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+*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40298 ***
+
+PAUL BOLDT
+
+
+JUNGE PFERDE!
+JUNGE PFERDE!
+
+
+1914
+KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
+
+
+Dies Buch
+wurde gedruckt im Januar 1914
+als elfter Band der Bücherei »Der jüngste
+Tag« bei Poeschel & Trepte in
+Leipzig
+
+
+Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
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+
+
+FRÜHJAHR
+
+
+ Die ganze Nacht durch kamen Wanderungen
+ Wie auf der Flucht, in sohlenloses Schreiten
+ Vermummt. Am Morgen bargen es die Weiten:
+ Nur Sturm schwimmt durch die dunkelen Waldungen.
+
+ Als wäre allem Licht ein Tor gesprungen,
+ Will es sich in die Aderbäume breiten,
+ Darin die Pulse spülen, Säfte gleiten
+ Wie Frühjahrströme durch die Niederungen.
+
+ Mein gutes Glück, märzlich dahergetänzelt.
+ Mädchen, gut, daß du Weib bist! Diese Stunde
+ Verlangt das. Küsse mich! O unsere Munde
+
+ Haben noch niemals um ihr Glück scharwenzelt.
+ Du -- du -- dein Haar riecht wie der frühe Wind
+ Nach weißer Sonne -- Sonne -- Sonne -- Wind.
+
+
+
+
+NÄCHTE ÜBER FINNLAND
+
+
+ Die Nadelwälder dunkeln fort im Osten,
+ Und aus den Seen taucht das Nachtgespenst
+ Den gelben Kopf, von Feuerrauch gekränzt,
+ Den Sterngeruch der neuen Nacht zu kosten.
+
+ Zu weißen Pilzen filzen Fichtenpfosten,
+ Und Ast an Ast in zartem Lichte glänzt,
+ -- befrorne Linien -- Filigran umgrenzt,
+ Zieht die Kontur aus reinen, reifen Frosten.
+
+ Bis auf das alte, runde, schwarze Eis
+ Des Grundes sind die Flüsse zugefroren.
+ In Schuttmoränen glänzt der glatte Gneis
+
+ Und in den leuchtenden, polierten Mooren.
+ Die Krähen schreien ewig: Tag -- und Tat --
+ Nebel und Kälte fällt wie Sack und Saat.
+
+
+
+
+WEICHSEL
+
+
+ Ein Thema: Weichsel; blutsüßes Erinnern!
+ Der Strom bei Kulm verwildert in dem Bett.
+ Ein Mädchen, läuft mein Segel aufs Parkett
+ Aus Wellen, glänzend, unabsehbar, zinnern.
+
+ In Obertertia. Julitage flammen,
+ Bis du den Leib in helle Wellen scharrst.
+ Die Otter floh; mein weißes Lachen barst
+ Zwischen den Weiden, wo die Strudel schwammen.
+
+ Russische Flöße in den Abend ragend.
+ Die fremden Weiber, die am Feuer sitzen,
+ Bewirten mich: Schnaps und gestohlener Speck.
+
+ Wir ankern und die Alten bleiben weg.
+ Die Völlerei. Aus grausamen Antlitzen
+ Blitzt unser Blick, ins Weiberlachen schlagend.
+
+
+
+
+NÄCHTIGE SEEFAHRT
+
+
+ Die Winde sind von einem Möwen-Dutzend
+ Geschwänzt und schlagen durch die Luft, dumpf, pfeifend.
+ Und hart herrollend, seltsam vorwärtsgreifend,
+ Zerbraust das Meer, der Riffe Rücken putzend.
+
+ Es klatscht das Segel, patscht das Ruderblatt.
+ Die gleichen Wogen streifen, weichen vorn
+ Und fallen hinten, wo der Möwen Zorn
+ Sie schmäht, matt, hingemäht, ins glatte Schwad.
+
+ Dann steift der Wind. Er gibt die Brise doppelt
+ Und schmeißt die hellen Wasserhaufen steiler,
+ Wie ein Pikeur die Meute noch gekoppelt
+
+ Voll Gier losläßt; allein der starke Keiler
+ Stockt, steht, stößt einmal in die Runde
+ Entblößter Zahnreihn und zerfetzt die Hunde.
+
+
+
+
+FRIEDRICHSTRASSENDIRNEN
+
+
+ Sie liegen immer in den Nebengassen,
+ Wie Fischerschuten gleich und gleich getakelt,
+ Vom Blick befühlt und kennerisch bemakelt,
+ Indes sie sich wie Schwäne schwimmen lassen.
+
+ Im Strom der Menge, auf des Fisches Route.
+ Ein Glatzkopf äugt, ein Rotaug' spürt Tortur,
+ Da schießt ein Grünling vor, hängt an der Schnur
+ Und schnellt an Deck einer bemalten Schute,
+
+ Gespannt von Wollust wie ein Projektil!
+ Die reißen sie aus ihm wie Eingeweide,
+ Gleich groben Küchenfrauen ohne viel
+
+ Von Sentiment. Dann rüsten sie schon wieder
+ Den neuen Fang. Sie schnallen sich in Seide
+ Und steigen ernst mit ihrem Lächeln nieder.
+
+
+
+
+MITTAGS
+
+
+ Jetzt ruht der Tag am Himmel wie ein Krake,
+ Des blasses Maul die Wälder überschwemmt.
+ Laubbäume zittern in dem Sonnenhemd,
+ Als ob der Park von hellen Flammen blake.
+
+ Die schwere Mühle rudert strahlumwellt
+ In glattem Takt, daß sie den Abend hebe;
+ Noch hält der leuchtende Kristall die Schwebe,
+ Der Azur aus dem leichten Lichte fällt.
+
+ Orangewolken mit zitterndem Bauch,
+ Die nachts den Flächenblitz gebären sollen.
+ Libellen flügeln, Falter, und verschollen
+ Summen die Bienen in dem Bohnenstrauch.
+
+ In deinen Adern glüht des Heliotrops
+ Arom, gekühlt von süßerem Jasmin,
+ Und durch die Nerven klingen Phantasien,
+ Bizarre Phantasien Félicien Rops'.
+
+ Im Walde schlägt der Keiler durstgequält
+ Die hellen Zähne in das Holz der Kiefer.
+ Die tote Schonung raucht wie heißer Schiefer,
+ In dem der Nacht erstickter Atem schwält.
+
+
+
+
+NACHT FÜR NACHT
+
+
+ Wie helle Raupen kriechen die Chausseen
+ Aus Wäldern über Berge in die Tale.
+ Gestrandet liegen Wolken, groß wie Wale,
+ Still in der Abendröte blanken Seen.
+
+ Der Tag versiegt. Bis ihn die Frühen speisen,
+ Quillt schwarze Nacht aus allen Himmelsbronnen.
+ Die Sterne scheinen, kleine, ferne Sonnen.
+ Der Teich im Hofe glänzt wie dunkles Eisen.
+
+ Der Mond steht, wie ein Junge in der Pfütze,
+ Hell über jedem Garten. Und wie Gaze
+ Schimmert der Wald, des Berges blaue Mütze.
+
+ Aus einer Kleinstadt ragt des Kirchturms Vase
+ Verschnörkelt aus der Giebeldächer Nippes. --
+ Schlaf hält die Menschen fest, steif, wie in Gips.
+
+
+
+
+RINDER
+
+
+ Verblichnes Grün der Weide deckt
+ Das Weiß und Schwarz der Herde.
+ Silhouetten, da und dort gesteckt,
+ Die Köpfe auf der Erde.
+
+ Die Wiese atmete nicht mehr,
+ Knirrte der Rinder Schlund;
+ Das Julilicht spritzte umher,
+ Die Wolken zogen, und
+
+ Unten geht ein fleischern Meer
+ Im grünen Klee spazieren.
+ Vom Hund umbellt. Zurück. Carrière,
+ Humpeln von alten Tieren.
+
+ Im Grase lagert sich das Blöken.
+ Dumm scharrt des Stieres Huf.
+ Die Kälber jagen an den Pflöcken --
+ Melkmägde schallen voller Ruf.
+
+
+
+
+NORDWIND IM SOMMER
+
+
+ Vom Meere duftend fliegt der Wind ins Land.
+ Die dunklen Parke flattern in der Brise.
+ Kleehügel blühen vor dem Duft der Wiese;
+ Der Himmel steht, sich selber unbekannt,
+
+ Ein weißer Fischer in den Roggenmeeren,
+ Wo Taubenflug aufspritzt, ein Wasserstrahl,
+ Wo Wolkenschatten rinnen in das Tal,
+ Fliegende Fische sind -- die Roggenähren.
+
+ Der Weißklee schmeißt den Junitag zur Seite,
+ Und manchmal fliegen Reiher um den stummen,
+ Fischlosen See, auf dem die Bienen summen,
+ Und nehmen zögernd ihren Flug ins Weite.
+
+ Ich galoppiere vor dem Sonnenschein,
+ Auf weißem Pferde flatternd, Wind geworden,
+ Und Sonnenfetzen um den Hals, nach Norden.
+ Ich werde mittags an dem Meere sein.
+
+
+
+
+DER TURMSTEIGER
+
+
+ Er fühlte plötzlich, daß es nach ihm griff,
+ -- Die Erde war es und der Himmel oben,
+ An dem die Dohlen hingen und die Winde hoben --
+ Und fühlte, wie es ihn nun auch umpfiff.
+
+ Ihn schauderte. Er sah das Meer, er sah ein Schiff,
+ Das gelbe Wellen schaukelten und schoben
+ Und sah die Wellen, Wellen -- Wellen woben
+ An seinem unvollendeten Begriff.
+
+ Ein Wasserspeier sprang ihn an und bellte.
+ Er zitterte und faßte die Fiale,
+ Die knarrend brach; -- versteinert aber schnellte
+
+ Ein Teufel Witze auf die Kathedrale; --
+ Er hörte hin -- ein höllisches Finale:
+ Er stürzte, fiel! Sein Schrei trieb hoch und gellte.
+
+
+
+
+DIE SINTFLUT
+
+
+ Die Wolken wachsen aus den Horizonten
+ Und trinken Himmel mit den Regenhälsen.
+ Die Menschen bissen auf den höchsten Felsen
+ In weiße Stirnen, die nicht denken konnten,
+
+ Daß Läuse aus dem Meer, die See, krochen.
+ Im Abendsturm ertranken lange Pappeln. --
+ Sie hörten auf der Nacht die Sterne trappeln,
+ Die in dem All den warmen Erdrauch rochen.
+
+ Dann schwamm die Sonne in dem glatten Wasser.
+ Das Wasser fiel. Die See faulten ab.
+ Die Erde trug der Meere hellen Schurz.
+
+ Die Sterne standen, von Begierde blasser,
+ Mit dünnem Atem an des Ostens Kap.
+ Ein Stern sprang nach der Erde, sprang zu kurz.
+
+
+
+
+CAPRICCIO
+
+
+ Entlaubte Parke liegen treu wie Doggen
+ Hinter den Herrenhäusern, um zu wachen.
+ Schneestürme weiden, eine Herde Bachen.
+ Oft sind die Rehe auf dem jungen Roggen.
+
+ Und eine Wolke droht den Mond zu schänden.
+ Die Nacht hockt auf dem Park, der stärker rauscht.
+ Zwei alte Tannen winken, aufgebauscht,
+ Geheimnisvoll mit den harzigen Händen.
+
+ Die Toten sitzen in den nassen Nischen.
+ Auf einem Kirchenschlüssel bläst der eine,
+ Und alle lauschen, überkreuzte Beine,
+ Die Knochenhände eingeklemmt dazwischen.
+
+ Am großen, kalten Winterhimmel drohn
+ Vier Wolken, welche Pferdeschädeln gleichen.
+ Der Winde Brut pfeift in den hellen Eichen,
+ Daraus der gelbe Geier Mond geflohn.
+
+ Der Tod im Garten tritt jetzt aus dem Schatten
+ Der Tannen. Rasch. Das Schneelicht spritzt und glänzt.
+ Der Schrecken flattert breit um das Gespenst,
+ Das seinen Weg nimmt quer durch die Rabatten.
+
+ Zum Schloß. -- Dort ruft man: »Prosit Neujahr! Prost!«
+ Zu zwölfen sind sie, der Apostel Schar,
+ Und mit Champagner taufen sie das Jahr,
+ Umstellt vom Sturm, der auf den Dächern tost.
+
+ Armleuchter flacken. Dampf von heißem Punsch.
+ Der Hitze Salven krachen vom Kamin.
+ Geruch der Weiber -- Trimethylamin,
+ Die Bäuche schwitzen in der großen Brunst.
+
+ Jetzt stehn sie auf. Das Stühlerücken schurrt.
+ Der Tod im Flur ist nicht gewohnt die Speisen.
+ Er hebt den Kopf gegen das kalte Eisen
+ Der Schlüsseltülle, schnuppert gierig, knurrt.
+
+ Kommt jemand? Still. Er hupft unter die Treppe.
+ An einem Fräulein zerrt ein Kavalier.
+ Der Tod schleicht hinterher, ein fletschend Tier
+ Aus Mond; das trägt der Dame Schleppe.
+
+ Sie kommen an die Gruft --: »Hier sind wir sicher!«
+ -- »Ich fürchte mich, oh, sind die Bäume groß!«
+ Der Tod schupst sie -- kein Schrei, sie quieken bloß --
+ Und läuft hinweg mit heftigem Gekicher. -- --
+
+ Es dämmert endlich. Mit Blutaugen stiert
+ Der Morgen hin. Im Saal zappelt ein Märchen.
+ Der Tod wühlt in den fetten, welken Pärchen,
+ Frißt sie wie Trüffeln, die ein Schwein aufspürt.
+
+
+
+
+IMPRESSION DU SOIR
+
+
+ Des Abends schwarze Wolkenvögel flogen
+ Im Osten auf vom Fluß der Horizonte.
+ Gärten vertropft in Nacht, die, als es sonnte,
+ Wie See grünten und den Wind einsogen.
+
+ Einsame Pappeln pressen ihre Schreie
+ Angst vor den Stürmen in die blonde Stille.
+ Schon saugen schwarze Munde Atem. -- Schrille
+ Fabrikenpfiffe. Menschen ziehn ins Freie.
+
+ Ein rotes Mohnfeld mit den schwarzen Köpfen,
+ Ragen die Schlote, einsam, krank und kahl.
+ Die Wolkenvögel, Eiter an den Kröpfen,
+
+ Wie Pelikane flattern sie zum Mahl.
+ Und als die Horizonte Dunkel schöpfen,
+ Wirft sich der Blitz heraus, der blanke Aal.
+
+
+
+
+BERLIN
+
+
+ Die Stimmen der Autos wie Jägersignale
+ Die Täler der Straße bewaldend ziehn.
+ Schüsse von Licht. Mit einem Male
+ Brennen die Himmel auf Berlin.
+
+ Die Spree, ein Antlitz wie der Tag,
+ Das glänzend meerwärts späht nach Rettern,
+ Behält der wilden Stadt Geschmack,
+ Auf der die Züge krächzend klettern.
+
+ Die blaue Nacht fließt in der Forst.
+ Sie fühlt, geblendet, daß du lebst.
+ Schnellzüge steigen aus dem Horst!
+ Der weiße Abend, den du webst,
+
+ Fühlt, blüht, verblättert in das All.
+ Ein Menschenhände-Fangen treibst du
+ Um den verklungnen Erdenball
+ Wie hartes Licht; und also bleibst du.
+
+ Wer weiß, in welche Welten dein
+ Erstarktes Sternenauge schien,
+ Stahlmasterblühte Stadt aus Stein,
+ Der Erde weiße Blume, Berlin.
+
+
+
+
+DER SCHNELLZUG
+
+
+ Es sprang am Walde auf in panischem Schrecke,
+ Die gelben Augen in die Nacht geschlagen. --
+ Die Weiche lärmt vom Hammerschlag der Wagen
+ Voll blanken Lärms, indes sie fern schon jagen
+
+ Im blinden Walde lauert an der Strecke
+ Die Kurve wach. Es schwanken die Verdecke.
+ Wie Schneesturm rennt der D-Zug durch die Ecke,
+ Und tänzelnd wiegen sich die schweren Wagen.
+
+ Der Nebel liegt, ein Lava, auf den Städten
+ Und färbt den Herbsttag grün. Auf weiter Reise
+ Wandert der Zug entlang den Kupferdrähten.
+
+ Der Führer fühlt den Schlag der Triebradkreise
+ Hinter dem Sternenkopfe des Kometen,
+ Der zischend hinfällt über das Geleise.
+
+
+
+
+HERBSTGEFÜHL
+
+
+ Der große, abendrote Sonnenball
+ Rutscht in den Sumpf, des Stromes schwarzen Eiter,
+ Den Nebel leckt. Schon fließt die Schwäre breiter,
+ Und trübe Wasser schwimmen in das Tal.
+
+ Ins finstre Laub der Eichen sinken Vögel,
+ Aasvögel mit den Scharlachflügeldecken,
+ Die ihre Fänge durch die Kronen strecken,
+ Und Schreien, Geierpfiff, fällt von der Höhe.
+
+ Ach, alle Wolken brocken Dämmerung!
+ Man kann den Schrei des kranken Sees hören
+ Unter der Vögel Schlag und gelbem Sprung.
+
+ Wie Schuß, wie Hussah in den schwarzen Föhren
+ Ist alle Farbe! Von dem Fiebertrunk
+ Glänzen die Augen, die dem Tod gehören.
+
+
+
+
+PROSERPINA
+
+
+ Einsamer Pluto trage ich im Blute
+ Proserpina, nackend, mit blonden Haaren.
+ Unauslöschbar. Ich will mich mit ihr paaren,
+ Die ich in allem hellen Weib vermute.
+
+ Ich bin von ihren Armen lichtgefleckt
+ Im Rücken! Ihre Knie sind nervös,
+ Die Schenkel weiß, fleischsträhnig, ein Erlös
+ Des weißen Tages, der die Erde deckt.
+
+ In ihrem Haar bleibt etwas vom Verwehten
+ Des warmen Bluts. Ich liebe den Geruch!
+ Und nur die Zähne haben zuviel Fades
+
+ Wie Schulmädchen, sooft sie in den Bruch,
+ Den Brunnen ihres Frauenmundes treten,
+ Der meine Brünste tränkt -- Herden des Hades.
+
+
+
+
+DER DENKER
+
+
+ Nachmittag wird, und Wetter steigen schwarz
+ Herauf. Des Blitzes Ferse leuchtet im
+ Gewölk. Auf das Gebirge beißt voll Grimm
+ Der Donner, und Regen speien aus den Quarz.
+
+ Den Fuß den Felsgesteinen eingestemmt,
+ Die Augen abgewandt, als horche er,
+ So kommt er durch die Schründe, weglos, quer.
+ Zum weißen Urherrn in der Blitze Hemd.
+
+ Der Abgrund saugt Milliarden Zentner Himmel
+ In sich hinein. Der Weiße oben bleckt,
+ Zu dem er steigt. Durch Gletscher grün von Schimmel,
+
+ Des Riesen Bart, der von den Föhnen leckt.
+ Und schon reißt weit der Horizont entzwei, --
+ Blank, eben, schwangleich rauscht ins All ein Schrei.
+
+
+
+
+NOVEMBERABEND
+
+
+ Es weht. Das Abendgold ist eine Fahne,
+ Die von den Winden schon erbeutet wird.
+ Ein etwas Herbst in der Platane,
+ Ein gelles Chrom verweht, verwird.
+
+ In Wolken gleich verkohlten Stämmen
+ Riecht man die tote Sonne noch;
+ Dann das Einatmen, Drängen, Dämmen --
+ Einsamkeiten kommen hoch.
+
+
+
+
+VORMORGENS
+
+
+ Schneeflocken klettern an den Fensterscheiben,
+ Auf meinem Schreibtisch schläft der Lampenschein,
+ Und hingestreute Bogen, weiß und rein,
+ Ich wollte wohl etwas von Versen schreiben.
+
+ Der Tag ist nah. Die Jalousien schurr'n,
+ Die letzten Sterne torkeln von den Posten.
+ Der Tag ist nah, den unbesternten Osten
+ Bevölkern Morgenwinde schon purpurn.
+
+ Und mich bewachsen Abende, beschatten
+ Die Jahre! O ich dunkle ein.
+ Das Gas singt in den Gassen Litanein,
+ Daß meine Augen so sehr früh ermatten.
+
+
+
+
+DIE DIRNE
+
+
+ Die Zähne standen unbeteiligt, kühl
+ Gleich Fischen an den heißen Sommertagen.
+ Sie hatte sie in sein Gesicht geschlagen
+ Und trank es -- trank -- entschlossen dies Gefühl
+
+ In sich zu halten, denn sie ward ein wenig
+ Wie früher Mädchen und erlitt Verführung;
+ Er aber spürte bloß Berührung,
+ Den Mund wie einen Muskel, mager, sehnig.
+
+ Und sollte glauben an ihr Offenbaren,
+ Und sah, wie sie dann dastand -- spiegelnackt --
+ Das Falsche, das Frisierte an den Haaren;
+
+ Und unwillig auf ihren schlechten Akt
+ Schlug er das Licht aus, legte sich zu ihr,
+ Mischend im Blut Entsetzen mit der Gier.
+
+
+
+
+DIE LIEBESFRAU
+
+
+ -- Nackt. Ich bin es nicht gewohnt.
+ Du wirst so groß und so weiß
+ Geliebte. Glitzernd wie Mond,
+ Wie der Mond im Mai.
+
+ Du bist zweibrüstig,
+ Behaart und muskelblank.
+ So hüftenrüstig
+ Und tänzerinnenschwank.
+
+ Gib dich her! Draußen fallen
+ Die Regen. Die Fenster sind leer,
+ Verbergen uns . . . -- allen, allen! --
+ Wieviel wiegt dein Haar. Es ist sehr schwer.
+
+ -- Wo sind deine Küsse? Meine Kehle ist gegallt
+ Küsse du mich mit deinen Lippen!
+ -- Frierst du? -- -- -- Du bist so kalt
+ Und tot in deinen hellen Rippen.
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+
+
+
+DAS GESPENST
+
+
+ Wie weiß der Sommer ist! Wie Menschenlachen,
+ Das alle Tage in der Stadt verschwenden.
+ Häuserspaliere wachsen hoch zu Wänden
+ Und Wolkenfelsen, die mich kleiner machen.
+
+ In tausend Straßen liege ich begraben.
+ Ich folge dir stets ohne mich zu wenden.
+ O hielte ich dein Antlitz in den Händen,
+ Das meine kranke Augen vor sich haben.
+
+ Ich küßte es. Es küßte mich im Bette --:
+ -- Versprich, daß du mich morgen nicht mehr kennst!
+ -- Bist du nachts fleischern und ein Taggespenst?
+
+ -- Du locktest es ins Netz deiner Sonette.
+ -- Junger Polyp, dein Mund ist eine Klette.
+ -- Er wird dich beißen, wenn du ihn so nennst.
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+
+
+
+BERLINER ABEND
+
+
+ Spukhaftes Wandeln ohne Existenz!
+ Der Asphalt dunkelt und das Gas schmeißt sein
+ Licht auf ihn. Aus Asphalt und Licht wird Elfenbein.
+ Die Straßen horchen so. Riechen nach Lenz.
+
+ Autos, eine Herde von Blitzen, schrein
+ Und suchen einander in den Straßen.
+ Lichter wie Fahnen, helle Menschenmassen:
+ Die Stadtbahnzüge ziehen ein.
+
+ Und sehr weit blitzt Berlin. Schon hat der Ost,
+ Der weiße Wind, in den Zähnen den Frost,
+ Sein funkelnd Maul über die Stadt gedreht,
+ Darauf die Nacht, ein stummer Vogel, steht.
+
+
+
+
+HERBSTPARK
+
+
+ Die gelbe Krankheit herrscht. Wie Säufern fällt
+ Das Laub Ahornen aus den roten Schädeln,
+ Und Birken glühn gleich flinken Gassenmädeln
+ Im Arm der Winde auf dem schwarzen Feld.
+
+ Und wie die Hände einer Frau, die sinnt
+ Ihrem Gemahl nach und der starken Lust,
+ Ward weiße Sonne kühl! Du aber mußt
+ Der Nächte denken, die im Juni sind.
+
+ In diesen sternenbunten, sagt man, fror es.
+ Der Park ist so verstört. Aus beiden Teichen
+ Zittert die Stimme des gefleckten Rohres,
+
+ Wenn Wellen so vom seichten Sande schleichen.
+ Und Regen droht. In Kutten, stummen Chores,
+ Gehn Wolken um die großen, grünen Eichen.
+
+
+
+
+LINDEN
+
+
+ Mit Wald gepudert und Laternenschein,
+ Schreiten die Linden und ein paar Platanen
+ -- Unter den Bäumen sind sie Kurtisanen --
+ Den Mädchenstrom Kurfürstendamm hinein.
+
+ Ihr Wäldermädchen mit den Laubfrisuren --
+ Man muß wohl Wind sein, um euch zu umarmen.
+ Hübsche Dryaden, träumt ihr von den Farmen
+ Am Strom und Wiesen zwischen Weizenfluren?
+
+ Den Pfeil von Glühlicht in dem grünen Haar,
+ Aha! Ihr seid schon elegant geworden,
+ Jüdinnen, -- die ich liebte, ein Barbar,
+
+ Im Blut Unwetter und den wilden Norden.
+ Es schien der Mond, verlor sich ohne Rest,
+ Jetzt liegt er da, ein Ei, im Wolkennest.
+
+
+
+
+JUNGE PFERDE
+
+
+ Wer die blühenden Wiesen kennt
+ Und die hingetragene Herde,
+ Die, das Maul am Winde, rennt:
+ Junge Pferde! Junge Pferde!
+
+ Über Gräben, Gräserstoppel
+ Und entlang den Rotdornhecken
+ Weht der Trab der scheuen Koppel,
+ Füchse, Braune, Schimmel, Schecken!
+
+ Junge Sommermorgen zogen
+ Weiß davon, sie wieherten.
+ Wolke warf den Blitz, sie flogen
+ Voll von Angst hin, galoppierten.
+
+ Selten graue Nüstern wittern,
+ Und dann nähern sie und nicken,
+ Ihre Augensterne zittern
+ In den engen Menschenblicken.
+
+
+
+
+ERWACHSENE MÄDCHEN
+
+
+ Wer weiß seit Fragonard noch, was es heiße,
+ Zwei stracke Beine haben in dem Kleide;
+ Roben gefüllt von Fleisch, als ob die Seide
+ In jeder Falte mit dem Körper kreiße.
+
+ Aus dem Korsage fahren eure Hüften
+ Wie Bügeleisen in den Stoff der Röcke,
+ Darauf wie Bienen auf die Bienenstöcke
+ Unsere Blicke kriechen aus den Lüften.
+
+ Ihr jugendlichen Sonnen! Fleischern Licht!
+ Wir haben den Ehrgeiz der Allegorien
+ Und hübschen Dinge im Gedicht.
+
+ Ich will mit eurer Bettwärme Blumen ziehn!
+ Und einen kleinen Mond aus dem Urin,
+ Der sternenhell aus eurem Blute bricht!
+
+
+
+
+DIE SCHLAFENDE ERNA
+
+
+ Auf einer Ottomane aus Mohär
+ Liegt sie in Seidenröcken, eine Truhe
+ Voll Nacktheit, und ich denke voll Unruhe
+ An dein Geheimstes -- schönes Sekretär.
+
+ Die Frauen tuen Wundervolles in die Seide.
+ Am Knie beginnt es. Ich will es auspellen,
+ Wenn Küsse summen nach hautsüßen Stellen
+ Im Bett, daß wir nicht schlafen können beide.
+
+ Du großes Mädchen, die noch kleinen Brüste
+ Schmücken dich mir. Auf den geheimen Schmuck
+ Hast du die linke weiße Hand gelegt;
+
+ Ich dachte: Soll die eine, die sie trägt --
+ Die schwarze Blume welken von dem Druck?
+ Und nahm die Hand weg, die ich leise küßte.
+
+
+
+
+SINNLICHKEIT
+
+
+ Unter dem Monde liegt des Parks Skelett.
+ Der Wind schweigt weit. Doch wenn wir Schritte tun,
+ Beschwatzt der Schnee an deinen Stöckelschuhn
+ Der winterlichen Sterne Menuett.
+
+ Und wir entkleiden uns, seufzend vor Lust,
+ Und leuchten auf; du stehst mit hübschen Hüften
+ Und hellen Knien im Schnee, dem sehr verblüfften,
+ Wie eine schöne Bäuerin robust.
+
+ Wir wittern und die Tiere imitierend
+ Fliehn wir in den Alleen mit frischen Schrein.
+ Um deine Flanken steigt der Schnee moussierend.
+
+ Mein Blut ist fröhlicher als Feuerschein!
+ So rennen wir exzentrisches Ballett
+ Zum Pavillon hin durch die Tür ins Bett.
+
+
+
+
+MEINE JÜDIN
+
+
+ Du junge Jüdin, braune Judith, köstliche
+ Frucht der Erkenntnis, weißer Blütenfall:
+ Aus Kleidern steigst du nackt, ein All ins All,
+ Mit deinen Brüsten, Mythenfrau, du östliche.
+
+ Steige vom Sockel, Venus, aus zerballter
+ Wäsche, Jungweib! Wie Morgensonne blitzt
+ Dein Bauch -- und in der Schenkel Schatten sitzt
+ Wie Blüten saugend, fest, ein schwarzer Falter.
+
+ Und Schwarzes fällt aus den gelösten Schleifen
+ In den konkaven Nacken, wie Geruch.
+ Und die zu großen, graden Zähne blecken,
+
+ Als ob sie schon in Männerküssen stäken.
+ Der Blick hängt glänzend über dem Versuch,
+ Die Lippen über das Gebiß zu streifen.
+
+
+
+
+LIEBESMORGEN
+
+
+ Aus dem roten, roten Pfühl
+ Kriecht die Sonne auf die Dielen,
+ Und wir blinzeln nur und schielen
+ Nach uns, voller Lichtgefühl.
+
+ Wie die Rosa-Pelikane,
+ Einen hellen Fisch umkrallend,
+ Rissen unsere Lippen lallend
+ Kuß um Kuß vom weißen Zahne.
+
+ Und nun, eingerauscht ins weiche
+ Nachgefühl der starken Küsse,
+ Liegen wir wie junge Flüsse
+ Eng umsonnt in einem Teiche.
+
+ Und wir lächeln gleich Verzückten;
+ Lachen gibt der Garten wieder,
+ Wo die jungen Mädchen Flieder,
+ Volle Fäuste Flieder pflückten.
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+MEIN FEBRUARHERZ
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+ Als trügen Frauen in den Straußenfedern
+ Das junge Licht wie eine weiße Fahne,
+ Gehörten alle Häuser reichen Rhedern
+ Und wären Schiffe, schwimmt um die Altane
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+ Die blaue Luft! Oh, jetzt in einem Kahne
+ Auf Wassern fahren, süßen Morgennebeln
+ Entgegensteuern, gleich dem leisen Schwane
+ Die Wellen teilend mit den schwarzen Hebeln!
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+ Geh in die Leipzigerstraße! Geh ins Freie!
+ Schön ist die Wollust! Gott ein guter Junge.
+ Die Dirnen sommern brünstiger als Haie!
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+ Ich habe Geld! Ich bin so schön im Schwunge.
+ Sonette aus Sonne kitzeln mir die Zunge!
+ In meiner Kehle sammeln sich die Schreie!
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+ABENDAVENUE
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+ Die Straße ist von Klängen überstrahlt,
+ Bewachsen von Phantasmen des Geruches,
+ Und Hüften in den Hülsen blauen Tuches,
+ Das aller Schritt zu Reiz zermalmt und mahlt.
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+ Die Dirnen kommen, knarrend, Wollustfuder,
+ Und Bürgermädchen, die mit Reizen knausern;
+ Jungfräulein die, und andern, die schon mausern,
+ Gleitet ein Scharlachlächeln in den Puder.
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+ Teufel! Wir werden wie die Pelikane
+ -- Wenn diese Mädchen uns mit Blicken füttern,
+ Gierig nach den Konturen und Profilen,
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+ Die alle kommen, einzeln, momentane,
+ Und aus den fetten Rücken, aus den Müttern,
+ Bisweilen leise nach uns Jungen schielen.
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+TIERGARTEN
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+ Birken und Linden legen am Kanal
+ Unausgeruhtes sanft in seinen Spiegel.
+ Ins Nachtgewölbe rutscht der Mond, ein Igel,
+ Der Sterne jagt und frißt den Himmel kahl.
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+ Mädchen sind da, und wir sind sehr vergnügt.
+ Ich schmeiße nach dem dicken Mond mit Steinen;
+ Die Betty küßt mich, und er soll nicht scheinen,
+ Weil Bella schweigt und naserümpfend rügt.
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+ Die Sommerstädte liegen um den Park.
+ Es wird sehr hübsch! Der Süden wandert ein!
+ Die Sonne wächst! Wie nackte Männer stark
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+ Schreiten die Tage, Frühjahr in den Hüften.
+ Die schwarzen Linden kommen überein,
+ Morgen zu grünen in den süßen Lüften!
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+MÄDCHENNACHT
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+ Der Mond ist warm, die Nacht ein Alkohol,
+ Der rasch erglühend mein Gehirn betrat,
+ Und deine Nacktheit weht wie der Passat
+ Trocknend ins Mark.
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+ Du hast ein weißes Fleischkleid angezogen.
+ Mich hungert so -- ich küsse deine Lippen.
+ Ich reiße dir die Brüste von den Rippen,
+ Wenn du nicht geil bist!
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+ -- Küsse sind Funken, elektrisches Lechzen
+ Kupferner Lippen, und die Körper knacken!
+ Mit einem Sprunge sitzt mein Kuß im Nacken
+ Und frißt dein Bäumen und dein erstes Ächzen.
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+ Und als ich dir die weißen Knie und,
+ Dein Herz verlangend, allen Körper küßte,
+ Geriet mein Schröpfkopf unter deine Brüste;
+ Da drängte sich das Herz an meinen Mund.
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+GUTEN TAG -- HELLE EVA!
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+ Ich wollte mit dir jungem Weibe leben
+ Gern wie der Sturm auf einem hellen Meer,
+ Daß deine Hände sich wie Möwen heben,
+ Wie Strudel leuchten deine Brüste sehr.
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+ Dein Fleisch ist Schnee, und schneereich bist du wie
+ Russische Winter. Mondrot leuchtet, blond,
+ Dein Haarkorb an des Nackens Horizont --
+ Du nackend Weib, du weiße Therapie!
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+ Lange behielt ich deine Witterung
+ Und jagte hitzig hinter Dirnenrudeln,
+ Lustkrank, von Qual beweht. Doch du bliebst jung.
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+ Auf deinen Rippen kreisen weiße Strudel;
+ Du bist ein Weib geworden -- puh -- fruchtbar,
+ Du blanker Bauch voll Blut und krautigem Haar.
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+FRIEDRICHSTRASSENKROKI 3 UHR 20 NACHTS
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+ Die Friedrichstraße trägt auf Stein
+ Die blassen Gewässer des Lichtes.
+ Die Dirnen umstehn mit Hirschgeweihn
+ Die Circe meines Gesichtes.
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+ Ich schaue: -- Der Träume Phosphor rinnt
+ In zwei, vier Menschenaugen neu.
+ -- Wie eine Katze springt, gefleckt, der Wind
+ Zwischen des Asphalts Lichterstreu
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+ Und trägt den fetten, weißen Rauch
+ Im Maul den jungen Winden ins Nest.
+ Er faßt die Dirnen an den Bauch
+ Und klemmt die dünnen Röcke fest.
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+ -- Da sind Gesichter, lachen nett,
+ Daß alle Zähne blecken müssen;
+ Die Louis zeigen ihr Skelett,
+ Louise läßt mich ihres küssen.
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+ANDERE JÜDIN
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+
+I
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+ Im Norden sind die Ebenen, da steigen
+ Die Ströme zitternd in das Meer,
+ Das sie verhüllt. Der Wind weht Wogen her.
+ Das Wasser schweigt, und die Sternbilder schweigen.
+
+ Du stiegst hinab mit deinem weißen, leisen
+ Lachen sprudelnd und deiner Brüste Schaum.
+ Antworte doch! Bist du noch in dem Raum,
+ Wo meiner Augen Vögel schreien, kreisen?
+
+
+II
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+ Der Wind ist in den Eichen,
+ Die sich nach Westen legen
+ Und diesen kleinen, bleichen
+ Himmel zusammenfegen;
+
+ Ich atme schlecht! Ich zucke
+ So an der Luft! Untätig.
+ Mir ist vom steten Drucke
+ Nicht mehr viel Ich vorrätig.
+
+
+
+
+IN DER WELT
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+ Ich lasse mein Gesicht auf Sterne fallen,
+ Die wie getroffen auseinander hinken.
+ Die Wälder wandern mondwärts, schwarze Quallen,
+ Ins Blaumeer, daraus meine Blicke winken.
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+ Mein Ich ist fort. Es macht die Sternenreise.
+ Das ist nicht Ich, wovon die Kleider scheinen.
+ Die Tage sterben weg, die weißen Greise.
+ Ichlose Nerven sind voll Furcht und weinen.
+
+
+
+
+ADIEU MÄDCHENLACHEN!
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+ Sie nehmen Abschied, werden nicht vergessen
+ Die Wege, die sie jetzt gehn -- Du und Ich,
+ Zwei Lächeln nur, mit denen sich
+ Apokalyptische Gesichte messen.
+
+ O fälschte doch mein sicheres Gesicht!
+ Die Furcht läuft in die Zukunft und sieht mutig,
+ Da liegst du, abgeküßt und schenkelblutig:
+ -- Mein Hirn bellt auf -- brautnackt im Ampellicht.
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+ Die Schmerzen beißen in das Hirn hinein.
+ Was martert, mordet nicht mein wilder Freisinn!
+ O meine Mutter, weißhändige Greisin,
+ Nimm mich zurück ins Nichtgeborensein!
+
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+
+NACH DER NACHT
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+ Laternen, die den Regenabend führen,
+ Haben die Stadt, die glänzende, verraten.
+ Eiweißer Eiter tropft im Lichteratem
+ Der Friedrichstraße, wo sich Dirnen rühren.
+
+ Die Augen kriechen aus den Faltenlidern
+ Und spritzen einen Blick, der dich begießt.
+ Sie lachen sich das Kleid vom Bauch; du siehst
+ Die Brüste -- Krötenbäuche in den Miedern.
+
+ Du flohst, und Vögel sangen für dich junitags.
+ Der Morgen senkte sich in dein Gesicht.
+ Es schlugen Uhren an, weckten das Licht.
+ Doggengebell des Turmuhrstundenschlags.
+
+ Du öffnest deinen Mund, der ist lichtzahnig.
+ O Wanderungen im Gestein der Stadt!
+ O Röcheln, Schreie, seelenquälend Rad! --
+ Es sprudelt aus der Morgenröte sahnig.
+
+ Du schweigst. Hinter den dunklen Augen ruht
+ Das Hirn vom Krampf der tötenden Arsene.
+ Du lächelst, blickst -- und da betritt die Szene
+ Die Sonne, jugendlich, im Wolkenhut.
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+DAS WIEDERSEHEN
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+ Wie warnend leuchten schwarze Fensterscheiben.
+ Mystische Telefone knacken, knacken --:
+ Dastehst Du nahe mit beweinten Backen,
+ Plastik aus Rauch.
+ Ich drehe angstvoll mein Gesicht zum Nacken
+ Und steige zitternd aus aus euren Häusern.
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+ Sind das die Häuser? Ist die Nacht aus Stein?
+ Ich mache langsam Schritte in Berlin.
+ Kein Mensch. Herabgestürzte Jalousien.
+ Ich habe keinen Wunsch, einer zu sein.
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+MANN UND MENSCHFRAU
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+ Der Park beleckt, ein grüner Katarakt,
+ Das weiße Haus, in dem wir nach uns greifen.
+ Du hast Angstaugen. Um die Fenster streifen
+ Ahorne braun und indianernackt.
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+ Sturm hat die Nacht, die Negerin, gepackt.
+ -- Du wirst doch diese Herzart nicht begreifen.
+ Laß aus dir trinken, und ich werde reifen.
+ Verdorrte Augen überschwemmt dein Akt.
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+ Du kriegst ein Kind. Ich werde einsam sterben
+ In braunen Muskeln und vom Tag gedörrter.
+ Jetzt könnten deine Arme mich entfärben.
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+ Orient und Eden machst du gegenwärtig.
+ Wir wandeln nackt durch baumige Hirnörter.
+ Engel -- dein weißer Bauch ist dunkelbärtig.
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+End of Project Gutenberg's Junge Pferde! Junge Pferde!, by Paul Boldt
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+*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 40298 ***