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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..6833f05 --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,3 @@ +* text=auto +*.txt text +*.md text diff --git a/4083-8.txt b/4083-8.txt new file mode 100644 index 0000000..0c63f9f --- /dev/null +++ b/4083-8.txt @@ -0,0 +1,2529 @@ +The Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mutter und Kind + +Author: Friedrich Hebbel + +Posting Date: May 27, 2009 [EBook #4083] +Release Date: May, 2003 +First Posted: November 13, 2001 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND *** + + + + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + + + + + + + + + + +Mutter und Kind + +Friedrich Hebbel + + + +Ein Gedicht in sieben Gesängen. + +1859 + + + + Erster Gesang. + + Eben grauet der Morgen. Noch stehen die zitternden Sterne + An der Wölbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen + Anfängt, während die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhängt. + Frierend kriechen die Wächter mit Spieß und Knarre nach Hause, + Doch sie erlöste die Uhr und nicht die steigende Sonne, + Denn noch ruhen die Bürger der Stadt und bedürfen des Schutzes + Gegen den schleichenden Dieb, den spähende Augen gewähren. + Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter + Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen + Nach dem Frühstück krächze, es kümmert nicht Mensch noch Tiere. + Nur in den Ställen, die hinter die stattlichen Häuser versteckt sind, + Wird's allmählich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde, + Und es brüllen die Kühe, allein die Knechte und Mägde + Schwören sich bloß, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen, + Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden. + Nun, man müßte sie loben, wofern sie sich rascher erhüben, + Aber, wer könnte sie tadeln, daß sie sich noch einmal herumdrehn? + Ist doch die Kälte zu groß! Der Fuß, dem die Decke entgleitet, + Schrickt zurück vor der Luft, als ob er in Wasser geriete, + Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten, + Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen! + Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglühnden Laterne + Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes, + Welcher sich selbst verzehrt, des Öls allmählich ermangelnd, + Kann man den Jüngling erkennen, der unbeweglich hinüber + Schaut nach dem Erdgeschoß des Hauses über der Straße. + Wahrlich, es müssen die Pulse ihm heiß und fieberisch hüpfen, + Daß er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zähne + Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern, + Hier so ruhig steht, als wär' er in Eisen gegossen. + Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lüfte, + Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser + Spüren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht. + Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm + Denn so plötzlich Gefühl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer + Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe + Zu verbreiten scheint. Er bückt sich nieder, zu lauschen, + Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster. + Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben + Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen, + Lugt er schüchtern hindurch. Es ist ein blühendes Mädchen, + Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend, + Nach dem Klopfenden späht. Er ruft: mach' auf, Magdalena! + Und enteilt in das Gäßchen, das links am Hause sich hinzieht. + Bald auch öffnet sich seitwärts das Dienerpförtchen, doch halb nur, + Und den Fuß in der Tür, beim Licht noch einmal ihn prüfend, + Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen? + Laß uns hinein--versetzt er--du würdest draußen erfrieren, + Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang, + Doch er hält ihr den Pelz entgegen, in den er gehüllt ist, + Und nun tritt sie zurück und geht voran in die Küche, + Während er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde + Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser + Jetzt darüber und setzt sich an einer Seite daneben, + An der anderen er. Die rötliche Flamme vergoldet + Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebräuntes + Sticht ihr lilienweißes, mit blonden Locken bekränztes, + Fein und angenehm ab. So mußt du--beginnt sie--schon wieder + Auf die Straße hinaus, und das am heiligen Abend? + Wer dem Fuhrmann dient,–-entgegnet er--feiert die Feste + Selten gemächlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann + Dies und das im Gewölb', und da die Kunden nicht warten, + Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise, + Fast in Vorwurfes Ton--du könntest es lange schon besser + Haben, wenn du nur wolltest!–-Du meinst, ich könnte beim Kaufmann + Selber, könnte bei euch sein--versetzt er mit Lächeln--und freilich + Hätt ich's bequemer und dürfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen. + Aber, das täte nicht gut!–-Er springt empor, und die Küche + Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich plötzlicher Wendung + Vor das Mädchen tretend und ihre Schönheit betrachtend, + Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren! + Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich, + Daß er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn ängstlich, + Und er streichelt sie sanft und spricht die bedächtigen Worte: + Wem ein altes Weib für seinen Groschen das Schicksal + Aus den Karten verkündigt, der mag noch zweifeln und lachen, + Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder + Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen! + Hätte der Ärmste mich in solchem Elend gesehen, + Wie ich gestern ihn, er wäre wohl ledig geblieben, + Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trösten-– + Nicht verloren sein für seinen Jugendgenossen! + Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend–-ich habe + Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen, + Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen, + Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider. + Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte + Ihn so gut wie verloren, denn ängstlich, wie Sünde und Schande, + Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen. + Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu führen, + Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen, + Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet, + Aber in welcher Gestalt! Wie gänzlich verändert! Du kannst es + Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es wäre sein Vater, + Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren, + Weil er den Greis nicht fürder ernähren kann, wie so lange! + Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen, + Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern + Zu verbreiten fürchtet, ich aber blieb ihm zur Seite + Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern. + Nun, die dienten zusammen!--Das Mädchen erhebt sich und schließt ihn + Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller + Welchen ich jemals sah. Dem Totengräber gehörig, + Hat er die nassen Wände mit Brettern von Särgen beschlagen, + Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eröffneten Gräbern + Fett und modrig liefert. Die dunsten, daß, wer hereintritt, + Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr + Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber, + Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen, + Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natürlich die Runde, + Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern + Und verläßt sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Tränen, + Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich plötzlich die Augen, + Welche ihr längst schon strömten, und spricht mit krampfhaftem Lachen, + Ihn bei der Hand ergreifend und über und über erglühend: + Christian, weißt du was? Es ist der heilige Abend, + Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren! + Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft, + Kleider und Tücher und Geld, und was noch etwa hinzukommt, + Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm, + Und sie können den Keller verlassen und wieder gesunden! + Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte, + Und der Weihnacht1) ist die Hälfte des Lohnes in Hamburg, + Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel, + Hat mich Wilhelm gestern für ewige Zeiten gesegnet, + Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre, + Die ich empfing, als ich sah, daß trockenes Brot ihm, wie Kuchen, + Schmeckte, Käse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen. + Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren: + Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden, + Ist es sündlich, als dächte der Reiche auf Kaiser und König, + Und es straft sich noch härter. So bin ich denn fest auch entschlossen, + Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen, + Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch würfeln!-- + Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lächeln + Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem höchsten Erstaunen + Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh + Eingewickelt, den sie vermißt und den er entwandte, + Um ihr Maß zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod. + Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren, + Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes + In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darüber ergrauen, + Und das Glück hat Zeit, mir einen Finger zu reichen! + In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren + Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes? + Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem + Mehr zurück Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven! + Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es würde + Mir das Gewissen belasten, du bist nicht länger gebunden, + Wenn die Frist verlief, auch ist sie völlig genügend, + Und wenn ich dich nicht löse, so magst du selber dich lösen! + Aber--ruft sie--was können so wenige Jahre dir bringen, + Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2), + Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen! + Darauf schwöre nur nicht--versetzt er--du würdest dich täuschen, + Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen, + Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Frühling zu Schiffe. + Schlage nicht gleich die Hände zusammen und halte die Schürze + Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen, + Gestern kam's zum Entschluß! Die Welt ist anders geworden, + Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln + Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande + Und ernährte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil, + Wo man Löwen und Affen und Papageien umsonst sieht, + Nein, ich will das Pläsier mit Freuden noch länger bezahlen, + Wenn wir über den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung! + Aber, wer kann, was er möchte! Wofür mein Vater das Häuschen + Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was für den Ochsen + Einst der Schlachter gab, das gibt für die Haut jetzt der Gerber! + Sprich, wo wäre da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele + Über die Erde versät, und statt, wie einst, sich zu helfen, + Drängen sie sich und stoßen und suchen sich neidisch die Bissen + Aus den Händen zu reißen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere + Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis + Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten. + Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense, + Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heißen, + Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke. + Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen, + Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mägden + Seine Gesichte verkündigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt! + Höre den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel + Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen, + Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend + Bin ich morgen zurück und bringe Wilhelm das Seine, + Denn du würdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden, + Dürftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern + Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weißt du. + Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied, + Aber sie hält ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schüttelt + Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schüchtern, + Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet, + Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet + Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich lächelnd, + Diesen Kuß zu nehmen und spricht: Das wär' ein Gelöbnis, + Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben, + Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe + Mit den Gefährten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drängten, + Wenn die Störche kommen, damit wir endlich erfahren, + Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte, + Reicht schon aus für das Schiff, und warum gingen nur wir nicht, + Unser Glück zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinüber, + Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden! + Wäre der Himmel geöffnet und würde am Tore geläutet, + Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gäbe + Schier kein größres Getümmel, kein ärgeres Rennen und Laufen: + Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel, + Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen. + Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor, + Und sein Koch ist voraus, es stoße im Mörser, wer Lust hat, + Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge, + Die sie so lange ernährte, und rechnen auf Arme und Beine, + Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist, + Und der Prediger kaum hält's aus bei seiner Gemeinde. + Sollte der Ärmste da fehlen? Ich dächte doch, diesem vor allen + Wäre der Segen beschert, nur muß er sich freilich auch rühren, + Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter. + Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern, + Unersättlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden, + Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche, + Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche führen zu können, + Und du bist es wohl wert, daß mir dies wenige werde. + Hätt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und würde ihn willig + Wieder verlassen, wenn hier noch ein mäßiges Glück sich mir zeigte, + Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen, + Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt. + Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen, + Daß sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars! + Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser. + Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig, + Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln, + Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeräucherte Zungen! + Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Glücklicherweise + Hat mein Alter die Gicht! Da schläft er hinein in den Morgen, + Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fürs fleißige Schnapsen von früher, + Sonst erging' es mir übel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen, + Daß ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich, + Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten + Wirklich die Zügel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren! + Keinen Kuß? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!-- + Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen, + Doch ihr rinnen die Tränen von neuem, es kann sie nicht trösten, + Daß die Raben noch krächzen und nicht die Störche schon klappern, + Denn sie weiß: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange. + + + Zweiter Gesang. + + Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause + Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen + Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise + Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich + Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert, + Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen + Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert, + Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen + Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd, + Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend. + Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln: + Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet + Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist, + Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet + Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet, + Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung. + Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster + Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich, + Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt, + Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken. + Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen + Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer + Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen, + Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen. + Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte, + Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat. + Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören, + Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen, + Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig + In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte: + Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen. + Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens, + Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter + Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen, + Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend + In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind, + Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen. + Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern + Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er, + Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen, + Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen. + Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen + Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde + Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen, + Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren + Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten, + Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche + Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen, + Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen + Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen. + Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase: + Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter, + Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande + Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung + Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum + Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung + Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade, + Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es + Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich + Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln + Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem + Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin + Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt, + Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück! + Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen, + Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock + Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend, + Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns + Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König + Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden, + Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo, + Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter, + Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren, + Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen, + Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte, + Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild. + + Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert, + Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer, + Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat, + Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling + Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze, + Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht + Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel, + Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet + Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert. + Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet + Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren, + Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher. + Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken, + Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes + Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es + Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge + Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben, + Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig + Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute, + Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer. + Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen, + Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie + Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels + Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig + Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone. + Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3) + Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler + Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete, + In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen, + Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden, + Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben, + Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg + Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln + Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne, + Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern, + Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer + Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln, + Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln, + Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder. + Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade + Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen, + Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel + Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde + Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr. + Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln, + Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden, + Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen, + Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute + Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend, + und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt, + Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften + Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne + Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt + Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor, + Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht + Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet. + + Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen-- + Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber + Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder! + Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht + Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln, + Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte + Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert, + Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze + Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt? + Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln? + Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume, + Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern, + Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich, + Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken, + Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren; + Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern. + Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer + Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht, + Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken, + Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen. + Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse, + Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen; + Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken! + Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung-- + Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben + Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt, + Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte + Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge + Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich, + Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen, + Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern, + Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer, + Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen, + Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben. + Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?-- + Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme: + Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder + Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber, + Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren. + Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge + Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen + Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet: + Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels, + Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne, + Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden, + Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden, + Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt, + Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen, + Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen, + Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler, + Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber, + Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke. + Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch, + Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit, + Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken, + Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen, + Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte. + Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade + Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe + Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen, + Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende. + Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal, + Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet, + Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen. + Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine. + Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte, + Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren? + Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern, + Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten; + Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen, + Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden; + Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten, + Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet; + Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer + Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten; + Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5), + Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen; + Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles + Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man + Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet, + Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen: + Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter, + Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten, + Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen + Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune. + Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde, + War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde + Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich, + Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern! + Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg, + Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen. + Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte + Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich + In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel + Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze + So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt, + Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es + Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6), + Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln, + Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern, + Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl + Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen, + Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier + Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen, + Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise + Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen, + Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine, + Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen + Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt: + Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen, + Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben, + Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten + Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden, + Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln! + Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen, + Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse, + Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte. + Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen + Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir + Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen, + Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends? + Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken + Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen + Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen, + Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche, + Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen, + Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen. + Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber + Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater. + Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem + Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen, + Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung! + Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen + Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen, + Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen. + Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider, + Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich + Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich, + Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen, + Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel + Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude. + + + Dritter Gesang. + + Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen, + Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert + Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen? + Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin + Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er + Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich, + Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn + Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit + Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend, + Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle + Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend + Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen, + Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen, + Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden + Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen. + Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen + Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte + Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe + Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt: + Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles + Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet + Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend + Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel. + Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle + Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet, + Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten: + Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde, + Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden, + Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt. + Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten + Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er + Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet. + Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert, + Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten + Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden, + Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch, + Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich + Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte, + Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung, + Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken, + Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb. + Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben, + Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist + Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken! + Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen, + Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte, + Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich, + Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen, + Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner + Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen + Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen, + Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln, + Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden, + Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich + Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele + In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen, + Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre, + Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen: + Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen, + Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen, + Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden, + Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten. + Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen + Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen, + Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter + Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich + Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn + Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen! + Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue, + Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen, + Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue! + Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner + Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal + An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen! + Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen, + Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande + Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken + Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet + Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif + Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter, + Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte + Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens, + Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte + Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen. + Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken, + Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie, + Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt + Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen, + Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet + Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume + Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen, + Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen, + Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht, + Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren, + Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden, + Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden, + Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte + Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal, + Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten, + Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer + Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen, + Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs + Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie + Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung + Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich + Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien, + Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben. + Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes, + Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat, + Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen, + Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte + Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern + Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte, + Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber + Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke, + Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen + Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer, + Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder: + All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist, + Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert + Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren, + Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele, + Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen, + Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen. + Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten, + Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken + Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen, + Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt. + Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe + Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten, + Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist + Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert, + Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren. + Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich + Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel + Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit, + Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden. + Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen, + Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig, + Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten + Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben, + Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen, + Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen. + Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern, + Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren, + Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen. + Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd + Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel, + Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend, + Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung + Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen, + Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen. + So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung, + Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt, + Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert. + Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen, + Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe-- + Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange, + Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen. + Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm, + Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen. + Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren: + Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen, + Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen, + Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen, + Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen. + Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen, + Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung + Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen, + Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut, + Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben. + Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie + Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge, + Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück, + Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen, + Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln, + Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe + Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt, + Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke, + Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte + Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide + An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem: + Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen, + Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling + Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben, + Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat; + Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen + Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern + Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln + In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten: + Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben! + Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen, + Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel, + Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen, + Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines, + Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren, + Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet, + Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden + Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen. + Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten, + Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise, + Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder: + Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich + Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands, + Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich, + Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern! + Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend: + Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden! + Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten, + Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt, + Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen! + Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen! + Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe, + Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie + Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet, + Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen, + Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert: + Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen: + Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen. + Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten, + Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen, + Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen. + Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten, + Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens, + Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte; + Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg, + Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute; + Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte, + Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel! + Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden. + Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen: + Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung. + Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen, + Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen? + Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen, + Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam, + Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide, + Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken, + Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet, + Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen. + Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte, + Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen, + Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken, + Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen. + Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken + Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder, + Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten + Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht. + + + Vierter Gesang. + + Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein, + Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte + Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln, + Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs. + Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen + An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde, + Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon + Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster, + Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend, + Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen! + Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter, + Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd, + Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann. + Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere + Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer + Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen. + Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen + Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet, + Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat, + Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer + Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber, + Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören, + Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie + Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern + Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite, + Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden, + Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch + Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen, + Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen. + Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue, + Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend, + Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen! + O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet, + Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen, + Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber, + Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet, + Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern, + Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten + An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat, + Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele, + Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig + Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du + Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland, + Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader + In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du, + Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen, + Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern, + Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen! + Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre: + Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle, + Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben, + Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber! + Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend: + Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden, + Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert? + Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen, + Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler + Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen + Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen, + Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter, + Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern? + Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen + Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen, + Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen! + Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen, + Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen! + Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich + Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden, + Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen, + Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde + Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen. + Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft + Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe. + Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage, + Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet + Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre! + Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd: + Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden, + Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern? + Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es! + Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles + Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre, + Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen, + Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles + Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben + Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt + Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase, + Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange + Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten, + Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen + Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren. + Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote + Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter + Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen + An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels + Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln, + Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe + Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken + Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten! + So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren, + Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte + Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen + Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen, + Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse, + Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe, + Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich + Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche + Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen + Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen, + Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife + Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte, + Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe + Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte. + Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen, + Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig + Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter, + Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen, + Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner, + Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug + Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder, + Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern, + Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren. + Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler, + Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen, + Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen, + Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen, + Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1) + Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen, + Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn. + Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause + Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen, + Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen. + Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln + Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich: + Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten, + Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste + Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte + Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte + Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte, + Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre. + Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen, + Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern, + Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen, + Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter, + Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte. + Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben, + Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte + Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig + In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe, + Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig: + Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen, + Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester, + Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag, + Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es + Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen + Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen + War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen + Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden. + So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich + Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen, + Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen, + Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter. + Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe, + Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite. + So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich + Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe + Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen. + Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte: + Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende: + Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen? + Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden, + Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden, + Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge. + Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen: + Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen. + Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger + Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder. + Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig + Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte, + Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte + Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre + Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase, + Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste, + Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen, + Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber, + Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend, + Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme: + Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande, + Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche, + So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte, + Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher + Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte, + Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber: + Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens, + Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken, + Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd: + Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten, + Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen, + Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen, + Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon + Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert, + Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt, + Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern + Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln. + Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet, + Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer, + Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher + Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite, + Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten, + Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen, + Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3). + Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen, + Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken, + Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen? + Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen, + Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben. + Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel! + Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich + Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken, + Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen, + Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch + Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger + Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich, + Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch + Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen + Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten + Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel + Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln, + Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier + Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter + Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen, + Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen, + Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun, + Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen + Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's + Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen! + Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen, + Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen, + Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben + Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen, + Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten. + Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen, + Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit! + Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren, + Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen! + Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten + Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer, + Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach, + Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige + Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort! + Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen, + Und wir sollen dafür--– ich weiß nicht, ob ich's verstanden, + Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen! + Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet, + Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen + Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben, + Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet. + Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich + Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft, + Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern, + Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert. + Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt, + Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen. + Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe + Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette, + Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide, + Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen! + Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber, + Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs, + Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen, + Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner, + Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg, + Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens, + Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen + Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen. + Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde, + Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft + Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten, + Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese + Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken + An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich + Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet + Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte. + + + Fünfter Gesang. + + O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter + Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche + Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch + Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche, + Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln + Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte, + Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet, + Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung + Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer + So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte + Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben + Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt + Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man + Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen, + Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend, + Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert, + Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen, + Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet, + Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe + Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist, + Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe + Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden, + Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern. + Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen + Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen, + Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar + Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden + Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen, + Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem + Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg + Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen, + Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge + Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert, + Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch + Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten + Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden, + Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist. + Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme + Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet, + Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern, + Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum, + Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet, + Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen, + Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen, + Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung, + Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede + Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten, + Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen, + Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn, + Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung, + Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du? + Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet: + Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder, + Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender + Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich, + Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele + Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren, + Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern, + Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen! + Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen. + Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern, + Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich + Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren, + Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend + Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft + Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern + Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten, + Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren! + Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du + Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte + Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben, + Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen, + Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet; + Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen, + Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten + Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen, + Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig + Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon, + Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend, + Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden, + Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet, + Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!-- + Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme + Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke, + Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber + Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze + In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig + Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen, + Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer, + Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen, + Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen, + Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen, + Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer. + Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder + Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe + Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen, + Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln, + Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war: + Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte + Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert + Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer, + War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück, + Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen. + Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen + Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen, + Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet + In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten + Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen, + Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen + Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken, + Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl + Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es + Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden + Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist, + Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette! + Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen, + Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler + Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter + Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's + Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!-- + + So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen, + Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter, + Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise! + Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe. + Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde, + Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen, + Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen + Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense + Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel + Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut, + Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet, + Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert, + Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte + Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne + Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel + Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne, + Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen + Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags, + Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang. + Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte + Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse, + Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen + Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde + Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen, + Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen, + Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können, + Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder. + Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken + Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise + Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken, + Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen + Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute, + Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit + Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen, + Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung + Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert. + Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet, + Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben + Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen. + Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen, + Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde + Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen + Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten, + Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden, + Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet, + Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie + Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil + Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite, + Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet: + Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden, + Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden. + Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen, + Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein, + Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen. + Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln, + Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, + Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling + Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung. + Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken + Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken, + Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken, + Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen, + Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade, + Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen + Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken, + Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten! + So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten, + Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich + Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten, + Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe + Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte, + Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte, + Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten. + Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten, + Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten + Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen, + Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen, + Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten + All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen + Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen, + Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen, + Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen. + Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen, + Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel + Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet, + Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend, + Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide, + Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer, + Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn, + Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern. + Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte + Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen, + Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen, + Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines + Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste + Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen, + Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich + Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren, + Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern, + Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung + So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben + Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände + Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte, + Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen + Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig, + Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen, + Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert + Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche, + Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens + Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer + Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn + So von allem zugleich, was für den traurigen Winter + Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine + Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte, + Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind, + Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis + Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre + Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen, + Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen + So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen + Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte, + Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten, + Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner + Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist. + Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen, + Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt, + Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen, + Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne, + Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche + Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite, + Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern. + Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung, + Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer + Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie + Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich + Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen. + Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen, + Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste, + Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt, + Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt + Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel, + Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet. + Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten, + Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen + Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte + Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben + Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar + Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste, + Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre + Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause? + Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen, + Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein + Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen, + Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte, + Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich + Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert: + Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen, + Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen: + Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet, + Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen, + Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen! + + + Sechster Gesang. + + Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin + Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis, + Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren. + Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen + An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift, + Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen, + Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden, + Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird: + Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter + Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern, + Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung, + Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen + Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde, + Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde, + Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich, + Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet. + Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen + Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde + Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah + Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar, + Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet, + Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden + Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen, + Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern. + Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre, + Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert. + Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva! + Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten + Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände + Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung. + Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben + Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter, + Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg + Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen, + Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet, + Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer + Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel, + Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert. + Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde + Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert, + Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen + Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen, + Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen + Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen. + Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien, + Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege, + Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen: + Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern, + Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen, + Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich + Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern, + Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs, + Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern + Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig! + Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände, + Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde + Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen. + Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!-- + Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger, + Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte, + Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste + Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen, + Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben, + War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte, + Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste + Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten, + Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland + Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft + Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme + Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften. + Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes + Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier + Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling + Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen, + Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert. + Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg + An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln, + Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen + Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend, + Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet, + Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet. + Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter + Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern + An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter, + Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater + Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig + Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber, + Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen + Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher + Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche + Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt! + Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar, + Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen, + Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert? + Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle + Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle: + Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer, + Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern + In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder, + Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen + Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!-- + + Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet? + So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen + Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben + Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern + Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten, + Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern, + Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich + Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich + Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern, + Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel, + Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen. + Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln, + Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet, + Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse! + Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern, + Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke + Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine, + Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen + Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen, + Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen, + Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne, + Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge + Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend + Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit + Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht + Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen, + Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß, + Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes + Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite, + Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände, + Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet, + Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken, + Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen. + Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe, + Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder, + Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er + Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen! + Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden, + Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut, + Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise, + Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein. + Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte, + Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung + In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn, + Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen, + Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe, + Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung + Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken, + Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er + Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen? + Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle + Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte, + Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde + Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen, + Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt. + So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen, + Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung, + Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen, + Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage. + Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen, + Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken + Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen. + Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt, + Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen, + Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer! + Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine, + Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig! + Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken, + Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen, + Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig! + Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten, + Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen, + Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen! + Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten, + Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben, + Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin! + Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe, + Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen, + Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal. + Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen, + Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken, + Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen, + Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet. + Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue, + Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände: + Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle! + Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte, + Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen. + Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel, + Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich + Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung + Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern + Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben, + Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe + Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung + Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken, + Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen + Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken. + Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle, + Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken, + Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen + Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte, + Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet. + Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege, + Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile, + Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei + Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen, + Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne. + Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied + Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen, + Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen, + Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen. + Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen + Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen, + Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange, + Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich! + Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede, + Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles + Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher + Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel. + Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche, + Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube, + Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien + Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber, + Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert: + Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen, + Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt, + Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig, + Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte + Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen. + Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie, + Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend, + Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager, + Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet, + Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren, + Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen. + Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange + Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung + Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat. + Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite, + Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich + Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens + Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer. + Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige + Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen, + Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen + Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern, + Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend, + Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen + Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet. + Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause + Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich + Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes + Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren, + Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig. + Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten, + Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern, + Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche, + Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er + Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet, + Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe. + Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege. + Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze. + Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde! + Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden! + Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer, + Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich. + Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben? + Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich, + Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen, + Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren. + Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge, + Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre, + Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet. + Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise, + Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen, + Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln, + Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen, + Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte + Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack + Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung, + Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden. + Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das? + Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde! + Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung! + Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe + Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen, + Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben, + Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme + Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen + Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig? + Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen, + Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,-- + Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte, + Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend. + Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme, + Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig + Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen? + Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen. + Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben, + Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber, + Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden! + Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen: + Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen! + Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne, + Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze! + + + Siebenter Gesang. + + Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne + Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger + Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen-- + Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen, + Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden, + Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben, + Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter + Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen. + Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte + Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht + Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten, + Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen. + Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler + Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden + Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen. + O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter + Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück + Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt, + Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben, + Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen, + Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen, + Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist, + Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben, + Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen, + Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen. + Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste, + Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten, + Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen. + Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen, + Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder + Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen, + Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet: + Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen, + Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde, + Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute, + Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen, + Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern. + Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge, + Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen, + Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide + Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel, + Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen, + Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen, + Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine + Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel + Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde + Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen + Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen, + An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern + Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer + Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche! + Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert + Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster, + Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen + Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen, + Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher, + Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen! + Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag + Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen + Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte? + Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben, + Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen, + Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich, + Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen + Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest, + Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären. + Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert, + Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung + Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars, + Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln + Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen, + Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune, + Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten, + Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen + Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung, + Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten + Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken, + Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen + Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten, + Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe, + Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre, + Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen + Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es + Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren, + Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe, + Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen! + Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles, + Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind, + Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen! + Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen, + Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben, + Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet, + Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe. + Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen, + Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig, + Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr, + Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter. + Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen + Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen, + Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller + Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten + Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen, + Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme: + Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben! + Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten, + Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten, + Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler + In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen + Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte: + Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte + Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen, + Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen? + Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht + Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde + Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen, + Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten: + Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern + Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen, + Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen! + Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung + Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben + Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden. + Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen + Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends + Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen + Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft + Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben: + Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen! + Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen, + Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen, + Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen, + Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen, + Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber, + Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken! + Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin, + Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend, + Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten. + Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden, + Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten, + Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen + Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel, + Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen + Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd + Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe + Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche, + Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen, + Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen, + Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar, + Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen, + Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel + Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe, + Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung + Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles, + Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin + Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen, + Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben! + Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben, + Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke, + Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns, + Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden, + Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren, + Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben! + Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger, + Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend, + Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte + Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen + Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt + Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde + Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter, + Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter + Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben, + Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen, + Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen. + Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet, + Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen, + Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen: + Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden! + Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege + Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen, + Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen! + + Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich, + Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen, + Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen, + Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden. + Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen, + Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern + Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange, + Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen, + Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam, + Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter! + Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze, + Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten, + Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte, + Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte, + Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie + Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich + Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße + Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich, + Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde, + Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen, + Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken, + Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden + Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern. + Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster, + Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen + Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben, + Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe, + Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen + In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen. + Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter! + Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung, + Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen, + Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken, + Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren. + Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken, + Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen, + Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken: + Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen. + Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich, + Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können, + Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider, + Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken. + + Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe, + Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden, + Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend, + Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben? + Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe + In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet, + Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben, + Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken, + Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann, + Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen + Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen + Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe, + Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber! + Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert + Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen, + Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben, + Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese, + Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa + Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen, + Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage: + Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken, + Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert? + Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer, + Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt, + Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal + Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser, + Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe? + Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren + Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose + Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten, + Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern, + Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten, + Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen, + Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber, + Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte! + Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter, + Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen. + Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher! + Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg. + Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen? + Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich + Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien, + Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze + Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer + Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3), + Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten, + Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten. + Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten, + Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen, + Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher + Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels + Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich + Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen! + Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen + Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten + Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten, + Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet. + Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna, + Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen + Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk, + Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese. + Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe, + Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten: + Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste! + Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste + Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen, + Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre, + Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen! + Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte: + Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten, + Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken, + Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer + Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen, + Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen, + Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren! + Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren, + So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet, + Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden + Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert, + Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage. + Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles, + Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen? + Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden! + Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen, + Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst, + Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten, + Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde, + Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten. + Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen, + Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn, + Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken. + Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen, + Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen, + Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat + Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich, + Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten. + Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue, + Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben, + Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles! + Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben + Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren + Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!-- + Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen + Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert + Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe + Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig: + Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben, + Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter, + Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel, + Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte: + Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln, + Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen, + Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben: + War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt + Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern + Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken, + Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna, + Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten, + Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert + Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen, + Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr, + Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben + Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel, + Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee + Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig. + Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe + Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern! + Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet + Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben, + Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden, + Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen. + Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke + Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen; + Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung, + Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße. + Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm, + Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend, + Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen + Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert! + Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen + Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen, + Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest + Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten, + Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet + Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen, + Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert, + Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen, + Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge. + Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern + Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig, + Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er: + Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen, + Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen, + In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest, + Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber! + Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten, + Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben, + Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln + Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er + Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue; + Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen. + + Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück, + Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder + Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen, + Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen! + Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen, + Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder + Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit, + Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning, + Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre + Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest! + Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben? + Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen? + Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert, + Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden! + Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe, + Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren, + Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden, + Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen. + O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen! + Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte, + Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde + Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer + Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten, + Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden + Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder, + Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde + Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen + Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter + Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher + Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche, + Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen, + Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen, + Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen! + Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors, + Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden! + Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet, + Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern: + Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben, + Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen, + Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend, + Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten. + Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel, + Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße + Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung + Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern. + Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten, + Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen + Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden, + Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert, + Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert. + Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen! + Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen + Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers! + Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern, + Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn + Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen! + + + + + + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND *** + +***** This file should be named 4083-8.txt or 4083-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/4/0/8/4083/ + +Produced by Michael Pullen. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mutter und Kind + +Author: Friedrich Hebbel + +Posting Date: May 27, 2009 [EBook #4083] +Release Date: May, 2003 +First Posted: November 13, 2001 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND *** + + + + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + + + + + +</pre> + + +<BR><BR> + +<H1 ALIGN="center"> +Mutter und Kind +</H1> + +<H2 ALIGN="center"> +Friedrich Hebbel +</H2> + +<BR><BR> + +<H3 ALIGN="center"> +Ein Gedicht in sieben Gesängen. +</H3> + +<H4 ALIGN="center"> +1859 +</H4> + +<BR><BR> + +<H4> +<A HREF="#erster">Erster Gesang</A><BR> +<A HREF="#zweiter">Zweiter Gesang</A><BR> +<A HREF="#dritter">Dritter Gesang</A><BR> +<A HREF="#vierter">Vierter Gesang</A><BR> +<A HREF="#funfter">Fünfter Gesang</A><BR> +<A HREF="#sechster">Sechster Gesang</A><BR> +<A HREF="#siebenter">Siebenter Gesang</A><BR> +</H4> + +<BR><BR> + +<A NAME="erster"></A> +<H3> + Erster Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Eben grauet der Morgen. Noch stehen die zitternden Sterne<BR> + An der Wölbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen<BR> + Anfängt, während die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhängt.<BR> + Frierend kriechen die Wächter mit Spieß und Knarre nach Hause,<BR> + Doch sie erlöste die Uhr und nicht die steigende Sonne,<BR> + Denn noch ruhen die Bürger der Stadt und bedürfen des Schutzes<BR> + Gegen den schleichenden Dieb, den spähende Augen gewähren.<BR> + Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter<BR> + Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen<BR> + Nach dem Frühstück krächze, es kümmert nicht Mensch noch Tiere.<BR> + Nur in den Ställen, die hinter die stattlichen Häuser versteckt sind,<BR> + Wird's allmählich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde,<BR> + Und es brüllen die Kühe, allein die Knechte und Mägde<BR> + Schwören sich bloß, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen,<BR> + Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden.<BR> + Nun, man müßte sie loben, wofern sie sich rascher erhüben,<BR> + Aber, wer könnte sie tadeln, daß sie sich noch einmal herumdrehn?<BR> + Ist doch die Kälte zu groß! Der Fuß, dem die Decke entgleitet,<BR> + Schrickt zurück vor der Luft, als ob er in Wasser geriete,<BR> + Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten,<BR> + Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen!<BR> + Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglühnden Laterne<BR> + Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes,<BR> + Welcher sich selbst verzehrt, des Öls allmählich ermangelnd,<BR> + Kann man den Jüngling erkennen, der unbeweglich hinüber<BR> + Schaut nach dem Erdgeschoß des Hauses über der Straße.<BR> + Wahrlich, es müssen die Pulse ihm heiß und fieberisch hüpfen,<BR> + Daß er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zähne<BR> + Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern,<BR> + Hier so ruhig steht, als wär' er in Eisen gegossen.<BR> + Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lüfte,<BR> + Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser<BR> + Spüren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht.<BR> + Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm<BR> + Denn so plötzlich Gefühl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer<BR> + Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe<BR> + Zu verbreiten scheint. Er bückt sich nieder, zu lauschen,<BR> + Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster.<BR> + Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben<BR> + Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen,<BR> + Lugt er schüchtern hindurch. Es ist ein blühendes Mädchen,<BR> + Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend,<BR> + Nach dem Klopfenden späht. Er ruft: mach' auf, Magdalena!<BR> + Und enteilt in das Gäßchen, das links am Hause sich hinzieht.<BR> + Bald auch öffnet sich seitwärts das Dienerpförtchen, doch halb nur,<BR> + Und den Fuß in der Tür, beim Licht noch einmal ihn prüfend,<BR> + Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen?<BR> + Laß uns hinein--versetzt er--du würdest draußen erfrieren,<BR> + Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang,<BR> + Doch er hält ihr den Pelz entgegen, in den er gehüllt ist,<BR> + Und nun tritt sie zurück und geht voran in die Küche,<BR> + Während er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde<BR> + Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser<BR> + Jetzt darüber und setzt sich an einer Seite daneben,<BR> + An der anderen er. Die rötliche Flamme vergoldet<BR> + Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebräuntes<BR> + Sticht ihr lilienweißes, mit blonden Locken bekränztes,<BR> + Fein und angenehm ab. So mußt du--beginnt sie--schon wieder<BR> + Auf die Straße hinaus, und das am heiligen Abend?<BR> + Wer dem Fuhrmann dient,—entgegnet er--feiert die Feste<BR> + Selten gemächlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann<BR> + Dies und das im Gewölb', und da die Kunden nicht warten,<BR> + Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise,<BR> + Fast in Vorwurfes Ton--du könntest es lange schon besser<BR> + Haben, wenn du nur wolltest!—Du meinst, ich könnte beim Kaufmann<BR> + Selber, könnte bei euch sein--versetzt er mit Lächeln--und freilich<BR> + Hätt ich's bequemer und dürfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen.<BR> + Aber, das täte nicht gut!—Er springt empor, und die Küche<BR> + Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich plötzlicher Wendung<BR> + Vor das Mädchen tretend und ihre Schönheit betrachtend,<BR> + Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren!<BR> + Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich,<BR> + Daß er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn ängstlich,<BR> + Und er streichelt sie sanft und spricht die bedächtigen Worte:<BR> + Wem ein altes Weib für seinen Groschen das Schicksal<BR> + Aus den Karten verkündigt, der mag noch zweifeln und lachen,<BR> + Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder<BR> + Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen!<BR> + Hätte der Ärmste mich in solchem Elend gesehen,<BR> + Wie ich gestern ihn, er wäre wohl ledig geblieben,<BR> + Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trösten—<BR> + Nicht verloren sein für seinen Jugendgenossen!<BR> + Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend—ich habe<BR> + Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen,<BR> + Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen,<BR> + Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider.<BR> + Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte<BR> + Ihn so gut wie verloren, denn ängstlich, wie Sünde und Schande,<BR> + Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen.<BR> + Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu führen,<BR> + Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen,<BR> + Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet,<BR> + Aber in welcher Gestalt! Wie gänzlich verändert! Du kannst es<BR> + Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es wäre sein Vater,<BR> + Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren,<BR> + Weil er den Greis nicht fürder ernähren kann, wie so lange!<BR> + Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen,<BR> + Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern<BR> + Zu verbreiten fürchtet, ich aber blieb ihm zur Seite<BR> + Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern.<BR> + Nun, die dienten zusammen!--Das Mädchen erhebt sich und schließt ihn<BR> + Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller<BR> + Welchen ich jemals sah. Dem Totengräber gehörig,<BR> + Hat er die nassen Wände mit Brettern von Särgen beschlagen,<BR> + Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eröffneten Gräbern<BR> + Fett und modrig liefert. Die dunsten, daß, wer hereintritt,<BR> + Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr<BR> + Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber,<BR> + Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen,<BR> + Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natürlich die Runde,<BR> + Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern<BR> + Und verläßt sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Tränen,<BR> + Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich plötzlich die Augen,<BR> + Welche ihr längst schon strömten, und spricht mit krampfhaftem Lachen,<BR> + Ihn bei der Hand ergreifend und über und über erglühend:<BR> + Christian, weißt du was? Es ist der heilige Abend,<BR> + Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren!<BR> + Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft,<BR> + Kleider und Tücher und Geld, und was noch etwa hinzukommt,<BR> + Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm,<BR> + Und sie können den Keller verlassen und wieder gesunden!<BR> + Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte,<BR> + Und der Weihnacht1) ist die Hälfte des Lohnes in Hamburg,<BR> + Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel,<BR> + Hat mich Wilhelm gestern für ewige Zeiten gesegnet,<BR> + Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre,<BR> + Die ich empfing, als ich sah, daß trockenes Brot ihm, wie Kuchen,<BR> + Schmeckte, Käse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen.<BR> + Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren:<BR> + Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden,<BR> + Ist es sündlich, als dächte der Reiche auf Kaiser und König,<BR> + Und es straft sich noch härter. So bin ich denn fest auch entschlossen,<BR> + Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen,<BR> + Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch würfeln!--<BR> + Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lächeln<BR> + Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem höchsten Erstaunen<BR> + Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh<BR> + Eingewickelt, den sie vermißt und den er entwandte,<BR> + Um ihr Maß zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod.<BR> + Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren,<BR> + Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes<BR> + In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darüber ergrauen,<BR> + Und das Glück hat Zeit, mir einen Finger zu reichen!<BR> + In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren<BR> + Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes?<BR> + Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem<BR> + Mehr zurück Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven!<BR> + Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es würde<BR> + Mir das Gewissen belasten, du bist nicht länger gebunden,<BR> + Wenn die Frist verlief, auch ist sie völlig genügend,<BR> + Und wenn ich dich nicht löse, so magst du selber dich lösen!<BR> + Aber--ruft sie--was können so wenige Jahre dir bringen,<BR> + Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2),<BR> + Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen!<BR> + Darauf schwöre nur nicht--versetzt er--du würdest dich täuschen,<BR> + Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen,<BR> + Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Frühling zu Schiffe.<BR> + Schlage nicht gleich die Hände zusammen und halte die Schürze<BR> + Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen,<BR> + Gestern kam's zum Entschluß! Die Welt ist anders geworden,<BR> + Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln<BR> + Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande<BR> + Und ernährte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil,<BR> + Wo man Löwen und Affen und Papageien umsonst sieht,<BR> + Nein, ich will das Pläsier mit Freuden noch länger bezahlen,<BR> + Wenn wir über den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung!<BR> + Aber, wer kann, was er möchte! Wofür mein Vater das Häuschen<BR> + Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was für den Ochsen<BR> + Einst der Schlachter gab, das gibt für die Haut jetzt der Gerber!<BR> + Sprich, wo wäre da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele<BR> + Über die Erde versät, und statt, wie einst, sich zu helfen,<BR> + Drängen sie sich und stoßen und suchen sich neidisch die Bissen<BR> + Aus den Händen zu reißen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere<BR> + Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis<BR> + Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten.<BR> + Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense,<BR> + Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heißen,<BR> + Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke.<BR> + Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen,<BR> + Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mägden<BR> + Seine Gesichte verkündigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt!<BR> + Höre den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel<BR> + Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen,<BR> + Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend<BR> + Bin ich morgen zurück und bringe Wilhelm das Seine,<BR> + Denn du würdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden,<BR> + Dürftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern<BR> + Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weißt du.<BR> + Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied,<BR> + Aber sie hält ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schüttelt<BR> + Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schüchtern,<BR> + Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet,<BR> + Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet<BR> + Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich lächelnd,<BR> + Diesen Kuß zu nehmen und spricht: Das wär' ein Gelöbnis,<BR> + Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben,<BR> + Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe<BR> + Mit den Gefährten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drängten,<BR> + Wenn die Störche kommen, damit wir endlich erfahren,<BR> + Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte,<BR> + Reicht schon aus für das Schiff, und warum gingen nur wir nicht,<BR> + Unser Glück zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinüber,<BR> + Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden!<BR> + Wäre der Himmel geöffnet und würde am Tore geläutet,<BR> + Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gäbe<BR> + Schier kein größres Getümmel, kein ärgeres Rennen und Laufen:<BR> + Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel,<BR> + Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen.<BR> + Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor,<BR> + Und sein Koch ist voraus, es stoße im Mörser, wer Lust hat,<BR> + Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge,<BR> + Die sie so lange ernährte, und rechnen auf Arme und Beine,<BR> + Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist,<BR> + Und der Prediger kaum hält's aus bei seiner Gemeinde.<BR> + Sollte der Ärmste da fehlen? Ich dächte doch, diesem vor allen<BR> + Wäre der Segen beschert, nur muß er sich freilich auch rühren,<BR> + Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter.<BR> + Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern,<BR> + Unersättlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden,<BR> + Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche,<BR> + Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche führen zu können,<BR> + Und du bist es wohl wert, daß mir dies wenige werde.<BR> + Hätt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und würde ihn willig<BR> + Wieder verlassen, wenn hier noch ein mäßiges Glück sich mir zeigte,<BR> + Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen,<BR> + Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt.<BR> + Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen,<BR> + Daß sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars!<BR> + Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser.<BR> + Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig,<BR> + Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln,<BR> + Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeräucherte Zungen!<BR> + Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Glücklicherweise<BR> + Hat mein Alter die Gicht! Da schläft er hinein in den Morgen,<BR> + Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fürs fleißige Schnapsen von früher,<BR> + Sonst erging' es mir übel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen,<BR> + Daß ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich,<BR> + Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten<BR> + Wirklich die Zügel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren!<BR> + Keinen Kuß? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!--<BR> + Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen,<BR> + Doch ihr rinnen die Tränen von neuem, es kann sie nicht trösten,<BR> + Daß die Raben noch krächzen und nicht die Störche schon klappern,<BR> + Denn sie weiß: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="zweiter"></A> +<H3> + Zweiter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause<BR> + Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen<BR> + Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise<BR> + Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich<BR> + Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert,<BR> + Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen<BR> + Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert,<BR> + Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen<BR> + Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd,<BR> + Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend.<BR> + Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln:<BR> + Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet<BR> + Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist,<BR> + Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet<BR> + Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet,<BR> + Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung.<BR> + Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster<BR> + Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich,<BR> + Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt,<BR> + Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken.<BR> + Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen<BR> + Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer<BR> + Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen,<BR> + Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen.<BR> + Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte,<BR> + Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat.<BR> + Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören,<BR> + Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen,<BR> + Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig<BR> + In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte:<BR> + Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen.<BR> + Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens,<BR> + Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter<BR> + Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen,<BR> + Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend<BR> + In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind,<BR> + Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen.<BR> + Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern<BR> + Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er,<BR> + Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen,<BR> + Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen.<BR> + Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen<BR> + Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde<BR> + Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen,<BR> + Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren<BR> + Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten,<BR> + Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche<BR> + Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen,<BR> + Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen<BR> + Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen.<BR> + Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase:<BR> + Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter,<BR> + Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande<BR> + Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung<BR> + Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum<BR> + Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung<BR> + Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade,<BR> + Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es<BR> + Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich<BR> + Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln<BR> + Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem<BR> + Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin<BR> + Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt,<BR> + Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück!<BR> + Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen,<BR> + Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock<BR> + Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend,<BR> + Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns<BR> + Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König<BR> + Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden,<BR> + Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo,<BR> + Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter,<BR> + Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren,<BR> + Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen,<BR> + Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte,<BR> + Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert,<BR> + Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer,<BR> + Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat,<BR> + Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling<BR> + Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze,<BR> + Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht<BR> + Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel,<BR> + Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet<BR> + Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert.<BR> + Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet<BR> + Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren,<BR> + Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher.<BR> + Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken,<BR> + Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes<BR> + Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es<BR> + Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge<BR> + Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben,<BR> + Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig<BR> + Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute,<BR> + Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer.<BR> + Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen,<BR> + Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie<BR> + Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels<BR> + Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig<BR> + Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone.<BR> + Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3)<BR> + Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler<BR> + Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete,<BR> + In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen,<BR> + Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden,<BR> + Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben,<BR> + Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg<BR> + Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln<BR> + Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne,<BR> + Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern,<BR> + Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer<BR> + Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln,<BR> + Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln,<BR> + Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder.<BR> + Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade<BR> + Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen,<BR> + Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel<BR> + Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde<BR> + Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr.<BR> + Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln,<BR> + Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden,<BR> + Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen,<BR> + Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute<BR> + Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend,<BR> + und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt,<BR> + Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften<BR> + Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne<BR> + Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt<BR> + Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor,<BR> + Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht<BR> + Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen--<BR> + Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber<BR> + Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder!<BR> + Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht<BR> + Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln,<BR> + Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte<BR> + Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert,<BR> + Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze<BR> + Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt?<BR> + Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln?<BR> + Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume,<BR> + Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern,<BR> + Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich,<BR> + Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken,<BR> + Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren;<BR> + Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern.<BR> + Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer<BR> + Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht,<BR> + Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken,<BR> + Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen.<BR> + Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse,<BR> + Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen;<BR> + Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken!<BR> + Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung--<BR> + Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben<BR> + Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt,<BR> + Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte<BR> + Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge<BR> + Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich,<BR> + Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen,<BR> + Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern,<BR> + Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer,<BR> + Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen,<BR> + Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben.<BR> + Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?--<BR> + Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme:<BR> + Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder<BR> + Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber,<BR> + Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren.<BR> + Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge<BR> + Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen<BR> + Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet:<BR> + Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels,<BR> + Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne,<BR> + Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden,<BR> + Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden,<BR> + Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt,<BR> + Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen,<BR> + Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen,<BR> + Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler,<BR> + Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber,<BR> + Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke.<BR> + Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch,<BR> + Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit,<BR> + Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken,<BR> + Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen,<BR> + Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte.<BR> + Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade<BR> + Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe<BR> + Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen,<BR> + Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende.<BR> + Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal,<BR> + Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet,<BR> + Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen.<BR> + Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine.<BR> + Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte,<BR> + Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren?<BR> + Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern,<BR> + Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten;<BR> + Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen,<BR> + Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden;<BR> + Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten,<BR> + Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet;<BR> + Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer<BR> + Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten;<BR> + Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5),<BR> + Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen;<BR> + Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles<BR> + Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man<BR> + Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet,<BR> + Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen:<BR> + Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter,<BR> + Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten,<BR> + Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen<BR> + Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune.<BR> + Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde,<BR> + War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde<BR> + Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich,<BR> + Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern!<BR> + Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg,<BR> + Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen.<BR> + Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte<BR> + Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich<BR> + In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel<BR> + Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze<BR> + So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt,<BR> + Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es<BR> + Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6),<BR> + Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln,<BR> + Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern,<BR> + Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl<BR> + Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen,<BR> + Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier<BR> + Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen,<BR> + Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise<BR> + Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen,<BR> + Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine,<BR> + Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen<BR> + Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt:<BR> + Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen,<BR> + Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben,<BR> + Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten<BR> + Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden,<BR> + Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln!<BR> + Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen,<BR> + Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse,<BR> + Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte.<BR> + Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen<BR> + Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir<BR> + Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen,<BR> + Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends?<BR> + Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken<BR> + Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen<BR> + Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen,<BR> + Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche,<BR> + Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen,<BR> + Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen.<BR> + Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber<BR> + Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater.<BR> + Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem<BR> + Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen,<BR> + Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung!<BR> + Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen<BR> + Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen,<BR> + Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen.<BR> + Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider,<BR> + Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich<BR> + Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich,<BR> + Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen,<BR> + Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel<BR> + Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="dritter"></A> +<H3> + Dritter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,<BR> + Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert<BR> + Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?<BR> + Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin<BR> + Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er<BR> + Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,<BR> + Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn<BR> + Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit<BR> + Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend,<BR> + Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle<BR> + Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend<BR> + Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,<BR> + Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen,<BR> + Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden<BR> + Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen.<BR> + Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen<BR> + Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte<BR> + Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe<BR> + Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt:<BR> + Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles<BR> + Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet<BR> + Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend<BR> + Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel.<BR> + Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle<BR> + Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet,<BR> + Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten:<BR> + Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,<BR> + Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,<BR> + Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.<BR> + Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten<BR> + Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er<BR> + Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.<BR> + Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,<BR> + Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten<BR> + Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden,<BR> + Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch,<BR> + Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich<BR> + Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,<BR> + Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,<BR> + Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken,<BR> + Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb.<BR> + Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,<BR> + Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist<BR> + Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken!<BR> + Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,<BR> + Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte,<BR> + Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich,<BR> + Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen,<BR> + Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner<BR> + Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen<BR> + Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,<BR> + Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln,<BR> + Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,<BR> + Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich<BR> + Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele<BR> + In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,<BR> + Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre,<BR> + Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen:<BR> + Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen,<BR> + Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen,<BR> + Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden,<BR> + Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten.<BR> + Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen<BR> + Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen,<BR> + Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter<BR> + Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich<BR> + Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn<BR> + Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen!<BR> + Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue,<BR> + Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen,<BR> + Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue!<BR> + Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner<BR> + Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal<BR> + An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen!<BR> + Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen,<BR> + Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande<BR> + Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken<BR> + Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet<BR> + Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif<BR> + Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter,<BR> + Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte<BR> + Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens,<BR> + Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte<BR> + Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.<BR> + Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken,<BR> + Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie,<BR> + Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt<BR> + Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,<BR> + Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet<BR> + Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume<BR> + Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,<BR> + Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,<BR> + Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht,<BR> + Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren,<BR> + Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden,<BR> + Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden,<BR> + Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte<BR> + Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,<BR> + Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,<BR> + Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer<BR> + Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,<BR> + Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs<BR> + Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie<BR> + Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung<BR> + Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich<BR> + Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien,<BR> + Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.<BR> + Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes,<BR> + Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat,<BR> + Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen,<BR> + Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte<BR> + Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern<BR> + Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,<BR> + Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber<BR> + Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke,<BR> + Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen<BR> + Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer,<BR> + Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder:<BR> + All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,<BR> + Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert<BR> + Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,<BR> + Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele,<BR> + Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,<BR> + Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen.<BR> + Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten,<BR> + Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken<BR> + Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen,<BR> + Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.<BR> + Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe<BR> + Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten,<BR> + Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist<BR> + Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert,<BR> + Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.<BR> + Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich<BR> + Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel<BR> + Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit,<BR> + Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden.<BR> + Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen,<BR> + Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,<BR> + Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten<BR> + Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben,<BR> + Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,<BR> + Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.<BR> + Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern,<BR> + Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,<BR> + Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen.<BR> + Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd<BR> + Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,<BR> + Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,<BR> + Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung<BR> + Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,<BR> + Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen.<BR> + So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,<BR> + Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt,<BR> + Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert.<BR> + Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,<BR> + Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--<BR> + Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange,<BR> + Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.<BR> + Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm,<BR> + Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.<BR> + Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren:<BR> + Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen,<BR> + Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen,<BR> + Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen,<BR> + Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.<BR> + Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen,<BR> + Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung<BR> + Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,<BR> + Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,<BR> + Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.<BR> + Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie<BR> + Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge,<BR> + Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück,<BR> + Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,<BR> + Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,<BR> + Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe<BR> + Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt,<BR> + Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke,<BR> + Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte<BR> + Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide<BR> + An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem:<BR> + Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen,<BR> + Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling<BR> + Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,<BR> + Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat;<BR> + Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen<BR> + Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern<BR> + Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln<BR> + In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten:<BR> + Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!<BR> + Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,<BR> + Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,<BR> + Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,<BR> + Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,<BR> + Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,<BR> + Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet,<BR> + Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden<BR> + Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen.<BR> + Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten,<BR> + Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise,<BR> + Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder:<BR> + Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich<BR> + Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands,<BR> + Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich,<BR> + Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern!<BR> + Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend:<BR> + Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden!<BR> + Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,<BR> + Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt,<BR> + Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!<BR> + Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen!<BR> + Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe,<BR> + Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie<BR> + Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,<BR> + Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen,<BR> + Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert:<BR> + Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen:<BR> + Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen.<BR> + Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,<BR> + Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen,<BR> + Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.<BR> + Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten,<BR> + Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens,<BR> + Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte;<BR> + Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg,<BR> + Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute;<BR> + Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte,<BR> + Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel!<BR> + Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden.<BR> + Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen:<BR> + Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung.<BR> + Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen,<BR> + Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen?<BR> + Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen,<BR> + Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam,<BR> + Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide,<BR> + Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken,<BR> + Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet,<BR> + Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen.<BR> + Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte,<BR> + Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen,<BR> + Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken,<BR> + Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen.<BR> + Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken<BR> + Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder,<BR> + Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten<BR> + Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="vierter"></A> +<H3> + Vierter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,<BR> + Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte<BR> + Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln,<BR> + Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs.<BR> + Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen<BR> + An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,<BR> + Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon<BR> + Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster,<BR> + Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend,<BR> + Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen!<BR> + Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,<BR> + Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd,<BR> + Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.<BR> + Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere<BR> + Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer<BR> + Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen.<BR> + Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen<BR> + Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet,<BR> + Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat,<BR> + Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer<BR> + Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber,<BR> + Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören,<BR> + Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie<BR> + Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern<BR> + Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,<BR> + Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden,<BR> + Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch<BR> + Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,<BR> + Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen.<BR> + Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue,<BR> + Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend,<BR> + Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen!<BR> + O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet,<BR> + Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,<BR> + Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,<BR> + Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,<BR> + Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern,<BR> + Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten<BR> + An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat,<BR> + Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,<BR> + Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig<BR> + Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du<BR> + Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland,<BR> + Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader<BR> + In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,<BR> + Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen,<BR> + Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern,<BR> + Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen!<BR> + Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:<BR> + Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle,<BR> + Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben,<BR> + Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber!<BR> + Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:<BR> + Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden,<BR> + Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert?<BR> + Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen,<BR> + Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler<BR> + Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen<BR> + Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen,<BR> + Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter,<BR> + Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern?<BR> + Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen<BR> + Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,<BR> + Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!<BR> + Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,<BR> + Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!<BR> + Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich<BR> + Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,<BR> + Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen,<BR> + Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde<BR> + Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen.<BR> + Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft<BR> + Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.<BR> + Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,<BR> + Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet<BR> + Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre!<BR> + Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:<BR> + Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,<BR> + Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern?<BR> + Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es!<BR> + Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles<BR> + Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre,<BR> + Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,<BR> + Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles<BR> + Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben<BR> + Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt<BR> + Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase,<BR> + Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange<BR> + Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten,<BR> + Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen<BR> + Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.<BR> + Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote<BR> + Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter<BR> + Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen<BR> + An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels<BR> + Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,<BR> + Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe<BR> + Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken<BR> + Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten!<BR> + So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren,<BR> + Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte<BR> + Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen<BR> + Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen,<BR> + Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse,<BR> + Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe,<BR> + Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich<BR> + Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche<BR> + Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen<BR> + Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen,<BR> + Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife<BR> + Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte,<BR> + Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe<BR> + Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.<BR> + Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen,<BR> + Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig<BR> + Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,<BR> + Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen,<BR> + Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,<BR> + Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug<BR> + Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,<BR> + Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern,<BR> + Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.<BR> + Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler,<BR> + Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,<BR> + Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen,<BR> + Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen,<BR> + Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)<BR> + Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen,<BR> + Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.<BR> + Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause<BR> + Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen,<BR> + Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen.<BR> + Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln<BR> + Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich:<BR> + Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten,<BR> + Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste<BR> + Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte<BR> + Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte<BR> + Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte,<BR> + Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.<BR> + Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen,<BR> + Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern,<BR> + Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen,<BR> + Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,<BR> + Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte.<BR> + Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,<BR> + Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte<BR> + Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig<BR> + In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,<BR> + Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig:<BR> + Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,<BR> + Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,<BR> + Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,<BR> + Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es<BR> + Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen<BR> + Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen<BR> + War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen<BR> + Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden.<BR> + So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich<BR> + Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen,<BR> + Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,<BR> + Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter.<BR> + Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe,<BR> + Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.<BR> + So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich<BR> + Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe<BR> + Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen.<BR> + Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:<BR> + Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende:<BR> + Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?<BR> + Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden,<BR> + Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,<BR> + Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.<BR> + Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen:<BR> + Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.<BR> + Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger<BR> + Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder.<BR> + Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig<BR> + Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte,<BR> + Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte<BR> + Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre<BR> + Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,<BR> + Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste,<BR> + Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen,<BR> + Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,<BR> + Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend,<BR> + Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:<BR> + Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,<BR> + Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche,<BR> + So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte,<BR> + Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher<BR> + Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte,<BR> + Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:<BR> + Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens,<BR> + Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken,<BR> + Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:<BR> + Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten,<BR> + Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,<BR> + Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen,<BR> + Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon<BR> + Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert,<BR> + Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt,<BR> + Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern<BR> + Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln.<BR> + Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,<BR> + Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,<BR> + Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher<BR> + Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,<BR> + Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten,<BR> + Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen,<BR> + Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).<BR> + Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen,<BR> + Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,<BR> + Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen?<BR> + Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen,<BR> + Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben.<BR> + Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!<BR> + Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich<BR> + Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken,<BR> + Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen,<BR> + Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch<BR> + Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger<BR> + Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich,<BR> + Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch<BR> + Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen<BR> + Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten<BR> + Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel<BR> + Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln,<BR> + Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier<BR> + Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter<BR> + Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen,<BR> + Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen,<BR> + Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,<BR> + Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen<BR> + Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's<BR> + Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!<BR> + Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen,<BR> + Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,<BR> + Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben<BR> + Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen,<BR> + Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.<BR> + Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen,<BR> + Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit!<BR> + Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,<BR> + Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen!<BR> + Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten<BR> + Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer,<BR> + Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,<BR> + Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige<BR> + Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!<BR> + Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen,<BR> + Und wir sollen dafür-— ich weiß nicht, ob ich's verstanden,<BR> + Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!<BR> + Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet,<BR> + Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen<BR> + Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,<BR> + Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.<BR> + Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich<BR> + Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,<BR> + Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern,<BR> + Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert.<BR> + Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,<BR> + Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.<BR> + Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe<BR> + Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,<BR> + Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,<BR> + Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!<BR> + Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber,<BR> + Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs,<BR> + Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,<BR> + Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner,<BR> + Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg,<BR> + Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens,<BR> + Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen<BR> + Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen.<BR> + Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde,<BR> + Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft<BR> + Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,<BR> + Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese<BR> + Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken<BR> + An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich<BR> + Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet<BR> + Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="funfter"></A> +<H3> + Fünfter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter<BR> + Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche<BR> + Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch<BR> + Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche,<BR> + Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln<BR> + Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,<BR> + Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,<BR> + Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung<BR> + Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer<BR> + So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte<BR> + Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben<BR> + Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt<BR> + Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man<BR> + Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,<BR> + Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend,<BR> + Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert,<BR> + Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen,<BR> + Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet,<BR> + Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe<BR> + Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist,<BR> + Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe<BR> + Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,<BR> + Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern.<BR> + Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen<BR> + Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,<BR> + Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar<BR> + Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden<BR> + Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,<BR> + Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem<BR> + Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg<BR> + Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen,<BR> + Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge<BR> + Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert,<BR> + Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch<BR> + Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten<BR> + Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,<BR> + Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist.<BR> + Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme<BR> + Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet,<BR> + Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern,<BR> + Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,<BR> + Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,<BR> + Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen,<BR> + Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen,<BR> + Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung,<BR> + Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede<BR> + Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten,<BR> + Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,<BR> + Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,<BR> + Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung,<BR> + Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du?<BR> + Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet:<BR> + Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder,<BR> + Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender<BR> + Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich,<BR> + Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele<BR> + Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,<BR> + Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern,<BR> + Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!<BR> + Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen.<BR> + Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern,<BR> + Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich<BR> + Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren,<BR> + Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend<BR> + Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft<BR> + Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern<BR> + Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten,<BR> + Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!<BR> + Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du<BR> + Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte<BR> + Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben,<BR> + Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen,<BR> + Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;<BR> + Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen,<BR> + Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten<BR> + Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,<BR> + Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig<BR> + Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,<BR> + Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,<BR> + Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden,<BR> + Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet,<BR> + Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!--<BR> + Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme<BR> + Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,<BR> + Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber<BR> + Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze<BR> + In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig<BR> + Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen,<BR> + Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer,<BR> + Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen,<BR> + Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen,<BR> + Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen,<BR> + Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.<BR> + Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder<BR> + Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe<BR> + Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen,<BR> + Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,<BR> + Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:<BR> + Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte<BR> + Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert<BR> + Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer,<BR> + War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück,<BR> + Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.<BR> + Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen<BR> + Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen,<BR> + Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet<BR> + In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten<BR> + Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen,<BR> + Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen<BR> + Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken,<BR> + Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl<BR> + Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es<BR> + Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden<BR> + Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,<BR> + Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette!<BR> + Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,<BR> + Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler<BR> + Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter<BR> + Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's<BR> + Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen,<BR> + Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,<BR> + Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!<BR> + Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe.<BR> + Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde,<BR> + Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,<BR> + Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen<BR> + Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense<BR> + Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel<BR> + Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,<BR> + Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,<BR> + Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert,<BR> + Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte<BR> + Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne<BR> + Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel<BR> + Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne,<BR> + Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen<BR> + Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,<BR> + Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.<BR> + Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte<BR> + Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse,<BR> + Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen<BR> + Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde<BR> + Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen,<BR> + Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,<BR> + Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können,<BR> + Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.<BR> + Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken<BR> + Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise<BR> + Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken,<BR> + Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen<BR> + Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute,<BR> + Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit<BR> + Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,<BR> + Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung<BR> + Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert.<BR> + Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet,<BR> + Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben<BR> + Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen.<BR> + Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,<BR> + Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde<BR> + Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen<BR> + Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,<BR> + Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden,<BR> + Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,<BR> + Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie<BR> + Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil<BR> + Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite,<BR> + Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet:<BR> + Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden,<BR> + Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden.<BR> + Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen,<BR> + Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,<BR> + Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen.<BR> + Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,<BR> + Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen,<BR> + Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling<BR> + Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.<BR> + Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken<BR> + Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,<BR> + Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken,<BR> + Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,<BR> + Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade,<BR> + Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen<BR> + Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,<BR> + Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten!<BR> + So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,<BR> + Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich<BR> + Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,<BR> + Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe<BR> + Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte,<BR> + Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte,<BR> + Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten.<BR> + Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,<BR> + Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten<BR> + Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen,<BR> + Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,<BR> + Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten<BR> + All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen<BR> + Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,<BR> + Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen,<BR> + Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen.<BR> + Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen,<BR> + Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel<BR> + Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet,<BR> + Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend,<BR> + Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide,<BR> + Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,<BR> + Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,<BR> + Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.<BR> + Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte<BR> + Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen,<BR> + Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen,<BR> + Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines<BR> + Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste<BR> + Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,<BR> + Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich<BR> + Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren,<BR> + Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,<BR> + Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung<BR> + So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben<BR> + Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände<BR> + Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,<BR> + Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen<BR> + Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig,<BR> + Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,<BR> + Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert<BR> + Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche,<BR> + Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens<BR> + Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer<BR> + Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn<BR> + So von allem zugleich, was für den traurigen Winter<BR> + Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine<BR> + Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte,<BR> + Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind,<BR> + Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis<BR> + Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre<BR> + Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen,<BR> + Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen<BR> + So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen<BR> + Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte,<BR> + Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten,<BR> + Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner<BR> + Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.<BR> + Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen,<BR> + Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt,<BR> + Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen,<BR> + Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne,<BR> + Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche<BR> + Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,<BR> + Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern.<BR> + Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung,<BR> + Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer<BR> + Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie<BR> + Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich<BR> + Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen.<BR> + Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,<BR> + Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,<BR> + Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,<BR> + Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt<BR> + Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,<BR> + Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.<BR> + Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,<BR> + Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen<BR> + Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte<BR> + Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben<BR> + Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar<BR> + Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,<BR> + Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre<BR> + Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause?<BR> + Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,<BR> + Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein<BR> + Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen,<BR> + Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte,<BR> + Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich<BR> + Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert:<BR> + Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen,<BR> + Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen:<BR> + Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet,<BR> + Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,<BR> + Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="sechster"></A> +<H3> + Sechster Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin<BR> + Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis,<BR> + Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren.<BR> + Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen<BR> + An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift,<BR> + Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen,<BR> + Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,<BR> + Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird:<BR> + Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter<BR> + Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,<BR> + Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung,<BR> + Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen<BR> + Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde,<BR> + Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,<BR> + Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,<BR> + Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet.<BR> + Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen<BR> + Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde<BR> + Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah<BR> + Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,<BR> + Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet,<BR> + Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden<BR> + Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen,<BR> + Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.<BR> + Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,<BR> + Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.<BR> + Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva!<BR> + Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten<BR> + Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände<BR> + Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung.<BR> + Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben<BR> + Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,<BR> + Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg<BR> + Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen,<BR> + Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet,<BR> + Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer<BR> + Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel,<BR> + Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert.<BR> + Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde<BR> + Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,<BR> + Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen<BR> + Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen,<BR> + Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen<BR> + Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen.<BR> + Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,<BR> + Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege,<BR> + Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen:<BR> + Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,<BR> + Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen,<BR> + Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich<BR> + Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern,<BR> + Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,<BR> + Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern<BR> + Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig!<BR> + Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände,<BR> + Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde<BR> + Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen.<BR> + Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--<BR> + Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger,<BR> + Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,<BR> + Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste<BR> + Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen,<BR> + Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,<BR> + War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,<BR> + Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste<BR> + Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten,<BR> + Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland<BR> + Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft<BR> + Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme<BR> + Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften.<BR> + Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes<BR> + Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier<BR> + Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling<BR> + Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,<BR> + Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert.<BR> + Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg<BR> + An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,<BR> + Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen<BR> + Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,<BR> + Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet,<BR> + Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet.<BR> + Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter<BR> + Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern<BR> + An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,<BR> + Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater<BR> + Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig<BR> + Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber,<BR> + Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen<BR> + Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher<BR> + Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche<BR> + Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt!<BR> + Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,<BR> + Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,<BR> + Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?<BR> + Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle<BR> + Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:<BR> + Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer,<BR> + Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern<BR> + In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,<BR> + Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen<BR> + Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet?<BR> + So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen<BR> + Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben<BR> + Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern<BR> + Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten,<BR> + Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern,<BR> + Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich<BR> + Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich<BR> + Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern,<BR> + Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,<BR> + Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen.<BR> + Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln,<BR> + Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,<BR> + Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!<BR> + Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,<BR> + Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke<BR> + Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine,<BR> + Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen<BR> + Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,<BR> + Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen,<BR> + Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne,<BR> + Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge<BR> + Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend<BR> + Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit<BR> + Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht<BR> + Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen,<BR> + Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß,<BR> + Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes<BR> + Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite,<BR> + Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände,<BR> + Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet,<BR> + Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,<BR> + Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.<BR> + Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe,<BR> + Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder,<BR> + Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er<BR> + Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen!<BR> + Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,<BR> + Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut,<BR> + Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,<BR> + Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.<BR> + Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,<BR> + Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung<BR> + In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn,<BR> + Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen,<BR> + Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,<BR> + Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung<BR> + Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken,<BR> + Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er<BR> + Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?<BR> + Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle<BR> + Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,<BR> + Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde<BR> + Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,<BR> + Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.<BR> + So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen,<BR> + Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung,<BR> + Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,<BR> + Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage.<BR> + Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen,<BR> + Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken<BR> + Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.<BR> + Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt,<BR> + Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen,<BR> + Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!<BR> + Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine,<BR> + Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig!<BR> + Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken,<BR> + Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,<BR> + Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig!<BR> + Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,<BR> + Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen,<BR> + Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen!<BR> + Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten,<BR> + Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,<BR> + Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!<BR> + Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,<BR> + Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,<BR> + Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.<BR> + Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,<BR> + Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken,<BR> + Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,<BR> + Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet.<BR> + Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue,<BR> + Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände:<BR> + Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle!<BR> + Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,<BR> + Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen.<BR> + Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel,<BR> + Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich<BR> + Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung<BR> + Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern<BR> + Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben,<BR> + Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe<BR> + Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung<BR> + Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken,<BR> + Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen<BR> + Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken.<BR> + Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,<BR> + Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken,<BR> + Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen<BR> + Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte,<BR> + Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet.<BR> + Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege,<BR> + Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile,<BR> + Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei<BR> + Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen,<BR> + Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.<BR> + Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied<BR> + Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,<BR> + Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,<BR> + Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.<BR> + Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen<BR> + Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,<BR> + Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange,<BR> + Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich!<BR> + Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,<BR> + Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles<BR> + Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher<BR> + Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel.<BR> + Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche,<BR> + Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube,<BR> + Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien<BR> + Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber,<BR> + Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:<BR> + Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,<BR> + Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,<BR> + Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,<BR> + Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte<BR> + Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.<BR> + Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie,<BR> + Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,<BR> + Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager,<BR> + Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet,<BR> + Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren,<BR> + Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen.<BR> + Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange<BR> + Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung<BR> + Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat.<BR> + Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,<BR> + Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich<BR> + Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens<BR> + Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer.<BR> + Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige<BR> + Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen,<BR> + Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen<BR> + Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,<BR> + Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend,<BR> + Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen<BR> + Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.<BR> + Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause<BR> + Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich<BR> + Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes<BR> + Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,<BR> + Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig.<BR> + Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten,<BR> + Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,<BR> + Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche,<BR> + Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er<BR> + Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,<BR> + Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.<BR> + Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege.<BR> + Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze.<BR> + Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde!<BR> + Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden!<BR> + Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer,<BR> + Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.<BR> + Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben?<BR> + Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich,<BR> + Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,<BR> + Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren.<BR> + Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,<BR> + Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre,<BR> + Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.<BR> + Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,<BR> + Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen,<BR> + Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln,<BR> + Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen,<BR> + Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte<BR> + Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack<BR> + Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,<BR> + Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden.<BR> + Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das?<BR> + Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde!<BR> + Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung!<BR> + Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe<BR> + Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen,<BR> + Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben,<BR> + Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme<BR> + Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen<BR> + Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig?<BR> + Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,<BR> + Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--<BR> + Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte,<BR> + Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.<BR> + Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme,<BR> + Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig<BR> + Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?<BR> + Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.<BR> + Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,<BR> + Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber,<BR> + Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden!<BR> + Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen:<BR> + Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen!<BR> + Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,<BR> + Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="siebenter"></A> +<H3> + Siebenter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne<BR> + Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger<BR> + Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--<BR> + Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,<BR> + Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,<BR> + Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,<BR> + Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter<BR> + Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen.<BR> + Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte<BR> + Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht<BR> + Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,<BR> + Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen.<BR> + Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler<BR> + Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden<BR> + Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen.<BR> + O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter<BR> + Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück<BR> + Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt,<BR> + Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben,<BR> + Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen,<BR> + Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen,<BR> + Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist,<BR> + Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,<BR> + Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen,<BR> + Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen.<BR> + Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,<BR> + Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,<BR> + Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen.<BR> + Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,<BR> + Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder<BR> + Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen,<BR> + Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet:<BR> + Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen,<BR> + Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde,<BR> + Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,<BR> + Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen,<BR> + Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.<BR> + Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge,<BR> + Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,<BR> + Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide<BR> + Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel,<BR> + Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,<BR> + Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,<BR> + Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine<BR> + Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel<BR> + Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde<BR> + Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen<BR> + Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen,<BR> + An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern<BR> + Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer<BR> + Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!<BR> + Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert<BR> + Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,<BR> + Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen<BR> + Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,<BR> + Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,<BR> + Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!<BR> + Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag<BR> + Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen<BR> + Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?<BR> + Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben,<BR> + Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen,<BR> + Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich,<BR> + Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen<BR> + Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest,<BR> + Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären.<BR> + Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert,<BR> + Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung<BR> + Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars,<BR> + Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln<BR> + Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen,<BR> + Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,<BR> + Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten,<BR> + Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen<BR> + Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung,<BR> + Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten<BR> + Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken,<BR> + Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen<BR> + Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,<BR> + Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe,<BR> + Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre,<BR> + Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen<BR> + Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es<BR> + Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren,<BR> + Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe,<BR> + Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen!<BR> + Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,<BR> + Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,<BR> + Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen!<BR> + Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,<BR> + Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben,<BR> + Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet,<BR> + Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe.<BR> + Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,<BR> + Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig,<BR> + Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,<BR> + Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.<BR> + Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen<BR> + Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,<BR> + Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller<BR> + Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten<BR> + Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen,<BR> + Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme:<BR> + Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben!<BR> + Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten,<BR> + Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,<BR> + Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler<BR> + In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen<BR> + Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte:<BR> + Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte<BR> + Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen,<BR> + Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen?<BR> + Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht<BR> + Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde<BR> + Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen,<BR> + Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten:<BR> + Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern<BR> + Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,<BR> + Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen!<BR> + Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung<BR> + Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben<BR> + Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden.<BR> + Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen<BR> + Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends<BR> + Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen<BR> + Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft<BR> + Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:<BR> + Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!<BR> + Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,<BR> + Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen,<BR> + Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,<BR> + Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen,<BR> + Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber,<BR> + Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken!<BR> + Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,<BR> + Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend,<BR> + Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten.<BR> + Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden,<BR> + Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,<BR> + Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen<BR> + Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel,<BR> + Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen<BR> + Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd<BR> + Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe<BR> + Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche,<BR> + Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,<BR> + Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen,<BR> + Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar,<BR> + Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen,<BR> + Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel<BR> + Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,<BR> + Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung<BR> + Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles,<BR> + Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin<BR> + Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,<BR> + Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben!<BR> + Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben,<BR> + Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke,<BR> + Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns,<BR> + Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,<BR> + Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,<BR> + Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben!<BR> + Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger,<BR> + Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend,<BR> + Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte<BR> + Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen<BR> + Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt<BR> + Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde<BR> + Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter,<BR> + Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter<BR> + Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben,<BR> + Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,<BR> + Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.<BR> + Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,<BR> + Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,<BR> + Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen:<BR> + Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden!<BR> + Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege<BR> + Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen,<BR> + Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,<BR> + Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,<BR> + Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen,<BR> + Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.<BR> + Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,<BR> + Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern<BR> + Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,<BR> + Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen,<BR> + Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam,<BR> + Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!<BR> + Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze,<BR> + Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,<BR> + Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte,<BR> + Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,<BR> + Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie<BR> + Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich<BR> + Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße<BR> + Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich,<BR> + Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde,<BR> + Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,<BR> + Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,<BR> + Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden<BR> + Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern.<BR> + Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster,<BR> + Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen<BR> + Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben,<BR> + Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe,<BR> + Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen<BR> + In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen.<BR> + Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter!<BR> + Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,<BR> + Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen,<BR> + Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken,<BR> + Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren.<BR> + Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,<BR> + Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,<BR> + Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken:<BR> + Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.<BR> + Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich,<BR> + Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können,<BR> + Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider,<BR> + Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe,<BR> + Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden,<BR> + Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,<BR> + Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben?<BR> + Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe<BR> + In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,<BR> + Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben,<BR> + Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken,<BR> + Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann,<BR> + Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen<BR> + Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen<BR> + Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe,<BR> + Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber!<BR> + Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert<BR> + Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,<BR> + Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben,<BR> + Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,<BR> + Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa<BR> + Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen,<BR> + Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage:<BR> + Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,<BR> + Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert?<BR> + Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer,<BR> + Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt,<BR> + Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal<BR> + Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser,<BR> + Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe?<BR> + Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren<BR> + Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose<BR> + Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,<BR> + Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern,<BR> + Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten,<BR> + Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,<BR> + Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber,<BR> + Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte!<BR> + Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter,<BR> + Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.<BR> + Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!<BR> + Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg.<BR> + Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?<BR> + Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich<BR> + Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien,<BR> + Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze<BR> + Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer<BR> + Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3),<BR> + Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,<BR> + Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.<BR> + Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,<BR> + Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,<BR> + Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher<BR> + Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels<BR> + Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich<BR> + Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!<BR> + Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen<BR> + Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten<BR> + Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,<BR> + Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.<BR> + Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna,<BR> + Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen<BR> + Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk,<BR> + Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.<BR> + Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe,<BR> + Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten:<BR> + Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste!<BR> + Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste<BR> + Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen,<BR> + Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre,<BR> + Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen!<BR> + Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:<BR> + Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,<BR> + Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,<BR> + Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer<BR> + Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,<BR> + Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen,<BR> + Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!<BR> + Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,<BR> + So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet,<BR> + Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden<BR> + Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert,<BR> + Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.<BR> + Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles,<BR> + Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen?<BR> + Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden!<BR> + Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,<BR> + Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst,<BR> + Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,<BR> + Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,<BR> + Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.<BR> + Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen,<BR> + Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,<BR> + Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.<BR> + Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen,<BR> + Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen,<BR> + Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat<BR> + Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich,<BR> + Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten.<BR> + Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,<BR> + Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben,<BR> + Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles!<BR> + Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben<BR> + Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren<BR> + Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!--<BR> + Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen<BR> + Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert<BR> + Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe<BR> + Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:<BR> + Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,<BR> + Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter,<BR> + Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel,<BR> + Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte:<BR> + Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,<BR> + Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,<BR> + Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben:<BR> + War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt<BR> + Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern<BR> + Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,<BR> + Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna,<BR> + Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,<BR> + Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert<BR> + Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen,<BR> + Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr,<BR> + Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben<BR> + Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel,<BR> + Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee<BR> + Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.<BR> + Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe<BR> + Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern!<BR> + Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet<BR> + Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben,<BR> + Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden,<BR> + Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen.<BR> + Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke<BR> + Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;<BR> + Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,<BR> + Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße.<BR> + Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,<BR> + Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,<BR> + Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen<BR> + Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!<BR> + Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen<BR> + Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen,<BR> + Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest<BR> + Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten,<BR> + Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet<BR> + Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,<BR> + Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,<BR> + Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen,<BR> + Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge.<BR> + Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern<BR> + Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig,<BR> + Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:<BR> + Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen,<BR> + Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,<BR> + In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,<BR> + Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!<BR> + Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten,<BR> + Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben,<BR> + Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln<BR> + Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er<BR> + Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue;<BR> + Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück,<BR> + Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder<BR> + Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,<BR> + Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!<BR> + Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,<BR> + Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder<BR> + Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit,<BR> + Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning,<BR> + Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre<BR> + Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest!<BR> + Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?<BR> + Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen?<BR> + Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert,<BR> + Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden!<BR> + Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,<BR> + Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren,<BR> + Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden,<BR> + Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen.<BR> + O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen!<BR> + Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,<BR> + Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde<BR> + Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer<BR> + Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten,<BR> + Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden<BR> + Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder,<BR> + Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde<BR> + Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen<BR> + Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter<BR> + Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher<BR> + Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche,<BR> + Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,<BR> + Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,<BR> + Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!<BR> + Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors,<BR> + Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden!<BR> + Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,<BR> + Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern:<BR> + Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,<BR> + Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,<BR> + Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,<BR> + Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.<BR> + Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel,<BR> + Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße<BR> + Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung<BR> + Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.<BR> + Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,<BR> + Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen<BR> + Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden,<BR> + Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,<BR> + Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.<BR> + Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen!<BR> + Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen<BR> + Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers!<BR> + Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern,<BR> + Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn<BR> + Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen!<BR> +</P> + +<BR><BR><BR><BR> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND *** + +***** This file should be named 4083-h.htm or 4083-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/4/0/8/4083/ + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. 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By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</BODY> + +</HTML> + + diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..04ad8fc --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #4083 (https://www.gutenberg.org/ebooks/4083) diff --git a/old/7mutt10.txt b/old/7mutt10.txt new file mode 100644 index 0000000..b38517f --- /dev/null +++ b/old/7mutt10.txt @@ -0,0 +1,2510 @@ +The Project Gutenberg Etext of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel +#3 in our series by Friedrich Hebbel + +This Etext is provided in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 7-bit version. + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the laws for your country before redistributing these files!!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. + +Please do not remove this. + +This should be the first thing seen when anyone opens the book. +Do not change or edit it without written permission. The words +are carefully chosen to provide users with the information they +need about what they can legally do with the texts. + + +**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts** + +**Etexts Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971** + +*****These Etexts Are Prepared By Thousands of Volunteers!***** + +Information on contacting Project Gutenberg to get Etexts, and +further information is included below, including for donations. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a 501(c)(3) +organization with EIN [Employee Identification Number] 64-6221541 + + + +Title: Mutter und Kind. + +Author: Friedrich Hebbel + +Release Date: May, 2003 [Etext #4083] +[Yes, we are about one year ahead of schedule] +[The actual date this file first posted = 11/13/01] + +Edition: 10 + +Language: German + +Character Set: 7-bit ASCII + +****The Project Gutenberg Etext of Mutter und Kind, by Hebbel**** +*******This file should be named 7mutt10.txt or 7mutt10.zip****** + +Corrected EDITIONS of our etexts get a new NUMBER, 7mutt11.txt +VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 7mutt10a.txt + +This etext was produced by Michael Pullen, globaltraveler5565@yahoo.com + +Project Gutenberg Etexts are usually created from multiple editions, +all of which are in the Public Domain in the United States, unless a +copyright notice is included. Therefore, we usually do NOT keep any +of these books in compliance with any particular paper edition. + +We are now trying to release all our books one year in advance +of the official release dates, leaving time for better editing. +Please be encouraged to send us error messages even years after +the official publication date. + +Please note neither this listing nor its contents are final til +midnight of the last day of the month of any such announcement. +The official release date of all Project Gutenberg Etexts is at +Midnight, Central Time, of the last day of the stated month. A +preliminary version may often be posted for suggestion, comment +and editing by those who wish to do so. + +Most people start at our sites at: +http://gutenberg.net +http://promo.net/pg + + +Those of you who want to download any Etext before announcement +can surf to them as follows, and just download by date; this is +also a good way to get them instantly upon announcement, as the +indexes our cataloguers produce obviously take a while after an +announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter. + +http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext03 +or +ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext03 + +Or /etext02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90 + +Just search by the first five letters of the filename you want, +as it appears in our Newsletters. + + +Information about Project Gutenberg (one page) + +We produce about two million dollars for each hour we work. The +time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours +to get any etext selected, entered, proofread, edited, copyright +searched and analyzed, the copyright letters written, etc. This +projected audience is one hundred million readers. If our value +per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2 +million dollars per hour this year as we release fifty new Etext +files per month, or 500 more Etexts in 2000 for a total of 3000+ +If they reach just 1-2% of the world's population then the total +should reach over 300 billion Etexts given away by year's end. + +The Goal of Project Gutenberg is to Give Away One Trillion Etext +Files by December 31, 2001. [10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts unless we +manage to get some real funding. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of 10/17/01 contributions are only being solicited from people in: +Alabama, Arkansas, Connecticut, Delaware, Florida, Georgia, Idaho, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Michigan, Missouri, +Montana, Nebraska, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, +North Carolina, Ohio, Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, +South Carolina, South Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, +Washington, Wisconsin, and Wyoming + +*In Progress + +We have filed in about 45 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, +additions to this list will be made and fund raising +will begin in the additional states. Please feel +free to ask to check the status of your state. + +In answer to various questions we have received on this: + +We are constantly working on finishing the paperwork +to legally request donations in all 50 states. 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Noch stehen die zitternden Sterne +An der Woelbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen +Anfaengt, waehrend die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhaengt. +Frierend kriechen die Waechter mit Spiess und Knarre nach Hause, +Doch sie erloeste die Uhr und nicht die steigende Sonne, +Denn noch ruhen die Buerger der Stadt und beduerfen des Schutzes +Gegen den schleichenden Dieb, den spaehende Augen gewaehren. +Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter +Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen +Nach dem Fruehstueck kraechze, es kuemmert nicht Mensch noch Tiere. +Nur in den Staellen, die hinter die stattlichen Haeuser versteckt sind, +Wird's allmaehlich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde, +Und es bruellen die Kuehe, allein die Knechte und Maegde +Schwoeren sich bloss, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen, +Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden. +Nun, man muesste sie loben, wofern sie sich rascher erhueben, +Aber, wer koennte sie tadeln, dass sie sich noch einmal herumdrehn? +Ist doch die Kaelte zu gross! Der Fuss, dem die Decke entgleitet, +Schrickt zurueck vor der Luft, als ob er in Wasser geriete, +Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten, +Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen! +Dennoch lehnt schon am Pfahl der still vergluehnden Laterne +Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes, +Welcher sich selbst verzehrt, des OEls allmaehlich ermangelnd, +Kann man den Juengling erkennen, der unbeweglich hinueber +Schaut nach dem Erdgeschoss des Hauses ueber der Strasse. +Wahrlich, es muessen die Pulse ihm heiss und fieberisch huepfen, +Dass er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zaehne +Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern, +Hier so ruhig steht, als waer' er in Eisen gegossen. +Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Luefte, +Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser +Spueren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht. +Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm +Denn so ploetzlich Gefuehl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer +Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe +Zu verbreiten scheint. Er bueckt sich nieder, zu lauschen, +Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster. +Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben +Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen, +Lugt er schuechtern hindurch. Es ist ein bluehendes Maedchen, +Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend, +Nach dem Klopfenden spaeht. Er ruft: mach' auf, Magdalena! +Und enteilt in das Gaesschen, das links am Hause sich hinzieht. +Bald auch oeffnet sich seitwaerts das Dienerpfoertchen, doch halb nur, +Und den Fuss in der Tuer, beim Licht noch einmal ihn pruefend, +Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen? +Lass uns hinein--versetzt er--du wuerdest draussen erfrieren, +Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang, +Doch er haelt ihr den Pelz entgegen, in den er gehuellt ist, +Und nun tritt sie zurueck und geht voran in die Kueche, +Waehrend er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde +Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser +Jetzt darueber und setzt sich an einer Seite daneben, +An der anderen er. Die roetliche Flamme vergoldet +Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebraeuntes +Sticht ihr lilienweisses, mit blonden Locken bekraenztes, +Fein und angenehm ab. So musst du--beginnt sie--schon wieder +Auf die Strasse hinaus, und das am heiligen Abend? +Wer dem Fuhrmann dient,–-entgegnet er--feiert die Feste +Selten gemaechlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann +Dies und das im Gewoelb', und da die Kunden nicht warten, +Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise, +Fast in Vorwurfes Ton--du koenntest es lange schon besser +Haben, wenn du nur wolltest!–-Du meinst, ich koennte beim Kaufmann +Selber, koennte bei euch sein--versetzt er mit Laecheln--und freilich +Haett ich's bequemer und duerfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen. +Aber, das taete nicht gut!–-Er springt empor, und die Kueche +Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich ploetzlicher Wendung +Vor das Maedchen tretend und ihre Schoenheit betrachtend, +Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren! +Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich, +Dass er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn aengstlich, +Und er streichelt sie sanft und spricht die bedaechtigen Worte: +Wem ein altes Weib fuer seinen Groschen das Schicksal +Aus den Karten verkuendigt, der mag noch zweifeln und lachen, +Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder +Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen! +Haette der AErmste mich in solchem Elend gesehen, +Wie ich gestern ihn, er waere wohl ledig geblieben, +Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn troesten-– +Nicht verloren sein fuer seinen Jugendgenossen! +Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend–-ich habe +Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen, +Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen, +Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider. +Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte +Ihn so gut wie verloren, denn aengstlich, wie Suende und Schande, +Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen. +Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu fuehren, +Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen, +Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet, +Aber in welcher Gestalt! Wie gaenzlich veraendert! Du kannst es +Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es waere sein Vater, +Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren, +Weil er den Greis nicht fuerder ernaehren kann, wie so lange! +Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen, +Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern +Zu verbreiten fuerchtet, ich aber blieb ihm zur Seite +Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern. +Nun, die dienten zusammen!--Das Maedchen erhebt sich und schliesst ihn +Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller +Welchen ich jemals sah. Dem Totengraeber gehoerig, +Hat er die nassen Waende mit Brettern von Saergen beschlagen, +Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eroeffneten Graebern +Fett und modrig liefert. Die dunsten, dass, wer hereintritt, +Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr +Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber, +Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen, +Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natuerlich die Runde, +Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern +Und verlaesst sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Traenen, +Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich ploetzlich die Augen, +Welche ihr laengst schon stroemten, und spricht mit krampfhaftem Lachen, +Ihn bei der Hand ergreifend und ueber und ueber ergluehend: +Christian, weisst du was? Es ist der heilige Abend, +Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren! +Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft, +Kleider und Tuecher und Geld, und was noch etwa hinzukommt, +Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm, +Und sie koennen den Keller verlassen und wieder gesunden! +Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte, +Und der Weihnacht1) ist die Haelfte des Lohnes in Hamburg, +Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel, +Hat mich Wilhelm gestern fuer ewige Zeiten gesegnet, +Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre, +Die ich empfing, als ich sah, dass trockenes Brot ihm, wie Kuchen, +Schmeckte, Kaese wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen. +Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren: +Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden, +Ist es suendlich, als daechte der Reiche auf Kaiser und Koenig, +Und es straft sich noch haerter. So bin ich denn fest auch entschlossen, +Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen, +Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch wuerfeln!-- +Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Laecheln +Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem hoechsten Erstaunen +Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh +Eingewickelt, den sie vermisst und den er entwandte, +Um ihr Mass zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod. +Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren, +Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes +In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darueber ergrauen, +Und das Glueck hat Zeit, mir einen Finger zu reichen! +In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren +Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes? +Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem +Mehr zurueck Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven! +Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es wuerde +Mir das Gewissen belasten, du bist nicht laenger gebunden, +Wenn die Frist verlief, auch ist sie voellig genuegend, +Und wenn ich dich nicht loese, so magst du selber dich loesen! +Aber--ruft sie--was koennen so wenige Jahre dir bringen, +Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2), +Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen! +Darauf schwoere nur nicht--versetzt er--du wuerdest dich taeuschen, +Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen, +Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Fruehling zu Schiffe. +Schlage nicht gleich die Haende zusammen und halte die Schuerze +Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen, +Gestern kam's zum Entschluss! Die Welt ist anders geworden, +Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln +Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande +Und ernaehrte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil, +Wo man Loewen und Affen und Papageien umsonst sieht, +Nein, ich will das Plaesier mit Freuden noch laenger bezahlen, +Wenn wir ueber den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung! +Aber, wer kann, was er moechte! Wofuer mein Vater das Haeuschen +Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was fuer den Ochsen +Einst der Schlachter gab, das gibt fuer die Haut jetzt der Gerber! +Sprich, wo waere da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele +UEber die Erde versaet, und statt, wie einst, sich zu helfen, +Draengen sie sich und stossen und suchen sich neidisch die Bissen +Aus den Haenden zu reissen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere +Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis +Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten. +Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense, +Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heissen, +Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke. +Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen, +Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Maegden +Seine Gesichte verkuendigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt! +Hoere den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel +Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen, +Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend +Bin ich morgen zurueck und bringe Wilhelm das Seine, +Denn du wuerdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden, +Duerftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern +Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weisst du. +Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied, +Aber sie haelt ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schuettelt +Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schuechtern, +Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet, +Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet +Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich laechelnd, +Diesen Kuss zu nehmen und spricht: Das waer' ein Geloebnis, +Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben, +Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe +Mit den Gefaehrten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon draengten, +Wenn die Stoerche kommen, damit wir endlich erfahren, +Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte, +Reicht schon aus fuer das Schiff, und warum gingen nur wir nicht, +Unser Glueck zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinueber, +Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden! +Waere der Himmel geoeffnet und wuerde am Tore gelaeutet, +Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gaebe +Schier kein groessres Getuemmel, kein aergeres Rennen und Laufen: +Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel, +Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen. +Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor, +Und sein Koch ist voraus, es stosse im Moerser, wer Lust hat, +Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge, +Die sie so lange ernaehrte, und rechnen auf Arme und Beine, +Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist, +Und der Prediger kaum haelt's aus bei seiner Gemeinde. +Sollte der AErmste da fehlen? Ich daechte doch, diesem vor allen +Waere der Segen beschert, nur muss er sich freilich auch ruehren, +Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter. +Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern, +Unersaettlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden, +Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche, +Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche fuehren zu koennen, +Und du bist es wohl wert, dass mir dies wenige werde. +Haett' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und wuerde ihn willig +Wieder verlassen, wenn hier noch ein maessiges Glueck sich mir zeigte, +Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen, +Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt. +Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen, +Dass sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars! +Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser. +Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig, +Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln, +Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeraeucherte Zungen! +Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Gluecklicherweise +Hat mein Alter die Gicht! Da schlaeft er hinein in den Morgen, +Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fuers fleissige Schnapsen von frueher, +Sonst erging' es mir uebel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen, +Dass ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich, +Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten +Wirklich die Zuegel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren! +Keinen Kuss? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!-- +Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen, +Doch ihr rinnen die Traenen von neuem, es kann sie nicht troesten, +Dass die Raben noch kraechzen und nicht die Stoerche schon klappern, +Denn sie weiss: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange. + + +Zweiter Gesang. + +Waehrend dies in der Kueche geschah, ist alles im Hause +Nacheinander lebendig geworden, das fleissige Maedchen +Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer laendlichen Weise +Nach der Kaelte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdriesslich +Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdaemmert, +Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und OEfen +Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst voellig ermuntert, +Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Loeckchen +Sich entzuendete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd, +Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend. +Noch viel spaeter schluepfte der Kutscher in seine Pantoffeln: +Diesen weckt zwar gewoehnlich die Kaffeemuehle, doch huetet +Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist, +Denn er kaeme zu frueh, noch waere das Brot nicht geroestet +Oder die Sahne gesotten, das hat er laengst schon berechnet, +Und ein verstaendiger Mann verachtet nie die Erfahrung. +Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster +Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht moeglich, +Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Haeupten am Bett haengt, +Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken. +Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen +Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer +Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kaelte beschlagen, +Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen. +Darum bemerkt sie's auch nicht, dass Magdalena schon weinte, +Sondern erkundigt sich bloss, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat. +Nur der Bediente fehlt, der muss die Klingel erst hoeren, +Aber er ruehmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen, +Dass er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig +In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte: +Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen. +Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens, +Welches er ueber sich hoert, allein dem Springen der Bretter +Zuschreibt, wenn sie auch maechtig im klingenden Winter sich kruemmen, +Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend +In den Gemaechern herum, die koeniglich weit und geschmueckt sind, +Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen. +Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern +Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr noetig, doch mag er, +Wie er sie angezuendet, sie nicht auch selber noch loeschen, +Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen. +Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewaechse, sie fuellen +Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde +Haben ihr Schoenstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen, +Die er sonst wohl mustert, als waer' er in Holland geboren +Und ein Buerger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten, +Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geoeffneten Kelche +Hauchen ihm heute vergebens die heissen Duefte entgegen, +Welche den Papagei, er schliesst vor Behagen die Augen +Und ist betaeubt und berauscht, zurueck in die Heimat versetzen. +Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase: +Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter, +Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefuellt bis zum Rande +Waere sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung +Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum +Einen Waechter daneben, doch er, in ploetzlicher Wendung +Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade, +Stoesst sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es +Bloss des Geprassels wegen, das dennoch der tuerkische Teppich +Maechtig daempft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln +Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem +Nach der linken Seite hinueber, wo ihm die Gattin +Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt, +Spricht er laechelnd: so war denn doch noch ein Glueck bei dem Unglueck! +Und, als haette er nur die Kaffeetasse zerbrochen, +Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock +Erst um den Leib sich guertend und weiteren Schaden verhuetend, +Vor das Gemaelde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns +Marius unter den Cimbern im grimmigen Wuergen. Kein Koenig +Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der Koenig der Juden, +Auch kein reicher Praelat, kein Julius oder ein Bembo, +Noch viel minder ein Junker, was kuemmern sie Kuenstler und Dichter, +Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren, +Und von manchen bespoettelt, die mit ihm rechnen und tauschen, +Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte, +Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild. + +Freilich haelt ihn auch dies, so sehr er es schaetzt und bewundert, +Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer, +Dem gewaltigen Stier, der eben den Roemer gespiesst hat, +Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Saeugling +Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze, +Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht +Wieder verduestert ward durch jenes graue Geriesel, +Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet +Und die Finsternis mehrt, die Kaelte aber nicht mindert. +Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet +Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schraenke ihm zieren, +Bald auf Figuren und Buesten und bald auf Stiche und Buecher. +Alles besieht er und prueft's, er spaeht begierig nach Luecken, +Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes +Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es +Doch auch keinen Verdruss. Da faellt sein schweifendes Auge +Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben, +Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig +Wendet er's wieder ab, als saehe er, was ihn nicht freute, +Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer. +Waer' nur das Stueck kein Geschenk, ich wuerd' es noch heute entfernen, +Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoss sie +Oft schon Traenen davor, sie kann in der Fuerstin des Himmels +Nur noch die glueckliche Mutter erblicken und liesse ihr willig +Fuer den fluechtigsten Kuss des Kindes die ewige Krone. +Waer' doch der Tag erst vorueber, besonders der Abend! Die Domzeit3) +Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den goettlichen Kuenstler +Und sein koestliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete, +In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen, +Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden, +Welche den Gaensemarkt den ganzen Advent so beleben, +Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg +Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Laecheln +Halber Ergoetzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne, +Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern, +Die das haessliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer +Auch die OEchslein und Esel von Zinn, mit denen sie troedeln, +Und um die sich begierig die Knaben und Maedchen versammeln, +Und da kehren sogleich die bittren Gefuehle ihr wieder. +Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade +Alles so uebel sich traefe! Der Affe ist nicht gekommen, +Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Voegel +Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde +Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr. +Waere die Blumenuhr nicht da, ich muesste verzweifeln, +Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden, +Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen, +Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute +Fest geschlossen, den Mittag, die tuerkische Tulpe den Abend, +und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkuendigt, +Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Dueften +Abzuzaehlen und Farben, die alle Wunder der Ferne +Vor die Seele ihr ruecken! Er wiederholt es und klingelt +Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fusse der Doktor, +Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht +Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet. + +Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen-- +Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber +Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder! +Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht +Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln, +Welche aus Freudentraenen bestehen sollen, ich muesste +Sonst auch den AErger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert, +Wie er wohl koennte. Sie laecheln? Sie glauben, dass ich nur scherze +Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt? +Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln? +Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Baeume, +Welche er pflanzt und begiesst und saeubert von Raupen und Wuermern, +Werden ihm nimmer zu gruen, doch leicht die Armen zu froehlich, +Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken, +Welche ein Maertyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren; +Wen man aber beschaemt, den wird man zugleich auch erbittern. +Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer +Einmal besteht, durch Milde nicht fuellen wollen, man kann's nicht, +Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken, +Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich huellen. +Denn es ist nicht genug, dass bloss die Rechte nicht wisse, +Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen; +Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken! +Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Ruehrung-- +Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und ueben +Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt, +Heute muessen Sie's hoeren, ich heisse seit Jahren das letzte +Unglueck aller Heroen, und meine verrufene Zunge +Schont auch so wenig den Caesar, als Bonaparte und Friedrich, +Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen, +Aber wenn ich das Grosse in Voelkerwuergern und Kuenstlern, +Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer, +Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schaetzen, +Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben. +Waeren Sie nur auch so gluecklich, als gut! Wie ging es denn gestern?-- +Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme: +Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder +Ihr die Hoelle im Busen entzuendet, das Schlimmste ist aber, +Dass mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren. +Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge +Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen +Auf die Trauerweide hinueber und fand sich getroestet: +Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Raeume des Jubels, +Aber der Kirchhof rueckt in immer weitere Ferne, +Und doch stehen die Saerge so nah an den Wiegen und werden, +Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden, +Oft aus dem naemlichen Baum vom naemlichen Meister gehobelt, +Ja, ich fuerchte fuer sie, ich will es nicht laenger verhehlen, +Und Sie fuerchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen, +Und so mag es wohl kommen, dass sich der letzte der Bettler, +Welchen ich heute beschenke, noch gluecklicher fuehlt, wie ich selber, +Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke. +Ihrethalben koennte ich wuenschen, wir waeren katholisch, +Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit, +Und ihr goettliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken, +Wie es der zwoelfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen, +Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkaempfte. +Denn da duerft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade +Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe +Zu Jerusalem wuerde die Hoffnung voellig erloeschen, +Aber da waere zugleich doch auch das Leben zu Ende. +Was mich selber betrifft, so fand ich mich laengst in mein Schicksal, +Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet, +Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen. +Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine. +Wissen Sie, was mich zumeist am grossen Brande entsetzte, +Welcher ein Fuenftel der Stadt in Asche legte vor Jahren? +Nicht die flammenden Strassen mit ihren donnernden Haeusern, +Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten; +Nicht der tueckische Wind, der, wie ein daemonisches Wesen, +Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden; +Nicht die lodernde Boerse mit all den Kaisergestalten, +Die das roemische Reich, doch auch uns Buerger bevogtet; +Nicht die gruenlichen Flammen der Tuerme, welche von Kupfer +Sich ernaehrten und Blei und graesslichen Regen verspritzten; +Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5), +Fast so entsetzlich fuer uns, als braeche die Erde zusammen; +Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles +UEberwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so dass man +Keine einzige hoerte, als waeren die Zeiten vollendet, +Und als muesste der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen: +Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter, +Welche mit Ratten und Maeusen verschuechtert zutage sich draengten, +Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen +Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune. +Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde, +War es verborgen gewesen, und stahl sich, als waere es Suende +Gegen die gluecklichen Brueder, auch jetzt noch zoegernd und aengstlich, +Und vom draeuenden Tode gejagt, hervor aus den Loechern! +Maenner, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg, +Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen. +Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Gueter und schaemte +Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich +In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Raetsel +Meines Lebens geloest. Fuer diese stroemen die Schaetze +So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt, +Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es +Bis zur Stunde noch fort! Ich moechte, wie Fugger in Augsburg6), +Ein Asyl begruenden, in welchem es nimmer an Mitteln, +Eher an Duerftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern, +Die man mit Pulver und Blei verscheuchen muesse. Sie sind wohl +Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen, +Und, anstatt die Erde in unersaettlicher Goldgier +Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen, +Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wuesten und weise +Ihnen die AEcker an! Das heisst, sich selber beschuetzen, +Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine, +Die wir freilich mit keinem zu teilen vermoegen, und sollen +Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt: +Fuerchterlich koennt' es sich raechen! Ich wuerde mit Freuden beginnen, +Und mir waer' es genug fuers Leben und sicher fuers Sterben, +Wenn ich mir sagen duerfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten +Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden, +Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln! +Ja, mir waer' es genug! Doch sie ist anders geschaffen, +Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse, +Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kraefte. +Anfangs freute ich mich, dass sie am heutigen Morgen +Nicht so frueh, wie gewoehnlich, erwachte, aber es waehrt mir +Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen, +Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends? +Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken +Bringe ich mit: Sie moegen ihn nun als toericht verwerfen +Oder, wie ich, als troestlich mit einiger Freude begruessen, +Immer verdient er die Pruefung. Ich war vorhin in der Kueche, +Und da fand ich das Maedchen vom Lande in bitteren Traenen, +Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen. +Sie eroeffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber +Sie befreite, vertraut sie mir, als waer' ich ihr Vater. +Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem +Und dort unten am andern! Es waere vielleicht noch zu helfen, +Wenn man die Haende sich boete. Denn: Alles beruht ja auf Mischung! +Sagt Apotheker Franz, der Helgolaender, und kaemen +Mit den Kraeutern des Berges die Kraeuter des Tals nicht zusammen, +Wuerde kein UEbel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen. +Nur nicht zu frueh erwarten Sie mich. Ein gluecklicher Schneider, +Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich +Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich, +Und ich moechte wirklich das kleine Fest nicht versaeumen, +Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel +Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude. + + +Dritter Gesang. + +Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen, +Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert +Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen? +Ploetzlich fuehlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin +Hat sich ihm leise genaehert, und wie er sich wendet, erstaunt er +UEber den klaren Blick des reinen Auges und freut sich, +Sie so ruhig zu finden. Sie kuesst ihn herzlich und drueckt ihn +Mehrmals gegen die Brust, als waere der Morgen der Hochzeit +Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschluepfend, +Die nach in ihr schmueckten, und ueber die trennende Schwelle +Ihm entgegenhuepfend, an welcher er schuechtern und lauschend +Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen, +Dass sie nur darum so lange das kargste der Maedchen gewesen, +Um als reichste der Braeute noch in der letzten der Stunden +Fuer die erduldete Strenge ihm ueberschwenglich zu lohnen. +Denn, wie mancher Baum, zu dessen Fuessen die Veilchen +Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Luefte +Unermuedlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe +OEffnet, bevor der Mai den Fruehling goettlich besiegelt: +Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles +Abgeschlagen, was selbst die sproedeste Sitte gestattet +Und die sorglichste Mutter nicht ruegt, und still sich bescheidend +Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quaelende Zweifel. +Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fuelle +Auch in heisseren Dueften und volleren Blueten entbindet, +Als die uebrigen alle, die nichts zusammengehalten: +Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde, +Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden, +Alle Wonnen gehaeuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt. +Unvergesslich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten +Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten haett' er +Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet. +Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert, +Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Fruechte am besten +Schmeckten, oder gepflueckte, ich hatte soeben von beiden, +Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch, +Was mir den innigen Gruss verschafft hat, den ich so zaertlich +Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte, +Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung, +Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern liess und versinken, +Als ich die Elbe bereits mit guenstigem Winde hinauftrieb. +Sanft erroetend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben, +Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist +Und mich dennoch beaengstigt: fuer diesen koennte ich danken! +Lass mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen, +Und ich muesste vielleicht, wenn ich noch weiter erzaehlte, +Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die OEde, jetzt weiss ich, +Was es bedeutet, allein in weiten Gemaechern zu sitzen, +Alle Stunden des Tages zu zaehlen und doch sich bei keiner +Sagen zu duerfen: nun tritt er herein, nun prueft er die Mienen +Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen, +Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm laecheln, +Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden, +Nicht aus Grille bloss mir eingebildet! Drum will ich +Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele +In dem grossen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen, +Welcher zu Pfingsten die Strassen durchzieht, dass er Buerger erfahre, +Wie man sie kleidet und naehrt, ist jaehrlich noch immer gewachsen: +Nehmen wir eine heraus! Wir koennten heute noch waehlen, +Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Maedchen, +Was dir gefaellt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden, +Zweie im Himmel gluecklich! Ich werde dich selber begleiten. +Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Laecheln--so wollen +Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen, +Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter +Nicht sogleich aus den Armen den Saeugling nehmen und, gaenzlich +UEber sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn +Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen! +Denn wie sehr ich mich auch der schoenen Wallung erfreue, +Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer missbrauchen, +Und sie kommt mir zu rasch, als dass ich ihr voellig vertraue! +Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner +Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal +An der Tuer sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Maedchen! +Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen, +Denn die hohe Gestalt im weissen Morgengewande +Mit den gluehenden Augen und reichlich wallenden Locken +Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet +Nichts zurueck auf die Jugend, das unentwickelt und unreif +Nicht zu zeitigen waere, und nichts hinein in das Alter, +Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte +Zwischen Bluete und Frucht, der koestliche Gipfel des Lebens, +Wo in holdester Pause die endlich gesaettigten Kraefte +Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen. +Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu begluecken, +Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfasst sie, +Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt +Aus den aeltesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen, +Aber nicht laecheln kann, mit froehlichem Nicken verschwindet +Und die Tuere sich schliesst. Denn diese hat sie im Traume +Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen, +Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen, +Deutlich sich eingepraegt. Er sollte kommen und kam nicht, +Aber statt seiner erschien nach langem aengstlichen Harren, +Waehrend es die Minuten vorueberkrochen, wie Stunden, +Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebaerden, +Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu waehlen, es warte +Draussen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal, +Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten, +Ganz besonders die Bueste des Abgeschiednen, nicht treuer +Haenge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen, +Als es sich ueber dem Grabe zur groesste Zierde des Kirchhofs +Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie +Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Ruehrung +Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stuendlich +Von den Tuermen erschallt in frommen Choralmelodien, +Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben. +Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes, +Dass es nicht schaetzt, was es hat, und ueberschaetzt, was es nicht hat, +Drueckte sie so darnieder, als waere nur sie ihm erlegen, +Waehrend doch alle zusammen den Duft der lockenden Fruechte +Gleich beim Pfluecken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern +Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte, +Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber +Ihn zu pluendern und sich zu taeuschen! Der bittre Gedanke, +Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verduestertes Wesen +Stille Freude getruebt und edel verheimlichten Kummer, +Statt ihn zu lindern, erhoeht zu haben, verliess sie nicht wieder: +All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist, +Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert +Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren, +Traten in greller Beleuchtung vor ihre geaengstigte Seele, +Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen, +Eh' sei ein stilles Geluebde im tiefsten Gemuete beschworen. +Fest auch steht ihr Entschluss, es unverbruechlich zu halten, +Ja, sie wiederholt's, indem sie der Tuere den Ruecken +Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedaechtnis gerufen, +Dass sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt. +Als sie ins eigne Gemach zurueckkehrt, trifft sie die Zofe +Eben vorm Spiegel: sie moechte von Magdalenen berichten, +Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist +Und ob wirklich die Strasse mit Totengerippen gepflastert, +Wie sie auf aengstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren. +Aber die Toerin erroetet und schleicht sich davon, als sie ploetzlich +Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hoeren, die Nadel +Greifen sieht, um vor Nacht noch die laengst begonnene Arbeit, +Welche schon aufgegeben erschien, fuer den Herrn zu vollenden. +Denn die Neugier will's durch taetige Busse beweisen, +Dass sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig, +Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten +Prunkend und prahlend erscheinen, gehuellt in die neuesten Roben, +Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen, +Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen. +Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stoeren und hindern, +Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren, +Fuer ihr erstaunliches Glueck, das Mode-Journal zu beschaemen. +Denn es will ihr duenken, als haetten sie, taendelnd und gaukelnd +Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel, +Wie die Voegel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend, +Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung +Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen, +Als bestaendig zu brueten, den Liebsten aber zu quaelen. +So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung, +Welche sie ueber sich selbst im Geist erhebt und sie kraeftigt, +Waehrend im zierlichen Fleiss der Finger das Herz sich erleichtert. +Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen, +Die sie bestimmt fuers Haus--seit Jahren tat es die Zofe-- +Dann, sich festlich zu schmuecken, und beides dauert so lange, +Dass der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen. +UEbergluecklich begruesst der Kaufherr ihn und erzaehlt ihm, +Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen. +Doch der Alte erwidert als Pruefer der Herzen und Nieren: +Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fuehlen, +Wenn sie das UEbel verliess, sich frei von Wunsch und Verlangen, +Denn sie haben das Mass des Menschlichen wieder gewonnen, +Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen. +Aber das aendert sich wieder. Drum muss man die Pause benutzen, +Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung +Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen, +Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut, +Und der goettliche Same mag Wurzel fassen und treiben. +Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie +Selbst den Entschluss gefasst, der einzig hilft auf die Laenge, +Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglueck, +Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen, +Nun, so muessen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln, +Und es trifft sich besonders!--Da oeffnet sich ploetzlich die Tuere +Und im seltensten Putz, sie weiss, wie sehr es ihm schmeichelt, +Wenn sie die eigenen Reize erhoeht durch seine Geschenke, +Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte +Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide +An den Haenden fassend, beginnt er eifrig von neuem: +Unten verbringt das Maedchen, das ich dem Hause empfohlen, +Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Fruehling +Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben, +Oder so viel zu erwerben, als noetig ist fuer die Heirat; +Hier vermisst Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen +Und mit gluehenden Wangen von einem Tische zum andern +Huepfen sollte und Euch durch Haendeklatschen und Jubeln +In die Jugend zurueckversetzen! Da moecht' ich doch raten: +Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben! +Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen, +Wenn das Wort sich bewaehrt, das alte, vom Stamm und vom Apfel, +Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen, +Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines, +Denn Ihr waehlt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren, +Wie es doch sonst wohl geschaehe, es wird Euch von oben gesendet, +Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden +Und Ihr heisst es vielleicht, als waer' es ein eignes, willkommen. +Ja, es koennte sogar fuer Euer eigenes gelten, +Wenn Ihr wolltet, Ihr naehmet die Mutter mit auf die Reise, +Welche Ihr jaehrlich macht, und kaemet ohne sie wieder: +Sie vergaess' es ueber das zweite und faende sich gluecklich +Ander Seite des Gatten in Huelle und Fuelle des Wohlstands, +Aber es wuerde bei Euch auf einmal lebendig und froehlich, +Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Haeusern! +Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch erroetend: +Dieses waere das Beste, und also muss es auch werden! +Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten, +Aber bevor noch der Saeugling den Mutter-Namen gestammelt, +Muss sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen! +Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Maedchen! +Und er verlaesst das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Tuere, +Unwillkuerlich gedraengt, ihn umzurufen, doch haelt sie +Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet, +Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir duerfen es nehmen, +Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurueck und erwidert: +Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen: +Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen. +Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten, +Oder es gluecklich zu wissen, und gluecklich koennen wir's machen, +Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen. +Abraham wurde geprueft, er sollte den Isaak schlachten, +Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens, +Aber mit laechelnden Mienen, der Sarah den Liebling entfuehrte; +Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg, +Oder den Opfer-Altar mit bebenden Haenden erbaute; +Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Haelschen entbloesste, +Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel! +Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden. +Darum fuerchte dich nicht der Suende in deinem Gewissen: +Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung. +Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Voegel und Blumen, +Die dich so freundlich begruessen und sage mir, ob ich's getroffen? +Sie entgegnet: ich habe da drueben fuer dich auch ein Tischchen, +Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genuegsam, +Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide, +Um hinueber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken, +Dass die tuerkische Tulpe vor ihren Augen sich oeffnet, +Ja, sie wuerden nicht horchen, wenn ploetzlich die Sterne erklaengen. +Bald auch kehrt der Doktor zurueck mit vergnuegtem Gesichte, +Ihn begleitet das Maedchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen, +Aber sie laechelt dabei. Sie moechte reden und danken, +Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Fuessen. +Diese erhebt sie und kuesst sie. Da schallen Hoerner und Zinken +Fromm von der Strasse herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder, +Aber sie faltet die Haende und blickt gen Himmel. Die Gatten +Knieen neben ihr ihn, und also schliesst sich die Weihnacht. + + +Vierter Gesang. + +Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein, +Denn die grimmige Kaelte war umgeschlagen, es hatte +Tuechtig geschneit und die Wege verschuettet, da galt es, zu schaufeln, +Aber das tut der Bauer allein fuer die Posten des Koenigs. +Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen +An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde, +Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die laengst schon +Ungeduldig geharrt und gespaeht durch das niedrige Fenster, +Ruft ihm, mit hastigen Haenden das eingefrorene oeffnend, +UEber die Strasse entgegen: Ich muss dich heute noch sprechen! +Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter, +Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schuettelnd, +Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann. +Jetzt auch waehrt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere +Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer +Wuerd' er sie anvertrauen, er muss sie selber besorgen. +Aber, nachdem er sie alle mit waermenden Decken behangen +Und in die reinlichen Troege den goldenen Hafer geschuettet, +Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kuemmel erquickt hat, +Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer +Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinueber, +Denn es ist ihm zu neu, sein Maedchen rufen zu hoeren, +Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie +Ganz allein in der Kueche bei ihrer Lampe, die andern +Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite, +Und er verwundert sich sehr, sie unbeschaeftigt zu finden, +Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch +Kann sie, das weiss er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen, +Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu duerfen. +Aber, wie waechst sein Erstaunen, als sie, die Schaemige, Scheue, +Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drueckend, +Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Baeren nicht fressen! +O, ich weiss es gar wohl, was ueber dem Meer dich erwartet, +Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen, +Und den Menschenverkaeufern, die schlauer, wie ehmals die Werber, +Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet, +Denn noch nie ist das Herz mir bedraengt gewesen, wie gestern, +Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten +An der Strasse und weisen dich stumm zurueck in die Heimat, +Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele, +Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig +Hinter sich laesst, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du +Endlich selber zu einem. Und kaemst du auch wirklich ins Goldland, +Ohne vorher zu verhungern, und waerst so gluecklich, die Ader +In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du, +Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Raeubern erschlagen, +Denn der Teufel regiert, und einer toetet den andern, +Um nicht graben zu muessen und dennoch Schaetze zu haeufen! +Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre: +Kalifornien ist der offene Rachen der Hoelle, +Welcher sich ploetzlich geoeffnet, um Seele und Leib zu verderben, +Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorueber! +Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend: +Immer hab' ich dich sonst gefasst und besonnen gefunden, +Hat denn deine Natur auf einmal sich voellig veraendert? +Gehen werd' ich gewiss, doch haett' ich dir's gern noch verborgen, +Um dir das Fest nicht zu trueben, allein der Schmied und der Tischler +Haben geplaudert, da waer' es dir dennoch zu Ohren gekommen +Und du haettest am Ende geglaubt, ich wollte dich taeuschen, +Darum musste ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter, +Monde noch nennen wir unser, warum sie suendlich verjammern? +Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen +Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen, +Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen! +Aber sie laechelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen, +Um es bestaetigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen! +Siehe, ich flehte ihn an, die Pruefung, wenn auch nicht gaenzlich +Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden, +Und er hat mich erhoert. Was sollte ich nun nicht ertragen, +Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde +Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem waer' ich erlegen. +Aber du weisst ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft +Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe. +Schuettle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage, +Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet +Oben schon lange auf dich, so geh und hoere das Weitre! +Aber der Juengling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd: +Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden, +Und was hab' ich getan, dass sie um mich sich bekuemmern? +Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es! +Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles +Hab' ich dir laengst zu verdanken! Ich fuehl' mich nicht besser, wie andre, +Und ich wuerde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen, +Bis ich mich selber verloere, wenn du nicht waerest! Fuer alles +Kommt der Tag der Versuchung. Das taegliche Leben und Treiben +Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verlaesst, und sie wechselt +Gern, wie der huepfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase, +Um sich selbst zu betaeuben, und hatten die Karten so lange +Feurige Raender fuer ihn, die an den Teufel ihn mahnten, +Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen +Sie ihm ploetzlich vergoldet und locken durch alle Figuren. +Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote +Ihm die Strasse zur Hoelle versperren, wenn Vater und Mutter +Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Maedchen +An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels +Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln, +Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe +Ist gar leicht zu trueben und seinen aengstlichen Blicken +Kann sich keiner entziehn, da fuehlt sich der Mensch denn gehalten! +So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren, +Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte +Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen +Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Huettchen verlassen, +Um dem Bauern das Vieh zu hueten, zuerst nur die Gaense, +Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kuehe, +Und ich fuehlte mich gluecklich, fuer sie zu sorgen, auch hielt ich +Ihnen die Not von der Tuer. Da raffte die tueckische Seuche +Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen +Blieben mir zwar, und ich konnte allmaehlich manches mir schaffen, +Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife +Keinen Ersatz fuer das Laecheln der Mutter, womit sie mir's lohnte, +Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe +Fuellte, oder im Fruehling zur Mastung ein Ferkelchen brachte. +Da begann ich zu rechnen, und leider musst' ich's bejahen, +Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig +Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter, +Hoechstens koennt' ich den Doktor aus eigenem Saeckel bezahlen, +Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner, +Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug +Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder, +Was ich zerriss in der Woche, und mischte mich unter die andern, +Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren. +Wohl gekaemmt und gebuerstet, und blank in der Tasche den Taler, +Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen, +Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich draengen, +Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Graeben und Suempfen, +Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1) +Und die Schiffe zu zaehlen, die eben kommen und gehen, +Oder die Gaerten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn. +Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause +Besser und billiger hatte, ich liess mir's sogar noch gefallen, +Dass wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Maekler nicht machen. +Aber, als sie nun riefen: jetzt muessen wir karten und kegeln +Und den guten Likoer daneben versuchen, da sprach ich: +Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch hoehnten, +Denn oft sagte mein Vater, es wuerde keiner die erste +Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte +Einst nach Jahren und Monden verlassen wuerde, auch schluepfte +Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wuesste, +Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre. +Nicke mir nicht so freundlich, es waer' wohl noch anders gekommen, +Denn der Grund, der mich trug, ich fuehl' es noch heute mit Schaudern, +Wankte mir unter den Fuessen, und Taumelnde koennen auch fallen, +Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter, +Als ich mich vor dem Verfolger nicht laenger zu schuetzen vermochte. +Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben, +Denn ich fuehlte mich gluecklich, daheim zu sitzen, ich hatte +Angst vor der grossen Stadt, und wuenschte mich ebensowenig +In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe, +Wenn sie flutet, hinein. Da aber hiess es bestaendig: +Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen, +Dass sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester, +Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag, +Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als waer' es +Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen +Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnuegen +War, die Stunden zu zaehlen, mein Kleid im Gedraenge zu schuetzen +Und mir die Strassen zu merken, um abends den Rueckweg zu finden. +So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich ploetzlich +Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen, +Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen, +Aber er wollte mich kennen, und gruesste von Vater und Mutter. +Als ich ihm sagte, er irre, die laegen schon lange im Grabe, +Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite. +So gewiss ich auch wusste, dass keiner mich kannte, so wollt' ich +Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe +Unter den Meinen geschaehe, und suchte ihm rasch zu entkommen. +Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte: +Nichts gewann ich ihm ab, und spoettisch rief er am Ende: +Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen? +Nun begann er sogar, von haesslichen Dingen zu reden, +Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden, +Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge. +Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschliessen: +Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen. +Aber er hoerte nicht auf, es wurde je laenger, je aerger +Und zugleich auch die Gegend verlassner und wilder und wilder. +Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das froehlich und mutig +Klang und mir Hilfe verhiess, ich schrie, so laut ich's vermochte, +Und es waehrte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte +Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre +Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase, +Welches an schwarzem Bande ihm baumelte ueber der Weste, +Sprach, er sei kein Raeuber, doch ich das albernste Gaenschen, +Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber, +Mit den Augen mich pruefend und ueber und ueber ergluehend, +Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme: +Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande, +Wo man die zinnernen Kruege vor Zeiten, wie lederne Schlaeuche, +So mit den grimmigen Faeusten zusammendrueckte und quetschte, +Dass das verschuechterte Bier die Decke bespritzte und Loecher +Machte, als kaem's aus der Buechse! Er lachte hoehnisch und sagte, +Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber: +Hier ist ein Taler, mein Freund, nun fuehr' Er die Liebste zu Ahrens, +Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken, +Aber der Juengling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd: +Kind, ich haette mich selbst des Zorns nicht faehig gehalten, +Der mich so ploetzlich ergriff, und keiner meiner Genossen, +Denn ich galt fuer ein Lamm. Auch waer' ihm gewiss nichts geschehen, +Haett' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon +Haetten ihn sichergestellt, ich haett' mich im stillen geaergert, +Auch vor dir mich geschaemt, und doch wohl albern gelaechelt, +Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern +Rock auf dem Leibe trug, und liess mich drillen und haenseln. +Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet, +Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer, +Als ich mich je noch gefuehlt im ganzen Leben, und eher +Haett' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite, +Aber du faltetest doch die Haende und schienst mich zu bitten, +Ihn zu verschonen, als ihm die buendige Probe erlassen, +Dass die Faeuste noch immer in Wesselburen gedeihen3). +Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen, +Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken, +Dass ich dich kennen gelernt, wie haett' ich dich sonst wohl getroffen? +Und du waerst auch vor mir vielleicht so aengstlich gelaufen, +Wie nur immer vor ihm, drum wuensch' ich ihm nicht einmal Narben. +Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel! +Muss ich gewiss nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich +Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken, +Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pfluegen und dreschen, +Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch +Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jaeger +Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon graesslich, +Dass man darin nicht bloss ertrinken, sondern darauf auch +Schmaehlich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen +Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stuerme und Fluten +Uns das Laendchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Voegel +Mit den langen Haelsen und oft noch laengeren Schnaebeln, +Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier +Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kraeuter +Mit den wolligen Blumen erfuellten mich immer mit Grausen, +Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stossen, +Wie sie aus Schiffer-Graebern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun, +Um das Knabengeluest nach Bernstein niederzukaempfen +Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's +Ward, den Entschluss zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen! +Aber ich war es dir schuldig, und waer' es mir uebel ergangen, +Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen, +Was der Schmied und der Tischler erwarten, so waere ich drueben +Bis an mein Ende geblieben, und waer's auch als Sklave gewesen, +Um dein Glueck nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten. +Du verfaerbst dich? Was hast du? O, haette ich Narr doch geschwiegen, +Diese erzaehlte mir Traeume, und ich, ich nahm sie fuer Wahrheit! +Aber das Maedchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren, +Die man erst voellig erkennt, nachdem sie voruebergegangen! +Also hatt' ich doch recht, sogleich das AErgste zu fuerchten +Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer, +Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach, +Weil es zu ploetzlich kam und mich verwirrte, so zeige +Du dich dafuer als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort! +Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wuenschen, +Und wir sollen dafuer--– ich weiss nicht, ob ich's verstanden, +Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen! +Und dem Kaufherrn, welcher die Tuer soeben geoeffnet, +Tritt der Juengling entgegen und spricht: Ich habe das Maedchen +Nie als toericht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben, +Dass ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet. +Wenn es aber so waere, wie sie verkuendet, so koennt' ich +Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft, +Und der juengre Verwalter hat das voraus vor dem aeltern, +Dass er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloss ackert. +Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt, +Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen. +Wahrlich, ich werd' es an Fleiss nicht fehlen lassen, ich stehe +Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette, +Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide, +Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen! +Aber der Kaufherr spricht: Ihr saeet und erntet euch selber, +Ich bin hoechstens noch da, wenn UEberschwemmung und Misswachs, +Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen, +Um euch helfen zu koennen, im uebrigen seid ihr die Eigner, +Und verpflichtet euch bloss, nicht wiederzukehren nach Hamburg, +Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fusse des Brockens, +Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen +Und es zum Traeger des Namens, sowie zum Erben ernennen. +Christian, erst so erstaunt, als wuerd' er belehnt mit der Erde, +Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft +Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten, +Faehrt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese +Ruft: So ist's! Wir geloben's! und haengt mit aengstlichen Blicken +An dem Munde des Juenglings. Er schweigt noch lange, doch endlich +Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet +Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte. + + +Fuenfter Gesang. + +O, wie schoen ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter +Schon der Lenz sich versteckt, wenn frueh am Morgen die Lerche +Wirbelt, als haette sie laengst das Veilchen gesehen, und dennoch +Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkroeche, +Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln +Durch den naemlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte, +Waehrend die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet, +Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung +Jener spaetern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer +So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kaelte +Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben +Und es kommen die Raben, die einen nicht laenger gefesselt +Von der Waerme, die andern nicht laenger geschreckt, auch erblickt man +Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen, +Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmaehlich verlierend, +Schliesst in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblaettert, +Sondern der Schnee begraebt!--Die schoene Zeit ist gekommen, +Und ein glueckliches Paar, vom kurzen Tage ermuedet, +Weil es die spaerliche Frist, die zwischen den Nebeln der Fruehe +Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiss zu verdoppeln gewohnt ist, +Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe +Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden, +Wie es der Landmann macht, um sich den Genuss nicht zu schmaelern. +Dann hebt Christian an: Ich habe die AEcker und Wiesen +Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen, +Dass ich auf eigenem Boden mich muede gelaufen. Er ist zwar +Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in muessigen Stunden +Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen, +Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem +Fallen laesst, wenn er nachts mit vollen Saecken vom Blocksberg +Abfaehrt, um sich dafuer in Holstein Seelen zu kaufen, +Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge +Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert, +Waehrend sie einige AEpfel als unerwarteten Nachtisch +Bringt und laechelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten +Naeher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden, +Welche Fruechte er traegt, wieviele, und wann er gesetzt ist. +Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Staemme +Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkuendet, +Welcher vorueber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern, +Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum, +Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet, +Eigenhaendig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen, +Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jaehrlich ein Koerbchen, +Ganz bis oben gefuellt mit allen Sorten zur Labung, +Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede +Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten, +Wie sie der Gaertner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen, +Weil die Huegel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn, +Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es waere Verschwendung, +Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du? +Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es oeffnet: +Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder, +Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender +Auf der Tuere am Stall noch eine Woche, doch weiss ich, +Dass sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele +Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren, +Oder auch nur aufs Geheiss zu warten und Kaffee zu fordern, +Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen! +Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu traeumen. +Magdalena versetzte: Ich hoere nicht auf, mich zu wundern, +Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich +UEber die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren, +Waehrend Vater und Mutter zu Fusse gingen und triefend +Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft +Und den Doktor als Zeugen zu haben, waehrend die Eltern +Hirt und Waechter dienten und muerrisch das Wetter verfluchten, +Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren! +Waere dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du +Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und haette +Ich nicht die Locken zerdrueckt und Kranz und Baender verschoben, +Als ich zur Seite rueckte: es waere zu praechtig gegangen, +Und man haett' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet; +Aber nun gab's fuer die andern in Huelle und Fuelle zu lachen, +Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erroeten +Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen, +Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig +Oder zu spaet mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon, +Hinter den Stuehlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend, +Um vom brummenden Kuester nicht fortgetrieben zu werden, +Manche Trauung gesehn und alles gehoerig beachtet, +Was den Braeuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!-- +Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme +Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke, +Hab' ich die Welt im Ruecken und koennte Koenigen selber +Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Kloetze +In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig +Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen, +Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer, +Statt von Messing? Wie glaenzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen, +Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir koennten ihn wieder verkaufen, +Wenn mein Bart nicht waere, und diesen lasse ich wachsen, +Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer. +Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder +Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe +Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen, +Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln, +Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war: +Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte +Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verraeuchert +UEber dem Ofen und hatte gewiss schon den zehnten Besitzer, +War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstueck, +Wo der Wuestling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen. +Trunken hebt er das Glas, den Wein verschuettend, zu Fuessen +Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestossen, +Welches ein Hund beschnueffelt, indes er, wenn er sich wendet +In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten +Oder beschmutzen muss, und dies muss einig geschehen, +Wenn er nicht stuerzen will. Der Tisch ist reichlich beladen +Mit den erlesensten Speisen und ausgewaehlten Getraenken, +Aber ich wuenschte mir nichts vom ganzen glaenzenden Gastmahl +Fuer den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es +Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden +Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist, +Dass er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette! +Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen, +Dass ich mein Feuer schuere und nicht mit dem Schmied und dem Tischler +Auf dem Ozean schiffe, du aber traeume geschickter +Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's +Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekraeftigt!-- + +So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen, +Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter, +Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise! +Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe. +Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde, +Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen, +Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen +Wieder ruhen, versucht sich die laengst gedengelte Sense +Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel +Mit dem froehlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut, +Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet, +Und der heisse Hollunder, dem Maiengloeckchen verschwistert, +Welcher die Nachtigall durch seine betaeubenden Duefte +Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne +Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Voegel +Sind fuer den Ackrer nicht da. Doch Samstags bueckt er sich gerne, +Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Straeusschen +Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags, +Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang. +Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte +Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemuese, +Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen +Oder der frische Spinat, und was die guetige Erde +Weiter bietet. So sind die froehlichen Pfingsten gekommen, +Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen, +Um die festliche Rast mit Ruhe geniessen zu koennen, +Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder. +Stumm am Herde beschaeftigt und gegen die Tuere den Ruecken +Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hoeren, da tickt er ihr leise +Mit den tauigen Blumen auf ihren gluehenden Nacken, +Dessen Tuch sich verschob. Sie faehrt ein wenig zusammen +Vor der ploetzlichen Kaelte, wie wird ihm aber zumute, +Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit +Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen, +Dass er koste und lobe, den Strauss in wilder Bewegung +Aus den Haenden ihm reisst und in die Flammen ihn schleudert. +AEngstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch oeffnet, +Stuerzt sie ihm an die Brust und weint, als haette sie eben +Himmel und Erde gekraenkt und koenne sich nimmer verzeihen. +Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen, +Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde +Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stuendchen +Frueher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten, +Doch erklaerte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zuenden, +Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet, +Als sie die Traenen erblickt, die immer noch rollen, und der sie +Hastig erzaehlt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil +Nicht das Verkehrte glaube. Die fuehrt sie schmunzelnd beiseite, +Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet: +Ruft mich herueber, sobald sich die ersten Halme vergolden, +Laenger wir's wohl nicht waehren, und sorgt indes fuer die Hemden. +Was den Suender betrifft, wo muss er geduldig sich fassen, +Wenn's auch noch aerger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein, +Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beissen. +Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln, +Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Haenden, +Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling +Leben liessen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung. +Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken +Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken, +Fuegt er hinzu: Nun musst du mir morgen gewiss auf den Brocken, +Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen, +Wird dir das Steigen zu schwer, und immer waer' es doch schade, +Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen +Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken, +Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Haeupten! +So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten, +Denn, vom herrlichsten Wetter beguenstigt, erklimmen sie wirklich +Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten, +Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erloeschenden Lampe +Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzaehlte, +Und der Vater zum Schluss des feurigen Drachen noch dachte, +Waehrend sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wuehlten. +Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten, +Die zur Hoelle hinunterzufuehren scheinen, und haetten +Sie's auch nie gehoert, dass alle Daemonen hier hausen, +Wuerden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen, +Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten +All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und aeffen +Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen, +Um durch die Luefte als Jaeger auf gluehenden Rossen zu stuermen, +Oder als Gnome zu spuken und waschende Maegde zu plagen. +Drum beeilen sie sich, zurueck in die Taeler zu kommen, +Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel +Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geoeffnet, +Und beim Sinken der Sonne ihr Doerfchen wieder erreichend, +Wo das Gelaeut gerade verhallt, geloben sich beide, +Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer, +Auch in den Gliedern gelaehmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn, +Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern. +Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte +Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen ergluehen, +Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich fuellen, +Kann sie sich kaum noch buecken, sie abzupfluecken. Nur eines +Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste +Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen, +Aber unendliche Trauer bemaechtigt sich ihrer und stuendlich +Gehen die Augen ihr ueber. Er sucht umsonst zu erfahren, +Was sie drueckt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern, +Ja, der Stunde sogar, wo ihr in ploetzlicher Zuckung +So die ersten Traenen entschossen. Sie hatte soeben +Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Haende +Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte, +Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen +Und begrub ihr Gesicht im Schoss. Er nahte sich hastig, +Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen, +Doch sie erhob das Haupt und suchte zu laecheln. Verwundert +Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Kueche, +Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens +Fragte er, was ihr sei. Indessen verdraengte den Sommer +Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Fuellhorn +So von allem zugleich, was fuer den traurigen Winter +Keller und Boeden uns fuellt. Denn meistens bringt er das eine +Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kaelte, +Nasses und trockenes Wetter fast nie so guenstig gemischt sind, +Dass auf jegliche Frucht nach Art und Mass und Beduerfnis +Immer das Rechte kaeme, und keine im Wechsel erfroere +Oder erstickte. Die Baeume im Garten drohen zu brechen, +Denn die naechtlichen Froeste des Mais vertilgten die Raupen +So erbarmungslos, dass neben Hummeln und Bienen +Fast der lustigste Schwaermer, der farbige Schmetterling, fehlte, +Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blueten, +Und die AEhren sind schwer, als truegen sie goldene Koerner +Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist. +Nun gibt's drinnen und draussen zu tun. Das Obst zu besorgen, +Fuehlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schuettelt, +Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen, +Nimmt das Erquetschte fuer sich, wie frueher das Wuermergestochne, +Schickt das wenig Verletzte, das UEbermuerbe und Weiche +Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite, +Um es, wenn Mangel entsteht, zu hoeherem Preis zu versilbern. +Er dagegen ist fleissig im Felde und macht die Erfahrung, +Dass der Taetigste selbst fuer sich die Kraefte noch immer +Anders braucht, als fuer Fremde, denn hat er frueher fuer zweie +Schaffen koennen, so kann er's jetzt fuer dreie und fuehlt sich +Doch zur Nacht nicht zu muede, um mit im Hause zu helfen. +Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen, +Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste, +Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt, +Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt +Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel, +Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet. +Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten, +Welche allein noch haengen, den luftigen Platz auf den Zweigen +Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schuette +Schwestern und Brueder schon lagern, vertauschen muessen: die Garben +Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar +Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste, +Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre +Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause? +Eine glueckliche Mutter, die unter Lachen und Weinen, +Rot und weiss zugleich, wie Apfelbluete, ein Knaeblein +Trinken laesst. Sie ist nur kaum ins Bette getragen, +Denn sie hat es im Gruenen geboren, als sie sich bueckte, +Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich +Blinkte unter dem Grase. Er kuesst sie leise und fluestert: +Siehst du, dass man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Traenen, +Sie mich so lange geaengstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen: +Ach, das habe ich nie gefuerchtet! Ich hatte gebetet, +Dass es nicht kommen moechte, doch eh' ich das Amen gesprochen, +Huepfte es mir zur Strafe im eigenen Schosse entgegen! + + +Sechster Gesang. + +Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin +Nach Italien fuehrte, in Rom das stille Ereignis, +Denn es sollte so sein, als haette sie selber geboren. +Endlich erhaelt er den Brief, von aussen schon leicht zu erkennen +An den eisernen Zuegen der dennoch zittrigen Handschrift, +Welcher die Meldung bringt. Er traegt ihn, ohne zu oeffnen, +Gleich hinueber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden, +Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel geloest wird: +Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter +Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern, +Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fuegung, +Und den Zug der Natur, dass ihr das gebrechliche Wesen +UEber das kraeftige geht, das kraenkliche uebers gesunde, +Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde, +Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich, +Was sie dem Engelskoepfchen verzeiht und gelassen erduldet. +Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen +Und bin meiner gewiss. Was Gott uns sendet, das werde +Ich mit Liebe begruessen. Und waere das Schicksal der Sarah +Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar, +Nein, ich fuehlte mich doppelt beglueckt und doppelt gesegnet, +Und man sollte nicht ahnen, dass ich nur eines von beiden +Unter dem Herzen getragen, so redlich wuerde ich teilen, +Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern. +Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre, +Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert. +Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Laecheln: wie Eva! +Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten +Ihr die Traenen ins Auge, und erst zum Himmel die Haende +Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Ruehrung. +Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben +Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter, +Welcher mir naeher stuende, und heut noch schreib' ich nach Hamburg +Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen, +Dass er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn troestet, +Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer +UEber das Grab hinaus fuers Volk und gebe ein Beispiel, +Wie man Gespenster beschwoert und doch nicht die Kugeln verteuert. +Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde +Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert, +Ob die Rotten des Poebels den Diener des Fuersten erschlagen +Und die blutige Tat auch blutig buessen und suehnen, +Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschiessen +Und, dem Richter entzogen, der AEchtung des Dichters verfallen. +Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien, +Und so gewaltig die Kaempfe auch sind, so schrecklich die Siege, +Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreissen: +Immer muss ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern, +Wenn er, von allen Gewaessern der ragenden Berge geschwollen, +Rauscht und sich schaeumend ergiesst, und jubeln, wenn sie ihn endlich +Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern, +Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs, +Wenn er im Kahne faehrt? Warum den einen verzimmern +Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig! +Geht es fort wie bisher, so werden Staende die Staende, +Voelker die Voelker vertilgen, und in die schweigende OEde +Kehren die Tiere zurueck, die einst dem Menschen gewichen. +Aber du weisst, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!-- +Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr laenger, +Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte, +Denn das muntre Gewimmel der bunten roemischen Feste +Oder der heitere Chor der ewig laechelnden Musen, +Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben, +War fuer sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte, +Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wueste +Angeblasen, noch immer die frischen Gaerten verzierten, +Konnte sie's kaum begreifen, dass ihre Schwestern in Deutschland +Nur in Kuebeln und Toepfen die eingeschlafene Triebkraft +Fristen sollten, indes des Nordpols wuetendste Stuerme +Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekaempften. +Endlich wird es in Rom so heiss, dass jeder des Landes +Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn ploetzlich erscheint hier +Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Fruehling +Eingefuehrt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen, +Deren erquickliches Gruen im Norden sich ewig erneuert. +Aber der Kaufherr spricht: Jetzt haengt man die Pelze in Hamburg +An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln, +Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmaehlich entwoehnen +Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend, +Wo es eben erblueht, und scheidend, wo es vertrocknet, +Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet. +Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter +Froh, wie keinen vorher. Wer zaehlt die Freuden der Eltern +An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter, +Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, waehrend der Vater +Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig +Durch die Sorge fuer sie, die beide vertritt, wie ihn selber, +Seine Liebe zu ihm betaetigt! Wer nennt uns die Sprossen +Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefuehle, auf welcher +Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche +Alle Sphaeren verbindet und alle Wesen vereinigt! +Welches irdische Glueck ist diesem hoechsten vergleichbar, +Das uns ueber uns selbst erhebt, indem wir's geniessen, +Und wem wird es versagt, wem wird es gekraenkt und geschmaelert? +Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle +Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle: +Fuersten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwaecher, +Weil die einen den Saeugling in Purpur wickeln, die andern +In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder, +Und so ist die Natur gerecht im ganzen und grossen +Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!-- + +Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet? +So vergroessert es euch und setzt zwei glueckliche Menschen +Statt der Voegel hinein und einen lieblichen Knaben +Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern +Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darueber gestritten, +Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Zuege des andern, +Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch taeglich +Ist das kleine Gesicht veraendert und voellig unmoeglich +Scheint es, Frieden zu schliessen. Es sind am Ende die Eltern, +Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel, +Weil sie, Christian sagt's, vergassen, sich malen zu lassen. +Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Laecheln, +Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet, +Dass er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse! +Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern, +Wenn sie sich niederbueckt, so wie die beseelteren Blicke +Und der erwiderte Kuss! Zuletzt die stampfenden Beine, +Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen +Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen, +Und der vernehmliche Laut! Wie oft muss Christian kommen, +Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verlaesst er die Tenne, +Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schlaege +Des geschwungenen Flegels, um das Versaeumte bis Abend +Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit +Groesser und klueger, als andre? Das Tannenbaeumchen, zu Weihnacht +Angezuendet, ist zwar noch ueberfluessig gewesen, +Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmess, +Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschuettelten Kammes +Und des ploetzlichen Kraehens? Der Hahn macht eben Visite, +Und das Knaeblein kreischt und klatscht vergnuegt in die Haende, +Als der roemische Brief, der seine Entwoehnung gebietet, +Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken, +Dass er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen. +Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Tuere, +Und ich weiss, was es ist! Es faehrt mir nur so in die Glieder, +Dass ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er +Hungriger waere, wie je. Er muss sich heute behelfen! +Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden, +Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut, +Dass er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise, +Und da muss er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein. +Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte, +Dass sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung +In der Fruehe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn, +Dass sie es heimlich tut, als waere es schon ein Verbrechen, +Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe, +Und er huetet sich wohl, durch irgend eine Bewegung +Sie zu stoeren, er laesst sogar von ihr sich erwecken, +Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er +Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen? +Aber es scheint, als haette sie ihre Muttergefuehle +Jetzt fuer immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte, +Reicht sie am folgenden Tage dem straeubenden Knaben die fremde +Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen, +Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt. +So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewoehnen, +Doch er faellt nicht vom Fleisch, zu Christians hoechster Verwundrung, +Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen, +Und sie selber enthaelt sich edel jeglicher Klage. +Sonntags morgens laesst die Mutter ihn tanzen und springen, +Waehrend der Vater pfeift, da loest sich zu beider Entzuecken +Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen. +Christian will ihn kuessen, doch eh' er sich seiner bemaechtigt, +Reisst sie selbst ihn empor und presst ihn gegen den Busen, +Dass er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer! +Weg mit AEckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine, +Und wir sind dir nicht Gueter, wir sind nur Liebe dir schuldig! +Dass du es weisst, mein Freund! Er hat noch immer getrunken, +Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen, +Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefuegig! +Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten, +Frieren und nackend gehn und ganze Naechte nicht schlafen, +Doch ich gebe ihn nicht und muesst' ich mich selber verkaufen! +Christian aber erwidert: Du weisst doch, dass wir gelobten, +Weisst doch, dass ich dir nicht geraten, noch dich getrieben, +Weisst doch, dass ich nur zoegernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin! +Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe, +Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen, +Drum entwoehne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal. +Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen, +Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kraeuter zu pfluecken, +Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen, +Welchen er selber kaempft, und welcher die Seele ihm spaltet. +Sie hingegen umarmt und kuesst den Knaben aufs neue, +Dass sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstaende: +Nein, ich lasse dich nicht, es moege kommen, was wolle! +Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte, +Ist ihr Entschluss gefasst: sie will ihn stehlen und fliehen. +Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Buendel, +Das ihr selber gehoert, und wenn ihr die Traenen auch reichlich +Stroemen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung +Von dem Herzlich-Geliebten, so fuehlt sie dennoch im Innern +Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestaerkt und gehoben, +Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe +Waechst durch dieses Gefuehl, so steigt auch die laechelnde Hoffnung +Leise wieder empor vor ihren verduesterten Blicken, +Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen +Monden und Jahren ein goldnes und sternengekroentes sich winken. +Morgen muss es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle, +Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn traenken, +Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen +Menschen in jeglicher Huette, und Engel bereiten die Staette, +Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Busse geleitet. +Schuechtern erkundet sie nun die naechsten Wege und Stege, +Denn, vom Lokomotiv entfuehrt in brausender Eile, +Kennt sie die Strasse nicht, auf der sie gekommen, und die sei +Jetzt mit Tritten des Huhns zurueckzumessen beschlossen, +Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne. +Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied +Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen, +Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen, +Und ihr huepfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen. +Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Traenen +Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen, +Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloss auf die Wange, +Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn gluecklich! +Um die Daemmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede, +Wo man die Eisen des Pfluges ihm schaerft, nun richtet sie alles +Fuer den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tuecher +Ihren Knaben gehuellt und unter dem Arme das Buendel. +AEngstlich spaeht sie umher und duckt sich hinter die Buesche, +Wenn sie Kommende hoert, sie stehn war noch nicht im Laube, +Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien +Das Versteck nicht verraet. Doch geht auch mancher vorueber, +Der mit fluechtigem Auge das Reisig streift und sich wundert: +Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen, +Still auch verhaelt sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt, +Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig, +Dass sie sich eilen muss, um nur die verlassene Huette +Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen. +Einem Jaeger gehoert sie und liegt im Walde. Sie kennt sie, +Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend, +Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager, +Das sie im Innern trifft, aus duerren Blaettern bereitet, +Kommt ihr freilich zustatten, doch moechte sie's lieber entbehren, +Denn sie fuerchtet, es koennten auch andere Gaeste erscheinen. +Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange +Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung +Einen der AEpfel hervor, womit sie die Tasche gefuellt hat. +Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite, +Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich +Trinkt, als waer' er daheim, und in den Pausen des Atmens +Kichert und endlich versinkt in seinen gewoehnlichen Schlummer. +Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige +Auf das bretterne Dach und blaest, als wollt' er's entfuehren, +Aber sie heisst ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stoessen +Immer zusammenfaehrt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern, +Und mit den Kleidern des Buendels den Knaben noch sorglich bedeckend, +Wuehlt sie sich ein in die Streu und faellt, erschoepft von den Qualen +Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet. +Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause +Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich +Laenger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes +Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren, +Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gespraechig. +Dennoch verschliesst er gelassen den Stall, vergattert den Garten, +Traegt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern, +Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Kueche, +Wo, er hoert's vor der Tuer, die Suppe brodelt, und als er +Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet, +OEffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe. +Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege. +Sie ist leer! Er erschrickt und zuendet eilig die Kerze. +Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde! +Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden! +Rasch zum Jaeger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spuerer, +Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich. +Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben? +Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so gluecklich, +Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen, +Was er selbst nicht versteht, von naechtlichem Gehn und Verirren. +Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge, +Weil es zu maechtig stuermt, als dass er die Spur nicht verloere, +Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet. +Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise, +Als es die Stube, wohin es gefuehrt ward, wieder verlassen, +Ja, es heult vor Verdruss. Doch ploetzlich beginnt es, zu schnueffeln, +Dann zu wedeln und froehlich zu bellen. Nun schiesst es von hinnen, +Dass ihm Christian kaum mit seiner hoernernen Leuchte +Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack +Um die Buesche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung, +Bis es die Huette erreicht und anschlaegt, um es zu melden. +Welch ein Schreck fuer die Arme, die drinnen kauert. Was ist das? +Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde! +Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung! +Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Tuere +Aufgestossen und schnoppernd, doch nicht mit gluehenden Augen, +Faehrt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben, +Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Waerme +Ohne Schonung entrissen, mit Haenden und Fuessen zu stampfen +Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiss und wahrhaftig? +Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen, +Als er der Huette sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,-- +Und die Leuchte erhebend mit ihrem verloeschenden Lichte, +Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend. +Rasch nun stuerzt er heran und schliesst sie fest in die Arme, +Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewaertig +Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen? +Ich vermoechte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen. +Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben, +Und du darfst mich noch minder begleiten, das fuehle ich selber, +Darum waer's viel besser, du haett'st uns nicht wieder gefunden! +Aber, erschuettert, wie nie, versetzt er mit stroemenden Traenen: +Kehre nur heute zurueck, so gehen wir morgen zusammen! +Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne, +Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stuetze! + + +Siebenter Gesang. + +Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne +Steht schon hoch, doch sie wuerden noch schlafen, haette der Jaeger +Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen-- +Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen, +Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden, +Dass du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben, +Aber wir muessen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter +Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pfluegen. +Dann auch musst du mir folgen, wohin ich dich fuehre, ich moechte +Diesem guetigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht +Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten, +Die uns gewiss nicht gezwungen, und die wir dennoch so taeuschen. +UEber den Ozean muessen wir fluechten, der Schmied und der Tischler +Sind schon lange hinueber, und wenn wir sie finden, so werden +Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betruegern uns warnen. +O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, dass das Wetter +Drueben wechselt, wie hier, und dass noch keiner das Unglueck +Mit dem Staube der Strasse sich von den Fuessen geschuettelt, +Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben, +Und wo kaemen sie her und wagten das Rad und den Galgen, +Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen, +Waehrend der Mensch in Europa fuer ewige Zeiten verdammt ist, +Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben, +Da die juengeren Kraefte die stumpfen des Alters verdraengen, +Ehe die Grube sich oeffnet, wo muede Gebeine zerfallen. +Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste, +Dass nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten, +Waeren wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen. +Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen, +Weil ich weiss, was es gilt, und weil die traurigen Bilder +Meiner duerftigen Jugend sich unter die froehlichen mischen, +Welche die neue Welt in leichten Gemuetern entzuendet: +Meine Traeume sogar, du weisst es, sind immer beklommen, +Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinueber und werde, +Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute, +Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pfluegen, +Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern. +Ja, du laechelnder Schelm, er fasst den Schlaefer ins Auge, +Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen, +Dass du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide +Koenntest du gehen und frueh, die Buecher im zierlichen Raenzel, +Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen, +Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen, +Waehrend und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine +Hueten musst, wie dein Vater, und hoechstens die Stimmen der Voegel +Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde +Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen +Und nach einigen Jahren, verbracht auf nuetzlichen Reisen, +An der Boerse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern +Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer +Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche! +Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert +Gluehend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster, +Von den andern verfuehrt, durch Trinken und Spielen und Fluchen +Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen, +Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher, +Welchem der Ruecken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen! +Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag +Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen +Sich erschoss, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte? +Lass ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiss nicht verderben, +Und was Menschen gebrauchen, das koennen sie immer verdienen, +Wenn sie die Muehe nicht scheun. Du weisst, ich bin nicht so aengstlich, +Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen +Besser erging, wie den Deinen, was du ja bestaendig behauptest, +Um dir den froehlichen Mut, der mich beseelt, zu erklaeren. +Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehoerig gehungert, +Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung +Bloss auf den Wind gesetzt, ob dieser die Baeume des Nachbars, +Welche die Zweige zu uns herueberstreckten, nicht schuetteln +Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen, +Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune, +Hielten Gras in die Hoehe, die Luft zu pruefen, und wagten, +Wenn kein Halm sich bewegte und immer staerker der Magen +Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung, +Aber ich fuerchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten +Und ertragen, was kommt, es wird mich troesten und staerken, +Dass ich mein Kind nicht verkaufte. Ich haett's ja auch nimmer versprochen +Fuer die AEcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten, +Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe, +Ach, was sage ich da, schon seit ich es fuehle und spuere, +Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreissen und teilen +Und die Haelfte begraben! Ich habe gesuendigt und will es +Buessen, wie du's verhaengst, nur eines musst du gewaehren, +Ehe wir ziehen, es liegt mir schon laengst auf dem Herzen, die Taufe, +Dann hinueber mit Gott, und lieber heute als morgen! +Christian laechelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles, +Doch es moege geschehn, so wie die Felder bestellt sind, +Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kaestchen! +Denn wir duerfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen, +Eh' wir die heiligste Pflicht erfuellten gegen den Knaben, +Und ich wag' es nicht frueher, als bis wir, zur Reise geruestet, +Aus der Kirche sogleich fortschleichen koennen zum Schiffe. +Beide ruehren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen, +Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch noetig, +Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr, +Wenn er nicht frueher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter. +Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Haenden +Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen, +Zaehlt den baren Erloes von Obst und Korn bis zum Heller +Auf und nimmt fuer sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten +Aller Knechte gebuehrt, fuer Magdalena desgleichen, +Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekaeme: +Gern erliessen sie's ganz, allein sie muessen ja leben! +Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jaeger zum Paten, +Sagt: wir muessen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten, +Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler +In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen +Und aufs Haeuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte: +Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte +Murrten welche sich schaemten, den Acker vor dir zu verlassen, +Und doch fluchten und wuenschten, du moechtest die Beine dir brechen? +Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht +Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde +Irgend ein Kreuz erinnert, fuer einen meiner Genossen, +Welchen der Wildschuetz traf, mein Vaterunser zu beten: +Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern +Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen, +Wenn ich vorueberkomme, die waehrend der Predigt sich balgen! +Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung +Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben +Und im Ernst sich verwundert, dass sie nicht von selber sich melden. +Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen +Wird bestimmt fuer die Flucht. Doch Magdalena, die abends +Spaet noch zum Kraemer will, erblickt zu ihrem Entsetzen +Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft +Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben: +Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen! +Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen, +Ehe der Morgen tagt, doch freilich muessen wir eilen, +Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen, +Und das Kind ist getauft, denn waere das nicht geschehen, +Weiss ich nicht, was ich noch taete, doch jetzt ist alles vorueber, +Darum fort auf der Stelle, der Jaeger muss uns verstecken! +Frueh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin, +Und, am wuerzigen Hauch der Luefte sich innig erquickend, +Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Haeuschen geleiten. +Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Laeden, +Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten, +Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bueckt sich im Gehen +UEber den niedrigen Zaun und pflueckt sich eine Aurikel, +Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen +Er mit eiliger Hand die Pforte oeffnet und laechelnd +Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Tuere +Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Kueche, +Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen, +Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen, +Und man sieht nicht die Spur des haeuslichen Waltens. Der Nachbar, +Von dem Brunnen, an dem er sich waescht, heruebergerufen, +Ist erstaunt, wie sie selbst, doch loest er ihnen das Raetsel +Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe, +Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung +Und die Lade mit Geld daneben bestaetigen alles, +Was sie ahnen und fuerchten, sowie sie's hoeren. Die Gattin +Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen, +Wie ich's immer besorgt, sie koennen's und wollen's nicht geben! +Aber ich muss sie darum nur hoeher achten und lieben, +Wenn ich auch jetzt erroete, indem ich der Fragen gedenke, +Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Laechelns, +Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden, +Denn sie duerfen sich nicht in Not und Kummer verzehren, +Und sie zittern vor uns und denken, wir koennte es rauben! +Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jaeger, +Und das gefluechtete Paar, versteckt auf dem Boden und spaehend, +Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte +Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen +Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geaengstigt +Und vom Rauche gequaelt, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde +Und man wuenscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter, +Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter +Liege im Bette krank. Sie herzen und kuessen den Knaben, +Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen, +Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen. +Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet, +Knuepfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen, +Welche so aengstlich sie suchen und wieder so toericht sie fliehen: +Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon fluechtig verbunden! +Deutest du weiter? Es sei! Du fuehrst auf laengerem Wege +Sicher zum schoeneren Ziel, und willig wollen wir folgen, +Denn du laechelst und nickst und legst die Hand auf den Busen! + +Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich, +Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen, +Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Staedtchen, +Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden. +Als er zurueckkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen, +Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spaehern +Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange, +Doch ich lache darueber, es ward noch keiner ergriffen, +Welchen der Jaeger beschuetzt, und scheint dies alles auch seltsam, +Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter! +Redlich haelt er auch Wort und schafft sie ueber die Grenze, +Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten, +Dass sich Christian ihm vertraute, wie es ihn draengte, +Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte, +Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie +Mit sich selber allein. Die Berge treten allmaehlich +Mit den Waeldern zurueck, und offen breitet die Strasse +Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie aengstlich, +Weil ihn neben den Spuerern und Streifern zu Fuss und zu Pferde, +Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen, +Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken, +Welche Staedte mit Staedten und Laender mit Laendern verbinden +Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befoerdern. +Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und duester, +Dass er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen +Spinnennetz zu entschluepfen, an dem die Koenige weben, +Und so ziehn sie einher, als waeren sie Schelme und Diebe, +Tragen unendliche Last und Muehe bei Tage und muessen +In den oedesten Schenken die traurigsten Naechte verbringen. +Welch ein veraendertes Los fuer beide! Wie hart und wie bitter! +Doch je haerter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung, +Um so ruhiger wird's der fluechtigen Mutter im Busen, +Christian aber fuehlt sich getroestet durch den Gedanken, +Dass er doch alles teilt, und dass sie nicht ohne ihn irren. +Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken, +Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen, +Und so oft es auch scheint, als waere man ihnen im Nacken: +Immer sind sie so gluecklich bei Nebel und Nacht zu entkommen. +Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich taeglich, +Die sie brauchen in Bremen, um ueberfahren zu koennen, +Und sie pruefen schon oft die ueberfluessigen Kleider, +Die sich verkaufen lassen, um dieses Luecke zu decken. + +Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Tuere, +Und mit vielem Gelaerm, er konnte die Klinke nicht finden, +Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend, +Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben? +Ruft ihm Christian zu. Zurueckgekehrt aus der Traufe +In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet, +Welches der Schmied verlor. Es ist noch aerger da drueben, +Und wir Deutsche besonders, wir muessen uns ducken und druecken, +Wie die Hunde bei uns! Denn waere der Schmied nur ein Franzmann, +Oder ein Beefsteak-Fresser, so wuerden schon ganze Armeen +UEber die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen +Legt der Moerder sich schlafen, und keiner stoert ihm die Ruhe, +Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinueber! +Wirft ihm Christian ein. So lass dich warnen! erwidert +Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen, +Fordert sich Wein und rueckt heran. Wir haben uns drueben, +Wie in AEgypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese, +Weil sie uns fuerchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa +Musst du stehlen, bevor man dich haengt. Dort wirst du gehangen, +Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage: +Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken, +Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert? +Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und aermer, +Aber auch klueger zurueck. Man hat mir vernuenft'ger gepredigt, +Als in der Jugend geschah. Du weisst doch, dass man dich einmal +Schaendlich bestahl? Wo hast du Gueter? Wo stehen die Haeuser, +Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kuehe? +Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren +Wurdest, und halten es fest. Das hat der kluegste Franzose +Ausgespuert: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten, +Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern, +Denn das juengste Gericht ist nah. Du musst nicht erwarten, +Dass in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen, +Diesen hat man die Fluegel gestutzt, wir blasen uns selber, +Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die AExte! +Deinen Jungen beneid' ich! Er waechst ins goldene Alter, +Wie in den Fruehling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen. +Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher! +Bist du's etwa geworden? Ich hoerte so manches in Hamburg. +Hast du im Trueben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen? +Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch haett' ich +Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Buettel geschrien, +Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze +Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer +Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3), +Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten, +Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten. +Christian schlaegt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten, +Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen, +Dass ich dir Gutes verkuende, du selbst gehoertest ja frueher +Zu den Schluckern, fuer welchen die weissen Haare des Scheitels +Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten haett' ich +Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen! +Dass sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen +Auf den Kampf uns gefasst, doch dass sich ihren Soldaten +Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten, +Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet. +Aber, du tust auch nur so, ich weiss ja von Wilhelm und Anna, +Dass man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen +Nicht auf heimlichen Strassen, wie arme Teufel vom Handwerk, +Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese. +Deine besten Bekannten in Hamburg schuetteln die Koepfe, +Und die Feinde und Neider erzaehlen sich schlechte Geschichten: +Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das AErgste! +Denn ein Millionaer verschmerzt die geringen Verlueste +Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Fluechen, +Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich hoere, +Euch zu erwischen, als gaelte es Diamanten und Perlen! +Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte: +Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten, +Dass uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken, +Nun, so geh' ich hinueber, und das noch morgen! Denn nimmer +Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen, +Oder dem aermsten der Kinder sein einziges Erbe verkuerzen, +Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren! +Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren, +So verlass dich darauf, ich wuerde, wenn Ihr Euch regtet, +Selbst den Wuchrer beschuetzen, und waeren wenige Stunden +Frueher mein Weib und mein Kind vor seiner Tuer verhungert, +Und ich haett' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage. +Denn ihr seid ja aerger, als Feuer und Wasser und alles, +Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Loeschen? +Dieses waere gesagt--und nun fuer immer geschieden! +Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen, +Doch ich glaube dir nicht, und waer' ich, wie du mich schilderst, +Wuerd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten, +Dass du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde, +Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten. +Aber, ich wuensche dir Glueck auf allen Wegen und Stegen, +Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn, +Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken. +Christian schweigt, er fuehlt sich von diesen Worten getroffen, +Doch Magdalena erglueht und ruft: Ich will es dir sagen, +Was uns treibt, dass du's weisst! Wir haben fuer Mittel zur Heirat +Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so aengstlich, +Um ihn nicht geben zu muessen, denn dieses wuerde mich toeten. +Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue, +Dass ihr die Welt nicht kennt! Wie koennt ihr Toren nur glauben, +Dass man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles! +Hiess es ja doch, sie haetten den sehnlichst erwarteten Erben +Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren +Und sie gingen in Trauer! Mich duenkt, ich sehe den Toten!-- +Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen +Sehn sie die Tuerme der Stadt. Als Magdalena erzittert +Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe +UEber der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig: +Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben, +Wie ein verhoekertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter, +Als sie selber gefuerchtet, sie schienen mir beide so edel, +Dass ich mich meiner schaemte, so wie ich ihrer nur dachte: +Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln, +Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen, +Wenn ich sie sehe, und kuehn dabei die Augen erheben: +War die Rechnung nicht richtig? Sie fuehlt sich selber ermutigt +Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern +Oder aengstlich zu tun und hin und wieder zu blicken, +Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna, +Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten, +Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert +Taler mehr im Vermoegen, denn diese sind uns versprochen, +Wenn wir verkuendigen koennen, wo ihr euch befindet! Da seid ihr, +Und nun brauchen wir bloss die Tuere zu schliessen, so haben +Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel, +Und wir wollen uns erst durch einen tuechtigen Kaffee +Fuer die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig. +Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Koepfe +Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Raeubern und Moerdern! +Wenn es euch aber geluestet, das Geld zu verdienen, so haltet +Nicht beim Feuer euch auf und taendelt mir nicht mit dem Knaben, +Eilt, so sehr ihr nur koennt, ich kam, mich selber zu melden, +Und ich hoffe sogar, am Galgen vorueber zu kommen. +Manchen Spaeher bemerkt' ich und manche verdaechtige Schenke +Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen; +Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung, +Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloss mir die Strasse. +Wohl dir, dass du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm, +Nur mit Muehe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend, +Denn man haett' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Haefen +Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert! +Christian ballt die Faust, doch Anna verschliesst ihm die Lippen +Mit den Fingern und spricht: Es waere doch besser gewesen, +Wenn du in irgend ein Netz gegangen waerest, du haettest +Weniger Sorgen gehabt, auch wuerde der Knabe nicht husten, +Denn du flohst vor dem Glueck, und haben sie Spaeher gesendet +Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen, +Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert, +Dass sie die Schuld dir erlassen, ich weiss nicht, welche sie meinen, +Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge. +Christian deckt sein Gesicht mit beiden Haenden, ein Zittern +UEberkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch maechtig, +Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er: +Nun, so bin ich nicht wert, dass Sonne und Mond mich bescheinen, +Und ich rufe die Flueche, die eben, was sollt' ich's verhehlen, +In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest, +Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber! +Magdalena jedoch, der laengst die Traenen entstroemten, +Schliesst ihn rasch in die Arme und kuesst ihn und zeigt ihm den Knaben, +Dem sie die Haendchen gefaltet und dessen verwundertes Laecheln +UEber sich selbst und die Mutter sein Rasen baendigt, so dass er +Sich nicht schlaegt und zerrauft, wie er wollte, im Wueten der Reue; +Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen. + +Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Fruehstueck, +Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder +Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen, +Dass wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen! +Waer's fuer den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen, +Wenn die Grille ihm kaeme, so kann es dem Armen noch minder +Gluecken: er muss sich ernaehren und also heraus um die Arbeit, +Und wir wissen's am besten, wie wenig der duerftige Pfenning, +Den sie nahmen fuer sich, genuegt, sie Monde und Jahre +Zu erhalten, so troeste dich jetzt, was du frueher beklagtest! +Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben? +Oder koennen sie nicht in fremde Laender entkommen? +Nein, ich aengstige mich zu Tode! Je laenger es dauert, +Um so weniger duerfen wir hoffen, sie wieder zu finden! +Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe, +Wo sie erlagen, und kann die Graeber mit Blumen verzieren, +Aber ich werde sie nicht fuer ihre erduldeten Leiden, +Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdraengen. +O, wie werd' ich gestraft! Ich wusste mein Glueck nicht zu schaetzen! +Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte, +Garnicht weiss, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde +Hab' ich mit drueckende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer +Waer' ich dem Doktor gefolgt, auch haett' er's gewiss nicht geraten, +Wenn nicht die toerichte Scham vor anderen Muettern, verbunden +Mit dem suendlichen Neid auf ihre bluehenden Kinder, +Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde +Mir das Herz in der Brust verhaertet haette! Mich quaelen +Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter +Ausgewanderter Maedchen und Knaben, wie sie mich frueher +Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wuensche, +Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen, +Loesen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen, +Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen! +Da erschallt vor der Tuer die laute Stimme des Doktors, +Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden! +Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet, +Holen lassen, verwirrt und bloede folgen die andern: +Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben, +Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen, +Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend, +Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten. +Aber die Gattin faltet die Haende und hebt sie zum Himmel, +Presst dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich geniesse +Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfuellung +Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern. +Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten, +Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen +Dieser Knabe der naechste, denn ihm verdank' ich den Frieden, +Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert, +Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert. +Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Traenen nicht sehen! +Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen +Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jaegers! +Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich laeutern, +Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schuetztest du selbst ihn +Mit allmaechtiger Hand! Fuer alles sei mir gepriesen! + + +Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Mutter und Kind", von +Friedrich Hebbel + diff --git a/old/7mutt10.zip b/old/7mutt10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..b592fd5 --- /dev/null +++ b/old/7mutt10.zip diff --git a/old/8mutt10.txt b/old/8mutt10.txt new file mode 100644 index 0000000..fc1adb8 --- /dev/null +++ b/old/8mutt10.txt @@ -0,0 +1,2510 @@ +The Project Gutenberg Etext of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel +#3 in our series by Friedrich Hebbel + +This Etext is provided in German. + +We are releasing two versions of this Etext, one in 7-bit format, +known as Plain Vanilla ASCII, which can be sent via plain email-- +and one in 8-bit format, which includes higher order characters-- +which requires a binary transfer, or sent as email attachment and +may require more specialized programs to display the accents. +This is the 8-bit version. + +Copyright laws are changing all over the world, be sure to check +the laws for your country before redistributing these files!!! + +Please take a look at the important information in this header. +We encourage you to keep this file on your own disk, keeping an +electronic path open for the next readers. + +Please do not remove this. + +This should be the first thing seen when anyone opens the book. +Do not change or edit it without written permission. 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[10,000 x 100,000,000 = 1 Trillion] +This is ten thousand titles each to one hundred million readers, +which is only about 4% of the present number of computer users. + +At our revised rates of production, we will reach only one-third +of that goal by the end of 2001, or about 4,000 Etexts unless we +manage to get some real funding. + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created +to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium. + +We need your donations more than ever! + +As of 10/17/01 contributions are only being solicited from people in: +Alabama, Arkansas, Connecticut, Delaware, Florida, Georgia, Idaho, Illinois, +Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Michigan, Missouri, +Montana, Nebraska, Nevada, New Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, +North Carolina, Ohio, Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, +South Carolina, South Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, +Washington, Wisconsin, and Wyoming + +*In Progress + +We have filed in about 45 states now, but these are the only ones +that have responded. + +As the requirements for other states are met, +additions to this list will be made and fund raising +will begin in the additional states. 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Noch stehen die zitternden Sterne +An der Wölbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen +Anfängt, während die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhängt. +Frierend kriechen die Wächter mit Spieß und Knarre nach Hause, +Doch sie erlöste die Uhr und nicht die steigende Sonne, +Denn noch ruhen die Bürger der Stadt und bedürfen des Schutzes +Gegen den schleichenden Dieb, den spähende Augen gewähren. +Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter +Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen +Nach dem Frühstück krächze, es kümmert nicht Mensch noch Tiere. +Nur in den Ställen, die hinter die stattlichen Häuser versteckt sind, +Wird's allmählich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde, +Und es brüllen die Kühe, allein die Knechte und Mägde +Schwören sich bloß, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen, +Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden. +Nun, man müßte sie loben, wofern sie sich rascher erhüben, +Aber, wer könnte sie tadeln, daß sie sich noch einmal herumdrehn? +Ist doch die Kälte zu groß! Der Fuß, dem die Decke entgleitet, +Schrickt zurück vor der Luft, als ob er in Wasser geriete, +Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten, +Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen! +Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglühnden Laterne +Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes, +Welcher sich selbst verzehrt, des Öls allmählich ermangelnd, +Kann man den Jüngling erkennen, der unbeweglich hinüber +Schaut nach dem Erdgeschoß des Hauses über der Straße. +Wahrlich, es müssen die Pulse ihm heiß und fieberisch hüpfen, +Daß er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zähne +Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern, +Hier so ruhig steht, als wär' er in Eisen gegossen. +Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lüfte, +Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser +Spüren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht. +Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm +Denn so plötzlich Gefühl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer +Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe +Zu verbreiten scheint. Er bückt sich nieder, zu lauschen, +Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster. +Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben +Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen, +Lugt er schüchtern hindurch. Es ist ein blühendes Mädchen, +Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend, +Nach dem Klopfenden späht. Er ruft: mach' auf, Magdalena! +Und enteilt in das Gäßchen, das links am Hause sich hinzieht. +Bald auch öffnet sich seitwärts das Dienerpförtchen, doch halb nur, +Und den Fuß in der Tür, beim Licht noch einmal ihn prüfend, +Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen? +Laß uns hinein--versetzt er--du würdest draußen erfrieren, +Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang, +Doch er hält ihr den Pelz entgegen, in den er gehüllt ist, +Und nun tritt sie zurück und geht voran in die Küche, +Während er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde +Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser +Jetzt darüber und setzt sich an einer Seite daneben, +An der anderen er. Die rötliche Flamme vergoldet +Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebräuntes +Sticht ihr lilienweißes, mit blonden Locken bekränztes, +Fein und angenehm ab. So mußt du--beginnt sie--schon wieder +Auf die Straße hinaus, und das am heiligen Abend? +Wer dem Fuhrmann dient,–-entgegnet er--feiert die Feste +Selten gemächlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann +Dies und das im Gewölb', und da die Kunden nicht warten, +Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise, +Fast in Vorwurfes Ton--du könntest es lange schon besser +Haben, wenn du nur wolltest!–-Du meinst, ich könnte beim Kaufmann +Selber, könnte bei euch sein--versetzt er mit Lächeln--und freilich +Hätt ich's bequemer und dürfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen. +Aber, das täte nicht gut!–-Er springt empor, und die Küche +Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich plötzlicher Wendung +Vor das Mädchen tretend und ihre Schönheit betrachtend, +Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren! +Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich, +Daß er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn ängstlich, +Und er streichelt sie sanft und spricht die bedächtigen Worte: +Wem ein altes Weib für seinen Groschen das Schicksal +Aus den Karten verkündigt, der mag noch zweifeln und lachen, +Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder +Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen! +Hätte der Ärmste mich in solchem Elend gesehen, +Wie ich gestern ihn, er wäre wohl ledig geblieben, +Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trösten-– +Nicht verloren sein für seinen Jugendgenossen! +Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend–-ich habe +Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen, +Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen, +Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider. +Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte +Ihn so gut wie verloren, denn ängstlich, wie Sünde und Schande, +Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen. +Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu führen, +Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen, +Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet, +Aber in welcher Gestalt! Wie gänzlich verändert! Du kannst es +Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es wäre sein Vater, +Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren, +Weil er den Greis nicht fürder ernähren kann, wie so lange! +Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen, +Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern +Zu verbreiten fürchtet, ich aber blieb ihm zur Seite +Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern. +Nun, die dienten zusammen!--Das Mädchen erhebt sich und schließt ihn +Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller +Welchen ich jemals sah. Dem Totengräber gehörig, +Hat er die nassen Wände mit Brettern von Särgen beschlagen, +Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eröffneten Gräbern +Fett und modrig liefert. Die dunsten, daß, wer hereintritt, +Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr +Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber, +Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen, +Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natürlich die Runde, +Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern +Und verläßt sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Tränen, +Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich plötzlich die Augen, +Welche ihr längst schon strömten, und spricht mit krampfhaftem Lachen, +Ihn bei der Hand ergreifend und über und über erglühend: +Christian, weißt du was? Es ist der heilige Abend, +Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren! +Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft, +Kleider und Tücher und Geld, und was noch etwa hinzukommt, +Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm, +Und sie können den Keller verlassen und wieder gesunden! +Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte, +Und der Weihnacht1) ist die Hälfte des Lohnes in Hamburg, +Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel, +Hat mich Wilhelm gestern für ewige Zeiten gesegnet, +Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre, +Die ich empfing, als ich sah, daß trockenes Brot ihm, wie Kuchen, +Schmeckte, Käse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen. +Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren: +Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden, +Ist es sündlich, als dächte der Reiche auf Kaiser und König, +Und es straft sich noch härter. So bin ich denn fest auch entschlossen, +Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen, +Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch würfeln!-- +Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lächeln +Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem höchsten Erstaunen +Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh +Eingewickelt, den sie vermißt und den er entwandte, +Um ihr Maß zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod. +Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren, +Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes +In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darüber ergrauen, +Und das Glück hat Zeit, mir einen Finger zu reichen! +In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren +Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes? +Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem +Mehr zurück Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven! +Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es würde +Mir das Gewissen belasten, du bist nicht länger gebunden, +Wenn die Frist verlief, auch ist sie völlig genügend, +Und wenn ich dich nicht löse, so magst du selber dich lösen! +Aber--ruft sie--was können so wenige Jahre dir bringen, +Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2), +Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen! +Darauf schwöre nur nicht--versetzt er--du würdest dich täuschen, +Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen, +Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Frühling zu Schiffe. +Schlage nicht gleich die Hände zusammen und halte die Schürze +Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen, +Gestern kam's zum Entschluß! Die Welt ist anders geworden, +Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln +Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande +Und ernährte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil, +Wo man Löwen und Affen und Papageien umsonst sieht, +Nein, ich will das Pläsier mit Freuden noch länger bezahlen, +Wenn wir über den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung! +Aber, wer kann, was er möchte! Wofür mein Vater das Häuschen +Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was für den Ochsen +Einst der Schlachter gab, das gibt für die Haut jetzt der Gerber! +Sprich, wo wäre da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele +Über die Erde versät, und statt, wie einst, sich zu helfen, +Drängen sie sich und stoßen und suchen sich neidisch die Bissen +Aus den Händen zu reißen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere +Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis +Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten. +Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense, +Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heißen, +Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke. +Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen, +Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mägden +Seine Gesichte verkündigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt! +Höre den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel +Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen, +Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend +Bin ich morgen zurück und bringe Wilhelm das Seine, +Denn du würdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden, +Dürftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern +Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weißt du. +Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied, +Aber sie hält ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schüttelt +Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schüchtern, +Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet, +Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet +Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich lächelnd, +Diesen Kuß zu nehmen und spricht: Das wär' ein Gelöbnis, +Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben, +Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe +Mit den Gefährten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drängten, +Wenn die Störche kommen, damit wir endlich erfahren, +Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte, +Reicht schon aus für das Schiff, und warum gingen nur wir nicht, +Unser Glück zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinüber, +Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden! +Wäre der Himmel geöffnet und würde am Tore geläutet, +Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gäbe +Schier kein größres Getümmel, kein ärgeres Rennen und Laufen: +Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel, +Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen. +Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor, +Und sein Koch ist voraus, es stoße im Mörser, wer Lust hat, +Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge, +Die sie so lange ernährte, und rechnen auf Arme und Beine, +Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist, +Und der Prediger kaum hält's aus bei seiner Gemeinde. +Sollte der Ärmste da fehlen? Ich dächte doch, diesem vor allen +Wäre der Segen beschert, nur muß er sich freilich auch rühren, +Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter. +Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern, +Unersättlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden, +Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche, +Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche führen zu können, +Und du bist es wohl wert, daß mir dies wenige werde. +Hätt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und würde ihn willig +Wieder verlassen, wenn hier noch ein mäßiges Glück sich mir zeigte, +Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen, +Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt. +Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen, +Daß sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars! +Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser. +Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig, +Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln, +Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeräucherte Zungen! +Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Glücklicherweise +Hat mein Alter die Gicht! Da schläft er hinein in den Morgen, +Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fürs fleißige Schnapsen von früher, +Sonst erging' es mir übel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen, +Daß ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich, +Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten +Wirklich die Zügel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren! +Keinen Kuß? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!-- +Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen, +Doch ihr rinnen die Tränen von neuem, es kann sie nicht trösten, +Daß die Raben noch krächzen und nicht die Störche schon klappern, +Denn sie weiß: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange. + + +Zweiter Gesang. + +Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause +Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen +Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise +Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich +Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert, +Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen +Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert, +Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen +Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd, +Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend. +Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln: +Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet +Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist, +Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet +Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet, +Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung. +Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster +Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich, +Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt, +Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken. +Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen +Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer +Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen, +Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen. +Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte, +Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat. +Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören, +Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen, +Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig +In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte: +Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen. +Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens, +Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter +Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen, +Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend +In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind, +Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen. +Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern +Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er, +Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen, +Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen. +Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen +Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde +Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen, +Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren +Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten, +Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche +Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen, +Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen +Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen. +Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase: +Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter, +Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande +Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung +Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum +Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung +Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade, +Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es +Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich +Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln +Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem +Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin +Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt, +Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück! +Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen, +Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock +Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend, +Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns +Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König +Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden, +Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo, +Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter, +Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren, +Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen, +Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte, +Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild. + +Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert, +Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer, +Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat, +Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling +Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze, +Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht +Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel, +Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet +Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert. +Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet +Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren, +Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher. +Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken, +Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes +Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es +Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge +Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben, +Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig +Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute, +Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer. +Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen, +Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie +Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels +Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig +Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone. +Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3) +Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler +Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete, +In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen, +Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden, +Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben, +Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg +Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln +Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne, +Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern, +Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer +Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln, +Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln, +Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder. +Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade +Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen, +Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel +Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde +Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr. +Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln, +Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden, +Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen, +Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute +Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend, +und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt, +Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften +Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne +Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt +Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor, +Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht +Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet. + +Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen-- +Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber +Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder! +Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht +Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln, +Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte +Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert, +Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze +Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt? +Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln? +Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume, +Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern, +Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich, +Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken, +Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren; +Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern. +Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer +Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht, +Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken, +Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen. +Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse, +Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen; +Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken! +Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung-- +Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben +Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt, +Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte +Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge +Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich, +Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen, +Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern, +Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer, +Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen, +Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben. +Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?-- +Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme: +Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder +Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber, +Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren. +Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge +Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen +Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet: +Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels, +Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne, +Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden, +Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden, +Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt, +Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen, +Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen, +Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler, +Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber, +Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke. +Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch, +Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit, +Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken, +Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen, +Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte. +Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade +Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe +Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen, +Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende. +Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal, +Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet, +Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen. +Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine. +Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte, +Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren? +Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern, +Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten; +Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen, +Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden; +Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten, +Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet; +Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer +Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten; +Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5), +Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen; +Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles +Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man +Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet, +Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen: +Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter, +Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten, +Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen +Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune. +Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde, +War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde +Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich, +Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern! +Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg, +Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen. +Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte +Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich +In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel +Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze +So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt, +Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es +Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6), +Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln, +Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern, +Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl +Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen, +Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier +Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen, +Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise +Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen, +Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine, +Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen +Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt: +Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen, +Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben, +Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten +Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden, +Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln! +Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen, +Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse, +Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte. +Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen +Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir +Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen, +Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends? +Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken +Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen +Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen, +Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche, +Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen, +Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen. +Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber +Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater. +Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem +Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen, +Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung! +Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen +Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen, +Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen. +Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider, +Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich +Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich, +Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen, +Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel +Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude. + + +Dritter Gesang. + +Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen, +Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert +Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen? +Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin +Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er +Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich, +Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn +Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit +Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend, +Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle +Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend +Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen, +Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen, +Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden +Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen. +Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen +Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte +Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe +Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt: +Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles +Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet +Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend +Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel. +Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle +Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet, +Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten: +Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde, +Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden, +Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt. +Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten +Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er +Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet. +Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert, +Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten +Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden, +Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch, +Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich +Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte, +Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung, +Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken, +Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb. +Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben, +Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist +Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken! +Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen, +Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte, +Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich, +Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen, +Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner +Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen +Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen, +Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln, +Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden, +Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich +Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele +In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen, +Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre, +Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen: +Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen, +Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen, +Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden, +Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten. +Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen +Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen, +Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter +Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich +Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn +Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen! +Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue, +Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen, +Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue! +Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner +Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal +An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen! +Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen, +Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande +Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken +Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet +Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif +Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter, +Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte +Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens, +Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte +Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen. +Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken, +Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie, +Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt +Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen, +Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet +Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume +Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen, +Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen, +Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht, +Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren, +Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden, +Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden, +Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte +Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal, +Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten, +Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer +Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen, +Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs +Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie +Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung +Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich +Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien, +Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben. +Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes, +Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat, +Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen, +Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte +Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern +Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte, +Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber +Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke, +Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen +Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer, +Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder: +All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist, +Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert +Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren, +Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele, +Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen, +Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen. +Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten, +Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken +Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen, +Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt. +Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe +Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten, +Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist +Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert, +Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren. +Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich +Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel +Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit, +Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden. +Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen, +Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig, +Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten +Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben, +Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen, +Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen. +Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern, +Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren, +Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen. +Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd +Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel, +Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend, +Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung +Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen, +Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen. +So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung, +Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt, +Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert. +Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen, +Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe-- +Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange, +Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen. +Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm, +Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen. +Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren: +Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen, +Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen, +Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen, +Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen. +Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen, +Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung +Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen, +Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut, +Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben. +Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie +Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge, +Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück, +Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen, +Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln, +Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe +Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt, +Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke, +Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte +Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide +An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem: +Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen, +Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling +Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben, +Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat; +Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen +Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern +Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln +In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten: +Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben! +Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen, +Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel, +Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen, +Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines, +Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren, +Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet, +Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden +Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen. +Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten, +Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise, +Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder: +Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich +Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands, +Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich, +Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern! +Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend: +Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden! +Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten, +Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt, +Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen! +Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen! +Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe, +Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie +Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet, +Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen, +Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert: +Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen: +Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen. +Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten, +Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen, +Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen. +Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten, +Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens, +Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte; +Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg, +Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute; +Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte, +Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel! +Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden. +Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen: +Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung. +Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen, +Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen? +Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen, +Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam, +Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide, +Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken, +Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet, +Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen. +Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte, +Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen, +Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken, +Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen. +Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken +Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder, +Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten +Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht. + + +Vierter Gesang. + +Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein, +Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte +Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln, +Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs. +Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen +An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde, +Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon +Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster, +Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend, +Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen! +Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter, +Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd, +Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann. +Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere +Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer +Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen. +Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen +Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet, +Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat, +Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer +Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber, +Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören, +Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie +Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern +Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite, +Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden, +Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch +Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen, +Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen. +Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue, +Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend, +Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen! +O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet, +Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen, +Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber, +Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet, +Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern, +Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten +An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat, +Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele, +Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig +Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du +Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland, +Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader +In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du, +Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen, +Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern, +Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen! +Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre: +Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle, +Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben, +Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber! +Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend: +Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden, +Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert? +Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen, +Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler +Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen +Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen, +Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter, +Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern? +Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen +Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen, +Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen! +Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen, +Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen! +Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich +Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden, +Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen, +Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde +Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen. +Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft +Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe. +Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage, +Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet +Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre! +Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd: +Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden, +Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern? +Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es! +Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles +Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre, +Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen, +Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles +Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben +Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt +Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase, +Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange +Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten, +Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen +Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren. +Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote +Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter +Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen +An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels +Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln, +Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe +Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken +Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten! +So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren, +Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte +Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen +Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen, +Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse, +Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe, +Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich +Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche +Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen +Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen, +Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife +Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte, +Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe +Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte. +Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen, +Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig +Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter, +Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen, +Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner, +Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug +Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder, +Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern, +Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren. +Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler, +Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen, +Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen, +Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen, +Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1) +Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen, +Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn. +Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause +Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen, +Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen. +Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln +Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich: +Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten, +Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste +Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte +Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte +Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte, +Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre. +Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen, +Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern, +Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen, +Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter, +Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte. +Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben, +Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte +Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig +In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe, +Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig: +Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen, +Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester, +Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag, +Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es +Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen +Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen +War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen +Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden. +So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich +Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen, +Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen, +Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter. +Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe, +Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite. +So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich +Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe +Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen. +Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte: +Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende: +Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen? +Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden, +Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden, +Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge. +Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen: +Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen. +Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger +Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder. +Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig +Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte, +Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte +Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre +Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase, +Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste, +Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen, +Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber, +Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend, +Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme: +Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande, +Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche, +So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte, +Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher +Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte, +Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber: +Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens, +Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken, +Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd: +Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten, +Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen, +Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen, +Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon +Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert, +Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt, +Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern +Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln. +Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet, +Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer, +Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher +Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite, +Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten, +Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen, +Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3). +Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen, +Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken, +Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen? +Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen, +Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben. +Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel! +Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich +Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken, +Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen, +Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch +Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger +Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich, +Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch +Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen +Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten +Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel +Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln, +Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier +Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter +Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen, +Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen, +Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun, +Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen +Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's +Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen! +Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen, +Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen, +Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben +Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen, +Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten. +Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen, +Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit! +Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren, +Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen! +Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten +Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer, +Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach, +Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige +Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort! +Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen, +Und wir sollen dafür--– ich weiß nicht, ob ich's verstanden, +Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen! +Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet, +Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen +Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben, +Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet. +Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich +Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft, +Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern, +Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert. +Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt, +Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen. +Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe +Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette, +Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide, +Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen! +Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber, +Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs, +Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen, +Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner, +Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg, +Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens, +Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen +Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen. +Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde, +Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft +Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten, +Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese +Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken +An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich +Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet +Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte. + + +Fünfter Gesang. + +O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter +Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche +Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch +Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche, +Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln +Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte, +Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet, +Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung +Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer +So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte +Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben +Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt +Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man +Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen, +Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend, +Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert, +Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen, +Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet, +Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe +Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist, +Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe +Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden, +Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern. +Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen +Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen, +Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar +Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden +Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen, +Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem +Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg +Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen, +Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge +Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert, +Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch +Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten +Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden, +Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist. +Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme +Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet, +Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern, +Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum, +Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet, +Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen, +Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen, +Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung, +Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede +Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten, +Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen, +Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn, +Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung, +Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du? +Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet: +Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder, +Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender +Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich, +Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele +Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren, +Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern, +Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen! +Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen. +Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern, +Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich +Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren, +Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend +Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft +Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern +Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten, +Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren! +Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du +Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte +Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben, +Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen, +Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet; +Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen, +Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten +Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen, +Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig +Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon, +Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend, +Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden, +Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet, +Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!-- +Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme +Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke, +Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber +Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze +In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig +Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen, +Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer, +Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen, +Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen, +Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen, +Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer. +Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder +Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe +Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen, +Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln, +Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war: +Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte +Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert +Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer, +War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück, +Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen. +Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen +Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen, +Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet +In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten +Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen, +Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen +Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken, +Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl +Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es +Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden +Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist, +Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette! +Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen, +Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler +Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter +Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's +Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!-- + +So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen, +Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter, +Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise! +Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe. +Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde, +Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen, +Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen +Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense +Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel +Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut, +Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet, +Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert, +Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte +Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne +Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel +Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne, +Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen +Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags, +Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang. +Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte +Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse, +Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen +Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde +Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen, +Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen, +Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können, +Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder. +Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken +Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise +Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken, +Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen +Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute, +Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit +Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen, +Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung +Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert. +Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet, +Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben +Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen. +Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen, +Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde +Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen +Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten, +Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden, +Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet, +Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie +Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil +Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite, +Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet: +Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden, +Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden. +Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen, +Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein, +Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen. +Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln, +Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen, +Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling +Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung. +Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken +Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken, +Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken, +Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen, +Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade, +Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen +Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken, +Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten! +So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten, +Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich +Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten, +Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe +Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte, +Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte, +Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten. +Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten, +Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten +Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen, +Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen, +Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten +All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen +Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen, +Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen, +Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen. +Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen, +Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel +Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet, +Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend, +Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide, +Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer, +Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn, +Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern. +Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte +Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen, +Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen, +Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines +Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste +Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen, +Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich +Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren, +Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern, +Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung +So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben +Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände +Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte, +Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen +Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig, +Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen, +Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert +Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche, +Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens +Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer +Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn +So von allem zugleich, was für den traurigen Winter +Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine +Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte, +Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind, +Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis +Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre +Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen, +Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen +So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen +Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte, +Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten, +Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner +Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist. +Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen, +Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt, +Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen, +Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne, +Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche +Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite, +Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern. +Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung, +Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer +Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie +Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich +Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen. +Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen, +Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste, +Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt, +Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt +Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel, +Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet. +Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten, +Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen +Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte +Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben +Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar +Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste, +Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre +Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause? +Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen, +Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein +Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen, +Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte, +Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich +Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert: +Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen, +Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen: +Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet, +Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen, +Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen! + + +Sechster Gesang. + +Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin +Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis, +Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren. +Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen +An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift, +Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen, +Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden, +Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird: +Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter +Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern, +Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung, +Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen +Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde, +Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde, +Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich, +Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet. +Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen +Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde +Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah +Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar, +Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet, +Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden +Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen, +Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern. +Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre, +Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert. +Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva! +Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten +Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände +Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung. +Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben +Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter, +Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg +Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen, +Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet, +Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer +Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel, +Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert. +Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde +Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert, +Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen +Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen, +Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen +Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen. +Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien, +Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege, +Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen: +Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern, +Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen, +Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich +Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern, +Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs, +Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern +Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig! +Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände, +Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde +Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen. +Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!-- +Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger, +Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte, +Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste +Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen, +Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben, +War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte, +Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste +Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten, +Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland +Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft +Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme +Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften. +Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes +Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier +Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling +Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen, +Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert. +Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg +An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln, +Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen +Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend, +Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet, +Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet. +Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter +Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern +An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter, +Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater +Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig +Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber, +Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen +Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher +Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche +Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt! +Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar, +Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen, +Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert? +Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle +Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle: +Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer, +Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern +In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder, +Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen +Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!-- + +Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet? +So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen +Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben +Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern +Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten, +Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern, +Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich +Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich +Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern, +Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel, +Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen. +Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln, +Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet, +Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse! +Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern, +Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke +Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine, +Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen +Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen, +Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen, +Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne, +Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge +Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend +Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit +Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht +Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen, +Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß, +Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes +Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite, +Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände, +Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet, +Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken, +Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen. +Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe, +Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder, +Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er +Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen! +Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden, +Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut, +Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise, +Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein. +Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte, +Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung +In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn, +Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen, +Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe, +Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung +Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken, +Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er +Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen? +Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle +Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte, +Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde +Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen, +Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt. +So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen, +Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung, +Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen, +Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage. +Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen, +Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken +Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen. +Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt, +Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen, +Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer! +Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine, +Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig! +Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken, +Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen, +Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig! +Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten, +Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen, +Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen! +Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten, +Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben, +Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin! +Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe, +Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen, +Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal. +Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen, +Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken, +Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen, +Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet. +Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue, +Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände: +Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle! +Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte, +Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen. +Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel, +Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich +Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung +Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern +Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben, +Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe +Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung +Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken, +Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen +Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken. +Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle, +Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken, +Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen +Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte, +Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet. +Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege, +Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile, +Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei +Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen, +Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne. +Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied +Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen, +Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen, +Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen. +Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen +Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen, +Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange, +Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich! +Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede, +Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles +Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher +Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel. +Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche, +Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube, +Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien +Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber, +Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert: +Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen, +Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt, +Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig, +Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte +Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen. +Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie, +Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend, +Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager, +Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet, +Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren, +Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen. +Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange +Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung +Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat. +Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite, +Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich +Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens +Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer. +Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige +Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen, +Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen +Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern, +Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend, +Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen +Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet. +Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause +Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich +Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes +Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren, +Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig. +Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten, +Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern, +Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche, +Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er +Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet, +Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe. +Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege. +Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze. +Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde! +Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden! +Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer, +Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich. +Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben? +Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich, +Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen, +Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren. +Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge, +Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre, +Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet. +Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise, +Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen, +Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln, +Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen, +Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte +Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack +Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung, +Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden. +Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das? +Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde! +Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung! +Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe +Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen, +Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben, +Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme +Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen +Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig? +Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen, +Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,-- +Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte, +Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend. +Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme, +Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig +Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen? +Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen. +Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben, +Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber, +Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden! +Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen: +Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen! +Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne, +Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze! + + +Siebenter Gesang. + +Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne +Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger +Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen-- +Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen, +Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden, +Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben, +Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter +Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen. +Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte +Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht +Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten, +Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen. +Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler +Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden +Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen. +O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter +Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück +Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt, +Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben, +Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen, +Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen, +Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist, +Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben, +Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen, +Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen. +Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste, +Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten, +Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen. +Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen, +Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder +Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen, +Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet: +Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen, +Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde, +Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute, +Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen, +Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern. +Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge, +Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen, +Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide +Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel, +Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen, +Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen, +Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine +Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel +Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde +Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen +Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen, +An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern +Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer +Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche! +Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert +Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster, +Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen +Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen, +Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher, +Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen! +Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag +Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen +Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte? +Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben, +Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen, +Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich, +Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen +Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest, +Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären. +Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert, +Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung +Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars, +Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln +Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen, +Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune, +Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten, +Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen +Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung, +Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten +Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken, +Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen +Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten, +Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe, +Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre, +Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen +Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es +Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren, +Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe, +Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen! +Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles, +Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind, +Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen! +Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen, +Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben, +Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet, +Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe. +Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen, +Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig, +Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr, +Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter. +Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen +Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen, +Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller +Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten +Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen, +Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme: +Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben! +Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten, +Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten, +Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler +In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen +Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte: +Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte +Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen, +Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen? +Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht +Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde +Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen, +Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten: +Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern +Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen, +Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen! +Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung +Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben +Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden. +Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen +Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends +Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen +Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft +Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben: +Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen! +Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen, +Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen, +Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen, +Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen, +Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber, +Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken! +Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin, +Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend, +Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten. +Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden, +Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten, +Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen +Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel, +Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen +Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd +Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe +Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche, +Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen, +Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen, +Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar, +Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen, +Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel +Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe, +Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung +Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles, +Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin +Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen, +Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben! +Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben, +Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke, +Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns, +Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden, +Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren, +Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben! +Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger, +Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend, +Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte +Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen +Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt +Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde +Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter, +Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter +Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben, +Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen, +Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen. +Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet, +Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen, +Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen: +Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden! +Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege +Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen, +Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen! + +Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich, +Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen, +Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen, +Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden. +Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen, +Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern +Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange, +Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen, +Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam, +Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter! +Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze, +Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten, +Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte, +Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte, +Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie +Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich +Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße +Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich, +Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde, +Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen, +Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken, +Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden +Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern. +Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster, +Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen +Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben, +Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe, +Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen +In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen. +Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter! +Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung, +Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen, +Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken, +Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren. +Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken, +Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen, +Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken: +Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen. +Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich, +Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können, +Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider, +Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken. + +Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe, +Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden, +Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend, +Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben? +Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe +In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet, +Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben, +Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken, +Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann, +Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen +Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen +Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe, +Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber! +Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert +Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen, +Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben, +Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese, +Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa +Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen, +Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage: +Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken, +Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert? +Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer, +Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt, +Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal +Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser, +Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe? +Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren +Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose +Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten, +Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern, +Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten, +Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen, +Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber, +Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte! +Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter, +Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen. +Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher! +Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg. +Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen? +Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich +Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien, +Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze +Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer +Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3), +Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten, +Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten. +Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten, +Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen, +Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher +Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels +Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich +Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen! +Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen +Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten +Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten, +Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet. +Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna, +Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen +Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk, +Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese. +Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe, +Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten: +Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste! +Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste +Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen, +Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre, +Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen! +Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte: +Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten, +Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken, +Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer +Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen, +Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen, +Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren! +Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren, +So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet, +Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden +Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert, +Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage. +Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles, +Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen? +Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden! +Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen, +Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst, +Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten, +Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde, +Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten. +Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen, +Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn, +Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken. +Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen, +Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen, +Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat +Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich, +Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten. +Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue, +Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben, +Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles! +Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben +Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren +Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!-- +Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen +Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert +Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe +Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig: +Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben, +Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter, +Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel, +Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte: +Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln, +Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen, +Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben: +War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt +Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern +Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken, +Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna, +Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten, +Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert +Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen, +Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr, +Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben +Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel, +Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee +Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig. +Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe +Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern! +Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet +Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben, +Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden, +Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen. +Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke +Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen; +Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung, +Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße. +Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm, +Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend, +Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen +Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert! +Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen +Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen, +Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest +Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten, +Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet +Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen, +Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert, +Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen, +Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge. +Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern +Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig, +Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er: +Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen, +Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen, +In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest, +Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber! +Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten, +Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben, +Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln +Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er +Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue; +Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen. + +Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück, +Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder +Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen, +Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen! +Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen, +Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder +Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit, +Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning, +Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre +Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest! +Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben? +Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen? +Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert, +Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden! +Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe, +Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren, +Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden, +Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen. +O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen! +Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte, +Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde +Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer +Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten, +Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden +Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder, +Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde +Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen +Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter +Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher +Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche, +Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen, +Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen, +Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen! +Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors, +Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden! +Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet, +Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern: +Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben, +Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen, +Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend, +Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten. +Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel, +Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße +Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung +Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern. +Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten, +Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen +Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden, +Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert, +Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert. +Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen! +Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen +Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers! +Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern, +Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn +Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen! + + +Ende dieses Project Gutenberg Etextes "Mutter und Kind", von +Friedrich Hebbel + diff --git a/old/8mutt10.zip b/old/8mutt10.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..fa3f935 --- /dev/null +++ b/old/8mutt10.zip |
