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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 12:46:22 -0800 |
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Drei Jahre auf dem Mars« - -Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen - -Zweite Auflage - - -Stuttgart -Verlag von Levy & Müller - - -Nachdruck verboten. -Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten. -Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart. - - - - -Inhalt - -Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1 -Zweites Kapitel. Die Sühne 8 -Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21 -Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen 37 -Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars 45 -Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß 61 -Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr 69 -Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74 -Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89 -Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98 -Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112 -Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134 - - - - - - - - -Erstes Kapitel. -Der Erdensohn auf dem Mars. - - -Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich -am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum -Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und -Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer -Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen? -Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die -ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden -in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im -lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen -Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn -jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten -unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des -monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres -kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im -Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick -. . . - -Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie -und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand -über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller -Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, -die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so -viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon -ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt -daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern -- -das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne -zu. - -»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob -ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren. -Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du -bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! -Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir -den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den -Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in -so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren -Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier -auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön -nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!« - -Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß -sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf -seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein -Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung? -Quält dich das Heimweh nach der Erde?« - -»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will -ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!« - -»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im -Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses -auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als -deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem -Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe -läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?« - -Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden -eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit -dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den -weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem -Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das -lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie -sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand. - -Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du -selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein -Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich -dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten -vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der -Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es -unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den -einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer -Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!« - -»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir -fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum -angegangen?« - -»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz -eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus -hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber -verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in -euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses -tatenlose Dasein auf meiner Seele.« - -»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich -dich aufgesucht.« - -Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem -Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?« - -»Du möchtest nach Angola kommen.« - -Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf -volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen, -aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, -ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der -Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas -taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln. -Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen. - -»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich. - -»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude. - -»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun -aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben -bereits Lumata wieder erreicht.« - -In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den -nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern -vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden -Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer -Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten -flache Dächer. - -»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung -erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle -emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist -weit.« - -»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!« - -Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn -wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in -den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer -wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher -gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren -der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im -Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, -ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch -erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben -waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten -als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach -unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten -zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom -Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den -Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz. - -Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an -demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich -unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen -paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, -gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig -etwas an seinem Herzen? - -Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit -den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den -scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied -gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus -Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die -Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente -schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl -zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem -Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage. - -Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen, -aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich, -wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in -respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen -anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des -Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die -Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner -Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht -bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier -oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte -er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten -wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten, -die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der -Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung, -die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte -ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die -Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos -rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er -immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege, -obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische -Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte -er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung. -War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der -Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner -Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas -länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei -Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch -nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine -Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert. - -Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische -Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte? - -Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich -fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen -durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im -pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und -Erde die krausesten Dinge erleben ließen. - - - - -Zweites Kapitel. -Die Sühne. - - -Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur -Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin -Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein -bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen -sollte. - -Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen, -die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch -Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten. -Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt -unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte -Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch -durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden -Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der -Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte -diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden -rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine -Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung. - -»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von -Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns -die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze -laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind -sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren -gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige. -Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit -Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze -an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut -besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr -bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die -uns unmöglich wären.« - -Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die -gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch -kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In -üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen -und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute -Bewunderung aus. - -»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus -dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.« - -»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der -Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich -hinblickenden Greis. - -Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von -Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der -Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur -Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem -großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der -Gesamtheit bedingt wird.« - -»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert, -eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?« - -»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre -mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst -uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden -sind?« - -»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde -ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht -bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde -erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.« - -»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen -Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für -jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die -wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist -das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle -Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder -Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme -der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern, -ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein -Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem -Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du -deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist, -sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.« - -»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch -bei euch zuweilen vorkommen.« - -»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat -das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer -abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie -in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die -Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen, -gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.« - -»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der -Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!« -seufzte Fridolin Frommherz. - -»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung -und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen -ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!« - -Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder -recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er -erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die -blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er -wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er -schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir -vorhat?« - -»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen -dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben -bist.« - -Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen. - -»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln. - -»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,« -meinte Frommherz etwas unsicher. - -»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es -gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene -Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an -sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber -durchgesetzt hast.« - -Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin. - -Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund! -Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war -ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und -daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit -erwarten.« - -»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.« - -»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd. - -»Weiter nichts?« - -»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines -Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.« - -»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich -lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von -der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber -ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen -dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein -Wörterbuch der deutschen Sprache?« - -»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als -Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.« - -»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder -ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen, -würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.« - -Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und -drückte sie herzlich. - -»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab. - -Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam -gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da, -himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten. -Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen -den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des -Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die -Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde -größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die -Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren -Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen -Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da -weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und -der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge -. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich -Fridolin Frommherz sehr wohl. - -»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So -vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich, -mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen, -wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.« - -»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen -Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus -eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der -unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.« - -»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen -Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch -dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie -nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?« - -»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der -Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte -Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto -drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto -kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund, -einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer -Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen. -Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich -unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten -kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen -Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten -vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf -ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein -Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.« - -»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn -bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe -daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß -gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um -Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich -unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer -Entfernung auftauchte. - -»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der -Knaben den unterrichtenden Lehrer?« - -»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so -aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?« - -»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den -Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm -entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.« - -»Das ist viel,« sagte Fridolin. - -»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer -unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze -unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren -Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir -uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan -seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.« - -Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe -herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten -eigenen wohltuenden Herzlichkeit. - -»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend. -»Gedeiht dein Werk?« - -»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine -schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu -tun.« - -»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!« - -»Ja, die Arbeit macht froh!« - -»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?« - -»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger -Eran!« - -»Das wird mir Freude sein, junger Freund!« - -Weiter rollte der Wagen. - -»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd. - -»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er -gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk. -Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene -verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und -dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.« - -»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der -Schwabe. - -Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der -bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch -eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand -ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und -Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der -Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten -Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen -übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich -an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier -gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine -halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem -Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei -60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun -schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des -Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm -und bequem machen konnte. - -Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der -ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da -vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe. -Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen -eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang -und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen -Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner -besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen -zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und -Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur -übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die -Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie -der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der -Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren -bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu -schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur -zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die -marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden -Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch -unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter -erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die -langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen -versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben. - -Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug -kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg -es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden -ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen! -Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde -sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten. - -»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des -Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran. - -»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder -einmal von oben herab schauen.« - -Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin -Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen -sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen. -Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten -Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre -war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den -Drückeberger, abgehalten worden. - -Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes -Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar -gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und -darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und -Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte -sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von -Gewissensbissen. - -Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs, -als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat. -Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen -anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn -wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der -Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im -Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als -er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten -zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des -Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen -öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten -Marsiten. - -»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr -zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit -den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend. - -»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde -zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,« -sprach Fridolin. - -»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,« -entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder -zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als -wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde -einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich -auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen -wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der -uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in -diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt -hatten, riefen wir dich.« - -Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es -lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten. -Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte, -empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei. -Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede. - -»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan -nach kurzem Stillschweigen. - -»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz. - -»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich -benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns -ist die Sache abgetan.« - -»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte -Frommherz. - -»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier -in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns -nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.« - -»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu -antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich -euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.« - -»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner -Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder -hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die -Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen, -dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender -Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.« -Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich -zurück. - -»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der -letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte -Frommherz vor sich hin. - -»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?« -forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln. - -»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz. - -»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für -lange Zeit wohl auch das deine sein.« - - - - -Drittes Kapitel. -Eine Sisyphusarbeit. - - -Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim -Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast -viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus -lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der -Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über -die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See -einschlossen. - -Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von -der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten -gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller -Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit -farbenprächtigen, duftenden Blüten. - -Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans -holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer -jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher -Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen -gegenüber freundliche Gesinnungen hegen. - -Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur -Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine -herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt -werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen -wäre. - -Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich -entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen, -jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit -doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu -einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug. - -Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des -Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach -getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung -Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich -dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen, -abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene -Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und -nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige -Lebensauffassung umzuformen begannen. - -Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich -an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung, -wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im -allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher -erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner. - -Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta -stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang. -Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich -göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen -und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie -bis dahin noch niemals gekannt hatte. - -Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und -reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines -hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos -scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem -Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit -jeglicher Empfindung. - -»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,« -brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr -seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus -der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese -Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz -verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen -Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in -verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische -lagen. - -Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald -dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das -Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer -der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein -Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen, -seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und -fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei. - -Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr -eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an -der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er -einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche -Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem -Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede -tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches -Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu -schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm -manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen. -Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das -schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich -außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn -über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten, -die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten. -Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das -die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte. - -Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde -auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen, -Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er -hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation -und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der -Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen -Muttersprache zuerkannt. - -An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom -Stuhle auf und maß erregt das Zimmer. - -»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt, -wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei -fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art -meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine -Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt, -so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das -wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre -dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über -die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb -emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer. - -»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola -zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte. - -»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk -gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße -schüttelnd. - -»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits -schlecht!« - -»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran. - -»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.« - -»So, so!« lächelte Eran. - -»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich -vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite -Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.« - -»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des -Erdenalphabetes? Kaum möglich!« - -»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz -betreten. - -»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit -zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst -du sie denn beenden?« - -»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je -schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade -seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von -stattlicher Größe gefüllt. - -»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes -vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin -Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und -mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet -und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug -verdienen.« - -Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber -wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?« - -»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine -Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an -Benta dachte. - -»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine -Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt -nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit -in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.« - -»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang -. . .« - -»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten -Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein -Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine -geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir -dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen -will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.« - -»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich -gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war. -Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in -wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!« - -»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt, -daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so -feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.« - -Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola -kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich -dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten -Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise. - -Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht -gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn. -Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle -geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran -hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er -umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des -Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen? -Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie -der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich -nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte -eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für -das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese -selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als -ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam -ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu -vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte, -nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so -schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war. - -Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er -schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine -Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu -vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das -fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig -gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene -Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am -Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß. - -»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen -deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte -Bentan. - -»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte -gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine -Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht -mich frei und fröhlich zugleich.« - -»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große, -unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch -besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.« - -»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um -an wichtigen Beratungen teilzunehmen.« - -»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie -bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan. - -»Worin bestehen diese Berichte?« - -»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die -Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch -die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten -wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge -dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als -er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du -wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte, -im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.« - -Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans -Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen. - -»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe -mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der -Erheiterung.« - -»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer -gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll -Harmonie und freudiger Glücksempfindung. - -In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das -Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er -sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie -energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten -beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu -erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des -Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des -Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie -Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen -Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße. - -»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein, -»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als -wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid, -müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.« - -»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere -geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so -langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als -ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr -verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die -Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter -wechselnden Siegen und Niederlagen.« - -»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein. - -»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure -vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde -geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht -der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die -Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt, -jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der -Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie -auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den -basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem -Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton- -und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im -Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia -gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der -Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen -ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der -Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern -dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort -ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren -Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an -unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen -beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet -und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure -die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen, -fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine -Frage der Zeit.« Bentan schwieg. - -»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir -wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause. -»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir -seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der -Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor -Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer -darunter leiden.« - -»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen -wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch -öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe -folgen.« - -»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere -Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere -Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier. -Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir -ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer -gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein -Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer -kürzerer Dauer.« - -»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?« - -»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle, -daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges -schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne, -spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was -uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser -Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber -an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und -unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles -Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen, -inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem -Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.« - -»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll -Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen -nachleben!« - -»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere -tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes -Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die -Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst -unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit -und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige -Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir -verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an -unsere Stelle getreten.« - -»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler -Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis -geendet hatte. - -»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres -Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der -Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen -Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der -Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der -klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist, -daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet. -Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen -Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das -Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können -ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse -Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch -abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein -sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.« - -»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in -aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten -Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von -Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die -bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen -lassen.« - -»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren -Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte -Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht -und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.« - -Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr -oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem -der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente -seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und -Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner -Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen -Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars -veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt, -das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang -war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung. -Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein -unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm -zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren -gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen, -war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für -seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine -befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er -damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich -kannte! - -»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das -Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre -der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte -ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet. -Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der -Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung -und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des -treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren. - -Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den -fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der -Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht -nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben -Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er -deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre -zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all -die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten -Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz' -Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger -er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte. - - - - -Viertes Kapitel. -Getäuschte Hoffnungen. - - -In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen -Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von -Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies -Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman, -mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer -wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer -Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung -zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen -wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem. - -Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im -geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem -alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen -Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt -eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein -Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten -Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte -Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin -Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend -schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand -der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst. - -Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung -leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu -imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin -Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim -gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte -erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form -angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch -die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht -auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die -Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden -ließ! - -So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er -konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen -Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich -verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen, -als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer, -herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der -zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden -war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz -schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu -jeglicher ernsten Arbeit. - -Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun -oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere -neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten -fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit -dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine -Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun -wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich -wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen. - -Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine -Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich -erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit -wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt -Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und -auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden -lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen -Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen. - -Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen -Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in -Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines -Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan -selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der -Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so -stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben -als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und -suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben. - -Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine -Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache -handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans -Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die -Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen -zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer -saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend -mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in -die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle -Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als -fünf Jahre auf dem Mars befand. - -»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief -der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend. - -»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd. - -»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten -nicht diese eigenartige Schönheit.« - -»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser -Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.« - -»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie -ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne, -in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende -Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!« - -»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine -Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte -Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der -Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller -Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar -zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in -Anspruch nehmen.« - -»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz. - -»Ja, wie du weißt.« - -»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.« - -»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin. -Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch -nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres -Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich -wahrnehmbar.« - -»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?« - -»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig, -als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte. - -»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen. - -»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir -alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die -große Aufgabe zu lösen suchen.« - -»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle -ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz. - -»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich. - -»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht -hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer -Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite -angesehen werden.« - -»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans -brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung. - -»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur -möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem -als euresgleichen gelten.« - -»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch -schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese -Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich. - -»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.« - -»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.« - -»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.« - -»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon -damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder -ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger -Betonung. - -»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in -Generationen fortleben . . .« - -»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan -ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede -stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?« - -»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch -begriffen worden zu sein. - -»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein. - -»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.« - -»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du -bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was -Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden, -nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich -mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung -nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei -uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns -hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb, -weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie -denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und -wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen -Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die -Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von -den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch -genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in -Angola Vortrag gehalten habt.« - -»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches -unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan, -manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen -geschlossen worden sind wie hier oben.« - -»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser -Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend -lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und -wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen -werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner -Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es -steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.« - -Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das -Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung, -nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch -hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu -Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer -definitiven Klärung bringen. - -»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den -Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der -Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als -Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung -empfinde.« - -»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und -rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta -will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die -Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden. -Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon -gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.« - -»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein. - -»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten -wählen.« - -»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz. - -»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und -verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes. -Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über -deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.« - -»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,« -erwiderte Frommherz wehmütigen Tones. - -»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung -wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir -sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese -Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.« - -»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta -über das, was ich dir vorgebracht.« - -»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den -harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern -mich auch fernerhin an ihm erfreuen.« - -»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten -Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die -Rechte entgegen, die Bentan innig drückte. - -Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner -ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen -geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der -Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg. - - - - -Fünftes Kapitel. -Die Doppelkanäle auf dem Mars. - - -Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch -behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste -erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. -Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender -Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen, -großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu -Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die -Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der -menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und -Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind -wie hier auf dem Mars. - -Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen -Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für -das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die -jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug -dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle -zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste -Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten, -natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu -suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das -Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle, -diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie -bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr. - -Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in -einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren, -körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der -Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen -und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an -die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank -der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen -Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von -Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den -bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig -ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe -der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten -durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die -Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte -Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah. - -In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen -enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den -neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf -wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen -Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen -mußte. - -Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen -Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des -Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen -schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und -Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers -sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei -seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur -Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. -Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter -ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle -nördliche Gegend. - -Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am -Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen -Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der -Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen -ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit -seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt, -sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der -Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige -Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen -Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von -niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der -weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf. - -Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade -nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, -die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die -Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald -rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die -Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber -getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens -nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung, -kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das -idealste aller Verkehrsmittel. - -Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone -überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die -Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz -der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes -Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle -Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen -und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste -Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter -man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur -weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden -Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne -Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch -immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage -grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand -isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt. - -»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser -Ziel!« - -Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf -zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf -einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht -ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem -Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies -auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle -des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches, -luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit -Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden. -Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand -gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren! - -Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen -sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz -am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur -Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das -Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war -gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte -es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu -solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen! - -»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist -bereit!« - -»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt. - -»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.« - -Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin -gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher -von statten. - -Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und -ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt -hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend -grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in -die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose -Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem -Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal -das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm -das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der -Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es -der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt? - -Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges -erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und -sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen -aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, -mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine -Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des -Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte -weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln. - -Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen -und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue, -schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so -kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine -Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten -seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der -die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt -keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut -hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer -neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art -Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die -neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als -ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und -an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm -stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der -Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und -regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante -versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls -automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die -Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die -Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen -Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten -Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu -schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen. - -Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. -Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas -Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz -außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine -höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er -selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich -sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend -abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall -nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm -dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht. - -Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis -zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne -gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße -durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen -zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der -schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte -er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen. - -»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage -gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte -erzählt: - -»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres -Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern -Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das -allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die -Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den -Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere -Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der -Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe -die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit -unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, -die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit -guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner -Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr -ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch -der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme -der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. -Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel -auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er -so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier -ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und -ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder, -durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb -im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus -ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf -technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu -lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner -außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine -zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und -du wirst noch viel Großes von ihm schauen.« - -Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen -eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, -kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu -viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an -sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem -Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße -messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest -seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig -verlassen hatte. - -Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der -Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner -Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren -Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der -Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück. - -Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit -seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber -aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster -der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen -Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von -ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort -wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in -Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die -Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon -mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den -außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die -Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die -größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des -Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche -Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des -öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach -solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon -untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber. - -»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter -die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. -Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu -ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop -einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute -schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?« - -»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.« - -»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten -vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht -Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!« - -»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch -höherem Maße als bei der Erde.« - -»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.« - -So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und -Interessante. - -Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert. -Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der -Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit -sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge -nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und -Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche -gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge -schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern -wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da -aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch -jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial -einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und -konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes -vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der -Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone -vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die -arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge -Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel, -der kein Eis kannte. - -Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie -alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der -Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem -Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich -entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines -geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte -hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem -Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem -Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere. -Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die -gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil -der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem -Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim -geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren -Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers -und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne -besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe -empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern. - -Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug, -waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die -Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich -früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so -kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden -oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von -Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie -ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber -nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die -Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht. - -Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden -auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da -und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst -leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, -bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum -Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie -bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, -leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf -war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf -Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem -Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn -es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren -konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es -flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren. - -Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten -erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk -fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war. - -Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die -alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich -die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen -Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach -lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die -schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben. - -Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die -letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr -altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem -Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, -mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und -sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der -Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten -aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere -Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn. - -Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben -geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen -Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen -erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf -dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich -erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der -Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die -Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird, -auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile -seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, -unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen -Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte -Richtung zu geben. - -So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner -Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und -wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten -früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit -geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der -gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden, -freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen -Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral -und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem -Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu -lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt -hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums -auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst -gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem -Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu -folgen. - -Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an -Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine -vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige -Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes -der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft -entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu -natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola, -um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner -Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten. - -»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem -Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war -auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als -bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem -Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten -purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem -Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, -sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende -Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern. - -Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem -Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der -Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur -Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen -Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen -Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine -Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand -sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der -Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier. - - - - -Sechstes Kapitel. -Ein tapferer Entschluß. - - -An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in -den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte -sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der -Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch -der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach -Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung -ausgesprochen. - -Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des -Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem -ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden -Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit -Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für -besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein -Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten. - -Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede -schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, -dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun -seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so -unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: -in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller -Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der -Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre -zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen -Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat -mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer -Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch -entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen -Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des -Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich -vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken -vorhanden sein. - -»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den -Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr -Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die -Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich -damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit -begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure -Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer -Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr -meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte -in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr -nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich -nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz -seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört -worden war. - -»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir -wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen -lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich. - -Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als -er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur -Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie -ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen -Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen -Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale -fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß -er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom -Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den -Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die -an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat -seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie -wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er -sie wiedersehen würde? - -In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut -gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die -Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz -nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei -ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der -technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß -er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte. - -Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch -elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als -er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die -wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang -seiner Sache hoffen. - -»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein -Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise -tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat -uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, -sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein -Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du -gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und -Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme -der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so -bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde -des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu -uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß -wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an -der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange -vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über -Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne, -die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann -im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von -Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner -Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen -mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft -aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln -seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir -selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf -der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen -unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren -halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert -unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund! -Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir -dir stets bewahren werden.« - -Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit -erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das -geringste eingebüßt hatte. - -»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem -Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf -Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine -lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die -Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in -Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin -ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.« - -»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der -Gelehrte. - -»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und -die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied -Bentan. - -Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit -Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola -verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen. - -»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde -überrascht?« fragte er seinen Gastgeber. - -»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung -dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen -Augenblick gewählt hast.« - -»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange -Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz. - -»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.« - -»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?« - -»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den -richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns -auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter, -fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine -Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit -hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.« - -»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.« - -»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber, -daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon -ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die -möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person -verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.« - -»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber -trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer -Rückkehr gefaßt haben.« - -»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir, -lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd. - -»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf -der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe -und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund -Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn -noch durch Musik und Gesang.« - -Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach -sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen -Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte -Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang! -Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes -und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der -schwäbischen Erde aus! - -Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief -ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie -werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen -langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge -dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es -verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.« - -»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete -Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde -ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen -Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen -Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit -dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war -eilenden Schrittes im Hause verschwunden. - -Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er -in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas. - -»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich -werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.« - -»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der -Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er -seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde. - -»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.« - -»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen -früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich -die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche -für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte -ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück. - - - - -Siebentes Kapitel. -Vorbereitungen zur Rückkehr. - - -Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem -alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der -Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem -würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich. -Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der -Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten. -Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der -Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war. - -Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in -jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu -durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung -bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die -großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars -ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten -Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der -Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate. - -Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten -Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von -Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von -Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das -fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in -Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste -Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte -schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger -Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm -wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das -ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf -der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt -der Arbeit. - -Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der -Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt -waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem -kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln. -Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft, -aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein -Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den -»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich -alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen -zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller -Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben, -hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen -können! - -Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System. -Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher, -selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim -»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie -alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht -gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die -in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte -weit in den Schatten stellten. - -Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe -wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen -dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum, -der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des -Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen -und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung -entgegenwirken sollte. - -Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was -eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum -erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die -exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb -der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen -zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester, -komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen -Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung, -teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im -Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null -geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die -Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die -praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an -den Wänden untergebracht. - -Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars -eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die -sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung -mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es -den Namen »Fridolin Frommherz« tragen. - -Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt -worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der -Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der -Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran, -Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug -sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden. -Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar. - -Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von -allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel -wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der -Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu -bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen -verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann -erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen -Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine -nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen -bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten -kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen -Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung -widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem -ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner -Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst -geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die -Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten. - -Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin -Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und -Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie -vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung -an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig -aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit -fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf -Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt. - -Musik und Gesang schlossen die schöne Feier. - -Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all -ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus -vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und -doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren -Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder -erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben -festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem -Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg -würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen. - -In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück, -um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen. - -Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal -Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit -dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein -Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine -letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die -Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in -pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem -Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu. - - - - -Achtes Kapitel. -Auf der Fahrt im Weltraum. - - -Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin -Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf -dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt -worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da -verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen -Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und -funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte -bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes -Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände -das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen -in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte -sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden -auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der -vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der -Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing. - -Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in -Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die -fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete. -Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach -Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen -zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er -naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen -Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie -Zeit in Fülle. - -Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal -durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war -die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger -wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die -Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht -hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als -der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die -Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt -gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz -weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender -geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl -auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten -Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte -Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden. - -Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben -seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm -größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere -Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein -mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick. - -»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine -Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.« - -»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja -so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die -lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter -dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht -genügen.« - -»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem -sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck -mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da -plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich -erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des -Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem -Zwecke vorhandenen Behälter flossen. - -»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt. - -»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin -Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber -Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben -gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser -Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft -erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die -letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem -verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das -zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.« - -»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh -erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?« - -»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man -sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge -natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige -mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise -keinen Mangel leiden.« - -Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran. - -»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte -er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.« - -Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster. - -»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der -Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines, -festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot -sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte -gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune -Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl, -leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß -Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster -abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker -Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder -eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt. - -»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören, -den ebenfalls herbeigekommenen Uschan. - -»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso -leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine -Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer -bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen -Gelegenheit haben.« - -»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin. - -»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir -übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen -wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.« - -»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch -ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?« - -»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung -sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da -sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat. -Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur -ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das -Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.« - -Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können? -Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten -Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch -erscheinen. - -»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine -augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da -unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen -»Mars« zu geben?« - -Fridolin Frommherz überlegte eine Weile. - -»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen -sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches -Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in -solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges -formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.« - -»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des -Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung -aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da -Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit -Jahrtausenden schon sind sie überwunden.« - -»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,« -sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen -gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige -Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.« - - * * * * * - -Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten -unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine -Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt, -ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen -Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin -Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite -Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit -einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden -zu stiften. - -Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und -erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der -Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war. -Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was -gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das -Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff -vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine -Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen -- -wer vermochte sich das vorzustellen? - -Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf. - -»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist -mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.« - -Da rief ihn Sirian an das Teleskop. - -»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines -jeden Meteoritenringes.« - -Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein -glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit -wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem -sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife. -Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die -noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des -Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob -keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie -leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen -Kometenschweifes sein mußte! - -Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter, -nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die -Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians -wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz -vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete -sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der -Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im -schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er -leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch -das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an -andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah -- -Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von -ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe -es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die -Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes -Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im -Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer -eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen. -Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche -Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen? - -»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer -übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel -bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich -Interessantes schauen.« - -»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch -außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir, -Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine -jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen -berechnet, die mich schwindeln machen?« - -»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr -nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.« - -»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz -erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und -Erde die Bahn eines Planeten läge!« - -»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr, -wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.« - -»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen -Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe. - -»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese -Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser -gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich -sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein -riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in -stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines -jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren -Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller -andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne -hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt. -Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen -Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den -wir jetzt treffen werden.« - -»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag -mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?« - -»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich -halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden -zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde. -Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine -Atmosphäre eindringen.« - -»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt. -»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!« - -»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß -nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern -Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der -unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros -nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, -Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.« - -Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich -wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte -den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine -Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre -wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein -undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag. - -»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder -übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die -Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre -eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!« - -Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein -Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der -Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs -viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das -Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch -die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze -einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten -um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken -öffneten, etwelche Kühlung. - -»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich. - -Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel -eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine -Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den -Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so -klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem -hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide -waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß -die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die -Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein -winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während -sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht. - -»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so -wenig gesehen!« - -»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros -dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um -seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden -und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns -noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.« - -Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz -neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes -Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide. -Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren -Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt, -drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen -Halbkugel nicht vorhanden. - -Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken. - -»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,« -sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros -bewohnt ist.« - -Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken -abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner -dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme, -andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff. -Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen -das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte -man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe, -aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es -waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar, -das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige -im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen. - -»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach -Häusern aus.« - -»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen -Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von -Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen -Eroswinter errichtet.« - -»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns. - -»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit -seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt, -daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn -die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht, -ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen -Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen -Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du -dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und -etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?« - -Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff -wieder zum Steigen. - -»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese -armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im -Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung -zu stehen.« - -»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der -gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin -Frommherz begeistert. - -»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die -Erositen nicht erklimmen.« - -»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die -schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der -Weiterentwicklung absprichst?« - -»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern -Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird -seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend -Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft, -verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann -Eros seine Bahn um das ewige Licht.« - -Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine -Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben -verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu -entwickeln! - -Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und -schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu. - -Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre -der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf -in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel -plötzlich vom wachenden Uschan geweckt. - -»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist -er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel -des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden -suchen.« - -Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke. - -»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das -Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner -gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!« - -Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung -befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend -Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand -nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen, -verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die -Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom -Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in -nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende -Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von -Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke -nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß -erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft. - -»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das -Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von -der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden -- -sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später -verschlingen.« - -Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des -marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt -hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen. -In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem -in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten -den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und -erloschen. - -Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden, -daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst -marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu -versagen drohten. - -Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm -begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die -Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel -seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor. - - - - -Neuntes Kapitel. -Eine Station auf dem Monde. - - -»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen -Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt -sich seinem Ende zu.« - -»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin -Frommherz. - -»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.« - -»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags -angekommen wären?« - -»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage -bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige -Mondnacht!« - -Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche -überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen -schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des -Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte -strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen -hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze -Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz -erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen, -aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da -türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler, -übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz -und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen -nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser, -nach einer Spur von Grün. - -Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit -landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs -eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste, -glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine, -dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum -Halse, wo sie fest geschlossen wurde. - -»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft -zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den -Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen. -Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch -schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig -sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da -bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung -noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten -verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine -Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge, -die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte, -eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um. -Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos, -darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum -zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von -glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten. -Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am -Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus -gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet! - -»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage -sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre -Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die -eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war -Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein -Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte -kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die -Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der -Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad. - -»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der -Erdensohn. - -Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und -photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar -nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich -nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er -auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite -wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis -seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er -freundlich: - -»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?« - -»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt -ist; aber keiner von euch antwortete mir.« - -»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd. - -»Ihr konntet nicht?« - -»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und -wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.« - -»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich -gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.« - -»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich -langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich -meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin -eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist -aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die -Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft -beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist, -die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch -Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem -Mangel an Luft.« - -Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der -Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben -der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so -heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein -Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod -überall. - -Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den -nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es -war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend -Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne -Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der -höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie -leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern, -beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in -kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne -Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die -mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen -hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer -aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war -ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so -viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu -leicht. - -Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen -Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da -gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine -dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten -Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben! - -Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer -durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von -Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte -hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher -schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr -zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich, -ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang, -war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem -Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne -zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so -wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der -Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien. - -Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine -Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die -Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung -zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde. - -Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein -- -ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten -so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. -Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch -fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim -Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die -gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die -Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige -Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen -oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder -vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In -einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der -Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, -über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner -Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen. -Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der -Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen -gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das -Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das -Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit -einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an -schwere Gegenstände an. - -»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken. - -»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche -Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in -schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir -Marsiten es noch nie erlebt haben.« - -Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes -plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt -zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein -fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz -erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren -Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten. - -Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische -Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn -Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über -seine Hände. - -Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten -die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters. -Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten -Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis -der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die -Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem -Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen. -Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die -Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel -in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die -sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht -werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis. - -»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den -vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein -einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen -kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch -was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese -herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers -bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr -bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die -durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und -Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen -Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem -zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser -Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.« - -Fridolin Frommherz nickte. - -»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft, -den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit -ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.« - -»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und -es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es -jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht -nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft -verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. -Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr; -andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. -- -Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! -Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten -Atmosphäre.« - -Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim -ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden. - - - - -Zehntes Kapitel. -Die drei Freunde. - - -Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres -Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es -waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, -die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft -feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren -Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige, -idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars -hatten führen dürfen. - -Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die -Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem -Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit -abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur -nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der -Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus -sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich -für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein -merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu -bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte -Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die -hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu -tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das -Spiel des blinden, launischen Zufalles war. - -Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu -blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum -noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es -ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr -verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars -ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt -worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren -die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner -Huldigung. - -Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise -der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche, -brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als -ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger -verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die -sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung -zu tragen. - -In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit -ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch -nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise -gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der -Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph, -und Parazelsus Piller, der Arzt. - -In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei -Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses -beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg -bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort -waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so -behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine -tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen -Gedanken beschäftigt. - -»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen -Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel -betrachtete. - -»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller -lächelnd. - -»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf -Brummhuber ein. - -»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber -Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft. - -»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen -Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage -euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen -im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich -hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich -interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der -Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.« - -»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,« -lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige -Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn -der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?« - -Der Angeredete nickte lächelnd. - -»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,« -erwiderte Piller finstern Tones. - -»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne -Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer -langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.« - -»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller. - -»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen -Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir -scheint.« - -»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber. - -»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller, -bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle -genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.« - -»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete -Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte, -den gewünschten Wein herbeizubringen. - -Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten -Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine -Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen -feingeschnittenen Kopf. - -»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser -Beleuchtung erblickte. - -»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,« -bestätigte Brummhuber. - -»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen -Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst: - -»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter -geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und -fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit -tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du -könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola -eintreten.« - -»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei. - -»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der -Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre -der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin. - -»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller. - -»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,« -als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen -Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend. - -Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt -waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck -der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des -Antrittes unserer Weltenreise.« - -Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem -Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief: -»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem -Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas. - -»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein -Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber. - -»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden -verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas -austrank. - -»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?« -schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um -sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen. - -»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,« -versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt, -jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß -er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.« - -»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller. -»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch -besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur -Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.« - -»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde -einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr -entworfen haben,« knurrte Piller. - -»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein. - -»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir -den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller. - -»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt -die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!« - -»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir -geblieben ist,« verwies ihn Stiller. - -»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund -Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller. - -»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten -Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.« - -»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig -verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann -auch ich mit dem Dichter sagen.« - -»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und -eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum -grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und -die Klingel ziehend. - -»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte -Piller. - -»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!« - -»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt -der edle Wein mein ganzes Ich.« - -»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen -Betonung mehr.« - -»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.« - -»Hoffe es auch sonst immer zu sein.« - -»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.« - -»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.« - -»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller. - -»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese -hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume -dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt -versöhnungsvoll,« entgegnete Piller. - -»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die -Schulter. - -»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!« - -»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller. - -»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei. - -Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten -zu werfen. - -»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste. - -»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so -hübsch träumen.« - -»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder -dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du -selbst.« - -»Wie meinst du das?« - -»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.« - -»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so -wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber. - -»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei. - -»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen -mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne, -poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große -Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!« - -»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete -Piller trocken. - -»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete -Stiller. - -»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem -Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends -in dem Palaste der Weisen in Angola?« - -»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise. - -»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher -gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese -mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr -hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des -Schmerzes, diese Entgegnung Pillers. - -»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch -diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf -ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend. - -»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh -nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch! -Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten -verfolgen.« - -»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche -und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der -Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals -erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt. - -»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu. - -»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir, -Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet -werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige -Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.« - -»Sehr wahr!« warf Piller ein. - -»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie -von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der -Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese, -bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die -naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird -sich der Dumme breitmachen können.« - -»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale -entfernt.« - -»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen, -so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest. -So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der -Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste -benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der -härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben -Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir -da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System -alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest -verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine -herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen. -Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein -Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache -muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine -Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise -das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen -gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu -seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines -wirklichen Menschen Anspruch erhebt.« - -Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden -Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war -auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen. - -»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der -zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs -Fenster geworfen hatte. - -»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem -Beispiele Brummhubers gefolgt war. - -»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der -Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein -Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu -betrachten.« - -»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde. - -»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon -seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.« - -Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das -große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen -Weltkörpers begann. - -»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund, -nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen. - -»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich -bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.« - -»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?« - -»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig -die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das -existierte doch noch nicht, als wir oben waren.« - -»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für -dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.« - -Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst. - -»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob -die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen -wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung. - -»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme -Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf -dem Mars besprechen.« - -In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes -Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu -gemütlicher Plauderei zurück. - -»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,« -bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend. - -»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber. - -»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer -Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen -Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.« - -»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller -überrascht ein. - -»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine -möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.« - -»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber. - -»Ich glaube, ja!« - -»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.« - -»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom -Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu -große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort -oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener -Anschauung kennen gelernt haben.« - -»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre -fort.« - -»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind -neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als -überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles -ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf -dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der -Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit -wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.« - -»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde -aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die -Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich -die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?« - -»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars -selbst gehört habe,« antwortete Stiller. - -»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir -geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit -aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber. - -»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von -dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine -Wohl ausführen.« - -»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller. - -»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber. -»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.« - -»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen. -Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und -Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern -Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den -stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen -konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar -geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen -Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten -vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein -Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?« - -Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig -schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er. - -»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend. - -»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!« - -»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das -Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es -dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis -der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung -unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir -des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben, -bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen -Vervollkommnung.« - -»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir -für heute wenigstens den letzten Trunk!« - -»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag -ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.« - -»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein -vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich -schlürfen. Prosit!« - - - - -Elftes Kapitel. -Wieder auf der Erde. - - -Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume -und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales. -Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll -Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des -östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken -begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen -da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied; -die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander -zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft -die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben -plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ. - -Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig -gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals -vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu -zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des -Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte -meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige -Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung -durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden. - -Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus, -war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt -worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer -Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das -Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im -Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken. - -Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem -sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte. -Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend, -die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte -gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der -sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen -Eisengitter umgeben war. - -Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene -Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den -Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken -stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die -eingemeißelten und vergoldeten Worte: - -ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE -EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS -DANKBARE VATERLAND. - -Auf der zweiten Seite war zu lesen: - -VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN -MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D. -DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ. - -Die dritte Seite trug die Mitteilung: - -NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM -MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT -ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . . - -Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die -Rede. Frommherz las: - -ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER -SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ. - -»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz -vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet -hatte. - -»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens -vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind. -Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.« - -Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl -Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren -und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare -Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte? -Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu -fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück. - -In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen -ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg -und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem -Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben -gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung -in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten -menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er -sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos -daherschreitenden Frommherz. - -»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern -Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes -auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen -Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen -Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte -sich in drohendster Weise. - -»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob. - -»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel. - -Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des -Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er. -»Also nochmals, woher kommen Sie?« - -»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd. - -Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen. - -»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,« -mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des -Gelehrten in das Verhör. - -»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann -etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser -Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein -finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens. - -»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter. - -»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!« - -»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre -Ausweispapiere?« - -»Ich führe keine bei mir.« - -»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir -zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad. - -»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem -grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch -so recht heimatlich. - -Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung -Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines -Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig -gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln. - -»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor -sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer, -verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte. - -»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil -schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem -Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.« - -Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in -aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der -Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke -begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen -haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus. - -Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren, -blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der -Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit -war, das Verhör begann. - -»Ihr Name?« - -»Fridolin Frommherz.« - -»Geboren?« - -»26. September 19 . .« - -»Wo?« - -»In Cannstatt.« - -»Beruf?« - -»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.« - -»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit -entsprechende Angaben zu machen.« - -»Für mich ganz selbstverständlich!« - -»Letzter Aufenthaltsort?« - -»Lumata.« - -»Lu--Lu--Lu--ma--mata?« - -»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz. - -»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?« - -»Auf dem Mars.« - -»Mars? Was ist denn das für ein Land?« - -»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer -von ihr entfernt.« - -»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr -Grobschmiedle auf. - -»Durchaus nicht, mein Lieber.« - -»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar. - -»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.« - -»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann -Dietrich ein. - -»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen -Untergebenen an. - -»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz. - -»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär -zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben -sich dementsprechend zu benehmen.« - -Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln. - -»Warum lachen Sie?« - -»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr -als vierzehnjähriger Abwesenheit.« - -»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die -Bemerkung Frommherz' zu beachten. - -»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.« - -»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die -Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen -Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.« - -»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre -Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte. - -»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?« - -Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich -Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete. - -»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in -Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit. -Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf -ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen. -Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die -Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper -empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit, -ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an -Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur -umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen, -sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich -aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden -kann.« - -Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da -hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt. -Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine -kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter -dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär -erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete -Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an -manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und -äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene -Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten -ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten -eingetragen. - -Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel -stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen -konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht -einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte. - -»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,« -erklärte er endlich nach längerer Überlegung. - -»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche -zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,« -entgegnete Frommherz bestimmten Tones. - -»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?« - -»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte -seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke -aufbewahrt hatte. - -»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle -auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden -erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu. - -Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier: -»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier -gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen -befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend. -Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten. - -Herzlichen Freundes- und Brudergruß -Fridolin Frommherz.« - -»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär. - -»Ich habe noch eine kleine Bitte!« - -»Was soll's sein?« brummte der Beamte. - -»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen -gestatten?« - -»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche -gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des -Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte. - -Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes -frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen -verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren -gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein -Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat -hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde -hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller. - -»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner -Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll -freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen. - -Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten -Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über -den seinem Freunde angetanen Schimpf. - -»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich -geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?« -wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!« - -»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu -entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber -Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden. - -»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann -gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte, -der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde -zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre -hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller -heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann -wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche -steht!« - -»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine -Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen -über die Sache.« - -»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und -verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller. - -Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete -erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat -und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da -schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig -zugänglichen Polizeibeamten. - -»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller. - -»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz. - -»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und -besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an -dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter -Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller. - -»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd. - -Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts -schönsten Ort. - -Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in -ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der -Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe -von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge -gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt -worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder -entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es -hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch -zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das -Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte. -Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten -Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches -Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei -gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten -Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen -den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte -Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne. - -Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal -niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von -neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von -Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um -Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen -und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen. - -»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir -würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen -haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige. - -»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr -meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und -Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir -schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft -anzuzeigen.« - -»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es -gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz, -Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes -unverhoffte Rückkehr.« - -Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich. - -»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der -Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser -Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.« - -»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen. - -»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig -miteinander sprechen.« - -»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun -auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für -die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren -damit einverstanden. - -»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,« -erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr -ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten -wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was -machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?« - -»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber. - -»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!« - -»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde -des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte -Stiller. - -»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich -oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller. - -»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das -gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug -mit aller Sicherheit landen konnte.« - -»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?« - -»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans -Neffe.« - -»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der -Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner -weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten, -woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten -fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große -Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden -Verschwinden!« urteilte Piller. - -»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt, -gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz -seine Begleiter. - -»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber. - -»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete -Frommherz. - -»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,« -fügte Stiller hinzu. - -»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt. - -»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von -Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und -wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung -schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller. - -Die Herren lachten. - -»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde -Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.« - -»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber. - -»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.« - -»Nur?« - -»Lange genug, trotzalledem.« - -»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem -Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen, -und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen. - -»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?« -fragte Stiller herzlichen Tones. - -»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu -bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit, -Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden, -wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein -werden.« - -»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns -danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller. - -»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben -seid.« - -»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer -Meinung,« entgegnete Brummhuber. - -»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer, -veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen, -schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund -Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch -zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem -ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu -dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem -gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern, -daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch -beging, wieder gut zu machen suchte.« - -»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der -Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt -hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.« - -»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß -Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu -eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der -schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.« - -»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber -ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für -immer hier unten bleiben müssen.« - -»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber -ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist, -wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war -schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir -ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht -genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen -befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz. - -»Das stimmt,« bestätigte Piller. - -»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars -Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar -trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes -nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als -alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke -selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz -der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer -Freunde.« - -»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in -Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes -Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene -unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch -atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen -Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige -Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller. - -Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es -möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben -scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die -wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die -mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen -vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und -auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.« - -Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte -er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne -niemals gehört. - -»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars -in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten -Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte. - -»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber. - -Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger -anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an -ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier -Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die -Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs -zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun -Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug. - -»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere -Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller. - -»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,« -lobte Frommherz. - -Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an -Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab. - -»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller. - -Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite -Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die -weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger -anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen -Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen -die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den -Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der -blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die -Hand. - -Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes -Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die -Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit -Jubel angenommen wurde. - -»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie -hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor. - -Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung -fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren -berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im -Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über -die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der -Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den -Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich -ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu. - -»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich -vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz. - -»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals, -als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber. - -»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,« -bemerkte Stiller. - -Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen -in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer. - -»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich -stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund -Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,« -lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie -früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber -Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns -wiedergeschenkten Freundes leeren.« - -Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte -langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe -sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da -begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen. - -»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher -eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber. - -»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller. - -»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte -Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken -lauten Willkomm bieten.« - -»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber. - -Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es -. . . - -Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im -Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden -Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die -da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des -Landschaftsbildes still genossen. - -»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und -machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer -feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten. - -»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller. - -»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,« -äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute -fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.« - -»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am -liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem -Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.« - -»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang -und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich -verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller. - -Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da -durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche -Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied: -»Des Vaterlandes Gruß.« - -Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen -Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten. -Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte, -unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald -entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein -Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der -Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts, -der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender -Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens. - - - - -Zwölftes Kapitel. -Fromme Wünsche. - - -Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den -Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten, -saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem -Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die -Presse sollte es leider nicht abgehen. - -Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine -Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den -Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen -Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher -gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann -zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist -selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten -die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst -vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern -gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen -Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte. -Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man -sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen. - -Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er -seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion -erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein -vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das -sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch -nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen -Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt -sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland -vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen -wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der -Artikel. - -Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar -nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten -Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den -Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu. - -»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das -Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine -besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt -doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen -bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu -sein.« - -Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man -zertreten sollte,« schimpfte er. - -»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,« -antwortete Stiller. - -»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.« - -»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen -Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es -tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser -fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier -gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.« - -»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde -als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die -Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit -kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.« - -»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller. - -»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum -Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit -von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und -Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des -Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte -fort, Fridolin,« bat Stiller. - -Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre -auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien, -wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten -Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die -Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm -zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und -Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem -Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle -dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem -Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt. - -Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser -gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten. - -»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle -aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir, -Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor -wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem -selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte -Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.« - -»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber. - -»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen -Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!« - -Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit -mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem -Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch -von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller -begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm -gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie -Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle -getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter -Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf -das günstigste aufgenommen worden sei. - -»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst -zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich -eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem, -ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten, -besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten -Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat -der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte. - -Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug -in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem -Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt -in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das -ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug -durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch -auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal -eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die -Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend -kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in -der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte. -In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem -Wasen abgesetzt.« - -Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung -beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten -Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten -der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem -Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben, -nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich, -unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt, -der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten -lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst -vorzeitig in die Grube gefahren. - -Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort -und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und -den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge -aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die -ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um -alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter -Weise zu leben. - -Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem -engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem -Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur -Angliederung anziehen werde. - -Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem -Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen -Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von -zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu -sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und -Adolf Blieder. - -»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte -Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte. - -»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor -euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart -sagen, was sie von mir wollen.« - -»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie -eintreten.« - -Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich -sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten -Stiller freundlich. - -»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz, -der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller -vor. - -»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz -verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ. - -»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller. -Die Herren folgten der Einladung. - -»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das -Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf -deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.« - -»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht -auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber -Blieder,« korrigierte Stiller. - -»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?« - -»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd. - -»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe. - -»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz -wegen rechte Sorgen.« - -»Wieso?« fragte Stiller erstaunt. - -»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige -Sache.« - -»Eine Änderung?« - -»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des -Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.« - -»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?« - -»Ja!« - -»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller. - -»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder. - -»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte -Piller nicht ohne Hohn. - -»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es -handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die -einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach, -wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein -verändertes und unschönes Aussehen zu geben.« - -»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob. - -»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel -fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag -dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht -lebhafte und unangenehme Debatten.« - -»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller -lächelnd. - -»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.« - -»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller. - -»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit. - -»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones. - -Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der -beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken -verloren. - -»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um -Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger -Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht -gehen?« - -»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es -getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir -jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen -zu sein.« - -»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten -Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen -Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies -ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren -erlebt, nicht wahr?« - -»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen. - -»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus -Stiller,« rief Piller. - -Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf -Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem -spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten -sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen. - -»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,« -äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten. - -»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den -Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.« - -»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen. - -»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit -paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und -Blieder nicht gänzlich frei.« - -»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht, -darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend -für uns.« - -Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben -aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der -Graf von Neckartal. - -»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter. -»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten -Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum -Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte -der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus -eintretend. - -»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich -bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort, -als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die -Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter -hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei -wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen! -Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im -ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.« - -»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas -vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle -Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.« - -»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch -hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes -von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden. -Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten -Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den -Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese -merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.« - -»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich -habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des -Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.« - -»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug -bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt -wurde.« - -»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz. - -»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt -komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf -fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die -Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das, -was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls -Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde -gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.« - -»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,« -antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?« - -»Um acht Uhr in der Liederhalle.« - -»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?« - -»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem -Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung. - -»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für -Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal. - -»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine -Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war. - -»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz -lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine -Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen -gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären -übrig.« - -»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit -entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans, -ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach -augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun -laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur -streifen!« - -Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich -bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn -Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts -bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen -empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem -Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen. - -Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer -scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels. -Nun erhielt Frommherz das Wort. - -»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an. -»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir -geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren -gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie -von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht -begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die -mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei -etwas weiter ausholen. - -Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität -in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und -treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu -unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in -ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer -Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes -Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine -Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein -künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen -Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden -individuellen Selbständigkeit. - -Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des -Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger -wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge -wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute -gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln. - -Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten -Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit -für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper -und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der -Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur -unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es -wahrscheinlich auch noch heute ist. - -Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen -Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des -Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war -unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter -Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr, -und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren -Willen, zurück. - -Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip -des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es -verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine -gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten -Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt. -Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und -körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich -selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem -Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche -Rolle spielt. - -Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der -Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl -aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare -Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem -Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und -Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und -gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die -Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet. - -Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf -dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die -mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen, -egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den -Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So -entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder -vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu -arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich -frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir -oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens, -der Nächstenliebe. - -Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren -Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit -das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral -auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden, -dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen -liegt. - -So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund -mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den -Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung -des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium. - -Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die -Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche -Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich -achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen -Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet -hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz -gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig -merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden, -die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen. - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VOM MARS ZUR ERDE *** - -***** This file should be named 41523-8.txt or 41523-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/1/5/2/41523/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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