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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-03-08 23:42:27 -0800 |
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O unsere Munde + + Haben noch niemals um ihr Glück scharwenzelt. + Du -- du -- dein Haar riecht wie der frühe Wind + Nach weißer Sonne -- Sonne -- Sonne -- Wind. + + + + +NÄCHTE ÜBER FINNLAND + + + Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten, + Und aus den Seen taucht das Nachtgespenst + Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt, + Den Sterngeruch der neuen Nacht zu kosten. + + Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten, + Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt, + -- befrorne Linien -- Filigran umgrenzt, + Zieht die Kontur aus reinen, reifen Frosten. + + Bis auf das alte, runde, schwarze Eis + Des Grundes sind die Flüsse zugefroren. + In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis + + Und in den leuchtenden, polierten Mooren. + Die Krähen schreien ewig: Tag -- und Tat -- + Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat. + + + + +WEICHSEL + + + Ein Thema: Weichsel; blutsüßes Erinnern! + Der Strom bei Kulm verwildert in dem Bett. + Ein Mädchen, läuft mein Segel aufs Parkett + Aus Wellen, glänzend, unabsehbar, zinnern. + + In Obertertia. Julitage flammen, + Bis du den Leib in helle Wellen scharrst. + Die Otter floh; mein weißes Lachen barst + Zwischen den Weiden, wo die Strudel schwammen. + + Russische Flöße in den Abend ragend. + Die fremden Weiber, die am Feuer sitzen, + Bewirten mich: Schnaps und gestohlener Speck. + + Wir ankern und die Alten bleiben weg. + Die Völlerei. Aus grausamen Antlitzen + Blitzt unser Blick, ins Weiberlachen schlagend. + + + + +NÄCHTIGE SEEFAHRT + + + Die Winde sind von einem Möwen-Dutzend + Geschwänzt und schlagen durch die Luft, dumpf, pfeifend. + Und hart herrollend, seltsam vorwärtsgreifend, + Zerbraust das Meer, der Riffe Rücken putzend. + + Es klatscht das Segel, patscht das Ruderblatt. + Die gleichen Wogen streifen, weichen vorn + Und fallen hinten, wo der Möwen Zorn + Sie schmäht, matt, hingemäht, ins glatte Schwad. + + Dann steift der Wind. Er gibt die Brise doppelt + Und schmeißt die hellen Wasserhaufen steiler, + Wie ein Pikeur die Meute noch gekoppelt + + Voll Gier losläßt; allein der starke Keiler + Stockt, steht, stößt einmal in die Runde + Entblößter Zahnreihn und zerfetzt die Hunde. + + + + +FRIEDRICHSTRASSENDIRNEN + + + Sie liegen immer in den Nebengassen, + Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt, + Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt, + Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen. + + Im Strom der Menge, auf des Fisches Route. + Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug' spürt Tortur, + Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur + Und schnellt an Deck einer bemalten Schute, + + Gespannt von Wollust wie ein Projektil! + Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide, + Gleich groben Küchenfrauen ohne viel + + Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder + Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide + Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder. + + + + +MITTAGS + + + Jetzt ruht der Tag am Himmel wie ein Krake, + Des blasses Maul die Wälder überschwemmt. + Laubbäume zittern in dem Sonnenhemd, + Als ob der Park von hellen Flammen blake. + + Die schwere Mühle rudert strahlumwellt + In glattem Takt, daß sie den Abend hebe; + Noch hält der leuchtende Kristall die Schwebe, + Der Azur aus dem leichten Lichte fällt. + + Orangewolken mit zitterndem Bauch, + Die nachts den Flächenblitz gebären sollen. + Libellen flügeln, Falter, und verschollen + Summen die Bienen in dem Bohnenstrauch. + + In deinen Adern glüht des Heliotrops + Arom, gekühlt von süßerem Jasmin, + Und durch die Nerven klingen Phantasien, + Bizarre Phantasien Félicien Rops'. + + Im Walde schlägt der Keiler durstgequält + Die hellen Zähne in das Holz der Kiefer. + Die tote Schonung raucht wie heißer Schiefer, + In dem der Nacht erstickter Atem schwält. + + + + +NACHT FÜR NACHT + + + Wie helle Raupen kriechen die Chausseen + Aus Wäldern über Berge in die Tale. + Gestrandet liegen Wolken, groß wie Wale, + Still in der Abendröte blanken Seen. + + Der Tag versiegt. Bis ihn die Frühen speisen, + Quillt schwarze Nacht aus allen Himmelsbronnen. + Die Sterne scheinen, kleine, ferne Sonnen. + Der Teich im Hofe glänzt wie dunkles Eisen. + + Der Mond steht, wie ein Junge in der Pfütze, + Hell über jedem Garten. Und wie Gaze + Schimmert der Wald, des Berges blaue Mütze. + + Aus einer Kleinstadt ragt des Kirchturms Vase + Verschnörkelt aus der Giebeldächer Nippes. -- + Schlaf hält die Menschen fest, steif, wie in Gips. + + + + +RINDER + + + Verblichnes Grün der Weide deckt + Das Weiß und Schwarz der Herde. + Silhouetten, da und dort gesteckt, + Die Köpfe auf der Erde. + + Die Wiese atmete nicht mehr, + Knirrte der Rinder Schlund; + Das Julilicht spritzte umher, + Die Wolken zogen, und + + Unten geht ein fleischern Meer + Im grünen Klee spazieren. + Vom Hund umbellt. Zurück. Carrière, + Humpeln von alten Tieren. + + Im Grase lagert sich das Blöken. + Dumm scharrt des Stieres Huf. + Die Kälber jagen an den Pflöcken -- + Melkmägde schallen voller Ruf. + + + + +NORDWIND IM SOMMER + + + Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land. + Die dunklen Parke flattern in der Brise. + Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese; + Der Himmel steht, sich selber unbekannt, + + Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren, + Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl, + Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal, + Fliegende Fische sind -- die Roggenähren. + + Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite, + Und manchmal fliegen Reiher um den stummen, + Fischlosen See, auf dem die Bienen summen, + Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite. + + Ich galoppiere vor dem Sonnenschein, + Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden, + Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden. + Ich werde mittags an dem Meere sein. + + + + +DER TURMSTEIGER + + + Er fühlte plötzlich, daß es nach ihm griff, + -- Die Erde war es und der Himmel oben, + An dem die Dohlen hingen und die Winde hoben -- + Und fühlte, wie es ihn nun auch umpfiff. + + Ihn schauderte. Er sah das Meer, er sah ein Schiff, + Das gelbe Wellen schaukelten und schoben + Und sah die Wellen, Wellen -- Wellen woben + An seinem unvollendeten Begriff. + + Ein Wasserspeier sprang ihn an und bellte. + Er zitterte und faßte die Fiale, + Die knarrend brach; -- versteinert aber schnellte + + Ein Teufel Witze auf die Kathedrale; -- + Er hörte hin -- ein höllisches Finale: + Er stürzte, fiel! Sein Schrei trieb hoch und gellte. + + + + +DIE SINTFLUT + + + Die Wolken wachsen aus den Horizonten + Und trinken Himmel mit den Regenhälsen. + Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen + In weiße Stirnen, die nicht denken konnten, + + Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen. + Im Abendsturm ertranken lange Pappeln. -- + Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln, + Die in dem All den warmen Erdrauch rochen. + + Dann schwamm die Sonne in dem glatten Wasser. + Das Wasser fiel. Die See faulten ab. + Die Erde trug der Meere hellen Schurz. + + Die Sterne standen, von Begierde blasser, + Mit dünnem Atem an des Ostens Kap. + Ein Stern sprang nach der Erde, sprang zu kurz. + + + + +CAPRICCIO + + + Entlaubte Parke liegen treu wie Doggen + Hinter den Herrenhäusern, um zu wachen. + Schneestürme weiden, eine Herde Bachen. + Oft sind die Rehe auf dem jungen Roggen. + + Und eine Wolke droht den Mond zu schänden. + Die Nacht hockt auf dem Park, der stärker rauscht. + Zwei alte Tannen winken, aufgebauscht, + Geheimnisvoll mit den harzigen Händen. + + Die Toten sitzen in den nassen Nischen. + Auf einem Kirchenschlüssel bläst der eine, + Und alle lauschen, überkreuzte Beine, + Die Knochenhände eingeklemmt dazwischen. + + Am großen, kalten Winterhimmel drohn + Vier Wolken, welche Pferdeschädeln gleichen. + Der Winde Brut pfeift in den hellen Eichen, + Daraus der gelbe Geier Mond geflohn. + + Der Tod im Garten tritt jetzt aus dem Schatten + Der Tannen. Rasch. Das Schneelicht spritzt und glänzt. + Der Schrecken flattert breit um das Gespenst, + Das seinen Weg nimmt quer durch die Rabatten. + + Zum Schloß. -- Dort ruft man: »Prosit Neujahr! Prost!« + Zu zwölfen sind sie, der Apostel Schar, + Und mit Champagner taufen sie das Jahr, + Umstellt vom Sturm, der auf den Dächern tost. + + Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch. + Der Hitze Salven krachen vom Kamin. + Geruch der Weiber -- Trimethylamin, + Die Bäuche schwitzen in der großen Brunst. + + Jetzt stehn sie auf. Das Stühlerücken schurrt. + Der Tod im Flur ist nicht gewohnt die Speisen. + Er hebt den Kopf gegen das kalte Eisen + Der Schlüsseltülle, schnuppert gierig, knurrt. + + Kommt jemand? Still. Er hupft unter die Treppe. + An einem Fräulein zerrt ein Kavalier. + Der Tod schleicht hinterher, ein fletschend Tier + Aus Mond; das trägt der Dame Schleppe. + + Sie kommen an die Gruft --: »Hier sind wir sicher!« + -- »Ich fürchte mich, oh, sind die Bäume groß!« + Der Tod schupst sie -- kein Schrei, sie quieken bloß -- + Und läuft hinweg mit heftigem Gekicher. -- -- + + Es dämmert endlich. Mit Blutaugen stiert + Der Morgen hin. Im Saal zappelt ein Märchen. + Der Tod wühlt in den fetten, welken Pärchen, + Frißt sie wie Trüffeln, die ein Schwein aufspürt. + + + + +IMPRESSION DU SOIR + + + Des Abends schwarze Wolkenvögel flogen + Im Osten auf vom Fluß der Horizonte. + Gärten vertropft in Nacht, die, als es sonnte, + Wie See grünten und den Wind einsogen. + + Einsame Pappeln pressen ihre Schreie + Angst vor den Stürmen in die blonde Stille. + Schon saugen schwarze Munde Atem. -- Schrille + Fabrikenpfiffe. Menschen ziehn ins Freie. + + Ein rotes Mohnfeld mit den schwarzen Köpfen, + Ragen die Schlote, einsam, krank und kahl. + Die Wolkenvögel, Eiter an den Kröpfen, + + Wie Pelikane flattern sie zum Mahl. + Und als die Horizonte Dunkel schöpfen, + Wirft sich der Blitz heraus, der blanke Aal. + + + + +BERLIN + + + Die Stimmen der Autos wie Jägersignale + Die Täler der Straße bewaldend ziehn. + Schüsse von Licht. Mit einem Male + Brennen die Himmel auf Berlin. + + Die Spree, ein Antlitz wie der Tag, + Das glänzend meerwärts späht nach Rettern, + Behält der wilden Stadt Geschmack, + Auf der die Züge krächzend klettern. + + Die blaue Nacht fließt in der Forst. + Sie fühlt, geblendet, daß du lebst. + Schnellzüge steigen aus dem Horst! + Der weiße Abend, den du webst, + + Fühlt, blüht, verblättert in das All. + Ein Menschenhände-Fangen treibst du + Um den verklungnen Erdenball + Wie hartes Licht; und also bleibst du. + + Wer weiß, in welche Welten dein + Erstarktes Sternenauge schien, + Stahlmasterblühte Stadt aus Stein, + Der Erde weiße Blume, Berlin. + + + + +DER SCHNELLZUG + + + Es sprang am Walde auf in panischem Schrecke, + Die gelben Augen in die Nacht geschlagen. -- + Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen + Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen + + Im blinden Walde lauert an der Strecke + Die Kurve wach. Es schwanken die Verdecke. + Wie Schneesturm rennt der D-Zug durch die Ecke, + Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen. + + Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten + Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise + Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten. + + Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise + Hinter dem Sternenkopfe des Kometen, + Der zischend hinfällt über das Geleise. + + + + +HERBSTGEFÜHL + + + Der große, abendrote Sonnenball + Rutscht in den Sumpf, des Stromes schwarzen Eiter, + Den Nebel leckt. Schon fließt die Schwäre breiter, + Und trübe Wasser schwimmen in das Tal. + + Ins finstre Laub der Eichen sinken Vögel, + Aasvögel mit den Scharlachflügeldecken, + Die ihre Fänge durch die Kronen strecken, + Und Schreien, Geierpfiff, fällt von der Höhe. + + Ach, alle Wolken brocken Dämmerung! + Man kann den Schrei des kranken Sees hören + Unter der Vögel Schlag und gelbem Sprung. + + Wie Schuß, wie Hussah in den schwarzen Föhren + Ist alle Farbe! Von dem Fiebertrunk + Glänzen die Augen, die dem Tod gehören. + + + + +PROSERPINA + + + Einsamer Pluto trage ich im Blute + Proserpina, nackend, mit blonden Haaren. + Unauslöschbar. Ich will mich mit ihr paaren, + Die ich in allem hellen Weib vermute. + + Ich bin von ihren Armen lichtgefleckt + Im Rücken! Ihre Knie sind nervös, + Die Schenkel weiß, fleischsträhnig, ein Erlös + Des weißen Tages, der die Erde deckt. + + In ihrem Haar bleibt etwas vom Verwehten + Des warmen Bluts. Ich liebe den Geruch! + Und nur die Zähne haben zuviel Fades + + Wie Schulmädchen, sooft sie in den Bruch, + Den Brunnen ihres Frauenmundes treten, + Der meine Brünste tränkt -- Herden des Hades. + + + + +DER DENKER + + + Nachmittag wird, und Wetter steigen schwarz + Herauf. Des Blitzes Ferse leuchtet im + Gewölk. Auf das Gebirge beißt voll Grimm + Der Donner, und Regen speien aus den Quarz. + + Den Fuß den Felsgesteinen eingestemmt, + Die Augen abgewandt, als horche er, + So kommt er durch die Schründe, weglos, quer. + Zum weißen Urherrn in der Blitze Hemd. + + Der Abgrund saugt Milliarden Zentner Himmel + In sich hinein. Der Weiße oben bleckt, + Zu dem er steigt. Durch Gletscher grün von Schimmel, + + Des Riesen Bart, der von den Föhnen leckt. + Und schon reißt weit der Horizont entzwei, -- + Blank, eben, schwangleich rauscht ins All ein Schrei. + + + + +NOVEMBERABEND + + + Es weht. Das Abendgold ist eine Fahne, + Die von den Winden schon erbeutet wird. + Ein etwas Herbst in der Platane, + Ein gelles Chrom verweht, verwird. + + In Wolken gleich verkohlten Stämmen + Riecht man die tote Sonne noch; + Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen -- + Einsamkeiten kommen hoch. + + + + +VORMORGENS + + + Schneeflocken klettern an den Fensterscheiben, + Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein, + Und hingestreute Bogen, weiß und rein, + Ich wollte wohl etwas von Versen schreiben. + + Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr'n, + Die letzten Sterne torkeln von den Posten. + Der Tag ist nah, den unbesternten Osten + Bevölkern Morgenwinde schon purpurn. + + Und mich bewachsen Abende, beschatten + Die Jahre! O ich dunkle ein. + Das Gas singt in den Gassen Litanein, + Daß meine Augen so sehr früh ermatten. + + + + +DIE DIRNE + + + Die Zähne standen unbeteiligt, kühl + Gleich Fischen an den heißen Sommertagen. + Sie hatte sie in sein Gesicht geschlagen + Und trank es -- trank -- entschlossen dies Gefühl + + In sich zu halten, denn sie ward ein wenig + Wie früher Mädchen und erlitt Verführung; + Er aber spürte bloß Berührung, + Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig. + + Und sollte glauben an ihr Offenbaren, + Und sah, wie sie dann dastand -- spiegelnackt -- + Das Falsche, das Frisierte an den Haaren; + + Und unwillig auf ihren schlechten Akt + Schlug er das Licht aus, legte sich zu ihr, + Mischend im Blut Entsetzen mit der Gier. + + + + +DIE LIEBESFRAU + + + -- Nackt. Ich bin es nicht gewohnt. + Du wirst so groß und so weiß + Geliebte. Glitzernd wie Mond, + Wie der Mond im Mai. + + Du bist zweibrüstig, + Behaart und muskelblank. + So hüftenrüstig + Und tänzerinnenschwank. + + Gib dich her! Draußen fallen + Die Regen. Die Fenster sind leer, + Verbergen uns . . . -- allen, allen! -- + Wieviel wiegt dein Haar. Es ist sehr schwer. + + -- Wo sind deine Küsse? Meine Kehle ist gegallt + Küsse du mich mit deinen Lippen! + -- Frierst du? -- -- -- Du bist so kalt + Und tot in deinen hellen Rippen. + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + + + +DAS GESPENST + + + Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen, + Das alle Tage in der Stadt verschwenden. + Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden + Und Wolkenfelsen, die mich kleiner machen. + + In tausend Straßen liege ich begraben. + Ich folge dir stets ohne mich zu wenden. + O hielte ich dein Antlitz in den Händen, + Das meine kranke Augen vor sich haben. + + Ich küßte es. Es küßte mich im Bette --: + -- Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst! + -- Bist du nachts fleischern und ein Taggespenst? + + -- Du locktest es ins Netz deiner Sonette. + -- Junger Polyp, dein Mund ist eine Klette. + -- Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst. + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + + + + +BERLINER ABEND + + + Spukhaftes Wandeln ohne Existenz! + Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein + Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird Elfenbein. + Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz. + + Autos, eine Herde von Blitzen, schrein + Und suchen einander in den Straßen. + Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen: + Die Stadtbahnzüge ziehen ein. + + Und sehr weit blitzt Berlin. Schon hat der Ost, + Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost, + Sein funkelnd Maul über die Stadt gedreht, + Darauf die Nacht, ein stummer Vogel, steht. + + + + +HERBSTPARK + + + Die gelbe Krankheit herrscht. Wie Säufern fällt + Das Laub Ahornen aus den roten Schädeln, + Und Birken glühn gleich flinken Gassenmädeln + Im Arm der Winde auf dem schwarzen Feld. + + Und wie die Hände einer Frau, die sinnt + Ihrem Gemahl nach und der starken Lust, + Ward weiße Sonne kühl! Du aber mußt + Der Nächte denken, die im Juni sind. + + In diesen sternenbunten, sagt man, fror es. + Der Park ist so verstört. Aus beiden Teichen + Zittert die Stimme des gefleckten Rohres, + + Wenn Wellen so vom seichten Sande schleichen. + Und Regen droht. In Kutten, stummen Chores, + Gehn Wolken um die großen, grünen Eichen. + + + + +LINDEN + + + Mit Wald gepudert und Laternenschein, + Schreiten die Linden und ein paar Platanen + -- Unter den Bäumen sind sie Kurtisanen -- + Den Mädchenstrom Kurfürstendamm hinein. + + Ihr Wäldermädchen mit den Laubfrisuren -- + Man muß wohl Wind sein, um euch zu umarmen. + Hübsche Dryaden, träumt ihr von den Farmen + Am Strom und Wiesen zwischen Weizenfluren? + + Den Pfeil von Glühlicht in dem grünen Haar, + Aha! Ihr seid schon elegant geworden, + Jüdinnen, -- die ich liebte, ein Barbar, + + Im Blut Unwetter und den wilden Norden. + Es schien der Mond, verlor sich ohne Rest, + Jetzt liegt er da, ein Ei, im Wolkennest. + + + + +JUNGE PFERDE + + + Wer die blühenden Wiesen kennt + Und die hingetragene Herde, + Die, das Maul am Winde, rennt: + Junge Pferde! Junge Pferde! + + Über Gräben, Gräserstoppel + Und entlang den Rotdornhecken + Weht der Trab der scheuen Koppel, + Füchse, Braune, Schimmel, Schecken! + + Junge Sommermorgen zogen + Weiß davon, sie wieherten. + Wolke warf den Blitz, sie flogen + Voll von Angst hin, galoppierten. + + Selten graue Nüstern wittern, + Und dann nähern sie und nicken, + Ihre Augensterne zittern + In den engen Menschenblicken. + + + + +ERWACHSENE MÄDCHEN + + + Wer weiß seit Fragonard noch, was es heiße, + Zwei stracke Beine haben in dem Kleide; + Roben gefüllt von Fleisch, als ob die Seide + In jeder Falte mit dem Körper kreiße. + + Aus dem Korsage fahren eure Hüften + Wie Bügeleisen in den Stoff der Röcke, + Darauf wie Bienen auf die Bienenstöcke + Unsere Blicke kriechen aus den Lüften. + + Ihr jugendlichen Sonnen! Fleischern Licht! + Wir haben den Ehrgeiz der Allegorien + Und hübschen Dinge im Gedicht. + + Ich will mit eurer Bettwärme Blumen ziehn! + Und einen kleinen Mond aus dem Urin, + Der sternenhell aus eurem Blute bricht! + + + + +DIE SCHLAFENDE ERNA + + + Auf einer Ottomane aus Mohär + Liegt sie in Seidenröcken, eine Truhe + Voll Nacktheit, und ich denke voll Unruhe + An dein Geheimstes -- schönes Sekretär. + + Die Frauen tuen Wundervolles in die Seide. + Am Knie beginnt es. Ich will es auspellen, + Wenn Küsse summen nach hautsüßen Stellen + Im Bett, daß wir nicht schlafen können beide. + + Du großes Mädchen, die noch kleinen Brüste + Schmücken dich mir. Auf den geheimen Schmuck + Hast du die linke weiße Hand gelegt; + + Ich dachte: Soll die eine, die sie trägt -- + Die schwarze Blume welken von dem Druck? + Und nahm die Hand weg, die ich leise küßte. + + + + +SINNLICHKEIT + + + Unter dem Monde liegt des Parks Skelett. + Der Wind schweigt weit. Doch wenn wir Schritte tun, + Beschwatzt der Schnee an deinen Stöckelschuhn + Der winterlichen Sterne Menuett. + + Und wir entkleiden uns, seufzend vor Lust, + Und leuchten auf; du stehst mit hübschen Hüften + Und hellen Knien im Schnee, dem sehr verblüfften, + Wie eine schöne Bäuerin robust. + + Wir wittern und die Tiere imitierend + Fliehn wir in den Alleen mit frischen Schrein. + Um deine Flanken steigt der Schnee moussierend. + + Mein Blut ist fröhlicher als Feuerschein! + So rennen wir exzentrisches Ballett + Zum Pavillon hin durch die Tür ins Bett. + + + + +MEINE JÜDIN + + + Du junge Jüdin, braune Judith, köstliche + Frucht der Erkenntnis, weißer Blütenfall: + Aus Kleidern steigst du nackt, ein All ins All, + Mit deinen Brüsten, Mythenfrau, du östliche. + + Steige vom Sockel, Venus, aus zerballter + Wäsche, Jungweib! Wie Morgensonne blitzt + Dein Bauch -- und in der Schenkel Schatten sitzt + Wie Blüten saugend, fest, ein schwarzer Falter. + + Und Schwarzes fällt aus den gelösten Schleifen + In den konkaven Nacken, wie Geruch. + Und die zu großen, graden Zähne blecken, + + Als ob sie schon in Männerküssen stäken. + Der Blick hängt glänzend über dem Versuch, + Die Lippen über das Gebiß zu streifen. + + + + +LIEBESMORGEN + + + Aus dem roten, roten Pfühl + Kriecht die Sonne auf die Dielen, + Und wir blinzeln nur und schielen + Nach uns, voller Lichtgefühl. + + Wie die Rosa-Pelikane, + Einen hellen Fisch umkrallend, + Rissen unsere Lippen lallend + Kuß um Kuß vom weißen Zahne. + + Und nun, eingerauscht ins weiche + Nachgefühl der starken Küsse, + Liegen wir wie junge Flüsse + Eng umsonnt in einem Teiche. + + Und wir lächeln gleich Verzückten; + Lachen gibt der Garten wieder, + Wo die jungen Mädchen Flieder, + Volle Fäuste Flieder pflückten. + + + + +MEIN FEBRUARHERZ + + + Als trügen Frauen in den Straußenfedern + Das junge Licht wie eine weiße Fahne, + Gehörten alle Häuser reichen Rhedern + Und wären Schiffe, schwimmt um die Altane + + Die blaue Luft! Oh, jetzt in einem Kahne + Auf Wassern fahren, süßen Morgennebeln + Entgegensteuern, gleich dem leisen Schwane + Die Wellen teilend mit den schwarzen Hebeln! + + Geh in die Leipzigerstraße! Geh ins Freie! + Schön ist die Wollust! Gott ein guter Junge. + Die Dirnen sommern brünstiger als Haie! + + Ich habe Geld! Ich bin so schön im Schwunge. + Sonette aus Sonne kitzeln mir die Zunge! + In meiner Kehle sammeln sich die Schreie! + + + + +ABENDAVENUE + + + Die Straße ist von Klängen überstrahlt, + Bewachsen von Phantasmen des Geruches, + Und Hüften in den Hülsen blauen Tuches, + Das aller Schritt zu Reiz zermalmt und mahlt. + + Die Dirnen kommen, knarrend, Wollustfuder, + Und Bürgermädchen, die mit Reizen knausern; + Jungfräulein die, und andern, die schon mausern, + Gleitet ein Scharlachlächeln in den Puder. + + Teufel! Wir werden wie die Pelikane + -- Wenn diese Mädchen uns mit Blicken füttern, + Gierig nach den Konturen und Profilen, + + Die alle kommen, einzeln, momentane, + Und aus den fetten Rücken, aus den Müttern, + Bisweilen leise nach uns Jungen schielen. + + + + +TIERGARTEN + + + Birken und Linden legen am Kanal + Unausgeruhtes sanft in seinen Spiegel. + Ins Nachtgewölbe rutscht der Mond, ein Igel, + Der Sterne jagt und frißt den Himmel kahl. + + Mädchen sind da, und wir sind sehr vergnügt. + Ich schmeiße nach dem dicken Mond mit Steinen; + Die Betty küßt mich, und er soll nicht scheinen, + Weil Bella schweigt und naserümpfend rügt. + + Die Sommerstädte liegen um den Park. + Es wird sehr hübsch! Der Süden wandert ein! + Die Sonne wächst! Wie nackte Männer stark + + Schreiten die Tage, Frühjahr in den Hüften. + Die schwarzen Linden kommen überein, + Morgen zu grünen in den süßen Lüften! + + + + +MÄDCHENNACHT + + + Der Mond ist warm, die Nacht ein Alkohol, + Der rasch erglühend mein Gehirn betrat, + Und deine Nacktheit weht wie der Passat + Trocknend ins Mark. + + Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen. + Mich hungert so -- ich küsse deine Lippen. + Ich reiße dir die Brüste von den Rippen, + Wenn du nicht geil bist! + + -- Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen + Kupferner Lippen, und die Körper knacken! + Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken + Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen. + + Und als ich dir die weißen Knie und, + Dein Herz verlangend, allen Körper küßte, + Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste; + Da drängte sich das Herz an meinen Mund. + + + + +GUTEN TAG -- HELLE EVA! + + + Ich wollte mit dir jungem Weibe leben + Gern wie der Sturm auf einem hellen Meer, + Daß deine Hände sich wie Möwen heben, + Wie Strudel leuchten deine Brüste sehr. + + Dein Fleisch ist Schnee, und schneereich bist du wie + Russische Winter. Mondrot leuchtet, blond, + Dein Haarkorb an des Nackens Horizont -- + Du nackend Weib, du weiße Therapie! + + Lange behielt ich deine Witterung + Und jagte hitzig hinter Dirnenrudeln, + Lustkrank, von Qual beweht. Doch du bliebst jung. + + Auf deinen Rippen kreisen weiße Strudel; + Du bist ein Weib geworden -- puh -- fruchtbar, + Du blanker Bauch voll Blut und krautigem Haar. + + + + +FRIEDRICHSTRASSENKROKI 3 UHR 20 NACHTS + + + Die Friedrichstraße trägt auf Stein + Die blassen Gewässer des Lichtes. + Die Dirnen umstehn mit Hirschgeweihn + Die Circe meines Gesichtes. + + Ich schaue: -- Der Träume Phosphor rinnt + In zwei, vier Menschenaugen neu. + -- Wie eine Katze springt, gefleckt, der Wind + Zwischen des Asphalts Lichterstreu + + Und trägt den fetten, weißen Rauch + Im Maul den jungen Winden ins Nest. + Er faßt die Dirnen an den Bauch + Und klemmt die dünnen Röcke fest. + + -- Da sind Gesichter, lachen nett, + Daß alle Zähne blecken müssen; + Die Louis zeigen ihr Skelett, + Louise läßt mich ihres küssen. + + + + +ANDERE JÜDIN + + + +I + + Im Norden sind die Ebenen, da steigen + Die Ströme zitternd in das Meer, + Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her. + Das Wasser schweigt, und die Sternbilder schweigen. + + Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen + Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum. + Antworte doch! Bist du noch in dem Raum, + Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen? + + +II + + Der Wind ist in den Eichen, + Die sich nach Westen legen + Und diesen kleinen, bleichen + Himmel zusammenfegen; + + Ich atme schlecht! Ich zucke + So an der Luft! Untätig. + Mir ist vom steten Drucke + Nicht mehr viel Ich vorrätig. + + + + +IN DER WELT + + + Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen, + Die wie getroffen auseinander hinken. + Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen, + Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken. + + Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise. + Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen. + Die Tage sterben weg, die weißen Greise. + Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen. + + + + +ADIEU MÄDCHENLACHEN! + + + Sie nehmen Abschied, werden nicht vergessen + Die Wege, die sie jetzt gehn -- Du und Ich, + Zwei Lächeln nur, mit denen sich + Apokalyptische Gesichte messen. + + O fälschte doch mein sicheres Gesicht! + Die Furcht läuft in die Zukunft und sieht mutig, + Da liegst du, abgeküßt und schenkelblutig: + -- Mein Hirn bellt auf -- brautnackt im Ampellicht. + + Die Schmerzen beißen in das Hirn hinein. + Was martert, mordet nicht mein wilder Freisinn! + O meine Mutter, weißhändige Greisin, + Nimm mich zurück ins Nichtgeborensein! + + + + +NACH DER NACHT + + + Laternen, die den Regenabend führen, + Haben die Stadt, die glänzende, verraten. + Eiweißer Eiter tropft im Lichteratem + Der Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren. + + Die Augen kriechen aus den Faltenlidern + Und spritzen einen Blick, der dich begießt. + Sie lachen sich das Kleid vom Bauch; du siehst + Die Brüste -- Krötenbäuche in den Miedern. + + Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags. + Der Morgen senkte sich in dein Gesicht. + Es schlugen Uhren an, weckten das Licht. + Doggengebell des Turmuhrstundenschlags. + + Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig. + O Wanderungen im Gestein der Stadt! + O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! -- + Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig. + + Du schweigst. Hinter den dunklen Augen ruht + Das Hirn vom Krampf der tötenden Arsene. + Du lächelst, blickst -- und da betritt die Szene + Die Sonne, jugendlich, im Wolkenhut. + + + + +DAS WIEDERSEHEN + + + Wie warnend leuchten schwarze Fensterscheiben. + Mystische Telefone knacken, knacken --: + Dastehst Du nahe mit beweinten Backen, + Plastik aus Rauch. + Ich drehe angstvoll mein Gesicht zum Nacken + Und steige zitternd aus aus euren Häusern. + + Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein? + Ich mache langsam Schritte in Berlin. + Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien. + Ich habe keinen Wunsch, einer zu sein. + + + + +MANN UND MENSCHFRAU + + + Der Park beleckt, ein grüner Katarakt, + Das weiße Haus, in dem wir nach uns greifen. + Du hast Angstaugen. Um die Fenster streifen + Ahorne braun und indianernackt. + + Sturm hat die Nacht, die Negerin, gepackt. + -- Du wirst doch diese Herzart nicht begreifen. + Laß aus dir trinken, und ich werde reifen. + Verdorrte Augen überschwemmt dein Akt. + + Du kriegst ein Kind. Ich werde einsam sterben + In braunen Muskeln und vom Tag gedörrter. + Jetzt könnten deine Arme mich entfärben. + + Orient und Eden machst du gegenwärtig. + Wir wandeln nackt durch baumige Hirnörter. + Engel -- dein weißer Bauch ist dunkelbärtig. + + + + + + + +End of Project Gutenberg's Junge Pferde! Junge Pferde!, by Paul Boldt + +*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40298 *** diff --git a/40298-8.txt b/40298-8.txt deleted file mode 100644 index 15ef1ac..0000000 --- a/40298-8.txt +++ /dev/null @@ -1,1523 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Junge Pferde! Junge Pferde!, by Paul Boldt - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org - - -Title: Junge Pferde! Junge Pferde! - -Author: Paul Boldt - -Release Date: July 22, 2012 [EBook #40298] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JUNGE PFERDE! JUNGE PFERDE! *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - - - -PAUL BOLDT - - -JUNGE PFERDE! -JUNGE PFERDE! - - -1914 -KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG - - -Dies Buch -wurde gedruckt im Januar 1914 -als elfter Band der Bücherei »Der jüngste -Tag« bei Poeschel & Trepte in -Leipzig - - -Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig - - - - - - -FRÜHJAHR - - - Die ganze Nacht durch kamen Wanderungen - Wie auf der Flucht, in sohlenloses Schreiten - Vermummt. Am Morgen bargen es die Weiten: - Nur Sturm schwimmt durch die dunkelen Waldungen. - - Als wäre allem Licht ein Tor gesprungen, - Will es sich in die Aderbäume breiten, - Darin die Pulse spülen, Säfte gleiten - Wie Frühjahrströme durch die Niederungen. - - Mein gutes Glück, märzlich dahergetänzelt. - Mädchen, gut, daß du Weib bist! Diese Stunde - Verlangt das. Küsse mich! O unsere Munde - - Haben noch niemals um ihr Glück scharwenzelt. - Du -- du -- dein Haar riecht wie der frühe Wind - Nach weißer Sonne -- Sonne -- Sonne -- Wind. - - - - -NÄCHTE ÜBER FINNLAND - - - Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten, - Und aus den Seen taucht das Nachtgespenst - Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt, - Den Sterngeruch der neuen Nacht zu kosten. - - Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten, - Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt, - -- befrorne Linien -- Filigran umgrenzt, - Zieht die Kontur aus reinen, reifen Frosten. - - Bis auf das alte, runde, schwarze Eis - Des Grundes sind die Flüsse zugefroren. - In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis - - Und in den leuchtenden, polierten Mooren. - Die Krähen schreien ewig: Tag -- und Tat -- - Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat. - - - - -WEICHSEL - - - Ein Thema: Weichsel; blutsüßes Erinnern! - Der Strom bei Kulm verwildert in dem Bett. - Ein Mädchen, läuft mein Segel aufs Parkett - Aus Wellen, glänzend, unabsehbar, zinnern. - - In Obertertia. Julitage flammen, - Bis du den Leib in helle Wellen scharrst. - Die Otter floh; mein weißes Lachen barst - Zwischen den Weiden, wo die Strudel schwammen. - - Russische Flöße in den Abend ragend. - Die fremden Weiber, die am Feuer sitzen, - Bewirten mich: Schnaps und gestohlener Speck. - - Wir ankern und die Alten bleiben weg. - Die Völlerei. Aus grausamen Antlitzen - Blitzt unser Blick, ins Weiberlachen schlagend. - - - - -NÄCHTIGE SEEFAHRT - - - Die Winde sind von einem Möwen-Dutzend - Geschwänzt und schlagen durch die Luft, dumpf, pfeifend. - Und hart herrollend, seltsam vorwärtsgreifend, - Zerbraust das Meer, der Riffe Rücken putzend. - - Es klatscht das Segel, patscht das Ruderblatt. - Die gleichen Wogen streifen, weichen vorn - Und fallen hinten, wo der Möwen Zorn - Sie schmäht, matt, hingemäht, ins glatte Schwad. - - Dann steift der Wind. Er gibt die Brise doppelt - Und schmeißt die hellen Wasserhaufen steiler, - Wie ein Pikeur die Meute noch gekoppelt - - Voll Gier losläßt; allein der starke Keiler - Stockt, steht, stößt einmal in die Runde - Entblößter Zahnreihn und zerfetzt die Hunde. - - - - -FRIEDRICHSTRASSENDIRNEN - - - Sie liegen immer in den Nebengassen, - Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt, - Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt, - Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen. - - Im Strom der Menge, auf des Fisches Route. - Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug' spürt Tortur, - Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur - Und schnellt an Deck einer bemalten Schute, - - Gespannt von Wollust wie ein Projektil! - Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide, - Gleich groben Küchenfrauen ohne viel - - Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder - Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide - Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder. - - - - -MITTAGS - - - Jetzt ruht der Tag am Himmel wie ein Krake, - Des blasses Maul die Wälder überschwemmt. - Laubbäume zittern in dem Sonnenhemd, - Als ob der Park von hellen Flammen blake. - - Die schwere Mühle rudert strahlumwellt - In glattem Takt, daß sie den Abend hebe; - Noch hält der leuchtende Kristall die Schwebe, - Der Azur aus dem leichten Lichte fällt. - - Orangewolken mit zitterndem Bauch, - Die nachts den Flächenblitz gebären sollen. - Libellen flügeln, Falter, und verschollen - Summen die Bienen in dem Bohnenstrauch. - - In deinen Adern glüht des Heliotrops - Arom, gekühlt von süßerem Jasmin, - Und durch die Nerven klingen Phantasien, - Bizarre Phantasien Félicien Rops'. - - Im Walde schlägt der Keiler durstgequält - Die hellen Zähne in das Holz der Kiefer. - Die tote Schonung raucht wie heißer Schiefer, - In dem der Nacht erstickter Atem schwält. - - - - -NACHT FÜR NACHT - - - Wie helle Raupen kriechen die Chausseen - Aus Wäldern über Berge in die Tale. - Gestrandet liegen Wolken, groß wie Wale, - Still in der Abendröte blanken Seen. - - Der Tag versiegt. Bis ihn die Frühen speisen, - Quillt schwarze Nacht aus allen Himmelsbronnen. - Die Sterne scheinen, kleine, ferne Sonnen. - Der Teich im Hofe glänzt wie dunkles Eisen. - - Der Mond steht, wie ein Junge in der Pfütze, - Hell über jedem Garten. Und wie Gaze - Schimmert der Wald, des Berges blaue Mütze. - - Aus einer Kleinstadt ragt des Kirchturms Vase - Verschnörkelt aus der Giebeldächer Nippes. -- - Schlaf hält die Menschen fest, steif, wie in Gips. - - - - -RINDER - - - Verblichnes Grün der Weide deckt - Das Weiß und Schwarz der Herde. - Silhouetten, da und dort gesteckt, - Die Köpfe auf der Erde. - - Die Wiese atmete nicht mehr, - Knirrte der Rinder Schlund; - Das Julilicht spritzte umher, - Die Wolken zogen, und - - Unten geht ein fleischern Meer - Im grünen Klee spazieren. - Vom Hund umbellt. Zurück. Carrière, - Humpeln von alten Tieren. - - Im Grase lagert sich das Blöken. - Dumm scharrt des Stieres Huf. - Die Kälber jagen an den Pflöcken -- - Melkmägde schallen voller Ruf. - - - - -NORDWIND IM SOMMER - - - Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land. - Die dunklen Parke flattern in der Brise. - Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese; - Der Himmel steht, sich selber unbekannt, - - Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren, - Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl, - Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal, - Fliegende Fische sind -- die Roggenähren. - - Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite, - Und manchmal fliegen Reiher um den stummen, - Fischlosen See, auf dem die Bienen summen, - Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite. - - Ich galoppiere vor dem Sonnenschein, - Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden, - Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden. - Ich werde mittags an dem Meere sein. - - - - -DER TURMSTEIGER - - - Er fühlte plötzlich, daß es nach ihm griff, - -- Die Erde war es und der Himmel oben, - An dem die Dohlen hingen und die Winde hoben -- - Und fühlte, wie es ihn nun auch umpfiff. - - Ihn schauderte. Er sah das Meer, er sah ein Schiff, - Das gelbe Wellen schaukelten und schoben - Und sah die Wellen, Wellen -- Wellen woben - An seinem unvollendeten Begriff. - - Ein Wasserspeier sprang ihn an und bellte. - Er zitterte und faßte die Fiale, - Die knarrend brach; -- versteinert aber schnellte - - Ein Teufel Witze auf die Kathedrale; -- - Er hörte hin -- ein höllisches Finale: - Er stürzte, fiel! Sein Schrei trieb hoch und gellte. - - - - -DIE SINTFLUT - - - Die Wolken wachsen aus den Horizonten - Und trinken Himmel mit den Regenhälsen. - Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen - In weiße Stirnen, die nicht denken konnten, - - Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen. - Im Abendsturm ertranken lange Pappeln. -- - Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln, - Die in dem All den warmen Erdrauch rochen. - - Dann schwamm die Sonne in dem glatten Wasser. - Das Wasser fiel. Die See faulten ab. - Die Erde trug der Meere hellen Schurz. - - Die Sterne standen, von Begierde blasser, - Mit dünnem Atem an des Ostens Kap. - Ein Stern sprang nach der Erde, sprang zu kurz. - - - - -CAPRICCIO - - - Entlaubte Parke liegen treu wie Doggen - Hinter den Herrenhäusern, um zu wachen. - Schneestürme weiden, eine Herde Bachen. - Oft sind die Rehe auf dem jungen Roggen. - - Und eine Wolke droht den Mond zu schänden. - Die Nacht hockt auf dem Park, der stärker rauscht. - Zwei alte Tannen winken, aufgebauscht, - Geheimnisvoll mit den harzigen Händen. - - Die Toten sitzen in den nassen Nischen. - Auf einem Kirchenschlüssel bläst der eine, - Und alle lauschen, überkreuzte Beine, - Die Knochenhände eingeklemmt dazwischen. - - Am großen, kalten Winterhimmel drohn - Vier Wolken, welche Pferdeschädeln gleichen. - Der Winde Brut pfeift in den hellen Eichen, - Daraus der gelbe Geier Mond geflohn. - - Der Tod im Garten tritt jetzt aus dem Schatten - Der Tannen. Rasch. Das Schneelicht spritzt und glänzt. - Der Schrecken flattert breit um das Gespenst, - Das seinen Weg nimmt quer durch die Rabatten. - - Zum Schloß. -- Dort ruft man: »Prosit Neujahr! Prost!« - Zu zwölfen sind sie, der Apostel Schar, - Und mit Champagner taufen sie das Jahr, - Umstellt vom Sturm, der auf den Dächern tost. - - Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch. - Der Hitze Salven krachen vom Kamin. - Geruch der Weiber -- Trimethylamin, - Die Bäuche schwitzen in der großen Brunst. - - Jetzt stehn sie auf. Das Stühlerücken schurrt. - Der Tod im Flur ist nicht gewohnt die Speisen. - Er hebt den Kopf gegen das kalte Eisen - Der Schlüsseltülle, schnuppert gierig, knurrt. - - Kommt jemand? Still. Er hupft unter die Treppe. - An einem Fräulein zerrt ein Kavalier. - Der Tod schleicht hinterher, ein fletschend Tier - Aus Mond; das trägt der Dame Schleppe. - - Sie kommen an die Gruft --: »Hier sind wir sicher!« - -- »Ich fürchte mich, oh, sind die Bäume groß!« - Der Tod schupst sie -- kein Schrei, sie quieken bloß -- - Und läuft hinweg mit heftigem Gekicher. -- -- - - Es dämmert endlich. Mit Blutaugen stiert - Der Morgen hin. Im Saal zappelt ein Märchen. - Der Tod wühlt in den fetten, welken Pärchen, - Frißt sie wie Trüffeln, die ein Schwein aufspürt. - - - - -IMPRESSION DU SOIR - - - Des Abends schwarze Wolkenvögel flogen - Im Osten auf vom Fluß der Horizonte. - Gärten vertropft in Nacht, die, als es sonnte, - Wie See grünten und den Wind einsogen. - - Einsame Pappeln pressen ihre Schreie - Angst vor den Stürmen in die blonde Stille. - Schon saugen schwarze Munde Atem. -- Schrille - Fabrikenpfiffe. Menschen ziehn ins Freie. - - Ein rotes Mohnfeld mit den schwarzen Köpfen, - Ragen die Schlote, einsam, krank und kahl. - Die Wolkenvögel, Eiter an den Kröpfen, - - Wie Pelikane flattern sie zum Mahl. - Und als die Horizonte Dunkel schöpfen, - Wirft sich der Blitz heraus, der blanke Aal. - - - - -BERLIN - - - Die Stimmen der Autos wie Jägersignale - Die Täler der Straße bewaldend ziehn. - Schüsse von Licht. Mit einem Male - Brennen die Himmel auf Berlin. - - Die Spree, ein Antlitz wie der Tag, - Das glänzend meerwärts späht nach Rettern, - Behält der wilden Stadt Geschmack, - Auf der die Züge krächzend klettern. - - Die blaue Nacht fließt in der Forst. - Sie fühlt, geblendet, daß du lebst. - Schnellzüge steigen aus dem Horst! - Der weiße Abend, den du webst, - - Fühlt, blüht, verblättert in das All. - Ein Menschenhände-Fangen treibst du - Um den verklungnen Erdenball - Wie hartes Licht; und also bleibst du. - - Wer weiß, in welche Welten dein - Erstarktes Sternenauge schien, - Stahlmasterblühte Stadt aus Stein, - Der Erde weiße Blume, Berlin. - - - - -DER SCHNELLZUG - - - Es sprang am Walde auf in panischem Schrecke, - Die gelben Augen in die Nacht geschlagen. -- - Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen - Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen - - Im blinden Walde lauert an der Strecke - Die Kurve wach. Es schwanken die Verdecke. - Wie Schneesturm rennt der D-Zug durch die Ecke, - Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen. - - Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten - Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise - Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten. - - Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise - Hinter dem Sternenkopfe des Kometen, - Der zischend hinfällt über das Geleise. - - - - -HERBSTGEFÜHL - - - Der große, abendrote Sonnenball - Rutscht in den Sumpf, des Stromes schwarzen Eiter, - Den Nebel leckt. Schon fließt die Schwäre breiter, - Und trübe Wasser schwimmen in das Tal. - - Ins finstre Laub der Eichen sinken Vögel, - Aasvögel mit den Scharlachflügeldecken, - Die ihre Fänge durch die Kronen strecken, - Und Schreien, Geierpfiff, fällt von der Höhe. - - Ach, alle Wolken brocken Dämmerung! - Man kann den Schrei des kranken Sees hören - Unter der Vögel Schlag und gelbem Sprung. - - Wie Schuß, wie Hussah in den schwarzen Föhren - Ist alle Farbe! Von dem Fiebertrunk - Glänzen die Augen, die dem Tod gehören. - - - - -PROSERPINA - - - Einsamer Pluto trage ich im Blute - Proserpina, nackend, mit blonden Haaren. - Unauslöschbar. Ich will mich mit ihr paaren, - Die ich in allem hellen Weib vermute. - - Ich bin von ihren Armen lichtgefleckt - Im Rücken! Ihre Knie sind nervös, - Die Schenkel weiß, fleischsträhnig, ein Erlös - Des weißen Tages, der die Erde deckt. - - In ihrem Haar bleibt etwas vom Verwehten - Des warmen Bluts. Ich liebe den Geruch! - Und nur die Zähne haben zuviel Fades - - Wie Schulmädchen, sooft sie in den Bruch, - Den Brunnen ihres Frauenmundes treten, - Der meine Brünste tränkt -- Herden des Hades. - - - - -DER DENKER - - - Nachmittag wird, und Wetter steigen schwarz - Herauf. Des Blitzes Ferse leuchtet im - Gewölk. Auf das Gebirge beißt voll Grimm - Der Donner, und Regen speien aus den Quarz. - - Den Fuß den Felsgesteinen eingestemmt, - Die Augen abgewandt, als horche er, - So kommt er durch die Schründe, weglos, quer. - Zum weißen Urherrn in der Blitze Hemd. - - Der Abgrund saugt Milliarden Zentner Himmel - In sich hinein. Der Weiße oben bleckt, - Zu dem er steigt. Durch Gletscher grün von Schimmel, - - Des Riesen Bart, der von den Föhnen leckt. - Und schon reißt weit der Horizont entzwei, -- - Blank, eben, schwangleich rauscht ins All ein Schrei. - - - - -NOVEMBERABEND - - - Es weht. Das Abendgold ist eine Fahne, - Die von den Winden schon erbeutet wird. - Ein etwas Herbst in der Platane, - Ein gelles Chrom verweht, verwird. - - In Wolken gleich verkohlten Stämmen - Riecht man die tote Sonne noch; - Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen -- - Einsamkeiten kommen hoch. - - - - -VORMORGENS - - - Schneeflocken klettern an den Fensterscheiben, - Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein, - Und hingestreute Bogen, weiß und rein, - Ich wollte wohl etwas von Versen schreiben. - - Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr'n, - Die letzten Sterne torkeln von den Posten. - Der Tag ist nah, den unbesternten Osten - Bevölkern Morgenwinde schon purpurn. - - Und mich bewachsen Abende, beschatten - Die Jahre! O ich dunkle ein. - Das Gas singt in den Gassen Litanein, - Daß meine Augen so sehr früh ermatten. - - - - -DIE DIRNE - - - Die Zähne standen unbeteiligt, kühl - Gleich Fischen an den heißen Sommertagen. - Sie hatte sie in sein Gesicht geschlagen - Und trank es -- trank -- entschlossen dies Gefühl - - In sich zu halten, denn sie ward ein wenig - Wie früher Mädchen und erlitt Verführung; - Er aber spürte bloß Berührung, - Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig. - - Und sollte glauben an ihr Offenbaren, - Und sah, wie sie dann dastand -- spiegelnackt -- - Das Falsche, das Frisierte an den Haaren; - - Und unwillig auf ihren schlechten Akt - Schlug er das Licht aus, legte sich zu ihr, - Mischend im Blut Entsetzen mit der Gier. - - - - -DIE LIEBESFRAU - - - -- Nackt. Ich bin es nicht gewohnt. - Du wirst so groß und so weiß - Geliebte. Glitzernd wie Mond, - Wie der Mond im Mai. - - Du bist zweibrüstig, - Behaart und muskelblank. - So hüftenrüstig - Und tänzerinnenschwank. - - Gib dich her! Draußen fallen - Die Regen. Die Fenster sind leer, - Verbergen uns . . . -- allen, allen! -- - Wieviel wiegt dein Haar. Es ist sehr schwer. - - -- Wo sind deine Küsse? Meine Kehle ist gegallt - Küsse du mich mit deinen Lippen! - -- Frierst du? -- -- -- Du bist so kalt - Und tot in deinen hellen Rippen. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - -DAS GESPENST - - - Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen, - Das alle Tage in der Stadt verschwenden. - Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden - Und Wolkenfelsen, die mich kleiner machen. - - In tausend Straßen liege ich begraben. - Ich folge dir stets ohne mich zu wenden. - O hielte ich dein Antlitz in den Händen, - Das meine kranke Augen vor sich haben. - - Ich küßte es. Es küßte mich im Bette --: - -- Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst! - -- Bist du nachts fleischern und ein Taggespenst? - - -- Du locktest es ins Netz deiner Sonette. - -- Junger Polyp, dein Mund ist eine Klette. - -- Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - - - - -BERLINER ABEND - - - Spukhaftes Wandeln ohne Existenz! - Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein - Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird Elfenbein. - Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz. - - Autos, eine Herde von Blitzen, schrein - Und suchen einander in den Straßen. - Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen: - Die Stadtbahnzüge ziehen ein. - - Und sehr weit blitzt Berlin. Schon hat der Ost, - Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost, - Sein funkelnd Maul über die Stadt gedreht, - Darauf die Nacht, ein stummer Vogel, steht. - - - - -HERBSTPARK - - - Die gelbe Krankheit herrscht. Wie Säufern fällt - Das Laub Ahornen aus den roten Schädeln, - Und Birken glühn gleich flinken Gassenmädeln - Im Arm der Winde auf dem schwarzen Feld. - - Und wie die Hände einer Frau, die sinnt - Ihrem Gemahl nach und der starken Lust, - Ward weiße Sonne kühl! Du aber mußt - Der Nächte denken, die im Juni sind. - - In diesen sternenbunten, sagt man, fror es. - Der Park ist so verstört. Aus beiden Teichen - Zittert die Stimme des gefleckten Rohres, - - Wenn Wellen so vom seichten Sande schleichen. - Und Regen droht. In Kutten, stummen Chores, - Gehn Wolken um die großen, grünen Eichen. - - - - -LINDEN - - - Mit Wald gepudert und Laternenschein, - Schreiten die Linden und ein paar Platanen - -- Unter den Bäumen sind sie Kurtisanen -- - Den Mädchenstrom Kurfürstendamm hinein. - - Ihr Wäldermädchen mit den Laubfrisuren -- - Man muß wohl Wind sein, um euch zu umarmen. - Hübsche Dryaden, träumt ihr von den Farmen - Am Strom und Wiesen zwischen Weizenfluren? - - Den Pfeil von Glühlicht in dem grünen Haar, - Aha! Ihr seid schon elegant geworden, - Jüdinnen, -- die ich liebte, ein Barbar, - - Im Blut Unwetter und den wilden Norden. - Es schien der Mond, verlor sich ohne Rest, - Jetzt liegt er da, ein Ei, im Wolkennest. - - - - -JUNGE PFERDE - - - Wer die blühenden Wiesen kennt - Und die hingetragene Herde, - Die, das Maul am Winde, rennt: - Junge Pferde! Junge Pferde! - - Über Gräben, Gräserstoppel - Und entlang den Rotdornhecken - Weht der Trab der scheuen Koppel, - Füchse, Braune, Schimmel, Schecken! - - Junge Sommermorgen zogen - Weiß davon, sie wieherten. - Wolke warf den Blitz, sie flogen - Voll von Angst hin, galoppierten. - - Selten graue Nüstern wittern, - Und dann nähern sie und nicken, - Ihre Augensterne zittern - In den engen Menschenblicken. - - - - -ERWACHSENE MÄDCHEN - - - Wer weiß seit Fragonard noch, was es heiße, - Zwei stracke Beine haben in dem Kleide; - Roben gefüllt von Fleisch, als ob die Seide - In jeder Falte mit dem Körper kreiße. - - Aus dem Korsage fahren eure Hüften - Wie Bügeleisen in den Stoff der Röcke, - Darauf wie Bienen auf die Bienenstöcke - Unsere Blicke kriechen aus den Lüften. - - Ihr jugendlichen Sonnen! Fleischern Licht! - Wir haben den Ehrgeiz der Allegorien - Und hübschen Dinge im Gedicht. - - Ich will mit eurer Bettwärme Blumen ziehn! - Und einen kleinen Mond aus dem Urin, - Der sternenhell aus eurem Blute bricht! - - - - -DIE SCHLAFENDE ERNA - - - Auf einer Ottomane aus Mohär - Liegt sie in Seidenröcken, eine Truhe - Voll Nacktheit, und ich denke voll Unruhe - An dein Geheimstes -- schönes Sekretär. - - Die Frauen tuen Wundervolles in die Seide. - Am Knie beginnt es. Ich will es auspellen, - Wenn Küsse summen nach hautsüßen Stellen - Im Bett, daß wir nicht schlafen können beide. - - Du großes Mädchen, die noch kleinen Brüste - Schmücken dich mir. Auf den geheimen Schmuck - Hast du die linke weiße Hand gelegt; - - Ich dachte: Soll die eine, die sie trägt -- - Die schwarze Blume welken von dem Druck? - Und nahm die Hand weg, die ich leise küßte. - - - - -SINNLICHKEIT - - - Unter dem Monde liegt des Parks Skelett. - Der Wind schweigt weit. Doch wenn wir Schritte tun, - Beschwatzt der Schnee an deinen Stöckelschuhn - Der winterlichen Sterne Menuett. - - Und wir entkleiden uns, seufzend vor Lust, - Und leuchten auf; du stehst mit hübschen Hüften - Und hellen Knien im Schnee, dem sehr verblüfften, - Wie eine schöne Bäuerin robust. - - Wir wittern und die Tiere imitierend - Fliehn wir in den Alleen mit frischen Schrein. - Um deine Flanken steigt der Schnee moussierend. - - Mein Blut ist fröhlicher als Feuerschein! - So rennen wir exzentrisches Ballett - Zum Pavillon hin durch die Tür ins Bett. - - - - -MEINE JÜDIN - - - Du junge Jüdin, braune Judith, köstliche - Frucht der Erkenntnis, weißer Blütenfall: - Aus Kleidern steigst du nackt, ein All ins All, - Mit deinen Brüsten, Mythenfrau, du östliche. - - Steige vom Sockel, Venus, aus zerballter - Wäsche, Jungweib! Wie Morgensonne blitzt - Dein Bauch -- und in der Schenkel Schatten sitzt - Wie Blüten saugend, fest, ein schwarzer Falter. - - Und Schwarzes fällt aus den gelösten Schleifen - In den konkaven Nacken, wie Geruch. - Und die zu großen, graden Zähne blecken, - - Als ob sie schon in Männerküssen stäken. - Der Blick hängt glänzend über dem Versuch, - Die Lippen über das Gebiß zu streifen. - - - - -LIEBESMORGEN - - - Aus dem roten, roten Pfühl - Kriecht die Sonne auf die Dielen, - Und wir blinzeln nur und schielen - Nach uns, voller Lichtgefühl. - - Wie die Rosa-Pelikane, - Einen hellen Fisch umkrallend, - Rissen unsere Lippen lallend - Kuß um Kuß vom weißen Zahne. - - Und nun, eingerauscht ins weiche - Nachgefühl der starken Küsse, - Liegen wir wie junge Flüsse - Eng umsonnt in einem Teiche. - - Und wir lächeln gleich Verzückten; - Lachen gibt der Garten wieder, - Wo die jungen Mädchen Flieder, - Volle Fäuste Flieder pflückten. - - - - -MEIN FEBRUARHERZ - - - Als trügen Frauen in den Straußenfedern - Das junge Licht wie eine weiße Fahne, - Gehörten alle Häuser reichen Rhedern - Und wären Schiffe, schwimmt um die Altane - - Die blaue Luft! Oh, jetzt in einem Kahne - Auf Wassern fahren, süßen Morgennebeln - Entgegensteuern, gleich dem leisen Schwane - Die Wellen teilend mit den schwarzen Hebeln! - - Geh in die Leipzigerstraße! Geh ins Freie! - Schön ist die Wollust! Gott ein guter Junge. - Die Dirnen sommern brünstiger als Haie! - - Ich habe Geld! Ich bin so schön im Schwunge. - Sonette aus Sonne kitzeln mir die Zunge! - In meiner Kehle sammeln sich die Schreie! - - - - -ABENDAVENUE - - - Die Straße ist von Klängen überstrahlt, - Bewachsen von Phantasmen des Geruches, - Und Hüften in den Hülsen blauen Tuches, - Das aller Schritt zu Reiz zermalmt und mahlt. - - Die Dirnen kommen, knarrend, Wollustfuder, - Und Bürgermädchen, die mit Reizen knausern; - Jungfräulein die, und andern, die schon mausern, - Gleitet ein Scharlachlächeln in den Puder. - - Teufel! Wir werden wie die Pelikane - -- Wenn diese Mädchen uns mit Blicken füttern, - Gierig nach den Konturen und Profilen, - - Die alle kommen, einzeln, momentane, - Und aus den fetten Rücken, aus den Müttern, - Bisweilen leise nach uns Jungen schielen. - - - - -TIERGARTEN - - - Birken und Linden legen am Kanal - Unausgeruhtes sanft in seinen Spiegel. - Ins Nachtgewölbe rutscht der Mond, ein Igel, - Der Sterne jagt und frißt den Himmel kahl. - - Mädchen sind da, und wir sind sehr vergnügt. - Ich schmeiße nach dem dicken Mond mit Steinen; - Die Betty küßt mich, und er soll nicht scheinen, - Weil Bella schweigt und naserümpfend rügt. - - Die Sommerstädte liegen um den Park. - Es wird sehr hübsch! Der Süden wandert ein! - Die Sonne wächst! Wie nackte Männer stark - - Schreiten die Tage, Frühjahr in den Hüften. - Die schwarzen Linden kommen überein, - Morgen zu grünen in den süßen Lüften! - - - - -MÄDCHENNACHT - - - Der Mond ist warm, die Nacht ein Alkohol, - Der rasch erglühend mein Gehirn betrat, - Und deine Nacktheit weht wie der Passat - Trocknend ins Mark. - - Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen. - Mich hungert so -- ich küsse deine Lippen. - Ich reiße dir die Brüste von den Rippen, - Wenn du nicht geil bist! - - -- Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen - Kupferner Lippen, und die Körper knacken! - Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken - Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen. - - Und als ich dir die weißen Knie und, - Dein Herz verlangend, allen Körper küßte, - Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste; - Da drängte sich das Herz an meinen Mund. - - - - -GUTEN TAG -- HELLE EVA! - - - Ich wollte mit dir jungem Weibe leben - Gern wie der Sturm auf einem hellen Meer, - Daß deine Hände sich wie Möwen heben, - Wie Strudel leuchten deine Brüste sehr. - - Dein Fleisch ist Schnee, und schneereich bist du wie - Russische Winter. Mondrot leuchtet, blond, - Dein Haarkorb an des Nackens Horizont -- - Du nackend Weib, du weiße Therapie! - - Lange behielt ich deine Witterung - Und jagte hitzig hinter Dirnenrudeln, - Lustkrank, von Qual beweht. Doch du bliebst jung. - - Auf deinen Rippen kreisen weiße Strudel; - Du bist ein Weib geworden -- puh -- fruchtbar, - Du blanker Bauch voll Blut und krautigem Haar. - - - - -FRIEDRICHSTRASSENKROKI 3 UHR 20 NACHTS - - - Die Friedrichstraße trägt auf Stein - Die blassen Gewässer des Lichtes. - Die Dirnen umstehn mit Hirschgeweihn - Die Circe meines Gesichtes. - - Ich schaue: -- Der Träume Phosphor rinnt - In zwei, vier Menschenaugen neu. - -- Wie eine Katze springt, gefleckt, der Wind - Zwischen des Asphalts Lichterstreu - - Und trägt den fetten, weißen Rauch - Im Maul den jungen Winden ins Nest. - Er faßt die Dirnen an den Bauch - Und klemmt die dünnen Röcke fest. - - -- Da sind Gesichter, lachen nett, - Daß alle Zähne blecken müssen; - Die Louis zeigen ihr Skelett, - Louise läßt mich ihres küssen. - - - - -ANDERE JÜDIN - - - -I - - Im Norden sind die Ebenen, da steigen - Die Ströme zitternd in das Meer, - Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her. - Das Wasser schweigt, und die Sternbilder schweigen. - - Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen - Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum. - Antworte doch! Bist du noch in dem Raum, - Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen? - - -II - - Der Wind ist in den Eichen, - Die sich nach Westen legen - Und diesen kleinen, bleichen - Himmel zusammenfegen; - - Ich atme schlecht! Ich zucke - So an der Luft! Untätig. - Mir ist vom steten Drucke - Nicht mehr viel Ich vorrätig. - - - - -IN DER WELT - - - Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen, - Die wie getroffen auseinander hinken. - Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen, - Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken. - - Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise. - Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen. - Die Tage sterben weg, die weißen Greise. - Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen. - - - - -ADIEU MÄDCHENLACHEN! - - - Sie nehmen Abschied, werden nicht vergessen - Die Wege, die sie jetzt gehn -- Du und Ich, - Zwei Lächeln nur, mit denen sich - Apokalyptische Gesichte messen. - - O fälschte doch mein sicheres Gesicht! - Die Furcht läuft in die Zukunft und sieht mutig, - Da liegst du, abgeküßt und schenkelblutig: - -- Mein Hirn bellt auf -- brautnackt im Ampellicht. - - Die Schmerzen beißen in das Hirn hinein. - Was martert, mordet nicht mein wilder Freisinn! - O meine Mutter, weißhändige Greisin, - Nimm mich zurück ins Nichtgeborensein! - - - - -NACH DER NACHT - - - Laternen, die den Regenabend führen, - Haben die Stadt, die glänzende, verraten. - Eiweißer Eiter tropft im Lichteratem - Der Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren. - - Die Augen kriechen aus den Faltenlidern - Und spritzen einen Blick, der dich begießt. - Sie lachen sich das Kleid vom Bauch; du siehst - Die Brüste -- Krötenbäuche in den Miedern. - - Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags. - Der Morgen senkte sich in dein Gesicht. - Es schlugen Uhren an, weckten das Licht. - Doggengebell des Turmuhrstundenschlags. - - Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig. - O Wanderungen im Gestein der Stadt! - O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! -- - Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig. - - Du schweigst. Hinter den dunklen Augen ruht - Das Hirn vom Krampf der tötenden Arsene. - Du lächelst, blickst -- und da betritt die Szene - Die Sonne, jugendlich, im Wolkenhut. - - - - -DAS WIEDERSEHEN - - - Wie warnend leuchten schwarze Fensterscheiben. - Mystische Telefone knacken, knacken --: - Dastehst Du nahe mit beweinten Backen, - Plastik aus Rauch. - Ich drehe angstvoll mein Gesicht zum Nacken - Und steige zitternd aus aus euren Häusern. - - Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein? - Ich mache langsam Schritte in Berlin. - Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien. - Ich habe keinen Wunsch, einer zu sein. - - - - -MANN UND MENSCHFRAU - - - Der Park beleckt, ein grüner Katarakt, - Das weiße Haus, in dem wir nach uns greifen. - Du hast Angstaugen. Um die Fenster streifen - Ahorne braun und indianernackt. - - Sturm hat die Nacht, die Negerin, gepackt. - -- Du wirst doch diese Herzart nicht begreifen. - Laß aus dir trinken, und ich werde reifen. - Verdorrte Augen überschwemmt dein Akt. - - Du kriegst ein Kind. Ich werde einsam sterben - In braunen Muskeln und vom Tag gedörrter. - Jetzt könnten deine Arme mich entfärben. - - Orient und Eden machst du gegenwärtig. - Wir wandeln nackt durch baumige Hirnörter. - Engel -- dein weißer Bauch ist dunkelbärtig. - - - - - - - -End of Project Gutenberg's Junge Pferde! Junge Pferde!, by Paul Boldt - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JUNGE PFERDE! JUNGE PFERDE! *** - -***** This file should be named 40298-8.txt or 40298-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/2/9/40298/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For forty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. 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JUNGE PFERDE! *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> - +<div>*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40298 ***</div> <div class="centerpic"> <img src="images/cover.jpg" alt="" /> @@ -164,7 +130,7 @@ KURT WOLFF VERLAG • LEIPZIG<br /> <p class="center" style="page-break-before:always; font-size:0.8em; margin-top:5em; margin-bottom:5em;"> Dies Buch<br /> wurde gedruckt im Januar 1914<br /> -als elfter Band der Bücherei „Der jüngste<br /> +als elfter Band der Bücherei „Der jüngste<br /> Tag“ bei Poeschel & Trepte in<br /> Leipzig </p> @@ -177,7 +143,7 @@ Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig <h2 class="chapter" id="ch-1"> <a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a> -FRÜHJAHR</h2> +FRÜHJAHR</h2> <div class="poem"> <p class="line">Die ganze Nacht durch kamen Wanderungen</p> @@ -187,53 +153,53 @@ FRÜHJAHR</h2> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Als wäre allem Licht ein Tor gesprungen,</p> -<p class="line">Will es sich in die Aderbäume breiten,</p> -<p class="line">Darin die Pulse spülen, Säfte gleiten</p> -<p class="line">Wie Frühjahrströme durch die Niederungen.</p> +<p class="line">Als wäre allem Licht ein Tor gesprungen,</p> +<p class="line">Will es sich in die Aderbäume breiten,</p> +<p class="line">Darin die Pulse spülen, Säfte gleiten</p> +<p class="line">Wie Frühjahrströme durch die Niederungen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Mein gutes Glück, märzlich dahergetänzelt.</p> -<p class="line">Mädchen, gut, daß du Weib bist! Diese Stunde</p> -<p class="line">Verlangt das. Küsse mich! O unsere Munde</p> +<p class="line">Mein gutes Glück, märzlich dahergetänzelt.</p> +<p class="line">Mädchen, gut, daß du Weib bist! Diese Stunde</p> +<p class="line">Verlangt das. Küsse mich! O unsere Munde</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Haben noch niemals um ihr Glück scharwenzelt.</p> -<p class="line">Du — du — dein Haar riecht wie der frühe Wind</p> -<p class="line">Nach weißer Sonne — Sonne — Sonne — Wind. +<p class="line">Haben noch niemals um ihr Glück scharwenzelt.</p> +<p class="line">Du — du — dein Haar riecht wie der frühe Wind</p> +<p class="line">Nach weißer Sonne — Sonne — Sonne — Wind. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-2"> <a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -NÄCHTE ÜBER FINNLAND</h2> +NÄCHTE ÜBER FINNLAND</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten,</p> +<p class="line">Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten,</p> <p class="line">Und aus den Seen taucht das Nachtgespenst</p> -<p class="line">Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt,</p> +<p class="line">Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt,</p> <p class="line">Den Sterngeruch der neuen Nacht zu kosten.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten,</p> -<p class="line">Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt,</p> +<p class="line">Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten,</p> +<p class="line">Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt,</p> <p class="line">— befrorne Linien — Filigran umgrenzt,</p> <p class="line">Zieht die Kontur aus reinen, reifen Frosten.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Bis auf das alte, runde, schwarze Eis</p> -<p class="line">Des Grundes sind die Flüsse zugefroren.</p> -<p class="line">In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis</p> +<p class="line">Des Grundes sind die Flüsse zugefroren.</p> +<p class="line">In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und in den leuchtenden, polierten Mooren.</p> -<p class="line">Die Krähen schreien ewig: Tag — und Tat —</p> -<p class="line">Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat. +<p class="line">Die Krähen schreien ewig: Tag — und Tat —</p> +<p class="line">Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat. </p> </div> @@ -242,60 +208,60 @@ NÄCHTE ÜBER FINNLAND</h2> WEICHSEL</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Ein Thema: Weichsel; blutsüßes Erinnern!</p> +<p class="line">Ein Thema: Weichsel; blutsüßes Erinnern!</p> <p class="line">Der Strom bei Kulm verwildert in dem Bett.</p> -<p class="line">Ein Mädchen, läuft mein Segel aufs Parkett</p> -<p class="line">Aus Wellen, glänzend, unabsehbar, zinnern.</p> +<p class="line">Ein Mädchen, läuft mein Segel aufs Parkett</p> +<p class="line">Aus Wellen, glänzend, unabsehbar, zinnern.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">In Obertertia. Julitage flammen,</p> <p class="line">Bis du den Leib in helle Wellen scharrst.</p> -<p class="line">Die Otter floh; mein weißes Lachen barst</p> +<p class="line">Die Otter floh; mein weißes Lachen barst</p> <p class="line">Zwischen den Weiden, wo die Strudel schwammen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Russische Flöße in den Abend ragend.</p> +<p class="line">Russische Flöße in den Abend ragend.</p> <p class="line">Die fremden Weiber, die am Feuer sitzen,</p> <p class="line">Bewirten mich: Schnaps und gestohlener Speck.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wir ankern und die Alten bleiben weg.</p> -<p class="line">Die Völlerei. Aus grausamen Antlitzen</p> +<p class="line">Die Völlerei. Aus grausamen Antlitzen</p> <p class="line">Blitzt unser Blick, ins Weiberlachen schlagend. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-4"> <a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -NÄCHTIGE SEEFAHRT</h2> +NÄCHTIGE SEEFAHRT</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die Winde sind von einem Möwen-Dutzend</p> -<p class="line">Geschwänzt und schlagen durch die Luft, dumpf, pfeifend.</p> -<p class="line">Und hart herrollend, seltsam vorwärtsgreifend,</p> -<p class="line">Zerbraust das Meer, der Riffe Rücken putzend.</p> +<p class="line">Die Winde sind von einem Möwen-Dutzend</p> +<p class="line">Geschwänzt und schlagen durch die Luft, dumpf, pfeifend.</p> +<p class="line">Und hart herrollend, seltsam vorwärtsgreifend,</p> +<p class="line">Zerbraust das Meer, der Riffe Rücken putzend.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Es klatscht das Segel, patscht das Ruderblatt.</p> <p class="line">Die gleichen Wogen streifen, weichen vorn</p> -<p class="line">Und fallen hinten, wo der Möwen Zorn</p> -<p class="line">Sie schmäht, matt, hingemäht, ins glatte Schwad.</p> +<p class="line">Und fallen hinten, wo der Möwen Zorn</p> +<p class="line">Sie schmäht, matt, hingemäht, ins glatte Schwad.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Dann steift der Wind. Er gibt die Brise doppelt</p> -<p class="line">Und schmeißt die hellen Wasserhaufen steiler,</p> +<p class="line">Und schmeißt die hellen Wasserhaufen steiler,</p> <p class="line">Wie ein Pikeur die Meute noch gekoppelt</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Voll Gier losläßt; allein der starke Keiler</p> -<p class="line">Stockt, steht, stößt einmal in die Runde</p> -<p class="line">Entblößter Zahnreihn und zerfetzt die Hunde. +<p class="line">Voll Gier losläßt; allein der starke Keiler</p> +<p class="line">Stockt, steht, stößt einmal in die Runde</p> +<p class="line">Entblößter Zahnreihn und zerfetzt die Hunde. </p> </div> @@ -306,27 +272,27 @@ FRIEDRICHSTRASSENDIRNEN</h2> <div class="poem"> <p class="line">Sie liegen immer in den Nebengassen,</p> <p class="line">Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,</p> -<p class="line">Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,</p> -<p class="line">Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.</p> +<p class="line">Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,</p> +<p class="line">Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.</p> -<p class="line">Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug’ spürt Tortur,</p> -<p class="line">Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur</p> +<p class="line">Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug’ spürt Tortur,</p> +<p class="line">Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur</p> <p class="line">Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Gespannt von Wollust wie ein Projektil!</p> -<p class="line">Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,</p> -<p class="line">Gleich groben Küchenfrauen ohne viel</p> +<p class="line">Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,</p> +<p class="line">Gleich groben Küchenfrauen ohne viel</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder</p> +<p class="line">Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder</p> <p class="line">Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide</p> -<p class="line">Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder. +<p class="line">Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder. </p> </div> @@ -336,68 +302,68 @@ MITTAGS</h2> <div class="poem"> <p class="line">Jetzt ruht der Tag am Himmel wie ein Krake,</p> -<p class="line">Des blasses Maul die Wälder überschwemmt.</p> -<p class="line">Laubbäume zittern in dem Sonnenhemd,</p> +<p class="line">Des blasses Maul die Wälder überschwemmt.</p> +<p class="line">Laubbäume zittern in dem Sonnenhemd,</p> <p class="line">Als ob der Park von hellen Flammen blake.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Die schwere Mühle rudert strahlumwellt</p> -<p class="line">In glattem Takt, daß sie den Abend hebe;</p> -<p class="line">Noch hält der leuchtende Kristall die Schwebe,</p> -<p class="line">Der Azur aus dem leichten Lichte fällt.</p> +<p class="line">Die schwere Mühle rudert strahlumwellt</p> +<p class="line">In glattem Takt, daß sie den Abend hebe;</p> +<p class="line">Noch hält der leuchtende Kristall die Schwebe,</p> +<p class="line">Der Azur aus dem leichten Lichte fällt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Orangewolken mit zitterndem Bauch,</p> -<p class="line">Die nachts den Flächenblitz gebären sollen.</p> -<p class="line">Libellen flügeln, Falter, und verschollen</p> +<p class="line">Die nachts den Flächenblitz gebären sollen.</p> +<p class="line">Libellen flügeln, Falter, und verschollen</p> <p class="line">Summen die Bienen in dem Bohnenstrauch.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">In deinen Adern glüht des Heliotrops</p> -<p class="line">Arom, gekühlt von süßerem Jasmin,</p> +<p class="line">In deinen Adern glüht des Heliotrops</p> +<p class="line">Arom, gekühlt von süßerem Jasmin,</p> <p class="line">Und durch die Nerven klingen Phantasien,</p> -<p class="line">Bizarre Phantasien Félicien Rops’.</p> +<p class="line">Bizarre Phantasien Félicien Rops’.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Im Walde schlägt der Keiler durstgequält</p> -<p class="line">Die hellen Zähne in das Holz der Kiefer.</p> -<p class="line">Die tote Schonung raucht wie heißer Schiefer,</p> -<p class="line">In dem der Nacht erstickter Atem schwält. +<p class="line">Im Walde schlägt der Keiler durstgequält</p> +<p class="line">Die hellen Zähne in das Holz der Kiefer.</p> +<p class="line">Die tote Schonung raucht wie heißer Schiefer,</p> +<p class="line">In dem der Nacht erstickter Atem schwält. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-7"> <a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -NACHT FÜR NACHT</h2> +NACHT FÜR NACHT</h2> <div class="poem"> <p class="line">Wie helle Raupen kriechen die Chausseen</p> -<p class="line">Aus Wäldern über Berge in die Tale.</p> -<p class="line">Gestrandet liegen Wolken, groß wie Wale,</p> -<p class="line">Still in der Abendröte blanken Seen.</p> +<p class="line">Aus Wäldern über Berge in die Tale.</p> +<p class="line">Gestrandet liegen Wolken, groß wie Wale,</p> +<p class="line">Still in der Abendröte blanken Seen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Der Tag versiegt. Bis ihn die Frühen speisen,</p> +<p class="line">Der Tag versiegt. Bis ihn die Frühen speisen,</p> <p class="line">Quillt schwarze Nacht aus allen Himmelsbronnen.</p> <p class="line">Die Sterne scheinen, kleine, ferne Sonnen.</p> -<p class="line">Der Teich im Hofe glänzt wie dunkles Eisen.</p> +<p class="line">Der Teich im Hofe glänzt wie dunkles Eisen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Der Mond steht, wie ein Junge in der Pfütze,</p> -<p class="line">Hell über jedem Garten. Und wie Gaze</p> -<p class="line">Schimmert der Wald, des Berges blaue Mütze.</p> +<p class="line">Der Mond steht, wie ein Junge in der Pfütze,</p> +<p class="line">Hell über jedem Garten. Und wie Gaze</p> +<p class="line">Schimmert der Wald, des Berges blaue Mütze.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Aus einer Kleinstadt ragt des Kirchturms Vase</p> -<p class="line">Verschnörkelt aus der Giebeldächer Nippes. —</p> -<p class="line">Schlaf hält die Menschen fest, steif, wie in Gips. +<p class="line">Verschnörkelt aus der Giebeldächer Nippes. —</p> +<p class="line">Schlaf hält die Menschen fest, steif, wie in Gips. </p> </div> @@ -406,10 +372,10 @@ NACHT FÜR NACHT</h2> RINDER</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Verblichnes Grün der Weide deckt</p> -<p class="line">Das Weiß und Schwarz der Herde.</p> +<p class="line">Verblichnes Grün der Weide deckt</p> +<p class="line">Das Weiß und Schwarz der Herde.</p> <p class="line">Silhouetten, da und dort gesteckt,</p> -<p class="line">Die Köpfe auf der Erde.</p> +<p class="line">Die Köpfe auf der Erde.</p> </div> <div class="poem"> @@ -421,16 +387,16 @@ RINDER</h2> <div class="poem"> <p class="line">Unten geht ein fleischern Meer</p> -<p class="line">Im grünen Klee spazieren.</p> -<p class="line">Vom Hund umbellt. Zurück. Carrière,</p> +<p class="line">Im grünen Klee spazieren.</p> +<p class="line">Vom Hund umbellt. Zurück. Carrière,</p> <p class="line">Humpeln von alten Tieren.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Im Grase lagert sich das Blöken.</p> +<p class="line">Im Grase lagert sich das Blöken.</p> <p class="line">Dumm scharrt des Stieres Huf.</p> -<p class="line">Die Kälber jagen an den Pflöcken —</p> -<p class="line">Melkmägde schallen voller Ruf. +<p class="line">Die Kälber jagen an den Pflöcken —</p> +<p class="line">Melkmägde schallen voller Ruf. </p> </div> @@ -441,27 +407,27 @@ NORDWIND IM SOMMER</h2> <div class="poem"> <p class="line">Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land.</p> <p class="line">Die dunklen Parke flattern in der Brise.</p> -<p class="line">Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese;</p> +<p class="line">Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese;</p> <p class="line">Der Himmel steht, sich selber unbekannt,</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren,</p> +<p class="line">Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren,</p> <p class="line">Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl,</p> <p class="line">Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal,</p> -<p class="line">Fliegende Fische sind — die Roggenähren.</p> +<p class="line">Fliegende Fische sind — die Roggenähren.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite,</p> +<p class="line">Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite,</p> <p class="line">Und manchmal fliegen Reiher um den stummen,</p> <p class="line">Fischlosen See, auf dem die Bienen summen,</p> -<p class="line">Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite.</p> +<p class="line">Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich galoppiere vor dem Sonnenschein,</p> -<p class="line">Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden,</p> +<p class="line">Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden,</p> <p class="line">Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden.</p> <p class="line">Ich werde mittags an dem Meere sein. </p> @@ -472,10 +438,10 @@ NORDWIND IM SOMMER</h2> DER TURMSTEIGER</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Er fühlte plötzlich, daß es nach ihm griff,</p> +<p class="line">Er fühlte plötzlich, daß es nach ihm griff,</p> <p class="line">— Die Erde war es und der Himmel oben,</p> <p class="line">An dem die Dohlen hingen und die Winde hoben —</p> -<p class="line">Und fühlte, wie es ihn nun auch umpfiff.</p> +<p class="line">Und fühlte, wie es ihn nun auch umpfiff.</p> </div> <div class="poem"> @@ -487,14 +453,14 @@ DER TURMSTEIGER</h2> <div class="poem"> <p class="line">Ein Wasserspeier sprang ihn an und bellte.</p> -<p class="line">Er zitterte und faßte die Fiale,</p> +<p class="line">Er zitterte und faßte die Fiale,</p> <p class="line">Die knarrend brach; — versteinert aber schnellte</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ein Teufel Witze auf die Kathedrale; —</p> -<p class="line">Er hörte hin — ein höllisches Finale:</p> -<p class="line">Er stürzte, fiel! Sein Schrei trieb hoch und gellte. +<p class="line">Er hörte hin — ein höllisches Finale:</p> +<p class="line">Er stürzte, fiel! Sein Schrei trieb hoch und gellte. </p> </div> @@ -504,15 +470,15 @@ DIE SINTFLUT</h2> <div class="poem"> <p class="line">Die Wolken wachsen aus den Horizonten</p> -<p class="line">Und trinken Himmel mit den Regenhälsen.</p> -<p class="line">Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen</p> -<p class="line">In weiße Stirnen, die nicht denken konnten,</p> +<p class="line">Und trinken Himmel mit den Regenhälsen.</p> +<p class="line">Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen</p> +<p class="line">In weiße Stirnen, die nicht denken konnten,</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen.</p> +<p class="line">Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen.</p> <p class="line">Im Abendsturm ertranken lange Pappeln. —</p> -<p class="line">Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln,</p> +<p class="line">Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln,</p> <p class="line">Die in dem All den warmen Erdrauch rochen.</p> </div> @@ -524,7 +490,7 @@ DIE SINTFLUT</h2> <div class="poem"> <p class="line">Die Sterne standen, von Begierde blasser,</p> -<p class="line">Mit dünnem Atem an des Ostens Kap.</p> +<p class="line">Mit dünnem Atem an des Ostens Kap.</p> <p class="line">Ein Stern sprang nach der Erde, sprang zu kurz. </p> </div> @@ -535,82 +501,82 @@ CAPRICCIO</h2> <div class="poem"> <p class="line">Entlaubte Parke liegen treu wie Doggen</p> -<p class="line">Hinter den Herrenhäusern, um zu wachen.</p> -<p class="line">Schneestürme weiden, eine Herde Bachen.</p> +<p class="line">Hinter den Herrenhäusern, um zu wachen.</p> +<p class="line">Schneestürme weiden, eine Herde Bachen.</p> <p class="line">Oft sind die Rehe auf dem jungen Roggen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Und eine Wolke droht den Mond zu schänden.</p> -<p class="line">Die Nacht hockt auf dem Park, der stärker rauscht.</p> +<p class="line">Und eine Wolke droht den Mond zu schänden.</p> +<p class="line">Die Nacht hockt auf dem Park, der stärker rauscht.</p> <p class="line">Zwei alte Tannen winken, aufgebauscht,</p> -<p class="line">Geheimnisvoll mit den harzigen Händen.</p> +<p class="line">Geheimnisvoll mit den harzigen Händen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die Toten sitzen in den nassen Nischen.</p> -<p class="line">Auf einem Kirchenschlüssel bläst der eine,</p> -<p class="line">Und alle lauschen, überkreuzte Beine,</p> -<p class="line">Die Knochenhände eingeklemmt dazwischen.</p> +<p class="line">Auf einem Kirchenschlüssel bläst der eine,</p> +<p class="line">Und alle lauschen, überkreuzte Beine,</p> +<p class="line">Die Knochenhände eingeklemmt dazwischen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Am großen, kalten Winterhimmel drohn</p> -<p class="line">Vier Wolken, welche Pferdeschädeln gleichen.</p> +<p class="line">Am großen, kalten Winterhimmel drohn</p> +<p class="line">Vier Wolken, welche Pferdeschädeln gleichen.</p> <p class="line">Der Winde Brut pfeift in den hellen Eichen,</p> <p class="line">Daraus der gelbe Geier Mond geflohn.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Der Tod im Garten tritt jetzt aus dem Schatten</p> -<p class="line">Der Tannen. Rasch. Das Schneelicht spritzt und glänzt.</p> +<p class="line">Der Tannen. Rasch. Das Schneelicht spritzt und glänzt.</p> <p class="line">Der Schrecken flattert breit um das Gespenst,</p> <p class="line">Das seinen Weg nimmt quer durch die Rabatten.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Zum Schloß. — Dort ruft man: „Prosit Neujahr! Prost!“</p> -<p class="line">Zu zwölfen sind sie, der Apostel Schar,</p> +<p class="line">Zum Schloß. — Dort ruft man: „Prosit Neujahr! Prost!“</p> +<p class="line">Zu zwölfen sind sie, der Apostel Schar,</p> <p class="line">Und mit Champagner taufen sie das Jahr,</p> -<p class="line">Umstellt vom Sturm, der auf den Dächern tost. +<p class="line">Umstellt vom Sturm, der auf den Dächern tost. </p> </div> <div class="poem"> <p class="line"> <a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch.</p> +Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch.</p> <p class="line">Der Hitze Salven krachen vom Kamin.</p> <p class="line">Geruch der Weiber — Trimethylamin,</p> -<p class="line">Die Bäuche schwitzen in der großen Brunst.</p> +<p class="line">Die Bäuche schwitzen in der großen Brunst.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Jetzt stehn sie auf. Das Stühlerücken schurrt.</p> +<p class="line">Jetzt stehn sie auf. Das Stühlerücken schurrt.</p> <p class="line">Der Tod im Flur ist nicht gewohnt die Speisen.</p> <p class="line">Er hebt den Kopf gegen das kalte Eisen</p> -<p class="line">Der Schlüsseltülle, schnuppert gierig, knurrt.</p> +<p class="line">Der Schlüsseltülle, schnuppert gierig, knurrt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Kommt jemand? Still. Er hupft unter die Treppe.</p> -<p class="line">An einem Fräulein zerrt ein Kavalier.</p> +<p class="line">An einem Fräulein zerrt ein Kavalier.</p> <p class="line">Der Tod schleicht hinterher, ein fletschend Tier</p> -<p class="line">Aus Mond; das trägt der Dame Schleppe.</p> +<p class="line">Aus Mond; das trägt der Dame Schleppe.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Sie kommen an die Gruft —: „Hier sind wir sicher!“</p> -<p class="line">— „Ich fürchte mich, oh, sind die Bäume groß!“</p> -<p class="line">Der Tod schupst sie — kein Schrei, sie quieken bloß —</p> -<p class="line">Und läuft hinweg mit heftigem Gekicher. — —</p> +<p class="line">— „Ich fürchte mich, oh, sind die Bäume groß!“</p> +<p class="line">Der Tod schupst sie — kein Schrei, sie quieken bloß —</p> +<p class="line">Und läuft hinweg mit heftigem Gekicher. — —</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Es dämmert endlich. Mit Blutaugen stiert</p> -<p class="line">Der Morgen hin. Im Saal zappelt ein Märchen.</p> -<p class="line">Der Tod wühlt in den fetten, welken Pärchen,</p> -<p class="line">Frißt sie wie Trüffeln, die ein Schwein aufspürt. +<p class="line">Es dämmert endlich. Mit Blutaugen stiert</p> +<p class="line">Der Morgen hin. Im Saal zappelt ein Märchen.</p> +<p class="line">Der Tod wühlt in den fetten, welken Pärchen,</p> +<p class="line">Frißt sie wie Trüffeln, die ein Schwein aufspürt. </p> </div> @@ -619,28 +585,28 @@ Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch.</p> IMPRESSION DU SOIR</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Des Abends schwarze Wolkenvögel flogen</p> -<p class="line">Im Osten auf vom Fluß der Horizonte.</p> -<p class="line">Gärten vertropft in Nacht, die, als es sonnte,</p> -<p class="line">Wie See grünten und den Wind einsogen.</p> +<p class="line">Des Abends schwarze Wolkenvögel flogen</p> +<p class="line">Im Osten auf vom Fluß der Horizonte.</p> +<p class="line">Gärten vertropft in Nacht, die, als es sonnte,</p> +<p class="line">Wie See grünten und den Wind einsogen.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Einsame Pappeln pressen ihre Schreie</p> -<p class="line">Angst vor den Stürmen in die blonde Stille.</p> +<p class="line">Angst vor den Stürmen in die blonde Stille.</p> <p class="line">Schon saugen schwarze Munde Atem. — Schrille</p> <p class="line">Fabrikenpfiffe. Menschen ziehn ins Freie.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ein rotes Mohnfeld mit den schwarzen Köpfen,</p> +<p class="line">Ein rotes Mohnfeld mit den schwarzen Köpfen,</p> <p class="line">Ragen die Schlote, einsam, krank und kahl.</p> -<p class="line">Die Wolkenvögel, Eiter an den Kröpfen,</p> +<p class="line">Die Wolkenvögel, Eiter an den Kröpfen,</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wie Pelikane flattern sie zum Mahl.</p> -<p class="line">Und als die Horizonte Dunkel schöpfen,</p> +<p class="line">Und als die Horizonte Dunkel schöpfen,</p> <p class="line">Wirft sich der Blitz heraus, der blanke Aal. </p> </div> @@ -650,38 +616,38 @@ IMPRESSION DU SOIR</h2> BERLIN</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die Stimmen der Autos wie Jägersignale</p> -<p class="line">Die Täler der Straße bewaldend ziehn.</p> -<p class="line">Schüsse von Licht. Mit einem Male</p> +<p class="line">Die Stimmen der Autos wie Jägersignale</p> +<p class="line">Die Täler der Straße bewaldend ziehn.</p> +<p class="line">Schüsse von Licht. Mit einem Male</p> <p class="line">Brennen die Himmel auf Berlin.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die Spree, ein Antlitz wie der Tag,</p> -<p class="line">Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,</p> -<p class="line">Behält der wilden Stadt Geschmack,</p> -<p class="line">Auf der die Züge krächzend klettern.</p> +<p class="line">Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,</p> +<p class="line">Behält der wilden Stadt Geschmack,</p> +<p class="line">Auf der die Züge krächzend klettern.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Die blaue Nacht fließt in der Forst.</p> -<p class="line">Sie fühlt, geblendet, daß du lebst.</p> -<p class="line">Schnellzüge steigen aus dem Horst!</p> -<p class="line">Der weiße Abend, den du webst,</p> +<p class="line">Die blaue Nacht fließt in der Forst.</p> +<p class="line">Sie fühlt, geblendet, daß du lebst.</p> +<p class="line">Schnellzüge steigen aus dem Horst!</p> +<p class="line">Der weiße Abend, den du webst,</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Fühlt, blüht, verblättert in das All.</p> -<p class="line">Ein Menschenhände-Fangen treibst du</p> +<p class="line">Fühlt, blüht, verblättert in das All.</p> +<p class="line">Ein Menschenhände-Fangen treibst du</p> <p class="line">Um den verklungnen Erdenball</p> <p class="line">Wie hartes Licht; und also bleibst du.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Wer weiß, in welche Welten dein</p> +<p class="line">Wer weiß, in welche Welten dein</p> <p class="line">Erstarktes Sternenauge schien,</p> -<p class="line">Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,</p> -<p class="line">Der Erde weiße Blume, Berlin. +<p class="line">Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,</p> +<p class="line">Der Erde weiße Blume, Berlin. </p> </div> @@ -692,58 +658,58 @@ DER SCHNELLZUG</h2> <div class="poem"> <p class="line">Es sprang am Walde auf in panischem Schrecke,</p> <p class="line">Die gelben Augen in die Nacht geschlagen. —</p> -<p class="line">Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen</p> -<p class="line">Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen</p> +<p class="line">Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen</p> +<p class="line">Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Im blinden Walde lauert an der Strecke</p> <p class="line">Die Kurve wach. Es schwanken die Verdecke.</p> <p class="line">Wie Schneesturm rennt der D-Zug durch die Ecke,</p> -<p class="line">Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen.</p> +<p class="line">Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten</p> -<p class="line">Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise</p> -<p class="line">Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten.</p> +<p class="line">Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten</p> +<p class="line">Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise</p> +<p class="line">Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise</p> +<p class="line">Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise</p> <p class="line">Hinter dem Sternenkopfe des Kometen,</p> -<p class="line">Der zischend hinfällt über das Geleise. +<p class="line">Der zischend hinfällt über das Geleise. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-16"> <a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -HERBSTGEFÜHL</h2> +HERBSTGEFÜHL</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Der große, abendrote Sonnenball</p> +<p class="line">Der große, abendrote Sonnenball</p> <p class="line">Rutscht in den Sumpf, des Stromes schwarzen Eiter,</p> -<p class="line">Den Nebel leckt. Schon fließt die Schwäre breiter,</p> -<p class="line">Und trübe Wasser schwimmen in das Tal.</p> +<p class="line">Den Nebel leckt. Schon fließt die Schwäre breiter,</p> +<p class="line">Und trübe Wasser schwimmen in das Tal.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ins finstre Laub der Eichen sinken Vögel,</p> -<p class="line">Aasvögel mit den Scharlachflügeldecken,</p> -<p class="line">Die ihre Fänge durch die Kronen strecken,</p> -<p class="line">Und Schreien, Geierpfiff, fällt von der Höhe.</p> +<p class="line">Ins finstre Laub der Eichen sinken Vögel,</p> +<p class="line">Aasvögel mit den Scharlachflügeldecken,</p> +<p class="line">Die ihre Fänge durch die Kronen strecken,</p> +<p class="line">Und Schreien, Geierpfiff, fällt von der Höhe.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ach, alle Wolken brocken Dämmerung!</p> -<p class="line">Man kann den Schrei des kranken Sees hören</p> -<p class="line">Unter der Vögel Schlag und gelbem Sprung.</p> +<p class="line">Ach, alle Wolken brocken Dämmerung!</p> +<p class="line">Man kann den Schrei des kranken Sees hören</p> +<p class="line">Unter der Vögel Schlag und gelbem Sprung.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Wie Schuß, wie Hussah in den schwarzen Föhren</p> +<p class="line">Wie Schuß, wie Hussah in den schwarzen Föhren</p> <p class="line">Ist alle Farbe! Von dem Fiebertrunk</p> -<p class="line">Glänzen die Augen, die dem Tod gehören. +<p class="line">Glänzen die Augen, die dem Tod gehören. </p> </div> @@ -754,27 +720,27 @@ PROSERPINA</h2> <div class="poem"> <p class="line">Einsamer Pluto trage ich im Blute</p> <p class="line">Proserpina, nackend, mit blonden Haaren.</p> -<p class="line">Unauslöschbar. Ich will mich mit ihr paaren,</p> +<p class="line">Unauslöschbar. Ich will mich mit ihr paaren,</p> <p class="line">Die ich in allem hellen Weib vermute.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ich bin von ihren Armen lichtgefleckt</p> -<p class="line">Im Rücken! Ihre Knie sind nervös,</p> -<p class="line">Die Schenkel weiß, fleischsträhnig, ein Erlös</p> -<p class="line">Des weißen Tages, der die Erde deckt.</p> +<p class="line">Im Rücken! Ihre Knie sind nervös,</p> +<p class="line">Die Schenkel weiß, fleischsträhnig, ein Erlös</p> +<p class="line">Des weißen Tages, der die Erde deckt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">In ihrem Haar bleibt etwas vom Verwehten</p> <p class="line">Des warmen Bluts. Ich liebe den Geruch!</p> -<p class="line">Und nur die Zähne haben zuviel Fades</p> +<p class="line">Und nur die Zähne haben zuviel Fades</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Wie Schulmädchen, sooft sie in den Bruch,</p> +<p class="line">Wie Schulmädchen, sooft sie in den Bruch,</p> <p class="line">Den Brunnen ihres Frauenmundes treten,</p> -<p class="line">Der meine Brünste tränkt — Herden des Hades. +<p class="line">Der meine Brünste tränkt — Herden des Hades. </p> </div> @@ -785,26 +751,26 @@ DER DENKER</h2> <div class="poem"> <p class="line">Nachmittag wird, und Wetter steigen schwarz</p> <p class="line">Herauf. Des Blitzes Ferse leuchtet im</p> -<p class="line">Gewölk. Auf das Gebirge beißt voll Grimm</p> +<p class="line">Gewölk. Auf das Gebirge beißt voll Grimm</p> <p class="line">Der Donner, und Regen speien aus den Quarz.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Den Fuß den Felsgesteinen eingestemmt,</p> +<p class="line">Den Fuß den Felsgesteinen eingestemmt,</p> <p class="line">Die Augen abgewandt, als horche er,</p> -<p class="line">So kommt er durch die Schründe, weglos, quer.</p> -<p class="line">Zum weißen Urherrn in der Blitze Hemd.</p> +<p class="line">So kommt er durch die Schründe, weglos, quer.</p> +<p class="line">Zum weißen Urherrn in der Blitze Hemd.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Der Abgrund saugt Milliarden Zentner Himmel</p> -<p class="line">In sich hinein. Der Weiße oben bleckt,</p> -<p class="line">Zu dem er steigt. Durch Gletscher grün von Schimmel,</p> +<p class="line">In sich hinein. Der Weiße oben bleckt,</p> +<p class="line">Zu dem er steigt. Durch Gletscher grün von Schimmel,</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Des Riesen Bart, der von den Föhnen leckt.</p> -<p class="line">Und schon reißt weit der Horizont entzwei, —</p> +<p class="line">Des Riesen Bart, der von den Föhnen leckt.</p> +<p class="line">Und schon reißt weit der Horizont entzwei, —</p> <p class="line">Blank, eben, schwangleich rauscht ins All ein Schrei. </p> </div> @@ -821,9 +787,9 @@ NOVEMBERABEND</h2> </div> <div class="poem"> -<p class="line">In Wolken gleich verkohlten Stämmen</p> +<p class="line">In Wolken gleich verkohlten Stämmen</p> <p class="line">Riecht man die tote Sonne noch;</p> -<p class="line">Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen —</p> +<p class="line">Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen —</p> <p class="line">Einsamkeiten kommen hoch. </p> </div> @@ -834,8 +800,8 @@ VORMORGENS</h2> <div class="poem"> <p class="line">Schneeflocken klettern an den Fensterscheiben,</p> -<p class="line">Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein,</p> -<p class="line">Und hingestreute Bogen, weiß und rein,</p> +<p class="line">Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein,</p> +<p class="line">Und hingestreute Bogen, weiß und rein,</p> <p class="line">Ich wollte wohl etwas von Versen schreiben.</p> </div> @@ -843,14 +809,14 @@ VORMORGENS</h2> <p class="line">Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr’n,</p> <p class="line">Die letzten Sterne torkeln von den Posten.</p> <p class="line">Der Tag ist nah, den unbesternten Osten</p> -<p class="line">Bevölkern Morgenwinde schon purpurn.</p> +<p class="line">Bevölkern Morgenwinde schon purpurn.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und mich bewachsen Abende, beschatten</p> <p class="line">Die Jahre! O ich dunkle ein.</p> <p class="line">Das Gas singt in den Gassen Litanein,</p> -<p class="line">Daß meine Augen so sehr früh ermatten. +<p class="line">Daß meine Augen so sehr früh ermatten. </p> </div> @@ -859,16 +825,16 @@ VORMORGENS</h2> DIE DIRNE</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die Zähne standen unbeteiligt, kühl</p> -<p class="line">Gleich Fischen an den heißen Sommertagen.</p> +<p class="line">Die Zähne standen unbeteiligt, kühl</p> +<p class="line">Gleich Fischen an den heißen Sommertagen.</p> <p class="line">Sie hatte sie in sein Gesicht geschlagen</p> -<p class="line">Und trank es — trank — entschlossen dies Gefühl</p> +<p class="line">Und trank es — trank — entschlossen dies Gefühl</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">In sich zu halten, denn sie ward ein wenig</p> -<p class="line">Wie früher Mädchen und erlitt Verführung;</p> -<p class="line">Er aber spürte bloß Berührung,</p> +<p class="line">Wie früher Mädchen und erlitt Verführung;</p> +<p class="line">Er aber spürte bloß Berührung,</p> <p class="line">Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig.</p> </div> @@ -891,28 +857,28 @@ DIE LIEBESFRAU</h2> <div class="poem"> <p class="line">— Nackt. Ich bin es nicht gewohnt.</p> -<p class="line">Du wirst so groß und so weiß</p> +<p class="line">Du wirst so groß und so weiß</p> <p class="line">Geliebte. Glitzernd wie Mond,</p> <p class="line">Wie der Mond im Mai.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Du bist zweibrüstig,</p> +<p class="line">Du bist zweibrüstig,</p> <p class="line">Behaart und muskelblank.</p> -<p class="line">So hüftenrüstig</p> -<p class="line">Und tänzerinnenschwank.</p> +<p class="line">So hüftenrüstig</p> +<p class="line">Und tänzerinnenschwank.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Gib dich her! Draußen fallen</p> +<p class="line">Gib dich her! Draußen fallen</p> <p class="line">Die Regen. Die Fenster sind leer,</p> <p class="line">Verbergen uns . . . — allen, allen! —</p> <p class="line">Wieviel wiegt dein Haar. Es ist sehr schwer.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">— Wo sind deine Küsse? Meine Kehle ist gegallt</p> -<p class="line">Küsse du mich mit deinen Lippen!</p> +<p class="line">— Wo sind deine Küsse? Meine Kehle ist gegallt</p> +<p class="line">Küsse du mich mit deinen Lippen!</p> <p class="line">— Frierst du? — — — Du bist so kalt</p> <p class="line">Und tot in deinen hellen Rippen.</p> <p class="line">— — — — — — — — — — — — — — — @@ -924,29 +890,29 @@ DIE LIEBESFRAU</h2> DAS GESPENST</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen,</p> +<p class="line">Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen,</p> <p class="line">Das alle Tage in der Stadt verschwenden.</p> -<p class="line">Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden</p> +<p class="line">Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden</p> <p class="line">Und Wolkenfelsen, die mich kleiner machen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">In tausend Straßen liege ich begraben.</p> +<p class="line">In tausend Straßen liege ich begraben.</p> <p class="line">Ich folge dir stets ohne mich zu wenden.</p> -<p class="line">O hielte ich dein Antlitz in den Händen,</p> +<p class="line">O hielte ich dein Antlitz in den Händen,</p> <p class="line">Das meine kranke Augen vor sich haben.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ich küßte es. Es küßte mich im Bette —:</p> -<p class="line">— Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst!</p> +<p class="line">Ich küßte es. Es küßte mich im Bette —:</p> +<p class="line">— Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst!</p> <p class="line">— Bist du nachts fleischern und ein Taggespenst?</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">— Du locktest es ins Netz deiner Sonette.</p> <p class="line">— Junger Polyp, dein Mund ist eine Klette.</p> -<p class="line">— Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst.</p> +<p class="line">— Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst.</p> <p class="line">— — — — — — — — — — — — — — — </p> </div> @@ -957,22 +923,22 @@ BERLINER ABEND</h2> <div class="poem"> <p class="line">Spukhaftes Wandeln ohne Existenz!</p> -<p class="line">Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein</p> +<p class="line">Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein</p> <p class="line">Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird Elfenbein.</p> -<p class="line">Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz.</p> +<p class="line">Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Autos, eine Herde von Blitzen, schrein</p> -<p class="line">Und suchen einander in den Straßen.</p> +<p class="line">Und suchen einander in den Straßen.</p> <p class="line">Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen:</p> -<p class="line">Die Stadtbahnzüge ziehen ein.</p> +<p class="line">Die Stadtbahnzüge ziehen ein.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und sehr weit blitzt Berlin. Schon hat der Ost,</p> -<p class="line">Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost,</p> -<p class="line">Sein funkelnd Maul über die Stadt gedreht,</p> +<p class="line">Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost,</p> +<p class="line">Sein funkelnd Maul über die Stadt gedreht,</p> <p class="line">Darauf die Nacht, ein stummer Vogel, steht. </p> </div> @@ -982,29 +948,29 @@ BERLINER ABEND</h2> HERBSTPARK</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die gelbe Krankheit herrscht. Wie Säufern fällt</p> -<p class="line">Das Laub Ahornen aus den roten Schädeln,</p> -<p class="line">Und Birken glühn gleich flinken Gassenmädeln</p> +<p class="line">Die gelbe Krankheit herrscht. Wie Säufern fällt</p> +<p class="line">Das Laub Ahornen aus den roten Schädeln,</p> +<p class="line">Und Birken glühn gleich flinken Gassenmädeln</p> <p class="line">Im Arm der Winde auf dem schwarzen Feld.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Und wie die Hände einer Frau, die sinnt</p> +<p class="line">Und wie die Hände einer Frau, die sinnt</p> <p class="line">Ihrem Gemahl nach und der starken Lust,</p> -<p class="line">Ward weiße Sonne kühl! Du aber mußt</p> -<p class="line">Der Nächte denken, die im Juni sind.</p> +<p class="line">Ward weiße Sonne kühl! Du aber mußt</p> +<p class="line">Der Nächte denken, die im Juni sind.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">In diesen sternenbunten, sagt man, fror es.</p> -<p class="line">Der Park ist so verstört. Aus beiden Teichen</p> +<p class="line">Der Park ist so verstört. Aus beiden Teichen</p> <p class="line">Zittert die Stimme des gefleckten Rohres,</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wenn Wellen so vom seichten Sande schleichen.</p> <p class="line">Und Regen droht. In Kutten, stummen Chores,</p> -<p class="line">Gehn Wolken um die großen, grünen Eichen. +<p class="line">Gehn Wolken um die großen, grünen Eichen. </p> </div> @@ -1015,21 +981,21 @@ LINDEN</h2> <div class="poem"> <p class="line">Mit Wald gepudert und Laternenschein,</p> <p class="line">Schreiten die Linden und ein paar Platanen</p> -<p class="line">— Unter den Bäumen sind sie Kurtisanen —</p> -<p class="line">Den Mädchenstrom Kurfürstendamm hinein.</p> +<p class="line">— Unter den Bäumen sind sie Kurtisanen —</p> +<p class="line">Den Mädchenstrom Kurfürstendamm hinein.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ihr Wäldermädchen mit den Laubfrisuren —</p> -<p class="line">Man muß wohl Wind sein, um euch zu umarmen.</p> -<p class="line">Hübsche Dryaden, träumt ihr von den Farmen</p> +<p class="line">Ihr Wäldermädchen mit den Laubfrisuren —</p> +<p class="line">Man muß wohl Wind sein, um euch zu umarmen.</p> +<p class="line">Hübsche Dryaden, träumt ihr von den Farmen</p> <p class="line">Am Strom und Wiesen zwischen Weizenfluren?</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Den Pfeil von Glühlicht in dem grünen Haar,</p> +<p class="line">Den Pfeil von Glühlicht in dem grünen Haar,</p> <p class="line">Aha! Ihr seid schon elegant geworden,</p> -<p class="line">Jüdinnen, — die ich liebte, ein Barbar,</p> +<p class="line">Jüdinnen, — die ich liebte, ein Barbar,</p> </div> <div class="poem"> @@ -1044,29 +1010,29 @@ LINDEN</h2> JUNGE PFERDE</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Wer die blühenden Wiesen kennt</p> +<p class="line">Wer die blühenden Wiesen kennt</p> <p class="line">Und die hingetragene Herde,</p> <p class="line">Die, das Maul am Winde, rennt:</p> <p class="line">Junge Pferde! Junge Pferde!</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Über Gräben, Gräserstoppel</p> +<p class="line">Über Gräben, Gräserstoppel</p> <p class="line">Und entlang den Rotdornhecken</p> <p class="line">Weht der Trab der scheuen Koppel,</p> -<p class="line">Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!</p> +<p class="line">Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Junge Sommermorgen zogen</p> -<p class="line">Weiß davon, sie wieherten.</p> +<p class="line">Weiß davon, sie wieherten.</p> <p class="line">Wolke warf den Blitz, sie flogen</p> <p class="line">Voll von Angst hin, galoppierten.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Selten graue Nüstern wittern,</p> -<p class="line">Und dann nähern sie und nicken,</p> +<p class="line">Selten graue Nüstern wittern,</p> +<p class="line">Und dann nähern sie und nicken,</p> <p class="line">Ihre Augensterne zittern</p> <p class="line">In den engen Menschenblicken. </p> @@ -1074,30 +1040,30 @@ JUNGE PFERDE</h2> <h2 class="chapter" id="ch-28"> <a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -ERWACHSENE MÄDCHEN</h2> +ERWACHSENE MÄDCHEN</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Wer weiß seit Fragonard noch, was es heiße,</p> +<p class="line">Wer weiß seit Fragonard noch, was es heiße,</p> <p class="line">Zwei stracke Beine haben in dem Kleide;</p> -<p class="line">Roben gefüllt von Fleisch, als ob die Seide</p> -<p class="line">In jeder Falte mit dem Körper kreiße.</p> +<p class="line">Roben gefüllt von Fleisch, als ob die Seide</p> +<p class="line">In jeder Falte mit dem Körper kreiße.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Aus dem Korsage fahren eure Hüften</p> -<p class="line">Wie Bügeleisen in den Stoff der Röcke,</p> -<p class="line">Darauf wie Bienen auf die Bienenstöcke</p> -<p class="line">Unsere Blicke kriechen aus den Lüften.</p> +<p class="line">Aus dem Korsage fahren eure Hüften</p> +<p class="line">Wie Bügeleisen in den Stoff der Röcke,</p> +<p class="line">Darauf wie Bienen auf die Bienenstöcke</p> +<p class="line">Unsere Blicke kriechen aus den Lüften.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Ihr jugendlichen Sonnen! Fleischern Licht!</p> <p class="line">Wir haben den Ehrgeiz der Allegorien</p> -<p class="line">Und hübschen Dinge im Gedicht.</p> +<p class="line">Und hübschen Dinge im Gedicht.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ich will mit eurer Bettwärme Blumen ziehn!</p> +<p class="line">Ich will mit eurer Bettwärme Blumen ziehn!</p> <p class="line">Und einen kleinen Mond aus dem Urin,</p> <p class="line">Der sternenhell aus eurem Blute bricht! </p> @@ -1108,29 +1074,29 @@ ERWACHSENE MÄDCHEN</h2> DIE SCHLAFENDE ERNA</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Auf einer Ottomane aus Mohär</p> -<p class="line">Liegt sie in Seidenröcken, eine Truhe</p> +<p class="line">Auf einer Ottomane aus Mohär</p> +<p class="line">Liegt sie in Seidenröcken, eine Truhe</p> <p class="line">Voll Nacktheit, und ich denke voll Unruhe</p> -<p class="line">An dein Geheimstes — schönes Sekretär.</p> +<p class="line">An dein Geheimstes — schönes Sekretär.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die Frauen tuen Wundervolles in die Seide.</p> <p class="line">Am Knie beginnt es. Ich will es auspellen,</p> -<p class="line">Wenn Küsse summen nach hautsüßen Stellen</p> -<p class="line">Im Bett, daß wir nicht schlafen können beide.</p> +<p class="line">Wenn Küsse summen nach hautsüßen Stellen</p> +<p class="line">Im Bett, daß wir nicht schlafen können beide.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Du großes Mädchen, die noch kleinen Brüste</p> -<p class="line">Schmücken dich mir. Auf den geheimen Schmuck</p> -<p class="line">Hast du die linke weiße Hand gelegt;</p> +<p class="line">Du großes Mädchen, die noch kleinen Brüste</p> +<p class="line">Schmücken dich mir. Auf den geheimen Schmuck</p> +<p class="line">Hast du die linke weiße Hand gelegt;</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ich dachte: Soll die eine, die sie trägt —</p> +<p class="line">Ich dachte: Soll die eine, die sie trägt —</p> <p class="line">Die schwarze Blume welken von dem Druck?</p> -<p class="line">Und nahm die Hand weg, die ich leise küßte. +<p class="line">Und nahm die Hand weg, die ich leise küßte. </p> </div> @@ -1141,15 +1107,15 @@ SINNLICHKEIT</h2> <div class="poem"> <p class="line">Unter dem Monde liegt des Parks Skelett.</p> <p class="line">Der Wind schweigt weit. Doch wenn wir Schritte tun,</p> -<p class="line">Beschwatzt der Schnee an deinen Stöckelschuhn</p> +<p class="line">Beschwatzt der Schnee an deinen Stöckelschuhn</p> <p class="line">Der winterlichen Sterne Menuett.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und wir entkleiden uns, seufzend vor Lust,</p> -<p class="line">Und leuchten auf; du stehst mit hübschen Hüften</p> -<p class="line">Und hellen Knien im Schnee, dem sehr verblüfften,</p> -<p class="line">Wie eine schöne Bäuerin robust.</p> +<p class="line">Und leuchten auf; du stehst mit hübschen Hüften</p> +<p class="line">Und hellen Knien im Schnee, dem sehr verblüfften,</p> +<p class="line">Wie eine schöne Bäuerin robust.</p> </div> <div class="poem"> @@ -1159,40 +1125,40 @@ SINNLICHKEIT</h2> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Mein Blut ist fröhlicher als Feuerschein!</p> +<p class="line">Mein Blut ist fröhlicher als Feuerschein!</p> <p class="line">So rennen wir exzentrisches Ballett</p> -<p class="line">Zum Pavillon hin durch die Tür ins Bett. +<p class="line">Zum Pavillon hin durch die Tür ins Bett. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-31"> <a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -MEINE JÜDIN</h2> +MEINE JÜDIN</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Du junge Jüdin, braune Judith, köstliche</p> -<p class="line">Frucht der Erkenntnis, weißer Blütenfall:</p> +<p class="line">Du junge Jüdin, braune Judith, köstliche</p> +<p class="line">Frucht der Erkenntnis, weißer Blütenfall:</p> <p class="line">Aus Kleidern steigst du nackt, ein All ins All,</p> -<p class="line">Mit deinen Brüsten, Mythenfrau, du östliche.</p> +<p class="line">Mit deinen Brüsten, Mythenfrau, du östliche.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Steige vom Sockel, Venus, aus zerballter</p> -<p class="line">Wäsche, Jungweib! Wie Morgensonne blitzt</p> +<p class="line">Wäsche, Jungweib! Wie Morgensonne blitzt</p> <p class="line">Dein Bauch — und in der Schenkel Schatten sitzt</p> -<p class="line">Wie Blüten saugend, fest, ein schwarzer Falter.</p> +<p class="line">Wie Blüten saugend, fest, ein schwarzer Falter.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Und Schwarzes fällt aus den gelösten Schleifen</p> +<p class="line">Und Schwarzes fällt aus den gelösten Schleifen</p> <p class="line">In den konkaven Nacken, wie Geruch.</p> -<p class="line">Und die zu großen, graden Zähne blecken,</p> +<p class="line">Und die zu großen, graden Zähne blecken,</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Als ob sie schon in Männerküssen stäken.</p> -<p class="line">Der Blick hängt glänzend über dem Versuch,</p> -<p class="line">Die Lippen über das Gebiß zu streifen. +<p class="line">Als ob sie schon in Männerküssen stäken.</p> +<p class="line">Der Blick hängt glänzend über dem Versuch,</p> +<p class="line">Die Lippen über das Gebiß zu streifen. </p> </div> @@ -1201,31 +1167,31 @@ MEINE JÜDIN</h2> LIEBESMORGEN</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Aus dem roten, roten Pfühl</p> +<p class="line">Aus dem roten, roten Pfühl</p> <p class="line">Kriecht die Sonne auf die Dielen,</p> <p class="line">Und wir blinzeln nur und schielen</p> -<p class="line">Nach uns, voller Lichtgefühl.</p> +<p class="line">Nach uns, voller Lichtgefühl.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Wie die Rosa-Pelikane,</p> <p class="line">Einen hellen Fisch umkrallend,</p> <p class="line">Rissen unsere Lippen lallend</p> -<p class="line">Kuß um Kuß vom weißen Zahne.</p> +<p class="line">Kuß um Kuß vom weißen Zahne.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Und nun, eingerauscht ins weiche</p> -<p class="line">Nachgefühl der starken Küsse,</p> -<p class="line">Liegen wir wie junge Flüsse</p> +<p class="line">Nachgefühl der starken Küsse,</p> +<p class="line">Liegen wir wie junge Flüsse</p> <p class="line">Eng umsonnt in einem Teiche.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Und wir lächeln gleich Verzückten;</p> +<p class="line">Und wir lächeln gleich Verzückten;</p> <p class="line">Lachen gibt der Garten wieder,</p> -<p class="line">Wo die jungen Mädchen Flieder,</p> -<p class="line">Volle Fäuste Flieder pflückten. +<p class="line">Wo die jungen Mädchen Flieder,</p> +<p class="line">Volle Fäuste Flieder pflückten. </p> </div> @@ -1234,27 +1200,27 @@ LIEBESMORGEN</h2> MEIN FEBRUARHERZ</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Als trügen Frauen in den Straußenfedern</p> -<p class="line">Das junge Licht wie eine weiße Fahne,</p> -<p class="line">Gehörten alle Häuser reichen Rhedern</p> -<p class="line">Und wären Schiffe, schwimmt um die Altane</p> +<p class="line">Als trügen Frauen in den Straußenfedern</p> +<p class="line">Das junge Licht wie eine weiße Fahne,</p> +<p class="line">Gehörten alle Häuser reichen Rhedern</p> +<p class="line">Und wären Schiffe, schwimmt um die Altane</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die blaue Luft! Oh, jetzt in einem Kahne</p> -<p class="line">Auf Wassern fahren, süßen Morgennebeln</p> +<p class="line">Auf Wassern fahren, süßen Morgennebeln</p> <p class="line">Entgegensteuern, gleich dem leisen Schwane</p> <p class="line">Die Wellen teilend mit den schwarzen Hebeln!</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Geh in die Leipzigerstraße! Geh ins Freie!</p> -<p class="line">Schön ist die Wollust! Gott ein guter Junge.</p> -<p class="line">Die Dirnen sommern brünstiger als Haie!</p> +<p class="line">Geh in die Leipzigerstraße! Geh ins Freie!</p> +<p class="line">Schön ist die Wollust! Gott ein guter Junge.</p> +<p class="line">Die Dirnen sommern brünstiger als Haie!</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ich habe Geld! Ich bin so schön im Schwunge.</p> +<p class="line">Ich habe Geld! Ich bin so schön im Schwunge.</p> <p class="line">Sonette aus Sonne kitzeln mir die Zunge!</p> <p class="line">In meiner Kehle sammeln sich die Schreie! </p> @@ -1265,28 +1231,28 @@ MEIN FEBRUARHERZ</h2> ABENDAVENUE</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die Straße ist von Klängen überstrahlt,</p> +<p class="line">Die Straße ist von Klängen überstrahlt,</p> <p class="line">Bewachsen von Phantasmen des Geruches,</p> -<p class="line">Und Hüften in den Hülsen blauen Tuches,</p> +<p class="line">Und Hüften in den Hülsen blauen Tuches,</p> <p class="line">Das aller Schritt zu Reiz zermalmt und mahlt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die Dirnen kommen, knarrend, Wollustfuder,</p> -<p class="line">Und Bürgermädchen, die mit Reizen knausern;</p> -<p class="line">Jungfräulein die, und andern, die schon mausern,</p> -<p class="line">Gleitet ein Scharlachlächeln in den Puder.</p> +<p class="line">Und Bürgermädchen, die mit Reizen knausern;</p> +<p class="line">Jungfräulein die, und andern, die schon mausern,</p> +<p class="line">Gleitet ein Scharlachlächeln in den Puder.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Teufel! Wir werden wie die Pelikane</p> -<p class="line">— Wenn diese Mädchen uns mit Blicken füttern,</p> +<p class="line">— Wenn diese Mädchen uns mit Blicken füttern,</p> <p class="line">Gierig nach den Konturen und Profilen,</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die alle kommen, einzeln, momentane,</p> -<p class="line">Und aus den fetten Rücken, aus den Müttern,</p> +<p class="line">Und aus den fetten Rücken, aus den Müttern,</p> <p class="line">Bisweilen leise nach uns Jungen schielen. </p> </div> @@ -1298,60 +1264,60 @@ TIERGARTEN</h2> <div class="poem"> <p class="line">Birken und Linden legen am Kanal</p> <p class="line">Unausgeruhtes sanft in seinen Spiegel.</p> -<p class="line">Ins Nachtgewölbe rutscht der Mond, ein Igel,</p> -<p class="line">Der Sterne jagt und frißt den Himmel kahl.</p> +<p class="line">Ins Nachtgewölbe rutscht der Mond, ein Igel,</p> +<p class="line">Der Sterne jagt und frißt den Himmel kahl.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Mädchen sind da, und wir sind sehr vergnügt.</p> -<p class="line">Ich schmeiße nach dem dicken Mond mit Steinen;</p> -<p class="line">Die Betty küßt mich, und er soll nicht scheinen,</p> -<p class="line">Weil Bella schweigt und naserümpfend rügt.</p> +<p class="line">Mädchen sind da, und wir sind sehr vergnügt.</p> +<p class="line">Ich schmeiße nach dem dicken Mond mit Steinen;</p> +<p class="line">Die Betty küßt mich, und er soll nicht scheinen,</p> +<p class="line">Weil Bella schweigt und naserümpfend rügt.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Die Sommerstädte liegen um den Park.</p> -<p class="line">Es wird sehr hübsch! Der Süden wandert ein!</p> -<p class="line">Die Sonne wächst! Wie nackte Männer stark</p> +<p class="line">Die Sommerstädte liegen um den Park.</p> +<p class="line">Es wird sehr hübsch! Der Süden wandert ein!</p> +<p class="line">Die Sonne wächst! Wie nackte Männer stark</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Schreiten die Tage, Frühjahr in den Hüften.</p> -<p class="line">Die schwarzen Linden kommen überein,</p> -<p class="line">Morgen zu grünen in den süßen Lüften! +<p class="line">Schreiten die Tage, Frühjahr in den Hüften.</p> +<p class="line">Die schwarzen Linden kommen überein,</p> +<p class="line">Morgen zu grünen in den süßen Lüften! </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-36"> <a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -MÄDCHENNACHT</h2> +MÄDCHENNACHT</h2> <div class="poem"> <p class="line">Der Mond ist warm, die Nacht ein Alkohol,</p> -<p class="line">Der rasch erglühend mein Gehirn betrat,</p> +<p class="line">Der rasch erglühend mein Gehirn betrat,</p> <p class="line">Und deine Nacktheit weht wie der Passat</p> <p class="line">Trocknend ins Mark.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen.</p> -<p class="line">Mich hungert so — ich küsse deine Lippen.</p> -<p class="line">Ich reiße dir die Brüste von den Rippen,</p> +<p class="line">Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen.</p> +<p class="line">Mich hungert so — ich küsse deine Lippen.</p> +<p class="line">Ich reiße dir die Brüste von den Rippen,</p> <p class="line">Wenn du nicht geil bist!</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">— Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen</p> -<p class="line">Kupferner Lippen, und die Körper knacken!</p> -<p class="line">Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken</p> -<p class="line">Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen.</p> +<p class="line">— Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen</p> +<p class="line">Kupferner Lippen, und die Körper knacken!</p> +<p class="line">Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken</p> +<p class="line">Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Und als ich dir die weißen Knie und,</p> -<p class="line">Dein Herz verlangend, allen Körper küßte,</p> -<p class="line">Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste;</p> -<p class="line">Da drängte sich das Herz an meinen Mund. +<p class="line">Und als ich dir die weißen Knie und,</p> +<p class="line">Dein Herz verlangend, allen Körper küßte,</p> +<p class="line">Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste;</p> +<p class="line">Da drängte sich das Herz an meinen Mund. </p> </div> @@ -1362,15 +1328,15 @@ GUTEN TAG — HELLE EVA!</h2> <div class="poem"> <p class="line">Ich wollte mit dir jungem Weibe leben</p> <p class="line">Gern wie der Sturm auf einem hellen Meer,</p> -<p class="line">Daß deine Hände sich wie Möwen heben,</p> -<p class="line">Wie Strudel leuchten deine Brüste sehr.</p> +<p class="line">Daß deine Hände sich wie Möwen heben,</p> +<p class="line">Wie Strudel leuchten deine Brüste sehr.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Dein Fleisch ist Schnee, und schneereich bist du wie</p> <p class="line">Russische Winter. Mondrot leuchtet, blond,</p> <p class="line">Dein Haarkorb an des Nackens Horizont —</p> -<p class="line">Du nackend Weib, du weiße Therapie!</p> +<p class="line">Du nackend Weib, du weiße Therapie!</p> </div> <div class="poem"> @@ -1380,7 +1346,7 @@ GUTEN TAG — HELLE EVA!</h2> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Auf deinen Rippen kreisen weiße Strudel;</p> +<p class="line">Auf deinen Rippen kreisen weiße Strudel;</p> <p class="line">Du bist ein Weib geworden — puh — fruchtbar,</p> <p class="line">Du blanker Bauch voll Blut und krautigem Haar. </p> @@ -1391,52 +1357,52 @@ GUTEN TAG — HELLE EVA!</h2> FRIEDRICHSTRASSENKROKI 3 UHR 20 NACHTS</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Die Friedrichstraße trägt auf Stein</p> -<p class="line">Die blassen Gewässer des Lichtes.</p> +<p class="line">Die Friedrichstraße trägt auf Stein</p> +<p class="line">Die blassen Gewässer des Lichtes.</p> <p class="line">Die Dirnen umstehn mit Hirschgeweihn</p> <p class="line">Die Circe meines Gesichtes.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Ich schaue: — Der Träume Phosphor rinnt</p> +<p class="line">Ich schaue: — Der Träume Phosphor rinnt</p> <p class="line">In zwei, vier Menschenaugen neu.</p> <p class="line">— Wie eine Katze springt, gefleckt, der Wind</p> <p class="line">Zwischen des Asphalts Lichterstreu</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Und trägt den fetten, weißen Rauch</p> +<p class="line">Und trägt den fetten, weißen Rauch</p> <p class="line">Im Maul den jungen Winden ins Nest.</p> -<p class="line">Er faßt die Dirnen an den Bauch</p> -<p class="line">Und klemmt die dünnen Röcke fest.</p> +<p class="line">Er faßt die Dirnen an den Bauch</p> +<p class="line">Und klemmt die dünnen Röcke fest.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">— Da sind Gesichter, lachen nett,</p> -<p class="line">Daß alle Zähne blecken müssen;</p> +<p class="line">Daß alle Zähne blecken müssen;</p> <p class="line">Die Louis zeigen ihr Skelett,</p> -<p class="line">Louise läßt mich ihres küssen. +<p class="line">Louise läßt mich ihres küssen. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-39"> <a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -ANDERE JÜDIN</h2> +ANDERE JÜDIN</h2> <h3 class="no" id="no-39-1">I</h3> <div class="poem"> <p class="line">Im Norden sind die Ebenen, da steigen</p> -<p class="line">Die Ströme zitternd in das Meer,</p> -<p class="line">Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her.</p> +<p class="line">Die Ströme zitternd in das Meer,</p> +<p class="line">Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her.</p> <p class="line">Das Wasser schweigt, und die Sternbilder schweigen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen</p> -<p class="line">Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum.</p> +<p class="line">Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen</p> +<p class="line">Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum.</p> <p class="line">Antworte doch! Bist du noch in dem Raum,</p> -<p class="line">Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen?</p> +<p class="line">Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen?</p> </div> <h3 class="no" id="no-39-2">II</h3> @@ -1450,9 +1416,9 @@ ANDERE JÜDIN</h2> <div class="poem"> <p class="line">Ich atme schlecht! Ich zucke</p> -<p class="line">So an der Luft! Untätig.</p> +<p class="line">So an der Luft! Untätig.</p> <p class="line">Mir ist vom steten Drucke</p> -<p class="line">Nicht mehr viel Ich vorrätig. +<p class="line">Nicht mehr viel Ich vorrätig. </p> </div> @@ -1463,41 +1429,41 @@ IN DER WELT</h2> <div class="poem"> <p class="line">Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen,</p> <p class="line">Die wie getroffen auseinander hinken.</p> -<p class="line">Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen,</p> +<p class="line">Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen,</p> <p class="line">Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise.</p> <p class="line">Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen.</p> -<p class="line">Die Tage sterben weg, die weißen Greise.</p> +<p class="line">Die Tage sterben weg, die weißen Greise.</p> <p class="line">Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen. </p> </div> <h2 class="chapter" id="ch-41"> <a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -ADIEU MÄDCHENLACHEN!</h2> +ADIEU MÄDCHENLACHEN!</h2> <div class="poem"> <p class="line">Sie nehmen Abschied, werden nicht vergessen</p> <p class="line">Die Wege, die sie jetzt gehn — Du und Ich,</p> -<p class="line">Zwei Lächeln nur, mit denen sich</p> +<p class="line">Zwei Lächeln nur, mit denen sich</p> <p class="line">Apokalyptische Gesichte messen.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">O fälschte doch mein sicheres Gesicht!</p> -<p class="line">Die Furcht läuft in die Zukunft und sieht mutig,</p> -<p class="line">Da liegst du, abgeküßt und schenkelblutig:</p> +<p class="line">O fälschte doch mein sicheres Gesicht!</p> +<p class="line">Die Furcht läuft in die Zukunft und sieht mutig,</p> +<p class="line">Da liegst du, abgeküßt und schenkelblutig:</p> <p class="line">— Mein Hirn bellt auf — brautnackt im Ampellicht.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Die Schmerzen beißen in das Hirn hinein.</p> +<p class="line">Die Schmerzen beißen in das Hirn hinein.</p> <p class="line">Was martert, mordet nicht mein wilder Freisinn!</p> -<p class="line">O meine Mutter, weißhändige Greisin,</p> -<p class="line">Nimm mich zurück ins Nichtgeborensein! +<p class="line">O meine Mutter, weißhändige Greisin,</p> +<p class="line">Nimm mich zurück ins Nichtgeborensein! </p> </div> @@ -1506,37 +1472,37 @@ ADIEU MÄDCHENLACHEN!</h2> NACH DER NACHT</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Laternen, die den Regenabend führen,</p> -<p class="line">Haben die Stadt, die glänzende, verraten.</p> -<p class="line">Eiweißer Eiter tropft im Lichteratem</p> -<p class="line">Der Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren.</p> +<p class="line">Laternen, die den Regenabend führen,</p> +<p class="line">Haben die Stadt, die glänzende, verraten.</p> +<p class="line">Eiweißer Eiter tropft im Lichteratem</p> +<p class="line">Der Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Die Augen kriechen aus den Faltenlidern</p> -<p class="line">Und spritzen einen Blick, der dich begießt.</p> +<p class="line">Und spritzen einen Blick, der dich begießt.</p> <p class="line">Sie lachen sich das Kleid vom Bauch; du siehst</p> -<p class="line">Die Brüste — Krötenbäuche in den Miedern.</p> +<p class="line">Die Brüste — Krötenbäuche in den Miedern.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags.</p> +<p class="line">Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags.</p> <p class="line">Der Morgen senkte sich in dein Gesicht.</p> <p class="line">Es schlugen Uhren an, weckten das Licht.</p> <p class="line">Doggengebell des Turmuhrstundenschlags.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig.</p> +<p class="line">Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig.</p> <p class="line">O Wanderungen im Gestein der Stadt!</p> -<p class="line">O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! —</p> -<p class="line">Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig.</p> +<p class="line">O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! —</p> +<p class="line">Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Du schweigst. Hinter den dunklen Augen ruht</p> -<p class="line">Das Hirn vom Krampf der tötenden Arsene.</p> -<p class="line">Du lächelst, blickst — und da betritt die Szene</p> +<p class="line">Das Hirn vom Krampf der tötenden Arsene.</p> +<p class="line">Du lächelst, blickst — und da betritt die Szene</p> <p class="line">Die Sonne, jugendlich, im Wolkenhut. </p> </div> @@ -1551,13 +1517,13 @@ DAS WIEDERSEHEN</h2> <p class="line">Dastehst Du nahe mit beweinten Backen,</p> <p class="line">Plastik aus Rauch.</p> <p class="line">Ich drehe angstvoll mein Gesicht zum Nacken</p> -<p class="line">Und steige zitternd aus aus euren Häusern.</p> +<p class="line">Und steige zitternd aus aus euren Häusern.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein?</p> +<p class="line">Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein?</p> <p class="line">Ich mache langsam Schritte in Berlin.</p> -<p class="line">Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien.</p> +<p class="line">Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien.</p> <p class="line">Ich habe keinen Wunsch, einer zu sein. </p> </div> @@ -1567,8 +1533,8 @@ DAS WIEDERSEHEN</h2> MANN UND MENSCHFRAU</h2> <div class="poem"> -<p class="line">Der Park beleckt, ein grüner Katarakt,</p> -<p class="line">Das weiße Haus, in dem wir nach uns greifen.</p> +<p class="line">Der Park beleckt, ein grüner Katarakt,</p> +<p class="line">Das weiße Haus, in dem wir nach uns greifen.</p> <p class="line">Du hast Angstaugen. Um die Fenster streifen</p> <p class="line">Ahorne braun und indianernackt.</p> </div> @@ -1576,397 +1542,24 @@ MANN UND MENSCHFRAU</h2> <div class="poem"> <p class="line">Sturm hat die Nacht, die Negerin, gepackt.</p> <p class="line">— Du wirst doch diese Herzart nicht begreifen.</p> -<p class="line">Laß aus dir trinken, und ich werde reifen.</p> -<p class="line">Verdorrte Augen überschwemmt dein Akt.</p> +<p class="line">Laß aus dir trinken, und ich werde reifen.</p> +<p class="line">Verdorrte Augen überschwemmt dein Akt.</p> </div> <div class="poem"> <p class="line">Du kriegst ein Kind. Ich werde einsam sterben</p> -<p class="line">In braunen Muskeln und vom Tag gedörrter.</p> -<p class="line">Jetzt könnten deine Arme mich entfärben.</p> +<p class="line">In braunen Muskeln und vom Tag gedörrter.</p> +<p class="line">Jetzt könnten deine Arme mich entfärben.</p> </div> <div class="poem"> -<p class="line">Orient und Eden machst du gegenwärtig.</p> -<p class="line">Wir wandeln nackt durch baumige Hirnörter.</p> -<p class="line">Engel — dein weißer Bauch ist dunkelbärtig.</p> +<p class="line">Orient und Eden machst du gegenwärtig.</p> +<p class="line">Wir wandeln nackt durch baumige Hirnörter.</p> +<p class="line">Engel — dein weißer Bauch ist dunkelbärtig.</p> </div> </div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Junge Pferde! Junge Pferde!, by Paul Boldt - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK JUNGE PFERDE! JUNGE PFERDE! *** - -***** This file should be named 40298-h.htm or 40298-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/4/0/2/9/40298/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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