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+The Project Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
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+Title: Die Germania
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+Author: Cornelius Tacitus
+
+Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
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+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
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+ [Illustration: Einband]
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+ Die Germania
+
+ des
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+ Cornelius Tacitus
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+
+ Mit einer Karte
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+ [Illustration: Verlagssignet]
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+ Uebersetzung von Paul Stefan
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+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
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+ _1_
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+Ganz Germanien scheiden die Stroeme Rhein und Donau vom gallischen und
+raetisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder
+das Misstrauen hueben und drueben die Grenze. Das uebrige umfliesst in weiten
+Buchten der Oceanus, unermessliche Inseln umfangend; dort sind einige
+Voelkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug
+erschloss. Der Rhein entspringt einem unzugaenglich jaehen Hang der Raetischen
+Alpen, wendet sich in maessiger Biegung gegen Westen und muendet ins
+noerdliche Meer. Die Donau stroemt in dem sanft und gemaechlich ansteigenden
+Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Voelker heran, bis sie ins
+Pontische Meer in sechs Muendungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf
+verliert sich in Suempfen.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar
+nicht beruehrt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Staemmen. Denn nicht zu
+Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die
+einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermessliche Meer dort droben, in
+eine, ich moechte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis
+kaum. Und wer haette denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem
+schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und
+nach Germanien ziehen moegen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel,
+wuest zu bewohnen und anzuschauen fuer alle, die da nicht heimisch sind?
+
+Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmaelern ihrer Ueberlieferung
+und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den
+Urvater und Begruender ihres Stammes. Mannus habe drei Soehne gehabt, nach
+denen die Voelker naechst dem Nordmeer Ingaevonen, die im Innern Herminonen,
+die uebrigen Istaevonen genannt wuerden. Andere behaupten (spielt doch hier
+fernste Sage und Willkuer), es habe mehr Soehne des Gottes, also auch mehr
+Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das
+seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor
+einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein ueberschritten und die
+Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden,
+und allmaehlich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines
+Volkes behauptet. So naemlich, dass zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung
+zuliebe, der grossen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und dass die ihn
+dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt haetten.
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+Es heisst auch, dass Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm
+als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art
+Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie
+befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem blossen Klang ahnen
+laesst; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die
+Reihen droehnt, gleich als waere das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen
+als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jaeh abbrechendes
+Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, dass die Stimme
+rueckprallend noch voller und tiefer schwelle.
+
+Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen
+Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Laender betreten;
+Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von
+ihm gegruendet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet,
+auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben
+Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmaeler mit griechischer
+Schrift gaebe es in der germanisch-raetischen Grenzmark noch heute. Dies
+alles mit Gruenden zu stuetzen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man
+schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt.
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+ _4_
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+
+Selber schliesse ich mich denen an, die Germaniens Staemme, rein und vor
+jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, fuer ein eigenes, unverfaelschtes,
+keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der
+grossen Menschenzahl, ueberall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen,
+rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestuemem Draengen
+taugend; muehsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Masse gewachsen. Durst
+und Hitze koennen sie gar nicht vertragen, Kaelte aber und Hunger sind sie
+in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.
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+ _5_
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+
+Das Land sieht wohl nicht ueberall gleich aus; doch allenthalben starrt
+schrecklicher Urwald, dehnen sich haessliche Suempfe. Es ist feuchter gegen
+Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut traegt es,
+Fruchtbaeume gedeihen nicht, Vieh ist haeufig, aber meist unansehnlich.
+Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an
+der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und
+ein sehr geschaetztes Vermoegen. Silber und Gold haben die Goetter ihnen
+nicht vergoennt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch moechte ich nicht
+behaupten, dass Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer haette
+danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls
+nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Geraet sehen (wie es ihre
+Gesandten und Fuersten als Geschenk erhalten), das sie nicht hoeher achten
+als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und
+Silber zu schaetzen, erkennen gewisse Praegungen unseres Geldes als echt an
+und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen
+alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte
+gern, die Muenzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch
+halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
+Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermuenzen besser dient,
+wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.
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+ _6_
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+
+Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff
+zeigen. Wenige fuehren Schwerter oder laengere Spiesse; meist brauchen sie
+Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so
+scharf und so handlich, dass sie dieselbe Waffe, je nach Beduerfnis, im Nah-
+wie im Fernkampf verwenden koennen. Der Reiter begnuegt sich mit Schild und
+Frame, das Fussvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und
+wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Ruestung
+prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den
+buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur
+einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schoenheit, nicht durch
+Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu
+vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt
+nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so dass niemand
+zurueckbleibt. Im ganzen ruht die groessere Kraft im Fussvolk; darum streitet
+auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fussvolk, aus der gesamten
+Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpasst, vor der uebrigen
+Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem
+Gau, und Hunderter heissen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist
+nun Name und Ehrenname geworden.
+
+Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn
+man nur wieder vordringt, eher fuer klug und nicht als Feigheit. Ihre
+Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kaempfen in Sicherheit. Den
+Schild im Stiche zu lassen, ist der aergste Frevel. Ein derart Ehrloser
+darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege
+davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet.
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+ _7_
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+Koenige waehlt man nach ihrem Adel, Fuehrer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch
+der Koenige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkuer, und die Fuehrer
+wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie ueberall zur
+Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kaempfen und zur
+Bewunderung fortreissen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, ueber Leben und
+Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlaegen verurteilen
+duerfen nur Priester, gleichsam als geschaehe es nicht zur Strafe noch auf
+Befehl des Fuehrers, sondern gewissermassen auf Geheiss der Gottheit, die
+nach germanischem Glauben ueber den Streitenden waltet. So nehmen sie auch
+Bilder und gewisse Goetterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und
+ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, dass nicht ein
+Ungefaehr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen
+laesst, sondern dass Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch fuer
+jeden seine Lieben ganz nahe, und da hoert er das schrille Geschrei der
+Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier
+das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und
+die schrecken nicht zurueck, zaehlen und pruefen sie ihm und bringen den
+Kaempfern Speise und Zuspruch.
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+Es ist uns ueberliefert, dass Frauen, mehr als einmal, schon wankende und
+weichende Reihen durch ihr unablaessiges Flehen, die Brueste entbloessend und
+auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn
+ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unertraeglich, und das geht
+so weit, dass Voelkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Maedchen
+stellen muessen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen
+etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmaehen nicht ihren Rat, ueberhoeren
+nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus
+Zeit Veleda weit und breit als goettliches Wesen galt. Aber auch frueher
+haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus
+Schmeichelei, noch als machten sie Goettinnen aus ihnen.
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+Unter den Goettern verehren sie am hoechsten den Mercurius; sie glauben, ihm
+an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu duerfen. Mars und
+Herkules versoehnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient
+auch der Isis. Anlass und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht
+recht erklaeren; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff
+gleichend, dass sie ueber die See eingedrungen ist. Uebrigens widerstrebt es
+ihrer Anschauung von der Groesse der Himmlischen, die Goetter in Mauern zu
+sperren und mit menschlichen Zuegen abzubilden. Sie weihen ihnen Waelder und
+Haine und rufen mit Goetternamen jene geheime Macht an, die sie nur in
+entrueckter Andacht schauen.
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+ _10_
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+Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das
+Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden
+Fruchtbaum zu Staebchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und
+streuen sie aufs Geratewohl ueber ein weisses Tuch hin. Dann hebt, wenn in
+gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner,
+das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Goettern gegen Himmel
+aufblickend, nacheinander drei Staebchen auf und deutet sie gemaess dem zuvor
+eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht guenstig, so wird in derselben Sache
+am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber guenstig, noch die
+Bestaetigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier gelaeufig,
+Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentuemlich aber ist diesem
+Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den
+gleichen Hainen und Waeldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten
+der Gemeinschaft weisse Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit
+beruehrt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit
+dem Koenig oder Fuersten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und
+Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet groesseren Glauben, nicht nur
+im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese
+halten sich wohl fuer die Mittler der Gottheit, die Rosse aber fuer ihre
+Vertrauten.
+
+Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den
+Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen
+sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem
+auserlesenen Kaempfer des eigenen Volkes gegenueber, jeden mit seinen
+heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als
+Vorbedeutung.
+
+
+
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+ _11_
+
+
+Ueber geringere Sachen beraten die Fuersten, ueber wichtigere die Gesamtheit,
+jedoch so, dass auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fuersten
+vorbesprochen wird. Sie kommen, ausser wenn ein unerwarteter Zufall
+eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond;
+denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders guenstig fuer den Beginn eines
+Unternehmens. Sie zaehlen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Naechte.
+Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht fuehrt gleichsam den Tag
+herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Missliche, dass sie nicht
+gleichzeitig und nicht nach dem Geheiss beisammen sind, sondern dass oft ein
+zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Saeumige hingeht. So wie es der
+Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch
+das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der Koenig
+oder Fuerst Gehoer, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und
+Redevermoegen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu
+befehlen. Missfaellt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefaellt
+er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen
+des Beifalls ist Lob mit den Waffen.
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht
+begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verraeter
+und Ueberlaeufer haengen sie an Baeumen auf, Feige, Weichlinge und am Koerper
+Geschaendete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk
+darueber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, dass man Frevel
+durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen muesse. Aber auch
+fuer leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Ueberwiesenen
+werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebuesst. Ein Teil der Busse wird
+dem Koenig oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhaelt, oder
+seinen Verwandten geleistet.
+
+In den gleichen Versammlungen werden auch die Fuersten bestimmt, die in
+Gauen und Doerfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Maenner aus
+dem Volke als Rat und Beistand zur Seite.
+
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+ _13_
+
+
+Nie aber, ob sie nun Geschaefte des Gemeinwesens oder eigene besorgen,
+erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen,
+ehe ihn nicht die Gemeinde fuer wehrhaft erklaert hat. Dann schmueckt gleich
+in der Versammlung entweder ein Fuerst oder der Vater oder ein Verwandter
+den Juengling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen
+Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr
+der Gemeinschaft.
+
+Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fuerstengunst
+auch noch nicht Mannbaren. Solche schliessen sich dann den uebrigen,
+Aelteren, laengst schon Bewaehrten an. Und es ist fuer niemand beschaemend, in
+einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine
+Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und gross ist der Wetteifer
+der Mannen um den ersten Platz zunaechst dem Fuersten, wie auch der Fuersten
+um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Wuerde, bringt Macht:
+immerzu von einer grossen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im
+Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem
+Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und beruehmt, wer sich
+durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er
+erhaelt Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen.
+
+
+
+
+ _14_
+
+
+Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf fuer den Fuersten, sich an
+Tapferkeit uebertreffen zu lassen, ein Schimpf fuers Gefolge, es der
+Tapferkeit des Fuehrers nicht gleichzutun. Hoechste Schmach und Schande
+vollends ist es fuer das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld
+zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behueten, ja die eigene Heldentat
+seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Fuersten kaempfen fuer
+den Sieg, das Gefolg fuer den Fuersten.
+
+Wenn ihre Heimat in langem, muessigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige
+Juenglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Voelkern, die gerade Krieg
+fuehren. Denn ein ruhiges Leben gefaellt diesem Volke nicht, in der Gefahr
+finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein grosses Gefolge nur durch
+Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des
+Fuersten das Streitross und die blutige, siegbewaehrte Frame. Auch ersetzt ja
+die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold:
+solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu
+pfluegen und die Jahreszeit abzuwarten, wuerde sie keiner so leicht
+ueberreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es
+duenkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiss zu erarbeiten, was mit Blut
+zu gewinnen waere.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+Wenn sie nicht Krieg fuehren, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd,
+haeufiger noch muessig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die
+Tapfersten und Kriegstuechtigsten tun gar nichts und ueberlassen die Sorge
+um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den
+Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und traege zu.
+Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, dass ganz die gleichen Menschen so sehr
+das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!
+
+Es ist Sitte, dass die Gemeindegenossen freiwillig, jeder fuer sich, den
+Fuersten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch
+auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken
+benachbarter Voelker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im
+Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, praechtigen
+Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen
+gelehrt.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+Dass die germanischen Staemme nirgends Staedte bewohnen, ist genugsam
+bekannt, auch dass sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie
+bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein
+Gehoelz gefaellt. Wohl legen sie Doerfer an, aber nicht nach unsrer Art mit
+verbundenen Gebaeuden, in einem Zusammenhang: jeder fuer sich umgibt sein
+Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr,
+vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und
+Ziegel sind ihnen unbekannt; ueberall verwenden sie ungefueges Holz,
+unbekuemmert um Gefallen und Ansehn. Doch ueberstreichen sie einzelne
+Stellen recht sorgfaeltig mit einer Erdart von so reinem Glanz, dass es wie
+Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Hoehlen
+und legen eine dichte Dungschicht darueber hin: als Zuflucht fuer den Winter
+und als Vorratsspeicher. Denn solche Raeume mildern die strengen Froeste;
+und faellt einmal der Feind ins Land, so pluendert er zwar, was offen
+daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhaelt er nicht Kunde,
+oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen muesste.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+Als Ueberwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie
+mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen
+sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein
+Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit
+herabfliesst, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten laesst. Man
+traegt auch Pelze, naechst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im
+Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen
+Putz bringt. Sie waehlen unter dem Wild und verbraemen die abgezogenen
+Huellen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an
+unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als
+Maenner; nur gehen sie gewoehnlich in Linnengewaender gehuellt, die mit roten
+Saeumen verziert sind. Ihre Kleidung laeuft oben nicht in Aermel aus;
+Schultern und Arme sind bloss, aber auch ein Teil der Brust bleibt
+unverhuellt.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensfuehrung wohl am
+meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnuegt sich
+jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Maennern abgesehen, die nicht ihre
+Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach
+umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der
+Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und pruefen die
+Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck fuer
+die Neuvermaehlte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezaeumtes Ross
+und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der
+Mann die Frau entgegen, und dafuer bringt sie selber dem Mann auch ein
+Rueststueck zu: dies gilt ihnen als das staerkste Band, dies als geheime
+Weihe, dies als Segen der Ehegoetter. Auf dass sich das Weib nicht fremd in
+einer Welt von Maennergedanken und wechselndem Kriegsglueck erachte, wird es
+schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, dass es als Gefaehrtin in
+Muehsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu
+dulden und mit zu wagen: also verkuenden das Rindergespann, das geruestete
+Ross, die dargereichten Waffen. So muesse sie leben, so in den Tod gehen;
+was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Soehnen
+wiedergeben, dass es dann die Schwiegertoechter uebernaehmen und noch die
+Enkel erbten.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den
+Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von
+geheimen Briefschaften weiss weder Mann noch Weib. Hoechst selten kommt es
+in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe
+unmittelbar und ist dem Mann ueberlassen. Mit abgeschnittenem Haar,
+entbloesst, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und
+peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und fuer preisgegebene Keuschheit
+gibt es keine Verzeihung: nicht Schoenheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe
+koennte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand ueber das Laster,
+und Verfuehren und Sichverfuehrenlassen heisst nicht "der Geist der Zeit".
+Besser steht es gewiss noch um Voelkerschaften, bei denen nur Jungfrauen
+heiraten und mit der Hoffnung und dem Geluebde der Ehefrau einmal fuer immer
+abschliessen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben
+erhalten haben, auf dass sich kein Gedanke darueber hinaus, kein Begehren
+weiter verirre, dass sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe
+selber lieben.
+
+Die Zahl der Kinder zu beschraenken oder ein nachgeborenes zu toeten, gilt
+als verruchte Tat; mehr vermoegen dort gute Sitten als anderswo gute
+Gesetze.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+In jedem Hause waechst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Groesse,
+zu diesem Wuchs heran, ueber den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene
+Mutter die Brust, und es wird nicht Maegden und Ammen ueberlassen. Freie
+scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die
+anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die
+Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spaet erfahren
+junge Maenner die Lust; daher ihre unerschoepfte Kraft. Auch die Maedchen
+werden nicht gedraengt; in gleicher Jugend, von aehnlicher Gestalt,
+ebenbuertig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der
+Staerke der Eltern zeugen die Kinder.
+
+Schwestersoehne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche
+halten dieses Blutsverhaeltnis noch fuer heiliger und enger und fordern,
+wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als haetten sie damit das
+Gewissen staerker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben
+aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein
+Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im naechsten Glied die Brueder,
+Vaeter- und Muetterbrueder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die
+Verschwaegerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat
+keine Lockungen.
+
+
+
+
+ _21_
+
+
+Der Erbe muss auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten
+uebernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht
+unversoehnlich fort: suehnt man doch selbst den Totschlag durch eine
+bestimmte Anzahl von Gross- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die
+Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefaehrlich.
+
+Fuer Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose
+Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt
+als Frevel; je nach Vermoegen ruestet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das
+Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen
+Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins naechste
+Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie
+aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht.
+Beim Abschied gehoert es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa
+ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die
+Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an,
+und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet
+Gastfreund an Gastfreund.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen)
+baden sie, oefters warm, weil es bei ihnen die laengste Zeit Winter ist. Auf
+das Bad folgt ein Imbiss; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen
+eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschaefte oder auch, nicht minder
+haeufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt
+keinem Schande. Haeufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der
+bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und
+Totschlag. Aber auch die Versoehnung des Feindes mit dem Feind, neue
+Schwaegerschaft, Anschluss an Fuersten und sogar Krieg und Frieden wird
+gewoehnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der
+Sinn unbeeinflusster Ueberlegung besser zugaenglich waere oder leichter
+entflammt fuer grosse Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eroeffnet es
+noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun
+alle ihre Meinung ohne Rueckhalt aufgedeckt, so wird sie am naechsten Tag
+noch einmal geprueft, und jeder Zeit widerfaehrt ihr Recht: sie beraten,
+wenn sie keiner Verstellung faehig sind, beschliessen, wenn sie nicht irren
+koennen.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+Ihr Getraenk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein
+vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach,
+wilde Fruechte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne
+Wuerzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht
+die gleiche Maessigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu
+trinken verschaffte, so viel sie begehren, der koennte sie einmal durch
+ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand ueberwinden.
+
+
+
+
+ _24_
+
+
+Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich.
+Nackte Juenglinge, die es zum Vergnuegen tun, schwingen sich im Tanz
+zwischen Schwertern und drohenden Framen. Uebung hat sie gewandt gemacht,
+Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so
+verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwuerdig
+sind sie beim Wuerfeln, treiben es nuechtern, wie ein ernstes Geschaeft, und
+mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, dass sie, wenn alles hin
+ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer
+verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch juenger und staerker, er laesst
+sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am
+verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art uebergeben
+sie dem Handel, um auch selbst der Beschaemung ueber den Gewinn ledig zu
+werden.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem
+Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen
+Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder
+Zeug auf, wie wir unseren Paechtern, und nur so weit geht die Pflicht des
+Hoerigen. Sonst besorgen die Geschaefte des Herrenhauses die Frau und die
+Kinder. Dass der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft
+wird, ist selten. Eher noch schlaegt der Herr einen tot, nicht zur Strafe
+oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jaehzorn: wie einen Feind, nur
+dass es hier ungesuehnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel hoeher
+als Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluss im Haus, nie in der
+Gemeinde, ausgenommen bei den Staemmen, die Koenigen botmaessig sind. Dort
+naemlich steigen sie wohl ueber die Freigeborenen und selbst ueber Adelige
+empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbuertigkeit der Freigelassenen fuer
+die Freiheit des Volkes.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und
+darum besser verhuetet, als wenn es verboten waere.
+
+Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von
+der Gesamtheit, immer in neuem Ausmass besetzt und dann jedesmal unter die
+einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Groesse der Gefilde macht solche
+Teilung leicht. Mit der Anbauflaeche wechseln sie Jahr fuer Jahr, und noch
+immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der
+Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, dass sie Obstgaerten
+anlegen, Wiesen ausscheiden, Gaerten bewaessern wuerden; einzig Getreide
+fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere
+vier Zeiten; nur fuer Winter, Fruehling und Sommer haben sie den Begriff und
+die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Leichenbegaengnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, dass man
+die Reste bedeutender Maenner mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf
+den Holzstoss haeufen sie nicht Teppiche noch Raeucherwerk; immer werden die
+Waffen, zuweilen auch das Streitross ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhuegel
+bildet das Grab. Ragender Denkmaeler kunstreiche Pracht verschmaehen sie,
+als drueckend fuer die Verstorbenen. Von Klagen und Traenen lassen sie bald,
+von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Maennern
+Erinnerung.
+
+So viel habe ich allgemein ueber Herkunft und Sitten des ganzen
+Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den
+Einrichtungen und Braeuchen der einzelnen Staemme und die Einwanderungen aus
+Germanien ins gallische Land eroertern.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+Dass Galliens Macht vorzeiten groesser war, meldet der beste Gewaehrsmann, der
+erlauchte Julius [Caesar]; und so darf man wohl glauben, dass auch Gallier
+nach Germanien hinuebergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot
+nicht ein Strom, wenn eines der Voelker, eben im Gefuehl seiner Macht, her-
+und hinueber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich
+abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und
+Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt,
+beides gallische Staemme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die
+Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben.
+
+Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem
+Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien
+eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute
+gleiche Sprache, gleiche Satzung und Braeuche): denn die naemliche Armut und
+Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil
+wie Nachteil.
+
+Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersuechtigem Stolz ihre
+germanische Abkunft, als wuerde solcher Adel des Blutes eine Aehnlichkeit
+mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen
+unzweifelhaft germanische Voelker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst
+die Ubier, die doch fuer ihre Verdienste das Recht der roemischen Kolonien
+erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hoeren,
+schaemen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten
+heruebergekommen und wurden dann zum Lohn bewaehrter Treue gerade am
+Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwaechter, nicht als Bewachte.
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+An Tapferkeit ueberragen die Bataver alle diese Staemme. Sie bewohnen nur
+einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und
+waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der
+Heimat loeste und in diese Gegenden hinueberzog; dort sollten sie dem
+Roemerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter
+Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwuerdigt sie, kein
+Steuerpaechter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst
+im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen fuer den Kampf
+aufgespart. In gleicher Abhaengigkeit steht auch das Volk der Mattiaker;
+hat doch das maechtige Roemertum ueber den Rhein und ueber die alten Grenzen
+hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in
+eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung haelt sie bei
+uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur dass ihnen noch der Boden und Himmel
+der Heimat helleren Mut weckt.
+
+Nicht unter die germanischen Voelker moechte ich, wiewohl sie jenseits von
+Rhein und Donau ansaessig sind, jene zaehlen, die das Zehntland bebauen:
+gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stueck von dem Boden
+ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind
+Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des
+Reichs und einen Teil der Provinz.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald,
+nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen
+Flachland; immer wieder erheben sich Huegel und werden nur maehlich
+spaerlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie
+dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau,
+trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Fuer Germanen zeigen sie
+viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Fuehrer zu waehlen, auf das
+Wort der Obern zu hoeren, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu
+erspaehen, mit dem Angriff zurueckzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich
+fuer die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glueck,
+sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und
+nur einer strengen Zucht eigen ist: die Fuehrung gilt ihnen mehr als die
+Truppe. Ihre ganze Staerke liegt im Fussvolk, dem sie ausser den Waffen auch
+Schanzzeug und Vorraete mitgeben. Andere Voelker ziehen in die Schlacht, die
+Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzuegen und
+planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr fuer Reiterkraefte, rasch
+einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht
+gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute.
+
+
+
+
+ _31_
+
+
+Was sich auch bei anderen germanischen Voelkern als Ausdruck vereinzelten
+Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald
+sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen
+sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getoetet haben; das ist
+ihr Geluebde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen
+Beute enthuellen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis fuer
+ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Vaeter verdient zu haben.
+Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter
+Held traegt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein
+Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und loest sie sich erst, wenn er einen
+Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug
+und sind darin grau geworden, beruehmt und Feinden wie Freunden bekannt.
+Diese sinds, die jeden Kampf eroeffnen; sie bilden die erste Reihe, ein
+ueberwaeltigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht
+milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine
+Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem
+Gut, unbekuemmert um eigenes, bis dann schliesslich das blutlose Alter zu so
+harter Tugend unfaehig macht.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+Den Chatten zunaechst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen
+Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die
+Tenkterer zeichnen sich ausser durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre
+trefflich geuebte Reiterei aus; und dem Fussvolk der Chatten gebuehrt kein
+groesseres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vaetern
+her, und die Nachfahren bleiben nicht zurueck. Reiten ist das Spiel der
+Kinder, Maenner ueben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben
+Gesinde und Gehoeft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde
+vererbt: doch erhaelt sie nicht, wie das uebrige Gut, der aelteste Sohn,
+sondern der streitbarste, der bessere Kaempe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+Neben den Tenkterern traf man frueher die Brukterer. Jetzt sollen da
+Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch
+einen Zusammenschluss der Nachbarvoelker geschlagen und ganz vernichtet, sei
+es aus Hass gegen ihre Ueberhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil
+uns etwa die Goetter gnaedig waren; denn sie goennten uns sogar, dem
+Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: ueber sechzigtausend sind nicht der
+Roemer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude
+und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen
+Voelkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Hass
+gegeneinander; denn nichts Groesseres kann uns in des Reiches draengendem
+Verhaengnis das Schicksal gewaehren als unserer Feinde Zwietracht.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+An die Angrivarier und Chamaver schliessen sich im Ruecken Dulgubiner und
+Chasuarier an und andere nicht sonderlich haeufig genannte Voelker. Vorne
+nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heissen Gross- und Kleinfriesen nach
+dem Mass ihrer Kraefte. Beide Staemme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch
+wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon roemische Flotten
+drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die
+Sage verbreitet, dass da noch Saeulen des Herkules stehen: sei es, dass
+Herkules wirklich hinkam oder dass wir alles Grossartige, wo sichs auch
+finde, auf seinen Ruhm zurueckzufuehren gewohnt sind. An Kuehnheit hat es dem
+Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer liess sich, liess die
+Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es
+schien froemmer und ehrfuerchtiger, an die Taten der Goetter zu glauben, als
+um sie zu wissen.
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in
+ungeheurem Bogen zurueck. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der
+Chauken; obwohl es schon naechst den Friesen beginnt und noch einen Teil
+der Kueste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier
+beschriebenen Staemme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten.
+Und diese gewaltige Laendermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem
+Besitz, sondern sie fuellen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen
+in hoechstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf
+Gerechtigkeit zu stuetzen. Ohne Habgier, ohne unbaendige Herrschsucht leben
+sie ruhig fuer sich und reizen keinen zum Kriege, verwuesten sie, rauben und
+pluendern keinem sein Gut. Es ist das hoechste Zeugnis fuer ihre Tapferkeit
+und Staerke, dass sie ihre ueberlegene Macht keinem Uebergriff danken. Doch
+haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein
+Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt
+ihnen ihr Ruf.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten
+einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen
+mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbaendigen,
+maechtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der
+Ueberlegene friedlich und redlich nennen. So heissen die Cherusker, einst
+als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den
+siegreichen Chatten wurde ihr Glueck als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom
+Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glueck die
+Geringeren, sind sie nun rechte Gefaehrten des Missgeschicks.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, naechst dem Nordmeer,
+sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm.
+Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Waelle und
+Lagerraeume, deren Umfang noch heute fuer die Menge des Heeres und Volks und
+fuer die so maechtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre
+stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdroehnten;
+unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zaehlt man von da
+bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa
+zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf
+dieser langen Zeit hueben und drueben vielfach Verluste! Nicht der Samnite,
+nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht
+haben oefter zu schaffen gegeben: aerger denn eines Arsaces Tyrannei droht
+der Germanen Freiheit. Was koennte uns sonst der Osten vorhalten als den
+erschlagenen Crassus, fuer den er doch selbst, von einem Ventidius
+niedergeworfen, den Pacorus hingeben musste! Germanen aber haben den Carbo
+und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus
+Mallius geschlagen oder gefangen, also fuenf konsularische Heere dem
+roemischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar
+geraubt; und nicht ohne Einbussen hat sie C. Marius in Italien, der
+erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Ruestungen des C. Caesar
+laecherlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis dass sie, die Gelegenheit
+unseres Zwistes und Buergerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der
+Legionen stuermten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder
+abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat ueber sie mehr triumphiert als
+gesiegt.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und
+Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den groesseren Teil
+Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Voelkerschaften mit
+eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heissen.
+
+Ein Stammeszeichen bildet das seitwaerts gekaemmte, in einen Knoten
+geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den uebrigen
+Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt
+auch bei anderen Staemmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft
+mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist
+jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschraenkt. Bei den Sueben aber
+streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurueck und
+binden es, oft gerade ueber dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch
+kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger;
+denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher
+Sorgfalt schmuecken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um groesser und
+schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Fuer die Aeltesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen
+aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Braeuche gestuetzt. Zu
+bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vaetertagen und
+Schauer der Vorzeit weihten, alle Voelker vom gleichen Blut durch
+Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft
+eroeffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere
+Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten,
+gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Faellt
+einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen,
+sondern muss sich auf der Erde hinauswaelzen. Das ganze Treiben deutet
+darauf, dass dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott,
+und alles andere untergeordnet und abhaengig. Bestaerkt wird diese Meinung
+durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei
+solcher Groesse ihrer Koerperschaft halten sie sich fuer das Haupt der
+suebischen Voelker.
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+Dafuer ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen maechtigen
+Voelkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwuerfigkeit,
+sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen,
+Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Fluesse oder
+Waelder geschuetzt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam
+verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie,
+mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk
+gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin
+steht ein geweihter Wagen, mit einer Huelle bedeckt, und nur der Priester
+darf ihn beruehren. Er merkt die Gegenwart der Goettin im Heiligtum und
+geleitet ehrfuerchtig ihren mit Kuehen bespannten Wagen. Dann sind die Tage
+froh und festlich die Staetten, wo die Goettin einzuziehen und gastlich zu
+weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen;
+verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und
+Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann
+wieder die Goettin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersaettigt, in
+ihren heiligen Bezirk zurueckbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhuellung
+und - wenn man es glauben darf - die Goettin selbst in einem unzugaenglichen
+See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der naemliche See
+verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was
+nur Todgeweihte erschauen.
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Laender
+Germaniens hin. Naeher - um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau
+zu folgen - haust das Volk der Hermunduren, den Roemern ergeben. Darum ist
+ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze,
+sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glaenzendsten Kolonie
+der raetischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht
+herueber, und waehrend wir den uebrigen Staemmen nur unsere Waffen und
+Lagerplaetze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Haeuser und
+Landsitze geoeffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst
+ein vielgeruehmter, bekannter Strom; jetzt hoert man nur eben von ihm.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+Naechst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen
+und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr
+Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch
+schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist
+gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und
+Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Koenige vom heimischen Stamm
+behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fuegen sie sich
+auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Koenigen vom roemischen
+Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, oefter durch Geld
+unterstuetzt; es tut ihnen nicht Eintrag.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+Noch weiter ab von uns schliessen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier
+im Ruecken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und
+Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch
+ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, dass sie keine
+Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil
+davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen - als einem Fremdvolk - die
+Quaden auferlegt: dabei foerdern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach,
+noch obendrein Eisen! Alle diese Voelker aber halten wenig Flachland
+besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Hoehenzuege. Denn mitten durch Suebien
+zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der
+anderen Seite wohnen sehr viele Voelker, von denen namentlich die Lygier,
+mehrere Staemme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genuegt, die
+bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und
+Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain.
+Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Goetter, die sie
+nennen, sind nach roemischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung
+der Gottheit; ihr Name ist "Alken". Es gibt von ihnen kein Bild, keine
+Spur fuehrt zu fremden Braeuchen; aber als Brueder werden sie und als
+Juenglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor
+aufgezaehlten Voelkern ohnehin ueberlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon
+wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Kuenste nach. Sie schwaerzen die
+Schilde und ueberfaerben sich den Koerper; finstere Naechte waehlen sie zum
+Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines
+Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhoerten,
+gleichsam hoellischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die
+Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Koenigen, und etwas
+straffer als andere Germanenstaemme, geleitet, doch nicht so, dass ihre
+Freiheit bedroht waere. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und
+Lemovier. All dieser Voelker Merkmal ist, dass sie runde Schilde und kurze
+Schwerter haben und Koenigen gehorchen.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+Folgen die Staemme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen
+und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt,
+derart, dass jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit
+ist. Auch bedienen sie keine Segel und fuegen die Ruder nicht reihenweise
+an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Fluessen, und
+setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk
+steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen
+den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf
+Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen,
+jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Waechter haelt sie verschlossen;
+es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde
+das Meer; und Waffen in muessigen Haenden fuehren gar leicht zum Missbrauch.
+Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen
+als Waffenhueter zu bestellen, waere dem Koenig kein Vorteil.
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Dass
+es den Erdkreis abguertet und schliesst, darf man wohl glauben, weil sich
+dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhaelt, so hell,
+dass davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden
+Sonne Klingen zu hoeren und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu
+erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt.
+
+Nun denn - rechts schlaegt das suebische Meer an die Kueste der
+Aestierstaemme. Diese haben die Braeuche und das Aussehen der Sueben, ihre
+Sprache steht der britannischen naeher. Sie verehren eine Goettermutter. Als
+Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und
+Schirm gegen alle Gefahr und behuetet den Glaeubigen auch im Feindesgewuehl.
+Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Fruechte
+bauen sie sorgfaeltiger, als sonst germanische Laessigkeit zugibt. Aber sie
+suchen auch im Meer und sind unter allen Voelkern die einzigen, die den
+Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande
+selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine
+Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer
+Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen
+Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stuecke,
+bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich ueber den gezahlten
+Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil haeufig kleine Landtiere,
+auch gefluegelte, durchschimmern, die sich in der fluessigen Masse fangen
+und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen
+Laendern im Osten, wo die Baeume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, moegen
+also wohl auch auf den Inseln und Kuesten des Westens merkwuerdig ergiebige
+Haine und Waelder sein: ihre Saefte werden von den Strahlen der nahen Sonne
+ausgepresst und rinnen noch fluessig den kurzen Weg hinab ins Meer; die
+Gewalt der Stuerme treibt dann das Harz hinueber ans andere Gestade. Prueft
+man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzuendet er sich wie ein
+Kienspan und naehrt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich
+wieder zu einer Art Pech oder Harz.
+
+An die Suionen reihen sich die Staemme der Sitonen, sonst aehnlich und nur
+dadurch unterschieden, dass ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen
+nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Staemme der Peuciner und der
+Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiss ich
+nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen
+in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen.
+Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen traege; und
+Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Missgestalt gefuehrt. Die
+Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald-
+und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen
+sie in raeuberischen Haufen. Doch zaehlt man sie eher noch als Germanen,
+weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle,
+ruestige Fussgaenger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die
+auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich
+wildes, abstossend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein
+Heim; Kraeuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre
+Lagerstaette. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen
+mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muss gleicherweise Maenner wie Frauen
+ernaehren: diese ziehen ueberall mit und heischen ihren Teil von der Beute.
+Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein
+Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen
+zurueck, dort bergen sich die Alten. Aber gluecklicher duenkt sie dieses Los,
+als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und
+fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekuemmert um
+Menschen, unbekuemmert um Goetter haben sie das Schwerste erreicht, selbst
+auf Wuensche verzichten zu koennen.
+
+Darueber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und
+Oxionen Menschenkoepfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und
+Glieder von Tieren. Das ist unverbuergt, und ich will es nicht weiter
+verfolgen.
+
+
+
+
+
+ INHALT DER GERMANIA
+
+
+
+
+ Allgemeiner Teil (1-27)
+
+
+_Das Land und seine Bewohner_ (1-5): Grenzen und Grenzstroeme (1) -
+Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) - Fruehe Besuche aus
+der Fremde? (3) - Koerperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) -
+Natur und Erzeugnisse des Landes (5).
+
+_Leben und Sitten der Germanen_ (6-27): Waffen, Kriegswesen (6) - Koenige,
+Fuersten, Priester, Sippen, Frauen (7) - Frauen im Kampf, heilige Frauen
+(8) - Goetter (9) - Lose, Vorzeichen (10) - Ratsversammlung (11) -
+Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) - Wehrhaftmachung,
+Gefolge (13) - Gefolge im Krieg (14) - Fuersten und Gefolge im Frieden (15)
+- Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) - Kleidung (17) - Ehe (18) -
+Frauen und Kinder (19) - Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) -
+Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) - Leben im Hause, Trinkgelage (22) -
+Getraenke, Speisen, Trunksucht (23) - Waffentaenze, Wuerfelspiel (24) -
+Sklaven (25) - Ackerbau (26) - Bestattung; Uebergang zum besonderen Teil
+(27).
+
+
+
+
+ Besonderer Teil / Die einzelnen Voelkerschaften (28-46)
+
+
+_Grenzvoelker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer,
+Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine
+Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) - Germanen,
+die zu den Roemern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).
+
+_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30-37): Chatten (30, 31) -
+Usipier und Tenkterer (32) - Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) -
+Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) - Chauken (35) - Cherusker (36) -
+Kimbern, Kimbern- und spaetere Germanenkriege (37).
+
+_Sueben_ (38-45): Ihre Haartracht (38) - Semnonen (39) - Langobarden und
+Nerthusvoelker (40) - Hermunduren (41) - Varisten, Markomannen und Quaden
+(42) - Ost- und Nordostgermanen (43, 44) - Ende der Welt, Aestier,
+Bernstein, Sitonen (45).
+
+_Mischvoelker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht
+mehr Germanen) und
+
+_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46).
+
+
+
+
+
+ ANMERKUNGEN DES UeBERSETZERS
+
+
+Was ist dieses Buch, gewoehnlich "Germania" genannt, das die Insel-Buecherei
+hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift fuer
+den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
+
+Eine Schilderung, und als solche das aelteste Buch von den deutschen
+Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es
+so vieles weiss und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon frueh,
+Griechen und Roemer ueber die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam
+im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der
+Insel "Thule" (Island?) und an die Kueste der Nordsee; die Nachrichten des
+Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt
+Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die aeltesten roemischen Quellen
+sind spaerlich auf uns gekommen. Erst Caesars Kriege in Gallien und seine
+Aufzeichnungen darueber bringen groessere Klarheit; deutlich sondern sie, zum
+erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im
+104. Buch seiner Roemischen Geschichte) finden konnte, ist laengst verloren;
+verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus ueber die Germanenkriege und
+seine Fortsetzung durch den aelteren Plinius. Erhalten aber des Plinius
+_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die
+Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit
+sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_
+nachwirkt.
+
+Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten,
+Haendler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der
+Wissenschaft unschaetzbar geworden, zumal da es immer mehr durch
+fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestaetigt wird. Aber auch
+jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer
+als Mensch, als Mann, als Kuenstler. Und die Groesse seines Geistes und
+seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen
+haben als der blosse Inhalt.
+
+Dennoch dankt man es wohl einem Beduerfnis des Tages. Es war im Jahre 98
+nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen
+Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie
+wollte zeigen, wer diese gefaehrlichsten Feinde Roms seien, und dass der
+Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und
+an nichts anderes; dass es insbesondere falsch sei, ausser an den Schutz des
+Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man
+darf annehmen, dass der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die
+Schrift billigte.
+
+Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch
+spricht viel fuer diese Annahme des grossen Muellenhoff. Tacitus schildert
+nur - und schildert als Kuenstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede
+Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des
+Volkes, dann, vom Naechsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in
+"romantische" Ferne verlierend, seine einzelnen Staemme und Landschaften,
+bis er im Maerchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in
+rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein
+rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, geraet. Jeder Absatz ist durch
+das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals
+siegen nuechterne Angaben ueber den beziehungsreichen Bildner des Werkes,
+ueber den Meister.
+
+Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altroemischen Sinn. Dabei
+verbittert und ergrimmt ueber seine feile, alle Freiheit erdrueckende Zeit,
+unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener
+Sehnsucht erfuellt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach
+einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die
+Germanen herauf: darum schildert er dieses kuehne, furchtbare und lichte
+Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und ueber kurz oder lang siegreiche
+Feinde sind. Denn das roemische Reich, dem er angehoert, steht vor dem Ende.
+Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
+
+So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von
+seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der
+rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er
+Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in
+Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola
+verheiratet, hielt er sich waehrend der Verfolgungen unter Domitian fern.
+Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint
+noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.
+
+Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode
+hervortretend, mit dem _Dialog_ ueber die Redekunst und ihren Verfall. Es
+folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch
+im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine
+Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die
+_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten
+beiden Werke sind nichts weniger als vollstaendig erhalten. In ihnen erst
+erschliesst sich Tacitus ganz, "_le plus grand peintre de l'antiquite_",
+wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen
+gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist
+noch lange nicht vorueber. Freilich muss man, nach einer Anmerkung
+Lichtenbergs, "sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen".
+
+ * * *
+
+Die "Germania" wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie
+lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von
+Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen,
+und bringt die "Germania" und den "Dialog" 1455 nach Italien. (Die
+Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster
+gefunden worden.) Spaeter kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der
+Schrift lautet einmal "_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_",
+ein andermal "_De origine et situ Germanorum_". 1469 schon wird die
+"Germania" gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus
+und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob
+Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Muellenhoff (_Germania antiqua_,
+1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der
+Bearbeitung von Schwyzer (1912).
+
+Diese unsere Uebersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht
+von dem Kuenstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den
+Gehalt seines Wesens fuer Deutsche wieder lebendig zu machen.
+
+Sie lehnt sich fast ueberall an den Text von Schweizer-Sidler an; die
+Deutung und namentlich die folgenden Erlaeuterungen beruhen (von anderen
+Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf
+der ausfuehrlichen Erklaerung der Germania, die Muellenhoff im 4. Band seiner
+Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Uebersetzungen wurden
+alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle
+neuen und neu aufgelegten; von aelteren namentlich die von Boetticher und
+Bacmeister.
+
+Den Herren Dr. Friedrich Loehr, Sekretaer des Archaeologischen Instituts in
+Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Muenchner Universitaet,
+schuldet der Uebersetzer fuer freundliche Ratschlaege besonderen Dank.
+
+
+
+
+
+ ERLAeUTERUNGEN
+
+
+
+
+ _1_
+
+
+Die roemische Provinz _Raetien_ reicht noerdlich bis zur Donau (Ries!),
+oestlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht
+genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in
+Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbuergen. _Gebirge_
+die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?
+_Abnoba_ Schwarzwald.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig ueberzeugend. _Asien_, _Afrika_,
+_Italien_ die roemischen Suedprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist
+zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der
+_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie
+_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbaende? Die _Tungrer_
+(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:
+"Rufer im Streit" oder "Nachbarn"?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben,
+mit anderen "Germanen" ueber dem Rhein. Die Voelker rechts des Rheins haetten
+sich dann wirklich so genannt (Muellenhoff). "Eine verzweifelte Stelle!"
+(Grimm.)
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genuegend erklaert. _Ulixes_
+(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Moers im Rheinland.
+_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Tacitus selbst erwaehnt in den spaeteren Annalen, dass die Mattiaker (bei
+Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber
+waren auch die aeltesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen
+Orten, die Sage!). Die erwaehnten roemischen Muenzen, Silberdenare, wurden
+bis zum Jahre 54 v. Chr. gepraegt; spaeter hat sich der Feingehalt
+verschlechtert!
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke,
+nicht vom Schild gedeckte Seite des Koerpers dem Feinde zuwenden wuerde.
+Wirklich zeigen Graeberfunde den Sporn nur am linken Fuss
+(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+_Koenige_ und _Fuersten_ haben gleiche Befugnis, Fuerst ist der Koenig eines
+kleineren Gebietes. Der Koenig wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewaehlt.
+Koenigtum und Fuerstenherrschaft gehen geradezu ineinander ueber. Im Osten
+sind Koenige haeufiger. Der Koenig ist Heerfuehrer. Nur bei der Vereinigung
+mehrerer Heere wird ein Koenig zum _dux_ gewaehlt (Muellenhoff).
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+_Die Brueste entbloessend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehoeren.
+_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Goettinnen_ wie
+die roemischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+_Mercurius_ (besonders als Totenfuehrer): Wotan (_dies Mercurii_ =
+_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_:
+Donar. Diese drei Goetter nennt noch ein Taufgeloebnis des 8. Jahrh. _Isis_:
+vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte
+Schiffe.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch
+Pferde auch bei Persern und Slaven.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+_Naechte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch
+jetzt "Spiessbuerger". _Jeder_: Muellenhoff folgert aus dem grammatischen
+Sinn, dass nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer.
+Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12).
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+_Am Koerper Geschaendete_: widernatuerliche Maenner, aber wohl auch "entehrte"
+Frauen, fuer die sich Todesstrafe noch lange erhaelt. Dieses Versenken ist
+eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel - Schandtat_: das
+germanische Rechtsbewusstsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat,
+ohne List, leichter hin. _Die Fuersten bestimmt_ naemlich aus der Zahl der
+vorhandenen Fuersten. _Recht sprechen_ ist roemische, nicht germanische
+Auffassung; nach dieser leitet der Fuerst (spaeter Gaugraf) nur die
+Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_
+gibt das "Vollwort": sie "finden" das Recht, der entsendete Richter tut
+nur den Spruch.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+_Brustschmuck_ (_phalerae_) aehnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
+_Geld_: roemische Kaiser (Caligula, Domitian) schliessen um Geld mit den
+Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhaengigkeitssinn. Der Schlusssatz
+sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade
+wortreich und gewoehnlich.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch
+bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen,
+trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda
+der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den
+Fuessen. Ihre _Kleidung_ laeuft oben nicht in Aermel aus wie in Rom. Die
+germanischen Maenner wiederum hatten Aermel, wenn auch kurze. Das
+Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz
+laesst die Brust zum Teil sichtbar werden.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+_Umworben werden_ von den Familien der Maedchen. _Mitgift - Geschenke_:
+Tacitus merkt nicht, dass er vom Brautkauf erzaehlt; _Mitgift_ ist der
+Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen fuer
+den Uebergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt
+Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen
+altroemischen Ehe.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+_Schauspiel_ das roemische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
+Getriebe.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die
+Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+_Eroeffnet es noch_: die Roemer halten sich selbst da zurueck. Ueberhaupt ist
+in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel roemischer Sitten
+(Passow). Die Roemer stehen frueh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen
+Tisch, duerfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor
+Abend trinken.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+_Getraenk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau
+dulden keinen Wein, weil die Haendler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Tacitus denkt hier nur an die "Hintersassen"; es gibt aber auch
+Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der
+Freigelassenen in Rom.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+_Besser verhuetet_: Muellenhoff und Baumstark koennen diesen Satz nur durch
+Fluechtigkeit erklaeren. Die folgende Schilderung der Anbauverhaeltnisse, von
+allen Seiten her erlaeutert, ist nach Muellenhoff uebersetzt. _Nicht in vier
+Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zaehlen sie auch, also nach
+halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die
+Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles
+Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Uebergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+_Caesar_ wird als einziger Gewaehrsmann ausdruecklich genannt. Diese seine
+Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als
+unrichtig erkannt. Die Kelten, die frueher auch rechts vom Rhein sassen,
+wurden vielmehr von den Germanen ueberall zurueckgedraengt. _Herzynischer
+Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe
+Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Boehmen
+(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweissenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese
+beiden pannonische Staemme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdruecklich
+bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ koennen nur auf den Wohnsitz
+gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an
+der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um
+Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt;
+ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa,
+Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die
+Stifterin der Kolonie (Koeln!).
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her
+wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.)
+bleibt das Freundschaftsverhaeltnis zu den Roemern. _Mattiaker_ um
+Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Ueber die alten Grenzen_
+endgueltig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian
+begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder
+Kehlheim ueber Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km
+lang. Man hat schon tausend Wachttuerme und hundert Kastelle (darunter die
+Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine foermliche Mauer. _Zehntland_
+(_agri decumates_, nur hier erwaehnt) roemisches Staatspachtland am
+mittleren Neckar.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+_Weiter hinaus_ ueber das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind,
+ausser den Friesen, nach Grimm "der einzige deutsche Volksschlag, der mit
+behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie
+in der Geschichte zuerst erwaehnt werden". Ihnen widerfaehrt hier unter
+allen Staemmen das groesste Lob.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom
+Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); spaeter
+zurueckgedraengt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind uebertrieben.
+Alle diese Staemme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk spaeter die
+_Chamaver_ werden, damals noerdlich der Lippe bis zum Zuydersee.
+_Angrivarier_, an der Weser, spaeter als Angern ein Hauptstamm der
+Altsachsen.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+_Im Ruecken - vorn_: die Voelker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in
+der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen
+Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_
+besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt;
+so entstehen foermliche Inseln. _Roemische Flotten_: Drusus Germanicus (12
+v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere,
+nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Saeulen des
+Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der
+roemische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus
+jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel
+(Schleswig-Juetland) von der Elbemuendung an stark ostwaerts geneigt.
+_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Muellenhoff sind es
+vielleicht ueberhaupt nur andere Friesen, "Chauken" ein Ehrenname. Im Bogen
+haetten sie die Chatten an der Weser treffen muessen, eine wahrscheinlich
+unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges
+Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des
+Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+_Zur Seite_ oestlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, frueher noch
+weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren
+Kampf gegen die Roemer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde.
+Arminius, der "Befreier Germaniens", besiegt auch Marbod, den Koenig der
+Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurueckgedraengt, innere
+Zwistigkeiten, Kaempfe mit den Chatten wueten, vom Frieden des Tacitus ist
+keine Rede. Ebenso scheint die Demuetigung der Cherusker uebertrieben. Nur
+ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die spaeteren Sachsen?
+_Fosen_ in der Wesergegend.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem
+grossen Zuge stossen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640
+der catonianischen Aera] nach der Gruendung der Stadt - Tacitus haelt sich an
+die runde Zahl -) auf die Roemer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul
+L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio
+und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius
+Scaurus, gleichfalls geschlagen und getoetet, hatte kein eigenes Heer, und
+Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist
+98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis fuer die Abfassung der "Germania"
+im gleichen Jahre. _Arsaces_ begruendet im 3. Jahrh. v. Chr. das grosse
+Partherreich, lange neben Rom die einzige oestliche Grossmacht; Crassus wird
+53 v. Chr. von den Parthern getoetet, Ventidius, ein Emporkoemmling, raecht
+die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38
+v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus toetet. _Selbst dem Caesar_:
+Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Ruestungen des C. Caesar_: Caligula; er
+laesst seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40
+n. Chr.); spaeter feiert auch Domitian einen hoechst sonderbaren Triumph. In
+den Buergerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der
+Nordwestgermanen.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+_Nunmehr_ eroeffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden,
+auch die nichtgermanischen Staemme zu den Sueben. Aber schon die
+Nerthusvoelker gehoeren nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und
+Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit "Schwaben". _Stammeszeichen_: der
+Knoten, ohne Band, an der rechten Schlaefe ueber dem Ohr ist durch Bilder
+bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher waeren nach Baumstark im letzten
+Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die
+Maenner, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn ueber dem
+Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den "Vornehmen".
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Muellenhoff haelt den Namen _Semnonen_ fuer hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im
+Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der
+Germanen. Der besonders grossartige Kultus ist denn auch der des
+Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg =
+Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen,
+ein Zusammenschluss!) an den raetischen Limes und erobern von da ab das
+jetzt noch alemannisch-schwaebische Gebiet. Der Vers _auguriis - sacram_ im
+Deutschen durch "Zeichen - weihten" wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
+Einleitung!
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. ueber Suedmaehren ins Alfoeld
+(ihr "Feld") und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben
+Nerthusvoelker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht
+auch Mecklenburg; die Angeln gehen spaeter nach England. Nicht genannt sind
+die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche
+Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet,
+weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und
+Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Ruegen, ebenso der See nicht der
+Herthasee, dessen Sage eine spaete gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es
+glauben darf_: also kein Goetterbild (Kap. 9).
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im
+wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Suednordrichtung
+des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_
+zwischen Harz und Erzgebirge, suedwaerts bis zum Main, vielleicht sogar zur
+Donau. Die gute Ausnahme bei den Roemern deutet nicht gerade auf
+unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches duerfen den Strom nur
+an bestimmten Stellen unter Aufsicht ueberschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta
+Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder
+Eger oder thueringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren roemische
+Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe
+nur noch vom Hoerensagen.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der grossen "Mark" zwischen
+Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein
+suebisches Volk. Marbod fuehrt sie nach Boehmen, wo schon vorher, vielleicht
+mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begruendet
+ein maechtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den
+Cheruskern zerstoert es, und Marbod fluechtet zu den Roemern. Spaeter, unter
+Marc Aurel, der Jahre waehrende grosse Markomannenkrieg der Roemer (Vorspiel
+der Voelkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Boehmen slavisch, die Markomannen
+sind nach Bayern gerueckt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns,
+geblieben (Bayern und Deutschoesterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit
+den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Maehren und
+Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen
+nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein
+Quadenkoenig.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+_Noch weiter ab_: noerdlich und oestlich der Markomannen und Quaden, um das
+schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist,
+verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.
+_Gebirge_ der oestliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das
+Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die
+Suedgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der
+alle hier genannten Staemme und wohl auch die nicht genannten Burgunder
+umfasst. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name,
+Muellenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Boehmens bis zur Weichsel,
+heissen spaeter Vandalen, eine Nebenform von "Vandilier". Ihre Wanderung
+fuehrt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der
+Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem
+Namen des Koenigsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,
+"Maenner mit Frauenhaar"; das Koenigsgeschlecht aber nennt sich nach dem
+Bruederpaar "Kastor und Pollux", einer alten indogermanischen
+Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: "Alken" und "Hasdingi" soll
+zusammenhaengen. Das Totenheer und die straffere Koenigsherrschaft leitet
+die Steigerung ein, die allmaehlich in das Reich des Maerchens hinueberfuehrt.
+_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der
+Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; spaeter in Suedrussland, wo sich in
+der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist
+bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel
+und Oder, die Rugier spaeter an der oesterreichischen Donau.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte
+Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel.
+Schiffe, aehnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als
+Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier fuehrt zur Entartung, und
+Entartete lassen sich einen unumschraenkten Herrscher gefallen. Aber der
+schwedische Koenig, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafuer
+Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschraenkte Macht.
+Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap.
+40). Vielleicht haben Suedgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das
+Missverstaendnis verschuldet. Steigerung gegenueber der Koenigsmacht der
+Goten!
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+_Jenseits_ noerdlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine
+{~GREEK SMALL LETTER THETA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} {~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER EPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}{~GREEK SMALL LETTER GAMMA~}{~GREEK SMALL LETTER UPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH PERISPOMENI~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom
+Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der
+Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, dass man ihre Rosse
+und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende
+Sonne erklingt nach altem Glauben. "Toenend wird fuer Geistesohren schon der
+neue Tag geboren ... welch Getoese bringt das Licht!" (Faust). _Nun denn_:
+der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend ueber. Die _rechte_ Kueste
+ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Aestier_ sind die Litauer;
+erst spaeter geht der Name auf die finnischen Esthen ueber. Das Folgende
+zeigt gerade, dass die Aestier keine Germanen sind; die Aehnlichkeit mit der
+britannischen Sprache wohl nur zufaellig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck,
+wird ueber die "Bernsteinwege" zu Land und zur See nach Suedeuropa gebracht.
+Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, dass von den
+Enden der Welt kostbare Schaetze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das
+Glaenzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ oestlich von den
+Suionen sind Finnen (Kvaenen; Anklang an gotisches _qens_, Weib, _queen_):
+daher der Bericht ueber die Frauenherrschaft. Hoehepunkt der Steigerung:
+Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschraenkter regiert, immer maerchenhafter
+bis zur Frauenherrschaft.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+_Peuciner_ ein anderer Name fuer die Bastarner, das oestlichste Germanenvolk
+(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumuendung), auch das zuerst,
+schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_
+Wenden, das germanische Wort fuer Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung
+bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen
+"Hirschartige", die _Oxioner_ "Ochsenartige" sein, vielleicht nach den
+Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
+
+
+
+
+ [Illustration: Karte zu Tacitus' Germania]
+
+
+
+
+ Druck der Spamerschen
+ Buchdruckerei, Leipzig
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter.
+
+Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.
+
+Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:
+
+ Seite 45: "Goettinen" geaendert in "Goettinnen"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 29, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
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+This file should be named 39573.txt or 39573.zip.
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
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+ 1.A.
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+ 1.B.
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+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
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+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
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+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
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+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+ http://www.gutenberg.org
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+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
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