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diff --git a/40523-0.txt b/40523-0.txt new file mode 100644 index 0000000..a65d4a3 --- /dev/null +++ b/40523-0.txt @@ -0,0 +1,3272 @@ +*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 *** + +Leopold Schefer + + + + +Die Osternacht + + + + +Die Osternacht. + + +Erste Abtheilung. + + + + +Sinnwort: + + Erdennoth + Keine Noth! + Nur vom Herzen + Kommen Leiden, + Leben, Freuden, + Tod und Schmerzen. + + + + + +1. + + +Wer machte denn die Thür auf, Johannes? -- Johannes, hörst Du! schlafe nur +nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache +sie zu! ich fürchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen +herein? hat es nicht Hörner? -- + +Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach +Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem +vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im +Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in +ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch +der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem +Hasenfuß anrührt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und +sperre die Ziege ein. + +Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen. + +Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die +Wiege ist schon zum Fenster geschwommen. + +Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter. + +Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? -- Und nun rauschte er mit den +Füßen darin. + +Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum +Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus. + +Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das +Wasser! -- + +Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein +dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der +Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und +Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in +Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann +führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster +hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem +Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er +diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. -- + +_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend; +macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! -- + +Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter +Mann erzählt? fragte Christel. + +_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte +Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich! +Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort! + +Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick +überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt +nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe +fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist +die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die +Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas? + +Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus +war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So +bleiben wir Fischer! -- + +Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel. + +So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine +Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den +Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein +Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel +stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger +Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch +das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich +nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den +Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel; +und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon +überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe +hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit +langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes +Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig +und freundlich den Menschen leuchtete. + +Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an +Allem schuld! + +Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem +Stabe. + +Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche +war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still, +auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur +manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen +anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse +Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden +Stößen vom Himmel. + +So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen, +die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen: +»Johannes!« und dann wieder schwächer: »Johannes!« aber es fiel ihnen nicht +ein, daß sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie +waren froh, daß ein Kahn sie einholte. »Guten Morgen!« grüßte es beklommen +herüber. »Guten Morgen!« dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend +gelangten sie ans Ufer. + + + + +2. + + +Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem +Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer +gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich +um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken +hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen +lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. -- + +Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas +vergessen. + +Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie. + +Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. -- + +Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den +Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das +Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als +Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr' +um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt. +Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer +rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! -- + +Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus +und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz +zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten +Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der +Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch +die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im +Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der +herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die +Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten +verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im +geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und +keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute +hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten, +horch! + +Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause +fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger. + +Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er +schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang +selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im +Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd. + +Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle +dort tief. + +Das war wohl ein Schreckliches! + +Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und +die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße +Gestalt saß neben der Leiter. + +Wer von Euch ist das? fragte der Prediger. + +Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte +Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt, +denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht +gethan! -- + +Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm? +Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe +es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr +ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er. + +Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein +zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt +stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte +müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und +nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum +Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine +Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke! +erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut +zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es +erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine +Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über +und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und +mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes +_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So +blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen +und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die +Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der +Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun +schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll. + +Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg +während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des +Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner +Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und +warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen. + +Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun +seid Ihr so arm als ich! + +Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel. + +_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir +diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei +ihm, wie oft hab' ich geweint! + +Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch +das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten +Dich! wir lieben Dich und sind nun arm. + +Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl. + +Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung +betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen +nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger. +Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem +freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er +lächelte. + +_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht +einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken! + +Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie +er spricht. Oder nicht? + +Freilich! sagte Johannes. + +So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb +sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand, +versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock +aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und +wanderte in die Berge. + +Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen +Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf +den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine +Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte +dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! -- +Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich +auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder. + + + + +3. + + +Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel, +die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer? +oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen? + +Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine +Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte +sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so +kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und +Vertrauen! + +Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den +Kindern geben als Brot? + +Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das +anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir +einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem +Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in +guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein +schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr +von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach +Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf +nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser +Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal +abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor +Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und +war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben, +verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr +sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden +gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf; +denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir +es neu auf. + +Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und +behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes. + +Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas +hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen, +nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind. + +Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig. + +Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die +Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden +wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden +wir das Geld bekommen? + +Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! -- + +Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt. + +Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn +das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon +abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel. + +Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr. + +Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe +kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit +hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt +gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein +Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von +Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die +nehmen die Kinder mit, und wir gehen. + +Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den +Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die +Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß +er das Ende der Zügel halten durfte. + +An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück +geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für +die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg. + +Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend. + +-- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des +Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine +_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz +zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater, +das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das +kannst Du mir glauben. + +Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und +nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem +Wagen nachsah. + +Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen. + +Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes. + +Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit +stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den +rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte +er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? -- + +Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten +hätten. + +Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in +Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts; +aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an +ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das +eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage +auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber +einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er +zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb -- denn so heißt er -- und das +ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das +chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im +Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die +Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken: +bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der +ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben +Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu +werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen +Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest, +wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet. +-- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert +nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber laßt das nur gut +sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da +das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich +nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel +schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heißt -- und eine +rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage +braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der +selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine +Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht +gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. -- + +Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes -- + +-- so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind +zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller +Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und daß er eine Frau hat, das +schadet nichts. + +Das sollte ihm schaden? fragte Johannes. + +Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schön und brav, daß +sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke, +daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. -- + +_Diese_ Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal +freundlich anzusehen. -- + +Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im +Dorfe wüßt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen +Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise. +Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen +Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an +kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den +Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber +in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen +andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der +gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben +stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der +Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein +hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr +ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen. + +Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin! + +Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom +Wege ab. + + + + +4. + + +Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen +auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles +eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug +hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand +mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel +küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee, +was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder +schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß +Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das +halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein. + +Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf +dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen. +Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf +dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor +Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist +Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand +auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast +weichmüthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du +gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still +und kehrte sich von mir, als er betete: »unser täglich Brot gieb uns +heut'.« _Der_ fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist! +Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind, +was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall; +in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will +auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf, +das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine +Mühle. Und muß denn die Mühle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehört sie +ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben +bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und +_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot. +Nicht wahr, mein Johannes? + +Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so +ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und -- fuhr sie +dann lächelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und +sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen +hängen! + +Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist +Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten. +Das hast Du nicht gewußt. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat +sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst +recht lang werden. + +Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! -- + +Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du +mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth! +meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an, +Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes +Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich +Dich lieb habe von Herzen. + +Wie ich Dich! sagte Christel. + + + + +5. + + +Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee +blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr +eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen, +vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und +Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß +ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt +waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr +Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und +ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach +dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die +Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still +durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die +Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein +Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im +Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die +ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte +ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern, +wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so +bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich +und beglückt. + +Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf +der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand +Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich +ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges +Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei +in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr +Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt +durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß +sie nicht _das Beste_ verloren hätten. + +Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare +geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das +Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu +haben. + +Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten. + +Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch +erleichtern. + +Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was +Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es +zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich +mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja! +sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie +werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden +Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du +meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee! +sagte sie halb bittend. + +Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie +küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen. + +Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn +sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee! + +Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas +hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle +sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse. + +Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und +meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und +kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so +dumm aus, als ich bin! + +Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen +und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg, +kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die +stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie +hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf +kenn' ich sie. + +Wird ihr das helfen? fragte Johannes. + +Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet. + +-- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das +Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat +sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen, +als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug +gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater, +der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich +in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr +eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer +zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück +als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen +werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles +braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt. + +Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause +die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das +ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee +und sahe Johannes dabei an. + +Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand +dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein +Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und +anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und +kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug +einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder +Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und +denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen +folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_ +zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh +aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird, +und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es +entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt +_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz +sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden. + +_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei +diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von +fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen, +geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber +soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine +Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin +ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält. + +Christel wendete sich ab und weinte! + +Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie +lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um +seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der +Vater weinte. + +Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke +Euch für Alles, auch für das! + +Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier +schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben +mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn +Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch +leben? + +Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den +Vers: + + »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!« + +Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und +ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm. + + + + +6. + + +Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn +das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen +und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so, +weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete +Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld +zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen +Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene +schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das +Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent +sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein +Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da +sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel, +kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist. +Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts +Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie +nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der +hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin +und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht, +die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren +soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen +niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht +neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft +wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm +geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen +Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden +umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und +losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber +wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und +exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der +Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein +separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die +rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand, +Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern +Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen +Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir +einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der +die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die +Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von +sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt, +und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer +bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er +Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und +Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von +Sagan, den Ehrenvers: + + Unserm Hans von Sagan zu Ehren + Laßt die klingende Musicam hören! + +Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger +erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan, +ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten +Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm +das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter +klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die +Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch +eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf +jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg +geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der +Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker +die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus +Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen +will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da +draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und +trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und +tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus. + +Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine +hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit +dazu -- Gott sei Dank! + +So ging er. -- + +Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich, +als Niklas fort war. + +Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das +Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und +_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln +dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die +Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als +retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe, +der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden +lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und +immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon +gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke +aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G. +D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er +aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein, +daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine +Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die +hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den +Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn +trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt +ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur +sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist +und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so +kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am +liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben +nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du +willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten +zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang -- +ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! -- + +Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die +Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben? +Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen, +mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast +Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege +schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von +Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie +wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet, +sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und +wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit +der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat. +Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und +ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe. + + + + +7. + + +Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben +häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn +zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit +helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die +bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem +grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht. +Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein +junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will +berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er +auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr +und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten +Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur +wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die +Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz +schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus +Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert -- +der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die +bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei +erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an +den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die +Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im +Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und +von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus +Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei +Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector. + +Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes. + +Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen +und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden +Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein +Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R, +und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen, +ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher. +Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich +verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten! +-- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben +mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken, +wie es eben kam, und schlichen sich fort. + +Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten, +und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten +Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor +Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie +erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und +sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in +ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und +andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau, +kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit +gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es +schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie +es gehe? + +Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht +mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest. + +Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen +dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen. + +Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt +auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem +Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht, +war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem +Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der +Pyramide. + +Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler +bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie +er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der +Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender +hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte +hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück +dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen +»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes +»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert +war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX +VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das +zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun +rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun +abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das +verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und +so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit +römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit +Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die +_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an. +-- + +Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am +andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen +in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts: + +Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales +Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.« + +Gründe: + +Tausend, außer diesem! + +Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein +ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie +machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl +eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den +wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott, +wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem, +alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der +Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen +vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble +Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen +erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den +verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_ +gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_ +wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf -- +sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht +sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es +sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen +-- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude. +»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten? +-- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut +Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen +Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst +doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den +_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch +ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung +verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz +_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu +wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und +die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und +flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So +hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem +frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen +Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_ +Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer, +die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die +Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller, +Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch +die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen, +_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_ +nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib +ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das +Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die +Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe, +kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur +nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk +anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird +er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute +Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu +Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von +dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die +schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich, +und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt. + +P. S. + +Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine +Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese +Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht +_ansäen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und +verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann +fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die +_Meinung_ für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will: +so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute +lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie +selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben +meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt, +ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister, +Westen, Mäntel -- die Knöpfe nicht zu vergessen! + +An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen +gern + +Ihr + +in Affect gerathener Hannes Manu propria. + +Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem +Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis +führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der +außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie +er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und +Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war +hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man +jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation +ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«; +wie statt Obsicht im Urtheil stand. + +Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für +alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und +die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd. + + + + +8. + + +Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er, +Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich +geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst, +Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke, +die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche +über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben +schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es +daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! -- + +Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen +Augen an, die sich regten und feucht glänzten. + +Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er. + +Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir +leid, daß Du mich geheirathet hast. + +Sie weinte nun wirklich sanft. + +Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes. + +Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig. + +Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte +Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich +schäme mich sonst so im Staate. + +Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der +kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir +könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel +noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben! + +So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an +die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und +kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas. + +Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor +ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er +sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden +Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und +ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das +Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und +ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im +saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie +sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt +seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die +Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte +in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal +den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im +Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen +feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die +Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb +ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum +unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder +ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf +sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand +fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der +alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner +Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen: +Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert! +Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen +im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren +schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er +sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur +angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er +an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber +sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur +ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie +werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er. +Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich +nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du +einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel, +fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die +Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und +glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und +bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe, +wie er gesagt hat. -- + +Oder: + +War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur +an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach +-- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit +ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die +Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten, +aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe +hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze +nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch +eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben +Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden. + +Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe, +fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig +darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch. + +So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib -- +Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein +blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem +Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief +ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat +er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das +Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen +mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels +und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar +fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen +Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus +der Kammer herein, die Gelte in der Hand. + +Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann +Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das +Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und +reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei +uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd. + +Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und +so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in +seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne +haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. -- +Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham, +und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor, +mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und +zuletzt auf das Brot legte. + +Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im +Gehen mit Drohen und Lächeln. + +Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und +küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein +Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn +mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben! +Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden +solle. + +Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er +ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus +stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von +Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn +es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein +Wort, und der Hund boll um ihn her. + +Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn +wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit +aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote, +glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der +gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde, +verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst +Du anders? -- + +Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein +Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil +verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder +nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die +Seligkeit. + +Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich +hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß +Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge +dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu +ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist +nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts. + +Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht, +und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die +Erde mehr unter meinen Füßen. + +Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist +das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf! +Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er +mich fragt, sonst auch nicht. + +Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie +ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge +beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen +darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht, +und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der +paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer, +weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut, +der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und +wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der +verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo +die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet. + +Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen +armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines +Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von +Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt. + +Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang +nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn +die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und +begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die +Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn +suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel. + + + + +9. + + +Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich +gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So +gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur +drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den +Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte, +und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus +der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern. + +So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu +ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten +bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las: +daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da +ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so +heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib +vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der +Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo +verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. -- + +Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte, +_dem_ ihre Noth zu klagen. + +Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte +Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie +keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange +Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in +Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange +wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter! +mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld +war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr. +Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten, +und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte +Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis +zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war +_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam +ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und +stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage, +die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den +Mangel. + +Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes +hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein +einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in +Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe, +und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der +Namen bezahlte. + +Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen +Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch +ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war, +und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes: + + Halt fest an Gottes Wort, + Es ist dein Glück auf Erden + Und wird, so wahr Gott lebt, + Dein Glück im Himmel werden. + +Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin. + +Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen, +und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand. + +Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte: +Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor +der Unverschämtheit! die muß man vermeiden. + +Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd +noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der +Waldkapelle! + +Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie. + +Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie +ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den +Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts +leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen +verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht. + +So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes +besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn +Gevatter-Pathen »_Krieg_.« -- + +Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang +zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der +Frankfurter? + +Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt, +daß sie nicht verloren gingen. + +Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der +Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu +gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum +denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden. + +Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die +96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier +hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt, +und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann +setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. -- + +Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie +jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie +bete und danke. -- + +Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im +Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe. +Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand +eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag +oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben! +Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals. +Mein Brot ist verdient! -- + +Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand, +aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und +dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld +hinunter fiel. + +Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun +leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich +meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem +Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen +-- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar? + +Christel war böse. + +Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da +nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr +fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch +und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte, +die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen +war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar. + + + + +10. + + +So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie +dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach +Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich +an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder +an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so +viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür -- +sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren +noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz +hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon +voll ward. + +Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst +den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt, +damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten +Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort. + +Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel. + +Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth. + +Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht, +mein Kind. Wer hat denn bezahlt? + +Mutter! bat Daniel. + +Daniel! drohte ihm die Mutter! + +Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen. + +Wovon denn? fragte sie. + +Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er. + +Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir +gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den +Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf +jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem +Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen? + +Mutter! sagte Daniel. + +Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse. + +Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus! + +Christel sprang hinaus an den Wagen. + +Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig. +-- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie +blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt +und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber +das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann +er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! -- + +Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das +blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel +gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen +Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand. + +Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um +nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden +und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der +zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte. + +Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand +und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie +auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh' +doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! -- + +-- Er schlief. -- + + + + +11. + + +Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen +und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch +Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste +Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben, +da er den Denkstein sah. + +Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er. + +Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja +ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen, +und fühlte dadurch erst seine Schmerzen. + +Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich +nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte? + +Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich +und besorgt. + +Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an +Gottes Wort! -- + +Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an. + +Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend: +Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen? + +Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich +Dich pflegen! -- + +Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich +denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen? + +Je nun, die 96! lächelte Christel. + +Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem +schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh +doch einmal hin! + +Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter: +ist No. 15,000. + +Nun das ist unser! sagte Johannes. + +Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So +sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth +unterstrichen. + +Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange. + +Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte +Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu. + +Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96 +ist unser. + +Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn. + +Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser. + +Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! -- + +_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und +keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen. + +Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und +gespannt. -- + +Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee +genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen +und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse +gemacht. + +Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das +schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht! + +Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel, +meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und +Gedanken? + +Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel. + +Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!« +sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das +Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und +haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke +die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom +Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang +eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr. + +Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um +uns, Du guter Junge! + +Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh. + +Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel. + +Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser +und wollte nicht reden. + +Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6 +Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand +nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet. +Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben! +und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen +ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun +das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die +sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als +hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die +andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich +vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche +Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten, +verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach, +daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht +gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr +wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so +geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem +neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_ +Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so +zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes +aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den +mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt, +als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß +seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld +besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich +so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel! + +Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das +Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie +fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter +seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte. + +Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. -- + +Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das +kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du +mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich! +Nur um die Kinder! + +So mein ich's auch; seufzte Johannes. + +Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid! +und Du _mich_ nicht! -- + +Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du +stirbst dann auch -- ich und Du. + +Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das +viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er +die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben! +Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann +nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du +denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle +wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und +wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen, +so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? -- +Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten +und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und +Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist! +Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt, +und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch. + +Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes. + +Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst, +-- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du +hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und +Vorwurf. + +Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf +Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes. + +Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth +und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm +sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so +viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die +Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem +Herrgott für die empfangene Wohlthat? -- + +Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht +an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder +so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine +Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich +auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was +wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann +strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben +kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und +wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus, +worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die +Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der +Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden +Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht +_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer +_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen, +daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine +Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem +Gesichte an die Wand. + +Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge +gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und +doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und +geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat +er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat +es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_ +helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen +empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein +Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in +die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an, +zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu +weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte +sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte +die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die +stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden! +Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches, +wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater +erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war +auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur +seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick +zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein +stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh' +nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für +den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir +es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir +sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem +Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein +nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt +die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife +Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns, +müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das +Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen. + +Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte +Johannes. + +Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir +_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit +reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder +von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen +wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn +nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch +nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb? +Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage? +Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden, +besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du +bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge! + +Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam +verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn +vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so +blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit. + + + + +12. + + +Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab +Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie. +Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr +bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein +besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann +es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte -- + +Christel lächelte und hob das Papier auf. + +Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher. + +Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel. + +Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee. + +Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich +das etwa beklemmt. + +Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers. +Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine +Ursachen dazu. + +Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah +lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die +Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich, +dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben. + +Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel. + +Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es, +wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du +solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm +es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es. + +_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu +sehen, ob und was sie meine. + +Nun ja: Deinem, versetzte Christel. + +Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee. + +Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! -- +Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen. + +_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes. + +Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um +Deinetwillen muß ich besser werden! + + + + +13. + + +Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein +trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat +verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon +trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine +Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte +Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich +seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des +Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen« +bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht +ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen +Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig +vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die +Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt +worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal +gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in +seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als +abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich, +nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die +allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel +eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das +Butterfaß auf dem Kopfe? -- + +Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem +Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. -- + +Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. -- + +Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem +Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. -- + +Auch neue Schuhe! erstaunte Christel. + +Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um +zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein +Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern +nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die +Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich +habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es +kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann! +Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige +Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem +alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat, +und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht +im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das +Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die +sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen! + +Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen +auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den +Vers: + + Erhalt' uns in der Wahrheit! + Gieb ewigliche Freiheit, + Zu preisen deinen Namen + Durch Jesum Christum. Amen! + +Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte +sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die +Ruthe neben sich hin. + +Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen +that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre +Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche +behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum +Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden +Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er +nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers +zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das +reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo +es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt +war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer +Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der +alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so +hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo +er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin +Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne +Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen +Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf +einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der +Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie +-- Petrus. + +Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er +glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der +neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er +sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast +eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen +lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die +Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe +Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft +hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so +legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es +standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede +nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich +und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ +sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder +überhörte ihn. + +Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes +Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu +beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu +seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte. +Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben, +_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon +die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau +Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn +heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung. + +Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm. + +Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an +Gelde! + +Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd. + +Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit. + +Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen +Miene. + +Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder! + +Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz. + +Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze +hervor. + +So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen! +sagte die Frau Lizentiatin. + +So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in +Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich +nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was +Ihr habt! Es thut mir recht leid. + +Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja +wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne +Wurst. + +Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift -- +das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend, +und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es +schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine +Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und +festgebunden auf den Bedientensitz! + +Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es +wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch. + +Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen +und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen, +daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen -- +die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg +mit dem kleinen guten Dinge. + +Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und +ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie +fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen +und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war. + +Christel und Wecker sahen nach. + +Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er. + +Das Schweinchen? sprach Christel. + +Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker. + +Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel. + +Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister. + +Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. -- + +Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker. + + + + +14. + + +Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt +den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes +Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett. + +Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel. + +Recht schlecht! sagt' er. + +Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig. + +Nein! sagt' er; aber erbittert! + +Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So +drang sie nicht weiter in ihn. + +Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten +entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang +auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau, +seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den +Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu +frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er +sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich +ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem +unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein +ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu +schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld. +Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte +wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt. + +In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden +und Niklas begleitet. + +So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner +und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer, +und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer! + +Johannes erzählte den Fall. + +Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt +ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen! + +Johannes mochte nicht bitten. + +Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal +ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die +Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie +_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist +Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und +Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur +dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will +ich Euch sparen aus Gnaden. + +So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten. + +Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo +anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf +dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das +ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche, +weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er +hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu +sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter. +Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er +wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch +das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen +über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte. + +Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum +gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich +immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige +Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene +zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau +auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament +klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser! +_Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie +die Schule mit ihr anfangen! + +Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich +habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr. + +Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der +Justini--anus. + +Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten +Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum +Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn +ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht +durch Zwei, wie Gott nun segnete. + + + + +15. + + +So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in +trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei +sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die +Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden +oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung +auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei, +die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der +Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen +Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest +steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker +Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe +hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt. +Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie +unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren +Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter +ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die +ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja, +dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein +wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die +Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel +einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer +Johannes ganz Anderes litt! + +Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für +rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth +kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich +ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten. + +Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch, +seufzte Johannes. + +Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du +noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden, +wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein +großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da +hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder +_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind, +und doch nicht sind! -- + +Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die +Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. -- + +Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast +Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser +haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts +Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn +Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! -- + +Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der +Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie +er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich +stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden +Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten +sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden, +verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder +barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf +einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee +bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen +und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie +dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur +Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige +Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den +dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand +dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im +Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum +hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er +noch nicht mitspielen konnte. + +Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie +nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und +Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß +ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen +könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte! + +Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und +es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte +Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war. + +Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker, +ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich +noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände +reibend. + +Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes. + +Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte. + +Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten +Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert -- +er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und +freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum +Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen +früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert +-- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder +baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem +kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie +darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang. +Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und +er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze +-- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören, +wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns! +-- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen! + + + + +16. + + +Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der +finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße, +weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht +kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl +herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr +selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes. + +Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging +sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem +Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war +ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt +angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß +Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte +Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer +sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude +gemacht! + +Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch, +das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine +Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch, +und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten +hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf +Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann. + +Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder +aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes +darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander +friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen. + +»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her! + +Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die +Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur +geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen! + +Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die +Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein +Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den +kleinen Finger an den Mund. + +Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen, +das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht +kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin! + +Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe! +und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau +Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird +Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben? +-- + +-- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige +Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für +das gnädige Zutrauen zu uns Armen! + +Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker. + +Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr? + +Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht +getauft! das macht wieder Kosten! + +Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die +Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die +Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! -- + +Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine +herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den +Kindern geben zu können. + +Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter. + +Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein +Annaröschen? + +Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung +indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte +Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder +kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und +mehrere Silbergulden. + +Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder +kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte, +lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum +Morgen. + +Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_, +wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll! +Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen +backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu +gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein +ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze +Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose +_Anonyma_. Der Mann bin ich. -- + +Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten +großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen +Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für +das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was +es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der +großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam +nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier? +und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand +mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in +der Bibel verborgen gewesen. + +Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was +hätte! Der ist nicht der Mann! + +Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich +mein Gott bewahren, ihm das anzuthun. + +Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh' +mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum +seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so +närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder! + +Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth +vergelten. + +Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum +ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel +gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild +und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes +Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache. + +Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert. +Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine +Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers +Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und +dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen +Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über +das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil +ihm der Vater gut gewesen war. + +Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren +Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie +las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da +Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die +Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun +er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es +die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das +Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den +Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus +Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in +Ihrem Hause aufgehalten. + +Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt, +der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht +aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch +der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so +beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich +jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch +lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich +_Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes +Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte. + + + + +17. + + +Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und +herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem +heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf +und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne +entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die +arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen. +Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat +sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee +folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah +sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange +ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen +halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der +Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch! + +Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich +lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche +wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein +Kind! + +Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte +Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich +lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt. + +Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder. + +Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen. +Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja +deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes +seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren +Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht, +waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem +sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so +lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum +sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen. + +Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen +vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an +ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog. + +Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder +Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre +Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche +nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen. + +Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im +Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte +der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener. + +Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich +Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen +und ging erbittert hinaus. + +Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin +ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß +es ja. + +Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden. +Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit +Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß. + +Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich +im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom +alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen. + +Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr +eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines +Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es +hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte +es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann +unaufhörlich, aber still. + +Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie. +Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner +Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen +wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! -- + +Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind +aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und +behielt seine Mütze auf. + +Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb +hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den +die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich +Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie +heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche, +unglücksel'ge Frau! -- + +Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der +Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer! + +Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird +der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es +zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. -- + +Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts. + +Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr. + +Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der +gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte +Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen, +wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem +Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu +sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze +_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor +ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich! + + + + +18. + + +Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die +Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte, +da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben +übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen? +getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee +ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann +schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß +es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem +Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer. +An sich selber dachte sie kaum. + +Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von +ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie +getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre +Augen. + +Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann +ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den +Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald +drüber hinweg. Seid nur ruhig. + +So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie +ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun +verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie +ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz. + +Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den +Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand. +Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich +nicht mehr entfernen. + +Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn +zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld +übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle +»exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen; +die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu +einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den +Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein +Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die +Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? -- +Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so +verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine +Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er +umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der +arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und +Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am +süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die +anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich +verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein +tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit +Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte. + +Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem +Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt +winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine +mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich +brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den +Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume +im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den +Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und +recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt +daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei. +Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur +waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das +große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur +_eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit +seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre. + +Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die +alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern +_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen +lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen. +Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein +Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren +schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und +das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur +Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der +geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf +das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür +_gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn +auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege +stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau +nach, die ihrer kaum Herr ward. + +Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der +jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der +That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den +»alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht, +sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden +da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem +Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den +_Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn +Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut +schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu +wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen +sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als +sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,« +konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat +einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch +Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne +Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem +unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie +das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das +will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß +sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel! + +Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er +statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise, +das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter, +der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre +Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und +_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der +Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der +Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte: +»Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die +Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« -- +-- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir +das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier, +den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg! +-- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn! + +Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich +und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der +Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes, +der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie +rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! -- +Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es +nicht! -- + + + + +19. + + +Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe, +schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und +sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war +lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und +verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war +Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor +der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die +Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die +Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der +Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder +weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen +Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit +auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und +es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug, +hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt' +Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor +Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! -- + +So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür; +aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der +ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr +nicht Daniel beigestanden. + +Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze. + +Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über +sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und +wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern +wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine +Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht. + +Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich +helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat +es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem +letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging +sie, Wecker und Daniel. + +Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen. +Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur +etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu +seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem +Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte +Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht. + +So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das +Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger +ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den +Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste +bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah, +wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du +hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that +sie nun von Herzen. + +In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum +Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre +Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor +eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode. +Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O +Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam +schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und +doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein: + + O große Noth: + Gott selbst ist todt! -- + +Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr; +so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so +traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen +schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare +Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber +es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte +eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen: + + O große Noth: + Gott selbst ist todt! -- + +Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt +selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee, +der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege, +und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor +Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie +vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz; +und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen +Geiste: Gott selbst ist todt. + +Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den +Letzten aus dem Gotteshause. + +Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne +noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein +Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem +Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt, +sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten +wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause +sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr +dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem +Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als +er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es +reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie +lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen +und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft! +-- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den +Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht, +sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die +helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort: +Gott selbst ist todt. -- + +Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit +mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen +verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche +gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon +wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie +sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging +dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr +Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben +war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu +ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie +die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den +Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß. + +In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben. +Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor +Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel, +und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in +ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich +lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie +von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle +sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten +scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der +Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die +Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne +krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr +Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die +verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die +Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und +die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in +der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der +äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes +Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher, +hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde +schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins +Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt +ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in +den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem +Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll +ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen, +Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen +darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten +Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie. +Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen +Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben +darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie +schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. -- +Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie +Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit, +wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und +das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete +lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den +Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus +tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten +athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem +Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu +Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht. + +Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las +mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er +wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu +schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk, +über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das +einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot +an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem +Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder +zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie +Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und +Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend +Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot: +liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er +gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein +kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der +Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr +Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt, +auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. -- + +Und eine Geisterstimme rief: + + Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft! + Komme hinaus, mein König![A] + +[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel +verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um +in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.] + +Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur +Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute +sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das +offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die +Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn +umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte +und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß +ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse +versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte +selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft, +zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns +lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes +von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den +Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen +geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von +seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie +eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen +und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe +zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine +Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie +beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber +sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen +Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares +Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm +fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten +leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und +auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über +die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein +warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging. +-- -- -- + +Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war +wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht. +Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das +schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder +eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem +Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm +leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt. + +Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum +zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens +nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch +uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute +Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll +Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja +die Sonne! + + + + +20. + + +Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater +nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein +anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel +hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie +nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter +verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der +Kälte ein kleiner Mantel war. + +Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu +Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen +rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler +angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der +Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an +solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon +geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein +Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten! + +Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder. +Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was +sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur +Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich +nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es +heißt, und den Storch zu holen. + +Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster, +nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der +reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine +Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und +geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer +dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand +auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen +Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen +Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war, +eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit +Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein +gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war +sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße, +einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an, +er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht +zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth +hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche +grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch +geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der +Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem +letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte +Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die +Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier, +mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden, +daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse? +-- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen, +und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch +bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind! +-- + +So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen, +ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer +eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts +überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern +hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das +dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod +nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin +ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das +Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie +glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's +gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch +weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei +doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. -- +Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere +Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist +vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker +sitzt! -- + +Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren +eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau +nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit +Gott und Gottes Hülfe. + +Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle +geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn +in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht +halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er +könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben. + +Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath +in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als +Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen +lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den +bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. -- + +Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl +verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt, +während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während +er vorn leuchtete. + +Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die +andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen +Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim +gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist! +Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das +Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der +Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer +oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes! +Merkt Euch das. + +Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich +die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. -- + +Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im +Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer +Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden. +Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen +der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht +ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die +Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust +der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_ +es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde. + +Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker. +Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So +Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch +lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal +so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur +angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes +Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch +merken! -- + +Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um +auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel +unterdessen nicht in den Schnee. + +Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied: + + Der Tod ist todt, + Das Leben lebet, + Das Grab ist selbst begraben! -- + +Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist +jetzt steinhart! + +Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die +Melodie, ja selbst die Worte: + + Auf, auf, mein Herz mit Freuden, + Nimm wahr, was heut geschieht! + Wie kommt nach großen Leiden + Doch ein so großes Licht! + +Johannes stand gerührt. + +Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem +Hause in den Schnee. + +Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen +eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine +Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug. +So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht +sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief +hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm +schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er; +nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den +alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster +war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen. +Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und +er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind! +Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest +an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme +fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_ +soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch +brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. -- + +Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die +Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei +daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging +er und setzte sich zu Christel auf's Bett. + +Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl! +mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch, +was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe! +die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer +Hinterhäuser. + +Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel? +sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan. +Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem +guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch +her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm +immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes +Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte +heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen +Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken. + + + + +21. + + +Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und +verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe +Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer +erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein. + +Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht +im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen. + +Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man +kommt; sagte Johannes. + +An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte +der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich +noch! + +Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes. + +Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von +Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen +Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt +für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der +Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer. +Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer. + +Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir +ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte +Johannes. + +Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich +recht, auch Euch. + +Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr. + +Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis. + +Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht +nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir +ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie +hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige +Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb, +und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie +verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der +Schnee und das Eis vergangen. + +Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert. + +Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man +sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick +eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und +wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie. + +Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte +Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha« +schimmerte still ihn an. + +Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder, +fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein? + +Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der +Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung. + +Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer +Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus +Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu +schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben +Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein +Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser +war -- da war sie todt. Arme Martha! + +Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann +ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen! +Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes, +und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und +auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr +armer Mann! + +Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von +Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee. + +Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht +und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß. +Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. -- + +_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz +wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme. + +-- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach +Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das +ich bei Euch gesehen. -- + +War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig. + +Allein! kein Kind! versetzte Paschalis. + +Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen +verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann +gedankenvoll vor der Inschrift stehen. + +Dorothee trat ein. + +Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an. + +Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend. + +Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der +Hand. + +Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee. + +Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von +ihr. + +Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er +gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von +Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß -- +ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im +Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend. + +Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind? + +Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen +wäre! -- + +Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis. +Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie +anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will +morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der +Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute, +daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu +retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch +Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog +sie nicht auf das Schloß! + +Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der +gnädige Gottlieb _auch_ heirathen. + +Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt +Dorothee an seiner ausgestreckten Hand. + +Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut. + +Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb! +noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg! +rieth ihm Paschalis. + +Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch +werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie +nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig +genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth, +daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom +Sarge der Tochter entfloh! -- + +Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen. +Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz. + +Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein +einziges Kind! -- + +Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das +Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die +Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre +tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder +erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und +daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so +schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und +Johannes befährt den alten Rhein. + +Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal! +Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein +Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte +Paschalis erregt zu Johannes. + +Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm +Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein +gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur +halb! + +Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das +Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das +segnet Dir Gott und mir! + +Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte +Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. -- +Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr +sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein +Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag' +ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen. + +Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater. + +Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen. + +Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um +sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm. +Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der +wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der +Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist +eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit +Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine +Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth +wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen +Frauen. + +Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun, +was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des +Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch +in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte +dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da +hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein! + +Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne +Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im +Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn. + +Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter. + +Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig +stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes +Worten und Wesen sie anschauerte. + +Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser +fort und zog ihn der weinenden Mutter nah. + +Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach +ihm. + +Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen. + +Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an +Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen +zu. + +Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch +einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! -- +Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein +Mädchen? + +Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und +sangen: + + Es gingen drei heilige Frauen + Alle-alleluja! + Des Morgens früh im Thauen, + Alle-alleluja! + +Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen. +Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei +Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in +weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem +Wechselgesang, und es sangen: + + _Die Engel:_ + + Erschrecket nicht, und seid All' froh! + Alle-alleluja! + Denn, den ihr sucht, der ist nicht da. + Alle-alleluja! + + _Martha:_ + + Ach Engel! lieber Engel fein, + Alle-alleluja! + Wo find' ich doch den Herren mein? + Alle-alleluja! + + _Die Engel:_ + + Er ist erstanden aus dem Grab, + Alle-alleluja! + Heut' an dem heil'gen Ostertag. + Alle-alleluja! + + _Maria:_ + + Habt Dank, ihr lieben Engel fein. + Alle-alleluja! + Nun woll'n wir Alle fröhlich sein! + Alle-alleluja! + +Sie schwiegen nun und lächelten. -- + +-- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis +und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz. + +Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr +bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht. + +Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes: +Alle-alleluja! + +Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie +Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut' +ist heiliger Ostertag! + +Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große, +zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen. + +Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem +Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit +feuchten Augen zum Himmel. + +Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit +freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_ + + + + + + +Anmerkungen zur Transkription + +Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und +Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107. + +Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben. + +Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 *** |
