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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:22:50 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-15 05:22:50 -0700
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+The Project Gutenberg E-text of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel
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+The Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Mutter und Kind
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+Author: Friedrich Hebbel
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+Posting Date: May 27, 2009 [EBook #4083]
+Release Date: May, 2003
+First Posted: November 13, 2001
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND ***
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+Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
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+Mutter und Kind
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+Friedrich Hebbel
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+ Erster Gesang.<BR>
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+<P CLASS="noindent">
+ Eben grauet der Morgen. Noch stehen die zitternden Sterne<BR>
+ An der Wölbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen<BR>
+ Anfängt, während die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhängt.<BR>
+ Frierend kriechen die Wächter mit Spieß und Knarre nach Hause,<BR>
+ Doch sie erlöste die Uhr und nicht die steigende Sonne,<BR>
+ Denn noch ruhen die Bürger der Stadt und bedürfen des Schutzes<BR>
+ Gegen den schleichenden Dieb, den spähende Augen gewähren.<BR>
+ Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter<BR>
+ Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen<BR>
+ Nach dem Frühstück krächze, es kümmert nicht Mensch noch Tiere.<BR>
+ Nur in den Ställen, die hinter die stattlichen Häuser versteckt sind,<BR>
+ Wird's allmählich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde,<BR>
+ Und es brüllen die Kühe, allein die Knechte und Mägde<BR>
+ Schwören sich bloß, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen,<BR>
+ Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden.<BR>
+ Nun, man müßte sie loben, wofern sie sich rascher erhüben,<BR>
+ Aber, wer könnte sie tadeln, daß sie sich noch einmal herumdrehn?<BR>
+ Ist doch die Kälte zu groß! Der Fuß, dem die Decke entgleitet,<BR>
+ Schrickt zurück vor der Luft, als ob er in Wasser geriete,<BR>
+ Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten,<BR>
+ Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen!<BR>
+ Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglühnden Laterne<BR>
+ Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes,<BR>
+ Welcher sich selbst verzehrt, des Öls allmählich ermangelnd,<BR>
+ Kann man den Jüngling erkennen, der unbeweglich hinüber<BR>
+ Schaut nach dem Erdgeschoß des Hauses über der Straße.<BR>
+ Wahrlich, es müssen die Pulse ihm heiß und fieberisch hüpfen,<BR>
+ Daß er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zähne<BR>
+ Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern,<BR>
+ Hier so ruhig steht, als wär' er in Eisen gegossen.<BR>
+ Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lüfte,<BR>
+ Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser<BR>
+ Spüren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht.<BR>
+ Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm<BR>
+ Denn so plötzlich Gefühl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer<BR>
+ Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe<BR>
+ Zu verbreiten scheint. Er bückt sich nieder, zu lauschen,<BR>
+ Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster.<BR>
+ Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben<BR>
+ Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen,<BR>
+ Lugt er schüchtern hindurch. Es ist ein blühendes Mädchen,<BR>
+ Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend,<BR>
+ Nach dem Klopfenden späht. Er ruft: mach' auf, Magdalena!<BR>
+ Und enteilt in das Gäßchen, das links am Hause sich hinzieht.<BR>
+ Bald auch öffnet sich seitwärts das Dienerpförtchen, doch halb nur,<BR>
+ Und den Fuß in der Tür, beim Licht noch einmal ihn prüfend,<BR>
+ Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen?<BR>
+ Laß uns hinein--versetzt er--du würdest draußen erfrieren,<BR>
+ Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang,<BR>
+ Doch er hält ihr den Pelz entgegen, in den er gehüllt ist,<BR>
+ Und nun tritt sie zurück und geht voran in die Küche,<BR>
+ Während er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde<BR>
+ Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser<BR>
+ Jetzt darüber und setzt sich an einer Seite daneben,<BR>
+ An der anderen er. Die rötliche Flamme vergoldet<BR>
+ Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebräuntes<BR>
+ Sticht ihr lilienweißes, mit blonden Locken bekränztes,<BR>
+ Fein und angenehm ab. So mußt du--beginnt sie--schon wieder<BR>
+ Auf die Straße hinaus, und das am heiligen Abend?<BR>
+ Wer dem Fuhrmann dient,&mdash;entgegnet er--feiert die Feste<BR>
+ Selten gemächlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann<BR>
+ Dies und das im Gewölb', und da die Kunden nicht warten,<BR>
+ Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise,<BR>
+ Fast in Vorwurfes Ton--du könntest es lange schon besser<BR>
+ Haben, wenn du nur wolltest!&mdash;Du meinst, ich könnte beim Kaufmann<BR>
+ Selber, könnte bei euch sein--versetzt er mit Lächeln--und freilich<BR>
+ Hätt ich's bequemer und dürfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen.<BR>
+ Aber, das täte nicht gut!&mdash;Er springt empor, und die Küche<BR>
+ Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich plötzlicher Wendung<BR>
+ Vor das Mädchen tretend und ihre Schönheit betrachtend,<BR>
+ Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren!<BR>
+ Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich,<BR>
+ Daß er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn ängstlich,<BR>
+ Und er streichelt sie sanft und spricht die bedächtigen Worte:<BR>
+ Wem ein altes Weib für seinen Groschen das Schicksal<BR>
+ Aus den Karten verkündigt, der mag noch zweifeln und lachen,<BR>
+ Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder<BR>
+ Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen!<BR>
+ Hätte der Ärmste mich in solchem Elend gesehen,<BR>
+ Wie ich gestern ihn, er wäre wohl ledig geblieben,<BR>
+ Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trösten&mdash;<BR>
+ Nicht verloren sein für seinen Jugendgenossen!<BR>
+ Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend&mdash;ich habe<BR>
+ Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen,<BR>
+ Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen,<BR>
+ Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider.<BR>
+ Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte<BR>
+ Ihn so gut wie verloren, denn ängstlich, wie Sünde und Schande,<BR>
+ Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen.<BR>
+ Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu führen,<BR>
+ Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen,<BR>
+ Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet,<BR>
+ Aber in welcher Gestalt! Wie gänzlich verändert! Du kannst es<BR>
+ Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es wäre sein Vater,<BR>
+ Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren,<BR>
+ Weil er den Greis nicht fürder ernähren kann, wie so lange!<BR>
+ Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen,<BR>
+ Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern<BR>
+ Zu verbreiten fürchtet, ich aber blieb ihm zur Seite<BR>
+ Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern.<BR>
+ Nun, die dienten zusammen!--Das Mädchen erhebt sich und schließt ihn<BR>
+ Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller<BR>
+ Welchen ich jemals sah. Dem Totengräber gehörig,<BR>
+ Hat er die nassen Wände mit Brettern von Särgen beschlagen,<BR>
+ Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eröffneten Gräbern<BR>
+ Fett und modrig liefert. Die dunsten, daß, wer hereintritt,<BR>
+ Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr<BR>
+ Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber,<BR>
+ Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen,<BR>
+ Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natürlich die Runde,<BR>
+ Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern<BR>
+ Und verläßt sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Tränen,<BR>
+ Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich plötzlich die Augen,<BR>
+ Welche ihr längst schon strömten, und spricht mit krampfhaftem Lachen,<BR>
+ Ihn bei der Hand ergreifend und über und über erglühend:<BR>
+ Christian, weißt du was? Es ist der heilige Abend,<BR>
+ Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren!<BR>
+ Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft,<BR>
+ Kleider und Tücher und Geld, und was noch etwa hinzukommt,<BR>
+ Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm,<BR>
+ Und sie können den Keller verlassen und wieder gesunden!<BR>
+ Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte,<BR>
+ Und der Weihnacht1) ist die Hälfte des Lohnes in Hamburg,<BR>
+ Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel,<BR>
+ Hat mich Wilhelm gestern für ewige Zeiten gesegnet,<BR>
+ Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre,<BR>
+ Die ich empfing, als ich sah, daß trockenes Brot ihm, wie Kuchen,<BR>
+ Schmeckte, Käse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen.<BR>
+ Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren:<BR>
+ Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden,<BR>
+ Ist es sündlich, als dächte der Reiche auf Kaiser und König,<BR>
+ Und es straft sich noch härter. So bin ich denn fest auch entschlossen,<BR>
+ Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen,<BR>
+ Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch würfeln!--<BR>
+ Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lächeln<BR>
+ Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem höchsten Erstaunen<BR>
+ Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh<BR>
+ Eingewickelt, den sie vermißt und den er entwandte,<BR>
+ Um ihr Maß zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod.<BR>
+ Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren,<BR>
+ Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes<BR>
+ In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darüber ergrauen,<BR>
+ Und das Glück hat Zeit, mir einen Finger zu reichen!<BR>
+ In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren<BR>
+ Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes?<BR>
+ Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem<BR>
+ Mehr zurück Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven!<BR>
+ Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es würde<BR>
+ Mir das Gewissen belasten, du bist nicht länger gebunden,<BR>
+ Wenn die Frist verlief, auch ist sie völlig genügend,<BR>
+ Und wenn ich dich nicht löse, so magst du selber dich lösen!<BR>
+ Aber--ruft sie--was können so wenige Jahre dir bringen,<BR>
+ Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2),<BR>
+ Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen!<BR>
+ Darauf schwöre nur nicht--versetzt er--du würdest dich täuschen,<BR>
+ Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen,<BR>
+ Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Frühling zu Schiffe.<BR>
+ Schlage nicht gleich die Hände zusammen und halte die Schürze<BR>
+ Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen,<BR>
+ Gestern kam's zum Entschluß! Die Welt ist anders geworden,<BR>
+ Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln<BR>
+ Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande<BR>
+ Und ernährte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil,<BR>
+ Wo man Löwen und Affen und Papageien umsonst sieht,<BR>
+ Nein, ich will das Pläsier mit Freuden noch länger bezahlen,<BR>
+ Wenn wir über den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung!<BR>
+ Aber, wer kann, was er möchte! Wofür mein Vater das Häuschen<BR>
+ Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was für den Ochsen<BR>
+ Einst der Schlachter gab, das gibt für die Haut jetzt der Gerber!<BR>
+ Sprich, wo wäre da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele<BR>
+ Über die Erde versät, und statt, wie einst, sich zu helfen,<BR>
+ Drängen sie sich und stoßen und suchen sich neidisch die Bissen<BR>
+ Aus den Händen zu reißen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere<BR>
+ Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis<BR>
+ Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten.<BR>
+ Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense,<BR>
+ Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heißen,<BR>
+ Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke.<BR>
+ Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen,<BR>
+ Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mägden<BR>
+ Seine Gesichte verkündigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt!<BR>
+ Höre den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel<BR>
+ Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen,<BR>
+ Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend<BR>
+ Bin ich morgen zurück und bringe Wilhelm das Seine,<BR>
+ Denn du würdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden,<BR>
+ Dürftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern<BR>
+ Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weißt du.<BR>
+ Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied,<BR>
+ Aber sie hält ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schüttelt<BR>
+ Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schüchtern,<BR>
+ Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet,<BR>
+ Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet<BR>
+ Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich lächelnd,<BR>
+ Diesen Kuß zu nehmen und spricht: Das wär' ein Gelöbnis,<BR>
+ Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben,<BR>
+ Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe<BR>
+ Mit den Gefährten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drängten,<BR>
+ Wenn die Störche kommen, damit wir endlich erfahren,<BR>
+ Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte,<BR>
+ Reicht schon aus für das Schiff, und warum gingen nur wir nicht,<BR>
+ Unser Glück zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinüber,<BR>
+ Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden!<BR>
+ Wäre der Himmel geöffnet und würde am Tore geläutet,<BR>
+ Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gäbe<BR>
+ Schier kein größres Getümmel, kein ärgeres Rennen und Laufen:<BR>
+ Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel,<BR>
+ Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen.<BR>
+ Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor,<BR>
+ Und sein Koch ist voraus, es stoße im Mörser, wer Lust hat,<BR>
+ Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge,<BR>
+ Die sie so lange ernährte, und rechnen auf Arme und Beine,<BR>
+ Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist,<BR>
+ Und der Prediger kaum hält's aus bei seiner Gemeinde.<BR>
+ Sollte der Ärmste da fehlen? Ich dächte doch, diesem vor allen<BR>
+ Wäre der Segen beschert, nur muß er sich freilich auch rühren,<BR>
+ Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter.<BR>
+ Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern,<BR>
+ Unersättlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden,<BR>
+ Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche,<BR>
+ Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche führen zu können,<BR>
+ Und du bist es wohl wert, daß mir dies wenige werde.<BR>
+ Hätt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und würde ihn willig<BR>
+ Wieder verlassen, wenn hier noch ein mäßiges Glück sich mir zeigte,<BR>
+ Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen,<BR>
+ Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt.<BR>
+ Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen,<BR>
+ Daß sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars!<BR>
+ Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser.<BR>
+ Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig,<BR>
+ Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln,<BR>
+ Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeräucherte Zungen!<BR>
+ Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Glücklicherweise<BR>
+ Hat mein Alter die Gicht! Da schläft er hinein in den Morgen,<BR>
+ Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fürs fleißige Schnapsen von früher,<BR>
+ Sonst erging' es mir übel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen,<BR>
+ Daß ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich,<BR>
+ Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten<BR>
+ Wirklich die Zügel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren!<BR>
+ Keinen Kuß? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!--<BR>
+ Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen,<BR>
+ Doch ihr rinnen die Tränen von neuem, es kann sie nicht trösten,<BR>
+ Daß die Raben noch krächzen und nicht die Störche schon klappern,<BR>
+ Denn sie weiß: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange.<BR>
+</P>
+
+<BR><BR>
+
+<A NAME="zweiter"></A>
+<H3>
+ Zweiter Gesang.<BR>
+</H3>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause<BR>
+ Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen<BR>
+ Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise<BR>
+ Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich<BR>
+ Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert,<BR>
+ Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen<BR>
+ Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert,<BR>
+ Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen<BR>
+ Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd,<BR>
+ Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend.<BR>
+ Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln:<BR>
+ Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet<BR>
+ Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist,<BR>
+ Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet<BR>
+ Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet,<BR>
+ Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung.<BR>
+ Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster<BR>
+ Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich,<BR>
+ Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt,<BR>
+ Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken.<BR>
+ Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen<BR>
+ Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer<BR>
+ Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen,<BR>
+ Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen.<BR>
+ Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte,<BR>
+ Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat.<BR>
+ Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören,<BR>
+ Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen,<BR>
+ Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig<BR>
+ In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte:<BR>
+ Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen.<BR>
+ Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens,<BR>
+ Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter<BR>
+ Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen,<BR>
+ Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend<BR>
+ In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind,<BR>
+ Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen.<BR>
+ Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern<BR>
+ Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er,<BR>
+ Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen,<BR>
+ Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen.<BR>
+ Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen<BR>
+ Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde<BR>
+ Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen,<BR>
+ Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren<BR>
+ Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten,<BR>
+ Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche<BR>
+ Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen,<BR>
+ Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen<BR>
+ Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen.<BR>
+ Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase:<BR>
+ Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter,<BR>
+ Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande<BR>
+ Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung<BR>
+ Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum<BR>
+ Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung<BR>
+ Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade,<BR>
+ Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es<BR>
+ Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich<BR>
+ Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln<BR>
+ Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem<BR>
+ Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin<BR>
+ Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt,<BR>
+ Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück!<BR>
+ Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen,<BR>
+ Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock<BR>
+ Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend,<BR>
+ Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns<BR>
+ Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König<BR>
+ Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden,<BR>
+ Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo,<BR>
+ Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter,<BR>
+ Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren,<BR>
+ Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen,<BR>
+ Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte,<BR>
+ Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild.<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert,<BR>
+ Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer,<BR>
+ Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat,<BR>
+ Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling<BR>
+ Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze,<BR>
+ Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht<BR>
+ Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel,<BR>
+ Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet<BR>
+ Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert.<BR>
+ Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet<BR>
+ Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren,<BR>
+ Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher.<BR>
+ Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken,<BR>
+ Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes<BR>
+ Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es<BR>
+ Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge<BR>
+ Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben,<BR>
+ Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig<BR>
+ Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute,<BR>
+ Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer.<BR>
+ Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen,<BR>
+ Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie<BR>
+ Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels<BR>
+ Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig<BR>
+ Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone.<BR>
+ Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3)<BR>
+ Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler<BR>
+ Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete,<BR>
+ In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen,<BR>
+ Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden,<BR>
+ Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben,<BR>
+ Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg<BR>
+ Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln<BR>
+ Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne,<BR>
+ Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern,<BR>
+ Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer<BR>
+ Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln,<BR>
+ Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln,<BR>
+ Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder.<BR>
+ Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade<BR>
+ Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen,<BR>
+ Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel<BR>
+ Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde<BR>
+ Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr.<BR>
+ Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln,<BR>
+ Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden,<BR>
+ Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen,<BR>
+ Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute<BR>
+ Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend,<BR>
+ und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt,<BR>
+ Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften<BR>
+ Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne<BR>
+ Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt<BR>
+ Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor,<BR>
+ Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht<BR>
+ Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet.<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen--<BR>
+ Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber<BR>
+ Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder!<BR>
+ Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht<BR>
+ Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln,<BR>
+ Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte<BR>
+ Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert,<BR>
+ Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze<BR>
+ Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt?<BR>
+ Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln?<BR>
+ Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume,<BR>
+ Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern,<BR>
+ Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich,<BR>
+ Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken,<BR>
+ Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren;<BR>
+ Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern.<BR>
+ Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer<BR>
+ Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht,<BR>
+ Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken,<BR>
+ Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen.<BR>
+ Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse,<BR>
+ Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen;<BR>
+ Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken!<BR>
+ Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung--<BR>
+ Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben<BR>
+ Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt,<BR>
+ Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte<BR>
+ Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge<BR>
+ Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich,<BR>
+ Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen,<BR>
+ Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern,<BR>
+ Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer,<BR>
+ Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen,<BR>
+ Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben.<BR>
+ Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?--<BR>
+ Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme:<BR>
+ Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder<BR>
+ Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber,<BR>
+ Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren.<BR>
+ Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge<BR>
+ Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen<BR>
+ Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet:<BR>
+ Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels,<BR>
+ Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne,<BR>
+ Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden,<BR>
+ Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden,<BR>
+ Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt,<BR>
+ Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen,<BR>
+ Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen,<BR>
+ Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler,<BR>
+ Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber,<BR>
+ Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke.<BR>
+ Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch,<BR>
+ Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit,<BR>
+ Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken,<BR>
+ Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen,<BR>
+ Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte.<BR>
+ Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade<BR>
+ Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe<BR>
+ Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen,<BR>
+ Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende.<BR>
+ Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal,<BR>
+ Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet,<BR>
+ Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen.<BR>
+ Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine.<BR>
+ Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte,<BR>
+ Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren?<BR>
+ Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern,<BR>
+ Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten;<BR>
+ Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen,<BR>
+ Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden;<BR>
+ Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten,<BR>
+ Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet;<BR>
+ Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer<BR>
+ Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten;<BR>
+ Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5),<BR>
+ Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen;<BR>
+ Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles<BR>
+ Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man<BR>
+ Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet,<BR>
+ Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen:<BR>
+ Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter,<BR>
+ Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten,<BR>
+ Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen<BR>
+ Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune.<BR>
+ Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde,<BR>
+ War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde<BR>
+ Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich,<BR>
+ Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern!<BR>
+ Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg,<BR>
+ Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen.<BR>
+ Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte<BR>
+ Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich<BR>
+ In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel<BR>
+ Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze<BR>
+ So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt,<BR>
+ Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es<BR>
+ Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6),<BR>
+ Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln,<BR>
+ Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern,<BR>
+ Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl<BR>
+ Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen,<BR>
+ Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier<BR>
+ Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen,<BR>
+ Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise<BR>
+ Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen,<BR>
+ Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine,<BR>
+ Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen<BR>
+ Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt:<BR>
+ Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen,<BR>
+ Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben,<BR>
+ Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten<BR>
+ Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden,<BR>
+ Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln!<BR>
+ Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen,<BR>
+ Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse,<BR>
+ Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte.<BR>
+ Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen<BR>
+ Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir<BR>
+ Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen,<BR>
+ Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends?<BR>
+ Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken<BR>
+ Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen<BR>
+ Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen,<BR>
+ Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche,<BR>
+ Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen,<BR>
+ Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen.<BR>
+ Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber<BR>
+ Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater.<BR>
+ Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem<BR>
+ Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen,<BR>
+ Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung!<BR>
+ Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen<BR>
+ Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen,<BR>
+ Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen.<BR>
+ Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider,<BR>
+ Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich<BR>
+ Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich,<BR>
+ Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen,<BR>
+ Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel<BR>
+ Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.<BR>
+</P>
+
+<BR><BR>
+
+<A NAME="dritter"></A>
+<H3>
+ Dritter Gesang.<BR>
+</H3>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,<BR>
+ Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert<BR>
+ Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?<BR>
+ Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin<BR>
+ Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er<BR>
+ Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,<BR>
+ Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn<BR>
+ Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit<BR>
+ Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend,<BR>
+ Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle<BR>
+ Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend<BR>
+ Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,<BR>
+ Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen,<BR>
+ Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden<BR>
+ Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen.<BR>
+ Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen<BR>
+ Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte<BR>
+ Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe<BR>
+ Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt:<BR>
+ Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles<BR>
+ Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet<BR>
+ Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend<BR>
+ Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel.<BR>
+ Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle<BR>
+ Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet,<BR>
+ Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten:<BR>
+ Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,<BR>
+ Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,<BR>
+ Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.<BR>
+ Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten<BR>
+ Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er<BR>
+ Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.<BR>
+ Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,<BR>
+ Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten<BR>
+ Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden,<BR>
+ Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch,<BR>
+ Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich<BR>
+ Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,<BR>
+ Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,<BR>
+ Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken,<BR>
+ Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb.<BR>
+ Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,<BR>
+ Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist<BR>
+ Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken!<BR>
+ Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,<BR>
+ Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte,<BR>
+ Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich,<BR>
+ Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen,<BR>
+ Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner<BR>
+ Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen<BR>
+ Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,<BR>
+ Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln,<BR>
+ Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,<BR>
+ Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich<BR>
+ Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele<BR>
+ In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,<BR>
+ Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre,<BR>
+ Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen:<BR>
+ Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen,<BR>
+ Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen,<BR>
+ Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden,<BR>
+ Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten.<BR>
+ Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen<BR>
+ Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen,<BR>
+ Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter<BR>
+ Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich<BR>
+ Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn<BR>
+ Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen!<BR>
+ Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue,<BR>
+ Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen,<BR>
+ Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue!<BR>
+ Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner<BR>
+ Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal<BR>
+ An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen!<BR>
+ Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen,<BR>
+ Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande<BR>
+ Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken<BR>
+ Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet<BR>
+ Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif<BR>
+ Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter,<BR>
+ Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte<BR>
+ Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens,<BR>
+ Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte<BR>
+ Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.<BR>
+ Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken,<BR>
+ Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie,<BR>
+ Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt<BR>
+ Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,<BR>
+ Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet<BR>
+ Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume<BR>
+ Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,<BR>
+ Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,<BR>
+ Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht,<BR>
+ Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren,<BR>
+ Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden,<BR>
+ Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden,<BR>
+ Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte<BR>
+ Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,<BR>
+ Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,<BR>
+ Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer<BR>
+ Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,<BR>
+ Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs<BR>
+ Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie<BR>
+ Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung<BR>
+ Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich<BR>
+ Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien,<BR>
+ Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.<BR>
+ Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes,<BR>
+ Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat,<BR>
+ Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen,<BR>
+ Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte<BR>
+ Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern<BR>
+ Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,<BR>
+ Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber<BR>
+ Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke,<BR>
+ Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen<BR>
+ Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer,<BR>
+ Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder:<BR>
+ All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,<BR>
+ Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert<BR>
+ Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,<BR>
+ Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele,<BR>
+ Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,<BR>
+ Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen.<BR>
+ Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten,<BR>
+ Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken<BR>
+ Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen,<BR>
+ Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.<BR>
+ Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe<BR>
+ Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten,<BR>
+ Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist<BR>
+ Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert,<BR>
+ Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.<BR>
+ Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich<BR>
+ Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel<BR>
+ Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit,<BR>
+ Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden.<BR>
+ Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen,<BR>
+ Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,<BR>
+ Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten<BR>
+ Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben,<BR>
+ Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,<BR>
+ Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.<BR>
+ Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern,<BR>
+ Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,<BR>
+ Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen.<BR>
+ Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd<BR>
+ Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,<BR>
+ Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,<BR>
+ Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung<BR>
+ Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,<BR>
+ Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen.<BR>
+ So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,<BR>
+ Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt,<BR>
+ Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert.<BR>
+ Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,<BR>
+ Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--<BR>
+ Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange,<BR>
+ Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.<BR>
+ Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm,<BR>
+ Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.<BR>
+ Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren:<BR>
+ Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen,<BR>
+ Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen,<BR>
+ Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen,<BR>
+ Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.<BR>
+ Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen,<BR>
+ Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung<BR>
+ Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,<BR>
+ Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,<BR>
+ Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.<BR>
+ Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie<BR>
+ Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge,<BR>
+ Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück,<BR>
+ Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,<BR>
+ Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,<BR>
+ Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe<BR>
+ Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt,<BR>
+ Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke,<BR>
+ Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte<BR>
+ Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide<BR>
+ An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem:<BR>
+ Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen,<BR>
+ Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling<BR>
+ Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,<BR>
+ Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat;<BR>
+ Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen<BR>
+ Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern<BR>
+ Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln<BR>
+ In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten:<BR>
+ Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!<BR>
+ Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,<BR>
+ Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,<BR>
+ Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,<BR>
+ Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,<BR>
+ Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,<BR>
+ Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet,<BR>
+ Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden<BR>
+ Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen.<BR>
+ Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten,<BR>
+ Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise,<BR>
+ Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder:<BR>
+ Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich<BR>
+ Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands,<BR>
+ Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich,<BR>
+ Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern!<BR>
+ Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend:<BR>
+ Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden!<BR>
+ Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,<BR>
+ Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt,<BR>
+ Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!<BR>
+ Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen!<BR>
+ Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe,<BR>
+ Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie<BR>
+ Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,<BR>
+ Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen,<BR>
+ Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert:<BR>
+ Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen:<BR>
+ Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen.<BR>
+ Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,<BR>
+ Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen,<BR>
+ Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.<BR>
+ Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten,<BR>
+ Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens,<BR>
+ Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte;<BR>
+ Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg,<BR>
+ Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute;<BR>
+ Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte,<BR>
+ Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel!<BR>
+ Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden.<BR>
+ Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen:<BR>
+ Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung.<BR>
+ Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen,<BR>
+ Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen?<BR>
+ Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen,<BR>
+ Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam,<BR>
+ Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide,<BR>
+ Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken,<BR>
+ Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet,<BR>
+ Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen.<BR>
+ Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte,<BR>
+ Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen,<BR>
+ Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken,<BR>
+ Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen.<BR>
+ Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken<BR>
+ Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder,<BR>
+ Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten<BR>
+ Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht.<BR>
+</P>
+
+<BR><BR>
+
+<A NAME="vierter"></A>
+<H3>
+ Vierter Gesang.<BR>
+</H3>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,<BR>
+ Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte<BR>
+ Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln,<BR>
+ Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs.<BR>
+ Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen<BR>
+ An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,<BR>
+ Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon<BR>
+ Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster,<BR>
+ Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend,<BR>
+ Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen!<BR>
+ Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,<BR>
+ Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd,<BR>
+ Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.<BR>
+ Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere<BR>
+ Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer<BR>
+ Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen.<BR>
+ Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen<BR>
+ Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet,<BR>
+ Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat,<BR>
+ Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer<BR>
+ Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber,<BR>
+ Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören,<BR>
+ Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie<BR>
+ Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern<BR>
+ Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,<BR>
+ Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden,<BR>
+ Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch<BR>
+ Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,<BR>
+ Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen.<BR>
+ Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue,<BR>
+ Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend,<BR>
+ Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen!<BR>
+ O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet,<BR>
+ Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,<BR>
+ Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,<BR>
+ Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,<BR>
+ Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern,<BR>
+ Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten<BR>
+ An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat,<BR>
+ Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,<BR>
+ Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig<BR>
+ Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du<BR>
+ Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland,<BR>
+ Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader<BR>
+ In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,<BR>
+ Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen,<BR>
+ Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern,<BR>
+ Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen!<BR>
+ Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:<BR>
+ Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle,<BR>
+ Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben,<BR>
+ Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber!<BR>
+ Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:<BR>
+ Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden,<BR>
+ Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert?<BR>
+ Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen,<BR>
+ Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler<BR>
+ Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen<BR>
+ Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen,<BR>
+ Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter,<BR>
+ Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern?<BR>
+ Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen<BR>
+ Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,<BR>
+ Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!<BR>
+ Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,<BR>
+ Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!<BR>
+ Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich<BR>
+ Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,<BR>
+ Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen,<BR>
+ Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde<BR>
+ Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen.<BR>
+ Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft<BR>
+ Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.<BR>
+ Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,<BR>
+ Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet<BR>
+ Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre!<BR>
+ Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:<BR>
+ Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,<BR>
+ Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern?<BR>
+ Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es!<BR>
+ Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles<BR>
+ Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre,<BR>
+ Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,<BR>
+ Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles<BR>
+ Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben<BR>
+ Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt<BR>
+ Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase,<BR>
+ Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange<BR>
+ Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten,<BR>
+ Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen<BR>
+ Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.<BR>
+ Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote<BR>
+ Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter<BR>
+ Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen<BR>
+ An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels<BR>
+ Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,<BR>
+ Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe<BR>
+ Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken<BR>
+ Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten!<BR>
+ So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren,<BR>
+ Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte<BR>
+ Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen<BR>
+ Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen,<BR>
+ Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse,<BR>
+ Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe,<BR>
+ Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich<BR>
+ Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche<BR>
+ Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen<BR>
+ Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen,<BR>
+ Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife<BR>
+ Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte,<BR>
+ Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe<BR>
+ Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.<BR>
+ Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen,<BR>
+ Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig<BR>
+ Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,<BR>
+ Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen,<BR>
+ Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,<BR>
+ Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug<BR>
+ Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,<BR>
+ Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern,<BR>
+ Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.<BR>
+ Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler,<BR>
+ Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,<BR>
+ Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen,<BR>
+ Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen,<BR>
+ Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)<BR>
+ Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen,<BR>
+ Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.<BR>
+ Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause<BR>
+ Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen,<BR>
+ Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen.<BR>
+ Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln<BR>
+ Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich:<BR>
+ Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten,<BR>
+ Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste<BR>
+ Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte<BR>
+ Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte<BR>
+ Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte,<BR>
+ Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.<BR>
+ Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen,<BR>
+ Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern,<BR>
+ Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen,<BR>
+ Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,<BR>
+ Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte.<BR>
+ Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,<BR>
+ Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte<BR>
+ Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig<BR>
+ In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,<BR>
+ Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig:<BR>
+ Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,<BR>
+ Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,<BR>
+ Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,<BR>
+ Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es<BR>
+ Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen<BR>
+ Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen<BR>
+ War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen<BR>
+ Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden.<BR>
+ So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich<BR>
+ Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen,<BR>
+ Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,<BR>
+ Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter.<BR>
+ Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe,<BR>
+ Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.<BR>
+ So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich<BR>
+ Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe<BR>
+ Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen.<BR>
+ Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:<BR>
+ Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende:<BR>
+ Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?<BR>
+ Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden,<BR>
+ Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,<BR>
+ Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.<BR>
+ Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen:<BR>
+ Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.<BR>
+ Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger<BR>
+ Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder.<BR>
+ Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig<BR>
+ Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte,<BR>
+ Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte<BR>
+ Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre<BR>
+ Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,<BR>
+ Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste,<BR>
+ Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen,<BR>
+ Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,<BR>
+ Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend,<BR>
+ Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:<BR>
+ Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,<BR>
+ Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche,<BR>
+ So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte,<BR>
+ Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher<BR>
+ Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte,<BR>
+ Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:<BR>
+ Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens,<BR>
+ Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken,<BR>
+ Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:<BR>
+ Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten,<BR>
+ Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,<BR>
+ Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen,<BR>
+ Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon<BR>
+ Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert,<BR>
+ Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt,<BR>
+ Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern<BR>
+ Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln.<BR>
+ Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,<BR>
+ Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,<BR>
+ Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher<BR>
+ Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,<BR>
+ Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten,<BR>
+ Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen,<BR>
+ Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).<BR>
+ Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen,<BR>
+ Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,<BR>
+ Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen?<BR>
+ Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen,<BR>
+ Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben.<BR>
+ Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!<BR>
+ Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich<BR>
+ Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken,<BR>
+ Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen,<BR>
+ Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch<BR>
+ Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger<BR>
+ Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich,<BR>
+ Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch<BR>
+ Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen<BR>
+ Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten<BR>
+ Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel<BR>
+ Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln,<BR>
+ Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier<BR>
+ Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter<BR>
+ Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen,<BR>
+ Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen,<BR>
+ Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,<BR>
+ Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen<BR>
+ Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's<BR>
+ Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!<BR>
+ Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen,<BR>
+ Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,<BR>
+ Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben<BR>
+ Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen,<BR>
+ Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.<BR>
+ Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen,<BR>
+ Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit!<BR>
+ Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,<BR>
+ Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen!<BR>
+ Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten<BR>
+ Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer,<BR>
+ Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,<BR>
+ Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige<BR>
+ Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!<BR>
+ Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen,<BR>
+ Und wir sollen dafür-&mdash; ich weiß nicht, ob ich's verstanden,<BR>
+ Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!<BR>
+ Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet,<BR>
+ Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen<BR>
+ Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,<BR>
+ Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.<BR>
+ Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich<BR>
+ Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,<BR>
+ Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern,<BR>
+ Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert.<BR>
+ Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,<BR>
+ Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.<BR>
+ Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe<BR>
+ Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,<BR>
+ Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,<BR>
+ Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!<BR>
+ Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber,<BR>
+ Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs,<BR>
+ Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,<BR>
+ Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner,<BR>
+ Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg,<BR>
+ Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens,<BR>
+ Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen<BR>
+ Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen.<BR>
+ Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde,<BR>
+ Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft<BR>
+ Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,<BR>
+ Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese<BR>
+ Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken<BR>
+ An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich<BR>
+ Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet<BR>
+ Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.<BR>
+</P>
+
+<BR><BR>
+
+<A NAME="funfter"></A>
+<H3>
+ Fünfter Gesang.<BR>
+</H3>
+
+<P CLASS="noindent">
+ O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter<BR>
+ Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche<BR>
+ Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch<BR>
+ Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche,<BR>
+ Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln<BR>
+ Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,<BR>
+ Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,<BR>
+ Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung<BR>
+ Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer<BR>
+ So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte<BR>
+ Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben<BR>
+ Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt<BR>
+ Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man<BR>
+ Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,<BR>
+ Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend,<BR>
+ Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert,<BR>
+ Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen,<BR>
+ Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet,<BR>
+ Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe<BR>
+ Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist,<BR>
+ Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe<BR>
+ Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,<BR>
+ Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern.<BR>
+ Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen<BR>
+ Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,<BR>
+ Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar<BR>
+ Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden<BR>
+ Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,<BR>
+ Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem<BR>
+ Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg<BR>
+ Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen,<BR>
+ Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge<BR>
+ Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert,<BR>
+ Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch<BR>
+ Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten<BR>
+ Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,<BR>
+ Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist.<BR>
+ Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme<BR>
+ Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet,<BR>
+ Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern,<BR>
+ Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,<BR>
+ Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,<BR>
+ Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen,<BR>
+ Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen,<BR>
+ Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung,<BR>
+ Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede<BR>
+ Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten,<BR>
+ Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,<BR>
+ Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,<BR>
+ Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung,<BR>
+ Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du?<BR>
+ Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet:<BR>
+ Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder,<BR>
+ Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender<BR>
+ Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich,<BR>
+ Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele<BR>
+ Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,<BR>
+ Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern,<BR>
+ Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!<BR>
+ Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen.<BR>
+ Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern,<BR>
+ Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich<BR>
+ Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren,<BR>
+ Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend<BR>
+ Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft<BR>
+ Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern<BR>
+ Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten,<BR>
+ Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!<BR>
+ Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du<BR>
+ Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte<BR>
+ Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben,<BR>
+ Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen,<BR>
+ Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;<BR>
+ Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen,<BR>
+ Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten<BR>
+ Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,<BR>
+ Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig<BR>
+ Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,<BR>
+ Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,<BR>
+ Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden,<BR>
+ Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet,<BR>
+ Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!--<BR>
+ Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme<BR>
+ Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,<BR>
+ Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber<BR>
+ Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze<BR>
+ In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig<BR>
+ Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen,<BR>
+ Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer,<BR>
+ Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen,<BR>
+ Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen,<BR>
+ Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen,<BR>
+ Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.<BR>
+ Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder<BR>
+ Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe<BR>
+ Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen,<BR>
+ Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,<BR>
+ Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:<BR>
+ Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte<BR>
+ Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert<BR>
+ Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer,<BR>
+ War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück,<BR>
+ Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.<BR>
+ Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen<BR>
+ Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen,<BR>
+ Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet<BR>
+ In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten<BR>
+ Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen,<BR>
+ Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen<BR>
+ Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken,<BR>
+ Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl<BR>
+ Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es<BR>
+ Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden<BR>
+ Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,<BR>
+ Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette!<BR>
+ Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,<BR>
+ Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler<BR>
+ Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter<BR>
+ Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's<BR>
+ Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen,<BR>
+ Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,<BR>
+ Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!<BR>
+ Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe.<BR>
+ Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde,<BR>
+ Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,<BR>
+ Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen<BR>
+ Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense<BR>
+ Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel<BR>
+ Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,<BR>
+ Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,<BR>
+ Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert,<BR>
+ Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte<BR>
+ Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne<BR>
+ Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel<BR>
+ Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne,<BR>
+ Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen<BR>
+ Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,<BR>
+ Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.<BR>
+ Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte<BR>
+ Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse,<BR>
+ Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen<BR>
+ Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde<BR>
+ Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen,<BR>
+ Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,<BR>
+ Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können,<BR>
+ Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.<BR>
+ Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken<BR>
+ Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise<BR>
+ Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken,<BR>
+ Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen<BR>
+ Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute,<BR>
+ Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit<BR>
+ Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,<BR>
+ Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung<BR>
+ Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert.<BR>
+ Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet,<BR>
+ Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben<BR>
+ Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen.<BR>
+ Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,<BR>
+ Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde<BR>
+ Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen<BR>
+ Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,<BR>
+ Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden,<BR>
+ Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,<BR>
+ Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie<BR>
+ Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil<BR>
+ Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite,<BR>
+ Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet:<BR>
+ Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden,<BR>
+ Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden.<BR>
+ Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen,<BR>
+ Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,<BR>
+ Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen.<BR>
+ Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,<BR>
+ Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen,<BR>
+ Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling<BR>
+ Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.<BR>
+ Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken<BR>
+ Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,<BR>
+ Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken,<BR>
+ Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,<BR>
+ Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade,<BR>
+ Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen<BR>
+ Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,<BR>
+ Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten!<BR>
+ So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,<BR>
+ Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich<BR>
+ Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,<BR>
+ Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe<BR>
+ Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte,<BR>
+ Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte,<BR>
+ Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten.<BR>
+ Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,<BR>
+ Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten<BR>
+ Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen,<BR>
+ Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,<BR>
+ Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten<BR>
+ All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen<BR>
+ Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,<BR>
+ Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen,<BR>
+ Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen.<BR>
+ Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen,<BR>
+ Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel<BR>
+ Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet,<BR>
+ Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend,<BR>
+ Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide,<BR>
+ Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,<BR>
+ Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,<BR>
+ Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.<BR>
+ Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte<BR>
+ Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen,<BR>
+ Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen,<BR>
+ Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines<BR>
+ Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste<BR>
+ Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,<BR>
+ Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich<BR>
+ Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren,<BR>
+ Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,<BR>
+ Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung<BR>
+ So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben<BR>
+ Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände<BR>
+ Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,<BR>
+ Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen<BR>
+ Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig,<BR>
+ Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,<BR>
+ Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert<BR>
+ Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche,<BR>
+ Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens<BR>
+ Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer<BR>
+ Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn<BR>
+ So von allem zugleich, was für den traurigen Winter<BR>
+ Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine<BR>
+ Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte,<BR>
+ Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind,<BR>
+ Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis<BR>
+ Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre<BR>
+ Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen,<BR>
+ Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen<BR>
+ So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen<BR>
+ Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte,<BR>
+ Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten,<BR>
+ Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner<BR>
+ Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.<BR>
+ Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen,<BR>
+ Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt,<BR>
+ Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen,<BR>
+ Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne,<BR>
+ Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche<BR>
+ Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,<BR>
+ Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern.<BR>
+ Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung,<BR>
+ Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer<BR>
+ Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie<BR>
+ Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich<BR>
+ Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen.<BR>
+ Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,<BR>
+ Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,<BR>
+ Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,<BR>
+ Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt<BR>
+ Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,<BR>
+ Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.<BR>
+ Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,<BR>
+ Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen<BR>
+ Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte<BR>
+ Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben<BR>
+ Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar<BR>
+ Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,<BR>
+ Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre<BR>
+ Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause?<BR>
+ Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,<BR>
+ Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein<BR>
+ Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen,<BR>
+ Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte,<BR>
+ Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich<BR>
+ Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert:<BR>
+ Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen,<BR>
+ Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen:<BR>
+ Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet,<BR>
+ Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,<BR>
+ Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!<BR>
+</P>
+
+<BR><BR>
+
+<A NAME="sechster"></A>
+<H3>
+ Sechster Gesang.<BR>
+</H3>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin<BR>
+ Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis,<BR>
+ Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren.<BR>
+ Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen<BR>
+ An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift,<BR>
+ Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen,<BR>
+ Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,<BR>
+ Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird:<BR>
+ Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter<BR>
+ Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,<BR>
+ Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung,<BR>
+ Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen<BR>
+ Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde,<BR>
+ Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,<BR>
+ Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,<BR>
+ Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet.<BR>
+ Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen<BR>
+ Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde<BR>
+ Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah<BR>
+ Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,<BR>
+ Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet,<BR>
+ Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden<BR>
+ Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen,<BR>
+ Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.<BR>
+ Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,<BR>
+ Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.<BR>
+ Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva!<BR>
+ Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten<BR>
+ Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände<BR>
+ Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung.<BR>
+ Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben<BR>
+ Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,<BR>
+ Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg<BR>
+ Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen,<BR>
+ Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet,<BR>
+ Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer<BR>
+ Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel,<BR>
+ Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert.<BR>
+ Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde<BR>
+ Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,<BR>
+ Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen<BR>
+ Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen,<BR>
+ Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen<BR>
+ Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen.<BR>
+ Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,<BR>
+ Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege,<BR>
+ Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen:<BR>
+ Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,<BR>
+ Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen,<BR>
+ Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich<BR>
+ Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern,<BR>
+ Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,<BR>
+ Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern<BR>
+ Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig!<BR>
+ Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände,<BR>
+ Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde<BR>
+ Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen.<BR>
+ Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--<BR>
+ Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger,<BR>
+ Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,<BR>
+ Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste<BR>
+ Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen,<BR>
+ Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,<BR>
+ War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,<BR>
+ Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste<BR>
+ Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten,<BR>
+ Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland<BR>
+ Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft<BR>
+ Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme<BR>
+ Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften.<BR>
+ Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes<BR>
+ Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier<BR>
+ Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling<BR>
+ Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,<BR>
+ Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert.<BR>
+ Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg<BR>
+ An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,<BR>
+ Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen<BR>
+ Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,<BR>
+ Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet,<BR>
+ Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet.<BR>
+ Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter<BR>
+ Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern<BR>
+ An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,<BR>
+ Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater<BR>
+ Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig<BR>
+ Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber,<BR>
+ Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen<BR>
+ Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher<BR>
+ Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche<BR>
+ Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt!<BR>
+ Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,<BR>
+ Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,<BR>
+ Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?<BR>
+ Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle<BR>
+ Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:<BR>
+ Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer,<BR>
+ Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern<BR>
+ In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,<BR>
+ Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen<BR>
+ Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet?<BR>
+ So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen<BR>
+ Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben<BR>
+ Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern<BR>
+ Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten,<BR>
+ Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern,<BR>
+ Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich<BR>
+ Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich<BR>
+ Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern,<BR>
+ Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,<BR>
+ Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen.<BR>
+ Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln,<BR>
+ Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,<BR>
+ Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!<BR>
+ Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,<BR>
+ Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke<BR>
+ Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine,<BR>
+ Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen<BR>
+ Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,<BR>
+ Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen,<BR>
+ Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne,<BR>
+ Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge<BR>
+ Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend<BR>
+ Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit<BR>
+ Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht<BR>
+ Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen,<BR>
+ Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß,<BR>
+ Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes<BR>
+ Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite,<BR>
+ Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände,<BR>
+ Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet,<BR>
+ Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,<BR>
+ Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.<BR>
+ Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe,<BR>
+ Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder,<BR>
+ Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er<BR>
+ Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen!<BR>
+ Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,<BR>
+ Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut,<BR>
+ Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,<BR>
+ Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.<BR>
+ Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,<BR>
+ Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung<BR>
+ In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn,<BR>
+ Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen,<BR>
+ Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,<BR>
+ Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung<BR>
+ Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken,<BR>
+ Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er<BR>
+ Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?<BR>
+ Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle<BR>
+ Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,<BR>
+ Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde<BR>
+ Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,<BR>
+ Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.<BR>
+ So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen,<BR>
+ Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung,<BR>
+ Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,<BR>
+ Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage.<BR>
+ Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen,<BR>
+ Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken<BR>
+ Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.<BR>
+ Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt,<BR>
+ Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen,<BR>
+ Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!<BR>
+ Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine,<BR>
+ Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig!<BR>
+ Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken,<BR>
+ Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,<BR>
+ Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig!<BR>
+ Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,<BR>
+ Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen,<BR>
+ Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen!<BR>
+ Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten,<BR>
+ Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,<BR>
+ Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!<BR>
+ Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,<BR>
+ Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,<BR>
+ Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.<BR>
+ Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,<BR>
+ Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken,<BR>
+ Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,<BR>
+ Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet.<BR>
+ Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue,<BR>
+ Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände:<BR>
+ Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle!<BR>
+ Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,<BR>
+ Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen.<BR>
+ Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel,<BR>
+ Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich<BR>
+ Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung<BR>
+ Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern<BR>
+ Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben,<BR>
+ Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe<BR>
+ Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung<BR>
+ Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken,<BR>
+ Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen<BR>
+ Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken.<BR>
+ Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,<BR>
+ Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken,<BR>
+ Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen<BR>
+ Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte,<BR>
+ Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet.<BR>
+ Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege,<BR>
+ Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile,<BR>
+ Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei<BR>
+ Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen,<BR>
+ Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.<BR>
+ Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied<BR>
+ Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,<BR>
+ Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,<BR>
+ Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.<BR>
+ Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen<BR>
+ Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,<BR>
+ Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange,<BR>
+ Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich!<BR>
+ Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,<BR>
+ Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles<BR>
+ Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher<BR>
+ Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel.<BR>
+ Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche,<BR>
+ Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube,<BR>
+ Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien<BR>
+ Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber,<BR>
+ Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:<BR>
+ Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,<BR>
+ Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,<BR>
+ Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,<BR>
+ Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte<BR>
+ Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.<BR>
+ Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie,<BR>
+ Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,<BR>
+ Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager,<BR>
+ Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet,<BR>
+ Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren,<BR>
+ Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen.<BR>
+ Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange<BR>
+ Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung<BR>
+ Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat.<BR>
+ Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,<BR>
+ Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich<BR>
+ Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens<BR>
+ Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer.<BR>
+ Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige<BR>
+ Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen,<BR>
+ Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen<BR>
+ Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,<BR>
+ Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend,<BR>
+ Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen<BR>
+ Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.<BR>
+ Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause<BR>
+ Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich<BR>
+ Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes<BR>
+ Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,<BR>
+ Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig.<BR>
+ Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten,<BR>
+ Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,<BR>
+ Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche,<BR>
+ Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er<BR>
+ Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,<BR>
+ Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.<BR>
+ Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege.<BR>
+ Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze.<BR>
+ Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde!<BR>
+ Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden!<BR>
+ Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer,<BR>
+ Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.<BR>
+ Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben?<BR>
+ Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich,<BR>
+ Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,<BR>
+ Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren.<BR>
+ Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,<BR>
+ Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre,<BR>
+ Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.<BR>
+ Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,<BR>
+ Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen,<BR>
+ Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln,<BR>
+ Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen,<BR>
+ Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte<BR>
+ Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack<BR>
+ Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,<BR>
+ Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden.<BR>
+ Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das?<BR>
+ Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde!<BR>
+ Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung!<BR>
+ Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe<BR>
+ Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen,<BR>
+ Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben,<BR>
+ Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme<BR>
+ Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen<BR>
+ Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig?<BR>
+ Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,<BR>
+ Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--<BR>
+ Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte,<BR>
+ Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.<BR>
+ Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme,<BR>
+ Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig<BR>
+ Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?<BR>
+ Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.<BR>
+ Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,<BR>
+ Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber,<BR>
+ Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden!<BR>
+ Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen:<BR>
+ Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen!<BR>
+ Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,<BR>
+ Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!<BR>
+</P>
+
+<BR><BR>
+
+<A NAME="siebenter"></A>
+<H3>
+ Siebenter Gesang.<BR>
+</H3>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne<BR>
+ Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger<BR>
+ Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--<BR>
+ Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,<BR>
+ Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,<BR>
+ Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,<BR>
+ Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter<BR>
+ Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen.<BR>
+ Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte<BR>
+ Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht<BR>
+ Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,<BR>
+ Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen.<BR>
+ Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler<BR>
+ Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden<BR>
+ Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen.<BR>
+ O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter<BR>
+ Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück<BR>
+ Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt,<BR>
+ Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben,<BR>
+ Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen,<BR>
+ Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen,<BR>
+ Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist,<BR>
+ Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,<BR>
+ Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen,<BR>
+ Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen.<BR>
+ Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,<BR>
+ Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,<BR>
+ Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen.<BR>
+ Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,<BR>
+ Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder<BR>
+ Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen,<BR>
+ Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet:<BR>
+ Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen,<BR>
+ Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde,<BR>
+ Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,<BR>
+ Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen,<BR>
+ Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.<BR>
+ Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge,<BR>
+ Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,<BR>
+ Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide<BR>
+ Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel,<BR>
+ Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,<BR>
+ Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,<BR>
+ Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine<BR>
+ Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel<BR>
+ Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde<BR>
+ Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen<BR>
+ Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen,<BR>
+ An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern<BR>
+ Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer<BR>
+ Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!<BR>
+ Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert<BR>
+ Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,<BR>
+ Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen<BR>
+ Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,<BR>
+ Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,<BR>
+ Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!<BR>
+ Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag<BR>
+ Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen<BR>
+ Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?<BR>
+ Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben,<BR>
+ Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen,<BR>
+ Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich,<BR>
+ Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen<BR>
+ Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest,<BR>
+ Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären.<BR>
+ Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert,<BR>
+ Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung<BR>
+ Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars,<BR>
+ Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln<BR>
+ Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen,<BR>
+ Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,<BR>
+ Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten,<BR>
+ Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen<BR>
+ Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung,<BR>
+ Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten<BR>
+ Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken,<BR>
+ Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen<BR>
+ Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,<BR>
+ Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe,<BR>
+ Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre,<BR>
+ Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen<BR>
+ Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es<BR>
+ Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren,<BR>
+ Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe,<BR>
+ Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen!<BR>
+ Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,<BR>
+ Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,<BR>
+ Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen!<BR>
+ Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,<BR>
+ Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben,<BR>
+ Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet,<BR>
+ Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe.<BR>
+ Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,<BR>
+ Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig,<BR>
+ Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,<BR>
+ Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.<BR>
+ Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen<BR>
+ Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,<BR>
+ Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller<BR>
+ Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten<BR>
+ Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen,<BR>
+ Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme:<BR>
+ Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben!<BR>
+ Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten,<BR>
+ Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,<BR>
+ Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler<BR>
+ In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen<BR>
+ Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte:<BR>
+ Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte<BR>
+ Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen,<BR>
+ Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen?<BR>
+ Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht<BR>
+ Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde<BR>
+ Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen,<BR>
+ Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten:<BR>
+ Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern<BR>
+ Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,<BR>
+ Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen!<BR>
+ Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung<BR>
+ Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben<BR>
+ Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden.<BR>
+ Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen<BR>
+ Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends<BR>
+ Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen<BR>
+ Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft<BR>
+ Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:<BR>
+ Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!<BR>
+ Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,<BR>
+ Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen,<BR>
+ Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,<BR>
+ Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen,<BR>
+ Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber,<BR>
+ Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken!<BR>
+ Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,<BR>
+ Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend,<BR>
+ Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten.<BR>
+ Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden,<BR>
+ Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,<BR>
+ Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen<BR>
+ Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel,<BR>
+ Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen<BR>
+ Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd<BR>
+ Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe<BR>
+ Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche,<BR>
+ Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,<BR>
+ Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen,<BR>
+ Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar,<BR>
+ Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen,<BR>
+ Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel<BR>
+ Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,<BR>
+ Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung<BR>
+ Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles,<BR>
+ Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin<BR>
+ Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,<BR>
+ Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben!<BR>
+ Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben,<BR>
+ Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke,<BR>
+ Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns,<BR>
+ Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,<BR>
+ Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,<BR>
+ Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben!<BR>
+ Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger,<BR>
+ Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend,<BR>
+ Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte<BR>
+ Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen<BR>
+ Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt<BR>
+ Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde<BR>
+ Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter,<BR>
+ Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter<BR>
+ Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben,<BR>
+ Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,<BR>
+ Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.<BR>
+ Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,<BR>
+ Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,<BR>
+ Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen:<BR>
+ Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden!<BR>
+ Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege<BR>
+ Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen,<BR>
+ Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,<BR>
+ Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,<BR>
+ Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen,<BR>
+ Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.<BR>
+ Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,<BR>
+ Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern<BR>
+ Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,<BR>
+ Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen,<BR>
+ Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam,<BR>
+ Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!<BR>
+ Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze,<BR>
+ Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,<BR>
+ Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte,<BR>
+ Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,<BR>
+ Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie<BR>
+ Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich<BR>
+ Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße<BR>
+ Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich,<BR>
+ Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde,<BR>
+ Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,<BR>
+ Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,<BR>
+ Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden<BR>
+ Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern.<BR>
+ Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster,<BR>
+ Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen<BR>
+ Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben,<BR>
+ Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe,<BR>
+ Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen<BR>
+ In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen.<BR>
+ Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter!<BR>
+ Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,<BR>
+ Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen,<BR>
+ Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken,<BR>
+ Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren.<BR>
+ Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,<BR>
+ Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,<BR>
+ Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken:<BR>
+ Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.<BR>
+ Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich,<BR>
+ Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können,<BR>
+ Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider,<BR>
+ Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken.<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe,<BR>
+ Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden,<BR>
+ Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,<BR>
+ Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben?<BR>
+ Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe<BR>
+ In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,<BR>
+ Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben,<BR>
+ Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken,<BR>
+ Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann,<BR>
+ Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen<BR>
+ Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen<BR>
+ Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe,<BR>
+ Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber!<BR>
+ Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert<BR>
+ Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,<BR>
+ Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben,<BR>
+ Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,<BR>
+ Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa<BR>
+ Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen,<BR>
+ Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage:<BR>
+ Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,<BR>
+ Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert?<BR>
+ Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer,<BR>
+ Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt,<BR>
+ Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal<BR>
+ Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser,<BR>
+ Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe?<BR>
+ Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren<BR>
+ Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose<BR>
+ Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,<BR>
+ Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern,<BR>
+ Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten,<BR>
+ Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,<BR>
+ Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber,<BR>
+ Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte!<BR>
+ Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter,<BR>
+ Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.<BR>
+ Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!<BR>
+ Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg.<BR>
+ Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?<BR>
+ Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich<BR>
+ Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien,<BR>
+ Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze<BR>
+ Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer<BR>
+ Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3),<BR>
+ Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,<BR>
+ Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.<BR>
+ Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,<BR>
+ Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,<BR>
+ Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher<BR>
+ Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels<BR>
+ Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich<BR>
+ Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!<BR>
+ Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen<BR>
+ Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten<BR>
+ Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,<BR>
+ Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.<BR>
+ Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna,<BR>
+ Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen<BR>
+ Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk,<BR>
+ Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.<BR>
+ Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe,<BR>
+ Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten:<BR>
+ Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste!<BR>
+ Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste<BR>
+ Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen,<BR>
+ Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre,<BR>
+ Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen!<BR>
+ Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:<BR>
+ Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,<BR>
+ Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,<BR>
+ Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer<BR>
+ Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,<BR>
+ Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen,<BR>
+ Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!<BR>
+ Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,<BR>
+ So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet,<BR>
+ Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden<BR>
+ Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert,<BR>
+ Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.<BR>
+ Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles,<BR>
+ Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen?<BR>
+ Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden!<BR>
+ Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,<BR>
+ Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst,<BR>
+ Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,<BR>
+ Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,<BR>
+ Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.<BR>
+ Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen,<BR>
+ Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,<BR>
+ Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.<BR>
+ Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen,<BR>
+ Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen,<BR>
+ Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat<BR>
+ Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich,<BR>
+ Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten.<BR>
+ Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,<BR>
+ Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben,<BR>
+ Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles!<BR>
+ Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben<BR>
+ Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren<BR>
+ Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!--<BR>
+ Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen<BR>
+ Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert<BR>
+ Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe<BR>
+ Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:<BR>
+ Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,<BR>
+ Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter,<BR>
+ Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel,<BR>
+ Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte:<BR>
+ Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,<BR>
+ Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,<BR>
+ Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben:<BR>
+ War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt<BR>
+ Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern<BR>
+ Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,<BR>
+ Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna,<BR>
+ Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,<BR>
+ Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert<BR>
+ Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen,<BR>
+ Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr,<BR>
+ Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben<BR>
+ Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel,<BR>
+ Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee<BR>
+ Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.<BR>
+ Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe<BR>
+ Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern!<BR>
+ Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet<BR>
+ Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben,<BR>
+ Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden,<BR>
+ Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen.<BR>
+ Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke<BR>
+ Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;<BR>
+ Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,<BR>
+ Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße.<BR>
+ Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,<BR>
+ Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,<BR>
+ Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen<BR>
+ Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!<BR>
+ Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen<BR>
+ Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen,<BR>
+ Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest<BR>
+ Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten,<BR>
+ Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet<BR>
+ Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,<BR>
+ Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,<BR>
+ Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen,<BR>
+ Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge.<BR>
+ Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern<BR>
+ Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig,<BR>
+ Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:<BR>
+ Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen,<BR>
+ Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,<BR>
+ In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,<BR>
+ Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!<BR>
+ Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten,<BR>
+ Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben,<BR>
+ Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln<BR>
+ Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er<BR>
+ Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue;<BR>
+ Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.<BR>
+</P>
+
+<P CLASS="noindent">
+ Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück,<BR>
+ Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder<BR>
+ Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,<BR>
+ Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!<BR>
+ Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,<BR>
+ Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder<BR>
+ Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit,<BR>
+ Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning,<BR>
+ Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre<BR>
+ Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest!<BR>
+ Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?<BR>
+ Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen?<BR>
+ Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert,<BR>
+ Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden!<BR>
+ Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,<BR>
+ Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren,<BR>
+ Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden,<BR>
+ Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen.<BR>
+ O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen!<BR>
+ Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,<BR>
+ Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde<BR>
+ Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer<BR>
+ Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten,<BR>
+ Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden<BR>
+ Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder,<BR>
+ Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde<BR>
+ Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen<BR>
+ Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter<BR>
+ Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher<BR>
+ Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche,<BR>
+ Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,<BR>
+ Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,<BR>
+ Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!<BR>
+ Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors,<BR>
+ Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden!<BR>
+ Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,<BR>
+ Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern:<BR>
+ Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,<BR>
+ Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,<BR>
+ Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,<BR>
+ Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.<BR>
+ Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel,<BR>
+ Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße<BR>
+ Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung<BR>
+ Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.<BR>
+ Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,<BR>
+ Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen<BR>
+ Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden,<BR>
+ Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,<BR>
+ Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.<BR>
+ Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen!<BR>
+ Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen<BR>
+ Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers!<BR>
+ Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern,<BR>
+ Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn<BR>
+ Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen!<BR>
+</P>
+
+<BR><BR><BR><BR>
+
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+
+
+
+
+<pre>
+
+
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+
+End of the Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND ***
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
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+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
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+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</BODY>
+
+</HTML>
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