summaryrefslogtreecommitdiff
path: root/40523-0.txt
diff options
context:
space:
mode:
Diffstat (limited to '40523-0.txt')
-rw-r--r--40523-0.txt3272
1 files changed, 3272 insertions, 0 deletions
diff --git a/40523-0.txt b/40523-0.txt
new file mode 100644
index 0000000..a65d4a3
--- /dev/null
+++ b/40523-0.txt
@@ -0,0 +1,3272 @@
+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 ***
+
+Leopold Schefer
+
+
+
+
+Die Osternacht
+
+
+
+
+Die Osternacht.
+
+
+Erste Abtheilung.
+
+
+
+
+Sinnwort:
+
+ Erdennoth
+ Keine Noth!
+ Nur vom Herzen
+ Kommen Leiden,
+ Leben, Freuden,
+ Tod und Schmerzen.
+
+
+
+
+
+1.
+
+
+Wer machte denn die Thür auf, Johannes? -- Johannes, hörst Du! schlafe nur
+nicht so fest. Es weht die Kinder kalt in ihren Bettchen an. Geh', mache
+sie zu! ich fürchte mich. Sieh', guckt es nicht dort mit funkelnden Augen
+herein? hat es nicht Hörner? --
+
+Christel fuhr unter die Bettdecke. Du bist ein furchtsames Kind, sprach
+Johannes; und das kommt daher, daß Deine Mutter Dich zehn Jahre nach ihrem
+vorletzten Kinde getragen und sich vor den Leuten geschämt und nur im
+Dunkel ausgegangen. War sie denn nicht eine eheliche Frau, noch ein Weib in
+ihren besten Jahren? Nun hab' ich mein Leiden mit Deiner Furcht, und auch
+der ganz kleine Junge alterirt sich schon, wenn man ihn nur mit einem
+Hasenfuß anrührt. -- Geh'; Daniel, stehe Du auf und mache die Thür zu und
+sperre die Ziege ein.
+
+Der kleine Daniel sprang mit bloßen Füßen aus dem Bett, um zu gehen.
+
+Vater, rief er, es ist Wasser in der Stube! Bis über die Kniee! Mutter, die
+Wiege ist schon zum Fenster geschwommen.
+
+Du bist noch im Traume! Daniel, sprach die Mutter.
+
+Nein, Mutter! wahrhaftig Wasser. Hörst Du? -- Und nun rauschte er mit den
+Füßen darin.
+
+Auch die Ziege kam gewatet. Die Mutter sprang aus dem Bett und eilte zum
+Kleinen in der Wiege. Der Vater sah zum Fenster hinaus.
+
+Um des Himmels willen, was ist denn? fragte Christel. Hu, wie kalt ist das
+Wasser! --
+
+Johannes antwortete nicht. Er hörte nur scharfes Läuten vom Kirchthurm, ein
+dumpfes Rauschen, ängstliche Stimmen im Dorfe, gerufene Namen, Geschrei der
+Kinder und hohles gedämpftes Gebrüll des Viehes. Männer und Weiber und
+Kinder fuhren wie im Schattenspiel in der Nacht, selbst wie Schatten in
+Kähnen vor dem Hause vorüber, wo Abends noch trockene Straße war. Ein Mann
+führte seine Kühe watend nahe am Zaune des Gärtchens vor seinem Fenster
+hin. -- Was ist das? fragte er ihn. Keine Antwort. Ein Anderer ritt auf dem
+Pferde, einen Knaben vor sich. Ist denn das der Rhein hier? fragte er
+diesen. -- Das Wasser hier im Hause der Rhein! wiederholte Christel. --
+
+_Das Mal_ ist er es! antwortete Jener draußen vom Pferde, vorüber eilend;
+macht, daß Ihr fort kommt, Johannes! der Damm ist gebrochen! --
+
+Das hier der Rhein? das Wasser hier! Hat davon jemals im Dorfe ein alter
+Mann erzählt? fragte Christel.
+
+_Das Mal_ ist das der Rhein! Wir stehen hier im Rhein in der Stube! sagte
+Johannes. -- Horch, wieder die Sturmglocke vom Thurm! das klingt ängstlich!
+Nimm die Kinder, die Kinder, und fort, fort!
+
+Laß Dich nicht übereilen, Johannes! sagte Christel gefaßt. Einen Augenblick
+überlegt, was wir thun, was wir nehmen und lassen. _Der_ Augenblick kommt
+nicht wieder! Das hat Dir Gott eingegeben, den Kahn noch gestern im Hofe
+fertig zu machen, selber die Ruder hab' ich hineingelegt. -- Das Erste ist
+die Nürnberger Bibel von meinem Vater, dann die Kinder und die
+Sonntagskleider! Weißt Du noch Etwas?
+
+Geld haben wir nicht! seufzte Johannes mit gefalteten Händen. Unser Haus
+war das Beste -- und der Garten. Die Fische werden doch leben bleiben! So
+bleiben wir Fischer! --
+
+Nun in Gottes Namen! ich bin angezogen; trieb Christel.
+
+So nahm sie denn das Kind in seinem Bettchen aus der Wiege, der kleine
+Daniel rief seinen Staar vom Ofen: du Dieb! du Dieb! dann nahm er den
+Vogel, der Vater den Daniel auf einen Arm, auf den andern das Mädchen, sein
+Sophiechen, und so wateten sie zum Kahn, der schon flott war. Christel
+stieg ein und blieb bei den Kindern. Der Vater holte noch die Nürnberger
+Bibel und die Federgebette und die Sonntagskleider aus der Lade, legte auch
+das hinein und fragte: haben wir sonst etwas Wichtiges vergessen? Daß ich
+nicht weiß! sagte Christel; ich habe Alles! Da sprang noch die Ziege in den
+Kahn, die Kuh war nicht mehr zu retten. Nun walte Gott! sprach Christel;
+und so fuhr denn Johannes sachte und vorsichtig über die niedrige, schon
+überschwemmte Mauer des Gehöftes mit dem Kahn voll seiner besten Habe
+hinüber nach den Bergen, über welchen ruhig, sicher und fern der Komet mit
+langem, weißem Schweife stand, der wie ein langes hinaufgestrecktes
+Schneckenhorn des Berges zum Himmel reichte und geisterhaft und doch gütig
+und freundlich den Menschen leuchtete.
+
+Du hast gut da im Trocknen scheinen und steuern! sagte Johannes. Du bist an
+Allem schuld!
+
+Spotte nicht! verwies ihm Christel; es ist ein Bote des Herrn mit seinem
+Stabe.
+
+Es ward plötzlich still auf den verworrenen Lärm im Dorfe. Das Schreckliche
+war geschehen. Die sich retten konnten, waren gerettet und waren nun still,
+auch wo sie flohen; und die sich nicht gerettet; waren auch still; nur
+manchmal erscholl noch Hundegebell, oder Geschrei der Hähne, die den Morgen
+anriefen, oder Geläut aus benachbarten Dörfern, auch wohl ferner Schüsse
+Hall das Thal hinab und hinauf, und ein lauer Thauwind fiel in zuckenden
+Stößen vom Himmel.
+
+So fuhr denn auch Johannes still an Mauern dahin, über Gärten und Wiesen,
+die zum See geworden. Nur zuweilen kam es ihnen vor, als hörten sie rufen:
+»Johannes!« und dann wieder schwächer: »Johannes!« aber es fiel ihnen nicht
+ein, daß sie ihre _Dorothee_ vergessen, die auf dem Boden geschlafen. Sie
+waren froh, daß ein Kahn sie einholte. »Guten Morgen!« grüßte es beklommen
+herüber. »Guten Morgen!« dankten sie wehmüthig hinüber, und schweigend
+gelangten sie ans Ufer.
+
+
+
+
+2.
+
+
+Da! nimm mir das Kind ab, Dorothee! sagte Christel und hielt es ihr aus dem
+Kahn hin. Denn sie glaubte, das flinke Mädchen sei zuerst ans Ufer
+gesprungen. Dorothee! wo bist Du denn? rief sie noch einmal. Sie sahe sich
+um, sie überblickte den Kahn, da war keine Dorothee, und vor Schrecken
+hätte sie bald das Kind von den ausgestreckten Armen ins Wasser fallen
+lassen. Sie setzte sich aber und beugte sich über das Kind. --
+
+Ich frug Dich ja noch, liebes Weib, sprach Johannes, ob wir Etwas
+vergessen.
+
+Etwas ist kein Mensch, erwiederte sie.
+
+Du sagtest, ich habe Alles! sprach er. --
+
+Ach, ich habe Alles, das sagt' ich, weil ich meine Kinder hatte! den
+Daniel, das Sophiechen und den kleinen Gotthelf. Kehre um, Johannes, das
+Mädchen ist Dir ja so lieb, wie ich und die Kinder! Sie hat Niemanden als
+Uns, wer denkt an sie? so ist sie denn Uns auf die Seele gebunden. Kehr'
+um! Soll sie so mißlich umkommen? Wie viel Häuser sind schon eingestürzt.
+Johannes kehre um. »Johannes!« rief sie, »Johannes!« jetzt weiß ich, wer
+rief, und wen sie meinte -- Dich, mein Johannes! --
+
+Ich will! tröstete sie Johannes; nur wärmt Euch erst. So stiegen sie aus
+und richteten sich ein. Die Ziege weidete unbekümmert; Daniel las Holz
+zusammen, Johannes brachte einen Feuerbrand von dem Feuer des nächsten
+Unglücksgenossen, und während dessen erschien der Purpurstreif der
+Morgenröthe und beschimmerte das Thal und den Strom, und zuletzt kam auch
+die Sonne und schien sich umzusehen. Von Zeit zu Zeit läutete es noch im
+Dorfe vom Thurme. -- Wer muß das sein? sagte der junge Prediger, der
+herzugetreten, denn dort steht der alte Küster mit allen den Seinigen. Die
+Kirche liegt tief, und dem wir die Rettung, nächst Gott, am meisten
+verdanken, der steht nun selber in Noth. Seht, ist nicht Jemand dort im
+geöffneten Kirchthurmfenster? -- Es ist ein Mann! sagte Johannes, und
+keiner aus dem Dorfe; ich dächte, er trüge einen andern Rock, als wir Leute
+hier, jetzt weht er auch mit einem weißen Tuche. Nun geht er wieder läuten,
+horch!
+
+Das ist gewiß der Reisende, der gestern bei mir war und mich nicht zu Hause
+fand. Er wollte heute wieder zu mir kommen, bemerkte der Prediger.
+
+Ja, sagte der alte Küster. Als ich den Thurm aufschließen ließ, war er
+schon da und riß mir die Schlüssel aus der Hand, trieb mich fort und sprang
+selber zu läuten. Er ließ sich's nicht nehmen. Ich sah ihn gestern Abend im
+Wirthshaus. Er hat auch ein Pferd.
+
+Gehabt! sagte der Prediger; denn das ist nun ertrunken. Wir wohnen Alle
+dort tief.
+
+Das war wohl ein Schreckliches!
+
+Ach, es ist noch ein Schreckliches! seufzte Christel und deutete stumm und
+die Augen voll Thränen nach ihrem Hause, auf dessen Dache eine weiße
+Gestalt saß neben der Leiter.
+
+Wer von Euch ist das? fragte der Prediger.
+
+Unsere Dorothee, die meine Frau mit aus dem Vaterhause geerbt, sagte
+Johannes ihm leiser. Jetzt will ich hin. Das Dach hat sich schon gewandt,
+denn die Morgensonne bescheint den Giebel, was sie in ihrem Leben nicht
+gethan! --
+
+Fahrt mit Gott! sagte der Prediger. Aber wer wird Euch begleiten außer ihm?
+Die Männer sind fort nach allerhand Hülfe, oder retten noch; ich verstehe
+es nicht, das Ruderscheit zu führen, und gehe denn lieber aus nach Zufuhr
+ins nächste Dorf, daß Ihr wenigstens Brot und Wein bekommt. So ging er.
+
+Christel küßte ihren Johannes; er küßte die Kinder, dann fuhr er allein
+zurück. Er mußte zuerst an der Kirche vorüber, worauf der Fremde jetzt
+stärker geläutet und nun hinab in das Fenster getreten. Johannes hätte
+müssen kein Herz haben, wenn er ihn nicht zuerst in den Kahn genommen. Und
+nach einigen kurzen Worten des Dankes half er nun selber hinüber rudern zum
+Hause, von dem das Mädchen ihn mehr geängstet als er sich selbst über seine
+Lage. -- So oft sie die Arme ausstreckte, riß ich wieder an der Glocke!
+erzählte er Johannes. Sie legten an das Dach an, aber sie mußten ihr laut
+zurufen, herabzusteigen, so erstarrt und versonnen saß sie da oben. Ja es
+erschien dann, als sie gleichgültig die Männer ansah, sogar ein Trotz, eine
+Rache, eine wehmüthige Lust, umzukommen, in ihrem Gesicht. Sie ward über
+und über roth. Sie wähnte sich _vernachlässigt_, als eine arme vater- und
+mutterlose Waise! nicht vergessen vor Angst; und auch jetzt hatte Johannes
+_zuerst_ den Fremden eingenommen, und nicht erst auf der Rückfahrt! So
+blieb sie, und auf wiederholten Zuruf schluchzte sie vollends vor Thränen
+und kehrte sich ab. -- Laßt das arme Mädchen erst ausweinen und sich die
+Thränen trocknen, damit sie die Sprossen der Leiter nicht fehlt, sagte der
+Fremde mitleidsvoll. Sie hat nicht mehr an das Leben geglaubt; und nun
+schlägt ihr das Herz auf einmal zu voll.
+
+Und so stieg er selbst hinauf und geleitete Dorotheen hinab. Sie schwieg
+während der Fahrt nach den Bergen und sahe zurück auf die Fläche des
+Wassers, während die Männer hinüber ruderten. Sie brach voll brauner
+Knospen schimmernde Zweige von den Obstbäumen, an denen sie hinfuhren, und
+warf sie in das Wasser, ohne sie anzusehen.
+
+Am Ufer warf sie sich der weinenden Christel an die Brust und sagte: Nun
+seid Ihr so arm als ich!
+
+Ist _das_ Dir ein Trost! erwiederte Christel.
+
+_Nun_ werdet Ihr mich lieber haben! seufzte Dorothee. Ach, wie war mir
+diese zwei Jahre her zu Muthe, seit der Prediger gestorben; und auch bei
+ihm, wie oft hab' ich geweint!
+
+Was kannst Du für Deine betrogene Mutter! sprach Christel. Es hat ihr auch
+das Leben gekostet. Sei ruhig. Wir waren nicht reich, aber wir liebten
+Dich! wir lieben Dich und sind nun arm.
+
+Gott sei Dank! seufzte Dorothee leise, nun ist mir wohl.
+
+Der Fremde hatte das schöne, sechzehnjährige Mädchen mit Verwunderung
+betrachtet. Ihr habt da ein eigenes Kind! sagt' er. Schöne Mädchen müssen
+nicht so stolz, so eigensinnig sein! drohte er ihr sanft mit dem Finger.
+Dorothee wollte ihn böse ansehen; aber es gelang ihr nicht: denn von einem
+freundlichen Blick getroffen, mußte sie endlich sogar auch lächeln, wie er
+lächelte.
+
+_Mir_ ist nicht wohl, sagte er, daß ich _jetzt_ arm bin. Ich kann nicht
+einmal meinem Freunde hier anders als mit Worten danken!
+
+Das ist nicht nöthig! sagte Dorothee. Er hat ja eigentlich mich geholt, wie
+er spricht. Oder nicht?
+
+Freilich! sagte Johannes.
+
+So schenkte der Fremde nur einige kleine Stücke Geld an die Kinder, schrieb
+sich Johannes Namen in seine Schreibtafel, drückte ihm die Hand,
+versicherte ihm, daß er sich werde vernehmen lassen, schnitt einen Stock
+aus dem Haselgesträuch, ließ sich den Weg nach Groß-Breitenthal weisen und
+wanderte in die Berge.
+
+Während dessen hatte sich die Schlinge, womit Johannes den Kahn an einen
+Stein in der Eile und der Freude befestigt, abgezogen durch das Wiegen auf
+den Wellen -- und jetzt war der Kahn schon unerreichbar, wandte in eine
+Strömung und schwamm fort. Daniel schrie; Johannes sah ihm nach und sagte
+dann: nun bin ich ein Fischer gewesen! nun ertrinken mir die Fische! --
+Christel schwieg; Dorothee lächelte verstohlen, rief die Ziege, setzte sich
+auf den Stein und melkte Milch zum Frühstück für die Kinder.
+
+
+
+
+3.
+
+
+Nun was sagt denn Deine Bibel? fragte Johannes nach Mittag seine Christel,
+die darin las; welches Winzerhäuschen in den Weinbergen ist denn noch leer?
+oder wohin sollen wir wandern? und was sollen wir anfangen?
+
+Christel machte gelassen die Bibel zu, drückte die Schlösser fest, und eine
+Hand auf den Deckel gestützt, sah sie ihn ruhig an. Siehst Du nicht, fragte
+sie ihn, was darin steht? wenn Du auch die Schrift nicht lesen kannst: so
+kannst Du doch in meinem Gesicht lesen, was darin steht: Zufriedenheit und
+Vertrauen!
+
+Aber können wir darin wohnen, wie in einer Hütte? können wir sie den
+Kindern geben als Brot?
+
+Du bist wunderlich, lieber Johannes, erwiederte Christel. Dir muß man das
+anders sagen. Siehst Du, -- zu _deinem_ armen Vater Frommholz können wir
+einmal nicht, da fern auch über den angeschwollenen Main, aber unter dem
+Lesen ist mir nun eingekommen, daß mein Vater dem Herrn von Borromäus in
+guten Zeiten auf inständiges Bitten 1000 Gulden geliehen hat. Er war ein
+schwacher Mann und dachte, der Hase habe ihn geleckt, wenn ihm ein »Herr
+von« die Hand gedrückt und sein erspartes Geld in eigner hoher Tasche nach
+Hause getragen. Doch _das_ Geld hab' ich ihm mit dem Voigt selber hinauf
+nach Breitenthal getragen, und ich bekam einen Dukaten Botenlohn, den unser
+Sophiechen da noch am Halse trägt, und einen Kuß, den ich mir hundert Mal
+abgewaschen. Ach, ich weiß noch wie heute, ich brach in seinen Armen vor
+Scham und Schande und Jammer, und wer weiß vor was allem in Thränen aus und
+war gar nicht zufrieden zu stellen. Ich kam mir vor, wie gestorben,
+verdorben, entweiht und entehrt auf immer. Das war eine Noth! Der alte Herr
+sogar war selber betreten und schrieb mir die Quittung. Und die 1000 Gulden
+gehören von Gott und Recht laut Testament nun mir. Darum wollen wir hinauf;
+denn unser Haus, das siehst Du, ist zerstört, und von dem Gelde bauen wir
+es neu auf.
+
+Der Edelmann hat ja niemals nur einen Kreuzer Interessen entrichtet und
+behauptet, er hätt' es dem Vater schon wieder bezahlt! lächelte Johannes.
+
+Leider hat es der arme verschuldete Herr gethan -- als wir noch Etwas
+hatten und ohne ihn lebten; aber, Johannes, _nun_ wird er es nicht leugnen,
+nun wird er es gewiß bezahlen, gewiß! nun wir verarmt sind.
+
+Du hast einen guten Glauben! meine Christel, sagte Johannes fast unmuthig.
+
+Die Mutter aber rief ihr Sophiechen herbei, nahm sie auf dem Schooß in die
+Arme, wiegte sie und fragte sie liebkosend: Sage Du mir, Sophiechen, werden
+wir das Geld bekommen? Nein? oder Ja! Nicht wahr Sophiechen, sag'! werden
+wir das Geld bekommen?
+
+Ja! sagte Sophiechen, mit der Post! --
+
+Da hörst Du, Johannes! sagte die Mutter. Das Kind hat es gesagt.
+
+Du hättest nur noch deutlicher zu ihr sprechen sollen: Sage ja! -- Ist denn
+das Kind eine kluge Frau? oder bist Du eine kluge Frau? Du wirst schon
+abergläubisch; das macht das Unglück! meine gute Christel.
+
+Du wirst sehen, Johannes! was die unschuldigen Kinder sagen, ist wahr.
+
+Wenigstens unschuldig. Was wollen wir Anderes machen als hoffen. Im Dorfe
+kann uns Niemand helfen, Jeder braucht selber Hülfe. Es ist nicht zu weit
+hinauf, darum wollen wir noch vor Abend hinüber! hier haben wir uns satt
+gesehen an der lieben Gottesgabe, dem Wasser! Er wird doch irgend ein
+Häuschen, oder ein Stübchen haben der Borromäus. Es sind auch Wagen von
+Breitenthal da; Alles ist ausgetheilt, und sie fahren nun leer zurück, die
+nehmen die Kinder mit, und wir gehen.
+
+Das war bald geordnet, und so zogen sie in die Berge hinauf durch den
+Fichtenwald. Johannes sah noch manchmal zurück und weinte dann, wenn er die
+Kinder auf dem Wagen fröhlich darüber sah, daß sie fuhren, und Daniel, daß
+er das Ende der Zügel halten durfte.
+
+An der Waldkapelle mit dem Marienbilde aber war Christel heimlich zurück
+geblieben, hingekniet und dankte für die glückliche Rettung und betete für
+die Zukunft. Johannes hatte es gesehen, schlich hinzu und zog sie hinweg.
+
+Ist das _unsre_ Heilige! fragte er sie strafend.
+
+-- _Auch unsre!_ sprach Christel gelassen. Sie stellt die Mutter des
+Heilandes vor, der doch _unser_ Heiland ist, und sie bleibt ja auch seine
+_Mutter_. Ich bin auch eine Mutter, darum lasse mich nur! Mir war das Herz
+zu weich, und das Auge zu voll, ich dachte nur an den himmlischen Vater,
+das kann ich Dir sagen -- und das Herz ist mir ganz leicht geworden, das
+kannst Du mir glauben.
+
+Du bist ein Kind! sagte Johannes beruhigt. Aber er führte sie fort, und
+nach kurzer Zeit sahen sie halb im Gebüsch einen Jäger stehen, der dem
+Wagen nachsah.
+
+Waren das Eure Kinder? fragte er sie, als sie ihm nahe gekommen.
+
+Sie sind noch unser! Gott sei Dank! antwortete Johannes.
+
+Ihr seid also mit verunglückt, sagte der Jäger mit halbem Frageton! und mit
+stillen Blicken auf dem hübschen jungen Weibe, den braunen Augen, den
+rothen Wangen, den vollen Armen ruhend, und dann in sich lächelnd, fragte
+er Johannes: Wo gedenkt Ihr denn hin? --
+
+Christel entdeckte ihm nun ihr Vorhaben, sogar von wem sie Geld zu erwarten
+hätten.
+
+Da kann ich Euch rathen! sagte der Jäger; ich heiße Niklas und bin in
+Diensten auf dem Edelhofe. Von Eurem Gelde weiß ich nun freilich nichts;
+aber daß der alte Herr Schulden hat, viele, was man sagt: Gläubiger, die an
+ihn geglaubt haben, das singen die Sperlinge auf dem Kirchdache, wie das
+eine und dasselbe Präludium des Schulmeisters Wecker, das sie alle Sonntage
+auf der Orgel hören. Was soll ich es Euch verschweigen! Ich habe selber
+einmal hinten auf dem Wagen, als wir zur Jagd fuhren, mit angehört, daß er
+zu seinem Herrn Sohne, dem gnädigen Gottlieb -- denn so heißt er -- und das
+ist er auch wirklich, einst sagte: Mein Sohn, lerne von mir! Ich spiele das
+chinesische Sackspiel, wo zehn, ja zwanzig mit Sand gefüllte Säcke im
+Zimmer von der Decke hängen, und der Spieler stellt sich mitten in die
+Säcke, setzt sie in Bewegung, daß sie alle gehen, wie geläutete Glocken:
+bim baum, bim baum! und nun besteht die ganze Kunst darin: jeden Sack, der
+ihn stoßen will, selber zuerst fortzustoßen, und weder von den groben
+Säcken allen zur Seite noch von vorn und von hinten tüchtig getroffen zu
+werden! Freilich bricht mir der Angstschweiß aus, von der unaufhörlichen
+Arbeit mit meinen sackgroben Gläubigern! aber ich stehe doch noch fest,
+wenn auch mit tüchtigen blauen Flecken, woher ich sie gar nicht vermuthet.
+-- Doch ich bin Kreisrath! und halte den Gerichtshalter warm, mich kümmert
+nur das Proxeneticum! -- so sagt' er und lachte. -- Aber laßt das nur gut
+sein, lieben Leutchen! Er hat jetzt eine furchtbare Brennerei angelegt, da
+das Getreide gar nicht gilt, und wenn er an den vielen Stückfässern sich
+nicht die Seligkeit an den Hals trinkt, weswegen er in seinem ewigen Taumel
+schon bei lebendigem Leibe nur der _selige Herr_ im Dorfe heißt -- und eine
+rothe Nase hat er sich auch schon bloß angekostet, und statt der Gradewage
+braucht er nur die Zunge, so ein Kenner ist er -- wenn er noch lange der
+selige Herr bleibt: so hat er, wie er sagt, in wenigen Jahren alle seine
+Gläubiger sich vom Halse gebrannt und wegdestillirt! Darum habt nicht
+gerade die größte Sorge, aber desto größere Geduld. --
+
+Wenn er das Sackspiel so gut spielt, meinte Johannes --
+
+-- so wird er Euch auch für einen ansehen, glaubt Ihr? Gedanken sind
+zollfrei. Aber dafür ist der gnädige Gottlieb; das ist ein prachtvoller
+Mann! dabei blickte er wieder auf Christel -- und daß er eine Frau hat, das
+schadet nichts.
+
+Das sollte ihm schaden? fragte Johannes.
+
+Nun wie ich das meine! versetzt' er. Die Frau ist so schön und brav, daß
+sie mir manchmal leid thut, aber auch wieder nicht, eben wenn ich bedenke,
+daß sie gar so brav ist! Da kommt es auf Eins hinaus. --
+
+_Diese_ Aeußerung des rohen Niklas bewog Christel, den Jäger das erste Mal
+freundlich anzusehen. --
+
+Nun kommt nur, kommt! ermuntert' er sie. Bei uns ist kein Raum, auch im
+Dorfe wüßt' ich eben keinen. Aber ich getraue mich bei dem gnädigen
+Gottlieb es zu verantworten, wenn ich Euch in ein leeres Häuschen weise.
+Bewohnt ist es nie gewesen, aber es ist zu bewohnen. Denn in dem einen
+Stübchen ist auch ein Ofen, daß wir es aushalten konnten, wenn wir früh an
+kalten Wintermorgen auf die Vögel lauerten, und daß die Locken für den
+Heerd des Nachts nicht erfroren. Es fließt ein muntrer Bach dabei vorüber
+in den Main hinab. Aber jetzt kommt Niemand hin; die Vögel haben einen
+andern Strich genommen, das junge Holz ist zu hoch geworden, und auch der
+gnädige Gottlieb ist groß und hat nun andre Gedanken. Seht Ihr, dort drüben
+stehen noch die Krakelstangen für die Vögel, wo sonst in der Mitte der
+Heerd war; der Platz ist freilich mit Disteln besamt, aber er gäbe bald ein
+hübsches Gärtchen, und Ihr sitzt im Holze, und anstatt der Miethe thut Ihr
+ein paar Erntedienste mit der Hand, und ein paar Jagddienste mit den Füßen.
+
+Ist das ein Vogelheerd, Vater? fragte Daniel; Vater, da wollen wir hin!
+
+Der Jäger ging dem Wagen voraus, und so folgten sie ihm zu dem Heerde vom
+Wege ab.
+
+
+
+
+4.
+
+
+Das Häuschen war nett. Christel öffnete die Thür, stieß die Fensterladen
+auf, musterte es und sahe, was daraus zu machen sei, und wie Alles
+eingerichtet werden müsse. Daniel brachte einiges bestaubte Werkzeug
+hervor, eine Axt, ein Schnittmesser und Stricke und Breter. Johannes stand
+mit gefalteten Händen noch draußen und hatte den Kopf gesenkt. Christel
+küßte ihn, lachte und sagte: Vater, mache einen Tisch; und Du, Dorothee,
+was sitzest Du auf der Schwelle und getraust Dich nicht hinein, oder
+schämst Du dich! rühre dich, Mädchen, und hole Wasser aus dem Bach, daß
+Alles wird, wie es soll. Ein Bett ist das Erste! Worin man beinahe das
+halbe Leben zubringt, das muß bequem und weich und immer gut gemacht sein.
+
+Auch die Ziege bekam ihr Cabinet. Der Staar hatte wieder seinen Sitz auf
+dem Ofen erwählt. Der ausgetheilte Wein und das Brot langten noch morgen.
+Und als die Kinder, zeitig zu Bett gegangen, schliefen, als das Feuer auf
+dem Kamin loderte und in das Stübchen leuchtete, kniete Christel vor
+Johannes hin, stützte sich auf seine Kniee und sah ihm in die Augen. Bist
+Du mir gut? fragte sie ihn. -- Du armer Schelm! sagte er und hielt die Hand
+auf ihrem Kopfe. Nun bin ich wieder froh, ich habe Alles! sagte sie fast
+weichmüthig. Sieh' nur, wie herrlich die Kinder schlafen! und hast Du
+gehört, wie sie gebetet haben? so fromm wie immer. Nur Daniel weinte still
+und kehrte sich von mir, als er betete: »unser täglich Brot gieb uns
+heut'.« _Der_ fängt schon an zu verstehen, wie den Aeltern um's Herz ist!
+Morgen haben sie Alles vergessen! Und wenn die Kinder dann fröhlich sind,
+was fehlt uns denn? Wir sind jung und gesund, und Arbeit ist hier überall;
+in den Weinbergen ist Plage vom Frühling bis Herbst, und die Ernte will
+auch geschnitten sein, und der Acker wieder bestellt. Das hört nicht auf,
+das heilige Jahr! und die Jahre hören nicht auf! Das geht so fort wie eine
+Mühle. Und muß denn die Mühle _unser_ sein? Den meisten Menschen gehört sie
+ja nicht, sie gehört nur Einem, der Alle aufschütten läßt, was sie eben
+bringen. In der Welt nährt eigentlich doch nur die Arbeit mit Ehren, und
+_Andern_ arbeiten, ist ja auch eigene Arbeit und bringt uns _eigenes_ Brot.
+Nicht wahr, mein Johannes?
+
+Johannes antwortete nicht, sondern hatte die Augen geschlossen, und so
+ruhte sie ein Weilchen mit dem Gesicht auf seinem Schooß. Und -- fuhr sie
+dann lächelnd fort -- wenn das Wasser verlaufen ist, gehen wir hinab und
+sehen, was uns noch etwa geblieben, und was für Fische auf unsern Bäumen
+hängen!
+
+Du willst mich munter reden, Du armer Schelm, sagte Johannes; aber es ist
+Dir selber nicht recht um das Herz, sonst würdest Du mich nicht trösten.
+Das hast Du nicht gewußt. Nun geh' nur auch zu Bett! sieh', Dorothee hat
+sich schon fortgeschlichen. Die Zeit wird ihr lang bei uns, und nun erst
+recht lang werden.
+
+Sie weiß, was sich _schickt_, lächelte Christel. Wir sind ja Eheleute! --
+
+Versteh' ich Dich recht, so bist Du ein Schelm! sagte Johannes. -- Und Du
+mein _lieber_ Schelm, flüsterte Christel. -- Jugend ist doch Goldes werth!
+meinte Johannes; wer im Alter arm ist, der ist wirklich arm! Lege an,
+Christel! -- Der Kien ist alle; meinte sie lächelnd. -- Du bist mein gutes
+Weib, sagte er; denn Du meinst es nur gut mit mir, weil Du weißt, daß ich
+Dich lieb habe von Herzen.
+
+Wie ich Dich! sagte Christel.
+
+
+
+
+5.
+
+
+Am nächsten Sonntage gingen sie schon früh hinab in das Dorf. Dorothee
+blieb bei den Kindern. Sie nahten sich mit klopfendem Herzen; aber ihr
+eigenes Leid ward gemäßigt, ja überwogen durch das Mitleid mit vielen,
+vielen Menschen! Sie hörten schon von Weitem Gesang vom Kirchhofe und
+Geläut von Begräbnissen, die fast kein Ende nahmen. Sie sahen kaum, daß
+ihre Obstbäume im Garten bis an die Kronen mit Erd' und Sand verschwemmt
+waren, daß Stroh und Holz in den Aesten hing; sie bedauerten kaum, daß ihr
+Häuschen eingestürzt und der Boden ausgewühlt war, denn sie lebten, und
+ihre Kinder lebten alle! und drüben segnete der Pfarrer einen Todten nach
+dem Andern ein, um in geweihter Erde zu ruhen. Sie traten dann unter die
+Menge der Betrübten, Neugierigen und Weinenden und begrüßten sich still
+durch Kopfnicken und Lächeln mit ihren Bekannten. Dann hörten sie die
+Predigt unter freiem Himmel mit an. Aber Christel getraute sich kaum, ein
+Kind anzusehen, das seine Mutter verloren; und sie bejammerte nur still im
+Geiste den Schmerz ihrer Kinder um sie; -- oder eine Mutter anzusehen, die
+ein Kind verloren, oder den Mann, oder Kind und Mann! und sie lächelte
+ihrem Johannes zu, erkannte ihn kaum und mußte ihn ordentlich bewundern,
+wie er so in der Sonne stand! Sie getraute sich kaum Gott zu danken, so
+bescheiden und gönnend schlug ihr das Herz. Und so war sie doppelt reich
+und beglückt.
+
+Als sie Nachmittags nach Hause gehen wollten, suchten sie noch zuvor auf
+der Stätte ihrer Wohnung, und die Mutter las ein Körbchen voll allerhand
+Kleinigkeiten zusammen, die noch zu brauchen waren. Ihre Katze stellte sich
+ein, die Christel mitnahm, und Johannes fand ein kleines schwarzfleckiges
+Schweinchen auf, das sein gehörte. Auch von Sophiechens Puppen waren zwei
+in den Zweigen des großen Birnbaums hängen geblieben, ihr Gottlob und ihr
+Annaröschen; und die Mutter weinte fast vor Freuden. So gingen sie gestärkt
+durch die Ueberzeugung wieder heim, daß hier nichts mehr zu suchen sei, daß
+sie nicht _das Beste_ verloren hätten.
+
+Als sie nach Hause gekommen, fanden sie Dorotheen artig geputzt, die Haare
+geflochten, und Christel bemerkte auch ein kleines weißes Bündel, das
+Dorothee nun unter den Arm nahm, welche sie nur schien noch erwartet zu
+haben.
+
+Du willst uns wohl verlassen, liebes Mädchen? fragte Christel betreten.
+
+Ich bin Euch jetzt zur Last, antwortete Dorothee; und ich will sie Euch
+erleichtern.
+
+Du erschwerst sie uns, wenn Du gehst, gute Dorothee, das glaube gewiß! Was
+Viele mit Geduld und Lust ertragen, das ist kaum ein Unglück, so schwer es
+zu sein scheint, und so schwer es den Einsamen drückt. Mit wem soll ich
+mich nun ausreden, wenn Du gingest, wenn Du selbst nicht einmal mehr Ja!
+sagtest, oder Nein! nach Deiner Art, oder gar nicht mehr zuhörtest! Und wie
+werd' ich mich erst fürchten hier allein in der unheimlichen, schweigenden
+Mittagsstunde, und in der Dämmerung, ehe Johannes von der Arbeit kommt? Du
+meinst es nicht gut mit uns, nicht mit mir, noch den Kindern, Dorothee!
+sagte sie halb bittend.
+
+Dorothee schwieg und wollte ihr zum Abschied die Hand reichen, ja sie
+küssen, um die feuchten Augen nicht erst sehen zu lassen.
+
+Wo willst Du denn hin? Du thörichtes Kind, fragte Johannes. Muß es denn
+sein? -- _Uns_ gehst Du nichts an, wenn wir Dich nichts angehen, Dorothee!
+
+Dorothee sah ihn an, wandte sich dann zu Christel und sagte: daß Niklas
+hier gewesen; daß die junge gnädige Frau eine Jungfer brauche, und so wolle
+sie bei ihr Jungfer werden im Schlosse.
+
+Jungfer werden im Schlosse? fragte Johannes mit sonderbarem Lächeln und
+meinte: So ein Schloß, wo das einträte, wär' heut zu Tage was werth! und
+kein _verwünschtes!_ Ich weiß des Niklas Worte noch wohl. Ich seh' nicht so
+dumm aus, als ich bin!
+
+Auch nicht so böse, Johannes! verwies ihm Christel. Man muß keinem Mädchen
+und keiner Frau Furcht machen vor einem Manne! das ist der verkehrte Weg,
+kann ich Dir sagen; in der Furcht regt sich das Böse und wächst wie die
+stachlige Wassernuß im Teiche. -- Will sie ziehen, so laß sie ziehen. Sie
+hat kein schwaches Gemüth, und was sie thut, das wird sie _wollen_. Darauf
+kenn' ich sie.
+
+Wird ihr das helfen? fragte Johannes.
+
+Jetzt gerade will ich ziehen, sagte Dorothee entrüstet.
+
+-- Im Grunde betrachtet, thut sie so übel nicht, nahm Christel wieder das
+Wort. Bei uns hat sie nur Arbeit gehabt, selbst in guten Tagen; jetzt hat
+sie noch schlechte Tage dazu und kann eher bei uns nun das Essen verlernen,
+als Nähen lernen. Beim Prediger, der sie erzogen, hat sie Alles genug
+gehabt, Alles bequem, ja nett und schön, bis auf die Handschuh; mein Vater,
+der sie gleichsam von ihm geerbt, hat sie gehalten besser als mich, da ich
+in den Jahren war. Nun haben wir sie geerbt, und sie will vielleicht ihr
+eigen sein, da Niemand Anspruch an sie macht, und wir jetzt scheinen ihrer
+zu bedürfen. Und sie hat doch Anspruch vielleicht auf ein so schönes Glück
+als ihr Gesicht, wie irgend sonst ein Mädchen. Denn nicht die Reichen
+werden immer die Glücklichsten! selten! ja selten nur glücklich. Und Vieles
+braucht ein Mädchen einst zu wissen, was sie bei uns, bei mir nicht lernt.
+
+Aber zu _dienen_ hätte sie nicht nöthig! murrte Johannes. Im eignen Hause
+die Tochter auferzogen, und aus der Mutter Hand dem Manne anvertraut, das
+ist das Beste. -- Ich habe keine Mutter und keinen Vater, sagte Dorothee
+und sahe Johannes dabei an.
+
+Ist denn zu Dienste ziehen so etwas Schlimmes? meinte Christel. Niemand
+dient ja um das liebe Brot und die Schuh' und die Kleider! Sondern ein
+Mädchen sieht in fremden Häusern besser als in dem eignen, und mehr und
+anderes, wie die Wirthschaft geht. Sie sieht und lernt die wichtigen und
+kleinen Geschäfte einer Hausfrau, sie lernt am Kinderzeug _ihr_ Kinderzeug
+einst nähen, was zu Hause kaum mehr vorkommt; sie lernt Brot backen oder
+Kuchen zu kleinen Festen einst bei sich; sie lernt aufmerksam sein und
+denken, sich loben und sich tadeln lassen, sie lernt einem fremden Willen
+folgen, nicht bloß Speisen bereiten, die _sie_ gern äße, nicht _so_
+zugerichtet, wie sie wollte, nicht sich kleiden, wie sie wünschte -- früh
+aufstehen, spät zu Bette gehen, vertreten, wenn ein Topf zerbrochen wird,
+und nicht entgegen reden, wenn sie ein Versehen gemacht, und es
+entschuldigen will und könnte. Sie lernt schweigen, hören, sie lernt
+_lernen_, selbst Unrecht erdulden und sich auch für Böses bedanken; kurz
+sie lernt eine _Frau_, eine _Mutter_ werden.
+
+_Das_ kann kommen! meinte Johannes. Ich bin arm, recht arm, und werde bei
+diesen Anstalten Gottes im Leben nicht reich; aber eh ich mein Kind von
+fremden Leuten -- denn die eignen schämen sich -- nur scheel ansehen,
+geschweige -- -- lieber noch schlagen und mit Füßen treten ließe, lieber
+soll sie ihren Vater nicht vor Gram in das Grab bringen, wie Deine
+Schwester Martha Deinen Vater. Von Grund' aus muß man reden! Das Drüberhin
+ist Sünde, wenn man die Wahrheit im Herzen behält.
+
+Christel wendete sich ab und weinte!
+
+Johannes nahm Sophiechen auf den Arm und fragte sie: hast Du mich lieb? wie
+lieb denn? meine kleine Tochter! Und das Kind schlang die Händchen um
+seinen Hals und drückte ihn, daß es zitterte und keinen Athem hatte. -- Der
+Vater weinte.
+
+Da Niemand sprach, sagte Dorothee: So lebt denn wohl! ich gehe. Ich danke
+Euch für Alles, auch für das!
+
+Christel aber sagte: komm her, noch einmal, meine Dorothee! sieh', hier
+schlag' ich Dir die Bibel auf, hier lies den Vers mir laut und ohne Beben
+mit der Stimme; und zu deinem Zeugniß sollst Du mir ihn immer lesen, wenn
+Du wieder zu uns kommst. Du kommst doch manchmal und siehst, ob wir noch
+leben?
+
+Dorothee war weich; aber sie las ohne Beben mit der Stimme und laut den
+Vers:
+
+ »Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!«
+
+Dann machte sie sich von den Kindern los, die sich an sie gehangen, und
+ging, ihr kleines Bündel unter dem Arm.
+
+
+
+
+6.
+
+
+Auf dem Hofe war Alles in Thätigkeit, große Anstalten wurden gemacht, denn
+das Landesväterchen, oder der Ländchenvater sollte durch Breitenthal kommen
+und auf dem Schlosse übernachten. Niklas nämlich kam und nannte ihn so,
+weil ein Wolkenschatten sein Land schon überdecken konnte, und ladete
+Johannes ein, Theil an den Arbeiten zu nehmen und sich ein Stück Geld
+zusammen zu verdienen. Der selige Herr, sagte er, rechnet sich großen
+Vortheil von einem solchen Besuch, wenigstens eine nachgelassene
+schriftliche Sauve-garde gegen seine Ungläubigen, die Gläubiger. Das
+Memorial ist schon aufgesetzt. Er verschreibt den Juden, so viel Procent
+sie begehren; denn Alles soll kostbar sein, und das Bett ist auch ein
+Prachtstück, so daß dem Prinzen schaudern wird, sich hinein zu legen! Da
+sind goldne Fransen von massivem Holz an den Vorhängen, Quasten, Spiegel,
+kurz Alles im Zimmer, was ein Mensch gar nicht zu brauchen im Stande ist.
+Was aber die Zurüstungen zum Empfange betrifft, da sagt er: mit nichts
+Ernsthaftem kann man einem Großen das Herz rühren; die Thränen lieben sie
+nicht, lachen müssen sie! Lachen müssen wir! Wer sie zum Lachen bringt, der
+hat einen Stein in ihrem Brete. Und so hat Er mit dem gnädigen Gottlieb hin
+und her gesonnen, bis er eine Hauptwache nebst Nobelgarde sich ausgedacht,
+die dem Gefeierten an der Grenze das Gewehr und sich selbst präsentiren
+soll, wie noch keine andre Garde in der Welt. Wir haben ein Fichtenwäldchen
+niedergeschlagen bis auf 24 Stämme am Wege; je zwei und zwei, die dicht
+neben einander stehen, wie zwei Beine, bilden einen Mann, der ausgestopft
+wird; oben werden bloß die Wipfel abgeschlagen, die Aeste vom Stamm
+geputzt, und nun werden die Kerls in mannshohe Stiefeln gesteckt, ihnen
+Hosen und Westen und Röcke angezogen, Masken vor, und Halsbinden
+umgebunden, und große Chakos aufgesetzt, ein Seitengewehr umgeschnallt, und
+losbrennbare Flinten in die ungeheuern Bärentatzen gegeben. Im Rücken aber
+wird eine Leiter angesetzt, ein natürlicher Mensch steigt in den Corpus und
+exercirt, wie ein hineingefahrner Geist, den hohen Besessenen. Auch der
+Tambour darf nicht fehlen und das furchtbare Schilderhaus, wie ein
+separates Glockenthürmchen, noch der entsetzliche Flügelmann. Die
+rothbäckigen Masken dazu liegen schon im Tanzsaal; Tuch, Leder, Leinwand,
+Pappen, Alles ist da, und der Heuwagen voll Schneidergesellen ist gestern
+Abend, in zwei Etagen sitzend, ins Dorf gejubelt, welche die großen
+Christophe ausmeubliren und uniformiren sollen. Zum großen Glück haben wir
+einen wandernden Schuhmachergesellen, den _Ronneburger_, aufgegabelt, der
+die Stiefeln nach dem großen Stiefel machen soll, welcher, wenn die
+Gesellen in Ronneburg zampern zu Fastnacht, auf den Straßen wandert wie von
+sich selbst, einen Sporn am Absatz wie ein Steuerruder; der Wein trinkt,
+und die Gläser oben zum Schafte hinauswirft, wie ein Stiefel aus einer
+bessern Welt! Ich habe den lustigen Bruder arbeiten sehen, und so oft er
+Eins trinkt mit dem seligen Herrn, singt er auf den Helden und
+Schutz-Patron aller Herrnschuh-Macher und Flicker, den braven Hans von
+Sagan, den Ehrenvers:
+
+ Unserm Hans von Sagan zu Ehren
+ Laßt die klingende Musicam hören!
+
+Ihr müßt Euch einmal die Geschichte von dem Schutzpatron vom Ronneburger
+erzählen lassen, wenn Ihr bei ihm arbeiten wollt; wie der Hans von Sagan,
+ein Schuhmachergesell, in Königsberg, das belagert war, in der höchsten
+Noth einen Ausfall gethan mit seinem Gewerk, die Fahne getragen und als ihm
+das Eine Bein abgeschossen, noch auf dem andern mit fliegender Fahne unter
+klingender Musika in den Feind gehopst. Seit der Nacht führen die
+Herrnschuh-Macher seinen Fuß oder Stiefel beständig im Schilde. -- Und auch
+eine neue Chaussee wird gemacht, ein gerader Weg durch Dick und Dünn, auf
+jeder Seite ein Graben gezogen, und der Sand und die Steine auf den Fahrweg
+geworfen. Wäre die Arbeit Euch nicht recht, so könnt' Ihr mit an der
+Pyramide von Reisig mitten im Dorfe arbeiten, wozu der Schulmeister Wecker
+die Inschriften macht, und der Gärtner die großen Buchstaben darauf aus
+Blumen. Der Daniel kann schon Kränze winden, und wenn Eure Christel nähen
+will, so kann sie mit helfen Westen, Hosen und Röcke für die Mannschaft da
+draußen machen. Es ist nur ein wahres Glück, daß die Kerls nicht essen und
+trinken und nicht einmal einrücken, sonst äßen sie ganz Breitenthal auf und
+tränken die Keller des seligen Herrn bei einigen Frühstückchen aus.
+
+Nun was Ihr wollt, Johannes! ich muß Alles anwerben, was Hände und Beine
+hat. Kommt mit, kommt nach, und leset Euch Arbeit aus, ich habe nicht Zeit
+dazu -- Gott sei Dank!
+
+So ging er. --
+
+Siehst Du, mein Johannes, Gott schickt uns Arbeit! sagte Christel fröhlich,
+als Niklas fort war.
+
+Aber was für welche! sagte Johannes halb lachend, halb erboßt. Ist das
+Arbeit? schickt die Gott? verdient man das Geld nicht mit Sünden? Und
+_dazu_ lassen vernünftige Menschen sich brauchen und singen und jubeln
+dabei wie die Schneidergesellen und der Hans von Sagan! _Dazu_ müssen die
+Pferde sich fast um das Leben ziehen und sich mißhandeln lassen, als
+retteten sie Israel. Ja ich konnte es gar nicht ansehen, wenn mein Pathe,
+der Leinweber, ein alter, sonst ehrwürdiger Mann, 6 bis 7, ja 8 Stunden
+lang bei der Sonntagstanzmusik im Weinhaus hinter der Baßgeige steht, und
+immer streicht »G. D.! -- D. G.! -- G. D.!« denn so viel hab' ich davon
+gelernt, und ernsthaft bleibt, wie der Baßgeigenkopf, dem er seine Perücke
+aufgesetzt, während die jungen Burschen um die Säule toben, daß man sein G.
+D.! -- D. G.! kaum hört. Ei, so wollt' ich die Baßgeige! Manchmal ward er
+aber auch selber wild und strich mit dem Bogen ganz unbarmherzig darein,
+daß es ein Grausen war. Das freute mich von ihm! Da ist nun gar keine
+Frage, daß die alte Baßgeige glücklicher ist als der arme Mann, und die
+hölzerne Säule fast verehrungswürdig gegen die Bürschlein, die mit den
+Mädchen darum tanzen, ja selber der Branntwein ist nobler, als wer ihn
+trinkt, und ist es der selige Herr von Borromäus! -- Ich lerne die Welt
+ganz anders ansehen, viel geringer und schlechter, das will ich Dir nur
+sagen, Christel! Aber das seh' ich auch, wenn sie denn gar so thöricht ist
+und alles Närrische in ihren Schutz nimmt, wie ein Kind die Puppen: so
+kommt keiner um, am wenigsten ein Thor und ein Hasenfuß, eher wir, und am
+liebsten -- ich. Den Pathen mit der Baßgeige vergess' ich in meinem Leben
+nicht, und nun soll ich gar gehen: pappene Stiefel machen! Näh' Du, was Du
+willst, Christel, wenn Dich's nicht erbarmt, das edle Tuch so zu verwüsten
+zu einer Weste, wovon wir Alle Rock, Hosen und Westen hätten, Jahre lang --
+ich bleibe zu Hause und warte auf den Rebenschnitt! --
+
+Du bist ein Kind! sagte Christel. Aus aller Mühe und Arbeit wird ja die
+Freude! Im Weinberg -- was wird denn aus den mühselig bestellten Reben?
+Nicht wahr Trauben! süße Trauben; und was wird aus den mühsam gelesenen,
+mühsam gekelterten Trauben? Nicht wahr Wein! lieblicher Wein! -- Da hast
+Du's! Nun schweig' und besinne Dich. Denk' an die Kinder, wenn Du am Wege
+schaufelst, denke, Du worfelst Korn für uns, flugs wird der Sand Dir von
+Golde sein! Die Großen verthun ihr Geld, wie sie nur können, und wie sie
+wollen, wenn sie es nur verthun. Aber das ist weislich schon so geordnet,
+sie können es nicht da droben halten, wie die Wolke den Regen nicht, und
+wir Armen fangen es auf mit der Schaufel, mit dem Hute, mit dem Pfriem, mit
+der Nadel, mit Säge und Hammer -- was Jedem Gott in die Hände gegeben hat.
+Marsch, mache, daß Du zur _Arbeit_ kommst! Willst Du fort! lachte sie und
+ergriff im Scherz die frischgemachte Kinderruthe.
+
+
+
+
+7.
+
+
+Sophiechens Dukaten war verwechselt, und bei der Sparsamkeit der lieben
+häuslichen Frau langte er glücklich bis zum Feste, nach welchem das Lohn
+zusammen ausgezahlt werden sollte. An dem Morgen selbst mußte Christel mit
+helfen Blumen winden. Johannes arbeitete an der Pyramide und befestigte die
+bunten duftenden Buchstaben, die an den vier Seiten derselben auf dem
+grünen Rasen geordnet lagen. Der Schulmeister _Wecker_ hatte die Aufsicht.
+Als er aber sein Werk so prangen sah, war er überglücklich, und wie ein
+junger Schriftsteller in dem ersten Probebogen seines, so Gott will
+berühmten, Werks keinen Druckfehler sieht vor Hast und Entzücken: so sah er
+auch die Fehler des Blumensetzers Johannes nicht, sondern lobte ihn sehr
+und war ganz begnügt, als er nur erst den Anfang der Schrift der ersten
+Seite, das SALU -- -- -- gesehen. Richtig! sagt' er, das wollt' ich nur
+wissen! nun könnt' Ihr gar nicht mehr fehlen, Johannes! Setzt nur die
+Buchstaben, wie sie geordnet liegen. Ich muß zu Hause nachsehen, mein Fritz
+schreibt das Carmina. Es ist in rothen Manschester gebunden, den ich aus
+Anstand von meiner Seligen Muffe auf dem Altar des Vaterlandes geopfert --
+der Mann bin ich! Denn werde ich auch nicht General-Schulmeister für die
+bedungene öffentliche Erwähnung, so wirft mir der selige Herr bei
+erwünschtem Resultate doch eine Klafter raupenfräßiges Schuldeputatholz an
+den Kopf, daß meine armen Herren Jungen im Winter -- als wo sie bloß in die
+Schule gehen -- nicht so klappern und summen vor Frost wie die Bienen im
+Stocke. Mit blauen Nägeln schreibt man schlecht, das muß ich wissen! und
+von zu vielen Knipseln oder Handschmissen, um die Hände zu wärmen, aus
+Liebe zu sauberer Schrift gegeben, laufen am Ende die Finger auf! bei
+Manchen gleich zu Anfang! Nun setzt nur Eure Buchstaben ohne Conrector.
+
+Ich will redlich helfen, Euch warm zu machen! versicherte ihn Johannes.
+
+Aber die lustige Dorfjugend buchstabirte darin umher mit Augen und Händen
+und Füßen. Die Kinder suchten sich den schönen großen wohlriechenden
+Anfangsbuchstaben ihres Namens; Einer hob ein V auf, ein Andrer ein H. Ein
+Mädchen hatte ein E und ein M in den Händen, ein andres ein E und ein R,
+und sie spiegelten damit in der Sonne, ließen sich an die Blumen riechen,
+ja sie neckten und haschten sich zuletzt um die Pyramide damit umher.
+Wollt' Ihr die Buchstaben liegen lassen, Kinder, sagte Johannes, ich
+verschreibe mich ja sonst! Seht der gnädige Gottlieb kommt dort geritten!
+-- So blieben denn plötzlich die Kinder stehen auf der Seite, wo jedes eben
+mit seinen Buchstaben war, legten sie still in die Reihe und die Lücken,
+wie es eben kam, und schlichen sich fort.
+
+Der gnädige Gottlieb kam aber wirklich, um dem Prinzen entgegen zu reiten,
+und hinter ihm ritt Niklas und sein Jägerbursche in Galla, mit aufgesetzten
+Büchsen. Ein Blick von Niklas auf seinen Herrn, und dieser hielt vor
+Christel, die vor ihm auf dem Rasen saß und ganz rothgeworden war. Sie
+erhub sich aber nicht und sahe nicht auf. Der junge Herr lächelte nur, und
+sie ritten vorüber. Dann kam auch Dorothee, sehr lieblich gekleidet in
+ländlicher Tracht, das seidene Kissen für das Gedicht auf den Händen, und
+andere Mädchen begleiteten sie. Auch Clementine, die junge gnädige Frau,
+kam ein Augenblickchen, zu sehen, seufzte und schlich sich dann mit
+gesenktem Köpfchen hinweg. Dorothee aber grüßte kaum ihre Christel, ja es
+schien sie zu verdrießen, daß Johannes sie Du nannte, und sie fragte, wie
+es gehe?
+
+Laß sie nur heut', sagte Christel, sie kommt wohl wieder zu uns und spricht
+mit uns darüber im Hause, wenn sie den Vers liest.
+
+Der Ronneburger und die Schneider schwärmten herbei, standen und gingen
+dann, ihrer Hände Arbeit in völligem Glanze en parade zu sehen.
+
+Der Prinz kam erst spät gegen Abend. Er hatte befohlen, Schritt vor Schritt
+auf der neuen Chaussee zu fahren, denn die Pferde schwitzten wie aus dem
+Wasser gezogen. Der Wirbel der großen Trommel, aus einem Orhoft erdacht,
+war bis ins Dorf zu hören, die Wache hatte vortrefflich gefeuert und dem
+Ländchenvater glücklich ein Lächeln abgewonnen. Jetzt hielt er vor der
+Pyramide.
+
+Aber der Kindertanz mit den Buchstaben hatte die auffallendsten Setzfehler
+bei Johannes veranlaßt, der nicht lesen und schreiben konnte. Er hatte, wie
+er angewiesen, die Buchstaben zwar pünktlich befestigt, auf jede Seite der
+Pyramide, was auf jeder Seite derselben gelegen; aber ein Durchreisender
+hatte auf schelmische Art die letzte Correctur gemacht und Niemand hatte
+hier die Schrift nachcensirt. Die zwei anzüglichsten Seiten waren zum Glück
+dem im Wagen haltenden Prinzen verborgen: nämlich, daß aus dem höflichen
+»SALUTEM« ein im Zusammenhange mit dem folgenden Worte recht grobes
+»SALUTATE« geworden, und daß das E M davon an das Ende des BOV gewandert
+war. Aus dem ursprünglichen BONO. A. H. war aber vollends das N in das EX
+VOTO hinum, und das V dafür herum gewandert mit den Kinderfüßen, und das
+zweite O darin mit dem H vertauscht worden, so daß den guten Herrn nun
+rührend anschimmerte: »EX NOTH.« -- Das letzte O aus dem »Bono,« das nun
+abscheulich lautete, war aber durch denselben Tanz oder Corrector in das
+verwirrte »G Breitenthal« gemischt, so viel davon noch übrig gewesen, und
+so flehte ihn nun hier auf dieser Seite an: O GIB THALER. Ja die mit
+römischen Buchstaben ausgedrückte Jahrzahl 1811, die durch das übrige M mit
+Tausend multiplicirt worden, gab sogar dem mitleidigen Herzen desselben die
+_Summe_ von wenigstens Einer Million und achtmalhundert tausend Thalern an.
+--
+
+Der Prinz ward roth, befahl auf die Pfarre zu fahren und hinterließ am
+andern Morgen ein gnädiges Handschreiben an den seligen Herrn, das er offen
+in die offenen Hände seines Wirthes gegeben, folgenden Inhalts:
+
+Mein Herr Kreisrath von Borromäus! Ich habe Ihr papiernes und pyramidales
+Memorial gelesen. Resolution: »Abgeschlagen.«
+
+Gründe:
+
+Tausend, außer diesem!
+
+Ich kenne keine _bessern_ Zeiten, als die _schlechten_. Was kein
+ohnmächtiger Fürst thun kann, das thun schlechte Zeiten mit Macht: Sie
+machen dem Volke die Augen auf! über sich, den Luxus und die Unzahl
+eingeschlichner unmenschlicher Bedürfnisse. Sie setzen das Volk in den
+wahren menschlichen, so genannten _vorigen_ Stand zurück und, gebe Gott,
+wieder ein, und in integrum! Ich sage es offen, und mein Abgabensystem,
+alle meine Handlungen beweisen es klar: Ich bin ein Feind der Reichen! der
+Reichen, die man durch Majorate und Maximats-Herrn wieder zu begründen
+vermeint, anstatt durch selbstständige Minorate und ignoble
+Minimats-Bauern; versteht sich bis zum Minimum, das Ein Hauswesen
+erklecklich nährt. Die Rechnungen nachgesehen -- Wer hat in den
+verhängnißvollen Jahren verhältnißmäßig, ja unverhältnißmäßig _weniger_
+gegeben als die Reichen? Wer _mehr_ gegeben als die Armen? Vom _Thun_
+wollen Wir gar nicht reden! -- Nicht Sonntags ein Huhn in den Topf --
+sondern: Jeder Mann ein Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus -- versteht
+sich Alles nicht in den Topf -- und dann die Hände gerührt! So soll es
+sein, und _so_ muß es werden, so _wird_ es, o Gott, durch die himmlischen
+-- schlechten Zeiten. Ich bin außer mir, vor wahrer menschlicher Freude.
+»Honni soit qui mal y pense!« Sind die schlechten Zeiten nicht die besten?
+-- Resolution: Ja! -- Und Sie, lieber von Borromäus, nähern sich laut
+Memorial, das die Sache ganz falsch ansieht und vorträgt, mit großen
+Schritten auch diesem allervortrefflichsten Zustande, und Sie sind mir erst
+doppelt lieb und schätzbar! Ich will Sie umarmen als nun ganz den
+_Meinigen_, der Mich und Meine Intentionen verstanden und sie praktisch
+ausgeführt! Mir zur Freude und Andern zum Exempel, das Belohnung, Erhebung
+verdient, nämlich nach unserm System: _Nichts_, und daß ich Sie ganz
+_fallen_ lasse, bis in Ihr Häuschen. Ich komme selbst, neben Ihnen zu
+wohnen, wenn Sie nur _ein_ Haus, ein Weib, ein Feld um das Haus haben und
+die Hände rühren -- und weiter nichts (scilicet haben)! Das wünsche Ich und
+flehe Ich vom Himmel tagtäglich jedem Reichen _nur!_ jedem Armen _auch!_ So
+hebt sich der alte Mißstand. Meine Herren Brüder arbeiten alle an diesem
+frommen Plan für das große Reich, und ich treffe dazu alle möglichen
+Einleitungen und Vorkehrungen unerbittlich aus -- Armen-Liebe. _Jetzt:_
+Armen-Liebe, aber dann: _Menschen_-Liebe. Das sind die glücklichen Männer,
+die eine Frau nicht zum Staate brauchen, sondern in deren Hause sie die
+Hausfrau ist und alle Hände vollauf mit Tisch, Wäsche, Küche, Keller,
+Garten und Kindern zu thun hat, und Alles allein thun muß. Das sind auch
+die glücklichen Weiber! Denn anordnen, müßig bereiten sehen, nachsehen,
+_ob_ etwas -- und tadeln, _wie_ etwas gemacht ist, das heißt _bei Gott_
+nicht Wirthschaft führen! das macht nicht glücklich, wie ein braves Weib
+ist, sondern unglücklich, wie der Ueberfluß macht, die Unsitte und das
+Wohlgefallen an den unmenschlichen Dingen und Sachen! Jetzt träumen die
+Menschen alles Andere zu sein: Fürsten, Grafen, Ritter, Nobles, Kreisräthe,
+kurz geradezu Alles -- nur nicht Menschen! Alles haben zu wollen -- nur
+nicht das Menschliche! Wann wird doch _die_ Phantasie einmal das Volk
+anwandeln: Menschen zu sein? Indessen der Komet! der Komet! guten Wein wird
+er machen, sprechen die Weinhändler, theuern, raren Wein! Ich sage: gute
+Menschen, rare Menschen! Es wird Krieg, geben Sie Acht, 1812. Also zu
+Jahre. Ich kann es Ihnen sagen, denn ich komme von Adam her, nämlich von
+dem neuen prophetischen Bauer, der mich ganz beruhigt hat und mir die
+schlechtesten Zeiten verheißen. Er ist der Schlüssel zu mir. Ihm folg' ich,
+und ihn befolg' ich. Das zu _Ihnen_ gesagt.
+
+P. S.
+
+Ihre Hauptwache hat Wunder gethan; sie hat mich entschieden -- meine
+Hauptwache zu entlassen. Mehr ist sie ja pro tempore doch nichts. Diese
+Revue hat mir _meine_ erspart! Man kann nicht Soldaten _machen_, nicht
+_ansäen_ wie Fichten und _einhegen_ -- _das_ haben Sie Mir gezeigt, und
+verdienen eine Bürger-, ja eine Bauer-Krone! Mein Armeechen kann
+fortlaufen, übergehen, sich schlecht schlagen -- aber hab' ich die
+_Meinung_ für mich, besonders diese, daß ich alle Welt gern arm haben will:
+so läuft mir jeder Knabe zu, sogar aus fremden Staaten, und meine Leute
+lassen sich geradezu todtschlagen für mich. Was will ich mehr? sagen Sie
+selbst, von Borromäus! Ich danke also nochmals von ganzem Herzen, Sie haben
+meinem Ländchen Millionen erspart und tausend Hände und Beine geschenkt,
+ditto viel Tausend Chakos, Säbel, Flinten. Trommeln, Röcke, Tornister,
+Westen, Mäntel -- die Knöpfe nicht zu vergessen!
+
+An der Inschrift sind Sie unschuldig, das weiß ich, und es sagt es Ihnen
+gern
+
+Ihr
+
+in Affect gerathener Hannes Manu propria.
+
+Die erste Folge davon für den armen Johannes war, daß er vor dem
+Gerichtshalter ein Examen rigorosissimum auszustehen hatte und den Beweis
+führen sollte, daß er _nicht_ lesen und _nicht_ schreiben könne! Der
+außerordentlich gewandte Mann wußte in diesem Fall selber einmal nicht, wie
+er ihm das Lesen und Schreiben beweisen könne, wie Johannes mit Augen und
+Buch und Feder und Hand das _nicht_ zu beweisen vermöge. Seine Praxis war
+hier aus, und er bedauerte laut die Abschaffung der Folter, worauf man
+jeden Unschuldigen schuldig finden konnte -- ad Collubitum. Aus Desperation
+ward also der Schulmeister Wecker suspendirt »wegen ermangelnder Absicht«;
+wie statt Obsicht im Urtheil stand.
+
+Aber die zweite Folge war: Johannes bekam zur -- Strafe -- kein Lohn für
+alle wochenlange Arbeit. Das war das Schlimmste für ihn, seine Christel und
+die Kinder, und ein wahrer Schlag in den Vogelheerd.
+
+
+
+
+8.
+
+
+Johannes war nun sehr betreten und muthlos. Meine gute Christel, sagt' er,
+Du bist schlecht bei mir angekommen! es thut mir leid, daß Du mich
+geheirathet hast, daß Du des Wochentags in Sonntagskleidern gehen sollst,
+Du armer Schelm! Unsere Retter sind nun noch die Weinberge, und die Stöcke,
+die da zu stecken sind; da geh' ich nun hin und muß Dich die ganze Woche
+über verlassen, und sehe Dich nicht und die Kinder! Aber wenn ich Reben
+schneide, und sie weinen und tröpfeln, da kann ich mir denken, wie es
+daheim um Deine Augen aussieht! Du armer Schelm! --
+
+Wein' ich denn? fragte ihn Christel und sah ihn mit ihren großen braunen
+Augen an, die sich regten und feucht glänzten.
+
+Dir sind die Augen naß, meine Christel, sagt' er.
+
+Nun ja, über Dich! daß Du so traurig bist, daß Du sprichst, es thue Dir
+leid, daß Du mich geheirathet hast.
+
+Sie weinte nun wirklich sanft.
+
+Deinetwegen nur thut mir es leid, sagte Johannes.
+
+Ich bin ja munter und vergnügt, sagte sie, so sei Du nur ruhig.
+
+Wir können fast nicht unglücklicher werden, als wir schon sind, seufzte
+Johannes. Da, verschneide mir meinen Kirchrock zu einer Arbeitsjacke, ich
+schäme mich sonst so im Staate.
+
+Gieb ihn mir, ich will es gleich machen; aber von den Schößeln bekommt der
+kleine Gotthelf ein Käppchen, nicht wahr? Aber, daß Du sprichst, wir
+könnten nicht unglücklicher werden -- das sage nicht! Da hätte der Himmel
+noch viel! Bitte lieber, daß wir so glücklich bleiben!
+
+So ward denn die Jacke und das Käppchen gemacht, das dem Kinde nur bis an
+die Kniee ging, und Johannes war nun die ganze Zeit in den Weinbergen und
+kam nur Sonnabend nach Hause. Das wußte nun Niklas.
+
+Aber der gnädige Gottlieb hatte Christel gesehen, als er mit dem Pferde vor
+ihr gehalten, sie nicht vergessen, sondern in einiger Zeit erst, hatt' er
+sich vorgenommen, mit der größten Gelassenheit und anscheinenden
+Ehrlichkeit das junge liebliche Weib zu sehen und ihr nahe zu kommen und
+ihr einige Wörtchen aus seinem bedeutenden Munde zu sagen. Jetzt auf das
+Häuschen von einer verborgenen Seite zu wandelnd, wollte er leise und
+ungesehen nahen, ohne anzuklopfen plötzlich die Stubenthür öffnen und im
+saubersten Anzuge still eintreten und ihr wie ein Halbgott erscheinen. Sie
+sollte vor ihm erschrecken, ihn anblicken und auf einmal die ganze Gewalt
+seiner Zaubererscheinung empfinden! Er reichte ihr schon in Gedanken die
+Hand hin, die sie ihm küssen würde -- er würd' es verweigern. -- Sie sollte
+in höchster Verlegenheit sein, einen hölzernen Schemel abwischen, vielmal
+den Wirrwarr der Kinder entschuldigen, vor die papierne Fensterscheibe im
+Fenster treten, in die Kammer gehen, mit einer bessern Schürze, mit weißen
+feinern Strümpfen wieder hervorkommen und sich gar nicht über die
+Erniedrigung und hohe Gnade zu gute geben können, daß der gnädige Gottlieb
+ihre -- seine -- niedrige Hütte mit seiner hohen Person beehrt zum
+unvergeßlichen Angedenken, zum Traum in der Nacht. Dann sollten die Kinder
+ihm mit Gewalt ihre Diener machen, die sich ungeschickt stellten; darauf
+sollten sie aus dem Zimmer hinaus spedirt werden; dann wollt' er ihre Hand
+fassen, sie drücken, sie halten und sagen: So ein schönes Weib ist der
+alberne Johannes gar nicht werth! Wie glücklich würd' ich sein, an seiner
+Stelle! -- Dann wollt' er seufzen, ihr in die Augen schmachten und sagen:
+Wir müssen zusammen näher bekannt werden! Nicht? Du hast mich bezaubert!
+Ich hatte keine Ruhe mehr Tag und Nacht, seit ich Dich gesehen, die Blumen
+im Schooß. -- Dann wand er einen Arm leise und vorsichtig um ihren
+schlanken Leib -- sie bebte, sie zitterte mit den Knieen. Dann küßte er
+sie, ein Mal, zwei Mal, drei Mal -- dann fühlte er leise einen nur
+angedeuteten Kuß wieder, dann küßte sie deutlicher, länger -- dann sog er
+an ihren Lippen -- dann fragte er nur flüsternd: sind wir allein? -- Aber
+sie wand sich los, stand glühend und wagte kaum zu sagen: ich bin ja nur
+ein schlechtes gemeines Weib, und Sie so ein großer, vornehmer Herr, Sie
+werden sich ja nicht zu mir herablassen. -- Du bist ein Närrchen! sagt' er.
+Deinetwegen bin ich allein gekommen! Bin ich nicht hier? Hast Du mich
+nicht? -- Aber Sie haben ja so ein schönes, junges, gutes Weib! -- Und Du
+einen grämlichen, einfältigen Mann! -- Und nun schämte sich Christel,
+fühlte sich ohne Willen, ohne Kraft, ohne Worte und erstaunte über die
+Kühnheit, daß sie ihn geküßt, über das Glück, daß er sie geküßt, und
+glaubte, er habe nur gescherzt! und sie sah ihm zweifelnd, beklommen und
+bewundernd in die Augen, als seine ganz unterthänige Magd, der geschehe,
+wie er gesagt hat. --
+
+Oder:
+
+War sie nur angestochen von seinem Blick, sahe sie ihn, wenn er _kam_, nur
+an, und dann nicht, und nur wieder, wenn er fortging, und sah' sie ihm nach
+-- bat sie ihn wieder zu kommen -- sah er sich genöthigt, die Schule mit
+ihr durch zu machen, so gab er große Lectionen auf einmal, und die
+Schülerin schritt mit großen Schritten vorwärts. Denn aller Feinheiten,
+aller Mitteltinten der Liebe war er bei ihr überhoben. Und wie er als Knabe
+hier auf dem Heerde immer mit _denselben_ Disteln hundert schöne Stieglitze
+nach einander gefangen, hundert Rothkehlchen immer nur mit frisch
+eingebeerten rothen Ebereschbeeren: so war er überzeugt, daß dieselben
+Liebesmittel seine alte Liebeskrankheit auch dieß Mal heilen würden.
+
+Er lächelte nur -- auch über das Weib, sah, ob er Gold in der Weste habe,
+fühlte _seinen getreuen_ Dukaten, den Armerleuts-Augenblender, erst richtig
+darin, und ging nun sicher die letzten Schritte fast zu rasch.
+
+So öffnet' er denn, so trat er ein. Sein Auge suchte das junge Weib --
+Niemand zu sehen! Ein Tisch in der Mitte, trockenes Brot darauf, und ein
+blankes Salzfaß, kaum ein Stuhl; ein Stück zerbrochenen Spiegels auf dem
+Fenster, in der Wiege am Bett ein schlafendes Kind. Der Staar vom Ofen rief
+ihn an: »Du Dieb! Du Dieb!« Mit dem Fuße, den er in die Stube setzte, trat
+er das andere kleine Kind auf sein Händchen, das er ganz übersehen. Das
+Kind schrie. Sein Solofänger fuhr hinein und fiel über ein irdenes Näpfchen
+mit Milch für die Kinder her. Der Staar flog auf den Rücken des Windspiels
+und pickte in ihn hinein. Es wandte sich, schnappte nach ihm, und der Staar
+fiel todt auf die Erde. Daniel kam hereingesprungen, sahe den todten armen
+Dieb, brach in Thränen und Klagen aus, und so trat denn auch Christel aus
+der Kammer herein, die Gelte in der Hand.
+
+Sie nahm das getretene Kind auf den Arm, begütigte es erst und schalt dann
+Daniel, daß er darauf nicht Acht gegeben, während sie gemolken, und das
+Alles, als wenn der gnädige Herr gar nicht zugegen wäre. Dann ging sie und
+reichte ihm die Hand und fragte, was er bringe? -- denn zu holen ist bei
+uns nichts, wie Sie sehen, sagte sie lächelnd.
+
+Er wollte den Gang nicht umsonst gegangen sein, leitete das Gespräch, und
+so wiederholte er nach und nach jene Worte, jene Reden, die er vorher in
+seinem Herzen gehalten. Und das Alles sehr allmälig und langsam, oft inne
+haltend und mit den Augen forschend, bis er Johannes albern genannt. --
+Aber da brach Christel in Thränen aus und schluchzte vor Wehmuth und Scham,
+und wie sie weinte, weinten die Kinder, und so wenig, als Christel zuvor,
+mochten auch sie den Dukaten nicht, den er Einem nach dem Andern bot und
+zuletzt auf das Brot legte.
+
+Wenn Du so bist, Du Engel, dann komm' ich nicht wieder! versetzt' er im
+Gehen mit Drohen und Lächeln.
+
+Ja! machen Sie mir die Schande nicht! flehte ihn Christel und drückte und
+küßte ihm nun die Hände, aber anders, wie er zuvor im Geiste gesehen. Mein
+Johannes könnte wieder nicht zu Hause sein -- Sie sind verrufen, und wenn
+mich Jemand aus dem Dorfe anlachte: so nähm' ich mir gleich das Leben!
+Dabei drückte sie das Kind an ihr Herz, als wenn sie schon von ihm scheiden
+solle.
+
+Das war zu natürlich, ja schön und bezaubernd, nur nicht für ihn, daß er
+ihr glaubte; denn er wußte, wie leidend, wie krank seine Gemahlin sei, aus
+stillem Gram über ihn. Es ward ihm schwül unter dem Dache, er sah von
+Weitem den handfesten Johannes munter und rasch nach Hause schreiten, denn
+es war Sonnabend, und so legt' er den Finger auf den Mund und ging ohn' ein
+Wort, und der Hund boll um ihn her.
+
+Johannes trat ein. Er sah, daß die Frau sich die Thränen trocknete und ihn
+wehmüthig lächelnd ansah, und doch eine selige, unergründliche Heiterkeit
+aus ihrem Gesicht wie leuchtete. Dann sah er das Gold auf dem Brote,
+glaubte zu verstehen und sagte: der Niklas hat doch vielleicht recht, der
+gnädige Gottlieb ist doch gut! Aber Almosen -- Almosen, auch von Golde,
+verzeih' mir Gott! ich mag sie nicht. Was meinst Du, Christel? Oder denkst
+Du anders? --
+
+Freilich denk' ich anders, sagte sie; ich hab' es gar nicht gesehen! Mein
+Johannes, das wäre theures Gold für Dich! nicht wahr, so wohlfeil
+verkaufest Du mich nicht? und ich Dich nicht; um gar keins! die Kinder
+nicht, die dann nicht mehr mein wären, und das gute Gewissen, und die
+Seligkeit.
+
+Das ist mir lieb, Christel, sagte Johannes ruhig; ich verstehe Dich, ich
+hab' ihn sehen gehen, den gnädigen Gottlieb. Du bist eine brave Frau, daß
+Du mir das sagst; denn eine brave Frau muß nicht solche schändliche Dinge
+dem Manne verschweigen, aus Scham oder Furcht oder um ihm einen Gram zu
+ersparen. Was sie ihm sagt von solcher Art, das macht ihm Freude. Es ist
+nur gut, daß wir Armen noch Ehre im Leibe haben, wir haben ja sonst nichts.
+
+Ich bleibe nicht hier im Hause! sagte Christel, auf seinem Heerde nicht,
+und nirgend auf seinem Grund und Boden. Das ist mir hier gar nicht wie die
+Erde mehr unter meinen Füßen.
+
+Ich ärgere mich nicht, sagte Johannes. Sondern in allen bösen Dingen ist
+das Beste, das zu thun, was dem Dinge abhilft. Wir ziehen fort, ins Dorf!
+Ich will noch heute gehen! und dem Niklas will ich es sagen warum, wenn er
+mich fragt, sonst auch nicht.
+
+Aber, mein Johannes, geh' nur nicht zu einem Wohlhabenden ins Haus! bat sie
+ihn. Siehst Du, der Schwan läßt keine Ente neben sich brüten; die Sperlinge
+beißen die Schwalbe aus ihrem Neste; große Bäume ersticken die kleinen
+darunter, aber das schüchterne Reh nimmt das kranke Reh in sein Dickicht,
+und der Arme theilt sein Lager mit dem Armen. Bei ihm ist kein Sparen der
+paar Kreuzer; zum Sammeln kommt es bei ihm ja doch nicht; er hat immer,
+weil er weiß, daß er niemals mehr erwirbt, sondern auf den Herrn vertraut,
+der ihm das gegeben, und so hat er auch in der Noth für einen Andern. Und
+wer uns nur manchmal bis zum Sonnabend jetzt einen Groschen leiht, der
+verdient sich ein Gotteslohn. Geh zu der alten Frau Redemehr am Teiche, wo
+die zwei Tannen stehen! Ich bin ihr manchmal begegnet.
+
+Und Johannes ging. Daniel aber machte einen Sarg aus Baumrinde für seinen
+armen Dieb, die Kinder sangen und trugen ihn zu Grabe, machten ein kleines
+Grab von Rasen, setzten ihm ein Kreuz und hingen einen kleinen Kranz von
+Vergißmeinnicht daran und weinten sich satt.
+
+Aber damit war es nicht genug. Der Dieb fehlte beim Frühstück, er sang
+nicht nach dem Essen, sein Brot lag des Abends noch da. Und so nahmen ihn
+die Kinder wieder aus seiner kleinen Gruft, sahen ihn wieder an, sangen und
+begruben ihn wieder, alle Abende, bis er nicht mehr zu begraben war, die
+Mutter ihm wo anders ein Ruheplätzchen gab und den Kindern, die ihn
+suchten, zum Troste sagte: Dieb ist im Himmel.
+
+
+
+
+9.
+
+
+Im Häuschen der armen Frau lebten sie nun zufrieden, ja sie wären glücklich
+gewesen, wenn sie nicht Geld zu hoffen gehabt, oder gehofft hätten! So
+gefährlich für die Ruhe des Herzens ist das Gold, und die Armuth nur
+drückend, wenn man reicher sein will. Der Zwiespalt im Innern befängt den
+Menschen, und er machte auch Johannes blind über das Glück, das er hatte,
+und er konnte nicht Freude aus der Armuth schöpfen, wie die Biene Honig aus
+der einfachen, aber wunderschönen Fichtenblüthe vor seinen Fenstern.
+
+So sprachen denn Christel und Johannes kein Wort, als der Gerichtsbote zu
+ihnen trat, als sie fast ihr ganzes, sauer erspartes Geld für Kosten
+bezahlen mußten, und Christel das Siegel der Zufertigung erbrach und las:
+daß der selige Herr _geschworen!_ Christel hatte nicht schwören wollen, da
+ihr der Gerichtshalter in der sogenannten Vermahnung den Eid als ein so
+heiliges, schreckliches Unterfangen vorgestellt, daß das arme junge Weib
+vor demselben, als vor der Entweihung göttlicher Majestät, geschaudert. Der
+Voigt war todt; und wohin der Vater den Empfangschein gelegt, oder wo
+verborgen und aufgehoben, das wußte sie nicht. --
+
+Sie ging des Sonntags in die Kirche, zu unserm Herrgott, wie sie sagte,
+_dem_ ihre Noth zu klagen.
+
+Aber die Ernte kam, Christel ging Getreide schneiden, und die geborgte
+Sichel war bald ihr eigen. Sie ward lieblich gebräunt in der Sonne, da sie
+keinen Strohhut hatte, sie war noch einmal so hübsch. -- Wenn Du noch lange
+Weizen schneidest, sagte Johannes, so verlieb' ich mich noch ein Mal in
+Dich! -- Ich will recht fleißig schneiden! sagte Christel. Aber wie lange
+wird es dauern, so ist die Weinlese, dann kommt der Winter, der Winter!
+mein Johannes. Johannes seufzte wie sie, aber sie waren nun ruhig: das Geld
+war verloren -- das Haus war gebaut! die Hoffnung quälte sie nicht mehr.
+Sie waren kleine Leute, arme Leute, wie Viele, Viele, die kein Haus hatten,
+und das gemiethete Stübchen war nun _ihre Heimath_, und Johannes setzte
+Alles darin in den Stand. So sollte es nun bleiben, lange, auf immer, bis
+zum Tode. Selbst sein dürftiges, sonst nur bemitleidetes Hausgeräth war
+_nun erst_ wie sein eigen und ward ihm theuer und werth, die Jacke bekam
+ihm einen ordentlichen Glanz -- und einen bessern Ort; und wo er ging und
+stand, da war er nun auch mit seinen Gedanken. Aber indem er seine Lage,
+die neue Gegenwart mit ganzer Seele ergriff, umfaßt' er zugleich auch den
+Mangel.
+
+Christel hatte schon lange ihrem Vater, dem Pächter, der auch Johannes
+hieß, und ihrer bei ihm gestorbenen Schwester Marthe bei dem Steinmetz ein
+einfaches Denkmal bestellt und vorausbezahlt. Der Mann wohnte in
+Breitenthal und kam eines Tages, um ihnen zu sagen, daß es fertig stehe,
+und daß es ihr eigen sei, wenn sie noch den Gulden für die Vergoldung der
+Namen bezahlte.
+
+Sie hatten das Geld nicht, und Daniel erinnerte an den Ducaten vom gnädigen
+Gottlieb. Aber der lag da, bis Dorothee käme, um ihn mitzunehmen. Dennoch
+ging Johannes mit Daniel in die Werkstatt, sahe, daß der Stein fertig war,
+und Daniel las ihm die Schrift des vom Großvater erwählten Textes:
+
+ Halt fest an Gottes Wort,
+ Es ist dein Glück auf Erden
+ Und wird, so wahr Gott lebt,
+ Dein Glück im Himmel werden.
+
+Der Mann putzte Alles rein vom Staube und hielt die Hand zum Gelde hin.
+
+Ich werde wiederkommen! sagte Johannes. Er ging aber mit thränenden Augen,
+und Daniel sprang heute nicht an seiner Hand.
+
+Sie begegneten Niklas, der stehen blieb und mit barscher Stimme sagte:
+Johannes, Ihr fürchtet Euch wohl? -- Freilich! erwiederte er; aber nur vor
+der Unverschämtheit! die muß man vermeiden.
+
+Niklas hörte das nicht und sprach: Ihr seid für Eure Miethe im Vogelheerd
+noch Jagddienste schuldig. Morgen ist Jagd. Früh um 6 Uhr an der
+Waldkapelle!
+
+Ich will nichts schuldig bleiben! sagte Johannes. So schieden sie.
+
+Am Morgen ging er als Treiber zur Waldkapelle. Christel ging mit. Aber sie
+ging weiter mit einem Korbe ins Dorf hinab, um die Früchte von den
+Obstbäumen in ihrem Garten zu holen. Aber sie sah schon von Weitem nichts
+leuchten, nicht roth, nicht gelb! Denn da die Bäume bis an die Kronen
+verschlemmt waren, so hatten gewiß die Kinder sie sich zu Nutze gemacht.
+
+So ging sie betrübt zum Leinweber und Contrabassisten, auch ihres Mannes
+besonders guten Pathen und ihren Gevatter und darum sogenannten Herrn
+Gevatter-Pathen »_Krieg_.« --
+
+Gut, daß Ihr kommt, Christel! sagte er fröhlich. Ihr erspart mir einen Gang
+zu Euch hinauf. Hat der Pathe nicht Numero 96, und Numero 15,000? von der
+Frankfurter?
+
+Warum denn? fragte Christel. Johannes hat sie an die Stubenthür geklebt,
+daß sie nicht verloren gingen.
+
+Da bringt mir das Feld aus der Stubenthür! oder sägt sie aus mit der
+Lochsäge. Ich möchte die Nummern doch einschicken. Es ist zwar hierbei zu
+gering, aber Ordnung ist doch gut. Bringt mir sie nur, mein Pathchen. Warum
+denn? fragte Christel leiser und war ganz roth geworden.
+
+Nun erschreckt nur nicht, Pathchen! setzt Euch nieder und hört mich an! Die
+96 hat 300 Gulden. -- Ja, ja! seht mich nur an! hier ist die Liste, hier
+hab' ich's roth gezeichnet. Die 15,000 hat meine Auslage gerade gedeckt,
+und hier sind die 300! Ein Stück wie das Andere, blank und neu! -- Dann
+setzt' er sich wieder an den Weberstuhl. --
+
+Christel saß ruhig, aber sie hatte die Augen zu und wand die Hände wie
+jemand, der sich wäscht, um nicht vor den Leuten sehen zu lassen, daß sie
+bete und danke. --
+
+Und dort ist ein Fäßchen Most, Kometenmost, wie er heißt, das nehmt Euch im
+Körbchen mit hinauf und trinkt ihn auf meine Gesundheit! sagte der Pathe.
+Nun, es ist mir lieb, von Herzen lieb, ja noch lieber, als wenn mir Jemand
+eine neue Perücke und einen nagelneuen echten cremoneser Contrabaß aus Prag
+oder Mittenwalde geschenkt hätte, mit silberbesponnenem E, und Schrauben!
+Meine alte Rumpel-Mama ist im Wasser zerfallen, da steht noch der Hals.
+Mein Brot ist verdient! --
+
+Christel schüttelte ihm von dem Gelde ein gutes Theil auf die Leinwand,
+aber er fing an, den Stuhl zu rühren, das Schiffchen zu werfen und trat und
+dichtete mit dem Zeug, daß die Leinwand schütterte, und tanzend alles Geld
+hinunter fiel.
+
+Da habt Ihr etwas für Eure Mühe, mein curioses Pathchen! lacht' er. Nun
+leset es auf, aber laßt mir nichts liegen! So war es nicht gemeint! Ich
+meinte: mein Brot mit der Baßgeige wäre verdient, aber nicht das mit dem
+Schiffe! In dem Weberstuhl stecken noch mehr Brote als in hundert Backöfen
+-- ja, ja! guckt nur hinein, curioses Pathchen, duftet das Brot nicht gar?
+
+Christel war böse.
+
+Nun danken will ich Euch schon, das ist billig für Euern guten Willen! da
+nehmt den Kindern die Schlinge Leinwand mit! Nun aber macht, daß Ihr
+fortkommt, sonst seh' ich die Faden nicht! Und nun trat er wieder frisch
+und schlug und warf das Schiffchen, daß er keine Hand frei und ruhig hatte,
+die ihm Christel hätte drücken oder gar küssen können. Und als sie draußen
+war und noch ein Weilchen stand, sang der alte Mann sogar.
+
+
+
+
+10.
+
+
+So schnell war Christel das erste Mal nicht hinaufgeeilt, als dieß Mal. Sie
+dachte sich nur die Freude, die ihr Johannes haben würde, wenn er nach
+Hause käme. Als sie in die Stube trat, küßte sie die Kinder erst, die sich
+an sie hingen, alle nach der Reihe, und die Geküßten drängten sich wieder
+an sie, und sie glaubte in ihrer Freude, sie habe noch zwei und drei Mal so
+viel Kinder als sonst! Dann sah sie nach den Nummern an der Stubenthür --
+sie waren weg! sie lief hinzu -- die Thür stand nur weit offen -- sie waren
+noch da! Es waren richtig Nr. 96! und 15,000! die ein schwarzes Kreuz
+hatte. Darauf zählte sie das Geld weitläufig auf, daß der ganze Tisch davon
+voll ward.
+
+Nun ging sie ans Fenster, um zu sehen, ob Johannes käme, und sahe nun erst
+den Leichenstein, den der Steinmetz gebracht und in die Stube gestellt,
+damit er vielleicht nicht draußen beschädigt werde, und las den vergoldeten
+Namen »Johannes« und »Martha« und das: Halt' fest an Gottes Wort.
+
+Wer hat denn bezahlt? fragte sie den Daniel.
+
+Er hat ihn so gebracht, antwortete er und ward roth.
+
+Du lügst! sagte die Mutter, sieh', wie Du roth bist! Nun weine nur nicht,
+mein Kind. Wer hat denn bezahlt?
+
+Mutter! bat Daniel.
+
+Daniel! drohte ihm die Mutter!
+
+Ich wollte dem Vater zu einem heiligen Christe sparen.
+
+Wovon denn? fragte sie.
+
+Du hast mir ja immer gebracht -- Du weißt schon was! sagt' er.
+
+Guter Junge, rief die Mutter sich besinnend. Ja! die Wirthin hat mir
+gesagt, Du verkauftest die Weintrauben und Pfirsiche, die ich Dir aus den
+Weinbergen Abends immer mitgebracht, und lauertest auf der Schwelle auf
+jeden Fremden und Reisenden, ob er nicht zu Deinem Schemel, zu Deinem
+Schüsselchen komme? -- Und Du hast keine gegessen?
+
+Mutter! sagte Daniel.
+
+Christel beugte sich zu ihm, und Daniel war still an ihrem Halse.
+
+Da hielt ein Wagen vor dem Hause, Stimmen riefen: heraus!
+
+Christel sprang hinaus an den Wagen.
+
+Johannes reichte ihr die linke Hand über die Leiter, das Stroh war blutig.
+-- Das Volk schießt auch gegen die Treiber, anstatt dem Wilde nach, wie
+blind und rasend! sagte der Fuhrmann; als ob gar Niemand mehr in der Welt
+und im Dickicht wäre als ein lumpiger Hase! oder noch weniger bedeute! Aber
+das muß geschossen sein, wenn auch gefehlt und dennoch getroffen. Hier kann
+er nicht bleiben. Faßt nur an! Zum Klagen ist danach schon Zeit! --
+
+Als Christel ihren Johannes hineintragen half, konnte sie ihm nicht in das
+blasse Gesicht sehen, sie blickte seitwärts, und ihr wehmüthiger Blick fiel
+gerade auf den bereitstehenden wie wartenden Leichenstein und den goldenen
+Namen: Johannes! -- Sie schrie laut und brauchte nun selber Beistand.
+
+Als sie wieder zu sich kam, setzte sie sich im Bette auf und sah sich um
+nach Johannes und horchte. Er war in guten Händen; er war schon verbunden
+und lag ruhig. Die gnädige Frau hatte den Arzt in das Haus gesandt, der
+zwar aus der Stadt war, aber sie selbst öfter und tagelang besuchen mußte.
+
+Sie stand auf, sie kniete zu seinem Bett, sie weinte erst auf seine Hand
+und küßte ihn dann auf die kalte Stirn. Sie hatte vergessen, und wenn sie
+auch noch daran dachte, so konnte sie ihm nicht sagen: Johannes, sieh'
+doch, da ist das Geld! sieh' doch, da ist der Leichenstein! --
+
+-- Er schlief. --
+
+
+
+
+11.
+
+
+Am andern Morgen erwachte Johannes zeitig, so still auch die Kinder saßen
+und auf seine geöffneten Augen, sein erstes Wort harrten, so leise auch
+Christel auf Socken im Stübchen umher ging, und nur die nothwendigste
+Arbeit verrichtete. Aber er glaubte, er träume noch, oder er sei gestorben,
+da er den Denkstein sah.
+
+Bist _Du_ denn hier? Christel, fragte er.
+
+Ist das Sophiechen, die hier zu meinen Füßen im Bette sitzt? Ja, das ist ja
+ein Bett, ich habe geschlafen. Er wollte sich wenden, vielleicht aufstehen,
+und fühlte dadurch erst seine Schmerzen.
+
+Ja so! -- jammerte er für sich. Es hat nicht eben Noth, ich vergaß mich
+nur; sagte er zu Christel. Wenn ich nur wüßte, wer geschossen hätte?
+
+Laß das gut sein! und werde nur wieder bald gesund; sprach Christel weich
+und besorgt.
+
+Daniel hat mir ja gestern gelesen, was auf dem Steine steht: Halt' fest an
+Gottes Wort! --
+
+Da brachte sie ihm das Geld auf das Bett, und Daniel lachte ihn an.
+
+Er hielt es eine Zeit lang in der Hand und fragte dann sich besinnend:
+Christel, weißt Du nicht, welches Loos hat denn gewonnen?
+
+Das ist ja nun einerlei, lächelte sie. _Wir_ haben gewonnen! Nun kann ich
+Dich pflegen! --
+
+Das ist nicht einerlei! sagte Johannes. Du redest, wie Du es weist, und ich
+denke, wie ich es weiß. _Welches_ hat denn gewonnen?
+
+Je nun, die 96! lächelte Christel.
+
+Was weiß ich von 96! fuhr Johannes fort. Du mußt mir sagen, ob das mit dem
+schwarzen Kreuze -- so Gott will, wenn er gewollt hat, oder das reine? Sieh
+doch einmal hin!
+
+Das mit dem schwarzen Kreuze, sagte Christel an der Thür stehend, lauter:
+ist No. 15,000.
+
+Nun das ist unser! sagte Johannes.
+
+Und das andre, 96, das reine, hat eben gewonnen! bemerkte ihm Christel. So
+sagt der Pathe Leinweber. Da sind auch die Listen. Es ist roth
+unterstrichen.
+
+Was weiß Der! seufzte Johannes und schwieg sehr lange.
+
+Nun was ist Dir denn? freue Dich doch! -- Freilich Du bist krank! setzte
+Christel zu ihrer Frage bedenkend hinzu.
+
+Er nahm sie bei der Hand und sagte: sieh', meine Christel, das Loos, die 96
+ist unser.
+
+Nun so ist ja Alles gut! unterbrach sie ihn.
+
+Recht gut! sagt' er. Aber das Geld ist nicht unser.
+
+Du bist ein Kind! lachte sie. Da ist es ja! --
+
+_Schicke_ es nur der Dorothee! sagte er, da sie uns ganz vergessen hat und
+keinen Fuß zu uns armen Leuten setzt, die ihr Schande machen.
+
+Der Dorothee? das Geld? fragte sie ihn betroffen, etwas blässer und
+gespannt. --
+
+Siehst Du, liebe Christel, das Loos habe ich in _Gedanken_ auf die Dorothee
+genommen. Sie hat es auch gezogen, und auf das unsere hab' ich zum Zeichen
+und Unterschied für mich ein schwarzes Kreuz aus Daniel's Tintenfasse
+gemacht.
+
+Das ist freilich etwas Anderes, seufzte Christel. Konntest Du nicht das
+schwarze Kreuz auf das andre machen? Das war recht thöricht!
+
+Du seufzest, Du siehst böse aus; ich will doch nicht hoffen, Christel,
+meine gute ehrliche Frau! Verspricht man denn mit Worten? oder mit Herz und
+Gedanken?
+
+Freilich mit Herz und Gedanken, meinte Christel.
+
+Nun siehst Du, so muß man auch die Gedanken halten. »Gedacht ist gethan!«
+sagte meine Mutter immer. Und Du, meine gute junge Mutter, laß das
+Gewinnloos aussägen, wir setzen ein Glasscheibchen in die Oeffnung und
+haben zu unserm Lohn und Angedenken ein Fensterchen ins Haus. Geh, schicke
+die Wirthin und den Daniel. Das Mädchen hat ja gar Nichts! Nun kann sie vom
+Schlosse, wenn sie will. -- Daniel fiel der Mutter um den Hals, sprang
+eilig davon und brachte die alte Frau Redemehr.
+
+Was hattest Du denn? Daniel! frug ihn die Mutter. Dauert Dich das Geld um
+uns, Du guter Junge!
+
+Ach Mutter, nun will ich Dir's sagen! sprach Daniel froh.
+
+Nun was denn? mein Daniel; frug ihn Christel.
+
+Aber Du wirst böse sein auf Dich, und danach auf mich! sprach Daniel leiser
+und wollte nicht reden.
+
+Ich weiß schon, was er sagen will, sprach Frau Redemehr. Ich habe einmal 6
+Gulden gewonnen und war froh! und als ich das Geld sah und in die Hand
+nahm, überfiel mich ein Schreck und ein Zittern, als hätt' ich's entwendet.
+Wem? -- wußte ich nicht mit Namen. Aber ich hatte nur 10 Kreuzer gegeben!
+und nun bekam ich 6 Gulden so ohne alle Mühe und Arbeit! Und wenn ich einen
+ganzen Tag auf die Arbeit gehe, bekomme ich nur 10 Kreuzer. Woher war nun
+das Geld? von armen Leuten, von unzufriedenen unglücklichen Leuten, die
+sich selber darum betrogen, und deren Betrogenes ich nun einsteckte, als
+hätt' ich es sauer verdient! Ich that die erste Nacht kein Auge zu, und die
+andern Nächte wachte ich auf aus schweren Träumen, worin die Kobolde mich
+vor den König Salomo führten, als eine heimliche Diebin und unehrliche
+Frau, die anderer Leute Gut besitzt. Die Armen und Betrogenen weinten,
+verwünschten und verklagten mich! und Salomo sahe mich starr an und sprach,
+daß sie mein Geld hätten gewinnen wollen, das machte meinen Gewinn nicht
+gerechter »Frau Redemehr« -- sprach er -- »Euer Sinn ist schlecht! Ihr
+wollt dem lieben Gott das Leben abstehlen!« und spuckte vor mir aus. Und so
+geschahe mir alle Nächte, bis ich das Geld in die Kirche schenkte, zu einem
+neuen heiligen Geiste über die Kanzel. Da hatte ich Ruhe! Denn _gewonnenes_
+Geld bringt Niemandem Segen. Fragt nur im Lande! Wie gewonnen, so
+zerronnen. Und noch ein schlechtes schweres Herz sich gemacht. Verdientes
+aber -- das hab' ich _verdient_, mit meiner Müdigkeit und meinem Tage, den
+mir der liebe Gott gegeben. -- Nun das hab' ich dem Daniel gestern erzählt,
+als Ihr das Geld gewonnen, und es hat ihm bald das Herz abgedrückt, daß
+seine Mutter und sein Vater nun sollten unverdientes und ungesegnetes Geld
+besitzen und Nachts vor dem Könige Salomo erscheinen. Darum freut er sich
+so, nun Ihr das Geld fortschickt, meine liebe Christel!
+
+Christel ward feuerroth bei der Rede der alten Frau Redemehr, gab ihr das
+Geld für die Dorothee, und sagte nur: Es war ja so nicht unser! Und als sie
+fort waren, setzte sie sich zu Johannes aufs Bett, und wand ihre Arme unter
+seinem Kopfe durch, neigte sich zu ihm und weinte.
+
+Jetzt hätten wir können arm werden! meinte Johannes. --
+
+Freilich _ganz anders_ arm! Wenn ich mich nur nicht gefreut hätte! das
+kränkt mich; wenn Du nur nicht krank wärst, nicht stürbest! -- Nun wirst Du
+mir traurig! versteh' mich nicht unrecht, Johannes, mir ist es nur um Dich!
+Nur um die Kinder!
+
+So mein ich's auch; seufzte Johannes.
+
+Nein! ich nicht so. Daß sie _Dich_ nicht sollen haben! das thut mir leid!
+und Du _mich_ nicht! --
+
+Mir aber, daß die Kinder sollen betteln gehen, wenn ich sterbe! oder Du
+stirbst dann auch -- ich und Du.
+
+Lieber Johannes, tröstete ihn Christel, hast Du nicht gesehen, daß das
+viele Vermögen dem alten Pachter vor unserem Vater nicht genutzt, daß er
+die Kinder ganz verwöhnt und verzogen, und daß sie es durchgebracht haben!
+Was hilft also Reichthum _ohne_ Gottes Segen? Nichts! denn der Herr kann
+nehmen, wie und wo und wenn er will. Und so kann er auch geben! Siehst Du
+denn nicht, wie des Predigers Kinder, die er mit der Witwe verlassen, Alle
+wohlerzogen, wohlgerathen in der Welt ihr Brot mit Ehren gefunden, und
+wieder Weib und Kinder haben, und Jedes doch ein Häuschen und ein Gärtchen,
+so viel ihrer sind! Was schadet denn also die Armuth mit Gottes Segen? --
+Nichts! Er nimmt den Reichen selbst durch Ueberfluß und _gesegnete_ Ernten
+und _gute_ Zeiten, und giebt dem Armen selber durch Mißwachs, Krieg und
+Noth. Da ist Arbeit, da gelten Hände, da erwirbt, wer fleißig und klug ist!
+Siehe, Adam verließ seinen Kindern auch nichts, als die ganze leere Welt,
+und siehe, wir, seine tausendsten Enkel, leben auch noch.
+
+Freilich nicht im Paradiese! seufzte Johannes.
+
+Du hast keine Liebe zu Gott! Heißt nur Dein Vater Fommholz? Und gar erst,
+-- Du solltest doch denken, _wessen_ Namen Du trägst, Johannes; ach, Du
+hast Ihm nicht an der Brust gelegen, klagte Christel fast mit Thränen und
+Vorwurf.
+
+Es mag ihnen auch manchmal kümmerlich genug gegangen sein, als sie auf
+Erden pilgerten und bloß vom _Säen_ lebten! sagte mitleidig Johannes.
+
+Und dennoch hatten sie Liebe und thaten etwas, das sie nicht ließ an Noth
+und Mangel denken, belehrte ihn Christel. Bleibe uns nur gut, weil wir arm
+sind, weil ich arm bin, und verachte Dich selber nicht, weil Du uns nur so
+viel geben kannst, womit wir ja doch von Herzen zufrieden sind! Beten die
+Kinder nicht alle Morgen und Abende? Danken sie nicht bei Tische ihrem
+Herrgott für die empfangene Wohlthat? --
+
+Und Du trocknest Dir die Augen mit der Schürze dazu und siehst mich nicht
+an. Du denkst, ich bin taub und blind, daß ich nicht sehe, wie die Kinder
+so bescheiden aussehen! wie Du immer sprichst: Ich bin satt! da, meine
+Kinder! wie Du dich grämst um sie und nicht wagst, mich anzusehen, wenn ich
+auf einmal in ihr Gebet mit einfalle und _laut_ Gott danke für Alles, was
+wir empfangen haben, und Du mir mit dem Finger drohst und mich dann
+strafst: Johannes! das ist kein Dank! -- Wohl dem, der seinen Kindern geben
+kann, was sie bedürfen! und reichlich, daß sie freudig sind! Wohl dem, und
+wohl ihnen, daß sie nicht gleich die Erde betrachten wie ein Armenhaus,
+worin nichts ist für sie, als was sie durch Mildthat empfangen, wo die
+Kirschbäume _ihnen_ keine Kirschen tragen, das Feld keinen Lein, der
+Weinstock keine Traube, keinen Tropfen Wein! Wo sie an die vollen lachenden
+Körbe mit Pfirsichen treten und sich wundern, daß die Gottesgabe nicht
+_umsonst_ gegeben wird, sich wundern, daß man sie mit einem Kreuzer
+_bezahlen_ kann, dann die Hände auf den Rücken legen und traurig fortgehen,
+daß sie den Kreuzer nicht haben! Und vollends _jetzt! jetzt!_ meine
+Christel. Es ist gut! sagte er, und kehrte sich von ihr weg, mit dem
+Gesichte an die Wand.
+
+Soll ich denn Alles sagen, weinte Christel. Ich habe den Vater im Sarge
+gesehen. Wie lag er doch so ruhig da! ja wie lächelte sein Gesicht! Und
+doch hatten wir sieben unerzogene Kinder an seinem Sterbebette gekniet und
+geweint, und doch entschlief er ohne Kummer, ohne ein Wort der Klage. Hat
+er nun nicht gewußt, daß wir ohne ihn verlassen sein würden? O ja, er hat
+es gewußt. Aber er hat auch in jener bittern Stunde, wo ihm _kein Mensch_
+helfen konnte, kein Mensch etwas geben und sein, da hat er im _Herzen
+empfunden_, daß er selbst Nichts sei ohne den Vater im Himmel. So ist sein
+Zutrauen _zu sich_ verschwunden mit der Rathlosigkeit und Hülflosigkeit, in
+die er versunken war. So sah er uns zwar liebevoll Alle noch ein Mal an,
+zog uns Alle noch ein Mal an sein Herz und ließ uns die Hände, darauf zu
+weinen; aber er lächelte nur in unsere Thränengesichter und verwunderte
+sich; und so schloß er die Augen gelassen, und auf seinem Antlitz schwebte
+die _Gleichgültigkeit_ der Todten gegen Alles, was Welt heißt -- und die
+stille Furcht, zu Gott zu nahen, und die feste Zuversicht, ihn zu finden!
+Ach, wir waren ihm nicht _geringer_ geworden, als etwas so Vergängliches,
+wie Menschen sind. Nein! -- Gott war ihm als sein Vater und unser Vater
+erschienen, in seinem Glanz, seiner Macht und Liebe hervorgetreten. Er war
+auch nur wieder sein Kind geworden, und so waren wir auch nicht mehr nur
+seine, sondern auch seines Vaters Kinder. Das bedeutete sein letzter Blick
+zum Himmel, das sagte die stille Hoffnung auf seinem Gesicht im Sarge, sein
+stummes Scheiden aus dem Hause, und dort sein Text auf dem Steine! Sieh'
+nur hin, es glänzt Dich doch an! O eine Krankheit ist ein großes Glück für
+den leichtsinnigsten Menschen, geschweige für den Frommen. Und wir, die wir
+es sehen, wie die Sterbenden lächeln, wie sie still dahin ziehen, wir
+sollten sie nicht verstehen? Wir könnten mit offenen Augen, mit klopfendem
+Herzen wenigstens nicht nachempfinden, was ein Sterbender einzig und allein
+nur sieht? Ach, wir Gesunden, wir Lebenden sehen _zu viel!_ uns verwirrt
+die Arbeit und Sorge und Mühe, daß Gott auch um uns ist; wenn wir das reife
+Getreide schneiden, empfinden wir nur die Hitze des Tages, und legen uns,
+müde von Arbeit, zu schlafen, und denken, morgen einzualtern, oder an das
+Mahlen und Backen und das liebe Brot, das wir bedürfen.
+
+Ja wohl! Du hast schon Recht; Gott wird schon Recht behalten! sagte
+Johannes.
+
+Das soll er auch! eiferte Christel. Was hilft es denn mehr, als daß wir
+_das Unsere_ gethan, wenn wir für unsere Kinder sorgen. Aber wie weit
+reichen wir! Denn siehe doch an: Wer sorgt denn nur einst für die Kinder
+von unsern Kindern? Sind die nicht unsere? Gelten die Nichts? Und müssen
+wir diese nicht schon doch Gott und der Welt überlassen? Und warum denn
+nicht auch schon unsere Kinder, wenn wir das Unsere _gethan_, wenn es auch
+nur in Liebe und Wünschen bestand! Und hast Du die Kinder nicht lieb?
+Antwort: Ja! Und wünschest Du etwa uns Allen nicht ewige gute Tage?
+Antworte doch: Nein! Du verwunderst Dich! -- Du wirst schon besser werden,
+besonders wenn Du _besser_ wirst. Ich bin nicht furchtsam, sondern Du! Du
+bist der Hasenfuß -- nicht der kleine Junge!
+
+Johannes lächelte -- Christel lachte vor Freuden, und die mühsam
+verhaltenen Thränen kamen ihr nun erst hervor, -- wie es noch regnet, wenn
+vom seitwärts klar gewordenen Himmel die Sonne schon wieder scheint. Und so
+blieben sie Beide, zufrieden neben einander ruhend, lange Zeit.
+
+
+
+
+12.
+
+
+Erst am andern Abend kam Dorothee in einem schwarz-seidenen Mantel. Sie gab
+Johannes die Hand, setzte sich und schwieg. Nur manchmal seufzte sie.
+Christel erwartete in Gedanken, daß sie Etwas von dem Gelde vielleicht ihr
+bringen, nur leihen sollte. Aber Dorothee langte aus dem Mantel ein
+besiegeltes Document, gab es Christel, und sagte: Hebt mir es auf, ich kann
+es vielleicht brauchen. Der Herr hat das Geld. Ich mußte --
+
+Christel lächelte und hob das Papier auf.
+
+Dorothee schien hier keine Ruhe zu haben und ging umher.
+
+Geht Dir es nicht wohl? fragte sie Christel.
+
+Daß ich nicht wüßte! versetzte Dorothee.
+
+Nun ich will Dich nicht aufhalten! Johannes verlangt keinen Dank, wenn Dich
+das etwa beklemmt.
+
+Aber noch Eins, eh' Du gehst, hier ist die Bibel, und hier ist der Vers.
+Wir haben um Dich verdient, daß wir Dich bei Gutem erhalten. Ich habe meine
+Ursachen dazu.
+
+Sie schlug die Bibel auf, zündete einen Span an und leuchtete. Dorothee sah
+lang auf die Blätter. Nun? fragte Christel. Und so las denn Dorothee die
+Worte: Selig sind, die reines Herzens sind -- aber sie seufzte unmerklich,
+dann sah sie auf Johannes, um ihren feuchten Augen eine Ursache zu geben.
+
+Nun gehe mit Gott! Dorothee; sprach Christel.
+
+Aber da ist noch das Goldstück; gut, daß es mir einfällt! So holte sie es,
+wickelte es aus dem Papier und legte es auf die Bibel ihr hin. Kennst Du
+solches Geld? fragte sie. O ja, antwortete Dorothee erröthend. Nun so nimm
+es Deinem gnädigen Herrn mit! Dem gehört es.
+
+_Meinem?_ erschrak Dorothee, und wagte doch nicht in Christels Augen zu
+sehen, ob und was sie meine.
+
+Nun ja: Deinem, versetzte Christel.
+
+Ich bin ja Jungfer bei der gnädigen Frau; erwiederte Dorothee.
+
+Sie soll eine gute gnädige Frau sein; sagte Christel. Geh' nur mit Gott! --
+Und so ging sie, und sie sahen dann erst, daß sie das Goldstück dagelassen.
+
+_Das_ Geld will sie nicht! meinte Christel zu Johannes.
+
+Du bist brav, meine Christel, dachte Johannes, ohn' es zu sagen; um
+Deinetwillen muß ich besser werden!
+
+
+
+
+13.
+
+
+Christel that es nur leid, daß sie den vortrefflichen Kometen-Most allein
+trinken sollte, denn ihrem Johannes war er schädlich und vom Lizentiat
+verboten. Sie setzte sich aber jedes Mal aufs Bett zu ihm, wenn sie davon
+trank, sahe ihn dabei an, und so bildete sie sich ein, _er_ genieße seine
+Süßigkeit mit. Die alte Wirthin ward nicht vergessen, und auch der alte
+Schulmeister Wecker bekam, so viel er wollte. Denn der gute Mann hatte sich
+seine Suspension zu Gemüthe gezogen, besonders das Wort des
+Gerichtshalters: daß es ihm leid thue, daß suspendiren nicht »aufhängen«
+bedeute. So war er denn übergeschnappt, zuletzt sogar und dieß Mal nicht
+ohne Grund -- da er Alles verkehrt gelehrt und an den Kindern seinen
+Verdruß über den Tanz mit den Buchstaben alle Morgen aufs Neue unbarmherzig
+vermerken lassen, und zwar an der ganzen Schule durch die Bank, um die
+Schuldigen unfehlbar mit zu treffen -- wirklich abgesetzt, dispensirt
+worden, und der arme, irre Mann übersetzte das Wort nun: _zweimal
+gehangen_, weil durch einen Schreibfehler des Amtscopisten _bispensirt_ in
+seiner Entlassung stand, die er immer zu seiner Legitimation als
+abgesetzter Schulmeister bei sich trug. Das Schulhaus war, wie gewöhnlich,
+nicht sein, er lebte nun von seinen verkauften armseligen Sachen, die
+allgemach von ihm Abschied nahmen; und als er das erste Mal zu Christel
+eintrat, frug er, wie ihm sein alter Brotschrank um den Hals stehe? und das
+Butterfaß auf dem Kopfe? --
+
+Christel aber sahe mit feuchten Augen, daß er eine neue Wintermütze auf dem
+Kopfe und ein neues Halstuch umhatte. --
+
+Sehr schön! Herr Wecker; antwortete sie ihm. --
+
+Nun das wollt ich nur wissen! versetzt' er. Nur der alte Seiger mit dem
+Kuckuck auf den Füßen ist mir zu enge! Das ist der Kuckuck! sagte er. --
+
+Auch neue Schuhe! erstaunte Christel.
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagt' er. Ich komme eigentlich, versetzt' er, um
+zu beweisen, daß ich auf Euren Johannes nicht böse bin, daß er mich um mein
+Amt buchstabirt hat. Das kommt aber daher, daß ihn seine lieben Aeltern
+nicht das heilige A. B. C. haben lehren lassen. Und ich bin der Mann, die
+Scharte auszuwetzen! Aber tüchtige Hiebe wird es setzen! Aber seht, ich
+habe eine tüchtige Ruthe, die wird schon aushalten bis zum O! oder W! -- es
+kommt auf sein Genie an. Ja! seht mich nur an, sagt' er! Ich bin der Mann!
+Denn wie mein Halstuch ein Brotschrank ist, so bin ich das leibhaftige
+Schulhaus nebst allem Zubehör, und was darum und daran hängt, wie an meinem
+alten Rocke. Unser Herrgott ist auch nicht die Welt, sondern ganz separat,
+und wenn er die Sonne ausbläst wie ein Licht: so sitzt er drum noch nicht
+im Finstern. Heut zu Tage ist Alles ambulant! ja sogar fliegend! selber das
+Lazareth! Ich aber schleiche ja nur ganz sacht auf meinem Kuckuck, als die
+sichtbare und wahre Schule. So wollen Wir denn in Gottes Namen anfangen!
+
+Darauf erhob er seine Stimme, ging in der Stube mit halb zugemachten Augen
+auf und ab und sang, wie er immer vor Anfang der Schule gewohnt war, den
+Vers:
+
+ Erhalt' uns in der Wahrheit!
+ Gieb ewigliche Freiheit,
+ Zu preisen deinen Namen
+ Durch Jesum Christum. Amen!
+
+Nun wie weit waren wir denn in der letzten Stunde? fragte er und setzte
+sich an das Bett, langte das A. B. C. Buch aus der Tasche und legte die
+Ruthe neben sich hin.
+
+Und so mußte denn Johannes das A. B. C. lernen, welches er ihm zu Gefallen
+that, um dem armen Mann seine Freude zu lassen. Dann ging er in andre
+Häuser lehren, und man hörte sein: »Erhalt' uns in der Wahrheit.« Manche
+behielten den als A. B. C. Lehrer immer noch brauchbaren Mann zum Danke zum
+Essen, oder steckten ihm Brot in seinen ambulanten und fliegenden
+Brotschrank, die großen Taschen, das er ruhig geschehen ließ, als wenn er
+nichts merkte, und während dessen die Kinder ermahnte, oder noch den Vers
+zum Schlusse der Schule sang und dann mit schlauem Blicke sich für das
+reichliche, wohlgebackene _Schulgeld_ bedankte. Er schlief des Nachts, wo
+es ihm gefiel, auf der Ofenbank, oder bei wem er gerade des Abends zuletzt
+war. Er hatte Niemand, denn sein Fritz war eigentlich schon ein großer
+Friedrich und bei durchziehenden Soldaten Tambour geworden. Da aber der
+alte Mann Wecker hieß, wie ihn jetzt Alle, statt Schulmeister nannten: so
+hatte er einen Haß gegen die Hähne bekommen und führte Krieg mit ihnen, wo
+er einen sah und krähen hörte, und sagte ihm: Mein Freund, _Ich_ bin
+Wecker! und so fing er an, früh die Menschen selber zu wecken ohne
+Unterschied, am liebsten jedoch mit inniger Freude die evangelischen
+Geistlichen in der Gegend nach der Reihe, ja er krähte zuletzt dabei auf
+einem Grashalm. Wie eigens nur dazu bestallte Männer in dem Pallaste der
+Könige von England krähten, zur Warnung: nicht den Herrn zu verrathen, wie
+-- Petrus.
+
+Das war seine ganze Verrücktheit und sein ganzes Unglück. Uebrigens war er
+glücklich, besonders wenn er des Sonntags Orgel spielen durfte, worauf der
+neue Schulmeister kein _Schneider_ war und nicht exschellirte, wie er
+sagte. Am liebsten war Wecker bei Johannes und hatte sich zuletzt fast
+eingenistet bei ihnen, ob es gleich mit dem reichlichen, wohlgebackenen
+lieben -- Schulgelde nicht immer ganz richtig aussah. Johannes, oft auf die
+Kinder blickend, oder auf Christel, die nun spinnen saß, machte oft grobe
+Fehler, die Wecker sonst mit Knien, Handschmissen oder dergleichen bestraft
+hatte. Da nun der kranke Johannes jetzt nicht die Strafe abthun konnte: so
+legte Wecker ein Schuldregister mit Kreide an der Kammerthür an, und es
+standen nach und nach mehr als ein alt Schock Sünden angeschrieben, jede
+nach ihrer Art mit besondern Zeichen, und Daniel kniete manchmal heimlich
+und löschte dann einen Sündenbock an der Thür hinweg. Denn er selber ließ
+sich nichts zu Schulden kommen und half dem Vater heimlich ein, oder
+überhörte ihn.
+
+Der Most nun langte zwar zu den Gesundheiten, die Wecker auf Johannes
+Herstellung trank und sich alle Mühe gab, ihm durch einen guten Zug zu
+beweisen, wie redlich er es meine; aber er langte bei Weitem nicht bis zu
+seiner Wiederherstellung selbst, die erst nach mehreren Wochen erfolgte.
+Der Lizentiat, ein geschickter Arzt, hatte sich alle Mühe bei ihm gegeben,
+_um der gnädigen Frau gefällig zu sein_, von der er wahrscheinlich schon
+die Curkosten bezahlt erhalten. Denn als er einst vom Edelhofe mit der Frau
+Lizentiatin im Wagen nach Hause fuhr, hielt er vor Johannes Thür, ließ ihn
+heraus kommen, und -- gab ihm eine sehr billige Rechnung.
+
+Der Apotheker ist auch dabei! den vertret' ich! bemerkte er ihm.
+
+Christel sagte aufrichtig: Beste Frau Lizentiatin, wir haben nur Nichts an
+Gelde!
+
+Auch Nichts an Geldeswerth? fragte die Frau Lizentiatin lächelnd.
+
+Die Ziege meckerte sehr zur Unzeit.
+
+Da ist ja eine Ziege! meinte sie etwas erheitert aus ihrer verdrießlichen
+Miene.
+
+Ja wohl! seufzte Christel, aber die brauch' ich für die Kinder!
+
+Ich habe keine Kinder! bemerkte die Frau Lizentiatin spitz.
+
+Wir haben auch ein Schwein! sagte Sophiechen hinter der Mutter Schürze
+hervor.
+
+So? mein Kind! -- Das ist ja ein recht liebes Kind! Laßt uns doch sehen!
+sagte die Frau Lizentiatin.
+
+So wurde denn aufgeriegelt, und Frau Lizentiatin bemühten sich, es in
+Augenschein zu nehmen und zu befühlen. Das ist gutes Essefleisch! freilich
+nicht in die Esse. Aber liebe arme Leutchen, man muß _von_ Euch nehmen, was
+Ihr habt! Es thut mir recht leid.
+
+Johannes und Christel sahen sich an. Johannes, sprach sie, Du bist ja
+wieder gesund! Nur nichts schuldig bleiben! Die Kinder leben auch ohne
+Wurst.
+
+Man hat jetzt Beispiele, daß Menschen daran gestorben sind! Wurstgift --
+das ist ein ganz neues Gift! bemerkte der Lizentiat, eine Prise nehmend,
+und dachte: Du hast das Memento Doctoris hier vergessen: »Nimm! _wann_ es
+schmerzt« -- so nimm nur noch jetzt: _wenn_ es auch schmerzt! Das kleine
+Verbindungswörtchen »auch« ist ja keine Grausamkeit! -- Nur aufgeladen und
+festgebunden auf den Bedientensitz!
+
+Das geschah. Aber das giftige Schweinchen schrie so unbarmherzig, daß es
+wieder abgebunden werden mußte. Die Gans im Wagen schrie auch.
+
+Johannes! sagte der Lizentiat, ich gebe euch nun die Erlaubniß, zu gehen
+und wieder Eure Geschäfte zu verrichten, nach wie vor. Ihr werdet fühlen,
+daß Ihr gesund seid; Ihr seid lange nicht aus der dumpfen Stube gekommen --
+die Stadt ist nicht weit -- Abends seid Ihr wieder da, macht Euch einen Weg
+mit dem kleinen guten Dinge.
+
+Die Frau Lizentiatin aber wußte sich noch hin und her zu beschäftigen und
+ließ sich ein Langes und Breites mit dem Herrn Schulmeister ein, und sie
+fuhren erst fort, als Johannes schon längst einen tüchtigen Stock genommen
+und schon weit mit dem guten Essefleisch voraus auf der Straße war.
+
+Christel und Wecker sahen nach.
+
+Die Liquidation schrie wie schon dem Tode nah'! sprach er.
+
+Das Schweinchen? sprach Christel.
+
+Wessen ist denn nun das Schweinchen? frug Wecker.
+
+Ihr seht ja: des Doctors! erwiederte Christel.
+
+Aber wessen ist das Himmelreich! fragte der Schulmeister.
+
+Ich denke: der Armen; erwiederte Christel. --
+
+Das wollt' ich nur wissen! lächelte Wecker.
+
+
+
+
+14.
+
+
+Johannes kam Abends im Mondenschein nach Hause, ging und zerhackte erboßt
+den Treibestock, legte dann einen blanken Zehnkreuzer, sein empfangenes
+Trinkgeld, auf den Tisch und warf sich auf's Bett.
+
+Ist Dir der Gang nicht wohl bekommen, mein Johannes? fragte ihn Christel.
+
+Recht schlecht! sagt' er.
+
+Bist Du müde? bist Du krank? forschte sie mitleidig.
+
+Nein! sagt' er; aber erbittert!
+
+Es war auch ein schwerer Gang! seufzte sie; ich will Dir es glauben. So
+drang sie nicht weiter in ihn.
+
+Johannes verschwieg ihr aber sein neues Unglück, das aus dem alten
+entstanden war, von der Hasenjagd. Denn als er schon nach Sonnenuntergang
+auf dem Rückwege von dem Lizentiat an das Feldgärtchen der alten Frau,
+seiner Wirthin, gekommen war, sah er einen Hasen, der ein Loch durch den
+Zaun gefunden und sich der Kohlstauden bediente, welche noch standen, um zu
+frieren, mürbe zu werden und der alten guten Seele besser zu schmecken. Er
+sprang über den Zaun und verscheuchte den Hasen. Dieser nun klemmte sich
+ein, indem er hinaus strebte, und Johannes erreichte ihn mit dem
+unbarmherzigen Stocke, mit dem er gleichsam meinte, in dem Hasen sein
+ganzes erduldetes Unheil, bis auf das heutige mit dem Essefleisch, todt zu
+schlagen. Dann zog er den Hasen hervor und warf ihn über den Zaun ins Feld.
+Als er aber, durch den Fall wieder zu sich gebracht, noch kläglich quäkte
+wie ein Kind, ging er aus Erbarmen und schlug ihn völlig todt.
+
+In diesem Augenblicke kam der gnädige Gottlieb geritten, von einem Fremden
+und Niklas begleitet.
+
+So? sagte er. Seid Ihr der Hasendieb? Da habt Ihr gewiß auch die Rebhühner
+und Fasanen, die nach und nach fehlen. Ein Faden Schwefel ist nicht theuer,
+und wovon lebt Ihr denn sonst, Ihr Ungeziefer!
+
+Johannes erzählte den Fall.
+
+Ihr steht hier auf meinem Grund und Boden. Hier liegt der Hase, hier habt
+ihr ihn erschlagen, hier stehen die Zeugen!
+
+Johannes mochte nicht bitten.
+
+Der _einzige_ Fall ist auch genug! sagte der junge Herr. Es soll so einmal
+ein Exempel statuirt werden; es ist mir lieb, daß es Euch trifft. Die
+Gesetze gegen Wilddiebe sind, Gott sei Dank! scharf und in Ehren, weil sie
+_vornehmer_ und reicher Leute Rechte schützen. Auf den Sonnabend ist
+Gerichtstag! der Gerichtshalter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen und
+Euch zu _beweisen_, daß Ihr Hasen todt schlagen könnt. Stellt Euch also nur
+dann zu rechter früher Tageszeit von selber ein. Die Vorladungskosten will
+ich Euch sparen aus Gnaden.
+
+So war die Gesellschaft lachend von dannen geritten.
+
+Johannes ging in der Stille an dem bestimmten Tage, unter dem Vorwande, wo
+anders hin zu gehen, und empfing seinen Bescheid und sein Urtheil, das auf
+dreimonatliche Gefängnißstrafe lautete, da er kein Geld habe. Er hörte das
+ruhig an und bat nur, daß er erst zu Weihnachten sich einzustellen brauche,
+weil jetzt noch Verdienst sei, aber im völligen Winter nur wenig. Und er
+hatte große Freude, daß ihm das zugestanden ward, in der Kälte gefangen zu
+sitzen. -- Eingeheizt wird Euch nicht! lächelte der Herr Gerichtshalter.
+Dann bat Johannes nur noch, daß seine Strafe verschwiegen bliebe, bis er
+wieder entlassen sei. -- Das ist wider die Lehre von der Besserung durch
+das Beispiel! erhielt er zur Antwort. Er bat aber sehr und weinte im Herzen
+über die Angst seiner Christel und ließ nicht ab, bis er auch das erlangte.
+
+Versprechen ist ja nicht Halten! bemerkte der Gerichtshalter leiser zum
+gnädigen Gottlieb; ich kann das Bitten nicht ausstehen, es erinnert mich
+immer unangenehm an den Menschen in mir, und ich bin nur der leibhaftige
+Justinia-si-nus! Denn unsere Last ist schwer! schon die treuherzige Miene
+zu machen, die Rolle durchzuführen und immer gleichgültig -- grau
+auszusehen und uns sicher zu stellen, daß man _uns_ nicht auf das Pergament
+klopft, mein Hohlwohlgeborner! Doch wir können das Sackspiel! und besser!
+_Ruhig_ sie -- hängen lassen, so spielen es die Meister. -- Nun können Sie
+die Schule mit ihr anfangen!
+
+Mit _ihr_ ist nichts! das Volk hält gar nichts mehr auf angethane Ehre! ich
+habe nun andere Sorgen! bemerkte der Herr.
+
+Bedauere! -- _Ich_ habe meine Schuldigkeit gethan! neigte sich der
+Justini--anus.
+
+Johannes aber ging und sprach in Zeiten von einer Reise zu einem entfernten
+Anverwandten, der ihnen helfen solle. Er war fleißig bis zum
+Weihnachtsfest, um sein Weib und seine Kinder zur Noth zu versorgen, denn
+ihre Zahl sollte gegen Ostern noch um Eins vermehrt werden, wenn nicht
+durch Zwei, wie Gott nun segnete.
+
+
+
+
+15.
+
+
+So kam Weihnachten heran, und am Tage vor der -- Abreise saß Johannes in
+trüben Gedanken und Kummer, die Seinen zu verlassen. Ach, sprach er bei
+sich -- die Strafe hab' ich verdient, die Welt ist einmal so, und was die
+Großen verbieten oder gebieten, das müssen wir kleinen Leute schon meiden
+oder thun, das wird uns mehr wie ein Kirchengebot, davon ist keine Erlösung
+auf Erden, wohin auch ein Armer geht; aber es scheint mir doch zweierlei,
+die hohe Stadttaxe auf die Landschaft anzuwenden, wie der Apotheker und der
+Lizentiat, -- der Schulmeister hat mir das wohl erklärt -- und einen armen
+Mann wie mich zu bestrafen, wie einen Reichen. Wer gesund ist, und fest
+steht im Zimmer, der verträgt einen derben Stoß; ein alter kranker
+Bettelmann, dem man mit einem Finger nachhilft, indem er die Treppe
+hinunter schleicht, der thut einen Fall, von dem er nicht mehr aufkommt.
+Aber davon wissen die Gesetze nichts, und _die_ nichts, die sie
+unterschrieben. Die Gerichten, ach, die Gerichten, das sind die wahren
+Herrn im Lande! die Gesetzanwender! wie Wecker sagt; und ein Gerichtshalter
+ist auf dem Dorfe geradezu mehr als alle seine stummen Gesetzbücher, die
+ihm der Herr Amtsschreiber nachträgt! pro firma, wie Wecker sagt; ja,
+dieser Herr Amtsschreiber schon ist mehr als selber der Landesherr! ein
+wahrer Pilatus, der züchtigt und losläßt, wie es ihm gefällt, wie er die
+Sache dem Principal vorträgt -- um ein Paar Eier. Gut, daß mir das Beispiel
+einfällt! was will ich armer Johannes da klagen! da ein ganz andrer
+Johannes ganz Anderes litt!
+
+Christel sah, daß er traurig war, und sprach: ich halte es selber für
+rahtschaffen, daß Du die Wanderung machst, daß wir einmal aus der Noth
+kommen! Ich kann Dich nicht länger so sehen, Du grämst Dich mir ordentlich
+ab, und die Jacke ist Dir so weit, daß mir die Thränen in die Augen treten.
+
+Wenn wir nur nicht die Kinder hätten! Du allein kämst indessen schon durch,
+seufzte Johannes.
+
+Lieber Mann, sprach Christel, wirst Du noch immer nicht klug, siehst Du
+noch immer nicht, was wir haben, und wie mich die Kinder erfreuen werden,
+wenn Du weg bist. Ich -- ich stelle mir tagtäglich vor: _das_ ist ein
+großes Glück, zu besitzen, was ein großes Unglück wäre zu verlieren. Da
+hast Du's! Sag' einmal, würdest Du lieber reich sein, und die lieben Kinder
+_nicht_ haben wollen? Oder uns haben wollen -- und arm sein, wie wir sind,
+und doch nicht sind! --
+
+Curioses Pathchen, würde der Pathe Leinweber sagen, kann man denn nicht die
+Kinder haben, und noch Etwas für die Kinder dazu? sprach Johannes. --
+
+Also bist Du mit mir und den Kindern nicht _ganz_ zufrieden? erschrak fast
+Christel. Laß uns doch! Siehe, Du wirst es jetzt eine Zeit lang besser
+haben als wir, Du wirst Dein gutes Essen haben, die Beine unter anderleuts
+Tisch stecken, ich will Dir's ja nicht beneiden -- komme nur wieder! wenn
+Du auch lange bleibst, und laß einmal schreiben! --
+
+Johannes schwieg. Sie weinte und legte sich mit dem Kopf auf den Tisch. Der
+Vater aber sahe durch das Fenster, wie der erste Schnee herabtaumelte, wie
+er aus dem ganz gesenkten flirrenden Himmel sich hinab in den Teich
+stürzte, und wie aus dem Spiegel des Teiches zugleich die stürmenden
+Flocken aus der Tiefe herauf kamen, und Schnee von oben und Bild von unten
+sich auf der Fläche des Wassers ereilten, zerschmolzen und verschwanden,
+verfolgt von dem unendlichen Rieseln der Flocken. Er sah, wie die Kinder
+barfuß im Schnee fröhlich umher sprangen und Schneebälle wälzten, auf
+einander setzten, einen Stock durchsteckten und die Arme mit Schnee
+bekleideten und dem Schulmeister eine Ruthe in die Hand gaben und ihm Augen
+und Nase und Mund von Kohlen in den aufgesetzten Kopf steckten; wie sie
+dann umher tanzten und gar nicht daran dachten, daß sie überhaupt nur
+Kleider auf dem Leibe trügen, geschweige überall geflickte scheckige
+Jäckchen, und keine Hüte auf dem Kopfe. Denn sie froren nicht in den
+dürftigen Kleidern, nur der ganz kleine Junge, sein Gotthelfchen, stand
+dabei und fror, und doch _warm_ angezogen, und den einzigen großen Hut im
+Hause auf dem Kopfe, der ihm bis auf die Achseln ging, daß er kaum
+hervorsehen konnte; er fror, und doch freute er sich und zitterte, weil er
+noch nicht mitspielen konnte.
+
+Johannes konnte sich nicht genug verwundern und sprach bei sich: -- und sie
+nennen mich doch Alle: lieber Vater! ich muß ihnen doch lieb sein! und
+Christel nennt mich: lieber Mann! ich muß ihr doch lieb sein, -- ich muß
+ihr doch gut sein, und wenn mir das Herz springt. Wenn ich nur auch sagen
+könnte -- lieber Vater! wenn ich mir nur auch gut sein könnte!
+
+Da brachte Daniel einen Goldammer, den Wecker unter dem Siebe gefangen, und
+es war Jubel im Hause, daß die Mutter Ruhe gebieten mußte, weil die alte
+Frau Redemehr, die Wirthin, schlief und krank war.
+
+Ich mache ein Hirtenhäuschen auf den heiligen Christ! vertraute ihm Wecker,
+ein ganzes Wachslicht von vor Jahre Weihnachten vom Orgelpult hab' ich
+noch. Man wird wieder ein Narr mit den Kindern! sagt' er, die Hände
+reibend.
+
+Ihr seid ein braver Mann! lächelte Christel auf Johannes.
+
+Das wollt' ich nur wissen! versetzte der Alte.
+
+Damit hatten sie ihren, im Scheiden nach dem feuchten finstern, kalten
+Stockhause begriffenen Johannes an den Weihnachtsheiligenabend erinnert --
+er dachte, wie die Kinder in der dunklen Stube sitzen und sich fürchten und
+freuen, daß das Christkind doch im Dorfe sei; wie die Mutter ihnen zum
+Troste sagen würde: zu Jahre wird Euch der Vater bescheren! und Sophiechen
+früge: ob ein Jahr lange sei? Dann dacht' er, daß Daniel ihm schon beschert
+-- den Leichenstein, und so ging er am andern Tage schon fort. Die Kinder
+baten ihn, was mitzubringen vom Vetter, und Christel hatte ihn mit einem
+kleinen Päcktchen beschwert; aber er mußte es nehmen, die Kinder und sie
+darum berauben, um sie glauben zu lassen, er gehe einen freien, guten Gang.
+Das Herz pochte ihm laut, und seine Thränen entschuldigte der Abschied. Und
+er mochte wohl oder übel, so mußte er auch vom Schulmeister die Wintermütze
+-- sein verwandeltes Butterfaß, sich auf den Kopf drücken lassen und hören,
+wie Christel ihm nachrief: Sorge nur nicht um uns! der Herr ist ja bei uns!
+-- und Wecker ihr sagte: das wollt' ich nur wissen!
+
+
+
+
+16.
+
+
+Weihnachten aber saßen sie, um das Lämpchen zu sparen, still in der
+finstern Stube; der Kleine fürchtete sich vor der Mutter auf ihrem Schooße,
+weil er sie mit dem, in der düstern Verschattung schwarzen Gesicht nicht
+kannte; denn die Sterne am Himmel und der Schnee draußen dämmerten wohl
+herein, aber ihr Glanz fiel auf das Kleine, das vor ihr stand und nach ihr
+selber rief. Denn sie sprach nicht und dachte vor sich an Johannes.
+
+Da macht' es die Hausthür auf, ein leises Geräusch auf dem Flur, dann ging
+sie leise wieder zu. Von der Frau Redemehr drüben kam Wecker mit dem
+Hirtenhäuschen, das hell schimmerte wie eine große Laterne. Christel war
+ihm aufmachen gegangen, auch die Alte, bei der es gemacht und jetzt
+angezündet, hatte noch die Thür in der Hand und wollte nachfolgen. Da stieß
+Wecker an einen kleinen verdeckten Korb. Noch eine Christbescherung? fragte
+Frau Redemehr. Aber er steht nicht auf meiner Grenze, er wird wohl Euer
+sein, für die Kinder, Christel! Wer weiß, wer sich die unschuldige Freude
+gemacht!
+
+Christel dachte an Dorothee, nahm das Körbchen und setzte es auf den Tisch,
+das Hirtenhäuschen leuchtete dazu, und Wecker war fast böse, daß seine
+Freude nicht die einzige sein sollte, denn die Kinder umstanden den Tisch,
+und die Mutter fragte sie, was darin sein sollte? was Jedes am liebsten
+hätte? Daniel rieth ein Christbrot; Sophiechen ein Pischkind, und Gotthelf
+Aepfel und Nüsse und einen Zappelmann.
+
+Die Mutter öffnete nun, während die Schatten der ausgeschnittenen Bilder
+aus dem Hirtenhäuschen über den Korb liefen, von der Hitze des Lichtes
+darin im Kreise getrieben, und Jäger und Hunde und Hirsche sich einander
+friedlich verfolgten, ohne sich je zu erreichen.
+
+»Ein Pischkind!« schrie Sophiechen; das ist mein, Mutter gieb es mir her!
+
+Das ist recht künstlich gemacht! als wenn es natürlich wäre, sagte die
+Alte, die ihre Brille vermißte; und das Häubchen! die Wickelschnuren! nur
+geradezu Alles! Was doch die Menschen jetzt Alles machen! Nein Dergleichen!
+
+Aber Christel hatte die Augen voll Thränen, denn das Pischkind schlug die
+Aeuglein auf, und eine kleine Miene, wie zum Weinen, flog über sein
+Gesichtchen. Die Alte erschrak erst, trat dann näher und hielt ihm den
+kleinen Finger an den Mund.
+
+Das Kindchen ist hungrig! sagte sie. Aber aber -- _Euch_ das zu bringen,
+das scheint mir doch Sünde, wer so was gethan hat, der muß Euch nicht
+kennen! Ich setzt' es einem Reichen hin!
+
+Wecker aber sagte: Höchstens geben _die_ das Körbchen wieder auf die Ziehe!
+und Wer bekommt es dann? Es heißen nicht alle Weiber Christel, meine Frau
+Redemehr! Ich dächte, Sie redete nicht mehr! Das heilige Christkind wird
+Christel schon gekannt haben! Nicht wahr, Ihr Kinder? Wollt' Ihr es haben?
+--
+
+-- Ich will mir den Segen verdienen! sagte Christel. So eine heilige
+Gottesgabe von sich zu stoßen, wie die Mutter! Ich danke meinem Gott für
+das gnädige Zutrauen zu uns Armen!
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagt' Wecker.
+
+Nun sagt Sie noch was, meine Frau Redemehr?
+
+Ja! sagte die Alte, ich muß noch reden! Das Kindchen ist sicherlich nicht
+getauft! das macht wieder Kosten!
+
+Was Kosten! sagte Wecker; ich bin der Mann! wenn der Pastor nicht will. Die
+Nothtaufe ist jedem erlaubt, wenn das Kind in Noth ist, geschweige die
+Aeltern. Noth ist Noth, das weiß Ich! --
+
+Ich backe einen Kuchen! Morgen des Tags! sagte Christel froh, daß sie eine
+herzliche Gelegenheit hatte, einmal wieder was Gutes zu kosten und den
+Kindern geben zu können.
+
+Nun in Gottes Namen! sagte Frau Redemehr, da steh' ich Gevatter.
+
+Mutter, fragte Sophiechen, was ist denn das Pischkind? ein Gottlob oder ein
+Annaröschen?
+
+Und nun ward das Kind erst herausgenommen, das alle mit Verwunderung
+indessen bestaunt; die alte Frau Redemehr nahm ihre Brille ab und sagte
+Sophiechen: Sophiechen, es ist ein richtiges Gottlobchen. Die Kinder
+kramten im Grunde des Körbchens und fanden kleine Hemdchen, Häubchen und
+mehrere Silbergulden.
+
+Die Mutter schlief vor zärtlichen Sorgen die ganze Nacht nicht, die Kinder
+kaum vor Freuden. Das lange starke Wachslicht im Hirtenhäuschen brannte,
+lieblichen Dämmer und eine stille Jagd an den Wänden verbreitend, bis zum
+Morgen.
+
+Wecker hielt im Traume Schule und weckte bei Zeiten, _zum Kuchenbacken_,
+wie er fröhlich sagte: -- _den_ Kuchen zu backen, der uns schmecken soll!
+Kein Grammaticus kann sich unterstehen zu sagen: ich wecke zu »_den_ Kuchen
+backen!« ergo heißt _Einen_ Kuchen backen auch »Kuchenbacken.« Und dazu
+gehört ein ganzer Backofen, so gut wie zum »Schulmeisterabsetzen« _ein
+ganzer Schulmeister_, ein ganz liebedienerisches Consistorium und das ganze
+Kirchspiel zum Bettelngehen. Ich wiege indessen die sogenannte namenlose
+_Anonyma_. Der Mann bin ich. --
+
+Am Vormittag aber fehlte der Kreuzer zu einem Bogen Papier unter den guten
+großen Kindtaufenkuchen; denn Christel versprach sich selber, die wenigen
+Gulden auch in der größten eigenen Noth nicht anzugreifen, sondern bloß für
+das Kind zu verwenden, damit es an nichts ihm mangle, von dem Wenigen, was
+es noch bedurfte. Daher machte Wecker die Siegel inwendig vom Deckel der
+großen Bibel los, womit der Umschlagbogen befestigt war, und Christel kam
+nach dem Papier. Aber was ist denn das? fragte Wecker, die Papiere hier?
+und der versiegelte Brief? Christel nahm das Eine nach dem Andern und fand
+mit bangem Erschrecken die Schuldverschreibung vom seligen Herrn, die in
+der Bibel verborgen gewesen.
+
+Nun seid Ihr auf einmal reich! sagte der Alte. Wenn nur Borromäus was
+hätte! Der ist nicht der Mann!
+
+Ach, wenn er nur nicht geschworen hätte! seufzte Christel. Nun soll mich
+mein Gott bewahren, ihm das anzuthun.
+
+Er verdient' es um mich! sagte der Schulmeister. Ich bin der Mann! ich geh'
+mit dem falschen Eide ins Oberconsistorium -- oder kurzen geraden Wegs zum
+seligen Herrn, da werd' ich wieder eingesetzt, und wenn ich noch so
+närrisch soll sein -- was kümmern ihn die lieben Kinder!
+
+Thut das nicht! Wecker, bat ihn Christel; Gott wird uns die Armuth
+vergelten.
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagt' er gerührt. Aber der alte Mann weinte zum
+ersten Male, ja er schlief nach und nach ein, mit dem Kopf auf die Bibel
+gelehnt, und die Sonne schimmerte in seine weißen Haare und sah ihn mild
+und lächelnd an; und als der Kuchen fertig war, legte Christel ein großes
+Stück vor ihm hin, daß er Freude habe, wenn er erwache.
+
+Christel aber hatte Verdacht auf Dorothee, daß sie das Körbchen beschert.
+Sie hatte im Dorfe umsonst umher gerathen. Wer hatte so weiße feine
+Leinwand? Wer konnte das Alles so sauber machen, wenn nicht des Predigers
+Töchter, die aber die liebe Unschuld waren. Das war nur vom Edelhofe! und
+dort nur von Dorothee! Denn dort war nur die Mutter der gnädigen
+Clementine, und eine alte Köchin. Sie hatte des Nachts schon geweint über
+das verführte Mädchen, das ihr nichts anging, als daß sie es liebte, weil
+ihm der Vater gut gewesen war.
+
+Jetzt aber öffnete sie auch noch den Brief vom verstorbenen Pastor an ihren
+Vater; das Recht sprach sie sich zu. Wie erschrak sie nun erst, als sie
+las, daß der Pastor bei seinem Sterben nun ihm das Kind anvertraute, da
+Jahre lang niemand nach ihm gefragt. Er habe sonst immer das Geld für die
+Pflege der Dorothee richtig erhalten, seinen eigenen Kindern könn' er, nun
+er scheide, nicht zutrauen, daß sie das Mädchen erziehen würden, und da es
+die Tochter von seiner Martha sei, so stehe ihm als Großvater zu, sich das
+Gotteslohn zu verdienen. In inliegendem Briefe, schrieb er, werden Sie den
+Namen des Vaters der Dorothee finden. Es ist derselbe reiche junge Herr aus
+Frankfurt, der, um Wein im Großen einzukaufen, sich oft Wochen lang in
+Ihrem Hause aufgehalten.
+
+Die Inlage aber hatte der Pastor wieder versiegelt dem Großvater zugesandt,
+der Brief war an den Pastor überschrieben, der Großvater hatte ihn nicht
+aufgemacht, sie getraute sich es noch weniger, zu thun, und was half auch
+der Name nun ihr? was Dorotheen? da sie sich so sündlich vergangen? Und so
+beweinte Christel aufs Neue ihre arme Schwester Martha, sie _freute_ sich
+jetzt, daß Johannes nicht da war bei der Taufe und hatte das Knäbchen noch
+lieber. War es doch so beklagenswerth wie unschuldig, ob es gleich
+_Gottliebchen_ hieß, als wahrhaftes Derivativum und richtiggebildetes
+Diminutivum von -- Gottlieb, wie Wecker es nannte.
+
+
+
+
+17.
+
+
+Viele schwere Wintertage überwand nun Christel mit Hoffnung, Liebe und
+herzinniger Zufriedenheit. So nahte der März schon heran, und an einem
+heitern Nachmittage war Clementine, von Dorothee begleitet, vor das Dorf
+und an Frau Redemehr's Häuschen vorüber gegangen, der wärmenden Sonne
+entgegen. Auf dem Heimwege wollte Dorothee sie vorüber führen; aber die
+arme junge Frau war krank, ihre Kräfte dahin, und sie wünschte zu ruhen.
+Das traf sich eben vor Christel's Fenster. So ging sie denn hinaus, und bat
+sie freundlich, einzukehren! Clementine lächelte und nahm es an. Dorothee
+folgte stumm. In dem freundlichen Stübchen saß Clementine lange still, sah
+sich Alles mit wehmüthigem Lächeln an, was es enthielt, und war dann lange
+ernst und in sich gekehrt. Und da sie auch Weckern ein Mittagsschläfchen
+halten sah, so sprach sie endlich leise zu Christel und hielt sie an der
+Hand: Hätt' ich hier in dem kleinen Stübchen gelebt, so lebt' ich noch!
+
+Christel verwunderte sich über das Wort. Aber sie sagte freundlich: Ich
+lebe nicht mehr -- ich sterbe nur, so langsam, wie ich gehe. Die Lerche
+wird mich nicht mehr finden. Wie gern hätt' ich mit Dir getauscht, mein
+Kind!
+
+Wir haben auch alle Tage unsere Noth, meine gute gnädige Frau, sagte
+Christel ihr zum Troste; von früh bis Abend wird man gar nicht fertig! ich
+lege mich so müde hin, zu schlafen, daß mich das arme Kind kaum weckt.
+
+Glückliche Leutchen, seufzte Clementine, zeigt mir doch Eure Kinder.
+
+Und so kam auch die Reihe zuletzt an das Kleine, das Gottliebchen.
+Clementine schien zu wissen, daß es ihr eigen nicht sei, oder sah' es ja
+deutlich an Christel vor Augen, daß sie vor den wenigen Wochen des Kindes
+seine Mutter nicht könne gewesen sein. Sie wiegte es still auf ihren
+Knieen, war abwesend mit den Gedanken, und die Augen, die auf ihm geruht,
+waren ihr zuletzt vergangen und gaben der blassen schönen Frau mit ihrem
+sanften lächelnden Gesicht etwas Geisterhaftes, ja Engelhaftes; denn so
+lieblich saß sie da, so innerer Würde und Reinheit voll, daß Christel kaum
+sich getraute, Athem zu holen, oder das Kind nun wieder von ihr zu nehmen.
+
+Dann lächelte sie Dorothee an, die mit zugeschlossenen Augen Thränen
+vergoß, es nicht sah, wie Jene lächelte, und nur den schwachen Druck an
+ihrer Hand fühlte, die sie ihr zuckend entzog.
+
+Der Gang schien nicht vorbereitet zu sein; denn sie beschenkte die Kinder
+Alle, auch das Kleine in seinem Bettchen, aber mit so Wenigem, daß ihre
+Worte Wahrheit schienen, als sie sagte: Ich habe nicht viel! und brauche
+nicht mehr viel. Zu meinem Begräbnis wird es langen.
+
+Wecker erwachte jetzt, richtete sich auf, blieb eine Zeit lang ganz im
+Traume noch auf der Ofenbank sitzen, stand dann plötzlich auf und machte
+der fremden vornehmen Frau alle seine besten Diener.
+
+Das ist ja unsere liebe gnädige Frau! sagte ihm Christel. -- Da besann sich
+Wecker, setzte seine weiße Nachtmütze wieder auf, erkannte auch Dorotheen
+und ging erbittert hinaus.
+
+Das verdien' ich nicht! lächelte Clementine; an allen solchen Thaten bin
+ich unschuldig, aber wer braucht das noch auf der Welt zu wissen? Gott weiß
+es ja.
+
+Christel versuchte Dorothee, um in ihren Gedanken über sie gewiß zu werden.
+Sie gab ihr das Kind zu nehmen, und -- sie nahm es und wiegte es, zwar mit
+Verdruß; sie nahm es ihr ab, und sie gab es -- ohne Verdruß.
+
+Und während Clementine wie eingeschlummert da saß und Sophiechen neben sich
+im Arme hielt, die sich an sie geschmiegt, nahm Christel auch den Brief vom
+alten Prediger an ihren Vater und gab ihr ihn zu lesen.
+
+Dorothee weinte nicht; sie fiel ihr nicht um den Hals, als wenn sie ihr
+eine Schuld abbitten wollte! und dennoch, als Wecker draußen ein kleines
+Strohkränzchen geflochten und den Daniel hereingeschickt, vor Dorotheen es
+hinzulegen, gab sie dem armen unwissenden Boten eine derbe Ohrfeige, setzte
+es sich auf, besah sich in dem kleinen Spiegel und weinte dann
+unaufhörlich, aber still.
+
+Jetzt schien ihr das Herz getroffen und erweicht; Christel tröstete sie.
+Dorothee fiel vor ihr auf die Kniee und beschwor sie: Christel! meiner
+Mutter Schwester! schont die arme junge Frau dort! Pflegt das Kindchen
+wohl! Das wird Euch Gott vergelten. -- Gebt Ihr das Goldstück nicht! --
+
+Christel war böse. Wecker trat ein und sagte: als er Dorotheen geschwind
+aufstehen und sich die Thränen trocknen sah; das wollt' ich nur wissen! und
+behielt seine Mütze auf.
+
+Clementine erhob sich und nahm von Christel Abschied. Wenn Euch Gott lieb
+hat, sagte sie weich, so läßt er Euch arm. Der Arme, oder der Geringe, den
+die Welt nicht kümmert, der hat die besten Güter, mit welchen sich
+Reichthum gar nicht, oder doch nicht lange verträgt und zuletzt sie
+heimlich aufhebt und zu Grabe trägt -- und sei's des Reichen eigne, reiche,
+unglücksel'ge Frau! --
+
+Liebe gnädige Frau, sagte Christel, das thut ja der Reiche nicht, nur der
+Schlimme. Wir halten auch auf die paar Kreuzer!
+
+Nun also, fuhr Clementine fort, wenn es nicht der Reiche thut -- so wird
+der _Fromme_ die Armuth vorziehen, gern ertragen, segnen -- oder, ohne es
+zu wissen, unschuldig mit ihr glücklich sein, wie Ihr, mein gutes Kind. --
+
+Das heißt ja nur: halt' fest an Gottes Wort! weiter nichts.
+
+Weiter nichts! wiederholte Jene und nickte freundlich und schied von ihr.
+
+Wecker aber sagte: Die lob' ich mir! sie ist nicht stolz; doch wenn der
+gnädige Gottlieb mich ein Mal vor die Schule fordern ließ in die kalte
+Zugluft, ruckt' er und stieß er mit seinem in Händen habenden Stöckchen,
+wegen ermangelnden Respekts, so lange an meiner Mütze, bis ich mit bloßem
+Kopfe da stand! Aber ich schämte mich nur vor ihm, so ein alter Mensch zu
+sein, dem der Kopf durch die Haare wächst! Jetzt nehm' ich meine Mütze
+_tief_ vor ihm ab, wenn ich ihn sehe, denn ich schäme mich nicht mehr vor
+ihm, sondern er vor mir. Der Mann bin ich!
+
+
+
+
+18.
+
+
+Bis jetzt war Christel ruhig gewesen. Als es aber gegen Ostern kam, und die
+Zeit schon Wochen vorüber war, in welcher ihr Johannes zurück sein konnte,
+da ward ihr bang und bänger um ihn, und Kummer um sein Außenbleiben
+übermannte sie manchmal, daß sie im Stillen weinte. Wird er wiederkommen?
+getraute sie sich dann kaum sich selber zu fragen; wenn er wie Dorothee
+ist, die von uns schied, als sie glaubte, uns zur Last zu sein! Dann
+schämte sie sich ihrer argen Gedanken, sah auf die Kinder und empfand, daß
+es ja gar nicht möglich sei, die lieben Gottesgeschenke bei klarem
+Verstande nur kurze Zeit freiwillig je zu verlassen, geschweige für immer.
+An sich selber dachte sie kaum.
+
+Einst begegnete ihr Niklas, als sie Garn zum Weber trug zum Verkauf von
+ihrem Gespinnst. Sie blieb stehen vor Rührung, als sie ihn sah: denn sie
+getraute sich nicht über den Steg zu gehen, so verdunkelten Thränen ihre
+Augen.
+
+Beruhigt Euch! Frau Christel; sagt' er ihr mit trockenen Worten: Euer Mann
+ist in gutem Gewahrsam, es stiehlt ihn Euch Niemand -- er sitzt nur den
+Hasen ab, den er erschlagen, und sitzt nun schon auf der Blume! Er ist bald
+drüber hinweg. Seid nur ruhig.
+
+So blieb sie denn voll Wehmuth stehen, als er längst schon vorüber war. Sie
+ging nach Hause, das Garn in der Hand. Nun erst hatte sie keine Ruhe, nun
+verstand sie Johannes Reden, seinen stillen Unmuth; und die Worte, die sie
+ihm alle zum Abschied gesagt, fielen ihr schwer aufs Herz.
+
+Um nun ihren Johannes zu erlösen, er sei, wo er sei, beschloß sie, den
+Herrn von Borromäus anzugehen, die alte Schuldverschreibung in der Hand.
+Denn der Gerichtshalter wohnte in der Stadt, und so weit konnte sie sich
+nicht mehr entfernen.
+
+Der Schulmeister aber brachte ihr Nachricht, daß es mit dem seligen Herrn
+zu Ende gehe, daß ein neuer Gutsherr komme, der Breitenthal auf Schuld
+übernehme, ein reicher Kauf- und Handelsherr aus Frankfurt. Alle
+»exigibilen« Reste wären im »Transsubstantiations« Verkauf mit angenommen;
+die »inexigibilen« aber wollte der selige Herr noch für sich eintreiben zu
+einem Ausgedinge, und es würden schon Ziegeln angefahren auf den
+Vogelheerd. Geld also bekommt Ihr nicht mehr, gute Christel, sagte er; ein
+Sterbender hat keine Furcht mehr, besonders wenn der Gerichtshalter die
+Schwuracten nicht aufgehoben haben -- sollte! Wer hat danach zu fragen? --
+Das sahe Christel ein. Sie sah auch, daß sich Wecker zusammennahm, so
+verständig als möglich zu reden und zu sein; denn es war ihm eine
+Freistelle in einem ganz närrischen Hause versprochen worden, wie er
+umschrieb, die erst noch ausgewirkt werden sollte, damit das Dorf und der
+arme Mann zur Ruhe komme. Er durfte nicht mehr umherlaufen, singen und
+Schule halten; das Wecken besonders hatte der immer gern, aber Morgens am
+süßesten schlafende Pastor sehr übel genommen; desgleichen hatten es die
+anderen Herren Pastoren im Umkreis als eine vorwurfsschwere Anspielung sich
+verbeten; und so mußte der alte Mann in die weiteren Dörfer wandern, sein
+tägliches -- Schulgeld holen, das er mit Thränen aß, und dabei Christel mit
+Stellen aus der Bibel bat, ihn nicht zu verstoßen in der Kälte.
+
+Denn so lau und öfter lieblich es die wahren Wintermonate gewesen, ihrem
+Johannes im Kerker zu Liebe, dachte nun Christel -- so stürmisch und kalt
+winterte es jetzt gegen Ostern nach, als wenn der Himmel den Menschen seine
+mährchenhaften Einfälle: von langsam rauchendem Dampf wie heimlich
+brennende Flüsse -- hoch beschneite Berge -- lange Eiszapfen an den
+Weinstöcken statt der Trauben -- wie mit weißen Blüthen beschüttete Bäume
+im Walde -- eingefrorene Fische -- weißbereifte Bärte und Blumen an den
+Fensterscheiben zum ersten Male in aller Pracht und Schönheit zeigen und
+recht lange den Wintergarten sie genießen lassen wolle, damit sie sich satt
+daran sähen und wieder einmal merkten, daß die Erde allein des Herrn sei.
+Denn alle Raine, Zäune, Grenzen und Werke der Menschen in seiner Natur
+waren hoch mit Schnee bedeckt und trugen nur seine Farbe, als wäre das
+große alte Lehn erloschen; und so weit das Auge reichte, erschien nur
+_eine_ weiße flimmernde Decke, und _ein_ blauer feiernder Himmel, mit
+seiner Sonne; zum Zeichen, daß Alles nur Einem Herrn gehöre.
+
+Daß Wecker wahr geredet, erfuhr Christel zu ihrem großen Leid. Denn die
+alte Frau im Hause, die wie Christel, so lange sie selbst es vor andern
+_kleinen_ Arbeiten konnte, und ihre Umstände es erlaubten, von Spinnen
+lebte, hatte ihr die letzten Monate her nach und nach drei Thaler geliehen.
+Nun aber wurden die »inexigibilen« Reste eingetrieben, wo freilich kein
+Ansehen der Person mehr galt; die Alte sollte also für ihren vor 20 Jahren
+schon begrabenen Mann 5 Thaler für Birkenruthen zu Besen entrichten, und
+das nun leider bei Todesstrafe der armen Ziege der Christel, die zur
+Ernährung der Kinder das Beste beitrug. Denn Christel mußte statt der
+geliehenen drei Thaler die gute Ziege geben, die Ziege mußte nun fort _auf
+das Schloß_ geführt und geschlachtet werden, und dennoch langte das dafür
+_gelöschte_ Geld nur hin, daß _Christel_ die große Schuld abzahlte, wenn
+auch die alte Frau noch um Gnade bitten mußte. Aber selbst die Ziege
+stemmte sich zu gehen, und Christel und die Kinder weinten der alten Frau
+nach, die ihrer kaum Herr ward.
+
+Dafür erhielt aber Christel zum Palmensonntag einen kleinen Braten von der
+jungen Ziege. Die Kinder wußten nicht, was sie aßen, Christel war in der
+That nicht wohl, schob den Teller hin, stand auf und Wecker ließ sich den
+»alten Rest von den Besen« schmecken. Von der _Ziege_ äße ich auch nicht,
+sagt' er; aber welcher große Herr weiß denn immer, _was_ er ißt? Was würden
+da manchmal, d. h. so manches _liebes_ Mal und Mahl für Dinge auf dem
+Tische stehen! _was_ für Getränke würde man auf den Inhaltszetteln an den
+_Wein_flaschen lesen! Von _was_ würden die Braten und Torten sein, wenn
+Alles in rerum natura zu sehen wäre! -- Hu! Phantasmata! daß mir die Haut
+schauert -- wenn es nur schmeckt! Ein Schulmeister braucht es auch nicht zu
+wissen, was er ißt, geschweige wenn er keiner ist, wie ich. Birkenruthen
+sind bitter; nicht wahr, ihr Kinder? -- und er lachte mit nassen Augen, als
+sie sagten: Ja! Herr Wecker -- -- und sein: »Das wollt' ich nur wissen,«
+konnte er das _Mal_ vor Jammer nicht sagen. Aber er lehrte dafür: Es hat
+einmal einen uralten Weltweisen gegeben, -- als welche auch
+Unterschiedliches gegessen haben sollen und müssen, wie Paulus Alles ohne
+Unterschied, was nur vom Himmel gehangen, -- _der_ hat in seinem
+unchristlichen Gedicht den Magen ein _Unthier_ genannt. Das ist so wahr wie
+das heilige A. B. C.! Der Mann hat den Magen so gut gekannt als ich. Das
+will viel sagen, Kinder! Ein wirklich armer, wirklicher Schulmeister muß
+sich das von mir erst sagen lassen, der Gelbschnabel!
+
+Die Kinder standen nun auf. Da Wecker aber noch nicht satt war, fing er
+statt des Dankgebetes mit lauter Stimme noch ein Mal sein Gebet um Speise,
+das: »Herr Gott, himmlischer Vater« an, schämte sich wie ein Nachtwächter,
+der, wenn er den Tag abrufen und singen soll: Der Tag vertreibt die finstre
+Nacht -- aber noch einmal abruft: Ruhet in dem Herrn! -- legte sich hin und
+_schlief_ sich wenigstens _satt_, wie ein armer Tagelöhner in der
+Mittagsstunde. Aber er schlief nicht so ruhig wie dieser im Schatten der
+Bäume, sondern er träumte; und so hörte Christel mit Furcht die Worte:
+»Blutbesudeltes Fleisch nun schmausten sie« -- -- und wieder: »die
+Sonnenrinder brüllten an den Spießen -- -- und die Häute krochen umher« --
+-- -- -- -- und mir -- mir meckert die Ziege im Leibe -- -- sie will mir
+das Herz abstoßen, mein ehrliches Herz? Oder stößt sie nur mein Unthier,
+den Magen, der sie mitgegessen hat, ja, fast allein. Fort! hebe dich weg!
+-- Hilf mir doch, hilf, Friedrich, mein Sohn! Friedrich, mein Sohn!
+
+Er setzte sich vor Furcht im Schlafe auf. Auch die Kinder fürchteten sich
+und liefen zur Mutter, die ihnen sagte: Kinder, er schwatzt ja nur aus der
+Schule! und hat nur den Schlucken! ach im Traume gedenkt er seines Sohnes,
+der unter den Soldaten ist, wie mein armer Bruder _Stephan_. Ach! -- Sie
+rief ihn erst leise, dann laut und lauter bei seinem Namen: Wecker! --
+Wecker! -- Wecker! -- wacht doch auf! Ihr träumt zum Fürchten und wißt es
+nicht! --
+
+
+
+
+19.
+
+
+Christel war in der Dämmerung im Dorfe gewesen, um die junge, arme, liebe,
+schöne, gnädige Frau noch ein Mal -- auf ihrem Castrum doloris zu sehen und
+sich satt zu weinen, und kam jetzt heim. Die Stube war kalt, die Nacht war
+lang, die Kinder fror. Aber sie hatte das letzte Holz heut' angelegt und
+verbraten, und dennoch ging sie hinaus, noch Etwas zu suchen. Es war
+Mondschein, und sie erblickte eine Menge schon kleingespaltenes Holz vor
+der Thür liegen. Das war nicht ihres. Aber sie bedurfte sein. Banden die
+Jünger den Esel nicht los? sprach sie bei sich; aß David nicht die
+Schaubrote? Das ist ja wirkliches Holz! und dennoch ging sie erst an der
+Stube der alten Frau Redemehr horchen. Alles still, doch die Kinder
+weinten! Sie eilte, sie drückte die Augen fest zu und ladete schnell einen
+Arm sich voll. Aber das trockene Fichtenholz klang doch, wenn sie Scheit
+auf Scheit legte, wie eine Strohfiedel; denn in der Angst zitterte sie, und
+es fiel ihr aus der wie brennenden Hand. Als sie die Augen aufschlug,
+hinein zu eilen ungesehen, erblickte sie die Alte, die zu ihr sagte: Wollt'
+Ihr nicht lieber gleich Alles hinein tragen! Man ist doch niemals vor
+Dieben sicher in der Kälte! Ich will Euch helfen! --
+
+So ertappt als Diebin erreichte sie nur mit Mühe und Noth die Stubenthür;
+aber niedergedrückt von der ersten Schuld in ihrem Leben und von der
+ängstlichen Last, sank sie zu Boden und hätte noch lange gelegen, wenn ihr
+nicht Daniel beigestanden.
+
+Das ist brav! sagte Wecker und legte ohne Weiteres an von dem Holze.
+
+Christel aber saß auf dem Bett wie erstarrt, und noch ganz erstaunt über
+sich selbst, und darüber, daß das Holz brannte! die Flamme sie anschien und
+wärmte! -- Johannes hat Recht! sagte sie für sich. Aber es wird den Kindern
+wohlthun und dem alten Manne! und daß mich die Alte gesehen, das ist meine
+Strafe auf Lebenszeit. Sie wollte in der Bibel lesen; aber es ging nicht.
+
+Da trat die Alte ein und sagte ihr: Laßt das Holz doch nicht liegen! ich
+helfe Euch, oder trag' es mit Weckern ins Haus. Die liebe gnädige Frau hat
+es Euch geschickt; sie hat noch an alle Armen gedacht, selbst auf dem
+letzten Lager. Ihr waret nicht da. Meins ist schon verwahrt. -- So ging
+sie, Wecker und Daniel.
+
+Aber Christel war darum nicht erheitert. Ihr war die Last nicht vom Herzen.
+Desto schlimmer! seufzte sie. Wer oft nur einen Augenblick warten, nur
+etwas Geringes entbehren will -- dem giebt der Herr ja Alles mit Freuden zu
+seiner Freude. Außerdem aber zu seiner Qual! Doch ich will mich mit meinem
+Gott versöhnen, daß ich das Kind nicht verwahrlose, es ist ja so die letzte
+Zeit, und gut für jedes Weib, das, wie ich, mit einem Fuße im Grabe steht.
+
+So war sie noch fleißig bis zum Charfreitag früh. Dann wickelte sie das
+Goldstück, um auch das los zu werden, zum Beichtpfennig für den Prediger
+ein und ging in die Kirche. Zuvor bat sie Weckern, der Alten und den
+Kindern ab, wenn sie sie ja mit Worten oder Werken beleidigt, und im Geiste
+bat sie es auch ihrem Johannes ab, den sie ordentlich vor sich stehen sah,
+wie sonst an solchen Tagen, und hörte, wie sonst, wenn er ihr sagte: Du
+hast mich nicht beleidigt, meine Christel, vergieb nur mir! Und das that
+sie nun von Herzen.
+
+In der Halle der Kirche hörte sie schon den Tremulanten, der heute zum
+Todestage des Herrn gezogen war, und seine dumpfen Schläge schlugen an ihre
+Brust, und sie bebte mit, wie die Töne bebten, daß sie hinknien mußte, vor
+eigenem Elend, weit übertroffen von dem schönsten aber schmählichsten Tode.
+Die Orgel führte die Melodie des wunderlichen alten Kirchenliedes: O
+Traurigkeit! o Herzeleid! -- Der erste Vers war geendet, die langsam
+schwebenden Töne klangen allein, und nun fiel die ganze Gemeinde dumpf, und
+doch durch die Menge der Stimmen mit erschütternder Macht in die Worte ein:
+
+ O große Noth:
+ Gott selbst ist todt! --
+
+Sie wußte nicht mehr, wo sie war, sie betete nur, und auch das nicht mehr;
+so ergriffen, ja entsetzt war sie von diesen Worten, die ihr so wahr, so
+traurig und fürchterlich erklangen. Und nun erst, als das Beben und Brausen
+schwieg, zitterte ihr Herz nicht mehr so ängstlich über das furchtbare
+Bild, das sie durch die Worte wie durch ein Feuer gehört und gesehen, aber
+es klang ihr selbst am Altar noch immer vor den Ohren, ihr war, als raunte
+eine tiefe Stimme zu ihrem Herzen:
+
+ O große Noth:
+ Gott selbst ist todt! --
+
+Und wie das arme verlassene Weib durch die Noth aller dieser Tage zuletzt
+selbst in ihrem Muthe gebeugt war, wie ihr das große Wasser und Dorothee,
+der Leinweber und Wecker einfiel, die gnädige Frau, ja selbst die Ziege,
+und jene Reden im Traum, wie sie die Kinder vor Augen sah, Johannes vor
+Augen sah und bedachte, welche neue Angst ihr bevorstehe, die sie
+vielleicht den Kindern raube und in das Grab stürze; so brach ihr das Herz;
+und nun wiederholte sie selbst mit Grausen die Worte in ihrem verworrenen
+Geiste: Gott selbst ist todt.
+
+Dann opferte sie das Gold, wartete den Segen ab und ging ganz unter den
+Letzten aus dem Gotteshause.
+
+Wie aber die Geistlichen während des Opfers auf dem Altare stehen, ohne
+noch zu fungiren, und wie dabei doch auch von dem Würdigsten zu Zeiten ein
+Blick zur Seite nach dem Gelde fällt: so war besonders das Goldstück dem
+Herrn Prediger in die Augen geblinkt, und er hatte die Geberin gemerkt,
+sich sagen lassen, wer sie sei, und von dem neuen Schulmeister -- des alten
+wegen -- nichts eben Besonderes erfahren, auch daß ihr Mann im Stockhause
+sitze, und daß sie leben, ohne Jemand zur Last zu fallen. So winkte er ihr
+dann auf dem Nachhausegange. Sie beantwortete seine Frage, wie sie zu dem
+Golde komme, nicht unbefangen, noch wahrhaft; aber sie hörte kaum mehr, als
+er sagte: vielleicht ist es nicht wohlverdient, wohl gar entwandt! und es
+reut Euch, weil Ihr es opfert? Oder liegen da mehr wo Eins liegt? -- Sie
+lispelte nur »o große Noth!« und als er fortfuhr, ihr das Herz zu zerreißen
+und sprach: Man wird Euch streng beobachten! Daß Ihr nicht etwa entlauft!
+-- pfui schämt Euch, eine Frau, die mit einem Fuße im Grabe steht! nach den
+Feiertagen will ich die Sache untersuchen -- -- da weinte sie sogar nicht,
+sondern sie war todtenblaß, schlich dahin, im Finstern, denn sie sah die
+helle Mittagssonne nicht, und sie bebte und hörte wieder das bange Wort:
+Gott selbst ist todt. --
+
+Daß das kleine Kind, ihr Liebchen, wie sie aus Gottliebchen mit
+mütterlicher Zärtlichkeit gebildet, nämlich das Weihnachtskind indessen
+verschwunden war, daß weder die Alte und Wecker, die auch in der Kirche
+gewesen, noch die Kinder, die Verstecken gespielt, deßgleichen nichts davon
+wußten, das rührte sie kaum. Sie glühte, sie war krank über Nachmittag; sie
+sah sich die untergehende Sonne noch einmal an, empfahl sich Gott und ging
+dann, als es Dunkel geworden, zu Bette, und sahe noch, mit Thränen in ihr
+Stübchen blickend, wie Fackeln vorüber zogen, wie Clementine, die gestorben
+war, nach ihres Vaters Gut, nach ihrem Willen, nicht in Breitenthal zu
+ruhen, mit schwarz behangenen Pferden langsam fortgeführt ward; hörte, wie
+die Glocken ihr nachriefen, ängstlich, ängstlich! und der Mond in den
+Fackelglanz schien -- bis Alles verschwand, bis sie die Augen schloß.
+
+In der Nacht nun träumte ihr der Traum: Unser Herr-Gott sei gestorben.
+Engel, blaß wie der Tod, hatten es ausgerufen, mit Stimmen, die bebten vor
+Wehmuth. Thränen fielen wie Thau und warmer Regen vom wolkenlosen Himmel,
+und die Kinder standen mit ausgestreckten Händen und fingen die Tropfen in
+ihrer Hand auf und staunten sie an und zeigten sie den Menschen, die sich
+lautlos und entgeistert einander ansahen. Ein unaufhörliches Lauten, wie
+von großen silbernen, aber gedämpften Glocken, summte in der Luft, und Alle
+sahen und hörten hinauf, und Niemand wußte, woher das feierliche Lauten
+scholl. Die Sonne stand verfinstert; ängstliche Düsternheit ward auf der
+Erde, die innerlich bebte. Die Eulen kamen aus ihren Höhlen, die
+Johanniswürmchen flogen und schimmerten sichtbar wie Funken, die Hähne
+krähten und gingen zu Bette, die Blumen schlossen sich zu und senkten ihr
+Haupt, die Vögel schwiegen, und die Krähen zogen zu Walde. Die
+verschatteten Gewölke erschienen wie schwarze herabgeworfene Flore, die
+Nachtigall brach in einzelne Klagetöne aus und verstummte plötzlich, und
+die Gestirne traten am Himmel bei Tage heraus, und eine Verwirrung war in
+der Natur voll Angst und Zagen und Hast und Bestürzung, und aus der
+äußersten Ferne des Himmels erdröhnte es dumpf, als stürzte sein altes
+Gewölbe zusammen und würde verschüttet, und das Dröhnen scholl immer näher,
+hörbarer, herzbeklemmender, und Niemand wußte Rettung. Und die Erde
+schwebte mit der Träumenden empor, und ihre Schwester Martha raunte ihr ins
+Ohr: Ich bin todt, und Du bist todt! Nichts lebt mehr, wenn der Vater todt
+ist. Unser Herz hat ausgeschlagen, unsere Augen sehen ungeblendet selbst in
+den Blitz -- komm! komm! komm -- ich will Dir den Heiligen zeigen in seinem
+Sarge. Und sie klopften an die Thür des Himmels, und Weihrauchduft quoll
+ihnen entgegen, und sie sahe in dem wie Herbstnebel wallenden silbernen,
+Alles verhüllenden Duft hohe, diamantene Leuchter stehen, aber keine Kerzen
+darauf, sondern ruhig um dieselben im Kreise sich drehend, schimmerten
+Lichtkugeln wie Gestirne und Sonnen, und kleinere Lichter wieder um sie.
+Und so standen unzählige Leuchter auf den Stufen eines himmelblauen
+Katafalks, von unten bis oben hinauf um das Castrum doloris, und oben
+darauf stand ein krystallener Sarg, und Engel hielten Wache um den wie
+schlafenden Vater und hatten vor Schmerz sich eingehüllt in ihre Flügel. --
+Niemand wagte hinzuschauen. Eine feierliche, tödtliche Stille wie
+Gewitterschwüle. Nur leise Donner murmelten dumpf in der Ferne, weit, weit,
+wie Sterbegeseufz der Natur, und Flügelschlag der Winde sauste vorüber, und
+das veilchenblaue Gewand des Schlummernden, sanft davon bestreift, duftete
+lieblich wie ewiger Frühling, und die damit getränkte Luft verhauchte den
+Wohlgeruch, köstlich duftend, und hin und her ein Engel nur seufzte aus
+tiefer Brust: O große Noth! Und aus allen Regionen der Welt stürzten
+athemlos und verblaßt, Angst im Antlitz, auf ihren Flügeln, wie vor dem
+Sturm heimeilende Tauben, Engel herzu und sahen und blieben stehen, zu
+Bildern erstarrt mit gehobener Hand, oder sanken auf ihr Gesicht.
+
+Siehe da trat Einer mit gescheiteltem, goldenem Haar vor den Sarg und las
+mir weicher Stimme: Er, Er, der allein ist, der _allein_ sein wird, Er
+wollte die Welt nicht wieder zerstören, seiner Hände Werk; sie war ihm zu
+schön, zu geliebt -- aber zu sündhaft. Niemand sah _Ihn_ durch sein Werk,
+über ihm, in ihm, mit ihm, Sie lebten wie _ohne_ Ihn! -- Wehe! nicht das
+einzige Verbot: Du sollst nicht tödten! dieß grellklingende, leichte Verbot
+an die rohen Pilger in der Wüste, das Er auf den harten Stein mit dem
+Finger geschrieben, vermochten Weisere, Glücklichere, Spätere seiner Kinder
+zu halten! geschweige das ewige einzige Gebot, das im Blute der Natur wie
+Balsam zu allen Herzen drängt, das Sterne und Sonnen voll Milde und
+Schweigen _laut_ in Strahlen verkünden, das die Erden _blühen_ mit tausend
+Blumen, das auf dem Antlitz der Neugebornen als Lächeln steht, das Gebot:
+liebe Gott über Alles, und Deinen Nächsten als Dich selbst. -- So ist er
+gestorben, wie Er sterben kann; so ist er todt, wie _Jemand_ todt sein
+kann: -- Er schweigt und ruht in seiner eignen stillen Seligkeit, um der
+Welt zu zeigen, was sie ohne ihn sei, ohne die Liebe, die Er ist. Ihr
+Heiligen aber, verzaget nicht! Ihr wohnt, wie zuvor schon auf der Welt,
+auch jetzt in seinem schlummernden Geiste. --
+
+Und eine Geisterstimme rief:
+
+ Zur Gruft! zur Gruft! zur Gruft!
+ Komme hinaus, mein König![A]
+
+[Fußnote A: [Greek: `Exelthe, `ô basileu]! rief die Stimme eines zum Engel
+verkleideten Menschen die griechischen Kaiser, wenn sie erhoben wurden, um
+in die Gruft getragen zu werden -- in das Heroon. Im _Europalata_.]
+
+Nun, sahen sie, nun erhoben ihn schauernd die Engel und trugen ihn zur
+Gruft und versenkten ihn. Auch Moses war unter den Begrabenden, und streute
+sein abgeschnittenes Silberhaar mit den Blumen Streuenden zuletzt in das
+offene Grab. -- Da fielen die Sterne vom Himmel, der Welt entging die
+Kraft, und sie zog zurück in sein Herz, wie eine leuchtende Wolke, die ihn
+umwob, und ein Strahl daraus wie ein Abendsonnenstrahl aus Gewölk glänzte
+und senkte sich, glühend und rege fließend, auf seine Brust. Finsterniß
+ward! Oede! Schweigen! Keine Wolke zog, kein Lüftchen wehte; die Flüsse
+versiegten, die Blumen verwelkten, alle Pulse stockten, keine Thräne hatte
+selbst ein Auge mehr; kein Ach! eine Stimme; keine Hände hatten die Kraft,
+zum Gebet sich zu falten; keinen Gedanken jetzt mehr: »Wir wollen uns
+lieben,« irgend ein Herz. Alle Propheten, alle Gesandten, alle Söhne Gottes
+von allen Sternen herbeigeschwirrt wie weiße Schatten, hauchten Gott den
+Geist Gottes aus, waren todt und nichts, von seiner zurückgenommenen
+geliehenen Kraft verlassen. Selbst die Engel sanken zuletzt am Grabe, von
+seiner Kraft verlassen, dahin; ein unermeßlicher weißer Regenbogen, wie
+eine unendliche, breite Milchstraße, zog sich aus allen den zerschollenen
+und zerstäubten flirrenden Massen von Leben und Licht über dem Grabe
+zusammen, aus welchem Glanz hervorbrach, warm und sanft und rosig, wie eine
+Rose schimmert im Mondschein. -- Sie nahte mit heiligem Schauder, sie
+beugte sich zitternd über, sein Antlitz -- Gottes Antlitz zu sehen -- aber
+sie sah nur zwei Thränen blinken wie Thau an seinen leicht geschlossenen
+Augenwimpern, und nur ein unaussprechliches Lächeln, ein wie sichtbares
+Lieben, das sie unwiderstehlich näher und näher, hinab, und zuletzt ihm
+fest an die Brust zog, unabtrennlich-fest, und selig-süß. Und die letzten
+leisen Stimmen der sterbenden Engel ächzten: Gott selbst ist todt! -- Und
+auch sie war gestorben -- ein Säuseln strich noch einmal verlöschend über
+die Gruft, und die Welt war verklungen. Aber sie fühlte auch todt noch ein
+warmes Herz in dem liebenden Busen des Vaters schlagen -- und sie verging.
+-- -- --
+
+Wem sie aber am Herzen erwachte, das war ihr Johannes. Er war
+wiedergekehrt. Sie setzte sich auf, sie sah ihn an und erkannte ihn nicht.
+Ihr Geist war noch nicht zurückgekehrt, in diese Welt, wo so eben das
+schwere Geschütz vorüber in den Krieg rasselte, noch nicht wieder
+eingewohnt in ihrer Hütte, herabgestimmt zu ihren Kindern, zu ihrem
+Johannes, der vor Freuden weinte. Bis er sie munter küßte, bis sie ihm
+leise und schüchtern erzählte, was sie geträumt.
+
+Ich bin verwandelt, meine Christel, sagt' er ernst. Gott hat Dir den Traum
+zum Troste gesandt, daß Du für eine kurze Stunde heiliger Angst zeitlebens
+nun gedenken sollst: Gott lebt! Gott kann nicht sterben. So lebt er auch
+uns -- Du hast den Traum für mich geträumt, und nicht für Dich, Du gute
+Seele, für alle Armen und wer ihn hört. Wer reines Herzens ist, der soll
+Ihn schauen, und Du hast Ihn gesehen, Er lebt! Sieh' auf, dort scheint ja
+die Sonne!
+
+
+
+
+20.
+
+
+Noch in der düstern Morgendämmerung des Ostersonnabendes, ehe der Vater
+nach Hause gekommen, war aber der kleine Daniel schon mit Wecker in ein
+anderes Dorf gegangen. Sie hatten sich Abends heimlich beredet, Daniel
+hatte sich ein kleines Säckchen geborgt und umgehangen; denn er sahe, wie
+nöthig das Nöthigste im Hause sei, was die Kleinen vergebens von der Mutter
+verlangt, nur er nicht. Er hatte die Jacke des Vaters an, die ihm in der
+Kälte ein kleiner Mantel war.
+
+Das hatte die Alte gesehen. Heut' ist ja heiliger Abend, sagte sie zu
+Johannes, da wird der Weg nicht leer von Dorf zu Dorf, wo nur Essen
+rauchen; da macht sich ja mancher auf und wird _darum_ nicht übler
+angesehen, weil er auch sonst das ganze Jahr nicht kommt! Mir ist nur der
+Schnee zu hoch, sonst ist es ja eine wahre Labung und Stärkung, gerade an
+solchem heiligen Tage betteln zu gehen. Die Wehmuth hat mir Gott schon
+geschenkt! Man wird so reich, so reich -- Ihr wißt das gar nicht, mein
+Johannes. Gönnt das dem Kinde und dem Alten!
+
+Doch war es schon Abend, ja Nacht geworden, und Beide kamen nicht wieder.
+Die Mutter hatte aber Manches in der Stille zurecht gelegt und besorgt, was
+sie genäht, und was so klein, so lieblich anzusehen war! Sie lächelte nur
+Johannes an, saß oft lange still, schlummerte wieder und bat ihn endlich
+nach Mitternacht, »mit dem blauen und rothen Strumpfe zu laufen,« wie es
+heißt, und den Storch zu holen.
+
+Er lief mit freudiger Hast. Er pochte. Ein junges Mädchen kam ans Fenster,
+nicht die Kindelfrau. -- Die Mutter ist drüben im andern Dorfe bei der
+reichen Müllerin, sagte sie ihm; schon drei Tage. -- Er zündete sich eine
+Kienfackel an und eilte, durch das feine Schneegestöber sich leuchtend, und
+geblendet, in einen engen Lichtkreis eingeschlossen. So kam er, weit außer
+dem Dorfe, vom Wege ab, in Windwehen, machte sich Bahn hindurch und stand
+auf einmal in dem Kalksteinbruch. Er leuchtete an dem bunten marmoradrigen
+Gestein umher, den Ausweg zu finden. Da sah er auf einer natürlichen
+Marmorbank, wie in einer Grotte die außer dem Winde und ohne Schnee war,
+eine kleine ruhige Gestalt sitzen, sanft hingelehnt. Er nahte mit
+Herzpochen; Knöpfe blitzten ihn an, das Tuch war blau -- es war sein
+gewesener Kirchrock; ein kleines blasses Gesicht lächelte ihn an -- es war
+sein gewesenes Kind, der Daniel, ein volles Täschchen auf seinem Schooße,
+einen Schnitt Brotes in seiner steif gefrornen Hand. Er leuchtete das an,
+er sah es und sah es nicht, er hielt die Hände fest vor die Augen, es nicht
+zu sehen. So stand er lange. Und als er wieder aufsah, mit Wehmuth
+hinblickte, war Alles verschwunden, wie ein Traum, keine röthliche
+grellerleuchtete Grotte, kein Kind, nur Nacht und Stille. Hast Du das auch
+geträumt? fragt' er sich froh und bestürzt. -- Er sahe zu Boden. Der
+Kienbrand, den er vor Schrecken fallen lassen, zischte im Schnee mit dem
+letzten Funken und war verloschen. -- So sagte er nichts und dachte
+Verwirrendes. Er fühlte sich zu dem Kinde, er umfaßt' es und küßte ihm die
+Hand, und das Brot. -- Du bist hin! sagt' er weich. So warte denn hier,
+mein liebes Kind! Die Mutter bedarf es. Nicht wahr, Du bist es zufrieden,
+daß ich gehe! -- und Dich, bis ich wiederkomme, Dich hier allein verlasse?
+-- Gewiß! Du bist es zufrieden. Du gingst ja schon um der Mutter willen,
+und um die Geschwister! Heiße mich gehen! mein Kind! und ich möchte doch
+bei Dir bleiben! Fürchte Dich nicht! ich komme ja wieder! Bald, geschwind!
+--
+
+So redet' er mit dem erfrornen Kinde, das ermüdet und von Kälte ergriffen,
+ausruhen und essen wollen, zum Botenlohn, und süß und immer süßer
+eingeschlafen war, und das der unerbittliche Tod, der auch des Nachts
+überall umherschleicht, der weder Vater noch Mutter, Brüder und Schwestern
+hat, auch hier gefunden und ohne Herz und Mitleid nicht verschont. -- Das
+dachte Johannes im Weitereilen und sprach vor sich: Ich möchte doch der Tod
+nicht sein! Das ist das schrecklichste Amt in der Welt. Wie gern doch bin
+ich dagegen der arme Johannes! Und doch muß ich das sehen und dulden! Das
+Kind ist glücklich. Wie konnt' ich besser sehen, wie gut es ist, wie
+glücklich ich war, _als so!_ -- Heut' in der heiligen Osternacht hab' ich's
+gesehen und erfahren: Kein Mensch ist so unglücklich, daß er nicht noch
+weit unglücklicher werden kann! Ach, du lebendiger Vater im Himmel, sei
+doch auch Keiner so elend, der nicht wieder glücklich werden könnte. --
+Gewiß, der Gute kann immer wieder glücklich werden! -- sprach eine innere
+Stimme in ihm. Gott ist nicht todt. -- Du _warst_ ein Thor und bist
+vielleicht noch einer. -- Wer das wüßte! seufzt' er. Wer weiß, wo Wecker
+sitzt! --
+
+Er beeilte nun seinen Vatergang. Die Mühle stand. Die Räder waren
+eingefroren und wunderlich anzusehen. Aber die Müllerin ließ die Kindelfrau
+nicht fort, und sie selbst versprach sich keinen Lohn und tröstete ihn mit
+Gott und Gottes Hülfe.
+
+Das Wort trieb ihn beruhigt fort. Aber Wecker hatte in der Mühle
+geschlafen, war schon munter, hatte vom Schlaf auf dem Stroh keine Federn
+in Haaren, wie er vergnügt bemerkte, fragte nach Daniel, der sich nicht
+halten lassen, und ging mit Johannes, dem jetzt die Angst entnommen war: er
+könne auch den alten Mann so finden wie den Knaben.
+
+Wecker trug eine große Fackel brennend in einer Hand, und eine zum Vorrath
+in der andern. Johannes schritt vom Wege ab, in den Steinbruch, und als
+Wecker das starre Kind sah, fehlte nicht viel, er hätte die Fackel fallen
+lassen. Aber er zitterte nur, daß in den flackernden Lichtern und den
+bewegten Schatten das Kind lebendig zu werden schien. --
+
+Der Mann bin ich! sprach er wie ein Sündenbekenntniß, das Johannes wohl
+verstand, aber schweigend den Knaben sich auflud und mit ihm fortschritt,
+während Wecker heut' im erregten Wahnsinn wunderliche Reden führte, während
+er vorn leuchtete.
+
+Das wollt' ich nur noch wissen! sagt' er zuletzt; nun kann ich sterben; die
+andre Noth hab' ich alle gelernt, bis auf den Tod. Ich sollte dem kleinen
+Betteltäschchen die Freude nicht machen! -- Wecker, du solltest mit heim
+gehen! das heißt, wo er zu Hause ist, oder auch heim! wo du heim bist!
+Johannes sollte lieber »das alte Schulhaus« schleppen, wie die Engel das
+Haus nach Loretto; dann schrie der Kuckuck nicht im Schnee, dann müßte der
+Pastor einmal umsonst begraben. Der sollte sich ärgern! -- Aber an einer
+oben brennenden Fackel kann man sich unten die Hände erfrieren, Johannes!
+Merkt Euch das.
+
+Gott wird der Christel den Schaden ersetzen, sagte Johannes. -- Da will ich
+die Wiege sein, die Euch fehlt; der Mann bin ich! freute sich Wecker. --
+
+Aus den Dörfern umher schallte schon Ostergesang und hallte freudig im
+Walde nach, wie ein Echo vom Himmel, oder wie sanfte Stimmen unsichtbarer
+Engel, die an dem heiligen Morgen um die Menschen wandelten auf Erden.
+Alles war angeklungen von dem geweihten Gesang. Der Himmel und vor ihnen
+der blinkende große Morgenstern schien nicht _sein eigen_, die Erde nicht
+ihr eigen, nicht Wald und Flur, Hütten und Weinberge nicht, auch die
+Menschenherzen nicht, sondern der Name: _Christus_, gesungen aus der Brust
+der Mädchen, umfing und befing Alles mit sanftem Schall und eignete _Ihm_
+es zu; und die Welt war Gottes des Vaters in dieser heiligen Morgenstunde.
+
+Hört ihr die Jungfrau'n, Johannes? wie das erbaulich klingt! sprach Wecker.
+Sie haben's heut kalt. Aber sonst wär's auch keine Kunst, zu singen! So
+Etwas ist ewig, und verlangt sein Recht zu aller Zeit. Ich mußte auch
+lauten, und wenn das Gewitter dicht über mir stand; es hat mich auch einmal
+so halb und halb, das heißt aber nicht etwa _ganz_ versengt, so nur
+angesengt! Dafür hab' ich auch keine Wetterscheu mehr! denn ein rechtes
+Unglück trifft Niemanden zwei Mal, wie das große Loos! Das könnt Ihr Euch
+merken! --
+
+Johannes merkte sich das mit Stöhnen. Er blieb ein Weilchen stehen, um
+auszuruhen und Athem zu schöpfen, aber er setzte seinen guten Daniel
+unterdessen nicht in den Schnee.
+
+Hört nur, fuhr Wecker fort, dort singen sie drüben das Lied:
+
+ Der Tod ist todt,
+ Das Leben lebet,
+ Das Grab ist selbst begraben! --
+
+Das wäre gut für den Daniel! und gut für den Todtengräber, die Erde ist
+jetzt steinhart!
+
+Darauf gingen sie wieder. Als sie aber zum Dorfe kamen, vernahmen sie die
+Melodie, ja selbst die Worte:
+
+ Auf, auf, mein Herz mit Freuden,
+ Nimm wahr, was heut geschieht!
+ Wie kommt nach großen Leiden
+ Doch ein so großes Licht!
+
+Johannes stand gerührt.
+
+Nun da kann ich die Fackel auslöschen! meinte Wecker und stieß sie vor dem
+Hause in den Schnee.
+
+Der Vater aber trug den Knaben leise ins Haus und hörte mit Freudenthränen
+eine zarte Kinderstimme in dem Stübchen, stand und sah durch das kleine
+Fenster in der Thür, wie die Alte es schon im Bettchen auf den Armen trug.
+So legt' er den Daniel hastig in den Schuppen, damit ihn die Mutter nicht
+sähe. Er dachte kaum, daß dieser kein Strohdach hatte, daß es schon tief
+hinein geschneit, daß es immerfort noch häufig hinein schneie -- ihm
+schadete ja das Alles nichts! Da ruhe in Gottes Namen, mein Kind! sagt' er;
+nahm ihm das Täschchen ab und zog sich aus eigner Wehmuth selbst wieder den
+alten Sonntagsrock an, sahe noch einmal zurück, ob es gleich noch düster
+war, und ging erleichtert hinein zu Christel. Er blieb an der Thür stehen.
+Die Alte hatte das Kind der Mutter zum ersten Mal auf die Arme gegeben, und
+er hörte, daß Christel leise sprach: Segne dich Gott! mein liebes Kind!
+Lebe gesund und werde alt, bis Dir die Tage nicht mehr gefallen! Halte fest
+an Gottes Wort. -- Du bist zu _uns_ gekommen -- fuhr sie mit weicher Stimme
+fort -- anstatt in eines Reichen Haus? Wir haben Dich! -- und an _Liebe_
+soll Dir's nicht fehlen, und an nichts, was ich habe, und was Du noch
+brauchst. Sei nur zufrieden und weine mir nicht. Du bist bei mir. --
+
+Nun ward es still. Eine Herzstärkung thät ihr nun wohl! meinte leise die
+Alte. Und so öffnete Johannes das Täschchen, legte erst ein rothes Osterei
+daraus auf den Tisch und brockte das Brot in das kochende Wasser. Dann ging
+er und setzte sich zu Christel auf's Bett.
+
+Sie aß. Er hatte die Augen zu. -- Was weinst Du denn? Vor Freuden? ja wohl!
+mein Johannes, sprach sie, siehe nur her! -- Er aber sagte: Weißt Du auch,
+was Du issest? -- Ich habe ja meine Besinnung, antwortete sie: Brotsuppe!
+die ist mir jetzt am besten und dienlicher als von rüdesheimer
+Hinterhäuser.
+
+Aber von was für Brot! meine Christel, nickt' er. -- Bettelbrot von Daniel?
+sagte sie heiter; sei doch ruhig, Johannes, das Kind hat es gern gethan.
+Alles ist von Gott, auch das Brot, und von dem nehm' ich es an, und von dem
+guten Kinde noch einmal so lieb. -- Wo ist denn der Daniel? ruf ihn doch
+her. -- Er schläft; sagte Johannes; er war sehr müde, die Augen fielen ihm
+immer zu. -- Nun so laß ihn schlafen, lächelte Christel; er hat ein gutes
+Werk gethan. -- Der Vater aber ging von ihr, besah das Osterei, brachte
+heraus, was darauf gekritzelt war: »Friede sei mit Euch,« schnitt einen
+Eierkorb und hing es über dem Eßtisch auf, zu des Kindes Angedenken.
+
+
+
+
+21.
+
+
+Da erklang ein Posthorn und rufte wie drüben vom zugefrornen und
+verschneiten Teiche her. Es ward still; dann ging die Hausthür auf, derbe
+Tritte stampften den Schnee von den Füßen, und das kleine, vom Kaminfeuer
+erleuchtete Fensterchen in der Thür lockte den Fremden herein.
+
+Bin ich noch weit von Breitenthal? fragt' er; guten Morgen auch! Man sieht
+im Schneegeflocke die Hand nicht vor den Augen.
+
+Wir wohnen im letzten Hause von Breitenthal, oder im ersten, wenn man
+kommt; sagte Johannes.
+
+An der Stimme, und näher getreten nun auch im Scheine des Feuers, erkannte
+der Fremde jetzt Johannes, reicht' ihm die Hand und sagte: Kennt Ihr mich
+noch!
+
+Ihr seid wohl der Herr vom Kirchthurm, meinte Johannes.
+
+Nicht allein der Herr vom Kirchthurm, sondern auch jetzt der Herr von
+Breitenthal! versetzte der Fremde lächelnd. Ich bin noch in Eurer großen
+Schuld! aber ich habe an Euch gedacht; ein kleines Schiff mit Sachen liegt
+für Euch schon befrachtet in Frankfurt bei mir auf dem Main; sobald der
+Fluß wieder aufgeht, kommt es für Euch, und Schiffchen und Alles ist Euer.
+Nehmt damit vor Willen; das macht Paschalis nicht ärmer.
+
+Ihr habt ja gehört -- ich bin nur nach _Dorothee_ gefahren! Ihr sollt mir
+ja nicht danken, hat sie gesagt; das ist nicht nöthig; wiederholte
+Johannes.
+
+Aber angenehm ist es, entgegnete Jener, und mir Bedürfniß, und, seh' ich
+recht, auch Euch.
+
+Da möcht' es nur _bald_ aufthauen! sagte Frau Redemehr.
+
+Aber wo habt Ihr die Dorothee? fragte Paschalis.
+
+Bester Herr, ließ Christel jetzt ihre Stimme vernehmen, fragen sie nicht
+nach _der!_ Sie hat uns großes Herzeleid angethan. Weihnachten hat sie mir
+ein Kind beschert, das Gottliebchen, und niemand anders als eben auch sie
+hat es zu meinem Kummer mir wieder geraubt. Ich habe gehört, die gnädige
+Frau hat an ihrem Sterbebette Allen vergeben, auch dem gnädigen Gottlieb,
+und Dorothee hat vor Thränen sich nicht fassen können! Nun ist sie
+verschwunden, und wer weiß, wo wir Mutter und Kind noch finden, wenn der
+Schnee und das Eis vergangen.
+
+Sie hat Dir ein Kind gebracht? fragte Johannes seine Christel verwundert.
+
+Mir thut es leid um das saubere, trotzige Mädchen; sagte Paschalis. Wie man
+sich irren kann! Ich glaubte mich schon klug genug, beim ersten Anblick
+eines Menschen ihm sein Schicksal aus dem Gesicht zu lesen; wie er war, und
+wie er sein kann! Aber seid nicht in Sorgen um sie.
+
+Er wollte zur Thür hinaus gehen; Johannes leuchtete ihm. Da erblickte
+Paschalis das steinerne weiße Denkmal, und der vergoldete Namen »Martha«
+schimmerte still ihn an.
+
+Martha! sagt' er für sich. Martha? und auch der alte Johannes! Kinder,
+fragte er betroffen, wie kommt ihr zu dem Stein?
+
+Er ist für meinen Vater und meine Schwester, antwortete Christel. Der
+Kirchhof drunten ist noch nicht in Ordnung.
+
+Deine Schwester, die arme Martha! sagt' er weich. Ich steh' als ein großer
+Schuldner an ihr vor Euch, aber verdammt mich nicht. Ich war aus
+Leidenschaft fähig, ein Unrecht zu begehen, aber es gut zu machen -- zu
+schwach, zu stolz, zu verblendet und fortgerissen von derselben
+Leidenschaft, die Liebe heißt und Verderben ist und es bringt! und als mein
+Vater gestorben war, als ich aus fremden Städten heim kam -- als ich weiser
+war -- da war sie todt. Arme Martha!
+
+Wenn Ihr Euch zu Martha bekennt, sagte Christel niedergeschlagen, so kann
+ich Euch noch ein trauriges Geschenk zum heiligen Ostertage machen!
+Dorothee ist Martha's Tochter. -- Geh' doch in die große Bibel, Johannes,
+und gieb dem Herrn den Brief! Er ist vom alten Pastor an unsern Vater, und
+auch den andern, den noch versiegelten! der ist gewiß nun von Euch. Ihr
+armer Mann!
+
+Johannes brachte die ganzen Papiere und auch die Schuldverschreibung von
+Borromäus, selbst die Letzte an Dorothee.
+
+Paschalis that kaum einen Blick hinein und sprach dann zu Johannes: Geht
+und holt doch Dorotheen aus dem Wagen und schickt ihn dann auf das Schloß.
+Der allzu gnädige Gottlieb droht' er. --
+
+_Ihr_ bringt uns Dorotheen? fragte ihn Christel mit Freud' und Schmerz
+wunderlich gemischt im Klang ihrer Stimme.
+
+-- Ich überholte sie einige Stunden von hier, im Schnee watend, um nach
+Hause zu kehren, nahm sie ein und erkannte sie als dasselbe Mädchen, das
+ich bei Euch gesehen. --
+
+War sie allein? und hatte kein Kind? fragte Christel hastig.
+
+Allein! kein Kind! versetzte Paschalis.
+
+Mir schauert! äußerte Christel und schwieg, das Gesicht in den Händen
+verborgen. Paschalis ging gleichfalls schweigend umher und blieb dann
+gedankenvoll vor der Inschrift stehen.
+
+Dorothee trat ein.
+
+Wo hast Du Dein Kind? redete streng sie Paschalis an.
+
+Wer hat danach zu fragen? sprach Dorothee mit düstern Augen ihn messend.
+
+Dein Vater! antwortete Paschalis noch strenger und ergriff sie bei der
+Hand.
+
+Wer ist denn hier mein Vater? versetzte Dorothee.
+
+Der sich jetzt schämt, es zu sein! erwiederte Paschalis und kehrte sich von
+ihr.
+
+Daran thut er jetzt klug! sagte ihm Dorothee; aber noch klüger hätt' er
+gethan: sich erst zu schämen, eh' ich seine Tochter ward -- und so sich von
+Martha zu kehren, wie jetzt von Dorothee. Aber die Kunst ist nicht groß --
+ich kann es auch. Und nun kehrte sie ihm den Rücken, ganz erhitzt im
+Gesicht, und doch blaß und schneller und hörbar athmend.
+
+Eh' wir weiter reden, nahm Paschalis das Wort, wo ist Dein Kind?
+
+Das ist doch zum Lachen! versetzte Dorothee, wenn es sonst nicht zum Weinen
+wäre! --
+
+Hätt' ich doch lieber nicht auf dem Thurme gelauten! bedauerte Paschalis.
+Ich komme in das Dorf nach meinem Kinde zum Prediger, dem ich sie
+anvertraut. Ein junges Weib sitzt da: ich schweige, ich gehe; ich will
+morgen wiederkommen, um zu erfahren, wo sie nun ist -- da brechen in der
+Nacht die Dämme, da eil' ich hinauf in Todesangst um mein Kind und laute,
+daß sie _meine Stimme_ höre! laute, um in der Menge verborgen sie _mit_ zu
+retten -- nur _sie_ -- -- hätt' ich doch nicht gelauten! hätt' ich doch
+Euch gefragt, wen ich suche, statt Euern Namen mir aufzuschreiben, dann zog
+sie nicht auf das Schloß!
+
+Die Alte aber sprach: die gnädige Frau ist todt; nun kann sie ja der
+gnädige Gottlieb _auch_ heirathen.
+
+Das ist meine Tochter! würd' ich ihm sagen, trotzte Paschalis und hielt
+Dorothee an seiner ausgestreckten Hand.
+
+Das ist nun eben ihm recht! setzte die Alte hinzu; da behält er das Gut.
+
+Ich würde ihm sagen: Sie heißen Gottlieb, aber Ihnen ist weder _Gott_ lieb!
+noch sind Sie Gott _lieb!_ wenigstens _mir_ nicht! Zieh' in den Krieg!
+rieth ihm Paschalis.
+
+Wenn Ihr mein Vater seid, was ich mir nicht wünsche, so seid Ihr doch
+werth, daß ich Euch frage: hatte Clementine nicht eine Mutter? lebte sie
+nicht als Wittwe bei ihr und bei _ihm?_ war sie nicht jung noch und üppig
+genug? -- _Ihr_ hab' ich _ihr_ Kind jetzt hingetragen! War das nicht werth,
+daß eine Tochter vor Gram starb? war das nicht werth, daß eine Mutter vom
+Sarge der Tochter entfloh! --
+
+Alle schwiegen mit stummer Scheu. Dorotheens Worte hatten eingeschlagen.
+Jeder sah zur Erde, Jedem bebte das Herz.
+
+Paschalis wollte seine reine, unschuldige Dorothee umarmen und rief: Mein
+einziges Kind! --
+
+Dorothee trat vor ihm zurück. Nun sind wir geschieden! sprach sie. Das
+Schloß ist Euer -- das Schloß betret' ich nimmer wieder! -- Ihr habt die
+Schulden zu Euren Schulden gemacht; gebt Eurer Martha Schwester ihre
+tausend Gulden, und mir den Lotteriegewinn, daß ich ihn Johannes wieder
+erstatte -- dann lebt in Frieden! Bedenkt, daß Martha meine Mutter war, und
+daß Ihr mich in ihr gekränkt und erniedrigt, unaufhebbar! Und wollt Ihr so
+schenkt dem alten Leinweber einen neuen Baß, so spielt er wieder, und
+Johannes befährt den alten Rhein.
+
+Einen großen Haupt-Straduarius soll der Mann bekommen! Du, Breitenthal!
+Dorothee, daß Du Dich rein erhalten in solchen Händen! Johannes aber ein
+Schiff mit goldenem Boden -- ich will Euch Alle glücklich machen! sagte
+Paschalis erregt zu Johannes.
+
+Wenn Ihr gestern kamt! Gestern war es noch möglich! entgegnete ihm
+Johannes. So elend war ich da nicht wie heut', und nun immerfort! -- o mein
+gutes Weib! -- und doch lebt ja der alte Gott! Du verstehst mich, aber nur
+halb!
+
+Ihr seid doch sonderbare Menschen! sprach Paschalis. Wer begreift das
+Alles! Doch daß Du mir nicht Schande, nein Ehre gemacht, o Dorothee, das
+segnet Dir Gott und mir!
+
+Ihr wundert Euch und seid ein großer Kaufmann, Herr Vater! lächelte
+Dorothee. Das jüngste Mädchen ist so klug wie der älteste Kaufmann. --
+Nicht wahr, Ihr verliert nur _Eure Schätze_, wenn Jemand fallirt, dem Ihr
+sie anvertraut. Aber -- ein _gefallenes_ Haus hat keinen Credit, und ein
+Mädchen borgt _Ihm_ nicht einen Finger, geschweige die Lippe! -- Das sag'
+ich noch, damit es Euch nicht zu schwer wird, mich zu vermissen.
+
+Gerade nun! Du mußt mein sein! bei mir bleiben! bat sie der Vater.
+
+Das will ich mir funfzig Jahr überlegen! beschied ihn das kecke Mädchen.
+
+Johannes aber hatte schon längst das Zimmer verlassen und wankte hin, um
+sich auszuweinen bei seinem Daniel. -- Aber er fand Jemand schon neben ihm.
+Wer seid Ihr? fragt' er verwundert. -- Still! Still! ich bin Wecker! der
+wahre Wecker? Ich bin der Mann! schon eine halbe Stunde! Hier ist der
+Doctor! sprach er und wies ihm den abgeriebenen Strohwisch; er ist
+eigentlich nur ein _Lizentiat!_ fuhr er fort. Das Kind, im Schnee und mit
+Schnee vom Himmel beschüttet, war erwärmt, und seine Wärme hat sich eine
+Höhlung weggethaut, sein Haar ist feucht, und seine Wange glüht. Ex Noth
+wird wieder Ex voto! Hört ihr das Osterlied! Nun kommen die heiligen
+Frauen.
+
+Johannes aber kniete, betete und konnte vor Zittern der Hände nicht thun,
+was ihn Wecker hieß, der das Kind zuletzt auf die Füße stellte und in des
+Vaters Arme gab. Der Knabe besann sich endlich langsam wieder, glaubte noch
+in dem Steinbruch zu sein, bewegte den Mund, als wenn er wieder äße, hörte
+dann des Vaters Zuruf und sagte mit halber Stimme: Bist Du da, Vater? da
+hast Du Brot! komm', führe mich heim, der Mutter wird bange sein!
+
+Und so führte Johannes ihn zitternd hinein. Und von der aufgehenden Sonne
+Licht und Glanz geblendet, und schwach, schwankte das Kind und stand wie im
+Traume und gähnte und strich sich die Haare aus der Stirn.
+
+Nicht wahr, Daniel lebt? er lebt? fragte Johannes die Mutter.
+
+Freilich, da steht er und lächelt ja! sprach Christel, aber allmälig
+stammelnd und zögernd, und plötzlich erblaßt vor Ahnung, die aus Johannes
+Worten und Wesen sie anschauerte.
+
+Nun -- nun kannst Du auch wissen, daß er todt war! fuhr Johannes leiser
+fort und zog ihn der weinenden Mutter nah.
+
+Daniel! -- sprach sie mit versagender Stimme und streckte die Arme nach
+ihm.
+
+Mutter! -- sprach er, als bät' er sie um Vergebung, und lag in ihren Armen.
+
+Wecker hat ihn erweckt! meinte Johannes. Aber das hörte sie nicht an
+Daniels Halse. Wecker aber stand nur sehr freundlich da und hatte die Augen
+zu.
+
+Nun bin ich glücklich, rief Johannes; ich habe den Daniel wieder! und noch
+einen kleinen: »Vom Himmel hoch, da komm ich her!« -- Ich habe Alles! --
+Dorothee! hörst Du, Dorothee, ergieb Dich Deinem Vater! -- Du weinst, mein
+Mädchen?
+
+Da traten die Jungfrau'n der Osternacht auch vor das kleine Haus und
+sangen:
+
+ Es gingen drei heilige Frauen
+ Alle-alleluja!
+ Des Morgens früh im Thauen,
+ Alle-alleluja!
+
+Alle erschraken darin und hörten gerührt die hellen Stimmen singen.
+Paschalis ließ sie hereintreten. Sie waren verkleidet. Da waren die drei
+Frauen, Maria, Martha und Magdelena, verschleiert, und die zwei Engel in
+weißen Gewanden. Und sie standen wie Erscheinungen, fuhren fort in dem
+Wechselgesang, und es sangen:
+
+ _Die Engel:_
+
+ Erschrecket nicht, und seid All' froh!
+ Alle-alleluja!
+ Denn, den ihr sucht, der ist nicht da.
+ Alle-alleluja!
+
+ _Martha:_
+
+ Ach Engel! lieber Engel fein,
+ Alle-alleluja!
+ Wo find' ich doch den Herren mein?
+ Alle-alleluja!
+
+ _Die Engel:_
+
+ Er ist erstanden aus dem Grab,
+ Alle-alleluja!
+ Heut' an dem heil'gen Ostertag.
+ Alle-alleluja!
+
+ _Maria:_
+
+ Habt Dank, ihr lieben Engel fein.
+ Alle-alleluja!
+ Nun woll'n wir Alle fröhlich sein!
+ Alle-alleluja!
+
+Sie schwiegen nun und lächelten. --
+
+-- Und wir nicht auch? Nun wollen wir Alle fröhlich sein! sagte Paschalis
+und zog seine Tochter, die Willige nun, an das Herz.
+
+Und Ihr auch? alter Wecker! sprach mit dankbarem Handschlag Johannes. Ihr
+bleibt bei uns und zieht mit hinab, wenn das neue Haus steht.
+
+Das wollt' ich nur wissen! sagte der Alte und sang mit Thränen ein frohes:
+Alle-alleluja!
+
+Und Christel betete leise: Habt Dank, ihr lieben Engel! dann rief sie
+Sophiechen und sagte: siehe, mein Kind, heut' tanzt die Sonne! denn heut'
+ist heiliger Ostertag!
+
+Dorothee nahm sie auf den Arm. Und das Kind sah' in die rothe, große,
+zitternde Sonnenscheibe, und die Augen gingen ihm über, und Dorotheen.
+
+Aber Paschalis trat mit wunderlicher Scheu vor Martha, die ihn aus dem
+Schleier ansah, und bot _ihr_, wie zur Versöhnung, die Hand und blickte mit
+feuchten Augen zum Himmel.
+
+Die Engel aber schieden, küßten die Kinder und grüßten Alle mit
+freundlichem Lächeln und sprachen: _Friede sei mit Euch!_
+
+
+
+
+
+
+Anmerkungen zur Transkription
+
+Quelle: Leopold Schefer's ausgewählte Werke. Dritter Theil. Veit und
+Comp., Berlin, 1845, pp. 1-107.
+
+Im Original g e s p e r r t e Textstellen werden _kursiv_ wiedergegeben.
+
+Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Die Osternacht, by Leopold Schefer
+
+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40523 ***