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diff --git a/4083-h/4083-h.htm b/4083-h/4083-h.htm new file mode 100644 index 0000000..f53d9e2 --- /dev/null +++ b/4083-h/4083-h.htm @@ -0,0 +1,2658 @@ +<!DOCTYPE HTML PUBLIC "-//W3C//DTD HTML 4.01 Transitional//EN"> +<HTML> +<HEAD> + +<META HTTP-EQUIV="Content-Type" CONTENT="text/html; charset=iso-8859-1"> + +<TITLE> +The Project Gutenberg E-text of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel +</TITLE> + +<STYLE TYPE="text/css"> +BODY { color: Black; + background: White; + margin-right: 10%; + margin-left: 10%; + font-family: "Times New Roman", serif; + text-align: justify } + +P {text-indent: 4% } + +P.noindent {text-indent: 0% } + +P.poem {text-indent: 0%; + margin-left: 10%; + font-size: small } + +P.finis { font-size: larger ; + text-align: center ; + text-indent: 0% ; + margin-left: 0% ; + margin-right: 0% } + +</STYLE> + +</HEAD> + +<BODY> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Mutter und Kind + +Author: Friedrich Hebbel + +Posting Date: May 27, 2009 [EBook #4083] +Release Date: May, 2003 +First Posted: November 13, 2001 + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND *** + + + + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + + + + + +</pre> + + +<BR><BR> + +<H1 ALIGN="center"> +Mutter und Kind +</H1> + +<H2 ALIGN="center"> +Friedrich Hebbel +</H2> + +<BR><BR> + +<H3 ALIGN="center"> +Ein Gedicht in sieben Gesängen. +</H3> + +<H4 ALIGN="center"> +1859 +</H4> + +<BR><BR> + +<H4> +<A HREF="#erster">Erster Gesang</A><BR> +<A HREF="#zweiter">Zweiter Gesang</A><BR> +<A HREF="#dritter">Dritter Gesang</A><BR> +<A HREF="#vierter">Vierter Gesang</A><BR> +<A HREF="#funfter">Fünfter Gesang</A><BR> +<A HREF="#sechster">Sechster Gesang</A><BR> +<A HREF="#siebenter">Siebenter Gesang</A><BR> +</H4> + +<BR><BR> + +<A NAME="erster"></A> +<H3> + Erster Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Eben grauet der Morgen. Noch stehen die zitternden Sterne<BR> + An der Wölbung des Himmels, die kaum am Rande zu blauen<BR> + Anfängt, während die Mitte noch schwarz, wie die Erde, herabhängt.<BR> + Frierend kriechen die Wächter mit Spieß und Knarre nach Hause,<BR> + Doch sie erlöste die Uhr und nicht die steigende Sonne,<BR> + Denn noch ruhen die Bürger der Stadt und bedürfen des Schutzes<BR> + Gegen den schleichenden Dieb, den spähende Augen gewähren.<BR> + Wie der Hahn auch rufe, und wie vom Turme herunter<BR> + Auch der hungrige Geier mit ewig brennendem Magen<BR> + Nach dem Frühstück krächze, es kümmert nicht Mensch noch Tiere.<BR> + Nur in den Ställen, die hinter die stattlichen Häuser versteckt sind,<BR> + Wird's allmählich lebendig, es scharren und stampfen die Pferde,<BR> + Und es brüllen die Kühe, allein die Knechte und Mägde<BR> + Schwören sich bloß, zur Nacht die Raufen noch voller zu stopfen,<BR> + Als es gestern geschah, und schlafen weiter in Frieden.<BR> + Nun, man müßte sie loben, wofern sie sich rascher erhüben,<BR> + Aber, wer könnte sie tadeln, daß sie sich noch einmal herumdrehn?<BR> + Ist doch die Kälte zu groß! Der Fuß, dem die Decke entgleitet,<BR> + Schrickt zurück vor der Luft, als ob er in Wasser geriete,<BR> + Welches sich eben beeist, auch darf man den Winter nicht schelten,<BR> + Weihnachts-Abend ist da, wie sollt' er nicht grimmig sich zeigen!<BR> + Dennoch lehnt schon am Pfahl der still verglühnden Laterne<BR> + Eine dunkle Gestalt. Im Licht des flackernden Dochtes,<BR> + Welcher sich selbst verzehrt, des Öls allmählich ermangelnd,<BR> + Kann man den Jüngling erkennen, der unbeweglich hinüber<BR> + Schaut nach dem Erdgeschoß des Hauses über der Straße.<BR> + Wahrlich, es müssen die Pulse ihm heiß und fieberisch hüpfen,<BR> + Daß er um diese Stunde, die selbst im Sommer die Zähne<BR> + Oft zum Klappern bringt und alle Glieder zum Schaudern,<BR> + Hier so ruhig steht, als wär' er in Eisen gegossen.<BR> + Schneidend und scharf, wie ein Messer, zerteilt der Hauch nun die Lüfte,<BR> + Welcher die Sonne meldet: den sollen die Fische im Wasser<BR> + Spüren und mitempfinden, er aber regt sich auch jetzt nicht.<BR> + Doch, da schreitet er vor und naht sich dem Hause. Was gibt ihm<BR> + Denn so plötzlich Gefühl und macht ihn lebendig? Ein Schimmer<BR> + Ward da drunten sichtbar, den eine getragene Lampe<BR> + Zu verbreiten scheint. Er bückt sich nieder, zu lauschen,<BR> + Spricht: sie ist's! und tickt mit leisem Finger ans Fenster.<BR> + Drinnen taucht ein Kopf empor. Die klarste der Scheiben<BR> + Suchend, er findet sie schwer, die meisten sind blind und belaufen,<BR> + Lugt er schüchtern hindurch. Es ist ein blühendes Mädchen,<BR> + Welches sich selber beleuchtet, indem es, die Lampe erhebend,<BR> + Nach dem Klopfenden späht. Er ruft: mach' auf, Magdalena!<BR> + Und enteilt in das Gäßchen, das links am Hause sich hinzieht.<BR> + Bald auch öffnet sich seitwärts das Dienerpförtchen, doch halb nur,<BR> + Und den Fuß in der Tür, beim Licht noch einmal ihn prüfend,<BR> + Spricht sie: Christian, du? Was kannst du so zeitig nur wollen?<BR> + Laß uns hinein--versetzt er--du würdest draußen erfrieren,<BR> + Und wir sind ja noch sicher! Sie sperrt ihm noch immer den Eingang,<BR> + Doch er hält ihr den Pelz entgegen, in den er gehüllt ist,<BR> + Und nun tritt sie zurück und geht voran in die Küche,<BR> + Während er auf den Zehen ihr folgt. Schon brennt auf dem Herde<BR> + Hell und lustig ein Feuer. Sie stellt den Kessel mit Wasser<BR> + Jetzt darüber und setzt sich an einer Seite daneben,<BR> + An der anderen er. Die rötliche Flamme vergoldet<BR> + Spielend beider Gesichter, und gegen sein dunkel gebräuntes<BR> + Sticht ihr lilienweißes, mit blonden Locken bekränztes,<BR> + Fein und angenehm ab. So mußt du--beginnt sie--schon wieder<BR> + Auf die Straße hinaus, und das am heiligen Abend?<BR> + Wer dem Fuhrmann dient,—entgegnet er--feiert die Feste<BR> + Selten gemächlich zu Hause, denn immer mangelt dem Kaufmann<BR> + Dies und das im Gewölb', und da die Kunden nicht warten,<BR> + Wartet er selbst auch nicht! Doch du--erwidert sie leise,<BR> + Fast in Vorwurfes Ton--du könntest es lange schon besser<BR> + Haben, wenn du nur wolltest!—Du meinst, ich könnte beim Kaufmann<BR> + Selber, könnte bei euch sein--versetzt er mit Lächeln--und freilich<BR> + Hätt ich's bequemer und dürfte, man sieht's ja, zu Tode mich schlafen.<BR> + Aber, das täte nicht gut!—Er springt empor, und die Küche<BR> + Stumm und sinnend durchschreitend und dann ich plötzlicher Wendung<BR> + Vor das Mädchen tretend und ihre Schönheit betrachtend,<BR> + Ruft er aus: Nein, nein, sie soll mir nicht hungern und frieren!<BR> + Voll Verwunderung schaut sie auf und merkt es nun endlich,<BR> + Daß er bewegt ist, wie nie. Was hast du? fragt sie ihn ängstlich,<BR> + Und er streichelt sie sanft und spricht die bedächtigen Worte:<BR> + Wem ein altes Weib für seinen Groschen das Schicksal<BR> + Aus den Karten verkündigt, der mag noch zweifeln und lachen,<BR> + Aber, wem es der Herr im liebsten Freunde und Bruder<BR> + Dicht vor die Augen stellt, dem ziemt es, sich warnen zu lassen!<BR> + Hätte der Ärmste mich in solchem Elend gesehen,<BR> + Wie ich gestern ihn, er wäre wohl ledig geblieben,<BR> + Und sein Beispiel soll--dies wird, so meint er, ihn trösten—<BR> + Nicht verloren sein für seinen Jugendgenossen!<BR> + Geht es den beiden so schlecht--versetzt sie erschreckend—ich habe<BR> + Anna nicht wieder erblickt, sie ist nicht weiter gekommen,<BR> + Und ich kann das Haus nur selten auf Stunden verlassen,<BR> + Und da hab' ich zu tun und rechne mit Schuster und Schneider.<BR> + Ging's mir anders mit Wilhelm--erwidert er traurig--ich hatte<BR> + Ihn so gut wie verloren, denn ängstlich, wie Sünde und Schande,<BR> + Pflegen sich Armut und Not in Ecken und Winkeln zu bergen.<BR> + Seinen eigenen Vetter vermocht' ich nicht zu ihm zu führen,<BR> + Als er nach Hamburg kam, um Anna endlich zu sehen,<BR> + Und erst gestern zur Nacht bin ich ihm wieder begegnet,<BR> + Aber in welcher Gestalt! Wie gänzlich verändert! Du kannst es<BR> + Dir nicht denken! Ich glaubte zuerst, es wäre sein Vater,<BR> + Der noch lebt auf dem Dorf, um seinen Jammer zu mehren,<BR> + Weil er den Greis nicht fürder ernähren kann, wie so lange!<BR> + Als ich ihn dann erkannte in seinem gebrochenen Wesen,<BR> + Wollte er mir nicht stehn, wie einer, der giftige Blattern<BR> + Zu verbreiten fürchtet, ich aber blieb ihm zur Seite<BR> + Und so nahm er mich mit zum kranken Weib und den Kindern.<BR> + Nun, die dienten zusammen!--Das Mädchen erhebt sich und schließt ihn<BR> + Innig und fest an die Brust.--Sie wohnen im feuchtesten Keller<BR> + Welchen ich jemals sah. Dem Totengräber gehörig,<BR> + Hat er die nassen Wände mit Brettern von Särgen beschlagen,<BR> + Wie sie der Kirchhof ihm aus wieder eröffneten Gräbern<BR> + Fett und modrig liefert. Die dunsten, daß, wer hereintritt,<BR> + Fast erstickt, doch die Miete ist billig, auch jagt sie der Hausherr<BR> + Nicht so leicht heraus, es fehlt am zweiten Bewerber,<BR> + Darum bleiben sie sitzen. Sie sollen vom Fieber genesen,<BR> + Wo's ein Gesunder bekommt. Da macht's natürlich die Runde,<BR> + Springt von ihm zu ihr, von einem Kinde zum andern<BR> + Und verläßt sie nicht mehr! Du weinst schon bittere Tränen,<BR> + Nun, ich rede nicht weiter!--Sie trocknet sich plötzlich die Augen,<BR> + Welche ihr längst schon strömten, und spricht mit krampfhaftem Lachen,<BR> + Ihn bei der Hand ergreifend und über und über erglühend:<BR> + Christian, weißt du was? Es ist der heilige Abend,<BR> + Und es wird uns beschert: da wollen wir wieder bescheren!<BR> + Meinen ganzen Weihnacht, und reichlich gibt ihn die Herrschaft,<BR> + Kleider und Tücher und Geld, und was noch etwa hinzukommt,<BR> + Alles trag' ich zu Anna, du machst es auch so mit Wilhelm,<BR> + Und sie können den Keller verlassen und wieder gesunden!<BR> + Kind--versetzt er darauf--ich tat zwar gleich, was ich konnte,<BR> + Und der Weihnacht1) ist die Hälfte des Lohnes in Hamburg,<BR> + Aber es sei darum! Denn, wie kein Engel im Himmel,<BR> + Hat mich Wilhelm gestern für ewige Zeiten gesegnet,<BR> + Und ich dank' es ihm gern! Zwar war sie bitter, die Lehre,<BR> + Die ich empfing, als ich sah, daß trockenes Brot ihm, wie Kuchen,<BR> + Schmeckte, Käse wie Fleisch, doch werd' ich sie nimmer vergessen.<BR> + Ja, ich hab' es erkannt, und werd' es im Herzen bewahren:<BR> + Wenn der Arme es wagt, nur Gatte und Vater zu werden,<BR> + Ist es sündlich, als dächte der Reiche auf Kaiser und König,<BR> + Und es straft sich noch härter. So bin ich denn fest auch entschlossen,<BR> + Endlich den Schritt zu tun, auf den ich schon lange gesonnen,<BR> + Denn das Leben ist kurz, und einmal will ich doch würfeln!--<BR> + Sie erschrickt, doch bald zerschmilzt in freudigem Lächeln<BR> + Ihre Angst, denn er zieht zu ihrem höchsten Erstaunen<BR> + Einen goldenen Ring hervor--er ist in den Handschuh<BR> + Eingewickelt, den sie vermißt und den er entwandte,<BR> + Um ihr Maß zu haben--und reicht ihr das funkelnde Kleinod.<BR> + Nimm ihn an von mir--so spricht er--und trag' ihn zu Ehren,<BR> + Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes<BR> + In Geduld drei Jahre, du wirst nicht darüber ergrauen,<BR> + Und das Glück hat Zeit, mir einen Finger zu reichen!<BR> + In Geduld drei Jahre!--versetzt sie--und das noch zu Ehren<BR> + Gottes, des Vaters, des Sohnes, sowie des Heiligen Geistes?<BR> + Nein, in Liebe und Treue das ganze Leben und keinem<BR> + Mehr zurück Ehren, als dir, du Bravster unter den Braven!<BR> + Kind, ich nehm' es nicht an--entgegnet er ernst--denn es würde<BR> + Mir das Gewissen belasten, du bist nicht länger gebunden,<BR> + Wenn die Frist verlief, auch ist sie völlig genügend,<BR> + Und wenn ich dich nicht löse, so magst du selber dich lösen!<BR> + Aber--ruft sie--was können so wenige Jahre dir bringen,<BR> + Wenn du das Heil nicht von Alt'na erwartest oder von Wandsbeck2),<BR> + Und du bist wohl der letzte, dein Haus aufs Lotto zu bauen!<BR> + Darauf schwöre nur nicht--versetzt er--du würdest dich täuschen,<BR> + Denn ich rechne aufs Lotto, doch setz' ich nicht Heller und Groschen,<BR> + Nein, ich setze mich selbst. Ich geh' im Frühling zu Schiffe.<BR> + Schlage nicht gleich die Hände zusammen und halte die Schürze<BR> + Vor die Augen! Ich hab' es lange bedacht und erwogen,<BR> + Gestern kam's zum Entschluß! Die Welt ist anders geworden,<BR> + Als mein Vater sie kannte, und seine goldenen Regeln<BR> + Passen nicht mehr hinein! Wer bliebe nicht gerne im Lande<BR> + Und ernährte sich redlich! Ich sehne mich nicht nach dem Weltteil,<BR> + Wo man Löwen und Affen und Papageien umsonst sieht,<BR> + Nein, ich will das Pläsier mit Freuden noch länger bezahlen,<BR> + Wenn wir über den Berg3) nach Altona gehn zur Erholung!<BR> + Aber, wer kann, was er möchte! Wofür mein Vater das Häuschen<BR> + Kaufte, miet' ich mir kaum, die Stube, und was für den Ochsen<BR> + Einst der Schlachter gab, das gibt für die Haut jetzt der Gerber!<BR> + Sprich, wo wäre da Hoffnung! Es sind der Menschen zu viele<BR> + Über die Erde versät, und statt, wie einst, sich zu helfen,<BR> + Drängen sie sich und stoßen und suchen sich neidisch die Bissen<BR> + Aus den Händen zu reißen. Drum sind auch die schrecklichen Tiere<BR> + Losgelassen, von denen die Offenbarung Johannis<BR> + Prophezeite, sie sollen den Haufen lichten und sichten.<BR> + Bonaparte voran als Tod mit der blinkenden Sense,<BR> + Jetzt die neue Pest, die Cholera, wie sie sie heißen,<BR> + Und die Hungersnot wird folgen, sie guckt um die Ecke.<BR> + Fault nicht schon die Kartoffel? So sagte der Alte aus Bremen,<BR> + Den sie den Mystikus nennen, und der uns Knechten und Mägden<BR> + Seine Gesichte verkündigt, und wahrlich: er hat nicht gefaselt!<BR> + Höre den Orgeldreher, wer will! Doch sieh wie dein Kessel<BR> + Siedet! Auch haben die Pferde in meinem Stall wohl gefressen,<BR> + Und je eher daran, je eher davon. Bis zum Abend<BR> + Bin ich morgen zurück und bringe Wilhelm das Seine,<BR> + Denn du würdest den Gang, geschweige den Keller nicht finden,<BR> + Dürftest dich auch nicht hineinbegeben, er wimmelt von Schiffern<BR> + Und von allerlei Volk, und was sie da suchen, das weißt du.<BR> + Heute ist er versehn!--Er reicht ihr die Hand hin zum Abschied,<BR> + Aber sie hält ihn fest, sie schaut ihm ins Auge und schüttelt<BR> + Kindlich den lockigen Kopf, im Anfang leise und schüchtern,<BR> + Dann geschwind und geschwinder, und da er noch immer nicht redet,<BR> + Zieht sie den Hochgewachsnen zu sich hernieder und bietet<BR> + Ihm, wie zum Danke, den Mund. Er aber weigert sich lächelnd,<BR> + Diesen Kuß zu nehmen und spricht: Das wär' ein Gelöbnis,<BR> + Hier zu bleiben, und dies vermag ich dir nicht mehr zu geben,<BR> + Denn habe den Dienst schon aufgesagt, und ich gehe<BR> + Mit den Gefährten, dem Schmied und dem Tischler, die lange schon drängten,<BR> + Wenn die Störche kommen, damit wir endlich erfahren,<BR> + Welche Reise sie machen. Das wenige, was ich ersparte,<BR> + Reicht schon aus für das Schiff, und warum gingen nur wir nicht,<BR> + Unser Glück zu versuchen! Zu Tausenden ziehn sie hinüber,<BR> + Um nach Gold zu graben im kalifornischen Boden!<BR> + Wäre der Himmel geöffnet und würde am Tore geläutet,<BR> + Wie des Abends bei uns zur Zeit der Sperre4), es gäbe<BR> + Schier kein größres Getümmel, kein ärgeres Rennen und Laufen:<BR> + Musikanten verkaufen die Fiedel, Gelehrte die Bibel,<BR> + Schuster und Schneider den Pfriem und die Nadel und eilen nach Bremen.<BR> + Von dem Bette des Kranken entweicht der gierige Doktor,<BR> + Und sein Koch ist voraus, es stoße im Mörser, wer Lust hat,<BR> + Advokaten und Schreiber verachten auf einmal die Zunge,<BR> + Die sie so lange ernährte, und rechnen auf Arme und Beine,<BR> + Der Senator bedenkt sich's, ob er denn wirklich zu dick ist,<BR> + Und der Prediger kaum hält's aus bei seiner Gemeinde.<BR> + Sollte der Ärmste da fehlen? Ich dächte doch, diesem vor allen<BR> + Wäre der Segen beschert, nur muß er sich freilich auch rühren,<BR> + Denn Sankt Nikolaus schenkt zwar die Kuh, doch nicht auch den Halfter.<BR> + Darum weine mir nicht! Ich bin ja nicht, wie die andern,<BR> + Unersättlich, und werfe das Brot, das ich habe, zu Boden,<BR> + Um nach dem Kuchen zu schnappen, ich will ja nicht mehr, als ich brauche,<BR> + Um dich mit gutem Gewissen zur Kirche führen zu können,<BR> + Und du bist es wohl wert, daß mir dies wenige werde.<BR> + Hätt' ich den Dampfer auch schon bestiegen, und würde ihn willig<BR> + Wieder verlassen, wenn hier noch ein mäßiges Glück sich mir zeigte,<BR> + Aber ebenso sicher vollbring' ich auch, was ich beschlossen,<BR> + Wenn kein Wunder geschieht und an die Heimat mich fesselt.<BR> + Knarrt nicht die Treppe? Jawohl! Man kommt! So trockne die Augen,<BR> + Daß sie nicht glauben, wir zankten! Da rollt schon der Wagen des Nachbars!<BR> + Nun, ich hol' ihn noch ein, denn meine Pferde sind besser.<BR> + Lebe denn wohl! Sie bringen in Holstein den Pudding nicht fertig,<BR> + Wenn ich nicht mache, es fehlt an frischen Rosinen und Mandeln,<BR> + Und hier brauchen wir Schinken und wohlgeräucherte Zungen!<BR> + Heller Tag! Wie die Zeit verstrichen ist! Glücklicherweise<BR> + Hat mein Alter die Gicht! Da schläft er hinein in den Morgen,<BR> + Weil sie ihn zwickt bei der Nacht fürs fleißige Schnapsen von früher,<BR> + Sonst erging' es mir übel! Es hat ihn nicht wenig verdrossen,<BR> + Daß ich nicht bleiben will und, selbst nicht offen und ehrlich,<BR> + Glaubt er, ich will den Dienst nur wechseln und nicht mit dem Spaten<BR> + Wirklich die Zügel vertauschen! Ei nun, er wird es erfahren!<BR> + Keinen Kuß? Doch die Hand! Auch die nicht? Du sollst mich noch loben!--<BR> + Damit eilt er hinweg. Sie setzt sich, um Kaffee zu mahlen,<BR> + Doch ihr rinnen die Tränen von neuem, es kann sie nicht trösten,<BR> + Daß die Raben noch krächzen und nicht die Störche schon klappern,<BR> + Denn sie weiß: Was er sagt, das tut er! Sie kennt ihn zu lange.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="zweiter"></A> +<H3> + Zweiter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Während dies in der Küche geschah, ist alles im Hause<BR> + Nacheinander lebendig geworden, das fleißige Mädchen<BR> + Hatte zuerst sich erhoben, in ihrer ländlichen Weise<BR> + Nach der Kälte nicht fragend, nur nach der Stunde, verdrießlich<BR> + Ist ihr nach langer Pause, mit offenen Ohren verdämmert,<BR> + Dann die zweite gefolgt und hat Kamine und Öfen<BR> + Bis zum Zerspringen geheizt, vom Schlaf erst völlig ermuntert,<BR> + Als ihr auf einmal die Haube zu glimmen begann und ein Löckchen<BR> + Sich entzündete, rasch, wie Hanf, am Feuer verflackernd,<BR> + Und die Augenbraunen, ja selbst die Wimpern ihr sengend.<BR> + Noch viel später schlüpfte der Kutscher in seine Pantoffeln:<BR> + Diesen weckt zwar gewöhnlich die Kaffeemühle, doch hütet<BR> + Er sich, aufzustehn, bevor sie wieder verstummt ist,<BR> + Denn er käme zu früh, noch wäre das Brot nicht geröstet<BR> + Oder die Sahne gesotten, das hat er längst schon berechnet,<BR> + Und ein verständiger Mann verachtet nie die Erfahrung.<BR> + Jetzt sogar bleibt ihm noch Zeit, den Thermometer am Fenster<BR> + Um den Grad zu befragen, doch ist's ihm freilich nicht möglich,<BR> + Auch nach der Uhr zu sehn, die ihm zu Häupten am Bett hängt,<BR> + Denn es wird ihm da unten zu still, sie sind schon beim Trinken.<BR> + Endlich huscht auch die Zofe hinab, das Prasseln im Ofen<BR> + Hat sie herausgetrieben, doch sind ihr die Augen noch immer<BR> + Matt, und gleichen den Lichtern, die, nachts in der Kälte beschlagen,<BR> + Oder mit Wasser bespritzt, nicht brennen wollen am Morgen.<BR> + Darum bemerkt sie's auch nicht, daß Magdalena schon weinte,<BR> + Sondern erkundigt sich bloß, ob keiner ihr Traumbuch gesehn hat.<BR> + Nur der Bediente fehlt, der muß die Klingel erst hören,<BR> + Aber er rühmt sich der Kunst, so flink in die Kleider zu kommen,<BR> + Daß er, wie schwach sie der Herr auch ziehn mag, immer schon fertig<BR> + In das Zimmer tritt, bevor noch die Glocke verhallte:<BR> + Und da darf er's schon wagen, die Nachricht1) im Bette zu lesen.<BR> + Dennoch irrt er gewaltig, indem er das Knattern des Bodens,<BR> + Welches er über sich hört, allein dem Springen der Bretter<BR> + Zuschreibt, wenn sie auch mächtig im klingenden Winter sich krümmen,<BR> + Denn schon lange wandelt der Kaufherr sinnend und schweigend<BR> + In den Gemächern herum, die königlich weit und geschmückt sind,<BR> + Aber nicht mit Stolz, man sieht es ihm an, und Behagen.<BR> + Vor dem Spiegel flammen in schweren silbernen Leuchtern<BR> + Noch die Kerzen, sie sind zwar nicht mehr nötig, doch mag er,<BR> + Wie er sie angezündet, sie nicht auch selber noch löschen,<BR> + Und noch weniger scheint er den Diener schon rufen zu wollen.<BR> + Jetzt beschaut er die Blumen und fremden Gewächse, sie füllen<BR> + Fast ein ganzes Gemach, und alle Teile der Erde<BR> + Haben ihr Schönstes geliefert, doch fesseln die schwellenden Knospen,<BR> + Die er sonst wohl mustert, als wär' er in Holland geboren<BR> + Und ein Bürger der Zeit, wo Zwiebeln die Wechsel vertraten,<BR> + Diesmal ihn nur wenig, ja selbst die geöffneten Kelche<BR> + Hauchen ihm heute vergebens die heißen Düfte entgegen,<BR> + Welche den Papagei, er schließt vor Behagen die Augen<BR> + Und ist betäubt und berauscht, zurück in die Heimat versetzen.<BR> + Jetzt betrachtet er sich die neue chinesische Vase:<BR> + Altoum selbst, der Drachen und Schlangen erlauchter Gebieter,<BR> + Hat sie in Peking nicht reicher, mit Gold gefüllt bis zum Rande<BR> + Wäre sie kaum bezahlt, so selten und rein ist die Mischung<BR> + Und so brennend die Farbe! Man stellte in jedem Museum<BR> + Einen Wächter daneben, doch er, in plötzlicher Wendung<BR> + Gegen ein Bild an der Wand, der Morgen beleuchtet's gerade,<BR> + Stößt sie vom Tisch herunter, und wenn er erschrickt, so geschieht es<BR> + Bloß des Geprassels wegen, das dennoch der türkische Teppich<BR> + Mächtig dämpft, denn er horcht, anstatt die Scherben zu sammeln<BR> + Oder auch nur zu beachten, mit angehaltenem Odem<BR> + Nach der linken Seite hinüber, wo ihm die Gattin<BR> + Schlummert im Bett von Damast, und da's dort still, wie zuvor, bleibt,<BR> + Spricht er lächelnd: so war denn doch noch ein Glück bei dem Unglück!<BR> + Und, als hätte er nur die Kaffeetasse zerbrochen,<BR> + Tritt er gelassen und ruhig, nicht einmal den fegenden Schlafrock<BR> + Erst um den Leib sich gürtend und weiteren Schaden verhütend,<BR> + Vor das Gemälde hin. Es ist von Rahl2), und es zeigt uns<BR> + Marius unter den Cimbern im grimmigen Würgen. Kein König<BR> + Hat es beim Meister bestellt, nicht einmal der König der Juden,<BR> + Auch kein reicher Prälat, kein Julius oder ein Bembo,<BR> + Noch viel minder ein Junker, was kümmern sie Künstler und Dichter,<BR> + Aber der Handelsherr, obgleich zum Patron nicht geboren,<BR> + Und von manchen bespöttelt, die mit ihm rechnen und tauschen,<BR> + Rief's ins Leben, sobald er in Wien die Skizze erblickte,<BR> + Denn er sucht in Venedig und nicht in Karthago sein Vorbild.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Freilich hält ihn auch dies, so sehr er es schätzt und bewundert,<BR> + Heute nicht lange fest. Er nickt zwar, erstaunend, wie immer,<BR> + Dem gewaltigen Stier, der eben den Römer gespießt hat,<BR> + Und der entsetzlichen Mutter, die ihren eigenen Säugling<BR> + Unter die Feinde schleudert, doch greift er nicht nach der Kerze,<BR> + Um es heller zu sehn, obgleich das goldene Tagslicht<BR> + Wieder verdüstert ward durch jenes graue Geriesel,<BR> + Welches nicht Nebel bleibt und auch nicht zu Schnee sich verdichtet<BR> + Und die Finsternis mehrt, die Kälte aber nicht mindert.<BR> + Nein, er schreitet aufs neue von Zimmer zu Zimmer und heftet<BR> + Bald auf die Nipse den Blick, die Tische und Schränke ihm zieren,<BR> + Bald auf Figuren und Büsten und bald auf Stiche und Bücher.<BR> + Alles besieht er und prüft's, er späht begierig nach Lücken,<BR> + Aber er findet sie nicht, und wenn sich die Lust des Besitzes<BR> + Auch in seinem Gesicht nicht eben spiegelt, so zeigt es<BR> + Doch auch keinen Verdruß. Da fällt sein schweifendes Auge<BR> + Auf die Dresdner Madonna, mit ihrem lieblichsten Knaben,<BR> + Und den reizenden Engeln, die Raphael malte, und eilig<BR> + Wendet er's wieder ab, als sähe er, was ihn nicht freute,<BR> + Und sein ruhiger Ernst verwandelt in Schmerz sich und Trauer.<BR> + Wär' nur das Stück kein Geschenk, ich würd' es noch heute entfernen,<BR> + Spricht er, aber ich darf's nicht wagen, und dennoch vergoß sie<BR> + Oft schon Tränen davor, sie kann in der Fürstin des Himmels<BR> + Nur noch die glückliche Mutter erblicken und ließe ihr willig<BR> + Für den flüchtigsten Kuß des Kindes die ewige Krone.<BR> + Wär' doch der Tag erst vorüber, besonders der Abend! Die Domzeit3)<BR> + Macht sie fast immer krank. Was schelt' ich den göttlichen Künstler<BR> + Und sein köstliches Blatt! Die quiekendste Weihnachtstrompete,<BR> + In der schmutzigsten Twiete4) vom garstigsten Rangen geblasen,<BR> + Tut ihr ja eben so weh! Die bunten, beleuchteten Buden,<BR> + Welche den Gänsemarkt den ganzen Advent so beleben,<BR> + Schneiden ihr tief in das Herz. Sogar die Juden am Steinweg<BR> + Mit den Karren voll Tand entlocken ihr seltner das Lächeln<BR> + Halber Ergötzung, nach dem ich oft Wochen vergebens mich sehne,<BR> + Als den Seufzer des Grams. Denn neben den scharfen Gesichtern,<BR> + Die das häßliche Schreien verzerrt, bemerkt sie noch immer<BR> + Auch die Öchslein und Esel von Zinn, mit denen sie trödeln,<BR> + Und um die sich begierig die Knaben und Mädchen versammeln,<BR> + Und da kehren sogleich die bittren Gefühle ihr wieder.<BR> + Nun, es geht ja zu Ende! Wenn nur nicht heute gerade<BR> + Alles so übel sich träfe! Der Affe ist nicht gekommen,<BR> + Weil das Schiff, das ihn trug, verschlagen wurde, die Vögel<BR> + Freilich sind eingetroffen, doch scheinen sie krank, und ich werde<BR> + Schon zufrieden sein, wenn sie nur leben bis Neujahr.<BR> + Wäre die Blumenuhr nicht da, ich müßte verzweifeln,<BR> + Denn hier fehlt es an nichts, und alles ist dreifach vorhanden,<BR> + Aber es wird sie zerstreun, es wird sie vielleicht gar erfreuen,<BR> + Wenn ihr die persische Rose, bis auf die letzte Minute<BR> + Fest geschlossen, den Mittag, die türkische Tulpe den Abend,<BR> + und der Jasmin von Athos die Mitternachtsstunde verkündigt,<BR> + Ja, es wird sie erfreun, die Schritte des Tages an Düften<BR> + Abzuzählen und Farben, die alle Wunder der Ferne<BR> + Vor die Seele ihr rücken! Er wiederholt es und klingelt<BR> + Endlich dem Diener: ihm folgt sogleich auf dem Fuße der Doktor,<BR> + Welcher, des Hauses Freund und alter Vertrauter, sein Vorrecht<BR> + Braucht, und das um so eher, als er schon lange gewartet.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Ei, da sind Sie ja--ruft ihm der Kaufherr freundlich entgegen--<BR> + Ich bin auch schon bereit, hier liegen in Gold und in Silber<BR> + Ihre Summen, und wollen Sie mehr, so kommen Sie wieder!<BR> + Nun verschonen Sie mich mit Ihren Berichten, ich mag nicht<BR> + Wissen, wo Sie es lassen, ich mag die Perlen nicht sammeln,<BR> + Welche aus Freudentränen bestehen sollen, ich müßte<BR> + Sonst auch den Ärger verwinden, wenn unser Pfenning nicht wuchert,<BR> + Wie er wohl könnte. Sie lächeln? Sie glauben, daß ich nur scherze<BR> + Oder mich selbst verleumde, weil jede Erfahrung mir mangelt?<BR> + Freund, ich habe sie nicht aus Grille gemieden! Sie zweifeln?<BR> + Kennen Sie wirklich das Herz des Menschen so wenig? Die Bäume,<BR> + Welche er pflanzt und begießt und säubert von Raupen und Würmern,<BR> + Werden ihm nimmer zu grün, doch leicht die Armen zu fröhlich,<BR> + Und ein Heiliger wird nicht jeder durch Essen und Trinken,<BR> + Welche ein Märtyrer ist durch Hungern und Dursten und Frieren;<BR> + Wen man aber beschämt, den wird man zugleich auch erbittern.<BR> + Darum soll man die Kluft, die zwischen dem Geber und Nehmer<BR> + Einmal besteht, durch Milde nicht füllen wollen, man kann's nicht,<BR> + Nein, man soll sie mit Nacht, mit heiligem Dunkel bedecken,<BR> + Und, wie der Ewige selbst, ins tiefste Geheimnis sich hüllen.<BR> + Denn es ist nicht genug, daß bloß die Rechte nicht wisse,<BR> + Was die Linke tut, sie soll es auch selber vergessen;<BR> + Reiche den Becher und wende dich ab, so wirst du erquicken!<BR> + Sie verhalten's darnach--entgegnet der Doktor mit Rührung--<BR> + Sie entkleiden die Pflicht des einzigen Reizes und üben<BR> + Jede um Gottes willen, nur nicht die Stirne gerunzelt,<BR> + Heute müssen Sie's hören, ich heiße seit Jahren das letzte<BR> + Unglück aller Heroen, und meine verrufene Zunge<BR> + Schont auch so wenig den Cäsar, als Bonaparte und Friedrich,<BR> + Oder die hohen Poeten, die immer mit Worten bezahlen,<BR> + Aber wenn ich das Große in Völkerwürgern und Künstlern,<BR> + Wie sie auf Ihren Gesimsen zu Hunderten prunken im Lorbeer,<BR> + Auch nur selten entdecke, das Edle vermag ich zu schätzen,<BR> + Und, wer nie noch geschmeichelt, der scheint mir berufen, zu loben.<BR> + Wären Sie nur auch so glücklich, als gut! Wie ging es denn gestern?--<BR> + Aber der Kaufherr seufzt und spricht mit stockender Stimme:<BR> + Nun, Sie wissen's am besten, wie sehr die Woche der Kinder<BR> + Ihr die Hölle im Busen entzündet, das Schlimmste ist aber,<BR> + Daß mit jeglichem Jahre die Qualen sich steigern und mehren.<BR> + Ehmals lenkte sie selbst vom Weihnachtszimmer das Auge<BR> + Auf die Krankenstube, vom Tannenbaum mit den Kerzen<BR> + Auf die Trauerweide hinüber und fand sich getröstet:<BR> + Jetzt erblickt sie nur noch die festlichen Räume des Jubels,<BR> + Aber der Kirchhof rückt in immer weitere Ferne,<BR> + Und doch stehen die Särge so nah an den Wiegen und werden,<BR> + Wie wir es selbst schon erlebt, an teuren Verwandten und Freunden,<BR> + Oft aus dem nämlichen Baum vom nämlichen Meister gehobelt,<BR> + Ja, ich fürchte für sie, ich will es nicht länger verhehlen,<BR> + Und Sie fürchten sich auch, obgleich Sie's mir nicht bekennen,<BR> + Und so mag es wohl kommen, daß sich der letzte der Bettler,<BR> + Welchen ich heute beschenke, noch glücklicher fühlt, wie ich selber,<BR> + Denn sie ist mir der Mund, mit dem ich esse und trinke.<BR> + Ihrethalben könnte ich wünschen, wir wären katholisch,<BR> + Wenn ich sie hoch auch ehre, die protestantische Freiheit,<BR> + Und ihr göttliches Recht auf jeglichen wahren Gedanken,<BR> + Wie es der zwölfte Apostel, denn Judas hat sich gestrichen,<BR> + Wie es der eiserne Luther mit feuriger Zunge erkämpfte.<BR> + Denn da dürft' ich mit ihr von einem Orte der Gnade<BR> + Zu dem anderen pilgern, und erst am heiligen Grabe<BR> + Zu Jerusalem würde die Hoffnung völlig erlöschen,<BR> + Aber da wäre zugleich doch auch das Leben zu Ende.<BR> + Was mich selber betrifft, so fand ich mich längst in mein Schicksal,<BR> + Denn ich hab's nicht verschuldet, es ward mir von oben gesendet,<BR> + Und ich glaube den Finger des Ewigen deutlich zu sehen.<BR> + Sie verwundern sich, Doktor? Vernehmen Sie, wie ich es meine.<BR> + Wissen Sie, was mich zumeist am großen Brande entsetzte,<BR> + Welcher ein Fünftel der Stadt in Asche legte vor Jahren?<BR> + Nicht die flammenden Straßen mit ihren donnernden Häusern,<BR> + Welche vor dem Minieren gen Himmel flogen und barsten;<BR> + Nicht der tückische Wind, der, wie ein dämonisches Wesen,<BR> + Immer sich drehte, sobald die Spritzen Meister geworden;<BR> + Nicht die lodernde Börse mit all den Kaisergestalten,<BR> + Die das römische Reich, doch auch uns Bürger bevogtet;<BR> + Nicht die grünlichen Flammen der Türme, welche von Kupfer<BR> + Sich ernährten und Blei und gräßlichen Regen verspritzten;<BR> + Nicht der endliche Sturz von Nikolai und Petri5),<BR> + Fast so entsetzlich für uns, als bräche die Erde zusammen;<BR> + Nicht einmal das Geheul der Feuerglocken, die alles<BR> + Überwimmerten, selbst die Stunden-Uhren, so daß man<BR> + Keine einzige hörte, als wären die Zeiten vollendet,<BR> + Und als müßte der Richter nun gleich in den Wolken erscheinen:<BR> + Alles dieses verschwand mir gegen die Hungergesichter,<BR> + Welche mit Ratten und Mäusen verschüchtert zutage sich drängten,<BR> + Ja, sie kamen mir vor, als sollten sie klagen und zeugen<BR> + Und erwarteten nur noch den Engel mit seiner Posaune.<BR> + Welche ein Elend erblickt' ich! Und tief, wie unter der Erde,<BR> + War es verborgen gewesen, und stahl sich, als wäre es Sünde<BR> + Gegen die glücklichen Brüder, auch jetzt noch zögernd und ängstlich,<BR> + Und vom dräuenden Tode gejagt, hervor aus den Löchern!<BR> + Männer, Weiber und Kinder! Und das im christlichen Hamburg,<BR> + Welches der Armen und Kranken doch wahrlich nie noch vergessen.<BR> + Fast mit Grausen gedacht' ich der eigenen Güter und schämte<BR> + Mich des eigenen Kummers! Allein nicht lange verharrt' ich<BR> + In dem stumpfen Entsetzen: mir schien auf einmal das Rätsel<BR> + Meines Lebens gelöst. Für diese strömen die Schätze<BR> + So zusammen bei dir, und wenn es am Erben dir mangelt,<BR> + Ist's der Verzweifelten wegen! So rief's in mir, und so ruft es<BR> + Bis zur Stunde noch fort! Ich möchte, wie Fugger in Augsburg6),<BR> + Ein Asyl begründen, in welchem es nimmer an Mitteln,<BR> + Eher an Dürftigen fehlte. Man spricht von roten Gespenstern,<BR> + Die man mit Pulver und Blei verscheuchen müsse. Sie sind wohl<BR> + Noch viel leichter zu bannen: man gebe ihnen zu essen,<BR> + Und, anstatt die Erde in unersättlicher Goldgier<BR> + Auszuschmelzen und dann als Schlacke liegen zu lassen,<BR> + Wie es ein Rothschild tut, bestelle man Wüsten und weise<BR> + Ihnen die Äcker an! Das heißt, sich selber beschützen,<BR> + Denn wir besitzen die Habe noch nicht, wie Arme und Beine,<BR> + Die wir freilich mit keinem zu teilen vermögen, und sollen<BR> + Nicht vergessen, was Moses gebot und Christus voraussetzt:<BR> + Fürchterlich könnt' es sich rächen! Ich würde mit Freuden beginnen,<BR> + Und mir wär' es genug fürs Leben und sicher fürs Sterben,<BR> + Wenn ich mir sagen dürfte: Du wirst bis ans Ende der Zeiten<BR> + Hier die Hungrigen speisen und so den heiligen Frieden,<BR> + Denn ihn bricht nur die Not, auf ewig im Innern besiegeln!<BR> + Ja, mir wär' es genug! Doch sie ist anders geschaffen,<BR> + Sie entbehrt die Tochter, wenn ich auch den Sohn nicht vermisse,<BR> + Und der heimliche Gram verzehrt ihr leise die Kräfte.<BR> + Anfangs freute ich mich, daß sie am heutigen Morgen<BR> + Nicht so früh, wie gewöhnlich, erwachte, aber es währt mir<BR> + Jetzt schon wieder zu lange: sie hat die Nacht nicht geschlafen,<BR> + Und ein trauriger Tag wird folgen! Sie kommen doch abends?<BR> + Sicher!--versetzte der Doktor--und einen eignen Gedanken<BR> + Bringe ich mit: Sie mögen ihn nun als töricht verwerfen<BR> + Oder, wie ich, als tröstlich mit einiger Freude begrüßen,<BR> + Immer verdient er die Prüfung. Ich war vorhin in der Küche,<BR> + Und da fand ich das Mädchen vom Lande in bitteren Tränen,<BR> + Das gesunde und frische, das ich dem Hause empfohlen.<BR> + Sie eröffnete mir ihr Herz, denn seit ich vom Fieber<BR> + Sie befreite, vertraut sie mir, als wär' ich ihr Vater.<BR> + Ei, wie bunt ist die Welt! Hier oben fehlt es an einem<BR> + Und dort unten am andern! Es wäre vielleicht noch zu helfen,<BR> + Wenn man die Hände sich böte. Denn: Alles beruht ja auf Mischung!<BR> + Sagt Apotheker Franz, der Helgoländer, und kämen<BR> + Mit den Kräutern des Berges die Kräuter des Tals nicht zusammen,<BR> + Würde kein Übel geheilt! Ei nun, wir wollen's versuchen.<BR> + Nur nicht zu früh erwarten Sie mich. Ein glücklicher Schneider,<BR> + Dem sie unter die Arme gegriffen haben, erlaubt sich<BR> + Mit den Seinigen heute den ersten Pudding. Er lud mich,<BR> + Und ich möchte wirklich das kleine Fest nicht versäumen,<BR> + Denn nicht lieber seh' ich den Regenbogen am Himmel<BR> + Als im Menschengesicht die wiedererwachende Freude.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="dritter"></A> +<H3> + Dritter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Rasch entfernt sich der Doktor, denn viel noch hat er zu schaffen,<BR> + Auch den Kaufherrn ruft gar manches ab, doch verwundert<BR> + Schaut er dem Alten nach und denkt: was mag er nur meinen?<BR> + Plötzlich fühlt er von hinten sich innig umschlungen, die Gattin<BR> + Hat sich ihm leise genähert, und wie er sich wendet, erstaunt er<BR> + Über den klaren Blick des reinen Auges und freut sich,<BR> + Sie so ruhig zu finden. Sie küßt ihn herzlich und drückt ihn<BR> + Mehrmals gegen die Brust, als wäre der Morgen der Hochzeit<BR> + Wiedergekehrt, an dem sie, dem Kreise der Schwestern entschlüpfend,<BR> + Die nach in ihr schmückten, und über die trennende Schwelle<BR> + Ihm entgegenhüpfend, an welcher er schüchtern und lauschend<BR> + Stehen geblieben war, dem fast Erschreckten bewiesen,<BR> + Daß sie nur darum so lange das kargste der Mädchen gewesen,<BR> + Um als reichste der Bräute noch in der letzten der Stunden<BR> + Für die erduldete Strenge ihm überschwenglich zu lohnen.<BR> + Denn, wie mancher Baum, zu dessen Füßen die Veilchen<BR> + Schon ihr Leben verhauchen und den die mildesten Lüfte<BR> + Unermüdlich umschmeicheln, nicht eine einzige Knospe<BR> + Öffnet, bevor der Mai den Frühling göttlich besiegelt:<BR> + Also hatte auch sie sogar dem Verlobten noch vieles<BR> + Abgeschlagen, was selbst die sprödeste Sitte gestattet<BR> + Und die sorglichste Mutter nicht rügt, und still sich bescheidend<BR> + Hatt' er's ertragen, obgleich nicht ohne quälende Zweifel.<BR> + Aber, wie solch ein Baum zuletzt die innere Fülle<BR> + Auch in heißeren Düften und volleren Blüten entbindet,<BR> + Als die übrigen alle, die nichts zusammengehalten:<BR> + Also hatte auch sie auf diese einzige Stunde,<BR> + Die mit Geben beginnt, um nicht mit Fordern zu enden,<BR> + Alle Wonnen gehäuft und ihn im Tiefsten beschwichtigt.<BR> + Unvergeßlich war ihm der Morgen, doch ward er nur selten<BR> + Wieder an ihn erinnert, und heute am wenigsten hätt' er<BR> + Dieses Zeichen der Liebe von ihrer Seite erwartet.<BR> + Feurig erwidert er's ihr, und als sie sich endlich ihm weigert,<BR> + Spricht er: wir stritten uns oft, ob fallende Früchte am besten<BR> + Schmeckten, oder gepflückte, ich hatte soeben von beiden,<BR> + Und ich finde sie gleich. Du aber sag' mir zuletzt noch,<BR> + Was mir den innigen Gruß verschafft hat, den ich so zärtlich<BR> + Nicht erhielt, seitdem ich von Philadelphia kehrte,<BR> + Und auch da wohl nur, weil eine verlogene Zeitung,<BR> + Sei sie noch jetzt mir gepriesen, mich scheitern ließ und versinken,<BR> + Als ich die Elbe bereits mit günstigem Winde hinauftrieb.<BR> + Sanft errötend versetzt sie: Du warst mir wieder gestorben,<BR> + Und so sehr ich den Traum auch hasse, weil er ein Nichts ist<BR> + Und mich dennoch beängstigt: für diesen könnte ich danken!<BR> + Laß mich schweigen, ich habe gelobt, nicht wieder zu weinen,<BR> + Und ich müßte vielleicht, wenn ich noch weiter erzählte,<BR> + Aber, du sollst schon sehn. Jetzt kenn' ich die Öde, jetzt weiß ich,<BR> + Was es bedeutet, allein in weiten Gemächern zu sitzen,<BR> + Alle Stunden des Tages zu zählen und doch sich bei keiner<BR> + Sagen zu dürfen: nun tritt er herein, nun prüft er die Mienen<BR> + Deines Gesichtes und beut, sobald sie ihm traurig erscheinen,<BR> + Dir die Rechte als Freund, sobald sie ermunternd ihm lächeln,<BR> + Dir die Lippe als Gatte! Jetzt hab' ich's in Wahrheit empfunden,<BR> + Nicht aus Grille bloß mir eingebildet! Drum will ich<BR> + Dir in allem auch folgen! Es gibt der Waisen so viele<BR> + In dem großen Hause, das jeglicher segnet1), der Reigen,<BR> + Welcher zu Pfingsten die Straßen durchzieht, daß er Bürger erfahre,<BR> + Wie man sie kleidet und nährt, ist jährlich noch immer gewachsen:<BR> + Nehmen wir eine heraus! Wir könnten heute noch wählen,<BR> + Wenn du denkst, wie bisher! Ein Knabe oder ein Mädchen,<BR> + Was dir gefällt, ist mir recht! Wir machen einen auf Erden,<BR> + Zweie im Himmel glücklich! Ich werde dich selber begleiten.<BR> + Wiederhol' es mir morgen--versetzt er mit Lächeln--so wollen<BR> + Wir es weiter bereden. Ich denke es anders zu machen,<BR> + Wenn es dein Wille bleibt. Warum der sterbenden Mutter<BR> + Nicht sogleich aus den Armen den Säugling nehmen und, gänzlich<BR> + Über sein Schicksal beruhigt, ins Grab sie senden, warum ihn<BR> + Erst von Fremden empfangen? Doch alles dieses auf morgen!<BR> + Denn wie sehr ich mich auch der schönen Wallung erfreue,<BR> + Welche dich heute bewegt, ich werde sie nimmer mißbrauchen,<BR> + Und sie kommt mir zu rasch, als daß ich ihr völlig vertraue!<BR> + Damit geht er von hinnen, denn lange schon warteten seiner<BR> + Ungeduldig die Schreiber. Doch kann er's nicht lassen, noch einmal<BR> + An der Tür sich zu wenden. Mir lobe noch einer die Mädchen!<BR> + Ruft er dann und enteilt. Und wahrlich, er durfte es wagen,<BR> + Denn die hohe Gestalt im weißen Morgengewande<BR> + Mit den glühenden Augen und reichlich wallenden Locken<BR> + Ist vollendet zu nennen in stolzer Erscheinung, es deutet<BR> + Nichts zurück auf die Jugend, das unentwickelt und unreif<BR> + Nicht zu zeitigen wäre, und nichts hinein in das Alter,<BR> + Das sich zu voll schon zeigte, es ist die reizende Mitte<BR> + Zwischen Blüte und Frucht, der köstliche Gipfel des Lebens,<BR> + Wo in holdester Pause die endlich gesättigten Kräfte<BR> + Ihren Sabbat feiern und nur mit sich selber noch spielen.<BR> + Tief, wie nie noch, ergriffen von ihrer Macht, zu beglücken,<BR> + Sieht sie dem Eilenden nach. Ein eigener Schauder erfaßt sie,<BR> + Als sein treues Gesicht, das freilich derb, wie ein Holzschnitt<BR> + Aus den ältesten Zeiten, nur krampfhaft lachen und weinen,<BR> + Aber nicht lächeln kann, mit fröhlichem Nicken verschwindet<BR> + Und die Türe sich schließt. Denn diese hat sie im Traume<BR> + Immer vor sich gehabt und alle Schrammen und Ritzen,<BR> + Welche sogar Magdalenen beim emsigsten Bohnen entgingen,<BR> + Deutlich sich eingeprägt. Er sollte kommen und kam nicht,<BR> + Aber statt seiner erschien nach langem ängstlichen Harren,<BR> + Während es die Minuten vorüberkrochen, wie Stunden,<BR> + Schwarz gekleidet der Schneider und fragte mit ernsten Gebärden,<BR> + Ob es ihr jetzt gefalle, die Trauer zu wählen, es warte<BR> + Draußen auch schon der Zeichner mit einem Modell zu dem Denkmal,<BR> + Den sie bestellt, wie ihn selbst, das Werk sei herrlich geraten,<BR> + Ganz besonders die Büste des Abgeschiednen, nicht treuer<BR> + Hänge sein Bild an der Wand vor ihren eigenen Augen,<BR> + Als es sich über dem Grabe zur größte Zierde des Kirchhofs<BR> + Bald, in Eisen gegossen, erheben werde! Da war sie<BR> + Vor Entsetzen erwacht und mit unendlicher Rührung<BR> + Hatte sie durch das Spiel der Glocken hindurch2), wieder es stündlich<BR> + Von den Türmen erschallt in frommen Choralmelodien,<BR> + Seine Stimme vernommen und rasch und still sich erhoben.<BR> + Tief war das Herz ihr beklemmt. Der Fluch des ganzen Geschlechtes,<BR> + Daß es nicht schätzt, was es hat, und überschätzt, was es nicht hat,<BR> + Drückte sie so darnieder, als wäre nur sie ihm erlegen,<BR> + Während doch alle zusammen den Duft der lockenden Früchte<BR> + Gleich beim Pflücken verwischen, und weil sich zwischen den Fingern<BR> + Freilich das Gold nicht findet, das auf den Zweigen so reizte,<BR> + Neu verlangend den Baum erklettern, um aber und aber<BR> + Ihn zu plündern und sich zu täuschen! Der bittre Gedanke,<BR> + Ihrem Gatten wohl oft durch ihr verdüstertes Wesen<BR> + Stille Freude getrübt und edel verheimlichten Kummer,<BR> + Statt ihn zu lindern, erhöht zu haben, verließ sie nicht wieder:<BR> + All die kleinen Momente, an denen das Leben so reich ist,<BR> + Wo ein freundlicher Blick mit einem finstern erwidert<BR> + Wurde, ein herzliches Wort mit einem kalten und leeren,<BR> + Traten in greller Beleuchtung vor ihre geängstigte Seele,<BR> + Und sie fand nicht den Mut, ihm guten Morgen zu sagen,<BR> + Eh' sei ein stilles Gelübde im tiefsten Gemüte beschworen.<BR> + Fest auch steht ihr Entschluß, es unverbrüchlich zu halten,<BR> + Ja, sie wiederholt's, indem sie der Türe den Rücken<BR> + Wendet, die ihr den Traum so klar ins Gedächtnis gerufen,<BR> + Daß sie ihr Auge bisher, wie magisch, an sich gefesselt.<BR> + Als sie ins eigne Gemach zurückkehrt, trifft sie die Zofe<BR> + Eben vorm Spiegel: sie möchte von Magdalenen berichten,<BR> + Die sich bei ihr erkundigt, ob Kalifornien weit ist<BR> + Und ob wirklich die Straße mit Totengerippen gepflastert,<BR> + Wie sie auf ängstliches Fragen bei Hoffmann und Campe erfahren.<BR> + Aber die Törin errötet und schleicht sich davon, als sie plötzlich<BR> + Ihre Herrin, anstatt auf sie zu hören, die Nadel<BR> + Greifen sieht, um vor Nacht noch die längst begonnene Arbeit,<BR> + Welche schon aufgegeben erschien, für den Herrn zu vollenden.<BR> + Denn die Neugier will's durch tätige Buße beweisen,<BR> + Daß sie verwandelst ist, und wirklich wird sie noch fertig,<BR> + Wenn auch im Laufe der Stunden gar manche ihrer Bekannten<BR> + Prunkend und prahlend erscheinen, gehüllt in die neuesten Roben,<BR> + Welche Paris geliefert, und brennend, Neid zu erregen,<BR> + Oder zum wenigsten doch in stiller Bewundrung zu schwelgen.<BR> + Ja, sie werden sogar, obgleich sie nur stören und hindern,<BR> + Besser empfangen, wie sonst, und finden offnere Ohren,<BR> + Für ihr erstaunliches Glück, das Mode-Journal zu beschämen.<BR> + Denn es will ihr dünken, als hätten sie, tändelnd und gaukelnd<BR> + Und die schillernden Flitter aus kindischer Freude am Wechsel,<BR> + Wie die Vögel sich mausern, vertauschend und wieder vertauschend,<BR> + Sich vor Schlimmrem bewahrt, sie schaut nicht mehr mit Verachtung<BR> + Auf die Schwestern herunter, es scheint ihr doch besser, zu spielen,<BR> + Als beständig zu brüten, den Liebsten aber zu quälen.<BR> + So vergeht ihr der Tag in furchtbar-ernster Betrachtung,<BR> + Welche sie über sich selbst im Geist erhebt und sie kräftigt,<BR> + Während im zierlichen Fleiß der Finger das Herz sich erleichtert.<BR> + Und es naht sich der Abend. Nun gilt's noch, die Gaben zu ordnen,<BR> + Die sie bestimmt fürs Haus--seit Jahren tat es die Zofe--<BR> + Dann, sich festlich zu schmücken, und beides dauert so lange,<BR> + Daß der Doktor erscheint, bevor sie noch selber gekommen.<BR> + Überglücklich begrüßt der Kaufherr ihn und erzählt ihm,<BR> + Was am Morgen geschehn, und wie es weiter gegangen.<BR> + Doch der Alte erwidert als Prüfer der Herzen und Nieren:<BR> + Einer Genesenden gleicht sie, und alle Genesenden fühlen,<BR> + Wenn sie das Übel verließ, sich frei von Wunsch und Verlangen,<BR> + Denn sie haben das Maß des Menschlichen wieder gewonnen,<BR> + Das die Begierde zerbrach, und wollen nur leben und atmen.<BR> + Aber das ändert sich wieder. Drum muß man die Pause benutzen,<BR> + Und so fatal mir der Pastor mit Sakrament und Ermahnung<BR> + Auch in der Krisis ist, so gern doch seh' ich ihn nahen,<BR> + Wenn ich selbst mich entferne, denn rein ist der Boden von Unkraut,<BR> + Und der göttliche Same mag Wurzel fassen und treiben.<BR> + Also wollen wir's auch mit ihr verhalten, und hat sie<BR> + Selbst den Entschluß gefaßt, der einzig hilft auf die Länge,<BR> + Denn, was Juden als Fluch, gilt Christen noch immer als Unglück,<BR> + Und die bittre Empfindung wird wieder und wieder sich regen,<BR> + Nun, so müssen wir sorgen, ihn rasch in die Tat zu verwandeln,<BR> + Und es trifft sich besonders!--Da öffnet sich plötzlich die Türe<BR> + Und im seltensten Putz, sie weiß, wie sehr es ihm schmeichelt,<BR> + Wenn sie die eigenen Reize erhöht durch seine Geschenke,<BR> + Tritt die Gattin herein. Er eilt ihr entgegen, der Alte<BR> + Folgt ihm aber sogleich, und zwischen sie tretend und beide<BR> + An den Händen fassend, beginnt er eifrig von neuem:<BR> + Unten verbringt das Mädchen, das ich dem Hause empfohlen,<BR> + Weinend den ganzen Tag, weil ihr Verlobter im Frühling<BR> + Nach Amerika will, um dort entweder zu sterben,<BR> + Oder so viel zu erwerben, als nötig ist für die Heirat;<BR> + Hier vermißt Ihr das Kind, das jetzt mit leuchtenden Augen<BR> + Und mit glühenden Wangen von einem Tische zum andern<BR> + Hüpfen sollte und Euch durch Händeklatschen und Jubeln<BR> + In die Jugend zurückversetzen! Da möcht' ich doch raten:<BR> + Gebt das Paar zusammen und macht den Erstling zum Erben!<BR> + Edel sind sie und brav, Ihr werdet es nimmer bereuen,<BR> + Wenn das Wort sich bewährt, das alte, vom Stamm und vom Apfel,<BR> + Und so sicher Ihr selbst das Kind ins Leben gerufen,<BR> + Ebenso sicher auch werdet Ihr's inniger lieben, wie eines,<BR> + Denn Ihr wählt's Euch nicht aus, Ihr fragt nicht nach Augen und Haaren,<BR> + Wie es doch sonst wohl geschähe, es wird Euch von oben gesendet,<BR> + Wie den Eltern, auch seid Ihr so heilig, wie diese, gebunden<BR> + Und Ihr heißt es vielleicht, als wär' es ein eignes, willkommen.<BR> + Ja, es könnte sogar für Euer eigenes gelten,<BR> + Wenn Ihr wolltet, Ihr nähmet die Mutter mit auf die Reise,<BR> + Welche Ihr jährlich macht, und kämet ohne sie wieder:<BR> + Sie vergäß' es über das zweite und fände sich glücklich<BR> + Ander Seite des Gatten in Hülle und Fülle des Wohlstands,<BR> + Aber es würde bei Euch auf einmal lebendig und fröhlich,<BR> + Denn was die Pendel den Uhren, das sind die Kinder den Häusern!<BR> + Sie erwidert dem Alten mit Hast und fiebrisch errötend:<BR> + Dieses wäre das Beste, und also muß es auch werden!<BR> + Was sie auch immer verlangen, so werden sie alles erhalten,<BR> + Aber bevor noch der Säugling den Mutter-Namen gestammelt,<BR> + Muß sie sich trennen von ihm, denn mich nur darf er so nennen!<BR> + Da entgegnet der Doktor: So sprech' ich denn gleich mit dem Mädchen!<BR> + Und er verläßt das Gemach. Sie eilt ihm nach bis zur Türe,<BR> + Unwillkürlich gedrängt, ihn umzurufen, doch hält sie<BR> + Auf der Schwelle noch ein und sagt, zum Gatten gewendet,<BR> + Der sie verfolgt mit dem Blick: Nicht wahr, wir dürfen es nehmen,<BR> + Wenn sie selber es geben? Er holt sie zurück und erwidert:<BR> + Dieses gelt' uns als Zeichen! Doch, wie sie auch immer sich fassen:<BR> + Wir vereinigen sie! Das hab' ich schon still mir geschworen.<BR> + Was auch siege im Kampf: der Wunsch, ihr Kind zu behalten,<BR> + Oder es glücklich zu wissen, und glücklich können wir's machen,<BR> + Ruhig warten wir's ab, denn wahrlich, ich will sie belohnen.<BR> + Abraham wurde geprüft, er sollte den Isaak schlachten,<BR> + Und er fand sich bereit. Doch nicht, als er trauernden Herzens,<BR> + Aber mit lächelnden Mienen, der Sarah den Liebling entführte;<BR> + Auch nicht, als er den Berg mit zitternden Knieen hinanstieg,<BR> + Oder den Opfer-Altar mit bebenden Händen erbaute;<BR> + Nicht einmal, als er schaudernd dem Knaben das Hälschen entblößte,<BR> + Erst, als das Messer schon blinkte, erschien ihm der rettende Engel!<BR> + Diese brauchen nur Nein zu sagen, so ist es bestanden.<BR> + Darum fürchte dich nicht der Sünde in deinem Gewissen:<BR> + Denn sie gewinnen das Leben und setzen sich selbst die Bedingung.<BR> + Aber nun sieh dich doch um, betrachte die Vögel und Blumen,<BR> + Die dich so freundlich begrüßen und sage mir, ob ich's getroffen?<BR> + Sie entgegnet: ich habe da drüben für dich auch ein Tischchen,<BR> + Wenig zwar liegt nur darauf, allein du bist ja genügsam,<BR> + Und ich kam, dich zu rufen!--Doch viel zu bewegt sind sie beide,<BR> + Um hinüber zu gehn, sie scheinen's nicht einmal zu merken,<BR> + Daß die türkische Tulpe vor ihren Augen sich öffnet,<BR> + Ja, sie würden nicht horchen, wenn plötzlich die Sterne erklängen.<BR> + Bald auch kehrt der Doktor zurück mit vergnügtem Gesichte,<BR> + Ihn begleitet das Mädchen. Sie ist, wie zum Tode, erblichen,<BR> + Aber sie lächelt dabei. Sie möchte reden und danken,<BR> + Doch sie versucht es umsonst; so sinkt sie der Herrin zu Füßen.<BR> + Diese erhebt sie und küßt sie. Da schallen Hörner und Zinken<BR> + Fromm von der Straße herauf. Nun wirft sie sich abermals nieder,<BR> + Aber sie faltet die Hände und blickt gen Himmel. Die Gatten<BR> + Knieen neben ihr ihn, und also schließt sich die Weihnacht.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="vierter"></A> +<H3> + Vierter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Abend ward es und Nacht, eh' Christian kehrte aus Holstein,<BR> + Denn die grimmige Kälte war umgeschlagen, es hatte<BR> + Tüchtig geschneit und die Wege verschüttet, da galt es, zu schaufeln,<BR> + Aber das tut der Bauer allein für die Posten des Königs.<BR> + Endlich rollt ein Wagen, er ist gar leicht zu erkennen<BR> + An dem muntern Geklingel der schellenbehangenen Pferde,<BR> + Vor dem Hause vorbei, und Magdalena, die längst schon<BR> + Ungeduldig geharrt und gespäht durch das niedrige Fenster,<BR> + Ruft ihm, mit hastigen Händen das eingefrorene öffnend,<BR> + Über die Straße entgegen: Ich muß dich heute noch sprechen!<BR> + Mit der Peitsche knallt er ihr lustig die Antwort herunter,<BR> + Und, durch diese Bewegung die Kruste vom Leibe sich schüttelnd,<BR> + Wird er wieder zum Menschen; bis dahin war er ein Schneemann.<BR> + Jetzt auch währt es noch lange, bevor er kommt, denn die Tiere<BR> + Wollen das Ihrige haben, und nicht dem eignen Besitzer<BR> + Würd' er sie anvertrauen, er muß sie selber besorgen.<BR> + Aber, nachdem er sie alle mit wärmenden Decken behangen<BR> + Und in die reinlichen Tröge den goldenen Hafer geschüttet,<BR> + Auch den Wallach, er ist es gewohnt, mit Kümmel erquickt hat,<BR> + Wechselt er rasch die Kleider und eilt, bevor er die Kammer<BR> + Mit dem Weihnachtsgeschenk auch nur betreten, hinüber,<BR> + Denn es ist ihm zu neu, sein Mädchen rufen zu hören,<BR> + Um nicht zu brennen, sogleich den Grund zu erfahren. Er trifft sie<BR> + Ganz allein in der Küche bei ihrer Lampe, die andern<BR> + Sind zum Tanz und die Zofe ist gar, wie sie's nennt, in Visite,<BR> + Und er verwundert sich sehr, sie unbeschäftigt zu finden,<BR> + Denn er sieht nicht die Schere und auch nicht die Nadel und dennoch<BR> + Kann sie, das weiß er, nicht atmen, so lange die Finger ihr ruhen,<BR> + Und sie beklagt es noch immer, im Hause nicht spinnen zu dürfen.<BR> + Aber, wie wächst sein Erstaunen, als sie, die Schämige, Scheue,<BR> + Gleich an den Hals ihm fliegt, und wieder und wieder ihn drückend,<BR> + Spricht: Du darfst mir nicht fort, dich sollen die Bären nicht fressen!<BR> + O, ich weiß es gar wohl, was über dem Meer dich erwartet,<BR> + Wenn du auch Wellen und Winden entgehst, die manchen verschlingen,<BR> + Und den Menschenverkäufern, die schlauer, wie ehmals die Werber,<BR> + Ihre Netze zu stellen verstehn, ich hab' es erkundet,<BR> + Denn noch nie ist das Herz mir bedrängt gewesen, wie gestern,<BR> + Und so nahm ich mir Zeit. Zu Tausenden liegen die Toten<BR> + An der Straße und weisen dich stumm zurück in die Heimat,<BR> + Wenn du sie aber verachtest, die schweigenden Warner, wie viele,<BR> + Und nur Zeichen des Weges in ihnen erblickst, die man ruhig<BR> + Hinter sich läßt, wie bei uns die Meilensteine, so wirst du<BR> + Endlich selber zu einem. Und kämst du auch wirklich ins Goldland,<BR> + Ohne vorher zu verhungern, und wärst so glücklich, die Ader<BR> + In der Erde zu treffen und auszubeuten, so wirst du,<BR> + Eh' du ein Schiff noch erreichst, von Dieben und Räubern erschlagen,<BR> + Denn der Teufel regiert, und einer tötet den andern,<BR> + Um nicht graben zu müssen und dennoch Schätze zu häufen!<BR> + Lache, so lange du willst, du machst mich wahrhaftig nicht irre:<BR> + Kalifornien ist der offene Rachen der Hölle,<BR> + Welcher sich plötzlich geöffnet, um Seele und Leib zu verderben,<BR> + Doch, was red' ich, du bleibst, und so ist alles vorüber!<BR> + Christian aber erwidert, sich ihren Armen entwindend:<BR> + Immer hab' ich dich sonst gefaßt und besonnen gefunden,<BR> + Hat denn deine Natur auf einmal sich völlig verändert?<BR> + Gehen werd' ich gewiß, doch hätt' ich dir's gern noch verborgen,<BR> + Um dir das Fest nicht zu trüben, allein der Schmied und der Tischler<BR> + Haben geplaudert, da wär' es dir dennoch zu Ohren gekommen<BR> + Und du hättest am Ende geglaubt, ich wollte dich täuschen,<BR> + Darum mußte ich's sagen. Nun aber rede nicht weiter,<BR> + Monde noch nennen wir unser, warum sie sündlich verjammern?<BR> + Nein, wir wollen sie ruhig in Frieden und Freude verbringen<BR> + Und in der Stunde der Trennung dem Vater im Himmel vertrauen,<BR> + Deinetwegen allein wird dieser mich segnen und schirmen!<BR> + Aber sie lächelt und spricht: Du brauchst nicht die Reise zu machen,<BR> + Um es bestätigt zu finden, es hat sich schon jetzt so erwiesen!<BR> + Siehe, ich flehte ihn an, die Prüfung, wenn auch nicht gänzlich<BR> + Mir vom Haupte zu nehmen, so doch in Gnaden zu wenden,<BR> + Und er hat mich erhört. Was sollte ich nun nicht ertragen,<BR> + Da du mir bleibst und mir hilfst! Es komme, was wolle, ich werde<BR> + Sicher nicht murren und klagen! Doch diesem wär' ich erlegen.<BR> + Aber du weißt ja noch nicht! Vernimm's und erstaune! Die Herrschaft<BR> + Steuert mich aus, und sie gibt auch dir ein reichliches Erbe.<BR> + Schüttle nur nicht mit dem Kopf, es ist so, wie ich dir sage,<BR> + Haus und Hof sind unser, sobald wir wollen, man wartet<BR> + Oben schon lange auf dich, so geh und höre das Weitre!<BR> + Aber der Jüngling versetzt, am Tische sich lehnend, wie schwindelnd:<BR> + Sind denn wirklich die Engel noch nicht von der Erde verschwunden,<BR> + Und was hab' ich getan, daß sie um mich sich bekümmern?<BR> + Doch, was frage ich noch! Nur deinethalben geschah es!<BR> + Soll ich denn alles in allem dir schuldig werden? Wie vieles<BR> + Hab' ich dir längst zu verdanken! Ich fühl' mich nicht besser, wie andre,<BR> + Und ich würde vielleicht, wie sie, im Taumel mich drehen,<BR> + Bis ich mich selber verlöre, wenn du nicht wärest! Für alles<BR> + Kommt der Tag der Versuchung. Das tägliche Leben und Treiben<BR> + Widert jeden, sobald ihn die Hoffnung verläßt, und sie wechselt<BR> + Gern, wie der hüpfende Vogel, den Baum. Da greift er zum Glase,<BR> + Um sich selbst zu betäuben, und hatten die Karten so lange<BR> + Feurige Ränder für ihn, die an den Teufel ihn mahnten,<BR> + Der sie zuerst gemalt und herumgegeben, so scheinen<BR> + Sie ihm plötzlich vergoldet und locken durch alle Figuren.<BR> + Siehe, da ist er geliefert, wenn nur noch Gottes Gebote<BR> + Ihm die Straße zur Hölle versperren, wenn Vater und Mutter<BR> + Ruhig im Grabe ihm schlummern, und noch kein sorgliches Mädchen<BR> + An die Stelle der beiden trat. Die Sterne des Himmels<BR> + Zittert der nicht, zu verfinstern, und wenn sie zu schrecklich ihm funkeln,<BR> + Schaut er nimmer hinauf, allein das Auge der Liebe<BR> + Ist gar leicht zu trüben und seinen ängstlichen Blicken<BR> + Kann sich keiner entziehn, da fühlt sich der Mensch denn gehalten!<BR> + So erging's mir mit dir. Ich hatte die Eltern verloren,<BR> + Und nun war ich gezwungen, an mich zu denken. Das hatte<BR> + Ich bisher nicht getan, es war mir genug, mit den Segen<BR> + Zu verdienen, mit dem ich als Knabe ihr Hüttchen verlassen,<BR> + Um dem Bauern das Vieh zu hüten, zuerst nur die Gänse,<BR> + Dann die Schweine und Schaft, und endlich die Ochsen und Kühe,<BR> + Und ich fühlte mich glücklich, für sie zu sorgen, auch hielt ich<BR> + Ihnen die Not von der Tür. Da raffte die tückische Seuche<BR> + Sie hinweg, und auf einmal war alles anders. Die Groschen<BR> + Blieben mir zwar, und ich konnte allmählich manches mir schaffen,<BR> + Was ich lange entbehrt, doch boten die Uhr und die Pfeife<BR> + Keinen Ersatz für das Lächeln der Mutter, womit sie mir's lohnte,<BR> + Wenn ich ihr gegen den Winter mit Bohnen und Erbsen die Truhe<BR> + Füllte, oder im Frühling zur Mastung ein Ferkelchen brachte.<BR> + Da begann ich zu rechnen, und leider mußt' ich's bejahen,<BR> + Wenn die Genossen mir sagten, mein Sparen bringe mich einzig<BR> + Um die Freuden der Jugend, und sichre mir doch nicht das Alter,<BR> + Höchstens könnt' ich den Doktor aus eigenem Säckel bezahlen,<BR> + Wenn ich einmal erkrankte, allein das danke mir keiner,<BR> + Den besolde die Stadt. So warf ich denn wirklich mein Flickzeug<BR> + Eines Sonntags beiseite, denn Sonntags flickte ich wieder,<BR> + Was ich zerriß in der Woche, und mischte mich unter die andern,<BR> + Um, wie diese es nannten, doch auch mal den Herrn zu probieren.<BR> + Wohl gekämmt und gebürstet, und blank in der Tasche den Taler,<BR> + Prunkt' ich daher, auch gefiel's mir, zuerst den Hafen zu sehen,<BR> + Wo die Masten so eng und so dicht zusammen sich drängen,<BR> + Wie die Spitzen des Schilfs bei uns in Gräben und Sümpfen,<BR> + Dann an dem Ufer der Elbe hinab zu spazieren nach Flottbeck1)<BR> + Und die Schiffe zu zählen, die eben kommen und gehen,<BR> + Oder die Gärten, die bunt sich am breiten Flusse dahinziehn.<BR> + Gern bezahlt' ich auch mittags mein Essen, obgleich ich's zu Hause<BR> + Besser und billiger hatte, ich ließ mir's sogar noch gefallen,<BR> + Daß wir auch Kaffee tranken, ich wollte den Mäkler nicht machen.<BR> + Aber, als sie nun riefen: jetzt müssen wir karten und kegeln<BR> + Und den guten Likör daneben versuchen, da sprach ich:<BR> + Weiter halt' ich nicht mit! und ging, wie sehr sie auch höhnten,<BR> + Denn oft sagte mein Vater, es würde keiner die erste<BR> + Schenke betreten, der ahnte, in welcher Gestalt er die letzte<BR> + Einst nach Jahren und Monden verlassen würde, auch schlüpfte<BR> + Selbst der Gesunkenste schwerlich des Morgens hinein, wenn er wüßte,<BR> + Wie er sich abends entfernte, und dieses klang mir im Ohre.<BR> + Nicke mir nicht so freundlich, es wär' wohl noch anders gekommen,<BR> + Denn der Grund, der mich trug, ich fühl' es noch heute mit Schaudern,<BR> + Wankte mir unter den Füßen, und Taumelnde können auch fallen,<BR> + Doch, ich erblickte dich!--Und wurdest--versetzt sie--mein Retter,<BR> + Als ich mich vor dem Verfolger nicht länger zu schützen vermochte.<BR> + Mich auch hatte der Spott, wie dich, vom Hause getrieben,<BR> + Denn ich fühlte mich glücklich, daheim zu sitzen, ich hatte<BR> + Angst vor der großen Stadt, und wünschte mich ebensowenig<BR> + In den Strudel der Menschen, wie in den Strudel der Elbe,<BR> + Wenn sie flutet, hinein. Da aber hieß es beständig:<BR> + Diese ist wohl in Sachsen vom Baum heruntergefallen,<BR> + Daß sie keiner besucht, es kommt nicht Bruder noch Schwester,<BR> + Oder Onkel und Tante, auch hat sie ja keinen Geburtstag,<BR> + Denn ihr wird nicht geschrieben! Da ging ich denn endlich, als wär' es<BR> + Zu Verwandten und Freunden, allein ich kannte nicht einen<BR> + Von den Tausenden, welche hier wohnen, und all mein Vergnügen<BR> + War, die Stunden zu zählen, mein Kleid im Gedränge zu schützen<BR> + Und mir die Straßen zu merken, um abends den Rückweg zu finden.<BR> + So gelangt' ich vors Tor. Da aber gesellte sich plötzlich<BR> + Ein Begleiter zu mir. Ich hatte ihn niemals gesehen,<BR> + Lang und schmal, wie er war, und prangend in Ketten und Ringen,<BR> + Aber er wollte mich kennen, und grüßte von Vater und Mutter.<BR> + Als ich ihm sagte, er irre, die lägen schon lange im Grabe,<BR> + Sprach er, er meine die seinen, und blieb mir ruhig zur Seite.<BR> + So gewiß ich auch wußte, daß keiner mich kannte, so wollt' ich<BR> + Dennoch ersticken vor Scham, als wenn es mir mitten im Dorfe<BR> + Unter den Meinen geschähe, und suchte ihm rasch zu entkommen.<BR> + Aber, wie ich auch lief, und wie ich mich drehte und wandte:<BR> + Nichts gewann ich ihm ab, und spöttisch rief er am Ende:<BR> + Dirne, ich bin ja der Wind, du willst doch dem Wind nicht entlaufen?<BR> + Nun begann er sogar, von häßlichen Dingen zu reden,<BR> + Und je stiller es wurde, je mehr die Menschen verschwanden,<BR> + Um so kecker erging sich seine verworfene Zunge.<BR> + Rennen konnt' ich nicht mehr, und mag man die Augen verschließen:<BR> + Offen bleiben die Ohren, und herzlich begann ich zu weinen.<BR> + Aber er hörte nicht auf, es wurde je länger, je ärger<BR> + Und zugleich auch die Gegend verlaßner und wilder und wilder.<BR> + Da vernahm ich von ferne ein Pfeifen, das fröhlich und mutig<BR> + Klang und mir Hilfe verhieß, ich schrie, so laut ich's vermochte,<BR> + Und es währte nicht lange, so wurdest du sichtbar, dich hatte<BR> + Nur ein Knick2) noch verborgen. Du eiltest herbei, doch der andre<BR> + Lief nicht davon, er besah dich mit seinem vergoldeten Glase,<BR> + Welches an schwarzem Bande ihm baumelte über der Weste,<BR> + Sprach, er sei kein Räuber, doch ich das albernste Gänschen,<BR> + Und erkundigte sich nach Bauers Garten.--Du aber,<BR> + Mit den Augen mich prüfend und über und über erglühend,<BR> + Tratest ihm ernst in den Weg und riefst mit donnernder Stimme:<BR> + Herr, das Kind hat geweint, und ich, ich bin aus dem Lande,<BR> + Wo man die zinnernen Krüge vor Zeiten, wie lederne Schläuche,<BR> + So mit den grimmigen Fäusten zusammendrückte und quetschte,<BR> + Daß das verschüchterte Bier die Decke bespritzte und Löcher<BR> + Machte, als käm's aus der Büchse! Er lachte höhnisch und sagte,<BR> + Leicht in die Tasche greifend und klingelnd mit Gold und mit Silber:<BR> + Hier ist ein Taler, mein Freund, nun führ' Er die Liebste zu Ahrens,<BR> + Dort wird abends getanzt! Doch du--Ich mag es nicht denken,<BR> + Aber der Jüngling erwidert, die hangenden Locken ihr scheitelnd:<BR> + Kind, ich hätte mich selbst des Zorns nicht fähig gehalten,<BR> + Der mich so plötzlich ergriff, und keiner meiner Genossen,<BR> + Denn ich galt für ein Lamm. Auch wär' ihm gewiß nichts geschehen,<BR> + Hätt' er nur mich beschimpft, die seidenen Kleider allein schon<BR> + Hätten ihn sichergestellt, ich hätt' mich im stillen geärgert,<BR> + Auch vor dir mich geschämt, und doch wohl albern gelächelt,<BR> + Denn noch erblickt' ich den Herrn in jedem, welcher den feinern<BR> + Rock auf dem Leibe trug, und ließ mich drillen und hänseln.<BR> + Aber, wie ich dich sah und alles, was er geredet,<BR> + Von der brennenden Wange dir ablas, ward ich ein andrer,<BR> + Als ich mich je noch gefühlt im ganzen Leben, und eher<BR> + Hätt' ich dich selber verletzt, du wichst zwar bald auf die Seite,<BR> + Aber du faltetest doch die Hände und schienst mich zu bitten,<BR> + Ihn zu verschonen, als ihm die bündige Probe erlassen,<BR> + Daß die Fäuste noch immer in Wesselburen gedeihen3).<BR> + Nun, es sei ihm verziehn! Er wird es nicht wieder versuchen,<BR> + Und ich hab' es am Ende doch ihm allein zu verdanken,<BR> + Daß ich dich kennen gelernt, wie hätt' ich dich sonst wohl getroffen?<BR> + Und du wärst auch vor mir vielleicht so ängstlich gelaufen,<BR> + Wie nur immer vor ihm, drum wünsch' ich ihm nicht einmal Narben.<BR> + Aber, nun sprich, was es gibt! Mir dreht sich der Kopf noch im Wirbel!<BR> + Muß ich gewiß nicht zu Schiff? Ich geh' ja nicht gerne, obgleich ich<BR> + Hart am Meere erwuchs! Ich lieb' es den Wagen zu lenken,<BR> + Oder die Pferde zu tummeln, auch mag ich pflügen und dreschen,<BR> + Aber das Wasser war mir stets zuwider, und nie noch<BR> + Hab' ich den Fischer begleitet, so gern ich dem streifenden Jäger<BR> + Mich gesellte, wenn's ging! Wie ist nicht das eine schon gräßlich,<BR> + Daß man darin nicht bloß ertrinken, sondern darauf auch<BR> + Schmählich verdursten kann! Mir ward es hinter den Deichen<BR> + Immer schon eigen zu Mut, die gegen Stürme und Fluten<BR> + Uns das Ländchen beschirmen. Das Schrillen und Kreischen der Vögel<BR> + Mit den langen Hälsen und oft noch längeren Schnäbeln,<BR> + Welche im warmen Sande die bunt gesprenkelten Eier<BR> + Hinterlassen, die Muscheln und selbst die fettigen Kräuter<BR> + Mit den wolligen Blumen erfüllten mich immer mit Grausen,<BR> + Und ich brauchte nicht erst auf Toten-Gebeine zu stoßen,<BR> + Wie sie aus Schiffer-Gräbern vergilbt und vermorscht wohl hervorschaun,<BR> + Um das Knabengelüst nach Bernstein niederzukämpfen<BR> + Und von dannen zu fliehn. Da magst du dir denken, wie leicht mir's<BR> + Ward, den Entschluß zu fassen, mich dennoch der See zu vertrauen!<BR> + Aber ich war es dir schuldig, und wär' es mir übel ergangen,<BR> + Und ich erwartete nicht, ich darf es dir jetzt ja bekennen,<BR> + Was der Schmied und der Tischler erwarten, so wäre ich drüben<BR> + Bis an mein Ende geblieben, und wär's auch als Sklave gewesen,<BR> + Um dein Glück nicht zu hindern und andern den Weg zu vertreten.<BR> + Du verfärbst dich? Was hast du? O, hätte ich Narr doch geschwiegen,<BR> + Diese erzählte mir Träume, und ich, ich nahm sie für Wahrheit!<BR> + Aber das Mädchen erwidert: Man schaudert wohl auch bei Gefahren,<BR> + Die man erst völlig erkennt, nachdem sie vorübergegangen!<BR> + Also hatt' ich doch recht, sogleich das Ärgste zu fürchten<BR> + Und mich nicht zu besinnen! Nun mache nur du es nicht schlimmer,<BR> + Frage nicht, eile hinauf, und wenn ich selbst nur nicht Nein sprach,<BR> + Weil es zu plötzlich kam und mich verwirrte, so zeige<BR> + Du dich dafür als Mann, und gib dein entschlossenes Jawort!<BR> + Haus und Hof sind unser, sobald wir es selber nur wünschen,<BR> + Und wir sollen dafür-— ich weiß nicht, ob ich's verstanden,<BR> + Aber dort kommt er selbst, er wird dir's deutlicher sagen!<BR> + Und dem Kaufherrn, welcher die Tür soeben geöffnet,<BR> + Tritt der Jüngling entgegen und spricht: Ich habe das Mädchen<BR> + Nie als töricht gekannt, und dennoch kann ich's nicht glauben,<BR> + Daß ich mir wirklich ihr Stottern und Stammeln richtig gedeutet.<BR> + Wenn es aber so wäre, wie sie verkündet, so könnt' ich<BR> + Nur das einzige sagen: ich kenn' und liebe die Wirtschaft,<BR> + Und der jüngre Verwalter hat das voraus vor dem ältern,<BR> + Daß er sich selbst nicht schont, und nicht mit der Zunge bloß ackert.<BR> + Wenn Sie mir also vertrauen, obgleich die Erfahrung mir mangelt,<BR> + Werden Sie, was ich verseh', an Knechten und Pferden ersparen.<BR> + Wahrlich, ich werd' es an Fleiß nicht fehlen lassen, ich stehe<BR> + Jetzt schon der erste auf und bin der letzte zu Bette,<BR> + Und was einer dem Boden nur abzwingt, sei's an Getreide,<BR> + Sei's an Obst und an Vieh, das werden auch wir schon gewinnen!<BR> + Aber der Kaufherr spricht: Ihr säet und erntet euch selber,<BR> + Ich bin höchstens noch da, wenn Überschwemmung und Mißwachs,<BR> + Brand, Viehsterben und Krieg euch wider Verhoffen betreffen,<BR> + Um euch helfen zu können, im übrigen seid ihr die Eigner,<BR> + Und verpflichtet euch bloß, nicht wiederzukehren nach Hamburg,<BR> + Denn das Gut, das ich meine, liegt fern am Fuße des Brockens,<BR> + Und uns das Kind zu lassen, damit wir es christlich erziehen<BR> + Und es zum Träger des Namens, sowie zum Erben ernennen.<BR> + Christian, erst so erstaunt, als würd' er belehnt mit der Erde,<BR> + Denn er hatte nicht einmal an Pacht, geschweige an Herrschaft<BR> + Sich zu denken getraut bei ihren verworrenen Worten,<BR> + Fährt zusammen und schaut auf Magdalena, doch diese<BR> + Ruft: So ist's! Wir geloben's! und hängt mit ängstlichen Blicken<BR> + An dem Munde des Jünglings. Er schweigt noch lange, doch endlich<BR> + Sagt er: Was du versprichst, das kann ich halten! und bietet<BR> + Nun dem Kaufherrn fest zum Pfand und zum Siegel die Rechte.<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="funfter"></A> +<H3> + Fünfter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + O, wie schön ist die Zeit, wenn schalkhaft hinter dem Winter<BR> + Schon der Lenz sich versteckt, wenn früh am Morgen die Lerche<BR> + Wirbelt, als hätte sie längst das Veilchen gesehen, und dennoch<BR> + Abends gern mit dem Spatz sich unter dem Balken verkröche,<BR> + Wo er im Neste kauert, und wenn die erste der Primeln<BR> + Durch den nämlichen Tropfen, an dem sie sich mittags erquickte,<BR> + Während die Sonne so brannte, vor Nacht ihr Ende noch findet,<BR> + Weil er gefriert und sie knickt! Wie ist sie in Ahnung und Hoffnung<BR> + Jener spätern voraus, wo schleichend hinter dem Sommer<BR> + So der Herbst sich verbirgt! Die Schauer von Hitze und Kälte<BR> + Wechseln zwar ganz, wie jetzt, allein es ziehen die Schwalben<BR> + Und es kommen die Raben, die einen nicht länger gefesselt<BR> + Von der Wärme, die andern nicht länger geschreckt, auch erblickt man<BR> + Schon die Erstlingsglieder der traurigen Kette von Blumen,<BR> + Welche, den Duft und die Farbe zugleich allmählich verlierend,<BR> + Schließt in der strohigten Aster, die selbst der Sturm nicht entblättert,<BR> + Sondern der Schnee begräbt!--Die schöne Zeit ist gekommen,<BR> + Und ein glückliches Paar, vom kurzen Tage ermüdet,<BR> + Weil es die spärliche Frist, die zwischen den Nebeln der Frühe<BR> + Liegt und den Nebeln des Abends, durch Fleiß zu verdoppeln gewohnt ist,<BR> + Setzt sich beim Scheine der Lampe behaglich zur dampfenden Suppe<BR> + Und verzehrt sie mit Lust, doch still und ohne zu reden,<BR> + Wie es der Landmann macht, um sich den Genuß nicht zu schmälern.<BR> + Dann hebt Christian an: Ich habe die Äcker und Wiesen<BR> + Heute wieder gemustert und kann es noch immer nicht fassen,<BR> + Daß ich auf eigenem Boden mich müde gelaufen. Er ist zwar<BR> + Nicht so fett, wie bei uns, auch hat man in müßigen Stunden<BR> + Steine genug zu sammeln, und wird sie sobald nicht vertilgen,<BR> + Weil, wie die Bauern hier sagen, der Teufel sie immer von neuem<BR> + Fallen läßt, wenn er nachts mit vollen Säcken vom Blocksberg<BR> + Abfährt, um sich dafür in Holstein Seelen zu kaufen,<BR> + Aber, wie dehnt sich das aus! Sogar das Eckchen am Berge<BR> + Ist noch unser, ich fragte! Und Magdalena erwidert,<BR> + Während sie einige Äpfel als unerwarteten Nachtisch<BR> + Bringt und lächelnd verteilt: Ich habe dagegen den Garten<BR> + Näher besehen und kann dir von jeglichem Baume vermelden,<BR> + Welche Früchte er trägt, wieviele, und wann er gesetzt ist.<BR> + Spare die Frage, du Schalk, ich hab's den Rinden der Stämme<BR> + Nicht entnommen, mir hat's der alte Pfarrer verkündet,<BR> + Welcher vorüber kam. Er kann sich der Zeit noch erinnern,<BR> + Wo das Haus nicht stand, und hat den hintersten Birnbaum,<BR> + Den uns der Mond jetzt zeigt, am Tage, wo man's gerichtet,<BR> + Eigenhändig gepflanzt. Den wollte er eben besuchen,<BR> + Weil er ihn liebt, und ich denke, wir schicken ihm jährlich ein Körbchen,<BR> + Ganz bis oben gefüllt mit allen Sorten zur Labung,<BR> + Wie es die andern getan, obgleich er uns schwerlich die Rede<BR> + Halten wird, wenn wir sterben! Du glaubst nicht, die edelsten Arten,<BR> + Wie sie der Gärtner nur hat, dabei dem Wind, wie entzogen,<BR> + Weil die Hügel uns decken, die lang geschweift sich dahinziehn,<BR> + Und gesucht auf dem Markt, wie keine! Es wäre Verschwendung,<BR> + Selbst davon zu kosten, als Weihnachts-Abend. Was horchst du?<BR> + Christian tritt zum Fenster und spricht, indem er es öffnet:<BR> + Regte die Kuh sich nicht? Ich lege mich heute nicht nieder,<BR> + Denn ich traue nicht recht. Es ist zwar nach dem Kalender<BR> + Auf der Türe am Stall noch eine Woche, doch weiß ich,<BR> + Daß sich die Knechte verrechnen, indem sie der Striche zu viele<BR> + Oder zu wenige machen, und habe ich, ohne zu murren,<BR> + Oder auch nur aufs Geheiß zu warten und Kaffee zu fordern,<BR> + Fremdes Vieh bewacht, wie sollt' ich das eigne vergessen!<BR> + Lachst du nicht mit? Das eigne! Ich glaube noch immer zu träumen.<BR> + Magdalena versetzte: Ich höre nicht auf, mich zu wundern,<BR> + Wenn ich so alles bedenke, am meisten aber erstaun' ich<BR> + Über die Trauung selbst. In stattlicher Kutsche zu fahren,<BR> + Während Vater und Mutter zu Fuße gingen und triefend<BR> + Vor dem Pastor erschienen, die angesehene Herrschaft<BR> + Und den Doktor als Zeugen zu haben, während die Eltern<BR> + Hirt und Wächter dienten und mürrisch das Wetter verfluchten,<BR> + Und am Abend der Schmaus: es war, um den Kopf zu verlieren!<BR> + Wäre dir nicht der Hut heruntergefallen, indem du<BR> + Gar zu eilig den Wagen besteigen wolltest, und hätte<BR> + Ich nicht die Locken zerdrückt und Kranz und Bänder verschoben,<BR> + Als ich zur Seite rückte: es wäre zu prächtig gegangen,<BR> + Und man hätt' uns zu stark beneidet, vielleicht gar beredet;<BR> + Aber nun gab's für die andern in Hülle und Fülle zu lachen,<BR> + Und wir beide kamen nicht eher aus dem Erröten<BR> + Wieder heraus, als im Dom, wo neue Sorgen begannen,<BR> + Oder erging es dir besser? Ich zitterte kindisch, zu zeitig<BR> + Oder zu spät mit dem Ja zu kommen, obgleich ich als Kind schon,<BR> + Hinter den Stühlen der Kirche mich mit den Gespielen versteckend,<BR> + Um vom brummenden Küster nicht fortgetrieben zu werden,<BR> + Manche Trauung gesehn und alles gehörig beachtet,<BR> + Was den Bräuten geziemt! Da ist es mir anders gegangen!--<BR> + Sagte Christian jetzt--Sobald ich die Orgel vernehme<BR> + Und den gekreuzigten Heiland mit seinen Wunden erblicke,<BR> + Hab' ich die Welt im Rücken und könnte Königen selber<BR> + Fest in die Augen schaun! So recht, noch einige Klötze<BR> + In den Ofen geschoben, damit ich nicht friere. Wie emsig<BR> + Bist du aber gewesen! Wie blinken Tiegel und Pfannen,<BR> + Nun sie die Flamme beleuchtet! So ist der Kessel von Kupfer,<BR> + Statt von Messing? Wie glänzt er! Den Spiegel wirst du nicht brauchen,<BR> + Jedes Geschirr ersetzt ihn, wir könnten ihn wieder verkaufen,<BR> + Wenn mein Bart nicht wäre, und diesen lasse ich wachsen,<BR> + Wie sie's hier alle tun, die Hirten sogar und die Fischer.<BR> + Was wir aber behalten, das sind die heiligen Bilder<BR> + Von dem verlorenen Sohn. Mit diesem hab' ich als Knabe<BR> + Oft zu Mittag gegessen. Mein Vater pflegte zu sagen,<BR> + Wenn es an allem gebracht, sogar an Salz und Kartoffeln,<BR> + Wie sich's im Winter zuweilen begab, wenn Fasnacht vorbei war:<BR> + Heute sind wir bei dem zu Gast gebeten! und zeigte<BR> + Auf die lustige Tafel, sie hing vergilbt und verräuchert<BR> + Über dem Ofen und hatte gewiß schon den zehnten Besitzer,<BR> + War auch nicht zu verkaufen und galt nicht einmal als Pfandstück,<BR> + Wo der Wüstling schwelgt und wo ihn die Dirnen bestehlen.<BR> + Trunken hebt er das Glas, den Wein verschüttend, zu Füßen<BR> + Liegt ihm ein leckeres Brot, vom Arm heruntergestoßen,<BR> + Welches ein Hund beschnüffelt, indes er, wenn er sich wendet<BR> + In dem geschaukelten Stuhl, es augenblicklich zertreten<BR> + Oder beschmutzen muß, und dies muß einig geschehen,<BR> + Wenn er nicht stürzen will. Der Tisch ist reichlich beladen<BR> + Mit den erlesensten Speisen und ausgewählten Getränken,<BR> + Aber ich wünschte mir nichts vom ganzen glänzenden Gastmahl<BR> + Für den brennenden Hunger, als dieses Brot, und ich hab' es<BR> + Tausendmal in Gedanken verzehrt und werde auf Erden<BR> + Niemand wieder beneiden, wie diesen Hund, der so satt ist,<BR> + Daß er es kaum beriecht. Nun geh mir aber zu Bette!<BR> + Wenn sich der Wind noch mehr erhebt, so will ich mich freuen,<BR> + Daß ich mein Feuer schüre und nicht mit dem Schmied und dem Tischler<BR> + Auf dem Ozean schiffe, du aber träume geschickter<BR> + Wie in der letzten Nacht, von Wilhelm und Anne, sie haben's<BR> + Jetzt so gut, wie die meisten, der Weihnacht hat sie gekräftigt!--<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + So verstreichen dem Paar die Stunden, die Tage und Wochen,<BR> + Eine der anderen gleich und keine besser und schlechter,<BR> + Wie im himmlischen Reich; sie sprechen zu keiner: verweise!<BR> + Oder: entferne dich rascher! Denn alle bringen dasselbe.<BR> + Nur die Arbeit wechselt. Der Pflug geht heute zu Felde,<BR> + Morgen wackelt die Egge ihm nach und ebnet die Furchen,<BR> + Welche er zog in der Erde, und wenn die beiden im Schuppen<BR> + Wieder ruhen, versucht sich die längst gedengelte Sense<BR> + Schon am ersten Grase. Indessen folgte der Primel<BR> + Mit dem fröhlichen Spatz, der selbst im Winter noch Trotz beut,<BR> + Still das liebliche Veilchen, von Fink und Lerche begleitet,<BR> + Und der heiße Hollunder, dem Maienglöckchen verschwistert,<BR> + Welcher die Nachtigall durch seine betäubenden Düfte<BR> + Aus dem Schlummer erweckt. Wer schwitzt, der sieht in der Sonne<BR> + Nur noch die Uhr, nicht den Stern, und alle Blumen und Vögel<BR> + Sind für den Ackrer nicht da. Doch Samstags bückt er sich gerne,<BR> + Wenn er am Abend die Ochsen zu Hause treibt, um ein Sträußchen<BR> + Mitzubringen, so gut er's eben findet, das Sonntags,<BR> + Vor den Busen gesteckt, die Liebste ziere zum Kirchgang.<BR> + Dies tat Christian auch, und Magdalena bedankte<BR> + Sich am folgenden Tag durch irgendein neues Gemüse,<BR> + Welches der Garten gebracht, sei's nun das zarte Radieschen<BR> + Oder der frische Spinat, und was die gütige Erde<BR> + Weiter bietet. So sind die fröhlichen Pfingsten gekommen,<BR> + Und mit dunkelnder Nacht, es war noch so vieles zu ordnen,<BR> + Um die festliche Rast mit Ruhe genießen zu können,<BR> + Tritt er singend ins Haus und bringt ihr den ersten Hollunder.<BR> + Stumm am Herde beschäftigt und gegen die Türe den Rücken<BR> + Kehrend, scheint sie ihn nicht zu hören, da tickt er ihr leise<BR> + Mit den tauigen Blumen auf ihren glühenden Nacken,<BR> + Dessen Tuch sich verschob. Sie fährt ein wenig zusammen<BR> + Vor der plötzlichen Kälte, wie wird ihm aber zumute,<BR> + Als sie, statt sich zu freuen und ihm nach ihrer Gewohnheit<BR> + Aus der dampfenden Pfanne den ersten Bissen zu reichen,<BR> + Daß er koste und lobe, den Strauß in wilder Bewegung<BR> + Aus den Händen ihm reißt und in die Flammen ihn schleudert.<BR> + Ängstlich sieht er sie an, doch eh' er die Lippen noch öffnet,<BR> + Stürzt sie ihm an die Brust und weint, als hätte sie eben<BR> + Himmel und Erde gekränkt und könne sich nimmer verzeihen.<BR> + Sie zu beschwichtigen, will ihm lange durchaus nicht gelingen,<BR> + Denn sie bebt vor sich selbst, und er fragt umsonst nach dem Grunde<BR> + Dieser heftigen Wallung. Sie hatte ihn freilich ein Stündchen<BR> + Früher erwartet zum Essen, und alles war ihr verbraten,<BR> + Doch erklärte das nichts. Da tritt, um Feuer zu zünden,<BR> + Eine Alte herein, die sie verwundert betrachtet,<BR> + Als sie die Tränen erblickt, die immer noch rollen, und der sie<BR> + Hastig erzählt, was geschehn, damit sie zu Christians Nachteil<BR> + Nicht das Verkehrte glaube. Die führt sie schmunzelnd beiseite,<BR> + Fragt sie manches und lacht. Dann spricht sie, indem sie sich wendet:<BR> + Ruft mich herüber, sobald sich die ersten Halme vergolden,<BR> + Länger wir's wohl nicht währen, und sorgt indes für die Hemden.<BR> + Was den Sünder betrifft, wo muß er geduldig sich fassen,<BR> + Wenn's auch noch ärger kommt, und denken, es zanke sein Kindlein,<BR> + Du gebrauche dein Recht, du darfst jetzt kratzen und beißen.<BR> + Als sie sich humpelnd entfernt, will Christian tanzen und jubeln,<BR> + Magdalena jedoch bedeckt ihr Gesicht mit den Händen,<BR> + Wie am Hochzeitsabend, als alle neckend den Erstling<BR> + Leben ließen, und nicht aus Scham allein und Verwirrung.<BR> + Da besinnt er sich schnell und sagt, um ihre Gedanken<BR> + Abzuleiten: Mich hungert! und als sie essen und trinken,<BR> + Fügt er hinzu: Nun mußt du mir morgen gewiß auf den Brocken,<BR> + Wie du mir's Ostern versprochen, denn wenn wir's wieder verpassen,<BR> + Wird dir das Steigen zu schwer, und immer wär' es doch schade,<BR> + Wenn der Sommer verginge, bevor wir mit eigenen Augen<BR> + Urians Sitz uns besehn, um nicht zu sehr zu erschrecken,<BR> + Wenn es im kommenden Herbst rumort zu unseren Häupten!<BR> + So beschwichtigt er sie und heiter verstreichen die Pfingsten,<BR> + Denn, vom herrlichsten Wetter begünstigt, erklimmen sie wirklich<BR> + Den verrufenen Berg, vor dem sie als Kinder schon bebten,<BR> + Wenn die Mutter, im Winter, beim Schein der erlöschenden Lampe<BR> + Sie entkleidend, die Taten des Besenstieles erzählte,<BR> + Und der Vater zum Schluß des feurigen Drachen noch dachte,<BR> + Während sie, schaudernd vor Angst, wie vor Frost, in die Kissen sich wühlten.<BR> + Seltsam starrt er sie an mit seinen Stollen und Schachten,<BR> + Die zur Hölle hinunterzuführen scheinen, und hätten<BR> + Sie's auch nie gehört, daß alle Dämonen hier hausen,<BR> + Würden sie dennoch zittern, dem Teufel hier zu begegnen,<BR> + Wenn die dunkelnde Nacht sie unter den Fratzengestalten<BR> + All der Felsen beschliche, die ringsum drohen und äffen<BR> + Und vielleicht um die Stunde der Geister zum Leben erwachen,<BR> + Um durch die Lüfte als Jäger auf glühenden Rossen zu stürmen,<BR> + Oder als Gnome zu spuken und waschende Mägde zu plagen.<BR> + Drum beeilen sie sich, zurück in die Täler zu kommen,<BR> + Die er nur dann betritt, wenn ein entsetzlicher Frevel<BR> + Ihm den heiligen Kreis der schirmenden Engel geöffnet,<BR> + Und beim Sinken der Sonne ihr Dörfchen wieder erreichend,<BR> + Wo das Geläut gerade verhallt, geloben sich beide,<BR> + Halb den Schwindel vor Augen und halb die empfundenen Schauer,<BR> + Auch in den Gliedern gelähmt, wie nie, und verlacht von den Nachbarn,<BR> + Keinen Festtag wieder auf diese Weise zu feiern.<BR> + Ihr verbietet sich's auch von selbst, denn ganz, wie's die Alte<BR> + Prophezeite, geschieht's. So wie die Rosen erglühen,<BR> + Werden die Wangen ihr bleich, und als die Levkojen sich füllen,<BR> + Kann sie sich kaum noch bücken, sie abzupflücken. Nur eines<BR> + Trifft nicht zu, sie wird nicht launisch, wie andre, die erste<BR> + Heftige Wallung ist zugleich auf die letzte gewesen,<BR> + Aber unendliche Trauer bemächtigt sich ihrer und stündlich<BR> + Gehen die Augen ihr über. Er sucht umsonst zu erfahren,<BR> + Was sie drückt, doch er kann sich genau des Tags noch erinnern,<BR> + Ja, der Stunde sogar, wo ihr in plötzlicher Zuckung<BR> + So die ersten Tränen entschossen. Sie hatte soeben<BR> + Leise gebetet, wie's schien, und hielt die flehenden Hände<BR> + Noch gefaltet, wie er, durchs Fenster lauschend, bemerkte,<BR> + Denn er kam zum Essen. Da fuhr sie auf einmal zusammen<BR> + Und begrub ihr Gesicht im Schoß. Er nahte sich hastig,<BR> + Weil er dachte, sie sei vielleicht von Schmerzen befallen,<BR> + Doch sie erhob das Haupt und suchte zu lächeln. Verwundert<BR> + Sah er sie an. Da begann sie zu schluchzen und ging in die Küche,<BR> + Um sich auszuweinen. Er folgte ihr, aber vergebens<BR> + Fragte er, was ihr sei. Indessen verdrängte den Sommer<BR> + Schon der ergiebige Herbst, und selten noch strotzte sein Füllhorn<BR> + So von allem zugleich, was für den traurigen Winter<BR> + Keller und Böden uns füllt. Denn meistens bringt er das eine<BR> + Reichlich, um mit dem andern zu kargen, da Hitze und Kälte,<BR> + Nasses und trockenes Wetter fast nie so günstig gemischt sind,<BR> + Daß auf jegliche Frucht nach Art und Maß und Bedürfnis<BR> + Immer das Rechte käme, und keine im Wechsel erfröre<BR> + Oder erstickte. Die Bäume im Garten drohen zu brechen,<BR> + Denn die nächtlichen Fröste des Mais vertilgten die Raupen<BR> + So erbarmungslos, daß neben Hummeln und Bienen<BR> + Fast der lustigste Schwärmer, der farbige Schmetterling, fehlte,<BR> + Als sie den Raubzug hielten im Reiche der Blumen und Blüten,<BR> + Und die Ähren sind schwer, als trügen sie goldene Körner<BR> + Und zerknicken die Halme, bevor noch die Sichel gewetzt ist.<BR> + Nun gibt's drinnen und draußen zu tun. Das Obst zu besorgen,<BR> + Fühlt sie sich noch imstand, wenn er's des Abends nur schüttelt,<BR> + Was sie selbst nicht vermag. Sie schlichtet am Tage die Haufen,<BR> + Nimmt das Erquetschte für sich, wie früher das Würmergestochne,<BR> + Schickt das wenig Verletzte, das Übermürbe und Weiche<BR> + Auf den Markt zum Verkauf und legt das Beste beiseite,<BR> + Um es, wenn Mangel entsteht, zu höherem Preis zu versilbern.<BR> + Er dagegen ist fleißig im Felde und macht die Erfahrung,<BR> + Daß der Tätigste selbst für sich die Kräfte noch immer<BR> + Anders braucht, als für Fremde, denn hat er früher für zweie<BR> + Schaffen können, so kann er's jetzt für dreie und fühlt sich<BR> + Doch zur Nacht nicht zu müde, um mit im Hause zu helfen.<BR> + Schon sind Roggen und Weizen in sicherer Scheuer geborgen,<BR> + Und so hat denn der Mensch sein Teil, nicht minder die Gerste,<BR> + Welche dem Mastvieh Mark und Fett und schweres Gewicht gibt,<BR> + Und es spritzte von oben nicht eine Wolke! Es fehlt jetzt<BR> + Nur noch der Hafer des Pferdes, so ist bis auf die Kartoffel,<BR> + Die dem Tier mit dem Menschen gemein ist, die Ernte vollendet.<BR> + Heut soll dieser daran, indes im Garten die Quitten,<BR> + Welche allein noch hängen, den luftigen Platz auf den Zweigen<BR> + Mit der dumpferen Kammer, wo auf der reinlichen Schütte<BR> + Schwestern und Brüder schon lagern, vertauschen müssen: die Garben<BR> + Fliegen lustig hinauf zum Wagen, da sieht man den Nachbar<BR> + Hastig nahen und winken mit ausgezogener Weste,<BR> + Weil's ihm am Tuch gebricht. Mit halb beladener Fuhre<BR> + Jagt ihm Christian gleich entgegen. Was trifft er zu Hause?<BR> + Eine glückliche Mutter, die unter Lachen und Weinen,<BR> + Rot und weiß zugleich, wie Apfelblüte, ein Knäblein<BR> + Trinken läßt. Sie ist nur kaum ins Bette getragen,<BR> + Denn sie hat es im Grünen geboren, als sie sich bückte,<BR> + Eine vergessene Birne emporzuheben, die gelblich<BR> + Blinkte unter dem Grase. Er küßt sie leise und flüstert:<BR> + Siehst du, daß man nicht stirbt? Nun trockne denn eilig die Tränen,<BR> + Sie mich so lange geängstigt. Sie aber erwidert mit Seufzen:<BR> + Ach, das habe ich nie gefürchtet! Ich hatte gebetet,<BR> + Daß es nicht kommen möchte, doch eh' ich das Amen gesprochen,<BR> + Hüpfte es mir zur Strafe im eigenen Schoße entgegen!<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="sechster"></A> +<H3> + Sechster Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Unterdessen erwartet der Kaufherr, welcher die Gattin<BR> + Nach Italien führte, in Rom das stille Ereignis,<BR> + Denn es sollte so sein, als hätte sie selber geboren.<BR> + Endlich erhält er den Brief, von außen schon leicht zu erkennen<BR> + An den eisernen Zügen der dennoch zittrigen Handschrift,<BR> + Welcher die Meldung bringt. Er trägt ihn, ohne zu öffnen,<BR> + Gleich hinüber zu ihr und spricht: Es hat sich entschieden,<BR> + Aber nun frage dich eins, bevor das Siegel gelöst wird:<BR> + Ist dir jegliches Kind willkommen? Die wirkliche Mutter<BR> + Unterscheidet nicht zwischen dem einen und zwischen dem andern,<BR> + Ja, es ist so bestimmt durch Gottes ewige Fügung,<BR> + Und den Zug der Natur, daß ihr das gebrechliche Wesen<BR> + Über das kräftige geht, das kränkliche übers gesunde,<BR> + Aber die Fremde erschrickt vor einem verwachsnen Gebilde,<BR> + Und sie findet das Weinen und Schreien des Buckels abscheulich,<BR> + Was sie dem Engelsköpfchen verzeiht und gelassen erduldet.<BR> + Sie erwidert: Das habe ich alles bedacht und erwogen<BR> + Und bin meiner gewiß. Was Gott uns sendet, das werde<BR> + Ich mit Liebe begrüßen. Und wäre das Schicksal der Sarah<BR> + Mir noch am Ende bestimmt, ich machte sie nimmer zur Hagar,<BR> + Nein, ich fühlte mich doppelt beglückt und doppelt gesegnet,<BR> + Und man sollte nicht ahnen, daß ich nur eines von beiden<BR> + Unter dem Herzen getragen, so redlich würde ich teilen,<BR> + Was im Busen mir wohnt, das kann ich dir heilig beteuern.<BR> + Aber erbrich nur den Brief, damit ich vor allem erfahre,<BR> + Wie es ihr selber ergangen, ich habe schon lange gezittert.<BR> + Rasch durchfliegt er den Brief und spricht mit Lächeln: wie Eva!<BR> + Und das Kind ist gesund und wohl gebildet. Da treten<BR> + Ihr die Tränen ins Auge, und erst zum Himmel die Hände<BR> + Hebend, dann den Gemahl umarmend, vergeht sie in Rührung.<BR> + Aber er selber sagt: Ich darf den nackenden Knaben<BR> + Ruhig zum Erben ernennen, mir lebt kein einz'ger Verwandter,<BR> + Welcher mir näher stünde, und heut noch schreib' ich nach Hamburg<BR> + Und bestelle die Taufe zum Mai. Ich werd' ihn erziehen,<BR> + Daß er in jeglichem Armen den Bruder sieht und ihn tröstet,<BR> + Und so sorg' ich durch ihn, den Sohn des Volkes, noch immer<BR> + Über das Grab hinaus fürs Volk und gebe ein Beispiel,<BR> + Wie man Gespenster beschwört und doch nicht die Kugeln verteuert.<BR> + Denn dies liegt mir am Herzen. Es wanken im innersten Grunde<BR> + Alle Staaten der Erde, und wenig wird nur gebessert,<BR> + Ob die Rotten des Pöbels den Diener des Fürsten erschlagen<BR> + Und die blutige Tat auch blutig büßen und sühnen,<BR> + Oder noch schlechtere Junker den Mann des Gesetzes erschießen<BR> + Und, dem Richter entzogen, der Ächtung des Dichters verfallen.<BR> + Alles lebt nur von heute auf morgen, besonders Parteien,<BR> + Und so gewaltig die Kämpfe auch sind, so schrecklich die Siege,<BR> + Die sie im wechselnden Spiel des Kriegs einander entreißen:<BR> + Immer muß ich der Knaben am Flusse gedenken, die schaudern,<BR> + Wenn er, von allen Gewässern der ragenden Berge geschwollen,<BR> + Rauscht und sich schäumend ergießt, und jubeln, wenn sie ihn endlich<BR> + Wieder gefrieren sehn. Wer wird sich des Kahns noch erinnern,<BR> + Wenn er den Schlittschuh braucht, und wer des rostigen Schlittschuhs,<BR> + Wenn er im Kahne fährt? Warum den einen verzimmern<BR> + Oder den anderen putzen? Jetzt dauert's ja immer und ewig!<BR> + Geht es fort wie bisher, so werden Stände die Stände,<BR> + Völker die Völker vertilgen, und in die schweigende Öde<BR> + Kehren die Tiere zurück, die einst dem Menschen gewichen.<BR> + Aber du weißt, wie ich denke, nun eil' ich und schreibe dem Doktor!--<BR> + Also geschah's. Doch nie erschien ein Winter ihr länger,<BR> + Als der jetzige, welchen sie unter den Myrten verlebte,<BR> + Denn das muntre Gewimmel der bunten römischen Feste<BR> + Oder der heitere Chor der ewig lächelnden Musen,<BR> + Welche den zweiten Olymp hier fanden, vom ersten vertrieben,<BR> + War für sie nicht vorhanden, und wenn sie die Rosen erblickte,<BR> + Die, vom gemilderten Hauch der afrikanischen Wüste<BR> + Angeblasen, noch immer die frischen Gärten verzierten,<BR> + Konnte sie's kaum begreifen, daß ihre Schwestern in Deutschland<BR> + Nur in Kübeln und Töpfen die eingeschlafene Triebkraft<BR> + Fristen sollten, indes des Nordpols wütendste Stürme<BR> + Eisig sausten, und Schnee und Regen sich grimmig bekämpften.<BR> + Endlich wird es in Rom so heiß, daß jeder des Landes<BR> + Hinter den Alpen mit Sehnen gedenkt, denn plötzlich erscheint hier<BR> + Immer der Sommer, der wird nicht sanft vom lieblichen Frühling<BR> + Eingeführt, er ist da, und gleich verschrumpfen die Wiesen,<BR> + Deren erquickliches Grün im Norden sich ewig erneuert.<BR> + Aber der Kaufherr spricht: Jetzt hängt man die Pelze in Hamburg<BR> + An den Nagel und sucht in Harvstehude1) sich Primeln,<BR> + Darum mein' ich, wir lassen den Knaben allmählich entwöhnen<BR> + Und begeben uns dann, dem Veilchen folgend, verweilend,<BR> + Wo es eben erblüht, und scheidend, wo es vertrocknet,<BR> + Auf den Weg nach Hause. Und also ward es geordnet.<BR> + Aber das junge Paar im Harz verbrachte den Winter<BR> + Froh, wie keinen vorher. Wer zählt die Freuden der Eltern<BR> + An der Wiege des Kindes, und wer die Wonnen der Mutter,<BR> + Wenn sie noch alles in allem ihm sein darf, während der Vater<BR> + Ihm noch ferne steht, wie Himmel und Erde, und einzig<BR> + Durch die Sorge für sie, die beide vertritt, wie ihn selber,<BR> + Seine Liebe zu ihm betätigt! Wer nennt uns die Sprossen<BR> + Dieser goldenen Leiter der reinsten Gefühle, auf welcher<BR> + Sich der Mensch und der Engel begegnen und tauschen, und welche<BR> + Alle Sphären verbindet und alle Wesen vereinigt!<BR> + Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,<BR> + Das uns über uns selbst erhebt, indem wir's genießen,<BR> + Und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?<BR> + Wie der Kelch der Gemeinde auf gleiche Weise an alle<BR> + Kommt und alle erquickt, so kommt auch dieses an alle:<BR> + Fürsten empfinden's nicht tiefer, und Bettler empfinden's nicht schwächer,<BR> + Weil die einen den Säugling in Purpur wickeln, die andern<BR> + In die Krippe ihn legen, das gibt kein Mehr und kein Minder,<BR> + Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen<BR> + Und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune!--<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Habt ihr euch je ein Nest mit Kinder-Augen betrachtet?<BR> + So vergrößert es euch und setzt zwei glückliche Menschen<BR> + Statt der Vögel hinein und einen lieblichen Knaben<BR> + Statt des piepsenden Jungen, das Atzen und Glustern und Blustern<BR> + Bleibt dasselbe. Wie wird zuerst darüber gestritten,<BR> + Wem er gleicht! Ein jeder entdeckt die Züge des andern,<BR> + Weil er sie lieber sieht, als seine eignen, doch täglich<BR> + Ist das kleine Gesicht verändert und völlig unmöglich<BR> + Scheint es, Frieden zu schließen. Es sind am Ende die Eltern,<BR> + Seine, oder die ihren, die auferstehen im Enkel,<BR> + Weil sie, Christian sagt's, vergaßen, sich malen zu lassen.<BR> + Welch ein Ereignis ist das erste wirkliche Lächeln,<BR> + Das die Mutter auf sich bezieht und jubelnd berichtet,<BR> + Daß er sie nun schon kenne, und, wenn sie gehe, vermisse!<BR> + Dann die zappelnden Arme, die ihren Nacken umklammern,<BR> + Wenn sie sich niederbückt, so wie die beseelteren Blicke<BR> + Und der erwiderte Kuß! Zuletzt die stampfenden Beine,<BR> + Welche die Erde suchen und dennoch scheuen, das Lallen<BR> + Mit gebundener Zunge und ungeduldigen Lippen,<BR> + Und der vernehmliche Laut! Wie oft muß Christian kommen,<BR> + Um ihn schlummern zu sehn! Wie gern verläßt er die Tenne,<BR> + Wo er drischt, und verdoppelt nachher die gewichtigen Schläge<BR> + Des geschwungenen Flegels, um das Versäumte bis Abend<BR> + Wieder einzubringen! Und ist nicht der Knabe in Wahrheit<BR> + Größer und klüger, als andre? Das Tannenbäumchen, zu Weihnacht<BR> + Angezündet, ist zwar noch überflüssig gewesen,<BR> + Aber erfreut er sich nicht des lustigen Hahnes zu Lichtmeß,<BR> + Welcher zuweilen die Stube besucht, des geschüttelten Kammes<BR> + Und des plötzlichen Krähens? Der Hahn macht eben Visite,<BR> + Und das Knäblein kreischt und klatscht vergnügt in die Hände,<BR> + Als der römische Brief, der seine Entwöhnung gebietet,<BR> + Eintrifft. Christian liest und spricht: Jetzt gibt ihm zu trinken,<BR> + Daß er ruhe und schlafe, wir haben zusammen zu sprechen.<BR> + Doch sie erbleicht und ruft: Die Ostern sind vor der Türe,<BR> + Und ich weiß, was es ist! Es fährt mir nur so in die Glieder,<BR> + Daß ich ihm nicht die Brust zu reichen wagte, und wenn er<BR> + Hungriger wäre, wie je. Er muß sich heute behelfen!<BR> + Christian aber versetzt: So seid ihr auf immer geschieden,<BR> + Denn die Stunde ist da. Zu morgen bring' ich dir Wermut,<BR> + Daß er von selbst verzichtet, er geht ja bald auf die Reise,<BR> + Und da muß er die Kuh vorher als Amme gewohnt sein.<BR> + Magdalena schweigt, doch wohl bemerkt es der Gatte,<BR> + Daß sie weint in der Nacht und auf die leiseste Regung<BR> + In der Frühe das Kind noch einmal stillt. Es erbarmt ihn,<BR> + Daß sie es heimlich tut, als wäre es schon ein Verbrechen,<BR> + Und ihn selber mit Angst betrachtet, ob er auch schlafe,<BR> + Und er hütet sich wohl, durch irgend eine Bewegung<BR> + Sie zu stören, er läßt sogar von ihr sich erwecken,<BR> + Um die letzte Besorgnis in ihr zu ersticken, obgleich er<BR> + Zittert, wenn er sich fragt: wie wird's nur weiter ergehen?<BR> + Aber es scheint, als hätte sie ihre Muttergefühle<BR> + Jetzt für immer bezwungen, denn leichter, als er sich's dachte,<BR> + Reicht sie am folgenden Tage dem sträubenden Knaben die fremde<BR> + Nahrung, die er nur selbst beharrlich sich weigert zu nehmen,<BR> + Und ist, wenn auch nicht froh, doch still und in sich beruhigt.<BR> + So verstreicht die Woche, er will sich durchaus nicht gewöhnen,<BR> + Doch er fällt nicht vom Fleisch, zu Christians höchster Verwundrung,<BR> + Der ihn nicht essen sieht und dennoch gedeihen und wachsen,<BR> + Und sie selber enthält sich edel jeglicher Klage.<BR> + Sonntags morgens läßt die Mutter ihn tanzen und springen,<BR> + Während der Vater pfeift, da löst sich zu beider Entzücken<BR> + Hell das erste Mama von seinen stammelnden Lippen.<BR> + Christian will ihn küssen, doch eh' er sich seiner bemächtigt,<BR> + Reißt sie selbst ihn empor und preßt ihn gegen den Busen,<BR> + Daß er erschrickt und weint, und ruft: Ich lasse dich nimmer!<BR> + Weg mit Äckern und Wiesen! Wir haben Arme und Beine,<BR> + Und wir sind dir nicht Güter, wir sind nur Liebe dir schuldig!<BR> + Daß du es weißt, mein Freund! Er hat noch immer getrunken,<BR> + Und es wird ihm kein Tag an seinem Jahre entzogen,<BR> + Hierin bin ich dir fest, in allem andern gefügig!<BR> + Hungern will ich und dursten, wie Vater und Mutter es taten,<BR> + Frieren und nackend gehn und ganze Nächte nicht schlafen,<BR> + Doch ich gebe ihn nicht und müßt' ich mich selber verkaufen!<BR> + Christian aber erwidert: Du weißt doch, daß wir gelobten,<BR> + Weißt doch, daß ich dir nicht geraten, noch dich getrieben,<BR> + Weißt doch, daß ich nur zögernd und nicht im Galopp dir gefolgt bin!<BR> + Nun, so wisse noch eins: ich haben, so lange ich lebe,<BR> + Nie mein Wort noch gebrochen und werde auch dieses nicht brechen,<BR> + Drum entwöhne ihn morgen, ich bring' dir den Wermut noch einmal.<BR> + Sie verstummt, denn sie hat noch nie so ernst ihn gesehen,<BR> + Und er schreitet hinaus, er sagt, die Kräuter zu pflücken,<BR> + Aber er tut es nur, um ihr den Kampf zu verhehlen,<BR> + Welchen er selber kämpft, und welcher die Seele ihm spaltet.<BR> + Sie hingegen umarmt und küßt den Knaben aufs neue,<BR> + Daß sie ihn fast erstickt und ruft, als ob er's verstände:<BR> + Nein, ich lasse dich nicht, es möge kommen, was wolle!<BR> + Und bevor noch der Abend herab auf die Erde sich senkte,<BR> + Ist ihr Entschluß gefaßt: sie will ihn stehlen und fliehen.<BR> + Still bereitet sie nun das kleine bescheidene Bündel,<BR> + Das ihr selber gehört, und wenn ihr die Tränen auch reichlich<BR> + Strömen bei dem Gedanken an die so bittere Trennung<BR> + Von dem Herzlich-Geliebten, so fühlt sie dennoch im Innern<BR> + Durch dies schmerzliche Opfer zugleich sich gestärkt und gehoben,<BR> + Und so wie das Vertrauen auf Gottes Erbarmen und Hilfe<BR> + Wächst durch dieses Gefühl, so steigt auch die lächelnde Hoffnung<BR> + Leise wieder empor vor ihren verdüsterten Blicken,<BR> + Und so sieht sie am Ende der langen Reihe von grauen<BR> + Monden und Jahren ein goldnes und sternengekröntes sich winken.<BR> + Morgen muß es geschehn, denn morgen soll sich die Quelle,<BR> + Welche ihr selber entspringt, verstopfen: wie will sie ihn tränken,<BR> + Wenn sie versiegte? Ein Dach ist leichter zu finden, es wohnen<BR> + Menschen in jeglicher Hütte, und Engel bereiten die Stätte,<BR> + Wenn sich die Unschuld naht, von Reue und Buße geleitet.<BR> + Schüchtern erkundet sie nun die nächsten Wege und Stege,<BR> + Denn, vom Lokomotiv entführt in brausender Eile,<BR> + Kennt sie die Straße nicht, auf der sie gekommen, und die sei<BR> + Jetzt mit Tritten des Huhns zurückzumessen beschlossen,<BR> + Weil ihr Wilhelm und Anna vor Augen stehen, wie Sterne.<BR> + Als der Tag nun erscheint, da kocht sie dem Gatten zum Abschied<BR> + Noch sein liebstes Gericht, doch kann sie selber nicht essen,<BR> + Denn ihr fiebert der Kopf, sie hat die Nacht nicht geschlafen,<BR> + Und ihr hüpfen die Pulse, als wollten die Adern zerspringen.<BR> + Christian merkt es wohl, ihm sind die heimlichen Tränen<BR> + Auch nicht entgangen, doch denkt er: sie will sich endlich bezwingen,<BR> + Und es kostet sie viel! Da klopft er ihr bloß auf die Wange,<BR> + Als er sich wieder erhebt und spricht: wir machen ihn glücklich!<BR> + Um die Dämmerungszeit begibt er sich dann in die Schmiede,<BR> + Wo man die Eisen des Pfluges ihm schärft, nun richtet sie alles<BR> + Für den Abend und schleicht sich fort, in doppelte Tücher<BR> + Ihren Knaben gehüllt und unter dem Arme das Bündel.<BR> + Ängstlich späht sie umher und duckt sich hinter die Büsche,<BR> + Wenn sie Kommende hört, sie stehn war noch nicht im Laube,<BR> + Aber sie decken sie schon, wenn nur der Knabe durch Schreien<BR> + Das Versteck nicht verrät. Doch geht auch mancher vorüber,<BR> + Der mit flüchtigem Auge das Reisig streift und sich wundert:<BR> + Keiner der Wenigen ist darunter, welche sie kennen,<BR> + Still auch verhält sich das Kind, durch leises Schaukeln beschwichtigt,<BR> + Und es senken die Schatten des Abends sich bald so gewaltig,<BR> + Daß sie sich eilen muß, um nur die verlassene Hütte<BR> + Zu erreichen, in der sie die Nacht zu verbringen beschlossen.<BR> + Einem Jäger gehört sie und liegt im Walde. Sie kennt sie,<BR> + Weil sie mit Christian einst, den fernsten Acker besuchend,<BR> + Sich vor Regen und Schlossen in ihr geborgen. Ein Lager,<BR> + Das sie im Innern trifft, aus dürren Blättern bereitet,<BR> + Kommt ihr freilich zustatten, doch möchte sie's lieber entbehren,<BR> + Denn sie fürchtet, es könnten auch andere Gäste erscheinen.<BR> + Doch sie setzt sich und reicht dem Knaben die Brust, die er lange<BR> + Tastend und greifend gefordert, und zieht zur eignen Erquickung<BR> + Einen der Äpfel hervor, womit sie die Tasche gefüllt hat.<BR> + Schmecken will er ihr nicht, sie legt ihn wieder beiseite,<BR> + Als sie eben gekostet, indes der Knabe behaglich<BR> + Trinkt, als wär' er daheim, und in den Pausen des Atmens<BR> + Kichert und endlich versinkt in seinen gewöhnlichen Schlummer.<BR> + Brausend erhebt sich der Wind und wirft die trockenen Zweige<BR> + Auf das bretterne Dach und bläst, als wollt' er's entführen,<BR> + Aber sie heißt ihn willkommen, obgleich sie bei heftigen Stößen<BR> + Immer zusammenfährt, er scheint ihr die Ruhe zu sichern,<BR> + Und mit den Kleidern des Bündels den Knaben noch sorglich bedeckend,<BR> + Wühlt sie sich ein in die Streu und fällt, erschöpft von den Qualen<BR> + Dieser Tage, in Schlaf, wie ein Tier, noch eh' sie gebetet.<BR> + Christian kommt indes mit seinem Eisen zu Hause<BR> + Und verwundert sich sehr, kein Licht zu sehen, er hat sich<BR> + Länger, wie sonst, verweilt, um aus dem Munde des Schmiedes<BR> + Manchen Rat zu vernehmen, denn dieser ist alt und erfahren,<BR> + Aber nicht immer freundlich, und noch viel seltner gesprächig.<BR> + Dennoch verschließt er gelassen den Stall, vergattert den Garten,<BR> + Trägt die Eisen zu Boden, und stellt sie, alles im Finstern,<BR> + Hinter dem Schornstein auf. Dann lauscht er hinein in die Küche,<BR> + Wo, er hört's vor der Tür, die Suppe brodelt, und als er<BR> + Magdalena beim Feuer nicht findet, wie er erwartet,<BR> + Öffnet er leise die Stube und fragt im Scherz, ob sie schlafe.<BR> + Alles stumm! Was ist das? Er tastet sich durch bis zur Wiege.<BR> + Sie ist leer! Er erschrickt und zündet eilig die Kerze.<BR> + Ein Gedeck auf dem Tisch! Die Mutter entfloh mit dem Kinde!<BR> + Doch wohin? Noch nicht weit! Es sind nur wenige Stunden!<BR> + Rasch zum Jäger! Er borgt mir sicher den eifrigsten Spürer,<BR> + Und das freundliche Tier ist willig, zu folgen, es kennt mich.<BR> + Wo ist ein Tuch von ihr? Und wo ein Strumpf von dem Knaben?<BR> + Beides ist schwer zu entdecken, doch endlich ist er so glücklich,<BR> + Und nun klopft er den Alten heraus und stottert zusammen,<BR> + Was er selbst nicht versteht, von nächtlichem Gehn und Verirren.<BR> + Dieser bewilligt den Hund, doch zweifelt er an dem Erfolge,<BR> + Weil es zu mächtig stürmt, als daß er die Spur nicht verlöre,<BR> + Wenn sie ein einziges Mal nur gegen den Wind sich gewendet.<BR> + Wirklich dreht das Tier auch lange vergeblich im Kreise,<BR> + Als es die Stube, wohin es geführt ward, wieder verlassen,<BR> + Ja, es heult vor Verdruß. Doch plötzlich beginnt es, zu schnüffeln,<BR> + Dann zu wedeln und fröhlich zu bellen. Nun schießt es von hinnen,<BR> + Daß ihm Christian kaum mit seiner hörnernen Leuchte<BR> + Nachzukommen vermag. Es geht zuweilen im Zickzack<BR> + Um die Büsche herum, doch nie versagt ihm die Wittrung,<BR> + Bis es die Hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden.<BR> + Welch ein Schreck für die Arme, die drinnen kauert. Was ist das?<BR> + Ist's ein Wolf vom Gebirg'2)? Sie sollen bellen wie Hunde!<BR> + Oder ist es ein Hund? Dann kommt er nicht ohne Begleitung!<BR> + Hilf uns, heiliger Gott! Da wird die gebrechliche Türe<BR> + Aufgestoßen und schnoppernd, doch nicht mit glühenden Augen,<BR> + Fährt's im Sprunge herein. Sie greift voll Angst nach dem Knaben,<BR> + Welcher, geweckt aus dem Schlummer und seiner behaglichen Wärme<BR> + Ohne Schonung entrissen, mit Händen und Füßen zu stampfen<BR> + Und zu murren beginnt. So seid Ihr's gewiß und wahrhaftig?<BR> + Ruft mit keuchender Brust,--der Hund war grimmig gelaufen,<BR> + Als er der Hütte sich nahte, die ihm bekannt und vertraut war,--<BR> + Und die Leuchte erhebend mit ihrem verlöschenden Lichte,<BR> + Aus der Ferne der Gatte, das eifrige Bellen verstehend.<BR> + Rasch nun stürzt er heran und schließt sie fest in die Arme,<BR> + Streichelt das Tier, das leckend und dieses Dankes gewärtig<BR> + Ihn umschmeichelt, und spricht: So kannst du mich wirklich verlassen?<BR> + Ich vermöchte es nimmer und nimmer, von dir mich zu trennen.<BR> + Doch sie erwidert ihm sanft: Ich kann und ich darf ja nicht bleiben,<BR> + Und du darfst mich noch minder begleiten, das fühle ich selber,<BR> + Darum wär's viel besser, du hätt'st uns nicht wieder gefunden!<BR> + Aber, erschüttert, wie nie, versetzt er mit strömenden Tränen:<BR> + Kehre nur heute zurück, so gehen wir morgen zusammen!<BR> + Sieh, es legt sich der Wind, auch blinken schon einige Sterne,<BR> + Und ich trage den Knaben und diene dir selber zur Stütze!<BR> +</P> + +<BR><BR> + +<A NAME="siebenter"></A> +<H3> + Siebenter Gesang.<BR> +</H3> + +<P CLASS="noindent"> + Als sie am folgenden Morgen beisammensitzen--die Sonne<BR> + Steht schon hoch, doch sie würden noch schlafen, hätte der Jäger<BR> + Nicht geklopft und gefragt, wie alles am Abend gegangen--<BR> + Sagt der Gatte mit Ernst: Es werde wie du beschlossen,<BR> + Denn ich darf dich nicht halten und kann noch weniger dulden,<BR> + Daß du bettelst, so lange mir Arme und Beine geblieben,<BR> + Aber wir müssen noch warten, denn als ein getreuer Verwalter<BR> + Will ich zum mindesten gehn, und viel noch gibt es zu pflügen.<BR> + Dann auch mußt du mir folgen, wohin ich dich führe, ich möchte<BR> + Diesem gütigen Herrn nicht wieder begegnen und auch nicht<BR> + Dieser freundlichen Frau, so wie dem redlichen Alten,<BR> + Die uns gewiß nicht gezwungen, und die wir dennoch so täuschen.<BR> + Über den Ozean müssen wir flüchten, der Schmied und der Tischler<BR> + Sind schon lange hinüber, und wenn wir sie finden, so werden<BR> + Sie uns die Wege bezeichnen und vor den Betrügern uns warnen.<BR> + O, ich verblende mich nicht! Du sagst mit Recht, daß das Wetter<BR> + Drüben wechselt, wie hier, und daß noch keiner das Unglück<BR> + Mit dem Staube der Straße sich von den Füßen geschüttelt,<BR> + Wenn er zu Schiffe stieg! Es wimmelt von Schelmen und Dieben,<BR> + Und wo kämen sie her und wagten das Rad und den Galgen,<BR> + Wenn es sich anders verhielte? Doch darf man immer noch hoffen,<BR> + Während der Mensch in Europa für ewige Zeiten verdammt ist,<BR> + Aus der Hand in den Mund zu leben, und endlich zu darben,<BR> + Da die jüngeren Kräfte die stumpfen des Alters verdrängen,<BR> + Ehe die Grube sich öffnet, wo müde Gebeine zerfallen.<BR> + Schweres steht uns bevor, und dieses scheint mir das schlimmste,<BR> + Daß nicht jedem die Luft bekommt, denn wenn wir erkrankten,<BR> + Wären wir auch verloren. Doch alles kann ja gelingen.<BR> + Sieh mich nicht fragend an, ich bin nicht minder entschlossen,<BR> + Weil ich weiß, was es gilt, und weil die traurigen Bilder<BR> + Meiner dürftigen Jugend sich unter die fröhlichen mischen,<BR> + Welche die neue Welt in leichten Gemütern entzündet:<BR> + Meine Träume sogar, du weißt es, sind immer beklommen,<BR> + Doch ich trug sie noch nie ins Leben hinüber und werde,<BR> + Wenn ich auch nicht erwarte, am eigenen Herde, wie heute,<BR> + Wieder zu sitzen und wieder mit eigenen Ochsen zu pflügen,<BR> + Ziehn, als hofft' ich das beste, und nur den Knaben bedauern.<BR> + Ja, du lächelnder Schelm, er faßt den Schläfer ins Auge,<BR> + Der sich gerade reckt, du wirst es teuer bezahlen,<BR> + Daß du die Milch der Mutter noch trinkst. In Samt und in Seide<BR> + Könntest du gehen und früh, die Bücher im zierlichen Ränzel,<BR> + Und das Pennal in der Hand, da Johanneum1) besuchen,<BR> + Um Lateinisch und Griechisch und Spanisch und Englisch zu lernen,<BR> + Während und jetzt vielleicht, in Lumpen gekleidet, die Schweine<BR> + Hüten mußt, wie dein Vater, und höchstens die Stimmen der Vögel<BR> + Nachzuahmen verstehst, wenn du dem Metzger die Herde<BR> + Zutreibst gegen den Winter! Die Handelsschule beziehen<BR> + Und nach einigen Jahren, verbracht auf nützlichen Reisen,<BR> + An der Börse sich zeigen, um endlich den stolzen Gesichtern<BR> + Dich zu gesellen, auf die der Makler schaut, wie der Ackrer<BR> + Auf die Sonne, damit er das Wetter des Tages erforsche!<BR> + Das ist alles dahin!--Doch Magdalena erwidert<BR> + Glühend: Auch die Gefahr, im Pavillon2) an der Alster,<BR> + Von den andern verführt, durch Trinken und Spielen und Fluchen<BR> + Sich hervorzutun, noch ehe der Bart ihm gewachsen,<BR> + Und im zwanzigsten Jahre begraben zu werden, wie mancher,<BR> + Welchem der Rücken schon bricht, bevor er sein Kreuz noch gesehen!<BR> + Denkst du des Sohns nicht mehr, der an der Mutter Geburtstag<BR> + Und, ich schaudre noch heute, vor ihren eigenen Augen<BR> + Sich erschoß, weil ihn nichts auf Erden noch lockte und reizte?<BR> + Laß ihn schwitzen, wie wir, wo wird er gewiß nicht verderben,<BR> + Und was Menschen gebrauchen, das können sie immer verdienen,<BR> + Wenn sie die Mühe nicht scheun. Du weißt, ich bin nicht so ängstlich,<BR> + Wie du selber, obgleich ich zweifle, ob es den Meinen<BR> + Besser erging, wie den Deinen, was du ja beständig behauptest,<BR> + Um dir den fröhlichen Mut, der mich beseelt, zu erklären.<BR> + Nein, wir haben wohl auch, das glaube, gehörig gehungert,<BR> + Und im Sommer sogar, und ganze Tage die Hoffnung<BR> + Bloß auf den Wind gesetzt, ob dieser die Bäume des Nachbars,<BR> + Welche die Zweige zu uns herüberstreckten, nicht schütteln<BR> + Und uns einiges Obst bescheren werde. Wir lagen,<BR> + Ich und die Schwester, die lange dahin ist, unter dem Zaune,<BR> + Hielten Gras in die Höhe, die Luft zu prüfen, und wagten,<BR> + Wenn kein Halm sich bewegte und immer stärker der Magen<BR> + Knurrte, auch wohl den Wurf. Es mangelt mir nicht an Erfahrung,<BR> + Aber ich fürchte mich nicht, ich will dich mit Freuden begleiten<BR> + Und ertragen, was kommt, es wird mich trösten und stärken,<BR> + Daß ich mein Kind nicht verkaufte. Ich hätt's ja auch nimmer versprochen<BR> + Für die Äcker und Wiesen, ich tat's, um dich zu behalten,<BR> + Und ich dacht' es mir nicht so schwer. Doch seit ich es sehe,<BR> + Ach, was sage ich da, schon seit ich es fühle und spüre,<BR> + Ist mir zumute, als sollt' ich mich selber zerreißen und teilen<BR> + Und die Hälfte begraben! Ich habe gesündigt und will es<BR> + Büßen, wie du's verhängst, nur eines mußt du gewähren,<BR> + Ehe wir ziehen, es liegt mir schon längst auf dem Herzen, die Taufe,<BR> + Dann hinüber mit Gott, und lieber heute als morgen!<BR> + Christian lächelt und spricht: Die Taufe entscheidet auch alles,<BR> + Doch es möge geschehn, so wie die Felder bestellt sind,<BR> + Und du selber dein Haus so blank geputzt wie ein Kästchen!<BR> + Denn wir dürfen uns nicht den Wellen und Winden vertrauen,<BR> + Eh' wir die heiligste Pflicht erfüllten gegen den Knaben,<BR> + Und ich wag' es nicht früher, als bis wir, zur Reise gerüstet,<BR> + Aus der Kirche sogleich fortschleichen können zum Schiffe.<BR> + Beide rühren sich nun, wie nie, und schaffen in Tagen,<BR> + Was die andern in Wochen, doch ist die Eile auch nötig,<BR> + Denn es nahen die Pfingsten und mit den Pfingsten der Kaufherr,<BR> + Wenn er nicht früher kommt, gelockt von dem seltenen Wetter.<BR> + Endlich ist es getan, und mit den schwieligen Händen<BR> + Setzt sich Christian hin und stellt die Rechnung zusammen,<BR> + Zählt den baren Erlös von Obst und Korn bis zum Heller<BR> + Auf und nimmt für sich selbst den schmalsten Lohn, der dem letzten<BR> + Aller Knechte gebührt, für Magdalena desgleichen,<BR> + Was die niedrigste Magd im schlechtesten Dienste bekäme:<BR> + Gern erließen sie's ganz, allein sie müssen ja leben!<BR> + Nun bestellt er die Taufe, er bittet den Jäger zum Paten,<BR> + Sagt: wir müssen verreisen, ein frommes Werk zu verrichten,<BR> + Und ersucht ihn zugleich, anstatt den gehenkelten Taler<BR> + In die Wiege zu legen, indes sein Vieh zu besorgen<BR> + Und aufs Häuschen zu sehn. Mit Schmunzeln erwidert der Alte:<BR> + Darum also so eifrig und nicht aus Geiz, wie die Knechte<BR> + Murrten welche sich schämten, den Acker vor dir zu verlassen,<BR> + Und doch fluchten und wünschten, du möchtest die Beine dir brechen?<BR> + Dazu helf' ich mit Freuden! Denn pfleg' ich auch selber der Andacht<BR> + Leider nur selten, nur dann, wenn mich bei Streifen im Walde<BR> + Irgend ein Kreuz erinnert, für einen meiner Genossen,<BR> + Welchen der Wildschütz traf, mein Vaterunser zu beten:<BR> + Gern doch hab' ich's an andern, und geh' ich auch kaum noch zu Ostern<BR> + Selbst in die Kirche, so jag' ich doch immer die Knaben von dannen,<BR> + Wenn ich vorüberkomme, die während der Predigt sich balgen!<BR> + Noch viel williger ist der Pfarrer, die heilige Handlung<BR> + Vorzunehmen, er hat im Scherz schon lange getrieben<BR> + Und im Ernst sich verwundert, daß sie nicht von selber sich melden.<BR> + Nun ist alles vollbracht, und gleich der folgende Morgen<BR> + Wird bestimmt für die Flucht. Doch Magdalena, die abends<BR> + Spät noch zum Krämer will, erblickt zu ihrem Entsetzen<BR> + Einen Wagen im Tor des Gasthofs, welchem die Herrschaft<BR> + Eben entsteigt, und ruft, zu Hause fliegend, mit Beben:<BR> + Auf! Sie sind da! Nur hinaus, so wie wir gehen und stehen!<BR> + Christian sieht auf die Uhr und spricht: Sie werden nicht kommen,<BR> + Ehe der Morgen tagt, doch freilich müssen wir eilen,<BR> + Denn mir mangelt der Mut, den beiden ins Auge zu schauen,<BR> + Und das Kind ist getauft, denn wäre das nicht geschehen,<BR> + Weiß ich nicht, was ich noch täte, doch jetzt ist alles vorüber,<BR> + Darum fort auf der Stelle, der Jäger muß uns verstecken!<BR> + Früh erhebt sich am Morgen der Kaufherr samt der Gemahlin,<BR> + Und, am würzigen Hauch der Lüfte sich innig erquickend,<BR> + Lassen sie rasch sich vom Diener des Wirts zum Häuschen geleiten.<BR> + Bald auch stehn sie davor. Wie blank sind Fenster und Läden,<BR> + Und wie sauber und rein die Beete des Gartens gehalten,<BR> + Welcher es zierlich umgibt! Die Gattin bückt sich im Gehen<BR> + Über den niedrigen Zaun und pflückt sich eine Aurikel,<BR> + Um sie als erste Gabe dem Kinde zu reichen, indessen<BR> + Er mit eiliger Hand die Pforte öffnet und lächelnd<BR> + Winkt, ihm leise zu folgen, denn durch die hintere Türe<BR> + Denkt er das Paar zu beschleichen. Sie kommen auch leicht in die Küche,<BR> + Und, ein wenig verwundert, das Feuer nicht brennen zu sehen,<BR> + Auf den Zehen ins Zimmer. Doch alles ist leer und verlassen,<BR> + Und man sieht nicht die Spur des häuslichen Waltens. Der Nachbar,<BR> + Von dem Brunnen, an dem er sich wäscht, herübergerufen,<BR> + Ist erstaunt, wie sie selbst, doch löst er ihnen das Rätsel<BR> + Durch ein einziges Wort: er spricht von der gestrigen Taufe,<BR> + Und ein Brief auf dem Tisch, die wohlgeordnete Rechnung<BR> + Und die Lade mit Geld daneben bestätigen alles,<BR> + Was sie ahnen und fürchten, sowie sie's hören. Die Gattin<BR> + Ruft, im Tiefsten bewegt: So ist es also gekommen,<BR> + Wie ich's immer besorgt, sie können's und wollen's nicht geben!<BR> + Aber ich muß sie darum nur höher achten und lieben,<BR> + Wenn ich auch jetzt erröte, indem ich der Fragen gedenke,<BR> + Die mich in Hamburg erwarten, des Zischelns und Tuschelns und Lächelns,<BR> + Und ich werde nicht ruhig, bevor wir sie wieder gefunden,<BR> + Denn sie dürfen sich nicht in Not und Kummer verzehren,<BR> + Und sie zittern vor uns und denken, wir könnte es rauben!<BR> + Beide eilen zum Pfarrer, doch dieser weist sie zum Jäger,<BR> + Und das geflüchtete Paar, versteckt auf dem Boden und spähend,<BR> + Sieht sie kommen und glaubt sich verraten. Doch leugnet der Alte<BR> + Jegliche Kunde von ihnen, und ihre klopfenden Herzen<BR> + Schlagen schon weniger rasch, da schreit, vom Dunkel geängstigt<BR> + Und vom Rauche gequält, der Knabe. Man fragt nach dem Kinde<BR> + Und man wünscht es zu sehn. Der Alte holt es herunter,<BR> + Aber er sagt dabei, es sei sein Enkel, die Mutter<BR> + Liege im Bette krank. Sie herzen und küssen den Knaben,<BR> + Loben sein lockiges Haar und seine blitzenden Augen,<BR> + Geben ihm die Aurikel, beschenken den Alten und gehen.<BR> + Aber, freundliche Muse, die uns so treulich geleitet,<BR> + Knüpfe die Menschen doch gleich in Liebe wieder zusammen,<BR> + Welche so ängstlich sie suchen und wieder so töricht sie fliehen:<BR> + Hat sie das Kind, das sie trennt und eint, doch schon flüchtig verbunden!<BR> + Deutest du weiter? Es sei! Du führst auf längerem Wege<BR> + Sicher zum schöneren Ziel, und willig wollen wir folgen,<BR> + Denn du lächelst und nickst und legst die Hand auf den Busen!<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Christian atmet wieder, und Magdalena erhebt sich,<BR> + Denn sie hatte gekniet, so wie sich die beiden entfernen,<BR> + Aber der Alte spricht: Ich folge ihnen ins Städtchen,<BR> + Um zu erfahren, was ferner geschieht, und werd' es euch melden.<BR> + Als er zurückkehrt, sagt er: Sie sind beim Richter gewesen,<BR> + Und, ich merkte es wohl, was dieser nur irgend an Spähern<BR> + Aufzubieten vermag, das ist auch heimlich zu Gange,<BR> + Doch ich lache darüber, es ward noch keiner ergriffen,<BR> + Welchen der Jäger beschützt, und scheint dies alles auch seltsam,<BR> + Eure Gesichter sind gut, und also helf' ich euch weiter!<BR> + Redlich hält er auch Wort und schafft sie über die Grenze,<BR> + Wo er, ohne zu fragen und ohne auch nur zu gestatten,<BR> + Daß sich Christian ihm vertraute, wie es ihn drängte,<BR> + Sie dem Himmel empfahl und mit dem Dukaten beschenkte,<BR> + Welchen der Kaufherr ihm gegeben hatte. So sind sie<BR> + Mit sich selber allein. Die Berge treten allmählich<BR> + Mit den Wäldern zurück, und offen breitet die Straße<BR> + Durch die Ebne sich aus, doch Christian meidet sie ängstlich,<BR> + Weil ihn neben den Spürern und Streifern zu Fuß und zu Pferde,<BR> + Die im Dienst des Gesetzes den Frevel belauern und packen,<BR> + Auch die Zungen der Erde, die Telegraphen, erschrecken,<BR> + Welche Städte mit Städten und Länder mit Ländern verbinden<BR> + Und den Tod, wie das Leben, von einem zum andern befördern.<BR> + Selten erscheint ihm ein Weg so abgelegen und düster,<BR> + Daß er ihn nicht betritt, um diesem in Eisen gegossnen<BR> + Spinnennetz zu entschlüpfen, an dem die Könige weben,<BR> + Und so ziehn sie einher, als wären sie Schelme und Diebe,<BR> + Tragen unendliche Last und Mühe bei Tage und müssen<BR> + In den ödesten Schenken die traurigsten Nächte verbringen.<BR> + Welch ein verändertes Los für beide! Wie hart und wie bitter!<BR> + Doch je härter der Druck, je bittrer so manche Entbehrung,<BR> + Um so ruhiger wird's der flüchtigen Mutter im Busen,<BR> + Christian aber fühlt sich getröstet durch den Gedanken,<BR> + Daß er doch alles teilt, und daß sie nicht ohne ihn irren.<BR> + Sie ist noch immer so reich, ihr hungriges Kind zu erquicken,<BR> + Er noch immer so stark, sein zitterndes Weib zu beschirmen,<BR> + Und so oft es auch scheint, als wäre man ihnen im Nacken:<BR> + Immer sind sie so glücklich bei Nebel und Nacht zu entkommen.<BR> + Eins nur peinigt sie noch: Die Summe verringert sich täglich,<BR> + Die sie brauchen in Bremen, um überfahren zu können,<BR> + Und sie prüfen schon oft die überflüssigen Kleider,<BR> + Die sich verkaufen lassen, um dieses Lücke zu decken.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Eines Abends geschieht es wieder, da flucht's vor der Türe,<BR> + Und mit vielem Gelärm, er konnte die Klinke nicht finden,<BR> + Tritt ein Gesell herein, in dem sie, den Augen nicht trauend,<BR> + Endlich den Tischler erkennen. So bist du im Lande geblieben?<BR> + Ruft ihm Christian zu. Zurückgekehrt aus der Traufe<BR> + In den Regen--versetzt er--und habe das Leben gerettet,<BR> + Welches der Schmied verlor. Es ist noch ärger da drüben,<BR> + Und wir Deutsche besonders, wir müssen uns ducken und drücken,<BR> + Wie die Hunde bei uns! Denn wäre der Schmied nur ein Franzmann,<BR> + Oder ein Beefsteak-Fresser, so würden schon ganze Armeen<BR> + Über die See geschickt, doch auf der Leiche des Deutschen<BR> + Legt der Mörder sich schlafen, und keiner stört ihm die Ruhe,<BR> + Wenn er nicht selber niest und sich weckt. Wir wollten hinüber!<BR> + Wirft ihm Christian ein. So laß dich warnen! erwidert<BR> + Lachend der andre und schleudert den Ranzen hinter den Ofen,<BR> + Fordert sich Wein und rückt heran. Wir haben uns drüben,<BR> + Wie in Ägypten die Juden, vermehrt und werden, wie diese,<BR> + Weil sie uns fürchten und hassen, gehetzt und vertilgt. In Europa<BR> + Mußt du stehlen, bevor man dich hängt. Dort wirst du gehangen,<BR> + Eh' du gestohlen hast! Und was dich immer auch jage:<BR> + Bleibe daheim. Es wird bei uns auch, ehe wir's denken,<BR> + Anders werden und besser. Du blickst erstaunt und verwundert?<BR> + Bruder, das ist nicht geprahlt, ich kehre zwar nackter und ärmer,<BR> + Aber auch klüger zurück. Man hat mir vernünft'ger gepredigt,<BR> + Als in der Jugend geschah. Du weißt doch, daß man dich einmal<BR> + Schändlich bestahl? Wo hast du Güter? Wo stehen die Häuser,<BR> + Die du vermietest? Wo wiehert dein Gaul? Wo melkst du die Kühe?<BR> + Schurken haben dir alles entrissen, noch eh' du geboren<BR> + Wurdest, und halten es fest. Das hat der klügste Franzose<BR> + Ausgespürt: wer besitzt, ist ein Dieb, und so viele Dukaten,<BR> + Ebensoviele Verbrechen! Doch wird's nicht lange mehr dauern,<BR> + Denn das jüngste Gericht ist nah. Du mußt nicht erwarten,<BR> + Daß in den Wolken die Engel mit ihren Posaunen erscheinen,<BR> + Diesen hat man die Flügel gestutzt, wir blasen uns selber,<BR> + Statt des Zeichens zu harren, und schleifen inzwischen die Äxte!<BR> + Deinen Jungen beneid' ich! Er wächst ins goldene Alter,<BR> + Wie in den Frühling hinein, und wird nur im Tanze noch schwitzen.<BR> + Aber, wie kommst du mir vor? Du machst ein Gesicht, wie ein Reicher!<BR> + Bist du's etwa geworden? Ich hörte so manches in Hamburg.<BR> + Hast du im Trüben gefischt, und eilst, dich sicher zu stellen?<BR> + Freund, entdecke dich mir! Vor einem Jahre noch hätt' ich<BR> + Dich beim Kragen gepackt und laut nach dem Büttel geschrien,<BR> + Heute sage ich dir: noch ehe die dummen Gesetze<BR> + Dich erreichen, wonach der Dieb den wahren Besitzer<BR> + Straft, sind alle getilgt. Das habe ich selber von Weitling3),<BR> + Dem es Christus vertraute, denn der ist lange schon unten,<BR> + Und sie sehen sich oft und sind die besten Bekannten.<BR> + Christian schlägt mit der Faust auf den Tisch, er kann sich nicht halten,<BR> + Aber der andre trinkt und spricht: Ich sollte doch meinen,<BR> + Daß ich dir Gutes verkünde, du selbst gehörtest ja früher<BR> + Zu den Schluckern, für welchen die weißen Haare des Scheitels<BR> + Hunger und Kummer bedeuten, und dich am wenigsten hätt' ich<BR> + Auf der Seite der Schwelger vermutet, doch ganz nach Gefallen!<BR> + Daß sie Soldaten haben, das wissen wir alle und machen<BR> + Auf den Kampf uns gefaßt, doch daß sich ihren Soldaten<BR> + Toren mit knurrenden Magen gesellen, um die zu bestreiten,<BR> + Welche das Essen bringen, das hat wohl keiner erwartet.<BR> + Aber, du tust auch nur so, ich weiß ja von Wilhelm und Anna,<BR> + Daß man dich sucht, und man trifft die Leute mit sauberm Gewissen<BR> + Nicht auf heimlichen Straßen, wie arme Teufel vom Handwerk,<BR> + Welche fechten und schnurren, und nicht in Schenken, wie diese.<BR> + Deine besten Bekannten in Hamburg schütteln die Köpfe,<BR> + Und die Feinde und Neider erzählen sich schlechte Geschichten:<BR> + Sag' doch nur, was es ist, man denkt sich schon lange das Ärgste!<BR> + Denn ein Millionär verschmerzt die geringen Verlüste<BR> + Bis zu Hundert mit Lachen und bis zu Tausend mit Flüchen,<BR> + Doch sie haben sich so, besonders die Frau, wie ich höre,<BR> + Euch zu erwischen, als gälte es Diamanten und Perlen!<BR> + Christian aber erhebt sich und spricht die gelassenen Worte:<BR> + Wenn es ist, wie du sagst, und wenn sie so wenig uns schonten,<BR> + Daß uns die geifernden Zungen den ehrlichen Namen belecken,<BR> + Nun, so geh' ich hinüber, und das noch morgen! Denn nimmer<BR> + Soll man die redlichsten Eltern in ihrem Sohne beschimpfen,<BR> + Oder dem ärmsten der Kinder sein einziges Erbe verkürzen,<BR> + Und es komme, wie's will, die Ehre werd' ich mir wahren!<BR> + Was dich selber betrifft und deine verworfenen Lehren,<BR> + So verlaß dich darauf, ich würde, wenn Ihr Euch regtet,<BR> + Selbst den Wuchrer beschützen, und wären wenige Stunden<BR> + Früher mein Weib und mein Kind vor seiner Tür verhungert,<BR> + Und ich hätt' nur noch Kraft zu einem einzigen Schlage.<BR> + Denn ihr seid ja ärger, als Feuer und Wasser und alles,<BR> + Und wer fragt, wenn es brennt, nach Freunden und Feinden beim Löschen?<BR> + Dieses wäre gesagt--und nun für immer geschieden!<BR> + Aber der Tischler versetzt: Das nenn' ich von oben gesprochen,<BR> + Doch ich glaube dir nicht, und wär' ich, wie du mich schilderst,<BR> + Würd' ich erwidern: mein Held, ich will dich nach Hamburg begleiten,<BR> + Daß du dein Ziel nicht verfehlst, ich habe die Zeit, und ich werde,<BR> + Wenn ich dich bringe, vielleicht noch eine Belohnung erhalten.<BR> + Aber, ich wünsche dir Glück auf allen Wegen und Stegen,<BR> + Die du auch wandeln magst, und werde dir sicher nicht nachsehn,<BR> + Wenn du dich morgen entfernst, wir haben zusammen getrunken.<BR> + Christian schweigt, er fühlt sich von diesen Worten getroffen,<BR> + Doch Magdalena erglüht und ruft: Ich will es dir sagen,<BR> + Was uns treibt, daß du's weißt! Wir haben für Mittel zur Heirat<BR> + Ihnen den Knaben versprochen, und fliehen nur darum so ängstlich,<BR> + Um ihn nicht geben zu müssen, denn dieses würde mich töten.<BR> + Aber der Tischler lacht und spricht: Da sieht man aufs neue,<BR> + Daß ihr die Welt nicht kennt! Wie könnt ihr Toren nur glauben,<BR> + Daß man euch zwingen kann? Doch nun begreife ich alles!<BR> + Hieß es ja doch, sie hätten den sehnlichst erwarteten Erben<BR> + Endlich in fremden Landen bekommen und wieder verloren<BR> + Und sie gingen in Trauer! Mich dünkt, ich sehe den Toten!--<BR> + Rasch nun geht es nach Hamburg, und schon in wenigen Tagen<BR> + Sehn sie die Türme der Stadt. Als Magdalena erzittert<BR> + Und ihn bittet, sie selbst mit ihrem Knaben im Dorfe<BR> + Über der Grenze zu lassen, erwidert Christian ruhig:<BR> + Nein, der Tischler hat recht, uns zwingt kein Gesetz, ihn zu geben,<BR> + Wie ein verhökertes Kalb. Auch habe ich minder den Richter,<BR> + Als sie selber gefürchtet, sie schienen mir beide so edel,<BR> + Daß ich mich meiner schämte, so wie ich ihrer nur dachte:<BR> + Aber, da sie uns wirklich, wie grobe Verbrecher, behandeln,<BR> + Hat das alles ein Ende, und ruhig werde ich fragen,<BR> + Wenn ich sie sehe, und kühn dabei die Augen erheben:<BR> + War die Rechnung nicht richtig? Sie fühlt sich selber ermutigt<BR> + Durch das entschlossene Wesen des Gatten und, ohne zu zaudern<BR> + Oder ängstlich zu tun und hin und wieder zu blicken,<BR> + Folgt sie ihm in das Tor. Wie jubeln Wilhelm und Anna,<BR> + Als die beiden auf einmal die reinliche Stube betreten,<BR> + Welche sie jetzt bewohnen. Sie rufen: Nun haben wir hundert<BR> + Taler mehr im Vermögen, denn diese sind uns versprochen,<BR> + Wenn wir verkündigen können, wo ihr euch befindet! Da seid ihr,<BR> + Und nun brauchen wir bloß die Türe zu schließen, so haben<BR> + Wir euch selber gefangen! Doch seht, noch brodelt der Kessel,<BR> + Und wir wollen uns erst durch einen tüchtigen Kaffee<BR> + Für die Hochzeit bedanken, denn sicher seid ihr doch durstig.<BR> + Christian grollt und spricht: So wurden auf unsere Köpfe<BR> + Auch schon Preise gesetzt? Das tut man bei Räubern und Mördern!<BR> + Wenn es euch aber gelüstet, das Geld zu verdienen, so haltet<BR> + Nicht beim Feuer euch auf und tändelt mir nicht mit dem Knaben,<BR> + Eilt, so sehr ihr nur könnt, ich kam, mich selber zu melden,<BR> + Und ich hoffe sogar, am Galgen vorüber zu kommen.<BR> + Manchen Späher bemerkt' ich und manche verdächtige Schenke<BR> + Hab' ich betreten, und doch entging ich den Fallen und Netzen;<BR> + Wenn ihr mich heute erblickt, so kam ich aus eigner Bewegung,<BR> + Statt mich nach Bremen zu wenden, denn nichts verschloß mir die Straße.<BR> + Wohl dir, daß du es nicht getan, entgegnet ihm Wilhelm,<BR> + Nur mit Mühe zum Ernst sich zwingend und feierlich blickend,<BR> + Denn man hätt' dich in Bremen nicht fortgelassen, die Häfen<BR> + Waren alle besetzt, und jeglicher wurde gemustert!<BR> + Christian ballt die Faust, doch Anna verschließt ihm die Lippen<BR> + Mit den Fingern und spricht: Es wäre doch besser gewesen,<BR> + Wenn du in irgend ein Netz gegangen wärest, du hättest<BR> + Weniger Sorgen gehabt, auch würde der Knabe nicht husten,<BR> + Denn du flohst vor dem Glück, und haben sie Späher gesendet<BR> + Oder Preise gesetzt, so ist das alles geschehen,<BR> + Um dir Kunde zu geben, das haben sie selbst mir beteuert,<BR> + Daß sie die Schuld dir erlassen, ich weiß nicht, welche sie meinen,<BR> + Aber das Gut dir schenken! Nun brauch' nach Belieben die Zunge.<BR> + Christian deckt sein Gesicht mit beiden Händen, ein Zittern<BR> + Überkommt ihn, er ist nicht eines Wortes noch mächtig,<BR> + Und ein jegliches Glied will reden; endlich beginnt er:<BR> + Nun, so bin ich nicht wert, daß Sonne und Mond mich bescheinen,<BR> + Und ich rufe die Flüche, die eben, was sollt' ich's verhehlen,<BR> + In die Kehle mir stiegen, als du den Mund mir verschlossest,<BR> + Auf mein eigenes Haupt herab und vollziehe sie selber!<BR> + Magdalena jedoch, der längst die Tränen entströmten,<BR> + Schließt ihn rasch in die Arme und küßt ihn und zeigt ihm den Knaben,<BR> + Dem sie die Händchen gefaltet und dessen verwundertes Lächeln<BR> + Über sich selbst und die Mutter sein Rasen bändigt, so daß er<BR> + Sich nicht schlägt und zerrauft, wie er wollte, im Wüten der Reue;<BR> + Wilhelm ergriff indes den Hut und eilte von dannen.<BR> +</P> + +<P CLASS="noindent"> + Aber der Kaufherr sitzt mit seiner Gattin beim Frühstück,<BR> + Und sie fragt mit den Augen, doch nicht mit den Lippen, ob wieder<BR> + Keine Kunde gekommen. Er spricht: Es kann ja nicht fehlen,<BR> + Daß wir's endlich erfahren, wie sehr sie sich immer verkriechen!<BR> + Wär's für den Reichen schon schwer, sich ganz und gar zu verbergen,<BR> + Wenn die Grille ihm käme, so kann es dem Armen noch minder<BR> + Glücken: er muß sich ernähren und also heraus um die Arbeit,<BR> + Und wir wissen's am besten, wie wenig der dürftige Pfenning,<BR> + Den sie nahmen für sich, genügt, sie Monde und Jahre<BR> + Zu erhalten, so tröste dich jetzt, was du früher beklagtest!<BR> + Sie erwidert darauf: Und kann der Knabe nicht sterben?<BR> + Oder können sie nicht in fremde Länder entkommen?<BR> + Nein, ich ängstige mich zu Tode! Je länger es dauert,<BR> + Um so weniger dürfen wir hoffen, sie wieder zu finden!<BR> + Ich vernehme vielleicht, damit mich das Bitterste treffe,<BR> + Wo sie erlagen, und kann die Gräber mit Blumen verzieren,<BR> + Aber ich werde sie nicht für ihre erduldeten Leiden,<BR> + Wie ich hoffte, belohnen, mich wird ein Engel verdrängen.<BR> + O, wie werd' ich gestraft! Ich wußte mein Glück nicht zu schätzen!<BR> + Wie, wer nie noch die Luft auf Augenblicke entbehrte,<BR> + Garnicht weiß, was sie ist, und aus dem eitelsten Grunde<BR> + Hab' ich mit drückende Schuld mir die Seele belastet! Denn nimmer<BR> + Wär' ich dem Doktor gefolgt, auch hätt' er's gewiß nicht geraten,<BR> + Wenn nicht die törichte Scham vor anderen Müttern, verbunden<BR> + Mit dem sündlichen Neid auf ihre blühenden Kinder,<BR> + Mich seit Jahren besessen und in der versuchenden Stunde<BR> + Mir das Herz in der Brust verhärtet hätte! Mich quälen<BR> + Jetzt die schrecklichsten Bilder, ich sehe die blassen Gesichter<BR> + Ausgewanderter Mädchen und Knaben, wie sie mich früher<BR> + Oft am Hafen entsetzten, und all die vermessenen Wünsche,<BR> + Die ich so lange gehegt im ungeduldigen Busen,<BR> + Lösen sich auf in dem einen: das Kind gerettet zu wissen,<BR> + Das ich frevelnd ins Leben gerufen, doch wird's nicht geschehen!<BR> + Da erschallt vor der Tür die laute Stimme des Doktors,<BR> + Jubelnd tritt er herein und ruft: Gefunden! Gefunden!<BR> + Und, er hat sie sogleich durch Wilhelm, der's ihm gemeldet,<BR> + Holen lassen, verwirrt und blöde folgen die andern:<BR> + Magdalena voran, im Arm den lieblichen Knaben,<BR> + Christian hinterher, die Augen zu Boden geschlagen,<BR> + Wilhelm und Anne zuletzt, und nur bis zur Schwelle sich trauend,<BR> + Jene dem heiligen Paar vergleichbar, diese den Hirten.<BR> + Aber die Gattin faltet die Hände und hebt sie zum Himmel,<BR> + Preßt dann Mutter und Kind ans Herz und schluchzt: Ich genieße<BR> + Jetzt die seligste Stunde des Lebens durch reichste Erfüllung<BR> + Meines heiligsten Wunsches und opfre mit Freuden die andern.<BR> + Ja, nun sag' ich mit dir, sie wendet sich innig zum Gatten,<BR> + Unsere Kinder sind die Armen, doch bleibt mir von allen<BR> + Dieser Knabe der nächste, denn ihm verdank' ich den Frieden,<BR> + Den ich nie noch gekannt, und den die Erde nicht mindert,<BR> + Wenn man ihn einmal errang, und selbst der Himmel nicht steigert.<BR> + Doch, was ist das? Ich konnte bisher vor Tränen nicht sehen!<BR> + Diese lockigen Haare und diese blitzenden Augen<BR> + Soll ich kennen! Ja! ja! Das ist der Enkel des Jägers!<BR> + Herr, ich kann dich verstehn! Du wolltest im Feuer mich läutern,<BR> + Darum durft' ich nicht gleich ihn finden! Doch schütztest du selbst ihn<BR> + Mit allmächtiger Hand! Für alles sei mir gepriesen!<BR> +</P> + +<BR><BR><BR><BR> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Mutter und Kind, by Friedrich Hebbel + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MUTTER UND KIND *** + +***** This file should be named 4083-h.htm or 4083-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/4/0/8/4083/ + +Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines. + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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