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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:13:05 -0700 |
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| committer | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:13:05 -0700 |
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diff --git a/39573.txt b/39573.txt new file mode 100644 index 0000000..c68158e --- /dev/null +++ b/39573.txt @@ -0,0 +1,2454 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Die Germania + +Author: Cornelius Tacitus + +Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + + + + + Die Germania + + des + + Cornelius Tacitus + + + Mit einer Karte + + + [Illustration: Verlagssignet] + + + Uebersetzung von Paul Stefan + + +Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + + + + _1_ + + +Ganz Germanien scheiden die Stroeme Rhein und Donau vom gallischen und +raetisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder +das Misstrauen hueben und drueben die Grenze. Das uebrige umfliesst in weiten +Buchten der Oceanus, unermessliche Inseln umfangend; dort sind einige +Voelkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug +erschloss. Der Rhein entspringt einem unzugaenglich jaehen Hang der Raetischen +Alpen, wendet sich in maessiger Biegung gegen Westen und muendet ins +noerdliche Meer. Die Donau stroemt in dem sanft und gemaechlich ansteigenden +Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Voelker heran, bis sie ins +Pontische Meer in sechs Muendungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf +verliert sich in Suempfen. + + + + + _2_ + + +Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar +nicht beruehrt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Staemmen. Denn nicht zu +Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die +einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermessliche Meer dort droben, in +eine, ich moechte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis +kaum. Und wer haette denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem +schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und +nach Germanien ziehen moegen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, +wuest zu bewohnen und anzuschauen fuer alle, die da nicht heimisch sind? + +Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmaelern ihrer Ueberlieferung +und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den +Urvater und Begruender ihres Stammes. Mannus habe drei Soehne gehabt, nach +denen die Voelker naechst dem Nordmeer Ingaevonen, die im Innern Herminonen, +die uebrigen Istaevonen genannt wuerden. Andere behaupten (spielt doch hier +fernste Sage und Willkuer), es habe mehr Soehne des Gottes, also auch mehr +Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das +seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor +einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein ueberschritten und die +Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden, +und allmaehlich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines +Volkes behauptet. So naemlich, dass zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung +zuliebe, der grossen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und dass die ihn +dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt haetten. + + + + + _3_ + + +Es heisst auch, dass Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm +als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art +Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie +befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem blossen Klang ahnen +laesst; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die +Reihen droehnt, gleich als waere das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen +als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jaeh abbrechendes +Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, dass die Stimme +rueckprallend noch voller und tiefer schwelle. + +Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen +Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Laender betreten; +Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von +ihm gegruendet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet, +auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben +Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmaeler mit griechischer +Schrift gaebe es in der germanisch-raetischen Grenzmark noch heute. Dies +alles mit Gruenden zu stuetzen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man +schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt. + + + + + _4_ + + +Selber schliesse ich mich denen an, die Germaniens Staemme, rein und vor +jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, fuer ein eigenes, unverfaelschtes, +keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der +grossen Menschenzahl, ueberall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen, +rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestuemem Draengen +taugend; muehsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Masse gewachsen. Durst +und Hitze koennen sie gar nicht vertragen, Kaelte aber und Hunger sind sie +in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt. + + + + + _5_ + + +Das Land sieht wohl nicht ueberall gleich aus; doch allenthalben starrt +schrecklicher Urwald, dehnen sich haessliche Suempfe. Es ist feuchter gegen +Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut traegt es, +Fruchtbaeume gedeihen nicht, Vieh ist haeufig, aber meist unansehnlich. +Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an +der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und +ein sehr geschaetztes Vermoegen. Silber und Gold haben die Goetter ihnen +nicht vergoennt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch moechte ich nicht +behaupten, dass Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer haette +danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls +nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Geraet sehen (wie es ihre +Gesandten und Fuersten als Geschenk erhalten), das sie nicht hoeher achten +als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und +Silber zu schaetzen, erkennen gewisse Praegungen unseres Geldes als echt an +und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen +alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte +gern, die Muenzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch +halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer +Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermuenzen besser dient, +wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln. + + + + + _6_ + + +Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff +zeigen. Wenige fuehren Schwerter oder laengere Spiesse; meist brauchen sie +Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so +scharf und so handlich, dass sie dieselbe Waffe, je nach Beduerfnis, im Nah- +wie im Fernkampf verwenden koennen. Der Reiter begnuegt sich mit Schild und +Frame, das Fussvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und +wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Ruestung +prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den +buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur +einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schoenheit, nicht durch +Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu +vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt +nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so dass niemand +zurueckbleibt. Im ganzen ruht die groessere Kraft im Fussvolk; darum streitet +auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fussvolk, aus der gesamten +Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpasst, vor der uebrigen +Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem +Gau, und Hunderter heissen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist +nun Name und Ehrenname geworden. + +Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn +man nur wieder vordringt, eher fuer klug und nicht als Feigheit. Ihre +Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kaempfen in Sicherheit. Den +Schild im Stiche zu lassen, ist der aergste Frevel. Ein derart Ehrloser +darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege +davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet. + + + + + _7_ + + +Koenige waehlt man nach ihrem Adel, Fuehrer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch +der Koenige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkuer, und die Fuehrer +wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie ueberall zur +Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kaempfen und zur +Bewunderung fortreissen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, ueber Leben und +Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlaegen verurteilen +duerfen nur Priester, gleichsam als geschaehe es nicht zur Strafe noch auf +Befehl des Fuehrers, sondern gewissermassen auf Geheiss der Gottheit, die +nach germanischem Glauben ueber den Streitenden waltet. So nehmen sie auch +Bilder und gewisse Goetterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und +ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, dass nicht ein +Ungefaehr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen +laesst, sondern dass Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch fuer +jeden seine Lieben ganz nahe, und da hoert er das schrille Geschrei der +Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier +das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und +die schrecken nicht zurueck, zaehlen und pruefen sie ihm und bringen den +Kaempfern Speise und Zuspruch. + + + + + _8_ + + +Es ist uns ueberliefert, dass Frauen, mehr als einmal, schon wankende und +weichende Reihen durch ihr unablaessiges Flehen, die Brueste entbloessend und +auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn +ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unertraeglich, und das geht +so weit, dass Voelkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Maedchen +stellen muessen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen +etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmaehen nicht ihren Rat, ueberhoeren +nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus +Zeit Veleda weit und breit als goettliches Wesen galt. Aber auch frueher +haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus +Schmeichelei, noch als machten sie Goettinnen aus ihnen. + + + + + _9_ + + +Unter den Goettern verehren sie am hoechsten den Mercurius; sie glauben, ihm +an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu duerfen. Mars und +Herkules versoehnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient +auch der Isis. Anlass und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht +recht erklaeren; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff +gleichend, dass sie ueber die See eingedrungen ist. Uebrigens widerstrebt es +ihrer Anschauung von der Groesse der Himmlischen, die Goetter in Mauern zu +sperren und mit menschlichen Zuegen abzubilden. Sie weihen ihnen Waelder und +Haine und rufen mit Goetternamen jene geheime Macht an, die sie nur in +entrueckter Andacht schauen. + + + + + _10_ + + +Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das +Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden +Fruchtbaum zu Staebchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und +streuen sie aufs Geratewohl ueber ein weisses Tuch hin. Dann hebt, wenn in +gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner, +das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Goettern gegen Himmel +aufblickend, nacheinander drei Staebchen auf und deutet sie gemaess dem zuvor +eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht guenstig, so wird in derselben Sache +am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber guenstig, noch die +Bestaetigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier gelaeufig, +Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentuemlich aber ist diesem +Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den +gleichen Hainen und Waeldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten +der Gemeinschaft weisse Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit +beruehrt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit +dem Koenig oder Fuersten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und +Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet groesseren Glauben, nicht nur +im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese +halten sich wohl fuer die Mittler der Gottheit, die Rosse aber fuer ihre +Vertrauten. + +Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den +Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen +sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem +auserlesenen Kaempfer des eigenen Volkes gegenueber, jeden mit seinen +heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als +Vorbedeutung. + + + + + _11_ + + +Ueber geringere Sachen beraten die Fuersten, ueber wichtigere die Gesamtheit, +jedoch so, dass auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fuersten +vorbesprochen wird. Sie kommen, ausser wenn ein unerwarteter Zufall +eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond; +denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders guenstig fuer den Beginn eines +Unternehmens. Sie zaehlen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Naechte. +Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht fuehrt gleichsam den Tag +herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Missliche, dass sie nicht +gleichzeitig und nicht nach dem Geheiss beisammen sind, sondern dass oft ein +zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Saeumige hingeht. So wie es der +Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch +das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der Koenig +oder Fuerst Gehoer, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und +Redevermoegen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu +befehlen. Missfaellt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefaellt +er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen +des Beifalls ist Lob mit den Waffen. + + + + + _12_ + + +Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht +begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verraeter +und Ueberlaeufer haengen sie an Baeumen auf, Feige, Weichlinge und am Koerper +Geschaendete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk +darueber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, dass man Frevel +durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen muesse. Aber auch +fuer leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Ueberwiesenen +werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebuesst. Ein Teil der Busse wird +dem Koenig oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhaelt, oder +seinen Verwandten geleistet. + +In den gleichen Versammlungen werden auch die Fuersten bestimmt, die in +Gauen und Doerfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Maenner aus +dem Volke als Rat und Beistand zur Seite. + + + + + _13_ + + +Nie aber, ob sie nun Geschaefte des Gemeinwesens oder eigene besorgen, +erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen, +ehe ihn nicht die Gemeinde fuer wehrhaft erklaert hat. Dann schmueckt gleich +in der Versammlung entweder ein Fuerst oder der Vater oder ein Verwandter +den Juengling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen +Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr +der Gemeinschaft. + +Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fuerstengunst +auch noch nicht Mannbaren. Solche schliessen sich dann den uebrigen, +Aelteren, laengst schon Bewaehrten an. Und es ist fuer niemand beschaemend, in +einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine +Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und gross ist der Wetteifer +der Mannen um den ersten Platz zunaechst dem Fuersten, wie auch der Fuersten +um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Wuerde, bringt Macht: +immerzu von einer grossen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im +Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem +Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und beruehmt, wer sich +durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er +erhaelt Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen. + + + + + _14_ + + +Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf fuer den Fuersten, sich an +Tapferkeit uebertreffen zu lassen, ein Schimpf fuers Gefolge, es der +Tapferkeit des Fuehrers nicht gleichzutun. Hoechste Schmach und Schande +vollends ist es fuer das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld +zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behueten, ja die eigene Heldentat +seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Fuersten kaempfen fuer +den Sieg, das Gefolg fuer den Fuersten. + +Wenn ihre Heimat in langem, muessigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige +Juenglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Voelkern, die gerade Krieg +fuehren. Denn ein ruhiges Leben gefaellt diesem Volke nicht, in der Gefahr +finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein grosses Gefolge nur durch +Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des +Fuersten das Streitross und die blutige, siegbewaehrte Frame. Auch ersetzt ja +die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: +solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu +pfluegen und die Jahreszeit abzuwarten, wuerde sie keiner so leicht +ueberreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es +duenkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiss zu erarbeiten, was mit Blut +zu gewinnen waere. + + + + + _15_ + + +Wenn sie nicht Krieg fuehren, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, +haeufiger noch muessig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die +Tapfersten und Kriegstuechtigsten tun gar nichts und ueberlassen die Sorge +um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den +Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und traege zu. +Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, dass ganz die gleichen Menschen so sehr +das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen! + +Es ist Sitte, dass die Gemeindegenossen freiwillig, jeder fuer sich, den +Fuersten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch +auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken +benachbarter Voelker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im +Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, praechtigen +Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen +gelehrt. + + + + + _16_ + + +Dass die germanischen Staemme nirgends Staedte bewohnen, ist genugsam +bekannt, auch dass sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie +bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein +Gehoelz gefaellt. Wohl legen sie Doerfer an, aber nicht nach unsrer Art mit +verbundenen Gebaeuden, in einem Zusammenhang: jeder fuer sich umgibt sein +Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr, +vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und +Ziegel sind ihnen unbekannt; ueberall verwenden sie ungefueges Holz, +unbekuemmert um Gefallen und Ansehn. Doch ueberstreichen sie einzelne +Stellen recht sorgfaeltig mit einer Erdart von so reinem Glanz, dass es wie +Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Hoehlen +und legen eine dichte Dungschicht darueber hin: als Zuflucht fuer den Winter +und als Vorratsspeicher. Denn solche Raeume mildern die strengen Froeste; +und faellt einmal der Feind ins Land, so pluendert er zwar, was offen +daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhaelt er nicht Kunde, +oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen muesste. + + + + + _17_ + + +Als Ueberwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie +mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen +sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein +Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit +herabfliesst, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten laesst. Man +traegt auch Pelze, naechst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im +Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen +Putz bringt. Sie waehlen unter dem Wild und verbraemen die abgezogenen +Huellen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an +unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als +Maenner; nur gehen sie gewoehnlich in Linnengewaender gehuellt, die mit roten +Saeumen verziert sind. Ihre Kleidung laeuft oben nicht in Aermel aus; +Schultern und Arme sind bloss, aber auch ein Teil der Brust bleibt +unverhuellt. + + + + + _18_ + + +Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensfuehrung wohl am +meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnuegt sich +jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Maennern abgesehen, die nicht ihre +Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach +umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der +Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und pruefen die +Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck fuer +die Neuvermaehlte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezaeumtes Ross +und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der +Mann die Frau entgegen, und dafuer bringt sie selber dem Mann auch ein +Rueststueck zu: dies gilt ihnen als das staerkste Band, dies als geheime +Weihe, dies als Segen der Ehegoetter. Auf dass sich das Weib nicht fremd in +einer Welt von Maennergedanken und wechselndem Kriegsglueck erachte, wird es +schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, dass es als Gefaehrtin in +Muehsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu +dulden und mit zu wagen: also verkuenden das Rindergespann, das geruestete +Ross, die dargereichten Waffen. So muesse sie leben, so in den Tod gehen; +was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Soehnen +wiedergeben, dass es dann die Schwiegertoechter uebernaehmen und noch die +Enkel erbten. + + + + + _19_ + + +So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den +Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von +geheimen Briefschaften weiss weder Mann noch Weib. Hoechst selten kommt es +in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe +unmittelbar und ist dem Mann ueberlassen. Mit abgeschnittenem Haar, +entbloesst, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und +peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und fuer preisgegebene Keuschheit +gibt es keine Verzeihung: nicht Schoenheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe +koennte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand ueber das Laster, +und Verfuehren und Sichverfuehrenlassen heisst nicht "der Geist der Zeit". +Besser steht es gewiss noch um Voelkerschaften, bei denen nur Jungfrauen +heiraten und mit der Hoffnung und dem Geluebde der Ehefrau einmal fuer immer +abschliessen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben +erhalten haben, auf dass sich kein Gedanke darueber hinaus, kein Begehren +weiter verirre, dass sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe +selber lieben. + +Die Zahl der Kinder zu beschraenken oder ein nachgeborenes zu toeten, gilt +als verruchte Tat; mehr vermoegen dort gute Sitten als anderswo gute +Gesetze. + + + + + _20_ + + +In jedem Hause waechst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Groesse, +zu diesem Wuchs heran, ueber den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene +Mutter die Brust, und es wird nicht Maegden und Ammen ueberlassen. Freie +scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die +anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die +Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spaet erfahren +junge Maenner die Lust; daher ihre unerschoepfte Kraft. Auch die Maedchen +werden nicht gedraengt; in gleicher Jugend, von aehnlicher Gestalt, +ebenbuertig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der +Staerke der Eltern zeugen die Kinder. + +Schwestersoehne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche +halten dieses Blutsverhaeltnis noch fuer heiliger und enger und fordern, +wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als haetten sie damit das +Gewissen staerker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben +aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein +Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im naechsten Glied die Brueder, +Vaeter- und Muetterbrueder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die +Verschwaegerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat +keine Lockungen. + + + + + _21_ + + +Der Erbe muss auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten +uebernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht +unversoehnlich fort: suehnt man doch selbst den Totschlag durch eine +bestimmte Anzahl von Gross- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die +Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher +Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefaehrlich. + +Fuer Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose +Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt +als Frevel; je nach Vermoegen ruestet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das +Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen +Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins naechste +Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie +aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht. +Beim Abschied gehoert es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa +ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die +Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an, +und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet +Gastfreund an Gastfreund. + + + + + _22_ + + +Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen) +baden sie, oefters warm, weil es bei ihnen die laengste Zeit Winter ist. Auf +das Bad folgt ein Imbiss; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen +eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschaefte oder auch, nicht minder +haeufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt +keinem Schande. Haeufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der +bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und +Totschlag. Aber auch die Versoehnung des Feindes mit dem Feind, neue +Schwaegerschaft, Anschluss an Fuersten und sogar Krieg und Frieden wird +gewoehnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der +Sinn unbeeinflusster Ueberlegung besser zugaenglich waere oder leichter +entflammt fuer grosse Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eroeffnet es +noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun +alle ihre Meinung ohne Rueckhalt aufgedeckt, so wird sie am naechsten Tag +noch einmal geprueft, und jeder Zeit widerfaehrt ihr Recht: sie beraten, +wenn sie keiner Verstellung faehig sind, beschliessen, wenn sie nicht irren +koennen. + + + + + _23_ + + +Ihr Getraenk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein +vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach, +wilde Fruechte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne +Wuerzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht +die gleiche Maessigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu +trinken verschaffte, so viel sie begehren, der koennte sie einmal durch +ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand ueberwinden. + + + + + _24_ + + +Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich. +Nackte Juenglinge, die es zum Vergnuegen tun, schwingen sich im Tanz +zwischen Schwertern und drohenden Framen. Uebung hat sie gewandt gemacht, +Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so +verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwuerdig +sind sie beim Wuerfeln, treiben es nuechtern, wie ein ernstes Geschaeft, und +mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, dass sie, wenn alles hin +ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer +verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch juenger und staerker, er laesst +sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am +verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art uebergeben +sie dem Handel, um auch selbst der Beschaemung ueber den Gewinn ledig zu +werden. + + + + + _25_ + + +Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem +Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen +Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder +Zeug auf, wie wir unseren Paechtern, und nur so weit geht die Pflicht des +Hoerigen. Sonst besorgen die Geschaefte des Herrenhauses die Frau und die +Kinder. Dass der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft +wird, ist selten. Eher noch schlaegt der Herr einen tot, nicht zur Strafe +oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jaehzorn: wie einen Feind, nur +dass es hier ungesuehnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel hoeher +als Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluss im Haus, nie in der +Gemeinde, ausgenommen bei den Staemmen, die Koenigen botmaessig sind. Dort +naemlich steigen sie wohl ueber die Freigeborenen und selbst ueber Adelige +empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbuertigkeit der Freigelassenen fuer +die Freiheit des Volkes. + + + + + _26_ + + +Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und +darum besser verhuetet, als wenn es verboten waere. + +Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von +der Gesamtheit, immer in neuem Ausmass besetzt und dann jedesmal unter die +einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Groesse der Gefilde macht solche +Teilung leicht. Mit der Anbauflaeche wechseln sie Jahr fuer Jahr, und noch +immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der +Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, dass sie Obstgaerten +anlegen, Wiesen ausscheiden, Gaerten bewaessern wuerden; einzig Getreide +fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere +vier Zeiten; nur fuer Winter, Fruehling und Sommer haben sie den Begriff und +die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben. + + + + + _27_ + + +Leichenbegaengnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, dass man +die Reste bedeutender Maenner mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf +den Holzstoss haeufen sie nicht Teppiche noch Raeucherwerk; immer werden die +Waffen, zuweilen auch das Streitross ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhuegel +bildet das Grab. Ragender Denkmaeler kunstreiche Pracht verschmaehen sie, +als drueckend fuer die Verstorbenen. Von Klagen und Traenen lassen sie bald, +von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Maennern +Erinnerung. + +So viel habe ich allgemein ueber Herkunft und Sitten des ganzen +Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den +Einrichtungen und Braeuchen der einzelnen Staemme und die Einwanderungen aus +Germanien ins gallische Land eroertern. + + + + + _28_ + + +Dass Galliens Macht vorzeiten groesser war, meldet der beste Gewaehrsmann, der +erlauchte Julius [Caesar]; und so darf man wohl glauben, dass auch Gallier +nach Germanien hinuebergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot +nicht ein Strom, wenn eines der Voelker, eben im Gefuehl seiner Macht, her- +und hinueber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich +abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und +Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt, +beides gallische Staemme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die +Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben. + +Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem +Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien +eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute +gleiche Sprache, gleiche Satzung und Braeuche): denn die naemliche Armut und +Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil +wie Nachteil. + +Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersuechtigem Stolz ihre +germanische Abkunft, als wuerde solcher Adel des Blutes eine Aehnlichkeit +mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen +unzweifelhaft germanische Voelker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst +die Ubier, die doch fuer ihre Verdienste das Recht der roemischen Kolonien +erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hoeren, +schaemen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten +heruebergekommen und wurden dann zum Lohn bewaehrter Treue gerade am +Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwaechter, nicht als Bewachte. + + + + + _29_ + + +An Tapferkeit ueberragen die Bataver alle diese Staemme. Sie bewohnen nur +einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und +waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der +Heimat loeste und in diese Gegenden hinueberzog; dort sollten sie dem +Roemerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter +Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwuerdigt sie, kein +Steuerpaechter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst +im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen fuer den Kampf +aufgespart. In gleicher Abhaengigkeit steht auch das Volk der Mattiaker; +hat doch das maechtige Roemertum ueber den Rhein und ueber die alten Grenzen +hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in +eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung haelt sie bei +uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur dass ihnen noch der Boden und Himmel +der Heimat helleren Mut weckt. + +Nicht unter die germanischen Voelker moechte ich, wiewohl sie jenseits von +Rhein und Donau ansaessig sind, jene zaehlen, die das Zehntland bebauen: +gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stueck von dem Boden +ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind +Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des +Reichs und einen Teil der Provinz. + + + + + _30_ + + +Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald, +nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen +Flachland; immer wieder erheben sich Huegel und werden nur maehlich +spaerlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie +dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau, +trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Fuer Germanen zeigen sie +viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Fuehrer zu waehlen, auf das +Wort der Obern zu hoeren, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu +erspaehen, mit dem Angriff zurueckzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich +fuer die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glueck, +sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und +nur einer strengen Zucht eigen ist: die Fuehrung gilt ihnen mehr als die +Truppe. Ihre ganze Staerke liegt im Fussvolk, dem sie ausser den Waffen auch +Schanzzeug und Vorraete mitgeben. Andere Voelker ziehen in die Schlacht, die +Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzuegen und +planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr fuer Reiterkraefte, rasch +einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht +gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute. + + + + + _31_ + + +Was sich auch bei anderen germanischen Voelkern als Ausdruck vereinzelten +Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald +sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen +sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getoetet haben; das ist +ihr Geluebde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen +Beute enthuellen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis fuer +ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Vaeter verdient zu haben. +Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter +Held traegt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein +Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und loest sie sich erst, wenn er einen +Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug +und sind darin grau geworden, beruehmt und Feinden wie Freunden bekannt. +Diese sinds, die jeden Kampf eroeffnen; sie bilden die erste Reihe, ein +ueberwaeltigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht +milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine +Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem +Gut, unbekuemmert um eigenes, bis dann schliesslich das blutlose Alter zu so +harter Tugend unfaehig macht. + + + + + _32_ + + +Den Chatten zunaechst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen +Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die +Tenkterer zeichnen sich ausser durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre +trefflich geuebte Reiterei aus; und dem Fussvolk der Chatten gebuehrt kein +groesseres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vaetern +her, und die Nachfahren bleiben nicht zurueck. Reiten ist das Spiel der +Kinder, Maenner ueben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben +Gesinde und Gehoeft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde +vererbt: doch erhaelt sie nicht, wie das uebrige Gut, der aelteste Sohn, +sondern der streitbarste, der bessere Kaempe. + + + + + _33_ + + +Neben den Tenkterern traf man frueher die Brukterer. Jetzt sollen da +Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch +einen Zusammenschluss der Nachbarvoelker geschlagen und ganz vernichtet, sei +es aus Hass gegen ihre Ueberhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil +uns etwa die Goetter gnaedig waren; denn sie goennten uns sogar, dem +Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: ueber sechzigtausend sind nicht der +Roemer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude +und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen +Voelkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Hass +gegeneinander; denn nichts Groesseres kann uns in des Reiches draengendem +Verhaengnis das Schicksal gewaehren als unserer Feinde Zwietracht. + + + + + _34_ + + +An die Angrivarier und Chamaver schliessen sich im Ruecken Dulgubiner und +Chasuarier an und andere nicht sonderlich haeufig genannte Voelker. Vorne +nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heissen Gross- und Kleinfriesen nach +dem Mass ihrer Kraefte. Beide Staemme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch +wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon roemische Flotten +drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die +Sage verbreitet, dass da noch Saeulen des Herkules stehen: sei es, dass +Herkules wirklich hinkam oder dass wir alles Grossartige, wo sichs auch +finde, auf seinen Ruhm zurueckzufuehren gewohnt sind. An Kuehnheit hat es dem +Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer liess sich, liess die +Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es +schien froemmer und ehrfuerchtiger, an die Taten der Goetter zu glauben, als +um sie zu wissen. + + + + + _35_ + + +So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in +ungeheurem Bogen zurueck. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der +Chauken; obwohl es schon naechst den Friesen beginnt und noch einen Teil +der Kueste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier +beschriebenen Staemme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten. +Und diese gewaltige Laendermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem +Besitz, sondern sie fuellen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen +in hoechstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf +Gerechtigkeit zu stuetzen. Ohne Habgier, ohne unbaendige Herrschsucht leben +sie ruhig fuer sich und reizen keinen zum Kriege, verwuesten sie, rauben und +pluendern keinem sein Gut. Es ist das hoechste Zeugnis fuer ihre Tapferkeit +und Staerke, dass sie ihre ueberlegene Macht keinem Uebergriff danken. Doch +haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein +Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt +ihnen ihr Ruf. + + + + + _36_ + + +Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten +einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen +mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbaendigen, +maechtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der +Ueberlegene friedlich und redlich nennen. So heissen die Cherusker, einst +als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den +siegreichen Chatten wurde ihr Glueck als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom +Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glueck die +Geringeren, sind sie nun rechte Gefaehrten des Missgeschicks. + + + + + _37_ + + +In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, naechst dem Nordmeer, +sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. +Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Waelle und +Lagerraeume, deren Umfang noch heute fuer die Menge des Heeres und Volks und +fuer die so maechtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre +stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdroehnten; +unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zaehlt man von da +bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa +zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf +dieser langen Zeit hueben und drueben vielfach Verluste! Nicht der Samnite, +nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht +haben oefter zu schaffen gegeben: aerger denn eines Arsaces Tyrannei droht +der Germanen Freiheit. Was koennte uns sonst der Osten vorhalten als den +erschlagenen Crassus, fuer den er doch selbst, von einem Ventidius +niedergeworfen, den Pacorus hingeben musste! Germanen aber haben den Carbo +und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus +Mallius geschlagen oder gefangen, also fuenf konsularische Heere dem +roemischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar +geraubt; und nicht ohne Einbussen hat sie C. Marius in Italien, der +erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen +Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Ruestungen des C. Caesar +laecherlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis dass sie, die Gelegenheit +unseres Zwistes und Buergerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der +Legionen stuermten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder +abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat ueber sie mehr triumphiert als +gesiegt. + + + + + _38_ + + +Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und +Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den groesseren Teil +Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Voelkerschaften mit +eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heissen. + +Ein Stammeszeichen bildet das seitwaerts gekaemmte, in einen Knoten +geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den uebrigen +Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt +auch bei anderen Staemmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft +mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist +jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschraenkt. Bei den Sueben aber +streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurueck und +binden es, oft gerade ueber dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch +kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; +denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher +Sorgfalt schmuecken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um groesser und +schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde. + + + + + _39_ + + +Fuer die Aeltesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen +aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Braeuche gestuetzt. Zu +bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vaetertagen und +Schauer der Vorzeit weihten, alle Voelker vom gleichen Blut durch +Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft +eroeffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere +Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, +gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Faellt +einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen, +sondern muss sich auf der Erde hinauswaelzen. Das ganze Treiben deutet +darauf, dass dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, +und alles andere untergeordnet und abhaengig. Bestaerkt wird diese Meinung +durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei +solcher Groesse ihrer Koerperschaft halten sie sich fuer das Haupt der +suebischen Voelker. + + + + + _40_ + + +Dafuer ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen maechtigen +Voelkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwuerfigkeit, +sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, +Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Fluesse oder +Waelder geschuetzt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam +verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie, +mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk +gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin +steht ein geweihter Wagen, mit einer Huelle bedeckt, und nur der Priester +darf ihn beruehren. Er merkt die Gegenwart der Goettin im Heiligtum und +geleitet ehrfuerchtig ihren mit Kuehen bespannten Wagen. Dann sind die Tage +froh und festlich die Staetten, wo die Goettin einzuziehen und gastlich zu +weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen; +verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und +Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann +wieder die Goettin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersaettigt, in +ihren heiligen Bezirk zurueckbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhuellung +und - wenn man es glauben darf - die Goettin selbst in einem unzugaenglichen +See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der naemliche See +verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was +nur Todgeweihte erschauen. + + + + + _41_ + + +Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Laender +Germaniens hin. Naeher - um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau +zu folgen - haust das Volk der Hermunduren, den Roemern ergeben. Darum ist +ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze, +sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glaenzendsten Kolonie +der raetischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht +herueber, und waehrend wir den uebrigen Staemmen nur unsere Waffen und +Lagerplaetze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Haeuser und +Landsitze geoeffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst +ein vielgeruehmter, bekannter Strom; jetzt hoert man nur eben von ihm. + + + + + _42_ + + +Naechst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen +und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr +Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch +schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist +gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und +Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Koenige vom heimischen Stamm +behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fuegen sie sich +auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Koenigen vom roemischen +Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, oefter durch Geld +unterstuetzt; es tut ihnen nicht Eintrag. + + + + + _43_ + + +Noch weiter ab von uns schliessen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier +im Ruecken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und +Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch +ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, dass sie keine +Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil +davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen - als einem Fremdvolk - die +Quaden auferlegt: dabei foerdern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, +noch obendrein Eisen! Alle diese Voelker aber halten wenig Flachland +besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Hoehenzuege. Denn mitten durch Suebien +zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der +anderen Seite wohnen sehr viele Voelker, von denen namentlich die Lygier, +mehrere Staemme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genuegt, die +bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und +Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. +Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Goetter, die sie +nennen, sind nach roemischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung +der Gottheit; ihr Name ist "Alken". Es gibt von ihnen kein Bild, keine +Spur fuehrt zu fremden Braeuchen; aber als Brueder werden sie und als +Juenglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor +aufgezaehlten Voelkern ohnehin ueberlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon +wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Kuenste nach. Sie schwaerzen die +Schilde und ueberfaerben sich den Koerper; finstere Naechte waehlen sie zum +Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines +Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhoerten, +gleichsam hoellischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die +Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Koenigen, und etwas +straffer als andere Germanenstaemme, geleitet, doch nicht so, dass ihre +Freiheit bedroht waere. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und +Lemovier. All dieser Voelker Merkmal ist, dass sie runde Schilde und kurze +Schwerter haben und Koenigen gehorchen. + + + + + _44_ + + +Folgen die Staemme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen +und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt, +derart, dass jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit +ist. Auch bedienen sie keine Segel und fuegen die Ruder nicht reihenweise +an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Fluessen, und +setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk +steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen +den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf +Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen, +jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Waechter haelt sie verschlossen; +es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde +das Meer; und Waffen in muessigen Haenden fuehren gar leicht zum Missbrauch. +Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen +als Waffenhueter zu bestellen, waere dem Koenig kein Vorteil. + + + + + _45_ + + +Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Dass +es den Erdkreis abguertet und schliesst, darf man wohl glauben, weil sich +dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhaelt, so hell, +dass davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden +Sonne Klingen zu hoeren und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu +erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt. + +Nun denn - rechts schlaegt das suebische Meer an die Kueste der +Aestierstaemme. Diese haben die Braeuche und das Aussehen der Sueben, ihre +Sprache steht der britannischen naeher. Sie verehren eine Goettermutter. Als +Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und +Schirm gegen alle Gefahr und behuetet den Glaeubigen auch im Feindesgewuehl. +Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Fruechte +bauen sie sorgfaeltiger, als sonst germanische Laessigkeit zugibt. Aber sie +suchen auch im Meer und sind unter allen Voelkern die einzigen, die den +Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande +selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine +Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer +Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen +Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stuecke, +bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich ueber den gezahlten +Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil haeufig kleine Landtiere, +auch gefluegelte, durchschimmern, die sich in der fluessigen Masse fangen +und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen +Laendern im Osten, wo die Baeume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, moegen +also wohl auch auf den Inseln und Kuesten des Westens merkwuerdig ergiebige +Haine und Waelder sein: ihre Saefte werden von den Strahlen der nahen Sonne +ausgepresst und rinnen noch fluessig den kurzen Weg hinab ins Meer; die +Gewalt der Stuerme treibt dann das Harz hinueber ans andere Gestade. Prueft +man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzuendet er sich wie ein +Kienspan und naehrt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich +wieder zu einer Art Pech oder Harz. + +An die Suionen reihen sich die Staemme der Sitonen, sonst aehnlich und nur +dadurch unterschieden, dass ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen +nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet. + + + + + _46_ + + +Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Staemme der Peuciner und der +Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiss ich +nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen +in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen. +Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen traege; und +Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Missgestalt gefuehrt. Die +Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald- +und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen +sie in raeuberischen Haufen. Doch zaehlt man sie eher noch als Germanen, +weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle, +ruestige Fussgaenger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die +auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich +wildes, abstossend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein +Heim; Kraeuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre +Lagerstaette. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen +mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muss gleicherweise Maenner wie Frauen +ernaehren: diese ziehen ueberall mit und heischen ihren Teil von der Beute. +Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein +Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen +zurueck, dort bergen sich die Alten. Aber gluecklicher duenkt sie dieses Los, +als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und +fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekuemmert um +Menschen, unbekuemmert um Goetter haben sie das Schwerste erreicht, selbst +auf Wuensche verzichten zu koennen. + +Darueber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und +Oxionen Menschenkoepfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und +Glieder von Tieren. Das ist unverbuergt, und ich will es nicht weiter +verfolgen. + + + + + + INHALT DER GERMANIA + + + + + Allgemeiner Teil (1-27) + + +_Das Land und seine Bewohner_ (1-5): Grenzen und Grenzstroeme (1) - +Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) - Fruehe Besuche aus +der Fremde? (3) - Koerperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) - +Natur und Erzeugnisse des Landes (5). + +_Leben und Sitten der Germanen_ (6-27): Waffen, Kriegswesen (6) - Koenige, +Fuersten, Priester, Sippen, Frauen (7) - Frauen im Kampf, heilige Frauen +(8) - Goetter (9) - Lose, Vorzeichen (10) - Ratsversammlung (11) - +Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) - Wehrhaftmachung, +Gefolge (13) - Gefolge im Krieg (14) - Fuersten und Gefolge im Frieden (15) +- Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) - Kleidung (17) - Ehe (18) - +Frauen und Kinder (19) - Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) - +Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) - Leben im Hause, Trinkgelage (22) - +Getraenke, Speisen, Trunksucht (23) - Waffentaenze, Wuerfelspiel (24) - +Sklaven (25) - Ackerbau (26) - Bestattung; Uebergang zum besonderen Teil +(27). + + + + + Besonderer Teil / Die einzelnen Voelkerschaften (28-46) + + +_Grenzvoelker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, +Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine +Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) - Germanen, +die zu den Roemern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29). + +_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30-37): Chatten (30, 31) - +Usipier und Tenkterer (32) - Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) - +Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) - Chauken (35) - Cherusker (36) - +Kimbern, Kimbern- und spaetere Germanenkriege (37). + +_Sueben_ (38-45): Ihre Haartracht (38) - Semnonen (39) - Langobarden und +Nerthusvoelker (40) - Hermunduren (41) - Varisten, Markomannen und Quaden +(42) - Ost- und Nordostgermanen (43, 44) - Ende der Welt, Aestier, +Bernstein, Sitonen (45). + +_Mischvoelker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht +mehr Germanen) und + +_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46). + + + + + + ANMERKUNGEN DES UeBERSETZERS + + +Was ist dieses Buch, gewoehnlich "Germania" genannt, das die Insel-Buecherei +hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift fuer +den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk. + +Eine Schilderung, und als solche das aelteste Buch von den deutschen +Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es +so vieles weiss und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon frueh, +Griechen und Roemer ueber die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam +im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der +Insel "Thule" (Island?) und an die Kueste der Nordsee; die Nachrichten des +Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt +Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die aeltesten roemischen Quellen +sind spaerlich auf uns gekommen. Erst Caesars Kriege in Gallien und seine +Aufzeichnungen darueber bringen groessere Klarheit; deutlich sondern sie, zum +erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im +104. Buch seiner Roemischen Geschichte) finden konnte, ist laengst verloren; +verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus ueber die Germanenkriege und +seine Fortsetzung durch den aelteren Plinius. Erhalten aber des Plinius +_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die +Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit +sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_ +nachwirkt. + +Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, +Haendler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der +Wissenschaft unschaetzbar geworden, zumal da es immer mehr durch +fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestaetigt wird. Aber auch +jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer +als Mensch, als Mann, als Kuenstler. Und die Groesse seines Geistes und +seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen +haben als der blosse Inhalt. + +Dennoch dankt man es wohl einem Beduerfnis des Tages. Es war im Jahre 98 +nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen +Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie +wollte zeigen, wer diese gefaehrlichsten Feinde Roms seien, und dass der +Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und +an nichts anderes; dass es insbesondere falsch sei, ausser an den Schutz des +Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man +darf annehmen, dass der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die +Schrift billigte. + +Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch +spricht viel fuer diese Annahme des grossen Muellenhoff. Tacitus schildert +nur - und schildert als Kuenstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede +Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des +Volkes, dann, vom Naechsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in +"romantische" Ferne verlierend, seine einzelnen Staemme und Landschaften, +bis er im Maerchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in +rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein +rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, geraet. Jeder Absatz ist durch +das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals +siegen nuechterne Angaben ueber den beziehungsreichen Bildner des Werkes, +ueber den Meister. + +Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altroemischen Sinn. Dabei +verbittert und ergrimmt ueber seine feile, alle Freiheit erdrueckende Zeit, +unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener +Sehnsucht erfuellt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach +einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die +Germanen herauf: darum schildert er dieses kuehne, furchtbare und lichte +Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und ueber kurz oder lang siegreiche +Feinde sind. Denn das roemische Reich, dem er angehoert, steht vor dem Ende. +Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben. + +So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von +seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der +rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er +Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in +Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola +verheiratet, hielt er sich waehrend der Verfolgungen unter Domitian fern. +Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint +noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben. + +Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode +hervortretend, mit dem _Dialog_ ueber die Redekunst und ihren Verfall. Es +folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch +im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine +Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die +_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten +beiden Werke sind nichts weniger als vollstaendig erhalten. In ihnen erst +erschliesst sich Tacitus ganz, "_le plus grand peintre de l'antiquite_", +wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen +gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist +noch lange nicht vorueber. Freilich muss man, nach einer Anmerkung +Lichtenbergs, "sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen". + + * * * + +Die "Germania" wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie +lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von +Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, +und bringt die "Germania" und den "Dialog" 1455 nach Italien. (Die +Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster +gefunden worden.) Spaeter kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der +Schrift lautet einmal "_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_", +ein andermal "_De origine et situ Germanorum_". 1469 schon wird die +"Germania" gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus +und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob +Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Muellenhoff (_Germania antiqua_, +1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der +Bearbeitung von Schwyzer (1912). + +Diese unsere Uebersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht +von dem Kuenstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den +Gehalt seines Wesens fuer Deutsche wieder lebendig zu machen. + +Sie lehnt sich fast ueberall an den Text von Schweizer-Sidler an; die +Deutung und namentlich die folgenden Erlaeuterungen beruhen (von anderen +Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf +der ausfuehrlichen Erklaerung der Germania, die Muellenhoff im 4. Band seiner +Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Uebersetzungen wurden +alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle +neuen und neu aufgelegten; von aelteren namentlich die von Boetticher und +Bacmeister. + +Den Herren Dr. Friedrich Loehr, Sekretaer des Archaeologischen Instituts in +Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Muenchner Universitaet, +schuldet der Uebersetzer fuer freundliche Ratschlaege besonderen Dank. + + + + + + ERLAeUTERUNGEN + + + + + _1_ + + +Die roemische Provinz _Raetien_ reicht noerdlich bis zur Donau (Ries!), +oestlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht +genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in +Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbuergen. _Gebirge_ +die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? +_Abnoba_ Schwarzwald. + + + + + _2_ + + +Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig ueberzeugend. _Asien_, _Afrika_, +_Italien_ die roemischen Suedprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist +zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der +_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie +_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbaende? Die _Tungrer_ +(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch: +"Rufer im Streit" oder "Nachbarn"?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, +mit anderen "Germanen" ueber dem Rhein. Die Voelker rechts des Rheins haetten +sich dann wirklich so genannt (Muellenhoff). "Eine verzweifelte Stelle!" +(Grimm.) + + + + + _3_ + + +_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genuegend erklaert. _Ulixes_ +(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Moers im Rheinland. +_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten. + + + + + _5_ + + +Tacitus selbst erwaehnt in den spaeteren Annalen, dass die Mattiaker (bei +Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber +waren auch die aeltesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen +Orten, die Sage!). Die erwaehnten roemischen Muenzen, Silberdenare, wurden +bis zum Jahre 54 v. Chr. gepraegt; spaeter hat sich der Feingehalt +verschlechtert! + + + + + _6_ + + +Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, +nicht vom Schild gedeckte Seite des Koerpers dem Feinde zuwenden wuerde. +Wirklich zeigen Graeberfunde den Sporn nur am linken Fuss +(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu. + + + + + _7_ + + +_Koenige_ und _Fuersten_ haben gleiche Befugnis, Fuerst ist der Koenig eines +kleineren Gebietes. Der Koenig wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewaehlt. +Koenigtum und Fuerstenherrschaft gehen geradezu ineinander ueber. Im Osten +sind Koenige haeufiger. Der Koenig ist Heerfuehrer. Nur bei der Vereinigung +mehrerer Heere wird ein Koenig zum _dux_ gewaehlt (Muellenhoff). + + + + + _8_ + + +_Die Brueste entbloessend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehoeren. +_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Goettinnen_ wie +die roemischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten. + + + + + _9_ + + +_Mercurius_ (besonders als Totenfuehrer): Wotan (_dies Mercurii_ = +_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_: +Donar. Diese drei Goetter nennt noch ein Taufgeloebnis des 8. Jahrh. _Isis_: +vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte +Schiffe. + + + + + _10_ + + +_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch +Pferde auch bei Persern und Slaven. + + + + + _11_ + + +_Naechte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch +jetzt "Spiessbuerger". _Jeder_: Muellenhoff folgert aus dem grammatischen +Sinn, dass nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer. +Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12). + + + + + _12_ + + +_Am Koerper Geschaendete_: widernatuerliche Maenner, aber wohl auch "entehrte" +Frauen, fuer die sich Todesstrafe noch lange erhaelt. Dieses Versenken ist +eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel - Schandtat_: das +germanische Rechtsbewusstsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, +ohne List, leichter hin. _Die Fuersten bestimmt_ naemlich aus der Zahl der +vorhandenen Fuersten. _Recht sprechen_ ist roemische, nicht germanische +Auffassung; nach dieser leitet der Fuerst (spaeter Gaugraf) nur die +Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_ +gibt das "Vollwort": sie "finden" das Recht, der entsendete Richter tut +nur den Spruch. + + + + + _15_ + + +_Brustschmuck_ (_phalerae_) aehnlich den Orden (oder wie Medaillons?). +_Geld_: roemische Kaiser (Caligula, Domitian) schliessen um Geld mit den +Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe. + + + + + _16_ + + +_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhaengigkeitssinn. Der Schlusssatz +sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade +wortreich und gewoehnlich. + + + + + _17_ + + +_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch +bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, +trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda +der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den +Fuessen. Ihre _Kleidung_ laeuft oben nicht in Aermel aus wie in Rom. Die +germanischen Maenner wiederum hatten Aermel, wenn auch kurze. Das +Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz +laesst die Brust zum Teil sichtbar werden. + + + + + _18_ + + +_Umworben werden_ von den Familien der Maedchen. _Mitgift - Geschenke_: +Tacitus merkt nicht, dass er vom Brautkauf erzaehlt; _Mitgift_ ist der +Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen fuer +den Uebergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt +Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen +altroemischen Ehe. + + + + + _19_ + + +_Schauspiel_ das roemische Theater mit seinem mehr als eindeutigen +Getriebe. + + + + + _20_ + + +Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die +Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich. + + + + + _22_ + + +_Eroeffnet es noch_: die Roemer halten sich selbst da zurueck. Ueberhaupt ist +in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel roemischer Sitten +(Passow). Die Roemer stehen frueh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen +Tisch, duerfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor +Abend trinken. + + + + + _23_ + + +_Getraenk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau +dulden keinen Wein, weil die Haendler als Gegenwert Sklaven fortschleppen. + + + + + _25_ + + +Tacitus denkt hier nur an die "Hintersassen"; es gibt aber auch +Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der +Freigelassenen in Rom. + + + + + _26_ + + +_Besser verhuetet_: Muellenhoff und Baumstark koennen diesen Satz nur durch +Fluechtigkeit erklaeren. Die folgende Schilderung der Anbauverhaeltnisse, von +allen Seiten her erlaeutert, ist nach Muellenhoff uebersetzt. _Nicht in vier +Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zaehlen sie auch, also nach +halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die +Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles +Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes. + + + + + _27_ + + +Uebergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift. + + + + + _28_ + + +_Caesar_ wird als einziger Gewaehrsmann ausdruecklich genannt. Diese seine +Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als +unrichtig erkannt. Die Kelten, die frueher auch rechts vom Rhein sassen, +wurden vielmehr von den Germanen ueberall zurueckgedraengt. _Herzynischer +Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe +Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Boehmen +(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweissenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese +beiden pannonische Staemme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdruecklich +bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ koennen nur auf den Wohnsitz +gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an +der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um +Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; +ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa, +Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die +Stifterin der Kolonie (Koeln!). + + + + + _29_ + + +_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her +wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) +bleibt das Freundschaftsverhaeltnis zu den Roemern. _Mattiaker_ um +Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Ueber die alten Grenzen_ +endgueltig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian +begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder +Kehlheim ueber Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km +lang. Man hat schon tausend Wachttuerme und hundert Kastelle (darunter die +Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine foermliche Mauer. _Zehntland_ +(_agri decumates_, nur hier erwaehnt) roemisches Staatspachtland am +mittleren Neckar. + + + + + _30_ + + +_Weiter hinaus_ ueber das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind, +ausser den Friesen, nach Grimm "der einzige deutsche Volksschlag, der mit +behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie +in der Geschichte zuerst erwaehnt werden". Ihnen widerfaehrt hier unter +allen Staemmen das groesste Lob. + + + + + _32_ + + +_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom +Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe. + + + + + _33_ + + +_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); spaeter +zurueckgedraengt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind uebertrieben. +Alle diese Staemme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk spaeter die +_Chamaver_ werden, damals noerdlich der Lippe bis zum Zuydersee. +_Angrivarier_, an der Weser, spaeter als Angern ein Hauptstamm der +Altsachsen. + + + + + _34_ + + +_Im Ruecken - vorn_: die Voelker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in +der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen +Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_ +besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; +so entstehen foermliche Inseln. _Roemische Flotten_: Drusus Germanicus (12 +v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, +nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Saeulen des +Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der +roemische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus +jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.). + + + + + _35_ + + +Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel +(Schleswig-Juetland) von der Elbemuendung an stark ostwaerts geneigt. +_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Muellenhoff sind es +vielleicht ueberhaupt nur andere Friesen, "Chauken" ein Ehrenname. Im Bogen +haetten sie die Chatten an der Weser treffen muessen, eine wahrscheinlich +unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges +Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des +Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel. + + + + + _36_ + + +_Zur Seite_ oestlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, frueher noch +weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren +Kampf gegen die Roemer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. +Arminius, der "Befreier Germaniens", besiegt auch Marbod, den Koenig der +Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurueckgedraengt, innere +Zwistigkeiten, Kaempfe mit den Chatten wueten, vom Frieden des Tacitus ist +keine Rede. Ebenso scheint die Demuetigung der Cherusker uebertrieben. Nur +ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die spaeteren Sachsen? +_Fosen_ in der Wesergegend. + + + + + _37_ + + +_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem +grossen Zuge stossen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 +der catonianischen Aera] nach der Gruendung der Stadt - Tacitus haelt sich an +die runde Zahl -) auf die Roemer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul +L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio +und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius +Scaurus, gleichfalls geschlagen und getoetet, hatte kein eigenes Heer, und +Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist +98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis fuer die Abfassung der "Germania" +im gleichen Jahre. _Arsaces_ begruendet im 3. Jahrh. v. Chr. das grosse +Partherreich, lange neben Rom die einzige oestliche Grossmacht; Crassus wird +53 v. Chr. von den Parthern getoetet, Ventidius, ein Emporkoemmling, raecht +die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 +v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus toetet. _Selbst dem Caesar_: +Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Ruestungen des C. Caesar_: Caligula; er +laesst seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 +n. Chr.); spaeter feiert auch Domitian einen hoechst sonderbaren Triumph. In +den Buergerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der +Nordwestgermanen. + + + + + _38_ + + +_Nunmehr_ eroeffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, +auch die nichtgermanischen Staemme zu den Sueben. Aber schon die +Nerthusvoelker gehoeren nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und +Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit "Schwaben". _Stammeszeichen_: der +Knoten, ohne Band, an der rechten Schlaefe ueber dem Ohr ist durch Bilder +bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher waeren nach Baumstark im letzten +Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die +Maenner, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn ueber dem +Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den "Vornehmen". + + + + + _39_ + + +Muellenhoff haelt den Namen _Semnonen_ fuer hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im +Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der +Germanen. Der besonders grossartige Kultus ist denn auch der des +Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = +Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, +ein Zusammenschluss!) an den raetischen Limes und erobern von da ab das +jetzt noch alemannisch-schwaebische Gebiet. Der Vers _auguriis - sacram_ im +Deutschen durch "Zeichen - weihten" wiedergegeben. Vgl. die allgemeine +Einleitung! + + + + + _40_ + + +_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. ueber Suedmaehren ins Alfoeld +(ihr "Feld") und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben +Nerthusvoelker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht +auch Mecklenburg; die Angeln gehen spaeter nach England. Nicht genannt sind +die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche +Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet, +weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und +Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Ruegen, ebenso der See nicht der +Herthasee, dessen Sage eine spaete gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es +glauben darf_: also kein Goetterbild (Kap. 9). + + + + + _41_ + + +_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im +wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Suednordrichtung +des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_ +zwischen Harz und Erzgebirge, suedwaerts bis zum Main, vielleicht sogar zur +Donau. Die gute Ausnahme bei den Roemern deutet nicht gerade auf +unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches duerfen den Strom nur +an bestimmten Stellen unter Aufsicht ueberschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta +Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder +Eger oder thueringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren roemische +Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe +nur noch vom Hoerensagen. + + + + + _42_ + + +_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der grossen "Mark" zwischen +Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein +suebisches Volk. Marbod fuehrt sie nach Boehmen, wo schon vorher, vielleicht +mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begruendet +ein maechtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den +Cheruskern zerstoert es, und Marbod fluechtet zu den Roemern. Spaeter, unter +Marc Aurel, der Jahre waehrende grosse Markomannenkrieg der Roemer (Vorspiel +der Voelkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Boehmen slavisch, die Markomannen +sind nach Bayern gerueckt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, +geblieben (Bayern und Deutschoesterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit +den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Maehren und +Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen +nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein +Quadenkoenig. + + + + + _43_ + + +_Noch weiter ab_: noerdlich und oestlich der Markomannen und Quaden, um das +schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist, +verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien. +_Gebirge_ der oestliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das +Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die +Suedgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der +alle hier genannten Staemme und wohl auch die nicht genannten Burgunder +umfasst. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, +Muellenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Boehmens bis zur Weichsel, +heissen spaeter Vandalen, eine Nebenform von "Vandilier". Ihre Wanderung +fuehrt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der +Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem +Namen des Koenigsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet, +"Maenner mit Frauenhaar"; das Koenigsgeschlecht aber nennt sich nach dem +Bruederpaar "Kastor und Pollux", einer alten indogermanischen +Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: "Alken" und "Hasdingi" soll +zusammenhaengen. Das Totenheer und die straffere Koenigsherrschaft leitet +die Steigerung ein, die allmaehlich in das Reich des Maerchens hinueberfuehrt. +_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der +Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; spaeter in Suedrussland, wo sich in +der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist +bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel +und Oder, die Rugier spaeter an der oesterreichischen Donau. + + + + + _44_ + + +In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte +Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. +Schiffe, aehnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als +Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier fuehrt zur Entartung, und +Entartete lassen sich einen unumschraenkten Herrscher gefallen. Aber der +schwedische Koenig, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafuer +Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschraenkte Macht. +Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. +40). Vielleicht haben Suedgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das +Missverstaendnis verschuldet. Steigerung gegenueber der Koenigsmacht der +Goten! + + + + + _45_ + + +_Jenseits_ noerdlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine +{~GREEK SMALL LETTER THETA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} {~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER EPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}{~GREEK SMALL LETTER GAMMA~}{~GREEK SMALL LETTER UPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH PERISPOMENI~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom +Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der +Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, dass man ihre Rosse +und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende +Sonne erklingt nach altem Glauben. "Toenend wird fuer Geistesohren schon der +neue Tag geboren ... welch Getoese bringt das Licht!" (Faust). _Nun denn_: +der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend ueber. Die _rechte_ Kueste +ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Aestier_ sind die Litauer; +erst spaeter geht der Name auf die finnischen Esthen ueber. Das Folgende +zeigt gerade, dass die Aestier keine Germanen sind; die Aehnlichkeit mit der +britannischen Sprache wohl nur zufaellig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck, +wird ueber die "Bernsteinwege" zu Land und zur See nach Suedeuropa gebracht. +Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, dass von den +Enden der Welt kostbare Schaetze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das +Glaenzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ oestlich von den +Suionen sind Finnen (Kvaenen; Anklang an gotisches _qens_, Weib, _queen_): +daher der Bericht ueber die Frauenherrschaft. Hoehepunkt der Steigerung: +Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschraenkter regiert, immer maerchenhafter +bis zur Frauenherrschaft. + + + + + _46_ + + +_Peuciner_ ein anderer Name fuer die Bastarner, das oestlichste Germanenvolk +(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumuendung), auch das zuerst, +schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_ +Wenden, das germanische Wort fuer Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung +bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen +"Hirschartige", die _Oxioner_ "Ochsenartige" sein, vielleicht nach den +Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel. + + + + + [Illustration: Karte zu Tacitus' Germania] + + + + + Druck der Spamerschen + Buchdruckerei, Leipzig + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter. + +Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht. + +Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers: + + Seite 45: "Goettinen" geaendert in "Goettinnen" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + CREDITS + + +April 29, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39573.txt or 39573.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/7/39573/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. 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