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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-03-08 22:06:41 -0800
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--- /dev/null
+++ b/40523-0.txt
@@ -0,0 +1,3272 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 ***
+
+Leopold Schefer
+
+
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+Die Osternacht
+
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+Die Osternacht.
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+Erste Abtheilung.
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+Sinnwort:
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+ Erdennoth
+ Keine Noth!
+ Nur vom Herzen
+ Kommen Leiden,
+ Leben, Freuden,
+ Tod und Schmerzen.
+
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+
+
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+1.
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+Wer machte denn die Thür auf, Johannes? -- Johannes, hörst Du! schlafe nur
+nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache
+sie zu! ich fürchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen
+herein? hat es nicht Hörner? --
+
+Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach
+Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem
+vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im
+Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in
+ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch
+der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem
+Hasenfuß anrührt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und
+sperre die Ziege ein.
+
+Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen.
+
+Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die
+Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.
+
+Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.
+
+Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? -- Und nun rauschte er mit den
+Füßen darin.
+
+Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum
+Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus.
+
+Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das
+Wasser! --
+
+Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein
+dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der
+Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und
+Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in
+Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann
+führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster
+hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem
+Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er
+diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. --
+
+_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend;
+macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! --
+
+Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter
+Mann erzählt? fragte Christel.
+
+_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte
+Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich!
+Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort!
+
+Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick
+überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt
+nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe
+fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist
+die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die
+Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas?
+
+Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus
+war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So
+bleiben wir Fischer! --
+
+Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel.
+
+So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine
+Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den
+Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein
+Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel
+stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger
+Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch
+das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich
+nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den
+Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel;
+und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon
+überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe
+hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit
+langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes
+Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig
+und freundlich den Menschen leuchtete.
+
+Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an
+Allem schuld!
+
+Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem
+Stabe.
+
+Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche
+war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still,
+auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur
+manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen
+anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse
+Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden
+Stößen vom Himmel.
+
+So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen,
+die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen:
+»Johannes!« und dann wieder schwächer: »Johannes!« aber es fiel ihnen nicht
+ein, daß sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie
+waren froh, daß ein Kahn sie einholte. »Guten Morgen!« grüßte es beklommen
+herüber. »Guten Morgen!« dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend
+gelangten sie ans Ufer.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem
+Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer
+gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich
+um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken
+hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen
+lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. --
+
+Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas
+vergessen.
+
+Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.
+
+Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. --
+
+Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den
+Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das
+Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als
+Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr'
+um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt.
+Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer
+rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! --
+
+Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus
+und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz
+zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten
+Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der
+Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch
+die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im
+Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der
+herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die
+Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten
+verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im
+geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und
+keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
+hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten,
+horch!
+
+Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause
+fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.
+
+Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er
+schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang
+selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im
+Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
+
+Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle
+dort tief.
+
+Das war wohl ein Schreckliches!
+
+Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und
+die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße
+Gestalt saß neben der Leiter.
+
+Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
+
+Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte
+Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt,
+denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht
+gethan! --
+
+Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm?
+Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe
+es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr
+ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
+
+Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein
+zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt
+stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte
+müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und
+nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
+Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine
+Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke!
+erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut
+zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es
+erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine
+Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
+und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und
+mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes
+_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So
+blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen
+und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die
+Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
+Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun
+schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
+
+Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg
+während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des
+Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner
+Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und
+warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
+
+Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun
+seid Ihr so arm als ich!
+
+Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel.
+
+_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir
+diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei
+ihm, wie oft hab' ich geweint!
+
+Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch
+das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten
+Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.
+
+Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
+
+Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung
+betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen
+nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger.
+Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem
+freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er
+lächelte.
+
+_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht
+einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!
+
+Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie
+er spricht. Oder nicht?
+
+Freilich! sagte Johannes.
+
+So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb
+sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand,
+versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock
+aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und
+wanderte in die Berge.
+
+Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen
+Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf
+den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine
+Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
+dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! --
+Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich
+auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel,
+die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer?
+oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?
+
+Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine
+Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte
+sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so
+kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und
+Vertrauen!
+
+Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den
+Kindern geben als Brot?
+
+Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das
+anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir
+einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem
+Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in
+guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein
+schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr
+von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach
+Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf
+nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser
+Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal
+abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor
+Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und
+war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben,
+verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr
+sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden
+gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf;
+denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir
+es neu auf.
+
+Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und
+behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes.
+
+Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas
+hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen,
+nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind.
+
+Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.
+
+Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die
+Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden
+wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden
+wir das Geld bekommen?
+
+Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! --
+
+Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt.
+
+Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn
+das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon
+abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel.
+
+Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr.
+
+Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe
+kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit
+hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt
+gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein
+Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von
+Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die
+nehmen die Kinder mit, und wir gehen.
+
+Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den
+Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die
+Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß
+er das Ende der Zügel halten durfte.
+
+An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück
+geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für
+die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg.
+
+Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend.
+
+-- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des
+Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine
+_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz
+zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater,
+das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das
+kannst Du mir glauben.
+
+Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und
+nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem
+Wagen nachsah.
+
+Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen.
+
+Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.
+
+Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit
+stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den
+rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte
+er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? --
+
+Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten
+hätten.
+
+Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in
+Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts;
+aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an
+ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das
+eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage
+auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
+einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er
+zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb -- denn so heißt er -- und das
+ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das
+chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im
+Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die
+Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken:
+bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der
+ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben
+Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu
+werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen
+Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest,
+wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet.
+-- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert
+nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber laßt das nur gut
+sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da
+das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich
+nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel
+schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heißt -- und eine
+rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage
+braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der
+selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine
+Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht
+gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. --
+
+Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes --
+
+-- so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind
+zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller
+Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und daß er eine Frau hat, das
+schadet nichts.
+
+Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.
+
+Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schön und brav, daß
+sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke,
+daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. --
+
+_Diese_ Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal
+freundlich anzusehen. --
+
+Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im
+Dorfe wüßt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen
+Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise.
+Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen
+Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an
+kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den
+Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber
+in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen
+andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der
+gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben
+stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der
+Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein
+hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr
+ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen.
+
+Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin!
+
+Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom
+Wege ab.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen
+auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles
+eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug
+hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand
+mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel
+küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee,
+was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder
+schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß
+Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das
+halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein.
+
+Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf
+dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen.
+Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf
+dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor
+Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist
+Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand
+auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast
+weichmüthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du
+gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still
+und kehrte sich von mir, als er betete: »unser täglich Brot gieb uns
+heut'.« _Der_ fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist!
+Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind,
+was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall;
+in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will
+auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf,
+das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine
+Mühle. Und muß denn die Mühle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehört sie
+ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben
+bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
+_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot.
+Nicht wahr, mein Johannes?
+
+Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so
+ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und -- fuhr sie
+dann lächelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und
+sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen
+hängen!
+
+Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist
+Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten.
+Das hast Du nicht gewußt. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat
+sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst
+recht lang werden.
+
+Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! --
+
+Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du
+mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth!
+meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an,
+Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes
+Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich
+Dich lieb habe von Herzen.
+
+Wie ich Dich! sagte Christel.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee
+blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr
+eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen,
+vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und
+Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß
+ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt
+waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr
+Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und
+ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach
+dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die
+Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still
+durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die
+Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein
+Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im
+Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die
+ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte
+ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,
+wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so
+bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich
+und beglückt.
+
+Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf
+der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand
+Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich
+ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges
+Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei
+in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr
+Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt
+durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß
+sie nicht _das Beste_ verloren hätten.
+
+Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare
+geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das
+Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu
+haben.
+
+Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten.
+
+Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch
+erleichtern.
+
+Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was
+Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es
+zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich
+mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja!
+sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie
+werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden
+Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du
+meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee!
+sagte sie halb bittend.
+
+Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie
+küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.
+
+Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn
+sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!
+
+Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas
+hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle
+sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.
+
+Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und
+meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und
+kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so
+dumm aus, als ich bin!
+
+Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen
+und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg,
+kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die
+stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie
+hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf
+kenn' ich sie.
+
+Wird ihr das helfen? fragte Johannes.
+
+Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.
+
+-- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das
+Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat
+sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen,
+als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug
+gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater,
+der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich
+in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr
+eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer
+zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück
+als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen
+werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles
+braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.
+
+Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause
+die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das
+ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee
+und sahe Johannes dabei an.
+
+Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand
+dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein
+Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und
+anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und
+kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug
+einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder
+Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und
+denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen
+folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_
+zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh
+aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird,
+und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es
+entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt
+_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz
+sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden.
+
+_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei
+diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von
+fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen,
+geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber
+soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine
+Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin
+ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
+
+Christel wendete sich ab und weinte!
+
+Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie
+lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um
+seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der
+Vater weinte.
+
+Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke
+Euch für Alles, auch für das!
+
+Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier
+schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben
+mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn
+Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch
+leben?
+
+Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den
+Vers:
+
+ »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!«
+
+Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und
+ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn
+das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen
+und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so,
+weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete
+Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld
+zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen
+Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene
+schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das
+Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent
+sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein
+Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da
+sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel,
+kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist.
+Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts
+Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie
+nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der
+hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin
+und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht,
+die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren
+soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen
+niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht
+neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft
+wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm
+geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen
+Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden
+umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und
+losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber
+wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und
+exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der
+Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein
+separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die
+rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand,
+Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern
+Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen
+Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir
+einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der
+die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die
+Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von
+sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt,
+und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer
+bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er
+Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und
+Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von
+Sagan, den Ehrenvers:
+
+ Unserm Hans von Sagan zu Ehren
+ Laßt die klingende Musicam hören!
+
+Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger
+erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan,
+ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten
+Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm
+das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter
+klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die
+Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch
+eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf
+jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg
+geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der
+Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker
+die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus
+Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen
+will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da
+draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und
+trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und
+tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus.
+
+Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine
+hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit
+dazu -- Gott sei Dank!
+
+So ging er. --
+
+Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich,
+als Niklas fort war.
+
+Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das
+Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und
+_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln
+dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die
+Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als
+retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe,
+der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
+lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und
+immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon
+gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke
+aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G.
+D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er
+aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,
+daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine
+Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die
+hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den
+Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn
+trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt
+ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur
+sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist
+und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so
+kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am
+liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben
+nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du
+willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten
+zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang --
+ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! --
+
+Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die
+Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben?
+Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen,
+mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast
+Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege
+schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von
+Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie
+wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet,
+sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und
+wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit
+der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat.
+Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und
+ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.
+
+
+
+
+7.
+
+
+Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben
+häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn
+zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit
+helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die
+bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem
+grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht.
+Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein
+junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will
+berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er
+auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr
+und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
+Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur
+wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die
+Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz
+schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus
+Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert --
+der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die
+bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei
+erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an
+den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die
+Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im
+Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und
+von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus
+Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei
+Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.
+
+Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.
+
+Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen
+und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden
+Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein
+Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R,
+und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,
+ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher.
+Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich
+verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten!
+-- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben
+mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken,
+wie es eben kam, und schlichen sich fort.
+
+Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten,
+und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten
+Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor
+Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie
+erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und
+sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in
+ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und
+andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau,
+kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit
+gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es
+schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie
+es gehe?
+
+Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht
+mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
+
+Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen
+dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.
+
+Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt
+auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem
+Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht,
+war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem
+Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
+Pyramide.
+
+Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler
+bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie
+er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der
+Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender
+hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte
+hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück
+dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen
+»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes
+»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert
+war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX
+VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das
+zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun
+rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun
+abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das
+verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und
+so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit
+römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit
+Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die
+_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an.
+--
+
+Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am
+andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen
+in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:
+
+Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales
+Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.«
+
+Gründe:
+
+Tausend, außer diesem!
+
+Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein
+ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie
+machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl
+eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den
+wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott,
+wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem,
+alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der
+Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen
+vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble
+Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen
+erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den
+verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_
+gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_
+wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf --
+sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht
+sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es
+sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen
+-- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude.
+»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten?
+-- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut
+Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen
+Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst
+doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den
+_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch
+ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung
+verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz
+_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu
+wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und
+die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und
+flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So
+hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem
+frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen
+Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_
+Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer,
+die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die
+Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller,
+Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch
+die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen,
+_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_
+nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib
+ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das
+Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die
+Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe,
+kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur
+nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk
+anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird
+er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute
+Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu
+Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von
+dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die
+schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich,
+und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt.
+
+P. S.
+
+Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine
+Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese
+Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht
+_ansäen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und
+verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann
+fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die
+_Meinung_ für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will:
+so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute
+lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie
+selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben
+meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt,
+ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister,
+Westen, Mäntel -- die Knöpfe nicht zu vergessen!
+
+An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen
+gern
+
+Ihr
+
+in Affect gerathener Hannes Manu propria.
+
+Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem
+Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis
+führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der
+außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie
+er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und
+Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war
+hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man
+jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation
+ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«;
+wie statt Obsicht im Urtheil stand.
+
+Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für
+alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und
+die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er,
+Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich
+geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst,
+Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke,
+die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche
+über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben
+schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es
+daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! --
+
+Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen
+Augen an, die sich regten und feucht glänzten.
+
+Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er.
+
+Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir
+leid, daß Du mich geheirathet hast.
+
+Sie weinte nun wirklich sanft.
+
+Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.
+
+Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.
+
+Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte
+Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich
+schäme mich sonst so im Staate.
+
+Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der
+kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir
+könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel
+noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!
+
+So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an
+die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und
+kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.
+
+Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor
+ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er
+sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden
+Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und
+ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das
+Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und
+ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im
+saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie
+sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt
+seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die
+Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte
+in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal
+den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im
+Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen
+feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die
+Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb
+ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum
+unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder
+ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf
+sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand
+fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der
+alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner
+Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen:
+Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert!
+Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen
+im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren
+schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er
+sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur
+angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er
+an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber
+sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur
+ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie
+werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er.
+Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich
+nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du
+einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel,
+fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die
+Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und
+glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und
+bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe,
+wie er gesagt hat. --
+
+Oder:
+
+War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur
+an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach
+-- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit
+ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die
+Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten,
+aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe
+hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze
+nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch
+eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben
+Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.
+
+Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe,
+fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig
+darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.
+
+So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib --
+Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein
+blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem
+Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief
+ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat
+er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das
+Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen
+mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels
+und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar
+fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen
+Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus
+der Kammer herein, die Gelte in der Hand.
+
+Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann
+Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das
+Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und
+reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei
+uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.
+
+Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und
+so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in
+seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne
+haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. --
+Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
+und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor,
+mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und
+zuletzt auf das Brot legte.
+
+Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im
+Gehen mit Drohen und Lächeln.
+
+Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und
+küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein
+Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn
+mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben!
+Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden
+solle.
+
+Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er
+ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus
+stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von
+Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn
+es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein
+Wort, und der Hund boll um ihn her.
+
+Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn
+wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit
+aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote,
+glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der
+gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde,
+verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst
+Du anders? --
+
+Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein
+Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil
+verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder
+nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die
+Seligkeit.
+
+Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich
+hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß
+Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge
+dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu
+ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist
+nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.
+
+Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht,
+und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die
+Erde mehr unter meinen Füßen.
+
+Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist
+das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf!
+Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er
+mich fragt, sonst auch nicht.
+
+Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie
+ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge
+beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen
+darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht,
+und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der
+paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer,
+weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut,
+der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und
+wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der
+verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo
+die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.
+
+Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen
+armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines
+Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von
+Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.
+
+Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang
+nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn
+die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und
+begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die
+Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn
+suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich
+gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So
+gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur
+drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den
+Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte,
+und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus
+der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
+
+So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu
+ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten
+bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las:
+daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da
+ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so
+heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib
+vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der
+Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo
+verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. --
+
+Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,
+_dem_ ihre Noth zu klagen.
+
+Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte
+Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie
+keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange
+Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in
+Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
+wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter!
+mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld
+war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr.
+Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten,
+und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte
+Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis
+zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war
+_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam
+ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und
+stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,
+die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den
+Mangel.
+
+Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes
+hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein
+einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in
+Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe,
+und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der
+Namen bezahlte.
+
+Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen
+Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch
+ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war,
+und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
+
+ Halt fest an Gottes Wort,
+ Es ist dein Glück auf Erden
+ Und wird, so wahr Gott lebt,
+ Dein Glück im Himmel werden.
+
+Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.
+
+Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen,
+und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
+
+Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte:
+Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor
+der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.
+
+Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd
+noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der
+Waldkapelle!
+
+Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.
+
+Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie
+ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den
+Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts
+leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen
+verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
+
+So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes
+besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn
+Gevatter-Pathen »_Krieg_.« --
+
+Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang
+zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der
+Frankfurter?
+
+Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt,
+daß sie nicht verloren gingen.
+
+Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der
+Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu
+gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum
+denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.
+
+Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die
+96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier
+hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt,
+und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann
+setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. --
+
+Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie
+jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie
+bete und danke. --
+
+Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im
+Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe.
+Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand
+eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag
+oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
+Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals.
+Mein Brot ist verdient! --
+
+Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand,
+aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und
+dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld
+hinunter fiel.
+
+Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun
+leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich
+meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem
+Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen
+-- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?
+
+Christel war böse.
+
+Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da
+nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr
+fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch
+und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte,
+die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen
+war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
+
+
+
+
+10.
+
+
+So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie
+dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach
+Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich
+an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder
+an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so
+viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür --
+sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren
+noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz
+hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon
+voll ward.
+
+Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst
+den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt,
+damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten
+Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort.
+
+Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.
+
+Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.
+
+Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht,
+mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
+
+Mutter! bat Daniel.
+
+Daniel! drohte ihm die Mutter!
+
+Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.
+
+Wovon denn? fragte sie.
+
+Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er.
+
+Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir
+gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den
+Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf
+jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem
+Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?
+
+Mutter! sagte Daniel.
+
+Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.
+
+Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!
+
+Christel sprang hinaus an den Wagen.
+
+Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig.
+-- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie
+blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt
+und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
+das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann
+er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --
+
+Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das
+blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel
+gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen
+Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.
+
+Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um
+nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden
+und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der
+zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
+
+Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand
+und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie
+auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh'
+doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --
+
+-- Er schlief. --
+
+
+
+
+11.
+
+
+Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen
+und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch
+Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste
+Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben,
+da er den Denkstein sah.
+
+Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.
+
+Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja
+ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen,
+und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
+
+Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich
+nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?
+
+Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich
+und besorgt.
+
+Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an
+Gottes Wort! --
+
+Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.
+
+Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend:
+Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
+
+Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich
+Dich pflegen! --
+
+Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich
+denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen?
+
+Je nun, die 96! lächelte Christel.
+
+Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem
+schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh
+doch einmal hin!
+
+Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter:
+ist No. 15,000.
+
+Nun das ist unser! sagte Johannes.
+
+Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So
+sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth
+unterstrichen.
+
+Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
+
+Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte
+Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.
+
+Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96
+ist unser.
+
+Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.
+
+Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.
+
+Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! --
+
+_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und
+keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.
+
+Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und
+gespannt. --
+
+Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee
+genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen
+und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse
+gemacht.
+
+Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das
+schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!
+
+Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel,
+meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und
+Gedanken?
+
+Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.
+
+Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!«
+sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das
+Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und
+haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke
+die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom
+Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang
+eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.
+
+Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um
+uns, Du guter Junge!
+
+Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh.
+
+Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.
+
+Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser
+und wollte nicht reden.
+
+Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6
+Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand
+nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet.
+Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben!
+und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen
+ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun
+das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die
+sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als
+hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die
+andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich
+vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche
+Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten,
+verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach,
+daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht
+gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr
+wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so
+geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem
+neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_
+Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so
+zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes
+aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den
+mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt,
+als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß
+seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld
+besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich
+so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!
+
+Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das
+Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie
+fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter
+seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.
+
+Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. --
+
+Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das
+kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du
+mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich!
+Nur um die Kinder!
+
+So mein ich's auch; seufzte Johannes.
+
+Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid!
+und Du _mich_ nicht! --
+
+Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du
+stirbst dann auch -- ich und Du.
+
+Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das
+viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er
+die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben!
+Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann
+nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
+denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle
+wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und
+wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen,
+so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? --
+Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten
+und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und
+Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist!
+Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt,
+und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.
+
+Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
+
+Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst,
+-- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du
+hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und
+Vorwurf.
+
+Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf
+Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.
+
+Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth
+und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm
+sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so
+viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die
+Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem
+Herrgott für die empfangene Wohlthat? --
+
+Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht
+an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder
+so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine
+Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich
+auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was
+wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann
+strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben
+kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und
+wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus,
+worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die
+Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der
+Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
+Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht
+_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer
+_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen,
+daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine
+Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem
+Gesichte an die Wand.
+
+Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge
+gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und
+doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und
+geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat
+er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat
+es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_
+helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen
+empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein
+Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in
+die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an,
+zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu
+weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
+sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte
+die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die
+stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden!
+Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches,
+wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater
+erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war
+auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur
+seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick
+zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein
+stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh'
+nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für
+den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir
+es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir
+sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem
+Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein
+nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt
+die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife
+Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns,
+müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das
+Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.
+
+Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte
+Johannes.
+
+Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir
+_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit
+reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder
+von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen
+wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn
+nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch
+nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb?
+Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage?
+Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden,
+besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du
+bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge!
+
+Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam
+verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn
+vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so
+blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.
+
+
+
+
+12.
+
+
+Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab
+Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie.
+Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr
+bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein
+besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann
+es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte --
+
+Christel lächelte und hob das Papier auf.
+
+Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
+
+Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
+
+Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
+
+Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich
+das etwa beklemmt.
+
+Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers.
+Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine
+Ursachen dazu.
+
+Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah
+lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die
+Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich,
+dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
+
+Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
+
+Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es,
+wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du
+solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm
+es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
+
+_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu
+sehen, ob und was sie meine.
+
+Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
+
+Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
+
+Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! --
+Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
+
+_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
+
+Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um
+Deinetwillen muß ich besser werden!
+
+
+
+
+13.
+
+
+Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein
+trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat
+verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon
+trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine
+Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte
+Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich
+seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des
+Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen«
+bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht
+ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen
+Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig
+vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die
+Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt
+worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal
+gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in
+seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als
+abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich,
+nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die
+allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel
+eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das
+Butterfaß auf dem Kopfe? --
+
+Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem
+Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --
+
+Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. --
+
+Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem
+Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --
+
+Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um
+zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein
+Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern
+nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die
+Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich
+habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es
+kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann!
+Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige
+Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem
+alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat,
+und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
+im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das
+Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die
+sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!
+
+Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen
+auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den
+Vers:
+
+ Erhalt' uns in der Wahrheit!
+ Gieb ewigliche Freiheit,
+ Zu preisen deinen Namen
+ Durch Jesum Christum. Amen!
+
+Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte
+sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die
+Ruthe neben sich hin.
+
+Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen
+that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre
+Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche
+behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
+Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
+Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er
+nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers
+zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das
+reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo
+es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt
+war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer
+Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der
+alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so
+hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo
+er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin
+Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne
+Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen
+Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf
+einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
+Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie
+-- Petrus.
+
+Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er
+glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der
+neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er
+sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast
+eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen
+lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die
+Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe
+Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft
+hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so
+legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es
+standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede
+nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
+und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ
+sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder
+überhörte ihn.
+
+Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes
+Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu
+beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu
+seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte.
+Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben,
+_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon
+die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau
+Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn
+heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.
+
+Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.
+
+Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an
+Gelde!
+
+Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
+
+Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
+
+Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen
+Miene.
+
+Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder!
+
+Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
+
+Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze
+hervor.
+
+So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen!
+sagte die Frau Lizentiatin.
+
+So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in
+Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich
+nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was
+Ihr habt! Es thut mir recht leid.
+
+Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja
+wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne
+Wurst.
+
+Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift --
+das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend,
+und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es
+schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine
+Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und
+festgebunden auf den Bedientensitz!
+
+Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es
+wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
+
+Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen
+und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen,
+daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen --
+die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg
+mit dem kleinen guten Dinge.
+
+Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und
+ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie
+fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen
+und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
+
+Christel und Wecker sahen nach.
+
+Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.
+
+Das Schweinchen? sprach Christel.
+
+Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
+
+Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
+
+Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.
+
+Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. --
+
+Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt
+den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes
+Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett.
+
+Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.
+
+Recht schlecht! sagt' er.
+
+Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
+
+Nein! sagt' er; aber erbittert!
+
+Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So
+drang sie nicht weiter in ihn.
+
+Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten
+entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang
+auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau,
+seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den
+Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu
+frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er
+sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich
+ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem
+unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein
+ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu
+schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld.
+Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte
+wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
+
+In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden
+und Niklas begleitet.
+
+So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner
+und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer,
+und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!
+
+Johannes erzählte den Fall.
+
+Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt
+ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
+
+Johannes mochte nicht bitten.
+
+Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal
+ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die
+Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie
+_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist
+Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und
+Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur
+dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will
+ich Euch sparen aus Gnaden.
+
+So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.
+
+Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo
+anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf
+dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das
+ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche,
+weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er
+hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu
+sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter.
+Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er
+wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch
+das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen
+über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
+
+Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum
+gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich
+immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige
+Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene
+zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau
+auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament
+klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser!
+_Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie
+die Schule mit ihr anfangen!
+
+Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich
+habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
+
+Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der
+Justini--anus.
+
+Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten
+Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum
+Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn
+ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht
+durch Zwei, wie Gott nun segnete.
+
+
+
+
+15.
+
+
+So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in
+trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei
+sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die
+Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden
+oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung
+auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei,
+die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der
+Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen
+Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest
+steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker
+Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe
+hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt.
+Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie
+unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren
+Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter
+ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die
+ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja,
+dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein
+wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die
+Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel
+einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer
+Johannes ganz Anderes litt!
+
+Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für
+rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth
+kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich
+ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
+
+Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch,
+seufzte Johannes.
+
+Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du
+noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden,
+wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein
+großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da
+hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder
+_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind,
+und doch nicht sind! --
+
+Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die
+Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. --
+
+Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast
+Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser
+haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts
+Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn
+Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! --
+
+Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der
+Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie
+er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich
+stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden
+Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten
+sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
+verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder
+barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf
+einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee
+bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen
+und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie
+dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur
+Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige
+Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den
+dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand
+dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im
+Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum
+hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er
+noch nicht mitspielen konnte.
+
+Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie
+nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und
+Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß
+ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen
+könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
+
+Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und
+es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte
+Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.
+
+Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker,
+ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich
+noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände
+reibend.
+
+Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
+
+Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte.
+
+Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten
+Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert --
+er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und
+freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum
+Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen
+früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert
+-- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder
+baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem
+kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie
+darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang.
+Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und
+er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze
+-- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören,
+wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns!
+-- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen!
+
+
+
+
+16.
+
+
+Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der
+finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße,
+weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht
+kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl
+herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr
+selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
+
+Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging
+sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem
+Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war
+ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt
+angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß
+Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte
+Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer
+sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude
+gemacht!
+
+Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch,
+das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine
+Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch,
+und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten
+hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf
+Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.
+
+Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder
+aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes
+darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander
+friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.
+
+»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!
+
+Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die
+Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur
+geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
+
+Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die
+Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein
+Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den
+kleinen Finger an den Mund.
+
+Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen,
+das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht
+kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin!
+
+Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe!
+und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau
+Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird
+Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben?
+--
+
+-- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige
+Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für
+das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker.
+
+Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
+
+Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht
+getauft! das macht wieder Kosten!
+
+Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die
+Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die
+Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! --
+
+Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine
+herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den
+Kindern geben zu können.
+
+Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter.
+
+Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein
+Annaröschen?
+
+Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung
+indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte
+Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder
+kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und
+mehrere Silbergulden.
+
+Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder
+kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte,
+lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum
+Morgen.
+
+Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_,
+wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll!
+Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen
+backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu
+gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein
+ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze
+Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose
+_Anonyma_. Der Mann bin ich. --
+
+Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten
+großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen
+Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für
+das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was
+es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der
+großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam
+nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier?
+und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand
+mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in
+der Bibel verborgen gewesen.
+
+Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was
+hätte! Der ist nicht der Mann!
+
+Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich
+mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
+
+Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh'
+mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum
+seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so
+närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder!
+
+Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth
+vergelten.
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum
+ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel
+gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild
+und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes
+Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
+
+Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert.
+Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine
+Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers
+Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und
+dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen
+Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über
+das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil
+ihm der Vater gut gewesen war.
+
+Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren
+Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie
+las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da
+Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die
+Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun
+er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es
+die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das
+Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den
+Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus
+Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
+Ihrem Hause aufgehalten.
+
+Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt,
+der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht
+aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch
+der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so
+beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich
+jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch
+lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich
+_Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes
+Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte.
+
+
+
+
+17.
+
+
+Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und
+herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem
+heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf
+und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne
+entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die
+arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen.
+Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat
+sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee
+folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah
+sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange
+ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen
+halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der
+Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch!
+
+Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich
+lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche
+wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein
+Kind!
+
+Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte
+Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich
+lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.
+
+Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.
+
+Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen.
+Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja
+deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes
+seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren
+Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht,
+waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem
+sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
+lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum
+sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.
+
+Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen
+vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an
+ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
+
+Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder
+Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre
+Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche
+nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.
+
+Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im
+Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte
+der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.
+
+Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich
+Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen
+und ging erbittert hinaus.
+
+Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin
+ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß
+es ja.
+
+Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden.
+Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit
+Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß.
+
+Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich
+im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom
+alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.
+
+Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr
+eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines
+Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es
+hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte
+es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann
+unaufhörlich, aber still.
+
+Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie.
+Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner
+Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen
+wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! --
+
+Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind
+aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und
+behielt seine Mütze auf.
+
+Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb
+hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den
+die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich
+Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie
+heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche,
+unglücksel'ge Frau! --
+
+Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der
+Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
+
+Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird
+der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es
+zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. --
+
+Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts.
+
+Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.
+
+Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der
+gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte
+Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen,
+wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem
+Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu
+sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze
+_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor
+ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
+
+
+
+
+18.
+
+
+Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die
+Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte,
+da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben
+übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
+getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee
+ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann
+schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß
+es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem
+Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer.
+An sich selber dachte sie kaum.
+
+Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von
+ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie
+getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre
+Augen.
+
+Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann
+ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den
+Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald
+drüber hinweg. Seid nur ruhig.
+
+So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie
+ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun
+verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie
+ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
+
+Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den
+Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand.
+Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich
+nicht mehr entfernen.
+
+Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn
+zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld
+übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle
+»exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen;
+die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu
+einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den
+Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein
+Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die
+Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? --
+Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so
+verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine
+Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er
+umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der
+arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und
+Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am
+süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die
+anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich
+verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein
+tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit
+Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.
+
+Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem
+Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt
+winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine
+mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich
+brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den
+Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume
+im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den
+Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und
+recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt
+daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei.
+Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
+waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das
+große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur
+_eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit
+seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.
+
+Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die
+alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern
+_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen
+lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen.
+Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein
+Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren
+schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und
+das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur
+Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der
+geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf
+das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür
+_gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn
+auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege
+stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau
+nach, die ihrer kaum Herr ward.
+
+Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der
+jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der
+That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den
+»alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht,
+sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden
+da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem
+Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den
+_Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn
+Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut
+schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu
+wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
+sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als
+sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,«
+konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat
+einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch
+Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne
+Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem
+unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie
+das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das
+will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß
+sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!
+
+Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er
+statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise,
+das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter,
+der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre
+Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und
+_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der
+Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der
+Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte:
+»Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die
+Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« --
+-- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir
+das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier,
+den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg!
+-- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!
+
+Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich
+und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der
+Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes,
+der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie
+rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! --
+Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es
+nicht! --
+
+
+
+
+19.
+
+
+Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe,
+schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und
+sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war
+lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und
+verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war
+Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor
+der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die
+Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die
+Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der
+Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder
+weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen
+Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit
+auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und
+es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug,
+hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt'
+Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor
+Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! --
+
+So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür;
+aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der
+ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr
+nicht Daniel beigestanden.
+
+Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.
+
+Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über
+sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und
+wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern
+wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine
+Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.
+
+Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich
+helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat
+es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem
+letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging
+sie, Wecker und Daniel.
+
+Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen.
+Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur
+etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu
+seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem
+Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
+Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht.
+
+So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das
+Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger
+ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den
+Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste
+bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah,
+wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du
+hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that
+sie nun von Herzen.
+
+In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum
+Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre
+Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor
+eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode.
+Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
+Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam
+schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und
+doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein:
+
+ O große Noth:
+ Gott selbst ist todt! --
+
+Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr;
+so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so
+traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen
+schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare
+Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber
+es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte
+eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:
+
+ O große Noth:
+ Gott selbst ist todt! --
+
+Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt
+selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee,
+der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege,
+und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor
+Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie
+vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz;
+und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen
+Geiste: Gott selbst ist todt.
+
+Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den
+Letzten aus dem Gotteshause.
+
+Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne
+noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein
+Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem
+Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt,
+sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten
+wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause
+sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr
+dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem
+Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als
+er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es
+reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie
+lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen
+und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft!
+-- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den
+Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht,
+sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die
+helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort:
+Gott selbst ist todt. --
+
+Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit
+mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen
+verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche
+gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon
+wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie
+sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging
+dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr
+Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben
+war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu
+ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie
+die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den
+Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
+
+In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben.
+Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor
+Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel,
+und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in
+ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich
+lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie
+von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle
+sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten
+scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der
+Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die
+Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne
+krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr
+Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die
+verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die
+Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und
+die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in
+der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der
+äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes
+Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher,
+hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde
+schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins
+Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt
+ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in
+den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem
+Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll
+ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen,
+Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen
+darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten
+Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie.
+Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
+Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben
+darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie
+schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. --
+Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie
+Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit,
+wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und
+das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete
+lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den
+Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus
+tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten
+athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem
+Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu
+Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.
+
+Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las
+mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er
+wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu
+schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk,
+über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das
+einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot
+an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem
+Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder
+zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie
+Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und
+Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend
+Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot:
+liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er
+gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein
+kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der
+Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr
+Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt,
+auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. --
+
+Und eine Geisterstimme rief:
+
+ Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft!
+ Komme hinaus, mein König![A]
+
+[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel
+verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um
+in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.]
+
+Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur
+Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute
+sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das
+offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die
+Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn
+umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte
+und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß
+ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse
+versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte
+selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft,
+zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns
+lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes
+von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den
+Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen
+geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von
+seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie
+eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen
+und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe
+zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine
+Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie
+beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber
+sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen
+Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares
+Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm
+fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten
+leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und
+auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über
+die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein
+warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging.
+-- -- --
+
+Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war
+wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht.
+Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das
+schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder
+eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem
+Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm
+leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt.
+
+Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum
+zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens
+nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch
+uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute
+Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll
+Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja
+die Sonne!
+
+
+
+
+20.
+
+
+Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater
+nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein
+anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel
+hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie
+nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
+verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der
+Kälte ein kleiner Mantel war.
+
+Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu
+Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen
+rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler
+angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der
+Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an
+solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon
+geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein
+Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
+
+Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder.
+Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was
+sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur
+Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich
+nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es
+heißt, und den Storch zu holen.
+
+Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster,
+nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der
+reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine
+Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und
+geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer
+dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand
+auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen
+Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen
+Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war,
+eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit
+Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein
+gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war
+sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße,
+einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an,
+er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht
+zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth
+hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche
+grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch
+geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der
+Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem
+letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte
+Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die
+Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier,
+mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden,
+daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse?
+-- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen,
+und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch
+bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind!
+--
+
+So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen,
+ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer
+eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts
+überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern
+hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das
+dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod
+nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin
+ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das
+Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie
+glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's
+gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch
+weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei
+doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. --
+Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere
+Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist
+vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker
+sitzt! --
+
+Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren
+eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau
+nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit
+Gott und Gottes Hülfe.
+
+Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle
+geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn
+in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht
+halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er
+könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.
+
+Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath
+in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als
+Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen
+lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den
+bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. --
+
+Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl
+verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt,
+während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während
+er vorn leuchtete.
+
+Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die
+andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen
+Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim
+gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist!
+Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das
+Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der
+Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer
+oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes!
+Merkt Euch das.
+
+Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich
+die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. --
+
+Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im
+Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer
+Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden.
+Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen
+der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht
+ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die
+Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust
+der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_
+es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.
+
+Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker.
+Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So
+Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch
+lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal
+so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur
+angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes
+Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch
+merken! --
+
+Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um
+auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel
+unterdessen nicht in den Schnee.
+
+Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
+
+ Der Tod ist todt,
+ Das Leben lebet,
+ Das Grab ist selbst begraben! --
+
+Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist
+jetzt steinhart!
+
+Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die
+Melodie, ja selbst die Worte:
+
+ Auf, auf, mein Herz mit Freuden,
+ Nimm wahr, was heut geschieht!
+ Wie kommt nach großen Leiden
+ Doch ein so großes Licht!
+
+Johannes stand gerührt.
+
+Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem
+Hause in den Schnee.
+
+Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen
+eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine
+Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug.
+So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht
+sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief
+hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm
+schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er;
+nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den
+alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster
+war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen.
+Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und
+er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind!
+Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest
+an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme
+fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_
+soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch
+brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. --
+
+Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die
+Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei
+daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging
+er und setzte sich zu Christel auf's Bett.
+
+Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl!
+mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch,
+was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe!
+die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer
+Hinterhäuser.
+
+Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel?
+sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan.
+Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem
+guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch
+her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm
+immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes
+Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte
+heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen
+Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken.
+
+
+
+
+21.
+
+
+Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und
+verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe
+Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer
+erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.
+
+Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht
+im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.
+
+Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man
+kommt; sagte Johannes.
+
+An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte
+der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich
+noch!
+
+Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.
+
+Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von
+Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen
+Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt
+für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der
+Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer.
+Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
+
+Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir
+ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte
+Johannes.
+
+Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich
+recht, auch Euch.
+
+Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr.
+
+Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.
+
+Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht
+nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir
+ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie
+hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige
+Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb,
+und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie
+verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der
+Schnee und das Eis vergangen.
+
+Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.
+
+Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man
+sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick
+eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und
+wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.
+
+Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte
+Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha«
+schimmerte still ihn an.
+
+Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder,
+fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?
+
+Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der
+Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.
+
+Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer
+Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus
+Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu
+schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben
+Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein
+Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser
+war -- da war sie todt. Arme Martha!
+
+Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann
+ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen!
+Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes,
+und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und
+auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr
+armer Mann!
+
+Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von
+Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
+
+Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht
+und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß.
+Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. --
+
+_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz
+wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.
+
+-- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach
+Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das
+ich bei Euch gesehen. --
+
+War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.
+
+Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.
+
+Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen
+verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann
+gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
+
+Dorothee trat ein.
+
+Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.
+
+Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.
+
+Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der
+Hand.
+
+Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.
+
+Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von
+ihr.
+
+Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er
+gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von
+Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß --
+ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im
+Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.
+
+Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?
+
+Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen
+wäre! --
+
+Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis.
+Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie
+anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will
+morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der
+Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute,
+daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu
+retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch
+Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog
+sie nicht auf das Schloß!
+
+Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der
+gnädige Gottlieb _auch_ heirathen.
+
+Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt
+Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
+
+Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.
+
+Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb!
+noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg!
+rieth ihm Paschalis.
+
+Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch
+werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie
+nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig
+genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth,
+daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom
+Sarge der Tochter entfloh! --
+
+Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen.
+Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.
+
+Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein
+einziges Kind! --
+
+Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das
+Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die
+Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre
+tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder
+erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und
+daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so
+schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und
+Johannes befährt den alten Rhein.
+
+Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal!
+Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein
+Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte
+Paschalis erregt zu Johannes.
+
+Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm
+Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein
+gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur
+halb!
+
+Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das
+Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das
+segnet Dir Gott und mir!
+
+Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte
+Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. --
+Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr
+sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein
+Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag'
+ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
+
+Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.
+
+Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.
+
+Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um
+sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm.
+Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der
+wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der
+Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist
+eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit
+Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine
+Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth
+wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen
+Frauen.
+
+Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun,
+was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des
+Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch
+in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte
+dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da
+hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein!
+
+Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne
+Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im
+Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.
+
+Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.
+
+Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig
+stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes
+Worten und Wesen sie anschauerte.
+
+Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser
+fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
+
+Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach
+ihm.
+
+Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.
+
+Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an
+Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen
+zu.
+
+Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch
+einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! --
+Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein
+Mädchen?
+
+Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und
+sangen:
+
+ Es gingen drei heilige Frauen
+ Alle-alleluja!
+ Des Morgens früh im Thauen,
+ Alle-alleluja!
+
+Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen.
+Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei
+Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in
+weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem
+Wechselgesang, und es sangen:
+
+ _Die Engel:_
+
+ Erschrecket nicht, und seid All' froh!
+ Alle-alleluja!
+ Denn, den ihr sucht, der ist nicht da.
+ Alle-alleluja!
+
+ _Martha:_
+
+ Ach Engel! lieber Engel fein,
+ Alle-alleluja!
+ Wo find' ich doch den Herren mein?
+ Alle-alleluja!
+
+ _Die Engel:_
+
+ Er ist erstanden aus dem Grab,
+ Alle-alleluja!
+ Heut' an dem heil'gen Ostertag.
+ Alle-alleluja!
+
+ _Maria:_
+
+ Habt Dank, ihr lieben Engel fein.
+ Alle-alleluja!
+ Nun woll'n wir Alle fröhlich sein!
+ Alle-alleluja!
+
+Sie schwiegen nun und lächelten. --
+
+-- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis
+und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.
+
+Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr
+bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes:
+Alle-alleluja!
+
+Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie
+Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut'
+ist heiliger Ostertag!
+
+Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große,
+zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.
+
+Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem
+Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit
+feuchten Augen zum Himmel.
+
+Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit
+freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_
+
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und
+Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.
+
+Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 ***
diff --git a/40523-8.txt b/40523-8.txt
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--- a/40523-8.txt
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@@ -1,3656 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die Osternacht
- Erste Abtheilung
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: August 18, 2012 [EBook #40523]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-
-
-
-Leopold Schefer
-
-
-
-
-Die Osternacht
-
-
-
-
-Die Osternacht.
-
-
-Erste Abtheilung.
-
-
-
-
-Sinnwort:
-
- Erdennoth
- Keine Noth!
- Nur vom Herzen
- Kommen Leiden,
- Leben, Freuden,
- Tod und Schmerzen.
-
-
-
-
-
-1.
-
-
-Wer machte denn die Thür auf, Johannes? -- Johannes, hörst Du! schlafe nur
-nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache
-sie zu! ich fürchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen
-herein? hat es nicht Hörner? --
-
-Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach
-Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem
-vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im
-Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in
-ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch
-der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem
-Hasenfuß anrührt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und
-sperre die Ziege ein.
-
-Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen.
-
-Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die
-Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.
-
-Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.
-
-Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? -- Und nun rauschte er mit den
-Füßen darin.
-
-Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum
-Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus.
-
-Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das
-Wasser! --
-
-Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein
-dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der
-Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und
-Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in
-Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann
-führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster
-hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem
-Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er
-diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. --
-
-_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend;
-macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! --
-
-Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter
-Mann erzählt? fragte Christel.
-
-_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte
-Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich!
-Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort!
-
-Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick
-überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt
-nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe
-fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist
-die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die
-Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas?
-
-Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus
-war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So
-bleiben wir Fischer! --
-
-Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel.
-
-So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine
-Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den
-Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein
-Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel
-stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger
-Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch
-das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich
-nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den
-Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel;
-und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon
-überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe
-hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit
-langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes
-Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig
-und freundlich den Menschen leuchtete.
-
-Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an
-Allem schuld!
-
-Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem
-Stabe.
-
-Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche
-war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still,
-auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur
-manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen
-anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse
-Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden
-Stößen vom Himmel.
-
-So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen,
-die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen:
-»Johannes!« und dann wieder schwächer: »Johannes!« aber es fiel ihnen nicht
-ein, daß sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie
-waren froh, daß ein Kahn sie einholte. »Guten Morgen!« grüßte es beklommen
-herüber. »Guten Morgen!« dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend
-gelangten sie ans Ufer.
-
-
-
-
-2.
-
-
-Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem
-Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer
-gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich
-um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken
-hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen
-lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. --
-
-Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas
-vergessen.
-
-Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.
-
-Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. --
-
-Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den
-Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das
-Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als
-Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr'
-um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt.
-Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer
-rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! --
-
-Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus
-und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz
-zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten
-Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der
-Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch
-die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im
-Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der
-herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die
-Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten
-verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im
-geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und
-keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
-hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten,
-horch!
-
-Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause
-fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.
-
-Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er
-schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang
-selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im
-Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
-
-Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle
-dort tief.
-
-Das war wohl ein Schreckliches!
-
-Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und
-die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße
-Gestalt saß neben der Leiter.
-
-Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
-
-Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte
-Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt,
-denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht
-gethan! --
-
-Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm?
-Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe
-es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr
-ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
-
-Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein
-zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt
-stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte
-müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und
-nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
-Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine
-Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke!
-erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut
-zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es
-erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine
-Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
-und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und
-mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes
-_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So
-blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen
-und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die
-Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
-Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun
-schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
-
-Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg
-während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des
-Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner
-Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und
-warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
-
-Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun
-seid Ihr so arm als ich!
-
-Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel.
-
-_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir
-diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei
-ihm, wie oft hab' ich geweint!
-
-Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch
-das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten
-Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.
-
-Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
-
-Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung
-betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen
-nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger.
-Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem
-freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er
-lächelte.
-
-_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht
-einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!
-
-Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie
-er spricht. Oder nicht?
-
-Freilich! sagte Johannes.
-
-So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb
-sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand,
-versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock
-aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und
-wanderte in die Berge.
-
-Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen
-Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf
-den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine
-Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
-dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! --
-Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich
-auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.
-
-
-
-
-3.
-
-
-Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel,
-die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer?
-oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?
-
-Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine
-Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte
-sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so
-kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und
-Vertrauen!
-
-Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den
-Kindern geben als Brot?
-
-Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das
-anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir
-einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem
-Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in
-guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein
-schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr
-von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach
-Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf
-nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser
-Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal
-abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor
-Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und
-war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben,
-verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr
-sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden
-gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf;
-denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir
-es neu auf.
-
-Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und
-behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes.
-
-Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas
-hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen,
-nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind.
-
-Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.
-
-Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die
-Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden
-wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden
-wir das Geld bekommen?
-
-Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! --
-
-Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt.
-
-Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn
-das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon
-abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel.
-
-Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr.
-
-Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe
-kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit
-hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt
-gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein
-Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von
-Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die
-nehmen die Kinder mit, und wir gehen.
-
-Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den
-Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die
-Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß
-er das Ende der Zügel halten durfte.
-
-An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück
-geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für
-die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg.
-
-Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend.
-
--- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des
-Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine
-_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz
-zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater,
-das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das
-kannst Du mir glauben.
-
-Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und
-nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem
-Wagen nachsah.
-
-Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen.
-
-Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.
-
-Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit
-stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den
-rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte
-er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? --
-
-Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten
-hätten.
-
-Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in
-Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts;
-aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an
-ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das
-eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage
-auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
-einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er
-zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb -- denn so heißt er -- und das
-ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das
-chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im
-Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die
-Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken:
-bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der
-ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben
-Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu
-werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen
-Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest,
-wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet.
--- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert
-nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber laßt das nur gut
-sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da
-das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich
-nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel
-schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heißt -- und eine
-rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage
-braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der
-selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine
-Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht
-gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. --
-
-Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes --
-
--- so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind
-zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller
-Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und daß er eine Frau hat, das
-schadet nichts.
-
-Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.
-
-Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schön und brav, daß
-sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke,
-daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. --
-
-_Diese_ Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal
-freundlich anzusehen. --
-
-Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im
-Dorfe wüßt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen
-Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise.
-Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen
-Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an
-kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den
-Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber
-in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen
-andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der
-gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben
-stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der
-Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein
-hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr
-ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen.
-
-Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin!
-
-Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom
-Wege ab.
-
-
-
-
-4.
-
-
-Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen
-auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles
-eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug
-hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand
-mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel
-küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee,
-was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder
-schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß
-Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das
-halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein.
-
-Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf
-dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen.
-Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf
-dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor
-Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist
-Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand
-auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast
-weichmüthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du
-gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still
-und kehrte sich von mir, als er betete: »unser täglich Brot gieb uns
-heut'.« _Der_ fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist!
-Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind,
-was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall;
-in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will
-auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf,
-das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine
-Mühle. Und muß denn die Mühle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehört sie
-ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben
-bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
-_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot.
-Nicht wahr, mein Johannes?
-
-Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so
-ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und -- fuhr sie
-dann lächelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und
-sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen
-hängen!
-
-Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist
-Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten.
-Das hast Du nicht gewußt. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat
-sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst
-recht lang werden.
-
-Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! --
-
-Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du
-mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth!
-meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an,
-Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes
-Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich
-Dich lieb habe von Herzen.
-
-Wie ich Dich! sagte Christel.
-
-
-
-
-5.
-
-
-Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee
-blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr
-eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen,
-vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und
-Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß
-ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt
-waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr
-Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und
-ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach
-dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die
-Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still
-durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die
-Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein
-Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im
-Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die
-ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte
-ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,
-wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so
-bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich
-und beglückt.
-
-Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf
-der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand
-Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich
-ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges
-Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei
-in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr
-Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt
-durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß
-sie nicht _das Beste_ verloren hätten.
-
-Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare
-geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das
-Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu
-haben.
-
-Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten.
-
-Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch
-erleichtern.
-
-Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was
-Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es
-zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich
-mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja!
-sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie
-werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden
-Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du
-meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee!
-sagte sie halb bittend.
-
-Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie
-küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.
-
-Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn
-sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!
-
-Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas
-hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle
-sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.
-
-Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und
-meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und
-kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so
-dumm aus, als ich bin!
-
-Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen
-und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg,
-kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die
-stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie
-hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf
-kenn' ich sie.
-
-Wird ihr das helfen? fragte Johannes.
-
-Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.
-
--- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das
-Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat
-sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen,
-als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug
-gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater,
-der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich
-in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr
-eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer
-zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück
-als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen
-werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles
-braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.
-
-Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause
-die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das
-ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee
-und sahe Johannes dabei an.
-
-Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand
-dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein
-Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und
-anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und
-kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug
-einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder
-Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und
-denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen
-folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_
-zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh
-aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird,
-und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es
-entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt
-_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz
-sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden.
-
-_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei
-diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von
-fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen,
-geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber
-soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine
-Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin
-ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
-
-Christel wendete sich ab und weinte!
-
-Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie
-lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um
-seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der
-Vater weinte.
-
-Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke
-Euch für Alles, auch für das!
-
-Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier
-schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben
-mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn
-Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch
-leben?
-
-Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den
-Vers:
-
- »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!«
-
-Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und
-ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.
-
-
-
-
-6.
-
-
-Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn
-das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen
-und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so,
-weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete
-Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld
-zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen
-Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene
-schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das
-Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent
-sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein
-Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da
-sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel,
-kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist.
-Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts
-Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie
-nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der
-hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin
-und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht,
-die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren
-soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen
-niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht
-neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft
-wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm
-geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen
-Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden
-umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und
-losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber
-wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und
-exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der
-Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein
-separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die
-rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand,
-Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern
-Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen
-Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir
-einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der
-die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die
-Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von
-sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt,
-und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer
-bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er
-Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und
-Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von
-Sagan, den Ehrenvers:
-
- Unserm Hans von Sagan zu Ehren
- Laßt die klingende Musicam hören!
-
-Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger
-erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan,
-ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten
-Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm
-das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter
-klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die
-Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch
-eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf
-jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg
-geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der
-Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker
-die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus
-Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen
-will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da
-draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und
-trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und
-tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus.
-
-Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine
-hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit
-dazu -- Gott sei Dank!
-
-So ging er. --
-
-Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich,
-als Niklas fort war.
-
-Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das
-Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und
-_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln
-dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die
-Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als
-retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe,
-der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
-lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und
-immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon
-gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke
-aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G.
-D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er
-aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,
-daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine
-Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die
-hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den
-Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn
-trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt
-ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur
-sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist
-und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so
-kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am
-liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben
-nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du
-willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten
-zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang --
-ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! --
-
-Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die
-Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben?
-Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen,
-mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast
-Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege
-schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von
-Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie
-wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet,
-sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und
-wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit
-der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat.
-Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und
-ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.
-
-
-
-
-7.
-
-
-Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben
-häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn
-zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit
-helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die
-bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem
-grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht.
-Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein
-junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will
-berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er
-auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr
-und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
-Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur
-wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die
-Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz
-schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus
-Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert --
-der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die
-bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei
-erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an
-den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die
-Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im
-Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und
-von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus
-Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei
-Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.
-
-Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.
-
-Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen
-und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden
-Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein
-Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R,
-und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,
-ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher.
-Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich
-verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten!
--- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben
-mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken,
-wie es eben kam, und schlichen sich fort.
-
-Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten,
-und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten
-Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor
-Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie
-erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und
-sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in
-ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und
-andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau,
-kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit
-gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es
-schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie
-es gehe?
-
-Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht
-mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
-
-Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen
-dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.
-
-Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt
-auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem
-Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht,
-war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem
-Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
-Pyramide.
-
-Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler
-bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie
-er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der
-Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender
-hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte
-hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück
-dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen
-»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes
-»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert
-war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX
-VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das
-zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun
-rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun
-abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das
-verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und
-so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit
-römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit
-Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die
-_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an.
---
-
-Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am
-andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen
-in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:
-
-Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales
-Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.«
-
-Gründe:
-
-Tausend, außer diesem!
-
-Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein
-ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie
-machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl
-eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den
-wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott,
-wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem,
-alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der
-Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen
-vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble
-Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen
-erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den
-verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_
-gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_
-wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf --
-sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht
-sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es
-sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen
--- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude.
-»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten?
--- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut
-Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen
-Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst
-doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den
-_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch
-ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung
-verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz
-_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu
-wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und
-die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und
-flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So
-hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem
-frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen
-Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_
-Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer,
-die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die
-Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller,
-Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch
-die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen,
-_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_
-nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib
-ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das
-Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die
-Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe,
-kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur
-nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk
-anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird
-er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute
-Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu
-Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von
-dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die
-schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich,
-und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt.
-
-P. S.
-
-Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine
-Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese
-Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht
-_ansäen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und
-verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann
-fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die
-_Meinung_ für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will:
-so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute
-lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie
-selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben
-meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt,
-ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister,
-Westen, Mäntel -- die Knöpfe nicht zu vergessen!
-
-An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen
-gern
-
-Ihr
-
-in Affect gerathener Hannes Manu propria.
-
-Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem
-Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis
-führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der
-außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie
-er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und
-Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war
-hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man
-jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation
-ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«;
-wie statt Obsicht im Urtheil stand.
-
-Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für
-alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und
-die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.
-
-
-
-
-8.
-
-
-Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er,
-Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich
-geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst,
-Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke,
-die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche
-über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben
-schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es
-daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! --
-
-Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen
-Augen an, die sich regten und feucht glänzten.
-
-Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er.
-
-Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir
-leid, daß Du mich geheirathet hast.
-
-Sie weinte nun wirklich sanft.
-
-Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.
-
-Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.
-
-Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte
-Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich
-schäme mich sonst so im Staate.
-
-Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der
-kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir
-könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel
-noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!
-
-So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an
-die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und
-kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.
-
-Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor
-ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er
-sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden
-Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und
-ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das
-Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und
-ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im
-saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie
-sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt
-seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die
-Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte
-in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal
-den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im
-Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen
-feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die
-Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb
-ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum
-unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder
-ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf
-sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand
-fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der
-alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner
-Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen:
-Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert!
-Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen
-im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren
-schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er
-sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur
-angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er
-an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber
-sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur
-ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie
-werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er.
-Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich
-nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du
-einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel,
-fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die
-Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und
-glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und
-bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe,
-wie er gesagt hat. --
-
-Oder:
-
-War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur
-an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach
--- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit
-ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die
-Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten,
-aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe
-hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze
-nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch
-eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben
-Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.
-
-Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe,
-fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig
-darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.
-
-So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib --
-Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein
-blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem
-Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief
-ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat
-er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das
-Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen
-mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels
-und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar
-fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen
-Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus
-der Kammer herein, die Gelte in der Hand.
-
-Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann
-Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das
-Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und
-reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei
-uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.
-
-Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und
-so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in
-seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne
-haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. --
-Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
-und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor,
-mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und
-zuletzt auf das Brot legte.
-
-Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im
-Gehen mit Drohen und Lächeln.
-
-Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und
-küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein
-Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn
-mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben!
-Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden
-solle.
-
-Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er
-ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus
-stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von
-Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn
-es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein
-Wort, und der Hund boll um ihn her.
-
-Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn
-wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit
-aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote,
-glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der
-gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde,
-verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst
-Du anders? --
-
-Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein
-Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil
-verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder
-nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die
-Seligkeit.
-
-Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich
-hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß
-Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge
-dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu
-ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist
-nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.
-
-Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht,
-und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die
-Erde mehr unter meinen Füßen.
-
-Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist
-das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf!
-Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er
-mich fragt, sonst auch nicht.
-
-Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie
-ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge
-beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen
-darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht,
-und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der
-paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer,
-weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut,
-der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und
-wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der
-verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo
-die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.
-
-Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen
-armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines
-Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von
-Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.
-
-Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang
-nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn
-die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und
-begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die
-Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn
-suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.
-
-
-
-
-9.
-
-
-Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich
-gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So
-gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur
-drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den
-Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte,
-und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus
-der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
-
-So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu
-ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten
-bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las:
-daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da
-ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so
-heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib
-vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der
-Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo
-verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. --
-
-Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,
-_dem_ ihre Noth zu klagen.
-
-Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte
-Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie
-keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange
-Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in
-Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
-wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter!
-mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld
-war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr.
-Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten,
-und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte
-Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis
-zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war
-_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam
-ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und
-stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,
-die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den
-Mangel.
-
-Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes
-hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein
-einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in
-Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe,
-und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der
-Namen bezahlte.
-
-Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen
-Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch
-ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war,
-und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
-
- Halt fest an Gottes Wort,
- Es ist dein Glück auf Erden
- Und wird, so wahr Gott lebt,
- Dein Glück im Himmel werden.
-
-Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.
-
-Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen,
-und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
-
-Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte:
-Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor
-der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.
-
-Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd
-noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der
-Waldkapelle!
-
-Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.
-
-Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie
-ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den
-Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts
-leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen
-verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
-
-So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes
-besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn
-Gevatter-Pathen »_Krieg_.« --
-
-Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang
-zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der
-Frankfurter?
-
-Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt,
-daß sie nicht verloren gingen.
-
-Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der
-Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu
-gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum
-denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.
-
-Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die
-96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier
-hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt,
-und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann
-setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. --
-
-Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie
-jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie
-bete und danke. --
-
-Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im
-Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe.
-Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand
-eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag
-oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
-Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals.
-Mein Brot ist verdient! --
-
-Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand,
-aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und
-dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld
-hinunter fiel.
-
-Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun
-leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich
-meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem
-Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen
--- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?
-
-Christel war böse.
-
-Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da
-nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr
-fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch
-und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte,
-die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen
-war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
-
-
-
-
-10.
-
-
-So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie
-dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach
-Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich
-an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder
-an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so
-viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür --
-sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren
-noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz
-hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon
-voll ward.
-
-Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst
-den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt,
-damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten
-Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort.
-
-Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.
-
-Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.
-
-Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht,
-mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
-
-Mutter! bat Daniel.
-
-Daniel! drohte ihm die Mutter!
-
-Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.
-
-Wovon denn? fragte sie.
-
-Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er.
-
-Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir
-gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den
-Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf
-jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem
-Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?
-
-Mutter! sagte Daniel.
-
-Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.
-
-Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!
-
-Christel sprang hinaus an den Wagen.
-
-Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig.
--- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie
-blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt
-und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
-das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann
-er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --
-
-Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das
-blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel
-gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen
-Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.
-
-Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um
-nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden
-und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der
-zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
-
-Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand
-und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie
-auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh'
-doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --
-
--- Er schlief. --
-
-
-
-
-11.
-
-
-Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen
-und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch
-Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste
-Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben,
-da er den Denkstein sah.
-
-Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.
-
-Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja
-ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen,
-und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
-
-Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich
-nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?
-
-Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich
-und besorgt.
-
-Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an
-Gottes Wort! --
-
-Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.
-
-Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend:
-Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
-
-Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich
-Dich pflegen! --
-
-Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich
-denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen?
-
-Je nun, die 96! lächelte Christel.
-
-Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem
-schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh
-doch einmal hin!
-
-Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter:
-ist No. 15,000.
-
-Nun das ist unser! sagte Johannes.
-
-Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So
-sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth
-unterstrichen.
-
-Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
-
-Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte
-Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.
-
-Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96
-ist unser.
-
-Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.
-
-Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.
-
-Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! --
-
-_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und
-keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.
-
-Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und
-gespannt. --
-
-Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee
-genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen
-und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse
-gemacht.
-
-Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das
-schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!
-
-Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel,
-meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und
-Gedanken?
-
-Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.
-
-Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!«
-sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das
-Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und
-haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke
-die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom
-Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang
-eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.
-
-Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um
-uns, Du guter Junge!
-
-Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh.
-
-Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.
-
-Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser
-und wollte nicht reden.
-
-Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6
-Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand
-nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet.
-Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben!
-und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen
-ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun
-das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die
-sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als
-hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die
-andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich
-vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche
-Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten,
-verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach,
-daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht
-gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr
-wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so
-geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem
-neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_
-Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so
-zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes
-aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den
-mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt,
-als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß
-seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld
-besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich
-so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!
-
-Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das
-Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie
-fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter
-seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.
-
-Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. --
-
-Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das
-kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du
-mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich!
-Nur um die Kinder!
-
-So mein ich's auch; seufzte Johannes.
-
-Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid!
-und Du _mich_ nicht! --
-
-Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du
-stirbst dann auch -- ich und Du.
-
-Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das
-viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er
-die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben!
-Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann
-nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
-denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle
-wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und
-wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen,
-so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? --
-Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten
-und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und
-Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist!
-Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt,
-und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.
-
-Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
-
-Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst,
--- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du
-hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und
-Vorwurf.
-
-Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf
-Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.
-
-Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth
-und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm
-sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so
-viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die
-Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem
-Herrgott für die empfangene Wohlthat? --
-
-Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht
-an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder
-so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine
-Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich
-auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was
-wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann
-strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben
-kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und
-wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus,
-worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die
-Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der
-Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
-Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht
-_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer
-_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen,
-daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine
-Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem
-Gesichte an die Wand.
-
-Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge
-gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und
-doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und
-geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat
-er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat
-es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_
-helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen
-empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein
-Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in
-die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an,
-zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu
-weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
-sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte
-die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die
-stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden!
-Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches,
-wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater
-erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war
-auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur
-seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick
-zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein
-stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh'
-nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für
-den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir
-es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir
-sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem
-Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein
-nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt
-die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife
-Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns,
-müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das
-Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.
-
-Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte
-Johannes.
-
-Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir
-_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit
-reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder
-von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen
-wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn
-nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch
-nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb?
-Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage?
-Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden,
-besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du
-bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge!
-
-Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam
-verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn
-vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so
-blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.
-
-
-
-
-12.
-
-
-Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab
-Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie.
-Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr
-bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein
-besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann
-es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte --
-
-Christel lächelte und hob das Papier auf.
-
-Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
-
-Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
-
-Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
-
-Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich
-das etwa beklemmt.
-
-Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers.
-Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine
-Ursachen dazu.
-
-Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah
-lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die
-Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich,
-dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
-
-Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
-
-Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es,
-wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du
-solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm
-es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
-
-_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu
-sehen, ob und was sie meine.
-
-Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
-
-Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
-
-Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! --
-Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
-
-_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
-
-Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um
-Deinetwillen muß ich besser werden!
-
-
-
-
-13.
-
-
-Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein
-trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat
-verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon
-trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine
-Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte
-Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich
-seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des
-Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen«
-bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht
-ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen
-Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig
-vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die
-Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt
-worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal
-gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in
-seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als
-abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich,
-nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die
-allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel
-eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das
-Butterfaß auf dem Kopfe? --
-
-Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem
-Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --
-
-Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. --
-
-Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem
-Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --
-
-Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um
-zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein
-Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern
-nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die
-Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich
-habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es
-kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann!
-Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige
-Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem
-alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat,
-und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
-im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das
-Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die
-sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!
-
-Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen
-auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den
-Vers:
-
- Erhalt' uns in der Wahrheit!
- Gieb ewigliche Freiheit,
- Zu preisen deinen Namen
- Durch Jesum Christum. Amen!
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-Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte
-sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die
-Ruthe neben sich hin.
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-Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen
-that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre
-Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche
-behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
-Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
-Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er
-nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers
-zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das
-reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo
-es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt
-war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer
-Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der
-alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so
-hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo
-er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin
-Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne
-Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen
-Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf
-einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
-Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie
--- Petrus.
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-Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er
-glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der
-neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er
-sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast
-eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen
-lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die
-Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe
-Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft
-hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so
-legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es
-standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede
-nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
-und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ
-sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder
-überhörte ihn.
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-Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes
-Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu
-beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu
-seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte.
-Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben,
-_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon
-die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau
-Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn
-heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.
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-Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.
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-Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an
-Gelde!
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-Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
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-Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
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-Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen
-Miene.
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-Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder!
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-Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
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-Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze
-hervor.
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-So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen!
-sagte die Frau Lizentiatin.
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-So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in
-Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich
-nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was
-Ihr habt! Es thut mir recht leid.
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-Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja
-wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne
-Wurst.
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-Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift --
-das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend,
-und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es
-schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine
-Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und
-festgebunden auf den Bedientensitz!
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-Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es
-wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
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-Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen
-und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen,
-daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen --
-die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg
-mit dem kleinen guten Dinge.
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-Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und
-ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie
-fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen
-und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
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-Christel und Wecker sahen nach.
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-Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.
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-Das Schweinchen? sprach Christel.
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-Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
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-Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
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-Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.
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-Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. --
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-Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker.
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-14.
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-Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt
-den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes
-Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett.
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-Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.
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-Recht schlecht! sagt' er.
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-Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
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-Nein! sagt' er; aber erbittert!
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-Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So
-drang sie nicht weiter in ihn.
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-Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten
-entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang
-auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau,
-seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den
-Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu
-frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er
-sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich
-ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem
-unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein
-ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu
-schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld.
-Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte
-wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
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-In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden
-und Niklas begleitet.
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-So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner
-und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer,
-und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!
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-Johannes erzählte den Fall.
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-Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt
-ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
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-Johannes mochte nicht bitten.
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-Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal
-ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die
-Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie
-_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist
-Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und
-Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur
-dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will
-ich Euch sparen aus Gnaden.
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-So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.
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-Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo
-anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf
-dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das
-ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche,
-weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er
-hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu
-sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter.
-Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er
-wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch
-das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen
-über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
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-Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum
-gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich
-immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige
-Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene
-zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau
-auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament
-klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser!
-_Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie
-die Schule mit ihr anfangen!
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-Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich
-habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
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-Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der
-Justini--anus.
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-Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten
-Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum
-Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn
-ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht
-durch Zwei, wie Gott nun segnete.
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-15.
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-So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in
-trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei
-sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die
-Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden
-oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung
-auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei,
-die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der
-Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen
-Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest
-steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker
-Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe
-hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt.
-Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie
-unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren
-Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter
-ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die
-ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja,
-dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein
-wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die
-Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel
-einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer
-Johannes ganz Anderes litt!
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-Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für
-rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth
-kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich
-ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
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-Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch,
-seufzte Johannes.
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-Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du
-noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden,
-wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein
-großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da
-hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder
-_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind,
-und doch nicht sind! --
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-Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die
-Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. --
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-Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast
-Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser
-haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts
-Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn
-Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! --
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-Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der
-Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie
-er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich
-stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden
-Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten
-sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
-verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder
-barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf
-einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee
-bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen
-und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie
-dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur
-Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige
-Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den
-dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand
-dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im
-Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum
-hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er
-noch nicht mitspielen konnte.
-
-Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie
-nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und
-Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß
-ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen
-könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
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-Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und
-es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte
-Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.
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-Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker,
-ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich
-noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände
-reibend.
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-Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
-
-Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte.
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-Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten
-Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert --
-er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und
-freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum
-Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen
-früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert
--- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder
-baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem
-kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie
-darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang.
-Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und
-er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze
--- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören,
-wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns!
--- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen!
-
-
-
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-16.
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-Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der
-finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße,
-weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht
-kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl
-herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr
-selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
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-Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging
-sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem
-Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war
-ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt
-angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß
-Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte
-Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer
-sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude
-gemacht!
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-Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch,
-das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine
-Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch,
-und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten
-hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf
-Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.
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-Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder
-aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes
-darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander
-friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.
-
-»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!
-
-Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die
-Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur
-geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
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-Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die
-Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein
-Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den
-kleinen Finger an den Mund.
-
-Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen,
-das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht
-kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin!
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-Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe!
-und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau
-Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird
-Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben?
---
-
--- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige
-Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für
-das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker.
-
-Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
-
-Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht
-getauft! das macht wieder Kosten!
-
-Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die
-Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die
-Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! --
-
-Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine
-herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den
-Kindern geben zu können.
-
-Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter.
-
-Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein
-Annaröschen?
-
-Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung
-indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte
-Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder
-kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und
-mehrere Silbergulden.
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-Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder
-kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte,
-lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum
-Morgen.
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-Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_,
-wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll!
-Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen
-backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu
-gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein
-ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze
-Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose
-_Anonyma_. Der Mann bin ich. --
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-Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten
-großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen
-Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für
-das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was
-es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der
-großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam
-nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier?
-und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand
-mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in
-der Bibel verborgen gewesen.
-
-Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was
-hätte! Der ist nicht der Mann!
-
-Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich
-mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
-
-Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh'
-mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum
-seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so
-närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder!
-
-Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth
-vergelten.
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum
-ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel
-gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild
-und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes
-Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
-
-Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert.
-Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine
-Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers
-Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und
-dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen
-Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über
-das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil
-ihm der Vater gut gewesen war.
-
-Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren
-Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie
-las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da
-Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die
-Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun
-er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es
-die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das
-Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den
-Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus
-Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
-Ihrem Hause aufgehalten.
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-Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt,
-der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht
-aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch
-der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so
-beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich
-jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch
-lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich
-_Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes
-Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte.
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-
-
-17.
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-Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und
-herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem
-heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf
-und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne
-entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die
-arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen.
-Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat
-sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee
-folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah
-sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange
-ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen
-halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der
-Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch!
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-Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich
-lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche
-wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein
-Kind!
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-Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte
-Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich
-lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.
-
-Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.
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-Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen.
-Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja
-deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes
-seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren
-Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht,
-waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem
-sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
-lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum
-sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.
-
-Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen
-vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an
-ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
-
-Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder
-Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre
-Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche
-nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.
-
-Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im
-Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte
-der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.
-
-Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich
-Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen
-und ging erbittert hinaus.
-
-Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin
-ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß
-es ja.
-
-Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden.
-Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit
-Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß.
-
-Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich
-im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom
-alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.
-
-Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr
-eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines
-Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es
-hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte
-es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann
-unaufhörlich, aber still.
-
-Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie.
-Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner
-Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen
-wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! --
-
-Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind
-aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und
-behielt seine Mütze auf.
-
-Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb
-hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den
-die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich
-Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie
-heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche,
-unglücksel'ge Frau! --
-
-Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der
-Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
-
-Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird
-der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es
-zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. --
-
-Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts.
-
-Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.
-
-Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der
-gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte
-Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen,
-wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem
-Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu
-sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze
-_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor
-ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
-
-
-
-
-18.
-
-
-Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die
-Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte,
-da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben
-übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
-getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee
-ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann
-schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß
-es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem
-Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer.
-An sich selber dachte sie kaum.
-
-Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von
-ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie
-getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre
-Augen.
-
-Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann
-ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den
-Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald
-drüber hinweg. Seid nur ruhig.
-
-So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie
-ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun
-verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie
-ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
-
-Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den
-Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand.
-Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich
-nicht mehr entfernen.
-
-Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn
-zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld
-übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle
-»exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen;
-die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu
-einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den
-Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein
-Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die
-Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? --
-Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so
-verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine
-Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er
-umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der
-arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und
-Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am
-süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die
-anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich
-verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein
-tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit
-Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.
-
-Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem
-Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt
-winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine
-mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich
-brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den
-Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume
-im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den
-Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und
-recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt
-daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei.
-Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
-waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das
-große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur
-_eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit
-seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.
-
-Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die
-alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern
-_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen
-lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen.
-Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein
-Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren
-schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und
-das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur
-Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der
-geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf
-das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür
-_gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn
-auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege
-stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau
-nach, die ihrer kaum Herr ward.
-
-Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der
-jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der
-That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den
-»alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht,
-sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden
-da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem
-Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den
-_Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn
-Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut
-schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu
-wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
-sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als
-sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,«
-konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat
-einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch
-Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne
-Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem
-unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie
-das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das
-will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß
-sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!
-
-Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er
-statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise,
-das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter,
-der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre
-Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und
-_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der
-Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der
-Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte:
-»Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die
-Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« --
--- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir
-das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier,
-den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg!
--- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!
-
-Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich
-und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der
-Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes,
-der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie
-rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! --
-Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es
-nicht! --
-
-
-
-
-19.
-
-
-Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe,
-schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und
-sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war
-lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und
-verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war
-Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor
-der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die
-Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die
-Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der
-Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder
-weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen
-Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit
-auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und
-es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug,
-hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt'
-Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor
-Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! --
-
-So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür;
-aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der
-ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr
-nicht Daniel beigestanden.
-
-Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.
-
-Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über
-sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und
-wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern
-wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine
-Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.
-
-Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich
-helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat
-es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem
-letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging
-sie, Wecker und Daniel.
-
-Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen.
-Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur
-etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu
-seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem
-Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
-Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht.
-
-So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das
-Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger
-ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den
-Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste
-bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah,
-wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du
-hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that
-sie nun von Herzen.
-
-In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum
-Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre
-Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor
-eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode.
-Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
-Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam
-schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und
-doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein:
-
- O große Noth:
- Gott selbst ist todt! --
-
-Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr;
-so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so
-traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen
-schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare
-Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber
-es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte
-eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:
-
- O große Noth:
- Gott selbst ist todt! --
-
-Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt
-selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee,
-der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege,
-und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor
-Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie
-vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz;
-und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen
-Geiste: Gott selbst ist todt.
-
-Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den
-Letzten aus dem Gotteshause.
-
-Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne
-noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein
-Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem
-Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt,
-sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten
-wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause
-sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr
-dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem
-Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als
-er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es
-reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie
-lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen
-und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft!
--- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den
-Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht,
-sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die
-helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort:
-Gott selbst ist todt. --
-
-Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit
-mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen
-verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche
-gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon
-wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie
-sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging
-dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr
-Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben
-war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu
-ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie
-die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den
-Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
-
-In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben.
-Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor
-Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel,
-und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in
-ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich
-lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie
-von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle
-sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten
-scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der
-Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die
-Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne
-krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr
-Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die
-verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die
-Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und
-die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in
-der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der
-äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes
-Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher,
-hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde
-schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins
-Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt
-ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in
-den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem
-Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll
-ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen,
-Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen
-darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten
-Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie.
-Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
-Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben
-darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie
-schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. --
-Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie
-Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit,
-wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und
-das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete
-lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den
-Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus
-tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten
-athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem
-Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu
-Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.
-
-Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las
-mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er
-wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu
-schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk,
-über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das
-einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot
-an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem
-Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder
-zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie
-Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und
-Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend
-Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot:
-liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er
-gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein
-kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der
-Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr
-Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt,
-auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. --
-
-Und eine Geisterstimme rief:
-
- Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft!
- Komme hinaus, mein König![A]
-
-[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel
-verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um
-in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.]
-
-Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur
-Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute
-sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das
-offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die
-Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn
-umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte
-und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß
-ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse
-versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte
-selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft,
-zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns
-lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes
-von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den
-Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen
-geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von
-seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie
-eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen
-und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe
-zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine
-Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie
-beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber
-sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen
-Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares
-Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm
-fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten
-leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und
-auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über
-die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein
-warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging.
--- -- --
-
-Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war
-wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht.
-Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das
-schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder
-eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem
-Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm
-leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt.
-
-Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum
-zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens
-nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch
-uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute
-Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll
-Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja
-die Sonne!
-
-
-
-
-20.
-
-
-Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater
-nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein
-anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel
-hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie
-nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
-verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der
-Kälte ein kleiner Mantel war.
-
-Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu
-Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen
-rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler
-angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der
-Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an
-solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon
-geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein
-Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
-
-Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder.
-Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was
-sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur
-Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich
-nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es
-heißt, und den Storch zu holen.
-
-Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster,
-nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der
-reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine
-Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und
-geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer
-dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand
-auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen
-Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen
-Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war,
-eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit
-Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein
-gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war
-sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße,
-einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an,
-er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht
-zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth
-hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche
-grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch
-geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der
-Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem
-letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte
-Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die
-Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier,
-mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden,
-daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse?
--- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen,
-und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch
-bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind!
---
-
-So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen,
-ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer
-eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts
-überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern
-hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das
-dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod
-nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin
-ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das
-Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie
-glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's
-gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch
-weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei
-doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. --
-Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere
-Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist
-vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker
-sitzt! --
-
-Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren
-eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau
-nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit
-Gott und Gottes Hülfe.
-
-Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle
-geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn
-in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht
-halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er
-könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.
-
-Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath
-in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als
-Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen
-lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den
-bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. --
-
-Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl
-verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt,
-während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während
-er vorn leuchtete.
-
-Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die
-andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen
-Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim
-gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist!
-Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das
-Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der
-Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer
-oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes!
-Merkt Euch das.
-
-Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich
-die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. --
-
-Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im
-Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer
-Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden.
-Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen
-der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht
-ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die
-Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust
-der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_
-es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.
-
-Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker.
-Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So
-Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch
-lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal
-so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur
-angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes
-Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch
-merken! --
-
-Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um
-auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel
-unterdessen nicht in den Schnee.
-
-Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
-
- Der Tod ist todt,
- Das Leben lebet,
- Das Grab ist selbst begraben! --
-
-Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist
-jetzt steinhart!
-
-Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die
-Melodie, ja selbst die Worte:
-
- Auf, auf, mein Herz mit Freuden,
- Nimm wahr, was heut geschieht!
- Wie kommt nach großen Leiden
- Doch ein so großes Licht!
-
-Johannes stand gerührt.
-
-Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem
-Hause in den Schnee.
-
-Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen
-eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine
-Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug.
-So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht
-sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief
-hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm
-schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er;
-nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den
-alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster
-war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen.
-Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und
-er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind!
-Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest
-an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme
-fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_
-soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch
-brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. --
-
-Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die
-Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei
-daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging
-er und setzte sich zu Christel auf's Bett.
-
-Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl!
-mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch,
-was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe!
-die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer
-Hinterhäuser.
-
-Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel?
-sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan.
-Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem
-guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch
-her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm
-immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes
-Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte
-heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen
-Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken.
-
-
-
-
-21.
-
-
-Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und
-verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe
-Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer
-erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.
-
-Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht
-im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.
-
-Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man
-kommt; sagte Johannes.
-
-An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte
-der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich
-noch!
-
-Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.
-
-Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von
-Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen
-Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt
-für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der
-Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer.
-Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
-
-Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir
-ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte
-Johannes.
-
-Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich
-recht, auch Euch.
-
-Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr.
-
-Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.
-
-Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht
-nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir
-ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie
-hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige
-Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb,
-und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie
-verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der
-Schnee und das Eis vergangen.
-
-Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.
-
-Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man
-sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick
-eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und
-wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.
-
-Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte
-Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha«
-schimmerte still ihn an.
-
-Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder,
-fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?
-
-Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der
-Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.
-
-Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer
-Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus
-Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu
-schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben
-Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein
-Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser
-war -- da war sie todt. Arme Martha!
-
-Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann
-ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen!
-Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes,
-und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und
-auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr
-armer Mann!
-
-Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von
-Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
-
-Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht
-und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß.
-Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. --
-
-_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz
-wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.
-
--- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach
-Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das
-ich bei Euch gesehen. --
-
-War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.
-
-Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.
-
-Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen
-verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann
-gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
-
-Dorothee trat ein.
-
-Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.
-
-Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.
-
-Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der
-Hand.
-
-Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.
-
-Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von
-ihr.
-
-Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er
-gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von
-Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß --
-ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im
-Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.
-
-Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?
-
-Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen
-wäre! --
-
-Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis.
-Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie
-anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will
-morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der
-Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute,
-daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu
-retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch
-Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog
-sie nicht auf das Schloß!
-
-Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der
-gnädige Gottlieb _auch_ heirathen.
-
-Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt
-Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
-
-Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.
-
-Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb!
-noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg!
-rieth ihm Paschalis.
-
-Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch
-werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie
-nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig
-genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth,
-daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom
-Sarge der Tochter entfloh! --
-
-Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen.
-Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.
-
-Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein
-einziges Kind! --
-
-Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das
-Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die
-Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre
-tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder
-erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und
-daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so
-schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und
-Johannes befährt den alten Rhein.
-
-Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal!
-Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein
-Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte
-Paschalis erregt zu Johannes.
-
-Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm
-Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein
-gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur
-halb!
-
-Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das
-Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das
-segnet Dir Gott und mir!
-
-Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte
-Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. --
-Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr
-sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein
-Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag'
-ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
-
-Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.
-
-Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.
-
-Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um
-sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm.
-Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der
-wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der
-Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist
-eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit
-Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine
-Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth
-wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen
-Frauen.
-
-Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun,
-was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des
-Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch
-in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte
-dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da
-hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein!
-
-Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne
-Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im
-Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.
-
-Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.
-
-Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig
-stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes
-Worten und Wesen sie anschauerte.
-
-Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser
-fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
-
-Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach
-ihm.
-
-Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.
-
-Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an
-Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen
-zu.
-
-Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch
-einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! --
-Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein
-Mädchen?
-
-Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und
-sangen:
-
- Es gingen drei heilige Frauen
- Alle-alleluja!
- Des Morgens früh im Thauen,
- Alle-alleluja!
-
-Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen.
-Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei
-Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in
-weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem
-Wechselgesang, und es sangen:
-
- _Die Engel:_
-
- Erschrecket nicht, und seid All' froh!
- Alle-alleluja!
- Denn, den ihr sucht, der ist nicht da.
- Alle-alleluja!
-
- _Martha:_
-
- Ach Engel! lieber Engel fein,
- Alle-alleluja!
- Wo find' ich doch den Herren mein?
- Alle-alleluja!
-
- _Die Engel:_
-
- Er ist erstanden aus dem Grab,
- Alle-alleluja!
- Heut' an dem heil'gen Ostertag.
- Alle-alleluja!
-
- _Maria:_
-
- Habt Dank, ihr lieben Engel fein.
- Alle-alleluja!
- Nun woll'n wir Alle fröhlich sein!
- Alle-alleluja!
-
-Sie schwiegen nun und lächelten. --
-
--- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis
-und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.
-
-Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr
-bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes:
-Alle-alleluja!
-
-Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie
-Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut'
-ist heiliger Ostertag!
-
-Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große,
-zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.
-
-Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem
-Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit
-feuchten Augen zum Himmel.
-
-Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit
-freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_
-
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und
-Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.
-
-Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
-
-***** This file should be named 40523-8.txt or 40523-8.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/4/0/5/2/40523/
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
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-Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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@@ -2,7 +2,7 @@
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+<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" />
<title>The Project Gutenberg eBook of Die Osternacht. Erste Abtheilung, by Leopold Schefer</title>
<!-- TITLE="Die Osternacht. Erste Abtheilung" -->
<!-- AUTHOR="Leopold Schefer" -->
@@ -126,42 +126,7 @@ hr.hr10 { margin-left:45%; width:10%; }
</head>
<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
-
-
-Title: Die Osternacht
- Erste Abtheilung
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: August 18, 2012 [EBook #40523]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
+<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 ***</div>
<h1 style="page-break-before:always">
Leopold Schefer<br />
@@ -202,36 +167,36 @@ Erste Abtheilung.
<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a>
1.</h3>
-<p class="first"><span class="firstchar">W</span>er machte denn die Thür auf, Johannes? &mdash; Johannes, hörst
+<p class="first"><span class="firstchar">W</span>er machte denn die Thür auf, Johannes? &mdash; Johannes, hörst
Du! schlafe nur nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren
-Bettchen an. Geh&rsquo;, mache sie zu! ich fürchte mich. Sieh&rsquo;, guckt es
-nicht dort mit funkelnden Augen herein? hat es nicht Hörner? &mdash;
+Bettchen an. Geh&rsquo;, mache sie zu! ich fürchte mich. Sieh&rsquo;, guckt es
+nicht dort mit funkelnden Augen herein? hat es nicht Hörner? &mdash;
</p>
<p>Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames
-Kind, sprach Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter
+Kind, sprach Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter
Dich zehn Jahre nach ihrem vorletzten Kinde getragen und sich
-vor den Leuten geschämt und nur im Dunkel ausgegangen. War
+vor den Leuten geschämt und nur im Dunkel ausgegangen. War
sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in ihren besten
Jahren? Nun hab&rsquo; ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch
der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit
-einem Hasenfuß anrührt. &mdash; Geh&rsquo;; Daniel, stehe Du auf und
-mache die Thür zu und sperre die Ziege ein.
+einem Hasenfuß anrührt. &mdash; Geh&rsquo;; Daniel, stehe Du auf und
+mache die Thür zu und sperre die Ziege ein.
</p>
-<p>Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett,
+<p>Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett,
um zu gehen.
</p>
-<p>Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die
+<p>Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die
Kniee! Mutter, die Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.
</p>
<p>Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.
</p>
-<p>Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? &mdash; Und nun
-rauschte er mit den Füßen darin.
+<p>Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? &mdash; Und nun
+rauschte er mit den Füßen darin.
</p>
<p>
@@ -245,45 +210,45 @@ Fenster hinaus.
wie kalt ist das Wasser! &mdash;
</p>
-<p>Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten
-vom Kirchthurm, ein dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im
-Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der Kinder und hohles gedämpftes
-Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und Kinder fuhren
+<p>Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten
+vom Kirchthurm, ein dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im
+Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der Kinder und hohles gedämpftes
+Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und Kinder fuhren
wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in
-Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße
-war. Ein Mann führte seine Kühe watend nahe am Zaune des
-Gärtchens vor seinem Fenster hin. &mdash; Was ist das? fragte er ihn.
+Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße
+war. Ein Mann führte seine Kühe watend nahe am Zaune des
+Gärtchens vor seinem Fenster hin. &mdash; Was ist das? fragte er ihn.
Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem Pferde, einen Knaben
vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er diesen. &mdash; Das
Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. &mdash;
</p>
-<p><span class="em">Das Mal</span> ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde,
-vorüber eilend; macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm
+<p><span class="em">Das Mal</span> ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde,
+vorüber eilend; macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm
ist gebrochen! &mdash;
</p>
<p>Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals
-im Dorfe ein alter Mann erzählt? fragte Christel.
+im Dorfe ein alter Mann erzählt? fragte Christel.
</p>
<p><span class="em">Das Mal</span> ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein
in der Stube! sagte Johannes. &mdash; Horch, wieder die Sturmglocke
-vom Thurm! das klingt ängstlich! Nimm die Kinder, die Kinder,
+vom Thurm! das klingt ängstlich! Nimm die Kinder, die Kinder,
und fort, fort!
</p>
-<p>Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt.
-Einen Augenblick überlegt, was wir thun, was wir nehmen und
+<p>Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt.
+Einen Augenblick überlegt, was wir thun, was wir nehmen und
lassen. <span class="em">Der</span> Augenblick kommt nicht wieder! Das hat Dir Gott
eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe fertig zu machen, selber
<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-die Ruder hab&rsquo; ich hineingelegt. &mdash; Das Erste ist die Nürnberger
+die Ruder hab&rsquo; ich hineingelegt. &mdash; Das Erste ist die Nürnberger
Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die Sonntagskleider!
-Weißt Du noch Etwas?
+Weißt Du noch Etwas?
</p>
-<p>Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen.
+<p>Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen.
Unser Haus war das Beste &mdash; und der Garten. Die Fische
werden doch leben bleiben! So bleiben wir Fischer! &mdash;
</p>
@@ -294,20 +259,20 @@ werden doch leben bleiben! So bleiben wir Fischer! &mdash;
<p>So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der
Wiege, der kleine Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb!
du Dieb! dann nahm er den Vogel, der Vater den Daniel auf
-einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein Sophiechen, und
+einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein Sophiechen, und
so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel stieg ein
-und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger
+und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger
Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der
Lade, legte auch das hinein und fragte: haben wir sonst etwas
-Wichtiges vergessen? Daß ich nicht weiß! sagte Christel; ich habe
+Wichtiges vergessen? Daß ich nicht weiß! sagte Christel; ich habe
Alles! Da sprang noch die Ziege in den Kahn, die Kuh war nicht
mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel; und so fuhr
-denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon überschwemmte
-Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten
-Habe hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und
-fern der Komet mit langem, weißem Schweife stand, der wie ein
+denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon überschwemmte
+Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten
+Habe hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und
+fern der Komet mit langem, weißem Schweife stand, der wie ein
langes hinaufgestrecktes Schneckenhorn des Berges zum Himmel
-reichte und geisterhaft und doch gütig und freundlich den Menschen
+reichte und geisterhaft und doch gütig und freundlich den Menschen
leuchtete.
</p>
@@ -321,35 +286,35 @@ Herrn mit seinem Stabe.
<p>
<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe.
+Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe.
Das Schreckliche war geschehen. Die sich retten konnten, waren
gerettet und waren nun still, auch wo sie flohen; und die sich nicht
gerettet; waren auch still; nur manchmal erscholl noch Hundegebell,
-oder Geschrei der Hähne, die den Morgen anriefen, oder Geläut
-aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse Hall das
+oder Geschrei der Hähne, die den Morgen anriefen, oder Geläut
+aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse Hall das
Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden
-Stößen vom Himmel.
+Stößen vom Himmel.
</p>
-<p>So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über
-Gärten und Wiesen, die zum See geworden. Nur zuweilen kam
-es ihnen vor, als hörten sie rufen: &bdquo;Johannes!&ldquo; und dann wieder
-schwächer: &bdquo;Johannes!&ldquo; aber es fiel ihnen nicht ein, daß sie
+<p>So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über
+Gärten und Wiesen, die zum See geworden. Nur zuweilen kam
+es ihnen vor, als hörten sie rufen: &bdquo;Johannes!&ldquo; und dann wieder
+schwächer: &bdquo;Johannes!&ldquo; aber es fiel ihnen nicht ein, daß sie
ihre <span class="em">Dorothee</span> vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie
-waren froh, daß ein Kahn sie einholte. &bdquo;Guten Morgen!&ldquo; grüßte
-es beklommen herüber. &bdquo;Guten Morgen!&ldquo; dankten sie wehmüthig
-hinüber, und schweigend gelangten sie ans Ufer.
+waren froh, daß ein Kahn sie einholte. &bdquo;Guten Morgen!&ldquo; grüßte
+es beklommen herüber. &bdquo;Guten Morgen!&ldquo; dankten sie wehmüthig
+hinüber, und schweigend gelangten sie ans Ufer.
</p>
<h3 class="no" id="no-2">2.</h3>
<p class="noindent">Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und
-hielt es ihr aus dem Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen
+hielt es ihr aus dem Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen
sei zuerst ans Ufer gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn?
-rief sie noch einmal. Sie sahe sich um, sie überblickte den Kahn,
-da war keine Dorothee, und vor Schrecken hätte sie bald das Kind
+rief sie noch einmal. Sie sahe sich um, sie überblickte den Kahn,
+da war keine Dorothee, und vor Schrecken hätte sie bald das Kind
von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen lassen. Sie setzte
-sich aber und beugte sich über das Kind. &mdash;
+sich aber und beugte sich über das Kind. &mdash;
</p>
<p>Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob
@@ -365,40 +330,40 @@ wir Etwas vergessen.
<p>Ach, ich habe Alles, das sagt&rsquo; ich, weil ich meine Kinder hatte!
<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
den Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um,
-Johannes, das Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder!
+Johannes, das Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder!
Sie hat Niemanden als Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns
-auf die Seele gebunden. Kehr&rsquo; um! Soll sie so mißlich umkommen?
-Wie viel Häuser sind schon eingestürzt. Johannes kehre um.
-&bdquo;Johannes!&ldquo; rief sie, &bdquo;Johannes!&ldquo; jetzt weiß ich, wer rief, und
+auf die Seele gebunden. Kehr&rsquo; um! Soll sie so mißlich umkommen?
+Wie viel Häuser sind schon eingestürzt. Johannes kehre um.
+&bdquo;Johannes!&ldquo; rief sie, &bdquo;Johannes!&ldquo; jetzt weiß ich, wer rief, und
wen sie meinte &mdash; Dich, mein Johannes! &mdash;
</p>
-<p>Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So
-stiegen sie aus und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert;
+<p>Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So
+stiegen sie aus und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert;
Daniel las Holz zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand
-von dem Feuer des nächsten Unglücksgenossen, und während
-dessen erschien der Purpurstreif der Morgenröthe und beschimmerte
+von dem Feuer des nächsten Unglücksgenossen, und während
+dessen erschien der Purpurstreif der Morgenröthe und beschimmerte
das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch die
-Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es
-noch im Dorfe vom Thurme. &mdash; Wer muß das sein? sagte der
-junge Prediger, der herzugetreten, denn dort steht der alte Küster
+Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es
+noch im Dorfe vom Thurme. &mdash; Wer muß das sein? sagte der
+junge Prediger, der herzugetreten, denn dort steht der alte Küster
mit allen den Seinigen. Die Kirche liegt tief, und dem wir die
-Rettung, nächst Gott, am meisten verdanken, der steht nun selber
-in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im geöffneten Kirchthurmfenster?
+Rettung, nächst Gott, am meisten verdanken, der steht nun selber
+in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im geöffneten Kirchthurmfenster?
&mdash; Es ist ein Mann! sagte Johannes, und keiner aus
-dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
-hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er
-wieder läuten, horch!
+dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
+hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er
+wieder läuten, horch!
</p>
-<p>Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und
+<p>Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und
mich nicht zu Hause fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen,
bemerkte der Prediger.
</p>
-<p>Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen
-ließ, war er schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand,
-trieb mich fort und sprang selber zu läuten. Er ließ sich&rsquo;s nicht
+<p>Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen
+ließ, war er schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand,
+trieb mich fort und sprang selber zu läuten. Er ließ sich&rsquo;s nicht
<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im Wirthshaus. Er hat auch
ein Pferd.
@@ -412,8 +377,8 @@ Wir wohnen Alle dort tief.
</p>
<p>Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete
-stumm und die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf
-dessen Dache eine weiße Gestalt saß neben der Leiter.
+stumm und die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf
+dessen Dache eine weiße Gestalt saß neben der Leiter.
</p>
<p>Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
@@ -426,42 +391,42 @@ was sie in ihrem Leben nicht gethan! &mdash;
</p>
<p>Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch
-begleiten außer ihm? Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe,
-oder retten noch; ich verstehe es nicht, das Ruderscheit zu führen,
-und gehe denn lieber aus nach Zufuhr ins nächste Dorf, daß Ihr
+begleiten außer ihm? Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe,
+oder retten noch; ich verstehe es nicht, das Ruderscheit zu führen,
+und gehe denn lieber aus nach Zufuhr ins nächste Dorf, daß Ihr
wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
</p>
-<p>Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann
-fuhr er allein zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber,
-worauf der Fremde jetzt stärker geläutet und nun hinab in das
-Fenster getreten. Johannes hätte müssen kein Herz haben, wenn
+<p>Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann
+fuhr er allein zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber,
+worauf der Fremde jetzt stärker geläutet und nun hinab in das
+Fenster getreten. Johannes hätte müssen kein Herz haben, wenn
er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und nach einigen
-kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
-Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst
-über seine Lage. &mdash; So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder
-an der Glocke! erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach
-an, aber sie mußten ihr laut zurufen, herabzusteigen, so erstarrt
-und versonnen saß sie da oben. Ja es erschien dann, als sie gleichgültig
+kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
+Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst
+über seine Lage. &mdash; So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder
+an der Glocke! erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach
+an, aber sie mußten ihr laut zurufen, herabzusteigen, so erstarrt
+und versonnen saß sie da oben. Ja es erschien dann, als sie gleichgültig
<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine Rache, eine wehmüthige
-Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
-und über roth. Sie wähnte sich <span class="em">vernachlässigt</span>, als eine arme
+die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine Rache, eine wehmüthige
+Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
+und über roth. Sie wähnte sich <span class="em">vernachlässigt</span>, als eine arme
vater- und mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch
jetzt hatte Johannes <span class="em">zuerst</span> den Fremden eingenommen, und nicht
-erst auf der Rückfahrt! So blieb sie, und auf wiederholten Zuruf
-schluchzte sie vollends vor Thränen und kehrte sich ab. &mdash;
-Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die Thränen
+erst auf der Rückfahrt! So blieb sie, und auf wiederholten Zuruf
+schluchzte sie vollends vor Thränen und kehrte sich ab. &mdash;
+Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die Thränen
trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt;
-und nun schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
+und nun schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
</p>
<p>Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab.
-Sie schwieg während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück
-auf die Fläche des Wassers, während die Männer hinüber ruderten.
+Sie schwieg während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück
+auf die Fläche des Wassers, während die Männer hinüber ruderten.
Sie brach voll brauner Knospen schimmernde Zweige von
-den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und warf sie in das
+den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und warf sie in das
Wasser, ohne sie anzusehen.
</p>
@@ -477,7 +442,7 @@ wie war mir diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger
gestorben; und auch bei ihm, wie oft hab&rsquo; ich geweint!
</p>
-<p>Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel.
+<p>Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel.
Es hat ihr auch das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren
nicht reich, aber wir liebten Dich! wir lieben Dich und sind
nun arm.
@@ -486,97 +451,97 @@ nun arm.
<p>Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
</p>
-<p>Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit
+<p>Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit
<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
Verwunderung betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt&rsquo;
-er. Schöne Mädchen müssen nicht so stolz, so eigensinnig sein!
-drohte er ihr sanft mit dem Finger. Dorothee wollte ihn böse ansehen;
+er. Schöne Mädchen müssen nicht so stolz, so eigensinnig sein!
+drohte er ihr sanft mit dem Finger. Dorothee wollte ihn böse ansehen;
aber es gelang ihr nicht: denn von einem freundlichen Blick
-getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er lächelte.
+getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er lächelte.
</p>
-<p><span class="em">Mir</span> ist nicht wohl, sagte er, daß ich <span class="em">jetzt</span> arm bin. Ich
+<p><span class="em">Mir</span> ist nicht wohl, sagte er, daß ich <span class="em">jetzt</span> arm bin. Ich
kann nicht einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten
danken!
</p>
-<p>Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich
+<p>Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich
mich geholt, wie er spricht. Oder nicht?
</p>
<p>Freilich! sagte Johannes.
</p>
-<p>So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an
+<p>So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an
die Kinder, schrieb sich Johannes Namen in seine Schreibtafel,
-drückte ihm die Hand, versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen
-lassen, schnitt einen Stock aus dem Haselgesträuch, ließ sich den
-Weg nach Groß-Breitenthal weisen und wanderte in die Berge.
+drückte ihm die Hand, versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen
+lassen, schnitt einen Stock aus dem Haselgesträuch, ließ sich den
+Weg nach Groß-Breitenthal weisen und wanderte in die Berge.
</p>
-<p>Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes
+<p>Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes
den Kahn an einen Stein in der Eile und der Freude befestigt,
abgezogen durch das Wiegen auf den Wellen &mdash; und jetzt war
-der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine Strömung und
+der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine Strömung und
schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die
-Fische! &mdash; Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die
-Ziege, setzte sich auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück
-für die Kinder.
+Fische! &mdash; Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die
+Ziege, setzte sich auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück
+für die Kinder.
</p>
<h3 class="no" id="no-3">3.</h3>
<p class="noindent">Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach
-Mittag seine Christel, die darin las; welches Winzerhäuschen in
+Mittag seine Christel, die darin las; welches Winzerhäuschen in
<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
den Weinbergen ist denn noch leer? oder wohin sollen wir wandern?
und was sollen wir anfangen?
</p>
-<p>Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser
-fest, und eine Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an.
+<p>Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser
+fest, und eine Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an.
Siehst Du nicht, fragte sie ihn, was darin steht? wenn Du auch
die Schrift nicht lesen kannst: so kannst Du doch in meinem Gesicht
lesen, was darin steht: Zufriedenheit und Vertrauen!
</p>
-<p>Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können
+<p>Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können
wir sie den Kindern geben als Brot?
</p>
<p>Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel.
-Dir muß man das anders sagen. Siehst Du, &mdash; zu <span class="em">deinem</span> armen
-Vater Frommholz können wir einmal nicht, da fern auch
-über den angeschwollenen Main, aber unter dem Lesen ist mir
-nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus
-in guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen
+Dir muß man das anders sagen. Siehst Du, &mdash; zu <span class="em">deinem</span> armen
+Vater Frommholz können wir einmal nicht, da fern auch
+über den angeschwollenen Main, aber unter dem Lesen ist mir
+nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus
+in guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen
hat. Er war ein schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn
-geleckt, wenn ihm ein &bdquo;Herr von&ldquo; die Hand gedrückt und sein erspartes
+geleckt, wenn ihm ein &bdquo;Herr von&ldquo; die Hand gedrückt und sein erspartes
Geld in eigner hoher Tasche nach Hause getragen. Doch
<span class="em">das</span> Geld hab&rsquo; ich ihm mit dem Voigt selber hinauf nach Breitenthal
getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den
-unser Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich
-mir hundert Mal abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich
+unser Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich
+mir hundert Mal abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich
brach in seinen Armen vor Scham und Schande und Jammer,
-und wer weiß vor was allem in Thränen aus und war gar nicht
+und wer weiß vor was allem in Thränen aus und war gar nicht
zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben, verdorben,
entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte
Herr sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung.
-Und die 1000 Gulden gehören von Gott und Recht laut Testament
+Und die 1000 Gulden gehören von Gott und Recht laut Testament
<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
nun mir. Darum wollen wir hinauf; denn unser Haus, das
-siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir es neu auf.
+siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir es neu auf.
</p>
<p>Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen
-entrichtet und behauptet, er hätt&rsquo; es dem Vater schon wieder bezahlt!
-lächelte Johannes.
+entrichtet und behauptet, er hätt&rsquo; es dem Vater schon wieder bezahlt!
+lächelte Johannes.
</p>
<p>Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan &mdash; als wir
noch Etwas hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, <span class="em">nun</span>
-wird er es nicht leugnen, nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß!
+wird er es nicht leugnen, nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß!
nun wir verarmt sind.
</p>
@@ -585,7 +550,7 @@ fast unmuthig.
</p>
<p>Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf
-dem Schooß in die Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage
+dem Schooß in die Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage
Du mir, Sophiechen, werden wir das Geld bekommen? Nein?
oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag&rsquo;! werden wir das Geld
bekommen?
@@ -594,13 +559,13 @@ bekommen?
<p>Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! &mdash;
</p>
-<p>Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat
+<p>Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat
es gesagt.
</p>
-<p>Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage
+<p>Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage
ja! &mdash; Ist denn das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine
-kluge Frau? Du wirst schon abergläubisch; das macht das Unglück!
+kluge Frau? Du wirst schon abergläubisch; das macht das Unglück!
meine gute Christel.
</p>
@@ -610,25 +575,25 @@ sagen, ist wahr.
<p>Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen
als hoffen. Im Dorfe kann uns Niemand helfen, Jeder braucht
-selber Hülfe. Es ist nicht zu weit hinauf, darum wollen wir noch
-vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt gesehen an der lieben
+selber Hülfe. Es ist nicht zu weit hinauf, darum wollen wir noch
+vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt gesehen an der lieben
<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein Häuschen,
-oder ein Stübchen haben der <a id="corr-1"></a><ins title="Originaltext: Barromäus">Borromäus</ins>. Es sind auch
+Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein Häuschen,
+oder ein Stübchen haben der <a id="corr-1"></a><ins title="Originaltext: Barromäus">Borromäus</ins>. Es sind auch
Wagen von Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren
-nun leer zurück, die nehmen die Kinder mit, und wir gehen.
+nun leer zurück, die nehmen die Kinder mit, und wir gehen.
</p>
<p>Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf
-durch den Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und
-weinte dann, wenn er die Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber
-sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß er das Ende der Zügel halten
+durch den Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und
+weinte dann, wenn er die Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber
+sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß er das Ende der Zügel halten
durfte.
</p>
<p>An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel
-heimlich zurück geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche
-Rettung und betete für die Zukunft. Johannes hatte es gesehen,
+heimlich zurück geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche
+Rettung und betete für die Zukunft. Johannes hatte es gesehen,
schlich hinzu und zog sie hinweg.
</p>
@@ -644,9 +609,9 @@ sagen &mdash; und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das kannst
Du mir glauben.
</p>
-<p>Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte
-sie fort, und nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen
-Jäger stehen, der dem Wagen nachsah.
+<p>Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte
+sie fort, und nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen
+Jäger stehen, der dem Wagen nachsah.
</p>
<p>Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe
@@ -656,173 +621,173 @@ gekommen.
<p>Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.
</p>
-<p>Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem
-Frageton! und mit stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe,
+<p>Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem
+Frageton! und mit stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe,
<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
den braunen Augen, den rothen Wangen, den vollen Armen ruhend,
-und dann in sich lächelnd, fragte er Johannes: Wo gedenkt
+und dann in sich lächelnd, fragte er Johannes: Wo gedenkt
Ihr denn hin? &mdash;
</p>
<p>Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem
-sie Geld zu erwarten hätten.
+sie Geld zu erwarten hätten.
</p>
-<p>Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas
-und bin in Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß
-ich nun freilich nichts; aber daß der alte Herr Schulden hat, viele,
-was man sagt: Gläubiger, die an ihn geglaubt haben, das singen
-die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das eine und dasselbe Präludium
+<p>Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas
+und bin in Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß
+ich nun freilich nichts; aber daß der alte Herr Schulden hat, viele,
+was man sagt: Gläubiger, die an ihn geglaubt haben, das singen
+die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das eine und dasselbe Präludium
des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage auf der
-Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
-einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört,
-daß er zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb &mdash;
-denn so heißt er &mdash; und das ist er auch wirklich, einst sagte: Mein
+Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
+einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört,
+daß er zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb &mdash;
+denn so heißt er &mdash; und das ist er auch wirklich, einst sagte: Mein
Sohn, lerne von mir! Ich spiele das chinesische Sackspiel, wo
-zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im Zimmer von der
-Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die Säcke, setzt
-sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken: bim
+zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im Zimmer von der
+Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die Säcke, setzt
+sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken: bim
baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden
-Sack, der ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder
-von den groben Säcken allen zur Seite noch von vorn und von
-hinten tüchtig getroffen zu werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß
-aus, von der unaufhörlichen Arbeit mit meinen sackgroben
-Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest, wenn auch mit tüchtigen
+Sack, der ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder
+von den groben Säcken allen zur Seite noch von vorn und von
+hinten tüchtig getroffen zu werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß
+aus, von der unaufhörlichen Arbeit mit meinen sackgroben
+Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest, wenn auch mit tüchtigen
blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet. &mdash; Doch
-ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert
+ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert
nur das Proxeneticum! &mdash; so sagt&rsquo; er und lachte. &mdash; Aber
-laßt das nur gut sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare
+laßt das nur gut sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare
<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
Brennerei angelegt, da das Getreide gar nicht gilt, und wenn
-er an den vielen Stückfässern sich nicht die Seligkeit an den Hals
+er an den vielen Stückfässern sich nicht die Seligkeit an den Hals
trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel schon bei lebendigem
-Leibe nur der <span class="em">selige Herr</span> im Dorfe heißt &mdash; und eine rothe
-Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage
+Leibe nur der <span class="em">selige Herr</span> im Dorfe heißt &mdash; und eine rothe
+Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage
braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er &mdash; wenn er
noch lange der selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen
-Jahren alle seine Gläubiger sich vom Halse gebrannt und
-wegdestillirt! Darum habt nicht gerade die größte Sorge, aber
-desto größere Geduld. &mdash;
+Jahren alle seine Gläubiger sich vom Halse gebrannt und
+wegdestillirt! Darum habt nicht gerade die größte Sorge, aber
+desto größere Geduld. &mdash;
</p>
<p>Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes &mdash;
</p>
-<p>&mdash; so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr?
-Gedanken sind zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das
+<p>&mdash; so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr?
+Gedanken sind zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das
ist ein prachtvoller Mann! dabei blickte er wieder auf Christel &mdash;
-und daß er eine Frau hat, das schadet nichts.
+und daß er eine Frau hat, das schadet nichts.
</p>
<p>Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.
</p>
-<p>Nun wie ich das meine! versetzt&rsquo; er. Die Frau ist so schön
-und brav, daß sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht,
-eben wenn ich bedenke, daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf
+<p>Nun wie ich das meine! versetzt&rsquo; er. Die Frau ist so schön
+und brav, daß sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht,
+eben wenn ich bedenke, daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf
Eins hinaus. &mdash;
</p>
-<p><span class="em">Diese</span> Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den
-Jäger das erste Mal freundlich anzusehen. &mdash;
+<p><span class="em">Diese</span> Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den
+Jäger das erste Mal freundlich anzusehen. &mdash;
</p>
<p>Nun kommt nur, kommt! ermuntert&rsquo; er sie. Bei uns ist kein
-Raum, auch im Dorfe wüßt&rsquo; ich eben keinen. Aber ich getraue
-mich bei dem gnädigen Gottlieb es zu verantworten, wenn ich
-Euch in ein leeres Häuschen weise. Bewohnt ist es nie gewesen, aber
-es ist zu bewohnen. Denn in dem einen Stübchen ist auch ein Ofen,
-daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an kalten Wintermorgen
-auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den Heerd
+Raum, auch im Dorfe wüßt&rsquo; ich eben keinen. Aber ich getraue
+mich bei dem gnädigen Gottlieb es zu verantworten, wenn ich
+Euch in ein leeres Häuschen weise. Bewohnt ist es nie gewesen, aber
+es ist zu bewohnen. Denn in dem einen Stübchen ist auch ein Ofen,
+daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an kalten Wintermorgen
+auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den Heerd
<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber
+des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber
in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die
-Vögel haben einen andern Strich genommen, das junge Holz ist
-zu hoch geworden, und auch der gnädige Gottlieb ist groß und
-hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben stehen noch die
-Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der Heerd
-war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald
-ein hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der
+Vögel haben einen andern Strich genommen, das junge Holz ist
+zu hoch geworden, und auch der gnädige Gottlieb ist groß und
+hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben stehen noch die
+Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der Heerd
+war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald
+ein hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der
Miethe thut Ihr ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein
-paar Jagddienste mit den Füßen.
+paar Jagddienste mit den Füßen.
</p>
<p>Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da
wollen wir hin!
</p>
-<p>Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm
+<p>Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm
zu dem Heerde vom Wege ab.
</p>
<h3 class="no" id="no-4">4.</h3>
-<p class="noindent">Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die
+<p class="noindent">Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die
Fensterladen auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen
-sei, und wie Alles eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges
+sei, und wie Alles eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges
bestaubte Werkzeug hervor, eine Axt, ein Schnittmesser
-und Stricke und Breter. Johannes stand mit gefalteten Händen
-noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel küßte ihn,
+und Stricke und Breter. Johannes stand mit gefalteten Händen
+noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel küßte ihn,
lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee,
was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein,
-oder schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus
-dem Bach, daß Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste!
-Worin man beinahe das halbe Leben zubringt, das muß bequem
+oder schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus
+dem Bach, daß Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste!
+Worin man beinahe das halbe Leben zubringt, das muß bequem
und weich und immer gut gemacht sein.
</p>
<p>Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder
<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-seinen Sitz auf dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und
+seinen Sitz auf dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und
das Brot langten noch morgen. Und als die Kinder, zeitig zu Bett
gegangen, schliefen, als das Feuer auf dem Kamin loderte und
-in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor Johannes hin, stützte
+in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor Johannes hin, stützte
sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist Du mir gut?
fragte sie ihn. &mdash; Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand
auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte
-sie fast weichmüthig. Sieh&rsquo; nur, wie herrlich die Kinder schlafen!
-und hast Du gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer.
+sie fast weichmüthig. Sieh&rsquo; nur, wie herrlich die Kinder schlafen!
+und hast Du gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer.
Nur Daniel weinte still und kehrte sich von mir, als er betete:
-&bdquo;unser täglich Brot gieb uns heut&rsquo;.&ldquo; <span class="em">Der</span> fängt schon an zu verstehen,
+&bdquo;unser täglich Brot gieb uns heut&rsquo;.&ldquo; <span class="em">Der</span> fängt schon an zu verstehen,
wie den Aeltern um&rsquo;s Herz ist! Morgen haben sie Alles
-vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind, was fehlt
-uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall;
-in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und
+vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind, was fehlt
+uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall;
+in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und
die Ernte will auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt.
-Das hört nicht auf, das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht
-auf! Das geht so fort wie eine Mühle. Und muß denn die Mühle
-<span class="em">unser</span> sein? Den meisten Menschen gehört sie ja nicht, sie gehört
-nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben bringen. In
-der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
+Das hört nicht auf, das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht
+auf! Das geht so fort wie eine Mühle. Und muß denn die Mühle
+<span class="em">unser</span> sein? Den meisten Menschen gehört sie ja nicht, sie gehört
+nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben bringen. In
+der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
<span class="em">Andern</span> arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns <span class="em">eigenes</span>
Brot. Nicht wahr, mein Johannes?
</p>
<p>Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen,
und so ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem
-Schooß. Und &mdash; fuhr sie dann lächelnd fort &mdash; wenn das Wasser
+Schooß. Und &mdash; fuhr sie dann lächelnd fort &mdash; wenn das Wasser
verlaufen ist, gehen wir hinab und sehen, was uns noch etwa geblieben,
-und was für Fische auf unsern Bäumen hängen!
+und was für Fische auf unsern Bäumen hängen!
</p>
<p>Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes;
<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-aber es ist Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest
-Du mich nicht trösten. Das hast Du nicht gewußt. Nun geh&rsquo;
+aber es ist Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest
+Du mich nicht trösten. Das hast Du nicht gewußt. Nun geh&rsquo;
nur auch zu Bett! sieh&rsquo;, Dorothee hat sich schon fortgeschlichen.
Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst recht lang werden.
</p>
-<p>Sie weiß, was sich <span class="em">schickt</span>, lächelte Christel. Wir sind ja
+<p>Sie weiß, was sich <span class="em">schickt</span>, lächelte Christel. Wir sind ja
Eheleute! &mdash;
</p>
<p>Versteh&rsquo; ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes.
-&mdash; Und Du mein <span class="em">lieber</span> Schelm, flüsterte Christel. &mdash;
+&mdash; Und Du mein <span class="em">lieber</span> Schelm, flüsterte Christel. &mdash;
Jugend ist doch Goldes werth! meinte Johannes; wer im Alter
arm ist, der ist wirklich arm! Lege an, Christel! &mdash; Der Kien ist
-alle; meinte sie lächelnd. &mdash; Du bist mein gutes Weib, sagte er;
-denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich Dich
+alle; meinte sie lächelnd. &mdash; Du bist mein gutes Weib, sagte er;
+denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich Dich
lieb habe von Herzen.
</p>
@@ -831,51 +796,51 @@ lieb habe von Herzen.
<h3 class="no" id="no-5">5.</h3>
-<p class="noindent">Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das
+<p class="noindent">Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das
Dorf. Dorothee blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem
-Herzen; aber ihr eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen
-durch das Mitleid mit vielen, vielen Menschen! Sie hörten
-schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und Geläut von Begräbnissen,
-die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß ihre
-Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd&rsquo; und Sand
-verschwemmt waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie
-bedauerten kaum, daß ihr Häuschen eingestürzt und der Boden
-ausgewühlt war, denn sie lebten, und ihre Kinder lebten alle! und
-drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach dem Andern ein,
+Herzen; aber ihr eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen
+durch das Mitleid mit vielen, vielen Menschen! Sie hörten
+schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und Geläut von Begräbnissen,
+die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß ihre
+Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd&rsquo; und Sand
+verschwemmt waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie
+bedauerten kaum, daß ihr Häuschen eingestürzt und der Boden
+ausgewühlt war, denn sie lebten, und ihre Kinder lebten alle! und
+drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach dem Andern ein,
um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die Menge
-der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich
+der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich
<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-still durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann
-hörten sie die Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel
+still durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann
+hörten sie die Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel
getraute sich kaum, ein Kind anzusehen, das seine Mutter verloren;
und sie bejammerte nur still im Geiste den Schmerz ihrer Kinder
um sie; &mdash; oder eine Mutter anzusehen, die ein Kind verloren,
-oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte ihrem Johannes
-zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,
+oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte ihrem Johannes
+zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,
wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott
-zu danken, so bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und
-so war sie doppelt reich und beglückt.
+zu danken, so bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und
+so war sie doppelt reich und beglückt.
</p>
<p>Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie
-noch zuvor auf der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las
-ein Körbchen voll allerhand Kleinigkeiten zusammen, die noch zu
+noch zuvor auf der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las
+ein Körbchen voll allerhand Kleinigkeiten zusammen, die noch zu
brauchen waren. Ihre Katze stellte sich ein, die Christel mitnahm,
und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges Schweinchen auf,
-das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei in
-den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob
-und ihr Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden.
-So gingen sie gestärkt durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier
-nichts mehr zu suchen sei, daß sie nicht <span class="em">das Beste</span> verloren hätten.
+das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei in
+den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob
+und ihr Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden.
+So gingen sie gestärkt durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier
+nichts mehr zu suchen sei, daß sie nicht <span class="em">das Beste</span> verloren hätten.
</p>
<p>Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt,
die Haare geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines
-weißes Bündel, das Dorothee nun unter den Arm nahm, welche
+weißes Bündel, das Dorothee nun unter den Arm nahm, welche
sie nur schien noch erwartet zu haben.
</p>
-<p>Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel
+<p>Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel
betreten.
</p>
@@ -885,72 +850,72 @@ will sie Euch erleichtern.
<p>Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das
<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-glaube gewiß! Was Viele mit Geduld und Lust ertragen, das
-ist kaum ein Unglück, so schwer es zu sein scheint, und so schwer
-es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich mich nun ausreden,
+glaube gewiß! Was Viele mit Geduld und Lust ertragen, das
+ist kaum ein Unglück, so schwer es zu sein scheint, und so schwer
+es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich mich nun ausreden,
wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja! sagtest,
-oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und
-wie werd&rsquo; ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen,
-schweigenden Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes
+oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und
+wie werd&rsquo; ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen,
+schweigenden Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes
von der Arbeit kommt? Du meinst es nicht gut mit uns,
nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee! sagte sie halb bittend.
</p>
<p>Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand
-reichen, ja sie küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu
+reichen, ja sie küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu
lassen.
</p>
-<p>Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes.
-Muß es denn sein? &mdash; <span class="em">Uns</span> gehst Du nichts an, wenn wir
+<p>Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes.
+Muß es denn sein? &mdash; <span class="em">Uns</span> gehst Du nichts an, wenn wir
Dich nichts angehen, Dorothee!
</p>
<p>Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte:
-daß Niklas hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer
+daß Niklas hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer
brauche, und so wolle sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.
</p>
<p>Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem
-Lächeln und meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär&rsquo;
-heut zu Tage was werth! und kein <span class="em">verwünschtes!</span> Ich weiß
+Lächeln und meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär&rsquo;
+heut zu Tage was werth! und kein <span class="em">verwünschtes!</span> Ich weiß
des Niklas Worte noch wohl. Ich seh&rsquo; nicht so dumm aus, als
ich bin!
</p>
-<p>Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man
-muß keinem Mädchen und keiner Frau Furcht machen vor einem
+<p>Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man
+muß keinem Mädchen und keiner Frau Furcht machen vor einem
Manne! das ist der verkehrte Weg, kann ich Dir sagen; in der
-Furcht regt sich das Böse und wächst wie die stachlige Wassernuß
-im Teiche. &mdash; Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie hat kein
+Furcht regt sich das Böse und wächst wie die stachlige Wassernuß
+im Teiche. &mdash; Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie hat kein
<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie <span class="em">wollen</span>.
+schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie <span class="em">wollen</span>.
Darauf kenn&rsquo; ich sie.
</p>
<p>Wird ihr das helfen? fragte Johannes.
</p>
-<p>Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.
+<p>Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.
</p>
-<p>&mdash; Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel
+<p>&mdash; Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel
wieder das Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst
in guten Tagen; jetzt hat sie noch schlechte Tage dazu und kann
-eher bei uns nun das Essen verlernen, als Nähen lernen. Beim
+eher bei uns nun das Essen verlernen, als Nähen lernen. Beim
Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug gehabt, Alles bequem,
-ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater, der
+ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater, der
sie <a id="corr-2"></a><ins title="Originaltext: glichsam">gleichsam</ins> von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da
ich in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will
vielleicht ihr eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und
-wir jetzt scheinen ihrer zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch
-vielleicht auf ein so schönes Glück als ihr Gesicht, wie irgend sonst
-ein Mädchen. Denn nicht die Reichen werden immer die Glücklichsten!
-selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles braucht ein
-Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.
+wir jetzt scheinen ihrer zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch
+vielleicht auf ein so schönes Glück als ihr Gesicht, wie irgend sonst
+ein Mädchen. Denn nicht die Reichen werden immer die Glücklichsten!
+selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles braucht ein
+Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.
</p>
-<p>Aber zu <span class="em">dienen</span> hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes.
+<p>Aber zu <span class="em">dienen</span> hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes.
Im eignen Hause die Tochter auferzogen, und aus der Mutter
Hand dem Manne anvertraut, das ist das Beste. &mdash; Ich habe
keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee und sahe Johannes
@@ -959,31 +924,31 @@ dabei an.
<p>Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte
Christel. Niemand dient ja um das liebe Brot und die Schuh&rsquo;
-und die Kleider! Sondern ein Mädchen sieht in fremden Häusern
+und die Kleider! Sondern ein Mädchen sieht in fremden Häusern
besser als in dem eignen, und mehr und anderes, wie die Wirthschaft
-geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und kleinen Geschäfte einer
-Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug <span class="em">ihr</span> Kinderzeug einst nähen, was
+geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und kleinen Geschäfte einer
+Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug <span class="em">ihr</span> Kinderzeug einst nähen, was
<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder Kuchen
zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und
denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden
-Willen folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die <span class="em">sie</span> gern äße, nicht
-<span class="em">so</span> zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte &mdash;
-früh aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen
+Willen folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die <span class="em">sie</span> gern äße, nicht
+<span class="em">so</span> zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte &mdash;
+früh aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen
wird, und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen
-gemacht, und es entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen,
-hören, sie lernt <span class="em">lernen</span>, selbst Unrecht erdulden und sich auch
-für Böses bedanken; kurz sie lernt eine <span class="em">Frau</span>, eine <span class="em">Mutter</span> werden.
+gemacht, und es entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen,
+hören, sie lernt <span class="em">lernen</span>, selbst Unrecht erdulden und sich auch
+für Böses bedanken; kurz sie lernt eine <span class="em">Frau</span>, eine <span class="em">Mutter</span> werden.
</p>
<p><span class="em">Das</span> kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht
arm, und werde bei diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich;
aber eh ich mein Kind von fremden Leuten &mdash; denn die eignen
-schämen sich &mdash; nur scheel ansehen, geschweige &mdash; &mdash; lieber noch
-schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber soll sie ihren Vater
+schämen sich &mdash; nur scheel ansehen, geschweige &mdash; &mdash; lieber noch
+schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber soll sie ihren Vater
nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine Schwester Martha
-Deinen Vater. Von Grund&rsquo; aus muß man reden! Das Drüberhin
-ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
+Deinen Vater. Von Grund&rsquo; aus muß man reden! Das Drüberhin
+ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
</p>
<p>Christel wendete sich ab und weinte!
@@ -991,17 +956,17 @@ ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
<p>Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie:
hast Du mich lieb? wie lieb denn? meine kleine Tochter! Und
-das Kind schlang die Händchen um seinen Hals und drückte ihn,
-daß es zitterte und keinen Athem hatte. &mdash; Der Vater weinte.
+das Kind schlang die Händchen um seinen Hals und drückte ihn,
+daß es zitterte und keinen Athem hatte. &mdash; Der Vater weinte.
</p>
<p>Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl!
-ich gehe. Ich danke Euch für Alles, auch für das!
+ich gehe. Ich danke Euch für Alles, auch für das!
</p>
<p>Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee!
sieh&rsquo;, hier schlag&rsquo; ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir
-laut und ohne Beben mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß
+laut und ohne Beben mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß
<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
sollst Du mir ihn immer lesen, wenn Du wieder zu uns kommst.
Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch leben?
@@ -1016,58 +981,58 @@ und laut den Vers:
</div>
<p class="noindent">Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie
-gehangen, und ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.
+gehangen, und ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.
</p>
<h3 class="no" id="no-6">6.</h3>
-<p class="noindent">Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten
-wurden gemacht, denn das Landesväterchen, oder der Ländchenvater
-sollte durch Breitenthal kommen und auf dem Schlosse übernachten.
-Niklas nämlich kam und nannte ihn so, weil ein Wolkenschatten
-sein Land schon überdecken konnte, und ladete Johannes
-ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld zusammen
-zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen
+<p class="noindent">Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten
+wurden gemacht, denn das Landesväterchen, oder der Ländchenvater
+sollte durch Breitenthal kommen und auf dem Schlosse übernachten.
+Niklas nämlich kam und nannte ihn so, weil ein Wolkenschatten
+sein Land schon überdecken konnte, und ladete Johannes
+ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld zusammen
+zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen
Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene
-schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die
-Gläubiger. Das Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt
+schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die
+Gläubiger. Das Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt
den Juden, so viel Procent sie begehren; denn Alles soll kostbar
-sein, und das Bett ist auch ein Prachtstück, so daß dem Prinzen
+sein, und das Bett ist auch ein Prachtstück, so daß dem Prinzen
schaudern wird, sich hinein zu legen! Da sind goldne Fransen
-von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel, kurz
+von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel, kurz
Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im
-Stande ist. Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft,
-da sagt er: mit nichts Ernsthaftem kann man einem Großen das
-Herz rühren; die Thränen lieben sie nicht, lachen müssen sie!
-Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der hat einen
+Stande ist. Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft,
+da sagt er: mit nichts Ernsthaftem kann man einem Großen das
+Herz rühren; die Thränen lieben sie nicht, lachen müssen sie!
+Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der hat einen
<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb
+Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb
hin und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde
sich ausgedacht, die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr
-und sich selbst präsentiren soll, wie noch keine andre Garde
-in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen niedergeschlagen
-bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht neben
+und sich selbst präsentiren soll, wie noch keine andre Garde
+in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen niedergeschlagen
+bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht neben
einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der <a id="corr-3"></a><ins title="Originaltext: ausgestoft">ausgestopft</ins>
-wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste
+wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste
vom Stamm geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe
-Stiefeln gesteckt, ihnen Hosen und Westen und Röcke angezogen,
-Masken vor, und Halsbinden umgebunden, und große Chakos
+Stiefeln gesteckt, ihnen Hosen und Westen und Röcke angezogen,
+Masken vor, und Halsbinden umgebunden, und große Chakos
aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und losbrennbare Flinten
-in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber wird
-eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus
+in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber wird
+eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus
und exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen.
Auch der Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus,
-wie ein separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche
-Flügelmann. Die rothbäckigen Masken dazu liegen schon im
+wie ein separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche
+Flügelmann. Die rothbäckigen Masken dazu liegen schon im
Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand, Pappen, Alles ist da, und der
Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern Abend, in zwei Etagen
-sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen Christophe ausmeubliren
-und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir
+sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen Christophe ausmeubliren
+und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir
einen wandernden Schuhmachergesellen, den <span class="em">Ronneburger</span>,
-aufgegabelt, der die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll,
+aufgegabelt, der die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll,
welcher, wenn die Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht,
-auf den Straßen wandert wie von sich selbst, einen Sporn am
-Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt, und die Gläser oben
+auf den Straßen wandert wie von sich selbst, einen Sporn am
+Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt, und die Gläser oben
zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer bessern Welt!
Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er Eins
<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
@@ -1078,34 +1043,34 @@ von Sagan, den Ehrenvers:
<div class="poem">
<p class="line">Unserm Hans von Sagan zu Ehren</p>
-<p class="line">Laßt die klingende Musicam hören!</p>
+<p class="line">Laßt die klingende Musicam hören!</p>
</div>
-<p class="noindent">Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron
-vom Ronneburger erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten
-wollt; wie der Hans von Sagan, ein Schuhmachergesell, in Königsberg,
-das belagert war, in der höchsten Noth einen Ausfall
+<p class="noindent">Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron
+vom Ronneburger erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten
+wollt; wie der Hans von Sagan, ein Schuhmachergesell, in Königsberg,
+das belagert war, in der höchsten Noth einen Ausfall
gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm das
Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne
unter klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht
-führen die Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig
+führen die Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig
im Schilde. &mdash; Und auch eine neue Chaussee wird gemacht, ein
-gerader Weg durch Dick und Dünn, auf jeder Seite ein Graben
+gerader Weg durch Dick und Dünn, auf jeder Seite ein Graben
gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg geworfen.
-Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt&rsquo; Ihr mit an der
+Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt&rsquo; Ihr mit an der
Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister
-Wecker die Inschriften macht, und der Gärtner die großen
-Buchstaben darauf aus Blumen. Der Daniel kann schon Kränze
-winden, und wenn Eure Christel nähen will, so kann sie mit
-helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da draußen
-machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen
-und trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal
-auf und tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen
-Frühstückchen aus.
-</p>
-
-<p>Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was
-Hände und Beine hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch
+Wecker die Inschriften macht, und der Gärtner die großen
+Buchstaben darauf aus Blumen. Der Daniel kann schon Kränze
+winden, und wenn Eure Christel nähen will, so kann sie mit
+helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da draußen
+machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen
+und trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal
+auf und tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen
+Frühstückchen aus.
+</p>
+
+<p>Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was
+Hände und Beine hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch
Arbeit aus, ich habe nicht Zeit dazu &mdash; Gott sei Dank!
</p>
@@ -1115,57 +1080,57 @@ So ging er. &mdash;
</p>
<p>Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte
-Christel fröhlich, als Niklas fort war.
+Christel fröhlich, als Niklas fort war.
</p>
-<p>Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt.
+<p>Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt.
Ist das Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld
-nicht mit Sünden? Und <span class="em">dazu</span> lassen vernünftige Menschen sich
+nicht mit Sünden? Und <span class="em">dazu</span> lassen vernünftige Menschen sich
brauchen und singen und jubeln dabei wie die Schneidergesellen
-und der Hans von Sagan! <span class="em">Dazu</span> müssen die Pferde sich fast
-um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als retteten sie
+und der Hans von Sagan! <span class="em">Dazu</span> müssen die Pferde sich fast
+um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als retteten sie
Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe, der
-Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
-lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige
+Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
+lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige
steht, und immer streicht &bdquo;G. D.! &mdash; D. G.! &mdash; G. D.!&ldquo; denn so
-viel hab&rsquo; ich davon gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf,
-dem er seine Perücke aufgesetzt, während die jungen Burschen
-um die Säule toben, daß man sein G. D.! &mdash; D. G.! kaum
-hört. Ei, so wollt&rsquo; ich die Baßgeige! Manchmal ward er aber auch
+viel hab&rsquo; ich davon gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf,
+dem er seine Perücke aufgesetzt, während die jungen Burschen
+um die Säule toben, daß man sein G. D.! &mdash; D. G.! kaum
+hört. Ei, so wollt&rsquo; ich die Baßgeige! Manchmal ward er aber auch
selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,
-daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun
-gar keine Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme
-Mann, und die hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die
-Bürschlein, die mit den Mädchen darum tanzen, ja selber der
+daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun
+gar keine Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme
+Mann, und die hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die
+Bürschlein, die mit den Mädchen darum tanzen, ja selber der
Branntwein ist nobler, als wer ihn trinkt, und ist es der selige
-Herr von Borromäus! &mdash; Ich lerne die Welt ganz anders ansehen,
+Herr von Borromäus! &mdash; Ich lerne die Welt ganz anders ansehen,
viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur sagen,
-Christel! Aber das seh&rsquo; ich auch, wenn sie denn gar so thöricht
-ist und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die
+Christel! Aber das seh&rsquo; ich auch, wenn sie denn gar so thöricht
+ist und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die
Puppen: so kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein
-Hasenfuß, eher wir, und am liebsten &mdash; ich. Den Pathen mit der
+Hasenfuß, eher wir, und am liebsten &mdash; ich. Den Pathen mit der
<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-Baßgeige vergess&rsquo; ich in meinem Leben nicht, und nun soll ich gar
-gehen: pappene Stiefel machen! Näh&rsquo; Du, was Du willst, Christel,
-wenn Dich&rsquo;s nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten
-zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten,
+Baßgeige vergess&rsquo; ich in meinem Leben nicht, und nun soll ich gar
+gehen: pappene Stiefel machen! Näh&rsquo; Du, was Du willst, Christel,
+wenn Dich&rsquo;s nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten
+zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten,
Jahre lang &mdash; ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! &mdash;
</p>
-<p>Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit
+<p>Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit
wird ja die Freude! Im Weinberg &mdash; was wird denn aus
-den mühselig bestellten Reben? Nicht wahr Trauben! süße Trauben;
-und was wird aus den mühsam gelesenen, mühsam gekelterten
+den mühselig bestellten Reben? Nicht wahr Trauben! süße Trauben;
+und was wird aus den mühsam gelesenen, mühsam gekelterten
Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! &mdash; Da hast
Du&rsquo;s! Nun schweig&rsquo; und besinne Dich. Denk&rsquo; an die Kinder,
-wenn Du am Wege schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns,
-flugs wird der Sand Dir von Golde sein! Die Großen verthun
-ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie wollen, wenn sie es nur
-verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet, sie können es
+wenn Du am Wege schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns,
+flugs wird der Sand Dir von Golde sein! Die Großen verthun
+ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie wollen, wenn sie es nur
+verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet, sie können es
nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und wir
Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem
-Pfriem, mit der Nadel, mit Säge und Hammer &mdash; was Jedem
-Gott in die Hände gegeben hat. Marsch, mache, daß Du zur <span class="em">Arbeit</span>
+Pfriem, mit der Nadel, mit Säge und Hammer &mdash; was Jedem
+Gott in die Hände gegeben hat. Marsch, mache, daß Du zur <span class="em">Arbeit</span>
kommst! Willst Du fort! lachte sie und ergriff im Scherz
die frischgemachte Kinderruthe.
</p>
@@ -1173,34 +1138,34 @@ die frischgemachte Kinderruthe.
<h3 class="no" id="no-7">7.</h3>
<p class="noindent">Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit
-der lieben häuslichen Frau langte er glücklich bis zum
+der lieben häuslichen Frau langte er glücklich bis zum
Feste, nach welchem das Lohn zusammen ausgezahlt werden sollte.
-An dem Morgen selbst mußte Christel mit helfen Blumen winden.
+An dem Morgen selbst mußte Christel mit helfen Blumen winden.
Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die bunten
<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf
-dem grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister <span class="em">Wecker</span>
+dem grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister <span class="em">Wecker</span>
hatte die Aufsicht. Als er aber sein Werk so prangen sah, war er
-überglücklich, und wie ein junger Schriftsteller in dem ersten
-Probebogen seines, so Gott will berühmten, Werks keinen Druckfehler
-sieht vor Hast und Entzücken: so sah er auch die Fehler des
+überglücklich, und wie ein junger Schriftsteller in dem ersten
+Probebogen seines, so Gott will berühmten, Werks keinen Druckfehler
+sieht vor Hast und Entzücken: so sah er auch die Fehler des
Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr und war
-ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
+ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
Seite, das SALU &mdash; &mdash; &mdash; gesehen. Richtig! sagt&rsquo; er, das wollt&rsquo;
-ich nur wissen! nun könnt&rsquo; Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes!
-Setzt nur die Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu
+ich nur wissen! nun könnt&rsquo; Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes!
+Setzt nur die Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu
Hause nachsehen, mein Fritz schreibt das Carmina. Es ist in rothen
Manschester gebunden, den ich aus Anstand von meiner Seligen
Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert &mdash; der
Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister
-für die bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige
-Herr bei erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges
-Schuldeputatholz an den Kopf, daß meine armen Herren
-Jungen im Winter &mdash; als wo sie bloß in die Schule gehen &mdash;
+für die bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige
+Herr bei erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges
+Schuldeputatholz an den Kopf, daß meine armen Herren
+Jungen im Winter &mdash; als wo sie bloß in die Schule gehen &mdash;
nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im Stocke.
-Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen!
-und von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände
-zu wärmen, aus Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende
+Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen!
+und von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände
+zu wärmen, aus Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende
die Finger auf! bei Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur
Eure Buchstaben ohne Conrector.
</p>
@@ -1210,77 +1175,77 @@ ihn Johannes.
</p>
<p>Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit
-Augen und Händen und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen
+Augen und Händen und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen
<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-großen wohlriechenden Anfangsbuchstaben ihres Namens;
-Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein Mädchen hatte ein
-E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R, und
-sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,
+großen wohlriechenden Anfangsbuchstaben ihres Namens;
+Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein Mädchen hatte ein
+E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R, und
+sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,
ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit
umher. Wollt&rsquo; Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte
-Johannes, ich verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb
-kommt dort geritten! &mdash; So blieben denn plötzlich die Kinder
+Johannes, ich verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb
+kommt dort geritten! &mdash; So blieben denn plötzlich die Kinder
stehen auf der Seite, wo jedes eben mit seinen Buchstaben
-war, legten sie still in die Reihe und die Lücken, wie es eben kam,
+war, legten sie still in die Reihe und die Lücken, wie es eben kam,
und schlichen sich fort.
</p>
-<p>Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen
-entgegen zu reiten, und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche
-in Galla, mit aufgesetzten Büchsen. Ein Blick von Niklas
+<p>Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen
+entgegen zu reiten, und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche
+in Galla, mit aufgesetzten Büchsen. Ein Blick von Niklas
auf seinen Herrn, und dieser hielt vor Christel, die vor ihm auf
-dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie erhub sich aber
-nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und sie
-ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet
-in ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den
-Händen, und andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine,
-die junge gnädige Frau, kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte
-und schlich sich dann mit gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee
-aber grüßte kaum ihre Christel, ja es schien sie zu verdrießen,
-daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie es gehe?
+dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie erhub sich aber
+nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und sie
+ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet
+in ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den
+Händen, und andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine,
+die junge gnädige Frau, kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte
+und schlich sich dann mit gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee
+aber grüßte kaum ihre Christel, ja es schien sie zu verdrießen,
+daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie es gehe?
</p>
-<p>Laß sie nur heut&rsquo;, sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu
-uns und spricht mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
+<p>Laß sie nur heut&rsquo;, sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu
+uns und spricht mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
</p>
-<p>Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei,
-standen und gingen dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze
+<p>Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei,
+standen und gingen dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze
en parade zu sehen.
</p>
<p>
<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen,
+Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen,
Schritt vor Schritt auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die
Pferde schwitzten wie aus dem Wasser gezogen. Der Wirbel der
-großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht, war bis ins Dorf
-zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem Ländchenvater
-glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
+großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht, war bis ins Dorf
+zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem Ländchenvater
+glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
Pyramide.
</p>
<p>Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten
-Setzfehler bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und
+Setzfehler bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und
schreiben konnte. Er hatte, wie er angewiesen, die Buchstaben
-zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der Pyramide, was auf
+zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der Pyramide, was auf
jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender hatte auf
schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte
-hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren
-zum Glück dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich,
-daß aus dem höflichen &bdquo;SALUTEM&ldquo; ein im Zusammenhange
+hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren
+zum Glück dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich,
+daß aus dem höflichen &bdquo;SALUTEM&ldquo; ein im Zusammenhange
mit dem folgenden Worte recht grobes &bdquo;SALUTATE&ldquo; geworden,
-und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert
-war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends
-das N in das EX VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert
-mit den Kinderfüßen, und das zweite O darin mit dem
-H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun rührend anschimmerte:
+und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert
+war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends
+das N in das EX VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert
+mit den Kinderfüßen, und das zweite O darin mit dem
+H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun rührend anschimmerte:
&bdquo;EX NOTH.&ldquo; &mdash; Das letzte O aus dem &bdquo;Bono,&ldquo;
das nun abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder
Corrector in das verwirrte &bdquo;G Breitenthal&ldquo; gemischt, so viel
-davon noch übrig gewesen, und so flehte ihn nun hier auf dieser
-Seite an: O GIB THALER. Ja die mit römischen Buchstaben
-ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit Tausend
+davon noch übrig gewesen, und so flehte ihn nun hier auf dieser
+Seite an: O GIB THALER. Ja die mit römischen Buchstaben
+ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit Tausend
multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben
<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
die <span class="em">Summe</span> von wenigstens Einer Million und achtmalhundert
@@ -1288,83 +1253,83 @@ tausend Thalern an. &mdash;
</p>
<p>Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und
-hinterließ am andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den
-seligen Herrn, das er offen in die offenen Hände seines Wirthes
+hinterließ am andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den
+seligen Herrn, das er offen in die offenen Hände seines Wirthes
gegeben, folgenden Inhalts:
</p>
-<p>Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes
+<p>Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes
und pyramidales Memorial gelesen. Resolution: &bdquo;Abgeschlagen.&ldquo;
</p>
-<p class="xind">Gründe:
+<p class="xind">Gründe:
</p>
-<p>Tausend, außer diesem!
+<p>Tausend, außer diesem!
</p>
<p>Ich kenne keine <span class="em">bessern</span> Zeiten, als die <span class="em">schlechten</span>. Was
-kein ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit
-Macht: Sie machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus
-und die Unzahl eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie
+kein ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit
+Macht: Sie machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus
+und die Unzahl eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie
setzen das Volk in den wahren menschlichen, so genannten <span class="em">vorigen</span>
-Stand zurück und, gebe Gott, wieder ein, und in integrum!
+Stand zurück und, gebe Gott, wieder ein, und in integrum!
Ich sage es offen, und mein Abgabensystem, alle meine Handlungen
beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der Reichen,
-die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen
-vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble
+die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen
+vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble
Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein
-Hauswesen erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen &mdash;
-Wer hat in den verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig
+Hauswesen erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen &mdash;
+Wer hat in den verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig
<span class="em">weniger</span> gegeben als die Reichen? Wer <span class="em">mehr</span>
gegeben als die Armen? Vom <span class="em">Thun</span> wollen Wir gar nicht reden!
&mdash; Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf &mdash; sondern: Jeder
Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus &mdash; versteht
-sich Alles nicht in den Topf &mdash; und dann die Hände gerührt!
+sich Alles nicht in den Topf &mdash; und dann die Hände gerührt!
<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-So soll es sein, und <span class="em">so</span> muß es werden, so <span class="em">wird</span> es, o
-Gott, durch die himmlischen &mdash; schlechten Zeiten. Ich bin außer
+So soll es sein, und <span class="em">so</span> muß es werden, so <span class="em">wird</span> es, o
+Gott, durch die himmlischen &mdash; schlechten Zeiten. Ich bin außer
mir, vor wahrer menschlicher Freude. &bdquo;Honni soit qui mal y
pense!&ldquo; Sind die schlechten Zeiten nicht die besten? &mdash; Resolution:
-Ja! &mdash; Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich
-laut Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt,
-mit großen Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande,
-und Sie sind mir erst doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie
+Ja! &mdash; Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich
+laut Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt,
+mit großen Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande,
+und Sie sind mir erst doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie
umarmen als nun ganz den <span class="em">Meinigen</span>, der Mich und Meine
-Intentionen verstanden und sie praktisch ausgeführt! Mir zur
+Intentionen verstanden und sie praktisch ausgeführt! Mir zur
Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung
-verdient, nämlich nach unserm System: <span class="em">Nichts</span>, und daß ich Sie
-ganz <span class="em">fallen</span> lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben
+verdient, nämlich nach unserm System: <span class="em">Nichts</span>, und daß ich Sie
+ganz <span class="em">fallen</span> lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben
Ihnen zu wohnen, wenn Sie nur <span class="em">ein</span> Haus, ein Weib, ein
-Feld um das Haus haben und die Hände rühren &mdash; und weiter nichts
-(scilicet haben)! Das wünsche Ich und flehe Ich vom Himmel
-tagtäglich jedem Reichen <span class="em">nur!</span> jedem Armen <span class="em">auch!</span> So hebt sich
-der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem
-frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen
+Feld um das Haus haben und die Hände rühren &mdash; und weiter nichts
+(scilicet haben)! Das wünsche Ich und flehe Ich vom Himmel
+tagtäglich jedem Reichen <span class="em">nur!</span> jedem Armen <span class="em">auch!</span> So hebt sich
+der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem
+frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen
Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus &mdash; Armen-Liebe.
<span class="em">Jetzt:</span> Armen-Liebe, aber dann: <span class="em">Menschen</span>-Liebe.
-Das sind die glücklichen Männer, die eine Frau nicht zum Staate
+Das sind die glücklichen Männer, die eine Frau nicht zum Staate
brauchen, sondern in deren Hause sie die Hausfrau ist und alle
-Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller, Garten und
-Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch
-die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen,
+Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller, Garten und
+Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch
+die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen,
nachsehen, <span class="em">ob</span> etwas &mdash; und tadeln, <span class="em">wie</span> etwas gemacht ist, das
-heißt <span class="em">bei Gott</span> nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich,
-wie ein braves Weib ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß
+heißt <span class="em">bei Gott</span> nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich,
+wie ein braves Weib ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß
<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
macht, die Unsitte und das Wohlgefallen an den unmenschlichen
-Dingen und Sachen! Jetzt träumen die Menschen alles
-Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe, kurz
+Dingen und Sachen! Jetzt träumen die Menschen alles
+Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe, kurz
geradezu Alles &mdash; nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen
&mdash; nur nicht das Menschliche! Wann wird doch <span class="em">die</span> Phantasie
einmal das Volk anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der
Komet! der Komet! guten Wein wird er machen, sprechen die
-Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute Menschen,
+Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute Menschen,
rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu
Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her,
-nämlich von dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt
-hat und mir die schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der
-Schlüssel zu mir. Ihm folg&rsquo; ich, und ihn befolg&rsquo; ich. Das zu
+nämlich von dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt
+hat und mir die schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der
+Schlüssel zu mir. Ihm folg&rsquo; ich, und ihn befolg&rsquo; ich. Das zu
<span class="em">Ihnen</span> gesagt.
</p>
@@ -1374,22 +1339,22 @@ Schlüssel zu mir. Ihm folg&rsquo; ich, und ihn befolg&rsquo; ich. Das zu
<p>Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden &mdash;
meine Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore
doch nichts. Diese Revue hat mir <span class="em">meine</span> erspart! Man
-kann nicht Soldaten <span class="em">machen</span>, nicht <span class="em">ansäen</span> wie Fichten und
+kann nicht Soldaten <span class="em">machen</span>, nicht <span class="em">ansäen</span> wie Fichten und
<span class="em">einhegen</span> &mdash; <span class="em">das</span> haben Sie Mir gezeigt, und verdienen eine
-Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann fortlaufen,
-übergehen, sich schlecht schlagen &mdash; aber hab&rsquo; ich die <span class="em">Meinung</span>
-für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben
-will: so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten,
-und meine Leute lassen sich geradezu todtschlagen für mich.
-Was will ich mehr? sagen Sie selbst, von Borromäus! Ich danke also
-nochmals von ganzem Herzen, Sie haben meinem Ländchen Millionen
-erspart und tausend Hände und Beine geschenkt, ditto viel
+Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann fortlaufen,
+übergehen, sich schlecht schlagen &mdash; aber hab&rsquo; ich die <span class="em">Meinung</span>
+für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben
+will: so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten,
+und meine Leute lassen sich geradezu todtschlagen für mich.
+Was will ich mehr? sagen Sie selbst, von Borromäus! Ich danke also
+nochmals von ganzem Herzen, Sie haben meinem Ländchen Millionen
+erspart und tausend Hände und Beine geschenkt, ditto viel
<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister,
-Westen, Mäntel &mdash; die Knöpfe nicht zu vergessen!
+Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister,
+Westen, Mäntel &mdash; die Knöpfe nicht zu vergessen!
</p>
-<p>An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es
+<p>An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es
sagt es Ihnen gern
</p>
@@ -1401,13 +1366,13 @@ Hannes<br />
Manu propria.
</p>
-<p>Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er
+<p>Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er
vor dem Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen
-hatte und den Beweis führen sollte, daß er <span class="em">nicht</span> lesen und
-<span class="em">nicht</span> schreiben könne! Der außerordentlich gewandte Mann wußte
+hatte und den Beweis führen sollte, daß er <span class="em">nicht</span> lesen und
+<span class="em">nicht</span> schreiben könne! Der außerordentlich gewandte Mann wußte
in diesem Fall selber einmal nicht, wie er ihm das Lesen und
-Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und Buch
-und Feder und Hand das <span class="em">nicht</span> zu beweisen vermöge. Seine Praxis
+Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und Buch
+und Feder und Hand das <span class="em">nicht</span> zu beweisen vermöge. Seine Praxis
war hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter,
worauf man jeden Unschuldigen schuldig finden konnte &mdash; ad
Collubitum. Aus Desperation ward also der Schulmeister Wecker
@@ -1416,8 +1381,8 @@ im Urtheil stand.
</p>
<p>Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur &mdash; Strafe
-&mdash; kein Lohn für alle wochenlange Arbeit. Das war das
-Schlimmste für ihn, seine Christel und die Kinder, und ein wahrer
+&mdash; kein Lohn für alle wochenlange Arbeit. Das war das
+Schlimmste für ihn, seine Christel und die Kinder, und ein wahrer
Schlag in den Vogelheerd.
</p>
@@ -1425,26 +1390,26 @@ Schlag in den Vogelheerd.
<p class="noindent">Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute
Christel, sagt&rsquo; er, Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut
-mir leid, daß Du mich geheirathet hast, daß Du des Wochentags
+mir leid, daß Du mich geheirathet hast, daß Du des Wochentags
<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
in Sonntagskleidern gehen sollst, Du armer Schelm! Unsere
-Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke, die da
-zu stecken sind; da geh&rsquo; ich nun hin und muß Dich die ganze
-Woche über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber
-wenn ich Reben schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann
+Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke, die da
+zu stecken sind; da geh&rsquo; ich nun hin und muß Dich die ganze
+Woche über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber
+wenn ich Reben schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann
ich mir denken, wie es daheim um Deine Augen aussieht! Du
armer Schelm! &mdash;
</p>
<p>Wein&rsquo; ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren
-großen braunen Augen an, die sich regten und feucht glänzten.
+großen braunen Augen an, die sich regten und feucht glänzten.
</p>
-<p>Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt&rsquo; er.
+<p>Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt&rsquo; er.
</p>
-<p>Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst,
-es thue Dir leid, daß Du mich geheirathet hast.
+<p>Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst,
+es thue Dir leid, daß Du mich geheirathet hast.
</p>
<p>Sie weinte nun wirklich sanft.
@@ -1453,77 +1418,77 @@ es thue Dir leid, daß Du mich geheirathet hast.
<p>Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.
</p>
-<p>Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur
+<p>Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur
ruhig.
</p>
-<p>Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon
+<p>Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon
sind, seufzte Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu
-einer Arbeitsjacke, ich schäme mich sonst so im Staate.
+einer Arbeitsjacke, ich schäme mich sonst so im Staate.
</p>
-<p>Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln
-bekommt der kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber,
-daß Du sprichst, wir könnten nicht unglücklicher werden &mdash; das
-sage nicht! Da hätte der Himmel noch viel! Bitte lieber, daß wir
-so glücklich bleiben!
+<p>Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln
+bekommt der kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber,
+daß Du sprichst, wir könnten nicht unglücklicher werden &mdash; das
+sage nicht! Da hätte der Himmel noch viel! Bitte lieber, daß wir
+so glücklich bleiben!
</p>
-<p>So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das
+<p>So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das
dem Kinde nur bis an die Kniee ging, und Johannes war nun
die ganze Zeit in den Weinbergen und kam nur Sonnabend nach
-Hause. Das wußte nun Niklas.
+Hause. Das wußte nun Niklas.
</p>
-<p>Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit
+<p>Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit
<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
dem Pferde vor ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger
-Zeit erst, hatt&rsquo; er sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit
+Zeit erst, hatt&rsquo; er sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit
und anscheinenden Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu
-sehen und ihr nahe zu kommen und ihr einige Wörtchen aus seinem
-bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das Häuschen von
+sehen und ihr nahe zu kommen und ihr einige Wörtchen aus seinem
+bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das Häuschen von
einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und ungesehen
-nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und
+nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und
im saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen.
Sie sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf
einmal die ganze Gewalt seiner Zaubererscheinung empfinden!
-Er reichte ihr schon in Gedanken die Hand hin, die sie ihm küssen
-würde &mdash; er würd&rsquo; es verweigern. &mdash; Sie sollte in höchster Verlegenheit
-sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal den
+Er reichte ihr schon in Gedanken die Hand hin, die sie ihm küssen
+würde &mdash; er würd&rsquo; es verweigern. &mdash; Sie sollte in höchster Verlegenheit
+sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal den
Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe
im Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern
-Schürze, mit weißen feinern Strümpfen wieder hervorkommen
-und sich gar nicht über die Erniedrigung und hohe Gnade zu
-gute geben können, daß der gnädige Gottlieb ihre &mdash; seine &mdash;
-niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum unvergeßlichen
+Schürze, mit weißen feinern Strümpfen wieder hervorkommen
+und sich gar nicht über die Erniedrigung und hohe Gnade zu
+gute geben können, daß der gnädige Gottlieb ihre &mdash; seine &mdash;
+niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum unvergeßlichen
Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die
Kinder ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt
stellten; darauf sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden;
-dann wollt&rsquo; er ihre Hand fassen, sie drücken, sie halten und
-sagen: So ein schönes Weib ist der alberne Johannes gar nicht
-werth! Wie glücklich würd&rsquo; ich sein, an seiner Stelle! &mdash; Dann
+dann wollt&rsquo; er ihre Hand fassen, sie drücken, sie halten und
+sagen: So ein schönes Weib ist der alberne Johannes gar nicht
+werth! Wie glücklich würd&rsquo; ich sein, an seiner Stelle! &mdash; Dann
wollt&rsquo; er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen: Wir
-müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich
+müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich
bezaubert! Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich
-Dich gesehen, die Blumen im Schooß. &mdash; Dann wand er einen
+Dich gesehen, die Blumen im Schooß. &mdash; Dann wand er einen
<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
Arm leise und vorsichtig um ihren schlanken Leib &mdash; sie bebte, sie
-zitterte mit den Knieen. Dann küßte er sie, ein Mal, zwei Mal,
-drei Mal &mdash; dann fühlte er leise einen nur angedeuteten Kuß
-wieder, dann küßte sie deutlicher, länger &mdash; dann sog er an ihren
-Lippen &mdash; dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? &mdash; Aber
-sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich
-bin ja nur ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer,
+zitterte mit den Knieen. Dann küßte er sie, ein Mal, zwei Mal,
+drei Mal &mdash; dann fühlte er leise einen nur angedeuteten Kuß
+wieder, dann küßte sie deutlicher, länger &mdash; dann sog er an ihren
+Lippen &mdash; dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? &mdash; Aber
+sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich
+bin ja nur ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer,
vornehmer Herr, Sie werden sich ja nicht zu mir herablassen. &mdash;
-Du bist ein Närrchen! sagt&rsquo; er. Deinetwegen bin ich allein gekommen!
+Du bist ein Närrchen! sagt&rsquo; er. Deinetwegen bin ich allein gekommen!
Bin ich nicht hier? Hast Du mich nicht? &mdash; Aber Sie
-haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! &mdash; Und Du einen
-grämlichen, einfältigen Mann! &mdash; Und nun schämte sich Christel,
-fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte
-über die Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie
-geküßt, und glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd,
+haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! &mdash; Und Du einen
+grämlichen, einfältigen Mann! &mdash; Und nun schämte sich Christel,
+fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte
+über die Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie
+geküßt, und glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd,
beklommen und bewundernd in die Augen, als seine ganz
-unterthänige Magd, der geschehe, wie er gesagt hat. &mdash;
+unterthänige Magd, der geschehe, wie er gesagt hat. &mdash;
</p>
<p>Oder:
@@ -1532,87 +1497,87 @@ unterthänige Magd, der geschehe, wie er gesagt hat. &mdash;
<p>War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn,
wenn er <span class="em">kam</span>, nur an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er
fortging, und sah&rsquo; sie ihm nach &mdash; bat sie ihn wieder zu kommen
-&mdash; sah er sich genöthigt, die Schule mit ihr durch zu machen, so
-gab er große Lectionen auf einmal, und die Schülerin schritt mit
-großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, aller Mitteltinten
-der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe
+&mdash; sah er sich genöthigt, die Schule mit ihr durch zu machen, so
+gab er große Lectionen auf einmal, und die Schülerin schritt mit
+großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, aller Mitteltinten
+der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe
hier auf dem Heerde immer mit <span class="em">denselben</span> Disteln hundert
-schöne Stieglitze nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen
+schöne Stieglitze nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen
immer nur mit frisch eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war
<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-er überzeugt, daß dieselben Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit
-auch dieß Mal heilen würden.
+er überzeugt, daß dieselben Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit
+auch dieß Mal heilen würden.
</p>
-<p>Er lächelte nur &mdash; auch über das Weib, sah, ob er Gold in
-der Weste habe, fühlte <span class="em">seinen getreuen</span> Dukaten, den Armerleuts-Augenblender,
+<p>Er lächelte nur &mdash; auch über das Weib, sah, ob er Gold in
+der Weste habe, fühlte <span class="em">seinen getreuen</span> Dukaten, den Armerleuts-Augenblender,
erst richtig darin, und ging nun sicher die
letzten Schritte fast zu rasch.
</p>
-<p>So öffnet&rsquo; er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das
+<p>So öffnet&rsquo; er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das
junge Weib &mdash; Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes
-Brot darauf, und ein blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl;
-ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem Fenster, in der Wiege
+Brot darauf, und ein blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl;
+ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem Fenster, in der Wiege
am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief ihn an:
-&bdquo;Du Dieb! Du Dieb!&ldquo; Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte,
-trat er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz
-übersehen. Das Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und
-fiel über ein irdenes Näpfchen mit Milch für die Kinder her. Der
-Staar flog auf den Rücken des Windspiels und pickte in ihn hinein.
+&bdquo;Du Dieb! Du Dieb!&ldquo; Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte,
+trat er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz
+übersehen. Das Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und
+fiel über ein irdenes Näpfchen mit Milch für die Kinder her. Der
+Staar flog auf den Rücken des Windspiels und pickte in ihn hinein.
Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar fiel todt
auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen
-Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn
+Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn
auch Christel aus der Kammer herein, die Gelte in der Hand.
</p>
-<p>Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es
-erst und schalt dann Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben,
-während sie gemolken, und das Alles, als wenn der gnädige Herr
-gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und reichte ihm die Hand
+<p>Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es
+erst und schalt dann Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben,
+während sie gemolken, und das Alles, als wenn der gnädige Herr
+gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und reichte ihm die Hand
und fragte, was er bringe? &mdash; denn zu holen ist bei uns nichts,
-wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.
+wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.
</p>
<p>Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das
-Gespräch, und so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene
+Gespräch, und so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene
Reden, die er vorher in seinem Herzen gehalten. Und das Alles
<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-sehr allmälig und langsam, oft inne haltend und mit den Augen
+sehr allmälig und langsam, oft inne haltend und mit den Augen
forschend, bis er Johannes albern genannt. &mdash; Aber da brach
-Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
+Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel
zuvor, mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach
dem Andern bot und zuletzt auf das Brot legte.
</p>
<p>Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm&rsquo; ich nicht wieder!
-versetzt&rsquo; er im Gehen mit Drohen und Lächeln.
+versetzt&rsquo; er im Gehen mit Drohen und Lächeln.
</p>
<p>Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel
-und drückte und küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er
-zuvor im Geiste gesehen. Mein Johannes könnte wieder nicht zu
+und drückte und küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er
+zuvor im Geiste gesehen. Mein Johannes könnte wieder nicht zu
Hause sein &mdash; Sie sind verrufen, und wenn mich Jemand aus
-dem Dorfe anlachte: so nähm&rsquo; ich mir gleich das Leben! Dabei
-drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm
+dem Dorfe anlachte: so nähm&rsquo; ich mir gleich das Leben! Dabei
+drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm
scheiden solle.
</p>
-<p>Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht
-für ihn, daß er ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie
-krank seine Gemahlin sei, aus stillem Gram über ihn. Es ward
-ihm schwül unter dem Dache, er sah von Weitem den handfesten
+<p>Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht
+für ihn, daß er ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie
+krank seine Gemahlin sei, aus stillem Gram über ihn. Es ward
+ihm schwül unter dem Dache, er sah von Weitem den handfesten
Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn es war
Sonnabend, und so legt&rsquo; er den Finger auf den Mund und ging
ohn&rsquo; ein Wort, und der Hund boll um ihn her.
</p>
-<p>Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen
-trocknete und ihn wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige,
-unergründliche Heiterkeit aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann
+<p>Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen
+trocknete und ihn wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige,
+unergründliche Heiterkeit aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann
sah er das Gold auf dem Brote, glaubte zu verstehen und sagte:
-der Niklas hat doch vielleicht recht, der gnädige Gottlieb ist doch
+der Niklas hat doch vielleicht recht, der gnädige Gottlieb ist doch
gut! Aber Almosen &mdash; Almosen, auch von Golde, verzeih&rsquo; mir
<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst
@@ -1620,89 +1585,89 @@ Du anders? &mdash;
</p>
<p>Freilich denk&rsquo; ich anders, sagte sie; ich hab&rsquo; es gar nicht gesehen!
-Mein Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht
+Mein Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht
wahr, so wohlfeil verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht;
-um gar keins! die Kinder nicht, die dann nicht mehr mein wären,
+um gar keins! die Kinder nicht, die dann nicht mehr mein wären,
und das gute Gewissen, und die Seligkeit.
</p>
<p>Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe
-Dich, ich hab&rsquo; ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du
-bist eine brave Frau, daß Du mir das sagst; denn eine brave
-Frau muß nicht solche schändliche Dinge dem Manne verschweigen,
+Dich, ich hab&rsquo; ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du
+bist eine brave Frau, daß Du mir das sagst; denn eine brave
+Frau muß nicht solche schändliche Dinge dem Manne verschweigen,
aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu ersparen.
Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude.
-Es ist nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir
+Es ist nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir
haben ja sonst nichts.
</p>
<p>Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem
Heerde nicht, und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das
-ist mir hier gar nicht wie die Erde mehr unter meinen Füßen.
+ist mir hier gar nicht wie die Erde mehr unter meinen Füßen.
</p>
-<p>Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen
-bösen Dingen ist das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft.
+<p>Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen
+bösen Dingen ist das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft.
Wir ziehen fort, ins Dorf! Ich will noch heute gehen! und dem
Niklas will ich es sagen warum, wenn er mich fragt, sonst auch nicht.
</p>
<p>Aber, mein Johannes, geh&rsquo; nur nicht zu einem Wohlhabenden
-ins Haus! bat sie ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine
-Ente neben sich brüten; die Sperlinge beißen die Schwalbe aus
-ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen darunter, aber das
-schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht, und der
+ins Haus! bat sie ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine
+Ente neben sich brüten; die Sperlinge beißen die Schwalbe aus
+ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen darunter, aber das
+schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht, und der
Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen
der paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht;
<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-er hat immer, weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern
+er hat immer, weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern
auf den Herrn vertraut, der ihm das gegeben, und so hat er
-auch in der Noth für einen Andern. Und wer uns nur manchmal
+auch in der Noth für einen Andern. Und wer uns nur manchmal
bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der verdient
sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche,
wo die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.
</p>
<p>Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus
-Baumrinde für seinen armen Dieb, die Kinder sangen und trugen
+Baumrinde für seinen armen Dieb, die Kinder sangen und trugen
ihn zu Grabe, machten ein kleines Grab von Rasen, setzten
-ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von Vergißmeinnicht
+ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von Vergißmeinnicht
daran und weinten sich satt.
</p>
-<p>Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück,
+<p>Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück,
er sang nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends
noch da. Und so nahmen ihn die Kinder wieder aus seiner kleinen
Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und begruben ihn wieder,
alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die Mutter
-ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn
+ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn
suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.
</p>
<h3 class="no" id="no-9">9.</h3>
-<p class="noindent">Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie
-wären glücklich gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder
-gehofft hätten! So gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold,
-und die Armuth nur drückend, wenn man reicher sein will. Der
-Zwiespalt im Innern befängt den Menschen, und er machte auch
-Johannes blind über das Glück, das er hatte, und er konnte nicht
-Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus der
-einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
+<p class="noindent">Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie
+wären glücklich gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder
+gehofft hätten! So gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold,
+und die Armuth nur drückend, wenn man reicher sein will. Der
+Zwiespalt im Innern befängt den Menschen, und er machte auch
+Johannes blind über das Glück, das er hatte, und er konnte nicht
+Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus der
+einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
</p>
<p>So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als
<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
der Gerichtsbote zu ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes
-Geld für Kosten bezahlen mußten, und Christel das Siegel
-der Zufertigung erbrach und las: daß der selige Herr <span class="em">geschworen!</span>
-Christel hatte nicht schwören wollen, da ihr der Gerichtshalter
+Geld für Kosten bezahlen mußten, und Christel das Siegel
+der Zufertigung erbrach und las: daß der selige Herr <span class="em">geschworen!</span>
+Christel hatte nicht schwören wollen, da ihr der Gerichtshalter
in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so
-heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge
-Weib vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät,
+heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge
+Weib vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät,
geschaudert. Der Voigt war todt; und wohin der Vater den
Empfangschein gelegt, oder wo verborgen und aufgehoben, das
-wußte sie nicht. &mdash;
+wußte sie nicht. &mdash;
</p>
<p>Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott,
@@ -1710,49 +1675,49 @@ wie sie sagte, <span class="em">dem</span> ihre Noth zu klagen.
</p>
<p>Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und
-die geborgte Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt
+die geborgte Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt
in der Sonne, da sie keinen Strohhut hatte, sie war noch
-einmal so hübsch. &mdash; Wenn Du noch lange Weizen schneidest,
+einmal so hübsch. &mdash; Wenn Du noch lange Weizen schneidest,
sagte Johannes, so verlieb&rsquo; ich mich noch ein Mal in Dich! &mdash;
-Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
+Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der
Winter! mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren
nun ruhig: das Geld war verloren &mdash; das Haus war gebaut!
-die Hoffnung quälte sie nicht mehr. Sie waren kleine Leute,
+die Hoffnung quälte sie nicht mehr. Sie waren kleine Leute,
arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten, und das gemiethete
-Stübchen war nun <span class="em">ihre Heimath</span>, und Johannes
+Stübchen war nun <span class="em">ihre Heimath</span>, und Johannes
setzte Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange,
-auf immer, bis zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes
-Hausgeräth war <span class="em">nun erst</span> wie sein eigen und ward
+auf immer, bis zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes
+Hausgeräth war <span class="em">nun erst</span> wie sein eigen und ward
ihm theuer und werth, die Jacke bekam ihm einen ordentlichen
Glanz &mdash; und einen bessern Ort; und wo er ging und stand, da
<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,
-die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt&rsquo; er zugleich
+die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt&rsquo; er zugleich
auch den Mangel.
</p>
-<p>Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der
-auch Johannes hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester
+<p>Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der
+auch Johannes hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester
Marthe bei dem Steinmetz ein einfaches Denkmal bestellt und
vorausbezahlt. Der Mann wohnte in Breitenthal und kam eines
-Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, und daß es ihr
-eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der Namen
+Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, und daß es ihr
+eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der Namen
bezahlte.
</p>
<p>Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den
-Ducaten vom gnädigen Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee
-käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch ging Johannes mit Daniel
-in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, und Daniel las
-ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
+Ducaten vom gnädigen Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee
+käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch ging Johannes mit Daniel
+in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, und Daniel las
+ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
</p>
<div class="poem">
<p class="line">Halt fest an Gottes Wort,</p>
-<p class="line">Es ist dein Glück auf Erden</p>
+<p class="line">Es ist dein Glück auf Erden</p>
<p class="line">Und wird, so wahr Gott lebt,</p>
-<p class="line">Dein Glück im Himmel werden.</p>
+<p class="line">Dein Glück im Himmel werden.</p>
</div>
<p class="noindent">Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum
@@ -1760,18 +1725,18 @@ Gelde hin.
</p>
<p>Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit
-thränenden Augen, und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
+thränenden Augen, und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
</p>
<p>Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher
-Stimme sagte: Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? &mdash; Freilich!
-erwiederte er; aber nur vor der Unverschämtheit! die muß man
+Stimme sagte: Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? &mdash; Freilich!
+erwiederte er; aber nur vor der Unverschämtheit! die muß man
vermeiden.
</p>
-<p>Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe
+<p>Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe
<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-im Vogelheerd noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh
+im Vogelheerd noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh
um 6 Uhr an der Waldkapelle!
</p>
@@ -1781,81 +1746,81 @@ schieden sie.
<p>Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel
ging mit. Aber sie ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab,
-um die Früchte von den Obstbäumen in ihrem Garten zu holen.
+um die Früchte von den Obstbäumen in ihrem Garten zu holen.
Aber sie sah schon von Weitem nichts leuchten, nicht roth, nicht
-gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen verschlemmt waren,
-so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
+gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen verschlemmt waren,
+so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
</p>
-<p>So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten,
+<p>So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten,
auch ihres Mannes besonders guten Pathen und ihren Gevatter
und darum sogenannten Herrn Gevatter-Pathen &bdquo;<span class="em">Krieg</span>.&ldquo; &mdash;
</p>
-<p>Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart
+<p>Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart
mir einen Gang zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero
96, und Numero 15,000? von der Frankfurter?
</p>
<p>Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die
-Stubenthür geklebt, daß sie nicht verloren gingen.
+Stubenthür geklebt, daß sie nicht verloren gingen.
</p>
-<p>Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie
-aus mit der Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken.
+<p>Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie
+aus mit der Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken.
Es ist zwar hierbei zu gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt
mir sie nur, mein Pathchen. Warum denn? fragte Christel leiser
und war ganz roth geworden.
</p>
<p>Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und
-hört mich an! Die 96 hat 300 Gulden. &mdash; Ja, ja! seht mich nur
+hört mich an! Die 96 hat 300 Gulden. &mdash; Ja, ja! seht mich nur
an! hier ist die Liste, hier hab&rsquo; ich&rsquo;s roth gezeichnet. Die 15,000
hat meine Auslage gerade gedeckt, und hier sind die 300! Ein
-Stück wie das Andere, blank und neu! &mdash; Dann setzt&rsquo; er sich wieder
+Stück wie das Andere, blank und neu! &mdash; Dann setzt&rsquo; er sich wieder
an den Weberstuhl. &mdash;
</p>
<p>
<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand
-die Hände wie jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten
-sehen zu lassen, daß sie bete und danke. &mdash;
+Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand
+die Hände wie jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten
+sehen zu lassen, daß sie bete und danke. &mdash;
</p>
-<p>Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt,
-das nehmt Euch im Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine
+<p>Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt,
+das nehmt Euch im Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine
Gesundheit! sagte der Pathe. Nun, es ist mir lieb, von Herzen
-lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand eine neue Perücke und
-einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag oder Mittenwalde
-geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
+lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand eine neue Perücke und
+einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag oder Mittenwalde
+geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht
noch der Hals. Mein Brot ist verdient! &mdash;
</p>
-<p>Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf
-die Leinwand, aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen
-zu werfen und trat und dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand
-schütterte, und tanzend alles Geld hinunter fiel.
+<p>Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf
+die Leinwand, aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen
+zu werfen und trat und dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand
+schütterte, und tanzend alles Geld hinunter fiel.
</p>
-<p>Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen!
-lacht&rsquo; er. Nun leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So
-war es nicht gemeint! Ich meinte: mein Brot mit der Baßgeige
-wäre verdient, aber nicht das mit dem Schiffe! In dem Weberstuhl
-stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen &mdash; ja, ja!
+<p>Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen!
+lacht&rsquo; er. Nun leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So
+war es nicht gemeint! Ich meinte: mein Brot mit der Baßgeige
+wäre verdient, aber nicht das mit dem Schiffe! In dem Weberstuhl
+stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen &mdash; ja, ja!
guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?
</p>
-<p>Christel war böse.
+<p>Christel war böse.
</p>
-<p>Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern
+<p>Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern
guten Willen! da nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit!
-Nun aber macht, daß Ihr fortkommt, sonst seh&rsquo; ich die Faden
+Nun aber macht, daß Ihr fortkommt, sonst seh&rsquo; ich die Faden
nicht! Und nun trat er wieder frisch und schlug und warf das
-Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, die ihm Christel
-hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen
+Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, die ihm Christel
+hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen
war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
</p>
@@ -1864,21 +1829,21 @@ war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
10.</h3>
<p class="noindent">So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt,
-als dieß Mal. Sie dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes
-haben würde, wenn er nach Hause käme. Als sie in die Stube
-trat, küßte sie die Kinder erst, die sich an sie hingen, alle nach der
-Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder an sie, und sie
+als dieß Mal. Sie dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes
+haben würde, wenn er nach Hause käme. Als sie in die Stube
+trat, küßte sie die Kinder erst, die sich an sie hingen, alle nach der
+Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder an sie, und sie
glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so viel
-Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür
-&mdash; sie waren weg! sie lief hinzu &mdash; die Thür stand nur
+Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür
+&mdash; sie waren weg! sie lief hinzu &mdash; die Thür stand nur
weit offen &mdash; sie waren noch da! Es waren richtig Nr. 96! und
-15,000! die ein schwarzes Kreuz hatte. Darauf zählte sie das
-Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon voll ward.
+15,000! die ein schwarzes Kreuz hatte. Darauf zählte sie das
+Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon voll ward.
</p>
-<p>Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme,
+<p>Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme,
und sahe nun erst den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht
-und in die Stube gestellt, damit er vielleicht nicht draußen beschädigt
+und in die Stube gestellt, damit er vielleicht nicht draußen beschädigt
werde, und las den vergoldeten Namen &bdquo;Johannes&ldquo; und
&bdquo;Martha&ldquo; und das: Halt&rsquo; fest an Gottes Wort.
</p>
@@ -1889,7 +1854,7 @@ werde, und las den vergoldeten Namen &bdquo;Johannes&ldquo; und
<p>Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.
</p>
-<p>Du lügst! sagte die Mutter, sieh&rsquo;, wie Du roth bist! Nun
+<p>Du lügst! sagte die Mutter, sieh&rsquo;, wie Du roth bist! Nun
weine nur nicht, mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
</p>
@@ -1905,7 +1870,7 @@ weine nur nicht, mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
<p>Wovon denn? fragte sie.
</p>
-<p>Du hast mir ja immer gebracht &mdash; Du weißt schon was!
+<p>Du hast mir ja immer gebracht &mdash; Du weißt schon was!
sagt&rsquo; er.
</p>
@@ -1914,7 +1879,7 @@ sagt&rsquo; er.
hat mir gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche,
die ich Dir aus den Weinbergen Abends immer mitgebracht,
und lauertest auf der Schwelle auf jeden Fremden und Reisenden,
-ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem Schüsselchen komme?
+ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem Schüsselchen komme?
&mdash; Und Du hast keine gegessen?
</p>
@@ -1931,33 +1896,33 @@ Halse.
<p>Christel sprang hinaus an den Wagen.
</p>
-<p>Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das
-Stroh war blutig. &mdash; Das Volk schießt auch gegen die Treiber,
+<p>Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das
+Stroh war blutig. &mdash; Das Volk schießt auch gegen die Treiber,
anstatt dem Wilde nach, wie blind und rasend! sagte der Fuhrmann;
als ob gar Niemand mehr in der Welt und im Dickicht
-wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
-das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen.
-Hier kann er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach
+wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
+das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen.
+Hier kann er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach
schon Zeit! &mdash;
</p>
<p>Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie
-ihm nicht in das blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr
-wehmüthiger Blick fiel gerade auf den bereitstehenden wie wartenden
+ihm nicht in das blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr
+wehmüthiger Blick fiel gerade auf den bereitstehenden wie wartenden
Leichenstein und den goldenen Namen: Johannes! &mdash; Sie
schrie laut und brauchte nun selber Beistand.
</p>
<p>Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und
-sah sich um nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen;
-er war schon verbunden und lag ruhig. Die gnädige Frau
+sah sich um nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen;
+er war schon verbunden und lag ruhig. Die gnädige Frau
hatte den Arzt in das Haus gesandt, der zwar aus der Stadt
-war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
+war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
</p>
<p>Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf
<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-seine Hand und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte
+seine Hand und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte
vergessen, und wenn sie auch noch daran dachte, so konnte sie ihm
nicht sagen: Johannes, sieh&rsquo; doch, da ist das Geld! sieh&rsquo; doch,
da ist der Leichenstein! &mdash;
@@ -1969,26 +1934,26 @@ da ist der Leichenstein! &mdash;
<h3 class="no" id="no-11">11.</h3>
<p class="noindent">Am andern Morgen erwachte <a id="corr-4"></a><ins title="Originaltext: Johannnes">Johannes</ins> zeitig, so still auch
-die Kinder saßen und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort
-harrten, so leise auch Christel auf Socken im Stübchen umher
+die Kinder saßen und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort
+harrten, so leise auch Christel auf Socken im Stübchen umher
ging, und nur die nothwendigste Arbeit verrichtete. Aber er glaubte,
-er träume noch, oder er sei gestorben, da er den Denkstein sah.
+er träume noch, oder er sei gestorben, da er den Denkstein sah.
</p>
<p>Bist <span class="em">Du</span> denn hier? Christel, fragte er.
</p>
-<p>Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt?
+<p>Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt?
Ja, das ist ja ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden,
-vielleicht aufstehen, und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
+vielleicht aufstehen, und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
</p>
-<p>Ja so! &mdash; jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich
-vergaß mich nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer
-geschossen hätte?
+<p>Ja so! &mdash; jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich
+vergaß mich nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer
+geschossen hätte?
</p>
-<p>Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach
+<p>Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach
Christel weich und besorgt.
</p>
@@ -2001,28 +1966,28 @@ lachte ihn an.
</p>
<p>Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich
-besinnend: Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
+besinnend: Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
</p>
-<p>Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. <span class="em">Wir</span> haben gewonnen!
+<p>Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. <span class="em">Wir</span> haben gewonnen!
Nun kann ich Dich pflegen! &mdash;
</p>
<p>
<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du
-es weist, und ich denke, wie ich es weiß. <span class="em">Welches</span> hat denn gewonnen?
+es weist, und ich denke, wie ich es weiß. <span class="em">Welches</span> hat denn gewonnen?
</p>
-<p>Je nun, die 96! lächelte Christel.
+<p>Je nun, die 96! lächelte Christel.
</p>
-<p>Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir
+<p>Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir
sagen, ob das mit dem schwarzen Kreuze &mdash; so Gott will, wenn
er gewollt hat, oder das reine? Sieh doch einmal hin!
</p>
-<p>Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür
+<p>Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür
stehend, lauter: ist No. 15,000.
</p>
@@ -2034,7 +1999,7 @@ ihm Christel. So sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die
Listen. Es ist roth unterstrichen.
</p>
-<p>Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
+<p>Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
</p>
<p>Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! &mdash; Freilich Du
@@ -2055,27 +2020,27 @@ das Loos, die 96 ist unser.
</p>
<p><span class="em">Schicke</span> es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz
-vergessen hat und keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr
+vergessen hat und keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr
Schande machen.
</p>
<p>Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas
-blässer und gespannt. &mdash;
+blässer und gespannt. &mdash;
</p>
<p>Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in <span class="em">Gedanken</span>
auf die Dorothee genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf
<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-das unsere hab&rsquo; ich zum Zeichen und Unterschied für mich ein
+das unsere hab&rsquo; ich zum Zeichen und Unterschied für mich ein
schwarzes Kreuz aus Daniel&rsquo;s Tintenfasse gemacht.
</p>
<p>Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest
Du nicht das schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war
-recht thöricht!
+recht thöricht!
</p>
-<p>Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen,
+<p>Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen,
Christel, meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit
Worten? oder mit Herz und Gedanken?
</p>
@@ -2083,12 +2048,12 @@ Worten? oder mit Herz und Gedanken?
<p>Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.
</p>
-<p>Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten.
+<p>Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten.
&bdquo;Gedacht ist gethan!&ldquo; sagte meine Mutter immer. Und Du, meine
-gute junge Mutter, laß das Gewinnloos aussägen, wir setzen ein
+gute junge Mutter, laß das Gewinnloos aussägen, wir setzen ein
Glasscheibchen in die Oeffnung und haben zu unserm Lohn und
Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke die Wirthin
-und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann
+und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann
sie vom Schlosse, wenn sie will. &mdash; Daniel fiel der Mutter um
den Hals, sprang eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.
</p>
@@ -2103,87 +2068,87 @@ Dauert Dich das Geld um uns, Du guter Junge!
<p>Nun was denn? mein Daniel; frug ihn <a id="corr-5"></a><ins title="Originaltext: Christel">Christel.</ins>
</p>
-<p>Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich!
+<p>Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich!
sprach Daniel leiser und wollte nicht reden.
</p>
-<p>Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr.
+<p>Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr.
Ich habe einmal 6 Gulden gewonnen und war froh! und als ich
-das Geld sah und in die Hand nahm, überfiel mich ein Schreck
-und ein Zittern, als hätt&rsquo; ich&rsquo;s entwendet. Wem? &mdash; wußte ich
+das Geld sah und in die Hand nahm, überfiel mich ein Schreck
+und ein Zittern, als hätt&rsquo; ich&rsquo;s entwendet. Wem? &mdash; wußte ich
nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben! und
-nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn
+nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn
<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
ich einen ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10
Kreuzer. Woher war nun das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen
-unglücklichen Leuten, die sich selber darum betrogen,
-und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als hätt&rsquo; ich es sauer
+unglücklichen Leuten, die sich selber darum betrogen,
+und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als hätt&rsquo; ich es sauer
verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die andern
-Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde
-mich vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin
+Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde
+mich vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin
und unehrliche Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen
-und Betrogenen weinten, verwünschten und verklagten mich! und
-Salomo sahe mich starr an und sprach, daß sie mein Geld hätten
+und Betrogenen weinten, verwünschten und verklagten mich! und
+Salomo sahe mich starr an und sprach, daß sie mein Geld hätten
gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht gerechter
&bdquo;Frau Redemehr&ldquo; &mdash; sprach er &mdash; &bdquo;Euer Sinn ist schlecht! Ihr
wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!&ldquo; und spuckte vor mir
-aus. Und so geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die
-Kirche schenkte, zu einem neuen heiligen Geiste über die Kanzel.
+aus. Und so geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die
+Kirche schenkte, zu einem neuen heiligen Geiste über die Kanzel.
Da hatte ich Ruhe! Denn <span class="em">gewonnenes</span> Geld bringt Niemandem
Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so zerronnen.
Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes
-aber &mdash; das hab&rsquo; ich <span class="em">verdient</span>, mit meiner Müdigkeit und meinem
+aber &mdash; das hab&rsquo; ich <span class="em">verdient</span>, mit meiner Müdigkeit und meinem
Tage, den mir der liebe Gott gegeben. &mdash; Nun das hab&rsquo; ich
-dem Daniel gestern erzählt, als Ihr das Geld gewonnen, und es
-hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß seine Mutter und sein
+dem Daniel gestern erzählt, als Ihr das Geld gewonnen, und es
+hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß seine Mutter und sein
Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld besitzen
-und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut
+und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut
er sich so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!
</p>
<p>Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr,
-gab ihr das Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war
+gab ihr das Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war
ja so nicht unser! Und als sie fort waren, setzte sie sich zu Johannes
<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
aufs Bett, und wand ihre Arme unter seinem Kopfe durch,
neigte sich zu ihm und weinte.
</p>
-<p>Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. &mdash;
+<p>Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. &mdash;
</p>
<p>Freilich <span class="em">ganz anders</span> arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut
-hätte! das kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht
-stürbest! &mdash; Nun wirst Du mir traurig! versteh&rsquo; mich nicht unrecht,
+hätte! das kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht
+stürbest! &mdash; Nun wirst Du mir traurig! versteh&rsquo; mich nicht unrecht,
Johannes, mir ist es nur um Dich! Nur um die Kinder!
</p>
<p>So mein ich&rsquo;s auch; seufzte Johannes.
</p>
-<p>Nein! ich nicht so. Daß sie <span class="em">Dich</span> nicht sollen haben! das
+<p>Nein! ich nicht so. Daß sie <span class="em">Dich</span> nicht sollen haben! das
thut mir leid! und Du <span class="em">mich</span> nicht! &mdash;
</p>
-<p>Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe!
+<p>Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe!
oder Du stirbst dann auch &mdash; ich und Du.
</p>
-<p>Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen,
-daß das viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater
-nicht genutzt, daß er die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und
-daß sie es durchgebracht haben! Was hilft also Reichthum <span class="em">ohne</span>
+<p>Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen,
+daß das viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater
+nicht genutzt, daß er die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und
+daß sie es durchgebracht haben! Was hilft also Reichthum <span class="em">ohne</span>
Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann nehmen, wie und
wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen,
Alle wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit
Ehren gefunden, und wieder Weib und Kinder haben, und Jedes
-doch ein Häuschen und ein Gärtchen, so viel ihrer sind! Was
+doch ein Häuschen und ein Gärtchen, so viel ihrer sind! Was
schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? &mdash; Nichts! Er
-nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und <span class="em">gesegnete</span> Ernten
-und <span class="em">gute</span> Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs,
-Krieg und Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt,
-wer fleißig und klug ist! Siehe, Adam verließ seinen Kindern
+nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und <span class="em">gesegnete</span> Ernten
+und <span class="em">gute</span> Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs,
+Krieg und Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt,
+wer fleißig und klug ist! Siehe, Adam verließ seinen Kindern
auch nichts, als die ganze leere Welt, und siehe, wir, seine
tausendsten Enkel, leben auch noch.
</p>
@@ -2193,68 +2158,68 @@ tausendsten Enkel, leben auch noch.
Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
</p>
-<p>Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz?
+<p>Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz?
Und gar erst, &mdash; Du solltest doch denken, <span class="em">wessen</span> Namen
-Du trägst, Johannes; ach, Du hast Ihm nicht an der Brust gelegen,
-klagte Christel fast mit Thränen und Vorwurf.
+Du trägst, Johannes; ach, Du hast Ihm nicht an der Brust gelegen,
+klagte Christel fast mit Thränen und Vorwurf.
</p>
-<p>Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen
-sein, als sie auf Erden pilgerten und bloß vom <span class="em">Säen</span> lebten!
+<p>Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen
+sein, als sie auf Erden pilgerten und bloß vom <span class="em">Säen</span> lebten!
sagte mitleidig Johannes.
</p>
<p>Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht
-ließ an Noth und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe
+ließ an Noth und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe
uns nur gut, weil wir arm sind, weil ich arm bin, und verachte
Dich selber nicht, weil Du uns nur so viel geben kannst, womit
wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die Kinder nicht
alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem Herrgott
-für die empfangene Wohlthat? &mdash;
+für die empfangene Wohlthat? &mdash;
</p>
-<p>Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und
-siehst mich nicht an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich
+<p>Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und
+siehst mich nicht an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich
nicht sehe, wie die Kinder so bescheiden aussehen! wie Du immer
-sprichst: Ich bin satt! da, meine Kinder! wie Du dich grämst um
+sprichst: Ich bin satt! da, meine Kinder! wie Du dich grämst um
sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich auf einmal in ihr
-Gebet mit einfalle und <span class="em">laut</span> Gott danke für Alles, was wir empfangen
+Gebet mit einfalle und <span class="em">laut</span> Gott danke für Alles, was wir empfangen
haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich
dann strafst: Johannes! das ist kein Dank! &mdash; Wohl dem, der
-seinen Kindern geben kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß
-sie freudig sind! Wohl dem, und wohl ihnen, daß sie nicht gleich
-die Erde betrachten wie ein Armenhaus, worin nichts ist für sie,
-als was sie durch Mildthat empfangen, wo die Kirschbäume <span class="em">ihnen</span>
+seinen Kindern geben kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß
+sie freudig sind! Wohl dem, und wohl ihnen, daß sie nicht gleich
+die Erde betrachten wie ein Armenhaus, worin nichts ist für sie,
+als was sie durch Mildthat empfangen, wo die Kirschbäume <span class="em">ihnen</span>
keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der Weinstock keine
Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe
-nicht <span class="em">umsonst</span> gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit
-einem Kreuzer <span class="em">bezahlen</span> kann, dann die Hände auf den Rücken
-legen und traurig fortgehen, daß sie den Kreuzer nicht haben! Und
+Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe
+nicht <span class="em">umsonst</span> gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit
+einem Kreuzer <span class="em">bezahlen</span> kann, dann die Hände auf den Rücken
+legen und traurig fortgehen, daß sie den Kreuzer nicht haben! Und
vollends <span class="em">jetzt! jetzt!</span> meine Christel. Es ist gut! sagte er, und
kehrte sich von ihr weg, mit dem Gesichte an die Wand.
</p>
<p>Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater
-im Sarge gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte
+im Sarge gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte
sein Gesicht! Und doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an
seinem Sterbebette gekniet und geweint, und doch entschlief er
-ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat er nun nicht gewußt,
-daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat es gewußt.
+ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat er nun nicht gewußt,
+daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat es gewußt.
Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm <span class="em">kein Mensch</span>
helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im
-<span class="em">Herzen empfunden</span>, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater
+<span class="em">Herzen empfunden</span>, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater
im Himmel. So ist sein Zutrauen <span class="em">zu sich</span> verschwunden mit der
-Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in die er versunken war. So sah
+Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in die er versunken war. So sah
er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an, zog uns Alle noch
-ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu weinen;
-aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
-sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz
-schwebte die <span class="em">Gleichgültigkeit</span> der Todten gegen Alles, was
-Welt heißt &mdash; und die stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die
+ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu weinen;
+aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
+sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz
+schwebte die <span class="em">Gleichgültigkeit</span> der Todten gegen Alles, was
+Welt heißt &mdash; und die stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die
feste Zuversicht, ihn zu finden! Ach, wir waren ihm nicht <span class="em">geringer</span>
-geworden, als etwas so Vergängliches, wie Menschen sind.
+geworden, als etwas so Vergängliches, wie Menschen sind.
Nein! &mdash; Gott war ihm als sein Vater und unser Vater erschienen,
in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er
war auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch
@@ -2263,18 +2228,18 @@ nicht mehr nur seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das
bedeutete sein letzter Blick zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung
auf seinem Gesicht im Sarge, sein stummes Scheiden aus
dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh&rsquo; nur hin,
-es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück
-für den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen.
-Und wir, die wir es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie
-still dahin ziehen, wir sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit
+es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück
+für den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen.
+Und wir, die wir es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie
+still dahin ziehen, wir sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit
offenen Augen, mit klopfendem Herzen wenigstens nicht nachempfinden,
was ein Sterbender einzig und allein nur sieht? Ach,
wir Gesunden, wir Lebenden sehen <span class="em">zu viel!</span> uns verwirrt die Arbeit
-und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn
+und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn
wir das reife Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des
-Tages, und legen uns, müde von Arbeit, zu schlafen, und denken,
+Tages, und legen uns, müde von Arbeit, zu schlafen, und denken,
morgen einzualtern, oder an das Mahlen und Backen und das
-liebe Brot, das wir bedürfen.
+liebe Brot, das wir bedürfen.
</p>
<p>Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten!
@@ -2282,24 +2247,24 @@ sagte Johannes.
</p>
<p>Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr,
-als daß wir <span class="em">das Unsere</span> gethan, wenn wir für unsere Kinder
+als daß wir <span class="em">das Unsere</span> gethan, wenn wir für unsere Kinder
sorgen. Aber wie weit reichen wir! Denn siehe doch an: Wer
-sorgt denn nur einst für die Kinder von unsern Kindern? Sind
-die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen wir diese nicht
-schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn nicht
+sorgt denn nur einst für die Kinder von unsern Kindern? Sind
+die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen wir diese nicht
+schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn nicht
auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere <span class="em">gethan</span>, wenn
-es auch nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die
-Kinder nicht lieb? Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns
+es auch nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die
+Kinder nicht lieb? Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns
Allen nicht ewige gute Tage? Antworte doch: Nein! Du verwunderst
Dich! &mdash; Du wirst schon besser werden, besonders wenn
<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
Du <span class="em">besser</span> wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du bist
-der Hasenfuß &mdash; nicht der kleine Junge!
+der Hasenfuß &mdash; nicht der kleine Junge!
</p>
-<p>Johannes lächelte &mdash; Christel lachte vor Freuden, und die
-mühsam verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, &mdash; wie
-es noch regnet, wenn vom seitwärts klar gewordenen Himmel die
+<p>Johannes lächelte &mdash; Christel lachte vor Freuden, und die
+mühsam verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, &mdash; wie
+es noch regnet, wenn vom seitwärts klar gewordenen Himmel die
Sonne schon wieder scheint. Und so blieben sie Beide, zufrieden
neben einander ruhend, lange Zeit.
</p>
@@ -2308,14 +2273,14 @@ neben einander ruhend, lange Zeit.
<p class="noindent">Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen
Mantel. Sie gab Johannes die Hand, setzte sich und schwieg.
-Nur manchmal seufzte sie. Christel erwartete in Gedanken, daß
+Nur manchmal seufzte sie. Christel erwartete in Gedanken, daß
sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr bringen, nur leihen sollte.
Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein besiegeltes Document,
gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann es vielleicht
-brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte &mdash;
+brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte &mdash;
</p>
-<p>Christel lächelte und hob das Papier auf.
+<p>Christel lächelte und hob das Papier auf.
</p>
<p>Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
@@ -2324,7 +2289,7 @@ brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte &mdash;
<p>Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
</p>
-<p>Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
+<p>Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
</p>
<p>Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen
@@ -2332,12 +2297,12 @@ Dank, wenn Dich das etwa beklemmt.
</p>
<p>Aber noch Eins, eh&rsquo; Du gehst, hier ist die Bibel, und hier
-ist der Vers. Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei
+ist der Vers. Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei
Gutem erhalten. Ich habe meine Ursachen dazu.
</p>
-<p>Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete.
-Dorothee sah lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel.
+<p>Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete.
+Dorothee sah lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel.
Und so las denn Dorothee die Worte: Selig sind, die reines Herzens
sind &mdash; aber sie seufzte unmerklich, dann sah sie auf Johannes,
um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
@@ -2348,11 +2313,11 @@ um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
</p>
-<p>Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt!
+<p>Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt!
So holte sie es, wickelte es aus dem Papier und legte es auf die
Bibel ihr hin. Kennst Du solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete
-Dorothee erröthend. Nun so nimm es Deinem gnädigen
-Herrn mit! Dem gehört es.
+Dorothee erröthend. Nun so nimm es Deinem gnädigen
+Herrn mit! Dem gehört es.
</p>
<p><span class="em">Meinem?</span> erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels
@@ -2362,59 +2327,59 @@ Augen zu sehen, ob und was sie meine.
<p>Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
</p>
-<p>Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
+<p>Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
</p>
-<p>Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh&rsquo;
-nur mit Gott! &mdash; Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß
-sie das Goldstück dagelassen.
+<p>Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh&rsquo;
+nur mit Gott! &mdash; Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß
+sie das Goldstück dagelassen.
</p>
<p><span class="em">Das</span> Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
</p>
<p>Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn&rsquo; es zu
-sagen; um Deinetwillen muß ich besser werden!
+sagen; um Deinetwillen muß ich besser werden!
</p>
<h3 class="no" id="no-13">13.</h3>
-<p class="noindent">Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most
-allein trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich
+<p class="noindent">Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most
+allein trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich
und vom Lizentiat verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs
Bett zu ihm, wenn sie davon trank, sahe ihn dabei an, und so
-bildete sie sich ein, <span class="em">er</span> genieße seine Süßigkeit mit. Die alte Wirthin
+bildete sie sich ein, <span class="em">er</span> genieße seine Süßigkeit mit. Die alte Wirthin
ward nicht vergessen, und auch der alte Schulmeister Wecker
bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich seine
-Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des Gerichtshalters:
-daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht &bdquo;aufhängen&ldquo;
-bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar
-und dieß Mal nicht ohne Grund &mdash; da er Alles verkehrt gelehrt
+Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des Gerichtshalters:
+daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht &bdquo;aufhängen&ldquo;
+bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar
+und dieß Mal nicht ohne Grund &mdash; da er Alles verkehrt gelehrt
<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-und an den Kindern seinen Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben
+und an den Kindern seinen Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben
alle Morgen aufs Neue unbarmherzig vermerken lassen,
und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die Schuldigen
unfehlbar mit zu treffen &mdash; wirklich abgesetzt, dispensirt
-worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun:
+worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun:
<span class="em">zweimal gehangen</span>, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten
<span class="em">bispensirt</span> in seiner Entlassung stand, die er immer zu
seiner Legitimation als abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das
-Schulhaus war, wie gewöhnlich, nicht sein, er lebte nun von seinen
+Schulhaus war, wie gewöhnlich, nicht sein, er lebte nun von seinen
verkauften armseligen Sachen, die allgemach von ihm Abschied
nahmen; und als er das erste Mal zu Christel eintrat, frug er,
-wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das Butterfaß
+wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das Butterfaß
auf dem Kopfe? &mdash;
</p>
-<p>Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue
-Wintermütze auf dem Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. &mdash;
+<p>Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue
+Wintermütze auf dem Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. &mdash;
</p>
-<p>Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. &mdash;
+<p>Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. &mdash;
</p>
<p>Nun das wollt ich nur wissen! versetzt&rsquo; er. Nur der alte
-Seiger mit dem Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist
+Seiger mit dem Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist
der Kuckuck! sagte er. &mdash;
</p>
@@ -2422,19 +2387,19 @@ der Kuckuck! sagte er. &mdash;
</p>
<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! sagt&rsquo; er. Ich komme eigentlich,
-versetzt&rsquo; er, um zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht
-böse bin, daß er mich um mein Amt buchstabirt hat. Das kommt
-aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern nicht das heilige A. B.
+versetzt&rsquo; er, um zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht
+böse bin, daß er mich um mein Amt buchstabirt hat. Das kommt
+aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern nicht das heilige A. B.
C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die Scharte auszuwetzen!
-Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich habe
-eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder
+Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich habe
+eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder
W! &mdash; es kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt&rsquo;
er! Ich bin der Mann! Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank
<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-ist, so bin ich das leibhaftige Schulhaus nebst allem Zubehör, und
-was darum und daran hängt, wie an meinem alten Rocke. Unser
+ist, so bin ich das leibhaftige Schulhaus nebst allem Zubehör, und
+was darum und daran hängt, wie an meinem alten Rocke. Unser
Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat, und wenn
-er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
+er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend!
selber das Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem
Kuckuck, als die sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir
@@ -2458,63 +2423,63 @@ er und setzte sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus
der Tasche und legte die Ruthe neben sich hin.
</p>
-<p>Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches
+<p>Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches
er ihm zu Gefallen that, um dem armen Mann seine Freude zu
-lassen. Dann ging er in andre Häuser lehren, und man hörte
+lassen. Dann ging er in andre Häuser lehren, und man hörte
sein: &bdquo;Erhalt&rsquo; uns in der Wahrheit.&ldquo; Manche behielten den als
A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
-Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als
-wenn er nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte,
+Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als
+wenn er nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte,
oder noch den Vers zum Schlusse der Schule sang und dann mit
-schlauem Blicke sich für das reichliche, wohlgebackene <span class="em">Schulgeld</span>
+schlauem Blicke sich für das reichliche, wohlgebackene <span class="em">Schulgeld</span>
bedankte. Er schlief des Nachts, wo es ihm gefiel, auf der Ofenbank,
<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
oder bei wem er gerade des Abends zuletzt war. Er hatte
-Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer Friedrich
+Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer Friedrich
und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber
-der alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister
-nannten: so hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und
-führte Krieg mit ihnen, wo er einen sah und krähen hörte, und
+der alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister
+nannten: so hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und
+führte Krieg mit ihnen, wo er einen sah und krähen hörte, und
sagte ihm: Mein Freund, <span class="em">Ich</span> bin Wecker! und so fing er an,
-früh die Menschen selber zu wecken ohne Unterschied, am liebsten
+früh die Menschen selber zu wecken ohne Unterschied, am liebsten
jedoch mit inniger Freude die evangelischen Geistlichen in der Gegend
-nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf einem Grashalm.
-Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
-Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn
+nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf einem Grashalm.
+Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
+Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn
zu verrathen, wie &mdash; Petrus.
</p>
-<p>Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück.
-Uebrigens war er glücklich, besonders wenn er des Sonntags
+<p>Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück.
+Uebrigens war er glücklich, besonders wenn er des Sonntags
Orgel spielen durfte, worauf der neue Schulmeister kein <span class="em">Schneider</span>
war und nicht exschellirte, wie er sagte. Am liebsten war
Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast eingenistet bei
ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen lieben &mdash;
Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf
-die Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte
+die Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte
oft grobe Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder
dergleichen bestraft hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht
die Strafe abthun konnte: so legte Wecker ein Schuldregister mit
-Kreide an der Kammerthür an, und es standen nach und nach
-mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede nach ihrer
+Kreide an der Kammerthür an, und es standen nach und nach
+mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede nach ihrer
Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
-und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn
+und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn
<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-er selber ließ sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater
-heimlich ein, oder überhörte ihn.
+er selber ließ sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater
+heimlich ein, oder überhörte ihn.
</p>
<p>Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker
-auf Johannes Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch
+auf Johannes Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch
einen guten Zug zu beweisen, wie redlich er es meine; aber er
langte bei Weitem nicht bis zu seiner Wiederherstellung selbst, die
erst nach mehreren Wochen erfolgte. Der Lizentiat, ein geschickter
-Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben, <span class="em">um der gnädigen
-Frau gefällig zu sein</span>, von der er wahrscheinlich schon die
+Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben, <span class="em">um der gnädigen
+Frau gefällig zu sein</span>, von der er wahrscheinlich schon die
Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit
der Frau Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor
-Johannes Thür, ließ ihn heraus kommen, und &mdash; gab ihm eine
+Johannes Thür, ließ ihn heraus kommen, und &mdash; gab ihm eine
sehr billige Rechnung.
</p>
@@ -2527,35 +2492,35 @@ nur Nichts an Gelde!
</p>
<p>Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin
-lächelnd.
+lächelnd.
</p>
<p>Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
</p>
<p>Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer
-verdrießlichen Miene.
+verdrießlichen Miene.
</p>
-<p>Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch&rsquo; ich für die Kinder!
+<p>Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch&rsquo; ich für die Kinder!
</p>
<p>Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
</p>
<p>Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der
-Mutter Schürze hervor.
+Mutter Schürze hervor.
</p>
-<p>So? mein Kind! &mdash; Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt
+<p>So? mein Kind! &mdash; Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt
uns doch sehen! sagte die Frau Lizentiatin.
</p>
-<p>So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten
+<p>So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten
<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-sich, es in Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes
+sich, es in Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes
Essefleisch! freilich nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen,
-man muß <span class="em">von</span> Euch nehmen, was Ihr habt! Es thut mir recht leid.
+man muß <span class="em">von</span> Euch nehmen, was Ihr habt! Es thut mir recht leid.
</p>
<p>Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie,
@@ -2563,33 +2528,33 @@ Du bist ja wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder
leben auch ohne Wurst.
</p>
-<p>Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind!
+<p>Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind!
Wurstgift &mdash; das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat,
eine Prise nehmend, und dachte: Du hast das Memento Doctoris
hier vergessen: &bdquo;Nimm! <span class="em">wann</span> es schmerzt&ldquo; &mdash; so nimm nur
-noch jetzt: <span class="em">wenn</span> es auch schmerzt! Das kleine Verbindungswörtchen
+noch jetzt: <span class="em">wenn</span> es auch schmerzt! Das kleine Verbindungswörtchen
&bdquo;auch&ldquo; ist ja keine Grausamkeit! &mdash; Nur aufgeladen und festgebunden
auf den Bedientensitz!
</p>
<p>Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig,
-daß es wieder abgebunden werden mußte. Die Gans
+daß es wieder abgebunden werden mußte. Die Gans
im Wagen schrie auch.
</p>
-<p>Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß,
-zu gehen und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie
-vor. Ihr werdet fühlen, daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht
+<p>Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß,
+zu gehen und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie
+vor. Ihr werdet fühlen, daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht
aus der dumpfen Stube gekommen &mdash; die Stadt ist nicht weit
&mdash; Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg mit dem
kleinen guten Dinge.
</p>
-<p>Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu
-beschäftigen und ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn
+<p>Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu
+beschäftigen und ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn
Schulmeister ein, und sie fuhren erst fort, als Johannes schon
-längst einen tüchtigen Stock genommen und schon weit mit dem
-guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
+längst einen tüchtigen Stock genommen und schon weit mit dem
+guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
</p>
<p>Christel und Wecker sahen nach.
@@ -2615,13 +2580,13 @@ Das Schweinchen? sprach Christel.
<p>Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. &mdash;
</p>
-<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! lächelte Wecker.
+<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! lächelte Wecker.
</p>
<h3 class="no" id="no-14">14.</h3>
<p class="noindent">Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging
-und zerhackte erboßt den Treibestock, legte dann einen blanken
+und zerhackte erboßt den Treibestock, legte dann einen blanken
Zehnkreuzer, sein empfangenes Trinkgeld, auf den Tisch und warf
sich <a id="corr-6"></a><ins title="Originaltext: au&rsquo;s">auf&rsquo;s</ins> Bett.
</p>
@@ -2633,7 +2598,7 @@ fragte ihn Christel.
<p>Recht schlecht! sagt&rsquo; er.
</p>
-<p>Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
+<p>Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
</p>
<p>Nein! sagt&rsquo; er; aber erbittert!
@@ -2643,35 +2608,35 @@ fragte ihn Christel.
glauben. So drang sie nicht weiter in ihn.
</p>
-<p>Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus
+<p>Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus
dem alten entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon
-nach Sonnenuntergang auf dem Rückwege von dem Lizentiat an
-das Feldgärtchen der alten Frau, seiner Wirthin, gekommen war,
+nach Sonnenuntergang auf dem Rückwege von dem Lizentiat an
+das Feldgärtchen der alten Frau, seiner Wirthin, gekommen war,
sah er einen Hasen, der ein Loch durch den Zaun gefunden und
sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu frieren,
-mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken.
-Er sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun
+mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken.
+Er sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun
klemmte sich ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte
ihn mit dem unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte,
<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
in dem Hasen sein ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige
mit dem Essefleisch, todt zu schlagen. Dann zog er den Hasen
-hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. Als er aber, durch
-den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte wie ein
-Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
+hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. Als er aber, durch
+den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte wie ein
+Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
</p>
-<p>In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten,
+<p>In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten,
von einem Fremden und Niklas begleitet.
</p>
-<p>So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß
-auch die Rebhühner und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein
+<p>So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß
+auch die Rebhühner und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein
Faden Schwefel ist nicht theuer, und wovon lebt Ihr denn sonst,
Ihr Ungeziefer!
</p>
-<p>Johannes erzählte den Fall.
+<p>Johannes erzählte den Fall.
</p>
<p>Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt
@@ -2683,12 +2648,12 @@ der Hase, hier habt ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
<p>Der <span class="em">einzige</span> Fall ist auch genug! sagte der junge Herr.
Es soll so einmal ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb,
-daß es Euch trifft. Die Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei
+daß es Euch trifft. Die Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei
Dank! scharf und in Ehren, weil sie <span class="em">vornehmer</span> und reicher
-Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist Gerichtstag! der
+Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist Gerichtstag! der
Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und Euch
-zu <span class="em">beweisen</span>, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch
-also nur dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die
+zu <span class="em">beweisen</span>, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch
+also nur dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die
Vorladungskosten will ich Euch sparen aus Gnaden.
</p>
@@ -2697,33 +2662,33 @@ Vorladungskosten will ich Euch sparen aus Gnaden.
<p>Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter
dem Vorwande, wo anders hin zu gehen, und empfing seinen
-Bescheid und sein Urtheil, das auf dreimonatliche Gefängnißstrafe
-lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das ruhig an und bat
+Bescheid und sein Urtheil, das auf dreimonatliche Gefängnißstrafe
+lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das ruhig an und bat
<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, weil
-jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und
-er hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der
-Kälte gefangen zu sitzen. &mdash; Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte
-der Herr Gerichtshalter. Dann bat Johannes nur noch, daß seine
+nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, weil
+jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und
+er hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der
+Kälte gefangen zu sitzen. &mdash; Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte
+der Herr Gerichtshalter. Dann bat Johannes nur noch, daß seine
Strafe verschwiegen bliebe, bis er wieder entlassen sei. &mdash; Das ist
wider die Lehre von der Besserung durch das Beispiel! erhielt er
-zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen über die
-Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
+zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen über die
+Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
</p>
<p>Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter
-leiser zum gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen,
+leiser zum gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen,
es erinnert mich immer unangenehm an den Menschen in mir,
und ich bin nur der leibhaftige Justinia-si-nus! Denn unsere
Last ist schwer! schon die treuherzige Miene zu machen, die Rolle
-durchzuführen und immer gleichgültig &mdash; grau auszusehen und
-uns sicher zu stellen, daß man <span class="em">uns</span> nicht auf das Pergament
-klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel!
-und besser! <span class="em">Ruhig</span> sie &mdash; hängen lassen, so spielen es die Meister.
-&mdash; Nun können Sie die Schule mit ihr anfangen!
+durchzuführen und immer gleichgültig &mdash; grau auszusehen und
+uns sicher zu stellen, daß man <span class="em">uns</span> nicht auf das Pergament
+klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel!
+und besser! <span class="em">Ruhig</span> sie &mdash; hängen lassen, so spielen es die Meister.
+&mdash; Nun können Sie die Schule mit ihr anfangen!
</p>
-<p>Mit <span class="em">ihr</span> ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane
+<p>Mit <span class="em">ihr</span> ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane
Ehre! ich habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
</p>
@@ -2733,7 +2698,7 @@ sich der Justini&mdash;anus.
<p>Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise
zu einem entfernten Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war
-fleißig bis zum Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder
+fleißig bis zum Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder
zur Noth zu versorgen, denn ihre Zahl sollte gegen Ostern noch
um Eins vermehrt werden, wenn nicht durch Zwei, wie Gott nun
segnete.
@@ -2744,115 +2709,115 @@ segnete.
15.</h3>
<p class="noindent">So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der &mdash; Abreise
-saß Johannes in trüben Gedanken und Kummer, die Seinen
+saß Johannes in trüben Gedanken und Kummer, die Seinen
zu verlassen. Ach, sprach er bei sich &mdash; die Strafe hab&rsquo; ich
-verdient, die Welt ist einmal so, und was die Großen verbieten
-oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden oder
+verdient, die Welt ist einmal so, und was die Großen verbieten
+oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden oder
thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine
-Erlösung auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint
+Erlösung auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint
mir doch zweierlei, die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden,
wie der Apotheker und der Lizentiat, &mdash; der Schulmeister
-hat mir das wohl erklärt &mdash; und einen armen Mann wie mich
+hat mir das wohl erklärt &mdash; und einen armen Mann wie mich
zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest steht im
-Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker Bettelmann,
+Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker Bettelmann,
dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe
hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt.
Aber davon wissen die Gesetze nichts, und <span class="em">die</span> nichts, die
sie unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die
wahren Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt;
und ein Gerichtshalter ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle
-seine stummen Gesetzbücher, die ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt!
+seine stummen Gesetzbücher, die ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt!
pro firma, wie Wecker sagt; ja, dieser Herr Amtsschreiber
schon ist mehr als selber der Landesherr! ein wahrer Pilatus, der
-züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die Sache dem
-Principal vorträgt &mdash; um ein Paar Eier. Gut, daß mir das
-Beispiel einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein
+züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die Sache dem
+Principal vorträgt &mdash; um ein Paar Eier. Gut, daß mir das
+Beispiel einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein
ganz andrer Johannes ganz Anderes litt!
</p>
-<p>Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es
-selber für rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir
+<p>Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es
+selber für rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir
<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-einmal aus der Noth kommen! Ich kann Dich nicht länger so
-sehen, Du grämst Dich mir ordentlich ab, und die Jacke ist Dir
-so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
+einmal aus der Noth kommen! Ich kann Dich nicht länger so
+sehen, Du grämst Dich mir ordentlich ab, und die Jacke ist Dir
+so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
</p>
-<p>Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen
+<p>Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen
schon durch, seufzte Johannes.
</p>
<p>Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht
klug, siehst Du noch immer nicht, was wir haben, und wie mich
die Kinder erfreuen werden, wenn Du weg bist. Ich &mdash; ich stelle
-mir tagtäglich vor: <span class="em">das</span> ist ein großes Glück, zu besitzen, was ein
-großes Unglück wäre zu verlieren. Da hast Du&rsquo;s! Sag&rsquo; einmal,
-würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder <span class="em">nicht</span> haben
+mir tagtäglich vor: <span class="em">das</span> ist ein großes Glück, zu besitzen, was ein
+großes Unglück wäre zu verlieren. Da hast Du&rsquo;s! Sag&rsquo; einmal,
+würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder <span class="em">nicht</span> haben
wollen? Oder uns haben wollen &mdash; und arm sein, wie wir sind,
und doch nicht sind! &mdash;
</p>
-<p>Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann
-man denn nicht die Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder
+<p>Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann
+man denn nicht die Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder
dazu? sprach Johannes. &mdash;
</p>
<p>Also bist Du mit mir und den Kindern nicht <span class="em">ganz</span> zufrieden?
-erschrak fast Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es
+erschrak fast Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es
jetzt eine Zeit lang besser haben als wir, Du wirst Dein gutes
Essen haben, die Beine unter anderleuts Tisch stecken, ich will
Dir&rsquo;s ja nicht beneiden &mdash; komme nur wieder! wenn Du auch lange
-bleibst, und laß einmal schreiben! &mdash;
+bleibst, und laß einmal schreiben! &mdash;
</p>
<p>Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf
auf den Tisch. Der Vater aber sahe durch das Fenster, wie der
erste Schnee herabtaumelte, wie er aus dem ganz gesenkten flirrenden
-Himmel sich hinab in den Teich stürzte, und wie aus dem Spiegel
-des Teiches zugleich die stürmenden Flocken aus der Tiefe
+Himmel sich hinab in den Teich stürzte, und wie aus dem Spiegel
+des Teiches zugleich die stürmenden Flocken aus der Tiefe
herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten sich auf
-der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
+der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie
-die Kinder barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle
-wälzten, auf einander setzten, einen Stock durchsteckten und
+die Kinder barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle
+wälzten, auf einander setzten, einen Stock durchsteckten und
die Arme mit Schnee bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe
in die Hand gaben und ihm Augen und Nase und Mund von
Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie dann umher
-tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur Kleider
-auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige
-Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht
-in den dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen,
+tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur Kleider
+auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige
+Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht
+in den dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen,
stand dabei und fror, und doch <span class="em">warm</span> angezogen, und
-den einzigen großen Hut im Hause auf dem Kopfe, der ihm bis
-auf die Achseln ging, daß er kaum hervorsehen konnte; er fror,
+den einzigen großen Hut im Hause auf dem Kopfe, der ihm bis
+auf die Achseln ging, daß er kaum hervorsehen konnte; er fror,
und doch freute er sich und zitterte, weil er noch nicht mitspielen
konnte.
</p>
<p>Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach
-bei sich: &mdash; und sie nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß
+bei sich: &mdash; und sie nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß
ihnen doch lieb sein! und Christel nennt mich: lieber Mann! ich
-muß ihr doch lieb sein, &mdash; ich muß ihr doch gut sein, und wenn
-mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen könnte &mdash; lieber
-Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
+muß ihr doch lieb sein, &mdash; ich muß ihr doch gut sein, und wenn
+mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen könnte &mdash; lieber
+Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
</p>
<p>Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem
-Siebe gefangen, und es war Jubel im Hause, daß die Mutter
-Ruhe gebieten mußte, weil die alte Frau Redemehr, die Wirthin,
+Siebe gefangen, und es war Jubel im Hause, daß die Mutter
+Ruhe gebieten mußte, weil die alte Frau Redemehr, die Wirthin,
schlief und krank war.
</p>
-<p>Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute
+<p>Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute
ihm Wecker, ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten
vom Orgelpult hab&rsquo; ich noch. Man wird wieder ein Narr
-mit den Kindern! sagt&rsquo; er, die Hände reibend.
+mit den Kindern! sagt&rsquo; er, die Hände reibend.
</p>
<p>
<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
+Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
</p>
<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! versetzte der Alte.
@@ -2861,60 +2826,60 @@ Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
<p>Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern,
kalten Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend
erinnert &mdash; er dachte, wie die Kinder in der dunklen
-Stube sitzen und sich fürchten und freuen, daß das Christkind doch
-im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum Troste sagen würde: zu
-Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen früge: ob
-ein Jahr lange sei? Dann dacht&rsquo; er, daß Daniel ihm schon beschert
+Stube sitzen und sich fürchten und freuen, daß das Christkind doch
+im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum Troste sagen würde: zu
+Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen früge: ob
+ein Jahr lange sei? Dann dacht&rsquo; er, daß Daniel ihm schon beschert
&mdash; den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon
fort. Die Kinder baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und
-Christel hatte ihn mit einem kleinen Päcktchen beschwert; aber er
-mußte es nehmen, die Kinder und sie darum berauben, um sie
+Christel hatte ihn mit einem kleinen Päcktchen beschwert; aber er
+mußte es nehmen, die Kinder und sie darum berauben, um sie
glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang. Das Herz
-pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied.
-Und er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister
-die Wintermütze &mdash; sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den
-Kopf drücken lassen und hören, wie Christel ihm nachrief: Sorge
+pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied.
+Und er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister
+die Wintermütze &mdash; sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den
+Kopf drücken lassen und hören, wie Christel ihm nachrief: Sorge
nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns! &mdash; und Wecker ihr
sagte: das wollt&rsquo; ich nur wissen!
</p>
<h3 class="no" id="no-16">16.</h3>
-<p class="noindent">Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen,
-still in der finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter
-auf ihrem Schooße, weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung
+<p class="noindent">Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen,
+still in der finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter
+auf ihrem Schooße, weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung
schwarzen Gesicht nicht kannte; denn die Sterne am
-Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl herein, aber
+Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl herein, aber
ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr selber
rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
</p>
<p>
<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Da macht&rsquo; es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem
+Da macht&rsquo; es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem
Flur, dann ging sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr
-drüben kam Wecker mit dem Hirtenhäuschen, das hell schimmerte
-wie eine große Laterne. Christel war ihm aufmachen gegangen,
-auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt angezündet, hatte noch
-die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß Wecker an
+drüben kam Wecker mit dem Hirtenhäuschen, das hell schimmerte
+wie eine große Laterne. Christel war ihm aufmachen gegangen,
+auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt angezündet, hatte noch
+die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß Wecker an
einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte
Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird
-wohl Euer sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die
+wohl Euer sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die
unschuldige Freude gemacht!
</p>
-<p>Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte
-es auf den Tisch, das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker
-war fast böse, daß seine Freude nicht die einzige sein sollte, denn
+<p>Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte
+es auf den Tisch, das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker
+war fast böse, daß seine Freude nicht die einzige sein sollte, denn
die Kinder umstanden den Tisch, und die Mutter fragte sie, was
-darin sein sollte? was Jedes am liebsten hätte? Daniel rieth ein
+darin sein sollte? was Jedes am liebsten hätte? Daniel rieth ein
Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf Aepfel und
-Nüsse und einen Zappelmann.
+Nüsse und einen Zappelmann.
</p>
-<p>Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen
-Bilder aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen,
-von der Hitze des Lichtes darin im Kreise getrieben, und Jäger
+<p>Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen
+Bilder aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen,
+von der Hitze des Lichtes darin im Kreise getrieben, und Jäger
und Hunde und Hirsche sich einander friedlich verfolgten, ohne
sich je zu erreichen.
</p>
@@ -2923,34 +2888,34 @@ sich je zu erreichen.
gieb es mir her!
</p>
-<p>Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre,
-sagte die Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die
+<p>Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre,
+sagte die Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die
Wickelschnuren! nur geradezu Alles! Was doch die Menschen
jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
</p>
-<p>Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind
+<p>Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind
<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
schlug die Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum
-Weinen, flog über sein Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat
-dann näher und hielt ihm den kleinen Finger an den Mund.
+Weinen, flog über sein Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat
+dann näher und hielt ihm den kleinen Finger an den Mund.
</p>
<p>Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber &mdash; <span class="em">Euch</span>
-das zu bringen, das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan
-hat, der muß Euch nicht kennen! Ich setzt&rsquo; es einem Reichen hin!
+das zu bringen, das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan
+hat, der muß Euch nicht kennen! Ich setzt&rsquo; es einem Reichen hin!
</p>
-<p>Wecker aber sagte: Höchstens geben <span class="em">die</span> das Körbchen wieder
-auf die Ziehe! und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht
-alle Weiber Christel, meine Frau Redemehr! Ich dächte, Sie redete
+<p>Wecker aber sagte: Höchstens geben <span class="em">die</span> das Körbchen wieder
+auf die Ziehe! und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht
+alle Weiber Christel, meine Frau Redemehr! Ich dächte, Sie redete
nicht mehr! Das heilige Christkind wird Christel schon gekannt
haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt&rsquo; Ihr es haben? &mdash;
</p>
<p>&mdash; Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So
-eine heilige Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich
-danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
+eine heilige Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich
+danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
</p>
<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! sagt&rsquo; Wecker.
@@ -2959,19 +2924,19 @@ danke meinem Gott für das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
<p>Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
</p>
-<p>Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist
+<p>Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist
sicherlich nicht getauft! das macht wieder Kosten!
</p>
<p>Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der
Pastor nicht will. Die Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das
Kind in Noth ist, geschweige die Aeltern. Noth ist Noth, das
-weiß Ich! &mdash;
+weiß Ich! &mdash;
</p>
<p>Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel
-froh, daß sie eine herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was
-Gutes zu kosten und den Kindern geben zu können.
+froh, daß sie eine herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was
+Gutes zu kosten und den Kindern geben zu können.
</p>
<p>Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh&rsquo;
@@ -2979,7 +2944,7 @@ ich Gevatter.
</p>
<p>Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind?
-ein Gottlob oder ein Annaröschen?
+ein Gottlob oder ein Annaröschen?
</p>
<p>
@@ -2987,21 +2952,21 @@ ein Gottlob oder ein Annaröschen?
Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit
Verwunderung indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm
ihre Brille ab und sagte Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges
-Gottlobchen. Die Kinder kramten im Grunde des Körbchens
-und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und mehrere Silbergulden.
+Gottlobchen. Die Kinder kramten im Grunde des Körbchens
+und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und mehrere Silbergulden.
</p>
-<p>Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht
+<p>Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht
nicht, die Kinder kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht
-im Hirtenhäuschen brannte, lieblichen Dämmer und eine
-stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum Morgen.
+im Hirtenhäuschen brannte, lieblichen Dämmer und eine
+stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum Morgen.
</p>
<p>Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, <span class="em">zum
-Kuchenbacken</span>, wie er fröhlich sagte: &mdash; <span class="em">den</span> Kuchen zu backen,
+Kuchenbacken</span>, wie er fröhlich sagte: &mdash; <span class="em">den</span> Kuchen zu backen,
der uns schmecken soll! Kein Grammaticus kann sich unterstehen
-zu sagen: ich wecke zu &bdquo;<span class="em">den</span> Kuchen backen!&ldquo; ergo heißt <span class="em">Einen</span>
-Kuchen backen auch &bdquo;Kuchenbacken.&ldquo; Und dazu gehört ein ganzer
+zu sagen: ich wecke zu &bdquo;<span class="em">den</span> Kuchen backen!&ldquo; ergo heißt <span class="em">Einen</span>
+Kuchen backen auch &bdquo;Kuchenbacken.&ldquo; Und dazu gehört ein ganzer
Backofen, so gut wie zum &bdquo;Schulmeisterabsetzen&ldquo; <span class="em">ein ganzer
Schulmeister</span>, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das
ganze Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte
@@ -3009,12 +2974,12 @@ namenlose <span class="em">Anonyma</span>. Der Mann bin ich. &mdash;
</p>
<p>Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen
-Papier unter den guten großen Kindtaufenkuchen; denn Christel
-versprach sich selber, die wenigen Gulden auch in der größten eigenen
-Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für das Kind zu verwenden,
+Papier unter den guten großen Kindtaufenkuchen; denn Christel
+versprach sich selber, die wenigen Gulden auch in der größten eigenen
+Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für das Kind zu verwenden,
damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was
es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom
-Deckel der großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt
+Deckel der großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt
war, und Christel kam nach dem Papier. Aber was ist denn das?
fragte Wecker, die Papiere hier? und der versiegelte Brief? Christel
nahm das Eine nach dem Andern und fand mit bangem Erschrecken
@@ -3024,158 +2989,158 @@ Bibel verborgen gewesen.
</p>
<p>Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur
-Borromäus was hätte! Der ist nicht der Mann!
+Borromäus was hätte! Der ist nicht der Mann!
</p>
-<p>Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel.
+<p>Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel.
Nun soll mich mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
</p>
<p>Er verdient&rsquo; es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin
der Mann! ich geh&rsquo; mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium
&mdash; oder kurzen geraden Wegs zum seligen Herrn, da werd&rsquo; ich
-wieder eingesetzt, und wenn ich noch so närrisch soll sein &mdash; was
-kümmern ihn die lieben Kinder!
+wieder eingesetzt, und wenn ich noch so närrisch soll sein &mdash; was
+kümmern ihn die lieben Kinder!
</p>
<p>Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns
die Armuth vergelten.
</p>
-<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! sagt&rsquo; er gerührt. Aber der alte
+<p>Das wollt&rsquo; ich nur wissen! sagt&rsquo; er gerührt. Aber der alte
Mann weinte zum ersten Male, ja er schlief nach und nach ein,
mit dem Kopf auf die Bibel gelehnt, und die Sonne schimmerte
-in seine weißen Haare und sah ihn mild und lächelnd an; und
-als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes Stück vor
-ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
+in seine weißen Haare und sah ihn mild und lächelnd an; und
+als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes Stück vor
+ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
</p>
-<p>Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das
-Körbchen beschert. Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen.
-Wer hatte so weiße feine Leinwand? Wer konnte das Alles so
-sauber machen, wenn nicht des Predigers Töchter, die aber die
+<p>Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das
+Körbchen beschert. Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen.
+Wer hatte so weiße feine Leinwand? Wer konnte das Alles so
+sauber machen, wenn nicht des Predigers Töchter, die aber die
liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und dort
-nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen
-Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon
-geweint über das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als
-daß sie es liebte, weil ihm der Vater gut gewesen war.
+nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen
+Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon
+geweint über das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als
+daß sie es liebte, weil ihm der Vater gut gewesen war.
</p>
-<p>Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen
+<p>Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen
<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
Pastor an ihren Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak
-sie nun erst, als sie las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun
+sie nun erst, als sie las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun
ihm das Kind anvertraute, da Jahre lang niemand nach ihm gefragt.
-Er habe sonst immer das Geld für die Pflege der Dorothee
-richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn&rsquo; er, nun er
-scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und
-da es die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater
+Er habe sonst immer das Geld für die Pflege der Dorothee
+richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn&rsquo; er, nun er
+scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und
+da es die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater
zu, sich das Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem
Briefe, schrieb er, werden Sie den Namen des Vaters der Dorothee
finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus Frankfurt,
-der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
+der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
Ihrem Hause aufgehalten.
</p>
<p>Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem
-Großvater zugesandt, der Brief war an den Pastor überschrieben,
-der Großvater hatte ihn nicht aufgemacht, sie getraute sich es noch
+Großvater zugesandt, der Brief war an den Pastor überschrieben,
+der Großvater hatte ihn nicht aufgemacht, sie getraute sich es noch
weniger, zu thun, und was half auch der Name nun ihr? was
-Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so beweinte
+Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so beweinte
Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie <span class="em">freute</span> sich
-jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das
-Knäbchen noch lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig,
-ob es gleich <span class="em">Gottliebchen</span> hieß, als wahrhaftes Derivativum
+jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das
+Knäbchen noch lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig,
+ob es gleich <span class="em">Gottliebchen</span> hieß, als wahrhaftes Derivativum
und richtiggebildetes Diminutivum von &mdash; Gottlieb,
wie Wecker es nannte.
</p>
<h3 class="no" id="no-17">17.</h3>
-<p class="noindent">Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung,
-Liebe und herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März
+<p class="noindent">Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung,
+Liebe und herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März
schon heran, und an einem heitern Nachmittage war Clementine,
von Dorothee begleitet, vor das Dorf und an Frau Redemehr&rsquo;s
-Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne entgegen. Auf
+Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne entgegen. Auf
<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die arme
-junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu
+dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die arme
+junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu
ruhen. Das traf sich eben vor Christel&rsquo;s Fenster. So ging sie
-denn hinaus, und bat sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte
+denn hinaus, und bat sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte
und nahm es an. Dorothee folgte stumm. In dem freundlichen
-Stübchen saß Clementine lange still, sah sich Alles mit
-wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange
-ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen
+Stübchen saß Clementine lange still, sah sich Alles mit
+wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange
+ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen
halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und
-hielt sie an der Hand: Hätt&rsquo; ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt,
+hielt sie an der Hand: Hätt&rsquo; ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt,
so lebt&rsquo; ich noch!
</p>
-<p>Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte
+<p>Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte
freundlich: Ich lebe nicht mehr &mdash; ich sterbe nur, so langsam, wie
-ich gehe. Die Lerche wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt&rsquo;
+ich gehe. Die Lerche wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt&rsquo;
ich mit Dir getauscht, mein Kind!
</p>
-<p>Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige
-Frau, sagte Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird
-man gar nicht fertig! ich lege mich so müde hin, zu schlafen, daß
+<p>Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige
+Frau, sagte Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird
+man gar nicht fertig! ich lege mich so müde hin, zu schlafen, daß
mich das arme Kind kaum weckt.
</p>
-<p>Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure
+<p>Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure
Kinder.
</p>
<p>Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen.
-Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei,
-oder sah&rsquo; es ja deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den
-wenigen Wochen des Kindes seine Mutter nicht könne gewesen
+Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei,
+oder sah&rsquo; es ja deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den
+wenigen Wochen des Kindes seine Mutter nicht könne gewesen
sein. Sie wiegte es still auf ihren Knieen, war abwesend mit den
Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht, waren ihr zuletzt
-vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem sanften
-lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
+vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem sanften
+lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel
+lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel
kaum sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder
von ihr zu nehmen.
</p>
-<p><a id="corr-7"></a><ins title="Originaltext: Dannn">Dann</ins> lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen
-Thränen vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den
-schwachen Druck an ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
+<p><a id="corr-7"></a><ins title="Originaltext: Dannn">Dann</ins> lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen
+Thränen vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den
+schwachen Druck an ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
</p>
<p>Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte
die Kinder Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so
-Wenigem, daß ihre Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich
-habe nicht viel! und brauche nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis
+Wenigem, daß ihre Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich
+habe nicht viel! und brauche nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis
wird es langen.
</p>
<p>Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang
-ganz im Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich
+ganz im Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich
auf und machte der fremden vornehmen Frau alle seine besten
Diener.
</p>
-<p>Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel.
-&mdash; Da besann sich Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder
+<p>Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel.
+&mdash; Da besann sich Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder
auf, erkannte auch Dorotheen und ging erbittert hinaus.
</p>
-<p>Das verdien&rsquo; ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen
+<p>Das verdien&rsquo; ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen
Thaten bin ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der
-Welt zu wissen? Gott weiß es ja.
+Welt zu wissen? Gott weiß es ja.
</p>
-<p>Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie
-gewiß zu werden. Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und &mdash; sie
-nahm es und wiegte es, zwar mit Verdruß; sie nahm es ihr ab,
-und sie gab es &mdash; ohne Verdruß.
+<p>Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie
+gewiß zu werden. Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und &mdash; sie
+nahm es und wiegte es, zwar mit Verdruß; sie nahm es ihr ab,
+und sie gab es &mdash; ohne Verdruß.
</p>
-<p>Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und
+<p>Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und
Sophiechen neben sich im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt,
nahm Christel auch den Brief vom alten Prediger an ihren Vater
und gab ihr ihn zu lesen.
@@ -3185,45 +3150,45 @@ und gab ihr ihn zu lesen.
<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als
wenn sie ihr eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker
-draußen ein kleines Strohkränzchen geflochten und den Daniel
+draußen ein kleines Strohkränzchen geflochten und den Daniel
hereingeschickt, vor Dorotheen es hinzulegen, gab sie dem armen
unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte es sich auf, besah
-sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann unaufhörlich,
+sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann unaufhörlich,
aber still.
</p>
<p>Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel
-tröstete sie. Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie:
+tröstete sie. Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie:
Christel! meiner Mutter Schwester! schont die arme junge Frau
dort! Pflegt das Kindchen wohl! Das wird Euch Gott vergelten.
-&mdash; Gebt Ihr das Goldstück nicht! &mdash;
+&mdash; Gebt Ihr das Goldstück nicht! &mdash;
</p>
-<p>Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen
-geschwind aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das
-wollt&rsquo; ich nur wissen! und behielt seine Mütze auf.
+<p>Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen
+geschwind aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das
+wollt&rsquo; ich nur wissen! und behielt seine Mütze auf.
</p>
<p>Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied.
-Wenn Euch Gott lieb hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm.
-Der Arme, oder der Geringe, den die Welt nicht kümmert, der
-hat die besten Güter, mit welchen sich Reichthum gar nicht, oder
-doch nicht lange verträgt und zuletzt sie heimlich aufhebt und zu
-Grabe trägt &mdash; und sei&rsquo;s des Reichen eigne, reiche, unglücksel&rsquo;ge
+Wenn Euch Gott lieb hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm.
+Der Arme, oder der Geringe, den die Welt nicht kümmert, der
+hat die besten Güter, mit welchen sich Reichthum gar nicht, oder
+doch nicht lange verträgt und zuletzt sie heimlich aufhebt und zu
+Grabe trägt &mdash; und sei&rsquo;s des Reichen eigne, reiche, unglücksel&rsquo;ge
Frau! &mdash;
</p>
-<p>Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche
+<p>Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche
nicht, nur der Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
</p>
<p>Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche
thut &mdash; so wird der <span class="em">Fromme</span> die Armuth vorziehen, gern ertragen,
-segnen &mdash; oder, ohne es zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich
+segnen &mdash; oder, ohne es zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich
sein, wie Ihr, mein gutes Kind. &mdash;
</p>
-<p>Das heißt ja nur: halt&rsquo; fest an Gottes Wort! weiter nichts.
+<p>Das heißt ja nur: halt&rsquo; fest an Gottes Wort! weiter nichts.
</p>
<p>
@@ -3233,209 +3198,209 @@ schied von ihr.
</p>
<p>Wecker aber sagte: Die lob&rsquo; ich mir! sie ist nicht stolz; doch
-wenn der gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern
-ließ in die kalte Zugluft, ruckt&rsquo; er und stieß er mit seinem in Händen
-habenden Stöckchen, wegen ermangelnden Respekts, so lange
-an meiner Mütze, bis ich mit bloßem Kopfe da stand! Aber ich
-schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu sein, dem der
-Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm&rsquo; ich meine Mütze <span class="em">tief</span>
-vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr
+wenn der gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern
+ließ in die kalte Zugluft, ruckt&rsquo; er und stieß er mit seinem in Händen
+habenden Stöckchen, wegen ermangelnden Respekts, so lange
+an meiner Mütze, bis ich mit bloßem Kopfe da stand! Aber ich
+schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu sein, dem der
+Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm&rsquo; ich meine Mütze <span class="em">tief</span>
+vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr
vor ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
</p>
<h3 class="no" id="no-18">18.</h3>
<p class="noindent">Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen
-Ostern kam, und die Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher
-ihr Johannes zurück sein konnte, da ward ihr bang und bänger
-um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben übermannte sie
-manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
+Ostern kam, und die Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher
+ihr Johannes zurück sein konnte, da ward ihr bang und bänger
+um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben übermannte sie
+manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er
wie Dorothee ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last
-zu sein! Dann schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die
-Kinder und empfand, daß es ja gar nicht möglich sei, die lieben
+zu sein! Dann schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die
+Kinder und empfand, daß es ja gar nicht möglich sei, die lieben
Gottesgeschenke bei klarem Verstande nur kurze Zeit freiwillig je
-zu verlassen, geschweige für immer. An sich selber dachte sie kaum.
+zu verlassen, geschweige für immer. An sich selber dachte sie kaum.
</p>
<p>Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug
-zum Verkauf von ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung,
-als sie ihn sah: denn sie getraute sich nicht über den Steg
-zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre Augen.
+zum Verkauf von ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung,
+als sie ihn sah: denn sie getraute sich nicht über den Steg
+zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre Augen.
</p>
<p>Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt&rsquo; er ihr mit trockenen
Worten: Euer Mann ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch
<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
Niemand &mdash; er sitzt nur den Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt
-nun schon auf der Blume! Er ist bald drüber hinweg. Seid
+nun schon auf der Blume! Er ist bald drüber hinweg. Seid
nur ruhig.
</p>
-<p>So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon
-vorüber war. Sie ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun
+<p>So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon
+vorüber war. Sie ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun
erst hatte sie keine Ruhe, nun verstand sie Johannes Reden, seinen
stillen Unmuth; und die Worte, die sie ihm alle zum Abschied
gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
</p>
-<p>Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß
-sie, den Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung
+<p>Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß
+sie, den Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung
in der Hand. Denn der Gerichtshalter wohnte in
der Stadt, und so weit konnte sie sich nicht mehr entfernen.
</p>
-<p>Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit
-dem seligen Herrn zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme,
-der Breitenthal auf Schuld übernehme, ein reicher Kauf- und
-Handelsherr aus Frankfurt. Alle &bdquo;exigibilen&ldquo; Reste wären im
+<p>Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit
+dem seligen Herrn zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme,
+der Breitenthal auf Schuld übernehme, ein reicher Kauf- und
+Handelsherr aus Frankfurt. Alle &bdquo;exigibilen&ldquo; Reste wären im
&bdquo;Transsubstantiations&ldquo; Verkauf mit angenommen; die &bdquo;inexigibilen&ldquo;
-aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu einem
-Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf
+aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu einem
+Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf
den Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel,
sagte er; ein Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders
wenn der Gerichtshalter die Schwuracten nicht aufgehoben haben
&mdash; sollte! Wer hat danach zu fragen? &mdash; Das sahe Christel
-ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so verständig
-als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine Freistelle
-in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er
+ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so verständig
+als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine Freistelle
+in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er
umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf
und der arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen,
singen und Schule halten; das Wecken besonders hatte
<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-der immer gern, aber Morgens am süßesten schlafende Pastor
-sehr übel genommen; desgleichen hatten es die anderen Herren
+der immer gern, aber Morgens am süßesten schlafende Pastor
+sehr übel genommen; desgleichen hatten es die anderen Herren
Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich
-verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer
-wandern, sein tägliches &mdash; Schulgeld holen, das er mit Thränen
-aß, und dabei Christel mit Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht
-zu verstoßen in der Kälte.
+verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer
+wandern, sein tägliches &mdash; Schulgeld holen, das er mit Thränen
+aß, und dabei Christel mit Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht
+zu verstoßen in der Kälte.
</p>
-<p>Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate
+<p>Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate
gewesen, ihrem Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel
-&mdash; so stürmisch und kalt winterte es jetzt gegen Ostern nach,
-als wenn der Himmel den Menschen seine mährchenhaften Einfälle:
+&mdash; so stürmisch und kalt winterte es jetzt gegen Ostern nach,
+als wenn der Himmel den Menschen seine mährchenhaften Einfälle:
von langsam rauchendem Dampf wie heimlich brennende
-Flüsse &mdash; hoch beschneite Berge &mdash; lange Eiszapfen an den Weinstöcken
-statt der Trauben &mdash; wie mit weißen Blüthen beschüttete
-Bäume im Walde &mdash; eingefrorene Fische &mdash; weißbereifte Bärte
+Flüsse &mdash; hoch beschneite Berge &mdash; lange Eiszapfen an den Weinstöcken
+statt der Trauben &mdash; wie mit weißen Blüthen beschüttete
+Bäume im Walde &mdash; eingefrorene Fische &mdash; weißbereifte Bärte
und Blumen an den Fensterscheiben zum ersten Male in aller
-Pracht und Schönheit zeigen und recht lange den Wintergarten
-sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt daran sähen und wieder
-einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. Denn alle
-Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
+Pracht und Schönheit zeigen und recht lange den Wintergarten
+sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt daran sähen und wieder
+einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. Denn alle
+Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe,
-als wäre das große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge
-reichte, erschien nur <span class="em">eine</span> weiße flimmernde Decke, und <span class="em">ein</span> blauer
-feiernder Himmel, mit seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur
-Einem Herrn gehöre.
+als wäre das große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge
+reichte, erschien nur <span class="em">eine</span> weiße flimmernde Decke, und <span class="em">ein</span> blauer
+feiernder Himmel, mit seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur
+Einem Herrn gehöre.
</p>
-<p>Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen
+<p>Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen
Leid. Denn die alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie
-selbst es vor andern <span class="em">kleinen</span> Arbeiten konnte, und ihre Umstände
+selbst es vor andern <span class="em">kleinen</span> Arbeiten konnte, und ihre Umstände
es erlaubten, von Spinnen lebte, hatte ihr die letzten Monate her
<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
nach und nach drei Thaler geliehen. Nun aber wurden die &bdquo;inexigibilen&ldquo;
Reste eingetrieben, wo freilich kein Ansehen der Person
-mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren schon
-begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten,
+mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren schon
+begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten,
und das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der
-Christel, die zur Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn
-Christel mußte statt der geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben,
-die Ziege mußte nun fort <span class="em">auf das Schloß</span> geführt und
-geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür <span class="em">gelöschte</span>
-Geld nur hin, daß <span class="em">Christel</span> die große Schuld abzahlte, wenn auch
-die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege
+Christel, die zur Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn
+Christel mußte statt der geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben,
+die Ziege mußte nun fort <span class="em">auf das Schloß</span> geführt und
+geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür <span class="em">gelöschte</span>
+Geld nur hin, daß <span class="em">Christel</span> die große Schuld abzahlte, wenn auch
+die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege
stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der
alten Frau nach, die ihrer kaum Herr ward.
</p>
-<p>Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen
-Braten von der jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was
-sie aßen, Christel war in der That nicht wohl, schob den Teller
-hin, stand auf und Wecker ließ sich den &bdquo;alten Rest von den Besen&ldquo;
-schmecken. Von der <span class="em">Ziege</span> äße ich auch nicht, sagt&rsquo; er; aber
-welcher große Herr weiß denn immer, <span class="em">was</span> er ißt? Was würden
-da manchmal, d.&nbsp;h. so manches <span class="em">liebes</span> Mal und Mahl für Dinge
-auf dem Tische stehen! <span class="em">was</span> für Getränke würde man auf den
-Inhaltszetteln an den <span class="em">Wein</span>flaschen lesen! Von <span class="em">was</span> würden die
+<p>Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen
+Braten von der jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was
+sie aßen, Christel war in der That nicht wohl, schob den Teller
+hin, stand auf und Wecker ließ sich den &bdquo;alten Rest von den Besen&ldquo;
+schmecken. Von der <span class="em">Ziege</span> äße ich auch nicht, sagt&rsquo; er; aber
+welcher große Herr weiß denn immer, <span class="em">was</span> er ißt? Was würden
+da manchmal, d.&nbsp;h. so manches <span class="em">liebes</span> Mal und Mahl für Dinge
+auf dem Tische stehen! <span class="em">was</span> für Getränke würde man auf den
+Inhaltszetteln an den <span class="em">Wein</span>flaschen lesen! Von <span class="em">was</span> würden die
Braten und Torten sein, wenn Alles in rerum natura zu sehen
-wäre! &mdash; Hu! Phantasmata! daß mir die Haut schauert &mdash;
+wäre! &mdash; Hu! Phantasmata! daß mir die Haut schauert &mdash;
wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu
-wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
+wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? &mdash; und er lachte
mit nassen Augen, als sie sagten: Ja! Herr Wecker &mdash; &mdash; und
sein: &bdquo;Das wollt&rsquo; ich nur wissen,&ldquo; konnte er das <span class="em">Mal</span> vor Jammer
<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat einmal einen uralten
+nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat einmal einen uralten
Weltweisen gegeben, &mdash; als welche auch Unterschiedliches gegessen
-haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne Unterschied,
+haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne Unterschied,
was nur vom Himmel gehangen, &mdash; <span class="em">der</span> hat in seinem unchristlichen
Gedicht den Magen ein <span class="em">Unthier</span> genannt. Das ist so
wahr wie das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so
gut gekannt als ich. Das will viel sagen, Kinder! Ein wirklich
-armer, wirklicher Schulmeister muß sich das von mir erst sagen
+armer, wirklicher Schulmeister muß sich das von mir erst sagen
lassen, der Gelbschnabel!
</p>
<p>Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht
satt war, fing er statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch
ein Mal sein Gebet um Speise, das: &bdquo;Herr Gott, himmlischer
-Vater&ldquo; an, schämte sich wie ein Nachtwächter, der, wenn er den
+Vater&ldquo; an, schämte sich wie ein Nachtwächter, der, wenn er den
Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre Nacht
&mdash; aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! &mdash; legte sich
-hin und <span class="em">schlief</span> sich wenigstens <span class="em">satt</span>, wie ein armer Tagelöhner
+hin und <span class="em">schlief</span> sich wenigstens <span class="em">satt</span>, wie ein armer Tagelöhner
in der Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im
-Schatten der Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel
+Schatten der Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel
mit Furcht die Worte: &bdquo;Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten
-sie&ldquo; &mdash; &mdash; und wieder: &bdquo;die Sonnenrinder brüllten an den Spießen
-&mdash; &mdash; und die Häute krochen umher&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; und
+sie&ldquo; &mdash; &mdash; und wieder: &bdquo;die Sonnenrinder brüllten an den Spießen
+&mdash; &mdash; und die Häute krochen umher&ldquo; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; und
mir &mdash; mir meckert die Ziege im Leibe &mdash; &mdash; sie will mir das
-Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein
+Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein
Unthier, den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort!
hebe dich weg! &mdash; Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich,
mein Sohn!
</p>
<p>Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder
-fürchteten sich und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er
+fürchteten sich und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er
schwatzt ja nur aus der Schule! und hat nur den Schlucken! ach
<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
im Traume gedenkt er seines Sohnes, der unter den Soldaten ist,
wie mein armer Bruder <span class="em">Stephan</span>. Ach! &mdash; Sie rief ihn erst
leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! &mdash; Wecker!
-&mdash; Wecker! &mdash; wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt
+&mdash; Wecker! &mdash; wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt
es nicht! &mdash;
</p>
<h3 class="no" id="no-19">19.</h3>
-<p class="noindent">Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die
-junge, arme, liebe, schöne, gnädige Frau noch ein Mal &mdash; auf
+<p class="noindent">Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die
+junge, arme, liebe, schöne, gnädige Frau noch ein Mal &mdash; auf
ihrem Castrum doloris zu sehen und sich satt zu weinen, und
kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war lang, die
Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut&rsquo; angelegt und
verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen.
Es war Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes
-Holz vor der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber
-sie bedurfte sein. Banden die Jünger den Esel nicht los? sprach sie
-bei sich; aß David nicht die Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz!
+Holz vor der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber
+sie bedurfte sein. Banden die Jünger den Esel nicht los? sprach sie
+bei sich; aß David nicht die Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz!
und dennoch ging sie erst an der Stube der alten Frau Redemehr
-horchen. Alles still, doch die Kinder weinten! Sie eilte, sie drückte
+horchen. Alles still, doch die Kinder weinten! Sie eilte, sie drückte
die Augen fest zu und ladete schnell einen Arm sich voll. Aber das
trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit auf Scheit legte,
wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und es fiel
ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug,
hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte:
Wollt&rsquo; Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch
-niemals vor Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! &mdash;
+niemals vor Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! &mdash;
</p>
-<p>So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth
-die Stubenthür; aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem
-Leben und von der ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte
+<p>So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth
+die Stubenthür; aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem
+Leben und von der ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte
noch lange gelegen, wenn ihr nicht Daniel beigestanden.
</p>
@@ -3445,17 +3410,17 @@ Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von
dem Holze.
</p>
-<p>Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz
-erstaunt über sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die
-Flamme sie anschien und wärmte! &mdash; Johannes hat Recht! sagte
-sie für sich. Aber es wird den Kindern wohlthun und dem alten
-Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine Strafe auf
+<p>Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz
+erstaunt über sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die
+Flamme sie anschien und wärmte! &mdash; Johannes hat Recht! sagte
+sie für sich. Aber es wird den Kindern wohlthun und dem alten
+Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine Strafe auf
Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.
</p>
-<p>Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht
+<p>Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht
liegen! ich helfe Euch, oder trag&rsquo; es mit Weckern ins Haus. Die
-liebe gnädige Frau hat es Euch geschickt; sie hat noch an alle
+liebe gnädige Frau hat es Euch geschickt; sie hat noch an alle
Armen gedacht, selbst auf dem letzten Lager. Ihr waret nicht da.
Meins ist schon verwahrt. &mdash; So ging sie, Wecker und Daniel.
</p>
@@ -3463,65 +3428,65 @@ Meins ist schon verwahrt. &mdash; So ging sie, Wecker und Daniel.
<p>Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last
nicht vom Herzen. Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen
Augenblick warten, nur etwas Geringes entbehren will &mdash; dem
-giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu seiner Freude. Außerdem
-aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem Gott versöhnen,
-daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
-Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im
+giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu seiner Freude. Außerdem
+aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem Gott versöhnen,
+daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
+Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im
Grabe steht.
</p>
-<p>So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann
-wickelte sie das Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig
-für den Prediger ein und ging in die Kirche. Zuvor bat
+<p>So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann
+wickelte sie das Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig
+für den Prediger ein und ging in die Kirche. Zuvor bat
sie Weckern, der Alten und den Kindern ab, wenn sie sie ja mit
Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste bat sie es auch ihrem
Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah, wie sonst an
-solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du hast
+solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du hast
<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das
that sie nun von Herzen.
</p>
-<p>In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten,
+<p>In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten,
der heute zum Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen
-Schläge schlugen an ihre Brust, und sie bebte mit, wie die
-Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor eigenem Elend, weit
-übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode. Die Orgel
-führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
+Schläge schlugen an ihre Brust, und sie bebte mit, wie die
+Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor eigenem Elend, weit
+übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode. Die Orgel
+führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
Traurigkeit! o Herzeleid! &mdash; Der erste Vers war geendet, die
-langsam schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze
+langsam schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze
Gemeinde dumpf, und doch durch die Menge der Stimmen mit
-erschütternder Macht in die Worte ein:
+erschütternder Macht in die Worte ein:
</p>
<div class="poem">
-<p class="line">O große Noth:</p>
+<p class="line">O große Noth:</p>
<p class="line">Gott selbst ist todt! &mdash;</p>
</div>
-<p class="noindent">Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch
+<p class="noindent">Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch
das nicht mehr; so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten,
-die ihr so wahr, so traurig und fürchterlich erklangen. Und
+die ihr so wahr, so traurig und fürchterlich erklangen. Und
nun erst, als das Beben und Brausen schwieg, zitterte ihr Herz
-nicht mehr so ängstlich über das furchtbare Bild, das sie durch
-die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber es klang
+nicht mehr so ängstlich über das furchtbare Bild, das sie durch
+die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber es klang
ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte
eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:
</p>
<div class="poem">
-<p class="line">O große Noth:</p>
+<p class="line">O große Noth:</p>
<p class="line">Gott selbst ist todt! &mdash;</p>
</div>
<p class="noindent">Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser
-Tage zuletzt selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große
-Wasser und Dorothee, der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige
+Tage zuletzt selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große
+Wasser und Dorothee, der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige
Frau, ja selbst die Ziege, und jene Reden im Traum, wie
sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor Augen sah und bedachte,
<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie vielleicht den Kindern
-raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz; und
+raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz; und
nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen
Geiste: Gott selbst ist todt.
</p>
@@ -3530,96 +3495,96 @@ Geiste: Gott selbst ist todt.
ganz unter den Letzten aus dem Gotteshause.
</p>
-<p>Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare
+<p>Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare
stehen, ohne noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von
-dem Würdigsten zu Zeiten ein Blick zur Seite nach dem Gelde
-fällt: so war besonders das Goldstück dem Herrn Prediger in die
+dem Würdigsten zu Zeiten ein Blick zur Seite nach dem Gelde
+fällt: so war besonders das Goldstück dem Herrn Prediger in die
Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt, sich sagen
lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister &mdash; des alten
-wegen &mdash; nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im
-Stockhause sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen.
+wegen &mdash; nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im
+Stockhause sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen.
So winkte er ihr dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete
seine Frage, wie sie zu dem Golde komme, nicht unbefangen,
-noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als er sagte: vielleicht
+noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als er sagte: vielleicht
ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es reut Euch,
weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? &mdash; Sie
-lispelte nur &bdquo;o große Noth!&ldquo; und als er fortfuhr, ihr das Herz
-zu zerreißen und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß
-Ihr nicht etwa entlauft! &mdash; pfui schämt Euch, eine Frau, die mit
-einem Fuße im Grabe steht! nach den Feiertagen will ich die Sache
+lispelte nur &bdquo;o große Noth!&ldquo; und als er fortfuhr, ihr das Herz
+zu zerreißen und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß
+Ihr nicht etwa entlauft! &mdash; pfui schämt Euch, eine Frau, die mit
+einem Fuße im Grabe steht! nach den Feiertagen will ich die Sache
untersuchen &mdash; &mdash; da weinte sie sogar nicht, sondern sie war
-todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die helle Mittagssonne
-nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort:
+todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die helle Mittagssonne
+nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort:
Gott selbst ist todt. &mdash;
</p>
-<p>Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen
-mit mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind
+<p>Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen
+mit mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind
<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-indessen verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker,
+indessen verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker,
die auch in der Kirche gewesen, noch die Kinder, die Verstecken
-gespielt, deßgleichen nichts davon wußten, das rührte sie kaum.
-Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie sah sich die untergehende Sonne
+gespielt, deßgleichen nichts davon wußten, das rührte sie kaum.
+Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie sah sich die untergehende Sonne
noch einmal an, empfahl sich Gott und ging dann,
-als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen
-in ihr Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine,
+als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen
+in ihr Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine,
die gestorben war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen,
nicht in Breitenthal zu ruhen, mit schwarz behangenen Pferden
-langsam fortgeführt ward; hörte, wie die Glocken ihr nachriefen,
-ängstlich, ängstlich! und der Mond in den Fackelglanz schien &mdash;
-bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
+langsam fortgeführt ward; hörte, wie die Glocken ihr nachriefen,
+ängstlich, ängstlich! und der Mond in den Fackelglanz schien &mdash;
+bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
</p>
-<p>In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott
-sei gestorben. Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen,
-mit Stimmen, die bebten vor Wehmuth. Thränen fielen wie Thau
+<p>In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott
+sei gestorben. Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen,
+mit Stimmen, die bebten vor Wehmuth. Thränen fielen wie Thau
und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel, und die Kinder
-standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in
+standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in
ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen,
-die sich lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches
-Lauten, wie von großen silbernen, aber gedämpften Glocken,
-summte in der Luft, und Alle sahen und hörten hinauf, und Niemand
-wußte, woher das feierliche Lauten scholl. Die Sonne stand
-verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der Erde, die innerlich
-bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die Johanniswürmchen
-flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne krähten
+die sich lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches
+Lauten, wie von großen silbernen, aber gedämpften Glocken,
+summte in der Luft, und Alle sahen und hörten hinauf, und Niemand
+wußte, woher das feierliche Lauten scholl. Die Sonne stand
+verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der Erde, die innerlich
+bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die Johanniswürmchen
+flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne krähten
und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten
-ihr Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde.
-Die verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene
-Flore, die Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte
+ihr Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde.
+Die verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene
+Flore, die Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte
<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-plötzlich, und die Gestirne traten am Himmel bei Tage
+plötzlich, und die Gestirne traten am Himmel bei Tage
heraus, und eine Verwirrung war in der Natur voll Angst und
-Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der äußersten Ferne
-des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes Gewölbe
-zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer
-näher, hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung.
-Und die Erde schwebte mit der Träumenden empor, und ihre
+Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der äußersten Ferne
+des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes Gewölbe
+zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer
+näher, hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung.
+Und die Erde schwebte mit der Träumenden empor, und ihre
Schwester Martha raunte ihr ins Ohr: Ich bin todt, und Du
bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt ist. Unser Herz
hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in den
Blitz &mdash; komm! komm! komm &mdash; ich will Dir den Heiligen zeigen
-in seinem Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels,
+in seinem Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels,
und Weihrauchduft quoll ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie
-Herbstnebel wallenden silbernen, Alles verhüllenden Duft hohe,
+Herbstnebel wallenden silbernen, Alles verhüllenden Duft hohe,
diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen darauf, sondern
ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten Lichtkugeln
wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie.
-Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
+Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum
doloris, und oben darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel
hielten Wache um den wie schlafenden Vater und hatten vor
-Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. &mdash; Niemand wagte hinzuschauen.
-Eine feierliche, tödtliche Stille wie Gewitterschwüle. Nur
+Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. &mdash; Niemand wagte hinzuschauen.
+Eine feierliche, tödtliche Stille wie Gewitterschwüle. Nur
leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit, wie
-Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste
-vorüber, und das veilchenblaue Gewand des Schlummernden,
-sanft davon bestreift, duftete lieblich wie ewiger Frühling, und
-die damit getränkte Luft verhauchte den Wohlgeruch, köstlich duftend,
+Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste
+vorüber, und das veilchenblaue Gewand des Schlummernden,
+sanft davon bestreift, duftete lieblich wie ewiger Frühling, und
+die damit getränkte Luft verhauchte den Wohlgeruch, köstlich duftend,
und hin und her ein Engel nur seufzte aus tiefer Brust: O
<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten athemlos
-und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem
+große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten athemlos
+und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem
Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben
stehen, zu Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf
ihr Gesicht.
@@ -3627,19 +3592,19 @@ ihr Gesicht.
<p>Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor
den Sarg und las mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist,
-der <span class="em">allein</span> sein wird, Er wollte die Welt nicht wieder zerstören,
-seiner Hände Werk; sie war ihm zu schön, zu geliebt &mdash; aber zu
-sündhaft. Niemand sah <span class="em">Ihn</span> durch sein Werk, über ihm, in ihm, mit
+der <span class="em">allein</span> sein wird, Er wollte die Welt nicht wieder zerstören,
+seiner Hände Werk; sie war ihm zu schön, zu geliebt &mdash; aber zu
+sündhaft. Niemand sah <span class="em">Ihn</span> durch sein Werk, über ihm, in ihm, mit
ihm, Sie lebten wie <span class="em">ohne</span> Ihn! &mdash; Wehe! nicht das einzige Verbot:
-Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot an die
-rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem
-Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner
+Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot an die
+rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem
+Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner
Kinder zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das
-im Blute der Natur wie Balsam zu allen Herzen drängt, das
+im Blute der Natur wie Balsam zu allen Herzen drängt, das
Sterne und Sonnen voll Milde und Schweigen <span class="em">laut</span> in Strahlen
-verkünden, das die Erden <span class="em">blühen</span> mit tausend Blumen, das auf
-dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot: liebe
-Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. &mdash; So ist
+verkünden, das die Erden <span class="em">blühen</span> mit tausend Blumen, das auf
+dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot: liebe
+Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. &mdash; So ist
er gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie <span class="em">Jemand</span> todt
sein kann: &mdash; Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit,
um der Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe,
@@ -3652,7 +3617,7 @@ schon auf der Welt, auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. &mdash;
<div class="poem">
<p class="line">Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft!</p>
-<p class="line">Komme hinaus, mein König!<a href="#footnote-1" id="fnote-1">*)</a></p>
+<p class="line">Komme hinaus, mein König!<a href="#footnote-1" id="fnote-1">*)</a></p>
</div>
<p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fnote-1">*)</a> `&Epsilon;&xi;&epsilon;&lambda;&theta;&epsilon;, `&omega; &beta;&alpha;&sigma;&iota;&lambda;&epsilon;&upsilon;! rief die Stimme eines zum Engel verkleideten
@@ -3667,187 +3632,187 @@ trugen ihn zur Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter
den Begrabenden, und streute sein abgeschnittenes Silberhaar mit
den Blumen Streuenden zuletzt in das offene Grab. &mdash; Da fielen
die Sterne vom Himmel, der Welt entging die Kraft, und sie zog
-zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn umwob,
-und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk
-glänzte und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust.
-Finsterniß ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen
-wehte; die Flüsse versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse
-stockten, keine Thräne hatte selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine
-Stimme; keine Hände hatten die Kraft, zum Gebet sich zu falten;
+zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn umwob,
+und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk
+glänzte und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust.
+Finsterniß ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen
+wehte; die Flüsse versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse
+stockten, keine Thräne hatte selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine
+Stimme; keine Hände hatten die Kraft, zum Gebet sich zu falten;
keinen Gedanken jetzt mehr: &bdquo;Wir wollen uns lieben,&ldquo; irgend ein
-Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes von
-allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott
-den Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen
+Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes von
+allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott
+den Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen
geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken
-zuletzt am Grabe, von seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher
-weißer Regenbogen, wie eine unendliche, breite Milchstraße,
-zog sich aus allen den zerschollenen und zerstäubten flirrenden
-Massen von Leben und Licht über dem Grabe zusammen, aus
+zuletzt am Grabe, von seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher
+weißer Regenbogen, wie eine unendliche, breite Milchstraße,
+zog sich aus allen den zerschollenen und zerstäubten flirrenden
+Massen von Leben und Licht über dem Grabe zusammen, aus
welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine
Rose schimmert im Mondschein. &mdash; Sie nahte mit heiligem Schauder,
-sie beugte sich zitternd über, sein Antlitz &mdash; Gottes Antlitz
-zu sehen &mdash; aber sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an
+sie beugte sich zitternd über, sein Antlitz &mdash; Gottes Antlitz
+zu sehen &mdash; aber sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an
<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
seinen leicht geschlossenen Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches
-Lächeln, ein wie sichtbares Lieben, das sie unwiderstehlich
-näher und näher, hinab, und zuletzt ihm fest an die Brust
-zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten leisen
-Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! &mdash;
-Und auch sie war gestorben &mdash; ein Säuseln strich noch einmal verlöschend
-über die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie
-fühlte auch todt noch ein warmes Herz in dem liebenden Busen
+Lächeln, ein wie sichtbares Lieben, das sie unwiderstehlich
+näher und näher, hinab, und zuletzt ihm fest an die Brust
+zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten leisen
+Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! &mdash;
+Und auch sie war gestorben &mdash; ein Säuseln strich noch einmal verlöschend
+über die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie
+fühlte auch todt noch ein warmes Herz in dem liebenden Busen
des Vaters schlagen &mdash; und sie verging. &mdash; &mdash; &mdash;
</p>
<p>Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes.
Er war wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte
-ihn nicht. Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese
-Welt, wo so eben das schwere Geschütz vorüber in den Krieg
-rasselte, noch nicht wieder eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt
+ihn nicht. Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese
+Welt, wo so eben das schwere Geschütz vorüber in den Krieg
+rasselte, noch nicht wieder eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt
zu ihren Kindern, zu ihrem Johannes, der vor Freuden weinte.
-Bis er sie munter küßte, bis sie ihm leise und schüchtern erzählte,
-was sie geträumt.
+Bis er sie munter küßte, bis sie ihm leise und schüchtern erzählte,
+was sie geträumt.
</p>
<p>Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt&rsquo; er ernst. Gott hat
-Dir den Traum zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde
+Dir den Traum zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde
heiliger Angst zeitlebens nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott
kann nicht sterben. So lebt er auch uns &mdash; Du hast den Traum
-für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute Seele, für alle
-Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll Ihn
+für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute Seele, für alle
+Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll Ihn
schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh&rsquo; auf, dort scheint
ja die Sonne!
</p>
<h3 class="no" id="no-20">20.</h3>
-<p class="noindent">Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes,
+<p class="noindent">Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes,
ehe der Vater nach Hause gekommen, war aber der kleine
<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
Daniel schon mit Wecker in ein anderes Dorf gegangen. Sie
hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel hatte sich ein kleines
-Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie nöthig das
-Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
+Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie nöthig das
+Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die
-ihm in der Kälte ein kleiner Mantel war.
+ihm in der Kälte ein kleiner Mantel war.
</p>
<p>Das hatte die Alte gesehen. Heut&rsquo; ist ja heiliger Abend,
sagte sie zu Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu
Dorf, wo nur Essen rauchen; da macht sich ja mancher auf und
-wird <span class="em">darum</span> nicht übler angesehen, weil er auch sonst das ganze
+wird <span class="em">darum</span> nicht übler angesehen, weil er auch sonst das ganze
Jahr nicht kommt! Mir ist nur der Schnee zu hoch, sonst ist es
-ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an solchem heiligen
+ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an solchem heiligen
Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon geschenkt!
-Man wird so reich, so reich &mdash; Ihr wißt das gar nicht,
-mein Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
+Man wird so reich, so reich &mdash; Ihr wißt das gar nicht,
+mein Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
</p>
<p>Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide
kamen nicht wieder. Die Mutter hatte aber Manches in der Stille
-zurecht gelegt und besorgt, was sie genäht, und was so klein, so
-lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur Johannes an, saß oft
+zurecht gelegt und besorgt, was sie genäht, und was so klein, so
+lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur Johannes an, saß oft
lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich nach Mitternacht,
&bdquo;mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,&ldquo; wie es
-heißt, und den Storch zu holen.
+heißt, und den Storch zu holen.
</p>
-<p>Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen
-kam ans Fenster, nicht die Kindelfrau. &mdash; Die Mutter ist drüben
-im andern Dorfe bei der reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon
-drei Tage. &mdash; Er zündete sich eine Kienfackel an und eilte, durch
-das feine Schneegestöber sich leuchtend, und geblendet, in einen
-engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer dem Dorfe,
+<p>Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen
+kam ans Fenster, nicht die Kindelfrau. &mdash; Die Mutter ist drüben
+im andern Dorfe bei der reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon
+drei Tage. &mdash; Er zündete sich eine Kienfackel an und eilte, durch
+das feine Schneegestöber sich leuchtend, und geblendet, in einen
+engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer dem Dorfe,
vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und
<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
stand auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem
bunten marmoradrigen Gestein umher, den Ausweg zu finden.
-Da sah er auf einer natürlichen Marmorbank, wie in einer Grotte
-die außer dem Winde und ohne Schnee war, eine kleine ruhige
-Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit Herzpochen; Knöpfe
+Da sah er auf einer natürlichen Marmorbank, wie in einer Grotte
+die außer dem Winde und ohne Schnee war, eine kleine ruhige
+Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit Herzpochen; Knöpfe
blitzten ihn an, das Tuch war blau &mdash; es war sein gewesener
-Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an &mdash; es war
-sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem
-Schooße, einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand.
-Er leuchtete das an, er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände
+Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an &mdash; es war
+sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem
+Schooße, einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand.
+Er leuchtete das an, er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände
fest vor die Augen, es nicht zu sehen. So stand er lange. Und
als er wieder aufsah, mit Wehmuth hinblickte, war Alles verschwunden,
-wie ein Traum, keine röthliche grellerleuchtete Grotte,
-kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch geträumt?
-fragt&rsquo; er sich froh und bestürzt. &mdash; Er sahe zu Boden. Der Kienbrand,
+wie ein Traum, keine röthliche grellerleuchtete Grotte,
+kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch geträumt?
+fragt&rsquo; er sich froh und bestürzt. &mdash; Er sahe zu Boden. Der Kienbrand,
den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit
dem letzten Funken und war verloschen. &mdash; So sagte er nichts
-und dachte Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt&rsquo;
-es und küßte ihm die Hand, und das Brot. &mdash; Du bist hin!
+und dachte Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt&rsquo;
+es und küßte ihm die Hand, und das Brot. &mdash; Du bist hin!
sagt&rsquo; er weich. So warte denn hier, mein liebes Kind! Die Mutter
-bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden, daß ich gehe! &mdash;
-und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse? &mdash; Gewiß!
+bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden, daß ich gehe! &mdash;
+und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse? &mdash; Gewiß!
Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter
-willen, und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind!
-und ich möchte doch bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme
+willen, und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind!
+und ich möchte doch bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme
ja wieder! Bald, geschwind! &mdash;
</p>
-<p>So redet&rsquo; er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von
-Kälte ergriffen, ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und
-süß und immer süßer eingeschlafen war, und das der unerbittliche
+<p>So redet&rsquo; er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von
+Kälte ergriffen, ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und
+süß und immer süßer eingeschlafen war, und das der unerbittliche
<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Tod, der auch des Nachts überall umherschleicht, der weder Vater
-noch Mutter, Brüder und Schwestern hat, auch hier gefunden
+Tod, der auch des Nachts überall umherschleicht, der weder Vater
+noch Mutter, Brüder und Schwestern hat, auch hier gefunden
und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. &mdash; Das dachte Johannes
-im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der
+im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der
Tod nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie
-gern doch bin ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich
-das sehen und dulden! Das Kind ist glücklich. Wie konnt&rsquo; ich
-besser sehen, wie gut es ist, wie glücklich ich war, <span class="em">als so!</span> &mdash; Heut&rsquo;
+gern doch bin ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich
+das sehen und dulden! Das Kind ist glücklich. Wie konnt&rsquo; ich
+besser sehen, wie gut es ist, wie glücklich ich war, <span class="em">als so!</span> &mdash; Heut&rsquo;
in der heiligen Osternacht hab&rsquo; ich&rsquo;s gesehen und erfahren: Kein
-Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch weit unglücklicher
+Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch weit unglücklicher
werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei doch auch
-Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. &mdash; Gewiß,
-der Gute kann immer wieder glücklich werden! &mdash; sprach
+Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. &mdash; Gewiß,
+der Gute kann immer wieder glücklich werden! &mdash; sprach
eine innere Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. &mdash; Du <span class="em">warst</span> ein
-Thor und bist vielleicht noch einer. &mdash; Wer das wüßte! seufzt&rsquo;
-er. Wer weiß, wo Wecker sitzt! &mdash;
+Thor und bist vielleicht noch einer. &mdash; Wer das wüßte! seufzt&rsquo;
+er. Wer weiß, wo Wecker sitzt! &mdash;
</p>
-<p>Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die
-Räder waren eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die
-Müllerin ließ die Kindelfrau nicht fort, und sie selbst versprach
-sich keinen Lohn und tröstete ihn mit Gott und Gottes Hülfe.
+<p>Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die
+Räder waren eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die
+Müllerin ließ die Kindelfrau nicht fort, und sie selbst versprach
+sich keinen Lohn und tröstete ihn mit Gott und Gottes Hülfe.
</p>
<p>Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in
-der Mühle geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf
-dem Stroh keine Federn in Haaren, wie er vergnügt bemerkte,
+der Mühle geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf
+dem Stroh keine Federn in Haaren, wie er vergnügt bemerkte,
fragte nach Daniel, der sich nicht halten lassen, und ging mit Johannes,
-dem jetzt die Angst entnommen war: er könne auch den
+dem jetzt die Angst entnommen war: er könne auch den
alten Mann so finden wie den Knaben.
</p>
-<p>Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und
+<p>Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und
eine zum Vorrath in der andern. Johannes schritt vom Wege
ab, in den Steinbruch, und als Wecker das starre Kind sah, fehlte
<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-nicht viel, er hätte die Fackel fallen lassen. Aber er zitterte nur,
-daß in den flackernden Lichtern und den bewegten Schatten das
+nicht viel, er hätte die Fackel fallen lassen. Aber er zitterte nur,
+daß in den flackernden Lichtern und den bewegten Schatten das
Kind lebendig zu werden schien. &mdash;
</p>
-<p>Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß,
+<p>Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß,
das Johannes wohl verstand, aber schweigend den Knaben sich
-auflud und mit ihm fortschritt, während Wecker heut&rsquo; im erregten
-Wahnsinn wunderliche Reden führte, während er vorn leuchtete.
+auflud und mit ihm fortschritt, während Wecker heut&rsquo; im erregten
+Wahnsinn wunderliche Reden führte, während er vorn leuchtete.
</p>
<p>Das wollt&rsquo; ich nur noch wissen! sagt&rsquo; er zuletzt; nun kann
ich sterben; die andre Noth hab&rsquo; ich alle gelernt, bis auf den Tod.
-Ich sollte dem kleinen Betteltäschchen die Freude nicht machen! &mdash;
-Wecker, du solltest mit heim gehen! das heißt, wo er zu Hause
+Ich sollte dem kleinen Betteltäschchen die Freude nicht machen! &mdash;
+Wecker, du solltest mit heim gehen! das heißt, wo er zu Hause
ist, oder auch heim! wo du heim bist! Johannes sollte lieber &bdquo;das
alte Schulhaus&ldquo; schleppen, wie die Engel das Haus nach Loretto;
-dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der Pastor
-einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! &mdash; Aber an einer
-oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren,
+dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der Pastor
+einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! &mdash; Aber an einer
+oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren,
Johannes! Merkt Euch das.
</p>
@@ -3856,37 +3821,37 @@ Johannes! Merkt Euch das.
freute sich Wecker. &mdash;
</p>
-<p>Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte
+<p>Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte
freudig im Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie
sanfte Stimmen unsichtbarer Engel, die an dem heiligen Morgen
um die Menschen wandelten auf Erden. Alles war angeklungen
von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen der blinkende
-große Morgenstern schien nicht <span class="em">sein eigen</span>, die Erde nicht ihr
-eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch
+große Morgenstern schien nicht <span class="em">sein eigen</span>, die Erde nicht ihr
+eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch
die Menschenherzen nicht, sondern der Name: <span class="em">Christus</span>, gesungen
-aus der Brust der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem
+aus der Brust der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem
<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
Schall und eignete <span class="em">Ihm</span> es zu; und die Welt war Gottes des
Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.
</p>
-<p>Hört ihr die Jungfrau&rsquo;n, Johannes? wie das erbaulich klingt!
-sprach Wecker. Sie haben&rsquo;s heut kalt. Aber sonst wär&rsquo;s auch keine
+<p>Hört ihr die Jungfrau&rsquo;n, Johannes? wie das erbaulich klingt!
+sprach Wecker. Sie haben&rsquo;s heut kalt. Aber sonst wär&rsquo;s auch keine
Kunst, zu singen! So Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht
-zu aller Zeit. Ich mußte auch lauten, und wenn das Gewitter
-dicht über mir stand; es hat mich auch einmal so halb und halb,
-das heißt aber nicht etwa <span class="em">ganz</span> versengt, so nur angesengt! Dafür
-hab&rsquo; ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes Unglück
-trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt
+zu aller Zeit. Ich mußte auch lauten, und wenn das Gewitter
+dicht über mir stand; es hat mich auch einmal so halb und halb,
+das heißt aber nicht etwa <span class="em">ganz</span> versengt, so nur angesengt! Dafür
+hab&rsquo; ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes Unglück
+trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt
Ihr Euch merken! &mdash;
</p>
-<p>Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen
-stehen, um auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte
+<p>Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen
+stehen, um auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte
seinen guten Daniel unterdessen nicht in den Schnee.
</p>
-<p>Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
+<p>Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
</p>
<div class="poem">
@@ -3895,7 +3860,7 @@ seinen guten Daniel unterdessen nicht in den Schnee.
<p class="line">Das Grab ist selbst begraben! &mdash;</p>
</div>
-<p class="noindent">Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber,
+<p class="noindent">Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber,
die Erde ist jetzt steinhart!
</p>
@@ -3906,33 +3871,33 @@ vernahmen sie die Melodie, ja selbst die Worte:
<div class="poem">
<p class="line">Auf, auf, mein Herz mit Freuden,</p>
<p class="line">Nimm wahr, was heut geschieht!</p>
-<p class="line">Wie kommt nach großen Leiden</p>
-<p class="line">Doch ein so großes Licht!</p>
+<p class="line">Wie kommt nach großen Leiden</p>
+<p class="line">Doch ein so großes Licht!</p>
</div>
-<p class="noindent">Johannes stand gerührt.
+<p class="noindent">Johannes stand gerührt.
</p>
-<p>Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und
-stieß sie vor dem Hause in den Schnee.
+<p>Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und
+stieß sie vor dem Hause in den Schnee.
</p>
<p>
<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte
-mit Freudenthränen eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen,
-stand und sah durch das kleine Fenster in der Thür, wie die Alte
+Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte
+mit Freudenthränen eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen,
+stand und sah durch das kleine Fenster in der Thür, wie die Alte
es schon im Bettchen auf den Armen trug. So legt&rsquo; er den Daniel
-hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht sähe. Er
-dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief
-hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie &mdash;
+hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht sähe. Er
+dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief
+hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie &mdash;
ihm schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen,
-mein Kind! sagt&rsquo; er; nahm ihm das Täschchen ab und zog sich
+mein Kind! sagt&rsquo; er; nahm ihm das Täschchen ab und zog sich
aus eigner Wehmuth selbst wieder den alten Sonntagsrock an,
-sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster war, und ging
-erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen. Die
+sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster war, und ging
+erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen. Die
Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme
-gegeben, und er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott!
+gegeben, und er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott!
mein liebes Kind! Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage
nicht mehr gefallen! Halte fest an Gottes Wort. &mdash; Du bist zu
<span class="em">uns</span> gekommen &mdash; fuhr sie mit weicher Stimme fort &mdash; anstatt
@@ -3942,41 +3907,41 @@ noch brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei
mir. &mdash;
</p>
-<p>Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl!
-meinte leise die Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen,
+<p>Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl!
+meinte leise die Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen,
legte erst ein rothes Osterei daraus auf den Tisch und brockte das
Brot in das kochende Wasser. Dann ging er und setzte sich zu
Christel auf&rsquo;s Bett.
</p>
-<p>Sie aß. Er hatte die Augen zu. &mdash; Was weinst Du denn?
+<p>Sie aß. Er hatte die Augen zu. &mdash; Was weinst Du denn?
Vor Freuden? ja wohl! mein Johannes, sprach sie, siehe nur her!
-&mdash; Er aber sagte: Weißt Du auch, was Du issest? &mdash; Ich habe
+&mdash; Er aber sagte: Weißt Du auch, was Du issest? &mdash; Ich habe
<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe! die ist mir jetzt
-am besten und dienlicher als von rüdesheimer Hinterhäuser.
+am besten und dienlicher als von rüdesheimer Hinterhäuser.
</p>
-<p>Aber von was für Brot! meine Christel, nickt&rsquo; er. &mdash; Bettelbrot
+<p>Aber von was für Brot! meine Christel, nickt&rsquo; er. &mdash; Bettelbrot
von Daniel? sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes,
das Kind hat es gern gethan. Alles ist von Gott, auch das Brot,
und von dem nehm&rsquo; ich es an, und von dem guten Kinde noch
einmal so lieb. &mdash; Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch her. &mdash;
-Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen
-ihm immer zu. &mdash; Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er
+Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen
+ihm immer zu. &mdash; Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er
hat ein gutes Werk gethan. &mdash; Der Vater aber ging von ihr, besah
das Osterei, brachte heraus, was darauf gekritzelt war: &bdquo;Friede
-sei mit Euch,&ldquo; schnitt einen Eierkorb und hing es über dem Eßtisch
+sei mit Euch,&ldquo; schnitt einen Eierkorb und hing es über dem Eßtisch
auf, zu des Kindes Angedenken.
</p>
<h3 class="no" id="no-21">21.</h3>
-<p class="noindent">Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen
+<p class="noindent">Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen
und verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging
-die Hausthür auf, derbe Tritte stampften den Schnee von den
-Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer erleuchtete Fensterchen
-in der Thür lockte den Fremden herein.
+die Hausthür auf, derbe Tritte stampften den Schnee von den
+Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer erleuchtete Fensterchen
+in der Thür lockte den Fremden herein.
</p>
<p>Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt&rsquo; er; guten Morgen
@@ -3987,7 +3952,7 @@ auch! Man sieht im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.
wenn man kommt; sagte Johannes.
</p>
-<p>An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine
+<p>An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine
des Feuers, erkannte der Fremde jetzt Johannes, reicht&rsquo; ihm die
Hand und sagte: Kennt Ihr mich noch!
</p>
@@ -3997,37 +3962,37 @@ Hand und sagte: Kennt Ihr mich noch!
<p>Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt
<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-der Herr von Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin
-noch in Eurer großen Schuld! aber ich habe an Euch gedacht;
-ein kleines Schiff mit Sachen liegt für Euch schon befrachtet in
-Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der Fluß wieder aufgeht,
-kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. Nehmt
-damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
+der Herr von Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin
+noch in Eurer großen Schuld! aber ich habe an Euch gedacht;
+ein kleines Schiff mit Sachen liegt für Euch schon befrachtet in
+Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der Fluß wieder aufgeht,
+kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. Nehmt
+damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
</p>
-<p>Ihr habt ja gehört &mdash; ich bin nur nach <span class="em">Dorothee</span> gefahren!
+<p>Ihr habt ja gehört &mdash; ich bin nur nach <span class="em">Dorothee</span> gefahren!
Ihr sollt mir ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht
-nöthig; wiederholte Johannes.
+nöthig; wiederholte Johannes.
</p>
-<p>Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß,
+<p>Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß,
und, seh&rsquo; ich recht, auch Euch.
</p>
-<p>Da möcht&rsquo; es nur <span class="em">bald</span> aufthauen! sagte Frau Redemehr.
+<p>Da möcht&rsquo; es nur <span class="em">bald</span> aufthauen! sagte Frau Redemehr.
</p>
<p>Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.
</p>
-<p>Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen
-sie nicht nach <span class="em">der!</span> Sie hat uns großes Herzeleid angethan.
+<p>Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen
+sie nicht nach <span class="em">der!</span> Sie hat uns großes Herzeleid angethan.
Weihnachten hat sie mir ein Kind beschert, das Gottliebchen, und
niemand anders als eben auch sie hat es zu meinem Kummer mir
-wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige Frau hat an ihrem
-Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, und
-Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie
-verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden,
+wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige Frau hat an ihrem
+Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, und
+Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie
+verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden,
wenn der Schnee und das Eis vergangen.
</p>
@@ -4035,7 +4000,7 @@ wenn der Schnee und das Eis vergangen.
verwundert.
</p>
-<p>Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte
+<p>Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte
Paschalis. Wie man sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug
genug, beim ersten Anblick eines Menschen ihm sein Schicksal aus
dem Gesicht zu lesen; wie er war, und wie er sein kann! Aber
@@ -4044,45 +4009,45 @@ seid nicht in Sorgen um sie.
<p>
<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm.
-Da erblickte Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete
+Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm.
+Da erblickte Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete
Namen &bdquo;Martha&ldquo; schimmerte still ihn an.
</p>
-<p>Martha! sagt&rsquo; er für sich. Martha? und auch der alte Johannes!
+<p>Martha! sagt&rsquo; er für sich. Martha? und auch der alte Johannes!
Kinder, fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?
</p>
-<p>Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete
+<p>Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete
Christel. Der Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.
</p>
<p>Deine Schwester, die arme Martha! sagt&rsquo; er weich. Ich steh&rsquo;
-als ein großer Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich
-nicht. Ich war aus Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen,
+als ein großer Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich
+nicht. Ich war aus Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen,
aber es gut zu machen &mdash; zu schwach, zu stolz, zu verblendet und
-fortgerissen von derselben Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben
+fortgerissen von derselben Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben
ist und es bringt! und als mein Vater gestorben war, als
-ich aus fremden Städten heim kam &mdash; als ich weiser war &mdash; da
+ich aus fremden Städten heim kam &mdash; als ich weiser war &mdash; da
war sie todt. Arme Martha!
</p>
<p>Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen,
so kann ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen
Ostertage machen! Dorothee ist Martha&rsquo;s Tochter. &mdash; Geh&rsquo;
-doch in die große Bibel, Johannes, und gieb dem Herrn den
+doch in die große Bibel, Johannes, und gieb dem Herrn den
Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und auch den
-andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr
+andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr
armer Mann!
</p>
<p>Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung
-von Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
+von Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
</p>
<p>Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu
Johannes: Geht und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und
-schickt ihn dann auf das Schloß. Der allzu gnädige Gottlieb
+schickt ihn dann auf das Schloß. Der allzu gnädige Gottlieb
droht&rsquo; er. &mdash;
</p>
@@ -4092,9 +4057,9 @@ droht&rsquo; er. &mdash;
und Schmerz wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.
</p>
-<p>&mdash; Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee
+<p>&mdash; Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee
watend, um nach Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie
-als dasselbe Mädchen, das ich bei Euch gesehen. &mdash;
+als dasselbe Mädchen, das ich bei Euch gesehen. &mdash;
</p>
<p>War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.
@@ -4103,8 +4068,8 @@ als dasselbe Mädchen, das ich bei Euch gesehen. &mdash;
<p>Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.
</p>
-<p>Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in
-den Händen verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher
+<p>Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in
+den Händen verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher
und blieb dann gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
</p>
@@ -4114,7 +4079,7 @@ und blieb dann gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
<p>Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.
</p>
-<p>Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern
+<p>Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern
Augen ihn messend.
</p>
@@ -4125,16 +4090,16 @@ sie bei der Hand.
<p>Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.
</p>
-<p>Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und
+<p>Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und
kehrte sich von ihr.
</p>
<p>Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch
-klüger hätt&rsquo; er gethan: sich erst zu schämen, eh&rsquo; ich seine Tochter
+klüger hätt&rsquo; er gethan: sich erst zu schämen, eh&rsquo; ich seine Tochter
ward &mdash; und so sich von Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee.
-Aber die Kunst ist nicht groß &mdash; ich kann es auch. Und nun
-kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im Gesicht, und doch blaß
-und schneller und hörbar athmend.
+Aber die Kunst ist nicht groß &mdash; ich kann es auch. Und nun
+kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im Gesicht, und doch blaß
+und schneller und hörbar athmend.
</p>
<p>Eh&rsquo; wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist
@@ -4142,46 +4107,46 @@ Dein Kind?
</p>
<p>Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst
-nicht zum Weinen wäre! &mdash;
+nicht zum Weinen wäre! &mdash;
</p>
<p>
<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Hätt&rsquo; ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte
+Hätt&rsquo; ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte
Paschalis. Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde
zum Prediger, dem ich sie anvertraut. Ein junges Weib sitzt da:
ich schweige, ich gehe; ich will morgen wiederkommen, um zu erfahren,
-wo sie nun ist &mdash; da brechen in der Nacht die Dämme,
-da eil&rsquo; ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, daß
-sie <span class="em">meine Stimme</span> höre! laute, um in der Menge verborgen sie
-<span class="em">mit</span> zu retten &mdash; nur <span class="em">sie</span> &mdash; &mdash; hätt&rsquo; ich doch nicht gelauten!
-hätt&rsquo; ich doch Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen
-mir aufzuschreiben, dann zog sie nicht auf das Schloß!
+wo sie nun ist &mdash; da brechen in der Nacht die Dämme,
+da eil&rsquo; ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, daß
+sie <span class="em">meine Stimme</span> höre! laute, um in der Menge verborgen sie
+<span class="em">mit</span> zu retten &mdash; nur <span class="em">sie</span> &mdash; &mdash; hätt&rsquo; ich doch nicht gelauten!
+hätt&rsquo; ich doch Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen
+mir aufzuschreiben, dann zog sie nicht auf das Schloß!
</p>
-<p>Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann
-sie ja der gnädige Gottlieb <span class="em">auch</span> heirathen.
+<p>Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann
+sie ja der gnädige Gottlieb <span class="em">auch</span> heirathen.
</p>
-<p>Das ist meine Tochter! würd&rsquo; ich ihm sagen, trotzte Paschalis
+<p>Das ist meine Tochter! würd&rsquo; ich ihm sagen, trotzte Paschalis
und hielt Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
</p>
-<p>Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält
+<p>Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält
er das Gut.
</p>
-<p>Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist
+<p>Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist
weder <span class="em">Gott</span> lieb! noch sind Sie Gott <span class="em">lieb!</span> wenigstens <span class="em">mir</span>
nicht! Zieh&rsquo; in den Krieg! rieth ihm Paschalis.
</p>
-<p>Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so
-seid Ihr doch werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht
+<p>Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so
+seid Ihr doch werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht
eine Mutter? lebte sie nicht als Wittwe bei ihr und bei <span class="em">ihm?</span>
-war sie nicht jung noch und üppig genug? &mdash; <span class="em">Ihr</span> hab&rsquo; ich <span class="em">ihr</span>
-Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, daß eine Tochter
-vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom
+war sie nicht jung noch und üppig genug? &mdash; <span class="em">Ihr</span> hab&rsquo; ich <span class="em">ihr</span>
+Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, daß eine Tochter
+vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom
Sarge der Tochter entfloh! &mdash;
</p>
@@ -4195,79 +4160,79 @@ Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen
und rief: Mein einziges Kind! &mdash;
</p>
-<p>Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden!
-sprach sie. Das Schloß ist Euer &mdash; das Schloß betret&rsquo; ich nimmer
+<p>Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden!
+sprach sie. Das Schloß ist Euer &mdash; das Schloß betret&rsquo; ich nimmer
wieder! &mdash; Ihr habt die Schulden zu Euren Schulden gemacht;
gebt Eurer Martha Schwester ihre tausend Gulden, und mir den
-Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder erstatte &mdash; dann lebt
-in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und daß
-Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt
-Ihr so schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er
-wieder, und Johannes befährt den alten Rhein.
+Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder erstatte &mdash; dann lebt
+in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und daß
+Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt
+Ihr so schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er
+wieder, und Johannes befährt den alten Rhein.
</p>
-<p>Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen!
-Du, Breitenthal! Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in
-solchen Händen! Johannes aber ein Schiff mit goldenem Boden
-&mdash; ich will Euch Alle glücklich machen! sagte Paschalis erregt
+<p>Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen!
+Du, Breitenthal! Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in
+solchen Händen! Johannes aber ein Schiff mit goldenem Boden
+&mdash; ich will Euch Alle glücklich machen! sagte Paschalis erregt
zu Johannes.
</p>
-<p>Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete
+<p>Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete
ihm Johannes. So elend war ich da nicht wie heut&rsquo;, und
nun immerfort! &mdash; o mein gutes Weib! &mdash; und doch lebt ja der
alte Gott! Du verstehst mich, aber nur halb!
</p>
<p>Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer
-begreift das Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre
+begreift das Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre
gemacht, o Dorothee, das segnet Dir Gott und mir!
</p>
-<p>Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr
-Vater! lächelte Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie
-der älteste Kaufmann. &mdash; Nicht wahr, Ihr verliert nur <span class="em">Eure
-Schätze</span>, wenn Jemand fallirt, dem Ihr sie anvertraut. Aber &mdash;
-ein <span class="em">gefallenes</span> Haus hat keinen Credit, und ein Mädchen borgt
+<p>Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr
+Vater! lächelte Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie
+der älteste Kaufmann. &mdash; Nicht wahr, Ihr verliert nur <span class="em">Eure
+Schätze</span>, wenn Jemand fallirt, dem Ihr sie anvertraut. Aber &mdash;
+ein <span class="em">gefallenes</span> Haus hat keinen Credit, und ein Mädchen borgt
<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
<span class="em">Ihm</span> nicht einen Finger, geschweige die Lippe! &mdash; Das sag&rsquo; ich
noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
</p>
-<p>Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie
+<p>Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie
der Vater.
</p>
-<p>Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das
-kecke Mädchen.
+<p>Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das
+kecke Mädchen.
</p>
-<p>Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und
+<p>Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und
wankte hin, um sich auszuweinen bei seinem Daniel. &mdash; Aber er
fand Jemand schon neben ihm. Wer seid Ihr? fragt&rsquo; er verwundert.
&mdash; Still! Still! ich bin Wecker! der wahre Wecker? Ich bin
der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der Doctor! sprach
er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist eigentlich
nur ein <span class="em">Lizentiat!</span> fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit
-Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme
-hat sich eine Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine
-Wange glüht. Ex Noth wird wieder Ex voto! Hört ihr das
+Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme
+hat sich eine Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine
+Wange glüht. Ex Noth wird wieder Ex voto! Hört ihr das
Osterlied! Nun kommen die heiligen Frauen.
</p>
<p>Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der
-Hände nicht thun, was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf
-die Füße stellte und in des Vaters Arme gab. Der Knabe besann
+Hände nicht thun, was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf
+die Füße stellte und in des Vaters Arme gab. Der Knabe besann
sich endlich langsam wieder, glaubte noch in dem Steinbruch zu
-sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte dann des
+sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte dann des
Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater?
-da hast Du Brot! komm&rsquo;, führe mich heim, der Mutter wird
+da hast Du Brot! komm&rsquo;, führe mich heim, der Mutter wird
bange sein!
</p>
-<p>Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der
+<p>Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der
aufgehenden Sonne Licht und Glanz geblendet, und schwach,
-schwankte das Kind und stand wie im Traume und gähnte und
+schwankte das Kind und stand wie im Traume und gähnte und
strich sich die Haare aus der Stirn.
</p>
@@ -4277,12 +4242,12 @@ Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die
Mutter.
</p>
-<p>Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig
-stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung,
+<p>Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig
+stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung,
die aus Johannes Worten und Wesen sie anschauerte.
</p>
-<p>Nun &mdash; nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr
+<p>Nun &mdash; nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr
Johannes leiser fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
</p>
@@ -4290,19 +4255,19 @@ Johannes leiser fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
die Arme nach ihm.
</p>
-<p>Mutter! &mdash; sprach er, als bät&rsquo; er sie um Vergebung, und
+<p>Mutter! &mdash; sprach er, als bät&rsquo; er sie um Vergebung, und
lag in ihren Armen.
</p>
-<p>Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte
+<p>Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte
sie nicht an Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich
da und hatte die Augen zu.
</p>
-<p>Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel
+<p>Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel
wieder! und noch einen kleinen: &bdquo;Vom Himmel hoch, da komm
-ich her!&ldquo; &mdash; Ich habe Alles! &mdash; Dorothee! hörst Du, Dorothee,
-ergieb Dich Deinem Vater! &mdash; Du weinst, mein Mädchen?
+ich her!&ldquo; &mdash; Ich habe Alles! &mdash; Dorothee! hörst Du, Dorothee,
+ergieb Dich Deinem Vater! &mdash; Du weinst, mein Mädchen?
</p>
<p>Da traten die Jungfrau&rsquo;n der Osternacht auch vor das kleine
@@ -4312,14 +4277,14 @@ Haus und sangen:
<div class="poem">
<p class="line">Es gingen drei heilige Frauen</p>
<p class="line2">Alle-alleluja!</p>
-<p class="line">Des Morgens früh im Thauen,</p>
+<p class="line">Des Morgens früh im Thauen,</p>
<p class="line2">Alle-alleluja!</p>
</div>
-<p class="noindent">Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen.
-Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da
+<p class="noindent">Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen.
+Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da
waren die drei Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert,
-und die zwei Engel in weißen Gewanden. Und sie standen
+und die zwei Engel in weißen Gewanden. Und sie standen
<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
wie Erscheinungen, fuhren fort in dem Wechselgesang, und
es sangen:
@@ -4365,14 +4330,14 @@ es sangen:
<div class="poem">
<p class="line">Habt Dank, ihr lieben Engel fein.</p>
<p class="line2">Alle-alleluja!</p>
-<p class="line">Nun woll&rsquo;n wir Alle fröhlich sein!</p>
+<p class="line">Nun woll&rsquo;n wir Alle fröhlich sein!</p>
<p class="line2">Alle-alleluja!</p>
</div>
-<p class="noindent">Sie schwiegen nun und lächelten. &mdash;
+<p class="noindent">Sie schwiegen nun und lächelten. &mdash;
</p>
-<p>&mdash; Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein!
+<p>&mdash; Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein!
sagte Paschalis und zog seine Tochter, die Willige nun, an
das Herz.
</p>
@@ -4385,7 +4350,7 @@ das neue Haus steht.
<p>
<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
Das wollt&rsquo; ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit
-Thränen ein frohes: Alle-alleluja!
+Thränen ein frohes: Alle-alleluja!
</p>
<p>Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann
@@ -4394,17 +4359,17 @@ Sonne! denn heut&rsquo; ist heiliger Ostertag!
</p>
<p>Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah&rsquo; in die
-rothe, große, zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm
-über, und Dorotheen.
+rothe, große, zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm
+über, und Dorotheen.
</p>
<p>Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha,
-die ihn aus dem Schleier ansah, und bot <span class="em">ihr</span>, wie zur Versöhnung,
+die ihn aus dem Schleier ansah, und bot <span class="em">ihr</span>, wie zur Versöhnung,
die Hand und blickte mit feuchten Augen zum Himmel.
</p>
-<p>Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle
-mit freundlichem Lächeln und sprachen: <span class="em">Friede sei mit Euch!</span>
+<p>Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle
+mit freundlichem Lächeln und sprachen: <span class="em">Friede sei mit Euch!</span>
</p>
<p>&nbsp;</p>
@@ -4415,18 +4380,18 @@ mit freundlichem Lächeln und sprachen: <span class="em">Friede sei mit Euch!</sp
<p class="noindent"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
<p class="noindent">
-<br />Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und
+<br />Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und
Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.<br />
<br />Im Original <span class="gesperrt">gesperrte</span> Textstellen werden
<span class="em">kursiv</span> wiedergegeben.<br />
-<br />Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
+<br />Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
</p>
<ul>
<li>
-... oder ein Stübchen haben der <span class="underline">Barromäus</span>. Es sind auch ...<br />
-... oder ein Stübchen haben der <a href="#corr-1"><span class="underline">Borromäus</span></a>. Es sind auch ...
+... oder ein Stübchen haben der <span class="underline">Barromäus</span>. Es sind auch ...<br />
+... oder ein Stübchen haben der <a href="#corr-1"><span class="underline">Borromäus</span></a>. Es sind auch ...
</li>
<li>
@@ -4455,385 +4420,13 @@ Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.<br />
</li>
<li>
-... <span class="underline">Dannn</span> lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen ...<br />
-... <a href="#corr-7"><span class="underline">Dann</span></a> lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen ...
+... <span class="underline">Dannn</span> lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen ...<br />
+... <a href="#corr-7"><span class="underline">Dann</span></a> lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen ...
</li>
</ul>
</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
-
-***** This file should be named 40523-h.htm or 40523-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
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-
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