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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41523 ***
+
+Vom Mars zur Erde
+
+
+Eine Erzählung für die reifere Jugend
+von
+Dr. Albert Daiber
+
+
+Verfasser von: »Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars«
+
+Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen
+
+Zweite Auflage
+
+
+Stuttgart
+Verlag von Levy & Müller
+
+
+Nachdruck verboten.
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
+Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1
+Zweites Kapitel. Die Sühne 8
+Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21
+Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen 37
+Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars 45
+Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß 61
+Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr 69
+Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74
+Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89
+Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98
+Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112
+Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134
+
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+Der Erdensohn auf dem Mars.
+
+
+Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich
+am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum
+Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und
+Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
+Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen?
+Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die
+ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden
+in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im
+lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen
+Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn
+jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten
+unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des
+monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres
+kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im
+Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick
+. . .
+
+Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie
+und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand
+über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller
+Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde,
+die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so
+viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon
+ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt
+daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern --
+das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne
+zu.
+
+»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob
+ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren.
+Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du
+bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders!
+Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir
+den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den
+Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in
+so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren
+Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier
+auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön
+nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!«
+
+Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß
+sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf
+seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein
+Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
+Quält dich das Heimweh nach der Erde?«
+
+»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will
+ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!«
+
+»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im
+Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses
+auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als
+deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem
+Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe
+läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?«
+
+Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden
+eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit
+dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den
+weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
+Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das
+lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie
+sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
+
+Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du
+selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein
+Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich
+dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten
+vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der
+Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es
+unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
+einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer
+Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!«
+
+»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir
+fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum
+angegangen?«
+
+»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz
+eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus
+hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber
+verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in
+euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses
+tatenlose Dasein auf meiner Seele.«
+
+»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich
+dich aufgesucht.«
+
+Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem
+Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?«
+
+»Du möchtest nach Angola kommen.«
+
+Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf
+volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen,
+aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten,
+ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der
+Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
+taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln.
+Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
+
+»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich.
+
+»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
+
+»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun
+aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben
+bereits Lumata wieder erreicht.«
+
+In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den
+nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern
+vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden
+Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
+Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten
+flache Dächer.
+
+»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung
+erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle
+emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist
+weit.«
+
+»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!«
+
+Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn
+wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in
+den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer
+wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
+gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren
+der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im
+Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen,
+ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch
+erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
+waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten
+als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach
+unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten
+zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom
+Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den
+Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.
+
+Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an
+demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich
+unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen
+paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen,
+gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
+etwas an seinem Herzen?
+
+Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit
+den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den
+scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied
+gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
+Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die
+Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente
+schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl
+zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem
+Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
+
+Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen,
+aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich,
+wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in
+respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen
+anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
+Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die
+Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner
+Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht
+bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier
+oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte
+er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten
+wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten,
+die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der
+Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung,
+die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte
+ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die
+Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos
+rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er
+immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege,
+obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische
+Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
+er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
+War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der
+Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner
+Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas
+länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei
+Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch
+nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine
+Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
+
+Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische
+Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
+
+Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich
+fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen
+durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im
+pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und
+Erde die krausesten Dinge erleben ließen.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+Die Sühne.
+
+
+Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur
+Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin
+Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein
+bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen
+sollte.
+
+Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen,
+die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch
+Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten.
+Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt
+unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte
+Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch
+durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden
+Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der
+Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte
+diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden
+rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine
+Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
+
+»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von
+Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns
+die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze
+laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind
+sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
+gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige.
+Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit
+Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze
+an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut
+besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr
+bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die
+uns unmöglich wären.«
+
+Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die
+gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch
+kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In
+üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
+und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute
+Bewunderung aus.
+
+»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus
+dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.«
+
+»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der
+Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich
+hinblickenden Greis.
+
+Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von
+Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der
+Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur
+Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem
+großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der
+Gesamtheit bedingt wird.«
+
+»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert,
+eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?«
+
+»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre
+mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst
+uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden
+sind?«
+
+»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde
+ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht
+bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde
+erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.«
+
+»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen
+Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für
+jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die
+wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist
+das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle
+Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder
+Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme
+der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern,
+ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein
+Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem
+Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du
+deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist,
+sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.«
+
+»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch
+bei euch zuweilen vorkommen.«
+
+»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat
+das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer
+abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie
+in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die
+Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen,
+gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.«
+
+»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der
+Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!«
+seufzte Fridolin Frommherz.
+
+»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung
+und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen
+ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!«
+
+Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder
+recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er
+erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die
+blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
+wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er
+schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir
+vorhat?«
+
+»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen
+dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben
+bist.«
+
+Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen.
+
+»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
+
+»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,«
+meinte Frommherz etwas unsicher.
+
+»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es
+gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene
+Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an
+sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber
+durchgesetzt hast.«
+
+Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
+
+Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund!
+Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war
+ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und
+daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit
+erwarten.«
+
+»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.«
+
+»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd.
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines
+Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.«
+
+»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich
+lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von
+der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber
+ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen
+dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein
+Wörterbuch der deutschen Sprache?«
+
+»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als
+Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.«
+
+»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder
+ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen,
+würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.«
+
+Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und
+drückte sie herzlich.
+
+»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab.
+
+Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam
+gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da,
+himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten.
+Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen
+den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des
+Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die
+Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde
+größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die
+Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren
+Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
+Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da
+weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und
+der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge
+. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich
+Fridolin Frommherz sehr wohl.
+
+»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So
+vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich,
+mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen,
+wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.«
+
+»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen
+Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus
+eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der
+unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.«
+
+»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen
+Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch
+dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie
+nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?«
+
+»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der
+Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte
+Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto
+drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto
+kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund,
+einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer
+Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen.
+Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich
+unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
+kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen
+Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten
+vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf
+ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein
+Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.«
+
+»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn
+bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe
+daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß
+gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um
+Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich
+unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer
+Entfernung auftauchte.
+
+»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der
+Knaben den unterrichtenden Lehrer?«
+
+»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so
+aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?«
+
+»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den
+Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm
+entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.«
+
+»Das ist viel,« sagte Fridolin.
+
+»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer
+unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze
+unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren
+Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir
+uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan
+seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.«
+
+Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe
+herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten
+eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
+
+»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend.
+»Gedeiht dein Werk?«
+
+»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine
+schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu
+tun.«
+
+»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!«
+
+»Ja, die Arbeit macht froh!«
+
+»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?«
+
+»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger
+Eran!«
+
+»Das wird mir Freude sein, junger Freund!«
+
+Weiter rollte der Wagen.
+
+»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd.
+
+»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er
+gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk.
+Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene
+verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
+dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.«
+
+»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der
+Schwabe.
+
+Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der
+bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch
+eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand
+ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und
+Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der
+Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten
+Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen
+übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich
+an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier
+gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine
+halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem
+Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei
+60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun
+schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des
+Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm
+und bequem machen konnte.
+
+Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der
+ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da
+vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe.
+Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen
+eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang
+und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen
+Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner
+besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen
+zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und
+Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur
+übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die
+Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie
+der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der
+Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren
+bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu
+schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur
+zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die
+marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden
+Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch
+unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
+erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die
+langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen
+versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
+
+Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug
+kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg
+es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden
+ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen!
+Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde
+sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
+
+»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des
+Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran.
+
+»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder
+einmal von oben herab schauen.«
+
+Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin
+Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen
+sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen.
+Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten
+Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre
+war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den
+Drückeberger, abgehalten worden.
+
+Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes
+Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar
+gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und
+darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und
+Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte
+sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
+Gewissensbissen.
+
+Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs,
+als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat.
+Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen
+anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn
+wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der
+Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im
+Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als
+er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten
+zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des
+Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen
+öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten
+Marsiten.
+
+»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr
+zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit
+den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
+
+»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde
+zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,«
+sprach Fridolin.
+
+»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,«
+entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder
+zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als
+wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde
+einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich
+auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
+wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der
+uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in
+diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt
+hatten, riefen wir dich.«
+
+Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es
+lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten.
+Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte,
+empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
+Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
+
+»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan
+nach kurzem Stillschweigen.
+
+»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz.
+
+»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich
+benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns
+ist die Sache abgetan.«
+
+»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte
+Frommherz.
+
+»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier
+in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns
+nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.«
+
+»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu
+antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich
+euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.«
+
+»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner
+Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder
+hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die
+Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen,
+dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender
+Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.«
+Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich
+zurück.
+
+»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der
+letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte
+Frommherz vor sich hin.
+
+»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?«
+forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
+
+»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz.
+
+»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für
+lange Zeit wohl auch das deine sein.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+Eine Sisyphusarbeit.
+
+
+Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim
+Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast
+viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus
+lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der
+Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über
+die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See
+einschlossen.
+
+Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von
+der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten
+gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller
+Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit
+farbenprächtigen, duftenden Blüten.
+
+Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans
+holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer
+jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher
+Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen
+gegenüber freundliche Gesinnungen hegen.
+
+Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur
+Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine
+herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt
+werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen
+wäre.
+
+Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich
+entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen,
+jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit
+doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
+einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug.
+
+Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des
+Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach
+getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
+Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich
+dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen,
+abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene
+Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und
+nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige
+Lebensauffassung umzuformen begannen.
+
+Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich
+an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung,
+wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im
+allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher
+erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
+
+Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta
+stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang.
+Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich
+göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen
+und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie
+bis dahin noch niemals gekannt hatte.
+
+Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und
+reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines
+hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos
+scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
+Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit
+jeglicher Empfindung.
+
+»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,«
+brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr
+seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus
+der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese
+Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz
+verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen
+Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in
+verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische
+lagen.
+
+Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald
+dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das
+Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer
+der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein
+Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen,
+seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und
+fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei.
+
+Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr
+eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an
+der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er
+einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
+Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem
+Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede
+tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches
+Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu
+schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm
+manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen.
+Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das
+schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
+außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn
+über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten,
+die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten.
+Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das
+die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
+
+Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde
+auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen,
+Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er
+hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation
+und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der
+Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen
+Muttersprache zuerkannt.
+
+An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom
+Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
+
+»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt,
+wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei
+fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art
+meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine
+Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt,
+so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das
+wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre
+dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über
+die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb
+emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer.
+
+»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola
+zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte.
+
+»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk
+gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße
+schüttelnd.
+
+»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits
+schlecht!«
+
+»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran.
+
+»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.«
+
+»So, so!« lächelte Eran.
+
+»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich
+vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite
+Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.«
+
+»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des
+Erdenalphabetes? Kaum möglich!«
+
+»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz
+betreten.
+
+»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit
+zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst
+du sie denn beenden?«
+
+»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je
+schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade
+seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von
+stattlicher Größe gefüllt.
+
+»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes
+vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin
+Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und
+mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
+und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug
+verdienen.«
+
+Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber
+wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?«
+
+»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine
+Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an
+Benta dachte.
+
+»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine
+Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt
+nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit
+in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.«
+
+»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang
+. . .«
+
+»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten
+Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein
+Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine
+geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir
+dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen
+will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.«
+
+»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich
+gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war.
+Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in
+wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!«
+
+»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt,
+daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so
+feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.«
+
+Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola
+kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich
+dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten
+Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
+
+Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht
+gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn.
+Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle
+geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran
+hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er
+umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des
+Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen?
+Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie
+der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich
+nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte
+eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
+das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese
+selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als
+ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam
+ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu
+vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte,
+nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so
+schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war.
+
+Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er
+schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine
+Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu
+vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das
+fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig
+gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene
+Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am
+Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß.
+
+»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen
+deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte
+Bentan.
+
+»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte
+gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine
+Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht
+mich frei und fröhlich zugleich.«
+
+»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große,
+unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch
+besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.«
+
+»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um
+an wichtigen Beratungen teilzunehmen.«
+
+»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie
+bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan.
+
+»Worin bestehen diese Berichte?«
+
+»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die
+Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch
+die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten
+wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge
+dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als
+er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du
+wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte,
+im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.«
+
+Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans
+Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen.
+
+»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe
+mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der
+Erheiterung.«
+
+»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer
+gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll
+Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
+
+In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das
+Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er
+sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie
+energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten
+beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu
+erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des
+Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des
+Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie
+Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen
+Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße.
+
+»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein,
+»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als
+wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid,
+müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.«
+
+»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere
+geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so
+langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als
+ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr
+verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die
+Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter
+wechselnden Siegen und Niederlagen.«
+
+»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein.
+
+»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure
+vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde
+geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht
+der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die
+Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt,
+jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der
+Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie
+auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den
+basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem
+Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton-
+und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im
+Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia
+gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der
+Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen
+ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der
+Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern
+dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort
+ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren
+Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an
+unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen
+beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet
+und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure
+die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,
+fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine
+Frage der Zeit.« Bentan schwieg.
+
+»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir
+wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause.
+»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir
+seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der
+Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor
+Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer
+darunter leiden.«
+
+»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen
+wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch
+öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe
+folgen.«
+
+»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere
+Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere
+Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier.
+Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir
+ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer
+gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein
+Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer
+kürzerer Dauer.«
+
+»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?«
+
+»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle,
+daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges
+schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne,
+spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was
+uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser
+Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber
+an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und
+unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles
+Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen,
+inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem
+Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.«
+
+»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll
+Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen
+nachleben!«
+
+»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere
+tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes
+Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die
+Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst
+unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit
+und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige
+Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir
+verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an
+unsere Stelle getreten.«
+
+»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler
+Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis
+geendet hatte.
+
+»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres
+Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der
+Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen
+Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der
+Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der
+klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist,
+daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet.
+Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen
+Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das
+Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können
+ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse
+Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch
+abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein
+sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.«
+
+»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in
+aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten
+Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von
+Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die
+bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen
+lassen.«
+
+»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren
+Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte
+Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht
+und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.«
+
+Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr
+oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem
+der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente
+seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und
+Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner
+Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen
+Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars
+veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt,
+das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang
+war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung.
+Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein
+unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm
+zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren
+gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen,
+war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für
+seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine
+befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er
+damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich
+kannte!
+
+»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das
+Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre
+der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte
+ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet.
+Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der
+Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung
+und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des
+treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren.
+
+Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den
+fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der
+Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht
+nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben
+Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er
+deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre
+zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all
+die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten
+Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz'
+Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger
+er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+Getäuschte Hoffnungen.
+
+
+In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen
+Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von
+Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies
+Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman,
+mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer
+wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer
+Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung
+zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen
+wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.
+
+Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im
+geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem
+alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen
+Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt
+eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein
+Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten
+Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte
+Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin
+Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend
+schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand
+der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
+
+Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung
+leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu
+imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin
+Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim
+gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte
+erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form
+angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch
+die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht
+auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die
+Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden
+ließ!
+
+So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er
+konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen
+Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich
+verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,
+als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer,
+herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der
+zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden
+war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz
+schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu
+jeglicher ernsten Arbeit.
+
+Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun
+oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere
+neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten
+fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit
+dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine
+Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun
+wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich
+wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen.
+
+Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine
+Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich
+erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit
+wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt
+Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und
+auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden
+lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen
+Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.
+
+Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen
+Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in
+Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines
+Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan
+selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der
+Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so
+stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben
+als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und
+suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
+
+Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine
+Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache
+handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans
+Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die
+Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen
+zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer
+saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend
+mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in
+die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle
+Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als
+fünf Jahre auf dem Mars befand.
+
+»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief
+der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.
+
+»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd.
+
+»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten
+nicht diese eigenartige Schönheit.«
+
+»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser
+Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.«
+
+»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie
+ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne,
+in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende
+Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!«
+
+»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine
+Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte
+Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der
+Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller
+Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar
+zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in
+Anspruch nehmen.«
+
+»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz.
+
+»Ja, wie du weißt.«
+
+»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.«
+
+»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin.
+Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch
+nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres
+Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich
+wahrnehmbar.«
+
+»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?«
+
+»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig,
+als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.
+
+»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.
+
+»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir
+alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die
+große Aufgabe zu lösen suchen.«
+
+»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle
+ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz.
+
+»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich.
+
+»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht
+hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer
+Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite
+angesehen werden.«
+
+»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans
+brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.
+
+»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur
+möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem
+als euresgleichen gelten.«
+
+»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch
+schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese
+Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich.
+
+»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.«
+
+»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.«
+
+»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.«
+
+»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon
+damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder
+ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger
+Betonung.
+
+»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in
+Generationen fortleben . . .«
+
+»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan
+ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede
+stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?«
+
+»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch
+begriffen worden zu sein.
+
+»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein.
+
+»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.«
+
+»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du
+bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was
+Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden,
+nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich
+mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung
+nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei
+uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns
+hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb,
+weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie
+denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und
+wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen
+Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die
+Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von
+den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch
+genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in
+Angola Vortrag gehalten habt.«
+
+»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches
+unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan,
+manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen
+geschlossen worden sind wie hier oben.«
+
+»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser
+Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend
+lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und
+wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen
+werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner
+Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es
+steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.«
+
+Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das
+Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung,
+nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch
+hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu
+Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer
+definitiven Klärung bringen.
+
+»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den
+Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der
+Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als
+Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung
+empfinde.«
+
+»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und
+rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta
+will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die
+Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden.
+Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon
+gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.«
+
+»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein.
+
+»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten
+wählen.«
+
+»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz.
+
+»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und
+verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes.
+Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über
+deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.«
+
+»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,«
+erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
+
+»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung
+wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir
+sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese
+Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.«
+
+»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta
+über das, was ich dir vorgebracht.«
+
+»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den
+harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern
+mich auch fernerhin an ihm erfreuen.«
+
+»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten
+Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die
+Rechte entgegen, die Bentan innig drückte.
+
+Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner
+ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen
+geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der
+Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+Die Doppelkanäle auf dem Mars.
+
+
+Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch
+behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste
+erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden.
+Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
+Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen,
+großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu
+Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die
+Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der
+menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und
+Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind
+wie hier auf dem Mars.
+
+Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen
+Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für
+das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die
+jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug
+dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle
+zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste
+Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten,
+natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu
+suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das
+Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,
+diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie
+bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
+
+Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in
+einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren,
+körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der
+Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen
+und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an
+die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank
+der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen
+Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von
+Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
+bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig
+ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe
+der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten
+durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die
+Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte
+Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
+
+In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen
+enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den
+neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf
+wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen
+Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen
+mußte.
+
+Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen
+Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des
+Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen
+schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
+Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers
+sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei
+seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur
+Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen.
+Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter
+ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle
+nördliche Gegend.
+
+Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am
+Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen
+Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der
+Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen
+ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit
+seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt,
+sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der
+Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige
+Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen
+Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von
+niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der
+weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
+
+Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade
+nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone,
+die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die
+Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald
+rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die
+Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber
+getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens
+nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung,
+kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das
+idealste aller Verkehrsmittel.
+
+Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone
+überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die
+Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz
+der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes
+Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle
+Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen
+und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste
+Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter
+man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur
+weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden
+Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne
+Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch
+immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
+grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand
+isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.
+
+»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser
+Ziel!«
+
+Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf
+zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf
+einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht
+ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem
+Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies
+auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle
+des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches,
+luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit
+Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.
+Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand
+gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!
+
+Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen
+sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz
+am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur
+Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das
+Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war
+gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte
+es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu
+solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!
+
+»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist
+bereit!«
+
+»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt.
+
+»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.«
+
+Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin
+gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher
+von statten.
+
+Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und
+ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt
+hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend
+grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in
+die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose
+Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem
+Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal
+das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm
+das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der
+Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es
+der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?
+
+Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges
+erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und
+sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen
+aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner,
+mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine
+Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des
+Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte
+weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
+
+Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen
+und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue,
+schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so
+kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine
+Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten
+seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der
+die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt
+keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut
+hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer
+neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art
+Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die
+neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als
+ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und
+an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm
+stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der
+Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und
+regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante
+versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls
+automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die
+Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die
+Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen
+Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten
+Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu
+schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
+
+Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde.
+Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas
+Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz
+außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine
+höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er
+selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich
+sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend
+abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall
+nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm
+dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht.
+
+Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis
+zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne
+gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße
+durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen
+zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der
+schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte
+er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
+
+»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage
+gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte
+erzählt:
+
+»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres
+Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern
+Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das
+allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die
+Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den
+Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere
+Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der
+Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe
+die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit
+unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe,
+die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit
+guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner
+Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr
+ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch
+der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme
+der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war.
+Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel
+auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er
+so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier
+ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und
+ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder,
+durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb
+im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus
+ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf
+technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu
+lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner
+außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine
+zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und
+du wirst noch viel Großes von ihm schauen.«
+
+Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen
+eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes,
+kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu
+viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an
+sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem
+Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße
+messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest
+seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig
+verlassen hatte.
+
+Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der
+Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner
+Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren
+Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der
+Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
+
+Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit
+seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber
+aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster
+der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen
+Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von
+ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort
+wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in
+Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die
+Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon
+mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den
+außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die
+Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die
+größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des
+Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche
+Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des
+öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach
+solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon
+untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.
+
+»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter
+die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen.
+Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu
+ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop
+einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute
+schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?«
+
+»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.«
+
+»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten
+vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht
+Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!«
+
+»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch
+höherem Maße als bei der Erde.«
+
+»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.«
+
+So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und
+Interessante.
+
+Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert.
+Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der
+Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit
+sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
+nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und
+Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche
+gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge
+schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern
+wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da
+aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch
+jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial
+einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und
+konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes
+vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der
+Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone
+vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die
+arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge
+Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel,
+der kein Eis kannte.
+
+Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie
+alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der
+Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem
+Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich
+entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines
+geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte
+hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem
+Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem
+Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere.
+Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die
+gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil
+der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem
+Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim
+geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren
+Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers
+und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne
+besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe
+empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.
+
+Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug,
+waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die
+Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich
+früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so
+kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
+oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von
+Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie
+ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber
+nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die
+Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
+
+Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden
+auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da
+und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst
+leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin,
+bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum
+Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie
+bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank,
+leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf
+war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf
+Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem
+Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn
+es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren
+konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es
+flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
+
+Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten
+erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk
+fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
+
+Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die
+alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich
+die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen
+Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach
+lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die
+schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
+
+Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die
+letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr
+altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem
+Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben,
+mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
+sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der
+Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten
+aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere
+Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
+
+Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben
+geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen
+Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen
+erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf
+dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
+erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der
+Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die
+Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird,
+auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile
+seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
+unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen
+Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte
+Richtung zu geben.
+
+So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner
+Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und
+wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten
+früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit
+geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der
+gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden,
+freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen
+Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral
+und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem
+Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu
+lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt
+hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums
+auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst
+gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem
+Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu
+folgen.
+
+Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an
+Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine
+vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige
+Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes
+der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft
+entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu
+natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola,
+um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner
+Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
+
+»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem
+Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war
+auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als
+bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem
+Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten
+purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem
+Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich,
+sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende
+Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
+
+Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem
+Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der
+Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur
+Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen
+Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen
+Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine
+Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand
+sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der
+Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+Ein tapferer Entschluß.
+
+
+An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in
+den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte
+sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der
+Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch
+der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach
+Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung
+ausgesprochen.
+
+Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des
+Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem
+ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden
+Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit
+Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für
+besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein
+Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
+
+Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede
+schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe,
+dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun
+seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so
+unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt:
+in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller
+Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der
+Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre
+zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen
+Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat
+mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer
+Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch
+entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen
+Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des
+Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich
+vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken
+vorhanden sein.
+
+»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den
+Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr
+Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die
+Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich
+damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit
+begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure
+Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer
+Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr
+meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte
+in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr
+nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich
+nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
+seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört
+worden war.
+
+»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir
+wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen
+lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich.
+
+Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als
+er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur
+Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie
+ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen
+Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen
+Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale
+fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß
+er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom
+Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den
+Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die
+an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat
+seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie
+wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er
+sie wiedersehen würde?
+
+In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut
+gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die
+Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz
+nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei
+ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der
+technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß
+er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
+
+Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch
+elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als
+er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die
+wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang
+seiner Sache hoffen.
+
+»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein
+Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise
+tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat
+uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren,
+sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein
+Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du
+gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und
+Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme
+der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so
+bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde
+des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu
+uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß
+wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an
+der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange
+vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über
+Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
+die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann
+im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von
+Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner
+Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen
+mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft
+aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln
+seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir
+selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf
+der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen
+unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
+halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert
+unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!
+Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir
+dir stets bewahren werden.«
+
+Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit
+erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das
+geringste eingebüßt hatte.
+
+»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem
+Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf
+Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine
+lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die
+Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
+Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin
+ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.«
+
+»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der
+Gelehrte.
+
+»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und
+die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied
+Bentan.
+
+Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit
+Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola
+verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.
+
+»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde
+überrascht?« fragte er seinen Gastgeber.
+
+»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung
+dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen
+Augenblick gewählt hast.«
+
+»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange
+Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz.
+
+»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.«
+
+»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?«
+
+»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den
+richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns
+auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter,
+fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine
+Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit
+hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.«
+
+»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.«
+
+»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber,
+daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon
+ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die
+möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person
+verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.«
+
+»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber
+trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer
+Rückkehr gefaßt haben.«
+
+»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir,
+lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd.
+
+»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf
+der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe
+und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund
+Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
+noch durch Musik und Gesang.«
+
+Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach
+sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen
+Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte
+Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
+Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes
+und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der
+schwäbischen Erde aus!
+
+Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief
+ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie
+werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen
+langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge
+dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es
+verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.«
+
+»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete
+Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde
+ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen
+Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen
+Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit
+dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war
+eilenden Schrittes im Hause verschwunden.
+
+Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er
+in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
+
+»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich
+werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.«
+
+»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der
+Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er
+seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.
+
+»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.«
+
+»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen
+früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich
+die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche
+für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
+ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+Vorbereitungen zur Rückkehr.
+
+
+Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem
+alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der
+Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem
+würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich.
+Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der
+Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten.
+Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der
+Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
+
+Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in
+jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu
+durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung
+bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die
+großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars
+ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten
+Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der
+Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
+
+Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten
+Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von
+Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von
+Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das
+fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in
+Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste
+Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte
+schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger
+Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm
+wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das
+ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf
+der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt
+der Arbeit.
+
+Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der
+Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt
+waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem
+kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln.
+Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft,
+aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein
+Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den
+»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich
+alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen
+zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller
+Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben,
+hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen
+können!
+
+Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System.
+Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher,
+selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim
+»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie
+alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht
+gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die
+in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
+weit in den Schatten stellten.
+
+Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe
+wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen
+dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum,
+der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des
+Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen
+und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung
+entgegenwirken sollte.
+
+Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was
+eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum
+erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die
+exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb
+der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen
+zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester,
+komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen
+Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung,
+teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im
+Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
+geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die
+Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die
+praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an
+den Wänden untergebracht.
+
+Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars
+eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die
+sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung
+mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es
+den Namen »Fridolin Frommherz« tragen.
+
+Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt
+worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der
+Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der
+Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran,
+Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug
+sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden.
+Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar.
+
+Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von
+allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel
+wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der
+Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu
+bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
+verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann
+erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen
+Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine
+nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen
+bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
+kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen
+Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung
+widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem
+ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
+Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst
+geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die
+Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten.
+
+Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin
+Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und
+Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie
+vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung
+an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
+aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit
+fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf
+Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt.
+
+Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
+
+Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all
+ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus
+vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und
+doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
+Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder
+erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben
+festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem
+Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg
+würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen.
+
+In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück,
+um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
+
+Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal
+Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit
+dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein
+Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine
+letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die
+Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in
+pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem
+Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+Auf der Fahrt im Weltraum.
+
+
+Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin
+Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf
+dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt
+worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da
+verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen
+Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und
+funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
+bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes
+Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände
+das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen
+in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte
+sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden
+auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der
+vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der
+Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
+
+Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in
+Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die
+fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete.
+Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach
+Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
+zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er
+naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen
+Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie
+Zeit in Fülle.
+
+Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal
+durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war
+die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger
+wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die
+Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht
+hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als
+der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die
+Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt
+gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz
+weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender
+geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl
+auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten
+Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte
+Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.
+
+Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben
+seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm
+größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere
+Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein
+mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.
+
+»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine
+Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.«
+
+»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja
+so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die
+lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter
+dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht
+genügen.«
+
+»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem
+sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck
+mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da
+plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich
+erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des
+Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem
+Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
+
+»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt.
+
+»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin
+Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber
+Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben
+gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser
+Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft
+erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die
+letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem
+verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das
+zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.«
+
+»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh
+erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?«
+
+»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man
+sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge
+natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige
+mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise
+keinen Mangel leiden.«
+
+Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.
+
+»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte
+er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.«
+
+Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
+
+»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der
+Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines,
+festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot
+sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte
+gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
+Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl,
+leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß
+Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster
+abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker
+Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder
+eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
+
+»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören,
+den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
+
+»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso
+leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine
+Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer
+bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen
+Gelegenheit haben.«
+
+»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin.
+
+»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir
+übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen
+wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.«
+
+»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch
+ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?«
+
+»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung
+sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da
+sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat.
+Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur
+ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das
+Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.«
+
+Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können?
+Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten
+Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch
+erscheinen.
+
+»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine
+augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da
+unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen
+»Mars« zu geben?«
+
+Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
+
+»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen
+sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches
+Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in
+solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
+formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.«
+
+»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des
+Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung
+aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da
+Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit
+Jahrtausenden schon sind sie überwunden.«
+
+»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,«
+sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen
+gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige
+Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.«
+
+ * * * * *
+
+Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten
+unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine
+Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt,
+ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
+Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin
+Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite
+Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit
+einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
+zu stiften.
+
+Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und
+erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der
+Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war.
+Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was
+gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das
+Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff
+vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine
+Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen --
+wer vermochte sich das vorzustellen?
+
+Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
+
+»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist
+mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.«
+
+Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
+
+»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines
+jeden Meteoritenringes.«
+
+Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein
+glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit
+wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem
+sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife.
+Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die
+noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des
+Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob
+keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie
+leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen
+Kometenschweifes sein mußte!
+
+Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter,
+nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die
+Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians
+wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz
+vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete
+sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der
+Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im
+schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er
+leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch
+das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an
+andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah --
+Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
+ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe
+es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die
+Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes
+Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im
+Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer
+eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen.
+Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche
+Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen?
+
+»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer
+übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel
+bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich
+Interessantes schauen.«
+
+»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch
+außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir,
+Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine
+jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen
+berechnet, die mich schwindeln machen?«
+
+»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr
+nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.«
+
+»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz
+erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und
+Erde die Bahn eines Planeten läge!«
+
+»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr,
+wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.«
+
+»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen
+Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe.
+
+»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese
+Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser
+gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich
+sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein
+riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in
+stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines
+jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren
+Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller
+andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne
+hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt.
+Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen
+Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den
+wir jetzt treffen werden.«
+
+»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag
+mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?«
+
+»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich
+halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden
+zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde.
+Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine
+Atmosphäre eindringen.«
+
+»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt.
+»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!«
+
+»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß
+nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern
+Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der
+unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros
+nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland,
+Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.«
+
+Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich
+wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte
+den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine
+Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
+wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein
+undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
+
+»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder
+übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die
+Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre
+eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!«
+
+Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein
+Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der
+Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs
+viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
+Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch
+die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze
+einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten
+um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken
+öffneten, etwelche Kühlung.
+
+»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich.
+
+Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel
+eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine
+Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den
+Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so
+klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem
+hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide
+waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß
+die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die
+Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
+winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während
+sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.
+
+»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so
+wenig gesehen!«
+
+»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros
+dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um
+seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden
+und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns
+noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.«
+
+Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz
+neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes
+Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide.
+Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
+Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt,
+drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen
+Halbkugel nicht vorhanden.
+
+Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
+
+»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,«
+sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros
+bewohnt ist.«
+
+Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken
+abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner
+dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme,
+andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff.
+Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen
+das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte
+man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe,
+aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es
+waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar,
+das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
+im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.
+
+»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach
+Häusern aus.«
+
+»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen
+Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von
+Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen
+Eroswinter errichtet.«
+
+»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.
+
+»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit
+seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt,
+daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn
+die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht,
+ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen
+Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen
+Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du
+dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und
+etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?«
+
+Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff
+wieder zum Steigen.
+
+»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese
+armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im
+Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung
+zu stehen.«
+
+»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der
+gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin
+Frommherz begeistert.
+
+»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die
+Erositen nicht erklimmen.«
+
+»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die
+schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der
+Weiterentwicklung absprichst?«
+
+»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern
+Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird
+seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend
+Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft,
+verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann
+Eros seine Bahn um das ewige Licht.«
+
+Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine
+Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben
+verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu
+entwickeln!
+
+Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und
+schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.
+
+Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre
+der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf
+in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel
+plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.
+
+»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist
+er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel
+des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden
+suchen.«
+
+Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.
+
+»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das
+Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner
+gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!«
+
+Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung
+befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend
+Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand
+nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen,
+verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die
+Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom
+Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in
+nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende
+Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von
+Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke
+nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
+erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.
+
+»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das
+Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von
+der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden --
+sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später
+verschlingen.«
+
+Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des
+marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt
+hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen.
+In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem
+in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten
+den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
+erloschen.
+
+Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden,
+daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst
+marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu
+versagen drohten.
+
+Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm
+begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die
+Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel
+seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+Eine Station auf dem Monde.
+
+
+»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen
+Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt
+sich seinem Ende zu.«
+
+»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin
+Frommherz.
+
+»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.«
+
+»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags
+angekommen wären?«
+
+»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage
+bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige
+Mondnacht!«
+
+Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche
+überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen
+schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des
+Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte
+strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen
+hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
+Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz
+erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen,
+aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da
+türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler,
+übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
+und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen
+nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser,
+nach einer Spur von Grün.
+
+Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit
+landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs
+eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste,
+glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine,
+dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum
+Halse, wo sie fest geschlossen wurde.
+
+»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft
+zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den
+Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen.
+Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch
+schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
+sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da
+bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung
+noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten
+verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine
+Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge,
+die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
+eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um.
+Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos,
+darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum
+zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von
+glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten.
+Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am
+Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus
+gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
+
+»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage
+sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre
+Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die
+eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war
+Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein
+Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte
+kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die
+Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der
+Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
+
+»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der
+Erdensohn.
+
+Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und
+photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar
+nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich
+nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er
+auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite
+wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis
+seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er
+freundlich:
+
+»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?«
+
+»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt
+ist; aber keiner von euch antwortete mir.«
+
+»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd.
+
+»Ihr konntet nicht?«
+
+»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und
+wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.«
+
+»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich
+gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.«
+
+»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich
+langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich
+meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin
+eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist
+aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die
+Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft
+beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist,
+die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch
+Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
+Mangel an Luft.«
+
+Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der
+Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben
+der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so
+heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein
+Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
+überall.
+
+Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den
+nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es
+war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend
+Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne
+Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der
+höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie
+leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern,
+beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in
+kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
+Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die
+mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen
+hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer
+aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war
+ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so
+viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu
+leicht.
+
+Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen
+Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da
+gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine
+dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten
+Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
+
+Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer
+durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von
+Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte
+hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher
+schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr
+zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich,
+ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang,
+war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem
+Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne
+zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
+wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der
+Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
+
+Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine
+Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die
+Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung
+zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.
+
+Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein --
+ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten
+so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat.
+Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch
+fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim
+Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die
+gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die
+Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige
+Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen
+oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder
+vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In
+einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der
+Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen,
+über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner
+Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen.
+Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der
+Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen
+gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das
+Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das
+Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit
+einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an
+schwere Gegenstände an.
+
+»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken.
+
+»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche
+Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in
+schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir
+Marsiten es noch nie erlebt haben.«
+
+Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes
+plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt
+zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein
+fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz
+erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren
+Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
+
+Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische
+Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn
+Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über
+seine Hände.
+
+Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten
+die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters.
+Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten
+Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis
+der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die
+Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem
+Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen.
+Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die
+Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel
+in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die
+sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht
+werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.
+
+»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den
+vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein
+einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen
+kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch
+was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese
+herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
+bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr
+bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die
+durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und
+Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen
+Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem
+zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser
+Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.«
+
+Fridolin Frommherz nickte.
+
+»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft,
+den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit
+ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.«
+
+»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und
+es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es
+jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht
+nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft
+verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen.
+Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr;
+andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. --
+Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt!
+Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten
+Atmosphäre.«
+
+Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim
+ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+Die drei Freunde.
+
+
+Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres
+Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es
+waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum,
+die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft
+feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren
+Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige,
+idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars
+hatten führen dürfen.
+
+Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die
+Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem
+Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit
+abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur
+nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der
+Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus
+sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich
+für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein
+merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu
+bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte
+Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die
+hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu
+tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das
+Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
+
+Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu
+blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum
+noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es
+ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr
+verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
+ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt
+worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren
+die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner
+Huldigung.
+
+Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise
+der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche,
+brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als
+ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger
+verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die
+sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung
+zu tragen.
+
+In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit
+ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch
+nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise
+gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der
+Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph,
+und Parazelsus Piller, der Arzt.
+
+In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei
+Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses
+beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg
+bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort
+waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so
+behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine
+tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen
+Gedanken beschäftigt.
+
+»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen
+Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel
+betrachtete.
+
+»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller
+lächelnd.
+
+»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf
+Brummhuber ein.
+
+»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber
+Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft.
+
+»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen
+Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage
+euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen
+im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich
+hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich
+interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der
+Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.«
+
+»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,«
+lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige
+Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn
+der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?«
+
+Der Angeredete nickte lächelnd.
+
+»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,«
+erwiderte Piller finstern Tones.
+
+»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne
+Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer
+langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.«
+
+»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller.
+
+»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen
+Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir
+scheint.«
+
+»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber.
+
+»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller,
+bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle
+genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.«
+
+»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete
+Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte,
+den gewünschten Wein herbeizubringen.
+
+Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten
+Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine
+Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen
+feingeschnittenen Kopf.
+
+»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser
+Beleuchtung erblickte.
+
+»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,«
+bestätigte Brummhuber.
+
+»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen
+Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst:
+
+»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter
+geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und
+fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit
+tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du
+könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola
+eintreten.«
+
+»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei.
+
+»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der
+Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre
+der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.
+
+»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller.
+
+»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,«
+als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen
+Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.
+
+Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt
+waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck
+der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des
+Antrittes unserer Weltenreise.«
+
+Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem
+Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief:
+»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem
+Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas.
+
+»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein
+Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber.
+
+»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden
+verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas
+austrank.
+
+»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?«
+schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um
+sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.
+
+»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,«
+versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt,
+jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß
+er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.«
+
+»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller.
+»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch
+besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur
+Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.«
+
+»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde
+einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr
+entworfen haben,« knurrte Piller.
+
+»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein.
+
+»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir
+den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller.
+
+»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt
+die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!«
+
+»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir
+geblieben ist,« verwies ihn Stiller.
+
+»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund
+Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.
+
+»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten
+Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.«
+
+»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig
+verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann
+auch ich mit dem Dichter sagen.«
+
+»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und
+eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum
+grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und
+die Klingel ziehend.
+
+»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte
+Piller.
+
+»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!«
+
+»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt
+der edle Wein mein ganzes Ich.«
+
+»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen
+Betonung mehr.«
+
+»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.«
+
+»Hoffe es auch sonst immer zu sein.«
+
+»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.«
+
+»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.«
+
+»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller.
+
+»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese
+hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume
+dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt
+versöhnungsvoll,« entgegnete Piller.
+
+»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die
+Schulter.
+
+»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!«
+
+»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller.
+
+»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei.
+
+Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten
+zu werfen.
+
+»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste.
+
+»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so
+hübsch träumen.«
+
+»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder
+dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du
+selbst.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.«
+
+»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so
+wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber.
+
+»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei.
+
+»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen
+mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne,
+poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große
+Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!«
+
+»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete
+Piller trocken.
+
+»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete
+Stiller.
+
+»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem
+Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends
+in dem Palaste der Weisen in Angola?«
+
+»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise.
+
+»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher
+gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese
+mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr
+hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des
+Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.
+
+»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch
+diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf
+ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.
+
+»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh
+nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch!
+Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten
+verfolgen.«
+
+»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche
+und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der
+Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals
+erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt.
+
+»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu.
+
+»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir,
+Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet
+werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige
+Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.«
+
+»Sehr wahr!« warf Piller ein.
+
+»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie
+von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der
+Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese,
+bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die
+naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird
+sich der Dumme breitmachen können.«
+
+»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale
+entfernt.«
+
+»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen,
+so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest.
+So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der
+Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste
+benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der
+härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben
+Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir
+da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System
+alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest
+verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine
+herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen.
+Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein
+Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache
+muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine
+Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise
+das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen
+gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu
+seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines
+wirklichen Menschen Anspruch erhebt.«
+
+Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden
+Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war
+auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen.
+
+»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der
+zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs
+Fenster geworfen hatte.
+
+»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem
+Beispiele Brummhubers gefolgt war.
+
+»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der
+Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein
+Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu
+betrachten.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde.
+
+»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon
+seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.«
+
+Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das
+große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen
+Weltkörpers begann.
+
+»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund,
+nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen.
+
+»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich
+bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.«
+
+»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?«
+
+»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig
+die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das
+existierte doch noch nicht, als wir oben waren.«
+
+»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für
+dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.«
+
+Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.
+
+»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob
+die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen
+wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung.
+
+»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme
+Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf
+dem Mars besprechen.«
+
+In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes
+Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu
+gemütlicher Plauderei zurück.
+
+»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,«
+bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend.
+
+»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber.
+
+»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer
+Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen
+Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.«
+
+»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller
+überrascht ein.
+
+»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine
+möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.«
+
+»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber.
+
+»Ich glaube, ja!«
+
+»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.«
+
+»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom
+Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu
+große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort
+oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener
+Anschauung kennen gelernt haben.«
+
+»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre
+fort.«
+
+»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind
+neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als
+überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles
+ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf
+dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der
+Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit
+wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.«
+
+»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde
+aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die
+Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich
+die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?«
+
+»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars
+selbst gehört habe,« antwortete Stiller.
+
+»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir
+geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit
+aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber.
+
+»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von
+dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine
+Wohl ausführen.«
+
+»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller.
+
+»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber.
+»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.«
+
+»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen.
+Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und
+Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern
+Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den
+stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen
+konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar
+geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen
+Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten
+vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein
+Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?«
+
+Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig
+schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er.
+
+»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend.
+
+»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!«
+
+»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das
+Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es
+dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis
+der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung
+unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir
+des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben,
+bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen
+Vervollkommnung.«
+
+»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir
+für heute wenigstens den letzten Trunk!«
+
+»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag
+ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.«
+
+»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein
+vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich
+schlürfen. Prosit!«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+Wieder auf der Erde.
+
+
+Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume
+und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales.
+Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll
+Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des
+östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken
+begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen
+da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied;
+die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander
+zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft
+die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben
+plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.
+
+Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig
+gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals
+vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu
+zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des
+Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte
+meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige
+Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung
+durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden.
+
+Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus,
+war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt
+worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer
+Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das
+Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im
+Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken.
+
+Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem
+sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte.
+Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend,
+die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte
+gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der
+sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen
+Eisengitter umgeben war.
+
+Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene
+Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den
+Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken
+stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die
+eingemeißelten und vergoldeten Worte:
+
+ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE
+EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS
+DANKBARE VATERLAND.
+
+Auf der zweiten Seite war zu lesen:
+
+VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN
+MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D.
+DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ.
+
+Die dritte Seite trug die Mitteilung:
+
+NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM
+MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT
+ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . .
+
+Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die
+Rede. Frommherz las:
+
+ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER
+SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ.
+
+»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz
+vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet
+hatte.
+
+»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens
+vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind.
+Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.«
+
+Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl
+Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren
+und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare
+Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte?
+Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu
+fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück.
+
+In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen
+ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg
+und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem
+Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben
+gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung
+in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten
+menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er
+sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos
+daherschreitenden Frommherz.
+
+»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern
+Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes
+auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen
+Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen
+Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte
+sich in drohendster Weise.
+
+»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob.
+
+»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel.
+
+Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des
+Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er.
+»Also nochmals, woher kommen Sie?«
+
+»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd.
+
+Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen.
+
+»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,«
+mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des
+Gelehrten in das Verhör.
+
+»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann
+etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser
+Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein
+finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens.
+
+»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter.
+
+»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!«
+
+»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre
+Ausweispapiere?«
+
+»Ich führe keine bei mir.«
+
+»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir
+zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad.
+
+»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem
+grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch
+so recht heimatlich.
+
+Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung
+Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines
+Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig
+gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
+
+»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor
+sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer,
+verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
+
+»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil
+schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem
+Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.«
+
+Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in
+aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der
+Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke
+begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen
+haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
+
+Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren,
+blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der
+Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit
+war, das Verhör begann.
+
+»Ihr Name?«
+
+»Fridolin Frommherz.«
+
+»Geboren?«
+
+»26. September 19 . .«
+
+»Wo?«
+
+»In Cannstatt.«
+
+»Beruf?«
+
+»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.«
+
+»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit
+entsprechende Angaben zu machen.«
+
+»Für mich ganz selbstverständlich!«
+
+»Letzter Aufenthaltsort?«
+
+»Lumata.«
+
+»Lu--Lu--Lu--ma--mata?«
+
+»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz.
+
+»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?«
+
+»Auf dem Mars.«
+
+»Mars? Was ist denn das für ein Land?«
+
+»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer
+von ihr entfernt.«
+
+»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr
+Grobschmiedle auf.
+
+»Durchaus nicht, mein Lieber.«
+
+»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar.
+
+»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.«
+
+»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann
+Dietrich ein.
+
+»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen
+Untergebenen an.
+
+»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz.
+
+»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär
+zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben
+sich dementsprechend zu benehmen.«
+
+Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln.
+
+»Warum lachen Sie?«
+
+»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr
+als vierzehnjähriger Abwesenheit.«
+
+»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die
+Bemerkung Frommherz' zu beachten.
+
+»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.«
+
+»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die
+Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen
+Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.«
+
+»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre
+Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte.
+
+»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?«
+
+Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich
+Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
+
+»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in
+Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit.
+Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf
+ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen.
+Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die
+Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
+empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit,
+ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an
+Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur
+umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen,
+sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich
+aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden
+kann.«
+
+Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da
+hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt.
+Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine
+kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter
+dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär
+erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete
+Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an
+manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und
+äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
+Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten
+ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten
+eingetragen.
+
+Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel
+stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen
+konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht
+einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
+
+»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,«
+erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
+
+»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche
+zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,«
+entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
+
+»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?«
+
+»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte
+seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke
+aufbewahrt hatte.
+
+»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle
+auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden
+erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu.
+
+Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier:
+»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier
+gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen
+befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend.
+Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.
+
+Herzlichen Freundes- und Brudergruß
+Fridolin Frommherz.«
+
+»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär.
+
+»Ich habe noch eine kleine Bitte!«
+
+»Was soll's sein?« brummte der Beamte.
+
+»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen
+gestatten?«
+
+»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche
+gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des
+Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte.
+
+Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes
+frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen
+verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren
+gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein
+Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat
+hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde
+hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller.
+
+»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner
+Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll
+freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen.
+
+Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten
+Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über
+den seinem Freunde angetanen Schimpf.
+
+»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich
+geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?«
+wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!«
+
+»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu
+entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber
+Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden.
+
+»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann
+gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte,
+der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde
+zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre
+hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller
+heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann
+wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche
+steht!«
+
+»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine
+Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen
+über die Sache.«
+
+»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und
+verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller.
+
+Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete
+erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat
+und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da
+schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig
+zugänglichen Polizeibeamten.
+
+»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller.
+
+»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz.
+
+»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und
+besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an
+dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter
+Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller.
+
+»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd.
+
+Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts
+schönsten Ort.
+
+Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in
+ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der
+Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe
+von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge
+gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt
+worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder
+entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es
+hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch
+zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das
+Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte.
+Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten
+Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches
+Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei
+gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten
+Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen
+den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte
+Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
+
+Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal
+niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von
+neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von
+Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um
+Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
+und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
+
+»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir
+würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen
+haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige.
+
+»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr
+meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und
+Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir
+schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft
+anzuzeigen.«
+
+»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es
+gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz,
+Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes
+unverhoffte Rückkehr.«
+
+Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
+
+»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der
+Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser
+Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.«
+
+»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen.
+
+»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig
+miteinander sprechen.«
+
+»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun
+auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für
+die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren
+damit einverstanden.
+
+»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,«
+erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr
+ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten
+wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was
+machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?«
+
+»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber.
+
+»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!«
+
+»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde
+des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte
+Stiller.
+
+»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich
+oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller.
+
+»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das
+gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug
+mit aller Sicherheit landen konnte.«
+
+»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?«
+
+»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans
+Neffe.«
+
+»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der
+Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner
+weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten,
+woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten
+fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
+Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden
+Verschwinden!« urteilte Piller.
+
+»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt,
+gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz
+seine Begleiter.
+
+»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber.
+
+»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete
+Frommherz.
+
+»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,«
+fügte Stiller hinzu.
+
+»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt.
+
+»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von
+Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und
+wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung
+schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller.
+
+Die Herren lachten.
+
+»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde
+Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.«
+
+»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber.
+
+»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.«
+
+»Nur?«
+
+»Lange genug, trotzalledem.«
+
+»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem
+Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen,
+und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen.
+
+»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?«
+fragte Stiller herzlichen Tones.
+
+»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu
+bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit,
+Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden,
+wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein
+werden.«
+
+»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns
+danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller.
+
+»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben
+seid.«
+
+»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer
+Meinung,« entgegnete Brummhuber.
+
+»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer,
+veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen,
+schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund
+Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch
+zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
+ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu
+dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem
+gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern,
+daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch
+beging, wieder gut zu machen suchte.«
+
+»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der
+Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt
+hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.«
+
+»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß
+Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu
+eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der
+schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.«
+
+»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber
+ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für
+immer hier unten bleiben müssen.«
+
+»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber
+ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist,
+wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war
+schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir
+ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht
+genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen
+befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz.
+
+»Das stimmt,« bestätigte Piller.
+
+»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars
+Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar
+trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes
+nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als
+alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke
+selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz
+der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer
+Freunde.«
+
+»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in
+Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes
+Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene
+unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch
+atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen
+Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige
+Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller.
+
+Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es
+möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben
+scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die
+wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die
+mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen
+vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und
+auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.«
+
+Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte
+er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne
+niemals gehört.
+
+»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars
+in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten
+Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte.
+
+»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber.
+
+Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger
+anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an
+ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier
+Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die
+Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs
+zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
+Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
+
+»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere
+Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller.
+
+»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,«
+lobte Frommherz.
+
+Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an
+Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab.
+
+»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller.
+
+Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite
+Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die
+weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger
+anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen
+Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen
+die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den
+Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der
+blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die
+Hand.
+
+Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes
+Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die
+Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit
+Jubel angenommen wurde.
+
+»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie
+hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor.
+
+Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung
+fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren
+berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im
+Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über
+die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der
+Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den
+Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich
+ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu.
+
+»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich
+vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz.
+
+»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals,
+als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber.
+
+»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,«
+bemerkte Stiller.
+
+Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen
+in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer.
+
+»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich
+stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund
+Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,«
+lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie
+früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber
+Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns
+wiedergeschenkten Freundes leeren.«
+
+Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte
+langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe
+sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da
+begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.
+
+»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher
+eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber.
+
+»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller.
+
+»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte
+Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken
+lauten Willkomm bieten.«
+
+»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber.
+
+Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es
+. . .
+
+Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im
+Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden
+Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die
+da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
+Landschaftsbildes still genossen.
+
+»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und
+machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer
+feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
+
+»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller.
+
+»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,«
+äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute
+fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.«
+
+»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am
+liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem
+Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.«
+
+»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang
+und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich
+verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller.
+
+Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da
+durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche
+Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied:
+»Des Vaterlandes Gruß.«
+
+Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen
+Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten.
+Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte,
+unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald
+entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
+Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der
+Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts,
+der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender
+Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+Fromme Wünsche.
+
+
+Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den
+Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten,
+saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem
+Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die
+Presse sollte es leider nicht abgehen.
+
+Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine
+Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den
+Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen
+Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher
+gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann
+zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist
+selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten
+die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst
+vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern
+gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen
+Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
+Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man
+sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.
+
+Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er
+seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion
+erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein
+vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das
+sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch
+nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen
+Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt
+sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland
+vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
+wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der
+Artikel.
+
+Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar
+nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten
+Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den
+Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
+
+»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das
+Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine
+besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt
+doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen
+bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu
+sein.«
+
+Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man
+zertreten sollte,« schimpfte er.
+
+»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,«
+antwortete Stiller.
+
+»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.«
+
+»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen
+Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es
+tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser
+fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier
+gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.«
+
+»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde
+als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die
+Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit
+kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.«
+
+»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller.
+
+»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum
+Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit
+von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und
+Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des
+Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte
+fort, Fridolin,« bat Stiller.
+
+Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre
+auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien,
+wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten
+Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die
+Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm
+zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und
+Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem
+Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle
+dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
+Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
+
+Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser
+gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
+
+»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle
+aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir,
+Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor
+wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem
+selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
+Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.«
+
+»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber.
+
+»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen
+Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!«
+
+Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit
+mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem
+Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch
+von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller
+begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm
+gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie
+Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle
+getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter
+Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf
+das günstigste aufgenommen worden sei.
+
+»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst
+zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich
+eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem,
+ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten,
+besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten
+Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat
+der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.
+
+Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug
+in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem
+Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt
+in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das
+ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug
+durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch
+auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal
+eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die
+Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend
+kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in
+der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte.
+In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem
+Wasen abgesetzt.«
+
+Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung
+beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten
+Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten
+der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem
+Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben,
+nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich,
+unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt,
+der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten
+lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst
+vorzeitig in die Grube gefahren.
+
+Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort
+und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und
+den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge
+aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die
+ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um
+alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter
+Weise zu leben.
+
+Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem
+engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem
+Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur
+Angliederung anziehen werde.
+
+Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem
+Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen
+Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von
+zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu
+sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und
+Adolf Blieder.
+
+»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte
+Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.
+
+»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor
+euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart
+sagen, was sie von mir wollen.«
+
+»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie
+eintreten.«
+
+Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich
+sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten
+Stiller freundlich.
+
+»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz,
+der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller
+vor.
+
+»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz
+verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.
+
+»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller.
+Die Herren folgten der Einladung.
+
+»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das
+Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf
+deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.«
+
+»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht
+auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber
+Blieder,« korrigierte Stiller.
+
+»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?«
+
+»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd.
+
+»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.
+
+»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz
+wegen rechte Sorgen.«
+
+»Wieso?« fragte Stiller erstaunt.
+
+»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige
+Sache.«
+
+»Eine Änderung?«
+
+»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des
+Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.«
+
+»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?«
+
+»Ja!«
+
+»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller.
+
+»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder.
+
+»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte
+Piller nicht ohne Hohn.
+
+»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es
+handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die
+einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach,
+wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein
+verändertes und unschönes Aussehen zu geben.«
+
+»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob.
+
+»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel
+fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag
+dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht
+lebhafte und unangenehme Debatten.«
+
+»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller
+lächelnd.
+
+»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.«
+
+»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller.
+
+»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.
+
+»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones.
+
+Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der
+beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken
+verloren.
+
+»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um
+Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger
+Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht
+gehen?«
+
+»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es
+getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir
+jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen
+zu sein.«
+
+»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten
+Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen
+Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies
+ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren
+erlebt, nicht wahr?«
+
+»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
+
+»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus
+Stiller,« rief Piller.
+
+Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf
+Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem
+spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten
+sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
+
+»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,«
+äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.
+
+»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den
+Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.«
+
+»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen.
+
+»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit
+paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und
+Blieder nicht gänzlich frei.«
+
+»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht,
+darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend
+für uns.«
+
+Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben
+aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der
+Graf von Neckartal.
+
+»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter.
+»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten
+Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum
+Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte
+der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus
+eintretend.
+
+»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich
+bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort,
+als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die
+Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
+hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei
+wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen!
+Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im
+ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.«
+
+»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas
+vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle
+Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.«
+
+»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch
+hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes
+von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden.
+Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten
+Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den
+Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese
+merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.«
+
+»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich
+habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des
+Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.«
+
+»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug
+bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt
+wurde.«
+
+»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz.
+
+»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt
+komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf
+fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die
+Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das,
+was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls
+Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde
+gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.«
+
+»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,«
+antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?«
+
+»Um acht Uhr in der Liederhalle.«
+
+»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?«
+
+»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem
+Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
+
+»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für
+Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.
+
+»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine
+Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war.
+
+»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz
+lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine
+Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen
+gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären
+übrig.«
+
+»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit
+entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans,
+ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach
+augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun
+laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur
+streifen!«
+
+Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich
+bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn
+Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts
+bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen
+empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
+Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.
+
+Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer
+scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels.
+Nun erhielt Frommherz das Wort.
+
+»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an.
+»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir
+geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren
+gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie
+von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht
+begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die
+mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei
+etwas weiter ausholen.
+
+Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität
+in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und
+treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu
+unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in
+ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer
+Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes
+Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine
+Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein
+künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen
+Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden
+individuellen Selbständigkeit.
+
+Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des
+Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger
+wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge
+wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute
+gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.
+
+Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten
+Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit
+für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper
+und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der
+Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur
+unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es
+wahrscheinlich auch noch heute ist.
+
+Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen
+Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des
+Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war
+unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter
+Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr,
+und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren
+Willen, zurück.
+
+Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip
+des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es
+verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine
+gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten
+Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.
+Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und
+körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich
+selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem
+Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche
+Rolle spielt.
+
+Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der
+Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl
+aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare
+Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem
+Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und
+Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und
+gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die
+Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.
+
+Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf
+dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die
+mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen,
+egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den
+Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So
+entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder
+vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu
+arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich
+frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir
+oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens,
+der Nächstenliebe.
+
+Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren
+Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit
+das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral
+auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden,
+dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen
+liegt.
+
+So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund
+mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den
+Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung
+des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.
+
+Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die
+Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche
+Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich
+achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen
+Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet
+hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz
+gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig
+merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,
+die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41523 ***
diff --git a/41523-8.txt b/41523-8.txt
deleted file mode 100644
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--- a/41523-8.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5023 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Vom Mars zur Erde
-
-Author: Albert Daiber
-
-Illustrator: Fritz Bergen
-
-Release Date: December 1, 2012 [EBook #41523]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-Vom Mars zur Erde
-
-
-Eine Erzählung für die reifere Jugend
-von
-Dr. Albert Daiber
-
-
-Verfasser von: »Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars«
-
-Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen
-
-Zweite Auflage
-
-
-Stuttgart
-Verlag von Levy & Müller
-
-
-Nachdruck verboten.
-Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
-Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
-
-
-
-
-Inhalt
-
-Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1
-Zweites Kapitel. Die Sühne 8
-Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21
-Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen 37
-Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars 45
-Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß 61
-Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr 69
-Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74
-Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89
-Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98
-Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112
-Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134
-
-
-
-
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-Der Erdensohn auf dem Mars.
-
-
-Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich
-am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum
-Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und
-Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
-Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen?
-Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die
-ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden
-in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im
-lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen
-Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn
-jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten
-unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des
-monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres
-kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im
-Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick
-. . .
-
-Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie
-und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand
-über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller
-Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde,
-die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so
-viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon
-ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt
-daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern --
-das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne
-zu.
-
-»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob
-ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren.
-Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du
-bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders!
-Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir
-den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den
-Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in
-so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren
-Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier
-auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön
-nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!«
-
-Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß
-sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf
-seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein
-Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
-Quält dich das Heimweh nach der Erde?«
-
-»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will
-ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!«
-
-»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im
-Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses
-auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als
-deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem
-Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe
-läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?«
-
-Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden
-eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit
-dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den
-weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
-Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das
-lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie
-sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
-
-Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du
-selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein
-Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich
-dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten
-vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der
-Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es
-unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
-einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer
-Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!«
-
-»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir
-fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum
-angegangen?«
-
-»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz
-eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus
-hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber
-verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in
-euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses
-tatenlose Dasein auf meiner Seele.«
-
-»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich
-dich aufgesucht.«
-
-Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem
-Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?«
-
-»Du möchtest nach Angola kommen.«
-
-Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf
-volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen,
-aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten,
-ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der
-Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
-taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln.
-Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
-
-»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich.
-
-»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
-
-»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun
-aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben
-bereits Lumata wieder erreicht.«
-
-In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den
-nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern
-vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden
-Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
-Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten
-flache Dächer.
-
-»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung
-erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle
-emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist
-weit.«
-
-»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!«
-
-Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn
-wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in
-den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer
-wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
-gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren
-der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im
-Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen,
-ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch
-erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
-waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten
-als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach
-unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten
-zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom
-Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den
-Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.
-
-Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an
-demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich
-unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen
-paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen,
-gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
-etwas an seinem Herzen?
-
-Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit
-den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den
-scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied
-gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
-Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die
-Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente
-schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl
-zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem
-Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
-
-Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen,
-aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich,
-wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in
-respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen
-anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
-Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die
-Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner
-Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht
-bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier
-oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte
-er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten
-wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten,
-die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der
-Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung,
-die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte
-ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die
-Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos
-rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er
-immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege,
-obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische
-Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
-er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
-War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der
-Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner
-Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas
-länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei
-Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch
-nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine
-Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
-
-Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische
-Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
-
-Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich
-fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen
-durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im
-pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und
-Erde die krausesten Dinge erleben ließen.
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-Die Sühne.
-
-
-Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur
-Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin
-Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein
-bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen
-sollte.
-
-Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen,
-die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch
-Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten.
-Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt
-unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte
-Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch
-durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden
-Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der
-Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte
-diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden
-rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine
-Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
-
-»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von
-Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns
-die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze
-laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind
-sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
-gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige.
-Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit
-Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze
-an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut
-besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr
-bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die
-uns unmöglich wären.«
-
-Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die
-gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch
-kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In
-üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
-und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute
-Bewunderung aus.
-
-»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus
-dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.«
-
-»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der
-Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich
-hinblickenden Greis.
-
-Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von
-Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der
-Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur
-Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem
-großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der
-Gesamtheit bedingt wird.«
-
-»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert,
-eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?«
-
-»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre
-mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst
-uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden
-sind?«
-
-»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde
-ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht
-bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde
-erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.«
-
-»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen
-Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für
-jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die
-wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist
-das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle
-Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder
-Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme
-der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern,
-ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein
-Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem
-Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du
-deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist,
-sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.«
-
-»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch
-bei euch zuweilen vorkommen.«
-
-»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat
-das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer
-abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie
-in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die
-Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen,
-gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.«
-
-»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der
-Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!«
-seufzte Fridolin Frommherz.
-
-»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung
-und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen
-ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!«
-
-Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder
-recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er
-erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die
-blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
-wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er
-schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir
-vorhat?«
-
-»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen
-dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben
-bist.«
-
-Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen.
-
-»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
-
-»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,«
-meinte Frommherz etwas unsicher.
-
-»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es
-gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene
-Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an
-sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber
-durchgesetzt hast.«
-
-Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
-
-Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund!
-Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war
-ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und
-daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit
-erwarten.«
-
-»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.«
-
-»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd.
-
-»Weiter nichts?«
-
-»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines
-Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.«
-
-»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich
-lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von
-der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber
-ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen
-dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein
-Wörterbuch der deutschen Sprache?«
-
-»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als
-Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.«
-
-»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder
-ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen,
-würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.«
-
-Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und
-drückte sie herzlich.
-
-»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab.
-
-Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam
-gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da,
-himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten.
-Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen
-den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des
-Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die
-Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde
-größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die
-Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren
-Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
-Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da
-weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und
-der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge
-. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich
-Fridolin Frommherz sehr wohl.
-
-»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So
-vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich,
-mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen,
-wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.«
-
-»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen
-Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus
-eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der
-unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.«
-
-»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen
-Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch
-dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie
-nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?«
-
-»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der
-Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte
-Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto
-drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto
-kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund,
-einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer
-Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen.
-Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich
-unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
-kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen
-Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten
-vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf
-ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein
-Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.«
-
-»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn
-bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe
-daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß
-gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um
-Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich
-unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer
-Entfernung auftauchte.
-
-»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der
-Knaben den unterrichtenden Lehrer?«
-
-»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so
-aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?«
-
-»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den
-Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm
-entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.«
-
-»Das ist viel,« sagte Fridolin.
-
-»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer
-unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze
-unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren
-Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir
-uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan
-seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.«
-
-Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe
-herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten
-eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
-
-»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend.
-»Gedeiht dein Werk?«
-
-»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine
-schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu
-tun.«
-
-»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!«
-
-»Ja, die Arbeit macht froh!«
-
-»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?«
-
-»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger
-Eran!«
-
-»Das wird mir Freude sein, junger Freund!«
-
-Weiter rollte der Wagen.
-
-»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd.
-
-»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er
-gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk.
-Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene
-verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
-dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.«
-
-»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der
-Schwabe.
-
-Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der
-bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch
-eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand
-ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und
-Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der
-Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten
-Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen
-übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich
-an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier
-gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine
-halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem
-Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei
-60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun
-schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des
-Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm
-und bequem machen konnte.
-
-Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der
-ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da
-vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe.
-Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen
-eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang
-und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen
-Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner
-besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen
-zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und
-Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur
-übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die
-Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie
-der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der
-Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren
-bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu
-schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur
-zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die
-marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden
-Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch
-unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
-erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die
-langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen
-versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
-
-Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug
-kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg
-es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden
-ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen!
-Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde
-sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
-
-»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des
-Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran.
-
-»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder
-einmal von oben herab schauen.«
-
-Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin
-Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen
-sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen.
-Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten
-Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre
-war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den
-Drückeberger, abgehalten worden.
-
-Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes
-Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar
-gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und
-darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und
-Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte
-sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
-Gewissensbissen.
-
-Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs,
-als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat.
-Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen
-anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn
-wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der
-Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im
-Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als
-er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten
-zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des
-Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen
-öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten
-Marsiten.
-
-»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr
-zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit
-den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
-
-»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde
-zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,«
-sprach Fridolin.
-
-»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,«
-entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder
-zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als
-wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde
-einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich
-auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
-wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der
-uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in
-diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt
-hatten, riefen wir dich.«
-
-Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es
-lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten.
-Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte,
-empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
-Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
-
-»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan
-nach kurzem Stillschweigen.
-
-»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz.
-
-»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich
-benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns
-ist die Sache abgetan.«
-
-»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte
-Frommherz.
-
-»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier
-in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns
-nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.«
-
-»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu
-antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich
-euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.«
-
-»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner
-Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder
-hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die
-Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen,
-dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender
-Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.«
-Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich
-zurück.
-
-»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der
-letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte
-Frommherz vor sich hin.
-
-»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?«
-forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
-
-»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz.
-
-»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für
-lange Zeit wohl auch das deine sein.«
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-Eine Sisyphusarbeit.
-
-
-Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim
-Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast
-viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus
-lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der
-Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über
-die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See
-einschlossen.
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-Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von
-der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten
-gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller
-Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit
-farbenprächtigen, duftenden Blüten.
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-Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans
-holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer
-jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher
-Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen
-gegenüber freundliche Gesinnungen hegen.
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-Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur
-Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine
-herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt
-werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen
-wäre.
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-Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich
-entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen,
-jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit
-doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
-einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug.
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-Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des
-Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach
-getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
-Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich
-dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen,
-abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene
-Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und
-nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige
-Lebensauffassung umzuformen begannen.
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-Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich
-an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung,
-wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im
-allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher
-erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
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-Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta
-stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang.
-Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich
-göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen
-und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie
-bis dahin noch niemals gekannt hatte.
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-Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und
-reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines
-hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos
-scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
-Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit
-jeglicher Empfindung.
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-»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,«
-brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr
-seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus
-der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese
-Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz
-verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen
-Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in
-verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische
-lagen.
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-Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald
-dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das
-Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer
-der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein
-Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen,
-seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und
-fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei.
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-Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr
-eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an
-der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er
-einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
-Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem
-Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede
-tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches
-Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu
-schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm
-manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen.
-Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das
-schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
-außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn
-über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten,
-die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten.
-Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das
-die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
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-Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde
-auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen,
-Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er
-hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation
-und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der
-Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen
-Muttersprache zuerkannt.
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-An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom
-Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
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-»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt,
-wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei
-fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art
-meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine
-Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt,
-so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das
-wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre
-dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über
-die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb
-emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer.
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-»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola
-zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte.
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-»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk
-gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße
-schüttelnd.
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-»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits
-schlecht!«
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-»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran.
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-»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.«
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-»So, so!« lächelte Eran.
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-»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich
-vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite
-Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.«
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-»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des
-Erdenalphabetes? Kaum möglich!«
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-»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz
-betreten.
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-»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit
-zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst
-du sie denn beenden?«
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-»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je
-schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade
-seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von
-stattlicher Größe gefüllt.
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-»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes
-vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin
-Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und
-mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
-und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug
-verdienen.«
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-Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber
-wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?«
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-»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine
-Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an
-Benta dachte.
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-»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine
-Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt
-nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit
-in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.«
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-»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang
-. . .«
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-»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten
-Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein
-Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine
-geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir
-dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen
-will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.«
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-»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich
-gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war.
-Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in
-wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!«
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-»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt,
-daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so
-feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.«
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-Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola
-kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich
-dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten
-Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
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-Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht
-gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn.
-Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle
-geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran
-hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er
-umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des
-Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen?
-Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie
-der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich
-nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte
-eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
-das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese
-selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als
-ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam
-ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu
-vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte,
-nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so
-schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war.
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-Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er
-schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine
-Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu
-vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das
-fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig
-gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene
-Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am
-Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß.
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-»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen
-deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte
-Bentan.
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-»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte
-gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine
-Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht
-mich frei und fröhlich zugleich.«
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-»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große,
-unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch
-besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.«
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-»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um
-an wichtigen Beratungen teilzunehmen.«
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-»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie
-bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan.
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-»Worin bestehen diese Berichte?«
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-»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die
-Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch
-die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten
-wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge
-dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als
-er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du
-wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte,
-im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.«
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-Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans
-Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen.
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-»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe
-mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der
-Erheiterung.«
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-»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer
-gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll
-Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
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-In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das
-Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er
-sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie
-energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten
-beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu
-erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des
-Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des
-Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie
-Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen
-Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße.
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-»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein,
-»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als
-wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid,
-müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.«
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-»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere
-geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so
-langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als
-ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr
-verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die
-Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter
-wechselnden Siegen und Niederlagen.«
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-»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein.
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-»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure
-vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde
-geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht
-der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die
-Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt,
-jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der
-Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie
-auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den
-basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem
-Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton-
-und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im
-Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia
-gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der
-Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen
-ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der
-Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern
-dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort
-ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren
-Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an
-unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen
-beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet
-und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure
-die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,
-fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine
-Frage der Zeit.« Bentan schwieg.
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-»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir
-wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause.
-»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir
-seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der
-Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor
-Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer
-darunter leiden.«
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-»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen
-wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch
-öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe
-folgen.«
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-»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere
-Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere
-Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier.
-Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir
-ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer
-gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein
-Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer
-kürzerer Dauer.«
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-»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?«
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-»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle,
-daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges
-schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne,
-spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was
-uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser
-Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber
-an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und
-unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles
-Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen,
-inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem
-Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.«
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-»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll
-Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen
-nachleben!«
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-»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere
-tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes
-Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die
-Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst
-unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit
-und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige
-Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir
-verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an
-unsere Stelle getreten.«
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-»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler
-Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis
-geendet hatte.
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-»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres
-Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der
-Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen
-Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der
-Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der
-klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist,
-daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet.
-Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen
-Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das
-Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können
-ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse
-Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch
-abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein
-sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.«
-
-»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in
-aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten
-Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von
-Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die
-bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen
-lassen.«
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-»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren
-Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte
-Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht
-und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.«
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-Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr
-oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem
-der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente
-seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und
-Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner
-Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen
-Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars
-veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt,
-das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang
-war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung.
-Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein
-unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm
-zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren
-gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen,
-war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für
-seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine
-befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er
-damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich
-kannte!
-
-»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das
-Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre
-der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte
-ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet.
-Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der
-Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung
-und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des
-treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren.
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-Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den
-fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der
-Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht
-nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben
-Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er
-deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre
-zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all
-die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten
-Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz'
-Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger
-er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
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-Viertes Kapitel.
-Getäuschte Hoffnungen.
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-In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen
-Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von
-Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies
-Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman,
-mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer
-wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer
-Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung
-zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen
-wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.
-
-Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im
-geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem
-alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen
-Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt
-eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein
-Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten
-Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte
-Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin
-Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend
-schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand
-der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
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-Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung
-leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu
-imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin
-Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim
-gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte
-erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form
-angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch
-die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht
-auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die
-Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden
-ließ!
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-So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er
-konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen
-Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich
-verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,
-als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer,
-herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der
-zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden
-war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz
-schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu
-jeglicher ernsten Arbeit.
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-Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun
-oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere
-neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten
-fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit
-dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine
-Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun
-wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich
-wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen.
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-Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine
-Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich
-erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit
-wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt
-Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und
-auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden
-lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen
-Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.
-
-Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen
-Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in
-Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines
-Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan
-selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der
-Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so
-stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben
-als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und
-suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
-
-Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine
-Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache
-handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans
-Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die
-Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen
-zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer
-saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend
-mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in
-die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle
-Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als
-fünf Jahre auf dem Mars befand.
-
-»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief
-der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.
-
-»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd.
-
-»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten
-nicht diese eigenartige Schönheit.«
-
-»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser
-Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.«
-
-»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie
-ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne,
-in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende
-Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!«
-
-»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine
-Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte
-Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der
-Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller
-Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar
-zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in
-Anspruch nehmen.«
-
-»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz.
-
-»Ja, wie du weißt.«
-
-»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.«
-
-»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin.
-Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch
-nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres
-Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich
-wahrnehmbar.«
-
-»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?«
-
-»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig,
-als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.
-
-»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.
-
-»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir
-alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die
-große Aufgabe zu lösen suchen.«
-
-»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle
-ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz.
-
-»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich.
-
-»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht
-hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer
-Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite
-angesehen werden.«
-
-»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans
-brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.
-
-»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur
-möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem
-als euresgleichen gelten.«
-
-»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch
-schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese
-Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich.
-
-»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.«
-
-»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.«
-
-»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.«
-
-»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon
-damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder
-ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger
-Betonung.
-
-»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in
-Generationen fortleben . . .«
-
-»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan
-ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede
-stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?«
-
-»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch
-begriffen worden zu sein.
-
-»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein.
-
-»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.«
-
-»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du
-bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was
-Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden,
-nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich
-mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung
-nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei
-uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns
-hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb,
-weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie
-denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und
-wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen
-Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die
-Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von
-den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch
-genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in
-Angola Vortrag gehalten habt.«
-
-»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches
-unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan,
-manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen
-geschlossen worden sind wie hier oben.«
-
-»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser
-Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend
-lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und
-wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen
-werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner
-Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es
-steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.«
-
-Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das
-Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung,
-nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch
-hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu
-Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer
-definitiven Klärung bringen.
-
-»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den
-Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der
-Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als
-Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung
-empfinde.«
-
-»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und
-rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta
-will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die
-Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden.
-Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon
-gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.«
-
-»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein.
-
-»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten
-wählen.«
-
-»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz.
-
-»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und
-verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes.
-Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über
-deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.«
-
-»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,«
-erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
-
-»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung
-wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir
-sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese
-Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.«
-
-»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta
-über das, was ich dir vorgebracht.«
-
-»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den
-harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern
-mich auch fernerhin an ihm erfreuen.«
-
-»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten
-Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die
-Rechte entgegen, die Bentan innig drückte.
-
-Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner
-ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen
-geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der
-Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-Die Doppelkanäle auf dem Mars.
-
-
-Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch
-behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste
-erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden.
-Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
-Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen,
-großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu
-Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die
-Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der
-menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und
-Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind
-wie hier auf dem Mars.
-
-Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen
-Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für
-das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die
-jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug
-dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle
-zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste
-Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten,
-natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu
-suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das
-Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,
-diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie
-bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
-
-Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in
-einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren,
-körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der
-Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen
-und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an
-die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank
-der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen
-Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von
-Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
-bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig
-ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe
-der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten
-durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die
-Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte
-Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
-
-In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen
-enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den
-neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf
-wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen
-Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen
-mußte.
-
-Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen
-Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des
-Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen
-schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
-Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers
-sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei
-seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur
-Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen.
-Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter
-ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle
-nördliche Gegend.
-
-Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am
-Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen
-Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der
-Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen
-ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit
-seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt,
-sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der
-Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige
-Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen
-Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von
-niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der
-weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
-
-Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade
-nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone,
-die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die
-Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald
-rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die
-Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber
-getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens
-nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung,
-kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das
-idealste aller Verkehrsmittel.
-
-Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone
-überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die
-Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz
-der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes
-Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle
-Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen
-und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste
-Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter
-man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur
-weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden
-Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne
-Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch
-immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
-grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand
-isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.
-
-»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser
-Ziel!«
-
-Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf
-zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf
-einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht
-ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem
-Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies
-auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle
-des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches,
-luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit
-Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.
-Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand
-gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!
-
-Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen
-sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz
-am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur
-Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das
-Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war
-gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte
-es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu
-solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!
-
-»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist
-bereit!«
-
-»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt.
-
-»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.«
-
-Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin
-gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher
-von statten.
-
-Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und
-ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt
-hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend
-grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in
-die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose
-Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem
-Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal
-das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm
-das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der
-Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es
-der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?
-
-Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges
-erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und
-sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen
-aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner,
-mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine
-Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des
-Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte
-weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
-
-Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen
-und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue,
-schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so
-kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine
-Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten
-seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der
-die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt
-keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut
-hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer
-neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art
-Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die
-neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als
-ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und
-an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm
-stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der
-Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und
-regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante
-versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls
-automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die
-Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die
-Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen
-Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten
-Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu
-schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
-
-Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde.
-Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas
-Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz
-außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine
-höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er
-selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich
-sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend
-abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall
-nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm
-dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht.
-
-Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis
-zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne
-gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße
-durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen
-zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der
-schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte
-er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
-
-»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage
-gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte
-erzählt:
-
-»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres
-Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern
-Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das
-allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die
-Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den
-Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere
-Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der
-Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe
-die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit
-unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe,
-die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit
-guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner
-Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr
-ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch
-der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme
-der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war.
-Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel
-auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er
-so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier
-ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und
-ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder,
-durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb
-im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus
-ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf
-technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu
-lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner
-außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine
-zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und
-du wirst noch viel Großes von ihm schauen.«
-
-Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen
-eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes,
-kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu
-viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an
-sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem
-Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße
-messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest
-seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig
-verlassen hatte.
-
-Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der
-Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner
-Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren
-Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der
-Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
-
-Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit
-seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber
-aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster
-der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen
-Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von
-ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort
-wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in
-Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die
-Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon
-mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den
-außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die
-Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die
-größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des
-Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche
-Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des
-öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach
-solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon
-untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.
-
-»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter
-die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen.
-Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu
-ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop
-einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute
-schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?«
-
-»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.«
-
-»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten
-vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht
-Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!«
-
-»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch
-höherem Maße als bei der Erde.«
-
-»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.«
-
-So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und
-Interessante.
-
-Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert.
-Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der
-Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit
-sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
-nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und
-Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche
-gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge
-schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern
-wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da
-aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch
-jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial
-einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und
-konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes
-vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der
-Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone
-vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die
-arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge
-Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel,
-der kein Eis kannte.
-
-Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie
-alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der
-Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem
-Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich
-entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines
-geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte
-hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem
-Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem
-Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere.
-Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die
-gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil
-der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem
-Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim
-geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren
-Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers
-und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne
-besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe
-empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.
-
-Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug,
-waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die
-Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich
-früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so
-kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
-oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von
-Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie
-ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber
-nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die
-Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
-
-Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden
-auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da
-und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst
-leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin,
-bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum
-Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie
-bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank,
-leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf
-war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf
-Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem
-Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn
-es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren
-konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es
-flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
-
-Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten
-erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk
-fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
-
-Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die
-alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich
-die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen
-Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach
-lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die
-schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
-
-Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die
-letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr
-altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem
-Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben,
-mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
-sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der
-Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten
-aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere
-Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
-
-Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben
-geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen
-Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen
-erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf
-dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
-erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der
-Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die
-Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird,
-auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile
-seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
-unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen
-Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte
-Richtung zu geben.
-
-So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner
-Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und
-wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten
-früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit
-geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der
-gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden,
-freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen
-Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral
-und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem
-Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu
-lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt
-hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums
-auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst
-gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem
-Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu
-folgen.
-
-Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an
-Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine
-vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige
-Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes
-der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft
-entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu
-natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola,
-um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner
-Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
-
-»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem
-Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war
-auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als
-bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem
-Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten
-purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem
-Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich,
-sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende
-Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
-
-Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem
-Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der
-Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur
-Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen
-Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen
-Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine
-Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand
-sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der
-Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-Ein tapferer Entschluß.
-
-
-An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in
-den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte
-sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der
-Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch
-der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach
-Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung
-ausgesprochen.
-
-Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des
-Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem
-ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden
-Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit
-Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für
-besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein
-Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
-
-Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede
-schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe,
-dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun
-seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so
-unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt:
-in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller
-Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der
-Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre
-zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen
-Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat
-mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer
-Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch
-entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen
-Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des
-Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich
-vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken
-vorhanden sein.
-
-»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den
-Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr
-Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die
-Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich
-damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit
-begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure
-Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer
-Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr
-meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte
-in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr
-nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich
-nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
-seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört
-worden war.
-
-»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir
-wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen
-lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich.
-
-Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als
-er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur
-Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie
-ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen
-Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen
-Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale
-fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß
-er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom
-Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den
-Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die
-an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat
-seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie
-wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er
-sie wiedersehen würde?
-
-In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut
-gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die
-Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz
-nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei
-ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der
-technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß
-er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
-
-Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch
-elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als
-er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die
-wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang
-seiner Sache hoffen.
-
-»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein
-Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise
-tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat
-uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren,
-sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein
-Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du
-gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und
-Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme
-der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so
-bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde
-des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu
-uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß
-wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an
-der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange
-vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über
-Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
-die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann
-im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von
-Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner
-Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen
-mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft
-aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln
-seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir
-selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf
-der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen
-unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
-halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert
-unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!
-Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir
-dir stets bewahren werden.«
-
-Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit
-erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das
-geringste eingebüßt hatte.
-
-»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem
-Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf
-Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine
-lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die
-Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
-Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin
-ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.«
-
-»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der
-Gelehrte.
-
-»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und
-die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied
-Bentan.
-
-Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit
-Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola
-verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.
-
-»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde
-überrascht?« fragte er seinen Gastgeber.
-
-»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung
-dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen
-Augenblick gewählt hast.«
-
-»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange
-Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz.
-
-»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.«
-
-»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?«
-
-»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den
-richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns
-auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter,
-fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine
-Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit
-hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.«
-
-»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.«
-
-»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber,
-daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon
-ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die
-möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person
-verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.«
-
-»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber
-trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer
-Rückkehr gefaßt haben.«
-
-»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir,
-lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd.
-
-»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf
-der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe
-und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund
-Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
-noch durch Musik und Gesang.«
-
-Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach
-sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen
-Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte
-Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
-Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes
-und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der
-schwäbischen Erde aus!
-
-Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief
-ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie
-werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen
-langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge
-dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es
-verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.«
-
-»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete
-Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde
-ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen
-Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen
-Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit
-dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war
-eilenden Schrittes im Hause verschwunden.
-
-Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er
-in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
-
-»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich
-werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.«
-
-»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der
-Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er
-seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.
-
-»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.«
-
-»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen
-früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich
-die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche
-für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
-ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-Vorbereitungen zur Rückkehr.
-
-
-Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem
-alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der
-Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem
-würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich.
-Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der
-Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten.
-Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der
-Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
-
-Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in
-jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu
-durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung
-bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die
-großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars
-ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten
-Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der
-Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
-
-Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten
-Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von
-Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von
-Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das
-fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in
-Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste
-Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte
-schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger
-Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm
-wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das
-ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf
-der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt
-der Arbeit.
-
-Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der
-Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt
-waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem
-kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln.
-Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft,
-aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein
-Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den
-»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich
-alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen
-zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller
-Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben,
-hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen
-können!
-
-Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System.
-Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher,
-selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim
-»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie
-alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht
-gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die
-in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
-weit in den Schatten stellten.
-
-Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe
-wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen
-dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum,
-der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des
-Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen
-und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung
-entgegenwirken sollte.
-
-Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was
-eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum
-erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die
-exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb
-der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen
-zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester,
-komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen
-Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung,
-teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im
-Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
-geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die
-Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die
-praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an
-den Wänden untergebracht.
-
-Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars
-eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die
-sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung
-mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es
-den Namen »Fridolin Frommherz« tragen.
-
-Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt
-worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der
-Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der
-Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran,
-Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug
-sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden.
-Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar.
-
-Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von
-allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel
-wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der
-Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu
-bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
-verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann
-erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen
-Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine
-nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen
-bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
-kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen
-Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung
-widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem
-ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
-Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst
-geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die
-Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten.
-
-Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin
-Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und
-Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie
-vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung
-an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
-aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit
-fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf
-Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt.
-
-Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
-
-Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all
-ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus
-vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und
-doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
-Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder
-erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben
-festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem
-Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg
-würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen.
-
-In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück,
-um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
-
-Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal
-Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit
-dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein
-Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine
-letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die
-Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in
-pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem
-Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-Auf der Fahrt im Weltraum.
-
-
-Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin
-Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf
-dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt
-worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da
-verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen
-Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und
-funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
-bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes
-Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände
-das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen
-in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte
-sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden
-auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der
-vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der
-Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
-
-Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in
-Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die
-fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete.
-Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach
-Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
-zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er
-naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen
-Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie
-Zeit in Fülle.
-
-Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal
-durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war
-die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger
-wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die
-Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht
-hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als
-der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die
-Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt
-gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz
-weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender
-geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl
-auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten
-Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte
-Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.
-
-Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben
-seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm
-größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere
-Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein
-mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.
-
-»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine
-Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.«
-
-»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja
-so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die
-lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter
-dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht
-genügen.«
-
-»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem
-sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck
-mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da
-plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich
-erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des
-Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem
-Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
-
-»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt.
-
-»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin
-Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber
-Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben
-gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser
-Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft
-erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die
-letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem
-verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das
-zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.«
-
-»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh
-erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?«
-
-»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man
-sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge
-natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige
-mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise
-keinen Mangel leiden.«
-
-Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.
-
-»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte
-er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.«
-
-Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
-
-»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der
-Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines,
-festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot
-sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte
-gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
-Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl,
-leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß
-Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster
-abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker
-Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder
-eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
-
-»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören,
-den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
-
-»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso
-leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine
-Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer
-bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen
-Gelegenheit haben.«
-
-»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin.
-
-»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir
-übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen
-wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.«
-
-»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch
-ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?«
-
-»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung
-sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da
-sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat.
-Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur
-ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das
-Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.«
-
-Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können?
-Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten
-Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch
-erscheinen.
-
-»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine
-augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da
-unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen
-»Mars« zu geben?«
-
-Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
-
-»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen
-sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches
-Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in
-solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
-formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.«
-
-»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des
-Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung
-aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da
-Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit
-Jahrtausenden schon sind sie überwunden.«
-
-»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,«
-sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen
-gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige
-Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.«
-
- * * * * *
-
-Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten
-unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine
-Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt,
-ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
-Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin
-Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite
-Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit
-einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
-zu stiften.
-
-Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und
-erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der
-Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war.
-Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was
-gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das
-Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff
-vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine
-Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen --
-wer vermochte sich das vorzustellen?
-
-Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
-
-»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist
-mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.«
-
-Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
-
-»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines
-jeden Meteoritenringes.«
-
-Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein
-glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit
-wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem
-sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife.
-Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die
-noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des
-Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob
-keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie
-leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen
-Kometenschweifes sein mußte!
-
-Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter,
-nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die
-Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians
-wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz
-vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete
-sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der
-Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im
-schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er
-leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch
-das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an
-andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah --
-Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
-ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe
-es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die
-Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes
-Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im
-Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer
-eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen.
-Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche
-Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen?
-
-»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer
-übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel
-bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich
-Interessantes schauen.«
-
-»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch
-außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir,
-Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine
-jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen
-berechnet, die mich schwindeln machen?«
-
-»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr
-nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.«
-
-»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz
-erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und
-Erde die Bahn eines Planeten läge!«
-
-»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr,
-wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.«
-
-»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen
-Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe.
-
-»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese
-Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser
-gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich
-sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein
-riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in
-stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines
-jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren
-Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller
-andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne
-hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt.
-Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen
-Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den
-wir jetzt treffen werden.«
-
-»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag
-mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?«
-
-»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich
-halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden
-zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde.
-Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine
-Atmosphäre eindringen.«
-
-»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt.
-»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!«
-
-»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß
-nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern
-Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der
-unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros
-nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland,
-Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.«
-
-Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich
-wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte
-den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine
-Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
-wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein
-undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
-
-»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder
-übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die
-Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre
-eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!«
-
-Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein
-Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der
-Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs
-viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
-Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch
-die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze
-einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten
-um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken
-öffneten, etwelche Kühlung.
-
-»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich.
-
-Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel
-eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine
-Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den
-Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so
-klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem
-hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide
-waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß
-die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die
-Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
-winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während
-sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.
-
-»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so
-wenig gesehen!«
-
-»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros
-dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um
-seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden
-und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns
-noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.«
-
-Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz
-neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes
-Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide.
-Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
-Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt,
-drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen
-Halbkugel nicht vorhanden.
-
-Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
-
-»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,«
-sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros
-bewohnt ist.«
-
-Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken
-abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner
-dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme,
-andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff.
-Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen
-das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte
-man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe,
-aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es
-waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar,
-das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
-im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.
-
-»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach
-Häusern aus.«
-
-»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen
-Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von
-Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen
-Eroswinter errichtet.«
-
-»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.
-
-»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit
-seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt,
-daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn
-die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht,
-ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen
-Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen
-Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du
-dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und
-etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?«
-
-Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff
-wieder zum Steigen.
-
-»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese
-armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im
-Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung
-zu stehen.«
-
-»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der
-gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin
-Frommherz begeistert.
-
-»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die
-Erositen nicht erklimmen.«
-
-»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die
-schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der
-Weiterentwicklung absprichst?«
-
-»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern
-Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird
-seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend
-Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft,
-verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann
-Eros seine Bahn um das ewige Licht.«
-
-Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine
-Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben
-verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu
-entwickeln!
-
-Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und
-schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.
-
-Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre
-der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf
-in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel
-plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.
-
-»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist
-er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel
-des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden
-suchen.«
-
-Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.
-
-»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das
-Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner
-gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!«
-
-Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung
-befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend
-Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand
-nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen,
-verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die
-Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom
-Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in
-nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende
-Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von
-Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke
-nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
-erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.
-
-»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das
-Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von
-der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden --
-sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später
-verschlingen.«
-
-Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des
-marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt
-hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen.
-In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem
-in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten
-den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
-erloschen.
-
-Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden,
-daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst
-marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu
-versagen drohten.
-
-Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm
-begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die
-Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel
-seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-Eine Station auf dem Monde.
-
-
-»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen
-Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt
-sich seinem Ende zu.«
-
-»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin
-Frommherz.
-
-»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.«
-
-»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags
-angekommen wären?«
-
-»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage
-bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige
-Mondnacht!«
-
-Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche
-überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen
-schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des
-Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte
-strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen
-hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
-Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz
-erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen,
-aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da
-türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler,
-übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
-und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen
-nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser,
-nach einer Spur von Grün.
-
-Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit
-landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs
-eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste,
-glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine,
-dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum
-Halse, wo sie fest geschlossen wurde.
-
-»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft
-zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den
-Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen.
-Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch
-schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
-sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da
-bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung
-noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten
-verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine
-Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge,
-die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
-eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um.
-Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos,
-darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum
-zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von
-glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten.
-Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am
-Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus
-gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
-
-»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage
-sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre
-Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die
-eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war
-Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein
-Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte
-kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die
-Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der
-Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
-
-»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der
-Erdensohn.
-
-Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und
-photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar
-nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich
-nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er
-auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite
-wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis
-seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er
-freundlich:
-
-»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?«
-
-»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt
-ist; aber keiner von euch antwortete mir.«
-
-»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd.
-
-»Ihr konntet nicht?«
-
-»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und
-wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.«
-
-»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich
-gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.«
-
-»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich
-langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich
-meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin
-eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist
-aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die
-Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft
-beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist,
-die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch
-Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
-Mangel an Luft.«
-
-Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der
-Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben
-der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so
-heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein
-Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
-überall.
-
-Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den
-nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es
-war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend
-Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne
-Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der
-höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie
-leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern,
-beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in
-kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
-Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die
-mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen
-hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer
-aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war
-ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so
-viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu
-leicht.
-
-Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen
-Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da
-gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine
-dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten
-Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
-
-Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer
-durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von
-Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte
-hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher
-schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr
-zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich,
-ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang,
-war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem
-Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne
-zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
-wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der
-Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
-
-Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine
-Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die
-Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung
-zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.
-
-Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein --
-ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten
-so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat.
-Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch
-fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim
-Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die
-gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die
-Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige
-Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen
-oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder
-vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In
-einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der
-Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen,
-über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner
-Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen.
-Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der
-Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen
-gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das
-Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das
-Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit
-einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an
-schwere Gegenstände an.
-
-»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken.
-
-»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche
-Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in
-schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir
-Marsiten es noch nie erlebt haben.«
-
-Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes
-plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt
-zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein
-fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz
-erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren
-Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
-
-Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische
-Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn
-Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über
-seine Hände.
-
-Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten
-die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters.
-Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten
-Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis
-der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die
-Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem
-Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen.
-Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die
-Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel
-in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die
-sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht
-werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.
-
-»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den
-vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein
-einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen
-kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch
-was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese
-herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
-bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr
-bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die
-durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und
-Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen
-Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem
-zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser
-Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.«
-
-Fridolin Frommherz nickte.
-
-»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft,
-den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit
-ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.«
-
-»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und
-es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es
-jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht
-nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft
-verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen.
-Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr;
-andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. --
-Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt!
-Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten
-Atmosphäre.«
-
-Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim
-ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-Die drei Freunde.
-
-
-Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres
-Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es
-waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum,
-die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft
-feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren
-Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige,
-idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars
-hatten führen dürfen.
-
-Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die
-Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem
-Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit
-abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur
-nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der
-Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus
-sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich
-für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein
-merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu
-bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte
-Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die
-hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu
-tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das
-Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
-
-Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu
-blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum
-noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es
-ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr
-verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
-ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt
-worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren
-die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner
-Huldigung.
-
-Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise
-der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche,
-brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als
-ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger
-verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die
-sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung
-zu tragen.
-
-In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit
-ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch
-nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise
-gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der
-Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph,
-und Parazelsus Piller, der Arzt.
-
-In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei
-Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses
-beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg
-bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort
-waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so
-behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine
-tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen
-Gedanken beschäftigt.
-
-»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen
-Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel
-betrachtete.
-
-»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller
-lächelnd.
-
-»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf
-Brummhuber ein.
-
-»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber
-Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft.
-
-»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen
-Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage
-euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen
-im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich
-hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich
-interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der
-Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.«
-
-»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,«
-lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige
-Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn
-der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?«
-
-Der Angeredete nickte lächelnd.
-
-»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,«
-erwiderte Piller finstern Tones.
-
-»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne
-Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer
-langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.«
-
-»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller.
-
-»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen
-Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir
-scheint.«
-
-»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber.
-
-»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller,
-bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle
-genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.«
-
-»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete
-Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte,
-den gewünschten Wein herbeizubringen.
-
-Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten
-Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine
-Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen
-feingeschnittenen Kopf.
-
-»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser
-Beleuchtung erblickte.
-
-»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,«
-bestätigte Brummhuber.
-
-»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen
-Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst:
-
-»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter
-geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und
-fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit
-tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du
-könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola
-eintreten.«
-
-»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei.
-
-»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der
-Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre
-der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.
-
-»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller.
-
-»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,«
-als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen
-Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.
-
-Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt
-waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck
-der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des
-Antrittes unserer Weltenreise.«
-
-Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem
-Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief:
-»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem
-Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas.
-
-»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein
-Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber.
-
-»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden
-verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas
-austrank.
-
-»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?«
-schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um
-sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.
-
-»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,«
-versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt,
-jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß
-er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.«
-
-»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller.
-»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch
-besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur
-Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.«
-
-»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde
-einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr
-entworfen haben,« knurrte Piller.
-
-»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein.
-
-»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir
-den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller.
-
-»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt
-die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!«
-
-»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir
-geblieben ist,« verwies ihn Stiller.
-
-»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund
-Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.
-
-»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten
-Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.«
-
-»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig
-verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann
-auch ich mit dem Dichter sagen.«
-
-»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und
-eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum
-grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und
-die Klingel ziehend.
-
-»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte
-Piller.
-
-»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!«
-
-»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt
-der edle Wein mein ganzes Ich.«
-
-»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen
-Betonung mehr.«
-
-»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.«
-
-»Hoffe es auch sonst immer zu sein.«
-
-»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.«
-
-»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.«
-
-»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller.
-
-»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese
-hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume
-dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt
-versöhnungsvoll,« entgegnete Piller.
-
-»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die
-Schulter.
-
-»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!«
-
-»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller.
-
-»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei.
-
-Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten
-zu werfen.
-
-»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste.
-
-»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so
-hübsch träumen.«
-
-»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder
-dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du
-selbst.«
-
-»Wie meinst du das?«
-
-»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.«
-
-»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so
-wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber.
-
-»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei.
-
-»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen
-mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne,
-poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große
-Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!«
-
-»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete
-Piller trocken.
-
-»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete
-Stiller.
-
-»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem
-Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends
-in dem Palaste der Weisen in Angola?«
-
-»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise.
-
-»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher
-gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese
-mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr
-hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des
-Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.
-
-»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch
-diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf
-ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.
-
-»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh
-nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch!
-Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten
-verfolgen.«
-
-»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche
-und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der
-Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals
-erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt.
-
-»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu.
-
-»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir,
-Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet
-werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige
-Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.«
-
-»Sehr wahr!« warf Piller ein.
-
-»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie
-von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der
-Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese,
-bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die
-naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird
-sich der Dumme breitmachen können.«
-
-»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale
-entfernt.«
-
-»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen,
-so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest.
-So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der
-Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste
-benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der
-härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben
-Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir
-da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System
-alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest
-verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine
-herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen.
-Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein
-Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache
-muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine
-Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise
-das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen
-gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu
-seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines
-wirklichen Menschen Anspruch erhebt.«
-
-Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden
-Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war
-auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen.
-
-»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der
-zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs
-Fenster geworfen hatte.
-
-»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem
-Beispiele Brummhubers gefolgt war.
-
-»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der
-Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein
-Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu
-betrachten.«
-
-»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde.
-
-»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon
-seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.«
-
-Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das
-große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen
-Weltkörpers begann.
-
-»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund,
-nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen.
-
-»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich
-bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.«
-
-»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?«
-
-»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig
-die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das
-existierte doch noch nicht, als wir oben waren.«
-
-»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für
-dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.«
-
-Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.
-
-»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob
-die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen
-wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung.
-
-»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme
-Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf
-dem Mars besprechen.«
-
-In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes
-Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu
-gemütlicher Plauderei zurück.
-
-»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,«
-bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend.
-
-»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber.
-
-»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer
-Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen
-Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.«
-
-»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller
-überrascht ein.
-
-»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine
-möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.«
-
-»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber.
-
-»Ich glaube, ja!«
-
-»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.«
-
-»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom
-Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu
-große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort
-oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener
-Anschauung kennen gelernt haben.«
-
-»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre
-fort.«
-
-»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind
-neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als
-überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles
-ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf
-dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der
-Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit
-wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.«
-
-»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde
-aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die
-Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich
-die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?«
-
-»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars
-selbst gehört habe,« antwortete Stiller.
-
-»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir
-geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit
-aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber.
-
-»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von
-dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine
-Wohl ausführen.«
-
-»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller.
-
-»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber.
-»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.«
-
-»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen.
-Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und
-Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern
-Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den
-stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen
-konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar
-geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen
-Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten
-vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein
-Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?«
-
-Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig
-schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er.
-
-»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend.
-
-»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!«
-
-»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das
-Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es
-dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis
-der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung
-unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir
-des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben,
-bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen
-Vervollkommnung.«
-
-»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir
-für heute wenigstens den letzten Trunk!«
-
-»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag
-ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.«
-
-»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein
-vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich
-schlürfen. Prosit!«
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-Wieder auf der Erde.
-
-
-Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume
-und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales.
-Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll
-Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des
-östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken
-begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen
-da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied;
-die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander
-zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft
-die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben
-plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.
-
-Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig
-gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals
-vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu
-zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des
-Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte
-meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige
-Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung
-durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden.
-
-Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus,
-war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt
-worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer
-Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das
-Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im
-Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken.
-
-Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem
-sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte.
-Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend,
-die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte
-gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der
-sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen
-Eisengitter umgeben war.
-
-Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene
-Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den
-Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken
-stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die
-eingemeißelten und vergoldeten Worte:
-
-ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE
-EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS
-DANKBARE VATERLAND.
-
-Auf der zweiten Seite war zu lesen:
-
-VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN
-MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D.
-DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ.
-
-Die dritte Seite trug die Mitteilung:
-
-NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM
-MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT
-ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . .
-
-Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die
-Rede. Frommherz las:
-
-ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER
-SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ.
-
-»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz
-vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet
-hatte.
-
-»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens
-vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind.
-Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.«
-
-Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl
-Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren
-und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare
-Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte?
-Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu
-fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück.
-
-In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen
-ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg
-und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem
-Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben
-gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung
-in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten
-menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er
-sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos
-daherschreitenden Frommherz.
-
-»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern
-Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes
-auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen
-Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen
-Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte
-sich in drohendster Weise.
-
-»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob.
-
-»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel.
-
-Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des
-Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er.
-»Also nochmals, woher kommen Sie?«
-
-»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd.
-
-Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen.
-
-»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,«
-mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des
-Gelehrten in das Verhör.
-
-»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann
-etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser
-Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein
-finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens.
-
-»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter.
-
-»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!«
-
-»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre
-Ausweispapiere?«
-
-»Ich führe keine bei mir.«
-
-»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir
-zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad.
-
-»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem
-grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch
-so recht heimatlich.
-
-Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung
-Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines
-Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig
-gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
-
-»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor
-sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer,
-verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
-
-»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil
-schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem
-Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.«
-
-Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in
-aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der
-Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke
-begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen
-haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
-
-Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren,
-blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der
-Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit
-war, das Verhör begann.
-
-»Ihr Name?«
-
-»Fridolin Frommherz.«
-
-»Geboren?«
-
-»26. September 19 . .«
-
-»Wo?«
-
-»In Cannstatt.«
-
-»Beruf?«
-
-»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.«
-
-»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit
-entsprechende Angaben zu machen.«
-
-»Für mich ganz selbstverständlich!«
-
-»Letzter Aufenthaltsort?«
-
-»Lumata.«
-
-»Lu--Lu--Lu--ma--mata?«
-
-»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz.
-
-»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?«
-
-»Auf dem Mars.«
-
-»Mars? Was ist denn das für ein Land?«
-
-»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer
-von ihr entfernt.«
-
-»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr
-Grobschmiedle auf.
-
-»Durchaus nicht, mein Lieber.«
-
-»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar.
-
-»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.«
-
-»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann
-Dietrich ein.
-
-»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen
-Untergebenen an.
-
-»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz.
-
-»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär
-zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben
-sich dementsprechend zu benehmen.«
-
-Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln.
-
-»Warum lachen Sie?«
-
-»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr
-als vierzehnjähriger Abwesenheit.«
-
-»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die
-Bemerkung Frommherz' zu beachten.
-
-»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.«
-
-»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die
-Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen
-Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.«
-
-»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre
-Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte.
-
-»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?«
-
-Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich
-Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
-
-»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in
-Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit.
-Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf
-ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen.
-Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die
-Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
-empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit,
-ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an
-Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur
-umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen,
-sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich
-aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden
-kann.«
-
-Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da
-hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt.
-Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine
-kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter
-dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär
-erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete
-Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an
-manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und
-äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
-Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten
-ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten
-eingetragen.
-
-Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel
-stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen
-konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht
-einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
-
-»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,«
-erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
-
-»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche
-zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,«
-entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
-
-»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?«
-
-»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte
-seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke
-aufbewahrt hatte.
-
-»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle
-auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden
-erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu.
-
-Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier:
-»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier
-gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen
-befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend.
-Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.
-
-Herzlichen Freundes- und Brudergruß
-Fridolin Frommherz.«
-
-»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär.
-
-»Ich habe noch eine kleine Bitte!«
-
-»Was soll's sein?« brummte der Beamte.
-
-»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen
-gestatten?«
-
-»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche
-gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des
-Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte.
-
-Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes
-frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen
-verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren
-gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein
-Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat
-hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde
-hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller.
-
-»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner
-Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll
-freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen.
-
-Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten
-Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über
-den seinem Freunde angetanen Schimpf.
-
-»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich
-geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?«
-wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!«
-
-»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu
-entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber
-Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden.
-
-»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann
-gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte,
-der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde
-zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre
-hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller
-heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann
-wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche
-steht!«
-
-»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine
-Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen
-über die Sache.«
-
-»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und
-verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller.
-
-Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete
-erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat
-und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da
-schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig
-zugänglichen Polizeibeamten.
-
-»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller.
-
-»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz.
-
-»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und
-besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an
-dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter
-Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller.
-
-»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd.
-
-Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts
-schönsten Ort.
-
-Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in
-ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der
-Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe
-von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge
-gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt
-worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder
-entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es
-hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch
-zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das
-Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte.
-Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten
-Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches
-Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei
-gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten
-Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen
-den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte
-Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
-
-Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal
-niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von
-neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von
-Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um
-Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
-und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
-
-»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir
-würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen
-haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige.
-
-»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr
-meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und
-Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir
-schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft
-anzuzeigen.«
-
-»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es
-gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz,
-Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes
-unverhoffte Rückkehr.«
-
-Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
-
-»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der
-Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser
-Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.«
-
-»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen.
-
-»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig
-miteinander sprechen.«
-
-»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun
-auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für
-die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren
-damit einverstanden.
-
-»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,«
-erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr
-ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten
-wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was
-machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?«
-
-»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber.
-
-»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!«
-
-»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde
-des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte
-Stiller.
-
-»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich
-oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller.
-
-»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das
-gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug
-mit aller Sicherheit landen konnte.«
-
-»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?«
-
-»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans
-Neffe.«
-
-»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der
-Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner
-weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten,
-woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten
-fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
-Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden
-Verschwinden!« urteilte Piller.
-
-»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt,
-gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz
-seine Begleiter.
-
-»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber.
-
-»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete
-Frommherz.
-
-»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,«
-fügte Stiller hinzu.
-
-»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt.
-
-»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von
-Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und
-wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung
-schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller.
-
-Die Herren lachten.
-
-»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde
-Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.«
-
-»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber.
-
-»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.«
-
-»Nur?«
-
-»Lange genug, trotzalledem.«
-
-»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem
-Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen,
-und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen.
-
-»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?«
-fragte Stiller herzlichen Tones.
-
-»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu
-bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit,
-Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden,
-wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein
-werden.«
-
-»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns
-danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller.
-
-»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben
-seid.«
-
-»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer
-Meinung,« entgegnete Brummhuber.
-
-»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer,
-veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen,
-schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund
-Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch
-zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
-ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu
-dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem
-gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern,
-daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch
-beging, wieder gut zu machen suchte.«
-
-»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der
-Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt
-hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.«
-
-»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß
-Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu
-eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der
-schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.«
-
-»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber
-ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für
-immer hier unten bleiben müssen.«
-
-»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber
-ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist,
-wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war
-schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir
-ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht
-genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen
-befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz.
-
-»Das stimmt,« bestätigte Piller.
-
-»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars
-Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar
-trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes
-nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als
-alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke
-selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz
-der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer
-Freunde.«
-
-»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in
-Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes
-Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene
-unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch
-atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen
-Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige
-Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller.
-
-Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es
-möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben
-scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die
-wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die
-mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen
-vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und
-auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.«
-
-Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte
-er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne
-niemals gehört.
-
-»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars
-in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten
-Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte.
-
-»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber.
-
-Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger
-anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an
-ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier
-Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die
-Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs
-zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
-Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
-
-»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere
-Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller.
-
-»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,«
-lobte Frommherz.
-
-Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an
-Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab.
-
-»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller.
-
-Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite
-Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die
-weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger
-anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen
-Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen
-die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den
-Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der
-blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die
-Hand.
-
-Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes
-Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die
-Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit
-Jubel angenommen wurde.
-
-»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie
-hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor.
-
-Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung
-fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren
-berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im
-Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über
-die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der
-Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den
-Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich
-ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu.
-
-»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich
-vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz.
-
-»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals,
-als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber.
-
-»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,«
-bemerkte Stiller.
-
-Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen
-in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer.
-
-»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich
-stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund
-Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,«
-lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie
-früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber
-Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns
-wiedergeschenkten Freundes leeren.«
-
-Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte
-langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe
-sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da
-begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.
-
-»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher
-eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber.
-
-»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller.
-
-»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte
-Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken
-lauten Willkomm bieten.«
-
-»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber.
-
-Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es
-. . .
-
-Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im
-Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden
-Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die
-da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
-Landschaftsbildes still genossen.
-
-»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und
-machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer
-feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
-
-»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller.
-
-»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,«
-äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute
-fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.«
-
-»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am
-liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem
-Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.«
-
-»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang
-und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich
-verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller.
-
-Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da
-durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche
-Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied:
-»Des Vaterlandes Gruß.«
-
-Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen
-Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten.
-Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte,
-unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald
-entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
-Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der
-Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts,
-der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender
-Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel.
-Fromme Wünsche.
-
-
-Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den
-Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten,
-saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem
-Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die
-Presse sollte es leider nicht abgehen.
-
-Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine
-Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den
-Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen
-Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher
-gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann
-zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist
-selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten
-die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst
-vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern
-gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen
-Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
-Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man
-sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.
-
-Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er
-seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion
-erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein
-vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das
-sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch
-nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen
-Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt
-sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland
-vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
-wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der
-Artikel.
-
-Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar
-nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten
-Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den
-Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
-
-»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das
-Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine
-besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt
-doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen
-bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu
-sein.«
-
-Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man
-zertreten sollte,« schimpfte er.
-
-»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,«
-antwortete Stiller.
-
-»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.«
-
-»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen
-Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es
-tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser
-fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier
-gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.«
-
-»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde
-als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die
-Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit
-kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.«
-
-»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller.
-
-»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum
-Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit
-von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und
-Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des
-Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte
-fort, Fridolin,« bat Stiller.
-
-Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre
-auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien,
-wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten
-Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die
-Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm
-zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und
-Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem
-Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle
-dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
-Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
-
-Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser
-gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
-
-»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle
-aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir,
-Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor
-wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem
-selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
-Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.«
-
-»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber.
-
-»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen
-Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!«
-
-Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit
-mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem
-Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch
-von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller
-begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm
-gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie
-Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle
-getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter
-Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf
-das günstigste aufgenommen worden sei.
-
-»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst
-zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich
-eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem,
-ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten,
-besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten
-Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat
-der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.
-
-Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug
-in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem
-Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt
-in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das
-ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug
-durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch
-auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal
-eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die
-Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend
-kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in
-der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte.
-In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem
-Wasen abgesetzt.«
-
-Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung
-beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten
-Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten
-der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem
-Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben,
-nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich,
-unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt,
-der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten
-lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst
-vorzeitig in die Grube gefahren.
-
-Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort
-und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und
-den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge
-aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die
-ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um
-alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter
-Weise zu leben.
-
-Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem
-engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem
-Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur
-Angliederung anziehen werde.
-
-Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem
-Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen
-Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von
-zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu
-sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und
-Adolf Blieder.
-
-»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte
-Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.
-
-»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor
-euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart
-sagen, was sie von mir wollen.«
-
-»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie
-eintreten.«
-
-Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich
-sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten
-Stiller freundlich.
-
-»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz,
-der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller
-vor.
-
-»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz
-verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.
-
-»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller.
-Die Herren folgten der Einladung.
-
-»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das
-Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf
-deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.«
-
-»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht
-auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber
-Blieder,« korrigierte Stiller.
-
-»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?«
-
-»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd.
-
-»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.
-
-»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz
-wegen rechte Sorgen.«
-
-»Wieso?« fragte Stiller erstaunt.
-
-»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige
-Sache.«
-
-»Eine Änderung?«
-
-»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des
-Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.«
-
-»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?«
-
-»Ja!«
-
-»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller.
-
-»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder.
-
-»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte
-Piller nicht ohne Hohn.
-
-»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es
-handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die
-einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach,
-wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein
-verändertes und unschönes Aussehen zu geben.«
-
-»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob.
-
-»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel
-fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag
-dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht
-lebhafte und unangenehme Debatten.«
-
-»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller
-lächelnd.
-
-»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.«
-
-»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller.
-
-»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.
-
-»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones.
-
-Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der
-beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken
-verloren.
-
-»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um
-Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger
-Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht
-gehen?«
-
-»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es
-getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir
-jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen
-zu sein.«
-
-»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten
-Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen
-Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies
-ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren
-erlebt, nicht wahr?«
-
-»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
-
-»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus
-Stiller,« rief Piller.
-
-Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf
-Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem
-spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten
-sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
-
-»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,«
-äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.
-
-»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den
-Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.«
-
-»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen.
-
-»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit
-paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und
-Blieder nicht gänzlich frei.«
-
-»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht,
-darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend
-für uns.«
-
-Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben
-aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der
-Graf von Neckartal.
-
-»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter.
-»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten
-Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum
-Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte
-der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus
-eintretend.
-
-»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich
-bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort,
-als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die
-Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
-hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei
-wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen!
-Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im
-ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.«
-
-»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas
-vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle
-Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.«
-
-»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch
-hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes
-von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden.
-Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten
-Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den
-Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese
-merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.«
-
-»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich
-habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des
-Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.«
-
-»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug
-bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt
-wurde.«
-
-»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz.
-
-»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt
-komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf
-fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die
-Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das,
-was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls
-Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde
-gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.«
-
-»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,«
-antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?«
-
-»Um acht Uhr in der Liederhalle.«
-
-»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?«
-
-»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem
-Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
-
-»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für
-Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.
-
-»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine
-Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war.
-
-»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz
-lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine
-Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen
-gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären
-übrig.«
-
-»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit
-entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans,
-ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach
-augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun
-laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur
-streifen!«
-
-Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich
-bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn
-Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts
-bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen
-empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
-Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.
-
-Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer
-scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels.
-Nun erhielt Frommherz das Wort.
-
-»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an.
-»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir
-geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren
-gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie
-von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht
-begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die
-mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei
-etwas weiter ausholen.
-
-Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität
-in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und
-treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu
-unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in
-ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer
-Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes
-Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine
-Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein
-künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen
-Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden
-individuellen Selbständigkeit.
-
-Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des
-Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger
-wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge
-wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute
-gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.
-
-Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten
-Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit
-für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper
-und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der
-Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur
-unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es
-wahrscheinlich auch noch heute ist.
-
-Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen
-Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des
-Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war
-unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter
-Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr,
-und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren
-Willen, zurück.
-
-Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip
-des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es
-verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine
-gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten
-Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.
-Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und
-körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich
-selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem
-Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche
-Rolle spielt.
-
-Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der
-Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl
-aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare
-Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem
-Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und
-Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und
-gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die
-Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.
-
-Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf
-dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die
-mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen,
-egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den
-Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So
-entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder
-vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu
-arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich
-frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir
-oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens,
-der Nächstenliebe.
-
-Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren
-Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit
-das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral
-auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden,
-dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen
-liegt.
-
-So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund
-mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den
-Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung
-des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.
-
-Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die
-Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche
-Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich
-achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen
-Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet
-hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz
-gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig
-merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,
-die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
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-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE ***
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--- a/41523-h.zip
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Binary files differ
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@@ -2,7 +2,7 @@
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<head>
-<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
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<title>The Project Gutenberg eBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber</title>
<!-- TITLE="Vom Mars zur Erde" -->
<!-- AUTHOR="Albert Daiber" -->
@@ -118,42 +118,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; }
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Vom Mars zur Erde
-
-Author: Albert Daiber
-
-Illustrator: Fritz Bergen
-
-Release Date: December 1, 2012 [EBook #41523]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41523 ***</div>
<div class="centerpic" style="margin-bottom:2em;">
<img src="images/cover.jpg" alt="" />
@@ -163,7 +128,7 @@ Produced by Jens Sadowski
<span style="font-size:1.1em; font-weight:bold;">Vom Mars zur Erde</span><br />
<br />
<br />
-<span style="font-size:0.6em;">Eine Erzählung für die reifere Jugend</span><br />
+<span style="font-size:0.6em;">Eine Erzählung für die reifere Jugend</span><br />
<span style="font-size:0.4em;">von</span><br />
<span style="font-size:0.8em; font-weight:bold;">Dr. Albert Daiber</span><br />
<span style="font-size:0.3em;">Verfasser von: &bdquo;Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars&ldquo;</span>
@@ -187,12 +152,12 @@ Zweite Auflage
<p class="center" style="font-size:1em; letter-spacing:0.1em;">
Stuttgart<br />
-<span style="letter-spacing:0.2em;">Verlag von Levy &amp; Müller</span>
+<span style="letter-spacing:0.2em;">Verlag von Levy &amp; Müller</span>
</p>
<p class="center" style="font-size:0.7em; margin-top:12em; margin-bottom:6em; page-break-before:always;">
Nachdruck verboten.<br />
-Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.<br />
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.<br />
Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.
</p>
@@ -206,17 +171,17 @@ Druck: Christl. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.
<table summary="TOC" style="margin-left:1em; margin-right:auto; text-align:left">
<tbody>
<tr><td class="left">Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars</td><td class="right"><a href="#chapter-0-1">1</a></td></tr>
-<tr><td class="left">Zweites Kapitel. Die Sühne</td><td class="right"><a href="#chapter-0-2">8</a></td></tr>
+<tr><td class="left">Zweites Kapitel. Die Sühne</td><td class="right"><a href="#chapter-0-2">8</a></td></tr>
<tr><td class="left">Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit</td><td class="right"><a href="#chapter-0-3">21</a></td></tr>
-<tr><td class="left">Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen</td><td class="right"><a href="#chapter-0-4">37</a></td></tr>
-<tr><td class="left">Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars</td><td class="right"><a href="#chapter-0-5">45</a></td></tr>
-<tr><td class="left">Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß</td><td class="right"><a href="#chapter-0-6">61</a></td></tr>
-<tr><td class="left">Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr</td><td class="right"><a href="#chapter-0-7">69</a></td></tr>
+<tr><td class="left">Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen</td><td class="right"><a href="#chapter-0-4">37</a></td></tr>
+<tr><td class="left">Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars</td><td class="right"><a href="#chapter-0-5">45</a></td></tr>
+<tr><td class="left">Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß</td><td class="right"><a href="#chapter-0-6">61</a></td></tr>
+<tr><td class="left">Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr</td><td class="right"><a href="#chapter-0-7">69</a></td></tr>
<tr><td class="left">Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum</td><td class="right"><a href="#chapter-0-8">74</a></td></tr>
<tr><td class="left">Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde</td><td class="right"><a href="#chapter-0-9">89</a></td></tr>
<tr><td class="left">Zehntes Kapitel. Die drei Freunde</td><td class="right"><a href="#chapter-0-10">98</a></td></tr>
<tr><td class="left">Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde</td><td class="right"><a href="#chapter-0-11">112</a></td></tr>
-<tr><td class="left">Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche</td><td class="right"><a href="#chapter-0-12">134</a></td></tr>
+<tr><td class="left">Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche</td><td class="right"><a href="#chapter-0-12">134</a></td></tr>
</tbody>
</table>
</div>
@@ -231,122 +196,122 @@ Der Erdensohn auf dem Mars.
<p class="first">
<span class="firstchar">P</span>hobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden
-Kugeln gleich am nächtlichen Firmamente, der eine
+Kugeln gleich am nächtlichen Firmamente, der eine
aufgehend, der andere bereits zum Untergange geneigt. Die sternklare
-Nacht war von märchenhafter Pracht und Schönheit.
-Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
+Nacht war von märchenhafter Pracht und Schönheit.
+Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher
gekommen? Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen
Kilometer sein, die ihn von seiner Mutter Erde, von seiner
-deutschen Heimat, von den Freunden in Tübingen, der Stätte seines
+deutschen Heimat, von den Freunden in Tübingen, der Stätte seines
einstigen akademischen Wirkungskreises im lieben Schwabenlande,
trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen Bruderplaneten
-seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte
+seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte
ihn jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben
-Tübinger Gelehrten unternommene kühne Forschungsreise durch
-den Ätherraum, die Qualen des monatelangen Aufenthaltes in
+Tübinger Gelehrten unternommene kühne Forschungsreise durch
+den Ätherraum, die Qualen des monatelangen Aufenthaltes in
der engen, fest geschlossenen Gondel ihres kunstvoll gebauten
-Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im Gefolge
+Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im Gefolge
gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick .&nbsp;.&nbsp;.
</p>
<p>
<a id="page-2" class="pagenum" title="2"></a>
Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor
-der Theologie und Moralphilosophie an der Universität
-Tübingen, strich sich mit der Hand über die gedankenschwere
+der Theologie und Moralphilosophie an der Universität
+Tübingen, strich sich mit der Hand über die gedankenschwere
Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller Traum, der ihn
neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, die
-ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit
+ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit
doch so viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel
-hundertmal hatte er schon ihre wunderbare Schönheit staunend
+hundertmal hatte er schon ihre wunderbare Schönheit staunend
betrachtet und sich doch nicht satt daran gesehen. Und dort jener
-besonders helle, rötlich strahlende Stern &mdash; das war die Erde,
+besonders helle, rötlich strahlende Stern &mdash; das war die Erde,
die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne zu.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten
-Freunde! Ob ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht
-habt? Nie werde ich es erfahren. Hätte ich mich doch nicht
+&bdquo;Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten
+Freunde! Ob ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht
+habt? Nie werde ich es erfahren. Hätte ich mich doch nicht
von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du bester der Freunde,
du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! Nein,
wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das
-wir den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend,
-die Lüge, den Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein,
-&mdash; mir graute vor einer Rückkehr in so barbarische Verhältnisse,
-nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren Höhe ich früher
+wir den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend,
+die Lüge, den Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein,
+&mdash; mir graute vor einer Rückkehr in so barbarische Verhältnisse,
+nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren Höhe ich früher
kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier auf
dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten
-so schön nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!&ldquo;
+so schön nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!&ldquo;
</p>
<p>
-Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches
-nicht bemerkt, daß sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht.
+Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches
+nicht bemerkt, daß sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter, und eine
Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: &bdquo;Nun, mein Freund,
-schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
-Quält dich das Heimweh nach der Erde?&ldquo;
+schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
+Quält dich das Heimweh nach der Erde?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
&bdquo;Nein, nein!&ldquo; beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern.
-&bdquo;Hier will ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger
+&bdquo;Hier will ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger
Eran, ist das Paradies!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun,&ldquo; meinte der Alte mit feinem Lächeln, &bdquo;etwas scheint
+&bdquo;Nun,&ldquo; meinte der Alte mit feinem Lächeln, &bdquo;etwas scheint
dir doch im Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose
-Wandern, dieses auffallende Meiden deiner neuen Brüder?
-Wie gern weiltest du früher, als deine Erdenfreunde noch auf
+Wandern, dieses auffallende Meiden deiner neuen Brüder?
+Wie gern weiltest du früher, als deine Erdenfreunde noch auf
unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem Hause! Jetzt
-treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe läßt.
-Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?&ldquo;
+treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe läßt.
+Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?&ldquo;
</p>
<p>
-Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten,
+Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten,
die beiden eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene
-Greis im silberweißen Haar, mit dem edel geformten Antlitz,
-und der kaum halb so alte Erdensohn mit den weichen Zügen.
-Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
+Greis im silberweißen Haar, mit dem edel geformten Antlitz,
+und der kaum halb so alte Erdensohn mit den weichen Zügen.
+Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide
-trugen das lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen
-Schrittes näherten sie sich Lumata, der Stadt, der Eran
-als Ältester vorstand.
+trugen das lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen
+Schrittes näherten sie sich Lumata, der Stadt, der Eran
+als Ältester vorstand.
</p>
<p>
Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er
-beklommen: &bdquo;Du selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen,
-daß du mein Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken
-deiner Genossen las ich dasselbe Urteil. &sbquo;Ein jeder gehört an
+beklommen: &bdquo;Du selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen,
+daß du mein Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken
+deiner Genossen las ich dasselbe Urteil. &sbquo;Ein jeder gehört an
den Platz, an dem er etwas zu leisten vermag,&lsquo; sagt ihr. &sbquo;Man
-lebt nicht sich allein, sondern auch der Gesamtheit.&lsquo; Ihr münztet
-diese Worte auf mich und die Erde und fandet es unrecht, daß
-ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
-einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches
+lebt nicht sich allein, sondern auch der Gesamtheit.&lsquo; Ihr münztet
+diese Worte auf mich und die Erde und fandet es unrecht, daß
+ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
+einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches
Glied eurer Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu
helfen wollte!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-&bdquo;Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit,
+&bdquo;Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit,
die dir fehlt,&ldquo; erwiderte der Greis. &bdquo;Aber hast du uns denn
bisher darum angegangen?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola,
-an den Hauptsitz eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben
-zu berichten. Von dort aus hoffte ich mein künftiges
-Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber verflossen. Noch
-weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in euern
-Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und
+an den Hauptsitz eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben
+zu berichten. Von dort aus hoffte ich mein künftiges
+Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber verflossen. Noch
+weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in euern
+Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und
dieses tatenlose Dasein auf meiner Seele.&ldquo;
</p>
@@ -362,23 +327,23 @@ diese Antwort?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Du möchtest nach Angola kommen.&ldquo;
+&bdquo;Du möchtest nach Angola kommen.&ldquo;
</p>
<p>
-Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. &bdquo;Ist das alles?
-Braucht man fünf volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft
+Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. &bdquo;Ist das alles?
+Braucht man fünf volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft
zu senden?&ldquo; wollte er sagen, aber er besann sich eines
-Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, ehrwürdigen Greise,
-die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der Alten,
-die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
-taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte
-kein Mäkeln. Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in
-seinen Zügen.
+Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, ehrwürdigen Greise,
+die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der Alten,
+die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
+taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte
+kein Mäkeln. Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in
+seinen Zügen.
</p>
<p>
-&bdquo;Wir werden schon morgen früh reisen,&ldquo; sagte Eran
+&bdquo;Wir werden schon morgen früh reisen,&ldquo; sagte Eran
freundlich.
</p>
@@ -388,26 +353,26 @@ Freude.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der
+&bdquo;Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der
<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
Alten sitze. Nun aber komm und pflege noch ein paar Stunden
der Ruhe. Sieh, wir haben bereits Lumata wieder erreicht.&ldquo;
</p>
<p>
-In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser
-der Stadt vor den nächtlichen Wanderern auf. Sie standen
+In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser
+der Stadt vor den nächtlichen Wanderern auf. Sie standen
nicht aneinander gereiht, sondern vereinzelt inmitten wohlgepflegter
-Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden Blumen und
-Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
-Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig
-und hatten flache Dächer.
+Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden Blumen und
+Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
+Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig
+und hatten flache Dächer.
</p>
<p>
&bdquo;Gute Nacht, Freund Fridolin!&ldquo; sagte Eran, als sie dessen
Behausung erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur
-säulengetragenen Vorhalle emporstiegen. &bdquo;Ich werde dich morgen
+säulengetragenen Vorhalle emporstiegen. &bdquo;Ich werde dich morgen
beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist weit.&ldquo;
</p>
@@ -418,220 +383,220 @@ beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist weit.&ldquo;
<p>
Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch
lag der Erdensohn wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde
-das quälende Unbehagen, das ihn in den letzten Wochen und
+das quälende Unbehagen, das ihn in den letzten Wochen und
Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer wieder stand
ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte
-Professoren der Tübinger Universität. &sbquo;Die sieben Schwaben&lsquo;
+Professoren der Tübinger Universität. &sbquo;Die sieben Schwaben&lsquo;
hatten sie sich oft im Scherze genannt. Ein Schwabe war der
Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, ein Schwabe hatte das neue,
-leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch erst eine Reise
-außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
-waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen,
-hatten als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum
-durchfurcht und waren nach unendlicher Mühsal auf dem
+leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch erst eine Reise
+außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
+waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen,
+hatten als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum
+durchfurcht und waren nach unendlicher Mühsal auf dem
Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten zwei Jahre
-im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom Pflichtgefühl
+im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom Pflichtgefühl
<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den
-Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin
+Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin
Frommherz.
</p>
<p>
-Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher.
+Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher.
Da war er wieder an demselben Punkte der Erinnerungen wie
alle Abende! Hatte er denn wirklich unrecht getan? War es
-denn nicht verständlich, daß er solchen paradiesischen Zuständen,
+denn nicht verständlich, daß er solchen paradiesischen Zuständen,
wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, gefunden, die
-Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
+Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
etwas an seinem Herzen?
</p>
<p>
-Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte,
+Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte,
war Eran mit den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen.
-Voll Hochachtung hatten sie den scheidenden Erdensöhnen
-und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied gedrückt.
+Voll Hochachtung hatten sie den scheidenden Erdensöhnen
+und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied gedrückt.
Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
-Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden.
+Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden.
Erst als die Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits
wieder in seinem Elemente schwebte, war er herbeigeeilt, um den
Freunden ein letztes Lebewohl zuzuwinken. War das recht
-gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem Gedanken
+gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem Gedanken
ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
</p>
<p>
-Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden
+Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden
und zu schlafen, aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen.
Jetzt sah er Eran vor sich, wie er mit seinen Genossen heimkehrte,
sah sich selbst den Heimkehrenden in respektvoller Entfernung
-folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen anzuschließen,
+folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen anzuschließen,
und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
-Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war
-auch die Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung
+Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war
+auch die Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung
<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-als einzelner Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren
-müsse, daß es nicht bleiben könne, wie es früher gewesen
-war, als noch seine Gefährten hier oben wandelten. Aber welcher
-Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte er sich keine
+als einzelner Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren
+müsse, daß es nicht bleiben könne, wie es früher gewesen
+war, als noch seine Gefährten hier oben wandelten. Aber welcher
+Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte er sich keine
Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten
wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den
-fünf Monaten, die zwischen damals und heute lagen, war ihm
-doch allmählich der Unterschied gegen früher klar geworden: es
+fünf Monaten, die zwischen damals und heute lagen, war ihm
+doch allmählich der Unterschied gegen früher klar geworden: es
war nicht mehr dieselbe Achtung, die man ihm bezeigte. Das
-nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte ihm jeden
-Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und
+nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte ihm jeden
+Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und
die Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange
im Hause. Planlos rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine
-täglichen Ausflüge dehnte er immer weiter aus und ging den
-Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege, obgleich er merkte,
-wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische Verstimmung,
-die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
-er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
+täglichen Ausflüge dehnte er immer weiter aus und ging den
+Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege, obgleich er merkte,
+wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische Verstimmung,
+die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
+er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete,
-die Weiterführung der Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe.
+die Weiterführung der Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe.
Mars brauchte zu seiner Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr
-als die Erde. Sein Tag war also etwas länger, noch länger
+als die Erde. Sein Tag war also etwas länger, noch länger
das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei Erdenjahren
gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch
-nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und
+nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und
seine Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
</p>
<p>
Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was
-wohl marsitische Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
+wohl marsitische Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
</p>
<p>
-Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager.
+Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager.
Gegen Morgen endlich fand er ein paar Stunden unruhigen
<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-Schlummers, von wirren Träumen durchsetzt, die ihn bald auf
+Schlummers, von wirren Träumen durchsetzt, die ihn bald auf
dem Mars, bald auf der Erde, bald im pfeilschnell durch den
-Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und Erde die
-krausesten Dinge erleben ließen.
+Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und Erde die
+krausesten Dinge erleben ließen.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-2">
<span class="firstline">Zweites Kapitel.</span><br />
-Die Sühne.
+Die Sühne.
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">B</span>ald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft,
sich zur Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden
-Bade fühlte sich Fridolin Frommherz neu belebt. Er
-frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein bequemer Wagen,
+Bade fühlte sich Fridolin Frommherz neu belebt. Er
+frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein bequemer Wagen,
der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen sollte.
</p>
<p>
-Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten
-Wasserstraßen, die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege.
-Sehr schnelle, durch Elektrizität getriebene Schiffe
+Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten
+Wasserstraßen, die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege.
+Sehr schnelle, durch Elektrizität getriebene Schiffe
verkehrten zwischen den einzelnen Orten. Fridolin Frommherz
-hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt unternommen.
+hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt unternommen.
Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal
-hatte Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem
-Erdensohne möglichst rasch durch die blühende Landschaft nach
-ihrem Ziele führen sollte. Die beiden Tagereisen konnten dadurch
+hatte Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem
+Erdensohne möglichst rasch durch die blühende Landschaft nach
+ihrem Ziele führen sollte. Die beiden Tagereisen konnten dadurch
um eine verringert werden. Sachte glitt der Wagen dahin.
-Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz
+Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz
konnte diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit
-denjenigen auf Erden rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum
-wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine Spur üblen Geruches.
-Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
+denjenigen auf Erden rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum
+wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine Spur üblen Geruches.
+Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
</p>
<p>
<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-&bdquo;Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit
-zurück zu sein. Von Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen
+&bdquo;Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit
+zurück zu sein. Von Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen
wissen wir nichts. Wir haben uns die elektrische Kraft in jeder
-Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze laßt ihr brach liegen
-oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind sparsam
-geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
+Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze laßt ihr brach liegen
+oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind sparsam
+geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist
-als die unsrige. Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir
+als die unsrige. Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir
beobachten das schon seit Jahrhunderten durch unsere Fernrohre.
-Hätten wir solche kolossale Schätze an aufgespeicherter Energie,
+Hätten wir solche kolossale Schätze an aufgespeicherter Energie,
wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut besitzt, wahrlich,
-unsere technischen Leistungen, die du so sehr bewunderst, wären
-noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die uns
-unmöglich wären.&ldquo;
+unsere technischen Leistungen, die du so sehr bewunderst, wären
+noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die uns
+unmöglich wären.&ldquo;
</p>
<p>
-Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt
-immer wieder auf die gartenähnliche Landschaft. Da war überall
-die sorgsamste Bewässerung durch kleine und kleinste Kanäle. Da
-war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In üppigem Grün
-versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
+Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt
+immer wieder auf die gartenähnliche Landschaft. Da war überall
+die sorgsamste Bewässerung durch kleine und kleinste Kanäle. Da
+war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In üppigem Grün
+versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in
laute Bewunderung aus.
</p>
<p>
&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Eran, &bdquo;du bewunderst mit Recht. Unsere
-Männer und Frauen aus dem Stamme der Sorgenden haben
+Männer und Frauen aus dem Stamme der Sorgenden haben
da Herrliches geschaffen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?&ldquo;
-fragte der Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll
+fragte der Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll
vor sich hinblickenden Greis.
</p>
<p>
-Dieser lächelte fein, als er erwiderte: &bdquo;Gewiß ist auch bei
-uns mancher von Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen,
+Dieser lächelte fein, als er erwiderte: &bdquo;Gewiß ist auch bei
+uns mancher von Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen,
die alle im Wohle der Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern
<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
Triebe des Einzelnen nicht voll zur Entfaltung kommen. Schon
-das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem großen
-Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das
+das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem großen
+Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das
Wohl der Gesamtheit bedingt wird.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit
-verhindert, eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?&ldquo;
+&bdquo;Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit
+verhindert, eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung
-zwei Jahre mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr
-allein unter uns. Du kennst uns jetzt zur Genüge. Hast du
-gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden sind?&ldquo;
+zwei Jahre mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr
+allein unter uns. Du kennst uns jetzt zur Genüge. Hast du
+gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden sind?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich
-zum Beispiel, so finde ich bei dir die volle Individualität der
-Persönlichkeit gewahrt. Doch steht bei euch die Masse auf einer
-Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde erst einige wenige,
+&bdquo;Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich
+zum Beispiel, so finde ich bei dir die volle Individualität der
+Persönlichkeit gewahrt. Doch steht bei euch die Masse auf einer
+Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde erst einige wenige,
besonders Vorgeschrittene vertreten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei
-uns keiner in einen Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen
-natürlichen Anlagen paßt. Frei für jedermann ist die Schulung,
-die elementare wie die höhere, die wissenschaftliche, technische,
-künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist das einzige, dessen
-es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle Berufsarten
+&bdquo;Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei
+uns keiner in einen Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen
+natürlichen Anlagen paßt. Frei für jedermann ist die Schulung,
+die elementare wie die höhere, die wissenschaftliche, technische,
+künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist das einzige, dessen
+es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle Berufsarten
werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder
Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter
aus dem Stamme der Ernsten, ein Dichter, Maler oder
Komponist aus dem Stamme der Heitern, ein Musiker oder
-Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein Handelsmann
+Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein Handelsmann
aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus
dem Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt
-daß du deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst.
+daß du deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst.
Nicht <span class="em">was</span> du bist, sondern <span class="em">wie</span> du es bist, bestimmt deinen Wert.&ldquo;
</p>
@@ -642,43 +607,43 @@ wird doch auch bei euch zuweilen vorkommen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen.
+&bdquo;Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen.
Aber ein jeder hat das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu
-machen und auf Grund einer abgelegten Prüfung in einen
-andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie in gleichen Ehren.
-Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die Ältesten
-und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen
-Stämmen, gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.&ldquo;
+machen und auf Grund einer abgelegten Prüfung in einen
+andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie in gleichen Ehren.
+Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die Ältesten
+und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen
+Stämmen, gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen
-Gemeingut der Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch
+&bdquo;Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen
+Gemeingut der Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch
unten auf der Erde aus!&ldquo; seufzte Fridolin Frommherz.
</p>
<p>
&bdquo;Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender
Bildung und edelster Gesinnung,&ldquo; erwiderte Eran.
-&bdquo;Denke nur an deinen ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer
-eurer kühnen Forschungsfahrt!&ldquo;
+&bdquo;Denke nur an deinen ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer
+eurer kühnen Forschungsfahrt!&ldquo;
</p>
<p>
Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem
-Erdensohne plötzlich wieder recht beklommen zumute. Seine Schuld
+Erdensohne plötzlich wieder recht beklommen zumute. Seine Schuld
stand ihm wieder vor Augen, und er erinnerte sich wieder an
-Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die blühende Marslandschaft.
+Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die blühende Marslandschaft.
Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause
-fragte er schüchtern: &bdquo;Würdiger Eran, weißt du nicht, was man
+fragte er schüchtern: &bdquo;Würdiger Eran, weißt du nicht, was man
in Angola mit mir vorhat?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nun,&ldquo; erwiderte dieser, &bdquo;man wird dir wohl eine Art
-Sühne auferlegen dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen
-Freunden hier zurückgeblieben bist.&ldquo;
+Sühne auferlegen dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen
+Freunden hier zurückgeblieben bist.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -689,7 +654,7 @@ er beklommen.
<p>
<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
&bdquo;Wenn du es so nennen willst,&ldquo; erwiderte der Greis mit
-seinem Lächeln.
+seinem Lächeln.
</p>
<p>
@@ -698,11 +663,11 @@ was ich wollte,&ldquo; meinte Frommherz etwas unsicher.
</p>
<p>
-&bdquo;Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was
+&bdquo;Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was
du da sagst. Es gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich
nicht in vorgeschriebene Verordnungen fassen lassen. Zudem
tadeln wir nicht dein Hierbleiben an sich, sondern die Art und
-Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber durchgesetzt hast.&ldquo;
+Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber durchgesetzt hast.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -713,7 +678,7 @@ Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: &bdquo;Doch beruhige
dich, mein Freund! Ich kann dir schon jetzt die Art deiner
sogenannten Strafe offenbaren, war ich es doch, der sie bei Anan,
-unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und daß er meinen Vorschlag
+unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und daß er meinen Vorschlag
annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit erwarten.&ldquo;
</p>
@@ -722,7 +687,7 @@ annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit erwarten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;In einer wissenschaftlichen Arbeit,&ldquo; antwortete Eran lächelnd.
+&bdquo;In einer wissenschaftlichen Arbeit,&ldquo; antwortete Eran lächelnd.
</p>
<p>
@@ -731,67 +696,67 @@ annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit erwarten.&ldquo;
<p>
&bdquo;Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung
-eines Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.&ldquo;
+eines Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, gewiß nicht!&ldquo; erwiderte der Erdensohn, wieder einmal
-fröhlich lachend und plötzlich von allem Druck befreit. &bdquo;Allerdings
-verstehe ich von der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich
-gesagt, nicht allzu viel, aber ich denke, daß sich die Arbeit
-bei gutem Willen schon ausführen lassen dürfte. Aber wozu
-braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein Wörterbuch
+&bdquo;Nein, gewiß nicht!&ldquo; erwiderte der Erdensohn, wieder einmal
+fröhlich lachend und plötzlich von allem Druck befreit. &bdquo;Allerdings
+verstehe ich von der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich
+gesagt, nicht allzu viel, aber ich denke, daß sich die Arbeit
+bei gutem Willen schon ausführen lassen dürfte. Aber wozu
+braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein Wörterbuch
der deutschen Sprache?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine
-Brüder uns als Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen
-zu können.&ldquo;
+&bdquo;Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine
+Brüder uns als Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen
+zu können.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-&bdquo;Ein famoser Gedanke, fürwahr!&ldquo; lobte Frommherz. &bdquo;Nun
+&bdquo;Ein famoser Gedanke, fürwahr!&ldquo; lobte Frommherz. &bdquo;Nun
habe ich doch wieder ein Ziel vor Augen und &mdash; ernste Arbeit.
-Dafür danke ich dir von Herzen, würdiger Eran. Es ist ein
-neuer Beweis deiner Güte.&ldquo;
+Dafür danke ich dir von Herzen, würdiger Eran. Es ist ein
+neuer Beweis deiner Güte.&ldquo;
</p>
<p>
Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm
-sitzenden Greises und drückte sie herzlich.
+sitzenden Greises und drückte sie herzlich.
</p>
<p>
-&bdquo;Laß gut sein, lieber Fridolin!&ldquo; wehrte Eran ab.
+&bdquo;Laß gut sein, lieber Fridolin!&ldquo; wehrte Eran ab.
</p>
<p>
-Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen,
+Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen,
sorgsam gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren
-es, die da, himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem
-Gezweig Schatten spendeten. Erquickende Kühle umfing die
+es, die da, himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem
+Gezweig Schatten spendeten. Erquickende Kühle umfing die
Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen den Feldern
-und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre
+und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre
des Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem &bdquo;ewigen
Lichte&ldquo;, wie die Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz
-der im Vergleich zur Erde größeren Entfernung eine äußerst
+der im Vergleich zur Erde größeren Entfernung eine äußerst
intensive Bestrahlung. Zwar schien die Sonne, vom Lichtentsprossenen
-aus betrachtet, eben dieser größeren Entfernung
-wegen &mdash; sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
+aus betrachtet, eben dieser größeren Entfernung
+wegen &mdash; sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
Kilometer mehr als von der Erde aus &mdash; bedeutend kleiner;
doch gab es da weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen
-Himmel verhüllten, und der Boden absorbierte infolgedessen
-eine bedeutend größere Wärmemenge .&nbsp;.&nbsp;. Unter dem
-grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich Fridolin
+Himmel verhüllten, und der Boden absorbierte infolgedessen
+eine bedeutend größere Wärmemenge .&nbsp;.&nbsp;. Unter dem
+grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich Fridolin
Frommherz sehr wohl.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie hoch diese Bäume sind,&ldquo; sagte er bewundernd zu
-seinem Begleiter. &bdquo;So vieles ist groß und wunderbar auf
-eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich, mir scheint, als hätte
+&bdquo;Wie hoch diese Bäume sind,&ldquo; sagte er bewundernd zu
+seinem Begleiter. &bdquo;So vieles ist groß und wunderbar auf
+eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich, mir scheint, als hätte
ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen, wenigstens
nicht beisammen, nicht als Waldbestand.&ldquo;
</p>
@@ -799,9 +764,9 @@ nicht beisammen, nicht als Waldbestand.&ldquo;
<p>
<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
&bdquo;Das mag wohl sein,&ldquo; erwiderte Eran; &bdquo;es scheint mir
-sogar in den ewigen Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch
+sogar in den ewigen Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch
eure irdische Vegetation nicht aus eigener Anschauung, so habe
-ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der unseren stets etwas
+ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der unseren stets etwas
niedriger vorgestellt als diese.&ldquo;
</p>
@@ -809,37 +774,37 @@ niedriger vorgestellt als diese.&ldquo;
&bdquo;Warum?&ldquo; fragte der Schwabe erstaunt. &bdquo;Sind doch die
chemischen Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen
aufbauen, bei euch dieselben wie bei uns! Und Luft und
-Wasser, Licht und Wärme, wirken sie nicht auf dieselbe Weise
+Wasser, Licht und Wärme, wirken sie nicht auf dieselbe Weise
hier wie dort?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Du vergißt Eines, lieber Freund,&ldquo; sagte der Marsite.
+&bdquo;Du vergißt Eines, lieber Freund,&ldquo; sagte der Marsite.
&bdquo;Die Schwere ist der Punkt, in dem zwischen unserm Kinde
-des Lichts und dem euern der größte Unterschied besteht, und
-ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto drückender müsse
+des Lichts und dem euern der größte Unterschied besteht, und
+ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto drückender müsse
auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto kleiner
-müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein
-Freund, einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres
+müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein
+Freund, einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres
ewigen Lichtes, unserer Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen
-auf ihm, die seiner Größe entsprechen. Wie müßte die Schwere
-ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich unter dem
-furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
-kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe
-einem solchen Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste
-nicht auszubreiten vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen
+auf ihm, die seiner Größe entsprechen. Wie müßte die Schwere
+ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich unter dem
+furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
+kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe
+einem solchen Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste
+nicht auszubreiten vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen
oder gar infolge der auf ihnen lastenden ungeheuren
-Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein Wachstum
-in bedeutendere Höhen möglich wäre.&ldquo;
+Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein Wachstum
+in bedeutendere Höhen möglich wäre.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,&ldquo; fügte
-der Erdensohn bei, &bdquo;seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten
+&bdquo;Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,&ldquo; fügte
+der Erdensohn bei, &bdquo;seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten
als wir. Ich habe daheim unter meinen Landsleuten wie unter
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-meinen Amtsgenossen für groß gegolten; du, überhaupt die
-meisten eurer Männer, ihr überragt mich um Kopfeslänge. &mdash;
+meinen Amtsgenossen für groß gegolten; du, überhaupt die
+meisten eurer Männer, ihr überragt mich um Kopfeslänge. &mdash;
Doch was ist denn dort?&ldquo; fragte Fridolin Frommherz, sich
unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die
in kurzer Entfernung auftauchte.
@@ -857,7 +822,7 @@ im Walde?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen
+&bdquo;Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen
und Tiere, den Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt
ist, was sich in ihm entwickelt, was auf ihm vorgeht,
Natur und Menschenwerk.&ldquo;
@@ -868,18 +833,18 @@ Natur und Menschenwerk.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, es ist viel,&ldquo; erwiderte Eran. &bdquo;Ich kenne Alan persönlich.
-Er ist einer unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch
+&bdquo;Ja, es ist viel,&ldquo; erwiderte Eran. &bdquo;Ich kenne Alan persönlich.
+Er ist einer unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch
weit von hier, nahe der Grenze unseres Nordpolargebietes
-stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren Klimas die Bodenproduktion
-eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir uns
-etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt
-Alan seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.&ldquo;
+stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren Klimas die Bodenproduktion
+eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir uns
+etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt
+Alan seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.&ldquo;
</p>
<p>
Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht
-zu der Gruppe herangekommen und hielt. Eran begrüßte den
+zu der Gruppe herangekommen und hielt. Eran begrüßte den
Lehrer mit der den Marsiten eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
</p>
@@ -889,14 +854,14 @@ Hand reichend. &bdquo;Gedeiht dein Werk?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,&ldquo; sagte der Angeredete,
-seine schönen, warmen Augen auf den Greis richtend.
+&bdquo;Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,&ldquo; sagte der Angeredete,
+seine schönen, warmen Augen auf den Greis richtend.
&bdquo;Doch bleibt noch vieles zu tun.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-&bdquo;Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!&ldquo;
+&bdquo;Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -910,7 +875,7 @@ sehen?&ldquo;
<p>
&bdquo;Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu
-können, würdiger Eran!&ldquo;
+können, würdiger Eran!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -922,77 +887,77 @@ Weiter rollte der Wagen.
</p>
<p>
-&bdquo;Was für schöne Augen dieser Mann hatte!&ldquo; sagte der
+&bdquo;Was für schöne Augen dieser Mann hatte!&ldquo; sagte der
Erdensohn bewundernd.
</p>
<p>
-&bdquo;Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,&ldquo; erwiderte
-der Greis. &bdquo;Er gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit
+&bdquo;Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,&ldquo; erwiderte
+der Greis. &bdquo;Er gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit
setzt er an sein Werk. Da wird keine Weisheit eingepaukt.
-Die Kinder lernen sehen und das Gesehene verknüpfen.
-Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
+Die Kinder lernen sehen und das Gesehene verknüpfen.
+Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!&ldquo;
+&bdquo;Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!&ldquo;
meinte der Schwabe.
</p>
<p>
-Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise
+Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise
und Trank. Der bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie
-sich wünschen konnten. Durch eine sinnreiche Klappvorrichtung
+sich wünschen konnten. Durch eine sinnreiche Klappvorrichtung
stand sogar auf einen Druck mit der Hand ein zierliches Tischchen
vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und Bestecke
verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der
-Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich
-geformten Gefäßen Speisen und Getränke genau in der
-Temperatur, in der sie dem Wagen übergeben worden waren.
-Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich an kühlen
-Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu
+Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich
+geformten Gefäßen Speisen und Getränke genau in der
+Temperatur, in der sie dem Wagen übergeben worden waren.
+Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich an kühlen
+Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu
dem Eier gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten,
<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
obgleich sie wohl eine halbe Stunde lang in kochendem Wasser
gelegen hatten. Da auf dem Lichtentsprossenen das Wasser infolge
-des niedrigeren Luftdruckes schon bei 60° siedet, können
+des niedrigeren Luftdruckes schon bei 60° siedet, können
die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun schon
-lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen
+lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen
Seite des Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts,
was das Reisen angenehm und bequem machen konnte.
</p>
<p>
Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum
-erstenmal während der ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich.
-Eine weite Fläche breitete sich da vor seinen Blicken aus: es
-war eine Landungsstelle für Luftschiffe. Kleinere und größere
+erstenmal während der ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich.
+Eine weite Fläche breitete sich da vor seinen Blicken aus: es
+war eine Landungsstelle für Luftschiffe. Kleinere und größere
Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen eisernen
Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen,
Anfang und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge
-der dünnen, wasserarmen Atmosphäre auf dem Mars ziemlich
-gleichmäßig war, bedurfte es keiner besonderen Hallen zur Bergung
+der dünnen, wasserarmen Atmosphäre auf dem Mars ziemlich
+gleichmäßig war, bedurfte es keiner besonderen Hallen zur Bergung
der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen zur Gasgewinnung
-und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges
+und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges
Leben und Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe
-auf Erden, nur übertragen in marsitische Gemessenheit. Es
-fiel Fridolin auf, daß die Luftschiffe der Marsiten wohl auch
+auf Erden, nur übertragen in marsitische Gemessenheit. Es
+fiel Fridolin auf, daß die Luftschiffe der Marsiten wohl auch
nach dem starren System gebaut waren wie der &bdquo;Weltensegler&ldquo;,
-der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der Erde
-hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons
+der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der Erde
+hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons
waren bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen
-Gondeln zu schließen, eine bei weitem größere Tragkraft
-zu besitzen. Da gab es nur zwei erklärende Möglichkeiten: entweder
-übertraf das Metall, aus dem die marsitischen Luftschiffe
-gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden Gekannte, oder das
-Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch unendlich
+Gondeln zu schließen, eine bei weitem größere Tragkraft
+zu besitzen. Da gab es nur zwei erklärende Möglichkeiten: entweder
+übertraf das Metall, aus dem die marsitischen Luftschiffe
+gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden Gekannte, oder das
+Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch unendlich
<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
-erfunden, und das dann zur Füllung des &bdquo;Weltenseglers&ldquo; gedient
+viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
+erfunden, und das dann zur Füllung des &bdquo;Weltenseglers&ldquo; gedient
hatte. Die langgestreckte, zylindrische Form, vorn und
hinten mit ogivalen Spitzen versehen, schien sich auch hier am
-besten bewährt zu haben.
+besten bewährt zu haben.
</p>
<div class="centerpic">
@@ -1001,12 +966,12 @@ besten bewährt zu haben.
<p>
Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug
-kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher
-und immer höher stieg es. Wie weit mußte der Horizont der
-darin Reisenden sein! Wie klein würden ihnen die Brüder da
-unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen! Der
-Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht
-würde sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
+kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher
+und immer höher stieg es. Wie weit mußte der Horizont der
+darin Reisenden sein! Wie klein würden ihnen die Brüder da
+unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen! Der
+Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht
+würde sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
</p>
<p>
@@ -1015,123 +980,123 @@ Luftschiffhafen des Lichtentsprossenen kommen,&ldquo; sagte Eran.
</p>
<p>
-&bdquo;Dann will auch ich,&ldquo; fügte Fridolin bei, &bdquo;euer herrliches
+&bdquo;Dann will auch ich,&ldquo; fügte Fridolin bei, &bdquo;euer herrliches
Land wieder einmal von oben herab schauen.&ldquo;
</p>
<p>
Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal,
-daß Fridolin Frommherz seinen Fuß in das großartige
+daß Fridolin Frommherz seinen Fuß in das großartige
Heim des Stammes der Weisen setzen sollte. Zweimal war er
-in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen. Das Herz
+in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen. Das Herz
klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die
-breiten Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor
-einem halben Jahre war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde
-und auch für ihn, den Drückeberger, abgehalten worden.
+breiten Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor
+einem halben Jahre war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde
+und auch für ihn, den Drückeberger, abgehalten worden.
</p>
<p>
Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes,
-bewunderndes Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden
-erblickte er die wunderbar gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten
-Bilder seiner Gefährten und darunter Marmortafeln, die
+bewunderndes Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden
+erblickte er die wunderbar gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten
+Bilder seiner Gefährten und darunter Marmortafeln, die
mit goldenen Inschriften voll Lob und Anerkennung die Taten
-seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte sich wieder
+seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte sich wieder
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
+im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
Gewissensbissen.
</p>
<p>
Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht,
des Heimwehs, als er, um die Bilder genauer zu betrachten,
-näher an sie herantrat. Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die
+näher an sie herantrat. Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die
Freunde aus ihren Augen anzublicken. Es war, als ob den
-Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn wo sich auch
-Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus
-der Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die
+Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn wo sich auch
+Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus
+der Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die
Blicke der im Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies
als unheimlich, um so mehr als er sich vergeblich nach Eran umsah.
Dieser schien nicht mit ihm eingetreten zu sein. Die feierliche Stille
-des Saales verstärkte noch das Gefühl des Unbehagens. Daher
-war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen öffnete und Anan
+des Saales verstärkte noch das Gefühl des Unbehagens. Daher
+war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen öffnete und Anan
hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten Marsiten.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings
-hier nicht mehr zu sehen erwartet hatte,&ldquo; begrüßte Anan mit
+&bdquo;Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings
+hier nicht mehr zu sehen erwartet hatte,&ldquo; begrüßte Anan mit
wohlwollender Freundlichkeit den Erdensohn, ihm die Hand zum
Willkomm reichend.
</p>
<p>
-&bdquo;Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen
-konnte, zur Erde zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen
-zurückblieb,&ldquo; sprach Fridolin.
+&bdquo;Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen
+konnte, zur Erde zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen
+zurückblieb,&ldquo; sprach Fridolin.
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu
-verzeihen,&ldquo; entgegnete der ehrwürdige Greis. &bdquo;Wir haben weder
-dich noch deine Brüder zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch
-frei, zu gehen oder zu bleiben. Als wir hier vernahmen, daß
-du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde einfach der
-Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich auszuführen,
-zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
+verzeihen,&ldquo; entgegnete der ehrwürdige Greis. &bdquo;Wir haben weder
+dich noch deine Brüder zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch
+frei, zu gehen oder zu bleiben. Als wir hier vernahmen, daß
+du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde einfach der
+Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich auszuführen,
+zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-Tafeln der uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne
+Tafeln der uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne
abzuwarten und sie hier in diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem
-wir dieser Ehrenpflicht genügt hatten, riefen wir dich.&ldquo;
+wir dieser Ehrenpflicht genügt hatten, riefen wir dich.&ldquo;
</p>
<p>
-Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung
+Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung
Anans gelauscht. Es lag eine feine Ironie in den Worten wie
-in der Handlungsweise des Marsiten. Daß man ihn zuerst in
+in der Handlungsweise des Marsiten. Daß man ihn zuerst in
den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte, empfand er
-doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
+doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
</p>
<p>
-&bdquo;Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein
+&bdquo;Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein
Freund?&ldquo; fragte Anan nach kurzem Stillschweigen.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,&ldquo;
+&bdquo;Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,&ldquo;
antwortete Frommherz.
</p>
<p>
-&bdquo;Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch
-die Art, wie du dich benahmst. Doch verlieren wir hierüber
-keine weiteren Worte mehr. Für uns ist die Sache abgetan.&ldquo;
+&bdquo;Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch
+die Art, wie du dich benahmst. Doch verlieren wir hierüber
+keine weiteren Worte mehr. Für uns ist die Sache abgetan.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner
+&bdquo;Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner
Schuld,&ldquo; bemerkte Frommherz.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun ja,&ldquo; entgegnete der edle Anan. &bdquo;Du weißt darum.
-Wir wollten dir hier in Angola eine deiner würdige Beschäftigung
-zuweisen, durch die du uns nützlich sein kannst, natürlich
+&bdquo;Nun ja,&ldquo; entgegnete der edle Anan. &bdquo;Du weißt darum.
+Wir wollten dir hier in Angola eine deiner würdige Beschäftigung
+zuweisen, durch die du uns nützlich sein kannst, natürlich
nur wenn du willst.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,&ldquo; beeilte sich Frommherz
+&bdquo;Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,&ldquo; beeilte sich Frommherz
zu antworten. &bdquo;Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen
-hättet, würde ich euch um irgend eine nützliche Arbeit
+hättet, würde ich euch um irgend eine nützliche Arbeit
gebeten haben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches
+&bdquo;So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches
deiner Muttersprache,&ldquo; entschied Anan. &bdquo;Zieh mit
Bentan, unserm wackern Bruder hier, in sein nahes Heim.
Dort kannst du dich in aller Ruhe an die Erledigung deiner
@@ -1139,28 +1104,28 @@ Dort kannst du dich in aller Ruhe an die Erledigung deiner
Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen,
dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir
in anregender Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten
-Gefährten pflegen.&ldquo; Ein herzlicher Händedruck, und Anan,
-der Älteste der Alten, zog sich zurück.
+Gefährten pflegen.&ldquo; Ein herzlicher Händedruck, und Anan,
+der Älteste der Alten, zog sich zurück.
</p>
<p>
&bdquo;Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich
-habe mir in der letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche
+habe mir in der letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche
Angst gemacht,&ldquo; murmelte Frommherz vor sich hin.
</p>
<p>
&bdquo;Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit,
-Fridolin?&ldquo; forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
+Fridolin?&ldquo; forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß, sehr,&ldquo; gestand Frommherz.
+&bdquo;Gewiß, sehr,&ldquo; gestand Frommherz.
</p>
<p>
&bdquo;Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber.
-Sein Heim wird für lange Zeit wohl auch das deine sein.&ldquo;
+Sein Heim wird für lange Zeit wohl auch das deine sein.&ldquo;
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-3">
@@ -1169,108 +1134,108 @@ Eine Sisyphusarbeit.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">S</span>chon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen
-Heim Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes
+<span class="firstchar">S</span>chon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen
+Heim Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes
Wesen und Gebaren seinen Gast viel an Eran erinnerte, den
-er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus lag am lieblichen
-Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von
-der Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden
-Blick über die Wasserfläche hinweg nach den fernen,
-sanften Höhenzügen, die den See einschlossen.
+er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus lag am lieblichen
+Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von
+der Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden
+Blick über die Wasserfläche hinweg nach den fernen,
+sanften Höhenzügen, die den See einschlossen.
</p>
<p>
-Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten
-umgab das Haus von der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige
+Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten
+umgab das Haus von der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige
<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
Baumriesen wechselten gruppenweise ab mit den verschiedensten
-Arten hochstämmiger, prachtvoller Palmen. Dazwischen
-schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit farbenprächtigen,
-duftenden Blüten.
+Arten hochstämmiger, prachtvoller Palmen. Dazwischen
+schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit farbenprächtigen,
+duftenden Blüten.
</p>
<p>
-Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war
+Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war
Benta, Bentans holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz
an, der Benta oft mit einer jener Lichtelfen verglich, die
-nach der Sage seiner Heimat von menschlicher Gestalt, glänzend
-schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen gegenüber
+nach der Sage seiner Heimat von menschlicher Gestalt, glänzend
+schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen gegenüber
freundliche Gesinnungen hegen.
</p>
<p>
Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne,
-als Arbeitsstätte zur Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut
-auf bei diesem Gedanken. Eine herrlichere Belohnung für sein
-Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt werden können, wenn,
-ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen wäre.
+als Arbeitsstätte zur Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut
+auf bei diesem Gedanken. Eine herrlichere Belohnung für sein
+Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt werden können, wenn,
+ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen wäre.
</p>
<p>
Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des
Hauses freundlich entgegengetreten. Aber in dem Wesen und
-ganzen Benehmen der graziösen, jungen Marsitin lag so viel
-Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit doch wieder
-so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
+ganzen Benehmen der graziösen, jungen Marsitin lag so viel
+Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit doch wieder
+so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der
Ehrfurcht trug.
</p>
<p>
-Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos
+Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos
und Deimos, die Monde des Mars, am Himmel ihre stillen,
-glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach getaner Arbeit
-auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
+glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach getaner Arbeit
+auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten
-sich dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite
-mit seinem reichen, abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen
-dann oft goldene Körner der Weisheit aus, die bei
+sich dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite
+mit seinem reichen, abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen
+dann oft goldene Körner der Weisheit aus, die bei
<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und nach und nach
-seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige Lebensauffassung
+seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige Lebensauffassung
umzuformen begannen.
</p>
<p>
Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta
-und beteiligte sich an den Gesprächen der Männer. Besonders
+und beteiligte sich an den Gesprächen der Männer. Besonders
lebhaft wurde die Unterhaltung, wenn Frommherz, durch allerlei
-Fragen veranlaßt, von der Erde im allgemeinen, von seiner
-engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher erzählte, namentlich
+Fragen veranlaßt, von der Erde im allgemeinen, von seiner
+engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher erzählte, namentlich
von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
</p>
<p>
-Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die,
-an denen Benta stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem
+Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die,
+an denen Benta stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem
Vortrage zur Harfe sang. Diese Augenblicke erschienen dem
-Erdensohne als der Inbegriff des wirklich göttlich Schönen. Sie
-ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen und erweckten
+Erdensohne als der Inbegriff des wirklich göttlich Schönen. Sie
+ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen und erweckten
in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie
bis dahin noch niemals gekannt hatte.
</p>
<p>
-Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter
-Schönheit und reinster Glücksempfindung am nächsten
+Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter
+Schönheit und reinster Glücksempfindung am nächsten
Morgen wieder am Schreibtische seines hohen, luftigen Arbeitszimmers
-saß, um mit schweren Seufzern an der endlos scheinenden
-Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
-Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken,
+saß, um mit schweren Seufzern an der endlos scheinenden
+Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
+Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken,
die Seligkeit jeglicher Empfindung.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade
+&bdquo;Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade
noch gefehlt,&ldquo; brummte Frommherz eines Tages grimmig vor
sich hin, als ein weiteres Jahr seit seinem Aufenthalte in Angola
dahingeeilt war. &bdquo;Es ist einfach, um aus der Haut zu fahren.
-Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese Idee
-ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Doch Frommherz
+Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese Idee
+ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Doch Frommherz
verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und
<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
wandte sich seinen Manuskriptbogen und den Hunderten von
-losen Zetteln zu, die, in verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch
+losen Zetteln zu, die, in verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch
geordnet vor ihm auf dem Tische lagen.
</p>
@@ -1279,83 +1244,83 @@ Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung.
Bald da, bald dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete
seinen Inhalt, strich das Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar
gewordenen mit einem Seufzer der Erleichterung in
-den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein Kästchen
+den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein Kästchen
auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen,
-seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig
-und fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren
-Blättern bei.
+seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig
+und fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren
+Blättern bei.
</p>
<p>
-Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde
-Aufgabe. Fürwahr eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten
-seiner gelehrten Freunde an der Tübinger Universität
-hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er einst eine
-Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
-Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich
+Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde
+Aufgabe. Fürwahr eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten
+seiner gelehrten Freunde an der Tübinger Universität
+hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er einst eine
+Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
+Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich
mit dem Studium seiner Muttersprache etwas eingehender
-befaßt. So aber, ohne jede tiefere Vorbereitung, ohne jedes
-Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches Wörterbuch herzustellen, alles
+befaßt. So aber, ohne jede tiefere Vorbereitung, ohne jedes
+Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches Wörterbuch herzustellen, alles
hierzu erst aus sich selbst heraus zu schaffen, diese schier endlose
und heillos schwierige Arbeit begann ihm manchmal das sonst
-so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen. Und
+so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen. Und
welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das
-schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
-außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der
-Erdensohn über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in
-Angola Vorträge gehalten, die über die Unregelmäßigkeit der
-deutschen Sprache die Köpfe schüttelten. Sie schien den Marsiten
+schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
+außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der
+Erdensohn über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in
+Angola Vorträge gehalten, die über die Unregelmäßigkeit der
+deutschen Sprache die Köpfe schüttelten. Sie schien den Marsiten
<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das die ihrige schon
-seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
+seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
</p>
<p>
Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache
ihrer Freunde auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt!
-Nur einer unter ihnen, Herr Hämmerle, der Philologe, hatte
+Nur einer unter ihnen, Herr Hämmerle, der Philologe, hatte
etwas daran auszusetzen gefunden. Er hatte das Kraftvolle,
-das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation und
-Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen
-der Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit
+das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation und
+Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen
+der Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit
seiner deutschen Muttersprache zuerkannt.
</p>
<p>
An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz.
-Er sprang vom Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
+Er sprang vom Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
</p>
<p>
-&bdquo;Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten
-felsenfest überzeugt, wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß
-ihnen jegliche Quälerei fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen,
-daß ihnen ein böser Geist diese Art meiner Beschäftigung angab,&ldquo;
-rief er zornig. &bdquo;Doch was nützt meine Aufregung? Nichts!
-Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt, so
-regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie
+&bdquo;Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten
+felsenfest überzeugt, wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß
+ihnen jegliche Quälerei fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen,
+daß ihnen ein böser Geist diese Art meiner Beschäftigung angab,&ldquo;
+rief er zornig. &bdquo;Doch was nützt meine Aufregung? Nichts!
+Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt, so
+regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie
das wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie
-viel leichter wäre dann meine Arbeit!&ldquo; Seufzend strich sich der
-Gelehrte mit der Linken über die Denkerstirn. Dann setzte er
+viel leichter wäre dann meine Arbeit!&ldquo; Seufzend strich sich der
+Gelehrte mit der Linken über die Denkerstirn. Dann setzte er
sich wieder an den Schreibtisch und schrieb emsig weiter. Da
trat Eran in das Zimmer.
</p>
<p>
-&bdquo;Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder
+&bdquo;Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder
einmal in Angola zu sehen!&ldquo; rief der Schwabe, als er den Eintretenden
erkannt hatte.
</p>
<p>
&bdquo;Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist
-das große Werk gediehen?&ldquo; fragte Eran, dem Erdensohne herzlich
-die Hand zum Gruße schüttelnd.
+das große Werk gediehen?&ldquo; fragte Eran, dem Erdensohne herzlich
+die Hand zum Gruße schüttelnd.
</p>
<p>
<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-&bdquo;Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut,
+&bdquo;Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut,
anderseits schlecht!&ldquo;
</p>
@@ -1364,24 +1329,24 @@ anderseits schlecht!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr
+&bdquo;Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr
auf dem Magen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So, so!&ldquo; lächelte Eran.
+&bdquo;So, so!&ldquo; lächelte Eran.
</p>
<p>
&bdquo;Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger,
-je weiter ich vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die
+je weiter ich vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die
Antwort auf deine zweite Frage. Ich arbeite am G meines
Werkes.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig
-des Erdenalphabetes? Kaum möglich!&ldquo;
+&bdquo;Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig
+des Erdenalphabetes? Kaum möglich!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1390,155 +1355,155 @@ Frommherz betreten.
</p>
<p>
-&bdquo;Merkwürdig!&ldquo; erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. &bdquo;Du
+&bdquo;Merkwürdig!&ldquo; erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. &bdquo;Du
bist doch schon seit zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen
an der Arbeit. Wann willst du sie denn beenden?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das weiß ich selbst nicht,&ldquo; murmelte der Gelehrte, &bdquo;es
-wird je länger, je schlimmer. Da sieh her!&ldquo; Mit diesen Worten
-zog er eine große Schublade seines Schreibtisches auf. Sie
-war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von stattlicher Größe
-gefüllt.
+&bdquo;Das weiß ich selbst nicht,&ldquo; murmelte der Gelehrte, &bdquo;es
+wird je länger, je schlimmer. Da sieh her!&ldquo; Mit diesen Worten
+zog er eine große Schublade seines Schreibtisches auf. Sie
+war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von stattlicher Größe
+gefüllt.
</p>
<p>
&bdquo;Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein
-Drittel des Werkes vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so
+Drittel des Werkes vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so
umfangreiches Buch hat Fridolin Frommherz auf Erden niemals
-geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und mühsam
-gesammelten Notizen &mdash; ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
-und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen
+geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und mühsam
+gesammelten Notizen &mdash; ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
+und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen
sauer genug verdienen.&ldquo;
</p>
<p>
-Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. &bdquo;So möchtest
+Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. &bdquo;So möchtest
<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-du wohl lieber wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet
-uns zurücklassen?&ldquo;
+du wohl lieber wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet
+uns zurücklassen?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nein, nein, das doch nicht,&ldquo; erwiderte Frommherz hastig,
und eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen
-Worten unwillkürlich an Benta dachte.
+Worten unwillkürlich an Benta dachte.
</p>
<p>
-&bdquo;Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung
-keine Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der
+&bdquo;Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung
+keine Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der
Zeit ist, berechtigt nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und
-du, mein Freund, hast ja Zeit in Hülle und Fülle. Niemand
-drängt dich.&ldquo;
+du, mein Freund, hast ja Zeit in Hülle und Fülle. Niemand
+drängt dich.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über
+&bdquo;Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über
den langsamen Gang .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten
Muttersprache,&ldquo; unterbrach Eran den Erdensohn. &bdquo;Beruhige
-dich also, mein Freund! Gerade das Bewußtsein, uns
-ein dauerndes Monumentalwerk durch deine geistige Tätigkeit zu
+dich also, mein Freund! Gerade das Bewußtsein, uns
+ein dauerndes Monumentalwerk durch deine geistige Tätigkeit zu
schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir dabei entgegentreten,
-und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen will,
-nur um so kraftvoller überwinden lassen.&ldquo;
+und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen will,
+nur um so kraftvoller überwinden lassen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler
-Eran! Ich gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes
+Eran! Ich gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes
wegen recht entmutigt war. Nun kommst du wie gerufen und
belebst mir die gesunkene Hoffnung in wunderbarer Weise von
-neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!&ldquo;
+neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil!
-Ich bin beglückt, daß du dich wieder selbst gefunden hast, und
-daß dadurch das frühere, so feste Vertrauen in dein Können
+Ich bin beglückt, daß du dich wieder selbst gefunden hast, und
+daß dadurch das frühere, so feste Vertrauen in dein Können
wieder bei dir eingezogen ist.&ldquo;
</p>
<p>
-Eran erhob sich. &bdquo;Ich werde jetzt öfter als bisher von
+Eran erhob sich. &bdquo;Ich werde jetzt öfter als bisher von
Lumata nach Angola kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger
<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Beratungen vor uns. So werde ich dich in Zukunft in kürzeren
-Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten Zeit.&ldquo; Damit
-verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
+Beratungen vor uns. So werde ich dich in Zukunft in kürzeren
+Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten Zeit.&ldquo; Damit
+verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
</p>
<p>
Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des
-ehrwürdigen Alten nicht gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen.
+ehrwürdigen Alten nicht gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen.
Gedanken aller Art bewegten ihn. Der Appell Erans an sein
-Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle geweckt. Wie klein
-kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran hatte
+Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle geweckt. Wie klein
+kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran hatte
recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte
er umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten
des Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier
-oben genießen dürfen? Gerade deshalb waren ja die andern
+oben genießen dürfen? Gerade deshalb waren ja die andern
vom Mars wieder fortgezogen, weil sie der Gastfreundschaft der
-Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich nutzbringende Leistung
-entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte eine Tat
-vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
+Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich nutzbringende Leistung
+entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte eine Tat
+vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit,
nicht diese selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien
-ihm jetzt als ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner
+ihm jetzt als ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner
Dankesschuld. Jetzt erst kam ihm auch mit einem Male die
-segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu vollstem Bewußtsein.
-Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte, nein, das
-war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher
+segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu vollstem Bewußtsein.
+Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte, nein, das
+war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher
so schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben
wenig geneigt war.
</p>
<p>
-Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein
-Werk gegangen! Er schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich
+Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein
+Werk gegangen! Er schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich
deswegen. Nun war eine Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm
-lebendig geworden, die, endlich zu vollster Stärke erweckt, nie
-mehr einschlafen oder versiegen würde, das fühlte er. Und mit
+lebendig geworden, die, endlich zu vollster Stärke erweckt, nie
+mehr einschlafen oder versiegen würde, das fühlte er. Und mit
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig
gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die
gehobene Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem
Alten auf, als er am Abend des wichtigen Tages mit Fridolin
-Frommherz zu Tische saß.
+Frommherz zu Tische saß.
</p>
<p>
&bdquo;Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht,
-daß du entgegen deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit
+daß du entgegen deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit
beendet hast?&ldquo; forschte Bentan.
</p>
<p>
&bdquo;Das nicht,&ldquo; entgegnete der Schwabe heiter, &bdquo;aber er hat
mir gewisse Worte gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir
-ein anderes Urteil über meine Beschäftigung schufen, als ich es bis
-jetzt gehabt hatte. Und das macht mich frei und fröhlich zugleich.&ldquo;
+ein anderes Urteil über meine Beschäftigung schufen, als ich es bis
+jetzt gehabt hatte. Und das macht mich frei und fröhlich zugleich.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals
-schon große, unerwartete Wirkung geübt,&ldquo; bemerkte Bentan.
+schon große, unerwartete Wirkung geübt,&ldquo; bemerkte Bentan.
&bdquo;Es freut mich daher auch besonders, dies aus deinem Munde
-hören zu dürfen.&ldquo;
+hören zu dürfen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola
-kommen würde, um an wichtigen Beratungen teilzunehmen.&ldquo;
+&bdquo;Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola
+kommen würde, um an wichtigen Beratungen teilzunehmen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren
+&bdquo;Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren
Regionen ein. Sie bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,&ldquo;
erwiderte Bentan.
</p>
@@ -1550,20 +1515,20 @@ erwiderte Bentan.
<p>
&bdquo;Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es
handelt sich um die Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen.
-Im übrigen müssen wir auch noch die weiteren Forschungsresultate
-der zu erneuter Prüfung abgesandten wissenschaftlichen Expeditionen
+Im übrigen müssen wir auch noch die weiteren Forschungsresultate
+der zu erneuter Prüfung abgesandten wissenschaftlichen Expeditionen
aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge dich
-einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,&ldquo; fuhr der Greis fort,
-als er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken
+einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,&ldquo; fuhr der Greis fort,
+als er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken
schienen. &bdquo;Du wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not
<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-für uns bevorstehen sollte, im rechten Augenblicke benachrichtigt
+für uns bevorstehen sollte, im rechten Augenblicke benachrichtigt
werden.&ldquo;
</p>
<p>
Aber Frommherz&rsquo; gute Stimmung hatte doch einen leichten
-Stoß durch Bentans Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge
+Stoß durch Bentans Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge
des Alten war dies nicht entgangen.
</p>
@@ -1576,41 +1541,41 @@ Fridolin bedarf der Erheiterung.&ldquo;
<p>
&bdquo;Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich
mir immer gefallen,&ldquo; warf Frommherz muntern Tones ein, und
-der Abend schloß voll Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
+der Abend schloß voll Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
</p>
<p>
In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate.
-Sie förderten das Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz
-fühlte sich hoch befriedigt, als er sah, wie seine Aufgabe in dem
-Maße leichter für ihn wurde, als er sie energischer anpackte.
+Sie förderten das Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz
+fühlte sich hoch befriedigt, als er sah, wie seine Aufgabe in dem
+Maße leichter für ihn wurde, als er sie energischer anpackte.
Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten beherrschte, vermochten
-auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu erschüttern,
-die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen
+auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu erschüttern,
+die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen
des Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende
-Erscheinung des Rückganges des Eises an beiden Polen
-des Mars, eine Erscheinung, die, wie Bentan lächelnd meinte,
-in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen Abkühlungsprozesses
-des Lichtentsprossenen verstoße.
+Erscheinung des Rückganges des Eises an beiden Polen
+des Mars, eine Erscheinung, die, wie Bentan lächelnd meinte,
+in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen Abkühlungsprozesses
+des Lichtentsprossenen verstoße.
</p>
<p>
&bdquo;Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,&ldquo; warf Fridolin
Frommherz ein, &bdquo;warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen
weniger Polareis habt als wir auf der Erde. Da ihr um so
-viel weiter von der Sonne entfernt seid, müßte doch eigentlich
+viel weiter von der Sonne entfernt seid, müßte doch eigentlich
eure arktische Zone viel weiter reichen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Erklärt sich das nicht ganz einfach,&ldquo; erwiderte der Greis,
-&bdquo;durch unsere geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre,
+&bdquo;Erklärt sich das nicht ganz einfach,&ldquo; erwiderte der Greis,
+&bdquo;durch unsere geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre,
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
unsern doppelt so langen Sommer? Wir haben viel
weniger Regen, viel geringeren Schneefall als ihr da unten auf
-der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr verjüngen.
-Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen,
-die Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe
+der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr verjüngen.
+Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen,
+die Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe
miteinander unter wechselnden Siegen und Niederlagen.&ldquo;
</p>
@@ -1620,66 +1585,66 @@ Frommherz ein.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure
-vollständig zu triumphieren,&ldquo; fuhr Bentan fort, &bdquo;so hat
-die Stunde geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen
-muß. Dann zieht der kalte, starre Tod ein wie auf
+&bdquo;Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure
+vollständig zu triumphieren,&ldquo; fuhr Bentan fort, &bdquo;so hat
+die Stunde geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen
+muß. Dann zieht der kalte, starre Tod ein wie auf
unsern Monden. Jede Woge, die an die Felsen brandet, jede
-Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt, jeder Regentropfen,
-der zu Boden fällt &mdash; sie alle stehen mit der Kohlensäure
+Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt, jeder Regentropfen,
+der zu Boden fällt &mdash; sie alle stehen mit der Kohlensäure
in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen
-sie auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet
-sich mit den basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure
+sie auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet
+sich mit den basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure
lagert sich mit dem Rest von Basen am Grunde der
-Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton- und Sandsteinlager
-entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im
-Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk
-oder Magnesia gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen
-Kreidelager der Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde
-unseres Lichtentsprossenen ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres
-Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der Atmosphäre stammt
+Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton- und Sandsteinlager
+entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im
+Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk
+oder Magnesia gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen
+Kreidelager der Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde
+unseres Lichtentsprossenen ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres
+Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der Atmosphäre stammt
und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern
-dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure,
-dort ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure
+dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure,
+dort ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure
aus ihren Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene
<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-Kohlensäure kannst du an unsern Mofetten, an vielerlei Spalten
-und Rissen des Lichtentsprossenen beobachten, aus denen Kohlensäure
-ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet und seine
-Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure die
-Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,
-fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg
-der Kohlensäure nur eine Frage der Zeit.&ldquo; Bentan schwieg.
+Kohlensäure kannst du an unsern Mofetten, an vielerlei Spalten
+und Rissen des Lichtentsprossenen beobachten, aus denen Kohlensäure
+ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet und seine
+Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure die
+Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,
+fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg
+der Kohlensäure nur eine Frage der Zeit.&ldquo; Bentan schwieg.
</p>
<p>
&bdquo;Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden
-Kampfe, stehen wir wissend, aber machtlos gegenüber,&ldquo; begann
-Bentan wieder nach langer Pause. &bdquo;Anders aber verhält es
+Kampfe, stehen wir wissend, aber machtlos gegenüber,&ldquo; begann
+Bentan wieder nach langer Pause. &bdquo;Anders aber verhält es
sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir seit Jahren
-schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der Niederschläge
-aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns
-vor Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit
+schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der Niederschläge
+aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns
+vor Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit
nicht schwer darunter leiden.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute
-auf morgen wieder ändern?&ldquo; fragte der Erdensohn. &bdquo;Auf unserm
-Planeten haben wir auch öfters Perioden übermäßiger Trockenheit,
-denen dann wieder solche der Nässe folgen.&ldquo;
+auf morgen wieder ändern?&ldquo; fragte der Erdensohn. &bdquo;Auf unserm
+Planeten haben wir auch öfters Perioden übermäßiger Trockenheit,
+denen dann wieder solche der Nässe folgen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und
-größere Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser
+&bdquo;Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und
+größere Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser
Lichtentsprossener. Andere Gesetze beherrschen somit dort die
-atmosphärischen Niederschläge als hier. Klagen oder jammern
-werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir ziehen
-aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach
+atmosphärischen Niederschläge als hier. Klagen oder jammern
+werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir ziehen
+aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach
einer gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden
-Naß wieder ein Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit
-der Neigung zu immer kürzerer Dauer.&ldquo;
+Naß wieder ein Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit
+der Neigung zu immer kürzerer Dauer.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -1687,64 +1652,64 @@ der Neigung zu immer kürzerer Dauer.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so
+&bdquo;Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so
<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-wissen wir auch alle, daß für unsern Lichtentsprossenen einst die
-Stunde seines Unterganges schlagen wird und muß. Licht und
-Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne, spendet, nehmen
-ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was
-uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt
-für unser Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare,
-ungeheure Zeitmaße, die aber an der Weltuhr nur Sekunden,
-höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und unaufhaltsam rollt
-das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles Irdischen
-mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen, inhaltsreich
+wissen wir auch alle, daß für unsern Lichtentsprossenen einst die
+Stunde seines Unterganges schlagen wird und muß. Licht und
+Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne, spendet, nehmen
+ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was
+uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt
+für unser Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare,
+ungeheure Zeitmaße, die aber an der Weltuhr nur Sekunden,
+höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und unaufhaltsam rollt
+das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles Irdischen
+mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen, inhaltsreich
zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem
-Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.&ldquo;
+Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,&ldquo; warf der
+&bdquo;Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,&ldquo; warf der
Gelehrte voll Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg.
&bdquo;Wohl denen, die ihnen nachleben!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker
-verschwinden, andere tauchen dafür wieder auf,&ldquo; fuhr der Greis
+&bdquo;Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker
+verschwinden, andere tauchen dafür wieder auf,&ldquo; fuhr der Greis
fort, ohne seines Gastes Bemerkung weiter zu beachten. &bdquo;Im
ewigen Kreislaufe bewegt sich die Materie, das allein Unsterbliche
-der gesamten Körperwelt. Und wenn einst unser Lichtentsprossener
+der gesamten Körperwelt. Und wenn einst unser Lichtentsprossener
nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit
und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden.
-Die ewige Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch
-nicht gelitten, daß wir verschwanden. Ein anderer Stern, eine
+Die ewige Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch
+nicht gelitten, daß wir verschwanden. Ein anderer Stern, eine
andere Himmelsleuchte ist dann an unsere Stelle getreten.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart
-hast, edler Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,&ldquo; bemerkte
+hast, edler Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,&ldquo; bemerkte
Frommherz, als der Greis geendet hatte.
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung
+&bdquo;Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung
unseres Daseins ist nicht die Angst, sondern die
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Freude an allen Wundern der Schöpfung, und diese Freude
-läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen Kräfte zweckmäßig
-ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der
+Freude an allen Wundern der Schöpfung, und diese Freude
+läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen Kräfte zweckmäßig
+ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der
Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die
-uns zu der klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche
-Produkt des Lebens ist, daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung,
-sondern nur Versöhnung bedeutet. Unser Einzelleben ist nur
+uns zu der klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche
+Produkt des Lebens ist, daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung,
+sondern nur Versöhnung bedeutet. Unser Einzelleben ist nur
eine unwichtige Episode im allein wichtigen Gesamtleben, von
-dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das Bewußtsein,
-unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können
-ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse
+dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das Bewußtsein,
+unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können
+ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse
Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines
-Lebensbuch abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an
+Lebensbuch abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an
unsere Stelle. Sie allein sind es, die uns die Fortdauer unseres
individuellen Daseins zeigen.&ldquo;
</p>
@@ -1752,8 +1717,8 @@ individuellen Daseins zeigen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!&ldquo; rief der
Erdensohn in aufrichtiger Vewunderung. &bdquo;Wie ganz anders ist
-noch in den breitesten Schichten der sogenannten Kulturvölker
-unseres Planeten die Auffassung von Leben und Tod gegenüber
+noch in den breitesten Schichten der sogenannten Kulturvölker
+unseres Planeten die Auffassung von Leben und Tod gegenüber
euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die bei
der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude
aufkommen lassen.&ldquo;
@@ -1761,71 +1726,71 @@ aufkommen lassen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt
-zur vollen, wahren Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle,
+zur vollen, wahren Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle,
aus der jener echte Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen,
warmen Sonnenschein verleiht und dem Tode jeglichen Schrecken
raubt.&ldquo;
</p>
<p>
-Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus!
+Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus!
Und so war es mehr oder weniger mit jedem andern Marsiten
-aus dem Stamme der Weisen, mit dem der Schwabe in nähere
+aus dem Stamme der Weisen, mit dem der Schwabe in nähere
<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente seinen stolzen
+Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente seinen stolzen
Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und
-Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung
-seiner Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das
-von aller materiellen Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein
-zum Bleiben auf dem Mars veranlaßt, so pries er jetzt, mehr
-und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt, das Glück eines Verkehrs
+Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung
+seiner Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das
+von aller materiellen Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein
+zum Bleiben auf dem Mars veranlaßt, so pries er jetzt, mehr
+und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt, das Glück eines Verkehrs
mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang
-war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger
+war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger
Richtung. Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu
-begreifen, was sein unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen
-hatte, wenn er mit ihm zusammen an schönen Sommerabenden
-den Neckar entlang bei Tübingen spazieren gegangen
+begreifen, was sein unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen
+hatte, wenn er mit ihm zusammen an schönen Sommerabenden
+den Neckar entlang bei Tübingen spazieren gegangen
war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen,
-war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten,
-ohne für seine kecken Behauptungen und Entgegnungen
-auch nur entfernt eine befriedigende Beweisführung antreten zu
-können. Wie schnell fertig war er damals im Aburteilen über
-Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich kannte!
+war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten,
+ohne für seine kecken Behauptungen und Entgegnungen
+auch nur entfernt eine befriedigende Beweisführung antreten zu
+können. Wie schnell fertig war er damals im Aburteilen über
+Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich kannte!
</p>
<p>
-&bdquo;Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken,
+&bdquo;Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken,
wenn Sie erst das Entwicklungsideal der Menschheit durch die
-reine, durchsichtige Atmosphäre der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
-zu betrachten vermögen,&ldquo; hatte ihm Herr Stiller
-einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet. Damals
+reine, durchsichtige Atmosphäre der naturwissenschaftlichen Weltanschauung
+zu betrachten vermögen,&ldquo; hatte ihm Herr Stiller
+einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet. Damals
hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck
-der Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er,
-daß Hoffart, Anmaßung und Selbstüberschätzung nur auf seiner
+der Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er,
+daß Hoffart, Anmaßung und Selbstüberschätzung nur auf seiner
Seite, nicht aber auf der des treuen, hochgebildeten Freundes
gewesen waren.
</p>
<p>
-Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit
+Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit
<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
den Weisen an den fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen
Menschen und Mann der Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken
begann wieder eine leise Sehnsucht nach ihm und den
-andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben
+andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben
Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde
-Benta, hörte er deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen
+Benta, hörte er deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen
Akkorden, die ihre zarten Finger der Harfe zu entlocken
verstanden, so verschwanden rasch all die schwachen Regungen
-des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten Sohnes schwäbischer
-Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz&rsquo;
+des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten Sohnes schwäbischer
+Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz&rsquo;
Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten,
-je länger er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
+je länger er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-4">
<span class="firstline">Viertes Kapitel.</span><br />
-Getäuschte Hoffnungen.
+Getäuschte Hoffnungen.
</h2>
<p class="first">
@@ -1834,158 +1799,158 @@ eines jungen Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine
Abwechslung, die besonders von Benta angenehm empfunden zu
werden schien, wenigstens glaubte dies Frommherz, nicht ohne
eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman, mit
-dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer
-wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach
-langer Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung
-zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit
+dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer
+wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach
+langer Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung
+zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit
am Zentralsitze der Weisen wohnte er, einer Einladung Bentans
folgend, bei diesem.
</p>
<p>
-Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn
+Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
der Schwabe im geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug
von Neid bezeichnete, war dem alten Gaste des Hauses sofort
mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen Herzlichkeit entgegengetreten,
-die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt eigen
+die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt eigen
war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und
klar. Er war ein Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches
Wissen, gepaart mit jener echten Bescheidenheit, die nur das
Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte Orman besonders
-sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin
-Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta,
-die strahlend schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen
-wären. So aber empfand der Erdensohn Ormans Anwesenheit
-als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
+sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin
+Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta,
+die strahlend schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen
+wären. So aber empfand der Erdensohn Ormans Anwesenheit
+als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
</p>
<p>
-Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so
-fiel die Prüfung leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen
+Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so
+fiel die Prüfung leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen
von der geradezu imponierenden Bildung des Marsiten.
Das Schwabenalter hatte Fridolin Frommherz seit kurzem
-glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim gründen, so
-durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte
+glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim gründen, so
+durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte
erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere
Form angenommen, und aus diesem Gedanken heraus
wuchs noch ein zweiter: durch die Heirat mit einer Marsitin
-sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht auf dem Lichtentsprossenen
-zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die
+sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht auf dem Lichtentsprossenen
+zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die
Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts
-einwenden ließ!
+einwenden ließ!
</p>
<p>
-So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und
+So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und
Orman beobachtete, er konnte nicht das geringste entdecken, was
seiner Eifersucht irgend welchen Schimmer von Berechtigung
-hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich verkehrten die
+hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich verkehrten die
<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,
als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch
-um einen Ton wärmer, herzlicher gehalten sei als gegen ihn:
-ein qualvoller Zustand für ihn, der zum ersten Male in seinem
+um einen Ton wärmer, herzlicher gehalten sei als gegen ihn:
+ein qualvoller Zustand für ihn, der zum ersten Male in seinem
Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden war.
-Diese heimliche Liebe &mdash; denn daß es eine solche sei, wurde
-Frommherz schließlich klar &mdash; machte ihn halb krank und raubte
+Diese heimliche Liebe &mdash; denn daß es eine solche sei, wurde
+Frommherz schließlich klar &mdash; machte ihn halb krank und raubte
ihm die Lust zu jeglicher ernsten Arbeit.
</p>
<p>
Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen
-Umständen tun oder unternehmen solle. Aber kaum war
-eine Idee gefaßt, als eine andere neue die alte erste wieder umstieß.
-Nur so viel stand für den Gelehrten fest: solange Orman
+Umständen tun oder unternehmen solle. Aber kaum war
+eine Idee gefaßt, als eine andere neue die alte erste wieder umstieß.
+Nur so viel stand für den Gelehrten fest: solange Orman
im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit dem
-ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine
-Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen
+ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine
+Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen
hatte, nun wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken.
-Er wollte sich wenigstens vor Orman nicht lächerlich
+Er wollte sich wenigstens vor Orman nicht lächerlich
machen.
</p>
<p>
-Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst
+Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst
der Zeit und seine Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit.
Frommherz atmete ordentlich erleichtert auf. Nach und nach
fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit wieder und mit
-ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt
+ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt
Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache
zu suchen. Und auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine
passende Gelegenheit finden lassen, die dem Erdensohne erlaubt
-hätte, mit Mut und Zuversicht seinen Wünschen lauten Ausdruck
+hätte, mit Mut und Zuversicht seinen Wünschen lauten Ausdruck
zu verleihen.
</p>
<p>
-Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden
-ungünstigen Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans
+Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden
+ungünstigen Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans
<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen und ihn auch den
-etwas veränderten Gemütszustand seines Gastes während Ormans
-Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan selbst
-viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen
-der Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz
-in Angolas sonst so stillen Straßen und Plätzen herrschte seit
+etwas veränderten Gemütszustand seines Gastes während Ormans
+Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan selbst
+viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen
+der Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz
+in Angolas sonst so stillen Straßen und Plätzen herrschte seit
einiger Zeit ein regeres Leben als je. So verschob Frommherz
sein Anliegen von einer Woche zur andern und suchte
-durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
+durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
</p>
<p>
Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte
-auf seine Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den
+auf seine Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den
Mut fand, in eigener Sache handelnd vorzugehen. Eines
Abends, nachdem schon Monate seit Ormans Fortgang verflossen
-waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die
-Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta
+waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die
+Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta
im besonderen zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer
-zurückgezogen. Die beiden Männer saßen allein auf der Terrasse
+zurückgezogen. Die beiden Männer saßen allein auf der Terrasse
des Hauses und genossen den herrlichen Abend mit seinem klaren,
milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus
in die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder
durch das reizvolle Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem
-er sich nun schon länger als fünf Jahre auf dem Mars
+er sich nun schon länger als fünf Jahre auf dem Mars
befand.
</p>
<p>
-&bdquo;Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben
+&bdquo;Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben
die Nacht!&ldquo; rief der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich weiß und kenne nichts anderes,&ldquo; entgegnete Bentan
-lächelnd.
+&bdquo;Ich weiß und kenne nichts anderes,&ldquo; entgegnete Bentan
+lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Aber ich!&ldquo; antwortete der Schwabe. &bdquo;Unsere Mondnächte
-auf der Erde bieten nicht diese eigenartige Schönheit.&ldquo;
+&bdquo;Aber ich!&ldquo; antwortete der Schwabe. &bdquo;Unsere Mondnächte
+auf der Erde bieten nicht diese eigenartige Schönheit.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-&bdquo;Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte.
-Unser Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.&ldquo;
+&bdquo;Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte.
+Unser Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll
-Licht, ja sie ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das
-strahlende Licht der Sonne, in der Nacht der milde, versöhnende,
-zur Ruhe förmlich einladende Silberglanz der Monde,
+&bdquo;Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll
+Licht, ja sie ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das
+strahlende Licht der Sonne, in der Nacht der milde, versöhnende,
+zur Ruhe förmlich einladende Silberglanz der Monde,
alles hell, licht wie ihr selbst!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine
-Schatten und seine Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß
+&bdquo;Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine
+Schatten und seine Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß
es so eingerichtet ist,&ldquo; erwiderte Bentan. &bdquo;Ein gewisser Kampf
ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der Existenz eines
-jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller Entwicklung
-und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar
+jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller Entwicklung
+und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar
zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres
Volkes ganze Kraft in Anspruch nehmen.&ldquo;
</p>
@@ -1995,7 +1960,7 @@ Volkes ganze Kraft in Anspruch nehmen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, wie du weißt.&ldquo;
+&bdquo;Ja, wie du weißt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -2003,9 +1968,9 @@ Volkes ganze Kraft in Anspruch nehmen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst,
-Freund Fridolin. Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen
-Zuflüssen zum See, noch nicht so empfindlich geworden
+&bdquo;Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst,
+Freund Fridolin. Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen
+Zuflüssen zum See, noch nicht so empfindlich geworden
wie an andern Orten unseres Lichtentsprossenen. Trotzdem aber
ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich wahrnehmbar.&ldquo;
</p>
@@ -2015,7 +1980,7 @@ ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich wahrnehmbar.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,&ldquo; antwortete
+&bdquo;Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,&ldquo; antwortete
Bentan so ruhig, als ob es sich um die einfachste Angelegenheit
handelte.
</p>
@@ -2026,15 +1991,15 @@ Erstaunen.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß
+&bdquo;Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß
<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-tritt alles zurück. Wir alle ohne Unterschied des Stammes werden
-im Dienste der Allgemeinheit die große Aufgabe zu lösen suchen.&ldquo;
+tritt alles zurück. Wir alle ohne Unterschied des Stammes werden
+im Dienste der Allgemeinheit die große Aufgabe zu lösen suchen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es
-vermag, fühle ich mich doch eins mit euch,&ldquo; bemerkte Frommherz.
+vermag, fühle ich mich doch eins mit euch,&ldquo; bemerkte Frommherz.
</p>
<p>
@@ -2043,10 +2008,10 @@ herzlich.
</p>
<p>
-&bdquo;Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen
-das Bürgerrecht hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,&ldquo;
-hub Frommherz nach längerer Pause zu sprechen an. &bdquo;Ich
-möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite angesehen
+&bdquo;Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen
+das Bürgerrecht hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,&ldquo;
+hub Frommherz nach längerer Pause zu sprechen an. &bdquo;Ich
+möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite angesehen
werden.&ldquo;
</p>
@@ -2057,35 +2022,35 @@ Frage Bentans brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.
<p>
&bdquo;Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im
-Gegenteil. Nur möchte ich, &mdash; ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken?
-Ich möchte in allem als euresgleichen gelten.&ldquo;
+Gegenteil. Nur möchte ich, &mdash; ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken?
+Ich möchte in allem als euresgleichen gelten.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten
-dich daher auch schon lange als Mitglied der großen
-Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese Worte befriedigen,&ldquo;
+dich daher auch schon lange als Mitglied der großen
+Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese Worte befriedigen,&ldquo;
entgegnete Bentan freundlich.
</p>
<p>
-&bdquo;Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen
-Wünsche.&ldquo;
+&bdquo;Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen
+Wünsche.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.&ldquo;
+&bdquo;Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.&ldquo;
+&bdquo;Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies
-ja auch gewiß schon damals deine Absicht, für immer bei uns
-zu bleiben, als du deine Brüder ohne dich von hier fortziehen
-ließest,&ldquo; entgegnete Bentan mit eigenartiger Betonung.
+&bdquo;Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies
+ja auch gewiß schon damals deine Absicht, für immer bei uns
+zu bleiben, als du deine Brüder ohne dich von hier fortziehen
+ließest,&ldquo; entgegnete Bentan mit eigenartiger Betonung.
</p>
<p>
@@ -2096,8 +2061,8 @@ eigen nennen, in Generationen fortleben .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
<p>
<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
&bdquo;Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,&ldquo;
-begann Bentan ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden,
-in seiner Rede stockte. &bdquo;Du möchtest heiraten. Ist es
+begann Bentan ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden,
+in seiner Rede stockte. &bdquo;Du möchtest heiraten. Ist es
nicht so?&ldquo;
</p>
@@ -2107,7 +2072,7 @@ Bentan so rasch begriffen worden zu sein.
</p>
<p>
-&bdquo;Zu jung dazu bist du nicht mehr,&ldquo; warf Bentan lächelnd ein.
+&bdquo;Zu jung dazu bist du nicht mehr,&ldquo; warf Bentan lächelnd ein.
</p>
<p>
@@ -2115,84 +2080,84 @@ Bentan so rasch begriffen worden zu sein.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen
-läßt. Du bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe
+&bdquo;Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen
+läßt. Du bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe
zu ihr. Was Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem
verbinden, nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen
-dieser Auffassung verspreche ich mir persönlich nichts
+dieser Auffassung verspreche ich mir persönlich nichts
Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung nehmen
-zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt,
-daß bei uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung
+zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt,
+daß bei uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung
mitsprechen. Bei uns hat die Frau eine vornehme und hohe
Stellung in der Kultur gerade deshalb, weil sie sich bescheidet,
-die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie denjenigen
-Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und wahrhaftig
+die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie denjenigen
+Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und wahrhaftig
wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen
Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch
ist bei uns die Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden,
-die sich sehr scharf von den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet,
-über die, wie ich mich noch genau erinnere, als deine
-Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in Angola Vortrag
+die sich sehr scharf von den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet,
+über die, wie ich mich noch genau erinnere, als deine
+Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in Angola Vortrag
gehalten habt.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines
-Wunsches unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube
-es mir, edler Bentan, manche glückliche Ehen, die nach denselben
+&bdquo;Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines
+Wunsches unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube
+es mir, edler Bentan, manche glückliche Ehen, die nach denselben
<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-oder doch ähnlichen Grundsätzen geschlossen worden sind wie
+oder doch ähnlichen Grundsätzen geschlossen worden sind wie
hier oben.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen.
-In dieser Richtung sind mir eure völlig miteinander
-übereinstimmenden und vernichtend lautenden Urteile allein maßgebend.
-Deine Brüder waren viel zu ernste und wahre Männer,
-als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen
-werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich
-von deiner Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen
-bewahren. Es steht dir völlig frei, nach Gutdünken
+In dieser Richtung sind mir eure völlig miteinander
+übereinstimmenden und vernichtend lautenden Urteile allein maßgebend.
+Deine Brüder waren viel zu ernste und wahre Männer,
+als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen
+werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich
+von deiner Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen
+bewahren. Es steht dir völlig frei, nach Gutdünken
zu handeln.&ldquo;
</p>
<p>
Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die
-Wendung, die das Gespräch genommen, sehr niedergedrückt.
+Wendung, die das Gespräch genommen, sehr niedergedrückt.
Er hatte auf eine Ermunterung, nicht auf eine Ablehnung gerechnet;
denn darauf liefen Bentans Worte doch hinaus. Aber
er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu
Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde
-zu einer definitiven Klärung bringen.
+zu einer definitiven Klärung bringen.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich
-schon sehr an den Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner
+&bdquo;Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich
+schon sehr an den Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner
Familie durch das Band der Verwandtschaft in innigste Beziehungen
gebracht zu werden, kurz, Benta als Gattin erringen
-zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung empfinde.&ldquo;
+zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung empfinde.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich
-frei und rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich
-dir antworten. Benta will, solange ich noch lebe, überhaupt
+&bdquo;Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich
+frei und rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich
+dir antworten. Benta will, solange ich noch lebe, überhaupt
nicht heiraten. Sie will durch die Pflichten der Ehe nicht von
-der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden. Diesen Entschluß
+der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden. Diesen Entschluß
hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon
-gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.&ldquo;
+gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-&bdquo;Wie gern würde ich warten,&ldquo; warf der Gelehrte ein.
+&bdquo;Wie gern würde ich warten,&ldquo; warf der Gelehrte ein.
</p>
<p>
-&bdquo;Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman
-als Gatten wählen.&ldquo;
+&bdquo;Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman
+als Gatten wählen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -2204,191 +2169,191 @@ Frommherz.
&bdquo;Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst
meinen Rat und verzichtest auf eine Verbindung mit einer
Tochter unseres Volkes. Vielleicht kommt einst noch die Stunde,
-wo du froh darüber sein wirst, über deine Person und deine
-Zukunft frei verfügen zu können.&ldquo;
+wo du froh darüber sein wirst, über deine Person und deine
+Zukunft frei verfügen zu können.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich
-schmerzhaft,&ldquo; erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
+&bdquo;Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich
+schmerzhaft,&ldquo; erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
</p>
<p>
&bdquo;Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der
-Selbstbeherrschung wirst du über das Gefühl des Schmerzes
+Selbstbeherrschung wirst du über das Gefühl des Schmerzes
rasch hinwegkommen. Du bist mir sympathisch. In unserem
Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese Sympathie wird
dir auch ferner von mir gewahrt werden.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede
-nicht mit Benta über das, was ich dir vorgebracht.&ldquo;
+&bdquo;Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede
+nicht mit Benta über das, was ich dir vorgebracht.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich
-möchte nicht den harmlos schönen Verkehr zwischen dir und
-meiner Enkelin stören, sondern mich auch fernerhin an ihm
+&bdquo;Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich
+möchte nicht den harmlos schönen Verkehr zwischen dir und
+meiner Enkelin stören, sondern mich auch fernerhin an ihm
erfreuen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich danke dir,&ldquo; erwiderte der Erdensohn, ergriffen von
-der schlichten Größe des Alten. Einer Regung des Herzens
+der schlichten Größe des Alten. Einer Regung des Herzens
folgend, streckte er ihm die Rechte entgegen, die Bentan innig
-drückte.
+drückte.
</p>
<p>
Damit war Fridolin Frommherz&rsquo; Liebestraum zu Ende.
-Es bedurfte aber seiner ganzen Kraft der Selbstüberwindung,
+Es bedurfte aber seiner ganzen Kraft der Selbstüberwindung,
um die Wunde, die seinem Herzen geschlagen worden war, nach
<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
und nach zum Vernarben zu bringen. Und der Segen der Arbeit
-half ihm über seinen Kummer weg.
+half ihm über seinen Kummer weg.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-5">
-<span class="firstline">Fünftes Kapitel.</span><br />
-Die Doppelkanäle auf dem Mars.
+<span class="firstline">Fünftes Kapitel.</span><br />
+Die Doppelkanäle auf dem Mars.
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">U</span>nterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage
-sehr energisch behandelt worden. Das, was Bentan darüber
-vor kurzer Zeit seinem Gaste erzählt hatte, sollte nun sofort
+sehr energisch behandelt worden. Das, was Bentan darüber
+vor kurzer Zeit seinem Gaste erzählt hatte, sollte nun sofort
ohne Verzug in Angriff genommen werden. Zum ersten
-Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
-Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles
-eines ganzen, großen, Millionen umfassenden Volkes.
-Diese Wirkung flößte ihm geradezu Ehrfurcht ein. Sie offenbarte
-ihm, zu welcher Höhe der Leistung die Humanität und
-ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der menschlichen
+Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
+Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles
+eines ganzen, großen, Millionen umfassenden Volkes.
+Diese Wirkung flößte ihm geradezu Ehrfurcht ein. Sie offenbarte
+ihm, zu welcher Höhe der Leistung die Humanität und
+ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der menschlichen
Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und
-Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen
+Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen
sind wie hier auf dem Mars.
</p>
<p>
-Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte
+Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte
die gewaltigen Massen, die nun alle in den Dienst des
-Großen und Ganzen, in den Kampf für das Wohl der Gesamtheit
-traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die jedem einzelnen
-durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden,
-trug dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten
-habe, alle zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das
-ewige und felsenfeste Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche
-Bestandteil der echten, natürlichen Moral, im Wohle, im
+Großen und Ganzen, in den Kampf für das Wohl der Gesamtheit
+traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die jedem einzelnen
+durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden,
+trug dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten
+habe, alle zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das
+ewige und felsenfeste Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche
+Bestandteil der echten, natürlichen Moral, im Wohle, im
<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden,
-zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das Paradies,
-eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,
-diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten.
-Und sie bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
+Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu suchen und zu finden,
+zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das Paradies,
+eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,
+diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten.
+Und sie bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
</p>
<p>
-Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen
-Zauberspruch hin in einen einzigen großen, den der Sorgenden,
-umgewandelt. Während die älteren, körperlich weniger leistungsfähigen
-Männer die leichteren Arbeiten der Landwirtschaft, die
+Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen
+Zauberspruch hin in einen einzigen großen, den der Sorgenden,
+umgewandelt. Während die älteren, körperlich weniger leistungsfähigen
+Männer die leichteren Arbeiten der Landwirtschaft, die
Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen und
-Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen
-Marsiten an die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf
+Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen
+Marsiten an die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf
dem Lichtentsprossenen. Dank der Entwicklung und dem unvergleichlich
hohen Stande der technischen Wissenschaften bei den
Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von Maschinen
-aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
-bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und
-sorgfältig ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste
-zu begegnen. In der Nähe der alten Riesensammelbecken wurden
+aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
+bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und
+sorgfältig ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste
+zu begegnen. In der Nähe der alten Riesensammelbecken wurden
neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten durch Verdunstung
-an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die Sammelseen
-kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte Riesenbauten,
+an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die Sammelseen
+kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte Riesenbauten,
wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
</p>
<p>
-In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol
+In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol
zu, wurden Reihen enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt,
-die die Wasserabgabe nach den neuen Kanälen und Sammelbecken
+die die Wasserabgabe nach den neuen Kanälen und Sammelbecken
genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf wurde
-für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen
+für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen
Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt,
-die ausreichen mußte.
+die ausreichen mußte.
</p>
<p>
<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an
-dem Bau der neuen Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch
+dem Bau der neuen Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch
oben im Norden, dort wo der &bdquo;Berg des Schweigens&ldquo;, die
-höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen schneebedeckten
-Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
+höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen schneebedeckten
+Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen
-Schneewassers sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe
-kannte den Ort. Drei seiner ehemaligen Gefährten hatten vor
-Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur Erde den einsamen Berg
-bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. Jetzt
-führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten,
-unter ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte,
-kühle nördliche Gegend.
+Schneewassers sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe
+kannte den Ort. Drei seiner ehemaligen Gefährten hatten vor
+Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur Erde den einsamen Berg
+bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. Jetzt
+führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten,
+unter ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte,
+kühle nördliche Gegend.
</p>
<p>
-Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf,
-früh, sehr früh am Morgen. Noch schien der Traum der Nacht
-über den Wipfeln der nahen Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau
+Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf,
+früh, sehr früh am Morgen. Noch schien der Traum der Nacht
+über den Wipfeln der nahen Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau
war der klare Himmel, als der Luftschiffhafen unter
den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen ihnen die
-Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola
-mit seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen
-Teppich gestellt, sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff,
-und weiter wurde der Horizont. Die große Gleichmäßigkeit
-in der Bebauung, der fast regelmäßige Wechsel von Feldern,
+Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola
+mit seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen
+Teppich gestellt, sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff,
+und weiter wurde der Horizont. Die große Gleichmäßigkeit
+in der Bebauung, der fast regelmäßige Wechsel von Feldern,
Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen Gartenlandes,
-eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von
-niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin
-Frommherz von der weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
+eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von
+niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin
+Frommherz von der weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
</p>
<p>
-Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten
-Grade nördlicher Breite lag, war längst verschwunden.
+Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten
+Grade nördlicher Breite lag, war längst verschwunden.
Aus der subtropischen Zone, die auf dem Mars schon mit dem
<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die Reisenden in die
-gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald rückwärts,
-bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten
-die Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten,
-wie in flüssiges Silber getaucht. Motorboote schossen darauf
-nach allen Richtungen, doch meistens nordwärts. Das Luftschiff
-überholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein Hindernis
-kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal &mdash; das
+gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald rückwärts,
+bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten
+die Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten,
+wie in flüssiges Silber getaucht. Motorboote schossen darauf
+nach allen Richtungen, doch meistens nordwärts. Das Luftschiff
+überholte sie alle, immer in gerader Richtung, kein Hindernis
+kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal &mdash; das
idealste aller Verkehrsmittel.
</p>
<p>
-Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die
-gemäßigte Zone überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte
-kühle Region. Das war die Gegend, die die Wasserstraßen
-speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der ganzen Marsbevölkerung
+Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die
+gemäßigte Zone überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte
+kühle Region. Das war die Gegend, die die Wasserstraßen
+speiste, an deren Vorhandensein die Existenz der ganzen Marsbevölkerung
gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes Augen
-von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte:
-dunkle Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit
-saftigen grünen Wiesen und schimmernden Seen. Gebirgszüge
-schoben sich dazwischen, deren höchste Gipfel mit Schnee bedeckt
+von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte:
+dunkle Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit
+saftigen grünen Wiesen und schimmernden Seen. Gebirgszüge
+schoben sich dazwischen, deren höchste Gipfel mit Schnee bedeckt
waren. Felder sah man immer weniger, je weiter man nach
-Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz.
+Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz.
Nur weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig
arbeitenden Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer
-flogen sie nordwärts ohne Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder
-fast ganz aufgehört; doch sah man noch immer zahlreiche Viehherden
-auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
+flogen sie nordwärts ohne Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder
+fast ganz aufgehört; doch sah man noch immer zahlreiche Viehherden
+auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab.
Er stand isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze
-Pyramide verhüllt.
+Pyramide verhüllt.
</p>
<p>
@@ -2398,32 +2363,32 @@ Schweigens, unser Ziel!&ldquo;
<p>
<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das
+Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das
Luftschiff hielt darauf zu und ging sicher und ohne jede Schwankung
dicht neben den Behausungen auf einer Art Bergwiese
vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht ergrautem
Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach
-kurzem Gruße sagte er: &bdquo;Für Unterkunft ist so gut wie möglich
-gesorgt,&ldquo; und wies auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige
-Schritte von der Landungsstelle des Luftschiffes. Die Ankömmlinge
+kurzem Gruße sagte er: &bdquo;Für Unterkunft ist so gut wie möglich
+gesorgt,&ldquo; und wies auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige
+Schritte von der Landungsstelle des Luftschiffes. Die Ankömmlinge
dankten und zogen sich in ihr reinliches, luftiges Massenquartier
-zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit Erforderliche
-sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.
-Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie
+zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit Erforderliche
+sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.
+Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie
niemand gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande
waren!
</p>
<p>
-Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich.
-Bei Tagesgrauen sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern
-Morgen stand Fridolin Frommherz am Fuße des Berges und
-betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur Talsohle ab.
-Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das
+Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich.
+Bei Tagesgrauen sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern
+Morgen stand Fridolin Frommherz am Fuße des Berges und
+betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur Talsohle ab.
+Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das
Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen.
-Es war gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und
-wie viel schwerer mußte es noch sein, die zur Arbeit notwendigen
-Werkzeuge und Maschinen bis zu solch schwindelnder Höhe
+Es war gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und
+wie viel schwerer mußte es noch sein, die zur Arbeit notwendigen
+Werkzeuge und Maschinen bis zu solch schwindelnder Höhe
hinaufzuschaffen!
</p>
@@ -2437,77 +2402,77 @@ Luftschiff ist bereit!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe
-befördern.&ldquo;
+&bdquo;Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe
+befördern.&ldquo;
</p>
<p>
-Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen,
+Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen,
<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
wie Fridolin gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich
bequemer und ging rascher von statten.
</p>
<p>
-Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit
+Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit
ihnen und ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor
-empfangen und begrüßt hatte. Rasch wich die Talsohle unter
-ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend grünes Bild im Lichte der
-aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in die Höhe.
-Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose
+empfangen und begrüßt hatte. Rasch wich die Talsohle unter
+ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend grünes Bild im Lichte der
+aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in die Höhe.
+Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose
Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen
mit vollem Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier
war zu sehen; nicht einmal das Rauschen eines auf dieser Seite
-zu Tale plätschernden Baches vernahm das lauschende Ohr.
+zu Tale plätschernden Baches vernahm das lauschende Ohr.
Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der Eindruck,
-den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder
+den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder
war es der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in
seinem Banne hielt?
</p>
<p>
-Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die
-Höhe des Berges erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten
-&mdash; nun ließ es sich leicht und sicher in einer Mulde unterhalb
+Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die
+Höhe des Berges erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten
+&mdash; nun ließ es sich leicht und sicher in einer Mulde unterhalb
des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen aus. Da lag neben
-ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, mit
-Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden
+ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, mit
+Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden
an, und keine Spur von Schnee war zu finden. Somit schien
-die vulkanische Tätigkeit des Berges noch nicht ganz erloschen
+die vulkanische Tätigkeit des Berges noch nicht ganz erloschen
zu sein. Aber kaum hundert Schritte weiter, da schlugen wieder
Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
</p>
<p>
Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen.
-Da waren Menschen und Maschinen in voller Tätigkeit. Es
-galt, dem Abfluß des Sees eine neue, schmälere, ausgemauerte
+Da waren Menschen und Maschinen in voller Tätigkeit. Es
+galt, dem Abfluß des Sees eine neue, schmälere, ausgemauerte
Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so kostbar gewordenen
<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine
-Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das
-Verdunsten seines warmen Wassers möglichst zu verhindern.
+Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das
+Verdunsten seines warmen Wassers möglichst zu verhindern.
Der wortkarge Marsite, der die neue Arbeitskolonne hierhergebracht,
-aber während der ganzen Fahrt keine Silbe gesprochen,
+aber während der ganzen Fahrt keine Silbe gesprochen,
nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut hatte, wies jetzt
-jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer neuen
+jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer neuen
Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war
eine Art Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten
-Linie für die neue Wasserrinne ausgehoben werden
+Linie für die neue Wasserrinne ausgehoben werden
sollte. Der Erdensohn, der als ehemaliger Theologe von Maschinentechnik
-so gut wie gar nichts verstand und an körperliche Arbeit
-nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm stehende
-große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte
+so gut wie gar nichts verstand und an körperliche Arbeit
+nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm stehende
+große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte
ihm der Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung
war automatisch und regulierte sich bei richtiger Einstellung
von selbst. Mit scharfer Kante versehene Eimer schleiften dicht
-auf dem Boden und brachten, ebenfalls automatisch, das losgelöste
-Material hoch und ließen es auf die Ablagerungsflächen
+auf dem Boden und brachten, ebenfalls automatisch, das losgelöste
+Material hoch und ließen es auf die Ablagerungsflächen
gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die Maschine
-außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen Vorrichtung,
+außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen Vorrichtung,
teils der geringeren Schwere infolge des verminderten
-Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn
-nicht allzu schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
+Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn
+nicht allzu schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
</p>
<div class="centerpic">
@@ -2517,333 +2482,333 @@ nicht allzu schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
<p>
Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm
alles wurde. Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen.
-Es war doch etwas Schönes um die verminderte Schwere.
-Freilich trat in der ganz außerordentlich dünnen Luft auf solcher
-Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine höhere Spannung der Blutgefäße
-ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er selbst gedacht,
+Es war doch etwas Schönes um die verminderte Schwere.
+Freilich trat in der ganz außerordentlich dünnen Luft auf solcher
+Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine höhere Spannung der Blutgefäße
+ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er selbst gedacht,
<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich
sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend
-abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die
-Luft, daß sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar
-die Arbeit all der wackern Männer nahm dem &bdquo;Berge des
+abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die
+Luft, daß sie den Schall nur noch schwach verbreitete. Sogar
+die Arbeit all der wackern Männer nahm dem &bdquo;Berge des
Schweigens&ldquo; seinen Charakter nicht.
</p>
<p>
Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom
Sonnenaufgang bis zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See
-wurde eine neue Abflußrinne gegraben, den ganzen Berg von
-der Schneegrenze bis zu seinem Fuße durchfurchten bald solche
+wurde eine neue Abflußrinne gegraben, den ganzen Berg von
+der Schneegrenze bis zu seinem Fuße durchfurchten bald solche
auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen zusammenflossen
-und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der schweigsame
-Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte
-er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
+und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der schweigsame
+Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte
+er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
</p>
<p>
&bdquo;Wer ist der seltsame Mann?&ldquo; hatte der Erdensohn schon
am ersten Tage gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte
-ihm Zaran seine Geschichte erzählt:
+ihm Zaran seine Geschichte erzählt:
</p>
<p>
-&bdquo;Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen
-unseres Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich
-von unsern Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer
+&bdquo;Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen
+unseres Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich
+von unsern Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer
sich gegen seinen Bruder, gegen das allgemeine Wohl verfehlt,
-muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die Allgemeinheit wieder
-sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den Listen
-unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo
-unsere Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze
-Existenz von der Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten
-unserer Wasserläufe die wichtigste Arbeit für das
-Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere Brüder
+muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die Allgemeinheit wieder
+sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den Listen
+unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo
+unsere Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze
+Existenz von der Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten
+unserer Wasserläufe die wichtigste Arbeit für das
+Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit unsere Brüder
ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, die
-wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden
+wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden
<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Zeit guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen
-frei, wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen
+Zeit guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen
+frei, wieder zu seiner Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen
es vor, hier zu bleiben und ihr ganzes Leben fortan in den
-Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch der, nach dem
-du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme
+Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch der, nach dem
+du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme
der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser
Nachbar war. Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des
Lebens abgeneigt und allzuviel auf sich selbst bedacht. Seine
-Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er so mangelhaft, daß
+Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er so mangelhaft, daß
er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier ist
ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn
gepackt und ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit
-für seine Brüder, durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach
+für seine Brüder, durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach
Lumata heimzukehren. Er blieb im Lande der Vergessenen, an
dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus ihm gemacht.
-Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf technischem
-Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige
-Aufgabe zu lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem
-scharfen Verstande, seiner außerordentlichen Geschicklichkeit scheint
+Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf technischem
+Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige
+Aufgabe zu lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem
+scharfen Verstande, seiner außerordentlichen Geschicklichkeit scheint
nichts zu schwer. Die Maschine zum Beispiel, an der du vorhin
arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und du wirst noch viel
-Großes von ihm schauen.&ldquo;
+Großes von ihm schauen.&ldquo;
</p>
<p>
-Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans
-Erzählung hatte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht.
-Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges Antlitz ihn merkwürdig
+Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans
+Erzählung hatte einen eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht.
+Dieser Mutan, dessen ernstes, kluges Antlitz ihn merkwürdig
fesselte, hatte nichts anderes getan, als &bdquo;zu viel an sich gedacht&ldquo;.
Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er &bdquo;zu viel an sich gedacht&ldquo;,
-als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen
-zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße messen
-wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den
+als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem Lichtentsprossenen
+zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße messen
+wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den
<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
Rest seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er
-eigenmächtig verlassen hatte.
+eigenmächtig verlassen hatte.
</p>
<p>
-Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken
+Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken
ab. Nein, der Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten
-die Brüder seiner Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen
+die Brüder seiner Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen
diente er auch jetzt in den schweren Tagen ihres Existenzkampfes.
Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der Gedanke an seine
-Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
+Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
</p>
<p>
-Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten
+Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten
das Polarlicht mit seinen zuckenden Strahlen und wechselnden
Farben zu beobachten. Noch lieber aber sah er von seiner
-weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster der Sterne
-hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen
+weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster der Sterne
+hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen
Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald
links von ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach
-einiger Zeit dort wieder auftauchend, in ständigem Wechsel.
-Freilich, wenn die Erde in Marsnähe war, dann war sie nur
+einiger Zeit dort wieder auftauchend, in ständigem Wechsel.
+Freilich, wenn die Erde in Marsnähe war, dann war sie nur
als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die Beobachtung ihrer
-Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon
-mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu
-sehen, mit den außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten
-aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhältnisse, waren
-auch Erdteile und Meere, ja selbst die größeren Länder zu erkennen.
-Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des Schweigens
-aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche
+Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon
+mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu
+sehen, mit den außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten
+aber waren nicht nur die Beleuchtungsverhältnisse, waren
+auch Erdteile und Meere, ja selbst die größeren Länder zu erkennen.
+Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des Schweigens
+aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche
Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das
-Teleskop des öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der
-Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen,
-für die sie eigentlich schon untergegangen sein mußte.
-Er befragte Zaran darüber.
+Teleskop des öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der
+Sonne auch noch nach solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen,
+für die sie eigentlich schon untergegangen sein mußte.
+Er befragte Zaran darüber.
</p>
<p>
<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-&bdquo;Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,&ldquo; meinte
+&bdquo;Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,&ldquo; meinte
dieser. &bdquo;Je dichter die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die
einfallenden Lichtstrahlen. Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung
-entfernter Weltkörper geradezu ein Beweis für das
-Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop einmal
+entfernter Weltkörper geradezu ein Beweis für das
+Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop einmal
nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns
Phobos heute schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von
einer Lichtstrahlenbrechung?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; erwiderte Fridolin, &bdquo;da fällt die Erscheinung ganz
+&bdquo;Nein,&ldquo; erwiderte Fridolin, &bdquo;da fällt die Erscheinung ganz
weg.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre
-nicht festzuhalten vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos
-und Deimos. Dort drüben steht Venus. Versuch es einmal
+&bdquo;Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre
+nicht festzuhalten vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos
+und Deimos. Dort drüben steht Venus. Versuch es einmal
bei jenem fernen Kinde des Lichts!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Die Erscheinung ist wieder da,&ldquo; rief Fridolin erfreut, &bdquo;und
-zwar in noch höherem Maße als bei der Erde.&ldquo;
+zwar in noch höherem Maße als bei der Erde.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische
+&bdquo;Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische
zu sein.&ldquo;
</p>
<p>
So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles
-Schöne, Neue und Interessante.
+Schöne, Neue und Interessante.
</p>
<p>
Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des
Schweigens kanalisiert. Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu
-Wunderbares geleistet; die Kraft der Männer war sehr geschont
-worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit sämtlichen
-Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
+Wunderbares geleistet; die Kraft der Männer war sehr geschont
+worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit sämtlichen
+Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu
Tausenden und Abertausenden schafften hier die Marsiten, die
-sonst die nördliche gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten.
-Überall, soweit das Auge schaute, waren bereits die neuen Kanäle
-ausgehöhlt, die breiten Hauptadern wie die viel hundertfachen
+sonst die nördliche gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten.
+Überall, soweit das Auge schaute, waren bereits die neuen Kanäle
+ausgehöhlt, die breiten Hauptadern wie die viel hundertfachen
<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da aufgestellt, die
der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch
jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde,
so genial einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen
erdacht und konstruiert wurde. Rasch schritt das
-Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwärts. Die Arbeit
-drängte, stand doch der lange polare Winter vor der Tür.
-Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten
-Zone vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten
-können, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen.
+Auszementieren des neuen Kanalnetzes vorwärts. Die Arbeit
+drängte, stand doch der lange polare Winter vor der Tür.
+Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten
+Zone vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten
+können, wenn die arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen.
Und hinderte der strenge Marswinter die Arbeit auch dort, dann
-kanalisierte man den Tropengürtel, der kein Eis kannte.
+kanalisierte man den Tropengürtel, der kein Eis kannte.
</p>
<p>
-Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit:
+Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit:
das Wasser war wie alles andere auf dem Lichtentsprossenen
spezifisch leichter als auf der Erde. Es kochte schon bei sechzig
Grad, war folglich auch rascherem Verdunsten ausgesetzt, und
-dem mußte so schnell wie möglich entgegengearbeitet werden.
-Natürlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen
-Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte hier nicht in
+dem mußte so schnell wie möglich entgegengearbeitet werden.
+Natürlich war das Wasser infolge seines geringeren spezifischen
+Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte hier nicht in
Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem Laufe
-auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem
-Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der
-geringeren Schwere. Charakteristisch für das Wasser auf dem
+auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem
+Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der
+geringeren Schwere. Charakteristisch für das Wasser auf dem
Lichtentsprossenen waren auch die gewaltigen Wellen, die sich
-nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil der Südhalbkugel
+nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil der Südhalbkugel
deckt, &mdash; das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem
Mars, &mdash; sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel
-beim geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur
-Erde bei weitem leichteren Wassermoleküle unterlagen geringerer
-Anziehung der Masse ihres Weltkörpers und stiegen deshalb
+beim geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur
+Erde bei weitem leichteren Wassermoleküle unterlagen geringerer
+Anziehung der Masse ihres Weltkörpers und stiegen deshalb
<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne besonders
-heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher
-Höhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz
+heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher
+Höhe empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz
ganz besonders gern.
</p>
<p>
Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars
-in Eisesfesseln schlug, waren die hauptsächlichsten Arbeiten in
-diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter bereits in die gemäßigte
-Zone übergegangen. Nie hätte es sich früher der Erdensohn
-träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit
-durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
-oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren
-Hunderte von Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers
+in Eisesfesseln schlug, waren die hauptsächlichsten Arbeiten in
+diesen Gegenden vollendet, die Arbeiter bereits in die gemäßigte
+Zone übergegangen. Nie hätte es sich früher der Erdensohn
+träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so kurzer Zeit
+durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
+oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren
+Hunderte von Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers
&mdash; doppelt so lang wie ein irdischer Sommer in arktischem
Gebiete &mdash; hergestellt worden; aber nicht nur Hunderttausende,
sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die
-Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
+Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
</p>
<p>
Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den
polaren Gegenden auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache
war vollendet; doch galt es, da und dort noch die letzte Hand
-anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst leichten Segelschlitten
-glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, bald dorthin.
-Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache
-zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die
-Kälte, obgleich sie bedeutende Grade erreichte und bis sechzig
+anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst leichten Segelschlitten
+glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, bald dorthin.
+Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache
+zum Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die
+Kälte, obgleich sie bedeutende Grade erreichte und bis sechzig
Grad unter den Nullpunkt sank, leicht zu ertragen, weil die Luft
vollkommen trocken, frei von Wasserdampf war. Auf ihren
eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf Schlittschuheisen.
Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem
-Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung,
-und wenn es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem
+Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung,
+und wenn es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem
<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-Rückenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten
-Fahrzeuges staunenerregend. Es flog förmlich dahin und schien
-kaum mehr den Boden zu berühren.
+Rückenwinde fahren konnte, war die Geschwindigkeit des leichten
+Fahrzeuges staunenerregend. Es flog förmlich dahin und schien
+kaum mehr den Boden zu berühren.
</p>
<p>
Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl
-der Marsiten erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale
-Region, das große Werk fortführend, das in den Polgebieten
+der Marsiten erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale
+Region, das große Werk fortführend, das in den Polgebieten
begonnen worden war.
</p>
<p>
-Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich
-beendet und die alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt
+Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich
+beendet und die alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt
worden waren, da zeigte sich die segensreiche Wirkung der Arbeit
-aller für alle: die vielen und großen Landstrecken, die aus
-Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach lagen, sie wurden
-nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die schon
-verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem
+aller für alle: die vielen und großen Landstrecken, die aus
+Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach lagen, sie wurden
+nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die schon
+verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem
Leben.
</p>
<p>
-Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt,
+Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt,
die letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der
-Landschaft wieder ihr altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben.
+Landschaft wieder ihr altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben.
Auch der Schwabe hatte an dem Werke des Gemeinwohles
redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, mitgemauert und
-mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
-sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue
-Art der Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften
+mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
+sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue
+Art der Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften
Verkehr mit Marsiten aller Klassen, hatte nach und nach
-in Frommherz eine große innere Umwandlung hervorgebracht.
+in Frommherz eine große innere Umwandlung hervorgebracht.
Hohe Gedanken bewegten ihn.
</p>
<p>
-Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne
+Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne
hier oben geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen
-Marsiten für seinen Mitbruder, eine Sympathie, die sich
-überhaupt auf alle fühlenden Wesen erstreckte, hatte ihn zu
+Marsiten für seinen Mitbruder, eine Sympathie, die sich
+überhaupt auf alle fühlenden Wesen erstreckte, hatte ihn zu
<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf dem Lichtentsprossenen
-die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
-erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem
-die Gefühle der Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung
-durch die Gewohnheit verstärkt werden und das
-Vermögen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in
+tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf dem Lichtentsprossenen
+die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
+erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem
+die Gefühle der Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung
+durch die Gewohnheit verstärkt werden und das
+Vermögen des Nachdenkens klarer wird, auch der Mensch in
den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile seiner Mitmenschen
-zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
-unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes,
+zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
+unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes,
die er einen Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen
eine gewisse bestimmte Richtung zu geben.
</p>
<p>
-So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung
-seiner Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen
+So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung
+seiner Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen
der wirkliche und wahre Richter seines eigenen Betragens.
-Was den schwäbischen Gelehrten früher bei den Marsiten rein
-äußerlich schon so sympathisch berührt und mit geheimnisvoller
+Was den schwäbischen Gelehrten früher bei den Marsiten rein
+äußerlich schon so sympathisch berührt und mit geheimnisvoller
Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der gemeinsamen
-Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren,
+Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren,
wissenden, freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde
-Harmonie zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die
-Ursache der wunderbaren Moral und des Blühens des Brudervolkes
+Harmonie zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die
+Ursache der wunderbaren Moral und des Blühens des Brudervolkes
auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem Geschick,
das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu
-lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf
+lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf
entwickelt hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der
Apostel wahren Menschentums auf der Erde zu werden. Dort
-besaß er einen Freund, der Ähnliches einst gewollt. Damals
-hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem Beispiele
+besaß er einen Freund, der Ähnliches einst gewollt. Damals
+hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem Beispiele
Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes,
zu folgen.
</p>
<p>
<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des
-Mars, das soeben an Körper und Geist frisch verjüngt aus dem
+Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des
+Mars, das soeben an Körper und Geist frisch verjüngt aus dem
gewaltigen Kampfe um seine vornehmste Existenzbedingung siegreich
hervorgegangen war, in aufrichtige Trauer versetzte. Anan,
-der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der Weisen,
+der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes der Weisen,
hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft entschlafen.
Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu
-natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten
+natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten
nach Angola, um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen
der Beisetzung seiner Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem
Pantheon der Marsiten.
@@ -2851,15 +2816,15 @@ Pantheon der Marsiten.
<p>
&bdquo;Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange
-auf dem Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!&ldquo; Diese
-Art der Bestattung war auf dem Mars üblich. Sie galt als
-die allein würdige und wurde auch als bester Trost für die Hinterlassenen
+auf dem Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!&ldquo; Diese
+Art der Bestattung war auf dem Mars üblich. Sie galt als
+die allein würdige und wurde auch als bester Trost für die Hinterlassenen
betrachtet. Am dritten Tage nach dem Tode Anans,
als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten purpurfarbene
Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg
-mit dem Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden
+mit dem Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden
Abendrote gleich, sollte auch Anan leuchtend eingehen in den
-Schoß der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem Wege
+Schoß der Ewigkeit. Ergreifende Musik wechselte auf dem Wege
mit dem Gesange von Trauerliedern.
</p>
@@ -2869,171 +2834,171 @@ Urne von schwarzem Marmor gesammelt worden war, wurde
diese unter Fackelbeleuchtung nach der Ehrenhalle gebracht, um
hier beigesetzt zu werden. &bdquo;Den Geschiedenen zur Ehre, den
Lebenden zum Vorbild,&ldquo; das waren die Worte, die in goldenen
-Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der
-herrlichen Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten
-führte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer
+Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der
+herrlichen Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten
+führte. Eine kleine Nische nahm die Urne auf, und auf einer
<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-Marmortafel eingemeißelt befand sich ein kurzer Auszug aus
+Marmortafel eingemeißelt befand sich ein kurzer Auszug aus
Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der Marsiten, von
-allen gesungen, schloß die Feier.
+allen gesungen, schloß die Feier.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-6">
<span class="firstline">Sechstes Kapitel.</span><br />
-Ein tapferer Entschluß.
+Ein tapferer Entschluß.
</h2>
<p class="first">
<span class="firstchar">A</span>n die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte
sich wieder in den alten, vornehm ruhigen Bahnen
-der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte sein Werk vollendet. In
+der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte sein Werk vollendet. In
der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der Weisen
-unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges
-Wörterbuch der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von
-über elf Jahren nach Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde
-ihm für seine anerkennenswerte Leistung ausgesprochen.
+unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges
+Wörterbuch der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von
+über elf Jahren nach Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde
+ihm für seine anerkennenswerte Leistung ausgesprochen.
</p>
<p>
Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er
-diesen Augenblick des Abschlusses und der Übergabe seines
-Werkes nicht dazu benützen solle, dem ihn mehr und mehr beherrschenden
-Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden Ausdruck
-zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu.
-Mit Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er
-fand es für besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des
+diesen Augenblick des Abschlusses und der Übergabe seines
+Werkes nicht dazu benützen solle, dem ihn mehr und mehr beherrschenden
+Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden Ausdruck
+zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu.
+Mit Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er
+fand es für besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des
Stammes der Weisen sein Anliegen vorzubringen und nachher
-mit Bentan das Nähere zu beraten.
+mit Bentan das Nähere zu beraten.
</p>
<p>
Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort.
-In längerer Rede schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach
-der Wunsch entwickelt habe, dahin wieder zurückzukehren, von
+In längerer Rede schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach
+der Wunsch entwickelt habe, dahin wieder zurückzukehren, von
<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
wo er einst hergekommen war. Nachdem nun seine Aufgabe
-hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so unendlich
+hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so unendlich
viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe
gestellt: in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf
-der Erde eine aller Übertreibung ferne und daher auch allein
-vernünftige Nächstenliebe in der Weise zu lehren, wie sie hier
-oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre zu werben und
+der Erde eine aller Übertreibung ferne und daher auch allein
+vernünftige Nächstenliebe in der Weise zu lehren, wie sie hier
+oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre zu werben und
den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen
-Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner
-alten Heimat mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen
-Kultur der Gegenwart mit ihrer Lüge und rohen Selbstsucht
+Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner
+alten Heimat mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen
+Kultur der Gegenwart mit ihrer Lüge und rohen Selbstsucht
wolle er im Vereine mit andern energisch entgegentreten und
-gegen sie kämpfen, damit den später geborenen Geschlechtern
-endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des Frohmutes
-beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine
-wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und
+gegen sie kämpfen, damit den später geborenen Geschlechtern
+endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des Frohmutes
+beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine
+wirklich vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und
nur in Gedanken vorhanden sein.
</p>
<p>
-&bdquo;Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem
-Einflusse den Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter
+&bdquo;Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem
+Einflusse den Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter
Lebensauffassung,&ldquo; fuhr Frommherz fort. &bdquo;Nun erst verstehe
ich voll und ganz auch die Handlungsweise meiner Freunde, als
-sie von hier fortzogen, während ich damals wähnte, daß sie eine
-übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen hätten.
-Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure Gesinnungen,
-eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die
-Frage einer Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So
-aber weiß ich, daß ihr meine Handlungsweise von heute begreift.
-Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte in ernste Erwägung ziehen
-und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr nicht Unmöglichkeiten
+sie von hier fortzogen, während ich damals wähnte, daß sie eine
+übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit begangen hätten.
+Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure Gesinnungen,
+eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die
+Frage einer Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So
+aber weiß ich, daß ihr meine Handlungsweise von heute begreift.
+Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte in ernste Erwägung ziehen
+und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr nicht Unmöglichkeiten
der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich nicht zu
<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-beurteilen vermag.&ldquo; Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
-seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit
-angehört worden war.
+beurteilen vermag.&ldquo; Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
+seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit
+angehört worden war.
</p>
<p>
-&bdquo;Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund
-Fridolin. Wir wollen sofort über dein Anliegen beraten und
+&bdquo;Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund
+Fridolin. Wir wollen sofort über dein Anliegen beraten und
werden dich nachher rufen lassen, um dir unsere Entscheidung
mitzuteilen,&ldquo; bat Bentan freundlich.
</p>
<p>
Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene,
-fast stolze, als er den Saal verließ, um im Garten vor
+fast stolze, als er den Saal verließ, um im Garten vor
dem Palaste umherzugehen, bis er zur Entgegennahme der Antwort
auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie ganz
anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren
-am gleichen Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich
-selbst und seinen Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle
+am gleichen Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich
+selbst und seinen Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle
war er damals aus dem Saale fortgegangen, und heute
-beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß er sich endlich
+beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß er sich endlich
selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom
Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der
Zukunft den Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung
-bieten als Gegenwert für die an ihm geübte großartige Gastfreundschaft.
+bieten als Gegenwert für die an ihm geübte großartige Gastfreundschaft.
Dies sah er klar ein. Die Tat seiner Freunde
-erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie wohl
+erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie wohl
damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern?
-Ob er sie wiedersehen würde?
+Ob er sie wiedersehen würde?
</p>
<p>
-In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der
-Rückkehr vertraut gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr
+In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der
+Rückkehr vertraut gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr
mit den fernen Freunden. Die Gefahren und Entbehrungen
der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz nicht mehr
so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war
-bei ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute
+bei ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute
<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-er der technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so
-oft schon bewiesen, daß er an einem richtigen Gelingen der Reise
+er der technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so
+oft schon bewiesen, daß er an einem richtigen Gelingen der Reise
nicht im geringsten zweifelte.
</p>
<p>
-Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte,
+Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte,
sprang er noch elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf,
-die zum Saale führte, als er gerufen wurde. Feierliche Stille
-herrschte in dem großen Raume. Die wohlwollenden Blicke
-der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang seiner
+die zum Saale führte, als er gerufen wurde. Feierliche Stille
+herrschte in dem großen Raume. Die wohlwollenden Blicke
+der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang seiner
Sache hoffen.
</p>
<p>
&bdquo;Mein lieber Freund und Bruder,&ldquo; begann Bentan zu
-sprechen. &bdquo;Dein Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort
-in der uns geschilderten Weise tätig zu sein, ehrt dich und findet
+sprechen. &bdquo;Dein Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort
+in der uns geschilderten Weise tätig zu sein, ehrt dich und findet
auch unsere vollste Billigung. Er hat uns mehr erfreut als
-überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus,
-daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein Entschluß
+überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, sahen voraus,
+daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein Entschluß
hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist,
-daß du gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe
-wackere Mann und Schwabe bist, für den wir dich immer hielten.
+daß du gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe
+wackere Mann und Schwabe bist, für den wir dich immer hielten.
Wir werden uns mit dem Stamme der Findigen und der Ernsten
-in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie möglich
+in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so bald wie möglich
entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde
-des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von
+des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von
dort zu uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner
-Brüder hier eröffnen, daß wir beschlossen haben, dein Bild und
+Brüder hier eröffnen, daß wir beschlossen haben, dein Bild und
die Gedenktafel nach deiner Abreise an der Stelle dieses Saales
-anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange vorher bestimmt
-war.&ldquo; Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über Bentans
-geistvolles Gesicht. &bdquo;Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
+anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange vorher bestimmt
+war.&ldquo; Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über Bentans
+geistvolles Gesicht. &bdquo;Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm
-gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung für immer
+gelebt, sie sind dann im Bilde und in der Erinnerung für immer
<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-bei uns harmonisch vereint. Von Herzen wünschen wir dir schon
-jetzt, daß du die trauten Stätten deiner Kindheit und Jugend
-nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen mögest. Glaube
-mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft aus
+bei uns harmonisch vereint. Von Herzen wünschen wir dir schon
+jetzt, daß du die trauten Stätten deiner Kindheit und Jugend
+nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen mögest. Glaube
+mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft aus
dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen
Wurzeln seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes
-hast du ja auch an dir selbst erfahren dürfen. Triffst du deine
-sechs Freunde und Brüder unten auf der Erde gesund wieder
-an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen unsere innigsten
-Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
-halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich
-ungeschmälert unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin
+hast du ja auch an dir selbst erfahren dürfen. Triffst du deine
+sechs Freunde und Brüder unten auf der Erde gesund wieder
+an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen unsere innigsten
+Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
+halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich
+ungeschmälert unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin
in Frieden, mein Freund! Bewahre auch du uns nach deiner
Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir dir stets bewahren
werden.&ldquo;
@@ -3042,49 +3007,49 @@ werden.&ldquo;
<p>
Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre
noch mit erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische
-noch nicht das geringste eingebüßt hatte.
+noch nicht das geringste eingebüßt hatte.
</p>
<p>
-&bdquo;In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne
+&bdquo;In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne
einst mit ihrem Luftschiffe angekommen,&ldquo; sprach er. &bdquo;Von dort
aus haben sie auch, bis auf Freund Fridolin, die Heimreise angetreten,
-nachdem sie lange Zeit meine lieben Gäste gewesen.
-Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die Rückkehr
-des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
-Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich
+nachdem sie lange Zeit meine lieben Gäste gewesen.
+Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die Rückkehr
+des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
+Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich
Freund Fridolin ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen
zu wollen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,&ldquo;
+&bdquo;Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,&ldquo;
antwortete der Gelehrte.
</p>
<p>
&bdquo;Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen
<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-werden und die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata
+werden und die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata
aus stattfinden,&ldquo; entschied Bentan.
</p>
<p>
-Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz
+Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz
zum letzten Male mit Bentan auf der Terrasse von dessen
Hause. Morgen wollte er Angola verlassen, um mit Eran zusammen
nach Lumata zu ziehen.
</p>
<p>
-&bdquo;Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr
-zur Erde überrascht?&ldquo; fragte er seinen Gastgeber.
+&bdquo;Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr
+zur Erde überrascht?&ldquo; fragte er seinen Gastgeber.
</p>
<p>
&bdquo;Durchaus nicht!&ldquo; entgegnete Bentan ruhig. &bdquo;Ich erwartete
-die Äußerung dieses Wunsches und finde, daß du für
-ihn sehr geschickt den richtigen Augenblick gewählt hast.&ldquo;
+die Äußerung dieses Wunsches und finde, daß du für
+ihn sehr geschickt den richtigen Augenblick gewählt hast.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -3099,32 +3064,32 @@ zur Entwicklung.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen
+&bdquo;Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen
sollen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur
+&bdquo;Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur
richtigen Zeit den richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit
hier ist vollendet. Du warst uns auch nebenbei in den Jahren
-der Gefahr und Not ein schätzenswerter, fleißiger Beistand.
-Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine Gegenleistungen
-von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit hast,
+der Gefahr und Not ein schätzenswerter, fleißiger Beistand.
+Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine Gegenleistungen
+von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit hast,
konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger
+&bdquo;Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger
Bentan.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst
-froh darüber, daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen?
+froh darüber, daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen?
<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
Sieh, damals schon ahnte ich das, was heute gekommen ist.
-Ich wies auf die Stunde hin, die möglicherweise erscheinen könnte,
-in der du gern frei über deine Person verfügen möchtest. Heute
+Ich wies auf die Stunde hin, die möglicherweise erscheinen könnte,
+in der du gern frei über deine Person verfügen möchtest. Heute
hat diese Stunde geschlagen.&ldquo;
</p>
@@ -3133,96 +3098,96 @@ hat diese Stunde geschlagen.&ldquo;
</div>
<p>
-&bdquo;Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke
-ich dir. Aber trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals
-den Gedanken einer Rückkehr gefaßt haben.&ldquo;
+&bdquo;Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke
+ich dir. Aber trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals
+den Gedanken einer Rückkehr gefaßt haben.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut
-so, glaube es mir, lieber Fridolin,&ldquo; erwiderte Bentan lächelnd.
+so, glaube es mir, lieber Fridolin,&ldquo; erwiderte Bentan lächelnd.
</p>
<p>
&bdquo;Benta, mein Kind, komm zu uns,&ldquo; bat der Alte seine
-Enkelin, die soeben auf der Terrasse erschien, um nach dem Großvater
+Enkelin, die soeben auf der Terrasse erschien, um nach dem Großvater
zu sehen. &bdquo;Bringe deine Harfe und erfreue uns mit
-deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund Fridolins
-letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
+deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund Fridolins
+letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
noch durch Musik und Gesang.&ldquo;
</p>
<p>
-Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des
-Weibes, entsprach sofort der Bitte des Großvaters. Welch
-wunderbare Töne die Marsitin diesen Abend ihrem Instrumente
-zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte Frommherz
-Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
-Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht,
-stillen Schmerzes und unbestimmbaren Wehs löste er nicht
-im Empfinden des Sohnes der schwäbischen Erde aus!
+Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des
+Weibes, entsprach sofort der Bitte des Großvaters. Welch
+wunderbare Töne die Marsitin diesen Abend ihrem Instrumente
+zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte Frommherz
+Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
+Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht,
+stillen Schmerzes und unbestimmbaren Wehs löste er nicht
+im Empfinden des Sohnes der schwäbischen Erde aus!
</p>
<p>
Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und
reichte ihr tief ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die
Hand. &bdquo;Lebe wohl, Benta! Nie werde ich deiner vergessen.
-Für immer wird mit der Erinnerung an meinen langen Aufenthalt
-hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein.
-Möge dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen,
-wie du es verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.&ldquo;
+Für immer wird mit der Erinnerung an meinen langen Aufenthalt
+hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein.
+Möge dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen,
+wie du es verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
&bdquo;Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,&ldquo;
-antwortete Benta herzlich. &bdquo;Wenn ich später Gattin
+antwortete Benta herzlich. &bdquo;Wenn ich später Gattin
und Mutter geworden bin, so werde ich meinen Kindern von
dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen Erdensohne,
-erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen Andenken
+erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen Andenken
wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken
-von mir mit dir! Reise glücklich!&ldquo; Nochmals ein inniger
-Händedruck, und Benta war eilenden Schrittes im Hause
+von mir mit dir! Reise glücklich!&ldquo; Nochmals ein inniger
+Händedruck, und Benta war eilenden Schrittes im Hause
verschwunden.
</p>
<p>
Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er
-es öffnete, fand er in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel
+es öffnete, fand er in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel
eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
</p>
<p>
-&bdquo;Welch große Freude macht mir dieses Bild,&ldquo; rief Frommherz
-beglückt. &bdquo;Ich werde das kostbare Andenken zu schätzen
+&bdquo;Welch große Freude macht mir dieses Bild,&ldquo; rief Frommherz
+beglückt. &bdquo;Ich werde das kostbare Andenken zu schätzen
wissen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Daran zweifeln wir nicht,&ldquo; bemerkte Bentan. &bdquo;Erlaube
-mir, daß der Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.&ldquo; Mit
-diesen Worten übergab er seinem Gaste ein gleiches Etui mit
+mir, daß der Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.&ldquo; Mit
+diesen Worten übergab er seinem Gaste ein gleiches Etui mit
seinem Bilde.
</p>
<p>
-&bdquo;Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner
-bleiben muß.&ldquo;
+&bdquo;Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner
+bleiben muß.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl
-sagen, denn morgen früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort
-von hier. Mögest du glücklich die Erde und deine Heimat wieder
-erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche für dein Wohlergehen
-begleiten dich.&ldquo; Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
-ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
+&bdquo;Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl
+sagen, denn morgen früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort
+von hier. Mögest du glücklich die Erde und deine Heimat wieder
+erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche für dein Wohlergehen
+begleiten dich.&ldquo; Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
+ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-7">
<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
<span class="firstline">Siebentes Kapitel.</span><br />
-Vorbereitungen zur Rückkehr.
+Vorbereitungen zur Rückkehr.
</h2>
<p class="first">
@@ -3230,41 +3195,41 @@ Vorbereitungen zur Rückkehr.
wieder in seinem alten Heim in Lumata. Die Kunde von
seiner bevorstehenden Abreise nach der Erde war ihm von
Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem
-würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall
+würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall
recht herzlich. Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines
-ersten Aufenthaltes fühlte der Gelehrte deutlich heraus, wie die
-Marsiten seinen Entschluß beurteilten. Unverhohlen wurde ihm
+ersten Aufenthaltes fühlte der Gelehrte deutlich heraus, wie die
+Marsiten seinen Entschluß beurteilten. Unverhohlen wurde ihm
jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der Trennung von
-seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
+seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
</p>
<p>
Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet,
-das in jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur
+das in jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur
den Weltenraum zu durchschneiden, sondern auch die Marsiten,
die des Erdensohnes Begleitung bilden sollten, wieder auf den
-Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die großartige Entwicklung
-der technischen Wissenschaften auf dem Mars ermöglichte die
-verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten Anforderungen
-genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit
-der Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
+Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die großartige Entwicklung
+der technischen Wissenschaften auf dem Mars ermöglichte die
+verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten Anforderungen
+genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit
+der Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
</p>
<p>
Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und
mehr die alten Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon
-vierzehn Jahre, seit er von Cannstatts Wasen unter großem
-Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von Hunderttausenden
-aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das fünfzehnte
-Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer
+vierzehn Jahre, seit er von Cannstatts Wasen unter großem
+Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von Hunderttausenden
+aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das fünfzehnte
+Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer
weilte er in Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen
<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Geduld, und die ernste Stunde des Abschiedes für immer vom
-Mars und seinem edlen Volke sollte schlagen. Für diese Riesenreise
+Geduld, und die ernste Stunde des Abschiedes für immer vom
+Mars und seinem edlen Volke sollte schlagen. Für diese Riesenreise
wurde alles in tadelloser, umsichtiger Weise vorbereitet.
-Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm wohlbekannte
+Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm wohlbekannte
Wiese, auf der einst der &bdquo;Weltensegler&ldquo;, das Luftschiff,
-das ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen
+das ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen
war, und auf der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und
verfolgte den Fortschritt der Arbeit.
</p>
@@ -3272,157 +3237,157 @@ verfolgte den Fortschritt der Arbeit.
<p>
Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten
bei der Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt
-her nicht gänzlich unbekannt waren, so vermochten doch die verwickelten
+her nicht gänzlich unbekannt waren, so vermochten doch die verwickelten
Berechnungen, die dem kunstvollen Bau zu Grunde
lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln. Er hatte allen
Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft,
-aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried
-Stiller, sein Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen
-wäre! Der hatte einst den &bdquo;Weltensegler&ldquo; bauen lassen nach
+aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried
+Stiller, sein Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen
+wäre! Der hatte einst den &bdquo;Weltensegler&ldquo; bauen lassen nach
seinen eigenen Berechnungen, hatte sich alle bislang auf Erden
errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen zunutze gemacht
und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung
-aller Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund
-Stiller gestaunt haben, hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen
-und seinen raschen Bau verfolgen können!
+aller Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund
+Stiller gestaunt haben, hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen
+und seinen raschen Bau verfolgen können!
</p>
<p>
Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem
starren System. Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles
-viel einfacher, selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander
+viel einfacher, selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander
als beim &bdquo;Weltensegler&ldquo; und war vor allem viel leichter
als bei diesem. Denn wie alles andere, so stand auch die Technik
-hier auf einer auf Erden nicht gekannten erstaunlichen Höhe.
+hier auf einer auf Erden nicht gekannten erstaunlichen Höhe.
Da wurden Metallegierungen hergestellt, die in Bezug auf
<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
+Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
weit in den Schatten stellten.
</p>
<p>
-Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem
-Gewebe wurde der Ballon wie mit einer schützenden
-Außenhaut umgeben. Zwischen dieser und dem eigentlichen
+Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem
+Gewebe wurde der Ballon wie mit einer schützenden
+Außenhaut umgeben. Zwischen dieser und dem eigentlichen
Ballon befand sich ein isolierender Luftraum, der gleichsam eine
-Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des Ätherraumes
+Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des Ätherraumes
und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen
und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker
-Abkühlung entgegenwirken sollte.
+Abkühlung entgegenwirken sollte.
</p>
<p>
Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war
nichts vergessen, was eine wochenlange Reise durch den eisigkalten,
-lichtlosen Ätherraum erträglich gestalten konnte. In der
-Gondel befanden sich aber auch die exaktesten Meßapparate,
-alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb der
-Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die
-Vorrichtungen zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer,
-große Mengen fester, komprimierter Luft nebst einem außerordentlich
-handlichen Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität
+lichtlosen Ätherraum erträglich gestalten konnte. In der
+Gondel befanden sich aber auch die exaktesten Meßapparate,
+alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb der
+Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die
+Vorrichtungen zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer,
+große Mengen fester, komprimierter Luft nebst einem außerordentlich
+handlichen Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität
teils zur Fortbewegung, teils zur Beleuchtung und
-Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im Ätherraum
-auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
-geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen
-sich in die Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum
+Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im Ätherraum
+auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
+geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen
+sich in die Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum
gewonnen wurde. Auf die praktischeste Weise waren Nahrungsmittel
-und andere Vorräte ebenfalls an den Wänden untergebracht.
+und andere Vorräte ebenfalls an den Wänden untergebracht.
</p>
<p>
-Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen
-Freunden vom Mars eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen,
-und freute sich über die sichtbaren Fortschritte, die der
-Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung mehr und mehr entgegengehenden
+Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen
+Freunden vom Mars eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen,
+und freute sich über die sichtbaren Fortschritte, die der
+Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung mehr und mehr entgegengehenden
<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es den
Namen &bdquo;Fridolin Frommherz&ldquo; tragen.
</p>
<p>
-Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der
-Abreise bestimmt worden war, erboten sich fünf Marsiten aus
+Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der
+Abreise bestimmt worden war, erboten sich fünf Marsiten aus
dem Stamme der Ernsten und der Findigen als freiwillige Begleiter
des Erdensohnes. Es waren Sirian, der Erbauer des
Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran, Parsan,
Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der
-kühne Flug sollte am fünfunddreißigsten Tage der &bdquo;Zeit der
-Ruhe&ldquo; angetreten werden. Fridolin Frommherz zählte nach
+kühne Flug sollte am fünfunddreißigsten Tage der &bdquo;Zeit der
+Ruhe&ldquo; angetreten werden. Fridolin Frommherz zählte nach
Erdenrechnung den siebenten Februar.
</p>
<p>
Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren
-ein Gastmahl, zu dem von allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten.
-Auf blumengeschmückter Tafel wurde dem Erdensohne
+ein Gastmahl, zu dem von allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten.
+Auf blumengeschmückter Tafel wurde dem Erdensohne
noch einmal alles dargebracht, was der Lichtentsprossene Herrliches
-an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu bieten vermochte.
-Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
-verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen
-den Abend. Dann erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In
-längerer Rede warf er einen Rückblick auf den einstigen Besuch
+an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu bieten vermochte.
+Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
+verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen
+den Abend. Dann erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In
+längerer Rede warf er einen Rückblick auf den einstigen Besuch
der sieben Schwaben, von denen der eine nun so viele Jahre
-länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen bestehenden
-allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
-kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin
-gleich seinen Brüdern sich unten auf der Erde dem großen
-Werke der Menschenverbrüderung widmen wolle, das sei der
-Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem ganzen sittlichen
-Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
+länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen bestehenden
+allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
+kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin
+gleich seinen Brüdern sich unten auf der Erde dem großen
+Werke der Menschenverbrüderung widmen wolle, das sei der
+Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem ganzen sittlichen
+Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon
-längst geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei,
+längst geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei,
<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-für immer die Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an
+für immer die Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an
dieser Stelle festzuhalten.
</p>
<p>
-Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte,
+Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte,
dankte Fridolin Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen
-Worten für all das Gute und Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen
+Worten für all das Gute und Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen
zuteil geworden, und das er nie vergessen werde.
Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung
-an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
-aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur
-die Menschheit fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen
+an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
+aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur
+die Menschheit fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen
gelernt, werde er auf Erden zu verwirklichen suchen. Dann
habe er nicht umsonst gelebt.
</p>
<p>
-Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
+Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
</p>
<p>
-Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht
+Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht
auf dem Mars mit all ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch
einmal wanderte er ganz allein hinaus vor die Stadt, atmete
-noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und doch
-würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
-Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in
+noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und doch
+würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
+Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in
eigenem oder erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch
einmal, den Glauben festzuhalten an den endlichen Sieg des
-Guten. So, wie es auf dem Lichtentsprossenen war, mußte es
-einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg würde künftig diese
-Zuversicht zu erschüttern vermögen.
+Guten. So, wie es auf dem Lichtentsprossenen war, mußte es
+einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg würde künftig diese
+Zuversicht zu erschüttern vermögen.
</p>
<p>
In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches
-Heim zurück, um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
+Heim zurück, um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
</p>
<p>
-Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so
-zog auch diesmal Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas
-am andern Tage in aller Frühe mit dem Abreisenden hinaus
-auf die historisch gewordene Wiese. Ein Händeschütteln, laute
+Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so
+zog auch diesmal Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas
+am andern Tage in aller Frühe mit dem Abreisenden hinaus
+auf die historisch gewordene Wiese. Ein Händeschütteln, laute
<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine letzte Umarmung
+Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine letzte Umarmung
Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die Gondel.
Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in pfeilschnelle
-Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus
+Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus
dem Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.
</p>
@@ -3433,94 +3398,94 @@ Auf der Fahrt im Weltraum.
<p class="first">
<span class="firstchar">E</span>inen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf
-Fridolin Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den
+Fridolin Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den
Lichtentsprossenen, auf dem er so viel Gutes genossen, wo sein
ganzes inneres Wesen umgeformt worden war. Den inhaltreichsten
-Abschnitt seines Lebens hatte er da verlebt. Nie würde
+Abschnitt seines Lebens hatte er da verlebt. Nie würde
er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen Mutter wieder
-betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und funkelten
-da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
+betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und funkelten
+da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu
-des Erdensohnes Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es,
-die sich fortbewegte, als stände das Luftschiff still, so sicher und
-ohne Schwankung trug es seine Insassen in die Höhe. Schon
+des Erdensohnes Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es,
+die sich fortbewegte, als stände das Luftschiff still, so sicher und
+ohne Schwankung trug es seine Insassen in die Höhe. Schon
waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte
-sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und
+sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und
bald schwanden auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und
Flimmern, das auf der vergoldeten Landschaft lag, bis auch
-dieses erlosch und beim Verlassen der Marsatmosphäre die
-Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
+dieses erlosch und beim Verlassen der Marsatmosphäre die
+Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
</p>
<p>
-Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung
+Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung
<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-waren in Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in
-der Gondel bequem zu machen, die fünf Marsiten natürlich nur,
+waren in Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in
+der Gondel bequem zu machen, die fünf Marsiten natürlich nur,
soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete. Fridolin Frommherz,
der einzige Passagier, aber richtete sich nach Geschmack und
-Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
+Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden;
doch war er naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult,
-um regelmäßigen Dienst an verantwortungsreichen Posten tun
-zu können. So blieb ihm freie Zeit in Fülle.
+um regelmäßigen Dienst an verantwortungsreichen Posten tun
+zu können. So blieb ihm freie Zeit in Fülle.
</p>
<p>
Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn
-schon einmal durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber
-verflossen waren, war die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt
-lebte sie allmählich kräftiger wieder auf. Besonders lebhaft
+schon einmal durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber
+verflossen waren, war die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt
+lebte sie allmählich kräftiger wieder auf. Besonders lebhaft
standen ihm zwei Dinge vor Augen: die Langeweile, die ihn
-und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht hatte,
+und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht hatte,
als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende
-nahm, als der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden,
+nahm, als der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden,
und die Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf
den Wasserverbrauch auferlegt gewesen war. Die Langeweile
-würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz weniger fühlbar
-machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender geworden,
+würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz weniger fühlbar
+machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender geworden,
der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten
-wohl auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich
+wohl auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich
entwickelten Technik und bei der Geschicklichkeit der
Marsiten die festgesetzte Reisedauer von drei Monaten kaum
-überschritten werden.
+überschritten werden.
</p>
<p>
Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin
sah sich um. Das neben seinem Bett befindliche und wie dieses
-aufklappbare Waschbecken schien ihm größer als einst beim
-&bdquo;Weltensegler&ldquo; zu sein. Durfte er daraus auf größere Mengen
+aufklappbare Waschbecken schien ihm größer als einst beim
+&bdquo;Weltensegler&ldquo; zu sein. Durfte er daraus auf größere Mengen
<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht
+mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht
sein mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete
seinem suchenden Blick.
</p>
<p>
&bdquo;Fehlt dir etwas, Fridolin?&ldquo; fragte er freundlich. &bdquo;Gern
-erfüllen wir deine Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern
-möglich ist.&ldquo;
+erfüllen wir deine Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern
+möglich ist.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Hab&rsquo; Dank, Zaran!&ldquo; erwiderte der Erdensohn. &bdquo;Mir
-fehlt nichts. Ihr habt ja so vortrefflich für alles gesorgt. Ich
-fragte mich bloß, wo ihr die für die lange Reise notwendige
-Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter dort
-und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl
-nicht genügen.&ldquo;
+fehlt nichts. Ihr habt ja so vortrefflich für alles gesorgt. Ich
+fragte mich bloß, wo ihr die für die lange Reise notwendige
+Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter dort
+und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl
+nicht genügen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Komm mit!&ldquo; sagte der Marsite lachend und führte den
+&bdquo;Komm mit!&ldquo; sagte der Marsite lachend und führte den
Erdensohn zu einem sehr kompliziert aussehenden Apparate, den
-er durch einen leichten Druck mit der Hand in Tätigkeit setzte.
-Ein frischer Windhauch strich da plötzlich über Fridolins Stirn.
+er durch einen leichten Druck mit der Hand in Tätigkeit setzte.
+Ein frischer Windhauch strich da plötzlich über Fridolins Stirn.
Er atmete mit Wonne die rasch sich erneuernde Luft. Nach
wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des Apparates
sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem
-Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
+Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
</p>
<p>
@@ -3531,27 +3496,27 @@ Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
&bdquo;Aus der verbrauchten Luft,&ldquo; antwortete der Marsite, und
als Fridolin Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er
fort: &bdquo;Siehst du, lieber Freund, das ist unser System der
-Sparsamkeit, das wir überall zu üben gewohnt sind. Es darf
+Sparsamkeit, das wir überall zu üben gewohnt sind. Es darf
in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser Apparat
-hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft erneuern,
+hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft erneuern,
sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann.
Die letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von
-neuem verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf
+neuem verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf
<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
in ihr vorhanden ist, das zwingen wir zum Niederschlag, zur
-Sammlung in diesem Behälter.&ldquo;
+Sammlung in diesem Behälter.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!&ldquo; rief Fridolin
+&bdquo;Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!&ldquo; rief Fridolin
froh erstaunt. &bdquo;Aber wird uns das so gewonnene Wasser
-auch genügen?&ldquo;
+auch genügen?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß
-zeigen, wie man sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich
-beträchtlichen Menge natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen
+&bdquo;Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß
+zeigen, wie man sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich
+beträchtlichen Menge natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen
Wasserbereitung Notwendige mit uns. Sei also ohne
Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise keinen
Mangel leiden.&ldquo;
@@ -3563,9 +3528,9 @@ zu sich heran.
</p>
<p>
-&bdquo;Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte
-werfen?&ldquo; fragte er. &bdquo;Die kleine hast du bereits im Gespräch
-mit Zaran verpaßt.&ldquo;
+&bdquo;Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte
+werfen?&ldquo; fragte er. &bdquo;Die kleine hast du bereits im Gespräch
+mit Zaran verpaßt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -3574,16 +3539,16 @@ Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
<p>
&bdquo;Nein,&ldquo; sagte Sirian, &bdquo;sieh hier hinaus!&ldquo; Dabei schob er
-eine am Boden der Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter
+eine am Boden der Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter
befand sich ein kleines, festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger
Substanz. Durch dieses bot sich Fridolin Frommherz
ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte gerade mitten
-über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
-Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen
+über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
+Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen
empor. Alles kahl, leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch
-grellem Sonnenlichte, daß Fridolin Frommherz geblendet die
-Augen schloß und sich vom Fenster abwandte. Als er die
-Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker Tätigkeit mit
+grellem Sonnenlichte, daß Fridolin Frommherz geblendet die
+Augen schloß und sich vom Fenster abwandte. Als er die
+Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker Tätigkeit mit
einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder eine
Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
</p>
@@ -3591,12 +3556,12 @@ Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
<p>
<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
&bdquo;Was macht Sirian da?&ldquo; fragte er leise, um den Arbeitenden
-nicht zu stören, den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
+nicht zu stören, den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
</p>
<p>
&bdquo;Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,&ldquo; erwiderte
-dieser ebenso leise. &bdquo;Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung
+dieser ebenso leise. &bdquo;Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung
nach der Erde noch eine Reihe wissenschaftlicher
Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer bedeutendsten Astronomen.
Du wirst noch mehr als einmal zu staunen Gelegenheit
@@ -3609,8 +3574,8 @@ Fridolin.
</p>
<p>
-&bdquo;Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten,
-die wir übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon
+&bdquo;Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten,
+die wir übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon
genau kennen, gelangen wir eher wieder einmal, nach der Erde
und deren Monde nicht wieder.&ldquo;
</p>
@@ -3623,19 +3588,19 @@ studieren?&ldquo;
<p>
&bdquo;Nein, lieber Freund,&ldquo; erwiderte Uschan. &bdquo;Wir haben die
-strikte Weisung sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau
-von oben aus der Luft herab. Da sehen wir zur Genüge, was
-die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat. Ihre Einrichtungen
-kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere
-Kultur ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch
+strikte Weisung sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau
+von oben aus der Luft herab. Da sehen wir zur Genüge, was
+die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat. Ihre Einrichtungen
+kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere
+Kultur ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch
nichts lernen. Das Ziel der Menschenentwicklung aber liegt
-vorwärts, nicht rückwärts.&ldquo;
+vorwärts, nicht rückwärts.&ldquo;
</p>
<p>
-Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf
-erwidern können? Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen
-Einrichtungen mußten Menschen von so hoher Kultur, wie es
+Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf
+erwidern können? Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen
+Einrichtungen mußten Menschen von so hoher Kultur, wie es
die Marsiten waren, barbarisch erscheinen.
</p>
@@ -3648,33 +3613,33 @@ Lichtentsprossenen den Namen &bdquo;Mars&ldquo; zu geben?&ldquo;
</p>
<p>
-Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
+Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
</p>
<p>
-&bdquo;Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung
+&bdquo;Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung
gewesen sein,&ldquo; sagte er dann. &bdquo;Es lebte auf Erden
-einmal ein starkes, kriegerisches Volk. Dem galt Tüchtigkeit im
-Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in solchem Maße
-als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
+einmal ein starkes, kriegerisches Volk. Dem galt Tüchtigkeit im
+Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in solchem Maße
+als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren
-seine Söhne.&ldquo;
+seine Söhne.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen
Gotte des Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen
Krieg, nur friedliche Schlichtung aller Streitfragen. Einmal
-freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da Bruderblut floß.
+freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da Bruderblut floß.
Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit Jahrtausenden
-schon sind sie überwunden.&ldquo;
+schon sind sie überwunden.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen
-Kultur gewußt,&ldquo; sagte Fridolin, &bdquo;man hätte euerm Planeten
-sicherlich einen würdigeren Namen gegeben. So aber mahnte
-sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige Fackel des
+&bdquo;Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen
+Kultur gewußt,&ldquo; sagte Fridolin, &bdquo;man hätte euerm Planeten
+sicherlich einen würdigeren Namen gegeben. So aber mahnte
+sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige Fackel des
Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.&ldquo;
</p>
@@ -3684,39 +3649,39 @@ Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.&ldquo;
<p class="noindent">
Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und
-die fünf kühnen Marsiten unterwegs. Störungen waren nicht
-eingetreten. Fast täglich waren kleine Meteoriten, von der Größe
-des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt, ohne ihm Schaden
-zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
+die fünf kühnen Marsiten unterwegs. Störungen waren nicht
+eingetreten. Fast täglich waren kleine Meteoriten, von der Größe
+des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt, ohne ihm Schaden
+zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen,
<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
und Fridolin Frommherz fing es schon an etwas unheimlich
zumute zu werden &mdash; eine breite Narbe auf seiner Stirn legte
-Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit einem Meteoritenschwarm
-&mdash; aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
+Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit einem Meteoritenschwarm
+&mdash; aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
zu stiften.
</p>
<p>
-Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit
-und erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der
-fünf Marsiten, daß der Erdensohn meist auf sich allein und die
+Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit
+und erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der
+fünf Marsiten, daß der Erdensohn meist auf sich allein und die
eigene Gesellschaft angewiesen war. Trotzdem zeigte sich das
Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was gab es nicht
alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das Tagebuch
einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das
Luftschiff vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer
-sollte seine Länge, Hunderttausende von Kilometern die
+sollte seine Länge, Hunderttausende von Kilometern die
Tiefe und die Breite betragen &mdash; wer vermochte sich das vorzustellen?
</p>
<p>
-Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
+Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
</p>
<p>
-&bdquo;Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,&ldquo;
-sagte er; &bdquo;es ist mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu
+&bdquo;Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,&ldquo;
+sagte er; &bdquo;es ist mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu
verbinden.&ldquo;
</p>
@@ -3726,23 +3691,23 @@ Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
<p>
&bdquo;Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen
-der König eines jeden Meteoritenringes.&ldquo;
+der König eines jeden Meteoritenringes.&ldquo;
</p>
<p>
-Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen.
-Ein Komet! Ein glänzender König inmitten seiner dunkeln
+Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen.
+Ein Komet! Ein glänzender König inmitten seiner dunkeln
Dienerschar. Es war ein Komet mit wunderbar leuchtendem
-Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem sich
-über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden
+Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem sich
+über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden
Schweife. Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein
Stern, eine Sonne, die noch millionenmal weiter entfernt war
<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-als der schöne Fremdling inmitten des Meteoritenschwarmes.
+als der schöne Fremdling inmitten des Meteoritenschwarmes.
Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob keine verschleiernde
-Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge.
-Wie leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz
-eines solchen Kometenschweifes sein mußte!
+Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge.
+Wie leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz
+eines solchen Kometenschweifes sein mußte!
</p>
<p>
@@ -3750,41 +3715,41 @@ Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus
weiter, nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff
auf seiner Fahrt die Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes
kreuzte. Dann trat Sirians wundervolles Teleskop wieder in
-Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz vor Augen führte
-und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete sich
+Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz vor Augen führte
+und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete sich
ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang
-der Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten
+der Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten
Raume, im schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen
-sah, wenn er leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels
-verteilte Nebelflecke durch das Spektroskop als sehr verdünnte,
-glühende Gasmassen erkannte, wenn er an andern Stellen die
+sah, wenn er leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels
+verteilte Nebelflecke durch das Spektroskop als sehr verdünnte,
+glühende Gasmassen erkannte, wenn er an andern Stellen die
Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah &mdash; Nebelflecke,
-die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
+die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs
gewesen war, ehe es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine
Augen und seine Gedanken, die Augen und die Gedanken eines
-kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes Kreisen von wirbelnden,
-leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im Universum
+kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes Kreisen von wirbelnden,
+leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im Universum
jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer
-eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen
+eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen
Gesetzen. Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und
-gewordenen Sonnen &mdash; welche Phantasie wäre kühn genug,
+gewordenen Sonnen &mdash; welche Phantasie wäre kühn genug,
solches zu erfassen?
</p>
<p>
&bdquo;Freund Fridolin,&ldquo; sagte Sirian eines Tages, nachdem er
<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-Uschan das Steuer übergeben und sich&rsquo;s an einem der auf- und
+Uschan das Steuer übergeben und sich&rsquo;s an einem der auf- und
abklappbaren Tische der Gondel bequem gemacht, &bdquo;wir werden
-in wenigen Stunden außerordentlich Interessantes schauen.&ldquo;
+in wenigen Stunden außerordentlich Interessantes schauen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf
-solch außergewöhnlicher Reise!&ldquo; antwortete der Erdensohn fröhlich.
+&bdquo;Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf
+solch außergewöhnlicher Reise!&ldquo; antwortete der Erdensohn fröhlich.
&bdquo;Doch sag mir, Sirian, ist&rsquo;s ein neuer Komet, dem wir
-begegnen werden? Oder wieder eine jener wunderbar glänzenden
+begegnen werden? Oder wieder eine jener wunderbar glänzenden
Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen berechnet, die
mich schwindeln machen?&ldquo;
</p>
@@ -3797,15 +3762,15 @@ Lichts vorbei.&ldquo;
<p>
&bdquo;Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?&ldquo; rief Fridolin
-Frommherz erstaunt. &bdquo;Wie ist das möglich? Nie habe
-ich gehört, daß zwischen Mars und Erde die Bahn eines Planeten
-läge!&ldquo;
+Frommherz erstaunt. &bdquo;Wie ist das möglich? Nie habe
+ich gehört, daß zwischen Mars und Erde die Bahn eines Planeten
+läge!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des
-Lichts, die ihr, wie ich aus deinen Karten und Büchern sah,
-Planetoïden nennt.&ldquo;
+&bdquo;Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des
+Lichts, die ihr, wie ich aus deinen Karten und Büchern sah,
+Planetoïden nennt.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -3815,107 +3780,107 @@ zwischen Mars und Jupiter,&ldquo; beharrte der Schwabe.
<p>
&bdquo;Im allgemeinen hast du ganz recht,&ldquo; erwiderte Sirian,
-&bdquo;deshalb sind diese Planetoïden, um mich deines Namens zu
+&bdquo;deshalb sind diese Planetoïden, um mich deines Namens zu
bedienen, auch von uns viel besser gekannt als von euch. Ihr
-zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich sage dir, daß
+zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich sage dir, daß
ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein
-riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine
-Trümmer in stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen.
-Da ist nun eines jener Trümmerstücke, &mdash; Eros nennt
-ihr den Planetoïden auf euren Himmelskarten, &mdash; dessen Bahn
+riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine
+Trümmer in stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen.
+Da ist nun eines jener Trümmerstücke, &mdash; Eros nennt
+ihr den Planetoïden auf euren Himmelskarten, &mdash; dessen Bahn
<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-hält sich näher an der Sonne als die aller andern Planetoïden,
+hält sich näher an der Sonne als die aller andern Planetoïden,
und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne hinein,
-daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen
+daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen
liegt. Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um
-vierzehn Millionen Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener,
+vierzehn Millionen Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener,
und Eros ist&rsquo;s, den wir jetzt treffen werden.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das ist ja eine herrliche Aussicht!&ldquo; rief der Erdensohn
froh. &bdquo;Aber sag mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr
-für uns?&ldquo;
+für uns?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede
-Minute umgeben. Ich halte es für möglich, daß wir uns Eros
-nähern können, ohne selbst Schaden zu nehmen, ist er doch nicht
-größer als einer unserer kleinen Marsmonde. Wir werden
-gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine Atmosphäre
+Minute umgeben. Ich halte es für möglich, daß wir uns Eros
+nähern können, ohne selbst Schaden zu nehmen, ist er doch nicht
+größer als einer unserer kleinen Marsmonde. Wir werden
+gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine Atmosphäre
eindringen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?&ldquo; fragte
+&bdquo;Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?&ldquo; fragte
Fridolin erstaunt. &bdquo;Also hat er doch etwas vor euren Monden
voraus!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja,&ldquo; sagte Sirian, &bdquo;durch das Spektroskop haben wir festgestellt,
-daß nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern
-auch seine etwas größern Geschwister Ceres, Pallas, Juno und
-Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der unsrigen, besitzen. Mehr zu
-erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros nicht möglich.
+daß nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern
+auch seine etwas größern Geschwister Ceres, Pallas, Juno und
+Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der unsrigen, besitzen. Mehr zu
+erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros nicht möglich.
Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, Berge
-und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.&ldquo;
+und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.&ldquo;
</p>
<p>
-Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das
-Luftschiff wirklich wenige Stunden später Eros ganz nahe kam.
-Aber der kleine Planet verhüllte den Beobachtern sein Antlitz.
-Dunst, Nebel und Wolken machten seine Oberfläche für den
-Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
+Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das
+Luftschiff wirklich wenige Stunden später Eros ganz nahe kam.
+Aber der kleine Planet verhüllte den Beobachtern sein Antlitz.
+Dunst, Nebel und Wolken machten seine Oberfläche für den
+Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß
-es wie ein undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
+wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß
+es wie ein undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
</p>
<p>
&bdquo;Seht ihr den Dunst und die Wolken?&ldquo; rief Sirian, der
-die Steuerung wieder übernommen hatte. &bdquo;Eros hat nicht nur
+die Steuerung wieder übernommen hatte. &bdquo;Eros hat nicht nur
Luft, sondern auch Wasser, die Grundbedingung jedes organischen
-Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre eindringen, um zu
+Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre eindringen, um zu
sehen, ob er auch festes Land besitzt!&ldquo;
</p>
<p>
Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte
-Sirian nun sein Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu
-bringen. Das war infolge der Anziehung des kleinen Weltkörpers,
+Sirian nun sein Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu
+bringen. Das war infolge der Anziehung des kleinen Weltkörpers,
dessen Masse doch der des Luftschiffs viel hundertmal
-überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
+überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte
-die durch die Reibung mit der Erosatmosphäre beim
-Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise
+die durch die Reibung mit der Erosatmosphäre beim
+Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise
waren auch die oberen Luftschichten um Eros lebhaft
-bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken öffneten,
-etwelche Kühlung.
+bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken öffneten,
+etwelche Kühlung.
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Bergspitze!&ldquo; rief Zaran plötzlich.
+&bdquo;Eine Bergspitze!&ldquo; rief Zaran plötzlich.
</p>
<p>
-Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte
-der Gipfel eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine
-Vegetation besaß der kleine Eros also auch. Und nun teilten
+Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte
+der Gipfel eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine
+Vegetation besaß der kleine Eros also auch. Und nun teilten
sich die Wolken. Da lag Land unter den Reisenden, Wald und
Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so
-klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes
-von ihrem hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol
+klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes
+von ihrem hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol
zugleich schauen konnten. Beide waren auffallend stark abgeplattet.
-Staunend sagte sich der Schwabe, daß die Oberfläche
-dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die Oberfläche
-eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
+Staunend sagte sich der Schwabe, daß die Oberfläche
+dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die Oberfläche
+eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein!
-Während sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es
-fast plötzlich Nacht.
+winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein!
+Während sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es
+fast plötzlich Nacht.
</p>
<div class="centerpic">
@@ -3929,22 +3894,22 @@ wir haben erst so wenig gesehen!&ldquo;
<p>
&bdquo;Wir werden nach Osten fahren,&ldquo; sagte da Sirian, &bdquo;der
-Sonne entgegen. Eros dreht sich &mdash; nach Erdenzeit &mdash; in fünf
+Sonne entgegen. Eros dreht sich &mdash; nach Erdenzeit &mdash; in fünf
Stunden und vierzehn Minuten um seine Achse. Die Dauer
seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden und sieben
-Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für
-uns noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.&ldquo;
+Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für
+uns noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.&ldquo;
</p>
<p>
-Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel,
-über einer ganz neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne
-wieder auf. Wohl angebautes Hügelland lag jetzt unter ihnen.
-Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide. Nordwärts und südwärts
-zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
-Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit
-Wasser bedeckt, drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere
-Berge waren auf der östlichen Halbkugel nicht vorhanden.
+Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel,
+über einer ganz neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne
+wieder auf. Wohl angebautes Hügelland lag jetzt unter ihnen.
+Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide. Nordwärts und südwärts
+zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
+Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit
+Wasser bedeckt, drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere
+Berge waren auf der östlichen Halbkugel nicht vorhanden.
</p>
<p>
@@ -3953,56 +3918,56 @@ Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
<p>
&bdquo;Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die
-uns ähnlich sind,&ldquo; sagte er. &bdquo;Deuten doch die bebauten Felder
-zur Genüge darauf hin, daß Eros bewohnt ist.&ldquo;
+uns ähnlich sind,&ldquo; sagte er. &bdquo;Deuten doch die bebauten Felder
+zur Genüge darauf hin, daß Eros bewohnt ist.&ldquo;
</p>
<p>
Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die
-Gondelluken abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich
-zusammen, die Bewohner dieses winzigen Weltkörpers. Wie
-abwehrend erhoben die einen die Arme, andere ballten die Fäuste
-und schüttelten sie gegen das Luftschiff. Verwünschungen, in
-einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen das Ohr
+Gondelluken abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich
+zusammen, die Bewohner dieses winzigen Weltkörpers. Wie
+abwehrend erhoben die einen die Arme, andere ballten die Fäuste
+und schüttelten sie gegen das Luftschiff. Verwünschungen, in
+einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen das Ohr
<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich
-konnte man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter
-der in grobe, aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen,
-Männer, Frauen und Kinder. Es waren große, stattliche Gestalten,
-ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar, das den Männern
-bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
+konnte man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter
+der in grobe, aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen,
+Männer, Frauen und Kinder. Es waren große, stattliche Gestalten,
+ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar, das den Männern
+bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.
</p>
<p>
&bdquo;Wo sind denn ihre Wohnungen?&ldquo; fragte Fridolin. &bdquo;Vergeblich
-schaue ich nach Häusern aus.&ldquo;
+schaue ich nach Häusern aus.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene
-rechteckigen Öffnungen?&ldquo; rief Uschan. &bdquo;Offenbar sind das die
-Eingänge zu einer Art von Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen
-den außerordentlich langen, strengen Eroswinter errichtet.&ldquo;
+&bdquo;Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene
+rechteckigen Öffnungen?&ldquo; rief Uschan. &bdquo;Offenbar sind das die
+Eingänge zu einer Art von Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen
+den außerordentlich langen, strengen Eroswinter errichtet.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Also bloß Höhlenbewohner,&ldquo; sagte Fridolin im Tone des
+&bdquo;Also bloß Höhlenbewohner,&ldquo; sagte Fridolin im Tone des
Bedauerns.
</p>
<p>
-&bdquo;Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten
+&bdquo;Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten
in der Zeit seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres
-Lichtentsprossenen liegt, daß Eros den eisigen Weltraum zwischen
+Lichtentsprossenen liegt, daß Eros den eisigen Weltraum zwischen
Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn die Sonnenstrahlen so
-schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht, ohne wärmende
+schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht, ohne wärmende
Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen Temperaturen
des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark
-exzentrischen Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr
-lang ausgesetzt. Wunderst du dich noch, daß seine Bewohner
-lieber im Innern ihres Bodens Schutz und etwas Wärme
-suchen, statt Häuser zu bauen?&ldquo;
+exzentrischen Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr
+lang ausgesetzt. Wunderst du dich noch, daß seine Bewohner
+lieber im Innern ihres Bodens Schutz und etwas Wärme
+suchen, statt Häuser zu bauen?&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4012,7 +3977,7 @@ Luftschiff wieder zum Steigen.
<p>
&bdquo;Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,&ldquo; sagte er, &bdquo;und
-wollen diese armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen
+wollen diese armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen
<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
zwar intelligent, aber im Vergleiche mit uns noch auf einer
ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung zu stehen.&ldquo;
@@ -4020,58 +3985,58 @@ ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung zu stehen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht,
-zur Höhe der gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,&ldquo;
+zur Höhe der gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,&ldquo;
rief Fridolin Frommherz begeistert.
</p>
<p>
&bdquo;Nein, lieber Freund,&ldquo; sagte Sirian, &bdquo;du irrst dich; unsere
-Höhe werden die Erositen nicht erklimmen.&ldquo;
+Höhe werden die Erositen nicht erklimmen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wie?&ldquo; fragte der Erdensohn erstaunt, &bdquo;ist es möglich, daß
+&bdquo;Wie?&ldquo; fragte der Erdensohn erstaunt, &bdquo;ist es möglich, daß
du Wesen, die schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die
-Fähigkeit der Weiterentwicklung absprichst?&ldquo;
+Fähigkeit der Weiterentwicklung absprichst?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das tue ich nicht,&ldquo; erwiderte Sirian; &bdquo;ich denke nur, daß
+&bdquo;Das tue ich nicht,&ldquo; erwiderte Sirian; &bdquo;ich denke nur, daß
es unsern Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen.
-Ihr kleiner Planet wird seine Atmosphäre nicht festzuhalten
-vermögen. Vielleicht schon in tausend Jahren ist alles Leben
+Ihr kleiner Planet wird seine Atmosphäre nicht festzuhalten
+vermögen. Vielleicht schon in tausend Jahren ist alles Leben
auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft, verdunstet sein Wasser;
kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann Eros seine
Bahn um das ewige Licht.&ldquo;
</p>
<p>
-Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden
+Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden
Blick auf die kleine Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit
zu einem vorzeitigen Absterben verurteilt war, und es war doch
-so schön, zu wachsen und sich zu entwickeln!
+so schön, zu wachsen und sich zu entwickeln!
</p>
<p>
-Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des
-Eros und schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume
+Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des
+Eros und schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume
der Erde zu.
</p>
<p>
Eines Nachts &mdash; schon befanden sich die Reisenden in der
-Anziehungssphäre der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch
-den tiefen, ungestörten Schlaf in der absoluten Stille des Weltraumes
-&mdash; da wurden die Insassen der Gondel plötzlich vom
+Anziehungssphäre der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch
+den tiefen, ungestörten Schlaf in der absoluten Stille des Weltraumes
+&mdash; da wurden die Insassen der Gondel plötzlich vom
wachenden Uschan geweckt.
</p>
<p>
-&bdquo;Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,&ldquo;
+&bdquo;Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,&ldquo;
<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
sagte er. &bdquo;Zwar ist er noch fern, aber grell sticht sein Glanz
vom undurchdringlichen Dunkel des Raumes ab. Er scheint
-unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden suchen.&ldquo;
+unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden suchen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4081,62 +4046,62 @@ Luke.
<p>
&bdquo;Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!&ldquo; rief er, mit
-aller Macht das Steuer rückwärts drehend. &bdquo;Wir müssen so
-rasch wie möglich aus seiner gefährlichen Nähe, sonst sind wir
+aller Macht das Steuer rückwärts drehend. &bdquo;Wir müssen so
+rasch wie möglich aus seiner gefährlichen Nähe, sonst sind wir
verloren!&ldquo;
</p>
<p>
Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen
Anziehung befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von
-fünfunddreißigtausend Kilometer in der Stunde entgegenstrebte,
+fünfunddreißigtausend Kilometer in der Stunde entgegenstrebte,
gehorchte es der steuernden Hand nicht mehr unbedingt. Statt
-zu wenden oder seitwärts auszuweichen, verlangsamte sich nur
-seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die Richtung
+zu wenden oder seitwärts auszuweichen, verlangsamte sich nur
+seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die Richtung
blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom Lichtentsprossenen,
-daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes
-Gefahr in nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher
-raste die gewaltige, glühende Kugel mit nicht zu bestimmender
+daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes
+Gefahr in nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher
+raste die gewaltige, glühende Kugel mit nicht zu bestimmender
Geschwindigkeit, wohl Tausende von Kilometern in einer einzigen
Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke nicht nur dem
-Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
+Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller
Kraft.
</p>
<p>
-&bdquo;Es wird nichts mehr nützen,&ldquo; murmelte er dabei, &bdquo;selbst
+&bdquo;Es wird nichts mehr nützen,&ldquo; murmelte er dabei, &bdquo;selbst
wenn jetzt das Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen
-können, werden wir von der vielleicht tausendmal größeren
+können, werden wir von der vielleicht tausendmal größeren
Masse des Meteoriten angezogen werden &mdash; sein gluthauchender
-Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später verschlingen.&ldquo;
+Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später verschlingen.&ldquo;
</p>
<p>
Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen
<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-des marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit
+des marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit
je erlebt hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende
-von sich jagenden Teilen. In allen Farben sprühten sie auf,
-stürzten auf einander, platzten von neuem in immer neuem Farbenspiel;
-grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten den nachtschwarzen
-Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
+von sich jagenden Teilen. In allen Farben sprühten sie auf,
+stürzten auf einander, platzten von neuem in immer neuem Farbenspiel;
+grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten den nachtschwarzen
+Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
erloschen.
</p>
<p>
-Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die
-kühnen Reisenden, daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke
-höchster Gefahr, als selbst marsitische Technik und Gewandtheit
-gegenüber den Allgewalten der Natur zu versagen drohten.
+Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die
+kühnen Reisenden, daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke
+höchster Gefahr, als selbst marsitische Technik und Gewandtheit
+gegenüber den Allgewalten der Natur zu versagen drohten.
</p>
<p>
Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem,
was ihm begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians
-Führerhand direkt auf die Erde zu gesteuert. Der Besuch auf
+Führerhand direkt auf die Erde zu gesteuert. Der Besuch auf
dem Monde, das erste Verlassen der Gondel seit nahezu drei
-Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
+Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-9">
@@ -4145,85 +4110,85 @@ Eine Station auf dem Monde.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>W</span>ir haben Glück,&ldquo; sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich
-die kühnen Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde
-näherten, &bdquo;denn der Mondtag neigt sich seinem Ende zu.&ldquo;
+<span class="firstchar"><span class="prefirstchar">&bdquo;</span>W</span>ir haben Glück,&ldquo; sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich
+die kühnen Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde
+näherten, &bdquo;denn der Mondtag neigt sich seinem Ende zu.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu
+&bdquo;Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu
landen?&ldquo; fragte Fridolin Frommherz.
</p>
<p>
-&bdquo;Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.&ldquo;
+&bdquo;Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens
-oder mittags angekommen wären?&ldquo;
+&bdquo;Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens
+oder mittags angekommen wären?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-&bdquo;Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages!
+&bdquo;Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages!
Vierzehn Erdentage bilden einen einzigen Tag auf dem Monde,
vierzehn weitere Tage eine einzige Mondnacht!&ldquo;
</p>
<p>
Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten.
-Eine solche überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß
-er geblendet die Augen schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes
-Glas, und nun war es den Augen des Erdensohnes möglich,
+Eine solche überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß
+er geblendet die Augen schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes
+Glas, und nun war es den Augen des Erdensohnes möglich,
hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte strahlende Mondlandschaft,
-über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen hohe,
-schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
+über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen hohe,
+schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden
-Lichte doppelt schwarz erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten
+Lichte doppelt schwarz erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten
ihm aus Riesenkratern entgegen, aus deren Tiefe sich wiederum
-ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da türmten sich Gipfel
-an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler, übergossen
-vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
-und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe
+ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da türmten sich Gipfel
+an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler, übergossen
+vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
+und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe
ihresgleichen nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach
-einem Tropfen Wasser, nach einer Spur von Grün.
+einem Tropfen Wasser, nach einer Spur von Grün.
</p>
<p>
Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit
-großer Sicherheit landete es auf einer weiten, sandigen Fläche.
-Zaran brachte sechs eigentümliche, vollständig durchsichtige und
-doch äußerst feste, glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin
-Frommherz stülpte die seine, dem stummen Beispiele der Marsiten
-folgend, über den ganzen Kopf bis zum Halse, wo sie fest
+großer Sicherheit landete es auf einer weiten, sandigen Fläche.
+Zaran brachte sechs eigentümliche, vollständig durchsichtige und
+doch äußerst feste, glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin
+Frommherz stülpte die seine, dem stummen Beispiele der Marsiten
+folgend, über den ganzen Kopf bis zum Halse, wo sie fest
geschlossen wurde.
</p>
<p>
&bdquo;Wozu das?&ldquo; wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt
-Zeit, ihm Auskunft zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür
+Zeit, ihm Auskunft zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür
und betrat als Erster den Boden, auf dem noch kein Wesen
-geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen. Alle beteiligten sich
+geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen. Alle beteiligten sich
<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch schien es
-Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
-sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte
+Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
+sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte
bald da bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen.
Weder Landung noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten
besondere Schwierigkeiten verursacht. Keiner der Marsiten
-sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine Kette klirren, keinen
-Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge, die
-doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
-eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn
-sah sich um. Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel,
+sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine Kette klirren, keinen
+Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge, die
+doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
+eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn
+sah sich um. Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel,
schwarz wie Tinte, wolkenlos, darin brannte eine Sonne, die er
-selbst durch sein geschwärztes Glas kaum zu betrachten vermochte,
-und neben der Sonne standen Tausende von glänzenden Sternen,
+selbst durch sein geschwärztes Glas kaum zu betrachten vermochte,
+und neben der Sonne standen Tausende von glänzenden Sternen,
die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten. Und ein
-großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing
-am Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß
-muß sie, vom Monde aus gesehen, sich ausnehmen wie der
+großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing
+am Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß
+muß sie, vom Monde aus gesehen, sich ausnehmen wie der
Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
</p>
@@ -4231,11 +4196,11 @@ Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
&bdquo;Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die
Sterne am Tage sichtbar!&ldquo; sagte Fridolin Frommherz zu den
Marsiten, die endlich ihre Arbeit vollendet zu haben schienen.
-Merkwürdig gedämpft klang ihm die eigene Stimme entgegen.
+Merkwürdig gedämpft klang ihm die eigene Stimme entgegen.
Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war Totenstille
rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte
-sich kein Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein
-Vogel, da summte kein Käfer; lautlos waren die Tritte der
+sich kein Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein
+Vogel, da summte kein Käfer; lautlos waren die Tritte der
Menschen, die hier gingen. Die Sonne brannte, und nichts
milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der Boden eisig
kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
@@ -4243,20 +4208,20 @@ kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
<p>
<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-&bdquo;Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt
+&bdquo;Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt
ist?&ldquo; fragte der Erdensohn.
</p>
<p>
Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt
-mit Messungen und photographischen Aufnahmen beschäftigt
-waren, schienen seine Worte gar nicht gehört zu haben. Keiner
-der sonst so freundlichen Männer wandte sich nach ihm um.
+mit Messungen und photographischen Aufnahmen beschäftigt
+waren, schienen seine Worte gar nicht gehört zu haben. Keiner
+der sonst so freundlichen Männer wandte sich nach ihm um.
Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er
-auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am
-Ärmel. Der Marsite wandte das Gesicht dem Erdensohne zu
+auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am
+Ärmel. Der Marsite wandte das Gesicht dem Erdensohne zu
und neigte sich so weit zu ihm, bis seine glockenartige Kopfbedeckung
-die Fridolins berührte. Dann fragte er freundlich:
+die Fridolins berührte. Dann fragte er freundlich:
</p>
<p>
@@ -4269,8 +4234,8 @@ hier so furchtbar kalt ist; aber keiner von euch antwortete mir.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Weil wir deine Frage nicht hören konnten,&ldquo; sagte Zaran
-lächelnd.
+&bdquo;Weil wir deine Frage nicht hören konnten,&ldquo; sagte Zaran
+lächelnd.
</p>
<p>
@@ -4278,127 +4243,127 @@ lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine
-Atmosphäre hat, und wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung
+&bdquo;Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine
+Atmosphäre hat, und wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung
stattfinden.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Selbstverständlich!&ldquo; sagte Fridolin Frommherz; &bdquo;das kam
-mir augenblicklich gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.&ldquo;
+&bdquo;Selbstverständlich!&ldquo; sagte Fridolin Frommherz; &bdquo;das kam
+mir augenblicklich gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;O ja,&ldquo; lächelte Zaran, &bdquo;durch die in unsern Glocken mitgenommene,
-sich langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden
+&bdquo;O ja,&ldquo; lächelte Zaran, &bdquo;durch die in unsern Glocken mitgenommene,
+sich langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden
ausreichende Luft. Wenn ich meine Glocke mit der deinigen
-in Berührung bringe, trägt mir die darin eingeschlossene
+in Berührung bringe, trägt mir die darin eingeschlossene
Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist
aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein
-Laut über die Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis
+Laut über die Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis
auf das Fehlen der Luft beantwortet zugleich auch deine Frage
<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-von vorhin. Weil keine Lust da ist, die die Sonnenhitze zurückhält,
+von vorhin. Weil keine Lust da ist, die die Sonnenhitze zurückhält,
ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch Seltsames
-auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
+auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
Mangel an Luft.&ldquo;
</p>
<p>
-Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war,
+Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war,
schien ihm auch der Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft
da war, waren die Sterne neben der Sonne am Tage sichtbar,
-weil keine Luft da war, glühte die Sonne so heiß, waren die
-Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein Tropfen
-Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
-überall.
+weil keine Luft da war, glühte die Sonne so heiß, waren die
+Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein Tropfen
+Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
+überall.
</p>
<p>
-Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu
-verstehen, daß man den nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin
-Frommherz wunderte sich darüber. Es war ein Riesenkegel,
-nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend Meter
+Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu
+verstehen, daß man den nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin
+Frommherz wunderte sich darüber. Es war ein Riesenkegel,
+nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend Meter
hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen,
ohne Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit
-einem Luftvorrat, der höchstens noch für fünf Stunden reichte?
+einem Luftvorrat, der höchstens noch für fünf Stunden reichte?
Man setzte sich in Bewegung. Wie leicht sie alle gingen! Keine
-Spur von anstrengendem Klettern, beschleunigter Herztätigkeit,
-mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in kühnem Sprunge
-genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
-Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß
-er die mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke
-hob er mit den Armen hoch wie kleine Holzstücke, und als er
+Spur von anstrengendem Klettern, beschleunigter Herztätigkeit,
+mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in kühnem Sprunge
+genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
+Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß
+er die mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke
+hob er mit den Armen hoch wie kleine Holzstücke, und als er
seinen schweren goldenen Chronometer aus der Tasche zog, war
-die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war ihm auch
+die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war ihm auch
klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes
-so viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen
+so viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen
Monde zu leicht.
</p>
<p>
<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines
-schauerlich tiefen Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber
-auch der Vulkan war tot. Da gab es keine Feuersäule, keinen
-Aschenregen, keine flüssige Lava, keine dampfenden Spalten,
-nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten Außenkruste
-hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
+Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines
+schauerlich tiefen Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber
+auch der Vulkan war tot. Da gab es keine Feuersäule, keinen
+Aschenregen, keine flüssige Lava, keine dampfenden Spalten,
+nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten Außenkruste
+hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
</p>
<p>
Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne.
-Ein Kälteschauer durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten.
-Der kleine Teil von Wärme, den der Mond während
+Ein Kälteschauer durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten.
+Der kleine Teil von Wärme, den der Mond während
seines langen Tages aufgenommen, strahlte hinaus in den eisigen
Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher schon
-unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum
-mehr zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr.
-Fast plötzlich, ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber
+unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum
+mehr zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr.
+Fast plötzlich, ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber
beim Sonnenuntergang, war die Nacht hereingebrochen.
Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem Glanze leuchteten
-die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne zu
-sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
-wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein
-der Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
+die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne zu
+sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
+wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein
+der Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
</p>
<p>
-Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende
+Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende
kleine Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz,
auch die Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet
waren und die Entfernung zwischen ihnen und dem toten Monde
-immer größer wurde.
+immer größer wurde.
</p>
<p>
Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde
-verstrichen sein &mdash; ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit &mdash;
+verstrichen sein &mdash; ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit &mdash;
als das Luftschiff der Marsiten so langsam und vorsichtig wie
-nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. Langsam? Trotz
-aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch fünfundzwanzig
+nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. Langsam? Trotz
+aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch fünfundzwanzig
<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die
-Reibung beim Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein
+Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die
+Reibung beim Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein
Lauf bedeutend; aber die gehemmte Bewegung setzte sich in
-Wärme um. Glücklicherweise ließen die Isoliervorrichtungen
-nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige Hitze
-strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen,
-dünnen oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der
-Steuerung wieder vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur
-sehr langsam zum Sinken. In einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit
-ungefähr der geringen Dichte der Marsatmosphäre entspricht,
-wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, über welchem
+Wärme um. Glücklicherweise ließen die Isoliervorrichtungen
+nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige Hitze
+strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen,
+dünnen oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der
+Steuerung wieder vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur
+sehr langsam zum Sinken. In einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit
+ungefähr der geringen Dichte der Marsatmosphäre entspricht,
+wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, über welchem
Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner
-Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges,
+Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges,
zu landen. Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich
-ein Orientieren auf der Erdoberfläche unmöglich. Der
-grauende Morgen erst würde ein Umsehen gestatten. Die Luft
-war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das Luftschiff
-befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt
-das Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und
+ein Orientieren auf der Erdoberfläche unmöglich. Der
+grauende Morgen erst würde ein Umsehen gestatten. Die Luft
+war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das Luftschiff
+befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt
+das Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und
her und dann mit einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen.
-Es war, als stieße es ringsum an schwere Gegenstände an.
+Es war, als stieße es ringsum an schwere Gegenstände an.
</p>
<p>
@@ -4406,7 +4371,7 @@ Es war, als stieße es ringsum an schwere Gegenstände an.
</p>
<p>
-&bdquo;Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie
+&bdquo;Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie
jetzt das unheimliche Brausen des Sturmes durch die dunkle
Nacht klingt! Noch sind wir in schwarzer Finsternis, aber
gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir Marsiten es noch
@@ -4415,57 +4380,57 @@ nie erlebt haben.&ldquo;
<p>
Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des
-Luftschiffes plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen
+Luftschiffes plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen
schlossen. Und jetzt zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl
<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-durch die Dunkelheit, und ein fürchterlicher Donnerschlag folgte,
+durch die Dunkelheit, und ein fürchterlicher Donnerschlag folgte,
noch ehe das Licht des Blitzes ganz erloschen war. Blitz auf Blitz
-zerriß nun die Wolken, die sich in schweren Regen auflösten,
-so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
+zerriß nun die Wolken, die sich in schweren Regen auflösten,
+so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
</p>
<p>
-Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das
+Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das
marsitische Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht
-getaucht, und wenn Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes
-Leuchten über seine Hände.
+getaucht, und wenn Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes
+Leuchten über seine Hände.
</p>
<p>
Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht
oder Bangen, folgten die Marsiten dem ihnen unbekannten
Schauspiel eines irdischen Gewitters. Aber rasch steuerte Sirian
-wieder in die Höhe, in die obersten Luftschichten. Hoch über
+wieder in die Höhe, in die obersten Luftschichten. Hoch über
dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis der Sturm
-sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen
+sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen
die Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es
-stieg wie in einem Feuermeere. Plötzlich aber war es über die
-Wetterwolken emporgekommen. Unter ihm lagen die wildstürmenden
-Luftschichten; unter ihm zuckten die Blitze hinüber und
-herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel in
+stieg wie in einem Feuermeere. Plötzlich aber war es über die
+Wetterwolken emporgekommen. Unter ihm lagen die wildstürmenden
+Luftschichten; unter ihm zuckten die Blitze hinüber und
+herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel in
mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf
die sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es
-schöner kaum gedacht werden konnte, und die Marsiten freuten
-sich über das Erlebnis.
+schöner kaum gedacht werden konnte, und die Marsiten freuten
+sich über das Erlebnis.
</p>
<p>
&bdquo;Sieh, mein Freund,&ldquo; sagte Sirian zu dem Erdensohne,
&bdquo;du hast in den vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung
bei uns weiltest, kein einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere
-elektrische Entladungen kommen wohl auch in unserer dünnen,
-wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch was sind sie im Vergleich
-mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese herrlichen
-Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
+elektrische Entladungen kommen wohl auch in unserer dünnen,
+wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch was sind sie im Vergleich
+mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese herrlichen
+Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre!
-Ihr bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen
+bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre!
+Ihr bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen
als Tau nieder auf die durstige Vegetation. Der Winter
bringt uns wohl leichten Regen- und Schneefall &mdash; aber hast du bei
uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen Regen und Schnee
nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem zarten
-Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten
-unser Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.&ldquo;
+Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten
+unser Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4474,7 +4439,7 @@ Fridolin Frommherz nickte.
<p>
&bdquo;Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit
-eurer Luft, den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, &mdash;
+eurer Luft, den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, &mdash;
aber du hast recht, die Erde mit ihren Wolken ist von Natur
doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.&ldquo;
</p>
@@ -4485,16 +4450,16 @@ jetzt noch seid, und es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so
wasserarm sein werdet, wie wir es jetzt, sind. Dann ist bei uns
schon alles Leben erloschen; dann ist nicht nur der letzte Rest
unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft verschwunden, und
-der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. Und
+der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. Und
abermals schwinden die Jahrmillionen, &mdash; dann seid auch ihr
nicht mehr; andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer
-wie an eurer Stelle. &mdash; Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe
+wie an eurer Stelle. &mdash; Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe
gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! Lautlos und ruhig
-schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten Atmosphäre.&ldquo;
+schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten Atmosphäre.&ldquo;
</p>
<p>
-Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen
+Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen
Stunden, beim ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes
engere Heimat gesucht werden.
</p>
@@ -4508,31 +4473,31 @@ Die drei Freunde.
<p class="first">
<span class="firstchar">J</span>edes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte
im Hause ihres Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter,
-grüner Bopserhöhe. Es waren die Teilnehmer an
-jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, die den
+grüner Bopserhöhe. Es waren die Teilnehmer an
+jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, die den
Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft
feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener
fernen, wunderbaren Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen
-aus an das eigenartige, idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei
-volle Jahre lang auf dem Mars hatten führen dürfen.
+aus an das eigenartige, idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei
+volle Jahre lang auf dem Mars hatten führen dürfen.
</p>
<p>
Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr
-gefunden. Die Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten
+gefunden. Die Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten
weitere Besuche auf ihrem Planeten nicht mehr angenommen,
-sondern mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden würden,
-damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur nicht durch
-schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der Zurückgekehrten
+sondern mit aller Entschiedenheit abgewiesen werden würden,
+damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur nicht durch
+schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der Zurückgekehrten
wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt,
-daß aus sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren
-aus Tübingen sich für immer den Rekord der Weltenreisen
-sichern wollten. Aber auch ein merkwürdiges Mißgeschick, das
-die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu bei, andern kühnen
-Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte Experiment, über
+daß aus sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren
+aus Tübingen sich für immer den Rekord der Weltenreisen
+sichern wollten. Aber auch ein merkwürdiges Mißgeschick, das
+die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu bei, andern kühnen
+Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte Experiment, über
den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die hochentwickelte,
moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres
-zu tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren
+zu tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren
Gelingen nur das Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
</p>
@@ -4540,68 +4505,68 @@ Gelingen nur das Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen
<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
Sternen zu blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen.
-Und so wurde kaum noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das
-Rad der Zeit rollte weiter, es ließ die Erinnerung an die wichtige
-Großtat bei der Menge mehr und mehr verblassen. Nur
-als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
+Und so wurde kaum noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das
+Rad der Zeit rollte weiter, es ließ die Erinnerung an die wichtige
+Großtat bei der Menge mehr und mehr verblassen. Nur
+als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich
-enthüllt worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung
+enthüllt worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung
noch einmal hoch, da waren die gelehrten &bdquo;Weltensegler&ldquo; wieder
einmal Gegenstand allgemeiner Huldigung.
</p>
<p>
Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch
-im kleinen Kreise der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat
-durch das trauliche, brüderliche Du inniger als je miteinander
+im kleinen Kreise der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat
+durch das trauliche, brüderliche Du inniger als je miteinander
verbunden waren! Es schien, als ob sie nachgerade die Erde,
-die sich so stolz Welt nennt, immer weniger verstünden oder die
-Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die sie sich
+die sich so stolz Welt nennt, immer weniger verstünden oder die
+Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die sie sich
gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung
zu tragen.
</p>
<p>
In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren,
-die jetzt seit ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach
+die jetzt seit ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach
lichter geworden. Rasch nacheinander waren drei der Teilnehmer
-an jener ewig denkwürdigen Reise gestorben, und nur
-drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der Astronom
-und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der
+an jener ewig denkwürdigen Reise gestorben, und nur
+drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der Astronom
+und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der
Philosoph, und Parazelsus Piller, der Arzt.
</p>
<p>
-In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer
-Abreise, die drei Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer
-des Stillerschen Hauses beieinander. Von da aus genoß
-man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg bis nach Cannstatt
+In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer
+Abreise, die drei Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer
+des Stillerschen Hauses beieinander. Von da aus genoß
+man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg bis nach Cannstatt
hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort
-waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen.
+waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen.
<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Um so behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten
+Um so behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten
Gemache sitzen. Eine tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren
-war gerade mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
+war gerade mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt.
</p>
<p>
-&bdquo;Was wohl Fridolin Frommherz macht?&ldquo; entfuhr es unwillkürlich
+&bdquo;Was wohl Fridolin Frommherz macht?&ldquo; entfuhr es unwillkürlich
den Lippen Pillers, des Arztes, der im bequemen
-Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel betrachtete.
+Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel betrachtete.
</p>
<p>
&bdquo;Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,&ldquo; entgegnete
-Stiller lächelnd.
+Stiller lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich
+&bdquo;Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich
nur gut,&ldquo; warf Brummhuber ein.
</p>
<p>
-&bdquo;Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber
+&bdquo;Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber
nicht sagen, lieber Brummhuber,&ldquo; erwiderte Stiller sanft.
</p>
@@ -4610,45 +4575,45 @@ nicht sagen, lieber Brummhuber,&ldquo; erwiderte Stiller sanft.
schrie Piller, dessen Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr
gereizt geworden war. &bdquo;Ich sage euch, der Knabe Fridolin
hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen im Paradiese
-der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich hervorragend
+der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich hervorragend
gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet?
Mich interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur
-was der Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.&ldquo;
+was der Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen
-Wörterbuche,&ldquo; lachte Brummhuber. &bdquo;Weißt du noch, Stiller,
-wie Eran, der würdige Patriarch, von dieser Art der Bestrafung
-des Ausreißers sprach, als du ihn der Nachsicht der Marsiten
+&bdquo;Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen
+Wörterbuche,&ldquo; lachte Brummhuber. &bdquo;Weißt du noch, Stiller,
+wie Eran, der würdige Patriarch, von dieser Art der Bestrafung
+des Ausreißers sprach, als du ihn der Nachsicht der Marsiten
besonders empfahlst?&ldquo;
</p>
<p>
-Der Angeredete nickte lächelnd.
+Der Angeredete nickte lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Wohl bekomm&rsquo;s ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen
-Fall ausgeführt,&ldquo; erwiderte Piller finstern Tones.
+&bdquo;Wohl bekomm&rsquo;s ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen
+Fall ausgeführt,&ldquo; erwiderte Piller finstern Tones.
</p>
<p>
-&bdquo;Mühevoll ist sie, gewiß,&ldquo; bestätigte Stiller. &bdquo;Fridolin
+&bdquo;Mühevoll ist sie, gewiß,&ldquo; bestätigte Stiller. &bdquo;Fridolin
<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-wird aber ohne Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch
-erst nach Überwindung einer langen Reihe von Schwierigkeiten
+wird aber ohne Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch
+erst nach Überwindung einer langen Reihe von Schwierigkeiten
verschiedenster Art.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,&ldquo; knurrte
+&bdquo;Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,&ldquo; knurrte
Piller.
</p>
<p>
&bdquo;Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir
-nicht über diesen Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem
+nicht über diesen Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem
aufrichtigen Bedauern nie, wie mir scheint.&ldquo;
</p>
@@ -4659,86 +4624,86 @@ spottete Brummhuber.
<p>
&bdquo;Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im
-übrigen, Stiller, bringe eine Flasche des heimischen Nektars von
+übrigen, Stiller, bringe eine Flasche des heimischen Nektars von
Neckars Halden, Zuckerle genannt. Ich habe eine sehr empfindliche
-Anwandlung von Schwäche.&ldquo;
+Anwandlung von Schwäche.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,&ldquo;
-antwortete Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer
-trat und den Befehl erteilte, den gewünschten Wein herbeizubringen.
+&bdquo;Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,&ldquo;
+antwortete Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer
+trat und den Befehl erteilte, den gewünschten Wein herbeizubringen.
</p>
<p>
-Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade
+Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade
die letzten Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe
-und breite Fenster. Eine Fülle goldenen Lichtes umspielte die
+und breite Fenster. Eine Fülle goldenen Lichtes umspielte die
hohe Gestalt des Gelehrten und seinen feingeschnittenen Kopf.
</p>
<p>
-&bdquo;Eran, nur etwas verjüngt,&ldquo; rief Piller, als er seinen
+&bdquo;Eran, nur etwas verjüngt,&ldquo; rief Piller, als er seinen
Freund in dieser Beleuchtung erblickte.
</p>
<p>
-&bdquo;Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit
-mit Eran,&ldquo; bestätigte Brummhuber.
+&bdquo;Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit
+mit Eran,&ldquo; bestätigte Brummhuber.
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen
-Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,&ldquo; entgegnete
+&bdquo;Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen
+Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,&ldquo; entgegnete
Stiller ernst:
</p>
<p>
&bdquo;Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem
<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Maße, seitdem du älter geworden bist. Haar und Bart sind
-ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und fällt das Licht auf
-dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit tatsächlich frappierend.
-Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du könntest
+Maße, seitdem du älter geworden bist. Haar und Bart sind
+ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und fällt das Licht auf
+dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit tatsächlich frappierend.
+Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du könntest
sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola
eintreten.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,&ldquo;
-fügte Piller bei.
+fügte Piller bei.
</p>
<p>
-&bdquo;Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu
+&bdquo;Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu
werden an Adel der Gesinnung und der Empfindung, und das
-Ideal meines Strebens hienieden wäre der Erfüllung nahe,&ldquo;
-sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.
+Ideal meines Strebens hienieden wäre der Erfüllung nahe,&ldquo;
+sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.
</p>
<p>
-&bdquo;Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?&ldquo; polterte Piller.
+&bdquo;Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?&ldquo; polterte Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; entgegnete Stiller ruhig, &bdquo;dafür aber hier der gewünschte
-Wein,&ldquo; als soeben die Türe aufging und der Bediente
-eintrat, auf einem silbernen Präsentierbrett den Wein mit Gläsern
+&bdquo;Nein,&ldquo; entgegnete Stiller ruhig, &bdquo;dafür aber hier der gewünschte
+Wein,&ldquo; als soeben die Türe aufging und der Bediente
+eintrat, auf einem silbernen Präsentierbrett den Wein mit Gläsern
tragend.
</p>
<p>
-Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden
-Weine gefüllt waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach:
+Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden
+Weine gefüllt waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach:
&bdquo;Weihen wir den ersten Schluck der Erinnerung an den heute
zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des Antrittes unserer
Weltenreise.&ldquo;
</p>
<p>
-Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt
-des seinen mit einem Schlucke geleert, füllte es sich von neuem
-wieder, räusperte sich und rief: &bdquo;Der zweite Schluck, er gelte
+Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt
+des seinen mit einem Schlucke geleert, füllte es sich von neuem
+wieder, räusperte sich und rief: &bdquo;Der zweite Schluck, er gelte
dem Andenken unseres Lebens auf jenem Planeten voll Licht
und Freude.&ldquo; Wieder leerte sich Pillers Glas.
</p>
@@ -4751,30 +4716,30 @@ sprach Brummhuber.
<p>
<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-&bdquo;Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz&rsquo; Sünde sei
-hiermit in Gnaden verziehen,&ldquo; erwiderte Piller, indem er in andächtigem
+&bdquo;Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz&rsquo; Sünde sei
+hiermit in Gnaden verziehen,&ldquo; erwiderte Piller, indem er in andächtigem
Zuge sein Glas austrank.
</p>
<p>
&bdquo;Warum uns denn heute immer und immer wieder der
-Fridolin einfallen muß?&ldquo; schimpfte Piller nach einer Weile und
-begann sich heftig zu schneuzen, um sein gestörtes seelisches Empfinden
+Fridolin einfallen muß?&ldquo; schimpfte Piller nach einer Weile und
+begann sich heftig zu schneuzen, um sein gestörtes seelisches Empfinden
wieder herzustellen.
</p>
<p>
&bdquo;Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem
-Kopfe,&ldquo; versicherte Brummhuber. &bdquo;Wäre er nicht so unendlich
-weit von uns entfernt, jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen,
-so würde ich glauben, daß er nach dem bekannten
-Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.&ldquo;
+Kopfe,&ldquo; versicherte Brummhuber. &bdquo;Wäre er nicht so unendlich
+weit von uns entfernt, jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen,
+so würde ich glauben, daß er nach dem bekannten
+Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?&ldquo;
+&bdquo;Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?&ldquo;
fragte Stiller. &bdquo;Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen,
-ebensogut oder womöglich noch besser oder leichter dürften die
+ebensogut oder womöglich noch besser oder leichter dürften die
Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur Erde finden, wenn
sie ernstlich wollten.&ldquo;
</p>
@@ -4786,31 +4751,31 @@ die wir oben von ihr entworfen haben,&ldquo; knurrte Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, wir malten recht düster damals in Angola,&ldquo; warf
+&bdquo;Ja, wir malten recht düster damals in Angola,&ldquo; warf
Brummhuber ein.
</p>
<p>
-&bdquo;Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und
+&bdquo;Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und
Offenheit waren wir den edlen Marsiten schuldig,&ldquo; bemerkte
Stiller.
</p>
<p>
-&bdquo;O Angola!&ldquo; seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend.
-&bdquo;Doch was nützt die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei,
-vorbei für immer!&ldquo;
+&bdquo;O Angola!&ldquo; seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend.
+&bdquo;Doch was nützt die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei,
+vorbei für immer!&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran,
+&bdquo;Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran,
die dir geblieben ist,&ldquo; verwies ihn Stiller.
</p>
<p>
<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-&bdquo;Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche
-zu, Freund Siegfried,&ldquo; bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.
+&bdquo;Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche
+zu, Freund Siegfried,&ldquo; bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.
</p>
<p>
@@ -4822,14 +4787,14 @@ weilen.&ldquo;
<p>
&bdquo;Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal!
Wie wenig verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt,
-weiß was ich leide, kann auch ich mit dem Dichter sagen.&ldquo;
+weiß was ich leide, kann auch ich mit dem Dichter sagen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen,
+&bdquo;Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen,
Piller, und eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein
sogenanntes Leiden nur cum grano salis gelten lassen,&ldquo; entgegnete
-Stiller mit freundlichem Lächeln und die Klingel ziehend.
+Stiller mit freundlichem Lächeln und die Klingel ziehend.
</p>
<p>
@@ -4838,12 +4803,12 @@ besten,&ldquo; lobte Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!&ldquo;
+&bdquo;Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt
-neue Labung. Mit Wärme füllt der edle Wein mein ganzes
+neue Labung. Mit Wärme füllt der edle Wein mein ganzes
Ich.&ldquo;
</p>
@@ -4854,7 +4819,7 @@ keiner besonderen Betonung mehr.&ldquo;
<p>
&bdquo;Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder
-vollkommen würdig.&ldquo;
+vollkommen würdig.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4862,7 +4827,7 @@ vollkommen würdig.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.&ldquo;
+&bdquo;Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -4879,7 +4844,7 @@ wirklich brummig.&ldquo;
ferner, als diese hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit
zu entweihen. Schon die Blume dieses heimischen Nektars
<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt versöhnungsvoll,&ldquo;
+wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt versöhnungsvoll,&ldquo;
entgegnete Piller.
</p>
@@ -4889,7 +4854,7 @@ ihm auf die Schulter.
</p>
<p>
-&bdquo;Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang
+&bdquo;Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang
gut genug gewesen!&ldquo;
</p>
@@ -4899,26 +4864,26 @@ ihm Stiller.
</p>
<p>
-&bdquo;Auch mir,&ldquo; fügte Brummhuber fröhlich bei.
+&bdquo;Auch mir,&ldquo; fügte Brummhuber fröhlich bei.
</p>
<p>
-Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine
+Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine
leichten Schatten zu werfen.
</p>
<p>
-&bdquo;Soll ich Licht machen?&ldquo; fragte Stiller seine Gäste.
+&bdquo;Soll ich Licht machen?&ldquo; fragte Stiller seine Gäste.
</p>
<p>
-&bdquo;Nein, noch nicht!&ldquo; bat Brummhuber. &bdquo;Es läßt sich in
-der Dämmerstunde so hübsch träumen.&ldquo;
+&bdquo;Nein, noch nicht!&ldquo; bat Brummhuber. &bdquo;Es läßt sich in
+der Dämmerstunde so hübsch träumen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Und auch plaudern,&ldquo; warf Piller ein. &bdquo;Ich bewundere
-immer von neuem wieder dein schönes Heim, das du dir hier
+immer von neuem wieder dein schönes Heim, das du dir hier
geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du selbst.&ldquo;
</p>
@@ -4931,20 +4896,20 @@ geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du selbst.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man
+&bdquo;Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man
sich beinahe so wohl geborgen wie auf dem Mars,&ldquo; bemerkte
Brummhuber.
</p>
<p>
-&bdquo;Für uns das Angola Schwabens,&ldquo; fügte Piller bei.
+&bdquo;Für uns das Angola Schwabens,&ldquo; fügte Piller bei.
</p>
<p>
-&bdquo;Ihr übertreibt, beste Freunde,&ldquo; erwiderte Stiller heiter.
+&bdquo;Ihr übertreibt, beste Freunde,&ldquo; erwiderte Stiller heiter.
&bdquo;Und doch freuen mich diese Vergleiche gerade von euch. Was
-wart ihr für nüchterne, poesielose Menschen, bevor ihr nach dem
-Mars kamt, und welch große Umformung eures ganzen Innern
+wart ihr für nüchterne, poesielose Menschen, bevor ihr nach dem
+Mars kamt, und welch große Umformung eures ganzen Innern
brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!&ldquo;
</p>
@@ -4972,45 +4937,45 @@ Angola?&ldquo;
<p>
&bdquo;Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren
-wurden, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere heiligste
-Überzeugung gestritten haben. Diese mir unvergeßlich gebliebenen
+wurden, wo wir früher gelebt, gerungen, für unsere heiligste
+Überzeugung gestritten haben. Diese mir unvergeßlich gebliebenen
Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr hast
-du recht gehabt!&ldquo; Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei
+du recht gehabt!&ldquo; Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei
des Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.
</p>
<p>
&bdquo;Mein lieber Freund, steht es so mit dir?&ldquo; Stiller war,
-überrascht durch diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung,
+überrascht durch diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung,
aufgestanden und auf ihn zugetreten, ihm die Rechte
auf die Schulter legend.
</p>
<p>
-&bdquo;Mein treuer Gefährte,&ldquo; sprach er sanft, &bdquo;du leidest ja auch
+&bdquo;Mein treuer Gefährte,&ldquo; sprach er sanft, &bdquo;du leidest ja auch
an Heimweh nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst
-du es uns. Und dennoch! Wir müssen es zurückdrängen
-um des Großen willen, das wir hier unten verfolgen.&ldquo;
+du es uns. Und dennoch! Wir müssen es zurückdrängen
+um des Großen willen, das wir hier unten verfolgen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit,
-Schwäche und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu
-bohren, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, sintemalen eine
-Maschine, die das fertig brächte, niemals erfunden werden dürfte,&ldquo;
+Schwäche und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu
+bohren, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, sintemalen eine
+Maschine, die das fertig brächte, niemals erfunden werden dürfte,&ldquo;
antwortete Piller gereizt.
</p>
<p>
-&bdquo;Denn die Dummheit währet ewiglich,&ldquo; fügte Brummhuber
+&bdquo;Denn die Dummheit währet ewiglich,&ldquo; fügte Brummhuber
hinzu.
</p>
<p>
-&bdquo;Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?&ldquo; fragte
-Stiller. &bdquo;Dir, Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit
+&bdquo;Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?&ldquo; fragte
+Stiller. &bdquo;Dir, Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit
<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-niemals völlig ausgerottet werden kann, weil sie nichts
+niemals völlig ausgerottet werden kann, weil sie nichts
anderes bedeutet als geistige Minderwertigkeit. Minderwertige
Menschen aber wird es immer geben.&ldquo;
</p>
@@ -5020,13 +4985,13 @@ Menschen aber wird es immer geben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit
-zu bewahren, sie von verantwortungsvollen Posten auszuschließen,
-ist kein Ding der Unmöglichkeit. Schon jetzt wird
+&bdquo;Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit
+zu bewahren, sie von verantwortungsvollen Posten auszuschließen,
+ist kein Ding der Unmöglichkeit. Schon jetzt wird
diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese, bis zu einem gewissen
-Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die naturwissenschaftliche
+Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die naturwissenschaftliche
Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird sich
-der Dumme breitmachen können.&ldquo;
+der Dumme breitmachen können.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5035,26 +5000,26 @@ deinem Ideale entfernt.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin
-zurückzukommen, so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels,
-den du sinnbildlich anführtest. So schnell geht es mit dem
-Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der Bohrer den
-Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste
-benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich
-auch der härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse?
+&bdquo;Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin
+zurückzukommen, so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels,
+den du sinnbildlich anführtest. So schnell geht es mit dem
+Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der Bohrer den
+Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste
+benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich
+auch der härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse?
Seht, meine lieben Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken.
-Wir müssen froh sein, wenn wir da und dort aus dem die
-Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System alter, unnatürlicher
-Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest
-verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne
-Steine herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung
-die Wege öffnen. Unsere kleine Gemeinde von heute wird
+Wir müssen froh sein, wenn wir da und dort aus dem die
+Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System alter, unnatürlicher
+Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest
+verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne
+Steine herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung
+die Wege öffnen. Unsere kleine Gemeinde von heute wird
sich morgen mehren. Was ist ein Jahrhundert Kulturarbeit?
-Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache muß uns
-bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß
+Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache muß uns
+bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß
<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-eine Zeit kommen, &mdash; dies ist meine feste Überzeugung! &mdash; die
-in ähnlicher Weise das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir
+eine Zeit kommen, &mdash; dies ist meine feste Überzeugung! &mdash; die
+in ähnlicher Weise das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir
es oben auf dem Mars kennen gelernt haben. Sie vorbereiten
zu helfen, jeder an seinem Platze und zu seiner Zeit, ist die Aufgabe
dessen, der auf den Ehrentitel eines wirklichen Menschen
@@ -5063,14 +5028,14 @@ Anspruch erhebt.&ldquo;
<p>
Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf
-die beiden Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen
-sie da. Inzwischen war auch in dem Zimmer die Dämmerung
+die beiden Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen
+sie da. Inzwischen war auch in dem Zimmer die Dämmerung
der Nacht gewichen.
</p>
<p>
-&bdquo;Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?&ldquo;
-fragte Brummhuber, der zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht
+&bdquo;Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?&ldquo;
+fragte Brummhuber, der zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht
war und einen Blick durchs Fenster geworfen hatte.
</p>
@@ -5081,38 +5046,38 @@ der dem Beispiele Brummhubers gefolgt war.
<p>
&bdquo;Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder
-in die Nähe der Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit
-mir hinüber in mein Observatorium zu kommen und den Planeten
-durch das Teleskop näher zu betrachten.&ldquo;
+in die Nähe der Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit
+mir hinüber in mein Observatorium zu kommen und den Planeten
+durch das Teleskop näher zu betrachten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Mit dem größten Vergnügen,&ldquo; erwiderten die Freunde
+&bdquo;Mit dem größten Vergnügen,&ldquo; erwiderten die Freunde
wie aus einem Munde.
</p>
<p>
-&bdquo;So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu
+&bdquo;So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu
zeigen, das ich schon seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen
beobachtete.&ldquo;
</p>
<p>
Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen
-Arbeitsraume. Das große Teleskop wurde eingestellt, und die
-Betrachtung des fernen Weltkörpers begann.
+Arbeitsraume. Das große Teleskop wurde eingestellt, und die
+Betrachtung des fernen Weltkörpers begann.
</p>
<p>
-&bdquo;Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?&ldquo; fragte Stiller
+&bdquo;Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?&ldquo; fragte Stiller
seinen Freund, nachdem dieser lange den Planeten durch das
Fernrohr angesehen.
</p>
<p>
<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-&bdquo;Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den
-uns ja persönlich bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.&ldquo;
+&bdquo;Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den
+uns ja persönlich bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5120,67 +5085,67 @@ uns ja persönlich bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen
-strahlenförmig die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl
+&bdquo;Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen
+strahlenförmig die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl
alles zu bedeuten hat? Das existierte doch noch nicht, als wir
oben waren.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein
-Kompliment aber für dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.&ldquo;
+&bdquo;Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein
+Kompliment aber für dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.&ldquo;
</p>
<p>
-Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.
+Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.
</p>
<p>
&bdquo;Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch
-noch vor, als ob die Eismassen der polaren Zonen gegen früher
-ganz bedeutend zurückgegangen wären,&ldquo; äußerte Brummhuber
-nach sorgfältiger Prüfung.
+noch vor, als ob die Eismassen der polaren Zonen gegen früher
+ganz bedeutend zurückgegangen wären,&ldquo; äußerte Brummhuber
+nach sorgfältiger Prüfung.
</p>
<p>
&bdquo;Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir
-wollen jetzt ins warme Haus zurückkehren und nachher diese neuen,
+wollen jetzt ins warme Haus zurückkehren und nachher diese neuen,
eigenartigen Erscheinungen auf dem Mars besprechen.&ldquo;
</p>
<p>
-In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst
+In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst
ein bescheidenes Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder
-in das Balkonzimmer zu gemütlicher Plauderei zurück.
+in das Balkonzimmer zu gemütlicher Plauderei zurück.
</p>
<p>
-&bdquo;So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am
+&bdquo;So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am
Mars aufgefallen ist,&ldquo; bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle
ausstreckend.
</p>
<p>
-&bdquo;Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,&ldquo; bemerkte
+&bdquo;Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,&ldquo; bemerkte
Brummhuber.
</p>
<p>
&bdquo;Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon
-vor längerer Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß
-ich die euch ausgefallenen Veränderungen gewissermaßen in ihrem
+vor längerer Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß
+ich die euch ausgefallenen Veränderungen gewissermaßen in ihrem
Entwicklungsgange verfolgt habe.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
&bdquo;Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals
-davon?&ldquo; warf Piller überrascht ein.
+davon?&ldquo; warf Piller überrascht ein.
</p>
<p>
&bdquo;Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber
-zuerst selbst eine möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen
+zuerst selbst eine möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen
geben wollte.&ldquo;
</p>
@@ -5198,11 +5163,11 @@ Kapitalmensch.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die
-Reduktion, der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere
-war aber im vorliegenden Falle keine allzu große Schwierigkeit,
-zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort oben verlebt
-und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener Anschauung
+&bdquo;Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die
+Reduktion, der Schluß vom Allgemeinen auf das Besondere
+war aber im vorliegenden Falle keine allzu große Schwierigkeit,
+zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort oben verlebt
+und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener Anschauung
kennen gelernt haben.&ldquo;
</p>
@@ -5212,76 +5177,76 @@ kennen gelernt haben.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen
-habt, sind neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre
-ich mir als überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster
-Konstruktion, alles ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot
-zu begegnen. Daß eine solche auf dem Mars tatsächlich vorhanden
-sein muß, beweist mir die starke Abnahme der Eismassen
+&bdquo;Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen
+habt, sind neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre
+ich mir als überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster
+Konstruktion, alles ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot
+zu begegnen. Daß eine solche auf dem Mars tatsächlich vorhanden
+sein muß, beweist mir die starke Abnahme der Eismassen
an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit
mit wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Alle Wetter, du magst recht haben,&ldquo; erwiderte Piller.
-&bdquo;Ich empfinde aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so
-schwer um die Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen.
-Aber eine Frage! Ändert sich die Lage nicht auch wieder einmal
+&bdquo;Ich empfinde aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so
+schwer um die Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen.
+Aber eine Frage! Ändert sich die Lage nicht auch wieder einmal
zum Guten da oben?&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-&bdquo;Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was
-ich auf dem Mars selbst gehört habe,&ldquo; antwortete Stiller.
+&bdquo;Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was
+ich auf dem Mars selbst gehört habe,&ldquo; antwortete Stiller.
</p>
<p>
-&bdquo;Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß
-uns erfüllen, was wir geschaut haben. Das neue Kanalsystem
-konnte gewiß nur durch die Arbeit aller ausgeführt worden sein,&ldquo;
-äußerte sich Brummhuber.
+&bdquo;Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß
+uns erfüllen, was wir geschaut haben. Das neue Kanalsystem
+konnte gewiß nur durch die Arbeit aller ausgeführt worden sein,&ldquo;
+äußerte sich Brummhuber.
</p>
<p>
-&bdquo;Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur
+&bdquo;Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur
ein solches Volk von dieser hohen Kultur kann Bauten dieser
-gewaltigen Art für das allgemeine Wohl ausführen.&ldquo;
+gewaltigen Art für das allgemeine Wohl ausführen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;So ist es, wie du sagst, Stiller,&ldquo; bestätigte Piller.
+&bdquo;So ist es, wie du sagst, Stiller,&ldquo; bestätigte Piller.
</p>
<p>
&bdquo;Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,&ldquo;
lachte Brummhuber. &bdquo;Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen
-bösen Stoß erhalten.&ldquo;
+bösen Stoß erhalten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wer weiß?&ldquo; entgegnete Stiller. &bdquo;In der strengen Arbeit
+&bdquo;Wer weiß?&ldquo; entgegnete Stiller. &bdquo;In der strengen Arbeit
liegt der Segen. Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine
gewisse Summe an Freuden und Annehmlichkeiten vom Leben
-zu erwarten. Dies gilt auch für unsern Frommherz. Gerade
+zu erwarten. Dies gilt auch für unsern Frommherz. Gerade
dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den stillen
Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen
-konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache
-endlich klar geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck.
-Ein Volk, dessen Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf
-seine Echtheit auszuhalten vermag, muß aus aller Not und Gefahr
-stets siegreich hervorgehen. Welch ein Vorbild für uns!
+konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache
+endlich klar geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck.
+Ein Volk, dessen Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf
+seine Echtheit auszuhalten vermag, muß aus aller Not und Gefahr
+stets siegreich hervorgehen. Welch ein Vorbild für uns!
Ob wir es wohl jemals erreichen werden?&ldquo;
</p>
<p>
-Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes
-wieder kräftig schneuzen. &bdquo;Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,&ldquo;
+Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes
+wieder kräftig schneuzen. &bdquo;Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,&ldquo;
knurrte er.
</p>
<p>
-&bdquo;Hältst du dich vielleicht für einen?&ldquo; fragte Brummhuber
+&bdquo;Hältst du dich vielleicht für einen?&ldquo; fragte Brummhuber
spottend.
</p>
@@ -5293,31 +5258,31 @@ nicht heraus!&ldquo;
<p>
&bdquo;Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,&ldquo; bemerkte
-Stiller. &bdquo;Das Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du
+Stiller. &bdquo;Das Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du
nicht bestreiten. Nimm es dir selbst ab, Freund Piller. Jeder
Fortschritt in der tieferen Erkenntnis der Wahrheit bedeutet
-zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung unserer menschlichen
-Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können
+zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung unserer menschlichen
+Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können
wir des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den
-Aberglauben, bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf
+Aberglauben, bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf
der Leiter der sittlichen Vervollkommnung.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort,
-so laß mir für heute wenigstens den letzten Trunk!&ldquo;
+so laß mir für heute wenigstens den letzten Trunk!&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett.
-Der morgige Tag ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist
-schon sehr spät geworden.&ldquo;
+Der morgige Tag ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist
+schon sehr spät geworden.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,&ldquo; lachte Piller fröhlich,
-als der Wein vor ihm stand. &bdquo;So läßt sich ein Schlummerschöpplein
-noch gemütlich schlürfen. Prosit!&ldquo;
+&bdquo;Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,&ldquo; lachte Piller fröhlich,
+als der Wein vor ihm stand. &bdquo;So läßt sich ein Schlummerschöpplein
+noch gemütlich schlürfen. Prosit!&ldquo;
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-11">
@@ -5326,21 +5291,21 @@ Wieder auf der Erde.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">E</span>in Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von
-Blüten die Bäume und Sträucher auf den Wiesen und in
-den Gärten des gesegneten Neckartales. Mai war es geworden.
-Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll Milde
+<span class="firstchar">E</span>in Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von
+Blüten die Bäume und Sträucher auf den Wiesen und in
+den Gärten des gesegneten Neckartales. Mai war es geworden.
+Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll Milde
und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen.
<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-Die Rötung des östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges
-Nahen. Die Distelfinken begannen bereits ihre ungestümen
+Die Rötung des östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges
+Nahen. Die Distelfinken begannen bereits ihre ungestümen
Triller zu schmettern; die Amseln sangen da und dort auf der
Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied; die
-Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit
+Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit
einander zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges
Rauschen in der Luft die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in
-ihrem lauten Tun und Treiben plötzlich innehalten und erschreckt
-die Flucht ergreifen ließ.
+ihrem lauten Tun und Treiben plötzlich innehalten und erschreckt
+die Flucht ergreifen ließ.
</p>
<div class="centerpic">
@@ -5348,12 +5313,12 @@ die Flucht ergreifen ließ.
</div>
<p>
-Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein
-eigenartig gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe
+Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein
+eigenartig gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe
hier noch niemals vorher gesehen worden war. Ohne auch nur
-die geringsten Schwankungen zu zeigen oder sich zu überstürzen,
+die geringsten Schwankungen zu zeigen oder sich zu überstürzen,
erfolgte der fallartige Abstieg des Flugschiffes mitten auf dem
-großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte meisterhaft
+großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte meisterhaft
gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige Fahrzeug,
auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung
durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf
@@ -5361,10 +5326,10 @@ dem Boden.
</p>
<p>
-Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und
-von Cannstatt aus, war die verblüffend sichere Landung des
-eigentümlichen Luftschiffes bemerkt worden. Man sah auch ferner,
-daß der Gondel ein Mann in sonderbarer Kleidung entstieg.
+Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und
+von Cannstatt aus, war die verblüffend sichere Landung des
+eigentümlichen Luftschiffes bemerkt worden. Man sah auch ferner,
+daß der Gondel ein Mann in sonderbarer Kleidung entstieg.
Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das
Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden
Schnelligkeit im Luftmeere verschwand. Dies alles war das
@@ -5376,9 +5341,9 @@ Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben
und schaute dem sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es
noch gesehen werden konnte. Dann erst wandte er sich um und
<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-betrachtete, langsam vorwärtsschreitend, die Gegend. Sie schien
+betrachtete, langsam vorwärtsschreitend, die Gegend. Sie schien
ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte gegen Cannstatt
-zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der
+zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der
sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem
hohen Eisengitter umgeben war.
</p>
@@ -5386,17 +5351,17 @@ hohen Eisengitter umgeben war.
<p>
Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der
Gondel entstiegene Fremdling, schritt, neugierig geworden durch
-das imposante Denkmal, auf den Gedenkstein zu. Überrascht
-und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken stehen. Auf
-der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die eingemeißelten
+das imposante Denkmal, auf den Gedenkstein zu. Überrascht
+und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken stehen. Auf
+der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die eingemeißelten
und vergoldeten Worte:
</p>
<p class="center">
ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN<br />
-AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE<br />
+AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE<br />
IN IHREM ERFOLGE EINZIG DASTEHENDE<br />
-FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM.<br />
+FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM.<br />
DAS DANKBARE VATERLAND.
</p>
@@ -5420,10 +5385,10 @@ Die dritte Seite trug die Mitteilung:
</p>
<p class="center">
-NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT<br />
-UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM MARS<br />
-KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER<br />
-GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT ZURÜCK.<br />
+NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT<br />
+UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM MARS<br />
+KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER<br />
+GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT ZURÜCK.<br />
OKTOBER A. D. 19 .&nbsp;.&nbsp;.
</p>
@@ -5434,58 +5399,58 @@ ja von ihm selbst die Rede. Frommherz las:
</p>
<p class="center">
-ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT,<br />
-FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN<br />
+ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT,<br />
+FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN<br />
DER SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT<br />
FRIDOLIN FROMMHERZ.
</p>
<p class="noindent">
-&bdquo;Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,&ldquo;
+&bdquo;Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,&ldquo;
sprach Herr Frommherz vor sich hin, als er den Obelisken sattsam
von allen Seiten betrachtet hatte.
</p>
<p>
&bdquo;Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen
-Bodens vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich
+Bodens vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich
wieder heimgekehrt sind. Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen
auf.&ldquo;
</p>
<p>
-Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine
+Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine
Anzahl Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den
-langen, wirren Haaren und dem großen ungepflegten Bart und
+langen, wirren Haaren und dem großen ungepflegten Bart und
seine auffallende und sonderbare Kleidung voll Staunen betrachteten.
Woher der wohl gekommen sein mochte? Keiner
-wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt
-zu fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt
-die Leute zurück.
+wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt
+zu fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt
+die Leute zurück.
</p>
<p>
-In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich
+In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich
mehrenden Neugierigen ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte
sich Frommherz von dem Denkmal weg und schritt weiter Cannstatt
-zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem Maße anschwoll,
-als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann
+zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem Maße anschwoll,
+als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann
eben gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen.
-Nach neuer Abwechslung in seinem Berufe lüstern und in jedem
-ihm nicht näher bekannten menschlichen Individuum wenigstens
+Nach neuer Abwechslung in seinem Berufe lüstern und in jedem
+ihm nicht näher bekannten menschlichen Individuum wenigstens
<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-einen halben Gauner witternd, stürzte er sich, mit nur schwer
-unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos daherschreitenden
+einen halben Gauner witternd, stürzte er sich, mit nur schwer
+unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos daherschreitenden
Frommherz.
</p>
<p>
&bdquo;Halt, Mann!&ldquo; gebot er, den Fremdling von oben bis
-unten mit finstern Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu
+unten mit finstern Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu
Ungunsten des Wandersmannes auszufallen schien, trotz oder
-gerade wegen der auffallend schönen Gepäcktasche, die der Fremde
-bei sich trug, und die zu seinem saloppen Äußern durchaus nicht
-passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte sich in drohendster
+gerade wegen der auffallend schönen Gepäcktasche, die der Fremde
+bei sich trug, und die zu seinem saloppen Äußern durchaus nicht
+passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte sich in drohendster
Weise.
</p>
@@ -5499,33 +5464,33 @@ gen Himmel.
</p>
<p>
-Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der
+Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der
Blick des Schutzmannes. &bdquo;Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte
mir das!&ldquo; schrie er. &bdquo;Also nochmals, woher kommen Sie?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Von jenseits des Erdenkreises,&ldquo; antwortete Frommherz
-lächelnd.
+lächelnd.
</p>
<p>
-Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches
-Begriffsvermögen.
+Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches
+Begriffsvermögen.
</p>
<p>
&bdquo;Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich
sah es von weitem,&ldquo; mischte sich jetzt einer der neugierigen und
-freiwilligen Begleiter des Gelehrten in das Verhör.
+freiwilligen Begleiter des Gelehrten in das Verhör.
</p>
<p>
&bdquo;So, so, ist das also ein solcher Reisender?&ldquo; erwiderte der
-Schutzmann etwas gedehnt. &bdquo;Ja, jetzt fahren sie öfters über
+Schutzmann etwas gedehnt. &bdquo;Ja, jetzt fahren sie öfters über
die Grenzen weg in unser Land hinein und stellen allerlei Unfug
an.&ldquo; Wieder traf Frommherz ein finsterer Blick unverhohlenen
-Mißtrauens.
+Mißtrauens.
</p>
<p>
@@ -5543,57 +5508,57 @@ sind Ihre Ausweispapiere?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich führe keine bei mir.&ldquo;
+&bdquo;Ich führe keine bei mir.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend.
+&bdquo;Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend.
Sie kommen mit mir zur Polizei,&ldquo; entschied der Vertreter der
heiligen Hermandad.
</p>
<p>
-&bdquo;Die Sache wird sich bald klären,&ldquo; erwiderte Frommherz
-und folgte seinem grimmigen Führer. Die Geschichte fing an,
-ihm Spaß zu machen, war sie doch so recht heimatlich.
+&bdquo;Die Sache wird sich bald klären,&ldquo; erwiderte Frommherz
+und folgte seinem grimmigen Führer. Die Geschichte fing an,
+ihm Spaß zu machen, war sie doch so recht heimatlich.
</p>
<p>
Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen
-Abteilung Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht,
-als die Tür seines Amtszimmers aufging und über dessen
-Schwelle ein höchst merkwürdig gekleideter Mann trat, hinter
-ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
+Abteilung Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht,
+als die Tür seines Amtszimmers aufging und über dessen
+Schwelle ein höchst merkwürdig gekleideter Mann trat, hinter
+ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
</p>
<p>
&bdquo;Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,&ldquo; brummte
Herr Grobschmiedle vor sich hin, als er den sonderbaren Fremden
-von der Seite mit stolzer, verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
+von der Seite mit stolzer, verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
</p>
<p>
-&bdquo;Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen
+&bdquo;Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen
Mann hier, weil schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich
-am frühesten Morgen auf dem Wasen herumtreibend, als verdächtig
+am frühesten Morgen auf dem Wasen herumtreibend, als verdächtig
aufgegriffen habe.&ldquo;
</p>
<p>
-Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte,
-legte Frommherz in aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf
-die Bank an der Wand. Der Kommissär und der Schutzmann
+Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte,
+legte Frommherz in aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf
+die Bank an der Wand. Der Kommissär und der Schutzmann
hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke begegneten sich.
-&bdquo;Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen haben,&ldquo;
-drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
+&bdquo;Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen haben,&ldquo;
+drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
</p>
<p>
Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um.
In seinen klaren, blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung
-zwingender Ausdruck, daß der Kommissär unwillkürlich etwas
+zwingender Ausdruck, daß der Kommissär unwillkürlich etwas
<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit war, das Verhör
+höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit war, das Verhör
begann.
</p>
@@ -5626,16 +5591,16 @@ begann.
</p>
<p>
-&bdquo;Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.&ldquo;
+&bdquo;Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der
+&bdquo;Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der
Wahrheit entsprechende Angaben zu machen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Für mich ganz selbstverständlich!&ldquo;
+&bdquo;Für mich ganz selbstverständlich!&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5651,7 +5616,7 @@ Wahrheit entsprechende Angaben zu machen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Lumáta! Das a scharf gesprochen,&ldquo; korrigierte Frommherz.
+&bdquo;Lumáta! Das a scharf gesprochen,&ldquo; korrigierte Frommherz.
</p>
<p>
@@ -5663,11 +5628,11 @@ Wahrheit entsprechende Angaben zu machen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Mars? Was ist denn das für ein Land?&ldquo;
+&bdquo;Mars? Was ist denn das für ein Land?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige
+&bdquo;Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige
Millionen Kilometer von ihr entfernt.&ldquo;
</p>
@@ -5681,12 +5646,12 @@ brauste Herr Grobschmiedle auf.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?&ldquo; brüllte
+&bdquo;Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?&ldquo; brüllte
der Kommissar.
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.&ldquo;
+&bdquo;Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5701,17 +5666,17 @@ seinen Untergebenen an.
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist so, wie der Mann sagt,&ldquo; bestätigte Frommherz.
+&bdquo;Es ist so, wie der Mann sagt,&ldquo; bestätigte Frommherz.
</p>
<p>
&bdquo;Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,&ldquo;
-schrie der Kommissär zornig. &bdquo;Sie stehen hier vor einem Vertreter
+schrie der Kommissär zornig. &bdquo;Sie stehen hier vor einem Vertreter
der Staatsgewalt und haben sich dementsprechend zu benehmen.&ldquo;
</p>
<p>
-Über das Gesicht Frommherz&rsquo; huschte ein spöttisches Lächeln.
+Über das Gesicht Frommherz&rsquo; huschte ein spöttisches Lächeln.
</p>
<p>
@@ -5719,8 +5684,8 @@ der Staatsgewalt und haben sich dementsprechend zu benehmen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren
-Heimat nach mehr als vierzehnjähriger Abwesenheit.&ldquo;
+&bdquo;Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren
+Heimat nach mehr als vierzehnjähriger Abwesenheit.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -5733,13 +5698,13 @@ fort, ohne die Bemerkung Frommherz&rsquo; zu beachten.
</p>
<p>
-&bdquo;Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug
-paßt überdies die Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und .&nbsp;.&nbsp;.
-hm .&nbsp;.&nbsp;. und Ihre übrigen Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.&ldquo;
+&bdquo;Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug
+paßt überdies die Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und .&nbsp;.&nbsp;.
+hm .&nbsp;.&nbsp;. und Ihre übrigen Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser
+&bdquo;Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser
Glaube Ihre Privatsache ist,&ldquo; erwiderte der Gelehrte.
</p>
@@ -5748,63 +5713,63 @@ Glaube Ihre Privatsache ist,&ldquo; erwiderte der Gelehrte.
</p>
<p>
-Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte
-gesprochen, als sich Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
+Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte
+gesprochen, als sich Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
</p>
<p>
-&bdquo;Mein Herr!&ldquo; redete er den Kommissär an. &bdquo;Sie mögen
+&bdquo;Mein Herr!&ldquo; redete er den Kommissär an. &bdquo;Sie mögen
meine Angaben in Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre
-persönliche Angelegenheit. Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben
-zunächst ruhig und sachlich auf ihre Richtigkeit zu prüfen.
-Das muß ich auf das entschiedenste verlangen. Es ist ein Akt
-selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die Art,
-wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
-empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist
-höchste Zeit, ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die
+persönliche Angelegenheit. Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben
+zunächst ruhig und sachlich auf ihre Richtigkeit zu prüfen.
+Das muß ich auf das entschiedenste verlangen. Es ist ein Akt
+selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die Art,
+wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
+empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist
+höchste Zeit, ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die
<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Güte, sofort nach Tübingen an Herrn Professor Stiller zu
+Güte, sofort nach Tübingen an Herrn Professor Stiller zu
depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur umgehend die Angaben
-über meine Person als völlig richtig bestätigen, sondern auch jede
-gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich aus
-dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit
+über meine Person als völlig richtig bestätigen, sondern auch jede
+gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich aus
+dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit
werden kann.&ldquo;
</p>
<p>
-Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So
+Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So
wie dieser Mann da hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter
-mit ihm zu sprechen gewagt. Sein sonst so stark ausgeprägter
-Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine kräftige Erschütterung
+mit ihm zu sprechen gewagt. Sein sonst so stark ausgeprägter
+Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine kräftige Erschütterung
erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter dem
-Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der
-Kommissär erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte
-und wohlgekleidete Gauner aus den Fingern geschlüpft
-war, und daß er sich umgekehrt schon an manchem Unschuldigen
-vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und äußerlich
-einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
-Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden
-und hatten ihm derbe Nasenstüber und Warnungen
+Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der
+Kommissär erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte
+und wohlgekleidete Gauner aus den Fingern geschlüpft
+war, und daß er sich umgekehrt schon an manchem Unschuldigen
+vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und äußerlich
+einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
+Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden
+und hatten ihm derbe Nasenstüber und Warnungen
von seiten seiner Vorgesetzten eingetragen.
</p>
<p>
Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur
-Vorsicht. So viel stand fest. Aber das Mißtrauen war nun
+Vorsicht. So viel stand fest. Aber das Mißtrauen war nun
einmal in ihm rege. Fortlassen konnte und durfte er doch nicht
ohne weiteres einen Menschen, der nicht einmal das geringste
-glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
+glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des
-Gesetzes berechtigt,&ldquo; erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
+&bdquo;Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des
+Gesetzes berechtigt,&ldquo; erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
</p>
<p>
-&bdquo;Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß
+&bdquo;Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß
nicht, meinem Wunsche zu entsprechen und sogleich Erkundigungen
-über mich einzuziehen,&ldquo; entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
+über mich einzuziehen,&ldquo; entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
</p>
<p>
@@ -5814,34 +5779,34 @@ Depesche?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Natürlich ich!&ldquo; Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm
-ihr eine alte seidene Börse, in der er noch einige Dutzend
-deutscher Goldstücke aufbewahrt hatte.
+&bdquo;Natürlich ich!&ldquo; Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm
+ihr eine alte seidene Börse, in der er noch einige Dutzend
+deutscher Goldstücke aufbewahrt hatte.
</p>
<p>
&bdquo;So setzen Sie selbst die Depesche auf,&ldquo; antwortete Grobschmiedle
-auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte
-Börse des Fremden erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular
+auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte
+Börse des Fremden erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular
mit Feder und Tinte zu.
</p>
<p>
-Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche
-auf das Papier: &bdquo;Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen.
-Heute früh vom Mars hier gelandet, wurde ich von Cannstatts
+Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche
+auf das Papier: &bdquo;Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen.
+Heute früh vom Mars hier gelandet, wurde ich von Cannstatts
Polizei in Verwahr genommen, weil keinen befriedigenden Ausweis
-über meine Person in Marsitenkostüm besitzend. Befreie
+über meine Person in Marsitenkostüm besitzend. Befreie
mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.
</p>
<p class="right">
-Herzlichen Freundes- und Brudergruß<br />
+Herzlichen Freundes- und Brudergruß<br />
Fridolin Frommherz.&ldquo;
</p>
<p class="noindent">
-&bdquo;Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,&ldquo; befahl der Kommissär.
+&bdquo;Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,&ldquo; befahl der Kommissär.
</p>
<p>
@@ -5853,28 +5818,28 @@ Fridolin Frommherz.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst
-einigen Brötchen gestatten?&ldquo;
+&bdquo;Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst
+einigen Brötchen gestatten?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Warum nicht,&ldquo; entgegnete der Kommissär, der inzwischen
+&bdquo;Warum nicht,&ldquo; entgegnete der Kommissär, der inzwischen
die Depesche gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr
-aus der Rolle des Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt
-Schuldigen fallen fühlte.
+aus der Rolle des Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt
+Schuldigen fallen fühlte.
</p>
<p>
Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit
-Behagen sein erstes frugales Frühstück auf Erden wieder im
+Behagen sein erstes frugales Frühstück auf Erden wieder im
Amtszimmer des Polizeigewaltigen verzehrt und machte nun in
seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren gegen zwei
<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein
Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat
hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die
-Türe des Amtszimmers wurde hastig aufgerissen, und herein
-stürzte als erster Piller.
+Türe des Amtszimmers wurde hastig aufgerissen, und herein
+stürzte als erster Piller.
</p>
<div class="centerpic">
@@ -5882,21 +5847,21 @@ stürzte als erster Piller.
</div>
<p>
-&bdquo;Ha, er ist&rsquo;s, er ist&rsquo;s tatsächlich! Ich kenn&rsquo; ihn an der
+&bdquo;Ha, er ist&rsquo;s, er ist&rsquo;s tatsächlich! Ich kenn&rsquo; ihn an der
Narbe auf seiner Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund
und Bruder!&ldquo; schrie Piller voll freudiger Aufregung und umarmte
den von seinem Sitze Aufgestandenen.
</p>
<p>
-Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet
+Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet
wiedergekehrten Freund auf das innigste. In Piller aber kochte
-es wie in einem Vulkane über den seinem Freunde angetanen
+es wie in einem Vulkane über den seinem Freunde angetanen
Schimpf.
</p>
<p>
-&bdquo;So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben
+&bdquo;So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben
sie dich geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren
Schwabenlandes betreten?&ldquo; wetterte er. &bdquo;O heilige Einfalt,
dreimal gebenedeite Dummheit!&ldquo;
@@ -5904,136 +5869,136 @@ dreimal gebenedeite Dummheit!&ldquo;
<p>
&bdquo;Der Herr hatte keine Ausweispapiere,&ldquo; suchte sich der
-Kommissär zu entschuldigen. &bdquo;Auch der ganze Aufzug war uns
-verdächtig, kurz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; aber Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht
+Kommissär zu entschuldigen. &bdquo;Auch der ganze Aufzug war uns
+verdächtig, kurz .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; aber Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht
ausreden.
</p>
<p>
&bdquo;Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu
-einem weltberühmten Mann gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit
-gesichert. Hier steht der Gelehrte, der nach vierzehnjährigem
-Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde zurückkehrte,
-und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die
-hohe Ehre hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre
-gezeigt!&ldquo; brüllte Piller heraus und wand sich förmlich vor
+einem weltberühmten Mann gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit
+gesichert. Hier steht der Gelehrte, der nach vierzehnjährigem
+Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde zurückkehrte,
+und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die
+hohe Ehre hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre
+gezeigt!&ldquo; brüllte Piller heraus und wand sich förmlich vor
Lachen. &bdquo;So etwas an Tollheit kann wahrlich nur bei uns vorkommen!
Ein Schwabenstreich, wie er im Buche steht!&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-&bdquo;Laß gut sein,&ldquo; bat Frommherz den Aufgeregten. &bdquo;Der
+&bdquo;Laß gut sein,&ldquo; bat Frommherz den Aufgeregten. &bdquo;Der
Mann tat ja nur seine Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut.
-Das einzig Richtige ist, wir lachen über die Sache.&ldquo;
+Das einzig Richtige ist, wir lachen über die Sache.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns
-ist, und verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,&ldquo; riet Stiller.
+&bdquo;Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns
+ist, und verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,&ldquo; riet Stiller.
</p>
<p>
-Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen
-sah, atmete erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als
+Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen
+sah, atmete erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als
Frommherz auf ihn zutrat und ihm mit freundlichem Zuspruche
die Hand zum Abschiede reichte, da schimmerte es feucht aus
-den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig zugänglichen Polizeibeamten.
+den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig zugänglichen Polizeibeamten.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!&ldquo; drängte
+&bdquo;Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!&ldquo; drängte
Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,&ldquo; erklärte
+&bdquo;Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,&ldquo; erklärte
Frommherz.
</p>
<p>
-&bdquo;Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches
+&bdquo;Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches
Essen und besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug;
-denn im Marsitenkostüm, an dem die Spuren deiner Reise kleben,
-kannst du nicht unbelästigt unter Erdenmenschen wandeln,&ldquo; bemerkte
+denn im Marsitenkostüm, an dem die Spuren deiner Reise kleben,
+kannst du nicht unbelästigt unter Erdenmenschen wandeln,&ldquo; bemerkte
Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Habe es bereits erfahren,&ldquo; entgegnete Frommherz lächelnd.
+&bdquo;Habe es bereits erfahren,&ldquo; entgegnete Frommherz lächelnd.
</p>
<p>
Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es
-an Cannstatts schönsten Ort.
+an Cannstatts schönsten Ort.
</p>
<p>
Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt
-Cannstatt aus in ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der
-siebente und letzte der Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben,
-sei heute in aller Frühe von dort wieder zurückgekehrt
+Cannstatt aus in ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der
+siebente und letzte der Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben,
+sei heute in aller Frühe von dort wieder zurückgekehrt
und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge gestiegen, wie es in
-dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt worden
+dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt worden
sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder
<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben.
-Aber als es hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige
-Stunden hindurch zurückgehalten worden, wurden von vielen
-Seiten Anfragen an das Kommissariat gerichtet, das das Gerücht
-als vollkommen wahr bestätigte. Auch das Erscheinen der drei
-berühmten Weltensegler und allgemein gekannten Tübinger Professoren
+entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben.
+Aber als es hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige
+Stunden hindurch zurückgehalten worden, wurden von vielen
+Seiten Anfragen an das Kommissariat gerichtet, das das Gerücht
+als vollkommen wahr bestätigte. Auch das Erscheinen der drei
+berühmten Weltensegler und allgemein gekannten Tübinger Professoren
auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches
-Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit
-den drei gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit
-im Kostüm eines alten Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar
-das Kommissariat verließ und gegen den Kursaal zu abfuhr.
-Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte Persönlichkeit
-niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
+Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit
+den drei gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit
+im Kostüm eines alten Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar
+das Kommissariat verließ und gegen den Kursaal zu abfuhr.
+Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte Persönlichkeit
+niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
</p>
<p>
Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten
-Tische im Kursaal niedergelassen und ihrer Freude über die endliche
+Tische im Kursaal niedergelassen und ihrer Freude über die endliche
Wiedervereinigung von neuem Ausdruck verliehen hatten,
-erschien der Oberbürgermeister von Stuttgart Dr. Graus mit
-dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um Professor
-Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
-und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
+erschien der Oberbürgermeister von Stuttgart Dr. Graus mit
+dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um Professor
+Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
+und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
</p>
<p>
-&bdquo;Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr
-gehabt, wir würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise
-bei uns willkommen geheißen haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,&ldquo;
+&bdquo;Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr
+gehabt, wir würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise
+bei uns willkommen geheißen haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,&ldquo;
sprach der Stadtgewaltige.
</p>
<p>
&bdquo;Daran zweifle ich nicht,&ldquo; entgegnete Frommherz, &bdquo;aber es
entspricht mehr meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne
-öffentliche Feier und Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu
-sein. Im übrigen wäre es mir schlechterdings auch nicht möglich
+öffentliche Feier und Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu
+sein. Im übrigen wäre es mir schlechterdings auch nicht möglich
gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft anzuzeigen.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-&bdquo;Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie
-wir, dann wäre es gegangen,&ldquo; schmunzelte Piller vergnügt.
-&bdquo;Nehmen Sie an unserm Tische Platz, Herr Oberbürgermeister,
+&bdquo;Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie
+wir, dann wäre es gegangen,&ldquo; schmunzelte Piller vergnügt.
+&bdquo;Nehmen Sie an unserm Tische Platz, Herr Oberbürgermeister,
und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes unverhoffte
-Rückkehr.&ldquo;
+Rückkehr.&ldquo;
</p>
<p>
-Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
+Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
</p>
<p>
&bdquo;Herr Ober,&ldquo; rief Piller, &bdquo;bitte, kommen Sie einmal hierher.&ldquo;
Der Oberkellner gehorchte. &bdquo;Lassen Sie niemand, wer
-es auch sei, in unser Zimmer herein. Wir wollen ungestört für
+es auch sei, in unser Zimmer herein. Wir wollen ungestört für
uns sein.&ldquo;
</p>
@@ -6042,23 +6007,23 @@ uns sein.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gut gemacht!&ldquo; lobte Brummhuber. &bdquo;Wir könnten sonst
+&bdquo;Gut gemacht!&ldquo; lobte Brummhuber. &bdquo;Wir könnten sonst
kein Wort mehr ruhig miteinander sprechen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den
Bopser. Das soll nun auch einstweilen das deine sein, Fridolin.
-Von Tübingen lassen wir uns für die nächsten Tage Dispens
+Von Tübingen lassen wir uns für die nächsten Tage Dispens
erteilen,&ldquo; schlug Stiller vor. Die Freunde waren damit einverstanden.
</p>
<p>
-&bdquo;Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen
-der Obelisk,&ldquo; erzählte Frommherz. &bdquo;In seiner Nähe landete
-unser Luftschiff, und so erfuhr ich durch seine Inschrift, daß ihr
-alle einst glücklich und wohlbehalten wieder zurückgekommen seid,
-was mich außerordentlich gefreut hat. Was machen Hämmerle,
+&bdquo;Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen
+der Obelisk,&ldquo; erzählte Frommherz. &bdquo;In seiner Nähe landete
+unser Luftschiff, und so erfuhr ich durch seine Inschrift, daß ihr
+alle einst glücklich und wohlbehalten wieder zurückgekommen seid,
+was mich außerordentlich gefreut hat. Was machen Hämmerle,
Thudium und Dubelmeier?&ldquo;
</p>
@@ -6071,21 +6036,21 @@ Thudium und Dubelmeier?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen.
+&bdquo;Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen.
In dieser Stunde des Wiedersehens wollen wir alles Traurige
von uns fernhalten,&ldquo; bemerkte Stiller.
</p>
<p>
<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-&bdquo;Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist
+&bdquo;Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist
du absichtlich oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?&ldquo;
fragte Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf
-dem das gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete
+&bdquo;Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf
+dem das gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete
Fahrzeug mit aller Sicherheit landen konnte.&ldquo;
</p>
@@ -6095,29 +6060,29 @@ begleiteten dich?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter
+&bdquo;Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter
auch Zaran, Erans Neffe.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne
+&bdquo;Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne
Schaden auf der Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten
-können. Daß sie uns keiner weiteren Beachtung würdigten und
+können. Daß sie uns keiner weiteren Beachtung würdigten und
sofort wieder dahin den Kurs lenkten, woher sie gekommen waren,
-das hätte kein Sterblicher unseres Planeten fertig gebracht.
-Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
+das hätte kein Sterblicher unseres Planeten fertig gebracht.
+Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden
Verschwinden!&ldquo; urteilte Piller.
</p>
<p>
&bdquo;Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal
-berührt, gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,&ldquo;
+berührt, gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,&ldquo;
entschuldigte Frommherz seine Begleiter.
</p>
<p>
-&bdquo;Kein Kompliment für uns,&ldquo; lachte Brummhuber.
+&bdquo;Kein Kompliment für uns,&ldquo; lachte Brummhuber.
</p>
<p>
@@ -6126,8 +6091,8 @@ antwortete Frommherz.
</p>
<p>
-&bdquo;Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan
-hast, Piller,&ldquo; fügte Stiller hinzu.
+&bdquo;Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan
+hast, Piller,&ldquo; fügte Stiller hinzu.
</p>
<p>
@@ -6135,11 +6100,11 @@ hast, Piller,&ldquo; fügte Stiller hinzu.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister
+&bdquo;Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister
von Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch
-und Verkehr von außen her und wolltest dadurch unsere geschlossene
+und Verkehr von außen her und wolltest dadurch unsere geschlossene
<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-Gesellschaft vor aller Profanierung schützen. Just so
+Gesellschaft vor aller Profanierung schützen. Just so
machten es aber auch die Marsiten,&ldquo; erwiderte Stiller.
</p>
@@ -6148,7 +6113,7 @@ Die Herren lachten.
</p>
<p>
-&bdquo;Stiller ist immer noch derselbe,&ldquo; erklärte Piller seinem
+&bdquo;Stiller ist immer noch derselbe,&ldquo; erklärte Piller seinem
Freunde Frommherz. &bdquo;Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.&ldquo;
</p>
@@ -6157,7 +6122,7 @@ Freunde Frommherz. &bdquo;Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.&ldquo;
+&bdquo;Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6169,23 +6134,23 @@ Freunde Frommherz. &bdquo;Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen,
+&bdquo;Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen,
die wir bei unserem Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht,
-werde ich niemals vergessen, und würde ich so alt wie
+werde ich niemals vergessen, und würde ich so alt wie
Methusalem,&ldquo; gestand Brummhuber offen.
</p>
<p>
-&bdquo;Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete
+&bdquo;Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete
Frage, nicht?&ldquo; fragte Stiller herzlichen Tones.
</p>
<p>
-&bdquo;Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei
-Gefahren zu bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei
-aller Kühnheit, Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen,
-froh sein werden, wenn sie glücklich wieder auf ihrem
-wunderschönen Planeten angelangt sein werden.&ldquo;
+&bdquo;Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei
+Gefahren zu bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei
+aller Kühnheit, Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen,
+froh sein werden, wenn sie glücklich wieder auf ihrem
+wunderschönen Planeten angelangt sein werden.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6195,67 +6160,67 @@ gepackt!&ldquo; seufzte Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht
+&bdquo;Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht
oben geblieben seid.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst
-du völlig anderer Meinung,&ldquo; entgegnete Brummhuber.
+du völlig anderer Meinung,&ldquo; entgegnete Brummhuber.
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge
-äußerer, veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein,
-von Innen nach langen, schweren Kämpfen, langsam aus mir
+&bdquo;Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge
+äußerer, veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein,
+von Innen nach langen, schweren Kämpfen, langsam aus mir
<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-selbst heraus. Ich fand, daß Freund Stiller recht hatte, daß
+selbst heraus. Ich fand, daß Freund Stiller recht hatte, daß
er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch zur Erde wieder
-zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
+zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich
mich endlich zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte
-in mir der Entschluß, dem gegebenen Beispiele zu folgen. So
-kam ich wieder und bekenne ohne Zögern, daß ich dadurch den
+in mir der Entschluß, dem gegebenen Beispiele zu folgen. So
+kam ich wieder und bekenne ohne Zögern, daß ich dadurch den
Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch beging,
wieder gut zu machen suchte.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,&ldquo; bemerkte Piller.
-&bdquo;Oft war ich der Meinung, als ob du den besten Teil gewählt,
-wir aber töricht gehandelt hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt
+&bdquo;Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,&ldquo; bemerkte Piller.
+&bdquo;Oft war ich der Meinung, als ob du den besten Teil gewählt,
+wir aber töricht gehandelt hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt
und oben geblieben zu sein.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!&ldquo;
-rief Stiller. &bdquo;Daß Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre
+&bdquo;Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!&ldquo;
+rief Stiller. &bdquo;Daß Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre
meine Anschauung auf dem Mars zu eigen gemacht und sich
-ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der schönste Beweis
-für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.&ldquo;
+ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der schönste Beweis
+für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,&ldquo;
+&bdquo;Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,&ldquo;
warf Brummhuber ein. &bdquo;Jetzt sind wir wieder unten auf der
-Erde und werden wohl auch für immer hier unten bleiben müssen.&ldquo;
+Erde und werden wohl auch für immer hier unten bleiben müssen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten
+&bdquo;Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten
unsere Gastgeber ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem
-mit dem unsern verwandt, ist, wenn ich mich so ausdrücken darf,
-ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war schon eine Scheidewand
+mit dem unsern verwandt, ist, wenn ich mich so ausdrücken darf,
+ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war schon eine Scheidewand
zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir
ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig,
-lange nicht genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft
-auch nur einigermaßen befriedigend wieder auszugleichen,&ldquo; sprach
+lange nicht genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft
+auch nur einigermaßen befriedigend wieder auszugleichen,&ldquo; sprach
Frommherz.
</p>
<p>
<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-&bdquo;Das stimmt,&ldquo; bestätigte Piller.
+&bdquo;Das stimmt,&ldquo; bestätigte Piller.
</p>
<p>
@@ -6263,130 +6228,130 @@ Frommherz.
das dem Mars Entsprossene,&ldquo; fuhr Frommherz fort. &bdquo;Die
feinen, aber doch merkbar trennenden Unterschiede lernte ich in
den langen Jahren meines Aufenthaltes nach und nach kennen.
-So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als alleinstehende
-Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem
+So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als alleinstehende
+Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem
Marsvolke selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde
-gefühlt haben würden, trotz der Schönheit des Daseins, der
-Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer Freunde.&ldquo;
+gefühlt haben würden, trotz der Schönheit des Daseins, der
+Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer Freunde.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher
+&bdquo;Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher
Weise einst in Angola. Ganz besonders danke ich unserm
-Freunde für sein offenes Bekenntnis. Die Gefühle reinen
-Glückes bei der Erinnerung an jene unvergeßlich schöne Zeit
-auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch atmen dürfen,
-aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen Entsagung
+Freunde für sein offenes Bekenntnis. Die Gefühle reinen
+Glückes bei der Erinnerung an jene unvergeßlich schöne Zeit
+auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch atmen dürfen,
+aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen Entsagung
anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige
-Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,&ldquo; bemerkte Stiller.
+Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,&ldquo; bemerkte Stiller.
</p>
<p>
-Piller schneuzte sich wieder kräftig. &bdquo;Finden wir uns damit
-ab, soweit es möglich ist,&ldquo; entgegnete er nach kurzer Pause.
+Piller schneuzte sich wieder kräftig. &bdquo;Finden wir uns damit
+ab, soweit es möglich ist,&ldquo; entgegnete er nach kurzer Pause.
&bdquo;Unser irdisches Leben scheint sich nun einmal nicht harmonisch
-gestalten lassen zu wollen. Die wirklich schönste Melodie des
+gestalten lassen zu wollen. Die wirklich schönste Melodie des
Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die mich, den realen
-Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen vermocht,
-ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten
+Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen vermocht,
+ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten
und auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.&ldquo;
</p>
<p>
Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine
-solche Sprache hatte er früher, in alter Zeit, von dem allem
-Idealen so wenig geneigten Manne niemals gehört.
+solche Sprache hatte er früher, in alter Zeit, von dem allem
+Idealen so wenig geneigten Manne niemals gehört.
</p>
<p>
&bdquo;Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte
<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-auf dem Mars in dieser Richtung etwas gebessert,&ldquo; erklärte
+auf dem Mars in dieser Richtung etwas gebessert,&ldquo; erklärte
Stiller, der den erstaunten Blick Fridolins bemerkt und
richtig verstanden hatte.
</p>
<p>
-&bdquo;Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,&ldquo; ergänzte
+&bdquo;Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,&ldquo; ergänzte
Brummhuber.
</p>
<p>
Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann
-immer kräftiger anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik
-außen vor dem Kursaale an ihr Ohr. Sie formten sich zu einer
-imposanten Melodie, der die vier Gelehrten, angenehm überrascht,
+immer kräftiger anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik
+außen vor dem Kursaale an ihr Ohr. Sie formten sich zu einer
+imposanten Melodie, der die vier Gelehrten, angenehm überrascht,
lauschten. Es war die Hymne, die Kapellmeister Klingler
-vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs zurückgekehrten
-Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
-Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
+vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs zurückgekehrten
+Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
+Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
</p>
<p>
-&bdquo;Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich,
+&bdquo;Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich,
warum er unsere Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig
verschwand,&ldquo; rief Piller.
</p>
<p>
-&bdquo;Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich
+&bdquo;Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich
dankbar anerkenne,&ldquo; lobte Frommherz.
</p>
<p>
-Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der
-&bdquo;Hymne an Schwabens kühnste Söhne&ldquo;. Dann zog die Kapelle
+Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der
+&bdquo;Hymne an Schwabens kühnste Söhne&ldquo;. Dann zog die Kapelle
wieder ab.
</p>
<p>
-&bdquo;Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,&ldquo;
+&bdquo;Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,&ldquo;
mahnte Stiller.
</p>
<p>
-Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch
-eine zweite Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart
-überrascht. Die weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes
+Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch
+eine zweite Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart
+überrascht. Die weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes
in Gesellschaft einiger anderer ebenfalls festlich geputzter
-Mädchen übergab mit einer kurzen Ansprache Frommherz einen
+Mädchen übergab mit einer kurzen Ansprache Frommherz einen
frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen die Farben der
Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den Lorbeerkranz
<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte
-jedem der blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden
+mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte
+jedem der blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden
Menschenkinder warm die Hand.
</p>
<p>
-Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein
-kurzes Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er
-wieder zurück und lud die Mädchen im Namen des Gefeierten
+Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein
+kurzes Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er
+wieder zurück und lud die Mädchen im Namen des Gefeierten
zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit Jubel angenommen
wurde.
</p>
<p>
-&bdquo;In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch
+&bdquo;In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch
Platz. Wir bringen sie hinauf nach Stuttgart,&ldquo; schlug Stiller vor.
</p>
<p>
Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer
-Befriedigung fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu
-verloren hatten, mit ihren berühmten Begleitern durch Cannstatt,
-über die Karlsbrücke und durch die im Gewande des Frühlings
-prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über die
+Befriedigung fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu
+verloren hatten, mit ihren berühmten Begleitern durch Cannstatt,
+über die Karlsbrücke und durch die im Gewande des Frühlings
+prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über die
ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen
-der Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen
+der Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen
und sich von den Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden
Hochrufen einer rasch sich ansammelnden Menschenmenge fuhren
die Freunde Stillers Heim zu.
</p>
<p>
-&bdquo;Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir
-gefallen und mich vollkommen befriedigt,&ldquo; erklärte Frommherz.
+&bdquo;Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir
+gefallen und mich vollkommen befriedigt,&ldquo; erklärte Frommherz.
</p>
<p>
@@ -6402,37 +6367,37 @@ vollzog,&ldquo; bemerkte Stiller.
<p>
Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem
-gemacht und saßen in anregendem Gespräche in dem bekannten
-großen Balkonzimmer.
+gemacht und saßen in anregendem Gespräche in dem bekannten
+großen Balkonzimmer.
</p>
<p>
<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-&bdquo;Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren,
-so fühle ich stets einen merkwürdigen Durst und .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Doch
-Stiller ließ seinen Freund Piller nicht ausreden. &bdquo;Ich verstehe
-dich auch ohne diese Einleitung,&ldquo; lachte er fröhlich. &bdquo;Piller ist
-nämlich immer noch derselbe Durstige wie früher,&ldquo; erklärte er
+&bdquo;Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren,
+so fühle ich stets einen merkwürdigen Durst und .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Doch
+Stiller ließ seinen Freund Piller nicht ausreden. &bdquo;Ich verstehe
+dich auch ohne diese Einleitung,&ldquo; lachte er fröhlich. &bdquo;Piller ist
+nämlich immer noch derselbe Durstige wie früher,&ldquo; erklärte er
Frommherz. &bdquo;Du sollst deinen Trunk haben, lieber Piller.
Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns wiedergeschenkten
Freundes leeren.&ldquo;
</p>
<p>
-Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen.
+Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen.
Der Abend senkte langsam seine Schatten auf das
-Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe sich noch in den
+Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe sich noch in den
Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da begannen
unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.
</p>
<p>
&bdquo;Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag,
-der am Abend vorher eingeläutet werden sollte?&ldquo; fragte Brummhuber.
+der am Abend vorher eingeläutet werden sollte?&ldquo; fragte Brummhuber.
</p>
<p>
-&bdquo;Nicht daß ich wüßte,&ldquo; erwiderte Piller.
+&bdquo;Nicht daß ich wüßte,&ldquo; erwiderte Piller.
</p>
<p>
@@ -6443,20 +6408,20 @@ bieten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Du magst recht haben,&ldquo; erklärte Brummhuber.
+&bdquo;Du magst recht haben,&ldquo; erklärte Brummhuber.
</p>
<p>
-Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute,
+Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute,
dann verstummte es .&nbsp;.&nbsp;.
</p>
<p>
Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens,
-war inzwischen im Westen verglüht. Leise bewegten sich im
-leichten Abendwinde die blühenden Bäume an der Talseite und
+war inzwischen im Westen verglüht. Leise bewegten sich im
+leichten Abendwinde die blühenden Bäume an der Talseite und
sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die da an den
-offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
+offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
Landschaftsbildes still genossen.
</p>
@@ -6465,7 +6430,7 @@ Landschaftsbildes still genossen.
&bdquo;Was kommt denn da die Weinsteige herauf?&ldquo; fragte
Brummhuber erstaunt und machte seine Freunde auf eine
Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer feurigen
-Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
+Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
</p>
<p>
@@ -6474,118 +6439,118 @@ Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
<p>
&bdquo;Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen
-Abend bevorsteht,&ldquo; äußerte sich Stiller. &bdquo;Unser Oberbürgermeister
-scheint die kurze Zeit heute fieberhaft ausgenützt zu haben,
-um deine Rückkehr würdig zu ehren.&ldquo;
+Abend bevorsteht,&ldquo; äußerte sich Stiller. &bdquo;Unser Oberbürgermeister
+scheint die kurze Zeit heute fieberhaft ausgenützt zu haben,
+um deine Rückkehr würdig zu ehren.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das kommt mir auch so vor,&ldquo; antwortete Frommherz.
-&bdquo;Ich würde aber am liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten.
-Ähnlich äußerte ich mich dem Oberbürgermeister gegenüber ja
+&bdquo;Ich würde aber am liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten.
+Ähnlich äußerte ich mich dem Oberbürgermeister gegenüber ja
schon am Kursaale.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin!
-Ohne Sang und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht
+Ohne Sang und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht
in der unwiederbringlich verlorenen Vergangenheit verschwinden,&ldquo;
sprach Piller.
</p>
<p>
-Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel
+Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel
von Stuttgart, die da durch den Garten zog und sich vor dem
Hause aufstellte. Eine feierliche Stille trat ein. Dann intonierte
-der große Männerchor das prachtvolle Lied: &bdquo;Des Vaterlandes
-Gruß.&ldquo;
+der große Männerchor das prachtvolle Lied: &bdquo;Des Vaterlandes
+Gruß.&ldquo;
</p>
<p>
-Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag,
-war mit seinen Freunden zu den Sängern getreten und
-dankte ihnen mit innigen Worten. Stiller lud die Sänger zu
-einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte, unterstützt durch die
-Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald entwickelte
-sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
-Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und
-der Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen,
+Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag,
+war mit seinen Freunden zu den Sängern getreten und
+dankte ihnen mit innigen Worten. Stiller lud die Sänger zu
+einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte, unterstützt durch die
+Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald entwickelte
+sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
+Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und
+der Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen,
<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-abwärts, der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen
-Himmel aber stand in strahlender Schönheit Mars, das freiwillig
-aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
+abwärts, der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen
+Himmel aber stand in strahlender Schönheit Mars, das freiwillig
+aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
</p>
<h2 class="chapter" id="chapter-0-12">
-<span class="firstline">Zwölftes Kapitel.</span><br />
-Fromme Wünsche.
+<span class="firstline">Zwölftes Kapitel.</span><br />
+Fromme Wünsche.
</h2>
<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>ährend die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz&rsquo;
-Rückkehr den Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen
-Leitartikeln begrüßten und feierten, saßen die Freunde in Stillers
-gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem Berichte des
-Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch
+<span class="firstchar">W</span>ährend die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz&rsquo;
+Rückkehr den Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen
+Leitartikeln begrüßten und feierten, saßen die Freunde in Stillers
+gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem Berichte des
+Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch
die Presse sollte es leider nicht abgehen.
</p>
<p>
Das seit kurzer Zeit bestehende Organ &bdquo;Der Volksmund&ldquo;,
-das seine Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles,
-was ihm nicht in den Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen
+das seine Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles,
+was ihm nicht in den Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen
Artikel, der nicht nur gegen Frommherz allein, sondern auch
-gegen die übrigen kühnen Marsbesucher gerichtet war. &bdquo;Warum,&ldquo;
-so fragte das Organ, &bdquo;ist dieser Mann zurückgekommen? Entweder
+gegen die übrigen kühnen Marsbesucher gerichtet war. &bdquo;Warum,&ldquo;
+so fragte das Organ, &bdquo;ist dieser Mann zurückgekommen? Entweder
hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist selbst
gegangen &mdash; was wir annehmen wollen &mdash; weil eben auf jenem
Planeten die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen
seine Freunde einst vor Jahren so viel Aufhebens machten.
-Schon damals war es zu verwundern gewesen, daß die Herren
+Schon damals war es zu verwundern gewesen, daß die Herren
ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen Aussagen
-nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
-Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und
+nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
+Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und
<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-so mußte man sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen
+so mußte man sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen
annehmen.
</p>
<p>
Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde
-niedergestiegen, hat er seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich
-eine höchst derbe Lektion erteilt und sie durch seine
-Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein vernünftiger
-Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das sogenannte
+niedergestiegen, hat er seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich
+eine höchst derbe Lektion erteilt und sie durch seine
+Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein vernünftiger
+Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das sogenannte
Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen,
auch nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen,
-noch weniger aber ziehen Männer, die, wie die Weltreisenden,
-von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt sind, von einem
+noch weniger aber ziehen Männer, die, wie die Weltreisenden,
+von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt sind, von einem
Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland vorstellt.
-Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
+Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,&ldquo;
-schloß der Artikel.
+schloß der Artikel.
</p>
<p>
Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden.
-Er würde es gar nicht weiter beachtet haben, da aber der
+Er würde es gar nicht weiter beachtet haben, da aber der
Artikel selbst mit dicken roten Strichen umgeben war, so erregte
-dies Stillers Interesse. Er überflog den Inhalt kurz und wandte
-sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
+dies Stillers Interesse. Er überflog den Inhalt kurz und wandte
+sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
</p>
<p>
-&bdquo;Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung.
+&bdquo;Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung.
Das Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient
-allerdings keine besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen
+allerdings keine besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen
eine Ehrung, aber es zeigt doch, auf welchem Tiefstand
-der Gesinnung sich noch manche Menschen bewegen, die sich anmaßen,
-legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu sein.&ldquo;
+der Gesinnung sich noch manche Menschen bewegen, die sich anmaßen,
+legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu sein.&ldquo;
</p>
<p>
Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf.
-&bdquo;Giftkröten, die man zertreten sollte,&ldquo; schimpfte er.
+&bdquo;Giftkröten, die man zertreten sollte,&ldquo; schimpfte er.
</p>
<p>
@@ -6595,25 +6560,25 @@ als zu verdammen,&ldquo; antwortete Stiller.
<p>
<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-&bdquo;Ach was bedauern,&ldquo; knurrte Piller. &bdquo;Ausreißen muß man
+&bdquo;Ach was bedauern,&ldquo; knurrte Piller. &bdquo;Ausreißen muß man
das Unkraut.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um
wirklichen Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem
-Falle aber ist es tatsächlich der Mangel an Einsicht,
-an wirklicher Bildung, dieser fundamentalen Grundlage der vernünftigen
-Selbstkritik, der uns hier gegenübertritt, und das ist
+Falle aber ist es tatsächlich der Mangel an Einsicht,
+an wirklicher Bildung, dieser fundamentalen Grundlage der vernünftigen
+Selbstkritik, der uns hier gegenübertritt, und das ist
es, was ich bedaure.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ich stimme dir bei,&ldquo; sprach Frommherz. &bdquo;Ein Mensch,
-der sich seiner Würde als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig
-denken und handeln. Die Menschen auf die Höhe des wahren
-Menschentums zu heben, an dieser Arbeit kräftig mitzuwirken,
-war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.&ldquo;
+der sich seiner Würde als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig
+denken und handeln. Die Menschen auf die Höhe des wahren
+Menschentums zu heben, an dieser Arbeit kräftig mitzuwirken,
+war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6621,10 +6586,10 @@ war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr
-schließlich zum Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen,
+&bdquo;Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr
+schließlich zum Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen,
nein, dazu bedarf es der Zeit von Jahrhunderten, aber als Arbeiter
-im Dienste des Wahren, Guten und Schönen müssen wir
+im Dienste des Wahren, Guten und Schönen müssen wir
schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des Menschheitsideales
beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte
fort, Fridolin,&ldquo; bat Stiller.
@@ -6633,58 +6598,58 @@ fort, Fridolin,&ldquo; bat Stiller.
<p>
Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise
folgenden Jahre auf dem Mars mit der Bearbeitung des
-Wörterbuches vorübergegangen seien, wie er im Hause Bentans
-in Angola gelebt und auch dort einen zarten Liebestraum geträumt
+Wörterbuches vorübergegangen seien, wie er im Hause Bentans
+in Angola gelebt und auch dort einen zarten Liebestraum geträumt
habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die Entsagung,
-der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen
-Wünsche ihm zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe
-er den besten Trost und Wiederaufrichtung gefunden und später
-Bentans ablehnende Haltung seinem Herzenswunsche gegenüber
+der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen
+Wünsche ihm zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe
+er den besten Trost und Wiederaufrichtung gefunden und später
+Bentans ablehnende Haltung seinem Herzenswunsche gegenüber
<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle dienend
-anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
-Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
+als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle dienend
+anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
+Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
</p>
<p>
-Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde
-von dieser gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
+Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde
+von dieser gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
</p>
<p>
-&bdquo;Großartig, wirklich großartig!&ldquo; rief Piller, erregt vom
+&bdquo;Großartig, wirklich großartig!&ldquo; rief Piller, erregt vom
Stuhle aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer
messend. &bdquo;Und denke dir, Fridolin, Stiller hat das von hier
aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor wenigen Monaten,
am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem selben
-Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
+Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?&ldquo; foppte
+&bdquo;Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?&ldquo; foppte
Brummhuber.
</p>
<p>
&bdquo;Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber
-mit dem vortrefflichen Namen einmal beweisen, daß auch ich
+mit dem vortrefflichen Namen einmal beweisen, daß auch ich
verzichten kann. Fridolin, fahre fort!&ldquo;
</p>
<p>
-Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die
-die gemeinsame Arbeit mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen
-in den Jahren der Not in seinem Denk- und Empfindungsvermögen
+Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die
+die gemeinsame Arbeit mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen
+in den Jahren der Not in seinem Denk- und Empfindungsvermögen
nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch von
-ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes
+ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes
Stiller begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der
-Entschluß in ihm gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und
+Entschluß in ihm gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und
in gleichem Sinne wie Stiller auf der Erde zu wirken. Nach
Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle getreten, und in der
ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter Bentans
Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten
-auf das günstigste aufgenommen worden sei.
+auf das günstigste aufgenommen worden sei.
</p>
<p>
@@ -6692,42 +6657,42 @@ auf das günstigste aufgenommen worden sei.
<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
dem wir sieben einst zum letzten Male zusammen waren,&ldquo; fuhr
Frommherz fort. &bdquo;Dort befinden sich eure Bilder mit den
-nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem, ehrendem
+nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem, ehrendem
Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten,
-besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch
-die innigsten Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen
+besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch
+die innigsten Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen
mitgegeben. Und nun hat der Tod drei von uns weggerafft,
die ich nicht mehr sehen durfte.
</p>
<p>
-Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male
-kam unser Fahrzeug in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn;
-fast wären wir mit einem Meteoriten von gewaltigen Dimensionen
-zusammengestoßen, und beim Eintritt in die Erdatmosphäre
+Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male
+kam unser Fahrzeug in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn;
+fast wären wir mit einem Meteoriten von gewaltigen Dimensionen
+zusammengestoßen, und beim Eintritt in die Erdatmosphäre
drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das ich
-je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der
-Flug durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick
-auf Eros und ein Besuch auf dem Monde bot eine Fülle des
+je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der
+Flug durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick
+auf Eros und ein Besuch auf dem Monde bot eine Fülle des
Interessanten, von dem ich euch einmal eingehend berichten werde.
In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die Erde. Von
dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern
-abend kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der
-bedeutenden Höhe, in der unser Luftschiff schwebte, an seiner
-eigenartigen Lage wiedererkannte. In aller Frühe wurde ich
+abend kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der
+bedeutenden Höhe, in der unser Luftschiff schwebte, an seiner
+eigenartigen Lage wiedererkannte. In aller Frühe wurde ich
gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem Wasen abgesetzt.&ldquo;
</p>
<p>
Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche
-Erzählung beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine
-und seiner Gefährten Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den
-Empfang an den verschiedenen Orten der Welt und schließlich
-den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem Tode der
-drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr
-gestorben, nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei
+Erzählung beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine
+und seiner Gefährten Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den
+Empfang an den verschiedenen Orten der Welt und schließlich
+den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem Tode der
+drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr
+gestorben, nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei
<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-Thudium ganz plötzlich, unvermittelt eingegangen in das Schattenreich.
+Thudium ganz plötzlich, unvermittelt eingegangen in das Schattenreich.
Ihm sei Dubelmeier gefolgt, der an Arterienverkalkung
gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten lasse, sondern behaupte,
Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst vorzeitig in die
@@ -6735,83 +6700,83 @@ Grube gefahren.
</p>
<p>
-Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet,
-der in Wort und Schrift für das wahre Menschentum
-und die natürliche Moral eintrete und den Kampf gegen alles
+Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet,
+der in Wort und Schrift für das wahre Menschentum
+und die natürliche Moral eintrete und den Kampf gegen alles
Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge aufgenommen
-habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die ehemaligen
-Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden,
+habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die ehemaligen
+Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden,
um alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem
-prächtigen Mars in ungestörter Weise zu leben.
+prächtigen Mars in ungestörter Weise zu leben.
</p>
<p>
Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied
in diesem engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar,
-aus dem Strome des ihn umfließenden Lebens noch
+aus dem Strome des ihn umfließenden Lebens noch
manchen andern edlen Kristall zur Angliederung anziehen werde.
</p>
<p>
-Während Frommherz&rsquo; und Stillers Berichten waren die
+Während Frommherz&rsquo; und Stillers Berichten waren die
Stunden in raschem Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen
wollten die Freunde einen kleinen Spaziergang durch den
Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von zwei Herren
meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen
-wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel
+wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel
und Adolf Blieder.
</p>
<p>
&bdquo;So, so, die sind es, die Pfuscher am &bdquo;Weltensegler&ldquo; von
-ehemals,&ldquo; bemerkte Piller spöttisch, als er einen raschen Blick
+ehemals,&ldquo; bemerkte Piller spöttisch, als er einen raschen Blick
auf die Karten geworfen hatte.
</p>
<p>
&bdquo;Ich kann sie nicht gut ablehnen,&ldquo; entgegnete Stiller. &bdquo;Da
-ich aber vor euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie
+ich aber vor euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie
mir in eurer Gegenwart sagen, was sie von mir wollen.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
&bdquo;Wird was Gescheites sein,&ldquo; brummte Piller. &bdquo;Doch
-immerhin, laß sie eintreten.&ldquo;
+immerhin, laß sie eintreten.&ldquo;
</p>
<p>
Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem
-Wohlleben, körperlich sehr gewichtige Männer geworden waren,
-betraten das Zimmer und begrüßten Stiller freundlich.
+Wohlleben, körperlich sehr gewichtige Männer geworden waren,
+betraten das Zimmer und begrüßten Stiller freundlich.
</p>
<p>
&bdquo;Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies
-hier ist Herr Frommherz, der gestern vom Mars zurückkam und auf
+hier ist Herr Frommherz, der gestern vom Mars zurückkam und auf
dem Wasen landete,&ldquo; stellte Stiller vor.
</p>
<p>
&bdquo;Seinetwegen kommen wir ja zu dir,&ldquo; trompetete Schnabel,
-sich vor Frommherz verneigend, so gut es eben seine Körperfülle
-zuließ.
+sich vor Frommherz verneigend, so gut es eben seine Körperfülle
+zuließ.
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr
+&bdquo;Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr
vor,&ldquo; bat Stiller. Die Herren folgten der Einladung.
</p>
<p>
-&bdquo;Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand
-der Kommission für das Denkmal gewählt wurden, das dir und
-deinen berühmten Herren Begleitern auf deiner Marsreise zu
+&bdquo;Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand
+der Kommission für das Denkmal gewählt wurden, das dir und
+deinen berühmten Herren Begleitern auf deiner Marsreise zu
Ehren gesetzt wurde.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und
+&bdquo;Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und
Freunden und nicht auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen
Marsreise, mein lieber Blieder,&ldquo; korrigierte Stiller.
</p>
@@ -6821,7 +6786,7 @@ Marsreise, mein lieber Blieder,&ldquo; korrigierte Stiller.
</p>
<p>
-&bdquo;Das kann ich doch nicht wissen,&ldquo; antwortete Stiller lächelnd.
+&bdquo;Das kann ich doch nicht wissen,&ldquo; antwortete Stiller lächelnd.
</p>
<p>
@@ -6829,7 +6794,7 @@ Marsreise, mein lieber Blieder,&ldquo; korrigierte Stiller.
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr
+&bdquo;Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr
des Herrn Frommherz wegen rechte Sorgen.&ldquo;
</p>
@@ -6838,18 +6803,18 @@ des Herrn Frommherz wegen rechte Sorgen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine
+&bdquo;Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine
kostspielige Sache.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Eine Änderung?&ldquo;
+&bdquo;Eine Änderung?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; nahm jetzt Schnabel das Wort, &bdquo;diese völlig unerwartete
+&bdquo;Ja,&ldquo; nahm jetzt Schnabel das Wort, &bdquo;diese völlig unerwartete
<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Rückkehr des Herrn Frommherz stellt uns vor eine
+Rückkehr des Herrn Frommherz stellt uns vor eine
schwierige Entscheidung.&ldquo;
</p>
@@ -6870,17 +6835,17 @@ schwierige Entscheidung.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,&ldquo;
+&bdquo;Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,&ldquo;
erwiderte Piller nicht ohne Hohn.
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß,&ldquo; antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht
-bemerkend. &bdquo;Es handelt sich möglicherweise um eine Abtragung
+&bdquo;Gewiß,&ldquo; antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht
+bemerkend. &bdquo;Es handelt sich möglicherweise um eine Abtragung
des ganzen Denkmals, denn die einmal eingehauenen Worte
lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach, wie Sie vielleicht
-glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein verändertes
-und unschönes Aussehen zu geben.&ldquo;
+glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein verändertes
+und unschönes Aussehen zu geben.&ldquo;
</p>
<p>
@@ -6892,17 +6857,17 @@ Piller grob.
&bdquo;An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,&ldquo; fuhr
Herr Schnabel fort, &bdquo;ist seit gestern die Aufgabe herangetreten,
umgehend einen Vorschlag dem Stadtrat einzureichen zwecks
-Änderung, und da befürchten wir recht lebhafte und unangenehme
+Änderung, und da befürchten wir recht lebhafte und unangenehme
Debatten.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?&ldquo;
-meinte Stiller lächelnd.
+&bdquo;Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?&ldquo;
+meinte Stiller lächelnd.
</p>
<p>
-&bdquo;Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg
+&bdquo;Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg
aus der Sache.&ldquo;
</p>
@@ -6915,141 +6880,141 @@ aus der Sache.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Das will ich meinen,&ldquo; bestätigte Piller ernsten Tones.
+&bdquo;Das will ich meinen,&ldquo; bestätigte Piller ernsten Tones.
</p>
<p>
-Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch
+Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch
<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-traurigen Gesichter der beiden Besucher unwillkürlich lächeln.
+traurigen Gesichter der beiden Besucher unwillkürlich lächeln.
Stiller selbst schien in Gedanken verloren.
</p>
<p>
-&bdquo;So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf
-der es sich um Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln:
-Nach 14 ½ jähriger Abwesenheit am 5. Mai .&nbsp;.&nbsp;. wieder
-vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht gehen?&ldquo;
+&bdquo;So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf
+der es sich um Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln:
+Nach 14 ½ jähriger Abwesenheit am 5. Mai .&nbsp;.&nbsp;. wieder
+vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht gehen?&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Das Ei des Columbus,&ldquo; rief Herr Schnabel voll Freude.
&bdquo;Du hast es getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die
-Lösung, so daß es mir jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint,
+Lösung, so daß es mir jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint,
nicht von selbst darauf gekommen zu sein.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten
Kopfzerbrechen verursacht,&ldquo; erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen
-Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. &bdquo;Wir haben
-dies ebenfalls bei der Konstruktion des &sbquo;Weltenseglers&lsquo; vor fünfzehn
+Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. &bdquo;Wir haben
+dies ebenfalls bei der Konstruktion des &sbquo;Weltenseglers&lsquo; vor fünfzehn
Jahren erlebt, nicht wahr?&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gewiß, gewiß,&ldquo; beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
+&bdquo;Gewiß, gewiß,&ldquo; beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
</p>
<p>
-&bdquo;Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet,
+&bdquo;Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet,
dank Columbus Stiller,&ldquo; rief Piller.
</p>
<p>
Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten
etwas verdutzt auf Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten
-mit seinen scharfen Augen und dem spöttischen Lächeln um die
+mit seinen scharfen Augen und dem spöttischen Lächeln um die
Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten sie sich mit
-Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
+Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
</p>
<p>
-&bdquo;Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten
-anderer leben,&ldquo; äußerte sich Brummhuber, als die beiden das
+&bdquo;Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten
+anderer leben,&ldquo; äußerte sich Brummhuber, als die beiden das
Zimmer verlassen hatten.
</p>
<p>
-&bdquo;Du hast recht,&ldquo; bestätigte Piller. &bdquo;Mir sind Leute, die
-sich immer mit den Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde
+&bdquo;Du hast recht,&ldquo; bestätigte Piller. &bdquo;Mir sind Leute, die
+sich immer mit den Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde
der Seele zuwider.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Harmlose Strohköpfe,&ldquo; suchte sie Stiller zu entschuldigen.
+&bdquo;Harmlose Strohköpfe,&ldquo; suchte sie Stiller zu entschuldigen.
</p>
<p>
<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
&bdquo;Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,&ldquo; entgegnete Piller.
-&bdquo;Die Dummheit <a id="corr-0"></a>paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von
-letzterer sind Schnabel und Blieder nicht gänzlich frei.&ldquo;
+&bdquo;Die Dummheit <a id="corr-0"></a>paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von
+letzterer sind Schnabel und Blieder nicht gänzlich frei.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Verlassen wir das Thema!&ldquo; bat Stiller. &bdquo;Es lohnt sich
-wirklich nicht, darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind
-tatsächlich zu unbedeutend für uns.&ldquo;
+wirklich nicht, darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind
+tatsächlich zu unbedeutend für uns.&ldquo;
</p>
<p>
-Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen
+Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen
wollten und soeben aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes
Autoelektrik vor. Ihm entstieg der Graf von Neckartal.
</p>
<p>
-&bdquo;Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,&ldquo;
-rief er heiter. &bdquo;Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten,
-der Heimat wiedergeschenkten Professor Frommherz zu begrüßen.
-Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum Willkomm drücken. Dem
-goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,&ldquo; erklärte der Graf,
-Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren
+&bdquo;Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,&ldquo;
+rief er heiter. &bdquo;Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten,
+der Heimat wiedergeschenkten Professor Frommherz zu begrüßen.
+Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum Willkomm drücken. Dem
+goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,&ldquo; erklärte der Graf,
+Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren
ins Haus eintretend.
</p>
<p>
-&bdquo;Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen
+&bdquo;Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen
die in Extremen sich bewegende Erde je wieder eintauschen
-würden!&ldquo; fuhr Herr von Neckartal fort, als sich die Herren
+würden!&ldquo; fuhr Herr von Neckartal fort, als sich die Herren
gesetzt hatten. &bdquo;Wie eine Bombe schlug gestern die Nachricht
-ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
-hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender
-sei wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum
-Heulen vor Vergnügen! Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut
-säen, aber mancher wünschte Sie im ersten Augenblicke
-wieder dahin zurück, woher Sie kamen.&ldquo;
+ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
+hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender
+sei wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum
+Heulen vor Vergnügen! Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut
+säen, aber mancher wünschte Sie im ersten Augenblicke
+wieder dahin zurück, woher Sie kamen.&ldquo;
</p>
<p>
&bdquo;Kenn&rsquo; ich doch meine lieben Deutschen und kann&rsquo;s mir
also in etwas vorstellen,&ldquo; warf Piller lachend ein. &bdquo;Unser
Freund kam eben gegen alle Regeln der Gesellschaft unangemeldet
-zurück, ohne vorherige Erlaubnis.&ldquo;
+zurück, ohne vorherige Erlaubnis.&ldquo;
</p>
<p>
<a id="page-144" class="pagenum" title="144"></a>
-&bdquo;Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde
-man schließlich noch hingenommen haben, aber das blitzschnelle
+&bdquo;Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde
+man schließlich noch hingenommen haben, aber das blitzschnelle
Verschwinden Ihres Luftschiffes von hier wurde zuerst als eine
grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden. Einige Tage
-wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten Stuttgartern
-schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit
-den Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung,
-diese merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.&ldquo;
+wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten Stuttgartern
+schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit
+den Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung,
+diese merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,&ldquo; bemerkte
-Stiller. &bdquo;Ich habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt,
-daß die Bewohner des Mars gewichtige Gründe hätten,
+&bdquo;Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,&ldquo; bemerkte
+Stiller. &bdquo;Ich habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt,
+daß die Bewohner des Mars gewichtige Gründe hätten,
den Verkehr mit uns abzulehnen.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen.
+&bdquo;Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen.
Viel dazu trug bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz
mit der Polizei bekannt wurde.&ldquo;
</p>
@@ -7059,14 +7024,14 @@ mit der Polizei bekannt wurde.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich.
+&bdquo;Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich.
Aber jetzt komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber
Frommherz,&ldquo; fuhr der Graf fort. &bdquo;Halten Sie sich nicht fern
von uns, sondern schenken Sie uns die Ehre Ihres baldigen
-Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das, was Sie
-uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend,
-falls Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen.
-Ich wurde gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt,
+Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das, was Sie
+uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend,
+falls Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen.
+Ich wurde gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt,
Sie darum zu bitten.&ldquo;
</p>
@@ -7086,52 +7051,52 @@ erscheinen?&ldquo;
<p>
<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-&bdquo;Selbstverständlich,&ldquo; knurrte Piller, ehrlich zornig über die
-seinem Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
+&bdquo;Selbstverständlich,&ldquo; knurrte Piller, ehrlich zornig über die
+seinem Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
</p>
<p>
&bdquo;Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen
-und besten Dank für Ihr Entsprechen!&ldquo; Damit verabschiedete
+und besten Dank für Ihr Entsprechen!&ldquo; Damit verabschiedete
sich der Graf von Neckartal.
</p>
<p>
-&bdquo;Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit
-dem es wahrlich keine Eile gehabt hätte,&ldquo; polterte Piller, als
+&bdquo;Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit
+dem es wahrlich keine Eile gehabt hätte,&ldquo; polterte Piller, als
der Graf gegangen war.
</p>
<p>
-&bdquo;Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,&ldquo; erwiderte
-Frommherz lächelnd. &bdquo;Ihr habt ja durch eure Publikationen
-über den Mars und seine Bewohner, wie ihr mir
-gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen gegeben. Somit
-bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären übrig.&ldquo;
+&bdquo;Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,&ldquo; erwiderte
+Frommherz lächelnd. &bdquo;Ihr habt ja durch eure Publikationen
+über den Mars und seine Bewohner, wie ihr mir
+gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen gegeben. Somit
+bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären übrig.&ldquo;
</p>
<p>
-&bdquo;Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann
-ich dir mit entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen.
-Auch mein Diener Hans, ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir
-deine Marsitenmähne nach augenblicklicher Erdenmode um- und
-zustutzen,&ldquo; sprach Stiller. &bdquo;Und nun laßt uns noch ein wenig
-den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur streifen!&ldquo;
+&bdquo;Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann
+ich dir mit entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen.
+Auch mein Diener Hans, ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir
+deine Marsitenmähne nach augenblicklicher Erdenmode um- und
+zustutzen,&ldquo; sprach Stiller. &bdquo;Und nun laßt uns noch ein wenig
+den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur streifen!&ldquo;
</p>
<p>
-Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten
-die festlich bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal
-führte Herrn Frommherz in den großen Saal, der bis auf
+Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten
+die festlich bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal
+führte Herrn Frommherz in den großen Saal, der bis auf
den letzten Platz von Stuttgarts bestem Publikum besetzt war.
-Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen empfing Frommherz,
-als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
+Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen empfing Frommherz,
+als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde
Platz genommen.
</p>
<p>
-Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß
+Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß
mit einer scharfen Verurteilung des heutigen, im &bdquo;Volksmund&ldquo;
erschienenen Artikels. Nun erhielt Frommherz das Wort.
</p>
@@ -7140,138 +7105,138 @@ erschienenen Artikels. Nun erhielt Frommherz das Wort.
<a id="page-146" class="pagenum" title="146"></a>
&bdquo;Verehrte Anwesende!&ldquo; hub er mit seiner klangvollen
Stimme zu sprechen an. &bdquo;Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen
-Dank für den Willkomm, den Sie mir geboten. Daß
-mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn
-Jahren gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist
+Dank für den Willkomm, den Sie mir geboten. Daß
+mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn
+Jahren gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist
nach dem, was Sie von jenem Planeten durch meine Freunde
-gehört haben, nur zu leicht begreiflich. Es werden Sie daher
-die Gründe besonders interessieren, die mich zur Rückkehr in die
-alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei etwas
+gehört haben, nur zu leicht begreiflich. Es werden Sie daher
+die Gründe besonders interessieren, die mich zur Rückkehr in die
+alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei etwas
weiter ausholen.
</p>
<p>
-Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik
-an der Universität in Tübingen, als ich diese Professur aufgab,
-um mit meinen Gefährten und treuen Freunden die gewagte
+Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik
+an der Universität in Tübingen, als ich diese Professur aufgab,
+um mit meinen Gefährten und treuen Freunden die gewagte
Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu unternehmen.
-Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in ethisch-religiöser
+Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in ethisch-religiöser
Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert
-unserer Kultur wie auch an die der führenden Nationen der
+unserer Kultur wie auch an die der führenden Nationen der
Mutter Erde in starkes Wanken gebracht. Was sah ich in
-dieser Richtung überall hier unten? Eine Ablösung des Menschen
-von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein künstliches
-Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen
-Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten
-untergehenden individuellen Selbständigkeit.
+dieser Richtung überall hier unten? Eine Ablösung des Menschen
+von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein künstliches
+Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen
+Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten
+untergehenden individuellen Selbständigkeit.
</p>
<p>
-Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der
+Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der
Kraft und des Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement
des Lebens. Immer weniger wurde das Leben hier eigenes
-Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge wurde es mehr
-und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute
-gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu
+Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge wurde es mehr
+und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute
+gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu
zweifeln.
</p>
<p>
<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem
-heftigsten Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und
-Erwerb und um die Sicherheit für die Zukunft folgten ebenso
-heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper und Geist der Menschen
-gleich verderblich schädigten. Das Ich war der Götze, dem
-auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur
-unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es
+heftigsten Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und
+Erwerb und um die Sicherheit für die Zukunft folgten ebenso
+heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper und Geist der Menschen
+gleich verderblich schädigten. Das Ich war der Götze, dem
+auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur
+unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es
wahrscheinlich auch noch heute ist.
</p>
<p>
Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen
-und erlebten, wissen Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen
+und erlebten, wissen Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen
meiner Freunde. Die hohe Kultur des Marsvolkes aber bannte
-mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war unsagbar
-glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter
+mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war unsagbar
+glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter
Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht
-mehr zur Rückkehr, und so ließ ich meine Freunde fortziehen
-und blieb allein, gegen ihren Willen, zurück.
+mehr zur Rückkehr, und so ließ ich meine Freunde fortziehen
+und blieb allein, gegen ihren Willen, zurück.
</p>
<p>
Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und
-hier! Das Prinzip des naturgemäßen Lebens, das ich hier
+hier! Das Prinzip des naturgemäßen Lebens, das ich hier
unten vertrat, dort oben traf ich es verwirklicht. Und das Resultat
ist daher keine kranke, sondern eine gesunde, frohe und
frische Kultur, getragen von jener wahren, echten Menschlichkeit,
-die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.
-Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt,
-sich geistig und körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine
+die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.
+Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt,
+sich geistig und körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine
Zeit, allzuviel an sich selbst zu denken, sein eigenes Ich in den
-Vordergrund zu stellen, einem Subjektivismus zu frönen, der
-hier unten eine so große und verderbliche Rolle spielt.
+Vordergrund zu stellen, einem Subjektivismus zu frönen, der
+hier unten eine so große und verderbliche Rolle spielt.
</p>
<p>
Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem
-Wunsche beseelt, der Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt
-von der Rücksicht auf das Wohl aller, schafft bei den Marsiten
+Wunsche beseelt, der Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt
+von der Rücksicht auf das Wohl aller, schafft bei den Marsiten
<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-als natürliche Folge jenes wunderbare Gleichgewicht des Innern,
-das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem Mars bestehenden
-Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende
+als natürliche Folge jenes wunderbare Gleichgewicht des Innern,
+das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem Mars bestehenden
+Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende
und Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk,
-gleich kräftig und gesund an Körper wie an Geist, ein Volk,
-bei dem die Solidarität die Haupttriebkraft seines ganzen
+gleich kräftig und gesund an Körper wie an Geist, ein Volk,
+bei dem die Solidarität die Haupttriebkraft seines ganzen
Handelns bildet.
</p>
<p>
-Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist,
-habe ich oben auf dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie
-war es, die mich aufrüttelte, die mir meinen den Freunden gegenüber
-begangenen Fehler des eigenmächtigen, egoistischen Zurückbleibens
-zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den Wunsch
-reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen.
-So entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen
+Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist,
+habe ich oben auf dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie
+war es, die mich aufrüttelte, die mir meinen den Freunden gegenüber
+begangenen Fehler des eigenmächtigen, egoistischen Zurückbleibens
+zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den Wunsch
+reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen.
+So entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen
Freunden wieder vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke
der Menschenerhebung weiter zu arbeiten. Eine dankbare Aufgabe
-ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich frage danach
+ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich frage danach
nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir oben
lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens,
-der Nächstenliebe.
+der Nächstenliebe.
</p>
<p>
Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll
-ist deren Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten.
+ist deren Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten.
Der Menschheit das strahlende Banner der
-Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral auf diesem
+Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral auf diesem
Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden,
-dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums
+dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums
am Herzen liegt.
</p>
<p>
-So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den
+So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den
Beweggrund mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht
ruft, der ich fortan den Rest meines Lebens weihen will. Ich
<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
habe gesprochen.&ldquo; Mit leichter Neigung des Kopfes gegen die
-Zuhörer verließ Frommherz das Podium.
+Zuhörer verließ Frommherz das Podium.
</p>
<p>
Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners
-hatten auf die Versammelten außerordentlich tief eingewirkt.
-Sie offenbarten die sittliche Größe des Mannes, vor der sich
-jeder der Anwesenden unwillkürlich achtungsvoll verneigte. Wenn
+hatten auf die Versammelten außerordentlich tief eingewirkt.
+Sie offenbarten die sittliche Größe des Mannes, vor der sich
+jeder der Anwesenden unwillkürlich achtungsvoll verneigte. Wenn
auch mancher der Erschienenen einen Reisevortrag voll Abenteuer
-und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet hatte, so fühlte er
-sich für den Ausfall durch das, was Frommherz gesprochen,
-nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig merkwürdig
-bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,
+und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet hatte, so fühlte er
+sich für den Ausfall durch das, was Frommherz gesprochen,
+nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig merkwürdig
+bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,
die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.
</p>
@@ -7299,391 +7264,18 @@ die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.
</p>
<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
</p>
<ul>
<li>
-... &bdquo;Die Dummheit <span class="underline">part</span> sich oft genug mit der Heimtücke, und von ...<br />
-... &bdquo;Die Dummheit <a href="#corr-0"><span class="underline">paart</span></a> sich oft genug mit der Heimtücke, und von ...<br />
+... &bdquo;Die Dummheit <span class="underline">part</span> sich oft genug mit der Heimtücke, und von ...<br />
+... &bdquo;Die Dummheit <a href="#corr-0"><span class="underline">paart</span></a> sich oft genug mit der Heimtücke, und von ...<br />
</li>
</ul>
</div>
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-<pre>
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-End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE ***
-
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-all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
-If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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