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Eine Station auf dem Monde 89 +Zehntes Kapitel. Die drei Freunde 98 +Elftes Kapitel. Wieder auf der Erde 112 +Zwölftes Kapitel. Fromme Wünsche 134 + + + + + + + + +Erstes Kapitel. +Der Erdensohn auf dem Mars. + + +Phobos und Deimos, die beiden Marsmonde, hingen leuchtenden Kugeln gleich +am nächtlichen Firmamente, der eine aufgehend, der andere bereits zum +Untergange geneigt. Die sternklare Nacht war von märchenhafter Pracht und +Schönheit. Tiefer Friede lag über den weiten Marslanden, die ein einsamer +Erdensohn gedankenvoll durchwanderte. Wie war er hierher gekommen? +Augenblicklich mochten es gegen zweihundert Millionen Kilometer sein, die +ihn von seiner Mutter Erde, von seiner deutschen Heimat, von den Freunden +in Tübingen, der Stätte seines einstigen akademischen Wirkungskreises im +lieben Schwabenlande, trennten. Wie war er hierher gekommen nach dem fernen +Bruderplaneten seiner irdischen Mutter? Fast wie ein Märchen dünkte ihn +jetzt in der Erinnerung die vor drei Jahren von sieben Tübinger Gelehrten +unternommene kühne Forschungsreise durch den Ätherraum, die Qualen des +monatelangen Aufenthaltes in der engen, fest geschlossenen Gondel ihres +kunstvoll gebauten Luftschiffes, die Gefahren, die die tollkühne Reise im +Gefolge gehabt, die Erreichung des Zieles im letzten kritischen Augenblick +. . . + +Der Erdensohn, Fridolin Frommherz, der ehemalige Professor der Theologie +und Moralphilosophie an der Universität Tübingen, strich sich mit der Hand +über die gedankenschwere Stirn. War das alles vielleicht nur ein toller +Traum, der ihn neckte? Aber nein, da standen strahlend die beiden Monde, +die ihrer Nähe wegen so viel größer erschienen und in Wirklichkeit doch so +viel kleiner waren als der Trabant der Erde. Viel hundertmal hatte er schon +ihre wunderbare Schönheit staunend betrachtet und sich doch nicht satt +daran gesehen. Und dort jener besonders helle, rötlich strahlende Stern -- +das war die Erde, die ferne Heimat. Fridolin Frommherz nickte dem Sterne +zu. + +»Ich grüße dich, Mutter Erde! Ich grüße euch, ihr heimgekehrten Freunde! Ob +ihr wohl euer Ziel glücklich erreicht habt? Nie werde ich es erfahren. +Hätte ich mich doch nicht von euch trennen sollen? Siegfried Stiller, du +bester der Freunde, du wolltest es nicht, aber ich konnte ja nicht anders! +Nein, wirklich, ich konnte es nicht verlassen, dieses Paradies, in das wir +den Weg gefunden! Dachte ich zurück an all das Erdenelend, die Lüge, den +Eigennutz, den rohen Kampf ums Dasein, -- mir graute vor einer Rückkehr in +so barbarische Verhältnisse, nachdem ich eine Kultur kennen gelernt, deren +Höhe ich früher kaum geahnt hatte. Nein, hier soll meine Heimat sein, hier +auf dem Lichtentsprossenen, wie die Marsbewohner ihren Planeten so schön +nennen! Im Lichte will ich leben, nicht im Erdendunkel!« + +Fridolin Frommherz hatte während seines Selbstgespräches nicht bemerkt, daß +sich ihm ein Greis in langem Silberhaar genaht. Da legte sich eine Hand auf +seine Schulter, und eine Stimme voll tiefen Wohllautes fragte: »Nun, mein +Freund, schon wieder im Selbstgespräch auf einsamer nächtlicher Wanderung? +Quält dich das Heimweh nach der Erde?« + +»Nein, nein!« beeilte sich der Erdensohn hastig zu versichern. »Hier will +ich leben, im Lande meiner Wahl! Hier, würdiger Eran, ist das Paradies!« + +»Nun,« meinte der Alte mit feinem Lächeln, »etwas scheint dir doch im +Paradiese zu fehlen. Woher sonst dieses ruhelose Wandern, dieses +auffallende Meiden deiner neuen Brüder? Wie gern weiltest du früher, als +deine Erdenfreunde noch auf unserm Lichtentsprossenen wandelten, in meinem +Hause! Jetzt treibt dich etwas hinaus, das dir auch draußen keine Ruhe +läßt. Willst du mir nicht anvertrauen, was dich quält?« + +Während dieses Gespräches waren sie langsam weitergeschritten, die beiden +eigenartigen Gestalten, der hochgewachsene Greis im silberweißen Haar, mit +dem edel geformten Antlitz, und der kaum halb so alte Erdensohn mit den +weichen Zügen. Unter seinen Landsleuten hatte er für groß gegolten, seinem +Gastfreunde aber reichte er kaum bis an die Schulter. Beide trugen das +lange, weiße Faltengewand der Marsiten. Langsamen Schrittes näherten sie +sich Lumata, der Stadt, der Eran als Ältester vorstand. + +Fridolin Frommherz schwieg eine Weile. Endlich sagte er beklommen: »Du +selbst, würdiger Eran, gabst mir einst zu verstehen, daß du mein +Hierbleiben nicht billigtest. Aus den Blicken deiner Genossen las ich +dasselbe Urteil. >Ein jeder gehört an den Platz, an dem er etwas zu leisten +vermag,< sagt ihr. >Man lebt nicht sich allein, sondern auch der +Gesamtheit.< Ihr münztet diese Worte auf mich und die Erde und fandet es +unrecht, daß ich meine Freunde allein ziehen ließ. Ich aber hatte nur den +einen Wunsch, bei euch zu bleiben. Ich möchte ein nützliches Glied eurer +Marsgemeinde werden. Wenn mir nur jemand dazu helfen wollte!« + +»Gewiß hast du recht: es ist zielbewußte, nutzbringende Arbeit, die dir +fehlt,« erwiderte der Greis. »Aber hast du uns denn bisher darum +angegangen?« + +»Nein, das nicht! Aber du versprachst mir, nach Angola, an den Hauptsitz +eures Stammes der Weisen, über mein Hierbleiben zu berichten. Von dort aus +hoffte ich mein künftiges Leben geregelt zu sehen. Monate sind darüber +verflossen. Noch weiß ich nicht einmal, ob der hohe Rat den Fremdling in +euern Gefilden dulden wird, und quälend lasten die Ungewißheit und dieses +tatenlose Dasein auf meiner Seele.« + +»Die Antwort aus Angola ist eingetroffen. Um dir dies mitzuteilen, habe ich +dich aufgesucht.« + +Mit einem Ruck blieb Fridolin Frommherz stehen. Lebhaft wandte er sich dem +Greise zu, als er fragte: »Und wie lautet diese Antwort?« + +»Du möchtest nach Angola kommen.« + +Enttäuscht sah der Erdensohn vor sich hin. »Ist das alles? Braucht man fünf +volle Monate Zeit, um eine so kleine Botschaft zu senden?« wollte er sagen, +aber er besann sich eines Bessern und schwieg. Wenn die ernsten, +ehrwürdigen Greise, die dem Stamme der Weisen angehörten und den Rat der +Alten, die oberste Behörde des Marsvolkes, bildeten, wenn diese etwas +taten, so war es wohl erwogen und tief begründet. Ihm ziemte kein Mäkeln. +Zu deutlich aber malte sich die Enttäuschung in seinen Zügen. + +»Wir werden schon morgen früh reisen,« sagte Eran freundlich. + +»Du begleitest mich?« fragte Fridolin Frommherz voll Freude. + +»Ja, mein Freund. Du weißt, daß ich selbst im Rate der Alten sitze. Nun +aber komm und pflege noch ein paar Stunden der Ruhe. Sieh, wir haben +bereits Lumata wieder erreicht.« + +In der Tat tauchten die ersten weißschimmernden Häuser der Stadt vor den +nächtlichen Wanderern auf. Sie standen nicht aneinander gereiht, sondern +vereinzelt inmitten wohlgepflegter Gärten, umgeben von Beeten mit duftenden +Blumen und Bäumen mit myrten- und lorbeerähnlichen Blättern. Süßer +Wohlgeruch erfüllte die Luft. Die Häuser waren meist einstöckig und hatten +flache Dächer. + +»Gute Nacht, Freund Fridolin!« sagte Eran, als sie dessen Behausung +erreicht hatten und die breiten Marmorstufen zur säulengetragenen Vorhalle +emporstiegen. »Ich werde dich morgen beizeiten rufen lassen. Unser Weg ist +weit.« + +»Gute Nacht, Eran! Hab' Dank!« + +Sie trennten sich beim Eintritt ins Haus, doch lange noch lag der Erdensohn +wach auf seinem bequemen Lager. Er wurde das quälende Unbehagen, das ihn in +den letzten Wochen und Monaten verfolgt hatte, auch jetzt nicht los. Immer +wieder stand ihm die irdische Heimat vor Augen und die Zeit, da er hierher +gekommen war. Ihrer sieben waren sie gewesen, lauter gelehrte Professoren +der Tübinger Universität. >Die sieben Schwaben< hatten sie sich oft im +Scherze genannt. Ein Schwabe war der Erfinder ihres Luftschiffes gewesen, +ein Schwabe hatte das neue, leichte Gas zur Ballonfüllung entdeckt, wodurch +erst eine Reise außerhalb der Erdatmosphäre ermöglicht wurde. Schwaben +waren als die Ersten mit dem merkwürdigen Luftschiffe aufgestiegen, hatten +als die ersten Erdgeborenen den weiten Ätherraum durchfurcht und waren nach +unendlicher Mühsal auf dem Mars gelandet. Sieben waren gekommen und hatten +zwei Jahre im Marsparadiese gelebt, aber nur sechs hatten, vom +Pflichtgefühl getrieben, die Heimreise angetreten, einer hatte den +Drückeberger gespielt, und dieser Eine war er, war Fridolin Frommherz. + +Mit heißem Kopfe wälzte er sich auf seinem Lager umher. Da war er wieder an +demselben Punkte der Erinnerungen wie alle Abende! Hatte er denn wirklich +unrecht getan? War es denn nicht verständlich, daß er solchen +paradiesischen Zuständen, wie er sie auf dem Mars, dem Lichtentsprossenen, +gefunden, die Heimat und die Erde geopfert hatte? Warum nagte denn ständig +etwas an seinem Herzen? + +Damals, als der Ballon seine sechs kühnen Gefährten entführte, war Eran mit +den Bewohnern Lumatas zugegen gewesen. Voll Hochachtung hatten sie den +scheidenden Erdensöhnen und lieb gewordenen Freunden die Hand zum Abschied +gedrückt. Er, Fridolin Frommherz, hatte sich verborgen gehalten, aus +Furcht, wider seinen Willen zur Mitreise genötigt zu werden. Erst als die +Taue gekappt waren und das Luftschiff bereits wieder in seinem Elemente +schwebte, war er herbeigeeilt, um den Freunden ein letztes Lebewohl +zuzuwinken. War das recht gewesen? Die Röte der Scham, die ihm bei diesem +Gedanken ins Gesicht stieg, war Antwort genug auf seine Gewissensfrage. + +Wieder versuchte er, der lästigen Gedanken Herr zu werden und zu schlafen, +aber es wollte ihm immer noch nicht gelingen. Jetzt sah er Eran vor sich, +wie er mit seinen Genossen heimkehrte, sah sich selbst den Heimkehrenden in +respektvoller Entfernung folgen, hoffte auf die Einladung, sich ihnen +anzuschließen, und vernahm doch kein Wort weder der Ermunterung noch des +Tadels. Wie peinlich war die Lage für ihn gewesen! Da war auch die +Erkenntnis in ihm emporgedämmert, daß seine Stellung als einzelner +Erdensohn zu den Marsiten eine Änderung erfahren müsse, daß es nicht +bleiben könne, wie es früher gewesen war, als noch seine Gefährten hier +oben wandelten. Aber welcher Art würde die Veränderung sein? Anfangs hatte +er sich keine Antwort darauf zu geben vermocht. Bald waren ihm die Marsiten +wieder freundlich und herzlich entgegengetreten. Aber in den fünf Monaten, +die zwischen damals und heute lagen, war ihm doch allmählich der +Unterschied gegen früher klar geworden: es war nicht mehr dieselbe Achtung, +die man ihm bezeigte. Das nagte wie ein Wurm an seiner Seele und vergällte +ihm jeden Genuß trotz der Freundlichkeit und Güte, womit ihn Eran und die +Bewohner Lumatas behandelten. Es litt ihn nie mehr lange im Hause. Planlos +rannte er bald dahin, bald dorthin. Seine täglichen Ausflüge dehnte er +immer weiter aus und ging den Marsiten so viel wie möglich aus dem Wege, +obgleich er merkte, wie diese, aufrichtig betrübt über seine seelische +Verstimmung, die Köpfe schüttelten. Nach einer Nachricht aus Angola hatte +er sich gesehnt, nach einer Regelung seines Daseins, nach Beschäftigung. +War doch die einzige Arbeit, die er noch verrichtete, die Weiterführung der +Zeitrechnung nach irdischem Maßstabe. Mars brauchte zu seiner +Achsenumdrehung vierzig Minuten mehr als die Erde. Sein Tag war also etwas +länger, noch länger das Jahr, das mit seinen 687 Erdentagen nahezu zwei +Erdenjahren gleich kam. Aber er verrichtete diese Arbeit ganz mechanisch +nach einem Schema, das seine Freunde einst benützt hatten, und seine +Langweile wurde dadurch in keiner Weise vermindert. + +Nun war also endlich die Botschaft aus Angola da! Was wohl marsitische +Weisheit über den Erdensohn beschlossen hatte? + +Noch lange wälzte sich Frommherz auf seinem Lager. Gegen Morgen endlich +fand er ein paar Stunden unruhigen Schlummers, von wirren Träumen +durchsetzt, die ihn bald auf dem Mars, bald auf der Erde, bald im +pfeilschnell durch den Äther schießenden Luftschiff zwischen Himmel und +Erde die krausesten Dinge erleben ließen. + + + + +Zweites Kapitel. +Die Sühne. + + +Bald nach Sonnenaufgang sandte Eran seinem Gaste Botschaft, sich zur +Abfahrt bereit zu halten. Nach einem erquickenden Bade fühlte sich Fridolin +Frommherz neu belebt. Er frühstückte eilig. Vor dem Hause stand ein +bequemer Wagen, der Eran und seinen Gast nach der Hauptstadt bringen +sollte. + +Gewöhnlich benützten die Marsiten ihre Kanäle, die breiten Wasserstraßen, +die den ganzen Planeten durchzogen, als Verkehrswege. Sehr schnelle, durch +Elektrizität getriebene Schiffe verkehrten zwischen den einzelnen Orten. +Fridolin Frommherz hatte schon manche kleinere und größere Wasserfahrt +unternommen. Auch der Luftschiffverkehr war stark entwickelt. Diesmal hatte +Eran einen Motorwagen gewählt, der ihn mit dem Erdensohne möglichst rasch +durch die blühende Landschaft nach ihrem Ziele führen sollte. Die beiden +Tagereisen konnten dadurch um eine verringert werden. Sachte glitt der +Wagen dahin. Kaum merkbar war die Erschütterung. Fridolin Frommherz konnte +diese Art Motorwagen nicht genug im Vergleich mit denjenigen auf Erden +rühmen. Wie leicht sie gingen! Kaum wurde etwas Staub aufgewirbelt, keine +Spur üblen Geruches. Der Greis lächelte über seines Gastes Begeisterung. + +»Ihr scheint auf Erden in allen Dingen merkwürdig weit zurück zu sein. Von +Benzinmotoren mit ihren vielen Übelständen wissen wir nichts. Wir haben uns +die elektrische Kraft in jeder Form zu nutze gemacht. Wie viele Schätze +laßt ihr brach liegen oder vergeudet sie auf die törichtste Weise! Wir sind +sparsam geworden, und nichts darf in unserem großen Haushalte verloren +gehen. Vergeuder seid ihr, weil eure Natur reicher ist als die unsrige. +Aber auch ihre Fülle nimmt merklich ab. Wir beobachten das schon seit +Jahrhunderten durch unsere Fernrohre. Hätten wir solche kolossale Schätze +an aufgespeicherter Energie, wie ihr sie in euern Meeren, in Ebbe und Flut +besitzt, wahrlich, unsere technischen Leistungen, die du so sehr +bewunderst, wären noch weit bedeutender. Da gäbe es wohl wenig Dinge, die +uns unmöglich wären.« + +Mit Entzücken schaute der Erdensohn während der Fahrt immer wieder auf die +gartenähnliche Landschaft. Da war überall die sorgsamste Bewässerung durch +kleine und kleinste Kanäle. Da war kein Fuß breit Landes unangepflanzt. In +üppigem Grün versteckt lagen alle Häuser. Glatt und eben waren die Straßen +und aufs beste unterhalten. Fridolin Frommherz brach oft in laute +Bewunderung aus. + +»Ja,« sagte Eran, »du bewunderst mit Recht. Unsere Männer und Frauen aus +dem Stamme der Sorgenden haben da Herrliches geschaffen.« + +»Sag, Eran, gibt es denn bei euch gar keine faulen Leute?« fragte der +Erdensohn plötzlich den neben ihm sitzenden, gedankenvoll vor sich +hinblickenden Greis. + +Dieser lächelte fein, als er erwiderte: »Gewiß ist auch bei uns mancher von +Natur träge, aber unsere ganzen Einrichtungen, die alle im Wohle der +Gesamtheit gipfeln, lassen die niedern Triebe des Einzelnen nicht voll zur +Entfaltung kommen. Schon das Kind wächst in dem Bewußtsein auf, daß es dem +großen Ganzen zu dienen hat, daß das Wohl des Einzelnen durch das Wohl der +Gesamtheit bedingt wird.« + +»Wird nicht dadurch die volle Entfaltung der Persönlichkeit verhindert, +eine gewisse Gleichförmigkeit erzielt?« + +»Freund Fridolin, du lebtest nach deiner eigenen Zeitrechnung zwei Jahre +mit deinen Gefährten, nahezu ein halbes Jahr allein unter uns. Du kennst +uns jetzt zur Genüge. Hast du gefunden, daß wir Schablonenmenschen geworden +sind?« + +»Nein, wahrlich nicht, würdiger Eran! Nehme ich dich zum Beispiel, so finde +ich bei dir die volle Individualität der Persönlichkeit gewahrt. Doch steht +bei euch die Masse auf einer Höhe der Gesinnung, die unten auf der Erde +erst einige wenige, besonders Vorgeschrittene vertreten.« + +»Siehst du, Freund Fridolin, das kommt daher, daß bei uns keiner in einen +Beruf gepreßt wird, der nicht zu seinen natürlichen Anlagen paßt. Frei für +jedermann ist die Schulung, die elementare wie die höhere, die +wissenschaftliche, technische, künstlerische. Der Befähigungsnachweis ist +das einzige, dessen es bei uns bedarf. Alle Stämme, somit auch alle +Berufsarten werden einander gleich geachtet, ob du ein Ackerbauer oder +Dienender aus dem Stamme der Sorgenden, ob du ein Gelehrter aus dem Stamme +der Ernsten, ein Dichter, Maler oder Komponist aus dem Stamme der Heitern, +ein Musiker oder Schauspieler aus dem Stamme der Frohmütigen, ein +Handelsmann aus dem Stamme der Flinken oder ein Industrieller aus dem +Stamme der Findigen bist, das alles gilt uns gleich, vorausgesetzt daß du +deinen selbstgewählten Beruf richtig ausfüllst. Nicht _was_ du bist, +sondern _wie_ du es bist, bestimmt deinen Wert.« + +»Und wenn sich einer in der Berufswahl geirrt hat? Solches wird doch auch +bei euch zuweilen vorkommen.« + +»Gewiß. Irrtum ist bei keinem Strebenden ausgeschlossen. Aber ein jeder hat +das Recht, solchen Irrtum wieder gut zu machen und auf Grund einer +abgelegten Prüfung in einen andern Stamm überzutreten, denn alle stehen sie +in gleichen Ehren. Über ihnen steht nur der Stamm der Weisen, in den die +Ältesten und Besten, ausgezeichnete Männer und Frauen aus allen Stämmen, +gewählt werden. Sie sind die Hüter des Gesetzes.« + +»Welche Höhe der Kultur ist hier auf dem Lichtentsprossenen Gemeingut der +Masse, und wie erbärmlich sieht es dagegen noch unten auf der Erde aus!« +seufzte Fridolin Frommherz. + +»Und doch gibt es auch bei euch Menschen von ganz hervorragender Bildung +und edelster Gesinnung,« erwiderte Eran. »Denke nur an deinen +ausgezeichneten Freund Stiller, den Führer eurer kühnen Forschungsfahrt!« + +Bei Nennung von seines Freundes Namen wurde dem Erdensohne plötzlich wieder +recht beklommen zumute. Seine Schuld stand ihm wieder vor Augen, und er +erinnerte sich wieder an Zweck und Ziel seiner jetzigen Fahrt durch die +blühende Marslandschaft. Wieder beschlich ihn das alte Unbehagen, und er +wurde schweigsam. Endlich, nach langer, gedankenvoller Pause fragte er +schüchtern: »Würdiger Eran, weißt du nicht, was man in Angola mit mir +vorhat?« + +»Nun,« erwiderte dieser, »man wird dir wohl eine Art Sühne auferlegen +dafür, daß du ohne Einverständnis mit deinen Freunden hier zurückgeblieben +bist.« + +Fridolins Unbehagen wuchs. »Also eine Strafe?« fragte er beklommen. + +»Wenn du es so nennen willst,« erwiderte der Greis mit seinem Lächeln. + +»Als freier Mann konnte ich aber doch tun oder lassen, was ich wollte,« +meinte Frommherz etwas unsicher. + +»Du bist augenblicklich selbst nicht von dem überzeugt, was du da sagst. Es +gibt auch moralische Verpflichtungen, die sich nicht in vorgeschriebene +Verordnungen fassen lassen. Zudem tadeln wir nicht dein Hierbleiben an +sich, sondern die Art und Weise, wie du es deinen Gefährten gegenüber +durchgesetzt hast.« + +Der Erdensohn schwieg betreten und starrte vor sich hin. + +Nach einer kleinen Pause fuhr Eran fort: »Doch beruhige dich, mein Freund! +Ich kann dir schon jetzt die Art deiner sogenannten Strafe offenbaren, war +ich es doch, der sie bei Anan, unserm Ältesten, in Vorschlag brachte. Und +daß er meinen Vorschlag annehmen wird, kann ich mit ziemlicher Sicherheit +erwarten.« + +»So sage mir, bitte, worin meine Strafe bestehen soll.« + +»In einer wissenschaftlichen Arbeit,« antwortete Eran lächelnd. + +»Weiter nichts?« + +»Nein, mein Freund, weiter nichts, falls du die Herstellung eines +Wörterbuches deiner Sprache nicht als Strafe betrachtest.« + +»Nein, gewiß nicht!« erwiderte der Erdensohn, wieder einmal fröhlich +lachend und plötzlich von allem Druck befreit. »Allerdings verstehe ich von +der Herstellung eines Wörterbuches, ehrlich gesagt, nicht allzu viel, aber +ich denke, daß sich die Arbeit bei gutem Willen schon ausführen lassen +dürfte. Aber wozu braucht denn ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen ein +Wörterbuch der deutschen Sprache?« + +»Um die Bücher eurer ersten Denker und Dichter, die deine Brüder uns als +Geschenke zurückgelassen haben, im Urtexte lesen zu können.« + +»Ein famoser Gedanke, fürwahr!« lobte Frommherz. »Nun habe ich doch wieder +ein Ziel vor Augen und -- ernste Arbeit. Dafür danke ich dir von Herzen, +würdiger Eran. Es ist ein neuer Beweis deiner Güte.« + +Bei diesen Worten ergriff er die Hand des neben ihm sitzenden Greises und +drückte sie herzlich. + +»Laß gut sein, lieber Fridolin!« wehrte Eran ab. + +Sie fuhren eben in die weite, grüne Halle eines herrlichen, sorgsam +gepflegten Baumbestandes ein. Wahre Riesen waren es, die da, +himmelanstrebend, mit breiten Ästen und dichtem Gezweig Schatten spendeten. +Erquickende Kühle umfing die Reisenden. Es ging gegen Mittag, und zwischen +den Feldern und Wiesen war es ihnen warm geworden. Die dünne Atmosphäre des +Lichtentsprossenen gestattete der Sonne, dem »ewigen Lichte«, wie die +Marsiten die Lebensspenderin benannten, trotz der im Vergleich zur Erde +größeren Entfernung eine äußerst intensive Bestrahlung. Zwar schien die +Sonne, vom Lichtentsprossenen aus betrachtet, eben dieser größeren +Entfernung wegen -- sie beträgt im Mittel rund neunundsiebzig Millionen +Kilometer mehr als von der Erde aus -- bedeutend kleiner; doch gab es da +weder Dunst noch Wolken, die den tief dunkelblauen Himmel verhüllten, und +der Boden absorbierte infolgedessen eine bedeutend größere Wärmemenge +. . . Unter dem grünen Blätterdache der Baumriesen aber fühlte sich +Fridolin Frommherz sehr wohl. + +»Wie hoch diese Bäume sind,« sagte er bewundernd zu seinem Begleiter. »So +vieles ist groß und wunderbar auf eurem schönen Kinde des Lichts! Wirklich, +mir scheint, als hätte ich niemals auf Erden solche Baumriesen gesehen, +wenigstens nicht beisammen, nicht als Waldbestand.« + +»Das mag wohl sein,« erwiderte Eran; »es scheint mir sogar in den ewigen +Naturgesetzen begründet. Kenne ich auch eure irdische Vegetation nicht aus +eigener Anschauung, so habe ich sie mir doch bei aller Ähnlichkeit mit der +unseren stets etwas niedriger vorgestellt als diese.« + +»Warum?« fragte der Schwabe erstaunt. »Sind doch die chemischen +Grundstoffe, aus denen sich die organischen Verbindungen aufbauen, bei euch +dieselben wie bei uns! Und Luft und Wasser, Licht und Wärme, wirken sie +nicht auf dieselbe Weise hier wie dort?« + +»Du vergißt Eines, lieber Freund,« sagte der Marsite. »Die Schwere ist der +Punkt, in dem zwischen unserm Kinde des Lichts und dem euern der größte +Unterschied besteht, und ich meine, je größer ein Weltkörper ist, desto +drückender müsse auch die Schwere auf seinen Erzeugnissen lasten, desto +kleiner müßten infolgedessen seine Produkte sein. Stelle dir, mein Freund, +einen bewohnbaren Weltkörper von der Größe unseres ewigen Lichtes, unserer +Sonne, vor. Denke dir lebende Wesen auf ihm, die seiner Größe entsprechen. +Wie müßte die Schwere ihres Gestirns auf ihnen lasten! Sie würden sich +unter dem furchtbaren Drucke nicht aufzurichten vermögen; es müßten +kriechende Wesen bleiben. Und von den Bäumen, deren Größe einem solchen +Weltkörper entsprechend wäre, würden sich die Äste nicht auszubreiten +vermögen; sie würden flach am Stamme niederhängen oder gar infolge der auf +ihnen lastenden ungeheuren Schwere von selbst abbrechen, wenn überhaupt ein +Wachstum in bedeutendere Höhen möglich wäre.« + +»Und weil eure Schwere geringer ist als die unsere,« fügte der Erdensohn +bei, »seid ihr auch größere, stattlichere Gestalten als wir. Ich habe +daheim unter meinen Landsleuten wie unter meinen Amtsgenossen für groß +gegolten; du, überhaupt die meisten eurer Männer, ihr überragt mich um +Kopfeslänge. -- Doch was ist denn dort?« fragte Fridolin Frommherz, sich +unterbrechend und auf eine lebhaft bewegte Gruppe zeigend, die in kurzer +Entfernung auftauchte. + +»Das,« erwiderte Eran, »ist eine Schule. Siehst du nicht dort inmitten der +Knaben den unterrichtenden Lehrer?« + +»Eine Schule?« rief der Erdensohn erstaunt. »Sehen bei euch die Schulen so +aus? Was macht denn der Lehrer hier im Walde?« + +»Er lehrt die Schüler kennen, was sie sehen, alles, Pflanzen und Tiere, den +Boden und die Gesteine, woraus er zusammengesetzt ist, was sich in ihm +entwickelt, was auf ihm vorgeht, Natur und Menschenwerk.« + +»Das ist viel,« sagte Fridolin. + +»Ja, es ist viel,« erwiderte Eran. »Ich kenne Alan persönlich. Er ist einer +unserer tüchtigsten Jugenderzieher, doch weit von hier, nahe der Grenze +unseres Nordpolargebietes stationiert. Dort ist infolge des ungünstigeren +Klimas die Bodenproduktion eine andere, eine spärlichere als hier, wo wir +uns etwa auf dem fünfzehnten Breitengrade befinden. Deshalb führt Alan +seine Zöglinge zuweilen in unsere Gegend.« + +Der jetzt ganz langsam dahinrollende Wagen war nun dicht zu der Gruppe +herangekommen und hielt. Eran begrüßte den Lehrer mit der den Marsiten +eigenen wohltuenden Herzlichkeit. + +»Ich freue mich, dir hier zu begegnen,« sagte er, Alan die Hand reichend. +»Gedeiht dein Werk?« + +»Ich bin so glücklich, vieles reifen zu sehen,« sagte der Angeredete, seine +schönen, warmen Augen auf den Greis richtend. »Doch bleibt noch vieles zu +tun.« + +»Wohl dir, daß du noch mitten im Schaffen stehst!« + +»Ja, die Arbeit macht froh!« + +»Leb' wohl, Alan! Werde ich dich bald einmal in Lumata sehen?« + +»Zur Zeit der Ruhe hoffe ich auch bei dir einkehren zu können, würdiger +Eran!« + +»Das wird mir Freude sein, junger Freund!« + +Weiter rollte der Wagen. + +»Was für schöne Augen dieser Mann hatte!« sagte der Erdensohn bewundernd. + +»Sein Denken und Fühlen spiegelt sich in ihnen,« erwiderte der Greis. »Er +gehört zu unsern Besten. Seine ganze Persönlichkeit setzt er an sein Werk. +Da wird keine Weisheit eingepaukt. Die Kinder lernen sehen und das Gesehene +verknüpfen. Sie sind es, die den Lehrer über Unverstandenes fragen, und +dieser leitet sie an, die Antwort selbst zu finden.« + +»Ich wollte, ich wäre auch in dieser Art unterrichtet worden!« meinte der +Schwabe. + +Während der Fahrt stärkten sich die Reisenden durch Speise und Trank. Der +bequeme Reisewagen enthielt alles, was sie sich wünschen konnten. Durch +eine sinnreiche Klappvorrichtung stand sogar auf einen Druck mit der Hand +ein zierliches Tischchen vor ihnen, in dessen Schublade kleine Teller und +Bestecke verborgen lagen. Zwei mit Leder ausgeschlagene Kasten in der +Vorderwand des Wagens enthielten in verschiedenen, eigentümlich geformten +Gefäßen Speisen und Getränke genau in der Temperatur, in der sie dem Wagen +übergeben worden waren. Man aß vorzügliche warme Gerichte; man labte sich +an kühlen Getränken genau so wie zu Hause. Sogar Salat gab es, zu dem Eier +gegessen wurden. Die Eier waren weich gesotten, obgleich sie wohl eine +halbe Stunde lang in kochendem Wasser gelegen hatten. Da auf dem +Lichtentsprossenen das Wasser infolge des niedrigeren Luftdruckes schon bei +60° siedet, können die Eier nicht hart werden. Daran war der Schwabe nun +schon lange gewöhnt. Auch eine Waschvorrichtung war an der einen Seite des +Wagens angebracht. Es fehlte wirklich gar nichts, was das Reisen angenehm +und bequem machen konnte. + +Nach Verlassen des Waldes sah Fridolin Frommherz zum erstenmal während der +ganzen Fahrt unbebautes Land vor sich. Eine weite Fläche breitete sich da +vor seinen Blicken aus: es war eine Landungsstelle für Luftschiffe. +Kleinere und größere Fahrzeuge lagen da an tief in den Boden eingelassenen +eisernen Ringen verankert. Sie trugen als Aufschrift ihren Namen, Anfang +und Endziel ihrer Fahrt. Da die Witterung infolge der dünnen, wasserarmen +Atmosphäre auf dem Mars ziemlich gleichmäßig war, bedurfte es keiner +besonderen Hallen zur Bergung der Luftschiffe; nur die ausgedehnten Anlagen +zur Gasgewinnung und Füllung der Ballons waren gedeckt. Reges Leben und +Treiben herrschte hier, etwa wie auf einem Bahnhofe auf Erden, nur +übertragen in marsitische Gemessenheit. Es fiel Fridolin auf, daß die +Luftschiffe der Marsiten wohl auch nach dem starren System gebaut waren wie +der »Weltensegler«, der einstmals ihn und seine damaligen Gefährten von der +Erde hinweg durch den Ätherraum geführt hatte, aber die Ballons waren +bedeutend kleiner und schienen doch, nach den umfangreichen Gondeln zu +schließen, eine bei weitem größere Tragkraft zu besitzen. Da gab es nur +zwei erklärende Möglichkeiten: entweder übertraf das Metall, aus dem die +marsitischen Luftschiffe gefügt waren, an Leichtigkeit alles auf Erden +Gekannte, oder das Gas, das zur Füllung des Ballons diente, war noch +unendlich viel leichter als dasjenige, das einst ein schwäbischer Gelehrter +erfunden, und das dann zur Füllung des »Weltenseglers« gedient hatte. Die +langgestreckte, zylindrische Form, vorn und hinten mit ogivalen Spitzen +versehen, schien sich auch hier am besten bewährt zu haben. + +Da stiegen Leute ein, dort hob sich ein dicht besetztes Fahrzeug +kerzengerade, ohne jede Schwankung in die Luft. Höher und immer höher stieg +es. Wie weit mußte der Horizont der darin Reisenden sein! Wie klein würden +ihnen die Brüder da unten, die Häuser, die Wiesen, die Bäume erscheinen! +Der Erdensohn fühlte Lust, mit in die Lüfte zu steigen. Vielleicht würde +sich ein anderes Mal Gelegenheit dazu bieten. + +»Du wirst noch manchmal hierher oder an einen andern Luftschiffhafen des +Lichtentsprossenen kommen,« sagte Eran. + +»Dann will auch ich,« fügte Fridolin bei, »euer herrliches Land wieder +einmal von oben herab schauen.« + +Bald darauf trafen sie in Angola ein. Es war das drittemal, daß Fridolin +Frommherz seinen Fuß in das großartige Heim des Stammes der Weisen setzen +sollte. Zweimal war er in Gemeinschaft mit seinen Gefährten hier gewesen. +Das Herz klopfte ihm doch etwas bang und erwartungsvoll, als er die breiten +Marmorstufen zu dem großen Festsaale hinaufstieg. Vor einem halben Jahre +war dort die Abschiedsfeier für seine Freunde und auch für ihn, den +Drückeberger, abgehalten worden. + +Jetzt trat er ein in den ihm wohlbekannten Saal. Ein lautes, bewunderndes +Ah! entschlüpfte seinen Lippen. An den Wänden erblickte er die wunderbar +gut getroffenen, künstlerisch ausgeführten Bilder seiner Gefährten und +darunter Marmortafeln, die mit goldenen Inschriften voll Lob und +Anerkennung die Taten seiner fortgezogenen Brüder verkündeten. Da regte +sich wieder im Herzen des Zurückgebliebenen jenes quälende Gefühl von +Gewissensbissen. + +Wieder packte ihn wie so oft schon ein Schmerz der Sehnsucht, des Heimwehs, +als er, um die Bilder genauer zu betrachten, näher an sie herantrat. +Ordentlich vorwurfsvoll schienen ihn die Freunde aus ihren Augen +anzublicken. Es war, als ob den Bildern Leben eingehaucht worden wäre, denn +wo sich auch Fridolin Frommherz im Saale hinwandte, um die Gemälde aus der +Ferne auf sich wirken zu lassen, überallhin folgten ihm die Blicke der im +Bilde Verewigten. Nachgerade empfand er dies als unheimlich, um so mehr als +er sich vergeblich nach Eran umsah. Dieser schien nicht mit ihm eingetreten +zu sein. Die feierliche Stille des Saales verstärkte noch das Gefühl des +Unbehagens. Daher war Fridolin froh, als sich endlich eine der Türen +öffnete und Anan hereintrat, gefolgt von Eran und einigen andern alten +Marsiten. + +»Ich grüße dich in unserm Angola, dich, den ich allerdings hier nicht mehr +zu sehen erwartet hatte,« begrüßte Anan mit wohlwollender Freundlichkeit +den Erdensohn, ihm die Hand zum Willkomm reichend. + +»Verzeih mir, edler Anan, daß ich mich nicht entschließen konnte, zur Erde +zurückzukehren, sondern hier auf dem Lichtentsprossenen zurückblieb,« +sprach Fridolin. + +»Ich habe dir nichts vorzuwerfen, mithin auch nichts zu verzeihen,« +entgegnete der ehrwürdige Greis. »Wir haben weder dich noch deine Brüder +zum Fortgehen gedrängt. Es stand euch frei, zu gehen oder zu bleiben. Als +wir hier vernahmen, daß du deine Gefährten nicht begleitet habest, da wurde +einfach der Auftrag, dein Bild zu malen und die Ehrentafel für dich +auszuführen, zurückgezogen. Und bevor wir dich in Angola wiedersehen +wollten, beschlossen wir, erst die Anfertigung der Bilder und Tafeln der +uns so teuren, für immer nun fernen Erdensöhne abzuwarten und sie hier in +diesem Saale aufzustellen. Erst nachdem wir dieser Ehrenpflicht genügt +hatten, riefen wir dich.« + +Etwas bedrückt hatte Frommherz der Auseinandersetzung Anans gelauscht. Es +lag eine feine Ironie in den Worten wie in der Handlungsweise des Marsiten. +Daß man ihn zuerst in den Saal gewiesen, in dem nur sein Bild fehlte, +empfand er doch als eine moralische Verurteilung seiner Drückebergerei. +Darauf hinaus lief im Grunde auch Anans Rede. + +»Du machst ein betrübtes Gesicht. Was fehlt dir, mein Freund?« fragte Anan +nach kurzem Stillschweigen. + +»Ich bin mir bewußt, einen Fehler begangen zu haben,« antwortete Frommherz. + +»Den hast du deinen Brüdern gegenüber begangen durch die Art, wie du dich +benahmst. Doch verlieren wir hierüber keine weiteren Worte mehr. Für uns +ist die Sache abgetan.« + +»Der ehrwürdige Eran sprach mir von einer Sühne meiner Schuld,« bemerkte +Frommherz. + +»Nun ja,« entgegnete der edle Anan. »Du weißt darum. Wir wollten dir hier +in Angola eine deiner würdige Beschäftigung zuweisen, durch die du uns +nützlich sein kannst, natürlich nur wenn du willst.« + +»Gewiß, gern, wirklich von Herzen gern,« beeilte sich Frommherz zu +antworten. »Selbst wenn ihr mir keine Aufgabe zugewiesen hättet, würde ich +euch um irgend eine nützliche Arbeit gebeten haben.« + +»So bleibt es also bei der Ausarbeitung eines Wörterbuches deiner +Muttersprache,« entschied Anan. »Zieh mit Bentan, unserm wackern Bruder +hier, in sein nahes Heim. Dort kannst du dich in aller Ruhe an die +Erledigung deiner Aufgabe machen. Und von Zeit zu Zeit wird es uns freuen, +dich in diesem Hause bei uns wiederzusehen. Dann wollen wir in anregender +Unterhaltung die Erinnerung an deine ausgezeichneten Gefährten pflegen.« +Ein herzlicher Händedruck, und Anan, der Älteste der Alten, zog sich +zurück. + +»Das ist besser abgelaufen, als ich zu hoffen wagte. Ich habe mir in der +letzten Zeit ganz unnützerweise eine fürchterliche Angst gemacht,« murmelte +Frommherz vor sich hin. + +»Bist du zufrieden mit dem Ausgange deiner Angelegenheit, Fridolin?« +forschte Eran mit eigentümlichem Lächeln. + +»Gewiß, sehr,« gestand Frommherz. + +»Nun wohl, so komm! Hier steht Bentan, dein Gastgeber. Sein Heim wird für +lange Zeit wohl auch das deine sein.« + + + + +Drittes Kapitel. +Eine Sisyphusarbeit. + + +Schon seit längerer Zeit weilte Fridolin Frommherz im vornehmen Heim +Bentans, des würdigen Alten, dessen ganzes Wesen und Gebaren seinen Gast +viel an Eran erinnerte, den er aber an Zahl der Jahre übertraf. Das Haus +lag am lieblichen Ufer des tiefblauen Sees von Angola und gewährte von der +Terrasse und den Fenstern der Vorderseite aus einen entzückenden Blick über +die Wasserfläche hinweg nach den fernen, sanften Höhenzügen, die den See +einschlossen. + +Ein sorgfältig angelegter, tadellos unterhaltener Garten umgab das Haus von +der Landseite. Alte, immergrüne, lorbeerartige Baumriesen wechselten +gruppenweise ab mit den verschiedensten Arten hochstämmiger, prachtvoller +Palmen. Dazwischen schoben sich Sträucher und Büsche, überladen mit +farbenprächtigen, duftenden Blüten. + +Die schönste Blume dieses paradiesischen Sitzes aber war Benta, Bentans +holde Enkelin. Dies erkannte auch Frommherz an, der Benta oft mit einer +jener Lichtelfen verglich, die nach der Sage seiner Heimat von menschlicher +Gestalt, glänzend schön sind, Tanz und Musik lieben und dem Menschen +gegenüber freundliche Gesinnungen hegen. + +Und einen solchen Ort hatte man ihm, dem Erdensohne, als Arbeitsstätte zur +Strafe angewiesen! Frommherz lachte laut auf bei diesem Gedanken. Eine +herrlichere Belohnung für sein Zurückbleiben hätte ihm gar nicht gewährt +werden können, wenn, ja wenn nur nicht das verwünschte Wörterbuch gewesen +wäre. + +Vom ersten Augenblicke an war Benta dem Gaste des Hauses freundlich +entgegengetreten. Aber in dem Wesen und ganzen Benehmen der graziösen, +jungen Marsitin lag so viel Würde und Erhabenheit, bei aller Bescheidenheit +doch wieder so viel stolzes Selbstbewußtsein, daß Fridolin Frommherz zu +einer Achtung gezwungen wurde, die mehr den Charakter der Ehrfurcht trug. + +Oft an den wunderbar schönen Abenden, wenn Phobos und Deimos, die Monde des +Mars, am Himmel ihre stillen, glänzenden Bahnen zogen, saß Frommherz nach +getaner Arbeit auf der Terrasse des Hauses, der liebenswürdigen Einladung +Bentans folgend. In herzlicher, freundschaftlicher Weise unterhielten sich +dann jeweils die beiden Männer. Der alte Marsite mit seinem reichen, +abgeklärten Wissen streute bei diesen Unterhaltungen dann oft goldene +Körner der Weisheit aus, die bei Frommherz auf fruchtbaren Boden fielen und +nach und nach seine bisherige, der Erweiterung noch sehr bedürftige +Lebensauffassung umzuformen begannen. + +Hin und wieder erschien an solchen Abenden auch Benta und beteiligte sich +an den Gesprächen der Männer. Besonders lebhaft wurde die Unterhaltung, +wenn Frommherz, durch allerlei Fragen veranlaßt, von der Erde im +allgemeinen, von seiner engeren Heimat aber im besonderen ausführlicher +erzählte, namentlich von dem Leben und Treiben ihrer kernigen Bewohner. + +Die genußreichsten Abende aber waren für Frommherz die, an denen Benta +stimmungsvolle Lieder in künstlerisch vollendetem Vortrage zur Harfe sang. +Diese Augenblicke erschienen dem Erdensohne als der Inbegriff des wirklich +göttlich Schönen. Sie ließen ihn seine langweilige Arbeit völlig vergessen +und erweckten in ihm eine Summe wunderbar seliger Empfindungen, wie er sie +bis dahin noch niemals gekannt hatte. + +Aber wenn er dann nach einem solchen Abend voll märchenhafter Schönheit und +reinster Glücksempfindung am nächsten Morgen wieder am Schreibtische seines +hohen, luftigen Arbeitszimmers saß, um mit schweren Seufzern an der endlos +scheinenden Lösung seiner Aufgabe weiter zu arbeiten, da verflog vor dem +Realen, Nüchternen im Nu aller ideale Schwung der Gedanken, die Seligkeit +jeglicher Empfindung. + +»Ja, ja, ein Wörterbuch zu schaffen, das hat mir gerade noch gefehlt,« +brummte Frommherz eines Tages grimmig vor sich hin, als ein weiteres Jahr +seit seinem Aufenthalte in Angola dahingeeilt war. »Es ist einfach, um aus +der Haut zu fahren. Das ist keine Arbeit für einen Moralphilosophen. Diese +Idee ist, um toll, verrückt zu werden. Hol der . . .« Doch Frommherz +verschluckte das Weitere in edler Selbstbeherrschung und wandte sich seinen +Manuskriptbogen und den Hunderten von losen Zetteln zu, die, in +verschiedenen Stößen verteilt, alphabetisch geordnet vor ihm auf dem Tische +lagen. + +Heute packte ihn ob seiner Arbeit eine gelinde Verzweiflung. Bald da, bald +dort griff er einen Zettel heraus, verarbeitete seinen Inhalt, strich das +Geschriebene durch oder warf den unbrauchbar gewordenen mit einem Seufzer +der Erleichterung in den umfangreichen Papierkorb zu seiner Seite. Ein +Kästchen auf dem Schreibtische barg unbeschriebene Zettel, und jeden neuen, +seine Gedankenreihe kreuzenden Einfall notierte Frommherz sorgfältig und +fügte den Vermerk den vielen Hunderten von älteren Blättern bei. + +Das war des Fridolin Frommherz täglich sich erneuernde Aufgabe. Fürwahr +eine schwere Sache! Um die Wörterbucharbeiten seiner gelehrten Freunde an +der Tübinger Universität hatte er sich früher niemals bekümmert. Hätte er +einst eine Ahnung gehabt, daß ihm hier oben auf dem Mars eine ähnliche +Arbeit zugemutet werden würde, dann hätte er sich sicherlich mit dem +Studium seiner Muttersprache etwas eingehender befaßt. So aber, ohne jede +tiefere Vorbereitung, ohne jedes Hilfsmittel ein deutsch-marsitisches +Wörterbuch herzustellen, alles hierzu erst aus sich selbst heraus zu +schaffen, diese schier endlose und heillos schwierige Arbeit begann ihm +manchmal das sonst so paradiesisch schöne Dasein auf dem Mars zu versalzen. +Und welch elenden Eindruck machte wiederum auf die Marsiten das +schneckenartige Vorwärtsschreiten einer Arbeit, für die sie sich +außerordentlich interessierten! Schon verschiedene Male hatte der Erdensohn +über den Stand seiner Arbeit seinen Freunden in Angola Vorträge gehalten, +die über die Unregelmäßigkeit der deutschen Sprache die Köpfe schüttelten. +Sie schien den Marsiten noch in einem Entwicklungsstadium zu stecken, das +die ihrige schon seit Tausenden von Jahren überwunden hatte. + +Wie rasch und leicht hatten die sieben Schwaben die Sprache ihrer Freunde +auf dem Mars in ihrer edlen Einfachheit erlernt! Nur einer unter ihnen, +Herr Hämmerle, der Philologe, hatte etwas daran auszusetzen gefunden. Er +hatte das Kraftvolle, das in der Unregelmäßigkeit der deutschen Konjugation +und Deklination liegt, dem Ebenmäßigen, Abgeschliffenen, Weichen der +Marssprache entgegengesetzt und den Preis der Schönheit seiner deutschen +Muttersprache zuerkannt. + +An dies alles erinnerte sich jetzt wieder Fridolin Frommherz. Er sprang vom +Stuhle auf und maß erregt das Zimmer. + +»Wäre ich nicht von der hohen Denkweise der Marsiten felsenfest überzeugt, +wüßte ich nicht auf das bestimmteste, daß ihnen jegliche Quälerei +fernliegt, ich müßte wahrlich annehmen, daß ihnen ein böser Geist diese Art +meiner Beschäftigung angab,« rief er zornig. »Doch was nützt meine +Aufregung? Nichts! Ja, wäre doch nur diese deutsche Muttersprache so glatt, +so regelmäßig, so einfach nach wenigen Regeln zu konstruieren wie das +wohllautende, vokalreiche Idiom der Marsiten! Um wie viel leichter wäre +dann meine Arbeit!« Seufzend strich sich der Gelehrte mit der Linken über +die Denkerstirn. Dann setzte er sich wieder an den Schreibtisch und schrieb +emsig weiter. Da trat Eran in das Zimmer. + +»Welch große Überraschung und Freude, dich endlich wieder einmal in Angola +zu sehen!« rief der Schwabe, als er den Eintretenden erkannt hatte. + +»Nun, Freund Fridolin, wie geht es dir? Wie weit ist das große Werk +gediehen?« fragte Eran, dem Erdensohne herzlich die Hand zum Gruße +schüttelnd. + +»Wie soll es mir gehen, würdiger Eran? Einerseits gut, anderseits +schlecht!« + +»Ich verstehe dich nicht!« gestand Eran. + +»Nun, ich fühle mich gesund, aber die Arbeit liegt mir sehr auf dem Magen.« + +»So, so!« lächelte Eran. + +»Ja, dem Himmel sei es geklagt. Die Sache wird schwieriger, je weiter ich +vorwärtsschreite. Aber ich schulde dir noch die Antwort auf deine zweite +Frage. Ich arbeite am G meines Werkes.« + +»Wie? Erst am siebenten Buchstaben von den fünfundzwanzig des +Erdenalphabetes? Kaum möglich!« + +»Und doch ist es leider so, wie ich dir sage,« antwortete Frommherz +betreten. + +»Merkwürdig!« erwiderte Eran, den Kopf schüttelnd. »Du bist doch schon seit +zwei Jahren deiner Zeitrechnung ununterbrochen an der Arbeit. Wann willst +du sie denn beenden?« + +»Das weiß ich selbst nicht,« murmelte der Gelehrte, »es wird je länger, je +schlimmer. Da sieh her!« Mit diesen Worten zog er eine große Schublade +seines Schreibtisches auf. Sie war bis oben mit eng beschriebenen Bogen von +stattlicher Größe gefüllt. + +»Fast tausend Manuskriptseiten und noch nicht einmal ein Drittel des Werkes +vollendet! Nein, ehrwürdiger Eran, ein so umfangreiches Buch hat Fridolin +Frommherz auf Erden niemals geschrieben! Und da, sieh alle die Zettel und +mühsam gesammelten Notizen -- ihr habt mir wahrlich Schweres aufgebürdet +und laßt mich die Daseinsfreuden auf dem Lichtentsprossenen sauer genug +verdienen.« + +Ein Lächeln huschte über Erans milde Züge. »So möchtest du wohl lieber +wieder zur Erde und dein Wörterbuch unvollendet uns zurücklassen?« + +»Nein, nein, das doch nicht,« erwiderte Frommherz hastig, und eine +Blutwelle stieg ihm ins Gesicht, als er bei diesen Worten unwillkürlich an +Benta dachte. + +»Warum aber klagst du dann? Eine Arbeit, deren Erfüllung keine +Unmöglichkeit, sondern nur eine einfache Frage der Zeit ist, berechtigt +nach meiner Auffassung zu keiner Klage. Und du, mein Freund, hast ja Zeit +in Hülle und Fülle. Niemand drängt dich.« + +»Aber dein Erstaunen, deine Äußerungen von vorhin über den langsamen Gang +. . .« + +»Galten nicht dir, Fridolin, sondern lediglich deiner komplizierten +Muttersprache,« unterbrach Eran den Erdensohn. »Beruhige dich also, mein +Freund! Gerade das Bewußtsein, uns ein dauerndes Monumentalwerk durch deine +geistige Tätigkeit zu schaffen, sollte dich alle Schwierigkeiten, die dir +dabei entgegentreten, und deren Bedeutung ich gewiß nicht unterschätzen +will, nur um so kraftvoller überwinden lassen.« + +»Du sprichst die richtigen Worte zu richtiger Zeit aus, edler Eran! Ich +gestehe dir, daß ich gerade heute meines Werkes wegen recht entmutigt war. +Nun kommst du wie gerufen und belebst mir die gesunkene Hoffnung in +wunderbarer Weise von neuem wieder. Dafür nimm meinen besten Dank!« + +»Es bedarf dessen nicht, Freund Fridolin. Im Gegenteil! Ich bin beglückt, +daß du dich wieder selbst gefunden hast, und daß dadurch das frühere, so +feste Vertrauen in dein Können wieder bei dir eingezogen ist.« + +Eran erhob sich. »Ich werde jetzt öfter als bisher von Lumata nach Angola +kommen. Wir haben eine Reihe wichtiger Beratungen vor uns. So werde ich +dich in Zukunft in kürzeren Zwischenräumen wiedersehen als in der letzten +Zeit.« Damit verabschiedete sich Eran in liebenswürdiger Weise. + +Der Erdensohn vermochte aber nach dem Weggange des ehrwürdigen Alten nicht +gleich wieder seine Arbeit aufzunehmen. Gedanken aller Art bewegten ihn. +Der Appell Erans an sein Ehrgefühl hatte in ihm merkwürdige Gefühle +geweckt. Wie klein kam er sich diesem Marsiten gegenüber vor! Ja, Eran +hatte recht: Man kann, was man wirklich ernstlich will. Und sollte er +umsonst, ohne nennenswerte Gegenleistung nur die Annehmlichkeiten des +Lebens unter diesen ausgezeichneten Menschen hier oben genießen dürfen? +Gerade deshalb waren ja die andern vom Mars wieder fortgezogen, weil sie +der Gastfreundschaft der Söhne des Mars keine ebenbürtige, wirklich +nutzbringende Leistung entgegenzusetzen hatten. Nein, er mußte und wollte +eine Tat vollbringen, die einigermaßen wenigstens einen Gegenwert bot für +das, was er von den Marsiten empfing. Die Art der Arbeit, nicht diese +selbst, die er bisher als eine Last empfunden, sie erschien ihm jetzt als +ein glückliches Mittel zur Abtragung seiner Dankesschuld. Jetzt erst kam +ihm auch mit einem Male die segensreiche Bedeutung seiner Aufgabe zu +vollstem Bewußtsein. Das war keine Sühne, um die es sich hier handelte, +nein, das war der Weg zur zielbewußten Umformung seines eigenen, bisher so +schwankenden Ichs, das ausdauerndem und ernstem Streben wenig geneigt war. + +Mit wie großem Mißmute war er heute morgen an sein Werk gegangen! Er +schämte sich in diesem Augenblicke ordentlich deswegen. Nun war eine +Arbeitsfreude, eine Emsigkeit in ihm lebendig geworden, die, endlich zu +vollster Stärke erweckt, nie mehr einschlafen oder versiegen würde, das +fühlte er. Und mit lautem Danke an den Zauberer Eran, der das Wunder fertig +gebracht hatte, nahm Frommherz seine Arbeit wieder auf. Die gehobene +Stimmung, in der sich Bentans Gast befand, fiel dem Alten auf, als er am +Abend des wichtigen Tages mit Fridolin Frommherz zu Tische saß. + +»Hat dir Eran heute so freundliche Nachrichten gebracht, daß du entgegen +deiner bisherigen Art so fröhlich deine Arbeit beendet hast?« forschte +Bentan. + +»Das nicht,« entgegnete der Schwabe heiter, »aber er hat mir gewisse Worte +gesagt, die mich gewaltig bewegten und mir ein anderes Urteil über meine +Beschäftigung schufen, als ich es bis jetzt gehabt hatte. Und das macht +mich frei und fröhlich zugleich.« + +»Ja, ein gutes Wort im rechten Augenblicke hat oftmals schon große, +unerwartete Wirkung geübt,« bemerkte Bentan. »Es freut mich daher auch +besonders, dies aus deinem Munde hören zu dürfen.« + +»Eran sagte mir auch, daß er künftighin öfter nach Angola kommen würde, um +an wichtigen Beratungen teilzunehmen.« + +»Es laufen sehr ungünstige Berichte aus unsern polaren Regionen ein. Sie +bilden den Gegenstand unserer Besprechungen,« erwiderte Bentan. + +»Worin bestehen diese Berichte?« + +»Das kann ich dir mit wenigen Worten nicht sagen. Es handelt sich um die +Wasserfrage auf unserm Lichtentsprossenen. Im übrigen müssen wir auch noch +die weiteren Forschungsresultate der zu erneuter Prüfung abgesandten +wissenschaftlichen Expeditionen aus dem Stamme der Ernsten abwarten. Sorge +dich einstweilen nicht unnötig, lieber Fridolin,« fuhr der Greis fort, als +er bemerkte, daß seine Mitteilungen den Freund zu erschrecken schienen. »Du +wirst von mir, wenn wirklich eine Zeit der Not für uns bevorstehen sollte, +im rechten Augenblicke benachrichtigt werden.« + +Aber Frommherz' gute Stimmung hatte doch einen leichten Stoß durch Bentans +Bemerkung erhalten. Dem scharfen Auge des Alten war dies nicht entgangen. + +»Benta, mein Kind, komm mit hinaus auf die Terrasse und bringe deine Harfe +mit!« bat der Greis seine Enkelin. »Freund Fridolin bedarf der +Erheiterung.« + +»Gesang und Harfenspiel, diese Art der Erheiterung lasse ich mir immer +gefallen,« warf Frommherz muntern Tones ein, und der Abend schloß voll +Harmonie und freudiger Glücksempfindung. + +In arbeitsfrohem Leben verstrichen die folgenden Monate. Sie förderten das +Vorwärtsschreiten des Werkes. Frommherz fühlte sich hoch befriedigt, als er +sah, wie seine Aufgabe in dem Maße leichter für ihn wurde, als er sie +energischer anpackte. Die heitere Zufriedenheit, die den Gelehrten +beherrschte, vermochten auch die Mitteilungen Bentans nicht wesentlich zu +erschüttern, die der Greis hin und wieder über die Verhandlungen des +Stammes der Weisen machte. Sie behandelten die auffallende Erscheinung des +Rückganges des Eises an beiden Polen des Mars, eine Erscheinung, die, wie +Bentan lächelnd meinte, in grober Weise gegen alle Tatsachen des bisherigen +Abkühlungsprozesses des Lichtentsprossenen verstoße. + +»Ich habe mich schon oft verwundert gefragt,« warf Fridolin Frommherz ein, +»warum ihr hier oben auf dem Lichtentsprossenen weniger Polareis habt als +wir auf der Erde. Da ihr um so viel weiter von der Sonne entfernt seid, +müßte doch eigentlich eure arktische Zone viel weiter reichen.« + +»Erklärt sich das nicht ganz einfach,« erwiderte der Greis, »durch unsere +geringere Wassermenge, unsere trockenere Atmosphäre, unsern doppelt so +langen Sommer? Wir haben viel weniger Regen, viel geringeren Schneefall als +ihr da unten auf der Erde. Wir werden uns trotz alledem nicht mehr +verjüngen. Die beiden Großmächte beim Bau unseres Lichtentsprossenen, die +Kieselsäure und die Kohlensäure, liegen in ewigem Kampfe miteinander unter +wechselnden Siegen und Niederlagen.« + +»Also genau so wie auch auf unserm Planeten,« warf Frommherz ein. + +»Ja, wenn es einst der Kohlensäure gelingt, über die Kieselsäure +vollständig zu triumphieren,« fuhr Bentan fort, »so hat die Stunde +geschlagen, in der bei uns alles organische Leben erlöschen muß. Dann zieht +der kalte, starre Tod ein wie auf unsern Monden. Jede Woge, die an die +Felsen brandet, jede Welle, die über das Kieselgestein des Flußbettes eilt, +jeder Regentropfen, der zu Boden fällt -- sie alle stehen mit der +Kohlensäure in innigstem, ewigem Bunde, langsam, aber sicher zersetzen sie +auch das härteste Kieselgestein. Die Kohlensäure verbindet sich mit den +basischen Bestandteilen, und die verdrängte Kieselsäure lagert sich mit dem +Rest von Basen am Grunde der Gewässer. So sind einst jene mächtigen Ton- +und Sandsteinlager entstanden, deren Bildungsvorgänge wir heute noch im +Kleinen verfolgen können. Und die Kohlensäure fällt, an Kalk oder Magnesia +gebunden, gleichfalls zu Boden. Die mächtigen Kreidelager der +Kalksteinformationen, die große Teile der Rinde unseres Lichtentsprossenen +ausmachen, bestehen zur Hälfte ihres Gewichtes aus Kohlensäure, die aus der +Atmosphäre stammt und dem Kreislaufe des Lebens entzogen wurde. Im Innern +dieses Weltkörpers, dort in der Tiefe, ist das Gebiet der Kieselsäure, dort +ist sie die stärkere Säure, dort verdrängt sie die Kohlensäure aus ihren +Verbindungen. Diese auf der Flucht begriffene Kohlensäure kannst du an +unsern Mofetten, an vielerlei Spalten und Rissen des Lichtentsprossenen +beobachten, aus denen Kohlensäure ausströmt. Und da Mars langsam erkaltet +und seine Rinde sich verdickt, so muß diejenige Kraft, die der Kieselsäure +die Oberhand im Kampfe verschafft, die Eigenwärme des Lichtentsprossenen, +fortwährend abnehmen. Damit ist der endliche Sieg der Kohlensäure nur eine +Frage der Zeit.« Bentan schwieg. + +»Diesem gewaltigen, unsere Existenz einst vernichtenden Kampfe, stehen wir +wissend, aber machtlos gegenüber,« begann Bentan wieder nach langer Pause. +»Anders aber verhält es sich mit dem Mangel an richtigen Wintern, den wir +seit Jahren schon feststellen können, ferner mit der Abnahme der +Niederschläge aus der Atmosphäre. Diese Erscheinungen stellen uns vor +Aufgaben, die gelöst werden müssen, soll die Gesamtheit nicht schwer +darunter leiden.« + +»Kann sich dies aber nicht rasch, vielleicht schon von heute auf morgen +wieder ändern?« fragte der Erdensohn. »Auf unserm Planeten haben wir auch +öfters Perioden übermäßiger Trockenheit, denen dann wieder solche der Nässe +folgen.« + +»Eure Erde besitzt eine andere, dichtere Atmosphäre und größere +Wassermengen in Form gewaltiger Ozeane als unser Lichtentsprossener. Andere +Gesetze beherrschen somit dort die atmosphärischen Niederschläge als hier. +Klagen oder jammern werden wir unserer ungünstigen Lage wegen nicht. Wir +ziehen aus den Erfahrungen früherer Zeiten den Schluß, daß nach einer +gewissen Periode des Mangels an dem lebenspendenden Naß wieder ein +Abschnitt des Ausgleiches eintritt, allerdings mit der Neigung zu immer +kürzerer Dauer.« + +»Und macht euch diese Aussicht keine schweren Sorgen?« + +»Nein! Ganz abgesehen davon, daß sie unnütz wären, so wissen wir auch alle, +daß für unsern Lichtentsprossenen einst die Stunde seines Unterganges +schlagen wird und muß. Licht und Wärme, die uns das ewige Licht, die Sonne, +spendet, nehmen ebenfalls einmal ihr Ende. Nichts währt dauernd, und was +uns ewig, unvergänglich scheint, was wir damit bezeichnen, umfaßt für unser +Begriffsvermögen allerdings kaum vorstellbare, ungeheure Zeitmaße, die aber +an der Weltuhr nur Sekunden, höchstens Minuten anzeigen. Unerbittlich und +unaufhaltsam rollt das Rad der Zeit. Die rasche Vergänglichkeit alles +Irdischen mahnt uns eindringlich, unser Leben würdig aufzufassen, +inhaltsreich zu gestalten und es nicht mit zweckloser Furcht vor dem +Unbekannten, Unerforschbaren auszufüllen oder gar zu verbittern.« + +»Das sind tiefe Gedanken, die du da äußerst,« warf der Gelehrte voll +Achtung ein, als Bentan einen Augenblick schwieg. »Wohl denen, die ihnen +nachleben!« + +»Alles ist dem Wechsel unterworfen. Welten und Völker verschwinden, andere +tauchen dafür wieder auf,« fuhr der Greis fort, ohne seines Gastes +Bemerkung weiter zu beachten. »Im ewigen Kreislaufe bewegt sich die +Materie, das allein Unsterbliche der gesamten Körperwelt. Und wenn einst +unser Lichtentsprossener nicht mehr sein wird, so ist im Buche der Ewigkeit +und der Unendlichkeit nur ein einziges Blatt gewendet worden. Die ewige +Harmonie und Schönheit des Weltalls hat dadurch nicht gelitten, daß wir +verschwanden. Ein anderer Stern, eine andere Himmelsleuchte ist dann an +unsere Stelle getreten.« + +»Eine solche Anschauung, wie du sie mir soeben geoffenbart hast, edler +Bentan, fürchtet auch den Tod nicht,« bemerkte Frommherz, als der Greis +geendet hatte. + +»Gewiß nicht, mein lieber Freund Fridolin. Die Grundempfindung unseres +Daseins ist nicht die Angst, sondern die Freude an allen Wundern der +Schöpfung, und diese Freude läßt uns alle in unserm Organismus vorhandenen +Kräfte zweckmäßig ausnützen. Sie erlaubt uns dadurch das große Leben der +Gesamtheit voll und ganz mitzuleben. Sie ist es ferner, die uns zu der +klaren Erkenntnis führt, daß der Tod das natürliche Produkt des Lebens ist, +daß dessen Endlichkeit keine Verzweiflung, sondern nur Versöhnung bedeutet. +Unser Einzelleben ist nur eine unwichtige Episode im allein wichtigen +Gesamtleben, von dem wir selbst nur ein kleinster Bruchteil sind. Das +Bewußtsein, unsern Platz in der Natur nach bestem Wissen und Können +ausgefüllt zu haben, schafft das Gefühl der Ruhe und eine gewisse +Heiterkeit der Stimmung, mit der wir unser eigenes kleines Lebensbuch +abschließen. Unsere Nachkommen treten dann an unsere Stelle. Sie allein +sind es, die uns die Fortdauer unseres individuellen Daseins zeigen.« + +»Welch herrliche Worte hast du da gesprochen!« rief der Erdensohn in +aufrichtiger Vewunderung. »Wie ganz anders ist noch in den breitesten +Schichten der sogenannten Kulturvölker unseres Planeten die Auffassung von +Leben und Tod gegenüber euern Anschauungen! Angst und Furcht sind es, die +bei der Mehrzahl der Erdenkinder keine wahre, echte Lebensfreude aufkommen +lassen.« + +»Weil ihr euch eben leider noch nicht durchgerungen habt zur vollen, wahren +Nächstenliebe. Diese allein ist die klare Quelle, aus der jener echte +Frohmut sprudelt, der dem Leben den hellen, warmen Sonnenschein verleiht +und dem Tode jeglichen Schrecken raubt.« + +Welche Fülle von Weisheit strömte nicht von Bentan aus! Und so war es mehr +oder weniger mit jedem andern Marsiten aus dem Stamme der Weisen, mit dem +der Schwabe in nähere Berührung trat. Wahrlich, dieser Stamm verdiente +seinen stolzen Namen; er machte ihm alle Ehre ohne die kleinste Phrase und +Anmaßung, lediglich durch die edle Gesinnung und hohe Bildung seiner +Vertreter. Hatte den schwäbischen Gelehrten einst das von aller materiellen +Sorge scheinbar freie, ideal schöne Dasein zum Bleiben auf dem Mars +veranlaßt, so pries er jetzt, mehr und mehr zur Selbsterkenntnis gelangt, +das Glück eines Verkehrs mit den Besten des Volkes in Angola. Dieser Umgang +war für ihn eine mächtige Förderung in sittlicher wie geistiger Richtung. +Nun fing er auch an, vieles zu verstehen und zu begreifen, was sein +unvergeßlicher Freund Stiller öfters vorgetragen hatte, wenn er mit ihm +zusammen an schönen Sommerabenden den Neckar entlang bei Tübingen spazieren +gegangen war. Wie manchmal hatte er da heftig dem Freunde widersprochen, +war dessen Anschauungen auf das schroffste gegenübergetreten, ohne für +seine kecken Behauptungen und Entgegnungen auch nur entfernt eine +befriedigende Beweisführung antreten zu können. Wie schnell fertig war er +damals im Aburteilen über Dinge gewesen, die er nur höchst oberflächlich +kannte! + +»Sie werden später vielleicht noch einmal anders denken, wenn Sie erst das +Entwicklungsideal der Menschheit durch die reine, durchsichtige Atmosphäre +der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu betrachten vermögen,« hatte +ihm Herr Stiller einmal nach einer heißen Auseinandersetzung geantwortet. +Damals hatte er seines Freundes Behauptung lediglich als Ausdruck der +Hoffart aufgefaßt, heute aber, nach Jahren, fand er, daß Hoffart, Anmaßung +und Selbstüberschätzung nur auf seiner Seite, nicht aber auf der des +treuen, hochgebildeten Freundes gewesen waren. + +Wie oft mußte er gerade bei seinen Unterhaltungen mit den Weisen an den +fernen Stiller denken, diesen vortrefflichen Menschen und Mann der +Wissenschaft! Und mit solchen Gedanken begann wieder eine leise Sehnsucht +nach ihm und den andern Gefährten auf der Marsreise, nach der alten, lieben +Heimat sein Herz zu bewegen. Aber sah er dann die holde Benta, hörte er +deren herrlichen Gesang, lauschte er den wundervollen Akkorden, die ihre +zarten Finger der Harfe zu entlocken verstanden, so verschwanden rasch all +die schwachen Regungen des Heimwehs, einer Spezialkrankheit des echten +Sohnes schwäbischer Erde. Dafür umgaukelten liebliche Träume Frommherz' +Sinne, die sich mehr und mehr zu festen Absichten verdichteten, je länger +er im Hause Bentans, des gütigen Alten, lebte. + + + + +Viertes Kapitel. +Getäuschte Hoffnungen. + + +In das Stilleben des Bentanschen Heimes brachte der Besuch eines jungen +Marsiten vom Stamme der Ernsten eine kleine Abwechslung, die besonders von +Benta angenehm empfunden zu werden schien, wenigstens glaubte dies +Frommherz, nicht ohne eine leise Regung von Unbehagen, zu bemerken. Orman, +mit dem alten Bentan schon lange näher befreundet, war mit einer +wissenschaftlichen Expedition, der er als Mitglied angehörte, nach langer +Abwesenheit wieder nach Angola zwecks persönlicher Berichterstattung +zurückgekehrt. Für die Zeit seiner Anwesenheit am Zentralsitze der Weisen +wohnte er, einer Einladung Bentans folgend, bei diesem. + +Der jugendlich schöne Marsite, der reinste Apoll, wie ihn der Schwabe im +geheimen und nicht ohne einen gewissen Anflug von Neid bezeichnete, war dem +alten Gaste des Hauses sofort mit der so gewinnenden, weil aufrichtigen +Herzlichkeit entgegengetreten, die den Marsiten in ihrem Verkehre überhaupt +eigen war. Das Gebaren und Auftreten Ormans war offen und klar. Er war ein +Mann ohne Furcht und Tadel. Reiches Wissen, gepaart mit jener echten +Bescheidenheit, die nur das Produkt wahren Selbsterkennens ist, machte +Orman besonders sympathisch. Und diese Sympathie wäre auch bei Fridolin +Frommherz vollkommen gewesen, wenn seine Gefühle für Benta, die strahlend +schöne Marsitin, etwas weniger selbstsüchtig gewesen wären. So aber empfand +der Erdensohn Ormans Anwesenheit als eine gewisse Gefahr für sich selbst. + +Verglich er sich nur allein schon äußerlich mit Orman, so fiel die Prüfung +leider sehr zu seinem Nachteil aus, ganz abgesehen von der geradezu +imponierenden Bildung des Marsiten. Das Schwabenalter hatte Fridolin +Frommherz seit kurzem glücklich erreicht. Wollte er also ein eigenes Heim +gründen, so durfte er damit nicht lange mehr zögern. Dieser Gedanke hatte +erst mit dem Erscheinen Ormans eine bestimmtere und deutlichere Form +angenommen, und aus diesem Gedanken heraus wuchs noch ein zweiter: durch +die Heirat mit einer Marsitin sich gewissermaßen das legitime Bürgerrecht +auf dem Lichtentsprossenen zu sichern. Nun mußte ihm dieser Orman in die +Quere kommen, gegen den sich schlechterdings auch gar nichts einwenden +ließ! + +So scharf und mißtrauisch der Gelehrte auch Benta und Orman beobachtete, er +konnte nicht das geringste entdecken, was seiner Eifersucht irgend welchen +Schimmer von Berechtigung hätte verleihen können. Harmlos und fröhlich +verkehrten die jungen Leute miteinander. Nur wollte es Frommherz vorkommen, +als ob Bentas Freundlichkeit gegen Orman doch noch um einen Ton wärmer, +herzlicher gehalten sei als gegen ihn: ein qualvoller Zustand für ihn, der +zum ersten Male in seinem Leben von Amors schlimmem Pfeile getroffen worden +war. Diese heimliche Liebe -- denn daß es eine solche sei, wurde Frommherz +schließlich klar -- machte ihn halb krank und raubte ihm die Lust zu +jeglicher ernsten Arbeit. + +Hin und wieder besann sich Frommherz, was er unter diesen Umständen tun +oder unternehmen solle. Aber kaum war eine Idee gefaßt, als eine andere +neue die alte erste wieder umstieß. Nur so viel stand für den Gelehrten +fest: solange Orman im Hause Bentans weilte, konnte und durfte er nicht mit +dem ehrwürdigen Greise über seine Liebe reden. Sollte er sich eine +Abweisung holen, womit er ja möglicherweise auch zu rechnen hatte, nun +wohl, so wollte er sie erst nach Ormans Abreise einstecken. Er wollte sich +wenigstens vor Orman nicht lächerlich machen. + +Endlich mußte der junge Marsite wieder fort. Der Ernst der Zeit und seine +Pflichten riefen ihn wieder an die Arbeit. Frommherz atmete ordentlich +erleichtert auf. Nach und nach fand er auch seine alte Ruhe und Heiterkeit +wieder und mit ihr den früheren Arbeitseifer. Ein unbestimmtes Gefühl hielt +Frommherz ab, mit Benta selbst zuerst eine offene Aussprache zu suchen. Und +auch mit Bentan, dem Alten, wollte sich keine passende Gelegenheit finden +lassen, die dem Erdensohne erlaubt hätte, mit Mut und Zuversicht seinen +Wünschen lauten Ausdruck zu verleihen. + +Gerade die Mitteilungen Ormans über die zunehmenden ungünstigen +Wasserverhältnisse auf dem Mars hatten Bentans ganze Aufmerksamkeit in +Anspruch genommen und ihn auch den etwas veränderten Gemütszustand seines +Gastes während Ormans Anwesenheit übersehen lassen. Auch war jetzt Bentan +selbst viel beschäftigt. Dazu kamen noch die vielen Versammlungen der +Stammesältesten, Besuche anderer Brüder Bentans, kurz in Angolas sonst so +stillen Straßen und Plätzen herrschte seit einiger Zeit ein regeres Leben +als je. So verschob Frommherz sein Anliegen von einer Woche zur andern und +suchte durch strenge Arbeit seine Leidenschaft zu betäuben. + +Die gute Weiterentwicklung seines gewaltigen Werkes wirkte auf seine +Stimmung so günstig ein, daß er endlich auch den Mut fand, in eigener Sache +handelnd vorzugehen. Eines Abends, nachdem schon Monate seit Ormans +Fortgang verflossen waren, entschloß sich Frommherz, mit Bentan über die +Frage der Ehe im allgemeinen und über eine Heirat mit Benta im besonderen +zu reden. Benta hatte sich auf ihr Zimmer zurückgezogen. Die beiden Männer +saßen allein auf der Terrasse des Hauses und genossen den herrlichen Abend +mit seinem klaren, milden Mondlicht. Schweigend starrte Frommherz hinaus in +die Pracht der Nacht, die ihn immer von neuem wieder durch das reizvolle +Spiel ihrer beiden Monde bezauberte, trotzdem er sich nun schon länger als +fünf Jahre auf dem Mars befand. + +»Wunderbar, märchenhaft schön ist doch bei euch hier oben die Nacht!« rief +der Gelehrte, das lange Schweigen unterbrechend. + +»Ich weiß und kenne nichts anderes,« entgegnete Bentan lächelnd. + +»Aber ich!« antwortete der Schwabe. »Unsere Mondnächte auf der Erde bieten +nicht diese eigenartige Schönheit.« + +»Dafür besitzt ihr ja auch nur einen Trabanten, eine Leuchte. Unser +Verdienst ist es nicht, daß wir deren zwei haben.« + +»Sie passen aber in würdiger Weise zu euerm Leben voll Licht, ja sie +ergänzen es in harmonischer Form. Am Tage das strahlende Licht der Sonne, +in der Nacht der milde, versöhnende, zur Ruhe förmlich einladende +Silberglanz der Monde, alles hell, licht wie ihr selbst!« + +»Nun, dieses Leben, das du so rühmst, hat auch seine Schatten und seine +Unvollkommenheiten. Und wohl uns, daß es so eingerichtet ist,« erwiderte +Bentan. »Ein gewisser Kampf ums Dasein ist nun einmal untrennbar mit der +Existenz eines jeden Lebewesens verknüpft. Er ist die Ursache aller +Entwicklung und Vervollkommnung. Darüber sind wir froh und dankbar +zugleich. Dieser Kampf ums Dasein wird bald unseres Volkes ganze Kraft in +Anspruch nehmen.« + +»Des Wassers wegen?« fragte Herr Frommherz. + +»Ja, wie du weißt.« + +»Ich sehe aber deshalb noch keine drohende Gefahr.« + +»Weil du eben unsere Verhältnisse noch zu wenig kennst, Freund Fridolin. +Für Angola ist die Wasserfrage, dank unterirdischen Zuflüssen zum See, noch +nicht so empfindlich geworden wie an andern Orten unseres +Lichtentsprossenen. Trotzdem aber ist eine Abnahme des Seespiegels deutlich +wahrnehmbar.« + +»Was wollt ihr aber in dieser Sache unternehmen?« + +»Eine Änderung unseres gesamten Kanalsystems,« antwortete Bentan so ruhig, +als ob es sich um die einfachste Angelegenheit handelte. + +»Das ist ja eine Riesenarbeit!« rief der Erdensohn in ehrlichem Erstaunen. + +»Sie muß ausgeführt werden. Vor dem imperativen Muß tritt alles zurück. Wir +alle ohne Unterschied des Stammes werden im Dienste der Allgemeinheit die +große Aufgabe zu lösen suchen.« + +»Auch ich will mich freudig daran beteiligen, soweit ich es vermag, fühle +ich mich doch eins mit euch,« bemerkte Frommherz. + +»Du sollst uns dabei willkommen sein,« erwiderte Bentan herzlich. + +»Der Gedanke, ganz in euch aufzugehen, mir gewissermaßen das Bürgerrecht +hier zu erwerben, bewegt mich schon lange,« hub Frommherz nach längerer +Pause zu sprechen an. »Ich möchte nicht mehr als Gast, sondern als Marsite +angesehen werden.« + +»Wirst du denn anders als ein solcher behandelt?« Diese Frage Bentans +brachte Frommherz ein wenig aus der Fassung. + +»Hm, hm, ich kann mich sicherlich nicht beklagen, nein, im Gegenteil. Nur +möchte ich, -- ja, wie soll ich mich gleich ausdrücken? Ich möchte in allem +als euresgleichen gelten.« + +»Du bist uns kein Fremder, Freund Fridolin. Wir betrachten dich daher auch +schon lange als Mitglied der großen Marsgemeinde. Ich hoffe, daß dich diese +Worte befriedigen,« entgegnete Bentan freundlich. + +»Sie ehren mich, aber sie erfüllen nicht meine besonderen Wünsche.« + +»Und worin bestehen diese? Erkläre dich deutlicher.« + +»Für immer auf dem Lichtentsprossenen zu weilen.« + +»Niemand von uns weist dich fort. Im übrigen war dies ja auch gewiß schon +damals deine Absicht, für immer bei uns zu bleiben, als du deine Brüder +ohne dich von hier fortziehen ließest,« entgegnete Bentan mit eigenartiger +Betonung. + +»Das alles ist nicht das, was ich will. Ein Heim mein eigen nennen, in +Generationen fortleben . . .« + +»Nun verstehe ich dich endlich, lieber Freund Fridolin,« begann Bentan +ruhig, als der Erdensohn, plötzlich unsicher geworden, in seiner Rede +stockte. »Du möchtest heiraten. Ist es nicht so?« + +»Getroffen!« gestand der Gelehrte, ordentlich froh, von Bentan so rasch +begriffen worden zu sein. + +»Zu jung dazu bist du nicht mehr,« warf Bentan lächelnd ein. + +»Nicht wahr? Das finde ich ebenfalls.« + +»Ich möchte aber bezweifeln, ob sich dein Wunsch verwirklichen läßt. Du +bist ein Sohn der Erde und gehörst auch in der Liebe zu ihr. Was +Lichtentsprossen ist, soll sich wieder mit Lichtentsprossenem verbinden, +nicht mit Fremdem. Von einem Durchbrechen dieser Auffassung verspreche ich +mir persönlich nichts Gutes. Doch ferne sei es von mir, dir jede Hoffnung +nehmen zu wollen. Prüfe dich nochmals, und dann handle. Du weißt, daß bei +uns keine materiellen Erwägungen bei der Eheschließung mitsprechen. Bei uns +hat die Frau eine vornehme und hohe Stellung in der Kultur gerade deshalb, +weil sie sich bescheidet, die Ergänzung des Mannes zu sein. Frei wählt sie +denjenigen Mann, dessen Persönlichkeit mit der ihren wirklich und +wahrhaftig wahlverwandt ist. Mit dem, was er ist, mit seiner ganzen +Stellung wirbt bei uns der Mann um das Weib. Dadurch ist bei uns die +Eheeinrichtung zu einer hehren Wahrheit geworden, die sich sehr scharf von +den ehelichen Zuständen der Erde unterscheidet, über die, wie ich mich noch +genau erinnere, als deine Gefährten noch bei uns weilten, ihr uns hier in +Angola Vortrag gehalten habt.« + +»Warum soll aber dieser Unterschied eine Erfüllung meines Wunsches +unmöglich machen? Auch auf der Erde gibt es, glaube es mir, edler Bentan, +manche glückliche Ehen, die nach denselben oder doch ähnlichen Grundsätzen +geschlossen worden sind wie hier oben.« + +»Das mag sein. Es sind und bleiben aber seltene Ausnahmen. In dieser +Richtung sind mir eure völlig miteinander übereinstimmenden und vernichtend +lautenden Urteile allein maßgebend. Deine Brüder waren viel zu ernste und +wahre Männer, als daß ihre Aussagen dem geringsten Zweifel unterzogen +werden dürften. Im übrigen habe ich dir nur gesagt, was ich von deiner +Absicht halte. Ich möchte dich nur gern vor Enttäuschungen bewahren. Es +steht dir völlig frei, nach Gutdünken zu handeln.« + +Eine lange Pause trat ein. Frommherz war durch die Wendung, die das +Gespräch genommen, sehr niedergedrückt. Er hatte auf eine Ermunterung, +nicht auf eine Ablehnung gerechnet; denn darauf liefen Bentans Worte doch +hinaus. Aber er wollte trotzdem nicht ohne weiteres auf seine Neigung zu +Benta verzichten und die Angelegenheit noch in dieser Stunde zu einer +definitiven Klärung bringen. + +»Ich bekenne dir offen, ehrwürdiger Bentan, daß ich mich schon sehr an den +Gedanken gewöhnt hatte, mit dir und deiner Familie durch das Band der +Verwandtschaft in innigste Beziehungen gebracht zu werden, kurz, Benta als +Gattin erringen zu dürfen, für die ich eine warme und ehrliche Neigung +empfinde.« + +»Mein lieber Freund Fridolin, ich freue mich, daß du dich frei und +rückhaltslos mir gegenüber äußerst. Ebenso will ich dir antworten. Benta +will, solange ich noch lebe, überhaupt nicht heiraten. Sie will durch die +Pflichten der Ehe nicht von der Pflege ihres Großvaters abgelenkt werden. +Diesen Entschluß hat sie freiwillig, ohne irgendwelche Beeinflussung schon +gefaßt gehabt, bevor du in unser Haus kamst.« + +»Wie gern würde ich warten,« warf der Gelehrte ein. + +»Es würde dir nichts nützen, denn Benta wird später Orman als Gatten +wählen.« + +»Also hat mich meine Ahnung nicht betrogen,« seufzte Frommherz. + +»Sieh, mein Freund, es ist wirklich besser, du beherzigst meinen Rat und +verzichtest auf eine Verbindung mit einer Tochter unseres Volkes. +Vielleicht kommt einst noch die Stunde, wo du froh darüber sein wirst, über +deine Person und deine Zukunft frei verfügen zu können.« + +»Dieser Verzicht auf meine schönsten Träume ist wirklich schmerzhaft,« +erwiderte Frommherz wehmütigen Tones. + +»Das tut mir aufrichtig leid. Aber durch die Kraft der Selbstbeherrschung +wirst du über das Gefühl des Schmerzes rasch hinwegkommen. Du bist mir +sympathisch. In unserem Zusammenleben bewies ich dir dies. Und diese +Sympathie wird dir auch ferner von mir gewahrt werden.« + +»Um eines bitte ich dich noch, ehrwürdiger Bentan, rede nicht mit Benta +über das, was ich dir vorgebracht.« + +»Das hätte ich auch ohne deine Bitte nicht getan. Ich möchte nicht den +harmlos schönen Verkehr zwischen dir und meiner Enkelin stören, sondern +mich auch fernerhin an ihm erfreuen.« + +»Ich danke dir,« erwiderte der Erdensohn, ergriffen von der schlichten +Größe des Alten. Einer Regung des Herzens folgend, streckte er ihm die +Rechte entgegen, die Bentan innig drückte. + +Damit war Fridolin Frommherz' Liebestraum zu Ende. Es bedurfte aber seiner +ganzen Kraft der Selbstüberwindung, um die Wunde, die seinem Herzen +geschlagen worden war, nach und nach zum Vernarben zu bringen. Und der +Segen der Arbeit half ihm über seinen Kummer weg. + + + + +Fünftes Kapitel. +Die Doppelkanäle auf dem Mars. + + +Unterdessen war vom Stamme der Weisen die Wasserfrage sehr energisch +behandelt worden. Das, was Bentan darüber vor kurzer Zeit seinem Gaste +erzählt hatte, sollte nun sofort ohne Verzug in Angriff genommen werden. +Zum ersten Male in seinem Leben sah der schwäbische Gelehrte mit staunender +Vewunderung die großartige Wirkung des Solidaritätsgefühles eines ganzen, +großen, Millionen umfassenden Volkes. Diese Wirkung flößte ihm geradezu +Ehrfurcht ein. Sie offenbarte ihm, zu welcher Höhe der Leistung die +Humanität und ihr Produkt, die Nächstenliebe, diese edelste der +menschlichen Tugenden, ausgedehnt werden konnten, wenn sie in Fleisch und +Blut eines sittlich und körperlich gleich gesunden Volkes übergegangen sind +wie hier auf dem Mars. + +Keine unnütze Klage, kein lauter Ton des Jammerns bewegte die gewaltigen +Massen, die nun alle in den Dienst des Großen und Ganzen, in den Kampf für +das Wohl der Gesamtheit traten. Alle Lasten, alle Einschränkungen, die +jedem einzelnen durch die Ausführung der Riesenwerke auferlegt wurden, trug +dieser im stolzen Bewußtsein, daß er für alle einzutreten habe, alle +zusammen aber auch ihn wieder schützen würden. Das ewige und felsenfeste +Prinzip, der fundamentale und unverwüstliche Bestandteil der echten, +natürlichen Moral, im Wohle, im Gedeihen des Nächsten nur sein eigenes zu +suchen und zu finden, zu wissen, daß die blühende Menschheit allein das +Paradies, eine verkümmerte aber nichts anderes als die Hölle vorstelle, +diese Grundsätze waren die organischen Triebkräfte der Marsiten. Und sie +bewährten sich glänzend in diesen Zeiten der Gefahr. + +Die sieben Stämme der Marsiten waren wie auf einen Zauberspruch hin in +einen einzigen großen, den der Sorgenden, umgewandelt. Während die älteren, +körperlich weniger leistungsfähigen Männer die leichteren Arbeiten der +Landwirtschaft, die Erziehung der Jugend und die Pflege der Gebrechlichen +und Kranken übernahmen, trat die gesamte Masse der kräftigen Marsiten an +die Ausführung eines zweiten Kanalsystems auf dem Lichtentsprossenen. Dank +der Entwicklung und dem unvergleichlich hohen Stande der technischen +Wissenschaften bei den Marsiten konnte die ungeheure Arbeit mit Hilfe von +Maschinen aller Art verhältnismäßig rasch gefördert werden. Längs den +bisherigen Hauptkanälen wurden kleinere, schmälere angelegt und sorgfältig +ausgemauert, um jedem nennenswerten Wasserverluste zu begegnen. In der Nähe +der alten Riesensammelbecken wurden neue, kleinere geschaffen. Um Verlusten +durch Verdunstung an der Wasseroberfläche vorzubeugen, wurden die +Sammelseen kuppelartig mit Asbestplatten überwölbt, titanenhafte +Riesenbauten, wie sie der Erdensohn hier zum ersten Male sah. + +In den polaren Regionen, gegen den Nord- und Südpol zu, wurden Reihen +enormer Stauwerke mit Schleusen angelegt, die die Wasserabgabe nach den +neuen Kanälen und Sammelbecken genau zu regulieren hatten. Der Wasserbedarf +wurde für die Zwecke des Ackers und Gartenbaues wie für den allgemeinen +Verbrauch und Verkehr auf eine bestimmte Menge festgelegt, die ausreichen +mußte. + +Auch Fridolin Frommherz hatte Angola verlassen, um an dem Bau der neuen +Kanäle tätigen Anteil zu nehmen. Hoch oben im Norden, dort wo der »Berg des +Schweigens«, die höchste Erhebung der nördlichen Marshemisphäre, seinen +schneebedeckten Gipfel erhob, sollten ganz neue Abflußrinnen und +Sammelbecken gebaut werden. Kein Tropfen des geschmolzenen Schneewassers +sollte womöglich mehr verloren gehen. Der Schwabe kannte den Ort. Drei +seiner ehemaligen Gefährten hatten vor Jahren kurz vor ihrer Rückkehr zur +Erde den einsamen Berg bestiegen. Bis zum Fuße war er damals mitgekommen. +Jetzt führte ihn das Luftschiff mit einer Anzahl jüngerer Marsiten, unter +ihnen Zaran, ein Neffe des alten Eran, in jene dünnbevölkerte, kühle +nördliche Gegend. + +Von dem Luftschiffhafen in Angolas Nähe stiegen sie auf, früh, sehr früh am +Morgen. Noch schien der Traum der Nacht über den Wipfeln der nahen +Waldriesen zu schweben. Tiefdunkelblau war der klare Himmel, als der +Luftschiffhafen unter den Reisenden zu versinken schien. Bald erschienen +ihnen die Zurückgebliebenen wie kleine Kinder. Dort drüben lag Angola mit +seinen weißen Palästen. Wie Spielzeug, auf einen grünen Teppich gestellt, +sahen die Häuser aus. Höher stieg das Luftschiff, und weiter wurde der +Horizont. Die große Gleichmäßigkeit in der Bebauung, der fast regelmäßige +Wechsel von Feldern, Waldstrecken und kleineren Orten inmitten herrlichen +Gartenlandes, eine gewisse Gleichförmigkeit des meist flachen, nur von +niederen Hügelreihen durchzogenen Geländes fiel Fridolin Frommherz von der +weitschauenden Höhe herab ganz besonders auf. + +Sie steuerten direkt nordwärts. Angola, das auf dem fünfzehnten Grade +nördlicher Breite lag, war längst verschwunden. Aus der subtropischen Zone, +die auf dem Mars schon mit dem dreizehnten Breitengrade beginnt, waren die +Reisenden in die gemäßigte Zone eingetreten. Fridolins Blick schweifte bald +rückwärts, bald vorwärts in der Fahrtrichtung. Unter ihm schimmerten die +Kanäle, die unzähligen Wasserstraßen der Marsiten, wie in flüssiges Silber +getaucht. Motorboote schossen darauf nach allen Richtungen, doch meistens +nordwärts. Das Luftschiff überholte sie alle, immer in gerader Richtung, +kein Hindernis kennend, nicht Felder und Wälder, nicht Berg und Tal -- das +idealste aller Verkehrsmittel. + +Schon jenseits des fünfunddreißigsten Breitegrades war die gemäßigte Zone +überflogen. Es begann die spärlich bevölkerte kühle Region. Das war die +Gegend, die die Wasserstraßen speiste, an deren Vorhandensein die Existenz +der ganzen Marsbevölkerung gebunden war. Hier schauten des Erdensohnes +Augen von oben herab ein Bild, das ihn fast heimatlich berührte: dunkle +Wälder, mehr Nadelholz als Laubbäume, wechselten mit saftigen grünen Wiesen +und schimmernden Seen. Gebirgszüge schoben sich dazwischen, deren höchste +Gipfel mit Schnee bedeckt waren. Felder sah man immer weniger, je weiter +man nach Norden kam. Größere Orte fehlten in dieser Gegend fast ganz. Nur +weit auseinanderliegende, sehr kleine Kolonien von emsig arbeitenden +Marsiten erblickten die Reisenden. Und noch immer flogen sie nordwärts ohne +Aufenthalt. Jetzt hatten die Felder fast ganz aufgehört; doch sah man noch +immer zahlreiche Viehherden auf kräftigen Bergweiden. Am späten Nachmittage +grenzte sich ein besonders hoher Berg scharf vom Horizonte ab. Er stand +isoliert. Mit einer dichten Schneekappe war seine stolze Pyramide verhüllt. + +»Sieh dort,« sagte Zaran zu Fridolin, »den Berg des Schweigens, unser +Ziel!« + +Wenige Häuser standen am Fuße des Bergriesen. Das Luftschiff hielt darauf +zu und ging sicher und ohne jede Schwankung dicht neben den Behausungen auf +einer Art Bergwiese vor Anker. Ein ernster, wortkarger Mann mit leicht +ergrautem Haupt- und Barthaar trat den Reisenden entgegen. Nach kurzem +Gruße sagte er: »Für Unterkunft ist so gut wie möglich gesorgt,« und wies +auf einen langgestreckten Hüttenbau wenige Schritte von der Landungsstelle +des Luftschiffes. Die Ankömmlinge dankten und zogen sich in ihr reinliches, +luftiges Massenquartier zurück, wo sie alles zu ihrer Bequemlichkeit +Erforderliche sowie Lebensmittel aller Art in ausreichendem Maße vorfanden. +Von den übrigen Bewohnern dieser kleinen Kolonie hatten sie niemand +gesehen. Wie wenig neugierig doch die Leute hierzulande waren! + +Der Erdensohn schlief in der reinen Bergluft vorzüglich. Bei Tagesgrauen +sollte die Arbeit beginnen. Früh am andern Morgen stand Fridolin Frommherz +am Fuße des Berges und betrachtete ihn genau. Steil fielen seine Hänge zur +Talsohle ab. Die Bergwiesen hörten bald auf. Schwärzlicher Sand, das +Produkt verwitterter Lava, trat dem Auge allenthalben entgegen. Es war +gewiß nicht leicht, diesen Riesen zu erklimmen. Und wie viel schwerer mußte +es noch sein, die zur Arbeit notwendigen Werkzeuge und Maschinen bis zu +solch schwindelnder Höhe hinaufzuschaffen! + +»Komm, Freund,« rief da Zaran dem Sinnenden zu, »das Luftschiff ist +bereit!« + +»Das Luftschiff?« wiederholte Fridolin erstaunt. + +»Nun ja, es soll uns und die übrigen Arbeiter zur Höhe befördern.« + +Also kein mühsames, ermüdendes Erklimmen des Bergriesen, wie Fridolin +gedacht! Hinaufgetragen zu werden, war freilich bequemer und ging rascher +von statten. + +Sie stiegen ein, ihre Reisegefährten vom gestrigen Tage mit ihnen und +ebenso der wortkarge Marsite, der sie am Abend zuvor empfangen und begrüßt +hatte. Rasch wich die Talsohle unter ihnen zurück, ein wunderbar leuchtend +grünes Bild im Lichte der aufgehenden Sonne. Kerzengerade stiegen sie in +die Höhe. Mit vollendeter Sicherheit arbeitete das Höhensteuer. Lautlose +Stille lagerte auf dem Berge des Schweigens, der seinen Namen mit vollem +Rechte zu tragen schien. Weder Mensch noch Tier war zu sehen; nicht einmal +das Rauschen eines auf dieser Seite zu Tale plätschernden Baches vernahm +das lauschende Ohr. Auch die Reisenden waren schweigsam. War es der +Eindruck, den die schweigende Natur auf ihre Gemüter machte, oder war es +der Ernst der bevorstehenden Arbeit, der sie bereits in seinem Banne hielt? + +Schon nach zweistündigem Steigen hatte das Luftschiff die Höhe des Berges +erklommen, noch eine Schwenkung nach Osten -- nun ließ es sich leicht und +sicher in einer Mulde unterhalb des Gipfels nieder. Die Reisenden stiegen +aus. Da lag neben ihnen im Krater des früheren Vulkans ein smaragdgrüner, +mit Blumen umsäumter See. Warm fühlte sich hier der Boden an, und keine +Spur von Schnee war zu finden. Somit schien die vulkanische Tätigkeit des +Berges noch nicht ganz erloschen zu sein. Aber kaum hundert Schritte +weiter, da schlugen wieder Eis und Schnee den Boden in ihre Fesseln. + +Hier oben hatte die Arbeit der Marsiten bereits begonnen. Da waren Menschen +und Maschinen in voller Tätigkeit. Es galt, dem Abfluß des Sees eine neue, +schmälere, ausgemauerte Rinne zu schaffen, in der kein Tropfen des so +kostbar gewordenen Wassers mehr versickern konnte. Dann sollte der kleine +Kratersee selbst mit Asbestplatten überwölbt werden, um das Verdunsten +seines warmen Wassers möglichst zu verhindern. Der wortkarge Marsite, der +die neue Arbeitskolonne hierhergebracht, aber während der ganzen Fahrt +keine Silbe gesprochen, nur in tiefem Nachdenken vor sich hin geschaut +hatte, wies jetzt jedem seinen Arbeitsplatz an. Fridolin führte er zu einer +neuen Maschine, die von ihm allein bedient werden sollte. Es war eine Art +Trockenbagger, womit der Boden in der bereits abgesteckten Linie für die +neue Wasserrinne ausgehoben werden sollte. Der Erdensohn, der als +ehemaliger Theologe von Maschinentechnik so gut wie gar nichts verstand und +an körperliche Arbeit nicht gewöhnt war, sah etwas zaghaft auf die vor ihm +stehende große eiserne Maschine. Mit kurzen, klaren Worten erklärte ihm der +Marsite deren Handhabung. Die Aushebungsvorrichtung war automatisch und +regulierte sich bei richtiger Einstellung von selbst. Mit scharfer Kante +versehene Eimer schleiften dicht auf dem Boden und brachten, ebenfalls +automatisch, das losgelöste Material hoch und ließen es auf die +Ablagerungsflächen gleiten. Trotz ihrer dauerhaften Konstruktion war die +Maschine außerordentlich leicht beweglich, was teils einer sinnreichen +Vorrichtung, teils der geringeren Schwere infolge des verminderten +Luftdrucks zuzuschreiben war. So war es für den Erdensohn nicht allzu +schwer, den merkwürdigen Bagger allein zu bedienen. + +Fridolin arbeitete und wunderte sich dabei, wie leicht ihm alles wurde. +Solche Muskelkraft hatte er auf Erden nie besessen. Es war doch etwas +Schönes um die verminderte Schwere. Freilich trat in der ganz +außerordentlich dünnen Luft auf solcher Bergeshöhe lebhafteres Atmen, eine +höhere Spannung der Blutgefäße ein; aber er gewöhnte sich rascher, als er +selbst gedacht, an diese Erscheinungen. Nur eins blieb ihm immer gleich +sonderbar und wollte ihm nicht recht gefallen: das war die bedeutend +abgeschwächte Stimme. So dünn war hier oben die Luft, daß sie den Schall +nur noch schwach verbreitete. Sogar die Arbeit all der wackern Männer nahm +dem »Berge des Schweigens« seinen Charakter nicht. + +Und nun reihten sich die langen Tage rastloser Arbeit vom Sonnenaufgang bis +zu ihrem Untergange. Nicht nur dem See wurde eine neue Abflußrinne +gegraben, den ganzen Berg von der Schneegrenze bis zu seinem Fuße +durchfurchten bald solche auszementierte Rinnen, die zu tieferen Rinnsalen +zusammenflossen und sich zeitweilig in überwölbten Becken sammelten. Der +schweigsame Marsite überwachte alle diese Arbeiten; überall kontrollierte +er, ordnete er an, und ein jeder fügte sich seinen Befehlen. + +»Wer ist der seltsame Mann?« hatte der Erdensohn schon am ersten Tage +gefragt, und als es Feierabend wurde, hatte ihm Zaran seine Geschichte +erzählt: + +»Du weißt, Freund Fridolin, daß die polaren Regionen unseres +Lichtentsprossenen, im Norden wie im Süden, fast ausschließlich von unsern +Gesetzesübertretern bewohnt werden. Wer sich gegen seinen Bruder, gegen das +allgemeine Wohl verfehlt, muß seinen Fehltritt durch Arbeit für die +Allgemeinheit wieder sühnen. Während dieser Zeit wird sein Name aus den +Listen unserer Stämme gestrichen. Namenlos zieht er dorthin, wo unsere +Wasserstraßen ihren Ursprung nehmen. Da unsere ganze Existenz von der +Erhaltung des Wassers abhängt, ist das Instandhalten unserer Wasserläufe +die wichtigste Arbeit für das Gemeinwohl. Dieser Arbeit haben sich somit +unsere Brüder ohne Namen zu unterziehen. Es ist dies die einzige Strafe, +die wir kennen. Nach einer dem Maße seiner Übertretung entsprechenden Zeit +guter Führung steht es dem hierher Verwiesenen frei, wieder zu seiner +Familie zurückzukehren. Viele aber ziehen es vor, hier zu bleiben und ihr +ganzes Leben fortan in den Dienst ihrer Brüder zu stellen. Das tat auch +der, nach dem du mich vorhin fragtest. Mutan hieß er und gehörte dem Stamme +der Findigen an. Ich kenne ihn von Lumata her, wo er unser Nachbar war. +Doch war er in seiner Jugend dem Ernste des Lebens abgeneigt und allzuviel +auf sich selbst bedacht. Seine Pflichten gegen die Gesamtheit erfüllte er +so mangelhaft, daß er in die Region der Vergessenen verwiesen wurde. Hier +ist ein anderer aus ihm geworden. Der Ernst des Lebens hat ihn gepackt und +ihn so sehr von seiner hohen Aufgabe, der Arbeit für seine Brüder, +durchdrungen, daß er es ablehnte, wieder nach Lumata heimzukehren. Er blieb +im Lande der Vergessenen, an dem Orte, wo die Arbeit einen ganzen Mann aus +ihm gemacht. Er hat uns seither mit den großartigsten Erfindungen auf +technischem Gebiete überrascht. Wo es eine besonders schwierige Aufgabe zu +lösen gibt, versucht sich Mutan daran. Seinem scharfen Verstande, seiner +außerordentlichen Geschicklichkeit scheint nichts zu schwer. Die Maschine +zum Beispiel, an der du vorhin arbeitetest, hat er ebenfalls erfunden. Und +du wirst noch viel Großes von ihm schauen.« + +Fridolin Frommherz hatte schweigend zugehört. Zarans Erzählung hatte einen +eigentümlichen Eindruck auf ihn gemacht. Dieser Mutan, dessen ernstes, +kluges Antlitz ihn merkwürdig fesselte, hatte nichts anderes getan, als »zu +viel an sich gedacht«. Und er, Fridolin? Hatte nicht auch er »zu viel an +sich gedacht«, als er seine Gefährten verlassen hatte und auf dem +Lichtentsprossenen zurückgeblieben war? Wenn man ihn mit solchem Maße +messen wollte, dann müßte er auf die Erde zurückkehren und dort den Rest +seiner Tage dem Dienste der Menschheit weihen, die er eigenmächtig +verlassen hatte. + +Rasch schüttelte Fridolin Frommherz jedoch diesen Gedanken ab. Nein, der +Lichtentsprossene war jetzt seine Heimat, die Marsiten die Brüder seiner +Wahl; zu ihnen gehörte er, und ihnen diente er auch jetzt in den schweren +Tagen ihres Existenzkampfes. Aber sooft er Mutan begegnete, kehrte der +Gedanke an seine Verpflichtungen gegen die Erde zurück. + +Wunderschön war es für Fridolin, in den klaren Nächten das Polarlicht mit +seinen zuckenden Strahlen und wechselnden Farben zu beobachten. Noch lieber +aber sah er von seiner weitschauenden Höhe nach der Erde aus. Als hellster +der Sterne hing sie am nächtlichen Firmamente, stets von ihrem treuen +Trabanten gefolgt, der als winziges Sternlein bald rechts, bald links von +ihr erschien, da in ihren Strahlen verschwindend, nach einiger Zeit dort +wieder auftauchend, in ständigem Wechsel. Freilich, wenn die Erde in +Marsnähe war, dann war sie nur als schmale Sichel sichtbar; aber gerade die +Beobachtung ihrer Phasen war für den Erdensohn besonders interessant. Schon +mit bloßem Auge war ein deutliches Zu- und Abnehmen zu sehen, mit den +außerordentlich scharfen Instrumenten der Marsiten aber waren nicht nur die +Beleuchtungsverhältnisse, waren auch Erdteile und Meere, ja selbst die +größeren Länder zu erkennen. Wie oft grüßte der Schwabe vom Berge des +Schweigens aus mit dem Auge die deutsche Heimat! Eine eigentümliche +Erscheinung fiel ihm beim Beobachten der Erde durch das Teleskop des +öfteren auf: er sah deutlich, daß die Strahlen der Sonne auch noch nach +solchen Punkten der Erdoberfläche hindrangen, für die sie eigentlich schon +untergegangen sein mußte. Er befragte Zaran darüber. + +»Das kommt von der Dichte eurer Atmosphäre her,« meinte dieser. »Je dichter +die Luftschicht ist, desto mehr bricht sie die einfallenden Lichtstrahlen. +Diese Lichtbrechung ist bei der Beobachtung entfernter Weltkörper geradezu +ein Beweis für das Vorhandensein einer Atmosphäre. Laß uns das Teleskop +einmal nach einem unserer Monde richten. Sieh, dort geht uns Phobos heute +schon zum zweitenmal auf! Siehst du etwas von einer Lichtstrahlenbrechung?« + +»Nein,« erwiderte Fridolin, »da fällt die Erscheinung ganz weg.« + +»Weil die kleinen Monde in der Regel ihre Atmosphäre nicht festzuhalten +vermögen, euer Erdtrabant so wenig wie Phobos und Deimos. Dort drüben steht +Venus. Versuch es einmal bei jenem fernen Kinde des Lichts!« + +»Die Erscheinung ist wieder da,« rief Fridolin erfreut, »und zwar in noch +höherem Maße als bei der Erde.« + +»Die Venus-Atmosphäre scheint etwas dichter als die irdische zu sein.« + +So brachten auch die Abende dem Erdensohne gar vieles Schöne, Neue und +Interessante. + +Nach wenigen Wochen schon war der ganze Berg des Schweigens kanalisiert. +Die Arbeitsmaschinen hatten geradezu Wunderbares geleistet; die Kraft der +Männer war sehr geschont worden. Nach und nach war die Arbeitskolonie mit +sämtlichen Maschinen zu Tale vorgerückt. Aber da fanden die Ankömmlinge +nicht mehr die einsame Region vor, die sie verlassen. Zu Tausenden und +Abertausenden schafften hier die Marsiten, die sonst die nördliche +gemäßigte oder die tropische Zone bewohnten. Überall, soweit das Auge +schaute, waren bereits die neuen Kanäle ausgehöhlt, die breiten Hauptadern +wie die viel hundertfachen Verzweigungen angelegt. Maschinen waren da +aufgestellt, die der Erdensohn nie zuvor gesehen, und deren Zweck ihm doch +jedesmal bei genauem Anschauen fast von selbst offenbar wurde, so genial +einfach und praktisch war alles, was auf dem Lichtentsprossenen erdacht und +konstruiert wurde. Rasch schritt das Auszementieren des neuen Kanalnetzes +vorwärts. Die Arbeit drängte, stand doch der lange polare Winter vor der +Tür. Vor seinem Eintritt sollte die Kanalisierung bis zur gemäßigten Zone +vorgeschritten sein. Dort würde man noch lange arbeiten können, wenn die +arktischen Zonen schon in Eisesfesseln lagen. Und hinderte der strenge +Marswinter die Arbeit auch dort, dann kanalisierte man den Tropengürtel, +der kein Eis kannte. + +Aber noch aus einem andern Grunde drängte die Arbeit: das Wasser war wie +alles andere auf dem Lichtentsprossenen spezifisch leichter als auf der +Erde. Es kochte schon bei sechzig Grad, war folglich auch rascherem +Verdunsten ausgesetzt, und dem mußte so schnell wie möglich +entgegengearbeitet werden. Natürlich war das Wasser infolge seines +geringeren spezifischen Gewichtes auch minder tragfähig; aber das konnte +hier nicht in Betracht kommen, standen doch die Schiffe, die in raschem +Laufe auf seinem Rücken dahintrieben und die Arbeitenden mit allem +Notwendigen versorgten, ebenfalls unter dem Einfluß der geringeren Schwere. +Charakteristisch für das Wasser auf dem Lichtentsprossenen waren auch die +gewaltigen Wellen, die sich nicht nur auf dem großen Ozeane, der einen Teil +der Südhalbkugel deckt, -- das einzige ausgedehnte Wasserbecken auf dem +Mars, -- sondern auch auf den kleineren Seen der Nordhalbkugel beim +geringsten Anlaß bildeten. Die im Vergleich zur Erde bei weitem leichteren +Wassermoleküle unterlagen geringerer Anziehung der Masse ihres Weltkörpers +und stiegen deshalb oft durch den einfachen Vorgang der Wellenbildung ohne +besonders heftigen Wind oder gar Sturm zu ganz außerordentlicher Höhe +empor. Diesen Vorgang beobachtete Fridolin Frommherz ganz besonders gern. + +Als dann der Winter die polaren Zonen auf dem Mars in Eisesfesseln schlug, +waren die hauptsächlichsten Arbeiten in diesen Gegenden vollendet, die +Arbeiter bereits in die gemäßigte Zone übergegangen. Nie hätte es sich +früher der Erdensohn träumen lassen, daß man solche Riesenbauten in so +kurzer Zeit durchführen könnte. An einem einzigen Kanale auf Erden wurden +oft zehn, fünfzehn und noch mehr Jahre gebaut; hier waren Hunderte von +Kanälen in der kurzen Zeit eines polaren Marssommers -- doppelt so lang wie +ein irdischer Sommer in arktischem Gebiete -- hergestellt worden; aber +nicht nur Hunderttausende, sondern Millionen hatten da mitgearbeitet. Die +Solidarität der Marsiten hatte ein Wunder vollbracht. + +Ganz eingestellt wurden die Arbeiten der Marsiten in den polaren Gegenden +auch im Winter keineswegs. Die Hauptsache war vollendet; doch galt es, da +und dort noch die letzte Hand anzulegen. Auf vorzüglich gebauten, äußerst +leichten Segelschlitten glitten die Männer über die Eisflächen bald dahin, +bald dorthin. Die Schlitten waren gefüttert und mit einem Zeltdache zum +Schutze gegen scharfe Winde versehen. Übrigens war die Kälte, obgleich sie +bedeutende Grade erreichte und bis sechzig Grad unter den Nullpunkt sank, +leicht zu ertragen, weil die Luft vollkommen trocken, frei von Wasserdampf +war. Auf ihren eisernen Kufen glitten die Schlitten dahin wie auf +Schlittschuheisen. Das Segelwerk, das aus einer Brigantine und einem +Klüversegel bestand, gestattete die Benützung jeder Windrichtung, und wenn +es so eingestellt war, daß der Schlitten mit vollem Rückenwinde fahren +konnte, war die Geschwindigkeit des leichten Fahrzeuges staunenerregend. Es +flog förmlich dahin und schien kaum mehr den Boden zu berühren. + +Der Schwabe aber zog in diesen Wintertagen mit der Mehrzahl der Marsiten +erst in die gemäßigte, dann in die äquatoriale Region, das große Werk +fortführend, das in den Polgebieten begonnen worden war. + +Und als die ungeheure Arbeit nach Jahr und Tag glücklich beendet und die +alten sozialen Verhältnisse wiederhergestellt worden waren, da zeigte sich +die segensreiche Wirkung der Arbeit aller für alle: die vielen und großen +Landstrecken, die aus Mangel an Wasser seit längerer Zeit schon brach +lagen, sie wurden nun wieder produktiv und lieferten Nahrung. Gärten, die +schon verödet waren, erwachten zu neuem grünendem und blühendem Leben. + +Überall auf dem Lichtentsprossenen waren alle damit beschäftigt, die +letzten Spuren der Wassersnot zu verwischen, der Landschaft wieder ihr +altes, glanzvolles Gewand zurückzugeben. Auch der Schwabe hatte an dem +Werke des Gemeinwohles redlich mitgearbeitet, hatte mitgegraben, +mitgemauert und mitgehämmert. Die Arbeit kam ihm anfänglich schwer und +sonderbar vor, mit der Zeit aber gewöhnte er sich an seine neue Art der +Beschäftigung. Und diese, verbunden mit dem lebhaften Verkehr mit Marsiten +aller Klassen, hatte nach und nach in Frommherz eine große innere +Umwandlung hervorgebracht. Hohe Gedanken bewegten ihn. + +Das einzigartige Beispiel der Solidarität, das dem Erdensohne hier oben +geboten worden, die zarte Sympathie jedes einzelnen Marsiten für seinen +Mitbruder, eine Sympathie, die sich überhaupt auf alle fühlenden Wesen +erstreckte, hatte ihn zu tiefem Nachdenken angeregt. Er erkannte, daß auf +dem Lichtentsprossenen die höchste Stufe der moralischen Kultur tatsächlich +erreicht war. Er begriff jetzt, daß in dem Maße, in dem die Gefühle der +Liebe und Sympathie und die Kraft der Selbstbeherrschung durch die +Gewohnheit verstärkt werden und das Vermögen des Nachdenkens klarer wird, +auch der Mensch in den Stand gesetzt wird, die Gerechtigkeit der Urteile +seiner Mitmenschen zu würdigen. Erst dadurch vermag dann ein Mensch, +unabhängig von den Gefühlen der Freude oder des Schmerzes, die er einen +Augenblick hindurch empfindet, seinem Benehmen eine gewisse bestimmte +Richtung zu geben. + +So war jeder Marsite, dank der sorgfältig geleiteten Entwicklung seiner +Geisteskräfte und der natürlichen Moral, gewissermaßen der wirkliche und +wahre Richter seines eigenen Betragens. Was den schwäbischen Gelehrten +früher bei den Marsiten rein äußerlich schon so sympathisch berührt und mit +geheimnisvoller Macht angezogen hatte, er hatte nun in den Jahren der +gemeinsamen Arbeit mit ihnen den Schlüssel zu diesem wahren, wissenden, +freien und edlen Bruderbunde gefunden. Die gesunde Harmonie zwischen +Selbstliebe und Nächstenliebe, das war die Ursache der wunderbaren Moral +und des Blühens des Brudervolkes auf dem Mars. Und Frommherz dankte dem +Geschick, das ihn zu diesem Volke gebracht, wo er so unendlich viel zu +lernen vermocht und sich selbst zu echter Menschenwürde hinauf entwickelt +hatte. Langsam zog in ihm ein Sehnen ein, der Apostel wahren Menschentums +auf der Erde zu werden. Dort besaß er einen Freund, der Ähnliches einst +gewollt. Damals hatte er ihn nicht verstanden. Jetzt wünschte er dem +Beispiele Siegfried Stillers, des ausgezeichneten Freundes und Mannes, zu +folgen. + +Aber zunächst trat ein Ereignis ein, das das Volk des Mars, das soeben an +Körper und Geist frisch verjüngt aus dem gewaltigen Kampfe um seine +vornehmste Existenzbedingung siegreich hervorgegangen war, in aufrichtige +Trauer versetzte. Anan, der Älteste der Alten, der Vorsteher des Stammes +der Weisen, hatte den Tribut dem Alter entrichtet und war sanft +entschlafen. Ein inhaltsreiches Leben voll Licht und Segen war damit zu +natürlichem Abschlusse gelangt. Vertreter aller Stämme eilten nach Angola, +um Anan die letzten Ehren zu erweisen und Zeugen der Beisetzung seiner +Asche in Angolas Ehrenhalle zu sein, dem Pantheon der Marsiten. + +»Dem Boden keine Leichen! Rasch verlodernde Glut umfange auf dem +Lichtentsprossenen die erkalteten Schläfen!« Diese Art der Bestattung war +auf dem Mars üblich. Sie galt als die allein würdige und wurde auch als +bester Trost für die Hinterlassenen betrachtet. Am dritten Tage nach dem +Tode Anans, als die untergehende Sonne mit ihren letzten Gluten +purpurfarbene Tinten an den Himmel malte, wurde der offene Sarg mit dem +Entschlafenen zur Feuerstätte getragen. Dem flammenden Abendrote gleich, +sollte auch Anan leuchtend eingehen in den Schoß der Ewigkeit. Ergreifende +Musik wechselte auf dem Wege mit dem Gesange von Trauerliedern. + +Als die Nacht hereingebrochen und Anans Asche in eine Urne von schwarzem +Marmor gesammelt worden war, wurde diese unter Fackelbeleuchtung nach der +Ehrenhalle gebracht, um hier beigesetzt zu werden. »Den Geschiedenen zur +Ehre, den Lebenden zum Vorbild,« das waren die Worte, die in goldenen +Lettern über der säulengetragenen Vorhalle prangten, die zu der herrlichen +Stätte ewigen Friedens der hervorragendsten Marsiten führte. Eine kleine +Nische nahm die Urne auf, und auf einer Marmortafel eingemeißelt befand +sich ein kurzer Auszug aus Anans Leben und Wirken. Das Bruderlied der +Marsiten, von allen gesungen, schloß die Feier. + + + + +Sechstes Kapitel. +Ein tapferer Entschluß. + + +An die Stelle Anans trat Bentan. Das Leben in Angola bewegte sich wieder in +den alten, vornehm ruhigen Bahnen der Gleichmäßigkeit. Der Gelehrte hatte +sein Werk vollendet. In der ersten feierlichen Versammlung des Stammes der +Weisen unter Bentans Vorsitz übergab der Erdensohn sein fertiges Wörterbuch +der deutsch-marsitischen Sprache, eine Arbeit von über elf Jahren nach +Erdenmaß. Der Dank der Weisen wurde ihm für seine anerkennenswerte Leistung +ausgesprochen. + +Frommherz war lange mit sich zu Rate gegangen, ob er diesen Augenblick des +Abschlusses und der Übergabe seines Werkes nicht dazu benützen solle, dem +ihn mehr und mehr beherrschenden Wunsche nach Rückkehr zur Erde passenden +Ausdruck zu verleihen. Nach längerem Schwanken entschloß er sich dazu. Mit +Bentan selbst hatte er noch nicht darüber gesprochen. Er fand es für +besser, zuerst vor den versammelten Vertretern des Stammes der Weisen sein +Anliegen vorzubringen und nachher mit Bentan das Nähere zu beraten. + +Am Schlusse der Sitzung bat Frommherz um das Wort. In längerer Rede +schilderte er, wie sich bei ihm nach und nach der Wunsch entwickelt habe, +dahin wieder zurückzukehren, von wo er einst hergekommen war. Nachdem nun +seine Aufgabe hier auf dem Lichtentsprossenen erfüllt sei, auf dem er so +unendlich viel gelernt, habe er sich eine andere schwere Aufgabe gestellt: +in seinem engeren wie weiteren Vaterlande unten auf der Erde eine aller +Übertreibung ferne und daher auch allein vernünftige Nächstenliebe in der +Weise zu lehren, wie sie hier oben ausgeübt werde, Jünger für seine Lehre +zu werben und den Versuch zu machen, diesen praktischen und segensreichen +Altruismus der Marsiten in der öffentlichen Meinung seiner alten Heimat +mehr und mehr einzubürgern. Der fragwürdigen Kultur der Gegenwart mit ihrer +Lüge und rohen Selbstsucht wolle er im Vereine mit andern energisch +entgegentreten und gegen sie kämpfen, damit den später geborenen +Geschlechtern endlich ein Leben der Wahrheit, der Nächstenliebe und des +Frohmutes beschieden sein möge. Die Menschlichkeit werde dann eine wirklich +vollendete Tatsache, nicht mehr bloß ein Begriff und nur in Gedanken +vorhanden sein. + +»Erst langsam, Schritt für Schritt erklomm ich unter eurem Einflusse den +Weg zur sonnenbeschienenen Höhe abgeklärter Lebensauffassung,« fuhr +Frommherz fort. »Nun erst verstehe ich voll und ganz auch die +Handlungsweise meiner Freunde, als sie von hier fortzogen, während ich +damals wähnte, daß sie eine übereilte Tat, eine unentschuldbare Torheit +begangen hätten. Eine späte Erkenntnis, nicht wahr? Würde ich nicht eure +Gesinnungen, eure hohe Denkweise genau kennen, so würde ich die Frage einer +Rückkehr niemals zur Sprache gebracht haben. So aber weiß ich, daß ihr +meine Handlungsweise von heute begreift. Ich bin gewiß, daß ihr meine Bitte +in ernste Erwägung ziehen und sie auch gern erfüllen werdet, falls ihr +nicht Unmöglichkeiten der verschiedensten Arten entgegenstehen, die ich +nicht zu beurteilen vermag.« Mit diesen Worten schloß Fridolin Frommherz +seine Rede, die von der Versammlung mit großer Aufmerksamkeit angehört +worden war. + +»Zieh dich für einige Augenblicke zurück, lieber Freund Fridolin. Wir +wollen sofort über dein Anliegen beraten und werden dich nachher rufen +lassen, um dir unsere Entscheidung mitzuteilen,« bat Bentan freundlich. + +Der Erdensohn gehorchte. Seine Stimmung war eine gehobene, fast stolze, als +er den Saal verließ, um im Garten vor dem Palaste umherzugehen, bis er zur +Entgegennahme der Antwort auf seine Rede wieder gerufen werden sollte. Wie +ganz anders empfand er doch heute als vor mehr denn elf Jahren am gleichen +Orte! Bedrückt, wirr, unsicher, zerfallen mit sich selbst und seinen +Freunden, im Kampfe widersprechendster Gefühle war er damals aus dem Saale +fortgegangen, und heute beherrschte ihn eine tiefe Genugtuung darüber, daß +er sich endlich selbst wiedergefunden und den Vorschlag des Fortgehens vom +Mars von sich aus, freiwillig gemacht hatte. Er konnte in der Zukunft den +Marsiten nichts mehr von wirklicher Bedeutung bieten als Gegenwert für die +an ihm geübte großartige Gastfreundschaft. Dies sah er klar ein. Die Tat +seiner Freunde erschien ihm heute in ihrer vollen sittlichen Größe. Ob sie +wohl damals die Erde, die Heimat wieder erreicht hatten, die Tapfern? Ob er +sie wiedersehen würde? + +In dem Maße, als er sich selbst mit dem Gedanken der Rückkehr vertraut +gemacht hatte, beschäftigte er sich auch mehr mit den fernen Freunden. Die +Gefahren und Entbehrungen der Reise durch den Weltenraum schlug Frommherz +nicht mehr so hoch an. Die Erinnerung an die Leiden der Herfahrt war bei +ihm im Laufe der vielen Jahre ziemlich verblaßt. Auch vertraute er der +technischen Überlegenheit der Marsiten, die sie so oft schon bewiesen, daß +er an einem richtigen Gelingen der Reise nicht im geringsten zweifelte. + +Trotz seiner fünfzig Jahre, die der Gelehrte nun zählte, sprang er noch +elastischen Schrittes die breite Treppe hinauf, die zum Saale führte, als +er gerufen wurde. Feierliche Stille herrschte in dem großen Raume. Die +wohlwollenden Blicke der Alten ließen den Schwaben einen günstigen Ausgang +seiner Sache hoffen. + +»Mein lieber Freund und Bruder,« begann Bentan zu sprechen. »Dein +Entschluß, zur Erde zurückzukehren, um dort in der uns geschilderten Weise +tätig zu sein, ehrt dich und findet auch unsere vollste Billigung. Er hat +uns mehr erfreut als überrascht, denn wir alle, Anan schon vor Jahren, +sahen voraus, daß du dauernd bei uns doch nicht bleiben würdest. Dein +Entschluß hat uns deshalb besonders gefreut, weil er uns beweist, daß du +gleich deinen Gefährten, die bei uns geweilt, derselbe wackere Mann und +Schwabe bist, für den wir dich immer hielten. Wir werden uns mit dem Stamme +der Findigen und der Ernsten in Verbindung setzen, damit deinem Wunsche so +bald wie möglich entsprochen werden kann. Du sollst zu jenem fernen Kinde +des Lichtes gebracht werden in ähnlicher Weise, wie du einst von dort zu +uns kamst. Und nun kann ich dir im Namen meiner Brüder hier eröffnen, daß +wir beschlossen haben, dein Bild und die Gedenktafel nach deiner Abreise an +der Stelle dieses Saales anbringen zu lassen, die hiefür schon so lange +vorher bestimmt war.« Ein feines Lächeln huschte bei diesen Worten über +Bentans geistvolles Gesicht. »Die sieben Schwaben, die einzigen Erdensöhne, +die je auf dem Lichtentsprossenen gewesen und auf ihm gelebt, sie sind dann +im Bilde und in der Erinnerung für immer bei uns harmonisch vereint. Von +Herzen wünschen wir dir schon jetzt, daß du die trauten Stätten deiner +Kindheit und Jugend nach so langer Abwesenheit glücklich wiedersehen +mögest. Glaube mir, lieber Freund Fridolin, niemand reißt sich ungestraft +aus dem Boden, aus dem er entsprossen, und in dem allein die festen Wurzeln +seiner Existenz liegen. Die Wahrheit dieses Satzes hast du ja auch an dir +selbst erfahren dürfen. Triffst du deine sechs Freunde und Brüder unten auf +der Erde gesund wieder an, was wir hoffen wollen, so überbringe ihnen +unsere innigsten Grüße. Sage ihnen, daß wir ihr Andenken in hohen Ehren +halten, und daß wir es einem heiligen Vermächtnisse gleich ungeschmälert +unsern Nachkommen überliefern werden. Zieh hin in Frieden, mein Freund! +Bewahre auch du uns nach deiner Abreise dieselbe treue Gesinnung, die wir +dir stets bewahren werden.« + +Nach Bentan erhob sich Eran, der die Last seiner Jahre noch mit +erstaunlicher Kraft trug und von seiner Geistesfrische noch nicht das +geringste eingebüßt hatte. + +»In der Nähe von Lumata sind die kühnen Erdensöhne einst mit ihrem +Luftschiffe angekommen,« sprach er. »Von dort aus haben sie auch, bis auf +Freund Fridolin, die Heimreise angetreten, nachdem sie lange Zeit meine +lieben Gäste gewesen. Und so möchte ich nun die Bitte aussprechen, daß die +Rückkehr des letzten Schwaben ebenfalls von jener historischen Stätte in +Lumata aus erfolgen möge. Bis zu seiner Abreise lade ich Freund Fridolin +ein, bei mir wieder sein altes Heim beziehen zu wollen.« + +»Deiner Einladung, ehrwürdiger Eran, leiste ich gern Folge,« antwortete der +Gelehrte. + +»Gut, so soll auch der Bitte unseres Bruders Eran entsprochen werden und +die Abfahrt so bald wie möglich von Lumata aus stattfinden,« entschied +Bentan. + +Am Abend des denkwürdigen Tages saß Fridolin Frommherz zum letzten Male mit +Bentan auf der Terrasse von dessen Hause. Morgen wollte er Angola +verlassen, um mit Eran zusammen nach Lumata zu ziehen. + +»Habe ich dich nicht heute mit dem Entschlusse meiner Rückkehr zur Erde +überrascht?« fragte er seinen Gastgeber. + +»Durchaus nicht!« entgegnete Bentan ruhig. »Ich erwartete die Äußerung +dieses Wunsches und finde, daß du für ihn sehr geschickt den richtigen +Augenblick gewählt hast.« + +»Ja, der Gedanke, den Lichtentsprossenen zu verlassen, hat unendlich lange +Zeit bei mir zum Reifen gebraucht,« erwiderte Frommherz. + +»Das wirklich Gute bedarf immer einer angemessenen Zeit zur Entwicklung.« + +»Gewiß! Ob ich nicht aber schon früher hätte fortziehen sollen?« + +»Ich glaube nicht. Ich habe den Eindruck, daß du zur richtigen Zeit den +richtigen Weg gefunden hast. Deine Arbeit hier ist vollendet. Du warst uns +auch nebenbei in den Jahren der Gefahr und Not ein schätzenswerter, +fleißiger Beistand. Und jetzt, wo du dich uns gegenüber durch deine +Gegenleistungen von jeder moralischen Verpflichtung gewissermaßen befreit +hast, konntest du deiner Bitte auch den berechtigtsten Ausdruck verleihen.« + +»Es freut mich aufrichtig, daß du so denkst, ehrwürdiger Bentan.« + +»Nun, mein lieber Freund Fridolin, bist du jetzt nicht selbst froh darüber, +daß ich dir einst abriet, eine Ehe hier einzugehen? Sieh, damals schon +ahnte ich das, was heute gekommen ist. Ich wies auf die Stunde hin, die +möglicherweise erscheinen könnte, in der du gern frei über deine Person +verfügen möchtest. Heute hat diese Stunde geschlagen.« + +»Du warst der sie Ahnende, der Weitsichtige, dafür danke ich dir. Aber +trotzdem, als Gatte Bentas würde ich wohl niemals den Gedanken einer +Rückkehr gefaßt haben.« + +»Nicht du ihn, er aber dich. Doch gleichviel, es ist gut so, glaube es mir, +lieber Fridolin,« erwiderte Bentan lächelnd. + +»Benta, mein Kind, komm zu uns,« bat der Alte seine Enkelin, die soeben auf +der Terrasse erschien, um nach dem Großvater zu sehen. »Bringe deine Harfe +und erfreue uns mit deinem Spiele. Es ist, wie du ja weißt, Freund +Fridolins letzter Abend, den er hier bei uns verbringt. Verschönere ihn +noch durch Musik und Gesang.« + +Benta, herangereift zur voll entfalteten Schönheit des Weibes, entsprach +sofort der Bitte des Großvaters. Welch wunderbare Töne die Marsitin diesen +Abend ihrem Instrumente zu entlocken verstand! Noch nie zuvor wähnte +Frommherz Benta so meisterhaft spielen gehört zu haben. Und der Gesang! +Welch eine Summe von Gefühlen der Freude und Sehnsucht, stillen Schmerzes +und unbestimmbaren Wehs löste er nicht im Empfinden des Sohnes der +schwäbischen Erde aus! + +Als Benta geendet hatte, stand der Gelehrte auf und reichte ihr tief +ergriffen mit Worten herzlichen Dankes die Hand. »Lebe wohl, Benta! Nie +werde ich deiner vergessen. Für immer wird mit der Erinnerung an meinen +langen Aufenthalt hier oben auch dein strahlendes Bild verknüpft sein. Möge +dir die Zukunft alles Gute in dem reichen Maße bringen, wie du es +verdienst. Das wünsche ich dir zum Abschiede.« + +»Auch ich werde dir stets ein freundliches Erinnern bewahren,« antwortete +Benta herzlich. »Wenn ich später Gattin und Mutter geworden bin, so werde +ich meinen Kindern von dem wackern Freunde unseres Hauses, dem fernen +Erdensohne, erzählen, der sich bei uns so heimisch gefühlt, und dessen +Andenken wir alle dauernd in Ehren halten. Nimm dieses Andenken von mir mit +dir! Reise glücklich!« Nochmals ein inniger Händedruck, und Benta war +eilenden Schrittes im Hause verschwunden. + +Frommherz hielt in seiner Hand ein kleines Etui. Als er es öffnete, fand er +in ihm ein meisterhaft ausgeführtes, edel eingerahmtes Miniaturbild Bentas. + +»Welch große Freude macht mir dieses Bild,« rief Frommherz beglückt. »Ich +werde das kostbare Andenken zu schätzen wissen.« + +»Daran zweifeln wir nicht,« bemerkte Bentan. »Erlaube mir, daß der +Großvater sich auch zur Enkelin gesellt.« Mit diesen Worten übergab er +seinem Gaste ein gleiches Etui mit seinem Bilde. + +»Ihr beschenkt mich, der so wie so für immer euer Schuldner bleiben muß.« + +»Sprich nicht davon! Nun laß auch mich dir Lebewohl sagen, denn morgen +früh, bevor ich aufstehe, bist du schon fort von hier. Mögest du glücklich +die Erde und deine Heimat wieder erreichen! Unsere aufrichtigsten Wünsche +für dein Wohlergehen begleiten dich.« Bentan umarmte den Erdensohn, küßte +ihn auf die Stirn und zog sich dann still in sein Gemach zurück. + + + + +Siebentes Kapitel. +Vorbereitungen zur Rückkehr. + + +Eine geraume Zeit schon befand sich Fridolin Frommherz wieder in seinem +alten Heim in Lumata. Die Kunde von seiner bevorstehenden Abreise nach der +Erde war ihm von Angola aus nach Lumata vorausgeeilt, und als er mit dem +würdigen Eran dahin zurückkehrte, war sein Empfang überall recht herzlich. +Aus dieser Aufnahme an dem alten Orte seines ersten Aufenthaltes fühlte der +Gelehrte deutlich heraus, wie die Marsiten seinen Entschluß beurteilten. +Unverhohlen wurde ihm jetzt eine Achtung gezeigt, die ihm einst, nach der +Trennung von seinen Gefährten, in diesem Umfange nicht bewiesen worden war. + +Mit Energie wurde an der Herstellung des Luftschiffes gearbeitet, das in +jeder Hinsicht befähigt sein mußte, nicht nur den Weltenraum zu +durchschneiden, sondern auch die Marsiten, die des Erdensohnes Begleitung +bilden sollten, wieder auf den Lichtentsprossenen zurückzubringen. Die +großartige Entwicklung der technischen Wissenschaften auf dem Mars +ermöglichte die verhältnismäßig rasche Konstruktion eines den höchsten +Anforderungen genügenden Luftschiffes. Trotzdem aber verstrichen mit der +Erfüllung dieser wichtigen Aufgabe noch mehrere Monate. + +Inzwischen wurden in Fridolins Herz wieder mehr und mehr die alten +Erinnerungen wach. Waren es doch nun schon vierzehn Jahre, seit er von +Cannstatts Wasen unter großem Hallo der Bevölkerung, unter dem Hurra von +Hunderttausenden aus nah und fern Herbeigeeilter abgefahren war. Das +fünfzehnte Jahr nach Erdenmaß war angebrochen, und noch immer weilte er in +Lumata. Jetzt brauchte es nur noch weniger Wochen Geduld, und die ernste +Stunde des Abschiedes für immer vom Mars und seinem edlen Volke sollte +schlagen. Für diese Riesenreise wurde alles in tadelloser, umsichtiger +Weise vorbereitet. Täglich wanderte der Erdensohn hinaus auf die ihm +wohlbekannte Wiese, auf der einst der »Weltensegler«, das Luftschiff, das +ihn und seine Gefährten hierhergebracht hatte, niedergegangen war, und auf +der nun auch sein Luftschiff gebaut wurde, und verfolgte den Fortschritt +der Arbeit. + +Wenn Fridolin Frommherz auch die technischen Schwierigkeiten bei der +Herstellung eines Weltfahrzeugs von Cannstatt her nicht gänzlich unbekannt +waren, so vermochten doch die verwickelten Berechnungen, die dem +kunstvollen Bau zu Grunde lagen, sein Interesse nicht dauernd zu fesseln. +Er hatte allen Respekt vor der Technik und der mathematischen Wissenschaft, +aber kein richtiges Verständnis für sie. Ja, wenn Siegfried Stiller, sein +Freund, der berühmte Astronom, noch hier gewesen wäre! Der hatte einst den +»Weltensegler« bauen lassen nach seinen eigenen Berechnungen, hatte sich +alle bislang auf Erden errungenen technischen Fortschritte und Erfahrungen +zunutze gemacht und hatte ein Werk geschaffen, das die Bewunderung aller +Kulturnationen der Erde gewesen. Wie würde Freund Stiller gestaunt haben, +hätte er das Luftschiff der Marsiten sehen und seinen raschen Bau verfolgen +können! + +Wie Freund Stiller so bauten auch die Marsiten nach dem starren System. +Aber hier auf dem Lichtentsprossenen war alles viel einfacher, +selbstverständlicher, fügte sich viel müheloser ineinander als beim +»Weltensegler« und war vor allem viel leichter als bei diesem. Denn wie +alles andere, so stand auch die Technik hier auf einer auf Erden nicht +gekannten erstaunlichen Höhe. Da wurden Metallegierungen hergestellt, die +in Bezug auf Leichtigkeit und Widerstandsfähigkeit alles auf Erden Gekannte +weit in den Schatten stellten. + +Mit einer nahezu undurchdringlichen Stoffhülle aus seidenartigem Gewebe +wurde der Ballon wie mit einer schützenden Außenhaut umgeben. Zwischen +dieser und dem eigentlichen Ballon befand sich ein isolierender Luftraum, +der gleichsam eine Vermittlung zwischen den eisigen Temperaturen des +Ätherraumes und den gemilderten Temperaturen des Balloninnern herstellen +und einer Abnahme des Ballonvolumens infolge zu starker Abkühlung +entgegenwirken sollte. + +Und wie bequem war die Gondel eingerichtet! Da war nichts vergessen, was +eine wochenlange Reise durch den eisigkalten, lichtlosen Ätherraum +erträglich gestalten konnte. In der Gondel befanden sich aber auch die +exaktesten Meßapparate, alles zu Höhen- und Positionsbestimmungen innerhalb +der Atmosphäre des Mars oder der Erde Erforderliche, auch die Vorrichtungen +zur Handhabung der Höhen- und Seitensteuer, große Mengen fester, +komprimierter Luft nebst einem außerordentlich handlichen +Zerstäubungsapparat, aufgespeicherte Elektrizität teils zur Fortbewegung, +teils zur Beleuchtung und Wärmeerzeugung; wurde doch die Temperatur im +Ätherraum auf hundertundzwanzig bis hundertundfünfzig Grad unter Null +geschätzt! Die an den Wänden angebrachten Lagerstätten ließen sich in die +Höhe klappen, wodurch tagsüber bedeutend an Raum gewonnen wurde. Auf die +praktischeste Weise waren Nahrungsmittel und andere Vorräte ebenfalls an +den Wänden untergebracht. + +Fridolin Frommherz hatte das Gefühl, als könne seinen Freunden vom Mars +eine Weltenfahrt überhaupt nicht mißlingen, und freute sich über die +sichtbaren Fortschritte, die der Bau des eigentümlichen, seiner Vollendung +mehr und mehr entgegengehenden Luftschiffes machte. Ihm zu Ehren sollte es +den Namen »Fridolin Frommherz« tragen. + +Als die große Arbeit endlich vollendet und der Tag der Abreise bestimmt +worden war, erboten sich fünf Marsiten aus dem Stamme der Ernsten und der +Findigen als freiwillige Begleiter des Erdensohnes. Es waren Sirian, der +Erbauer des Luftschiffes, der nun auch sein Lenker sein wollte, Zaran, +Parsan, Alan und Uschan. Zaran war ein Neffe des alten Eran. Der kühne Flug +sollte am fünfunddreißigsten Tage der »Zeit der Ruhe« angetreten werden. +Fridolin Frommherz zählte nach Erdenrechnung den siebenten Februar. + +Am Abend vorher gab Eran dem Scheidenden zu Ehren ein Gastmahl, zu dem von +allen Seiten die Eingeladenen herbeiströmten. Auf blumengeschmückter Tafel +wurde dem Erdensohne noch einmal alles dargebracht, was der +Lichtentsprossene Herrliches an Früchten, Fischen und ähnlichen Dingen zu +bieten vermochte. Die ersten Künstler aus dem Stamme der Frohmütigen +verschönten mit Musik und Gesang und erhebenden Vorträgen den Abend. Dann +erhob sich Eran, der ehrwürdige Greis. In längerer Rede warf er einen +Rückblick auf den einstigen Besuch der sieben Schwaben, von denen der eine +nun so viele Jahre länger unter den Marsiten geweilt und die bei ihnen +bestehenden allgemeinen wie besonderen Lebensbedingungen am gründlichsten +kennen zu lernen Gelegenheit gehabt habe. Daß Freund Fridolin gleich seinen +Brüdern sich unten auf der Erde dem großen Werke der Menschenverbrüderung +widmen wolle, das sei der Grund seiner Rückkehr, den er, Eran, in seinem +ganzen sittlichen Umfange zu schätzen wisse. Möchte dem Tapfern ein schöner +Erfolg beschieden werden! In Lumata aber solle nun das schon längst +geplante Denkmal ausgeführt werden, das bestimmt sei, für immer die +Erinnerung an den Besuch der Erdgeborenen an dieser Stelle festzuhalten. + +Als der ehrwürdige Greis im Silberhaar geendet hatte, dankte Fridolin +Frommherz mit wenigen, aber tiefempfundenen Worten für all das Gute und +Schöne, das ihm auf dem Lichtentsprossenen zuteil geworden, und das er nie +vergessen werde. Die Sehnsucht nach dem Mars-Paradiese und die Erinnerung +an die schönste Zeit seines Lebens werde ihn nie verlassen, ebensowenig +aber werde er jemals vergessen, welcher Höhe der Kultur die Menschheit +fähig sei, und was er auf dem Lichtentsprossenen gelernt, werde er auf +Erden zu verwirklichen suchen. Dann habe er nicht umsonst gelebt. + +Musik und Gesang schlossen die schöne Feier. + +Dann kam für Fridolin Frommherz die letzte Mondnacht auf dem Mars mit all +ihrem Zauber zweier Leuchten. Noch einmal wanderte er ganz allein hinaus +vor die Stadt, atmete noch einmal in tiefen Zügen die wunderbar weiche und +doch würzige Luft, schaute trunkenen Auges den fast durchsichtig klaren +Himmel und die vielen, unzähligen Welten, die da oben in eigenem oder +erborgtem Glanze strahlten, und gelobte sich noch einmal, den Glauben +festzuhalten an den endlichen Sieg des Guten. So, wie es auf dem +Lichtentsprossenen war, mußte es einmal auf Erden werden. Kein Mißerfolg +würde künftig diese Zuversicht zu erschüttern vermögen. + +In gehobener Stimmung kehrte der Erdensohn in Erans gastliches Heim zurück, +um noch ein paar Stunden der Ruhe zu pflegen. + +Wie einstmals, als Fridolins sechs Gefährten schieden, so zog auch diesmal +Eran mit der gesamten Bevölkerung Lumatas am andern Tage in aller Frühe mit +dem Abreisenden hinaus auf die historisch gewordene Wiese. Ein +Händeschütteln, laute Zurufe glücklicher Reise von allen Seiten, eine +letzte Umarmung Erans, dann bestieg Fridolin Frommherz als letzter die +Gondel. Die Taue wurden gekappt; das Luftschiff setzte sich in +pfeilschnelle Bewegung und trug den kühnen Schwaben hinweg aus dem +Paradiese des Mars der heimatlichen Erde zu. + + + + +Achtes Kapitel. +Auf der Fahrt im Weltraum. + + +Einen langen Abschiedsblick voll Liebe und Dankbarkeit warf Fridolin +Frommherz aus seiner luftigen Höhe hinab auf den Lichtentsprossenen, auf +dem er so viel Gutes genossen, wo sein ganzes inneres Wesen umgeformt +worden war. Den inhaltreichsten Abschnitt seines Lebens hatte er da +verlebt. Nie würde er den strahlenden Bruderplaneten seiner irdischen +Mutter wieder betreten. Wie in flüssiges Gold getaucht flimmerten und +funkelten da unten die langen Wasserlinien der Kanäle, die er mit hatte +bauen helfen. Es war, als wiche die Landschaft da unten zu des Erdensohnes +Füßen immer mehr zurück, als wäre sie es, die sich fortbewegte, als stände +das Luftschiff still, so sicher und ohne Schwankung trug es seine Insassen +in die Höhe. Schon waren die Freunde da unten kaum noch als winzige Punkte +sichtbar; Bäume und Bauten erschienen wie kurze Striche. Und bald schwanden +auch sie; es blieb nur das sonnige Glitzern und Flimmern, das auf der +vergoldeten Landschaft lag, bis auch dieses erlosch und beim Verlassen der +Marsatmosphäre die Nacht des Ätherraumes die kühnen Luftschiffer umfing. + +Künstliches Licht, künstliche Erwärmung, künstliche Luftverteilung waren in +Tätigkeit getreten. Man begann, es sich in der Gondel bequem zu machen, die +fünf Marsiten natürlich nur, soweit es ihnen der strenge Dienst gestattete. +Fridolin Frommherz, der einzige Passagier, aber richtete sich nach +Geschmack und Gutdünken ein. Seinem Wunsche gemäß sollte auch er zuweilen +zur Bedienung der Instrumente Verwendung finden; doch war er +naturwissenschaftlich und technisch zu wenig geschult, um regelmäßigen +Dienst an verantwortungsreichen Posten tun zu können. So blieb ihm freie +Zeit in Fülle. + +Die Schrecknisse einer Weltenreise hatte der Erdensohn schon einmal +durchgekostet. In den vierzehn Jahren, die darüber verflossen waren, war +die Erinnerung daran stark verblaßt. Jetzt lebte sie allmählich kräftiger +wieder auf. Besonders lebhaft standen ihm zwei Dinge vor Augen: die +Langeweile, die ihn und seine Gefährten von damals geradezu krank gemacht +hatte, als die Reise nach monatelanger Dauer noch immer kein Ende nahm, als +der Aufenthalt in der engen Gondel unerträglich geworden, und die +Sparsamkeit, die ihnen damals in Bezug auf den Wasserverbrauch auferlegt +gewesen war. Die Langeweile würde sich diesmal bei Fridolin Frommherz +weniger fühlbar machen, war er doch ein anderer, ein geistig Höherstehender +geworden, der diese letzten Wochen des Verkehrs mit Marsiten wohl +auszunutzen wissen würde; auch würde bei der außerordentlich entwickelten +Technik und bei der Geschicklichkeit der Marsiten die festgesetzte +Reisedauer von drei Monaten kaum überschritten werden. + +Wie aber stand es mit dem Wasserverbrauch? Fridolin sah sich um. Das neben +seinem Bett befindliche und wie dieses aufklappbare Waschbecken schien ihm +größer als einst beim »Weltensegler« zu sein. Durfte er daraus auf größere +Mengen mitgenommenen Wassers schließen? Wo das wohl untergebracht sein +mochte? Zaran, der Neffe des alten Eran, begegnete seinem suchenden Blick. + +»Fehlt dir etwas, Fridolin?« fragte er freundlich. »Gern erfüllen wir deine +Wünsche, wenn das im engen Gondelinnern möglich ist.« + +»Hab' Dank, Zaran!« erwiderte der Erdensohn. »Mir fehlt nichts. Ihr habt ja +so vortrefflich für alles gesorgt. Ich fragte mich bloß, wo ihr die für die +lange Reise notwendige Wassermenge untergebracht habt. Der eiserne Behälter +dort und die wenigen wasserführenden Röhren dürften doch wohl nicht +genügen.« + +»Komm mit!« sagte der Marsite lachend und führte den Erdensohn zu einem +sehr kompliziert aussehenden Apparate, den er durch einen leichten Druck +mit der Hand in Tätigkeit setzte. Ein frischer Windhauch strich da +plötzlich über Fridolins Stirn. Er atmete mit Wonne die rasch sich +erneuernde Luft. Nach wenigen Augenblicken sah er, wie an einem Teile des +Apparates sich kleine Wassertropfen sammelten und in einen eigens zu diesem +Zwecke vorhandenen Behälter flossen. + +»Woher kommt das Wasser?« fragte er erstaunt. + +»Aus der verbrauchten Luft,« antwortete der Marsite, und als Fridolin +Frommherz ihn nicht zu verstehen schien, fuhr er fort: »Siehst du, lieber +Freund, das ist unser System der Sparsamkeit, das wir überall zu üben +gewohnt sind. Es darf in unserm Haushalte nichts verloren gehen. Dieser +Apparat hier ist so konstruiert, daß ich aus ihm nicht nur die Luft +erneuern, sondern auch in ihm die verbrauchte Luft sammeln kann. Die +letztere spaltet sich wieder in ihre Elemente, die alsbald von neuem +verwertet werden können. Was aber an Wasserdampf in ihr vorhanden ist, das +zwingen wir zum Niederschlag, zur Sammlung in diesem Behälter.« + +»Wie sinnreich! Wie außerordentlich praktisch!« rief Fridolin froh +erstaunt. »Aber wird uns das so gewonnene Wasser auch genügen?« + +»Nein, lieber Freund, sicherlich nicht! Ich wollte dir bloß zeigen, wie man +sparen kann. Wir führen außer einer ziemlich beträchtlichen Menge +natürlichen Wassers auch alles zur künstlichen Wasserbereitung Notwendige +mit uns. Sei also ohne Sorge! An Wasser werden wir auf der langen Reise +keinen Mangel leiden.« + +Da winkte Sirian, der am Steuer stand, den Erdensohn zu sich heran. + +»Willst du einen Blick auf unsere große nächtliche Leuchte werfen?« fragte +er. »Die kleine hast du bereits im Gespräch mit Zaran verpaßt.« + +Rasch trat Fridolin an das vordere Fenster. + +»Nein,« sagte Sirian, »sieh hier hinaus!« Dabei schob er eine am Boden der +Gondel befindliche Klappe zurück. Darunter befand sich ein kleines, +festverschlossenes Fenster aus glimmerartiger Substanz. Durch dieses bot +sich Fridolin Frommherz ein wundervoller Anblick. Das Luftschiff schwebte +gerade mitten über Deimos, dem großen Marsmonde. Gewaltige gelbbraune +Bergriesen starrten zwischen weiten, öden Sandflächen empor. Alles kahl, +leer, ausgebrannt, aber bestrahlt von solch grellem Sonnenlichte, daß +Fridolin Frommherz geblendet die Augen schloß und sich vom Fenster +abwandte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er Sirian in flinker +Tätigkeit mit einem Apparate, der einem Fernrohre glich und doch wieder +eine Menge Teile zeigte, die ein Fernrohr sonst nicht zu besitzen pflegt. + +»Was macht Sirian da?« fragte er leise, um den Arbeitenden nicht zu stören, +den ebenfalls herbeigekommenen Uschan. + +»Photographische Aufnahmen der Mondlandschaft,« erwiderte dieser ebenso +leise. »Wir verbinden mit deiner Heimbeförderung nach der Erde noch eine +Reihe wissenschaftlicher Aufgaben. Ist doch Sirian einer unserer +bedeutendsten Astronomen. Du wirst noch mehr als einmal zu staunen +Gelegenheit haben.« + +»Werdet ihr auch den Mond der Erde besichtigen?« fragte Fridolin. + +»Diesen erst recht. Nach unsern eigenen nächtlichen Leuchten, die wir +übrigens aus unsern sehr scharfen Fernrohren schon genau kennen, gelangen +wir eher wieder einmal, nach der Erde und deren Monde nicht wieder.« + +»So werdet ihr euch wenigstens eine Zeitlang auf Erden aufhalten, euch +ausruhen, erholen und dabei ihre Einrichtungen studieren?« + +»Nein, lieber Freund,« erwiderte Uschan. »Wir haben die strikte Weisung +sofortiger Rückkehr. Uns genügt die Schau von oben aus der Luft herab. Da +sehen wir zur Genüge, was die Erde als Weltkörper ist und zu bedeuten hat. +Ihre Einrichtungen kennen wir durch dich und deine Brüder. Unsere Kultur +ist die ältere, vorgeschrittenere; wir können von euch nichts lernen. Das +Ziel der Menschenentwicklung aber liegt vorwärts, nicht rückwärts.« + +Fridolin Frommherz schwieg. Was hätte er auch darauf erwidern können? +Uschan hatte nur allzusehr recht. Die irdischen Einrichtungen mußten +Menschen von so hoher Kultur, wie es die Marsiten waren, barbarisch +erscheinen. + +»Sage einmal, Freund Fridolin,« wandte sich Sirian, der seine +augenblickliche Arbeit vollendet hatte, an den Erdensohn, »wie kamt ihr da +unten auf der Erde auf den Gedanken, unserm Lichtentsprossenen den Namen +»Mars« zu geben?« + +Fridolin Frommherz überlegte eine Weile. + +»Sein rötliches Licht mag wohl die Ursache zu seiner Benennung gewesen +sein,« sagte er dann. »Es lebte auf Erden einmal ein starkes, kriegerisches +Volk. Dem galt Tüchtigkeit im Kampfe, Mut und Ausdauer und Tapferkeit in +solchem Maße als höchste Tugend, daß es sich eigens einen Gott des Krieges +formte. Mars benannte es ihn. Phobos und Deimos waren seine Söhne.« + +»Was aber haben wir und unsere Monde mit einem phantastischen Gotte des +Krieges zu schaffen? Wir kennen keinen Krieg, nur friedliche Schlichtung +aller Streitfragen. Einmal freilich hat es auch bei uns Zeiten gegeben, da +Bruderblut floß. Mit Grauen und Abscheu gedenken wir ihrer heute. Seit +Jahrtausenden schon sind sie überwunden.« + +»Hätte man unten auf der Erde von euch und eurer hohen Kultur gewußt,« +sagte Fridolin, »man hätte euerm Planeten sicherlich einen würdigeren Namen +gegeben. So aber mahnte sein rötlicher Glanz die Menschen an die blutige +Fackel des Krieges, und der Name des Kriegsgottes ward zu dem euren.« + + * * * * * + +Mehrere Wochen schon waren Fridolin Frommherz und die fünf kühnen Marsiten +unterwegs. Störungen waren nicht eingetreten. Fast täglich waren kleine +Meteoriten, von der Größe des Luftschiffes angezogen, auf dieses gestürzt, +ohne ihm Schaden zuzufügen. Einmal war es auch einer wahren himmlischen +Kanonade von lauter kleinen Wurfgeschossen ausgesetzt gewesen, und Fridolin +Frommherz fing es schon an etwas unheimlich zumute zu werden -- eine breite +Narbe auf seiner Stirn legte Zeugnis ab von einer früheren Begegnung mit +einem Meteoritenschwarm -- aber auch der ging diesmal vorüber, ohne Schaden +zu stiften. + +Die wissenschaftlichen Apparate waren in beständiger Tätigkeit und +erforderten so große Aufmerksamkeit von seiten der fünf Marsiten, daß der +Erdensohn meist auf sich allein und die eigene Gesellschaft angewiesen war. +Trotzdem zeigte sich das Gespenst der Langweile nur sehr selten. Denn was +gab es nicht alles in diesem Gondelinnern zu sehen, zu lernen, in das +Tagebuch einzutragen! Einen breiten Ring von Meteoren hatte das Luftschiff +vorhin durchschnitten. Viele hundert Millionen Kilometer sollte seine +Länge, Hunderttausende von Kilometern die Tiefe und die Breite betragen -- +wer vermochte sich das vorzustellen? + +Fridolin Frommherz schüttelte den Kopf. + +»Mit solchen Zahlen bin ich nicht zu rechnen gewöhnt,« sagte er; »es ist +mir unmöglich, eine klare Vorstellung damit zu verbinden.« + +Da rief ihn Sirian an das Teleskop. + +»Sieh hier, wonach ich suchte! Nach unsern Erfahrungen der König eines +jeden Meteoritenringes.« + +Ein lautes, bewunderndes Ah! entschlüpfte Fridolins Lippen. Ein Komet! Ein +glänzender König inmitten seiner dunkeln Dienerschar. Es war ein Komet mit +wunderbar leuchtendem Kopfe, von schimmernder Nebelhülle umgeben und einem +sich über Hunderttausende von Kilometern erstreckenden glänzenden Schweife. +Und durch diesen Schweif hindurch schimmerte ein Stern, eine Sonne, die +noch millionenmal weiter entfernt war als der schöne Fremdling inmitten des +Meteoritenschwarmes. Und so wunderbar hell leuchtete der Stern, als ob +keine verschleiernde Hülle zwischen ihm und dem menschlichen Auge läge. Wie +leicht und durchsichtig und luftig die gasförmige Substanz eines solchen +Kometenschweifes sein mußte! + +Zuweilen zeigte Sirian dem Erdensohne Sterne, die aus weiter, +nachtschwarzer Ferne auftauchten, wenn das Luftschiff auf seiner Fahrt die +Lichtstrahlenbahn eines solchen Gestirnes kreuzte. Dann trat Sirians +wundervolles Teleskop wieder in Tätigkeit, und was er da Fridolin Frommherz +vor Augen führte und erklärte, machte diesen fast schwindeln. Es eröffnete +sich ihm ein Blick in die wahre Weltgeschichte, in den Werdegang der +Himmelskörper, wenn er die zahllosen Sonnen im unbegrenzten Raume, im +schrankenlosen All ihre verschlungenen Bahnen ziehen sah, wenn er +leuchtende, über ungeheure Räume des Himmels verteilte Nebelflecke durch +das Spektroskop als sehr verdünnte, glühende Gasmassen erkannte, wenn er an +andern Stellen die Nebelflecke sich bereits zu Sternen verdichten sah -- +Nebelflecke, die vielleicht in so unberechenbaren Fernen lagen, daß das von +ihnen ausgehende Licht wohl Hunderte von Jahren unterwegs gewesen war, ehe +es Fridolins Auge traf. Da sollten sich seine Augen und seine Gedanken, die +Augen und die Gedanken eines kleinen Menschenkindes, an ein fortwährendes +Kreisen von wirbelnden, leuchtenden Welten gewöhnen, die sich ruhelos im +Universum jagten, eine jede mit eigener Bewegung, eine jede auf ihrer +eigenen Bahn und doch alle gehorchend denselben unabänderlichen Gesetzen. +Myriaden von lodernden Sternen, werdenden und gewordenen Sonnen -- welche +Phantasie wäre kühn genug, solches zu erfassen? + +»Freund Fridolin,« sagte Sirian eines Tages, nachdem er Uschan das Steuer +übergeben und sich's an einem der auf- und abklappbaren Tische der Gondel +bequem gemacht, »wir werden in wenigen Stunden außerordentlich +Interessantes schauen.« + +»Ungeahnt ist die Fülle des Neuen und Interessanten auf solch +außergewöhnlicher Reise!« antwortete der Erdensohn fröhlich. »Doch sag mir, +Sirian, ist's ein neuer Komet, dem wir begegnen werden? Oder wieder eine +jener wunderbar glänzenden Sonnen, deren Entfernungen ihr mit Zahlen +berechnet, die mich schwindeln machen?« + +»Diesmal ist's keines von beiden,« versetzte der Marsite. »Wir kommen sehr +nahe an einem der kleinsten Kinder des Lichts vorbei.« + +»Nahe an einem Planeten kommen wir vorbei?« rief Fridolin Frommherz +erstaunt. »Wie ist das möglich? Nie habe ich gehört, daß zwischen Mars und +Erde die Bahn eines Planeten läge!« + +»Es handelt sich um eines jener äußerst kleinen Kinder des Lichts, die ihr, +wie ich aus deinen Karten und Büchern sah, Planetoïden nennt.« + +»Aber die liegen doch jenseits der Bahn des Lichtentsprossenen, zwischen +Mars und Jupiter,« beharrte der Schwabe. + +»Im allgemeinen hast du ganz recht,« erwiderte Sirian, »deshalb sind diese +Planetoïden, um mich deines Namens zu bedienen, auch von uns viel besser +gekannt als von euch. Ihr zählt ihrer etwa fünfhundertundfünfzig, aber ich +sage dir, daß ihre Zahl mit tausend noch viel zu niedrig angegeben ist. Ein +riesiger Weltkörper muß da einmal geborsten sein, wo nun seine Trümmer in +stark exzentrischen Bahnen das ewige Licht umkreisen. Da ist nun eines +jener Trümmerstücke, -- Eros nennt ihr den Planetoïden auf euren +Himmelskarten, -- dessen Bahn hält sich näher an der Sonne als die aller +andern Planetoïden, und so bedeutend reicht sie zwischen Marsbahn und Sonne +hinein, daß sie im Mittel innerhalb der Bahn des Lichtentsprossenen liegt. +Eros kann der Erde fast um ein Drittel, rund um vierzehn Millionen +Kilometer näher kommen als unser Lichtentsprossener, und Eros ist's, den +wir jetzt treffen werden.« + +»Das ist ja eine herrliche Aussicht!« rief der Erdensohn froh. »Aber sag +mir, Sirian, birgt diese Begegnung keine Gefahr für uns?« + +»Von Gefahren sind wir auf einer solchen Reise jede Minute umgeben. Ich +halte es für möglich, daß wir uns Eros nähern können, ohne selbst Schaden +zu nehmen, ist er doch nicht größer als einer unserer kleinen Marsmonde. +Wir werden gerade auf ihn zuhalten, unter Umständen sogar in seine +Atmosphäre eindringen.« + +»Eine Atmosphäre hat der kleine Planet auch?« fragte Fridolin erstaunt. +»Also hat er doch etwas vor euren Monden voraus!« + +»Ja,« sagte Sirian, »durch das Spektroskop haben wir festgestellt, daß +nicht nur dieses kleine Kind des Lichts, sondern auch seine etwas größern +Geschwister Ceres, Pallas, Juno und Vesta eine Atmosphäre, ähnlich der +unsrigen, besitzen. Mehr zu erkennen, war uns bei der Winzigkeit des Eros +nicht möglich. Jetzt aber werden wir sehen, ob er Wasser und Festland, +Berge und Täler und lebende Wesen birgt, die uns ähnlich sind.« + +Aller Erwartungen waren aufs höchste gespannt, als das Luftschiff wirklich +wenige Stunden später Eros ganz nahe kam. Aber der kleine Planet verhüllte +den Beobachtern sein Antlitz. Dunst, Nebel und Wolken machten seine +Oberfläche für den Weltraum unsichtbar. Durch die Trübung seiner Atmosphäre +wurde das Sonnenlicht so sehr nach außen zurückgeworfen, daß es wie ein +undurchdringlicher blendender Lichtschein über ihm lag. + +»Seht ihr den Dunst und die Wolken?« rief Sirian, der die Steuerung wieder +übernommen hatte. »Eros hat nicht nur Luft, sondern auch Wasser, die +Grundbedingung jedes organischen Lebens. Laßt uns nun in seine Atmosphäre +eindringen, um zu sehen, ob er auch festes Land besitzt!« + +Mit Aufbietung aller seiner technischen Hilfsmittel suchte Sirian nun sein +Luftschiff so langsam wie möglich zu Fall zu bringen. Das war infolge der +Anziehung des kleinen Weltkörpers, dessen Masse doch der des Luftschiffs +viel hundertmal überlegen war, eine äußerst schwierige Sache. Obgleich das +Steuer der Hand Sirians beim leisesten Druck gehorchte, erreichte die durch +die Reibung mit der Erosatmosphäre beim Eintritt in dieselbe erzeugte Hitze +einen sehr hohen Grad. Glücklicherweise waren auch die oberen Luftschichten +um Eros lebhaft bewegt und brachten den Reisenden, die die Gondelluken +öffneten, etwelche Kühlung. + +»Eine Bergspitze!« rief Zaran plötzlich. + +Und wirklich, über einen dichten Wolkenschleier empor ragte der Gipfel +eines Berges, mit sanftem Grün überzogen. Eine Vegetation besaß der kleine +Eros also auch. Und nun teilten sich die Wolken. Da lag Land unter den +Reisenden, Wald und Feld und Wiesenland und dann das offene Meer. Aber so +klein war der ganze Weltkörper, daß die Insassen des Luftschiffes von ihrem +hohen Standpunkte aus Nord- und Südpol zugleich schauen konnten. Beide +waren auffallend stark abgeplattet. Staunend sagte sich der Schwabe, daß +die Oberfläche dieser ganzen Halbkugel des Eros kaum mehr als die +Oberfläche eines kleinen deutschen Fürstentums betrage. Und solch ein +winziges Weltganzes führte hier ein kosmisch unabhängiges Dasein! Während +sich Fridolin noch darüber wunderte, wurde es fast plötzlich Nacht. + +»Wie schade,« bedauerte der Erdensohn, »schon Nacht, und wir haben erst so +wenig gesehen!« + +»Wir werden nach Osten fahren,« sagte da Sirian, »der Sonne entgegen. Eros +dreht sich -- nach Erdenzeit -- in fünf Stunden und vierzehn Minuten um +seine Achse. Die Dauer seiner Nacht kann also nicht mehr als zwei Stunden +und sieben Minuten betragen. Diese wenigen Nachtstunden kürzen wir für uns +noch um die Hälfte ab, indem wir der Sonne entgegenfahren.« + +Sie fuhren nach Osten. Und über der östlichen Halbkugel, über einer ganz +neuen Gegend, ging bald darauf die Sonne wieder auf. Wohl angebautes +Hügelland lag jetzt unter ihnen. Es bildete eine äquatoriale Wasserscheide. +Nordwärts und südwärts zogen schmale Flußläufe bis in die winzigen polaren +Meere. Ungefähr ein Viertel des kleinen Weltkörpers war mit Wasser bedeckt, +drei Vierteile bestanden aus Festland. Höhere Berge waren auf der östlichen +Halbkugel nicht vorhanden. + +Sirian brachte das Luftschiff noch mehr zum Sinken. + +»Wir wollen Umschau halten nach lebenden Wesen, die uns ähnlich sind,« +sagte er. »Deuten doch die bebauten Felder zur Genüge darauf hin, daß Eros +bewohnt ist.« + +Alle Insassen des Luftschiffes schauten gespannt durch die Gondelluken +abwärts. Und wirklich, da unten rotteten sie sich zusammen, die Bewohner +dieses winzigen Weltkörpers. Wie abwehrend erhoben die einen die Arme, +andere ballten die Fäuste und schüttelten sie gegen das Luftschiff. +Verwünschungen, in einer eigentümlich rauhen Sprache ausgestoßen, trafen +das Ohr der Reisenden. Trotzdem sank das Luftschiff weiter. Deutlich konnte +man jetzt die teils ängstlichen, teils zornigen Gesichter der in grobe, +aber bunte Gewebe gehüllten Leute erkennen, Männer, Frauen und Kinder. Es +waren große, stattliche Gestalten, ebenmäßig gewachsen, mit reichem Haar, +das den Männern bis auf die Schultern hing, während die Frauen das ihrige +im Nacken zu einem Knoten geschlungen trugen. + +»Wo sind denn ihre Wohnungen?« fragte Fridolin. »Vergeblich schaue ich nach +Häusern aus.« + +»Siehst du nicht dort, in die Hügelreihen eingebrochen, jene rechteckigen +Öffnungen?« rief Uschan. »Offenbar sind das die Eingänge zu einer Art von +Höhlenstadt, wohl zum Schutze gegen den außerordentlich langen, strengen +Eroswinter errichtet.« + +»Also bloß Höhlenbewohner,« sagte Fridolin im Tone des Bedauerns. + +»Lieber Freund, bedenke, daß die Bahn dieses kleinen Planeten in der Zeit +seiner Sonnenferne noch jenseits der Bahn unseres Lichtentsprossenen liegt, +daß Eros den eisigen Weltraum zwischen Mars und Jupiter durcheilt, wo ihn +die Sonnenstrahlen so schräg treffen, daß kaum ein fahles, graues Licht, +ohne wärmende Kraft, seine kurzen Tage erhellt. Du kennst die eisigen +Temperaturen des Weltraumes. Ihnen ist Eros auf seiner stark exzentrischen +Bahn, nach Erdenmaß gemessen, nahezu ein Jahr lang ausgesetzt. Wunderst du +dich noch, daß seine Bewohner lieber im Innern ihres Bodens Schutz und +etwas Wärme suchen, statt Häuser zu bauen?« + +Fridolin wunderte sich nicht mehr. Sirian brachte jetzt das Luftschiff +wieder zum Steigen. + +»Wir haben gesehen, was wir sehen wollten,« sagte er, »und wollen diese +armen Wesen nicht länger ängstigen. Sie scheinen zwar intelligent, aber im +Vergleiche mit uns noch auf einer ziemlich niedrigen Stufe der Entwicklung +zu stehen.« + +»Auch sie werden einst, in hunderttausend Jahren vielleicht, zur Höhe der +gepriesenen Kultur des Lichtentsprossenen emporsteigen,« rief Fridolin +Frommherz begeistert. + +»Nein, lieber Freund,« sagte Sirian, »du irrst dich; unsere Höhe werden die +Erositen nicht erklimmen.« + +»Wie?« fragte der Erdensohn erstaunt, »ist es möglich, daß du Wesen, die +schon eine gewisse Kulturstufe erreicht haben, die Fähigkeit der +Weiterentwicklung absprichst?« + +»Das tue ich nicht,« erwiderte Sirian; »ich denke nur, daß es unsern +Erositen an Zeit fehlen wird, so hoch zu steigen. Ihr kleiner Planet wird +seine Atmosphäre nicht festzuhalten vermögen. Vielleicht schon in tausend +Jahren ist alles Leben auf ihm erloschen, verschwunden seine Luft, +verdunstet sein Wasser; kalt und starr und tot wie unsere Monde zieht dann +Eros seine Bahn um das ewige Licht.« + +Da warf der Erdensohn einen wehmütigen, bedauernden Blick auf die kleine +Welt hinab, die infolge ihrer Winzigkeit zu einem vorzeitigen Absterben +verurteilt war, und es war doch so schön, zu wachsen und sich zu +entwickeln! + +Dann verließ das marsitische Luftschiff die Atmosphäre des Eros und +schwebte wieder draußen im kalten, lichtlosen Ätherraume der Erde zu. + +Eines Nachts -- schon befanden sich die Reisenden in der Anziehungssphäre +der Erde, und Fridolin Frommherz genoß noch den tiefen, ungestörten Schlaf +in der absoluten Stille des Weltraumes -- da wurden die Insassen der Gondel +plötzlich vom wachenden Uschan geweckt. + +»Ein glühender Körper nähert sich unserm Luftschiff,« sagte er. »Zwar ist +er noch fern, aber grell sticht sein Glanz vom undurchdringlichen Dunkel +des Raumes ab. Er scheint unsere Bahn zu kreuzen. Wir müssen zu wenden +suchen.« + +Noch ehe Uschan ausgesprochen, war Sirian an der vorderen Luke. + +»Ein Meteorit von ungeheuren Dimensionen!« rief er, mit aller Macht das +Steuer rückwärts drehend. »Wir müssen so rasch wie möglich aus seiner +gefährlichen Nähe, sonst sind wir verloren!« + +Da sich aber das Luftschiff schon im Bereiche der irdischen Anziehung +befand und der Erde mit einer Geschwindigkeit von fünfunddreißigtausend +Kilometer in der Stunde entgegenstrebte, gehorchte es der steuernden Hand +nicht mehr unbedingt. Statt zu wenden oder seitwärts auszuweichen, +verlangsamte sich nur seine Bewegung unter dem ausgeübten Drucke, aber die +Richtung blieb dieselbe. Es war das erstemal seit der Abfahrt vom +Lichtentsprossenen, daß den kühnen Durchschiffern des Ätherraumes Gefahr in +nächster Nähe drohte. Was tun? Immer näher raste die gewaltige, glühende +Kugel mit nicht zu bestimmender Geschwindigkeit, wohl Tausende von +Kilometern in einer einzigen Minute. Das Herz schlug in diesem Augenblicke +nicht nur dem Erdensohne rascher. In wenigen Minuten mußte der Zusammenstoß +erfolgen. Noch einmal drehte Sirian das Steuer mit aller Kraft. + +»Es wird nichts mehr nützen,« murmelte er dabei, »selbst wenn jetzt das +Wenden gelingt; wenn wir wirklich noch ausweichen können, werden wir von +der vielleicht tausendmal größeren Masse des Meteoriten angezogen werden -- +sein gluthauchender Schlund wird uns nur ein paar Augenblicke später +verschlingen.« + +Da geschah etwas so Wunderbares, wie es keiner der Insassen des +marsitischen Luftschiffes in solcher Schönheit und Großartigkeit je erlebt +hatte: der Meteorit platzte, zerbarst in Tausende von sich jagenden Teilen. +In allen Farben sprühten sie auf, stürzten auf einander, platzten von neuem +in immer neuem Farbenspiel; grüne, gelbe, rote, blaue Flammen durchzuckten +den nachtschwarzen Ätherraum, züngelten empor in lodernder Glut und +erloschen. + +Und als es wieder Nacht um sie geworden, da wußten die kühnen Reisenden, +daß sie gerettet waren, gerettet im Augenblicke höchster Gefahr, als selbst +marsitische Technik und Gewandtheit gegenüber den Allgewalten der Natur zu +versagen drohten. + +Und immer weiter flog das Luftschiff, unbeirrt von allem, was ihm +begegnete, mit wunderbarer Sicherheit von Sirians Führerhand direkt auf die +Erde zu gesteuert. Der Besuch auf dem Monde, das erste Verlassen der Gondel +seit nahezu drei Monaten, stand als nächstes Ereignis bevor. + + + + +Neuntes Kapitel. +Eine Station auf dem Monde. + + +»Wir haben Glück,« sagte Sirian zufrieden lächelnd, als sich die kühnen +Reisenden dem toten Sohne der Mutter Erde näherten, »denn der Mondtag neigt +sich seinem Ende zu.« + +»Warum wünschtest du am Abend auf dem Monde zu landen?« fragte Fridolin +Frommherz. + +»Weil ich seinen Tag wie seine Nacht kennen lernen möchte.« + +»Wäre das nicht auch möglich gewesen, wenn wir morgens oder mittags +angekommen wären?« + +»Lieber Fridolin, bedenke die Länge eines Mondtages! Vierzehn Erdentage +bilden einen einzigen Tag auf dem Monde, vierzehn weitere Tage eine einzige +Mondnacht!« + +Fridolin Frommherz war an eines der Fenster getreten. Eine solche +überwältigende Lichtfülle strömte ihm entgegen, daß er geblendet die Augen +schloß. Uschan reichte ihm ein schwarzes Glas, und nun war es den Augen des +Erdensohnes möglich, hinabzuschauen auf die in grellstem Sonnenlichte +strahlende Mondlandschaft, über der das Luftschiff schwebte. Da stiegen +hohe, schroffe Felsenmassen zu unheimlicher Höhe empor, lange, tiefschwarze +Schatten werfend, die im Gegensatz zu dem blendenden Lichte doppelt schwarz +erschienen. Fürchterliche Abgründe gähnten ihm aus Riesenkratern entgegen, +aus deren Tiefe sich wiederum ein spitzer, kegelförmiger Berg erhob. Da +türmten sich Gipfel an Gipfel, da klafften Spalten und weiteten sich Täler, +übergossen vom grellsten, durch keine Atmosphäre gemilderten Sonnenglanz +und mit schwarzen Schatten, die an Dunkelheit und Schärfe ihresgleichen +nicht hatten. Vergeblich aber suchte das Auge nach einem Tropfen Wasser, +nach einer Spur von Grün. + +Langsam brachte Sirian das Luftschiff zum Sinken. Mit großer Sicherheit +landete es auf einer weiten, sandigen Fläche. Zaran brachte sechs +eigentümliche, vollständig durchsichtige und doch äußerst feste, +glockenartige Kopfbedeckungen herbei. Fridolin Frommherz stülpte die seine, +dem stummen Beispiele der Marsiten folgend, über den ganzen Kopf bis zum +Halse, wo sie fest geschlossen wurde. + +»Wozu das?« wollte er fragen, aber niemand hatte jetzt Zeit, ihm Auskunft +zu geben. Jetzt öffnete Sirian die Gondeltür und betrat als Erster den +Boden, auf dem noch kein Wesen geatmet hatte. Rasch folgten die übrigen. +Alle beteiligten sich an der Arbeit des Festlegens ihres Luftschiffes. Doch +schien es Fridolin Frommherz, als müsse die Arbeit ganz besonders schwierig +sein. Immer wieder prüfte Sirian die Anker und Ketten und festigte bald da +bald dort. Auf dem Lichtentsprossenen war es anders gewesen. Weder Landung +noch Festlegen hatte da bei Luftschiffahrten besondere Schwierigkeiten +verursacht. Keiner der Marsiten sprach ein Wort; auch hörte Fridolin keine +Kette klirren, keinen Hammerschlag, noch irgend ein Geräusch der Werkzeuge, +die doch in voller Tätigkeit waren. Eine geisterhafte Stille herrschte, +eine Stille, die unheimlich war und bedrückte. Der Erdensohn sah sich um. +Da wölbte sich über ihm ein dunkler Himmel, schwarz wie Tinte, wolkenlos, +darin brannte eine Sonne, die er selbst durch sein geschwärztes Glas kaum +zu betrachten vermochte, und neben der Sonne standen Tausende von +glänzenden Sternen, die trotz Sonnenglanz am schwarzen Himmel funkelten. +Und ein großer, dunkler, von hellem Lichtrande umgebener Körper hing am +Himmel. Das mußte die Erde sein. Dreizehnmal so groß muß sie, vom Monde aus +gesehen, sich ausnehmen wie der Vollmond, von der Erde aus betrachtet! + +»Wie seltsam das alles ist, der Himmel so schwarz und die Sterne am Tage +sichtbar!« sagte Fridolin Frommherz zu den Marsiten, die endlich ihre +Arbeit vollendet zu haben schienen. Merkwürdig gedämpft klang ihm die +eigene Stimme entgegen. Von den Marsiten erhielt er keine Antwort. Da war +Totenstille rings umher. Da vernahm man keinen Ton. Da bewegte sich kein +Lufthauch, da plätscherte kein Bach, da schwirrte kein Vogel, da summte +kein Käfer; lautlos waren die Tritte der Menschen, die hier gingen. Die +Sonne brannte, und nichts milderte ihre Glut; trotz Sonnenglut aber war der +Boden eisig kalt, seine Temperatur unter Null Grad. + +»Wie kommt es, daß der Boden bei dieser Hitze so kalt ist?« fragte der +Erdensohn. + +Wieder erhielt er keine Antwort. Die Marsiten, die jetzt mit Messungen und +photographischen Aufnahmen beschäftigt waren, schienen seine Worte gar +nicht gehört zu haben. Keiner der sonst so freundlichen Männer wandte sich +nach ihm um. Da fing es Fridolin an, unheimlich zu werden. Rasch trat er +auf den ihm zunächst stehenden Zaran zu und faßte ihn am Ärmel. Der Marsite +wandte das Gesicht dem Erdensohne zu und neigte sich so weit zu ihm, bis +seine glockenartige Kopfbedeckung die Fridolins berührte. Dann fragte er +freundlich: + +»Was fehlt dir, lieber Freund? Kann ich dir helfen?« + +»Ich fragte vorhin, warum trotz Sonnenglut der Boden hier so furchtbar kalt +ist; aber keiner von euch antwortete mir.« + +»Weil wir deine Frage nicht hören konnten,« sagte Zaran lächelnd. + +»Ihr konntet nicht?« + +»Nein, lieber Fridolin! Du vergißt, daß der Mond keine Atmosphäre hat, und +wo keine Luft ist, kann auch keine Schallvermittlung stattfinden.« + +»Selbstverständlich!« sagte Fridolin Frommherz; »das kam mir augenblicklich +gar nicht zum Bewußtsein, weil wir doch atmen.« + +»O ja,« lächelte Zaran, »durch die in unsern Glocken mitgenommene, sich +langsam verflüchtigende, für etwa sechs Stunden ausreichende Luft. Wenn ich +meine Glocke mit der deinigen in Berührung bringe, trägt mir die darin +eingeschlossene Luft die von deiner Stimme erzeugten Schallwellen zu. Ist +aber nur der kleinste Zwischenraum vorhanden, so dringt kein Laut über die +Wandung deiner Glocke hinaus. Der Hinweis auf das Fehlen der Luft +beantwortet zugleich auch deine Frage von vorhin. Weil keine Lust da ist, +die die Sonnenhitze zurückhält, ist hier der Boden ewig kalt. Was du auch +Seltsames auf dem Monde siehst, es findet alles seine Erklärung in dem +Mangel an Luft.« + +Der Erdensohn wußte genug. Weil keine Luft da war, schien ihm auch der +Himmel schwarz statt blau, weil keine Luft da war, waren die Sterne neben +der Sonne am Tage sichtbar, weil keine Luft da war, glühte die Sonne so +heiß, waren die Schatten so schwarz, war kein Wölkchen am Himmel, kein +Tropfen Wasser in Schluchten und Tälern, entsetzliche Öde, starrer Tod +überall. + +Sirian winkte und gab den Gefährten durch Zeichen zu verstehen, daß man den +nächsten Berg ersteigen wolle. Fridolin Frommherz wunderte sich darüber. Es +war ein Riesenkegel, nach oberflächlicher Schätzung wohl nahezu dreitausend +Meter hoch. Und den wollte Sirian erklimmen ohne Vorbereitungen, ohne +Mitnahme von Proviant, bei Sonnenuntergang und mit einem Luftvorrat, der +höchstens noch für fünf Stunden reichte? Man setzte sich in Bewegung. Wie +leicht sie alle gingen! Keine Spur von anstrengendem Klettern, +beschleunigter Herztätigkeit, mühsamem Atmen. Haushohe Felsen wurden in +kühnem Sprunge genommen. So frei, so leicht fühlte sich der Erdensohn ohne +Atmosphärendruck; das eigene Gewicht war so verringert, daß er die +mächtigsten Felsen ohne Mühe erklomm. Riesenblöcke hob er mit den Armen +hoch wie kleine Holzstücke, und als er seinen schweren goldenen Chronometer +aus der Tasche zog, war die Uhr leicht wie ein Stückchen Papier. Jetzt war +ihm auch klar, warum hier auf dem Monde die Verankerung des Luftschiffes so +viele Schwierigkeiten hatte: es war auf dem atmosphärenlosen Monde zu +leicht. + +Als sie die Höhe erreichten, standen sie am Rande eines schauerlich tiefen +Kraters mit weitem, ringförmigem Walle. Aber auch der Vulkan war tot. Da +gab es keine Feuersäule, keinen Aschenregen, keine flüssige Lava, keine +dampfenden Spalten, nichts, was auf ein glühendes Innere unter der harten +Außenkruste hätte schließen lassen. Ausgestorben jede Spur von Leben! + +Hinter den jenseitigen Bergen versank langsam die Sonne. Ein Kälteschauer +durchzuckte die Gefährten; ihre Glieder zitterten. Der kleine Teil von +Wärme, den der Mond während seines langen Tages aufgenommen, strahlte +hinaus in den eisigen Weltraum. Auf dem Boden, dessen Temperatur vorher +schon unter dem Gefrierpunkt gewesen, vermochten jetzt die Füße kaum mehr +zu stehen. Sirian gab das Zeichen zu raschester Rückkehr. Fast plötzlich, +ohne jede Dämmerungserscheinung, ohne Farbenzauber beim Sonnenuntergang, +war die Nacht hereingebrochen. Aber dunkel war sie nicht. Mit blendendem +Glanze leuchteten die Sterne, und die Erde, die eine wahre nächtliche Sonne +zu sein schien, strahlte jetzt in zurückgeworfenem Sonnenlichte so +wunderbar herrlich, daß jeder Fels, jede Spalte, jeder Stein der +Mondlandschaft mit hellem Glanze übergossen schien. + +Glücklich, aber fast starr vor Kälte erreichte die schweigende kleine +Gesellschaft ihr Luftschiff. Nicht nur Fridolin Frommherz, auch die +Marsiten atmeten auf, als die Anker gelichtet waren und die Entfernung +zwischen ihnen und dem toten Monde immer größer wurde. + +Es mochten etwa 30 Stunden seit der Abfahrt vom Monde verstrichen sein -- +ungefähr zehn Uhr abends nach Erdenzeit -- als das Luftschiff der Marsiten +so langsam und vorsichtig wie nur möglich in die Erdatmosphäre eintrat. +Langsam? Trotz aller Hemmungsvorrichtungen legte das Fahrzeug noch +fünfundzwanzig Kilometer in der Sekunde zurück! Erst durch die Reibung beim +Eintritt in die Atmosphäre verlangsamte sich sein Lauf bedeutend; aber die +gehemmte Bewegung setzte sich in Wärme um. Glücklicherweise ließen die +Isoliervorrichtungen nichts zu wünschen übrig, und die erzeugte übermäßige +Hitze strömte rasch durch die geöffneten Luken hinaus in die kühlen, dünnen +oberen Luftschichten. Jetzt gehorchte das Fahrzeug der Steuerung wieder +vollständig. Absichtlich brachte es Sirian nur sehr langsam zum Sinken. In +einer Höhe, wo die Luftdichtigkeit ungefähr der geringen Dichte der +Marsatmosphäre entspricht, wollte er kreuzen, um am Morgen zu erkennen, +über welchem Erdteile er sich befand, und dann Freund Fridolin in seiner +Heimat Schwaben, womöglich am Orte seines einstigen Aufstieges, zu landen. +Die Dunkelheit der Nacht machte augenblicklich ein Orientieren auf der +Erdoberfläche unmöglich. Der grauende Morgen erst würde ein Umsehen +gestatten. Die Luft war unnatürlich ruhig und für die Höhe, in der sich das +Luftschiff befand, merkwürdig schwül. Da wurde ganz unvermittelt das +Fahrzeug von wilden Schwankungen erfaßt, erst hin und her und dann mit +einem heftigen Rucke tiefer herabgerissen. Es war, als stieße es ringsum an +schwere Gegenstände an. + +»Was ist das?« fragte Fridolin Frommherz erschrocken. + +»Wir sind in widerstrebende Winde geraten. Hört, wie jetzt das unheimliche +Brausen des Sturmes durch die dunkle Nacht klingt! Noch sind wir in +schwarzer Finsternis, aber gleich wird ein Gewitter losbrechen, wie wir +Marsiten es noch nie erlebt haben.« + +Kaum hatte Sirian ausgesprochen, als die Insassen des Luftschiffes +plötzlich, von greller Helligkeit geblendet, die Augen schlossen. Und jetzt +zuckte ein rascher, schneidender Blitzstrahl durch die Dunkelheit, und ein +fürchterlicher Donnerschlag folgte, noch ehe das Licht des Blitzes ganz +erloschen war. Blitz auf Blitz zerriß nun die Wolken, die sich in schweren +Regen auflösten, so daß die elektrischen Funken vom Wasser knisterten. + +Mitten in einem großartigen Gewitter befand sich das marsitische +Luftschiff, fort und fort in grelles elektrisches Licht getaucht, und wenn +Sirian das Steuer berührte, ging ein phosphoreszierendes Leuchten über +seine Hände. + +Mit staunender Bewunderung, ohne eine Spur von Furcht oder Bangen, folgten +die Marsiten dem ihnen unbekannten Schauspiel eines irdischen Gewitters. +Aber rasch steuerte Sirian wieder in die Höhe, in die obersten +Luftschichten. Hoch über dem Gewitter sich haltend, wollte er warten, bis +der Sturm sich ausgetobt hätte. Doch während des Emporsteigens zogen die +Blitze feurige Flammenlinien rund um das Luftschiff. Es stieg wie in einem +Feuermeere. Plötzlich aber war es über die Wetterwolken emporgekommen. +Unter ihm lagen die wildstürmenden Luftschichten; unter ihm zuckten die +Blitze hinüber und herüber; oben aber wölbte sich ein ruhiger Sternenhimmel +in mildem Glanze, und friedliche Mondstrahlen stiegen hinab auf die +sturmbewegten Wolken. Es war ein Schauspiel, wie es schöner kaum gedacht +werden konnte, und die Marsiten freuten sich über das Erlebnis. + +»Sieh, mein Freund,« sagte Sirian zu dem Erdensohne, »du hast in den +vierzehn Jahren, die du nach deiner Rechnung bei uns weiltest, kein +einziges wirkliches Gewitter gesehen. Kleinere elektrische Entladungen +kommen wohl auch in unserer dünnen, wasserdampfarmen Atmosphäre vor; doch +was sind sie im Vergleich mit der Großartigkeit eurer Gewitter! Und diese +herrlichen Wolkenbildungen! Welche Fülle reichen, lebenspendenden Wassers +bergen sie! Nimm dagegen unsere klare, dünne, durchsichtige Atmosphäre! Ihr +bißchen Wasserdampf schlägt sich in den Sommermorgen als Tau nieder auf die +durstige Vegetation. Der Winter bringt uns wohl leichten Regen- und +Schneefall -- aber hast du bei uns je wirkliche Wolken gesehen? Fallen +Regen und Schnee nicht vielmehr als feiner Niederschlag, wie aus einem +zarten Nebel herab? Hätten wir eure Wolken, wahrlich, wir hätten unser +Kanalnetz nicht zu ändern brauchen.« + +Fridolin Frommherz nickte. + +»Ich liebte euren wunderbar klaren Himmel, die Durchsichtigkeit eurer Luft, +den ungetrübten Glanz eurer Gestirne, -- aber du hast recht, die Erde mit +ihren Wolken ist von Natur doch wohl reicher als der Lichtentsprossene.« + +»Auch wir waren einmal so reich an Wasser, wie ihr es jetzt noch seid, und +es wird einmal die Zeit kommen, da ihr so wasserarm sein werdet, wie wir es +jetzt, sind. Dann ist bei uns schon alles Leben erloschen; dann ist nicht +nur der letzte Rest unseres Wassers, dann ist auch unsere Luft +verschwunden, und der starre Tod hält unsern Lichtentsprossenen umfangen. +Und abermals schwinden die Jahrmillionen, -- dann seid auch ihr nicht mehr; +andere Gestirne und andere Wesen sind an unserer wie an eurer Stelle. -- +Doch nun laßt uns wieder zur Ruhe gehen; seht, das Gewitter hat ausgetobt! +Lautlos und ruhig schwebt das Luftschiff jetzt wieder in der gereinigten +Atmosphäre.« + +Es war inzwischen schon Mitternacht vorüber. Nach wenigen Stunden, beim +ersten Morgengrauen, sollte des Erdensohnes engere Heimat gesucht werden. + + + + +Zehntes Kapitel. +Die drei Freunde. + + +Jedes Jahr am 7. Dezember versammelten sich sechs Gelehrte im Hause ihres +Freundes Stiller auf Stuttgarts waldumrauschter, grüner Bopserhöhe. Es +waren die Teilnehmer an jener ersten kühnen Weltfahrt durch den Ätherraum, +die den Bruderplaneten Mars zum Ziele gehabt hatte. Bei ihrer Zusammenkunft +feierten sie den Jahrestag des Aufstieges nach jener fernen, wunderbaren +Welt und tauschten alte, liebe Erinnerungen aus an das eigenartige, +idealschöne Leben, das die Gelehrten zwei volle Jahre lang auf dem Mars +hatten führen dürfen. + +Eine Nachahmung hatte die gefahrvolle Reise nicht mehr gefunden. Die +Gelehrten hatten berichtet, daß von den Marsiten weitere Besuche auf ihrem +Planeten nicht mehr angenommen, sondern mit aller Entschiedenheit +abgewiesen werden würden, damit die Höhe einer Jahrtausende alten Kultur +nicht durch schlechtes Beispiel Schaden leide. Diese Behauptung der +Zurückgekehrten wurde zwar allgemein verlacht und dahin ausgelegt, daß aus +sehr durchsichtigen Gründen die klugen Herren Professoren aus Tübingen sich +für immer den Rekord der Weltenreisen sichern wollten. Aber auch ein +merkwürdiges Mißgeschick, das die Zurückgekommenen verfolgte, trug dazu +bei, andern kühnen Luftschiffern die Lust zu nehmen, das gewagte +Experiment, über den Erdenkreis hinauszuschweifen, nachzumachen. Nein, die +hochentwickelte, moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu +tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das +Spiel des blinden, launischen Zufalles war. + +Andere, wichtigere und aktuellere Fragen, als nach fernen Sternen zu +blinzeln, bewegten die hastenden, unruhigen Menschen. Und so wurde kaum +noch der heldenmütigen Reise gedacht. Das Rad der Zeit rollte weiter, es +ließ die Erinnerung an die wichtige Großtat bei der Menge mehr und mehr +verblassen. Nur als ein Jahr nach der Rückkehr der sechs Schwaben vom Mars +ein Obelisk auf dem Cannstatter Wasen errichtet und feierlich enthüllt +worden war, da gingen die Wogen der Begeisterung noch einmal hoch, da waren +die gelehrten »Weltensegler« wieder einmal Gegenstand allgemeiner +Huldigung. + +Wie still war es aber seitdem wieder geworden, still auch im kleinen Kreise +der Freunde, die seit der Rückkehr in die Heimat durch das trauliche, +brüderliche Du inniger als je miteinander verbunden waren! Es schien, als +ob sie nachgerade die Erde, die sich so stolz Welt nennt, immer weniger +verstünden oder die Welt sie nicht mehr, trotz der unverdrossenen Mühe, die +sie sich gaben, Marssches Licht in das Durcheinander irdischer Auffassung +zu tragen. + +In dem kleinen Freundeskreise war es in den elf Jahren, die jetzt seit +ihrer Rückkehr vom Mars verflossen waren, allgemach lichter geworden. Rasch +nacheinander waren drei der Teilnehmer an jener ewig denkwürdigen Reise +gestorben, und nur drei waren noch übrig geblieben: Siegfried Stiller, der +Astronom und Führer der Expedition, Bombastus Brummhuber, der Philosoph, +und Parazelsus Piller, der Arzt. + +In altgewohnter Weise saßen heute, am Jahrestag ihrer Abreise, die drei +Freunde im großen, wohldurchwärmten Balkonzimmer des Stillerschen Hauses +beieinander. Von da aus genoß man einen herrlichen Blick über Stuttgart weg +bis nach Cannstatt hin. Ein leichter Frost war eingezogen. Da und dort +waren die dunkelgrünen Tannen mit silbernem Reif behangen. Um so +behaglicher ließ es sich in dem vornehm ausgestatteten Gemache sitzen. Eine +tiefe Stille herrschte, denn jeder der Herren war gerade mit seinen eigenen +Gedanken beschäftigt. + +»Was wohl Fridolin Frommherz macht?« entfuhr es unwillkürlich den Lippen +Pillers, des Arztes, der im bequemen Lehnstuhle saß und sinnend den Himmel +betrachtete. + +»Daran dachte auch ich in demselben Augenblicke,« entgegnete Stiller +lächelnd. + +»Nun, wie soll es dem Ausreißer dort oben gehen? Natürlich nur gut,« warf +Brummhuber ein. + +»Das können wir nur vermuten, mit Bestimmtheit aber nicht sagen, lieber +Brummhuber,« erwiderte Stiller sanft. + +»Was vermuten! Was nicht mit Bestimmtheit sagen!« schrie Piller, dessen +Stimmung seit Jahren schon mehr und mehr gereizt geworden war. »Ich sage +euch, der Knabe Fridolin hat es besser als wir. Wie kann es einem Menschen +im Paradiese der Marsiten, bei diesem geistig und körperlich gleich +hervorragend gesunden Volke anders gehen als gut, als ausgezeichnet? Mich +interessiert auch deshalb nicht, wie er sich befindet, nur was der +Drückeberger treiben mag dort oben auf dem Lichtentsprossenen.« + +»Er schreibt möglicherweise noch an dem deutsch-marsitischen Wörterbuche,« +lachte Brummhuber. »Weißt du noch, Stiller, wie Eran, der würdige +Patriarch, von dieser Art der Bestrafung des Ausreißers sprach, als du ihn +der Nachsicht der Marsiten besonders empfahlst?« + +Der Angeredete nickte lächelnd. + +»Wohl bekomm's ihm! Die Arbeit hätte ich auf keinen Fall ausgeführt,« +erwiderte Piller finstern Tones. + +»Mühevoll ist sie, gewiß,« bestätigte Stiller. »Fridolin wird aber ohne +Zweifel seine Aufgabe gelöst haben, wenn auch erst nach Überwindung einer +langen Reihe von Schwierigkeiten verschiedenster Art.« + +»Recht hat er gehabt, daß er oben geblieben ist,« knurrte Piller. + +»Nein, lieber Freund, dreimal nein! Doch streiten wir nicht über diesen +Punkt! Darüber einigen wir uns zu meinem aufrichtigen Bedauern nie, wie mir +scheint.« + +»Piller neidet Frommherz eben den guten Marstropfen,« spottete Brummhuber. + +»Hat etwas Wahres, was du sagst, Brummhuberchen. Im übrigen, Stiller, +bringe eine Flasche des heimischen Nektars von Neckars Halden, Zuckerle +genannt. Ich habe eine sehr empfindliche Anwandlung von Schwäche.« + +»Piller, wir kennen dich und deine vielen Schwächeanfälle,« antwortete +Brummhuber, während Stiller aus dem Zimmer trat und den Befehl erteilte, +den gewünschten Wein herbeizubringen. + +Als der Gelehrte in das Gemach zurücktrat, fielen gerade die letzten +Strahlen der untergehenden Sonne durch dessen hohe und breite Fenster. Eine +Fülle goldenen Lichtes umspielte die hohe Gestalt des Gelehrten und seinen +feingeschnittenen Kopf. + +»Eran, nur etwas verjüngt,« rief Piller, als er seinen Freund in dieser +Beleuchtung erblickte. + +»Wahr gesprochen! Stiller hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit Eran,« +bestätigte Brummhuber. + +»Eine Ähnlichkeit, wenn auch nur äußerlich, mit diesem vortrefflichen +Weisen der Marsiten könnte mich nur ehren,« entgegnete Stiller ernst: + +»Du hast sie, und zwar in geradezu staunenerregendem Maße, seitdem du älter +geworden bist. Haar und Bart sind ja jetzt auch bei dir weiß geworden. Und +fällt das Licht auf dein Gesicht wie soeben, so ist diese Ähnlichkeit +tatsächlich frappierend. Es fehlt dir nur noch die Kleidung, und du +könntest sofort an Stelle Erans in den Stamm der Weisen in Angola +eintreten.« + +»Brummhuber hat recht. Du bist Erans getreues Ebenbild,« fügte Piller bei. + +»Diesem ehrwürdigen Alten zu gleichen, ihm ähnlich zu werden an Adel der +Gesinnung und der Empfindung, und das Ideal meines Strebens hienieden wäre +der Erfüllung nahe,« sprach Stiller leise, wie wehmütig vor sich hin. + +»Na, kommen schon wieder trübe Gedanken?« polterte Piller. + +»Nein,« entgegnete Stiller ruhig, »dafür aber hier der gewünschte Wein,« +als soeben die Türe aufging und der Bediente eintrat, auf einem silbernen +Präsentierbrett den Wein mit Gläsern tragend. + +Nachdem die Gläser mit dem duftenden, rötlich schimmernden Weine gefüllt +waren, ergriff Stiller sein Glas und sprach: »Weihen wir den ersten Schluck +der Erinnerung an den heute zum vierzehnten Male wiedergekehrten Tag des +Antrittes unserer Weltenreise.« + +Die Gläser klangen zusammen. Piller hatte den Inhalt des seinen mit einem +Schlucke geleert, füllte es sich von neuem wieder, räusperte sich und rief: +»Der zweite Schluck, er gelte dem Andenken unseres Lebens auf jenem +Planeten voll Licht und Freude.« Wieder leerte sich Pillers Glas. + +»Und ich bringe heute, erlaubt es mir, liebe Freunde, zum ersten Male mein +Glas dem Andenken an Fridolin Frommherz,« sprach Brummhuber. + +»Soll gelten, als drittes Glas. Frommherz' Sünde sei hiermit in Gnaden +verziehen,« erwiderte Piller, indem er in andächtigem Zuge sein Glas +austrank. + +»Warum uns denn heute immer und immer wieder der Fridolin einfallen muß?« +schimpfte Piller nach einer Weile und begann sich heftig zu schneuzen, um +sein gestörtes seelisches Empfinden wieder herzustellen. + +»Mir will heute die Erinnerung an ihn auch nicht aus dem Kopfe,« +versicherte Brummhuber. »Wäre er nicht so unendlich weit von uns entfernt, +jede Möglichkeit einer Rückkehr ausgeschlossen, so würde ich glauben, daß +er nach dem bekannten Sprichwort urplötzlich erscheinen müßte.« + +»Und warum sollte dies ein Ding der Unmöglichkeit sein?« fragte Stiller. +»Sind wir hinauf und wieder heruntergekommen, ebensogut oder womöglich noch +besser oder leichter dürften die Marsiten mit Freund Fridolin den Weg zur +Erde finden, wenn sie ernstlich wollten.« + +»Ja, wenn sie wollten! Die werden es aber bleiben lassen, unserer Erde +einen Besuch abzustatten nach den schwarzen Bildern, die wir oben von ihr +entworfen haben,« knurrte Piller. + +»Ja, wir malten recht düster damals in Angola,« warf Brummhuber ein. + +»Aber durchaus wahr. Und rückhaltsloseste Wahrheit und Offenheit waren wir +den edlen Marsiten schuldig,« bemerkte Stiller. + +»O Angola!« seufzte Piller, sich wieder kräftig schneuzend. »Doch was nützt +die Sehnsucht nach diesem Eden? Vorbei, vorbei für immer!« + +»Sei aufrichtig dankbar für die herrliche Erinnerung daran, die dir +geblieben ist,« verwies ihn Stiller. + +»Laß mich lieber Lethe trinken und schieb mir die Flasche zu, Freund +Siegfried,« bat Piller. Lächelnd gehorchte Stiller. + +»Immer derselbe!« tadelte Brummhuber. »So treibst du es an jedem siebenten +Dezember, seit wir wieder hier unten weilen.« + +»Mensch und Freund, wie prosaisch bist du wieder einmal! Wie wenig +verstehst du mich! Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide, kann +auch ich mit dem Dichter sagen.« + +»Wir wollen dir deshalb auch mildernde Umstände zubilligen, Piller, und +eine neue Flasche bestellen, wenn wir auch dein sogenanntes Leiden nur cum +grano salis gelten lassen,« entgegnete Stiller mit freundlichem Lächeln und +die Klingel ziehend. + +»Stiller, altes Haus, du verstehst mich immer wieder am besten,« lobte +Piller. + +»Als ob zu diesem Verständnis viel gehören würde!« + +»Gut gebrummt, Brummhuberchen! Doch hier kommt neue Labung. Mit Wärme füllt +der edle Wein mein ganzes Ich.« + +»Das wissen wir schon lange, Piller. Es bedarf wahrlich keiner besonderen +Betonung mehr.« + +»Brummhuber, heute bist du einmal deines Namens wieder vollkommen würdig.« + +»Hoffe es auch sonst immer zu sein.« + +»Kann es nicht ohne reservatio mentalis bestätigen.« + +»Bleib mir damit vom Leibe, Piller, sonst werde ich wirklich brummig.« + +»Friede, meine lieben Freunde, Friede!« mahnte Stiller. + +»Ich bin stets friedvoll gestimmt, und nichts liegt mir ferner, als diese +hehre Stunde des Zusammenseins durch Streit zu entweihen. Schon die Blume +dieses heimischen Nektars wirkt dämpfend auf jegliche Empfindung und stimmt +versöhnungsvoll,« entgegnete Piller. + +»Du bist und bleibst der Alte,« erwiderte Stiller und klopfte ihm auf die +Schulter. + +»Warum soll ich mich ändern? Bin ich dir doch bislang gut genug gewesen!« + +»Und wirst es auch stets bleiben, lieber Freund,« versicherte ihm Stiller. + +»Auch mir,« fügte Brummhuber fröhlich bei. + +Der Dezemberabend fing an in den gemütlichen Raum seine leichten Schatten +zu werfen. + +»Soll ich Licht machen?« fragte Stiller seine Gäste. + +»Nein, noch nicht!« bat Brummhuber. »Es läßt sich in der Dämmerstunde so +hübsch träumen.« + +»Und auch plaudern,« warf Piller ein. »Ich bewundere immer von neuem wieder +dein schönes Heim, das du dir hier geschaffen hast, Stiller. Es ist wie du +selbst.« + +»Wie meinst du das?« + +»Nun, gediegen, vornehm, ruhig und voll stillen Zaubers.« + +»Ja, bei Freund Stiller läßt es sich leben. Da fühlt man sich beinahe so +wohl geborgen wie auf dem Mars,« bemerkte Brummhuber. + +»Für uns das Angola Schwabens,« fügte Piller bei. + +»Ihr übertreibt, beste Freunde,« erwiderte Stiller heiter. »Und doch freuen +mich diese Vergleiche gerade von euch. Was wart ihr für nüchterne, +poesielose Menschen, bevor ihr nach dem Mars kamt, und welch große +Umformung eures ganzen Innern brachte der Aufenthalt dort oben mit sich!« + +»Man macht nicht umsonst, ungestraft eine solche Exkursion,« antwortete +Piller trocken. + +»Nun, dieses Resultat will ich mir gern gefallen lassen,« entgegnete +Stiller. + +»Und doch, es ist wahr: ungestraft waren wir nicht so lange auf dem +Lichtentsprossenen. Erinnerst du dich noch jenes letzten, herrlichen Abends +in dem Palaste der Weisen in Angola?« + +»Ja, noch sehr gut,« erwiderte Stiller leise. + +»Wohl! Fremdlinge werden wir da sein, wo wir geboren wurden, wo wir früher +gelebt, gerungen, für unsere heiligste Überzeugung gestritten haben. Diese +mir unvergeßlich gebliebenen Worte sprachst du damals. O Stiller, wie sehr +hast du recht gehabt!« Es klang wie ein schlecht unterdrückter Schrei des +Schmerzes, diese Entgegnung Pillers. + +»Mein lieber Freund, steht es so mit dir?« Stiller war, überrascht durch +diese an Piller ganz ungewöhnliche Gefühlsäußerung, aufgestanden und auf +ihn zugetreten, ihm die Rechte auf die Schulter legend. + +»Mein treuer Gefährte,« sprach er sanft, »du leidest ja auch an Heimweh +nach dem Mars wie wir. Zum ersten Male offenbarst du es uns. Und dennoch! +Wir müssen es zurückdrängen um des Großen willen, das wir hier unten +verfolgen.« + +»In dieses Granitgebirge menschlicher Vorurteile und Blindheit, Schwäche +und Feigheit einen Tunnel der Aufklärung zu bohren, ist nahezu ein Ding der +Unmöglichkeit, sintemalen eine Maschine, die das fertig brächte, niemals +erfunden werden dürfte,« antwortete Piller gereizt. + +»Denn die Dummheit währet ewiglich,« fügte Brummhuber hinzu. + +»Warum auf einmal so kleinmütig, meine Freunde?« fragte Stiller. »Dir, +Brummhuber, will ich zugeben, daß die Dummheit niemals völlig ausgerottet +werden kann, weil sie nichts anderes bedeutet als geistige +Minderwertigkeit. Minderwertige Menschen aber wird es immer geben.« + +»Sehr wahr!« warf Piller ein. + +»Nun wohl! Diese Menschen vor verhängnisvoller Tätigkeit zu bewahren, sie +von verantwortungsvollen Posten auszuschließen, ist kein Ding der +Unmöglichkeit. Schon jetzt wird diese Scheidung, eine Art gesunder Auslese, +bis zu einem gewissen Grade da und dort auch durchgeführt. Je mehr die +naturwissenschaftliche Bildung Gemeingut aller wird, um so weniger wird +sich der Dumme breitmachen können.« + +»Keine Frage. Wir sind aber leider noch sehr weit von deinem Ideale +entfernt.« + +»Gewiß, lieber Piller. Um aber auf deine Worte von vorhin zurückzukommen, +so benötigen wir gar nicht dieses Tunnels, den du sinnbildlich anführtest. +So schnell geht es mit dem Vorwärtsschreiten der Menschen nicht, wie der +Bohrer den Granit zu durchlöchern vermag. Ist auch gut so. Das Beste +benötigt der längsten Reisezeit. Und verwittert nicht schließlich auch der +härteste Granit nur allein durch äußere Einflüsse? Seht, meine lieben +Freunde, so ist es auch mit unserm Wirken. Wir müssen froh sein, wenn wir +da und dort aus dem die Menschheit so fürchterlich tyrannisierenden System +alter, unnatürlicher Einrichtungen, aus dem scheinbar so unzerstörbar fest +verankerten Bau der unser Dasein beherrschenden Lügen einzelne Steine +herausbröckeln, dem Prozesse der weiteren Verwitterung die Wege öffnen. +Unsere kleine Gemeinde von heute wird sich morgen mehren. Was ist ein +Jahrhundert Kulturarbeit? Ein Tropfen im Ozean des Lebens! Diese Tatsache +muß uns bescheiden machen, darf uns aber nicht entmutigen. Einst muß eine +Zeit kommen, -- dies ist meine feste Überzeugung! -- die in ähnlicher Weise +das Menschheitsideal verwirklicht, wie wir es oben auf dem Mars kennen +gelernt haben. Sie vorbereiten zu helfen, jeder an seinem Platze und zu +seiner Zeit, ist die Aufgabe dessen, der auf den Ehrentitel eines +wirklichen Menschen Anspruch erhebt.« + +Stiller schwieg. Seine kleine Rede hatte ihre Wirkung auf die beiden +Freunde nicht verfehlt. In Gedanken versunken, saßen sie da. Inzwischen war +auch in dem Zimmer die Dämmerung der Nacht gewichen. + +»Glänzt dort drüben am südlichen Himmel nicht Mars?« fragte Brummhuber, der +zufällig aus seinem tiefen Sinnen erwacht war und einen Blick durchs +Fenster geworfen hatte. + +»Wahrhaftig, er scheint es wirklich zu sein,« rief Piller, der dem +Beispiele Brummhubers gefolgt war. + +»Ihr habt recht, liebe Freunde, es ist Mars, der nun wieder in die Nähe der +Erdbahn gelangt ist. Ich lade euch ein, mit mir hinüber in mein +Observatorium zu kommen und den Planeten durch das Teleskop näher zu +betrachten.« + +»Mit dem größten Vergnügen,« erwiderten die Freunde wie aus einem Munde. + +»So laßt uns gehen! Ich habe euch Interessantes zu zeigen, das ich schon +seit einiger Zeit am Lichtentsprossenen beobachtete.« + +Bald nachher befanden sich die Herren in dem Stillerschen Arbeitsraume. Das +große Teleskop wurde eingestellt, und die Betrachtung des fernen +Weltkörpers begann. + +»Fällt dir nichts am Mars auf, Piller?« fragte Stiller seinen Freund, +nachdem dieser lange den Planeten durch das Fernrohr angesehen. + +»Täuschen mich meine Augen nicht, so sehe ich neben den uns ja persönlich +bekannten Kanälen feine, dunkle Linien.« + +»Sehr richtig. Und vielleicht sonst noch etwas?« + +»Halt, ja, noch große, weiße, flächenartige Punkte, zu denen strahlenförmig +die dunkeln Linien hinführen. Was dies wohl alles zu bedeuten hat? Das +existierte doch noch nicht, als wir oben waren.« + +»Nein. Ich will es dir nachher zu erklären suchen. Mein Kompliment aber für +dein scharfes Auge und dein gutes Unterscheidungsvermögen.« + +Piller wurde jetzt von Brummhuber am Instrumente abgelöst. + +»Wirklich es ist so, wie Piller sagte. Mir kommt es auch noch vor, als ob +die Eismassen der polaren Zonen gegen früher ganz bedeutend zurückgegangen +wären,« äußerte Brummhuber nach sorgfältiger Prüfung. + +»Auch du siehst vollkommen richtig, Brummhuber. Wir wollen jetzt ins warme +Haus zurückkehren und nachher diese neuen, eigenartigen Erscheinungen auf +dem Mars besprechen.« + +In dem Speisezimmer nahmen die drei Freunde zunächst ein bescheidenes +Abendessen ein. Dann zogen sie sich wieder in das Balkonzimmer zu +gemütlicher Plauderei zurück. + +»So, Freund Stiller, erkläre uns nun das, was uns am Mars aufgefallen ist,« +bat Piller, sich bequem in seinem Lehnstuhle ausstreckend. + +»Auch ich bin außerordentlich gespannt darauf,« bemerkte Brummhuber. + +»Das, was ihr heute abend gesehen habt, entdeckte ich schon vor längerer +Zeit. Ja, ich darf ohne Übertreibung sagen, daß ich die euch ausgefallenen +Veränderungen gewissermaßen in ihrem Entwicklungsgange verfolgt habe.« + +»Was du nicht sagst! Aber warum sprachst du uns niemals davon?« warf Piller +überrascht ein. + +»Weil ich das Ende erst abwarten, mir vor allem aber zuerst selbst eine +möglichst einwandfreie Erklärung dieser Veränderungen geben wollte.« + +»Und hast du sie gefunden?« fragte Brummhuber. + +»Ich glaube, ja!« + +»Wie interessant! Stiller, du bist und bleibst ein Kapitalmensch.« + +»Danke für deine gute Meinung, Freund Piller. Die Reduktion, der Schluß vom +Allgemeinen auf das Besondere war aber im vorliegenden Falle keine allzu +große Schwierigkeit, zumal wir ja unsern schönsten Lebensabschnitt dort +oben verlebt und die eigenartigen Verhältnisse des Planeten aus eigener +Anschauung kennen gelernt haben.« + +»Immer derselbe bescheidene Mann,« brummte Piller. »Doch, bitte, fahre +fort.« + +»Jene feinen Linien, die ihr längs den alten Kanälen gesehen habt, sind +neue Wasserstraßen, die flächenartigen Punkte erkläre ich mir als +überdeckte Sammelbecken oder Stauwerke riesigster Konstruktion, alles +ausgeführt, um einer drohenden Wassersnot zu begegnen. Daß eine solche auf +dem Mars tatsächlich vorhanden sein muß, beweist mir die starke Abnahme der +Eismassen an den beiden Polen. Eure Beobachtungen glaube ich somit mit +wenigen Worten ziemlich richtig gedeutet zu haben.« + +»Alle Wetter, du magst recht haben,« erwiderte Piller. »Ich empfinde +aufrichtiges Mitgefühl mit den Marsiten, die so schwer um die +Grundbedingung ihrer Existenz kämpfen müssen. Aber eine Frage! Ändert sich +die Lage nicht auch wieder einmal zum Guten da oben?« + +»Diese Frage glaube ich bejahen zu dürfen nach dem, was ich auf dem Mars +selbst gehört habe,« antwortete Stiller. + +»Eine wahre Beruhigung! Aber mit Bewunderung muß uns erfüllen, was wir +geschaut haben. Das neue Kanalsystem konnte gewiß nur durch die Arbeit +aller ausgeführt worden sein,« äußerte sich Brummhuber. + +»Ohne Zweifel. Dafür sind es eben die Marsiten. Nur ein solches Volk von +dieser hohen Kultur kann Bauten dieser gewaltigen Art für das allgemeine +Wohl ausführen.« + +»So ist es, wie du sagst, Stiller,« bestätigte Piller. + +»Unser Fridolin wird da wohl auch mitgearbeitet haben,« lachte Brummhuber. +»Seine Paradiesesidylle hat dadurch einen bösen Stoß erhalten.« + +»Wer weiß?« entgegnete Stiller. »In der strengen Arbeit liegt der Segen. +Sie allein berechtigt uns, als Gegenwert eine gewisse Summe an Freuden und +Annehmlichkeiten vom Leben zu erwarten. Dies gilt auch für unsern +Frommherz. Gerade dieser Riesenkampf ums Dasein dort oben, den ich in den +stillen Stunden der Nacht von hier aus mit meinem Fernrohre verfolgen +konnte, machte auf mich, nachdem ich über seine Ursache endlich klar +geworden war, einen außerordentlich tiefen Eindruck. Ein Volk, dessen +Solidaritätsgefühl eine derartige Probe auf seine Echtheit auszuhalten +vermag, muß aus aller Not und Gefahr stets siegreich hervorgehen. Welch ein +Vorbild für uns! Ob wir es wohl jemals erreichen werden?« + +Piller mußte sich nach diesen Worten seines Freundes wieder kräftig +schneuzen. »Pygmäen sind und bleiben wir dagegen,« knurrte er. + +»Hältst du dich vielleicht für einen?« fragte Brummhuber spottend. + +»Nimm dich in acht, Brummhuber! Fordere meinen Zorn nicht heraus!« + +»Die Frage hatte eine gewisse Berechtigung,« bemerkte Stiller. »Das +Vorwärtsschreiten menschlichen Geistes kannst du nicht bestreiten. Nimm es +dir selbst ab, Freund Piller. Jeder Fortschritt in der tieferen Erkenntnis +der Wahrheit bedeutet zugleich den Fortschritt in der höheren Ausbildung +unserer menschlichen Vernunft. Nur durch Vernunft und Wahrheit können wir +des Menschen schlimmste Feinde, die Unwissenheit und den Aberglauben, +bekämpfen. Nur dadurch steigen wir höher auf der Leiter der sittlichen +Vervollkommnung.« + +»Stiller, alter Freund, ich lasse dir ja gerne das letzte Wort, so laß mir +für heute wenigstens den letzten Trunk!« + +»Sollst ihn haben, du ewig Durstiger. Aber dann zu Bett. Der morgige Tag +ruft uns wieder nach Tübingen, und es ist schon sehr spät geworden.« + +»Gut, daß wir bei dir zu Hause sind,« lachte Piller fröhlich, als der Wein +vor ihm stand. »So läßt sich ein Schlummerschöpplein noch gemütlich +schlürfen. Prosit!« + + + + +Elftes Kapitel. +Wieder auf der Erde. + + +Ein Frühling mit all seiner Pracht hüllte in ein Meer von Blüten die Bäume +und Sträucher auf den Wiesen und in den Gärten des gesegneten Neckartales. +Mai war es geworden. Ein schöner, warmer Morgen folgte einer Nacht voll +Milde und Wohlgeruch. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Die Rötung des +östlichen Himmels verkündete aber ihr baldiges Nahen. Die Distelfinken +begannen bereits ihre ungestümen Triller zu schmettern; die Amseln sangen +da und dort auf der Spitze eines Baumes sitzend ihr melodisches Morgenlied; +die Sperlinge trieben sich in gewohnter Weise lärmend und mit einander +zankend in Scharen herum, als ein ungewohnt heftiges Rauschen in der Luft +die Vogelwelt auf Cannstatts Wasen in ihrem lauten Tun und Treiben +plötzlich innehalten und erschreckt die Flucht ergreifen ließ. + +Mit großer Geschwindigkeit senkte sich von oben herab ein eigenartig +gebautes Luftschiff, wie es in dieser Form und Größe hier noch niemals +vorher gesehen worden war. Ohne auch nur die geringsten Schwankungen zu +zeigen oder sich zu überstürzen, erfolgte der fallartige Abstieg des +Flugschiffes mitten auf dem großen Platz des Cannstatter Wasens. Es mußte +meisterhaft gesteuert werden; denn mit einem Ruck hielt das gewaltige +Fahrzeug, auf dem Boden angekommen, still, ohne irgendwelche Befestigung +durch Taue oder Anker. Die Gondel lag direkt auf dem Boden. + +Von verschiedenen Seiten, so vom nahen Untertürkheim und von Cannstatt aus, +war die verblüffend sichere Landung des eigentümlichen Luftschiffes bemerkt +worden. Man sah auch ferner, daß der Gondel ein Mann in sonderbarer +Kleidung entstieg. Kaum hatte der Angekommene die Gondel verlassen, als das +Fahrzeug sich wieder hob und mit einer staunenerregenden Schnelligkeit im +Luftmeere verschwand. Dies alles war das Werk von wenigen Augenblicken. + +Der Mann, der hier gelandet worden, war stehen geblieben und schaute dem +sich entfernenden Flugschiffe nach, solange es noch gesehen werden konnte. +Dann erst wandte er sich um und betrachtete, langsam vorwärtsschreitend, +die Gegend. Sie schien ihm bekannt zu sein, denn er lenkte seine Schritte +gegen Cannstatt zu. Da fiel sein Blick auf einen mächtigen Obelisken, der +sich auf der linken Seite seines Weges erhob und von einem hohen +Eisengitter umgeben war. + +Professor Fridolin Frommherz, denn das war der der Gondel entstiegene +Fremdling, schritt, neugierig geworden durch das imposante Denkmal, auf den +Gedenkstein zu. Überrascht und freudig berührt blieb er vor dem Obelisken +stehen. Auf der ihm zugewandten Seite des Monumentes las er die +eingemeißelten und vergoldeten Worte: + +ZU EWIGEM RUHM UND ANDENKEN AN DIE UNVERGLEICHLICH KÜHNE IN IHREM ERFOLGE +EINZIG DASTEHENDE FAHRT SCHWÄBISCHER SÖHNE DURCH DEN WELTENRAUM. DAS +DANKBARE VATERLAND. + +Auf der zweiten Seite war zu lesen: + +VON DIESEM PLATZE HIER FUHREN DIE WELTENSEGLER NACH DEM FERNEN PLANETEN +MARS AB 7. XII. 19 . . . IHRE NAMEN LAUTEN: S. STILLER, P. PILLER, D. +DUBELMEIER, H. HAEMMERLE, B. BRUMMHUBER, T. THUDIUM, FR. FROMMHERZ. + +Die dritte Seite trug die Mitteilung: + +NACH NAHEZU DREIJÄHRIGER ABWESENHEIT UND ZWEIJÄHRIGEM AUFENTHALT AUF DEM +MARS KEHRTEN SECHS DER KÜHNEN WELTENSEGLER GLÜCKLICH WIEDER IN DIE HEIMAT +ZURÜCK. OKTOBER A. D. 19 . . . + +Und hier auf der vierten Seite, da wahrhaftig, da war ja von ihm selbst die +Rede. Frommherz las: + +ZUR ERDE NICHT MEHR ZURÜCKGEKEHRT, FÜR IMMER AUF DEM MARS GEBLIEBEN DER +SIEBENTE TEILNEHMER DER WELTENFAHRT FRIDOLIN FROMMHERZ. + +»Der erste Gruß der Heimat und wahrlich kein übler,« sprach Herr Frommherz +vor sich hin, als er den Obelisken sattsam von allen Seiten betrachtet +hatte. + +»Wie froh bin ich, gleich bei meinem Betreten des heimatlichen Bodens +vernehmen zu dürfen, daß meine Gefährten glücklich wieder heimgekehrt sind. +Ich fasse dies als ein gutes Vorzeichen auf.« + +Ohne daß Frommherz es bemerkte, hatte sich inzwischen eine Anzahl +Neugieriger um ihn versammelt, die den Mann mit den langen, wirren Haaren +und dem großen ungepflegten Bart und seine auffallende und sonderbare +Kleidung voll Staunen betrachteten. Woher der wohl gekommen sein mochte? +Keiner wagte dem sichtbar Verwahrlosten näher zu treten und ihn direkt zu +fragen. Ein unbestimmtes Gefühl respektvoller Scheu hielt die Leute zurück. + +In ruhiger Würde und edler Haltung, die auf die sich mehrenden Neugierigen +ihren Eindruck nicht verfehlte, wandte sich Frommherz von dem Denkmal weg +und schritt weiter Cannstatt zu, hinter ihm der Menschenhaufen, der in dem +Maße anschwoll, als die Stadt näher kam. Schutzmann Dietrich begann eben +gegen den Wasen zu die erste Morgenrunde zu machen. Nach neuer Abwechslung +in seinem Berufe lüstern und in jedem ihm nicht näher bekannten +menschlichen Individuum wenigstens einen halben Gauner witternd, stürzte er +sich, mit nur schwer unterdrücktem Freudenschrei, auf den ahnungslos +daherschreitenden Frommherz. + +»Halt, Mann!« gebot er, den Fremdling von oben bis unten mit finstern +Blicken musternd, eine Prüfung, die sehr zu Ungunsten des Wandersmannes +auszufallen schien, trotz oder gerade wegen der auffallend schönen +Gepäcktasche, die der Fremde bei sich trug, und die zu seinem saloppen +Äußern durchaus nicht passen wollte. Des Schutzmanns Gesicht verdüsterte +sich in drohendster Weise. + +»Woher des Wegs?« fragte er kurz und grob. + +»Von da oben!« Mit diesen Worten wies Frommherz gen Himmel. + +Der Handbewegung des Gelehrten folgte unwillkürlich der Blick des +Schutzmannes. »Machen Sie keinen Unsinn! Ich verbitte mir das!« schrie er. +»Also nochmals, woher kommen Sie?« + +»Von jenseits des Erdenkreises,« antwortete Frommherz lächelnd. + +Diese Antwort ging über Schutzmann Dietrichs schwaches Begriffsvermögen. + +»Der Mann hier ist mit einem Luftschiffe gekommen. Ich sah es von weitem,« +mischte sich jetzt einer der neugierigen und freiwilligen Begleiter des +Gelehrten in das Verhör. + +»So, so, ist das also ein solcher Reisender?« erwiderte der Schutzmann +etwas gedehnt. »Ja, jetzt fahren sie öfters über die Grenzen weg in unser +Land hinein und stellen allerlei Unfug an.« Wieder traf Frommherz ein +finsterer Blick unverhohlenen Mißtrauens. + +»Wer sind Sie?« inquirierte der Schutzmann weiter. + +»Ein engerer Landsmann, ein Schwabe wie Sie!« + +»Das glaub' ich nicht. Sie sehen gar nicht so aus. Wo sind Ihre +Ausweispapiere?« + +»Ich führe keine bei mir.« + +»Das genügt! Also schriftenlos und herumvagabundierend. Sie kommen mit mir +zur Polizei,« entschied der Vertreter der heiligen Hermandad. + +»Die Sache wird sich bald klären,« erwiderte Frommherz und folgte seinem +grimmigen Führer. Die Geschichte fing an, ihm Spaß zu machen, war sie doch +so recht heimatlich. + +Herr Polizeikommissarius Gustav Grobschmiedle, zu dessen Abteilung +Schutzmann Dietrich gehörte, war nicht wenig überrascht, als die Tür seines +Amtszimmers aufging und über dessen Schwelle ein höchst merkwürdig +gekleideter Mann trat, hinter ihm der Polizist mit schlauem Lächeln. + +»Ein richtiger Vagabund im Fastnachtsanzug,« brummte Herr Grobschmiedle vor +sich hin, als er den sonderbaren Fremden von der Seite mit stolzer, +verächtlicher Amtsmiene gestreift hatte. + +»Rapportiere gehorsamst, Herr Kommissär, daß ich diesen Mann hier, weil +schriftenlos und in unpassendem Aufzug sich am frühesten Morgen auf dem +Wasen herumtreibend, als verdächtig aufgegriffen habe.« + +Während der Schutzmann seinen Bericht herausschmetterte, legte Frommherz in +aller Seelenruhe, sein elegantes Bündel auf die Bank an der Wand. Der +Kommissär und der Schutzmann hatten sein Tun scharf beobachtet. Ihre Blicke +begegneten sich. »Diese kostbare Tasche muß der Kerl irgendwo gestohlen +haben,« drückte die Augensprache der beiden deutlich aus. + +Der Eingelieferte wandte sich nun nach dem Beamten um. In seinen klaren, +blauen Augen lag ein so hoher, zur Achtung zwingender Ausdruck, daß der +Kommissär unwillkürlich etwas höflicher, als es sonst seine Gepflogenheit +war, das Verhör begann. + +»Ihr Name?« + +»Fridolin Frommherz.« + +»Geboren?« + +»26. September 19 . .« + +»Wo?« + +»In Cannstatt.« + +»Beruf?« + +»Früher Professor an der Landesuniversität in Tübingen.« + +»Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, nur streng der Wahrheit +entsprechende Angaben zu machen.« + +»Für mich ganz selbstverständlich!« + +»Letzter Aufenthaltsort?« + +»Lumata.« + +»Lu--Lu--Lu--ma--mata?« + +»Lumáta! Das a scharf gesprochen,« korrigierte Frommherz. + +»Kenn' ich nicht. Wo liegt denn der Flecken?« + +»Auf dem Mars.« + +»Mars? Was ist denn das für ein Land?« + +»Das ist ein Planet, ähnlich unserer Erde, nur einige Millionen Kilometer +von ihr entfernt.« + +»Herr, Sie wollen mich scheint's nur zum besten haben?« brauste Herr +Grobschmiedle auf. + +»Durchaus nicht, mein Lieber.« + +»Ich bin nicht Ihr Lieber. Verstehen sie mich?« brüllte der Kommissar. + +»Gewiß! Ich habe ja noch glücklicherweise ein gutes Gehör.« + +»Der Mann soll mit einem Luftschiffe gekommen sein,« warf Schutzmann +Dietrich ein. + +»Sie hab' ich nicht danach gefragt,« schnaubte Herr Grobschmiedle seinen +Untergebenen an. + +»Es ist so, wie der Mann sagt,« bestätigte Frommherz. + +»Und Sie haben nur zu antworten, wenn ich Sie frage,« schrie der Kommissär +zornig. »Sie stehen hier vor einem Vertreter der Staatsgewalt und haben +sich dementsprechend zu benehmen.« + +Über das Gesicht Frommherz' huschte ein spöttisches Lächeln. + +»Warum lachen Sie?« + +»Nur über die Art meines ersten Empfanges in der teuren Heimat nach mehr +als vierzehnjähriger Abwesenheit.« + +»Sie haben keine Ausweispapiere bei sich?« fuhr der Beamte fort, ohne die +Bemerkung Frommherz' zu beachten. + +»Nein, ich sagte dies bereits dem Schutzmann.« + +»Das ist sehr verdächtig. Zu ihrem anstößigen Aufzug paßt überdies die +Tasche nicht, die Sie da mitbrachten. Und . . . hm . . . und Ihre übrigen +Angaben glaube ich Ihnen einfach nicht.« + +»Das verüble ich Ihnen nicht im geringsten, zumal dieser Glaube Ihre +Privatsache ist,« erwiderte der Gelehrte. + +»So geben Sie also zu, unwahre Angaben gemacht zu haben?« + +Aber der Kommissär hatte kaum diese verletzenden Worte gesprochen, als sich +Frommherz in voller Größe stolz aufrichtete. + +»Mein Herr!« redete er den Kommissär an. »Sie mögen meine Angaben in +Zweifel ziehen, das ist, wie ich sagte, Ihre persönliche Angelegenheit. +Ihre Pflicht aber ist es, diese Angaben zunächst ruhig und sachlich auf +ihre Richtigkeit zu prüfen. Das muß ich auf das entschiedenste verlangen. +Es ist ein Akt selbstverständlicher Billigkeit. Bis jetzt bereitete mir die +Art, wie ich hier nach meiner Rückkehr von einem fernen Weltkörper +empfangen und behandelt wurde, einen gewissen Spaß. Es ist höchste Zeit, +ihm nun ein Ende zu machen. Haben Sie die Güte, sofort nach Tübingen an +Herrn Professor Stiller zu depeschieren. Dieser Herr wird nicht nur +umgehend die Angaben über meine Person als völlig richtig bestätigen, +sondern auch jede gewünschte Bürgschaft Ihnen gegenüber leisten, damit ich +aus dieser geradezu unwürdigen Behandlung tunlichst schnell befreit werden +kann.« + +Staunend hatte der Kommissär dieser Rede gelauscht. So wie dieser Mann da +hatte noch niemals vorher ein Eingelieferter mit ihm zu sprechen gewagt. +Sein sonst so stark ausgeprägter Beamtendünkel hatte zum ersten Male eine +kräftige Erschütterung erfahren. Verlegen kratzte sich Grobschmiedle hinter +dem Ohre. Wenn der Kerl nun doch kein Spitzbube wäre? Der Kommissär +erinnerte sich plötzlich, daß ihm schon mancher gewandte und wohlgekleidete +Gauner aus den Fingern geschlüpft war, und daß er sich umgekehrt schon an +manchem Unschuldigen vergangen hatte, nur weil er verschüchtert war und +äußerlich einen weniger günstigen Eindruck gemacht hatte. Verschiedene +Klagen waren hin und wieder gegen seinen Übereifer laut geworden und hatten +ihm derbe Nasenstüber und Warnungen von seiten seiner Vorgesetzten +eingetragen. + +Der augenblickliche Fall war verzwickt und mahnte zur Vorsicht. So viel +stand fest. Aber das Mißtrauen war nun einmal in ihm rege. Fortlassen +konnte und durfte er doch nicht ohne weiteres einen Menschen, der nicht +einmal das geringste glaubwürdige Ausweispapier mit sich führte. + +»Ich bin zu meinem Vorgehen Ihnen gegenüber kraft des Gesetzes berechtigt,« +erklärte er endlich nach längerer Überlegung. + +»Das mag sein. Dieses Gesetz hindert Sie aber gewiß nicht, meinem Wunsche +zu entsprechen und sogleich Erkundigungen über mich einzuziehen,« +entgegnete Frommherz bestimmten Tones. + +»Hm, hm, nein, das allerdings nicht. Wer zahlt aber die Depesche?« + +»Natürlich ich!« Frommherz schloß seine Tasche auf, entnahm ihr eine alte +seidene Börse, in der er noch einige Dutzend deutscher Goldstücke +aufbewahrt hatte. + +»So setzen Sie selbst die Depesche auf,« antwortete Grobschmiedle +auffallend milder gestimmt, als er die gut gefüllte Börse des Fremden +erblickte, und schob ihm ein Telegrammformular mit Feder und Tinte zu. + +Frommherz warf mit kräftigen Zügen folgende Depesche auf das Papier: +»Professor Dr. Stiller, Universität Tübingen. Heute früh vom Mars hier +gelandet, wurde ich von Cannstatts Polizei in Verwahr genommen, weil keinen +befriedigenden Ausweis über meine Person in Marsitenkostüm besitzend. +Befreie mich sofort aus der komisch-kritischen Lage, in die ich geraten. + +Herzlichen Freundes- und Brudergruß +Fridolin Frommherz.« + +»Besorgen Sie die Depesche, Dietrich,« befahl der Kommissär. + +»Ich habe noch eine kleine Bitte!« + +»Was soll's sein?« brummte der Beamte. + +»Würden Sie mir nicht eine Tasse Tee oder Kaffee nebst einigen Brötchen +gestatten?« + +»Warum nicht,« entgegnete der Kommissär, der inzwischen die Depesche +gelesen und durch ihren Inhalt sich mehr und mehr aus der Rolle des +Anklägers und Beschuldigers in die des unbewußt Schuldigen fallen fühlte. + +Das Telegramm war aufgegeben. Frommherz hatte mit Behagen sein erstes +frugales Frühstück auf Erden wieder im Amtszimmer des Polizeigewaltigen +verzehrt und machte nun in seinem Tagebuche die letzten Notizen. So waren +gegen zwei Stunden ruhig verflossen, als in sausender Geschwindigkeit ein +Autoelektrik in Cannstatts Mauern einfuhr und vor dem Polizeikommissariat +hielt. Dem Wagen entstiegen drei Herren. Die Türe des Amtszimmers wurde +hastig aufgerissen, und herein stürzte als erster Piller. + +»Ha, er ist's, er ist's tatsächlich! Ich kenn' ihn an der Narbe auf seiner +Stirn. Her an meine Brust, Fridolin, Freund und Bruder!« schrie Piller voll +freudiger Aufregung und umarmte den von seinem Sitze Aufgestandenen. + +Auch Stiller und Brummhuber begrüßten den so unerwartet wiedergekehrten +Freund auf das innigste. In Piller aber kochte es wie in einem Vulkane über +den seinem Freunde angetanen Schimpf. + +»So, also da herein in dieses übelriechende Wachtlokal haben sie dich +geschleppt, nachdem du kaum den Boden des teuren Schwabenlandes betreten?« +wetterte er. »O heilige Einfalt, dreimal gebenedeite Dummheit!« + +»Der Herr hatte keine Ausweispapiere,« suchte sich der Kommissär zu +entschuldigen. »Auch der ganze Aufzug war uns verdächtig, kurz . . .« aber +Piller ließ Herrn Grobschmiedle nicht ausreden. + +»Mensch, ihre pyramidale Dummheit hat Sie heute zu einem weltberühmten Mann +gemacht und Ihnen die Unsterblichkeit gesichert. Hier steht der Gelehrte, +der nach vierzehnjährigem Aufenthalte auf dem Planeten Mars wieder zur Erde +zurückkehrte, und den zuerst zu empfangen und zu begrüßen Sie die hohe Ehre +hatten. Und wie würdig haben Sie sich dieser Ehre gezeigt!« brüllte Piller +heraus und wand sich förmlich vor Lachen. »So etwas an Tollheit kann +wahrlich nur bei uns vorkommen! Ein Schwabenstreich, wie er im Buche +steht!« + +»Laß gut sein,« bat Frommherz den Aufgeregten. »Der Mann tat ja nur seine +Pflicht. Jetzt ist ja alles wieder gut. Das einzig Richtige ist, wir lachen +über die Sache.« + +»Fridolin hat recht. Freuen wir uns, daß er wieder bei uns ist, und +verzeihen wir den Mißgriff des Beamten,« riet Stiller. + +Der Kommissär, der schon die Dienstentlassung vor Augen sah, atmete +erleichtert auf, als er diese Worte hörte. Und als Frommherz auf ihn zutrat +und ihm mit freundlichem Zuspruche die Hand zum Abschiede reichte, da +schimmerte es feucht aus den Augen des Gefühlsregungen sonst wenig +zugänglichen Polizeibeamten. + +»Nun heraus aus der Bude und nach dem Kursaal!« drängte Piller. + +»Ich habe das dringende Bedürfnis nach einem Bade,« erklärte Frommherz. + +»Sollst es haben! Währenddessen bestellen wir ein ordentliches Essen und +besorgen dir hier einen modern irdischen Anzug; denn im Marsitenkostüm, an +dem die Spuren deiner Reise kleben, kannst du nicht unbelästigt unter +Erdenmenschen wandeln,« bemerkte Piller. + +»Habe es bereits erfahren,« entgegnete Frommherz lächelnd. + +Dann stiegen die Herren in das Auto, und hinaus ging es an Cannstatts +schönsten Ort. + +Mit Blitzesschnelle hatte sich inzwischen von der Vorstadt Cannstatt aus in +ganz Stuttgart das Gerücht verbreitet, der siebente und letzte der +Gelehrten, der einst auf dem Mars zurückgeblieben, sei heute in aller Frühe +von dort wieder zurückgekehrt und auf dem Wasen aus einem Fahrzeuge +gestiegen, wie es in dieser Form und Größe bisher hier noch nicht erblickt +worden sei. Nach der Landung habe sich das Luftschiff schleunigst wieder +entfernt. Anfänglich wollte man die Nachricht nicht glauben. Aber als es +hieß, der Zurückgekehrte sei von der Polizei einige Stunden hindurch +zurückgehalten worden, wurden von vielen Seiten Anfragen an das +Kommissariat gerichtet, das das Gerücht als vollkommen wahr bestätigte. +Auch das Erscheinen der drei berühmten Weltensegler und allgemein gekannten +Tübinger Professoren auf dem Polizeiamte in Cannstatt hatte begreifliches +Aufsehen erregt, das um so größer wurde, als kurz darauf mit den drei +gelehrten Herren zusammen eine vierte Persönlichkeit im Kostüm eines alten +Griechen mit wirrem Kopf- und Barthaar das Kommissariat verließ und gegen +den Kursaal zu abfuhr. Nun war es vollkommen klar, daß diese vierte +Persönlichkeit niemand anders als Professor Frommherz sein könne. + +Als die vier Freunde sich soeben am einladend gedeckten Tische im Kursaal +niedergelassen und ihrer Freude über die endliche Wiedervereinigung von +neuem Ausdruck verliehen hatten, erschien der Oberbürgermeister von +Stuttgart Dr. Graus mit dem Bürgerausschuß-Obmann Dr. Herlanger, um +Professor Frommherz wenigstens von sich aus, wie er betonte, zu begrüßen +und zugleich sein Bedauern über den Übereifer der Polizei auszusprechen. + +»Hätten wir auch nur die leiseste Ahnung von Ihrer Rückkehr gehabt, wir +würden Sie in gleich ehrender offizieller Weise bei uns willkommen geheißen +haben wie seiner Zeit Ihre Freunde,« sprach der Stadtgewaltige. + +»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Frommherz, »aber es entspricht mehr +meinem innern Empfinden, einfach und still, ohne öffentliche Feier und +Begrüßung zur Heimat zurückgekommen zu sein. Im übrigen wäre es mir +schlechterdings auch nicht möglich gewesen, Ihnen vorher meine Ankunft +anzuzeigen.« + +»Er hätte eben außerhalb Deutschlands landen müssen wie wir, dann wäre es +gegangen,« schmunzelte Piller vergnügt. »Nehmen Sie an unserm Tische Platz, +Herr Oberbürgermeister, und feiern Sie mit uns zusammen des Freundes +unverhoffte Rückkehr.« + +Doch der Oberbürgermeister lehnte dankend ab und empfahl sich. + +»Herr Ober,« rief Piller, »bitte, kommen Sie einmal hierher.« Der +Oberkellner gehorchte. »Lassen Sie niemand, wer es auch sei, in unser +Zimmer herein. Wir wollen ungestört für uns sein.« + +»Ich verstehe,« erwiderte der Befrackte dienstbeflissen. + +»Gut gemacht!« lobte Brummhuber. »Wir könnten sonst kein Wort mehr ruhig +miteinander sprechen.« + +»Und nachher fahren wir zu mir in mein Heim auf den Bopser. Das soll nun +auch einstweilen das deine sein, Fridolin. Von Tübingen lassen wir uns für +die nächsten Tage Dispens erteilen,« schlug Stiller vor. Die Freunde waren +damit einverstanden. + +»Den ersten Gruß der Heimat brachte mir gewissermaßen der Obelisk,« +erzählte Frommherz. »In seiner Nähe landete unser Luftschiff, und so erfuhr +ich durch seine Inschrift, daß ihr alle einst glücklich und wohlbehalten +wieder zurückgekommen seid, was mich außerordentlich gefreut hat. Was +machen Hämmerle, Thudium und Dubelmeier?« + +»Sind leider inzwischen gestorben,« antwortete Brummhuber. + +»Wie sehr bedaure ich diese traurige Kunde!« + +»Wir werden dir gelegentlich das Nähere darüber erzählen. In dieser Stunde +des Wiedersehens wollen wir alles Traurige von uns fernhalten,« bemerkte +Stiller. + +»Stiller hat recht! Sage mir aber zunächst, Fridolin, bist du absichtlich +oder unabsichtlich auf dem Wasen niedergegangen?« fragte Piller. + +»Mit vollster Absicht, schon des großen Platzes wegen, auf dem das +gewaltige, für ununterbrochene Hin- und Rückfahrt eingerichtete Fahrzeug +mit aller Sicherheit landen konnte.« + +»Das ist ein Grund, der gelten kann. Wieviel Marsiten begleiteten dich?« + +»Fünf in jeder Hinsicht ausgezeichnete Männer, darunter auch Zaran, Erans +Neffe.« + +»Einige Stunden oder Tage hätten sich deine Begleiter ohne Schaden auf der +Erde und in unserm Schwabenlande aufhalten können. Daß sie uns keiner +weiteren Beachtung würdigten und sofort wieder dahin den Kurs lenkten, +woher sie gekommen waren, das hätte kein Sterblicher unseres Planeten +fertig gebracht. Welch ein Mangel an Neugierde, vor allem aber, welch große +Nichtachtung liegt auch in diesem hastigen, einer Flucht gleichkommenden +Verschwinden!« urteilte Piller. + +»Sie wollten mit der Erde nichts zu tun haben, nicht einmal berührt, +gestreift werden durch den Hauch ihres Lebens,« entschuldigte Frommherz +seine Begleiter. + +»Kein Kompliment für uns,« lachte Brummhuber. + +»Sicherlich nicht. Aber sie handelten korrekt, folgerichtig,« antwortete +Frommherz. + +»Und taten ungefähr dasselbe, was du vorhin selbst getan hast, Piller,« +fügte Stiller hinzu. + +»Ich? Wieso?« fragte Piller erstaunt. + +»Ja, du. Du verbatst dir ja auch, nachdem der Oberbürgermeister von +Stuttgart hier gewesen, jeden weitern Besuch und Verkehr von außen her und +wolltest dadurch unsere geschlossene Gesellschaft vor aller Profanierung +schützen. Just so machten es aber auch die Marsiten,« erwiderte Stiller. + +Die Herren lachten. + +»Stiller ist immer noch derselbe,« erklärte Piller seinem Freunde +Frommherz. »Seiner Dialektik bin ich nicht gewachsen.« + +»Wie lange warst du unterwegs?« forschte Brummhuber. + +»Genau nach Erdenmaß gemessen drei Monate.« + +»Nur?« + +»Lange genug, trotzalledem.« + +»Gewiß! Und die furchtbaren Gefahren und Entbehrungen, die wir bei unserem +Fluge durch den Weltenraum einst durchgemacht, werde ich niemals vergessen, +und würde ich so alt wie Methusalem,« gestand Brummhuber offen. + +»Wie ging es denn dir unterwegs? Eine etwas verspätete Frage, nicht?« +fragte Stiller herzlichen Tones. + +»Verhältnismäßig erträglich. Doch gab es auch allerlei Gefahren zu +bestehen, und ich glaube, daß meine Marsiten bei aller Kühnheit, +Unerschrockenheit und Geschicklichkeit, die sie bewiesen, froh sein werden, +wenn sie glücklich wieder auf ihrem wunderschönen Planeten angelangt sein +werden.« + +»Ja, es ist ein irdisches Paradies, dieses Land des Mars. Wie oft hat uns +danach schon das Heimweh, die Sehnsucht gepackt!« seufzte Piller. + +»Es war aber doch besser, meine Freunde, daß ihr nicht oben geblieben +seid.« + +»Mein lieber Fridolin, damals, als wir fortzogen, warst du völlig anderer +Meinung,« entgegnete Brummhuber. + +»Gewiß. Ich habe sie aber seitdem geändert, nicht infolge äußerer, +veränderter Lebensbedingungen auf dem Mars, nein, von Innen nach langen, +schweren Kämpfen, langsam aus mir selbst heraus. Ich fand, daß Freund +Stiller recht hatte, daß er eine sittliche Tat vollbrachte, als er mit euch +zur Erde wieder zurückkehrte und ein Leben voll Mühe und Enttäuschung dem +ruhiger und angenehmer Beschaulichkeit vorzog. Und als ich mich endlich zu +dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, da reifte in mir der Entschluß, dem +gegebenen Beispiele zu folgen. So kam ich wieder und bekenne ohne Zögern, +daß ich dadurch den Fehler, den ich einst durch meine Abtrennung von euch +beging, wieder gut zu machen suchte.« + +»Ich weiß nicht, ob du recht getan hast,« bemerkte Piller. »Oft war ich der +Meinung, als ob du den besten Teil gewählt, wir aber töricht gehandelt +hätten, deinem Beispiele nicht gefolgt und oben geblieben zu sein.« + +»Wir mußten fortgehen. Wie oft sagte ich das schon!« rief Stiller. »Daß +Freund Fridolin sich im Laufe der Jahre meine Anschauung auf dem Mars zu +eigen gemacht und sich ebenfalls zur Rückkehr entschlossen hat, ist der +schönste Beweis für die Richtigkeit unserer Handlungsweise.« + +»Dagegen läßt sich nun so wie so nichts mehr einwenden,« warf Brummhuber +ein. »Jetzt sind wir wieder unten auf der Erde und werden wohl auch für +immer hier unten bleiben müssen.« + +»Wir passen auch nicht zu den Marsiten. Das wußten unsere Gastgeber +ebenfalls ganz genau. Ihr Wesen, in vielem mit dem unsern verwandt, ist, +wenn ich mich so ausdrücken darf, ätherischer, feiner geprägt. Dadurch war +schon eine Scheidewand zwischen ihnen und uns gezogen. Und was konnten wir +ihnen, den so Hochstehenden, bieten? Doch nur sehr wenig, lange nicht +genügend, um ihre großartig geübte Gastfreundschaft auch nur einigermaßen +befriedigend wieder auszugleichen,« sprach Frommherz. + +»Das stimmt,« bestätigte Piller. + +»Was von der Erde stammt, ist eben anders geartet als das dem Mars +Entsprossene,« fuhr Frommherz fort. »Die feinen, aber doch merkbar +trennenden Unterschiede lernte ich in den langen Jahren meines Aufenthaltes +nach und nach kennen. So wage ich denn zu sagen, daß wir uns oben als +alleinstehende Männer, ohne Familie, ohne die Möglichkeit in dem Marsvolke +selbst aufzugehen, am Ende innerlich als Fremde gefühlt haben würden, trotz +der Schönheit des Daseins, der Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit unserer +Freunde.« + +»Was Fridolin soeben ausgesprochen, vertrat ich in ähnlicher Weise einst in +Angola. Ganz besonders danke ich unserm Freunde für sein offenes +Bekenntnis. Die Gefühle reinen Glückes bei der Erinnerung an jene +unvergeßlich schöne Zeit auf dem Mars bleiben bestehen, solange wir noch +atmen dürfen, aber das tief Schmerzliche, das nun einmal jeder großen +Entsagung anhaftet, es ist durch Fridolins Worte, durch seine freiwillige +Rückkehr zu uns wesentlich gemildert worden,« bemerkte Stiller. + +Piller schneuzte sich wieder kräftig. »Finden wir uns damit ab, soweit es +möglich ist,« entgegnete er nach kurzer Pause. »Unser irdisches Leben +scheint sich nun einmal nicht harmonisch gestalten lassen zu wollen. Die +wirklich schönste Melodie des Lebens, die meinen Enthusiasmus erweckt, die +mich, den realen Praktiker der Wissenschaft, in holde Träume zu wiegen +vermocht, ich hörte sie niemals hier unten, sondern wohl zum ersten und +auch letzten Male oben auf dem Lichtentsprossenen.« + +Erstaunt blickte Fridolin Frommherz auf Piller. Eine solche Sprache hatte +er früher, in alter Zeit, von dem allem Idealen so wenig geneigten Manne +niemals gehört. + +»Ja, ja, unser Freund Piller hat sich seit seinem Aufenthalte auf dem Mars +in dieser Richtung etwas gebessert,« erklärte Stiller, der den erstaunten +Blick Fridolins bemerkt und richtig verstanden hatte. + +»Es ging uns allen mehr oder weniger gleich,« ergänzte Brummhuber. + +Eine tiefe Stille trat ein. Da schlugen zuerst leise, dann immer kräftiger +anschwellende Akkorde einer ausgezeichneten Musik außen vor dem Kursaale an +ihr Ohr. Sie formten sich zu einer imposanten Melodie, der die vier +Gelehrten, angenehm überrascht, lauschten. Es war die Hymne, die +Kapellmeister Klingler vor elf Jahren bei Anlaß des Einzuges der sechs +zurückgekehrten Schwabensöhne in Stuttgart komponiert hatte, und die er nun +Frommherz zu Ehren mit seiner Kapelle da draußen vortrug. + +»Dahinter steckt der Oberbürgermeister! Jetzt begreife ich, warum er unsere +Einladung zum Bleiben ablehnte und so hastig verschwand,« rief Piller. + +»Eine liebenswürdige Aufmerksamkeit, fürwahr, die ich dankbar anerkenne,« +lobte Frommherz. + +Einige weitere, ausgesucht schöne Musikvorträge folgten der »Hymne an +Schwabens kühnste Söhne«. Dann zog die Kapelle wieder ab. + +»Für uns ist es nun auch Zeit, an den Aufbruch zu denken,« mahnte Stiller. + +Als die Herren aus dem Gebäude traten, wurden sie durch eine zweite +Aufmerksamkeit des Oberbürgermeisters von Stuttgart überrascht. Die +weißgekleidete Tochter des städtischen Oberhauptes in Gesellschaft einiger +anderer ebenfalls festlich geputzter Mädchen übergab mit einer kurzen +Ansprache Frommherz einen frischen Lorbeerkranz, dessen seidene Schleifen +die Farben der Residenz und des Landes trugen. Frommherz nahm den +Lorbeerkranz mit Worten herzlichen Dankes entgegen und schüttelte jedem der +blühenden, ihn mit scheuer Ehrfurcht betrachtenden Menschenkinder warm die +Hand. + +Stiller war unterdessen ins Haus zurückgeeilt und hatte ein kurzes +Zwiegespräch mit dem Wirte gehalten. Nun kam er wieder zurück und lud die +Mädchen im Namen des Gefeierten zu einer Erfrischung ein, die von ihnen mit +Jubel angenommen wurde. + +»In unserm großen Auto haben die Kinder auch noch Platz. Wir bringen sie +hinauf nach Stuttgart,« schlug Stiller vor. + +Gern willigten die andern Freunde ein. Mit welch stolzer Befriedigung +fuhren nachher die Mädchen, die nun jede Scheu verloren hatten, mit ihren +berühmten Begleitern durch Cannstatt, über die Karlsbrücke und durch die im +Gewande des Frühlings prangenden Anlagen nach Stuttgart! Die Freude über +die ihnen erwiesene Auszeichnung leuchtete aus den strahlenden Augen der +Kinder, als sie auf dem Schloßplatze aus dem Auto stiegen und sich von den +Gelehrten verabschiedeten. Unter den brausenden Hochrufen einer rasch sich +ansammelnden Menschenmenge fuhren die Freunde Stillers Heim zu. + +»Einfach, aber würdig war der Empfang. Er hat mir gefallen und mich +vollkommen befriedigt,« erklärte Frommherz. + +»Wahrhaftig, mir machte er einen besseren Eindruck als der unsere damals, +als wir auf dem Hasenberge ankamen,« meinte Brummhuber. + +»Weil er sich unvorbereitet, so ganz aus sich selbst heraus vollzog,« +bemerkte Stiller. + +Die Herren hatten es sich im Hause ihres Freundes bequem gemacht und saßen +in anregendem Gespräche in dem bekannten großen Balkonzimmer. + +»Wenn große Ereignisse mein seelisches Empfinden berühren, so fühle ich +stets einen merkwürdigen Durst und . . .« Doch Stiller ließ seinen Freund +Piller nicht ausreden. »Ich verstehe dich auch ohne diese Einleitung,« +lachte er fröhlich. »Piller ist nämlich immer noch derselbe Durstige wie +früher,« erklärte er Frommherz. »Du sollst deinen Trunk haben, lieber +Piller. Wir alle wollen ein Glas auf das Wohl des teuren, uns +wiedergeschenkten Freundes leeren.« + +Der Wein wurde gebracht. Die Gläser hatten ausgeklungen. Der Abend senkte +langsam seine Schatten auf das Häusermeer im Tale, während die Bopserhöhe +sich noch in den Strahlen der untergehenden Sonne golden badete. Da +begannen unten in der Stadt die Glocken anzuschlagen. + +»Wir haben doch meines Wissens morgen keinen Festtag, der am Abend vorher +eingeläutet werden sollte?« fragte Brummhuber. + +»Nicht daß ich wüßte,« erwiderte Piller. + +»Es gilt ohne Zweifel unserm Freunde Fridolin,« bemerkte Stiller. »Die alte +Heimat will ihrem wiedergekehrten Sohne durch den ehernen Mund der Glocken +lauten Willkomm bieten.« + +»Du magst recht haben,« erklärte Brummhuber. + +Eine volle halbe Stunde währte das harmonische Geläute, dann verstummte es +. . . + +Und die Sonne, die Spenderin alles Lichtes und Lebens, war inzwischen im +Westen verglüht. Leise bewegten sich im leichten Abendwinde die blühenden +Bäume an der Talseite und sandten ihren Duft herauf zu den Gelehrten, die +da an den offenen Fenstern des Gemaches saßen und die Lieblichkeit des +Landschaftsbildes still genossen. + +»Was kommt denn da die Weinsteige herauf?« fragte Brummhuber erstaunt und +machte seine Freunde auf eine Masse von Lampions aufmerksam, die sich einer +feurigen Schlange gleich gegen die Bopserhöhe zu bewegten. + +»Fridolin, das gilt dir,« lachte Piller. + +»Ich bin wirklich begierig, was dir und uns noch diesen Abend bevorsteht,« +äußerte sich Stiller. »Unser Oberbürgermeister scheint die kurze Zeit heute +fieberhaft ausgenützt zu haben, um deine Rückkehr würdig zu ehren.« + +»Das kommt mir auch so vor,« antwortete Frommherz. »Ich würde aber am +liebsten auf jede weitere Ehrung verzichten. Ähnlich äußerte ich mich dem +Oberbürgermeister gegenüber ja schon am Kursaale.« + +»Ergib dich in dein unvermeidliches Schicksal, Freund Fridolin! Ohne Sang +und Klang darf dieser denkwürdige Tag nicht in der unwiederbringlich +verlorenen Vergangenheit verschwinden,« sprach Piller. + +Näher dem Hause kam der Zug. Es war die Liedertafel von Stuttgart, die da +durch den Garten zog und sich vor dem Hause aufstellte. Eine feierliche +Stille trat ein. Dann intonierte der große Männerchor das prachtvolle Lied: +»Des Vaterlandes Gruß.« + +Frommherz, tief bewegt durch den vollendet schönen Vortrag, war mit seinen +Freunden zu den Sängern getreten und dankte ihnen mit innigen Worten. +Stiller lud die Sänger zu einem kühlen Trunke ein. Piller sorgte, +unterstützt durch die Dienerschaft des Hauses, für das Getränk, und bald +entwickelte sich in dem Garten ein feucht-fröhliches Sängerleben. Noch ein +Lied zum Abschied, dann ein Hoch auf den Zurückgekehrten, und der +Männerchor bewegte sich in der gleichen Weise, wie er gekommen, abwärts, +der Stadt wieder zu. Am mitternächtigen Himmel aber stand in strahlender +Schönheit Mars, das freiwillig aufgegebene Paradies der Söhne Schwabens. + + + + +Zwölftes Kapitel. +Fromme Wünsche. + + +Während die führenden Zeitungen am Tage nach Frommherz' Rückkehr den +Gelehrten in achtungsvoll gehaltenen Leitartikeln begrüßten und feierten, +saßen die Freunde in Stillers gemütlichem Balkonzimmer und lauschten dem +Berichte des Weltenseglers. Aber ohne Mißton in der Begrüßung durch die +Presse sollte es leider nicht abgehen. + +Das seit kurzer Zeit bestehende Organ »Der Volksmund«, das seine +Unbedeutendheit durch maßloses Schimpfen auf alles, was ihm nicht in den +Kram paßte, zu decken suchte, brachte einen Artikel, der nicht nur gegen +Frommherz allein, sondern auch gegen die übrigen kühnen Marsbesucher +gerichtet war. »Warum,« so fragte das Organ, »ist dieser Mann +zurückgekommen? Entweder hat man ihn fortgewiesen, wo er war, oder er ist +selbst gegangen -- was wir annehmen wollen -- weil eben auf jenem Planeten +die Lebensbedingungen doch nicht die sind, von denen seine Freunde einst +vor Jahren so viel Aufhebens machten. Schon damals war es zu verwundern +gewesen, daß die Herren ein Eldorado verlassen haben, in dem ihren eigenen +Aussagen nach Milch und Honig fließen und alles vollkommen sein sollte. +Ihre Behauptungen konnte man natürlich nicht widerlegen, und so mußte man +sie eben achselzuckend und zweifelnd für einstweilen annehmen. + +Nun aber, da Fridolin Frommherz wieder auf die Erde niedergestiegen, hat er +seinen großsprecherischen Freunden unwillkürlich eine höchst derbe Lektion +erteilt und sie durch seine Rückkehr gewissermaßen Lügen gestraft. Kein +vernünftiger Mensch kann allen Ernstes mehr glauben, daß Mars das +sogenannte Paradies sein soll. Eva und Adam sind, biblisch gesprochen, auch +nicht freiwillig aus dem Paradiese fortgegangen, noch weniger aber ziehen +Männer, die, wie die Weltreisenden, von Jugend auf nur an Wohlleben gewöhnt +sind, von einem Orte weg, der angeblich das wirkliche Schlaraffenland +vorstellt. Da steckt anderes dahinter, das man natürlich nicht zu gestehen +wagt, um sich billige Lorbeeren um den kecken Kopf zu legen,« schloß der +Artikel. + +Das Blatt war mit der Morgenpost Stiller zugesandt worden. Er würde es gar +nicht weiter beachtet haben, da aber der Artikel selbst mit dicken roten +Strichen umgeben war, so erregte dies Stillers Interesse. Er überflog den +Inhalt kurz und wandte sich dann dem zurückgekehrten Freunde zu. + +»Fridolin, bitte, eine kleine Unterbrechung in deiner Erzählung. Das +Machwerk, das ich hier in der Hand habe, verdient allerdings keine +besondere Beachtung, das wäre gewissermaßen eine Ehrung, aber es zeigt +doch, auf welchem Tiefstand der Gesinnung sich noch manche Menschen +bewegen, die sich anmaßen, legitime Vertreter der öffentlichen Meinung zu +sein.« + +Stiller las den Artikel vor. Er regte nur Piller auf. »Giftkröten, die man +zertreten sollte,« schimpfte er. + +»Leichtfertige Menschen dieser Art sind mehr zu bedauern als zu verdammen,« +antwortete Stiller. + +»Ach was bedauern,« knurrte Piller. »Ausreißen muß man das Unkraut.« + +»Damit bin ich nur insofern einverstanden, als es sich um wirklichen +Auswurf des Menschengeschlechtes handelt. In vorliegendem Falle aber ist es +tatsächlich der Mangel an Einsicht, an wirklicher Bildung, dieser +fundamentalen Grundlage der vernünftigen Selbstkritik, der uns hier +gegenübertritt, und das ist es, was ich bedaure.« + +»Ich stimme dir bei,« sprach Frommherz. »Ein Mensch, der sich seiner Würde +als solcher bewußt ist, wird niemals niedrig denken und handeln. Die +Menschen auf die Höhe des wahren Menschentums zu heben, an dieser Arbeit +kräftig mitzuwirken, war ja einer der treibenden Gründe meiner Rückkehr.« + +»Eine Sisyphusarbeit,« rief Piller. + +»Ausdauer und fester Wille werden sie bewältigen und ihr schließlich zum +Erfolge helfen. Nicht uns wird sie gelingen, nein, dazu bedarf es der Zeit +von Jahrhunderten, aber als Arbeiter im Dienste des Wahren, Guten und +Schönen müssen wir schon jetzt unser Bestes zur Verwirklichung des +Menschheitsideales beizutragen suchen. Doch nun fahr in deinem Berichte +fort, Fridolin,« bat Stiller. + +Frommherz schilderte seinen Freunden, wie die ihrer Abreise folgenden Jahre +auf dem Mars mit der Bearbeitung des Wörterbuches vorübergegangen seien, +wie er im Hause Bentans in Angola gelebt und auch dort einen zarten +Liebestraum geträumt habe. Er verschwieg nicht den Schmerz, den die +Entsagung, der Verzicht auf die Erfüllung seiner sehnsüchtigen Wünsche ihm +zuerst verursacht habe, in der Arbeit aber habe er den besten Trost und +Wiederaufrichtung gefunden und später Bentans ablehnende Haltung seinem +Herzenswunsche gegenüber als völlig berechtigt und nur seinem eigenen Wohle +dienend anerkennen müssen. Dann berichtete er ausführlich von dem +Riesenwerke, das die Marsiten ausgeführt. + +Mit außerordentlicher Teilnahme hörten die drei Freunde von dieser +gewaltigen Tat des Solidaritätsgefühles der Marsiten. + +»Großartig, wirklich großartig!« rief Piller, erregt vom Stuhle +aufspringend und mit hastigen Schritten das Zimmer messend. »Und denke dir, +Fridolin, Stiller hat das von hier aus mit dem Fernrohre verfolgt! Noch vor +wenigen Monaten, am 7. Dezember letzten Jahres, sprachen wir in diesem +selben Zimmer davon, und unser Freund zeigte uns nachher das veränderte +Kanalsystem auf dem Mars durch das Teleskop.« + +»Benötigst du nicht wieder eines Schöppleins?« foppte Brummhuber. + +»Warum nicht? Doch ich werde dir brummigem Huber mit dem vortrefflichen +Namen einmal beweisen, daß auch ich verzichten kann. Fridolin, fahre fort!« + +Frommherz erzählte von der umformenden Wirkung, die die gemeinsame Arbeit +mit den Marsiten, ihr Näherkennenlernen in den Jahren der Not in seinem +Denk- und Empfindungsvermögen nach und nach hervorgebracht, und wie dadurch +von ihm endlich auch die frühere Handlungsweise des Freundes Stiller +begriffen worden sei. Mit dem Begreifen sei dann der Entschluß in ihm +gereift, dem gegebenen Beispiele zu folgen und in gleichem Sinne wie +Stiller auf der Erde zu wirken. Nach Anans Tode sei Bentan an dessen Stelle +getreten, und in der ersten Versammlung des Stammes der Weisen unter +Bentans Vorsitz habe er sein Anliegen vorgebracht, das von den Marsiten auf +das günstigste aufgenommen worden sei. + +»Es war in demselben Saale des Palastes in Angola, in dem wir sieben einst +zum letzten Male zusammen waren,« fuhr Frommherz fort. »Dort befinden sich +eure Bilder mit den nähere Angaben tragenden Marmortafeln. In hohem, +ehrendem Andenken lebt ihr dort oben weiter. Und von allen Seiten, +besonders aber von dem ehrwürdigen Eran, wurden mir für euch die innigsten +Grüße und die besten Wünsche für euer Wohlergehen mitgegeben. Und nun hat +der Tod drei von uns weggerafft, die ich nicht mehr sehen durfte. + +Meine Reise war lang, aber sehr erträglich. Einige Male kam unser Fahrzeug +in die gefährliche Nähe einer Kometenbahn; fast wären wir mit einem +Meteoriten von gewaltigen Dimensionen zusammengestoßen, und beim Eintritt +in die Erdatmosphäre drohten die Blitze des schrecklichsten Gewitters, das +ich je erlebt, unser Luftschiff zu entzünden; sonst aber verlief der Flug +durch den ungeheuren Weltenraum günstig. Ein Blick auf Eros und ein Besuch +auf dem Monde bot eine Fülle des Interessanten, von dem ich euch einmal +eingehend berichten werde. In Sibirien, beim Baikalsee, trafen wir auf die +Erde. Von dort nahm das Luftschiff den Kurs nach Westen. Vorgestern abend +kamen wir über Stuttgart an, das ich sofort trotz der bedeutenden Höhe, in +der unser Luftschiff schwebte, an seiner eigenartigen Lage wiedererkannte. +In aller Frühe wurde ich gestern, meinem Wunsche entsprechend, auf dem +Wasen abgesetzt.« + +Eine lange Pause trat ein, als Frommherz seine inhaltreiche Erzählung +beendigt hatte. Stiller berichtete nun über seine und seiner Gefährten +Rückkehr zur Erde vor elf Jahren, den Empfang an den verschiedenen Orten +der Welt und schließlich den Einzug in Stuttgart. Dann erzählte er von dem +Tode der drei Freunde. Hämmerle sei drei Jahre nach der Rückkehr gestorben, +nachdem er lange gemütskrank gewesen. Dann sei Thudium ganz plötzlich, +unvermittelt eingegangen in das Schattenreich. Ihm sei Dubelmeier gefolgt, +der an Arterienverkalkung gelitten, obgleich Piller dies nicht gelten +lasse, sondern behaupte, Dubelmeier sei lediglich aus Mangel an Durst +vorzeitig in die Grube gefahren. + +Seit Jahren schon hätten sie in Tübingen einen Bund gegründet, der in Wort +und Schrift für das wahre Menschentum und die natürliche Moral eintrete und +den Kampf gegen alles Unwahre energisch und mit sichtbarem Erfolge +aufgenommen habe. Hier in seinem Heim sei die Stätte, wo sich die +ehemaligen Gefährten der Planetenfahrt zeitweise immer zusammenfänden, um +alten Erinnerungen an den Aufenthalt auf dem prächtigen Mars in ungestörter +Weise zu leben. + +Jetzt sei er, Fridolin, das vierte hochwillkommene Mitglied in diesem +engsten Bruderbunde, der, einem Mutterkristalle vergleichbar, aus dem +Strome des ihn umfließenden Lebens noch manchen andern edlen Kristall zur +Angliederung anziehen werde. + +Während Frommherz' und Stillers Berichten waren die Stunden in raschem +Fluge herumgegangen. Nach dem Mittagessen wollten die Freunde einen kleinen +Spaziergang durch den Bopserwald machen, als der Diener die Ankunft von +zwei Herren meldete, die Stiller in einer dringenden Angelegenheit zu +sprechen wünschten. Die abgegebenen Karten lauteten auf Julius Schnabel und +Adolf Blieder. + +»So, so, die sind es, die Pfuscher am »Weltensegler« von ehemals,« bemerkte +Piller spöttisch, als er einen raschen Blick auf die Karten geworfen hatte. + +»Ich kann sie nicht gut ablehnen,« entgegnete Stiller. »Da ich aber vor +euch kein Geheimnis zu wahren habe, so mögen sie mir in eurer Gegenwart +sagen, was sie von mir wollen.« + +»Wird was Gescheites sein,« brummte Piller. »Doch immerhin, laß sie +eintreten.« + +Die beiden Herren, die im Laufe der Jahre, dank ihrem Wohlleben, körperlich +sehr gewichtige Männer geworden waren, betraten das Zimmer und begrüßten +Stiller freundlich. + +»Die Herren Piller und Brummhuber kennt ihr. Dies hier ist Herr Frommherz, +der gestern vom Mars zurückkam und auf dem Wasen landete,« stellte Stiller +vor. + +»Seinetwegen kommen wir ja zu dir,« trompetete Schnabel, sich vor Frommherz +verneigend, so gut es eben seine Körperfülle zuließ. + +»Nun, so setzt euch zunächst und dann bringt euer Begehr vor,« bat Stiller. +Die Herren folgten der Einladung. + +»Du weißt, daß wir vor Jahren schon in den Vorstand der Kommission für das +Denkmal gewählt wurden, das dir und deinen berühmten Herren Begleitern auf +deiner Marsreise zu Ehren gesetzt wurde.« + +»Nicht meinen Begleitern, sondern meinen Gefährten und Freunden und nicht +auf meiner, sondern auf unserer gemeinsamen Marsreise, mein lieber +Blieder,« korrigierte Stiller. + +»Nun ja, also . . . . hm, was wollte ich gleich sagen?« + +»Das kann ich doch nicht wissen,« antwortete Stiller lächelnd. + +»Von dem Denkmal,« kam Schnabel dem Verlegenen zu Hilfe. + +»Ja, von dem Denkmal. Nun, das macht uns der Rückkehr des Herrn Frommherz +wegen rechte Sorgen.« + +»Wieso?« fragte Stiller erstaunt. + +»Es entsteht die Frage einer Änderung, und letztere ist eine kostspielige +Sache.« + +»Eine Änderung?« + +»Ja,« nahm jetzt Schnabel das Wort, »diese völlig unerwartete Rückkehr des +Herrn Frommherz stellt uns vor eine schwierige Entscheidung.« + +»Deshalb kommt ihr zu mir, nicht wahr?« + +»Ja!« + +»Wo liegt denn diese Schwierigkeit?« forschte Piller. + +»In der Inschrift der vierten Seite,« gestand Herr Blieder. + +»Ah, jetzt verstehe ich. Natürlich ein höchst schwieriger Fall,« erwiderte +Piller nicht ohne Hohn. + +»Gewiß,« antwortete Herr Schnabel, Pillers Hohn nicht bemerkend. »Es +handelt sich möglicherweise um eine Abtragung des ganzen Denkmals, denn die +einmal eingehauenen Worte lassen sich von dem Obelisken nicht so einfach, +wie Sie vielleicht glauben mögen, wegmeißeln, ohne dem Ganzen ein +verändertes und unschönes Aussehen zu geben.« + +»Was wissen denn Sie, was ich deshalb glaube?« entgegnete Piller grob. + +»An uns, als die Vorsitzenden des Denkmalkomitees,« fuhr Herr Schnabel +fort, »ist seit gestern die Aufgabe herangetreten, umgehend einen Vorschlag +dem Stadtrat einzureichen zwecks Änderung, und da befürchten wir recht +lebhafte und unangenehme Debatten.« + +»Ja, aber lieber Schnabel, was berührt denn mich das?« meinte Stiller +lächelnd. + +»Vielleicht weißt du uns einen praktischen Rat oder Ausweg aus der Sache.« + +»Eine verzweifelt dumme Geschichte,« spottete Piller. + +»Nicht wahr?« klagte Herr Blieder in aufrichtiger Verlegenheit. + +»Das will ich meinen,« bestätigte Piller ernsten Tones. + +Frommherz und Brummhuber mußten über die komisch traurigen Gesichter der +beiden Besucher unwillkürlich lächeln. Stiller selbst schien in Gedanken +verloren. + +»So laßt doch auf der fraglichen Seite des Obelisken, auf der es sich um +Frommherz handelt, die weitern Worte einmeißeln: Nach 14 ½ jähriger +Abwesenheit am 5. Mai . . . wieder vom Mars zurückgekehrt. Sollte das nicht +gehen?« + +»Das Ei des Columbus,« rief Herr Schnabel voll Freude. »Du hast es +getroffen! Wie einfach und klar lag eigentlich die Lösung, so daß es mir +jetzt schon ganz unbegreiflich erscheint, nicht von selbst darauf gekommen +zu sein.« + +»Ja, das Allereinfachste ist mitunter das, was uns am meisten +Kopfzerbrechen verursacht,« erwiderte Herr Stiller, seine ehemaligen +Schulgenossen mit überlegenem Lächeln betrachtend. »Wir haben dies +ebenfalls bei der Konstruktion des >Weltenseglers< vor fünfzehn Jahren +erlebt, nicht wahr?« + +»Gewiß, gewiß,« beeilte sich Herr Blieder zu bestätigen. + +»Dafür haben aber auch die Herren Ruhm und Ehre geerntet, dank Columbus +Stiller,« rief Piller. + +Herr Schnabel und Herr Blieder sahen bei diesen Worten etwas verdutzt auf +Piller. Es wurde ihnen vor dem Gelehrten mit seinen scharfen Augen und dem +spöttischen Lächeln um die Mundwinkel unbehaglich zumute, und so beeilten +sie sich mit Worten des Dankes für den erteilten Rat zu gehen. + +»Die gehören zu jener Klasse von Parasiten, die auf Kosten anderer leben,« +äußerte sich Brummhuber, als die beiden das Zimmer verlassen hatten. + +»Du hast recht,« bestätigte Piller. »Mir sind Leute, die sich immer mit den +Federn anderer zu schmücken suchen, im Grunde der Seele zuwider.« + +»Harmlose Strohköpfe,« suchte sie Stiller zu entschuldigen. + +»Nur bedingt harmlos, lieber Stiller,« entgegnete Piller. »Die Dummheit +paart sich oft genug mit der Heimtücke, und von letzterer sind Schnabel und +Blieder nicht gänzlich frei.« + +»Verlassen wir das Thema!« bat Stiller. »Es lohnt sich wirklich nicht, +darüber weiter zu sprechen; denn die beiden sind tatsächlich zu unbedeutend +für uns.« + +Als die Gelehrten ihren geplanten Spaziergang ausführen wollten und soeben +aus dem Hause traten, fuhr ein elegantes Autoelektrik vor. Ihm entstieg der +Graf von Neckartal. + +»Gut, daß ich Sie noch treffe, meine verehrten Herren,« rief er heiter. +»Ich sauste hier herauf, um unsern berühmten, der Heimat wiedergeschenkten +Professor Frommherz zu begrüßen. Lassen Sie mich Ihnen die Hand zum +Willkomm drücken. Dem goldenen Lorbeerkranz entgehen Sie nicht,« erklärte +der Graf, Frommherz umarmend und mit ihm und den übrigen Herren ins Haus +eintretend. + +»Wer hätte geglaubt, daß Sie den herrlichen Mars gegen die in Extremen sich +bewegende Erde je wieder eintauschen würden!« fuhr Herr von Neckartal fort, +als sich die Herren gesetzt hatten. »Wie eine Bombe schlug gestern die +Nachricht ein. Ich sage Ihnen, die erstaunten und verblüfften Gesichter +hätten Sie sehen sollen, als es hieß, unser letzter Marsreisender sei +wieder auf schwäbischem Boden erschienen. Einfach zum Heulen vor Vergnügen! +Frommherz, ich will gewiß kein Unkraut säen, aber mancher wünschte Sie im +ersten Augenblicke wieder dahin zurück, woher Sie kamen.« + +»Kenn' ich doch meine lieben Deutschen und kann's mir also in etwas +vorstellen,« warf Piller lachend ein. »Unser Freund kam eben gegen alle +Regeln der Gesellschaft unangemeldet zurück, ohne vorherige Erlaubnis.« + +»Daß Sie gerade auf dem Wasen landen mußten, würde man schließlich noch +hingenommen haben, aber das blitzschnelle Verschwinden Ihres Luftschiffes +von hier wurde zuerst als eine grobe Beleidigung der Hauptstadt empfunden. +Einige Tage wenigstens hätte es sich mit seinen Insassen unsern guten +Stuttgartern schon zeigen dürfen. Gerade auf die Bekanntschaft mit den +Marsiten war man allgemein gespannt, und die Enttäuschung, diese +merkwürdigen Menschen nicht gesehen zu haben, war groß.« + +»Gekränkte Neugier und Eitelkeit, nichts anderes,« bemerkte Stiller. »Ich +habe doch meinen Landsleuten schon öfters erklärt, daß die Bewohner des +Mars gewichtige Gründe hätten, den Verkehr mit uns abzulehnen.« + +»Nun, der erste Unmut darüber ist rasch verflogen gewesen. Viel dazu trug +bei, als das Abenteuer unseres lieben Frommherz mit der Polizei bekannt +wurde.« + +»So etwas kann vorkommen,« entschuldigte Frommherz. + +»Immerhin ein gelungener, unsterblich lächerlicher Streich. Aber jetzt +komme ich mit einer Bitte zu Ihnen, mein lieber Frommherz,« fuhr der Graf +fort. »Halten Sie sich nicht fern von uns, sondern schenken Sie uns die +Ehre Ihres baldigen Besuches. Wir sind außerordentlich begierig auf das, +was Sie uns sagen wollen, und möchten von Ihnen schon heute abend, falls +Sie nicht zu müde sind, einige Mitteilungen entgegennehmen. Ich wurde +gestern in unserm Vereine von allen Seiten bestürmt, Sie darum zu bitten.« + +»Ich werde Ihrem Wunsche in bescheidenem Umfange zu entsprechen suchen,« +antwortete Frommherz. »Wann soll ich erscheinen?« + +»Um acht Uhr in der Liederhalle.« + +»Gut! Ihr kommt doch mit mir, meine Freunde?« + +»Selbstverständlich,« knurrte Piller, ehrlich zornig über die seinem +Freunde gemachte wenig rücksichtsvolle Zumutung. + +»Also bis heute abend, meine Herren. Auf Wiedersehen und besten Dank für +Ihr Entsprechen!« Damit verabschiedete sich der Graf von Neckartal. + +»Kaum zurück, wirst du zu einem Vortrage gepreßt, mit dem es wahrlich keine +Eile gehabt hätte,« polterte Piller, als der Graf gegangen war. + +»Er wird kurz genug ausfallen, laß mich nur machen,« erwiderte Frommherz +lächelnd. »Ihr habt ja durch eure Publikationen über den Mars und seine +Bewohner, wie ihr mir gesagt, genügende und erschöpfende Schilderungen +gegeben. Somit bleibt mir glücklicherweise nur wenig mehr zu erklären +übrig.« + +»Es ist gut, daß du meine Größe hast, Fridolin. So kann ich dir mit +entsprechender Kleidung für heute abend aushelfen. Auch mein Diener Hans, +ein ehemaliger Haarkünstler, wird dir deine Marsitenmähne nach +augenblicklicher Erdenmode um- und zustutzen,« sprach Stiller. »Und nun +laßt uns noch ein wenig den schönen Tag genießen und durch Wald und Flur +streifen!« + +Pünktlich um acht Uhr betraten die berühmten Gelehrten die festlich +bekränzte und erleuchtete Liederhalle. Graf von Neckartal führte Herrn +Frommherz in den großen Saal, der bis auf den letzten Platz von Stuttgarts +bestem Publikum besetzt war. Minutenlanges Händeklatschen und Bravorufen +empfing Frommherz, als er mit seinem Führer langsam und würdevoll dem +Podium zuschritt, auf dessen Hintergrund seine drei Freunde Platz genommen. + +Eine kurze, offizielle Begrüßungsrede des Vorsitzenden schloß mit einer +scharfen Verurteilung des heutigen, im »Volksmund« erschienenen Artikels. +Nun erhielt Frommherz das Wort. + +»Verehrte Anwesende!« hub er mit seiner klangvollen Stimme zu sprechen an. +»Nehmen Sie zuerst meinen verbindlichen Dank für den Willkomm, den Sie mir +geboten. Daß mein Fortgehen vom Mars, auf dem ich während vierzehn Jahren +gelebt, Ihnen eine große Überraschung bereitet hat, ist nach dem, was Sie +von jenem Planeten durch meine Freunde gehört haben, nur zu leicht +begreiflich. Es werden Sie daher die Gründe besonders interessieren, die +mich zur Rückkehr in die alte schwäbische Heimat veranlaßten. Ich muß dabei +etwas weiter ausholen. + +Wie Sie wissen, war ich einst Professor religiöser Ethik an der Universität +in Tübingen, als ich diese Professur aufgab, um mit meinen Gefährten und +treuen Freunden die gewagte Reise nach dem fernen Kinde des Lichtes zu +unternehmen. Meine Beschäftigung mit der Pflege des Geistes in +ethisch-religiöser Richtung hatte mir meinen Glauben an den Wert unserer +Kultur wie auch an die der führenden Nationen der Mutter Erde in starkes +Wanken gebracht. Was sah ich in dieser Richtung überall hier unten? Eine +Ablösung des Menschen von seiner natürlichen Basis. Als Folge davon ein +künstliches Dasein mit Tausenden von Bedürfnissen, mit tausendfachen +Abhängigkeitsverhältnissen und einer dadurch bedingten untergehenden +individuellen Selbständigkeit. + +Eine Weichlichkeit der Seele, ein betrübendes Siechtum der Kraft und des +Selbstvertrauens bei zunehmendem Raffinement des Lebens. Immer weniger +wurde das Leben hier eigenes Leben und bei allem Prunke äußerer Erfolge +wurde es mehr und mehr ein unglückliches, haltloses Dasein. Ob dies heute +gegen früher um vieles besser geworden ist? Ich wage zu zweifeln. + +Ein schrankenloser Egoismus beherrschte alle und alles. Dem heftigsten +Kampfe um die materiellen Güter, um Macht und Erwerb und um die Sicherheit +für die Zukunft folgten ebenso heftige, rasch wirkende Genüsse, die Körper +und Geist der Menschen gleich verderblich schädigten. Das Ich war der +Götze, dem auch die ideellen Güter geopfert wurden. Das war die Signatur +unserer so sehr gepriesenen Kultur, und ich fürchte, daß sie es +wahrscheinlich auch noch heute ist. + +Und nun kamen wir nach dem Mars. Was wir dort sahen und erlebten, wissen +Sie ja zur Genüge aus den Schilderungen meiner Freunde. Die hohe Kultur des +Marsvolkes aber bannte mich in ihren wunderbar schönen Zauberkreis. Ich war +unsagbar glücklich darüber, das Ideal des Daseins da oben in vollendeter +Form vorgefunden zu haben. Die Erde reizte mich nicht mehr zur Rückkehr, +und so ließ ich meine Freunde fortziehen und blieb allein, gegen ihren +Willen, zurück. + +Welch ein Gegensatz besteht zwischen dem Leben dort und hier! Das Prinzip +des naturgemäßen Lebens, das ich hier unten vertrat, dort oben traf ich es +verwirklicht. Und das Resultat ist daher keine kranke, sondern eine +gesunde, frohe und frische Kultur, getragen von jener wahren, echten +Menschlichkeit, die nur im Wohle des Nächsten das eigene Glück erblickt. +Auf dem Mars ist jeder einzelne von Jugend auf gewöhnt, sich geistig und +körperlich zu beschäftigen. Er findet daher keine Zeit, allzuviel an sich +selbst zu denken, sein eigenes Ich in den Vordergrund zu stellen, einem +Subjektivismus zu frönen, der hier unten eine so große und verderbliche +Rolle spielt. + +Die Pflege des Idealen, die Gattungsliebe, nur von dem Wunsche beseelt, der +Gesamtheit zu dienen, lediglich beeinflußt von der Rücksicht auf das Wohl +aller, schafft bei den Marsiten als natürliche Folge jenes wunderbare +Gleichgewicht des Innern, das ihrer materiellen Tätigkeit, dem auch auf dem +Mars bestehenden Kampfe ums Dasein jegliches Schädigende, Verletzende und +Giftige vorwegnimmt. Ein gereiftes, hochstehendes Volk, gleich kräftig und +gesund an Körper wie an Geist, ein Volk, bei dem die Solidarität die +Haupttriebkraft seines ganzen Handelns bildet. + +Welch großartiger Leistungen diese Solidarität fähig ist, habe ich oben auf +dem Planeten selbst erfahren dürfen. Sie war es, die mich aufrüttelte, die +mir meinen den Freunden gegenüber begangenen Fehler des eigenmächtigen, +egoistischen Zurückbleibens zu klarem Bewußtsein brachte und in mir den +Wunsch reifen ließ, in ehrlicher Weise meinen Fehler gut zu machen. So +entschloß ich mich zur Rückkehr zur Erde, um, mit meinen Freunden wieder +vereint, gemeinsam an dem schwierigen Werke der Menschenerhebung weiter zu +arbeiten. Eine dankbare Aufgabe ist dies nicht, das weiß ich wohl, aber ich +frage danach nicht. Ich will praktisch hier unten verwerten, was in mir +oben lebendig geworden ist. Meine heutige Religion ist die des Erbarmens, +der Nächstenliebe. + +Langsam ist der Gang der menschlichen Entwicklung. Dornenvoll ist deren +Bahn, aber trotzdem unhemmbar in ihrem Vorwärtsschreiten. Der Menschheit +das strahlende Banner der Wahrheit, der Vernunft und der natürlichen Moral +auf diesem Wege voranzutragen, betrachte ich als die Pflicht eines jeden, +dem das Wohl seiner Brüder, die Förderung wahren Menschentums am Herzen +liegt. + +So bin ich also zurückgekommen und habe Ihnen offen den Beweggrund +mitgeteilt, der mich in den Dienst einer Pflicht ruft, der ich fortan den +Rest meines Lebens weihen will. Ich habe gesprochen.« Mit leichter Neigung +des Kopfes gegen die Zuhörer verließ Frommherz das Podium. + +Die wenigen, aber bedeutungsvollen Worte des Redners hatten auf die +Versammelten außerordentlich tief eingewirkt. Sie offenbarten die sittliche +Größe des Mannes, vor der sich jeder der Anwesenden unwillkürlich +achtungsvoll verneigte. Wenn auch mancher der Erschienenen einen +Reisevortrag voll Abenteuer und aufregender Erlebnisse zu hören erwartet +hatte, so fühlte er sich für den Ausfall durch das, was Frommherz +gesprochen, nicht nur reichlich entschädigt, sondern auch geistig +merkwürdig bewegt. Es waren diesen Abend Samenkörner ausgestreut worden, +die da und dort auf wirklich fruchtbaren Boden fielen. + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + + +Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende zum Anfang des Buches verschoben. + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Vom Mars zur Erde, by Albert Daiber + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 41523 *** |
