von
-dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine
-Wohl ausführen.«
-
-»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller.
-
-»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber.
-»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.«
-
-»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen.
-Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und
-Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern
-Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den
-stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen
-konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar
-geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen
-Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten
-vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein
-Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?«
-
-Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig
-schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er.
-
-»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend.
-
-»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!«
-
-»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das
-Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es
-dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis
-der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung
-unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir
-des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben,
-bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen
-Vervollkommnung.«
-
-»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir
-für heute wenigstens den letzten Trunk!«
-
-»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag
-ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.«
-
-»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein
-vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich
-schlürfen. Prosit!«
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-Wieder auf der Erde.
-
-
-Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume
-und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales.
-Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll
-Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des
-östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken
-begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen
-da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied;
-die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander
-zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft
-die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben
-plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.
-
-Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig
-gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals
-vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu
-zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des
-Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte
-meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige
-Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung
-durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden.
-
-Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus,
-war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt
-worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer
-Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das
-Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im
-Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken.
-
-Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem
-sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte.
-Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend,
-die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte
-gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der
-sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen
-Eisengitter umgeben war.
-
-Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene
-Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den
-Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken
-stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die
-eingemeißelten und vergoldeten Worte:
-
-ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE
-EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS
-DANKBARE VATERLAND.
-
-Auf der zweiten Seite war zu lesen:
-
-VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN
-MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D.
-DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ.
-
-Die dritte Seite trug die Mitteilung:
-
-NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM
-MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT
-ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . .
-
-Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die
-Rede. Frommherz las:
-
-ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER
-SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ.
-
-»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz
-vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet
-hatte.
-
-»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens
-vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind.
-Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.«
-
-Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl
-Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren
-und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare
-Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte?
-Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu
-fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück.
-
-In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen
-ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg
-und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem
-Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben
-gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung
-in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten
-menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er
-sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos
-daherschreitenden Frommherz.
-
-»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern
-Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes
-auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen
-Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen
-Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte
-sich in drohendster Weise.
-
-»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob.
-
-»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel.
-
-Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des
-Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er.
-»Also nochmals, woher kommen Sie?«
-
-»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd.
-
-Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen.
-
-»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,«
-mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des
-Gelehrten in das Verhör.
-
-»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann
-etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser
-Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein
-finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens.
-
-»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter.
-
-»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!«
-
-»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre
-Ausweispapiere?«
-
-»Ich führe keine bei mir.«
-
-»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir
-zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad.
-
-»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem
-grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch
-so recht heimatlich.
-
-Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung
-Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines
-Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig
-gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
-
-»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor
-sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer,
-verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
-
-»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil
-schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem
-Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.«
-
-Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in
-aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der
-Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke
-begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen
-haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
-
-Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren,
-blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der
-Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit
-war, das Verhör begann.
-
-»Ihr Name?«
-
-»Fridolin Frommherz.«
-
-»Geboren?«
-
-»26. September 19 . .«
-
-»Wo?«
-
-»In Cannstatt.«
-
-»Beruf?«
-
-»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.«
-
-»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit
-entsprechende Angaben zu machen.«
-
-»Für mich ganz selbstverständlich!«
-
-»Letzter Aufenthaltsort?«
-
-»Lumata.«
-
-»Lu--Lu--Lu--ma--mata?«
-
-»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz.
-
-»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?«
-
-»Auf dem Mars.«
-
-»Mars? Was ist denn das für ein Land?«
-
-»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer
-von ihr entfernt.«
-
-»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr
-Grobschmiedle auf.
-
-»Durchaus nicht, mein Lieber.«
-
-»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar.
-
-»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.«
-
-»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann
-Dietrich ein.
-
-»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen
-Untergebenen an.
-
-»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz.
-
-»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär
-zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben
-sich dementsprechend zu benehmen.«
-
-Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln.
-
-»Warum lachen Sie?«
-
-»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr
-als vierzehnjähriger Abwesenheit.«
-
-»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die
-Bemerkung Frommherz' zu beachten.
-
-»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.«
-
-»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die
-Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen
-Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.«
-
-»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre
-Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte.
-
-»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?«
-
-Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich
-Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
-
-»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in
-Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit.
-Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf
-ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen.
-Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die
-Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
-empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit,
-ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an
-Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur
-umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen,
-sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich
-aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden
-kann.«
-
-Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da
-hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt.
-Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine
-kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter
-dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär
-erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete
-Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an
-manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und
-äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
-Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten
-ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten
-eingetragen.
-
-Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel
-stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen
-konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht
-einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
-
-»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,«
-erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
-
-»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche
-zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,«
-entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
-
-»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?«
-
-»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte
-seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke
-aufbewahrt hatte.
-
-»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle
-auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden
-erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu.
-
-Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier:
-»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier
-gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen
-befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend.
-Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.
-
-Herzlichen Freundes- und Brudergruß
-Fridolin Frommherz.«
-
-»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär.
-
-»Ich habe noch eine kleine Bitte!«
-
-»Was soll's sein?« brummte der Beamte.
-
-»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen
-gestatten?«
-
-»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche
-gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des
-Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte.
-
-Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes
-frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen
-verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren
-gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein
-Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat
-hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde
-hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller.
-
-»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner
-Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll
-freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen.
-
-Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten
-Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über
-den seinem Freunde angetanen Schimpf.
-
-»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich
-geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?«
-wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!«
-
-»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu
-entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber
-Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden.
-
-»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann
-gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte,
-der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde
-zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre
-hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller
-heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann
-wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche
-steht!«
-
-»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine
-Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen
-über die Sache.«
-
-»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und
-verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller.
-
-Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete
-erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat
-und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da
-schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig
-zugänglichen Polizeibeamten.
-
-»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller.
-
-»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz.
-
-»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und
-besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an
-dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter
-Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller.
-
-»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd.
-
-Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts
-schönsten Ort.
-
-Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in
-ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der
-Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe
-von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge
-gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt
-worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder
-entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es
-hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch
-zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das
-Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte.
-Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten
-Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches
-Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei
-gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten
-Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen
-den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte
-Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
-
-Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal
-niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von
-neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von
-Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um
-Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
-und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
-
-»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir
-würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen
-haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige.
-
-»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr
-meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und
-Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir
-schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft
-anzuzeigen.«
-
-»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es
-gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz,
-Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes
-unverhoffte Rückkehr.«
-
-Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
-
-»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der
-Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser
-Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.«
-
-»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen.
-
-»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig
-miteinander sprechen.«
-
-»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun
-auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für
-die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren
-damit einverstanden.
-
-»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,«
-erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr
-ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten
-wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was
-machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?«
-
-»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber.
-
-»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!«
-
-»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde
-des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte
-Stiller.
-
-»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich
-oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller.
-
-»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das
-gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug
-mit aller Sicherheit landen konnte.«
-
-»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?«
-
-»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans
-Neffe.«
-
-»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der
-Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner
-weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten,
-woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten
-fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
-Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden
-Verschwinden!« urteilte Piller.
-
-»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt,
-gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz
-seine Begleiter.
-
-»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber.
-
-»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete
-Frommherz.
-
-»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,«
-fügte Stiller hinzu.
-
-»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt.
-
-»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von
-Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und
-wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung
-schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller.
-
-Die Herren lachten.
-
-»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde
-Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.«
-
-»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber.
-
-»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.«
-
-»Nur?«
-
-»Lange genug, trotzalledem.«
-
-»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem
-Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen,
-und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen.
-
-»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?«
-fragte Stiller herzlichen Tones.
-
-»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu
-bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit,
-Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden,
-wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein
-werden.«
-
-»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns
-danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller.
-
-»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben
-seid.«
-
-»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer
-Meinung,« entgegnete Brummhuber.
-
-»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer,
-veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen,
-schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund
-Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch
-zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
-ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu
-dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem
-gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern,
-daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch
-beging, wieder gut zu machen suchte.«
-
-»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der
-Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt
-hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.«
-
-»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß
-Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu
-eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der
-schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.«
-
-»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber
-ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für
-immer hier unten bleiben müssen.«
-
-»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber
-ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist,
-wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war
-schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir
-ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht
-genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen
-befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz.
-
-»Das stimmt,« bestätigte Piller.
-
-»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars
-Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar
-trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes
-nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als
-alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke
-selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz
-der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer
-Freunde.«
-
-»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in
-Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes
-Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene
-unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch
-atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen
-Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige
-Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller.
-
-Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es
-möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben
-scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die
-wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die
-mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen
-vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und
-auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.«
-
-Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte
-er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne
-niemals gehört.
-
-»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars
-in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten
-Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte.
-
-»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber.
-
-Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger
-anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an
-ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier
-Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die
-Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs
-zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
-Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
-
-»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere
-Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller.
-
-»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,«
-lobte Frommherz.
-
-Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an
-Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab.
-
-»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller.
-
-Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite
-Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die
-weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger
-anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen
-Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen
-die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den
-Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der
-blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die
-Hand.
-
-Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes
-Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die
-Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit
-Jubel angenommen wurde.
-
-»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie
-hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor.
-
-Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung
-fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren
-berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im
-Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über
-die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der
-Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den
-Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich
-ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu.
-
-»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich
-vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz.
-
-»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals,
-als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber.
-
-»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,«
-bemerkte Stiller.
-
-Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen
-in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer.
-
-»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich
-stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund
-Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,«
-lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie
-früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber
-Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns
-wiedergeschenkten Freundes leeren.«
-
-Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte
-langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe
-sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da
-begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.
-
-»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher
-eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber.
-
-»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller.
-
-»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte
-Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken
-lauten Willkomm bieten.«
-
-»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber.
-
-Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es
-. . .
-
-Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im
-Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden
-Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die
-da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
-Landschaftsbildes still genossen.
-
-»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und
-machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer
-feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
-
-»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller.
-
-»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,«
-äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute
-fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.«
-
-»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am
-liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem
-Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.«
-
-»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang
-und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich
-verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller.
-
-Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da
-durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche
-Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied:
-»Des Vaterlandes Gruß.«
-
-Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen
-Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten.
-Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte,
-unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald
-entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
-Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der
-Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts,
-der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender
-Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-Fromme Wünsche.
-
-
-Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den
-Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten,
-saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem
-Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die
-Presse sollte es leider nicht abgehen.
-
-Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine
-Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den
-Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen
-Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher
-gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann
-zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist
-selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten
-die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst
-vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern
-gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen
-Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
-Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man
-sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.
-
-Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er
-seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion
-erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein
-vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das
-sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch
-nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen
-Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt
-sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland
-vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
-wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der
-Artikel.
-
-Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar
-nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten
-Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den
-Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
-
-»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das
-Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine
-besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt
-doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen
-bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu
-sein.«
-
-Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man
-zertreten sollte,« schimpfte er.
-
-»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,«
-antwortete Stiller.
-
-»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.«
-
-»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen
-Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es
-tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser
-fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier
-gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.«
-
-»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde
-als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die
-Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit
-kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.«
-
-»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller.
-
-»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum
-Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit
-von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und
-Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des
-Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte
-fort, Fridolin,« bat Stiller.
-
-Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre
-auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien,
-wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten
-Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die
-Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm
-zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und
-Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem
-Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle
-dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
-Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
-
-Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser
-gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
-
-»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle
-aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir,
-Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor
-wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem
-selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
-Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.«
-
-»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber.
-
-»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen
-Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!«
-
-Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit
-mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem
-Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch
-von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller
-begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm
-gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie
-Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle
-getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter
-Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf
-das günstigste aufgenommen worden sei.
-
-»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst
-zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich
-eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem,
-ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten,
-besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten
-Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat
-der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.
-
-Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug
-in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem
-Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt
-in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das
-ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug
-durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch
-auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal
-eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die
-Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend
-kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in
-der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte.
-In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem
-Wasen abgesetzt.«
-
-Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung
-beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten
-Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten
-der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem
-Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben,
-nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich,
-unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt,
-der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten
-lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst
-vorzeitig in die Grube gefahren.
-
-Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort
-und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und
-den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge
-aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die
-ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um
-alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter
-Weise zu leben.
-
-Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem
-engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem
-Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur
-Angliederung anziehen werde.
-
-Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem
-Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen
-Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von
-zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu
-sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und
-Adolf Blieder.
-
-»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte
-Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.
-
-»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor
-euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart
-sagen, was sie von mir wollen.«
-
-»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie
-eintreten.«
-
-Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich
-sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten
-Stiller freundlich.
-
-»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz,
-der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller
-vor.
-
-»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz
-verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.
-
-»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller.
-Die Herren folgten der Einladung.
-
-»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das
-Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf
-deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.«
-
-»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht
-auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber
-Blieder,« korrigierte Stiller.
-
-»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?«
-
-»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd.
-
-»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.
-
-»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz
-wegen rechte Sorgen.«
-
-»Wieso?« fragte Stiller erstaunt.
-
-»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige
-Sache.«
-
-»Eine Änderung?«
-
-»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des
-Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.«
-
-»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?«
-
-»Ja!«
-
-»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller.
-
-»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder.
-
-»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte
-Piller nicht ohne Hohn.
-
-»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es
-handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die
-einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach,
-wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein
-verändertes und unschönes Aussehen zu geben.«
-
-»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob.
-
-»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel
-fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag
-dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht
-lebhafte und unangenehme Debatten.«
-
-»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller
-lächelnd.
-
-»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.«
-
-»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller.
-
-»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.
-
-»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones.
-
-Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der
-beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken
-verloren.
-
-»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um
-Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger
-Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht
-gehen?«
-
-»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es
-getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir
-jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen
-zu sein.«
-
-»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten
-Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen
-Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies
-ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren
-erlebt, nicht wahr?«
-
-»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
-
-»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus
-Stiller,« rief Piller.
-
-Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf
-Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem
-spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten
-sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
-
-»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,«
-äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.
-
-»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den
-Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.«
-
-»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen.
-
-»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit
-paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und
-Blieder nicht gänzlich frei.«
-
-»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht,
-darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend
-für uns.«
-
-Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben
-aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der
-Graf von Neckartal.
-
-»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter.
-»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten
-Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum
-Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte
-der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus
-eintretend.
-
-»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich
-bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort,
-als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die
-Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
-hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei
-wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen!
-Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im
-ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.«
-
-»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas
-vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle
-Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.«
-
-»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch
-hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes
-von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden.
-Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten
-Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den
-Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese
-merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.«
-
-»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich
-habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des
-Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.«
-
-»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug
-bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt
-wurde.«
-
-»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz.
-
-»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt
-komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf
-fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die
-Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das,
-was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls
-Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde
-gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.«
-
-»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,«
-antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?«
-
-»Um acht Uhr in der Liederhalle.«
-
-»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?«
-
-»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem
-Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
-
-»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für
-Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.
-
-»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine
-Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war.
-
-»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz
-lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine
-Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen
-gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären
-übrig.«
-
-»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit
-entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans,
-ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach
-augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun
-laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur
-streifen!«
-
-Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich
-bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn
-Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts
-bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen
-empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
-Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.
-
-Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer
-scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels.
-Nun erhielt Frommherz das Wort.
-
-»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an.
-»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir
-geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren
-gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie
-von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht
-begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die
-mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei
-etwas weiter ausholen.
-
-Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität
-in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und
-treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu
-unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in
-ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer
-Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes
-Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine
-Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein
-künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen
-Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden
-individuellen Selbständigkeit.
-
-Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des
-Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger
-wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge
-wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute
-gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.
-
-Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten
-Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit
-für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper
-und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der
-Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur
-unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es
-wahrscheinlich auch noch heute ist.
-
-Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen
-Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des
-Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war
-unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter
-Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr,
-und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren
-Willen, zurück.
-
-Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip
-des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es
-verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine
-gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten
-Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.
-Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und
-körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich
-selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem
-Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche
-Rolle spielt.
-
-Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der
-Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl
-aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare
-Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem
-Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und
-Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und
-gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die
-Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.
-
-Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf
-dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die
-mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen,
-egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den
-Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So
-entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder
-vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu
-arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich
-frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir
-oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens,
-der Nächstenliebe.
-
-Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren
-Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit
-das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral
-auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden,
-dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen
-liegt.
-
-So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund
-mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den
-Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung
-des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.
-
-Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die
-Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche
-Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich
-achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen
-Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet
-hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz
-gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig
-merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,
-die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE ***
-
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