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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41523 ***
+
+Vom Mars zur Erde
+
+
+Eine Erzählung für die reifere Jugend
+von
+Dr. Albert Daiber
+
+
+Verfasser von: »Die Weltensegler. Drei Jahre auf dem Mars«
+
+Mit sechs Vollbildern von Fritz Bergen
+
+Zweite Auflage
+
+
+Stuttgart
+Verlag von Levy & Müller
+
+
+Nachdruck verboten.
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
+Druck: Chr. Verlagshaus, Stuttgart.
+
+
+
+
+Inhalt
+
+Erstes Kapitel. Der Erdensohn auf dem Mars 1
+Zweites Kapitel. Die Sühne 8
+Drittes Kapitel. Eine Sisyphusarbeit 21
+Viertes Kapitel. Getäuschte Hoffnungen 37
+Fünftes Kapitel. Die Doppelkanäle auf dem Mars 45
+Sechstes Kapitel. Ein tapferer Entschluß 61
+Siebentes Kapitel. Vorbereitungen zur Rückkehr 69
+Achtes Kapitel. Auf der Fahrt im Weltraum 74
+Neuntes Kapitel. Eine Station auf dem Monde 89
+Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98
+Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112
+Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134
+
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+Der Erdensohn auf dem Mars.
+
+
+Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich
+am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum
+Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und
+Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer
+Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen?
+Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die
+ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden
+in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im
+lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen
+Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn
+jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten
+unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des
+monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres
+kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im
+Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick
+. . .
+
+Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie
+und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand
+über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller
+Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde,
+die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so
+viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon
+ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt
+daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern --
+das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne
+zu.
+
+»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob
+ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren.
+Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du
+bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders!
+Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir
+den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den
+Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in
+so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren
+Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier
+auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön
+nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!«
+
+Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß
+sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf
+seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein
+Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung?
+Quält dich das Heimweh nach der Erde?«
+
+»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will
+ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!«
+
+»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im
+Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses
+auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als
+deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem
+Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe
+läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?«
+
+Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden
+eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit
+dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den
+weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem
+Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das
+lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie
+sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand.
+
+Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du
+selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein
+Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich
+dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten
+vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der
+Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es
+unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den
+einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer
+Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!«
+
+»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir
+fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum
+angegangen?«
+
+»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz
+eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus
+hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber
+verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in
+euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses
+tatenlose Dasein auf meiner Seele.«
+
+»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich
+dich aufgesucht.«
+
+Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem
+Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?«
+
+»Du möchtest nach Angola kommen.«
+
+Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf
+volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen,
+aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten,
+ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der
+Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas
+taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln.
+Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen.
+
+»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich.
+
+»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude.
+
+»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun
+aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben
+bereits Lumata wieder erreicht.«
+
+In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den
+nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern
+vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden
+Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer
+Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten
+flache Dächer.
+
+»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung
+erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle
+emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist
+weit.«
+
+»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!«
+
+Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn
+wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in
+den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer
+wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher
+gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren
+der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im
+Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen,
+ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch
+erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben
+waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten
+als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach
+unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten
+zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom
+Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den
+Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz.
+
+Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an
+demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich
+unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen
+paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen,
+gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig
+etwas an seinem Herzen?
+
+Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit
+den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den
+scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied
+gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus
+Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die
+Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente
+schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl
+zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem
+Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage.
+
+Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen,
+aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich,
+wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in
+respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen
+anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des
+Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die
+Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner
+Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht
+bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier
+oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte
+er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten
+wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten,
+die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der
+Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung,
+die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte
+ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die
+Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos
+rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er
+immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege,
+obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische
+Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte
+er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung.
+War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der
+Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner
+Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas
+länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei
+Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch
+nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine
+Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert.
+
+Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische
+Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte?
+
+Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich
+fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen
+durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im
+pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und
+Erde die krausesten Dinge erleben ließen.
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+Die Sühne.
+
+
+Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur
+Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin
+Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein
+bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen
+sollte.
+
+Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen,
+die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch
+Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten.
+Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt
+unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte
+Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch
+durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden
+Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der
+Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte
+diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden
+rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine
+Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung.
+
+»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von
+Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns
+die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze
+laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind
+sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren
+gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige.
+Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit
+Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze
+an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut
+besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr
+bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die
+uns unmöglich wären.«
+
+Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die
+gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch
+kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In
+üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen
+und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute
+Bewunderung aus.
+
+»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus
+dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.«
+
+»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der
+Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich
+hinblickenden Greis.
+
+Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von
+Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der
+Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur
+Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem
+großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der
+Gesamtheit bedingt wird.«
+
+»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert,
+eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?«
+
+»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre
+mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst
+uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden
+sind?«
+
+»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde
+ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht
+bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde
+erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.«
+
+»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen
+Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für
+jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die
+wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist
+das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle
+Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder
+Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme
+der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern,
+ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein
+Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem
+Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du
+deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist,
+sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.«
+
+»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch
+bei euch zuweilen vorkommen.«
+
+»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat
+das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer
+abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie
+in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die
+Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen,
+gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.«
+
+»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der
+Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!«
+seufzte Fridolin Frommherz.
+
+»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung
+und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen
+ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!«
+
+Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder
+recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er
+erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die
+blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er
+wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er
+schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir
+vorhat?«
+
+»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen
+dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben
+bist.«
+
+Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen.
+
+»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln.
+
+»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,«
+meinte Frommherz etwas unsicher.
+
+»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es
+gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene
+Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an
+sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber
+durchgesetzt hast.«
+
+Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin.
+
+Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund!
+Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war
+ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und
+daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit
+erwarten.«
+
+»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.«
+
+»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd.
+
+»Weiter nichts?«
+
+»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines
+Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.«
+
+»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich
+lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von
+der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber
+ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen
+dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein
+Wörterbuch der deutschen Sprache?«
+
+»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als
+Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.«
+
+»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder
+ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen,
+würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.«
+
+Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und
+drückte sie herzlich.
+
+»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab.
+
+Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam
+gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da,
+himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten.
+Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen
+den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des
+Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die
+Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde
+größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die
+Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren
+Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen
+Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da
+weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und
+der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge
+. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich
+Fridolin Frommherz sehr wohl.
+
+»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So
+vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich,
+mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen,
+wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.«
+
+»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen
+Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus
+eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der
+unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.«
+
+»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen
+Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch
+dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie
+nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?«
+
+»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der
+Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte
+Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto
+drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto
+kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund,
+einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer
+Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen.
+Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich
+unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten
+kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen
+Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten
+vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf
+ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein
+Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.«
+
+»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn
+bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe
+daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß
+gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um
+Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich
+unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer
+Entfernung auftauchte.
+
+»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der
+Knaben den unterrichtenden Lehrer?«
+
+»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so
+aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?«
+
+»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den
+Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm
+entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.«
+
+»Das ist viel,« sagte Fridolin.
+
+»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer
+unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze
+unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren
+Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir
+uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan
+seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.«
+
+Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe
+herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten
+eigenen wohltuenden Herzlichkeit.
+
+»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend.
+»Gedeiht dein Werk?«
+
+»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine
+schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu
+tun.«
+
+»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!«
+
+»Ja, die Arbeit macht froh!«
+
+»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?«
+
+»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger
+Eran!«
+
+»Das wird mir Freude sein, junger Freund!«
+
+Weiter rollte der Wagen.
+
+»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd.
+
+»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er
+gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk.
+Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene
+verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und
+dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.«
+
+»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der
+Schwabe.
+
+Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der
+bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch
+eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand
+ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und
+Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der
+Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten
+Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen
+übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich
+an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier
+gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine
+halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem
+Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei
+60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun
+schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des
+Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm
+und bequem machen konnte.
+
+Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der
+ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da
+vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe.
+Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen
+eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang
+und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen
+Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner
+besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen
+zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und
+Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur
+übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die
+Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie
+der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der
+Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren
+bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu
+schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur
+zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die
+marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden
+Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch
+unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter
+erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die
+langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen
+versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben.
+
+Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug
+kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg
+es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden
+ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen!
+Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde
+sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten.
+
+»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des
+Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran.
+
+»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder
+einmal von oben herab schauen.«
+
+Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin
+Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen
+sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen.
+Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten
+Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre
+war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den
+Drückeberger, abgehalten worden.
+
+Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes
+Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar
+gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und
+darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und
+Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte
+sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von
+Gewissensbissen.
+
+Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs,
+als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat.
+Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen
+anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn
+wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der
+Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im
+Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als
+er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten
+zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des
+Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen
+öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten
+Marsiten.
+
+»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr
+zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit
+den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend.
+
+»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde
+zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,«
+sprach Fridolin.
+
+»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,«
+entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder
+zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als
+wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde
+einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich
+auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen
+wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der
+uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in
+diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt
+hatten, riefen wir dich.«
+
+Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es
+lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten.
+Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte,
+empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei.
+Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede.
+
+»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan
+nach kurzem Stillschweigen.
+
+»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz.
+
+»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich
+benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns
+ist die Sache abgetan.«
+
+»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte
+Frommherz.
+
+»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier
+in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns
+nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.«
+
+»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu
+antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich
+euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.«
+
+»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner
+Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder
+hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die
+Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen,
+dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender
+Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.«
+Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich
+zurück.
+
+»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der
+letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte
+Frommherz vor sich hin.
+
+»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?«
+forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln.
+
+»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz.
+
+»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für
+lange Zeit wohl auch das deine sein.«
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+Eine Sisyphusarbeit.
+
+
+Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim
+Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast
+viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus
+lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der
+Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über
+die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See
+einschlossen.
+
+Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von
+der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten
+gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller
+Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit
+farbenprächtigen, duftenden Blüten.
+
+Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans
+holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer
+jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher
+Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen
+gegenüber freundliche Gesinnungen hegen.
+
+Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur
+Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine
+herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt
+werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen
+wäre.
+
+Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich
+entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen,
+jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit
+doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu
+einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug.
+
+Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des
+Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach
+getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung
+Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich
+dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen,
+abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene
+Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und
+nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige
+Lebensauffassung umzuformen begannen.
+
+Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich
+an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung,
+wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im
+allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher
+erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner.
+
+Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta
+stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang.
+Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich
+göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen
+und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie
+bis dahin noch niemals gekannt hatte.
+
+Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und
+reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines
+hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos
+scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem
+Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit
+jeglicher Empfindung.
+
+»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,«
+brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr
+seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus
+der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese
+Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz
+verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen
+Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in
+verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische
+lagen.
+
+Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald
+dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das
+Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer
+der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein
+Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen,
+seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und
+fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei.
+
+Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr
+eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an
+der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er
+einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche
+Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem
+Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede
+tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches
+Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu
+schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm
+manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen.
+Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das
+schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich
+außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn
+über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten,
+die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten.
+Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das
+die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte.
+
+Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde
+auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen,
+Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er
+hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation
+und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der
+Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen
+Muttersprache zuerkannt.
+
+An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom
+Stuhle auf und maß erregt das Zimmer.
+
+»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt,
+wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei
+fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art
+meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine
+Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt,
+so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das
+wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre
+dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über
+die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb
+emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer.
+
+»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola
+zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte.
+
+»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk
+gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße
+schüttelnd.
+
+»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits
+schlecht!«
+
+»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran.
+
+»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.«
+
+»So, so!« lächelte Eran.
+
+»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich
+vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite
+Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.«
+
+»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des
+Erdenalphabetes? Kaum möglich!«
+
+»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz
+betreten.
+
+»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit
+zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst
+du sie denn beenden?«
+
+»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je
+schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade
+seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von
+stattlicher Größe gefüllt.
+
+»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes
+vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin
+Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und
+mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet
+und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug
+verdienen.«
+
+Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber
+wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?«
+
+»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine
+Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an
+Benta dachte.
+
+»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine
+Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt
+nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit
+in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.«
+
+»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang
+. . .«
+
+»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten
+Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein
+Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine
+geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir
+dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen
+will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.«
+
+»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich
+gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war.
+Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in
+wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!«
+
+»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt,
+daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so
+feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.«
+
+Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola
+kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich
+dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten
+Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise.
+
+Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht
+gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn.
+Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle
+geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran
+hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er
+umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des
+Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen?
+Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie
+der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich
+nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte
+eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für
+das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese
+selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als
+ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam
+ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu
+vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte,
+nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so
+schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war.
+
+Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er
+schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine
+Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu
+vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das
+fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig
+gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene
+Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am
+Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß.
+
+»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen
+deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte
+Bentan.
+
+»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte
+gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine
+Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht
+mich frei und fröhlich zugleich.«
+
+»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große,
+unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch
+besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.«
+
+»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um
+an wichtigen Beratungen teilzunehmen.«
+
+»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie
+bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan.
+
+»Worin bestehen diese Berichte?«
+
+»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die
+Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch
+die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten
+wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge
+dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als
+er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du
+wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte,
+im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.«
+
+Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans
+Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen.
+
+»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe
+mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der
+Erheiterung.«
+
+»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer
+gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll
+Harmonie und freudiger Glücksempfindung.
+
+In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das
+Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er
+sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie
+energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten
+beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu
+erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des
+Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des
+Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie
+Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen
+Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße.
+
+»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein,
+»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als
+wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid,
+müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.«
+
+»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere
+geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so
+langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als
+ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr
+verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die
+Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter
+wechselnden Siegen und Niederlagen.«
+
+»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein.
+
+»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure
+vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde
+geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht
+der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die
+Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt,
+jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der
+Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie
+auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den
+basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem
+Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton-
+und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im
+Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia
+gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der
+Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen
+ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der
+Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern
+dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort
+ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren
+Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an
+unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen
+beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet
+und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure
+die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen,
+fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine
+Frage der Zeit.« Bentan schwieg.
+
+»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir
+wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause.
+»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir
+seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der
+Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor
+Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer
+darunter leiden.«
+
+»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen
+wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch
+öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe
+folgen.«
+
+»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere
+Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere
+Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier.
+Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir
+ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer
+gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein
+Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer
+kürzerer Dauer.«
+
+»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?«
+
+»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle,
+daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges
+schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne,
+spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was
+uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser
+Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber
+an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und
+unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles
+Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen,
+inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem
+Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.«
+
+»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll
+Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen
+nachleben!«
+
+»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere
+tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes
+Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die
+Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst
+unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit
+und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige
+Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir
+verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an
+unsere Stelle getreten.«
+
+»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler
+Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis
+geendet hatte.
+
+»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres
+Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der
+Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen
+Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der
+Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der
+klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist,
+daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet.
+Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen
+Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das
+Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können
+ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse
+Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch
+abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein
+sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.«
+
+»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in
+aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten
+Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von
+Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die
+bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen
+lassen.«
+
+»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren
+Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte
+Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht
+und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.«
+
+Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr
+oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem
+der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente
+seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und
+Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner
+Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen
+Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars
+veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt,
+das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang
+war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung.
+Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein
+unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm
+zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren
+gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen,
+war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für
+seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine
+befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er
+damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich
+kannte!
+
+»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das
+Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre
+der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte
+ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet.
+Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der
+Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung
+und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des
+treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren.
+
+Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den
+fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der
+Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht
+nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben
+Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er
+deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre
+zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all
+die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten
+Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz'
+Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger
+er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+Getäuschte Hoffnungen.
+
+
+In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen
+Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von
+Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies
+Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman,
+mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer
+wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer
+Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung
+zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen
+wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem.
+
+Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im
+geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem
+alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen
+Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt
+eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein
+Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten
+Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte
+Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin
+Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend
+schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand
+der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst.
+
+Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung
+leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu
+imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin
+Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim
+gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte
+erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form
+angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch
+die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht
+auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die
+Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden
+ließ!
+
+So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er
+konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen
+Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich
+verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen,
+als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer,
+herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der
+zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden
+war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz
+schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu
+jeglicher ernsten Arbeit.
+
+Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun
+oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere
+neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten
+fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit
+dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine
+Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun
+wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich
+wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen.
+
+Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine
+Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich
+erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit
+wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt
+Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und
+auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden
+lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen
+Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen.
+
+Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen
+Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in
+Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines
+Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan
+selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der
+Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so
+stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben
+als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und
+suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben.
+
+Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine
+Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache
+handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans
+Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die
+Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen
+zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer
+saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend
+mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in
+die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle
+Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als
+fünf Jahre auf dem Mars befand.
+
+»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief
+der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend.
+
+»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd.
+
+»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten
+nicht diese eigenartige Schönheit.«
+
+»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser
+Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.«
+
+»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie
+ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne,
+in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende
+Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!«
+
+»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine
+Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte
+Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der
+Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller
+Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar
+zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in
+Anspruch nehmen.«
+
+»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz.
+
+»Ja, wie du weißt.«
+
+»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.«
+
+»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin.
+Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch
+nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres
+Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich
+wahrnehmbar.«
+
+»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?«
+
+»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig,
+als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte.
+
+»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen.
+
+»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir
+alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die
+große Aufgabe zu lösen suchen.«
+
+»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle
+ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz.
+
+»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich.
+
+»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht
+hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer
+Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite
+angesehen werden.«
+
+»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans
+brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung.
+
+»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur
+möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem
+als euresgleichen gelten.«
+
+»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch
+schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese
+Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich.
+
+»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.«
+
+»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.«
+
+»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.«
+
+»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon
+damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder
+ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger
+Betonung.
+
+»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in
+Generationen fortleben . . .«
+
+»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan
+ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede
+stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?«
+
+»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch
+begriffen worden zu sein.
+
+»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein.
+
+»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.«
+
+»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du
+bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was
+Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden,
+nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich
+mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung
+nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei
+uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns
+hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb,
+weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie
+denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und
+wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen
+Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die
+Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von
+den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch
+genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in
+Angola Vortrag gehalten habt.«
+
+»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches
+unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan,
+manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen
+geschlossen worden sind wie hier oben.«
+
+»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser
+Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend
+lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und
+wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen
+werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner
+Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es
+steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.«
+
+Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das
+Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung,
+nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch
+hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu
+Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer
+definitiven Klärung bringen.
+
+»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den
+Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der
+Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als
+Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung
+empfinde.«
+
+»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und
+rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta
+will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die
+Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden.
+Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon
+gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.«
+
+»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein.
+
+»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten
+wählen.«
+
+»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz.
+
+»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und
+verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes.
+Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über
+deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.«
+
+»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,«
+erwiderte Frommherz wehmütigen Tones.
+
+»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung
+wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir
+sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese
+Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.«
+
+»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta
+über das, was ich dir vorgebracht.«
+
+»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den
+harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern
+mich auch fernerhin an ihm erfreuen.«
+
+»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten
+Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die
+Rechte entgegen, die Bentan innig drückte.
+
+Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner
+ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen
+geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der
+Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+Die Doppelkanäle auf dem Mars.
+
+
+Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch
+behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste
+erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden.
+Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender
+Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen,
+großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu
+Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die
+Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der
+menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und
+Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind
+wie hier auf dem Mars.
+
+Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen
+Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für
+das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die
+jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug
+dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle
+zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste
+Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten,
+natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu
+suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das
+Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle,
+diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie
+bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr.
+
+Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in
+einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren,
+körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der
+Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen
+und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an
+die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank
+der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen
+Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von
+Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den
+bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig
+ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe
+der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten
+durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die
+Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte
+Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah.
+
+In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen
+enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den
+neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf
+wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen
+Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen
+mußte.
+
+Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen
+Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des
+Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen
+schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und
+Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers
+sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei
+seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur
+Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen.
+Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter
+ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle
+nördliche Gegend.
+
+Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am
+Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen
+Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der
+Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen
+ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit
+seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt,
+sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der
+Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige
+Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen
+Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von
+niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der
+weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf.
+
+Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade
+nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone,
+die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die
+Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald
+rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die
+Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber
+getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens
+nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung,
+kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das
+idealste aller Verkehrsmittel.
+
+Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone
+überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die
+Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz
+der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes
+Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle
+Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen
+und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste
+Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter
+man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur
+weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden
+Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne
+Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch
+immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage
+grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand
+isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt.
+
+»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser
+Ziel!«
+
+Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf
+zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf
+einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht
+ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem
+Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies
+auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle
+des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches,
+luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit
+Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden.
+Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand
+gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren!
+
+Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen
+sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz
+am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur
+Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das
+Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war
+gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte
+es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu
+solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen!
+
+»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist
+bereit!«
+
+»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt.
+
+»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.«
+
+Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin
+gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher
+von statten.
+
+Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und
+ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt
+hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend
+grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in
+die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose
+Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem
+Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal
+das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm
+das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der
+Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es
+der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt?
+
+Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges
+erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und
+sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen
+aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner,
+mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine
+Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des
+Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte
+weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln.
+
+Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen
+und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue,
+schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so
+kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine
+Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten
+seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der
+die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt
+keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut
+hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer
+neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art
+Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die
+neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als
+ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und
+an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm
+stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der
+Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und
+regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante
+versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls
+automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die
+Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die
+Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen
+Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten
+Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu
+schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen.
+
+Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde.
+Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas
+Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz
+außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine
+höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er
+selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich
+sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend
+abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall
+nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm
+dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht.
+
+Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis
+zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne
+gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße
+durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen
+zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der
+schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte
+er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen.
+
+»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage
+gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte
+erzählt:
+
+»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres
+Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern
+Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das
+allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die
+Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den
+Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere
+Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der
+Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe
+die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit
+unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe,
+die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit
+guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner
+Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr
+ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch
+der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme
+der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war.
+Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel
+auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er
+so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier
+ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und
+ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder,
+durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb
+im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus
+ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf
+technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu
+lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner
+außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine
+zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und
+du wirst noch viel Großes von ihm schauen.«
+
+Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen
+eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes,
+kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu
+viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an
+sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem
+Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße
+messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest
+seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig
+verlassen hatte.
+
+Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der
+Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner
+Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren
+Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der
+Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück.
+
+Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit
+seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber
+aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster
+der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen
+Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von
+ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort
+wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in
+Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die
+Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon
+mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den
+außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die
+Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die
+größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des
+Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche
+Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des
+öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach
+solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon
+untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber.
+
+»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter
+die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen.
+Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu
+ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop
+einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute
+schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?«
+
+»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.«
+
+»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten
+vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht
+Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!«
+
+»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch
+höherem Maße als bei der Erde.«
+
+»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.«
+
+So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und
+Interessante.
+
+Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert.
+Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der
+Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit
+sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge
+nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und
+Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche
+gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge
+schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern
+wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da
+aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch
+jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial
+einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und
+konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes
+vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der
+Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone
+vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die
+arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge
+Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel,
+der kein Eis kannte.
+
+Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie
+alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der
+Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem
+Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich
+entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines
+geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte
+hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem
+Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem
+Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere.
+Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die
+gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil
+der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem
+Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim
+geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren
+Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers
+und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne
+besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe
+empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern.
+
+Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug,
+waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die
+Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich
+früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so
+kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden
+oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von
+Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie
+ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber
+nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die
+Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht.
+
+Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden
+auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da
+und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst
+leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin,
+bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum
+Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie
+bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank,
+leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf
+war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf
+Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem
+Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn
+es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren
+konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es
+flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren.
+
+Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten
+erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk
+fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war.
+
+Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die
+alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich
+die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen
+Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach
+lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die
+schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben.
+
+Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die
+letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr
+altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem
+Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben,
+mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und
+sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der
+Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten
+aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere
+Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn.
+
+Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben
+geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen
+Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen
+erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf
+dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich
+erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der
+Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die
+Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird,
+auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile
+seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch,
+unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen
+Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte
+Richtung zu geben.
+
+So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner
+Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und
+wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten
+früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit
+geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der
+gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden,
+freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen
+Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral
+und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem
+Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu
+lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt
+hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums
+auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst
+gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem
+Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu
+folgen.
+
+Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an
+Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine
+vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige
+Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes
+der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft
+entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu
+natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola,
+um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner
+Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten.
+
+»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem
+Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war
+auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als
+bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem
+Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten
+purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem
+Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich,
+sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende
+Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern.
+
+Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem
+Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der
+Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur
+Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen
+Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen
+Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine
+Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand
+sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der
+Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier.
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+Ein tapferer Entschluß.
+
+
+An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in
+den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte
+sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der
+Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch
+der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach
+Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung
+ausgesprochen.
+
+Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des
+Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem
+ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden
+Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit
+Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für
+besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein
+Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten.
+
+Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede
+schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe,
+dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun
+seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so
+unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt:
+in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller
+Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der
+Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre
+zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen
+Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat
+mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer
+Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch
+entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen
+Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des
+Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich
+vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken
+vorhanden sein.
+
+»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den
+Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr
+Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die
+Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich
+damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit
+begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure
+Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer
+Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr
+meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte
+in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr
+nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich
+nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz
+seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört
+worden war.
+
+»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir
+wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen
+lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich.
+
+Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als
+er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur
+Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie
+ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen
+Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen
+Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale
+fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß
+er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom
+Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den
+Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die
+an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat
+seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie
+wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er
+sie wiedersehen würde?
+
+In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut
+gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die
+Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz
+nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei
+ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der
+technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß
+er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte.
+
+Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch
+elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als
+er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die
+wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang
+seiner Sache hoffen.
+
+»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein
+Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise
+tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat
+uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren,
+sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein
+Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du
+gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und
+Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme
+der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so
+bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde
+des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu
+uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß
+wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an
+der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange
+vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über
+Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne,
+die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann
+im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von
+Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner
+Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen
+mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft
+aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln
+seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir
+selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf
+der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen
+unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren
+halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert
+unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund!
+Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir
+dir stets bewahren werden.«
+
+Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit
+erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das
+geringste eingebüßt hatte.
+
+»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem
+Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf
+Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine
+lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die
+Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in
+Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin
+ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.«
+
+»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der
+Gelehrte.
+
+»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und
+die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied
+Bentan.
+
+Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit
+Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola
+verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen.
+
+»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde
+überrascht?« fragte er seinen Gastgeber.
+
+»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung
+dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen
+Augenblick gewählt hast.«
+
+»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange
+Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz.
+
+»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.«
+
+»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?«
+
+»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den
+richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns
+auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter,
+fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine
+Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit
+hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.«
+
+»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.«
+
+»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber,
+daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon
+ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die
+möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person
+verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.«
+
+»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber
+trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer
+Rückkehr gefaßt haben.«
+
+»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir,
+lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd.
+
+»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf
+der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe
+und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund
+Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn
+noch durch Musik und Gesang.«
+
+Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach
+sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen
+Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte
+Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang!
+Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes
+und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der
+schwäbischen Erde aus!
+
+Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief
+ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie
+werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen
+langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge
+dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es
+verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.«
+
+»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete
+Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde
+ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen
+Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen
+Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit
+dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war
+eilenden Schrittes im Hause verschwunden.
+
+Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er
+in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas.
+
+»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich
+werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.«
+
+»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der
+Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er
+seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde.
+
+»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.«
+
+»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen
+früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich
+die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche
+für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte
+ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+Vorbereitungen zur Rückkehr.
+
+
+Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem
+alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der
+Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem
+würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich.
+Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der
+Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten.
+Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der
+Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war.
+
+Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in
+jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu
+durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung
+bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die
+großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars
+ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten
+Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der
+Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate.
+
+Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten
+Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von
+Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von
+Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das
+fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in
+Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste
+Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte
+schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger
+Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm
+wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das
+ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf
+der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt
+der Arbeit.
+
+Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der
+Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt
+waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem
+kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln.
+Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft,
+aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein
+Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den
+»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich
+alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen
+zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller
+Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben,
+hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen
+können!
+
+Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System.
+Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher,
+selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim
+»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie
+alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht
+gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die
+in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte
+weit in den Schatten stellten.
+
+Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe
+wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen
+dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum,
+der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des
+Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen
+und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung
+entgegenwirken sollte.
+
+Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was
+eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum
+erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die
+exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb
+der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen
+zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester,
+komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen
+Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung,
+teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im
+Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null
+geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die
+Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die
+praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an
+den Wänden untergebracht.
+
+Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars
+eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die
+sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung
+mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es
+den Namen »Fridolin Frommherz« tragen.
+
+Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt
+worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der
+Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der
+Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran,
+Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug
+sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden.
+Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar.
+
+Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von
+allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel
+wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der
+Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu
+bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen
+verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann
+erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen
+Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine
+nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen
+bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten
+kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen
+Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung
+widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem
+ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner
+Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst
+geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die
+Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten.
+
+Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin
+Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und
+Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie
+vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung
+an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig
+aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit
+fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf
+Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt.
+
+Musik und Gesang schlossen die schöne Feier.
+
+Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all
+ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus
+vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und
+doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren
+Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder
+erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben
+festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem
+Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg
+würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen.
+
+In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück,
+um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen.
+
+Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal
+Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit
+dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein
+Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine
+letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die
+Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in
+pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem
+Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+Auf der Fahrt im Weltraum.
+
+
+Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin
+Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf
+dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt
+worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da
+verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen
+Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und
+funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte
+bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes
+Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände
+das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen
+in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte
+sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden
+auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der
+vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der
+Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing.
+
+Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in
+Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die
+fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete.
+Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach
+Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen
+zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er
+naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen
+Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie
+Zeit in Fülle.
+
+Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal
+durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war
+die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger
+wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die
+Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht
+hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als
+der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die
+Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt
+gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz
+weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender
+geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl
+auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten
+Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte
+Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden.
+
+Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben
+seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm
+größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere
+Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein
+mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick.
+
+»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine
+Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.«
+
+»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja
+so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die
+lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter
+dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht
+genügen.«
+
+»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem
+sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck
+mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da
+plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich
+erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des
+Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem
+Zwecke vorhandenen Behälter flossen.
+
+»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt.
+
+»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin
+Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber
+Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben
+gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser
+Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft
+erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die
+letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem
+verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das
+zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.«
+
+»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh
+erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?«
+
+»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man
+sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge
+natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige
+mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise
+keinen Mangel leiden.«
+
+Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran.
+
+»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte
+er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.«
+
+Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster.
+
+»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der
+Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines,
+festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot
+sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte
+gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune
+Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl,
+leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß
+Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster
+abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker
+Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder
+eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt.
+
+»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören,
+den ebenfalls herbeigekommenen Uschan.
+
+»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso
+leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine
+Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer
+bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen
+Gelegenheit haben.«
+
+»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin.
+
+»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir
+übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen
+wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.«
+
+»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch
+ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?«
+
+»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung
+sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da
+sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat.
+Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur
+ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das
+Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.«
+
+Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können?
+Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten
+Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch
+erscheinen.
+
+»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine
+augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da
+unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen
+»Mars« zu geben?«
+
+Fridolin Frommherz überlegte eine Weile.
+
+»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen
+sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches
+Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in
+solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges
+formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.«
+
+»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des
+Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung
+aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da
+Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit
+Jahrtausenden schon sind sie überwunden.«
+
+»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,«
+sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen
+gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige
+Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.«
+
+ * * * * *
+
+Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten
+unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine
+Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt,
+ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen
+Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin
+Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite
+Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit
+einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden
+zu stiften.
+
+Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und
+erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der
+Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war.
+Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was
+gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das
+Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff
+vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine
+Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen --
+wer vermochte sich das vorzustellen?
+
+Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf.
+
+»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist
+mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.«
+
+Da rief ihn Sirian an das Teleskop.
+
+»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines
+jeden Meteoritenringes.«
+
+Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein
+glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit
+wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem
+sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife.
+Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die
+noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des
+Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob
+keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie
+leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen
+Kometenschweifes sein mußte!
+
+Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter,
+nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die
+Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians
+wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz
+vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete
+sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der
+Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im
+schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er
+leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch
+das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an
+andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah --
+Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von
+ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe
+es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die
+Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes
+Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im
+Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer
+eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen.
+Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche
+Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen?
+
+»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer
+übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel
+bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich
+Interessantes schauen.«
+
+»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch
+außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir,
+Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine
+jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen
+berechnet, die mich schwindeln machen?«
+
+»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr
+nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.«
+
+»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz
+erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und
+Erde die Bahn eines Planeten läge!«
+
+»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr,
+wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.«
+
+»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen
+Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe.
+
+»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese
+Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser
+gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich
+sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein
+riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in
+stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines
+jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren
+Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller
+andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne
+hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt.
+Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen
+Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den
+wir jetzt treffen werden.«
+
+»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag
+mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?«
+
+»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich
+halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden
+zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde.
+Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine
+Atmosphäre eindringen.«
+
+»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt.
+»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!«
+
+»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß
+nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern
+Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der
+unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros
+nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland,
+Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.«
+
+Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich
+wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte
+den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine
+Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre
+wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein
+undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag.
+
+»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder
+übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die
+Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre
+eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!«
+
+Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein
+Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der
+Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs
+viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das
+Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch
+die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze
+einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten
+um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken
+öffneten, etwelche Kühlung.
+
+»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich.
+
+Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel
+eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine
+Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den
+Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so
+klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem
+hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide
+waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß
+die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die
+Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein
+winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während
+sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht.
+
+»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so
+wenig gesehen!«
+
+»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros
+dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um
+seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden
+und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns
+noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.«
+
+Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz
+neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes
+Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide.
+Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren
+Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt,
+drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen
+Halbkugel nicht vorhanden.
+
+Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken.
+
+»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,«
+sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros
+bewohnt ist.«
+
+Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken
+abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner
+dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme,
+andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff.
+Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen
+das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte
+man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe,
+aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es
+waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar,
+das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige
+im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen.
+
+»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach
+Häusern aus.«
+
+»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen
+Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von
+Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen
+Eroswinter errichtet.«
+
+»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns.
+
+»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit
+seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt,
+daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn
+die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht,
+ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen
+Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen
+Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du
+dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und
+etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?«
+
+Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff
+wieder zum Steigen.
+
+»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese
+armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im
+Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung
+zu stehen.«
+
+»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der
+gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin
+Frommherz begeistert.
+
+»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die
+Erositen nicht erklimmen.«
+
+»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die
+schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der
+Weiterentwicklung absprichst?«
+
+»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern
+Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird
+seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend
+Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft,
+verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann
+Eros seine Bahn um das ewige Licht.«
+
+Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine
+Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben
+verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu
+entwickeln!
+
+Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und
+schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu.
+
+Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre
+der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf
+in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel
+plötzlich vom wachenden Uschan geweckt.
+
+»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist
+er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel
+des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden
+suchen.«
+
+Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke.
+
+»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das
+Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner
+gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!«
+
+Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung
+befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend
+Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand
+nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen,
+verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die
+Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom
+Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in
+nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende
+Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von
+Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke
+nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß
+erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft.
+
+»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das
+Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von
+der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden --
+sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später
+verschlingen.«
+
+Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des
+marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt
+hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen.
+In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem
+in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten
+den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und
+erloschen.
+
+Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden,
+daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst
+marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu
+versagen drohten.
+
+Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm
+begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die
+Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel
+seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor.
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+Eine Station auf dem Monde.
+
+
+»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen
+Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt
+sich seinem Ende zu.«
+
+»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin
+Frommherz.
+
+»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.«
+
+»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags
+angekommen wären?«
+
+»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage
+bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige
+Mondnacht!«
+
+Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche
+überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen
+schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des
+Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte
+strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen
+hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze
+Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz
+erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen,
+aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da
+türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler,
+übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz
+und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen
+nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser,
+nach einer Spur von Grün.
+
+Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit
+landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs
+eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste,
+glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine,
+dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum
+Halse, wo sie fest geschlossen wurde.
+
+»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft
+zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den
+Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen.
+Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch
+schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig
+sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da
+bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung
+noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten
+verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine
+Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge,
+die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte,
+eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um.
+Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos,
+darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum
+zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von
+glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten.
+Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am
+Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus
+gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet!
+
+»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage
+sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre
+Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die
+eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war
+Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein
+Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte
+kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die
+Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der
+Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad.
+
+»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der
+Erdensohn.
+
+Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und
+photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar
+nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich
+nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er
+auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite
+wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis
+seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er
+freundlich:
+
+»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?«
+
+»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt
+ist; aber keiner von euch antwortete mir.«
+
+»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd.
+
+»Ihr konntet nicht?«
+
+»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und
+wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.«
+
+»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich
+gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.«
+
+»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich
+langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich
+meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin
+eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist
+aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die
+Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft
+beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist,
+die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch
+Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem
+Mangel an Luft.«
+
+Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der
+Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben
+der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so
+heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein
+Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod
+überall.
+
+Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den
+nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es
+war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend
+Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne
+Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der
+höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie
+leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern,
+beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in
+kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne
+Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die
+mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen
+hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer
+aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war
+ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so
+viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu
+leicht.
+
+Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen
+Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da
+gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine
+dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten
+Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben!
+
+Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer
+durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von
+Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte
+hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher
+schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr
+zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich,
+ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang,
+war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem
+Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne
+zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so
+wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der
+Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien.
+
+Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine
+Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die
+Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung
+zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde.
+
+Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein --
+ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten
+so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat.
+Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch
+fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim
+Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die
+gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die
+Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige
+Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen
+oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder
+vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In
+einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der
+Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen,
+über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner
+Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen.
+Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der
+Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen
+gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das
+Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das
+Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit
+einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an
+schwere Gegenstände an.
+
+»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken.
+
+»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche
+Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in
+schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir
+Marsiten es noch nie erlebt haben.«
+
+Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes
+plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt
+zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein
+fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz
+erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren
+Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten.
+
+Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische
+Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn
+Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über
+seine Hände.
+
+Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten
+die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters.
+Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten
+Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis
+der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die
+Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem
+Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen.
+Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die
+Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel
+in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die
+sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht
+werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis.
+
+»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den
+vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein
+einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen
+kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch
+was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese
+herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers
+bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr
+bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die
+durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und
+Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen
+Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem
+zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser
+Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.«
+
+Fridolin Frommherz nickte.
+
+»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft,
+den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit
+ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.«
+
+»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und
+es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es
+jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht
+nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft
+verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen.
+Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr;
+andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. --
+Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt!
+Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten
+Atmosphäre.«
+
+Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim
+ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+Die drei Freunde.
+
+
+Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres
+Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es
+waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum,
+die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft
+feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren
+Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige,
+idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars
+hatten führen dürfen.
+
+Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die
+Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem
+Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit
+abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur
+nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der
+Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus
+sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich
+für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein
+merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu
+bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte
+Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die
+hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu
+tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das
+Spiel des blinden, launischen Zufalles war.
+
+Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu
+blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum
+noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es
+ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr
+verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars
+ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt
+worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren
+die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner
+Huldigung.
+
+Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise
+der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche,
+brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als
+ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger
+verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die
+sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung
+zu tragen.
+
+In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit
+ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch
+nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise
+gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der
+Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph,
+und Parazelsus Piller, der Arzt.
+
+In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei
+Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses
+beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg
+bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort
+waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so
+behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine
+tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen
+Gedanken beschäftigt.
+
+»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen
+Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel
+betrachtete.
+
+»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller
+lächelnd.
+
+»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf
+Brummhuber ein.
+
+»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber
+Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft.
+
+»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen
+Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage
+euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen
+im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich
+hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich
+interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der
+Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.«
+
+»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,«
+lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige
+Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn
+der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?«
+
+Der Angeredete nickte lächelnd.
+
+»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,«
+erwiderte Piller finstern Tones.
+
+»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne
+Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer
+langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.«
+
+»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller.
+
+»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen
+Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir
+scheint.«
+
+»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber.
+
+»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller,
+bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle
+genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.«
+
+»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete
+Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte,
+den gewünschten Wein herbeizubringen.
+
+Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten
+Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine
+Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen
+feingeschnittenen Kopf.
+
+»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser
+Beleuchtung erblickte.
+
+»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,«
+bestätigte Brummhuber.
+
+»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen
+Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst:
+
+»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter
+geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und
+fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit
+tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du
+könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola
+eintreten.«
+
+»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei.
+
+»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der
+Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre
+der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin.
+
+»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller.
+
+»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,«
+als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen
+Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend.
+
+Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt
+waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck
+der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des
+Antrittes unserer Weltenreise.«
+
+Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem
+Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief:
+»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem
+Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas.
+
+»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein
+Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber.
+
+»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden
+verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas
+austrank.
+
+»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?«
+schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um
+sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen.
+
+»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,«
+versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt,
+jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß
+er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.«
+
+»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller.
+»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch
+besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur
+Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.«
+
+»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde
+einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr
+entworfen haben,« knurrte Piller.
+
+»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein.
+
+»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir
+den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller.
+
+»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt
+die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!«
+
+»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir
+geblieben ist,« verwies ihn Stiller.
+
+»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund
+Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller.
+
+»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten
+Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.«
+
+»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig
+verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann
+auch ich mit dem Dichter sagen.«
+
+»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und
+eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum
+grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und
+die Klingel ziehend.
+
+»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte
+Piller.
+
+»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!«
+
+»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt
+der edle Wein mein ganzes Ich.«
+
+»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen
+Betonung mehr.«
+
+»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.«
+
+»Hoffe es auch sonst immer zu sein.«
+
+»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.«
+
+»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.«
+
+»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller.
+
+»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese
+hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume
+dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt
+versöhnungsvoll,« entgegnete Piller.
+
+»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die
+Schulter.
+
+»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!«
+
+»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller.
+
+»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei.
+
+Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten
+zu werfen.
+
+»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste.
+
+»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so
+hübsch träumen.«
+
+»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder
+dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du
+selbst.«
+
+»Wie meinst du das?«
+
+»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.«
+
+»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so
+wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber.
+
+»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei.
+
+»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen
+mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne,
+poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große
+Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!«
+
+»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete
+Piller trocken.
+
+»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete
+Stiller.
+
+»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem
+Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends
+in dem Palaste der Weisen in Angola?«
+
+»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise.
+
+»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher
+gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese
+mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr
+hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des
+Schmerzes, diese Entgegnung Pillers.
+
+»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch
+diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf
+ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend.
+
+»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh
+nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch!
+Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten
+verfolgen.«
+
+»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche
+und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der
+Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals
+erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt.
+
+»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu.
+
+»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir,
+Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet
+werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige
+Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.«
+
+»Sehr wahr!« warf Piller ein.
+
+»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie
+von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der
+Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese,
+bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die
+naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird
+sich der Dumme breitmachen können.«
+
+»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale
+entfernt.«
+
+»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen,
+so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest.
+So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der
+Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste
+benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der
+härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben
+Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir
+da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System
+alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest
+verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine
+herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen.
+Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein
+Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache
+muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine
+Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise
+das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen
+gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu
+seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines
+wirklichen Menschen Anspruch erhebt.«
+
+Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden
+Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war
+auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen.
+
+»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der
+zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs
+Fenster geworfen hatte.
+
+»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem
+Beispiele Brummhubers gefolgt war.
+
+»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der
+Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein
+Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu
+betrachten.«
+
+»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde.
+
+»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon
+seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.«
+
+Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das
+große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen
+Weltkörpers begann.
+
+»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund,
+nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen.
+
+»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich
+bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.«
+
+»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?«
+
+»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig
+die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das
+existierte doch noch nicht, als wir oben waren.«
+
+»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für
+dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.«
+
+Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst.
+
+»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob
+die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen
+wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung.
+
+»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme
+Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf
+dem Mars besprechen.«
+
+In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes
+Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu
+gemütlicher Plauderei zurück.
+
+»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,«
+bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend.
+
+»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber.
+
+»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer
+Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen
+Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.«
+
+»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller
+überrascht ein.
+
+»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine
+möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.«
+
+»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber.
+
+»Ich glaube, ja!«
+
+»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.«
+
+»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom
+Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu
+große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort
+oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener
+Anschauung kennen gelernt haben.«
+
+»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre
+fort.«
+
+»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind
+neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als
+überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles
+ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf
+dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der
+Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit
+wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.«
+
+»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde
+aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die
+Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich
+die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?«
+
+»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars
+selbst gehört habe,« antwortete Stiller.
+
+»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir
+geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit
+aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber.
+
+»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von
+dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine
+Wohl ausführen.«
+
+»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller.
+
+»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber.
+»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.«
+
+»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen.
+Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und
+Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern
+Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den
+stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen
+konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar
+geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen
+Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten
+vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein
+Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?«
+
+Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig
+schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er.
+
+»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend.
+
+»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!«
+
+»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das
+Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es
+dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis
+der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung
+unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir
+des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben,
+bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen
+Vervollkommnung.«
+
+»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir
+für heute wenigstens den letzten Trunk!«
+
+»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag
+ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.«
+
+»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein
+vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich
+schlürfen. Prosit!«
+
+
+
+
+Elftes Kapitel.
+Wieder auf der Erde.
+
+
+Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume
+und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales.
+Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll
+Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des
+östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken
+begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen
+da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied;
+die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander
+zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft
+die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben
+plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ.
+
+Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig
+gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals
+vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu
+zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des
+Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte
+meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige
+Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung
+durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden.
+
+Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus,
+war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt
+worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer
+Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das
+Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im
+Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken.
+
+Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem
+sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte.
+Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend,
+die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte
+gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der
+sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen
+Eisengitter umgeben war.
+
+Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene
+Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den
+Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken
+stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die
+eingemeißelten und vergoldeten Worte:
+
+ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE
+EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS
+DANKBARE VATERLAND.
+
+Auf der zweiten Seite war zu lesen:
+
+VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN
+MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D.
+DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ.
+
+Die dritte Seite trug die Mitteilung:
+
+NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM
+MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT
+ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . .
+
+Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die
+Rede. Frommherz las:
+
+ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER
+SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ.
+
+»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz
+vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet
+hatte.
+
+»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens
+vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind.
+Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.«
+
+Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl
+Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren
+und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare
+Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte?
+Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu
+fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück.
+
+In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen
+ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg
+und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem
+Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben
+gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung
+in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten
+menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er
+sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos
+daherschreitenden Frommherz.
+
+»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern
+Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes
+auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen
+Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen
+Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte
+sich in drohendster Weise.
+
+»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob.
+
+»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel.
+
+Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des
+Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er.
+»Also nochmals, woher kommen Sie?«
+
+»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd.
+
+Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen.
+
+»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,«
+mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des
+Gelehrten in das Verhör.
+
+»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann
+etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser
+Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein
+finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens.
+
+»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter.
+
+»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!«
+
+»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre
+Ausweispapiere?«
+
+»Ich führe keine bei mir.«
+
+»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir
+zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad.
+
+»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem
+grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch
+so recht heimatlich.
+
+Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung
+Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines
+Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig
+gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln.
+
+»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor
+sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer,
+verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte.
+
+»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil
+schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem
+Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.«
+
+Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in
+aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der
+Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke
+begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen
+haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus.
+
+Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren,
+blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der
+Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit
+war, das Verhör begann.
+
+»Ihr Name?«
+
+»Fridolin Frommherz.«
+
+»Geboren?«
+
+»26. September 19 . .«
+
+»Wo?«
+
+»In Cannstatt.«
+
+»Beruf?«
+
+»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.«
+
+»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit
+entsprechende Angaben zu machen.«
+
+»Für mich ganz selbstverständlich!«
+
+»Letzter Aufenthaltsort?«
+
+»Lumata.«
+
+»Lu--Lu--Lu--ma--mata?«
+
+»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz.
+
+»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?«
+
+»Auf dem Mars.«
+
+»Mars? Was ist denn das für ein Land?«
+
+»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer
+von ihr entfernt.«
+
+»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr
+Grobschmiedle auf.
+
+»Durchaus nicht, mein Lieber.«
+
+»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar.
+
+»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.«
+
+»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann
+Dietrich ein.
+
+»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen
+Untergebenen an.
+
+»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz.
+
+»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär
+zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben
+sich dementsprechend zu benehmen.«
+
+Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln.
+
+»Warum lachen Sie?«
+
+»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr
+als vierzehnjähriger Abwesenheit.«
+
+»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die
+Bemerkung Frommherz' zu beachten.
+
+»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.«
+
+»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die
+Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen
+Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.«
+
+»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre
+Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte.
+
+»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?«
+
+Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich
+Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete.
+
+»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in
+Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit.
+Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf
+ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen.
+Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die
+Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper
+empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit,
+ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an
+Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur
+umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen,
+sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich
+aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden
+kann.«
+
+Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da
+hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt.
+Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine
+kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter
+dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär
+erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete
+Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an
+manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und
+äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene
+Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten
+ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten
+eingetragen.
+
+Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel
+stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen
+konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht
+einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte.
+
+»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,«
+erklärte er endlich nach längerer Überlegung.
+
+»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche
+zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,«
+entgegnete Frommherz bestimmten Tones.
+
+»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?«
+
+»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte
+seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke
+aufbewahrt hatte.
+
+»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle
+auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden
+erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu.
+
+Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier:
+»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier
+gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen
+befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend.
+Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten.
+
+Herzlichen Freundes- und Brudergruß
+Fridolin Frommherz.«
+
+»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär.
+
+»Ich habe noch eine kleine Bitte!«
+
+»Was soll's sein?« brummte der Beamte.
+
+»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen
+gestatten?«
+
+»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche
+gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des
+Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte.
+
+Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes
+frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen
+verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren
+gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein
+Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat
+hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde
+hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller.
+
+»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner
+Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll
+freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen.
+
+Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten
+Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über
+den seinem Freunde angetanen Schimpf.
+
+»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich
+geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?«
+wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!«
+
+»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu
+entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber
+Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden.
+
+»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann
+gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte,
+der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde
+zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre
+hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller
+heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann
+wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche
+steht!«
+
+»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine
+Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen
+über die Sache.«
+
+»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und
+verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller.
+
+Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete
+erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat
+und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da
+schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig
+zugänglichen Polizeibeamten.
+
+»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller.
+
+»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz.
+
+»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und
+besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an
+dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter
+Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller.
+
+»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd.
+
+Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts
+schönsten Ort.
+
+Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in
+ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der
+Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe
+von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge
+gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt
+worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder
+entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es
+hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch
+zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das
+Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte.
+Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten
+Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches
+Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei
+gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten
+Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen
+den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte
+Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne.
+
+Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal
+niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von
+neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von
+Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um
+Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen
+und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen.
+
+»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir
+würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen
+haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige.
+
+»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr
+meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und
+Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir
+schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft
+anzuzeigen.«
+
+»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es
+gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz,
+Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes
+unverhoffte Rückkehr.«
+
+Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich.
+
+»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der
+Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser
+Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.«
+
+»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen.
+
+»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig
+miteinander sprechen.«
+
+»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun
+auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für
+die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren
+damit einverstanden.
+
+»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,«
+erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr
+ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten
+wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was
+machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?«
+
+»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber.
+
+»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!«
+
+»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde
+des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte
+Stiller.
+
+»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich
+oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller.
+
+»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das
+gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug
+mit aller Sicherheit landen konnte.«
+
+»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?«
+
+»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans
+Neffe.«
+
+»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der
+Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner
+weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten,
+woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten
+fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große
+Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden
+Verschwinden!« urteilte Piller.
+
+»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt,
+gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz
+seine Begleiter.
+
+»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber.
+
+»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete
+Frommherz.
+
+»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,«
+fügte Stiller hinzu.
+
+»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt.
+
+»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von
+Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und
+wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung
+schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller.
+
+Die Herren lachten.
+
+»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde
+Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.«
+
+»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber.
+
+»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.«
+
+»Nur?«
+
+»Lange genug, trotzalledem.«
+
+»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem
+Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen,
+und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen.
+
+»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?«
+fragte Stiller herzlichen Tones.
+
+»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu
+bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit,
+Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden,
+wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein
+werden.«
+
+»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns
+danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller.
+
+»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben
+seid.«
+
+»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer
+Meinung,« entgegnete Brummhuber.
+
+»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer,
+veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen,
+schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund
+Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch
+zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem
+ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu
+dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem
+gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern,
+daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch
+beging, wieder gut zu machen suchte.«
+
+»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der
+Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt
+hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.«
+
+»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß
+Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu
+eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der
+schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.«
+
+»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber
+ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für
+immer hier unten bleiben müssen.«
+
+»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber
+ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist,
+wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war
+schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir
+ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht
+genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen
+befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz.
+
+»Das stimmt,« bestätigte Piller.
+
+»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars
+Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar
+trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes
+nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als
+alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke
+selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz
+der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer
+Freunde.«
+
+»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in
+Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes
+Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene
+unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch
+atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen
+Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige
+Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller.
+
+Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es
+möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben
+scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die
+wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die
+mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen
+vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und
+auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.«
+
+Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte
+er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne
+niemals gehört.
+
+»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars
+in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten
+Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte.
+
+»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber.
+
+Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger
+anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an
+ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier
+Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die
+Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs
+zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun
+Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug.
+
+»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere
+Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller.
+
+»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,«
+lobte Frommherz.
+
+Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an
+Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab.
+
+»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller.
+
+Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite
+Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die
+weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger
+anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen
+Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen
+die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den
+Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der
+blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die
+Hand.
+
+Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes
+Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die
+Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit
+Jubel angenommen wurde.
+
+»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie
+hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor.
+
+Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung
+fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren
+berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im
+Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über
+die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der
+Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den
+Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich
+ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu.
+
+»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich
+vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz.
+
+»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals,
+als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber.
+
+»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,«
+bemerkte Stiller.
+
+Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen
+in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer.
+
+»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich
+stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund
+Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,«
+lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie
+früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber
+Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns
+wiedergeschenkten Freundes leeren.«
+
+Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte
+langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe
+sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da
+begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen.
+
+»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher
+eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber.
+
+»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller.
+
+»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte
+Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken
+lauten Willkomm bieten.«
+
+»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber.
+
+Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es
+. . .
+
+Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im
+Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden
+Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die
+da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des
+Landschaftsbildes still genossen.
+
+»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und
+machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer
+feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten.
+
+»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller.
+
+»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,«
+äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute
+fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.«
+
+»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am
+liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem
+Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.«
+
+»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang
+und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich
+verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller.
+
+Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da
+durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche
+Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied:
+»Des Vaterlandes Gruß.«
+
+Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen
+Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten.
+Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte,
+unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald
+entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein
+Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der
+Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts,
+der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender
+Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens.
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel.
+Fromme Wünsche.
+
+
+Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den
+Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten,
+saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem
+Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die
+Presse sollte es leider nicht abgehen.
+
+Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine
+Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den
+Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen
+Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher
+gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann
+zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist
+selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten
+die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst
+vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern
+gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen
+Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte.
+Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man
+sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen.
+
+Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er
+seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion
+erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein
+vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das
+sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch
+nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen
+Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt
+sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland
+vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen
+wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der
+Artikel.
+
+Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar
+nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten
+Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den
+Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu.
+
+»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das
+Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine
+besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt
+doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen
+bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu
+sein.«
+
+Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man
+zertreten sollte,« schimpfte er.
+
+»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,«
+antwortete Stiller.
+
+»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.«
+
+»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen
+Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es
+tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser
+fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier
+gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.«
+
+»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde
+als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die
+Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit
+kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.«
+
+»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller.
+
+»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum
+Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit
+von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und
+Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des
+Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte
+fort, Fridolin,« bat Stiller.
+
+Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre
+auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien,
+wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten
+Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die
+Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm
+zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und
+Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem
+Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle
+dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem
+Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt.
+
+Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser
+gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten.
+
+»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle
+aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir,
+Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor
+wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem
+selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte
+Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.«
+
+»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber.
+
+»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen
+Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!«
+
+Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit
+mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem
+Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch
+von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller
+begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm
+gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie
+Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle
+getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter
+Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf
+das günstigste aufgenommen worden sei.
+
+»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst
+zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich
+eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem,
+ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten,
+besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten
+Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat
+der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte.
+
+Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug
+in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem
+Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt
+in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das
+ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug
+durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch
+auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal
+eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die
+Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend
+kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in
+der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte.
+In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem
+Wasen abgesetzt.«
+
+Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung
+beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten
+Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten
+der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem
+Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben,
+nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich,
+unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt,
+der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten
+lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst
+vorzeitig in die Grube gefahren.
+
+Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort
+und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und
+den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge
+aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die
+ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um
+alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter
+Weise zu leben.
+
+Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem
+engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem
+Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur
+Angliederung anziehen werde.
+
+Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem
+Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen
+Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von
+zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu
+sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und
+Adolf Blieder.
+
+»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte
+Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte.
+
+»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor
+euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart
+sagen, was sie von mir wollen.«
+
+»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie
+eintreten.«
+
+Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich
+sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten
+Stiller freundlich.
+
+»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz,
+der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller
+vor.
+
+»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz
+verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ.
+
+»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller.
+Die Herren folgten der Einladung.
+
+»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das
+Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf
+deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.«
+
+»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht
+auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber
+Blieder,« korrigierte Stiller.
+
+»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?«
+
+»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd.
+
+»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe.
+
+»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz
+wegen rechte Sorgen.«
+
+»Wieso?« fragte Stiller erstaunt.
+
+»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige
+Sache.«
+
+»Eine Änderung?«
+
+»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des
+Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.«
+
+»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?«
+
+»Ja!«
+
+»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller.
+
+»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder.
+
+»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte
+Piller nicht ohne Hohn.
+
+»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es
+handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die
+einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach,
+wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein
+verändertes und unschönes Aussehen zu geben.«
+
+»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob.
+
+»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel
+fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag
+dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht
+lebhafte und unangenehme Debatten.«
+
+»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller
+lächelnd.
+
+»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.«
+
+»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller.
+
+»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit.
+
+»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones.
+
+Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der
+beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken
+verloren.
+
+»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um
+Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger
+Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht
+gehen?«
+
+»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es
+getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir
+jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen
+zu sein.«
+
+»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten
+Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen
+Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies
+ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren
+erlebt, nicht wahr?«
+
+»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen.
+
+»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus
+Stiller,« rief Piller.
+
+Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf
+Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem
+spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten
+sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen.
+
+»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,«
+äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten.
+
+»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den
+Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.«
+
+»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen.
+
+»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit
+paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und
+Blieder nicht gänzlich frei.«
+
+»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht,
+darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend
+für uns.«
+
+Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben
+aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der
+Graf von Neckartal.
+
+»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter.
+»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten
+Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum
+Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte
+der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus
+eintretend.
+
+»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich
+bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort,
+als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die
+Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter
+hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei
+wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen!
+Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im
+ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.«
+
+»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas
+vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle
+Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.«
+
+»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch
+hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes
+von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden.
+Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten
+Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den
+Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese
+merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.«
+
+»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich
+habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des
+Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.«
+
+»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug
+bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt
+wurde.«
+
+»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz.
+
+»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt
+komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf
+fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die
+Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das,
+was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls
+Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde
+gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.«
+
+»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,«
+antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?«
+
+»Um acht Uhr in der Liederhalle.«
+
+»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?«
+
+»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem
+Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung.
+
+»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für
+Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal.
+
+»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine
+Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war.
+
+»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz
+lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine
+Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen
+gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären
+übrig.«
+
+»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit
+entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans,
+ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach
+augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun
+laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur
+streifen!«
+
+Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich
+bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn
+Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts
+bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen
+empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem
+Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen.
+
+Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer
+scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels.
+Nun erhielt Frommherz das Wort.
+
+»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an.
+»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir
+geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren
+gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie
+von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht
+begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die
+mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei
+etwas weiter ausholen.
+
+Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität
+in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und
+treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu
+unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in
+ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer
+Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes
+Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine
+Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein
+künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen
+Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden
+individuellen Selbständigkeit.
+
+Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des
+Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger
+wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge
+wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute
+gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln.
+
+Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten
+Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit
+für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper
+und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der
+Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur
+unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es
+wahrscheinlich auch noch heute ist.
+
+Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen
+Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des
+Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war
+unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter
+Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr,
+und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren
+Willen, zurück.
+
+Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip
+des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es
+verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine
+gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten
+Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt.
+Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und
+körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich
+selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem
+Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche
+Rolle spielt.
+
+Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der
+Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl
+aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare
+Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem
+Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und
+Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und
+gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die
+Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet.
+
+Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf
+dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die
+mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen,
+egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den
+Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So
+entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder
+vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu
+arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich
+frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir
+oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens,
+der Nächstenliebe.
+
+Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren
+Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit
+das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral
+auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden,
+dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen
+liegt.
+
+So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund
+mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den
+Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung
+des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium.
+
+Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die
+Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche
+Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich
+achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen
+Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet
+hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz
+gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig
+merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden,
+die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen.
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+
+Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41523 ***