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-The Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org
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-
-Title: Die Osternacht
- Erste Abtheilung
-
-Author: Leopold Schefer
-
-Release Date: August 18, 2012 [EBook #40523]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
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-Produced by Jens Sadowski
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-
-Leopold Schefer
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-Die Osternacht
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-Die Osternacht.
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-Erste Abtheilung.
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-Sinnwort:
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- Erdennoth
- Keine Noth!
- Nur vom Herzen
- Kommen Leiden,
- Leben, Freuden,
- Tod und Schmerzen.
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-1.
-
-
-Wer machte denn die Thür auf, Johannes? -- Johannes, hörst Du! schlafe nur
-nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache
-sie zu! ich fürchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen
-herein? hat es nicht Hörner? --
-
-Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach
-Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem
-vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im
-Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in
-ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch
-der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem
-Hasenfuß anrührt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und
-sperre die Ziege ein.
-
-Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen.
-
-Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die
-Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.
-
-Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.
-
-Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? -- Und nun rauschte er mit den
-Füßen darin.
-
-Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum
-Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus.
-
-Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das
-Wasser! --
-
-Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein
-dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der
-Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und
-Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in
-Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann
-führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster
-hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem
-Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er
-diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. --
-
-_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend;
-macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! --
-
-Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter
-Mann erzählt? fragte Christel.
-
-_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte
-Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich!
-Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort!
-
-Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick
-überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt
-nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe
-fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist
-die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die
-Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas?
-
-Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus
-war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So
-bleiben wir Fischer! --
-
-Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel.
-
-So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine
-Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den
-Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein
-Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel
-stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger
-Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch
-das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich
-nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den
-Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel;
-und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon
-überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe
-hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit
-langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes
-Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig
-und freundlich den Menschen leuchtete.
-
-Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an
-Allem schuld!
-
-Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem
-Stabe.
-
-Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche
-war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still,
-auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur
-manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen
-anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse
-Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden
-Stößen vom Himmel.
-
-So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen,
-die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen:
-»Johannes!« und dann wieder schwächer: »Johannes!« aber es fiel ihnen nicht
-ein, daß sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie
-waren froh, daß ein Kahn sie einholte. »Guten Morgen!« grüßte es beklommen
-herüber. »Guten Morgen!« dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend
-gelangten sie ans Ufer.
-
-
-
-
-2.
-
-
-Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem
-Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer
-gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich
-um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken
-hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen
-lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. --
-
-Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas
-vergessen.
-
-Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.
-
-Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. --
-
-Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den
-Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das
-Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als
-Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr'
-um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt.
-Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer
-rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! --
-
-Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus
-und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz
-zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten
-Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der
-Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch
-die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im
-Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der
-herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die
-Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten
-verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im
-geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und
-keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
-hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten,
-horch!
-
-Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause
-fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.
-
-Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er
-schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang
-selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im
-Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
-
-Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle
-dort tief.
-
-Das war wohl ein Schreckliches!
-
-Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und
-die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße
-Gestalt saß neben der Leiter.
-
-Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
-
-Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte
-Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt,
-denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht
-gethan! --
-
-Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm?
-Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe
-es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr
-ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
-
-Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein
-zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt
-stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte
-müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und
-nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
-Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine
-Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke!
-erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut
-zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es
-erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine
-Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
-und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und
-mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes
-_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So
-blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen
-und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die
-Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
-Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun
-schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
-
-Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg
-während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des
-Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner
-Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und
-warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
-
-Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun
-seid Ihr so arm als ich!
-
-Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel.
-
-_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir
-diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei
-ihm, wie oft hab' ich geweint!
-
-Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch
-das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten
-Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.
-
-Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
-
-Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung
-betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen
-nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger.
-Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem
-freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er
-lächelte.
-
-_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht
-einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!
-
-Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie
-er spricht. Oder nicht?
-
-Freilich! sagte Johannes.
-
-So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb
-sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand,
-versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock
-aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und
-wanderte in die Berge.
-
-Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen
-Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf
-den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine
-Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
-dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! --
-Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich
-auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.
-
-
-
-
-3.
-
-
-Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel,
-die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer?
-oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?
-
-Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine
-Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte
-sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so
-kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und
-Vertrauen!
-
-Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den
-Kindern geben als Brot?
-
-Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das
-anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir
-einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem
-Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in
-guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein
-schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr
-von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach
-Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf
-nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser
-Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal
-abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor
-Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und
-war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben,
-verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr
-sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden
-gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf;
-denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir
-es neu auf.
-
-Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und
-behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes.
-
-Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas
-hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen,
-nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind.
-
-Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.
-
-Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die
-Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden
-wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden
-wir das Geld bekommen?
-
-Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! --
-
-Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt.
-
-Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn
-das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon
-abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel.
-
-Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr.
-
-Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe
-kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit
-hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt
-gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein
-Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von
-Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die
-nehmen die Kinder mit, und wir gehen.
-
-Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den
-Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die
-Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß
-er das Ende der Zügel halten durfte.
-
-An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück
-geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für
-die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg.
-
-Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend.
-
--- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des
-Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine
-_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz
-zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater,
-das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das
-kannst Du mir glauben.
-
-Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und
-nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem
-Wagen nachsah.
-
-Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen.
-
-Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.
-
-Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit
-stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den
-rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte
-er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? --
-
-Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten
-hätten.
-
-Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in
-Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts;
-aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an
-ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das
-eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage
-auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
-einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er
-zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb -- denn so heißt er -- und das
-ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das
-chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im
-Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die
-Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken:
-bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der
-ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben
-Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu
-werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen
-Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest,
-wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet.
--- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert
-nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber laßt das nur gut
-sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da
-das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich
-nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel
-schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heißt -- und eine
-rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage
-braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der
-selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine
-Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht
-gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. --
-
-Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes --
-
--- so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind
-zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller
-Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und daß er eine Frau hat, das
-schadet nichts.
-
-Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.
-
-Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schön und brav, daß
-sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke,
-daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. --
-
-_Diese_ Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal
-freundlich anzusehen. --
-
-Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im
-Dorfe wüßt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen
-Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise.
-Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen
-Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an
-kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den
-Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber
-in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen
-andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der
-gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben
-stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der
-Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein
-hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr
-ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen.
-
-Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin!
-
-Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom
-Wege ab.
-
-
-
-
-4.
-
-
-Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen
-auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles
-eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug
-hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand
-mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel
-küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee,
-was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder
-schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß
-Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das
-halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein.
-
-Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf
-dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen.
-Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf
-dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor
-Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist
-Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand
-auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast
-weichmüthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du
-gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still
-und kehrte sich von mir, als er betete: »unser täglich Brot gieb uns
-heut'.« _Der_ fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist!
-Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind,
-was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall;
-in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will
-auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf,
-das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine
-Mühle. Und muß denn die Mühle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehört sie
-ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben
-bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
-_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot.
-Nicht wahr, mein Johannes?
-
-Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so
-ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und -- fuhr sie
-dann lächelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und
-sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen
-hängen!
-
-Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist
-Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten.
-Das hast Du nicht gewußt. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat
-sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst
-recht lang werden.
-
-Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! --
-
-Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du
-mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth!
-meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an,
-Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes
-Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich
-Dich lieb habe von Herzen.
-
-Wie ich Dich! sagte Christel.
-
-
-
-
-5.
-
-
-Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee
-blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr
-eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen,
-vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und
-Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß
-ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt
-waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr
-Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und
-ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach
-dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die
-Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still
-durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die
-Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein
-Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im
-Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die
-ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte
-ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,
-wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so
-bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich
-und beglückt.
-
-Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf
-der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand
-Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich
-ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges
-Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei
-in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr
-Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt
-durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß
-sie nicht _das Beste_ verloren hätten.
-
-Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare
-geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das
-Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu
-haben.
-
-Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten.
-
-Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch
-erleichtern.
-
-Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was
-Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es
-zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich
-mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja!
-sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie
-werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden
-Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du
-meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee!
-sagte sie halb bittend.
-
-Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie
-küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.
-
-Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn
-sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!
-
-Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas
-hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle
-sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.
-
-Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und
-meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und
-kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so
-dumm aus, als ich bin!
-
-Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen
-und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg,
-kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die
-stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie
-hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf
-kenn' ich sie.
-
-Wird ihr das helfen? fragte Johannes.
-
-Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.
-
--- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das
-Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat
-sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen,
-als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug
-gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater,
-der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich
-in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr
-eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer
-zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück
-als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen
-werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles
-braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.
-
-Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause
-die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das
-ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee
-und sahe Johannes dabei an.
-
-Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand
-dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein
-Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und
-anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und
-kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug
-einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder
-Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und
-denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen
-folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_
-zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh
-aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird,
-und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es
-entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt
-_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz
-sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden.
-
-_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei
-diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von
-fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen,
-geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber
-soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine
-Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin
-ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
-
-Christel wendete sich ab und weinte!
-
-Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie
-lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um
-seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der
-Vater weinte.
-
-Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke
-Euch für Alles, auch für das!
-
-Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier
-schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben
-mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn
-Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch
-leben?
-
-Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den
-Vers:
-
- »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!«
-
-Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und
-ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.
-
-
-
-
-6.
-
-
-Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn
-das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen
-und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so,
-weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete
-Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld
-zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen
-Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene
-schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das
-Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent
-sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein
-Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da
-sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel,
-kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist.
-Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts
-Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie
-nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der
-hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin
-und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht,
-die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren
-soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen
-niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht
-neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft
-wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm
-geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen
-Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden
-umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und
-losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber
-wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und
-exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der
-Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein
-separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die
-rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand,
-Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern
-Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen
-Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir
-einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der
-die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die
-Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von
-sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt,
-und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer
-bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er
-Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und
-Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von
-Sagan, den Ehrenvers:
-
- Unserm Hans von Sagan zu Ehren
- Laßt die klingende Musicam hören!
-
-Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger
-erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan,
-ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten
-Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm
-das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter
-klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die
-Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch
-eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf
-jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg
-geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der
-Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker
-die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus
-Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen
-will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da
-draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und
-trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und
-tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus.
-
-Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine
-hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit
-dazu -- Gott sei Dank!
-
-So ging er. --
-
-Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich,
-als Niklas fort war.
-
-Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das
-Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und
-_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln
-dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die
-Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als
-retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe,
-der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
-lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und
-immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon
-gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke
-aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G.
-D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er
-aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,
-daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine
-Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die
-hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den
-Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn
-trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt
-ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur
-sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist
-und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so
-kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am
-liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben
-nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du
-willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten
-zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang --
-ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! --
-
-Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die
-Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben?
-Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen,
-mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast
-Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege
-schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von
-Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie
-wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet,
-sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und
-wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit
-der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat.
-Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und
-ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.
-
-
-
-
-7.
-
-
-Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben
-häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn
-zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit
-helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die
-bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem
-grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht.
-Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein
-junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will
-berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er
-auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr
-und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
-Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur
-wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die
-Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz
-schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus
-Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert --
-der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die
-bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei
-erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an
-den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die
-Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im
-Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und
-von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus
-Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei
-Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.
-
-Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.
-
-Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen
-und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden
-Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein
-Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R,
-und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,
-ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher.
-Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich
-verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten!
--- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben
-mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken,
-wie es eben kam, und schlichen sich fort.
-
-Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten,
-und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten
-Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor
-Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie
-erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und
-sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in
-ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und
-andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau,
-kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit
-gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es
-schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie
-es gehe?
-
-Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht
-mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
-
-Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen
-dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.
-
-Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt
-auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem
-Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht,
-war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem
-Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
-Pyramide.
-
-Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler
-bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie
-er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der
-Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender
-hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte
-hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück
-dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen
-»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes
-»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert
-war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX
-VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das
-zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun
-rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun
-abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das
-verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und
-so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit
-römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit
-Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die
-_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an.
---
-
-Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am
-andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen
-in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:
-
-Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales
-Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.«
-
-Gründe:
-
-Tausend, außer diesem!
-
-Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein
-ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie
-machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl
-eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den
-wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott,
-wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem,
-alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der
-Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen
-vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble
-Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen
-erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den
-verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_
-gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_
-wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf --
-sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht
-sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es
-sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen
--- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude.
-»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten?
--- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut
-Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen
-Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst
-doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den
-_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch
-ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung
-verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz
-_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu
-wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und
-die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und
-flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So
-hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem
-frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen
-Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_
-Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer,
-die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die
-Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller,
-Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch
-die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen,
-_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_
-nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib
-ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das
-Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die
-Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe,
-kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur
-nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk
-anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird
-er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute
-Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu
-Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von
-dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die
-schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich,
-und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt.
-
-P. S.
-
-Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine
-Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese
-Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht
-_ansäen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und
-verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann
-fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die
-_Meinung_ für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will:
-so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute
-lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie
-selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben
-meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt,
-ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister,
-Westen, Mäntel -- die Knöpfe nicht zu vergessen!
-
-An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen
-gern
-
-Ihr
-
-in Affect gerathener Hannes Manu propria.
-
-Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem
-Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis
-führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der
-außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie
-er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und
-Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war
-hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man
-jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation
-ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«;
-wie statt Obsicht im Urtheil stand.
-
-Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für
-alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und
-die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.
-
-
-
-
-8.
-
-
-Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er,
-Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich
-geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst,
-Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke,
-die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche
-über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben
-schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es
-daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! --
-
-Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen
-Augen an, die sich regten und feucht glänzten.
-
-Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er.
-
-Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir
-leid, daß Du mich geheirathet hast.
-
-Sie weinte nun wirklich sanft.
-
-Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.
-
-Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.
-
-Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte
-Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich
-schäme mich sonst so im Staate.
-
-Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der
-kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir
-könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel
-noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!
-
-So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an
-die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und
-kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.
-
-Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor
-ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er
-sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden
-Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und
-ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das
-Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und
-ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im
-saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie
-sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt
-seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die
-Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte
-in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal
-den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im
-Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen
-feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die
-Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb
-ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum
-unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder
-ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf
-sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand
-fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der
-alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner
-Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen:
-Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert!
-Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen
-im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren
-schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er
-sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur
-angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er
-an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber
-sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur
-ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie
-werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er.
-Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich
-nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du
-einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel,
-fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die
-Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und
-glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und
-bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe,
-wie er gesagt hat. --
-
-Oder:
-
-War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur
-an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach
--- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit
-ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die
-Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten,
-aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe
-hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze
-nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch
-eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben
-Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.
-
-Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe,
-fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig
-darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.
-
-So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib --
-Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein
-blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem
-Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief
-ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat
-er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das
-Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen
-mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels
-und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar
-fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen
-Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus
-der Kammer herein, die Gelte in der Hand.
-
-Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann
-Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das
-Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und
-reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei
-uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.
-
-Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und
-so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in
-seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne
-haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. --
-Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
-und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor,
-mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und
-zuletzt auf das Brot legte.
-
-Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im
-Gehen mit Drohen und Lächeln.
-
-Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und
-küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein
-Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn
-mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben!
-Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden
-solle.
-
-Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er
-ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus
-stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von
-Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn
-es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein
-Wort, und der Hund boll um ihn her.
-
-Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn
-wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit
-aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote,
-glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der
-gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde,
-verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst
-Du anders? --
-
-Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein
-Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil
-verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder
-nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die
-Seligkeit.
-
-Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich
-hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß
-Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge
-dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu
-ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist
-nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.
-
-Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht,
-und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die
-Erde mehr unter meinen Füßen.
-
-Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist
-das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf!
-Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er
-mich fragt, sonst auch nicht.
-
-Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie
-ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge
-beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen
-darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht,
-und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der
-paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer,
-weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut,
-der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und
-wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der
-verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo
-die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.
-
-Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen
-armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines
-Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von
-Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.
-
-Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang
-nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn
-die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und
-begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die
-Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn
-suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.
-
-
-
-
-9.
-
-
-Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich
-gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So
-gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur
-drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den
-Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte,
-und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus
-der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
-
-So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu
-ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten
-bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las:
-daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da
-ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so
-heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib
-vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der
-Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo
-verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. --
-
-Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,
-_dem_ ihre Noth zu klagen.
-
-Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte
-Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie
-keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange
-Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in
-Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
-wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter!
-mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld
-war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr.
-Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten,
-und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte
-Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis
-zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war
-_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam
-ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und
-stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,
-die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den
-Mangel.
-
-Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes
-hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein
-einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in
-Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe,
-und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der
-Namen bezahlte.
-
-Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen
-Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch
-ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war,
-und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
-
- Halt fest an Gottes Wort,
- Es ist dein Glück auf Erden
- Und wird, so wahr Gott lebt,
- Dein Glück im Himmel werden.
-
-Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.
-
-Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen,
-und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
-
-Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte:
-Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor
-der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.
-
-Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd
-noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der
-Waldkapelle!
-
-Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.
-
-Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie
-ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den
-Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts
-leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen
-verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
-
-So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes
-besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn
-Gevatter-Pathen »_Krieg_.« --
-
-Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang
-zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der
-Frankfurter?
-
-Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt,
-daß sie nicht verloren gingen.
-
-Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der
-Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu
-gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum
-denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.
-
-Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die
-96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier
-hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt,
-und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann
-setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. --
-
-Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie
-jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie
-bete und danke. --
-
-Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im
-Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe.
-Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand
-eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag
-oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
-Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals.
-Mein Brot ist verdient! --
-
-Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand,
-aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und
-dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld
-hinunter fiel.
-
-Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun
-leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich
-meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem
-Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen
--- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?
-
-Christel war böse.
-
-Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da
-nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr
-fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch
-und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte,
-die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen
-war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
-
-
-
-
-10.
-
-
-So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie
-dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach
-Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich
-an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder
-an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so
-viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür --
-sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren
-noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz
-hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon
-voll ward.
-
-Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst
-den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt,
-damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten
-Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort.
-
-Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.
-
-Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.
-
-Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht,
-mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
-
-Mutter! bat Daniel.
-
-Daniel! drohte ihm die Mutter!
-
-Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.
-
-Wovon denn? fragte sie.
-
-Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er.
-
-Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir
-gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den
-Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf
-jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem
-Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?
-
-Mutter! sagte Daniel.
-
-Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.
-
-Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!
-
-Christel sprang hinaus an den Wagen.
-
-Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig.
--- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie
-blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt
-und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
-das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann
-er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --
-
-Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das
-blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel
-gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen
-Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.
-
-Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um
-nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden
-und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der
-zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
-
-Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand
-und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie
-auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh'
-doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --
-
--- Er schlief. --
-
-
-
-
-11.
-
-
-Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen
-und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch
-Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste
-Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben,
-da er den Denkstein sah.
-
-Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.
-
-Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja
-ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen,
-und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
-
-Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich
-nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?
-
-Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich
-und besorgt.
-
-Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an
-Gottes Wort! --
-
-Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.
-
-Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend:
-Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
-
-Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich
-Dich pflegen! --
-
-Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich
-denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen?
-
-Je nun, die 96! lächelte Christel.
-
-Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem
-schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh
-doch einmal hin!
-
-Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter:
-ist No. 15,000.
-
-Nun das ist unser! sagte Johannes.
-
-Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So
-sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth
-unterstrichen.
-
-Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
-
-Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte
-Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.
-
-Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96
-ist unser.
-
-Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.
-
-Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.
-
-Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! --
-
-_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und
-keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.
-
-Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und
-gespannt. --
-
-Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee
-genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen
-und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse
-gemacht.
-
-Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das
-schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!
-
-Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel,
-meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und
-Gedanken?
-
-Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.
-
-Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!«
-sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das
-Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und
-haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke
-die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom
-Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang
-eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.
-
-Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um
-uns, Du guter Junge!
-
-Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh.
-
-Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.
-
-Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser
-und wollte nicht reden.
-
-Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6
-Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand
-nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet.
-Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben!
-und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen
-ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun
-das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die
-sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als
-hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die
-andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich
-vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche
-Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten,
-verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach,
-daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht
-gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr
-wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so
-geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem
-neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_
-Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so
-zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes
-aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den
-mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt,
-als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß
-seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld
-besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich
-so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!
-
-Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das
-Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie
-fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter
-seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.
-
-Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. --
-
-Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das
-kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du
-mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich!
-Nur um die Kinder!
-
-So mein ich's auch; seufzte Johannes.
-
-Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid!
-und Du _mich_ nicht! --
-
-Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du
-stirbst dann auch -- ich und Du.
-
-Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das
-viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er
-die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben!
-Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann
-nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
-denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle
-wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und
-wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen,
-so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? --
-Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten
-und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und
-Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist!
-Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt,
-und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.
-
-Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
-
-Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst,
--- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du
-hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und
-Vorwurf.
-
-Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf
-Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.
-
-Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth
-und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm
-sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so
-viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die
-Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem
-Herrgott für die empfangene Wohlthat? --
-
-Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht
-an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder
-so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine
-Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich
-auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was
-wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann
-strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben
-kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und
-wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus,
-worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die
-Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der
-Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
-Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht
-_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer
-_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen,
-daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine
-Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem
-Gesichte an die Wand.
-
-Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge
-gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und
-doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und
-geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat
-er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat
-es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_
-helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen
-empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein
-Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in
-die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an,
-zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu
-weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
-sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte
-die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die
-stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden!
-Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches,
-wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater
-erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war
-auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur
-seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick
-zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein
-stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh'
-nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für
-den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir
-es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir
-sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem
-Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein
-nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt
-die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife
-Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns,
-müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das
-Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.
-
-Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte
-Johannes.
-
-Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir
-_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit
-reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder
-von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen
-wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn
-nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch
-nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb?
-Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage?
-Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden,
-besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du
-bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge!
-
-Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam
-verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn
-vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so
-blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.
-
-
-
-
-12.
-
-
-Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab
-Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie.
-Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr
-bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein
-besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann
-es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte --
-
-Christel lächelte und hob das Papier auf.
-
-Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
-
-Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
-
-Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
-
-Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich
-das etwa beklemmt.
-
-Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers.
-Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine
-Ursachen dazu.
-
-Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah
-lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die
-Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich,
-dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
-
-Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
-
-Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es,
-wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du
-solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm
-es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
-
-_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu
-sehen, ob und was sie meine.
-
-Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
-
-Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
-
-Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! --
-Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
-
-_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
-
-Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um
-Deinetwillen muß ich besser werden!
-
-
-
-
-13.
-
-
-Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein
-trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat
-verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon
-trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine
-Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte
-Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich
-seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des
-Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen«
-bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht
-ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen
-Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig
-vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die
-Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt
-worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal
-gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in
-seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als
-abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich,
-nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die
-allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel
-eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das
-Butterfaß auf dem Kopfe? --
-
-Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem
-Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --
-
-Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. --
-
-Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem
-Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --
-
-Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um
-zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein
-Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern
-nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die
-Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich
-habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es
-kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann!
-Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige
-Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem
-alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat,
-und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
-im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das
-Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die
-sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!
-
-Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen
-auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den
-Vers:
-
- Erhalt' uns in der Wahrheit!
- Gieb ewigliche Freiheit,
- Zu preisen deinen Namen
- Durch Jesum Christum. Amen!
-
-Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte
-sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die
-Ruthe neben sich hin.
-
-Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen
-that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre
-Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche
-behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
-Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
-Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er
-nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers
-zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das
-reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo
-es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt
-war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer
-Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der
-alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so
-hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo
-er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin
-Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne
-Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen
-Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf
-einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
-Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie
--- Petrus.
-
-Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er
-glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der
-neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er
-sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast
-eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen
-lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die
-Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe
-Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft
-hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so
-legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es
-standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede
-nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
-und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ
-sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder
-überhörte ihn.
-
-Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes
-Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu
-beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu
-seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte.
-Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben,
-_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon
-die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau
-Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn
-heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.
-
-Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.
-
-Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an
-Gelde!
-
-Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
-
-Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
-
-Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen
-Miene.
-
-Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder!
-
-Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
-
-Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze
-hervor.
-
-So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen!
-sagte die Frau Lizentiatin.
-
-So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in
-Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich
-nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was
-Ihr habt! Es thut mir recht leid.
-
-Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja
-wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne
-Wurst.
-
-Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift --
-das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend,
-und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es
-schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine
-Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und
-festgebunden auf den Bedientensitz!
-
-Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es
-wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
-
-Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen
-und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen,
-daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen --
-die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg
-mit dem kleinen guten Dinge.
-
-Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und
-ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie
-fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen
-und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
-
-Christel und Wecker sahen nach.
-
-Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.
-
-Das Schweinchen? sprach Christel.
-
-Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
-
-Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
-
-Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.
-
-Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. --
-
-Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker.
-
-
-
-
-14.
-
-
-Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt
-den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes
-Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett.
-
-Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.
-
-Recht schlecht! sagt' er.
-
-Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
-
-Nein! sagt' er; aber erbittert!
-
-Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So
-drang sie nicht weiter in ihn.
-
-Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten
-entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang
-auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau,
-seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den
-Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu
-frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er
-sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich
-ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem
-unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein
-ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu
-schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld.
-Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte
-wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
-
-In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden
-und Niklas begleitet.
-
-So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner
-und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer,
-und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!
-
-Johannes erzählte den Fall.
-
-Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt
-ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
-
-Johannes mochte nicht bitten.
-
-Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal
-ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die
-Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie
-_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist
-Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und
-Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur
-dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will
-ich Euch sparen aus Gnaden.
-
-So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.
-
-Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo
-anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf
-dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das
-ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche,
-weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er
-hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu
-sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter.
-Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er
-wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch
-das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen
-über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
-
-Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum
-gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich
-immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige
-Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene
-zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau
-auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament
-klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser!
-_Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie
-die Schule mit ihr anfangen!
-
-Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich
-habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
-
-Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der
-Justini--anus.
-
-Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten
-Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum
-Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn
-ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht
-durch Zwei, wie Gott nun segnete.
-
-
-
-
-15.
-
-
-So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in
-trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei
-sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die
-Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden
-oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung
-auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei,
-die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der
-Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen
-Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest
-steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker
-Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe
-hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt.
-Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie
-unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren
-Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter
-ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die
-ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja,
-dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein
-wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die
-Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel
-einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer
-Johannes ganz Anderes litt!
-
-Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für
-rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth
-kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich
-ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
-
-Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch,
-seufzte Johannes.
-
-Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du
-noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden,
-wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein
-großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da
-hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder
-_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind,
-und doch nicht sind! --
-
-Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die
-Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. --
-
-Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast
-Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser
-haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts
-Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn
-Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! --
-
-Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der
-Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie
-er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich
-stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden
-Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten
-sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
-verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder
-barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf
-einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee
-bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen
-und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie
-dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur
-Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige
-Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den
-dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand
-dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im
-Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum
-hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er
-noch nicht mitspielen konnte.
-
-Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie
-nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und
-Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß
-ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen
-könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
-
-Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und
-es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte
-Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.
-
-Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker,
-ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich
-noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände
-reibend.
-
-Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
-
-Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte.
-
-Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten
-Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert --
-er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und
-freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum
-Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen
-früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert
--- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder
-baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem
-kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie
-darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang.
-Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und
-er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze
--- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören,
-wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns!
--- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen!
-
-
-
-
-16.
-
-
-Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der
-finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße,
-weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht
-kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl
-herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr
-selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
-
-Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging
-sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem
-Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war
-ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt
-angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß
-Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte
-Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer
-sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude
-gemacht!
-
-Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch,
-das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine
-Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch,
-und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten
-hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf
-Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.
-
-Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder
-aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes
-darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander
-friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.
-
-»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!
-
-Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die
-Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur
-geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
-
-Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die
-Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein
-Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den
-kleinen Finger an den Mund.
-
-Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen,
-das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht
-kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin!
-
-Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe!
-und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau
-Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird
-Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben?
---
-
--- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige
-Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für
-das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker.
-
-Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
-
-Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht
-getauft! das macht wieder Kosten!
-
-Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die
-Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die
-Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! --
-
-Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine
-herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den
-Kindern geben zu können.
-
-Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter.
-
-Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein
-Annaröschen?
-
-Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung
-indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte
-Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder
-kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und
-mehrere Silbergulden.
-
-Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder
-kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte,
-lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum
-Morgen.
-
-Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_,
-wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll!
-Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen
-backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu
-gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein
-ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze
-Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose
-_Anonyma_. Der Mann bin ich. --
-
-Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten
-großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen
-Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für
-das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was
-es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der
-großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam
-nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier?
-und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand
-mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in
-der Bibel verborgen gewesen.
-
-Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was
-hätte! Der ist nicht der Mann!
-
-Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich
-mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
-
-Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh'
-mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum
-seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so
-närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder!
-
-Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth
-vergelten.
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum
-ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel
-gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild
-und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes
-Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
-
-Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert.
-Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine
-Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers
-Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und
-dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen
-Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über
-das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil
-ihm der Vater gut gewesen war.
-
-Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren
-Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie
-las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da
-Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die
-Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun
-er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es
-die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das
-Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den
-Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus
-Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
-Ihrem Hause aufgehalten.
-
-Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt,
-der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht
-aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch
-der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so
-beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich
-jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch
-lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich
-_Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes
-Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte.
-
-
-
-
-17.
-
-
-Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und
-herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem
-heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf
-und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne
-entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die
-arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen.
-Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat
-sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee
-folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah
-sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange
-ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen
-halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der
-Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch!
-
-Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich
-lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche
-wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein
-Kind!
-
-Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte
-Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich
-lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.
-
-Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.
-
-Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen.
-Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja
-deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes
-seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren
-Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht,
-waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem
-sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
-lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum
-sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.
-
-Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen
-vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an
-ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
-
-Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder
-Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre
-Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche
-nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.
-
-Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im
-Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte
-der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.
-
-Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich
-Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen
-und ging erbittert hinaus.
-
-Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin
-ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß
-es ja.
-
-Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden.
-Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit
-Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß.
-
-Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich
-im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom
-alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.
-
-Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr
-eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines
-Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es
-hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte
-es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann
-unaufhörlich, aber still.
-
-Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie.
-Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner
-Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen
-wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! --
-
-Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind
-aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und
-behielt seine Mütze auf.
-
-Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb
-hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den
-die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich
-Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie
-heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche,
-unglücksel'ge Frau! --
-
-Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der
-Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
-
-Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird
-der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es
-zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. --
-
-Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts.
-
-Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.
-
-Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der
-gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte
-Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen,
-wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem
-Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu
-sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze
-_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor
-ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
-
-
-
-
-18.
-
-
-Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die
-Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte,
-da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben
-übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
-getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee
-ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann
-schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß
-es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem
-Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer.
-An sich selber dachte sie kaum.
-
-Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von
-ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie
-getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre
-Augen.
-
-Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann
-ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den
-Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald
-drüber hinweg. Seid nur ruhig.
-
-So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie
-ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun
-verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie
-ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
-
-Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den
-Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand.
-Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich
-nicht mehr entfernen.
-
-Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn
-zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld
-übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle
-»exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen;
-die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu
-einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den
-Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein
-Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die
-Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? --
-Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so
-verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine
-Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er
-umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der
-arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und
-Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am
-süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die
-anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich
-verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein
-tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit
-Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.
-
-Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem
-Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt
-winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine
-mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich
-brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den
-Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume
-im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den
-Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und
-recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt
-daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei.
-Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
-waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das
-große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur
-_eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit
-seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.
-
-Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die
-alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern
-_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen
-lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen.
-Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein
-Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren
-schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und
-das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur
-Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der
-geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf
-das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür
-_gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn
-auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege
-stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau
-nach, die ihrer kaum Herr ward.
-
-Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der
-jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der
-That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den
-»alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht,
-sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden
-da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem
-Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den
-_Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn
-Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut
-schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu
-wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
-sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als
-sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,«
-konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat
-einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch
-Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne
-Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem
-unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie
-das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das
-will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß
-sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!
-
-Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er
-statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise,
-das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter,
-der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre
-Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und
-_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der
-Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der
-Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte:
-»Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die
-Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« --
--- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir
-das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier,
-den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg!
--- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!
-
-Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich
-und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der
-Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes,
-der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie
-rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! --
-Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es
-nicht! --
-
-
-
-
-19.
-
-
-Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe,
-schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und
-sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war
-lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und
-verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war
-Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor
-der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die
-Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die
-Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der
-Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder
-weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen
-Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit
-auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und
-es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug,
-hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt'
-Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor
-Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! --
-
-So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür;
-aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der
-ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr
-nicht Daniel beigestanden.
-
-Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.
-
-Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über
-sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und
-wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern
-wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine
-Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.
-
-Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich
-helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat
-es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem
-letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging
-sie, Wecker und Daniel.
-
-Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen.
-Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur
-etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu
-seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem
-Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
-Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht.
-
-So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das
-Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger
-ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den
-Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste
-bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah,
-wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du
-hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that
-sie nun von Herzen.
-
-In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum
-Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre
-Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor
-eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode.
-Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
-Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam
-schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und
-doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein:
-
- O große Noth:
- Gott selbst ist todt! --
-
-Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr;
-so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so
-traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen
-schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare
-Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber
-es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte
-eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:
-
- O große Noth:
- Gott selbst ist todt! --
-
-Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt
-selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee,
-der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege,
-und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor
-Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie
-vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz;
-und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen
-Geiste: Gott selbst ist todt.
-
-Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den
-Letzten aus dem Gotteshause.
-
-Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne
-noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein
-Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem
-Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt,
-sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten
-wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause
-sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr
-dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem
-Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als
-er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es
-reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie
-lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen
-und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft!
--- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den
-Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht,
-sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die
-helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort:
-Gott selbst ist todt. --
-
-Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit
-mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen
-verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche
-gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon
-wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie
-sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging
-dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr
-Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben
-war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu
-ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie
-die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den
-Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
-
-In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben.
-Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor
-Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel,
-und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in
-ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich
-lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie
-von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle
-sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten
-scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der
-Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die
-Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne
-krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr
-Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die
-verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die
-Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und
-die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in
-der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der
-äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes
-Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher,
-hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde
-schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins
-Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt
-ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in
-den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem
-Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll
-ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen,
-Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen
-darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten
-Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie.
-Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
-Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben
-darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie
-schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. --
-Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie
-Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit,
-wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und
-das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete
-lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den
-Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus
-tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten
-athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem
-Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu
-Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.
-
-Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las
-mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er
-wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu
-schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk,
-über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das
-einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot
-an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem
-Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder
-zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie
-Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und
-Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend
-Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot:
-liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er
-gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein
-kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der
-Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr
-Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt,
-auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. --
-
-Und eine Geisterstimme rief:
-
- Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft!
- Komme hinaus, mein König![A]
-
-[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel
-verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um
-in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.]
-
-Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur
-Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute
-sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das
-offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die
-Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn
-umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte
-und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß
-ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse
-versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte
-selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft,
-zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns
-lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes
-von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den
-Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen
-geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von
-seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie
-eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen
-und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe
-zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine
-Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie
-beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber
-sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen
-Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares
-Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm
-fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten
-leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und
-auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über
-die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein
-warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging.
--- -- --
-
-Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war
-wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht.
-Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das
-schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder
-eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem
-Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm
-leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt.
-
-Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum
-zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens
-nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch
-uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute
-Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll
-Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja
-die Sonne!
-
-
-
-
-20.
-
-
-Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater
-nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein
-anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel
-hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie
-nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
-verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der
-Kälte ein kleiner Mantel war.
-
-Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu
-Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen
-rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler
-angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der
-Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an
-solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon
-geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein
-Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
-
-Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder.
-Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was
-sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur
-Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich
-nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es
-heißt, und den Storch zu holen.
-
-Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster,
-nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der
-reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine
-Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und
-geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer
-dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand
-auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen
-Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen
-Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war,
-eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit
-Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein
-gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war
-sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße,
-einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an,
-er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht
-zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth
-hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche
-grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch
-geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der
-Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem
-letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte
-Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die
-Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier,
-mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden,
-daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse?
--- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen,
-und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch
-bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind!
---
-
-So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen,
-ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer
-eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts
-überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern
-hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das
-dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod
-nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin
-ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das
-Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie
-glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's
-gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch
-weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei
-doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. --
-Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere
-Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist
-vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker
-sitzt! --
-
-Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren
-eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau
-nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit
-Gott und Gottes Hülfe.
-
-Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle
-geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn
-in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht
-halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er
-könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.
-
-Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath
-in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als
-Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen
-lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den
-bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. --
-
-Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl
-verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt,
-während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während
-er vorn leuchtete.
-
-Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die
-andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen
-Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim
-gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist!
-Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das
-Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der
-Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer
-oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes!
-Merkt Euch das.
-
-Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich
-die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. --
-
-Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im
-Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer
-Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden.
-Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen
-der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht
-ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die
-Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust
-der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_
-es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.
-
-Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker.
-Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So
-Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch
-lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal
-so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur
-angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes
-Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch
-merken! --
-
-Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um
-auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel
-unterdessen nicht in den Schnee.
-
-Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
-
- Der Tod ist todt,
- Das Leben lebet,
- Das Grab ist selbst begraben! --
-
-Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist
-jetzt steinhart!
-
-Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die
-Melodie, ja selbst die Worte:
-
- Auf, auf, mein Herz mit Freuden,
- Nimm wahr, was heut geschieht!
- Wie kommt nach großen Leiden
- Doch ein so großes Licht!
-
-Johannes stand gerührt.
-
-Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem
-Hause in den Schnee.
-
-Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen
-eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine
-Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug.
-So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht
-sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief
-hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm
-schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er;
-nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den
-alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster
-war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen.
-Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und
-er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind!
-Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest
-an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme
-fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_
-soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch
-brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. --
-
-Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die
-Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei
-daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging
-er und setzte sich zu Christel auf's Bett.
-
-Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl!
-mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch,
-was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe!
-die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer
-Hinterhäuser.
-
-Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel?
-sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan.
-Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem
-guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch
-her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm
-immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes
-Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte
-heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen
-Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken.
-
-
-
-
-21.
-
-
-Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und
-verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe
-Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer
-erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.
-
-Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht
-im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.
-
-Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man
-kommt; sagte Johannes.
-
-An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte
-der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich
-noch!
-
-Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.
-
-Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von
-Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen
-Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt
-für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der
-Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer.
-Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
-
-Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir
-ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte
-Johannes.
-
-Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich
-recht, auch Euch.
-
-Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr.
-
-Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.
-
-Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht
-nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir
-ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie
-hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige
-Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb,
-und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie
-verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der
-Schnee und das Eis vergangen.
-
-Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.
-
-Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man
-sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick
-eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und
-wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.
-
-Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte
-Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha«
-schimmerte still ihn an.
-
-Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder,
-fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?
-
-Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der
-Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.
-
-Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer
-Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus
-Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu
-schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben
-Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein
-Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser
-war -- da war sie todt. Arme Martha!
-
-Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann
-ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen!
-Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes,
-und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und
-auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr
-armer Mann!
-
-Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von
-Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
-
-Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht
-und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß.
-Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. --
-
-_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz
-wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.
-
--- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach
-Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das
-ich bei Euch gesehen. --
-
-War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.
-
-Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.
-
-Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen
-verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann
-gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
-
-Dorothee trat ein.
-
-Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.
-
-Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.
-
-Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der
-Hand.
-
-Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.
-
-Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von
-ihr.
-
-Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er
-gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von
-Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß --
-ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im
-Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.
-
-Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?
-
-Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen
-wäre! --
-
-Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis.
-Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie
-anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will
-morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der
-Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute,
-daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu
-retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch
-Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog
-sie nicht auf das Schloß!
-
-Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der
-gnädige Gottlieb _auch_ heirathen.
-
-Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt
-Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
-
-Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.
-
-Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb!
-noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg!
-rieth ihm Paschalis.
-
-Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch
-werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie
-nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig
-genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth,
-daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom
-Sarge der Tochter entfloh! --
-
-Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen.
-Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.
-
-Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein
-einziges Kind! --
-
-Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das
-Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die
-Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre
-tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder
-erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und
-daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so
-schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und
-Johannes befährt den alten Rhein.
-
-Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal!
-Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein
-Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte
-Paschalis erregt zu Johannes.
-
-Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm
-Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein
-gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur
-halb!
-
-Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das
-Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das
-segnet Dir Gott und mir!
-
-Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte
-Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. --
-Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr
-sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein
-Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag'
-ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
-
-Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.
-
-Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.
-
-Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um
-sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm.
-Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der
-wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der
-Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist
-eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit
-Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine
-Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth
-wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen
-Frauen.
-
-Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun,
-was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des
-Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch
-in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte
-dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da
-hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein!
-
-Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne
-Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im
-Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.
-
-Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.
-
-Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig
-stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes
-Worten und Wesen sie anschauerte.
-
-Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser
-fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
-
-Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach
-ihm.
-
-Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.
-
-Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an
-Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen
-zu.
-
-Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch
-einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! --
-Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein
-Mädchen?
-
-Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und
-sangen:
-
- Es gingen drei heilige Frauen
- Alle-alleluja!
- Des Morgens früh im Thauen,
- Alle-alleluja!
-
-Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen.
-Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei
-Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in
-weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem
-Wechselgesang, und es sangen:
-
- _Die Engel:_
-
- Erschrecket nicht, und seid All' froh!
- Alle-alleluja!
- Denn, den ihr sucht, der ist nicht da.
- Alle-alleluja!
-
- _Martha:_
-
- Ach Engel! lieber Engel fein,
- Alle-alleluja!
- Wo find' ich doch den Herren mein?
- Alle-alleluja!
-
- _Die Engel:_
-
- Er ist erstanden aus dem Grab,
- Alle-alleluja!
- Heut' an dem heil'gen Ostertag.
- Alle-alleluja!
-
- _Maria:_
-
- Habt Dank, ihr lieben Engel fein.
- Alle-alleluja!
- Nun woll'n wir Alle fröhlich sein!
- Alle-alleluja!
-
-Sie schwiegen nun und lächelten. --
-
--- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis
-und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.
-
-Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr
-bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.
-
-Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes:
-Alle-alleluja!
-
-Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie
-Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut'
-ist heiliger Ostertag!
-
-Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große,
-zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.
-
-Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem
-Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit
-feuchten Augen zum Himmel.
-
-Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit
-freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_
-
-
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und
-Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.
-
-Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT ***
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-spread public support and donations to carry out its mission of
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-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
-concept of a library of electronic works that could be freely shared
-with anyone. For forty years, he produced and distributed Project
-Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
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