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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Die Osternacht - Erste Abtheilung - -Author: Leopold Schefer - -Release Date: August 18, 2012 [EBook #40523] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - -Leopold Schefer - - - - -Die Osternacht - - - - -Die Osternacht. - - -Erste Abtheilung. - - - - -Sinnwort: - - Erdennoth - Keine Noth! - Nur vom Herzen - Kommen Leiden, - Leben, Freuden, - Tod und Schmerzen. - - - - - -1. - - -Wer machte denn die Thür auf, Johannes? -- Johannes, hörst Du! schlafe nur -nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache -sie zu! ich fürchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen -herein? hat es nicht Hörner? -- - -Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach -Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem -vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im -Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in -ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch -der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem -Hasenfuß anrührt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und -sperre die Ziege ein. - -Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen. - -Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die -Wiege ist schon zum Fenster geschwommen. - -Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter. - -Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? -- Und nun rauschte er mit den -Füßen darin. - -Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum -Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus. - -Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das -Wasser! -- - -Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein -dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der -Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und -Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in -Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann -führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster -hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem -Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er -diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. -- - -_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend; -macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! -- - -Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter -Mann erzählt? fragte Christel. - -_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte -Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich! -Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort! - -Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick -überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt -nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe -fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist -die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die -Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas? - -Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus -war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So -bleiben wir Fischer! -- - -Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel. - -So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine -Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den -Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein -Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel -stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger -Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch -das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich -nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den -Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel; -und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon -überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe -hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit -langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes -Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig -und freundlich den Menschen leuchtete. - -Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an -Allem schuld! - -Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem -Stabe. - -Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche -war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still, -auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur -manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen -anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse -Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden -Stößen vom Himmel. - -So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen, -die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen: -»Johannes!« und dann wieder schwächer: »Johannes!« aber es fiel ihnen nicht -ein, daß sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie -waren froh, daß ein Kahn sie einholte. »Guten Morgen!« grüßte es beklommen -herüber. »Guten Morgen!« dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend -gelangten sie ans Ufer. - - - - -2. - - -Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem -Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer -gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich -um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken -hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen -lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. -- - -Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas -vergessen. - -Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie. - -Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. -- - -Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den -Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das -Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als -Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr' -um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt. -Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer -rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! -- - -Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus -und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz -zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten -Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der -Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch -die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im -Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der -herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die -Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten -verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im -geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und -keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute -hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten, -horch! - -Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause -fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger. - -Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er -schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang -selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im -Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd. - -Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle -dort tief. - -Das war wohl ein Schreckliches! - -Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und -die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße -Gestalt saß neben der Leiter. - -Wer von Euch ist das? fragte der Prediger. - -Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte -Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt, -denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht -gethan! -- - -Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm? -Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe -es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr -ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er. - -Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein -zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt -stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte -müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und -nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum -Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine -Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke! -erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut -zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es -erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine -Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über -und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und -mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes -_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So -blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen -und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die -Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der -Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun -schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll. - -Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg -während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des -Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner -Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und -warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen. - -Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun -seid Ihr so arm als ich! - -Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel. - -_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir -diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei -ihm, wie oft hab' ich geweint! - -Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch -das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten -Dich! wir lieben Dich und sind nun arm. - -Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl. - -Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung -betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen -nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger. -Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem -freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er -lächelte. - -_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht -einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken! - -Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie -er spricht. Oder nicht? - -Freilich! sagte Johannes. - -So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb -sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand, -versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock -aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und -wanderte in die Berge. - -Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen -Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf -den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine -Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte -dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! -- -Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich -auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder. - - - - -3. - - -Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel, -die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer? -oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen? - -Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine -Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte -sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so -kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und -Vertrauen! - -Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den -Kindern geben als Brot? - -Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das -anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir -einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem -Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in -guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein -schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr -von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach -Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf -nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser -Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal -abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor -Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und -war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben, -verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr -sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden -gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf; -denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir -es neu auf. - -Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und -behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes. - -Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas -hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen, -nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind. - -Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig. - -Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die -Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden -wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden -wir das Geld bekommen? - -Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! -- - -Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt. - -Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn -das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon -abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel. - -Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr. - -Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe -kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit -hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt -gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein -Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von -Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die -nehmen die Kinder mit, und wir gehen. - -Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den -Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die -Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß -er das Ende der Zügel halten durfte. - -An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück -geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für -die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg. - -Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend. - --- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des -Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine -_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz -zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater, -das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das -kannst Du mir glauben. - -Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und -nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem -Wagen nachsah. - -Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen. - -Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes. - -Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit -stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den -rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte -er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? -- - -Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten -hätten. - -Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in -Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts; -aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an -ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das -eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage -auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber -einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er -zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb -- denn so heißt er -- und das -ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das -chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im -Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die -Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken: -bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der -ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben -Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu -werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen -Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest, -wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet. --- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert -nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber laßt das nur gut -sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da -das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich -nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel -schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heißt -- und eine -rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage -braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der -selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine -Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht -gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. -- - -Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes -- - --- so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind -zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller -Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und daß er eine Frau hat, das -schadet nichts. - -Das sollte ihm schaden? fragte Johannes. - -Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schön und brav, daß -sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke, -daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. -- - -_Diese_ Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal -freundlich anzusehen. -- - -Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im -Dorfe wüßt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen -Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise. -Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen -Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an -kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den -Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber -in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen -andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der -gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben -stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der -Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein -hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr -ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen. - -Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin! - -Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom -Wege ab. - - - - -4. - - -Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen -auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles -eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug -hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand -mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel -küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee, -was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder -schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß -Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das -halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein. - -Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf -dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen. -Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf -dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor -Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist -Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand -auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast -weichmüthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du -gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still -und kehrte sich von mir, als er betete: »unser täglich Brot gieb uns -heut'.« _Der_ fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist! -Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind, -was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall; -in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will -auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf, -das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine -Mühle. Und muß denn die Mühle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehört sie -ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben -bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und -_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot. -Nicht wahr, mein Johannes? - -Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so -ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und -- fuhr sie -dann lächelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und -sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen -hängen! - -Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist -Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten. -Das hast Du nicht gewußt. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat -sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst -recht lang werden. - -Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! -- - -Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du -mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth! -meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an, -Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes -Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich -Dich lieb habe von Herzen. - -Wie ich Dich! sagte Christel. - - - - -5. - - -Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee -blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr -eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen, -vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und -Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß -ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt -waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr -Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und -ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach -dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die -Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still -durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die -Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein -Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im -Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die -ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte -ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern, -wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so -bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich -und beglückt. - -Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf -der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand -Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich -ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges -Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei -in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr -Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt -durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß -sie nicht _das Beste_ verloren hätten. - -Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare -geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das -Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu -haben. - -Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten. - -Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch -erleichtern. - -Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was -Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es -zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich -mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja! -sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie -werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden -Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du -meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee! -sagte sie halb bittend. - -Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie -küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen. - -Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn -sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee! - -Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas -hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle -sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse. - -Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und -meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und -kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so -dumm aus, als ich bin! - -Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen -und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg, -kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die -stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie -hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf -kenn' ich sie. - -Wird ihr das helfen? fragte Johannes. - -Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet. - --- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das -Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat -sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen, -als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug -gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater, -der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich -in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr -eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer -zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück -als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen -werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles -braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt. - -Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause -die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das -ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee -und sahe Johannes dabei an. - -Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand -dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein -Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und -anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und -kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug -einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder -Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und -denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen -folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_ -zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh -aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird, -und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es -entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt -_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz -sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden. - -_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei -diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von -fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen, -geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber -soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine -Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin -ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält. - -Christel wendete sich ab und weinte! - -Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie -lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um -seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der -Vater weinte. - -Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke -Euch für Alles, auch für das! - -Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier -schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben -mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn -Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch -leben? - -Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den -Vers: - - »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!« - -Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und -ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm. - - - - -6. - - -Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn -das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen -und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so, -weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete -Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld -zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen -Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene -schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das -Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent -sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein -Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da -sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel, -kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist. -Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts -Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie -nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der -hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin -und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht, -die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren -soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen -niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht -neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft -wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm -geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen -Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden -umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und -losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber -wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und -exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der -Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein -separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die -rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand, -Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern -Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen -Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir -einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der -die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die -Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von -sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt, -und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer -bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er -Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und -Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von -Sagan, den Ehrenvers: - - Unserm Hans von Sagan zu Ehren - Laßt die klingende Musicam hören! - -Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger -erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan, -ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten -Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm -das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter -klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die -Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch -eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf -jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg -geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der -Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker -die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus -Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen -will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da -draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und -trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und -tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus. - -Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine -hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit -dazu -- Gott sei Dank! - -So ging er. -- - -Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich, -als Niklas fort war. - -Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das -Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und -_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln -dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die -Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als -retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe, -der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden -lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und -immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon -gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke -aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G. -D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er -aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein, -daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine -Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die -hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den -Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn -trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt -ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur -sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist -und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so -kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am -liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben -nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du -willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten -zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang -- -ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! -- - -Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die -Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben? -Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen, -mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast -Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege -schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von -Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie -wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet, -sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und -wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit -der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat. -Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und -ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe. - - - - -7. - - -Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben -häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn -zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit -helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die -bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem -grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht. -Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein -junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will -berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er -auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr -und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten -Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur -wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die -Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz -schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus -Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert -- -der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die -bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei -erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an -den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die -Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im -Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und -von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus -Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei -Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector. - -Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes. - -Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen -und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden -Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein -Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R, -und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen, -ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher. -Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich -verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten! --- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben -mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken, -wie es eben kam, und schlichen sich fort. - -Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten, -und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten -Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor -Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie -erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und -sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in -ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und -andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau, -kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit -gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es -schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie -es gehe? - -Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht -mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest. - -Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen -dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen. - -Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt -auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem -Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht, -war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem -Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der -Pyramide. - -Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler -bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie -er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der -Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender -hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte -hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück -dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen -»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes -»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert -war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX -VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das -zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun -rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun -abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das -verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und -so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit -römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit -Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die -_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an. --- - -Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am -andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen -in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts: - -Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales -Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.« - -Gründe: - -Tausend, außer diesem! - -Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein -ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie -machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl -eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den -wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott, -wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem, -alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der -Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen -vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble -Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen -erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den -verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_ -gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_ -wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf -- -sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht -sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es -sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen --- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude. -»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten? --- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut -Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen -Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst -doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den -_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch -ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung -verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz -_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu -wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und -die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und -flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So -hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem -frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen -Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_ -Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer, -die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die -Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller, -Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch -die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen, -_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_ -nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib -ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das -Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die -Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe, -kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur -nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk -anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird -er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute -Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu -Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von -dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die -schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich, -und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt. - -P. S. - -Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine -Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese -Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht -_ansäen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und -verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann -fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die -_Meinung_ für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will: -so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute -lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie -selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben -meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt, -ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister, -Westen, Mäntel -- die Knöpfe nicht zu vergessen! - -An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen -gern - -Ihr - -in Affect gerathener Hannes Manu propria. - -Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem -Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis -führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der -außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie -er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und -Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war -hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man -jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation -ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«; -wie statt Obsicht im Urtheil stand. - -Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für -alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und -die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd. - - - - -8. - - -Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er, -Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich -geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst, -Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke, -die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche -über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben -schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es -daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! -- - -Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen -Augen an, die sich regten und feucht glänzten. - -Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er. - -Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir -leid, daß Du mich geheirathet hast. - -Sie weinte nun wirklich sanft. - -Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes. - -Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig. - -Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte -Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich -schäme mich sonst so im Staate. - -Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der -kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir -könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel -noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben! - -So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an -die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und -kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas. - -Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor -ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er -sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden -Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und -ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das -Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und -ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im -saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie -sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt -seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die -Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte -in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal -den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im -Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen -feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die -Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb -ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum -unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder -ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf -sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand -fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der -alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner -Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen: -Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert! -Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen -im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren -schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er -sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur -angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er -an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber -sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur -ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie -werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er. -Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich -nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du -einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel, -fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die -Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und -glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und -bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe, -wie er gesagt hat. -- - -Oder: - -War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur -an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach --- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit -ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die -Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, -aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe -hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze -nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch -eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben -Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden. - -Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe, -fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig -darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch. - -So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib -- -Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein -blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem -Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief -ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat -er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das -Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen -mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels -und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar -fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen -Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus -der Kammer herein, die Gelte in der Hand. - -Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann -Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das -Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und -reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei -uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd. - -Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und -so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in -seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne -haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. -- -Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham, -und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor, -mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und -zuletzt auf das Brot legte. - -Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im -Gehen mit Drohen und Lächeln. - -Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und -küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein -Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn -mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben! -Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden -solle. - -Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er -ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus -stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von -Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn -es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein -Wort, und der Hund boll um ihn her. - -Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn -wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit -aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote, -glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der -gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde, -verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst -Du anders? -- - -Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein -Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil -verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder -nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die -Seligkeit. - -Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich -hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß -Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge -dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu -ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist -nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts. - -Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht, -und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die -Erde mehr unter meinen Füßen. - -Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist -das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf! -Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er -mich fragt, sonst auch nicht. - -Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie -ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge -beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen -darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht, -und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der -paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer, -weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut, -der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und -wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der -verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo -die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet. - -Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen -armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines -Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von -Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt. - -Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang -nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn -die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und -begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die -Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn -suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel. - - - - -9. - - -Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich -gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So -gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur -drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den -Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte, -und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus -der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern. - -So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu -ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten -bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las: -daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da -ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so -heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib -vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der -Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo -verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. -- - -Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte, -_dem_ ihre Noth zu klagen. - -Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte -Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie -keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange -Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in -Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange -wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter! -mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld -war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr. -Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten, -und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte -Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis -zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war -_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam -ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und -stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage, -die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den -Mangel. - -Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes -hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein -einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in -Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, -und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der -Namen bezahlte. - -Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen -Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch -ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, -und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes: - - Halt fest an Gottes Wort, - Es ist dein Glück auf Erden - Und wird, so wahr Gott lebt, - Dein Glück im Himmel werden. - -Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin. - -Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen, -und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand. - -Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte: -Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor -der Unverschämtheit! die muß man vermeiden. - -Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd -noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der -Waldkapelle! - -Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie. - -Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie -ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den -Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts -leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen -verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht. - -So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes -besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn -Gevatter-Pathen »_Krieg_.« -- - -Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang -zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der -Frankfurter? - -Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt, -daß sie nicht verloren gingen. - -Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der -Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu -gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum -denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden. - -Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die -96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier -hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt, -und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann -setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. -- - -Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie -jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie -bete und danke. -- - -Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im -Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe. -Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand -eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag -oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben! -Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals. -Mein Brot ist verdient! -- - -Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand, -aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und -dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld -hinunter fiel. - -Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun -leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich -meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem -Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen --- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar? - -Christel war böse. - -Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da -nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr -fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch -und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, -die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen -war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar. - - - - -10. - - -So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie -dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach -Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich -an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder -an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so -viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür -- -sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren -noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz -hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon -voll ward. - -Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst -den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt, -damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten -Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort. - -Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel. - -Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth. - -Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht, -mein Kind. Wer hat denn bezahlt? - -Mutter! bat Daniel. - -Daniel! drohte ihm die Mutter! - -Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen. - -Wovon denn? fragte sie. - -Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er. - -Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir -gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den -Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf -jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem -Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen? - -Mutter! sagte Daniel. - -Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse. - -Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus! - -Christel sprang hinaus an den Wagen. - -Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig. --- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie -blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt -und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber -das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann -er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! -- - -Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das -blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel -gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen -Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand. - -Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um -nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden -und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der -zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte. - -Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand -und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie -auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh' -doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! -- - --- Er schlief. -- - - - - -11. - - -Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen -und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch -Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste -Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben, -da er den Denkstein sah. - -Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er. - -Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja -ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen, -und fühlte dadurch erst seine Schmerzen. - -Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich -nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte? - -Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich -und besorgt. - -Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an -Gottes Wort! -- - -Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an. - -Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend: -Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen? - -Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich -Dich pflegen! -- - -Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich -denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen? - -Je nun, die 96! lächelte Christel. - -Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem -schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh -doch einmal hin! - -Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter: -ist No. 15,000. - -Nun das ist unser! sagte Johannes. - -Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So -sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth -unterstrichen. - -Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange. - -Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte -Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu. - -Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96 -ist unser. - -Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn. - -Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser. - -Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! -- - -_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und -keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen. - -Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und -gespannt. -- - -Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee -genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen -und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse -gemacht. - -Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das -schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht! - -Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel, -meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und -Gedanken? - -Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel. - -Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!« -sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das -Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und -haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke -die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom -Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang -eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr. - -Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um -uns, Du guter Junge! - -Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh. - -Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel. - -Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser -und wollte nicht reden. - -Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6 -Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand -nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet. -Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben! -und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen -ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun -das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die -sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als -hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die -andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich -vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche -Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten, -verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach, -daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht -gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr -wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so -geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem -neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_ -Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so -zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes -aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den -mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt, -als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß -seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld -besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich -so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel! - -Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das -Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie -fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter -seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte. - -Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. -- - -Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das -kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du -mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich! -Nur um die Kinder! - -So mein ich's auch; seufzte Johannes. - -Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid! -und Du _mich_ nicht! -- - -Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du -stirbst dann auch -- ich und Du. - -Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das -viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er -die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben! -Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann -nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du -denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle -wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und -wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen, -so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? -- -Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten -und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und -Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist! -Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt, -und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch. - -Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes. - -Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst, --- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du -hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und -Vorwurf. - -Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf -Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes. - -Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth -und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm -sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so -viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die -Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem -Herrgott für die empfangene Wohlthat? -- - -Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht -an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder -so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine -Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich -auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was -wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann -strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben -kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und -wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus, -worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die -Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der -Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden -Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht -_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer -_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen, -daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine -Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem -Gesichte an die Wand. - -Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge -gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und -doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und -geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat -er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat -es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_ -helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen -empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein -Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in -die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an, -zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu -weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte -sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte -die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die -stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden! -Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches, -wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater -erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war -auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur -seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick -zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein -stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh' -nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für -den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir -es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir -sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem -Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein -nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt -die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife -Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns, -müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das -Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen. - -Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte -Johannes. - -Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir -_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit -reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder -von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen -wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn -nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch -nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb? -Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage? -Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden, -besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du -bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge! - -Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam -verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn -vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so -blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit. - - - - -12. - - -Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab -Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie. -Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr -bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein -besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann -es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte -- - -Christel lächelte und hob das Papier auf. - -Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher. - -Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel. - -Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee. - -Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich -das etwa beklemmt. - -Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers. -Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine -Ursachen dazu. - -Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah -lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die -Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich, -dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben. - -Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel. - -Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es, -wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du -solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm -es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es. - -_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu -sehen, ob und was sie meine. - -Nun ja: Deinem, versetzte Christel. - -Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee. - -Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! -- -Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen. - -_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes. - -Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um -Deinetwillen muß ich besser werden! - - - - -13. - - -Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein -trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat -verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon -trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine -Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte -Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich -seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des -Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen« -bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht -ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen -Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig -vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die -Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt -worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal -gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in -seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als -abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich, -nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die -allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel -eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das -Butterfaß auf dem Kopfe? -- - -Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem -Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. -- - -Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. -- - -Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem -Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. -- - -Auch neue Schuhe! erstaunte Christel. - -Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um -zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein -Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern -nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die -Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich -habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es -kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann! -Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige -Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem -alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat, -und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht -im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das -Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die -sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen! - -Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen -auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den -Vers: - - Erhalt' uns in der Wahrheit! - Gieb ewigliche Freiheit, - Zu preisen deinen Namen - Durch Jesum Christum. Amen! - -Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte -sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die -Ruthe neben sich hin. - -Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen -that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre -Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche -behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum -Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden -Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er -nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers -zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das -reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo -es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt -war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer -Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der -alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so -hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo -er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin -Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne -Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen -Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf -einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der -Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie --- Petrus. - -Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er -glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der -neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er -sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast -eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen -lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die -Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe -Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft -hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so -legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es -standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede -nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich -und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ -sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder -überhörte ihn. - -Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes -Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu -beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu -seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte. -Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben, -_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon -die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau -Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn -heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung. - -Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm. - -Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an -Gelde! - -Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd. - -Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit. - -Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen -Miene. - -Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder! - -Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz. - -Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze -hervor. - -So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen! -sagte die Frau Lizentiatin. - -So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in -Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich -nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was -Ihr habt! Es thut mir recht leid. - -Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja -wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne -Wurst. - -Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift -- -das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend, -und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es -schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine -Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und -festgebunden auf den Bedientensitz! - -Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es -wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch. - -Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen -und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen, -daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen -- -die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg -mit dem kleinen guten Dinge. - -Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und -ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie -fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen -und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war. - -Christel und Wecker sahen nach. - -Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er. - -Das Schweinchen? sprach Christel. - -Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker. - -Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel. - -Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister. - -Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. -- - -Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker. - - - - -14. - - -Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt -den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes -Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett. - -Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel. - -Recht schlecht! sagt' er. - -Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig. - -Nein! sagt' er; aber erbittert! - -Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So -drang sie nicht weiter in ihn. - -Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten -entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang -auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau, -seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den -Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu -frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er -sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich -ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem -unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein -ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu -schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. -Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte -wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt. - -In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden -und Niklas begleitet. - -So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner -und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer, -und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer! - -Johannes erzählte den Fall. - -Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt -ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen! - -Johannes mochte nicht bitten. - -Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal -ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die -Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie -_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist -Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und -Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur -dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will -ich Euch sparen aus Gnaden. - -So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten. - -Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo -anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf -dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das -ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, -weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er -hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu -sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter. -Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er -wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch -das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen -über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte. - -Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum -gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich -immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige -Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene -zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau -auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament -klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser! -_Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie -die Schule mit ihr anfangen! - -Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich -habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr. - -Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der -Justini--anus. - -Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten -Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum -Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn -ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht -durch Zwei, wie Gott nun segnete. - - - - -15. - - -So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in -trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei -sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die -Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden -oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung -auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei, -die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der -Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen -Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest -steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker -Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe -hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt. -Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie -unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren -Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter -ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die -ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja, -dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein -wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die -Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel -einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer -Johannes ganz Anderes litt! - -Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für -rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth -kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich -ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten. - -Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch, -seufzte Johannes. - -Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du -noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden, -wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein -großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da -hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder -_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind, -und doch nicht sind! -- - -Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die -Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. -- - -Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast -Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser -haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts -Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn -Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! -- - -Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der -Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie -er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich -stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden -Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten -sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden, -verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder -barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf -einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee -bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen -und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie -dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur -Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige -Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den -dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand -dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im -Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum -hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er -noch nicht mitspielen konnte. - -Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie -nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und -Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß -ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen -könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte! - -Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und -es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte -Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war. - -Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker, -ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich -noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände -reibend. - -Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes. - -Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte. - -Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten -Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert -- -er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und -freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum -Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen -früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert --- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder -baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem -kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie -darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang. -Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und -er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze --- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören, -wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns! --- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen! - - - - -16. - - -Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der -finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße, -weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht -kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl -herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr -selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes. - -Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging -sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem -Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war -ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt -angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß -Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte -Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer -sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude -gemacht! - -Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch, -das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine -Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch, -und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten -hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf -Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann. - -Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder -aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes -darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander -friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen. - -»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her! - -Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die -Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur -geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen! - -Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die -Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein -Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den -kleinen Finger an den Mund. - -Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen, -das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht -kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin! - -Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe! -und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau -Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird -Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben? --- - --- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige -Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für -das gnädige Zutrauen zu uns Armen! - -Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker. - -Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr? - -Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht -getauft! das macht wieder Kosten! - -Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die -Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die -Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! -- - -Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine -herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den -Kindern geben zu können. - -Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter. - -Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein -Annaröschen? - -Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung -indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte -Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder -kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und -mehrere Silbergulden. - -Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder -kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte, -lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum -Morgen. - -Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_, -wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll! -Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen -backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu -gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein -ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze -Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose -_Anonyma_. Der Mann bin ich. -- - -Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten -großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen -Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für -das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was -es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der -großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam -nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier? -und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand -mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in -der Bibel verborgen gewesen. - -Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was -hätte! Der ist nicht der Mann! - -Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich -mein Gott bewahren, ihm das anzuthun. - -Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh' -mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum -seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so -närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder! - -Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth -vergelten. - -Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum -ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel -gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild -und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes -Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache. - -Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert. -Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine -Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers -Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und -dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen -Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über -das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil -ihm der Vater gut gewesen war. - -Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren -Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie -las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da -Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die -Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun -er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es -die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das -Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den -Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus -Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in -Ihrem Hause aufgehalten. - -Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt, -der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht -aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch -der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so -beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich -jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch -lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich -_Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes -Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte. - - - - -17. - - -Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und -herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem -heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf -und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne -entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die -arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen. -Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat -sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee -folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah -sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange -ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen -halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der -Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch! - -Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich -lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche -wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein -Kind! - -Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte -Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich -lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt. - -Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder. - -Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen. -Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja -deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes -seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren -Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht, -waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem -sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so -lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum -sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen. - -Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen -vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an -ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog. - -Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder -Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre -Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche -nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen. - -Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im -Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte -der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener. - -Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich -Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen -und ging erbittert hinaus. - -Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin -ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß -es ja. - -Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden. -Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit -Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß. - -Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich -im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom -alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen. - -Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr -eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines -Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es -hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte -es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann -unaufhörlich, aber still. - -Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie. -Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner -Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen -wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! -- - -Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind -aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und -behielt seine Mütze auf. - -Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb -hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den -die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich -Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie -heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche, -unglücksel'ge Frau! -- - -Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der -Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer! - -Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird -der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es -zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. -- - -Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts. - -Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr. - -Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der -gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte -Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen, -wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem -Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu -sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze -_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor -ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich! - - - - -18. - - -Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die -Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte, -da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben -übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen? -getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee -ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann -schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß -es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem -Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer. -An sich selber dachte sie kaum. - -Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von -ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie -getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre -Augen. - -Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann -ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den -Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald -drüber hinweg. Seid nur ruhig. - -So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie -ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun -verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie -ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz. - -Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den -Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand. -Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich -nicht mehr entfernen. - -Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn -zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld -übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle -»exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen; -die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu -einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den -Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein -Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die -Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? -- -Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so -verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine -Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er -umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der -arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und -Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am -süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die -anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich -verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein -tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit -Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte. - -Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem -Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt -winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine -mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich -brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den -Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume -im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den -Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und -recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt -daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. -Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur -waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das -große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur -_eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit -seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre. - -Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die -alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern -_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen -lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen. -Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein -Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren -schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und -das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur -Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der -geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf -das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür -_gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn -auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege -stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau -nach, die ihrer kaum Herr ward. - -Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der -jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der -That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den -»alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht, -sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden -da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem -Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den -_Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn -Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut -schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu -wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen -sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als -sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,« -konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat -einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch -Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne -Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem -unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie -das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das -will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß -sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel! - -Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er -statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise, -das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter, -der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre -Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und -_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der -Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der -Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte: -»Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die -Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« -- --- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir -das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier, -den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg! --- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn! - -Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich -und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der -Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes, -der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie -rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! -- -Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es -nicht! -- - - - - -19. - - -Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe, -schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und -sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war -lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und -verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war -Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor -der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die -Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die -Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der -Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder -weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen -Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit -auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und -es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug, -hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt' -Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor -Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! -- - -So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür; -aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der -ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr -nicht Daniel beigestanden. - -Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze. - -Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über -sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und -wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern -wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine -Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht. - -Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich -helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat -es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem -letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging -sie, Wecker und Daniel. - -Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen. -Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur -etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu -seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem -Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte -Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht. - -So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das -Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger -ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den -Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste -bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah, -wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du -hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that -sie nun von Herzen. - -In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum -Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre -Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor -eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode. -Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O -Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam -schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und -doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein: - - O große Noth: - Gott selbst ist todt! -- - -Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr; -so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so -traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen -schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare -Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber -es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte -eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen: - - O große Noth: - Gott selbst ist todt! -- - -Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt -selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee, -der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege, -und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor -Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie -vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz; -und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen -Geiste: Gott selbst ist todt. - -Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den -Letzten aus dem Gotteshause. - -Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne -noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein -Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem -Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt, -sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten -wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause -sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr -dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem -Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als -er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es -reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie -lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen -und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft! --- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den -Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht, -sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die -helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort: -Gott selbst ist todt. -- - -Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit -mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen -verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche -gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon -wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie -sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging -dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr -Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben -war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu -ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie -die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den -Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß. - -In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben. -Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor -Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel, -und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in -ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich -lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie -von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle -sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten -scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der -Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die -Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne -krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr -Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die -verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die -Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und -die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in -der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der -äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes -Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher, -hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde -schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins -Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt -ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in -den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem -Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll -ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen, -Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen -darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten -Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie. -Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen -Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben -darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie -schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. -- -Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie -Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit, -wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und -das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete -lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den -Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus -tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten -athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem -Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu -Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht. - -Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las -mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er -wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu -schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk, -über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das -einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot -an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem -Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder -zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie -Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und -Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend -Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot: -liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er -gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein -kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der -Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr -Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt, -auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. -- - -Und eine Geisterstimme rief: - - Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft! - Komme hinaus, mein König![A] - -[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel -verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um -in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.] - -Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur -Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute -sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das -offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die -Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn -umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte -und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß -ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse -versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte -selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft, -zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns -lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes -von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den -Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen -geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von -seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie -eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen -und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe -zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine -Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie -beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber -sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen -Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares -Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm -fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten -leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und -auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über -die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein -warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging. --- -- -- - -Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war -wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht. -Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das -schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder -eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem -Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm -leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt. - -Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum -zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens -nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch -uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute -Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll -Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja -die Sonne! - - - - -20. - - -Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater -nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein -anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel -hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie -nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter -verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der -Kälte ein kleiner Mantel war. - -Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu -Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen -rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler -angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der -Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an -solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon -geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein -Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten! - -Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder. -Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was -sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur -Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich -nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es -heißt, und den Storch zu holen. - -Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster, -nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der -reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine -Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und -geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer -dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand -auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen -Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen -Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war, -eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit -Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein -gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war -sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße, -einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an, -er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht -zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth -hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche -grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch -geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der -Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem -letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte -Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die -Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier, -mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden, -daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse? --- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen, -und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch -bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind! --- - -So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen, -ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer -eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts -überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern -hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das -dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod -nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin -ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das -Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie -glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's -gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch -weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei -doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. -- -Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere -Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist -vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker -sitzt! -- - -Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren -eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau -nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit -Gott und Gottes Hülfe. - -Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle -geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn -in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht -halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er -könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben. - -Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath -in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als -Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen -lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den -bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. -- - -Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl -verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt, -während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während -er vorn leuchtete. - -Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die -andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen -Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim -gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist! -Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das -Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der -Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer -oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes! -Merkt Euch das. - -Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich -die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. -- - -Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im -Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer -Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden. -Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen -der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht -ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die -Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust -der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_ -es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde. - -Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker. -Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So -Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch -lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal -so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur -angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes -Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch -merken! -- - -Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um -auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel -unterdessen nicht in den Schnee. - -Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied: - - Der Tod ist todt, - Das Leben lebet, - Das Grab ist selbst begraben! -- - -Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist -jetzt steinhart! - -Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die -Melodie, ja selbst die Worte: - - Auf, auf, mein Herz mit Freuden, - Nimm wahr, was heut geschieht! - Wie kommt nach großen Leiden - Doch ein so großes Licht! - -Johannes stand gerührt. - -Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem -Hause in den Schnee. - -Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen -eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine -Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug. -So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht -sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief -hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm -schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er; -nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den -alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster -war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen. -Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und -er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind! -Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest -an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme -fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_ -soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch -brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. -- - -Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die -Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei -daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging -er und setzte sich zu Christel auf's Bett. - -Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl! -mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch, -was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe! -die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer -Hinterhäuser. - -Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel? -sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan. -Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem -guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch -her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm -immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes -Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte -heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen -Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken. - - - - -21. - - -Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und -verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe -Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer -erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein. - -Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht -im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen. - -Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man -kommt; sagte Johannes. - -An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte -der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich -noch! - -Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes. - -Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von -Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen -Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt -für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der -Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. -Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer. - -Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir -ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte -Johannes. - -Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich -recht, auch Euch. - -Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr. - -Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis. - -Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht -nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir -ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie -hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige -Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, -und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie -verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der -Schnee und das Eis vergangen. - -Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert. - -Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man -sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick -eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und -wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie. - -Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte -Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha« -schimmerte still ihn an. - -Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder, -fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein? - -Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der -Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung. - -Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer -Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus -Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu -schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben -Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein -Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser -war -- da war sie todt. Arme Martha! - -Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann -ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen! -Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes, -und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und -auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr -armer Mann! - -Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von -Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee. - -Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht -und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß. -Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. -- - -_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz -wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme. - --- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach -Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das -ich bei Euch gesehen. -- - -War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig. - -Allein! kein Kind! versetzte Paschalis. - -Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen -verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann -gedankenvoll vor der Inschrift stehen. - -Dorothee trat ein. - -Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an. - -Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend. - -Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der -Hand. - -Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee. - -Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von -ihr. - -Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er -gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von -Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß -- -ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im -Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend. - -Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind? - -Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen -wäre! -- - -Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis. -Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie -anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will -morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der -Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, -daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu -retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch -Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog -sie nicht auf das Schloß! - -Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der -gnädige Gottlieb _auch_ heirathen. - -Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt -Dorothee an seiner ausgestreckten Hand. - -Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut. - -Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb! -noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg! -rieth ihm Paschalis. - -Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch -werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie -nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig -genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, -daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom -Sarge der Tochter entfloh! -- - -Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen. -Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz. - -Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein -einziges Kind! -- - -Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das -Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die -Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre -tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder -erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und -daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so -schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und -Johannes befährt den alten Rhein. - -Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal! -Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein -Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte -Paschalis erregt zu Johannes. - -Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm -Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein -gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur -halb! - -Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das -Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das -segnet Dir Gott und mir! - -Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte -Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. -- -Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr -sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein -Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag' -ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen. - -Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater. - -Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen. - -Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um -sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm. -Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der -wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der -Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist -eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit -Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine -Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth -wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen -Frauen. - -Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun, -was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des -Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch -in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte -dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da -hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein! - -Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne -Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im -Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn. - -Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter. - -Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig -stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes -Worten und Wesen sie anschauerte. - -Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser -fort und zog ihn der weinenden Mutter nah. - -Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach -ihm. - -Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen. - -Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an -Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen -zu. - -Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch -einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! -- -Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein -Mädchen? - -Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und -sangen: - - Es gingen drei heilige Frauen - Alle-alleluja! - Des Morgens früh im Thauen, - Alle-alleluja! - -Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen. -Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei -Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in -weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem -Wechselgesang, und es sangen: - - _Die Engel:_ - - Erschrecket nicht, und seid All' froh! - Alle-alleluja! - Denn, den ihr sucht, der ist nicht da. - Alle-alleluja! - - _Martha:_ - - Ach Engel! lieber Engel fein, - Alle-alleluja! - Wo find' ich doch den Herren mein? - Alle-alleluja! - - _Die Engel:_ - - Er ist erstanden aus dem Grab, - Alle-alleluja! - Heut' an dem heil'gen Ostertag. - Alle-alleluja! - - _Maria:_ - - Habt Dank, ihr lieben Engel fein. - Alle-alleluja! - Nun woll'n wir Alle fröhlich sein! - Alle-alleluja! - -Sie schwiegen nun und lächelten. -- - --- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis -und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz. - -Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr -bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht. - -Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes: -Alle-alleluja! - -Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie -Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut' -ist heiliger Ostertag! - -Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große, -zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen. - -Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem -Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit -feuchten Augen zum Himmel. - -Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit -freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_ - - - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und -Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107. - -Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE OSTERNACHT *** - -***** This file should be named 40523-8.txt or 40523-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/5/2/40523/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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