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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:13:05 -0700
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@@ -0,0 +1,2454 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Die Germania
+
+Author: Cornelius Tacitus
+
+Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF‐8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Einband]
+
+
+
+
+
+ Die Germania
+
+ des
+
+ Cornelius Tacitus
+
+
+ Mit einer Karte
+
+
+ [Illustration: Verlagssignet]
+
+
+ Übersetzung von Paul Stefan
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+
+
+ _1_
+
+
+Ganz Germanien scheiden die Ströme Rhein und Donau vom gallischen und
+rätisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder
+das Mißtrauen hüben und drüben die Grenze. Das übrige umfließt in weiten
+Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln umfangend; dort sind einige
+Völkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug
+erschloß. Der Rhein entspringt einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen
+Alpen, wendet sich in mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins
+nördliche Meer. Die Donau strömt in dem sanft und gemächlich ansteigenden
+Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Völker heran, bis sie ins
+Pontische Meer in sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf
+verliert sich in Sümpfen.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar
+nicht berührt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stämmen. Denn nicht zu
+Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die
+einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche Meer dort droben, in
+eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis
+kaum. Und wer hätte denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem
+schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und
+nach Germanien ziehen mögen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel,
+wüst zu bewohnen und anzuschauen für alle, die da nicht heimisch sind?
+
+Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmälern ihrer Überlieferung
+und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den
+Urvater und Begründer ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach
+denen die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im Innern Herminonen,
+die übrigen Istävonen genannt würden. Andere behaupten (spielt doch hier
+fernste Sage und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also auch mehr
+Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das
+seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor
+einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein überschritten und die
+Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden,
+und allmählich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines
+Volkes behauptet. So nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung
+zuliebe, der großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und daß die ihn
+dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt hätten.
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+Es heißt auch, daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm
+als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art
+Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie
+befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang ahnen
+läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die
+Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen
+als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jäh abbrechendes
+Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, daß die Stimme
+rückprallend noch voller und tiefer schwelle.
+
+Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen
+Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Länder betreten;
+Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von
+ihm gegründet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet,
+auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben
+Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmäler mit griechischer
+Schrift gäbe es in der germanisch-rätischen Grenzmark noch heute. Dies
+alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man
+schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt.
+
+
+
+
+ _4_
+
+
+Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens Stämme, rein und vor
+jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes,
+keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der
+großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen,
+rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestümem Drängen
+taugend; mühsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst
+und Hitze können sie gar nicht vertragen, Kälte aber und Hunger sind sie
+in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Das Land sieht wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben starrt
+schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche Sümpfe. Es ist feuchter gegen
+Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut trägt es,
+Fruchtbäume gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist unansehnlich.
+Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an
+der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und
+ein sehr geschätztes Vermögen. Silber und Gold haben die Götter ihnen
+nicht vergönnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte ich nicht
+behaupten, daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer hätte
+danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls
+nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Gerät sehen (wie es ihre
+Gesandten und Fürsten als Geschenk erhalten), das sie nicht höher achten
+als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und
+Silber zu schätzen, erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als echt an
+und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen
+alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte
+gern, die Münzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch
+halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
+Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermünzen besser dient,
+wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff
+zeigen. Wenige führen Schwerter oder längere Spieße; meist brauchen sie
+Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so
+scharf und so handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach Bedürfnis, im Nah-
+wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter begnügt sich mit Schild und
+Frame, das Fußvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und
+wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung
+prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den
+buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur
+einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schönheit, nicht durch
+Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu
+vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt
+nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand
+zurückbleibt. Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk; darum streitet
+auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fußvolk, aus der gesamten
+Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpaßt, vor der übrigen
+Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem
+Gau, und Hunderter heißen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist
+nun Name und Ehrenname geworden.
+
+Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn
+man nur wieder vordringt, eher für klug und nicht als Feigheit. Ihre
+Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. Den
+Schild im Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart Ehrloser
+darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege
+davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch
+der Könige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkür, und die Führer
+wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur
+Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen und zur
+Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, über Leben und
+Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen
+dürfen nur Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch auf
+Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die
+nach germanischem Glauben über den Streitenden waltet. So nehmen sie auch
+Bilder und gewisse Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und
+ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht ein
+Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen
+läßt, sondern daß Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für
+jeden seine Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der
+Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier
+das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und
+die schrecken nicht zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den
+Kämpfern Speise und Zuspruch.
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+Es ist uns überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon wankende und
+weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, die Brüste entblößend und
+auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn
+ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht
+so weit, daß Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Mädchen
+stellen müssen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen
+etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmähen nicht ihren Rat, überhören
+nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus
+Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt. Aber auch früher
+haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus
+Schmeichelei, noch als machten sie Göttinnen aus ihnen.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+Unter den Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius; sie glauben, ihm
+an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu dürfen. Mars und
+Herkules versöhnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient
+auch der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht
+recht erklären; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff
+gleichend, daß sie über die See eingedrungen ist. Übrigens widerstrebt es
+ihrer Anschauung von der Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu
+sperren und mit menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen Wälder und
+Haine und rufen mit Götternamen jene geheime Macht an, die sie nur in
+entrückter Andacht schauen.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das
+Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden
+Fruchtbaum zu Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und
+streuen sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt, wenn in
+gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner,
+das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Göttern gegen Himmel
+aufblickend, nacheinander drei Stäbchen auf und deutet sie gemäß dem zuvor
+eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, so wird in derselben Sache
+am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber günstig, noch die
+Bestätigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier geläufig,
+Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentümlich aber ist diesem
+Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den
+gleichen Hainen und Wäldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten
+der Gemeinschaft weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit
+berührt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit
+dem König oder Fürsten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und
+Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet größeren Glauben, nicht nur
+im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese
+halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, die Rosse aber für ihre
+Vertrauten.
+
+Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den
+Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen
+sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem
+auserlesenen Kämpfer des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen
+heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als
+Vorbedeutung.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+Über geringere Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere die Gesamtheit,
+jedoch so, daß auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fürsten
+vorbesprochen wird. Sie kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall
+eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond;
+denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für den Beginn eines
+Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Nächte.
+Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht führt gleichsam den Tag
+herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Mißliche, daß sie nicht
+gleichzeitig und nicht nach dem Geheiß beisammen sind, sondern daß oft ein
+zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Säumige hingeht. So wie es der
+Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch
+das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der König
+oder Fürst Gehör, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und
+Redevermögen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu
+befehlen. Mißfällt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt
+er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen
+des Beifalls ist Lob mit den Waffen.
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht
+begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verräter
+und Überläufer hängen sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge und am Körper
+Geschändete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk
+darüber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, daß man Frevel
+durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen müsse. Aber auch
+für leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen
+werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebüßt. Ein Teil der Buße wird
+dem König oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhält, oder
+seinen Verwandten geleistet.
+
+In den gleichen Versammlungen werden auch die Fürsten bestimmt, die in
+Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Männer aus
+dem Volke als Rat und Beistand zur Seite.
+
+
+
+
+ _13_
+
+
+Nie aber, ob sie nun Geschäfte des Gemeinwesens oder eigene besorgen,
+erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen,
+ehe ihn nicht die Gemeinde für wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich
+in der Versammlung entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter
+den Jüngling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen
+Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr
+der Gemeinschaft.
+
+Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fürstengunst
+auch noch nicht Mannbaren. Solche schließen sich dann den übrigen,
+Älteren, längst schon Bewährten an. Und es ist für niemand beschämend, in
+einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine
+Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der Wetteifer
+der Mannen um den ersten Platz zunächst dem Fürsten, wie auch der Fürsten
+um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Würde, bringt Macht:
+immerzu von einer großen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im
+Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem
+Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und berühmt, wer sich
+durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er
+erhält Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen.
+
+
+
+
+ _14_
+
+
+Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten, sich an
+Tapferkeit übertreffen zu lassen, ein Schimpf fürs Gefolge, es der
+Tapferkeit des Führers nicht gleichzutun. Höchste Schmach und Schande
+vollends ist es für das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld
+zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene Heldentat
+seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Fürsten kämpfen für
+den Sieg, das Gefolg für den Fürsten.
+
+Wenn ihre Heimat in langem, müßigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige
+Jünglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg
+führen. Denn ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der Gefahr
+finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes Gefolge nur durch
+Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des
+Fürsten das Streitroß und die blutige, siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja
+die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold:
+solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu
+pflügen und die Jahreszeit abzuwarten, würde sie keiner so leicht
+überreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es
+dünkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut
+zu gewinnen wäre.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+Wenn sie nicht Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd,
+häufiger noch müßig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die
+Tapfersten und Kriegstüchtigsten tun gar nichts und überlassen die Sorge
+um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den
+Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und träge zu.
+Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz die gleichen Menschen so sehr
+das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!
+
+Es ist Sitte, daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder für sich, den
+Fürsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch
+auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken
+benachbarter Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im
+Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, prächtigen
+Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen
+gelehrt.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+Daß die germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen, ist genugsam
+bekannt, auch daß sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie
+bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein
+Gehölz gefällt. Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer Art mit
+verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder für sich umgibt sein
+Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr,
+vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und
+Ziegel sind ihnen unbekannt; überall verwenden sie ungefüges Holz,
+unbekümmert um Gefallen und Ansehn. Doch überstreichen sie einzelne
+Stellen recht sorgfältig mit einer Erdart von so reinem Glanz, daß es wie
+Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Höhlen
+und legen eine dichte Dungschicht darüber hin: als Zuflucht für den Winter
+und als Vorratsspeicher. Denn solche Räume mildern die strengen Fröste;
+und fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, was offen
+daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhält er nicht Kunde,
+oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen müßte.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+Als Überwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie
+mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen
+sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein
+Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit
+herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten läßt. Man
+trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im
+Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen
+Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und verbrämen die abgezogenen
+Hüllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an
+unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als
+Männer; nur gehen sie gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten
+Säumen verziert sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel aus;
+Schultern und Arme sind bloß, aber auch ein Teil der Brust bleibt
+unverhüllt.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung wohl am
+meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnügt sich
+jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Männern abgesehen, die nicht ihre
+Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach
+umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der
+Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und prüfen die
+Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck für
+die Neuvermählte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes Roß
+und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der
+Mann die Frau entgegen, und dafür bringt sie selber dem Mann auch ein
+Rüststück zu: dies gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime
+Weihe, dies als Segen der Ehegötter. Auf daß sich das Weib nicht fremd in
+einer Welt von Männergedanken und wechselndem Kriegsglück erachte, wird es
+schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in
+Mühsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu
+dulden und mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann, das gerüstete
+Roß, die dargereichten Waffen. So müsse sie leben, so in den Tod gehen;
+was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen
+wiedergeben, daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch die
+Enkel erbten.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den
+Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von
+geheimen Briefschaften weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten kommt es
+in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe
+unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem Haar,
+entblößt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und
+peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und für preisgegebene Keuschheit
+gibt es keine Verzeihung: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe
+könnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand über das Laster,
+und Verführen und Sichverführenlassen heißt nicht „der Geist der Zeit“.
+Besser steht es gewiß noch um Völkerschaften, bei denen nur Jungfrauen
+heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde der Ehefrau einmal für immer
+abschließen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben
+erhalten haben, auf daß sich kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren
+weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe
+selber lieben.
+
+Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes zu töten, gilt
+als verruchte Tat; mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute
+Gesetze.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+In jedem Hause wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Größe,
+zu diesem Wuchs heran, über den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene
+Mutter die Brust, und es wird nicht Mägden und Ammen überlassen. Freie
+scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die
+anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die
+Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spät erfahren
+junge Männer die Lust; daher ihre unerschöpfte Kraft. Auch die Mädchen
+werden nicht gedrängt; in gleicher Jugend, von ähnlicher Gestalt,
+ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der
+Stärke der Eltern zeugen die Kinder.
+
+Schwestersöhne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche
+halten dieses Blutsverhältnis noch für heiliger und enger und fordern,
+wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als hätten sie damit das
+Gewissen stärker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben
+aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein
+Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im nächsten Glied die Brüder,
+Väter- und Mütterbrüder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die
+Verschwägerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat
+keine Lockungen.
+
+
+
+
+ _21_
+
+
+Der Erbe muß auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten
+übernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht
+unversöhnlich fort: sühnt man doch selbst den Totschlag durch eine
+bestimmte Anzahl von Groß- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die
+Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich.
+
+Für Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose
+Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt
+als Frevel; je nach Vermögen rüstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das
+Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen
+Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins nächste
+Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie
+aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht.
+Beim Abschied gehört es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa
+ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die
+Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an,
+und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet
+Gastfreund an Gastfreund.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen)
+baden sie, öfters warm, weil es bei ihnen die längste Zeit Winter ist. Auf
+das Bad folgt ein Imbiß; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen
+eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder auch, nicht minder
+häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt
+keinem Schande. Häufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der
+bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und
+Totschlag. Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind, neue
+Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und Frieden wird
+gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der
+Sinn unbeeinflußter Überlegung besser zugänglich wäre oder leichter
+entflammt für große Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eröffnet es
+noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun
+alle ihre Meinung ohne Rückhalt aufgedeckt, so wird sie am nächsten Tag
+noch einmal geprüft, und jeder Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten,
+wenn sie keiner Verstellung fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren
+können.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+Ihr Getränk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein
+vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach,
+wilde Früchte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne
+Würzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht
+die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu
+trinken verschaffte, so viel sie begehren, der könnte sie einmal durch
+ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand überwinden.
+
+
+
+
+ _24_
+
+
+Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich.
+Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen tun, schwingen sich im Tanz
+zwischen Schwertern und drohenden Framen. Übung hat sie gewandt gemacht,
+Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so
+verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwürdig
+sind sie beim Würfeln, treiben es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft, und
+mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie, wenn alles hin
+ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer
+verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch jünger und stärker, er läßt
+sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am
+verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art übergeben
+sie dem Handel, um auch selbst der Beschämung über den Gewinn ledig zu
+werden.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem
+Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen
+Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder
+Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so weit geht die Pflicht des
+Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des Herrenhauses die Frau und die
+Kinder. Daß der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft
+wird, ist selten. Eher noch schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe
+oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jähzorn: wie einen Feind, nur
+daß es hier ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel höher
+als Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluß im Haus, nie in der
+Gemeinde, ausgenommen bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind. Dort
+nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen und selbst über Adelige
+empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbürtigkeit der Freigelassenen für
+die Freiheit des Volkes.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und
+darum besser verhütet, als wenn es verboten wäre.
+
+Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von
+der Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß besetzt und dann jedesmal unter die
+einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde macht solche
+Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr für Jahr, und noch
+immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der
+Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten
+anlegen, Wiesen ausscheiden, Gärten bewässern würden; einzig Getreide
+fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere
+vier Zeiten; nur für Winter, Frühling und Sommer haben sie den Begriff und
+die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, daß man
+die Reste bedeutender Männer mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf
+den Holzstoß häufen sie nicht Teppiche noch Räucherwerk; immer werden die
+Waffen, zuweilen auch das Streitroß ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhügel
+bildet das Grab. Ragender Denkmäler kunstreiche Pracht verschmähen sie,
+als drückend für die Verstorbenen. Von Klagen und Tränen lassen sie bald,
+von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Männern
+Erinnerung.
+
+So viel habe ich allgemein über Herkunft und Sitten des ganzen
+Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den
+Einrichtungen und Bräuchen der einzelnen Stämme und die Einwanderungen aus
+Germanien ins gallische Land erörtern.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+Daß Galliens Macht vorzeiten größer war, meldet der beste Gewährsmann, der
+erlauchte Julius [Cäsar]; und so darf man wohl glauben, daß auch Gallier
+nach Germanien hinübergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot
+nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im Gefühl seiner Macht, her-
+und hinüber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich
+abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und
+Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt,
+beides gallische Stämme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die
+Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben.
+
+Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem
+Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien
+eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute
+gleiche Sprache, gleiche Satzung und Bräuche): denn die nämliche Armut und
+Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil
+wie Nachteil.
+
+Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem Stolz ihre
+germanische Abkunft, als würde solcher Adel des Blutes eine Ähnlichkeit
+mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen
+unzweifelhaft germanische Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst
+die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der römischen Kolonien
+erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hören,
+schämen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten
+herübergekommen und wurden dann zum Lohn bewährter Treue gerade am
+Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als Bewachte.
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+An Tapferkeit überragen die Bataver alle diese Stämme. Sie bewohnen nur
+einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und
+waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der
+Heimat löste und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten sie dem
+Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter
+Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwürdigt sie, kein
+Steuerpächter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst
+im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen für den Kampf
+aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht auch das Volk der Mattiaker;
+hat doch das mächtige Römertum über den Rhein und über die alten Grenzen
+hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in
+eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält sie bei
+uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch der Boden und Himmel
+der Heimat helleren Mut weckt.
+
+Nicht unter die germanischen Völker möchte ich, wiewohl sie jenseits von
+Rhein und Donau ansässig sind, jene zählen, die das Zehntland bebauen:
+gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stück von dem Boden
+ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind
+Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des
+Reichs und einen Teil der Provinz.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald,
+nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen
+Flachland; immer wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich
+spärlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie
+dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau,
+trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Für Germanen zeigen sie
+viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Führer zu wählen, auf das
+Wort der Obern zu hören, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu
+erspähen, mit dem Angriff zurückzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich
+für die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glück,
+sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und
+nur einer strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als die
+Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie außer den Waffen auch
+Schanzzeug und Vorräte mitgeben. Andere Völker ziehen in die Schlacht, die
+Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzügen und
+planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr für Reiterkräfte, rasch
+einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht
+gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute.
+
+
+
+
+ _31_
+
+
+Was sich auch bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck vereinzelten
+Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald
+sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen
+sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet haben; das ist
+ihr Gelübde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen
+Beute enthüllen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis für
+ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Väter verdient zu haben.
+Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter
+Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein
+Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie sich erst, wenn er einen
+Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug
+und sind darin grau geworden, berühmt und Feinden wie Freunden bekannt.
+Diese sinds, die jeden Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe, ein
+überwältigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht
+milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine
+Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem
+Gut, unbekümmert um eigenes, bis dann schließlich das blutlose Alter zu so
+harter Tugend unfähig macht.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+Den Chatten zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen
+Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die
+Tenkterer zeichnen sich außer durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre
+trefflich geübte Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten gebührt kein
+größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vätern
+her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück. Reiten ist das Spiel der
+Kinder, Männer üben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben
+Gesinde und Gehöft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde
+vererbt: doch erhält sie nicht, wie das übrige Gut, der älteste Sohn,
+sondern der streitbarste, der bessere Kämpe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+Neben den Tenkterern traf man früher die Brukterer. Jetzt sollen da
+Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch
+einen Zusammenschluß der Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, sei
+es aus Haß gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil
+uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten uns sogar, dem
+Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über sechzigtausend sind nicht der
+Römer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude
+und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen
+Völkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Haß
+gegeneinander; denn nichts Größeres kann uns in des Reiches drängendem
+Verhängnis das Schicksal gewähren als unserer Feinde Zwietracht.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+An die Angrivarier und Chamaver schließen sich im Rücken Dulgubiner und
+Chasuarier an und andere nicht sonderlich häufig genannte Völker. Vorne
+nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heißen Groß- und Kleinfriesen nach
+dem Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch
+wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon römische Flotten
+drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die
+Sage verbreitet, daß da noch Säulen des Herkules stehen: sei es, daß
+Herkules wirklich hinkam oder daß wir alles Großartige, wo sichs auch
+finde, auf seinen Ruhm zurückzuführen gewohnt sind. An Kühnheit hat es dem
+Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die
+Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es
+schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu glauben, als
+um sie zu wissen.
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in
+ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der
+Chauken; obwohl es schon nächst den Friesen beginnt und noch einen Teil
+der Küste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier
+beschriebenen Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten.
+Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem
+Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen
+in höchstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf
+Gerechtigkeit zu stützen. Ohne Habgier, ohne unbändige Herrschsucht leben
+sie ruhig für sich und reizen keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben und
+plündern keinem sein Gut. Es ist das höchste Zeugnis für ihre Tapferkeit
+und Stärke, daß sie ihre überlegene Macht keinem Übergriff danken. Doch
+haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein
+Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt
+ihnen ihr Ruf.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten
+einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen
+mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbändigen,
+mächtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der
+Überlegene friedlich und redlich nennen. So heißen die Cherusker, einst
+als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den
+siegreichen Chatten wurde ihr Glück als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom
+Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glück die
+Geringeren, sind sie nun rechte Gefährten des Mißgeschicks.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst dem Nordmeer,
+sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm.
+Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle und
+Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge des Heeres und Volks und
+für die so mächtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre
+stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdröhnten;
+unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zählt man von da
+bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa
+zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf
+dieser langen Zeit hüben und drüben vielfach Verluste! Nicht der Samnite,
+nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht
+haben öfter zu schaffen gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei droht
+der Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten vorhalten als den
+erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von einem Ventidius
+niedergeworfen, den Pacorus hingeben mußte! Germanen aber haben den Carbo
+und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus
+Mallius geschlagen oder gefangen, also fünf konsularische Heere dem
+römischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar
+geraubt; und nicht ohne Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der
+erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rüstungen des C. Caesar
+lächerlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis daß sie, die Gelegenheit
+unseres Zwistes und Bürgerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der
+Legionen stürmten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder
+abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert als
+gesiegt.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und
+Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den größeren Teil
+Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Völkerschaften mit
+eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heißen.
+
+Ein Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in einen Knoten
+geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den übrigen
+Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt
+auch bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft
+mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist
+jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber
+streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurück und
+binden es, oft gerade über dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch
+kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger;
+denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher
+Sorgfalt schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und
+schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Für die Ältesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen
+aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu
+bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und
+Schauer der Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch
+Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft
+eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere
+Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten,
+gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Fällt
+einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen,
+sondern muß sich auf der Erde hinauswälzen. Das ganze Treiben deutet
+darauf, daß dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott,
+und alles andere untergeordnet und abhängig. Bestärkt wird diese Meinung
+durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei
+solcher Größe ihrer Körperschaft halten sie sich für das Haupt der
+suebischen Völker.
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+Dafür ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mächtigen
+Völkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwürfigkeit,
+sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen,
+Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flüsse oder
+Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam
+verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie,
+mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk
+gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin
+steht ein geweihter Wagen, mit einer Hülle bedeckt, und nur der Priester
+darf ihn berühren. Er merkt die Gegenwart der Göttin im Heiligtum und
+geleitet ehrfürchtig ihren mit Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage
+froh und festlich die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich zu
+weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen;
+verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und
+Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann
+wieder die Göttin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersättigt, in
+ihren heiligen Bezirk zurückbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhüllung
+und – wenn man es glauben darf – die Göttin selbst in einem unzugänglichen
+See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der nämliche See
+verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was
+nur Todgeweihte erschauen.
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Länder
+Germaniens hin. Näher – um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau
+zu folgen – haust das Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum ist
+ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze,
+sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glänzendsten Kolonie
+der rätischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht
+herüber, und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und
+Lagerplätze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Häuser und
+Landsitze geöffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst
+ein vielgerühmter, bekannter Strom; jetzt hört man nur eben von ihm.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+Nächst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen
+und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr
+Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch
+schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist
+gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und
+Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Könige vom heimischen Stamm
+behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fügen sie sich
+auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Königen vom römischen
+Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, öfter durch Geld
+unterstützt; es tut ihnen nicht Eintrag.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+Noch weiter ab von uns schließen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier
+im Rücken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und
+Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch
+ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, daß sie keine
+Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil
+davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen – als einem Fremdvolk – die
+Quaden auferlegt: dabei fördern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach,
+noch obendrein Eisen! Alle diese Völker aber halten wenig Flachland
+besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Höhenzüge. Denn mitten durch Suebien
+zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der
+anderen Seite wohnen sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier,
+mehrere Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die
+bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und
+Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain.
+Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Götter, die sie
+nennen, sind nach römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung
+der Gottheit; ihr Name ist „Alken“. Es gibt von ihnen kein Bild, keine
+Spur führt zu fremden Bräuchen; aber als Brüder werden sie und als
+Jünglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor
+aufgezählten Völkern ohnehin überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon
+wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie schwärzen die
+Schilde und überfärben sich den Körper; finstere Nächte wählen sie zum
+Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines
+Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhörten,
+gleichsam höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die
+Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Königen, und etwas
+straffer als andere Germanenstämme, geleitet, doch nicht so, daß ihre
+Freiheit bedroht wäre. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und
+Lemovier. All dieser Völker Merkmal ist, daß sie runde Schilde und kurze
+Schwerter haben und Königen gehorchen.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+Folgen die Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen
+und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt,
+derart, daß jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit
+ist. Auch bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht reihenweise
+an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Flüssen, und
+setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk
+steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen
+den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf
+Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen,
+jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Wächter hält sie verschlossen;
+es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde
+das Meer; und Waffen in müßigen Händen führen gar leicht zum Mißbrauch.
+Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen
+als Waffenhüter zu bestellen, wäre dem König kein Vorteil.
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Daß
+es den Erdkreis abgürtet und schließt, darf man wohl glauben, weil sich
+dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, so hell,
+daß davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden
+Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu
+erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt.
+
+Nun denn – rechts schlägt das suebische Meer an die Küste der
+Ästierstämme. Diese haben die Bräuche und das Aussehen der Sueben, ihre
+Sprache steht der britannischen näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als
+Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und
+Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch im Feindesgewühl.
+Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Früchte
+bauen sie sorgfältiger, als sonst germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie
+suchen auch im Meer und sind unter allen Völkern die einzigen, die den
+Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande
+selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine
+Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer
+Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen
+Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stücke,
+bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich über den gezahlten
+Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil häufig kleine Landtiere,
+auch geflügelte, durchschimmern, die sich in der flüssigen Masse fangen
+und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen
+Ländern im Osten, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mögen
+also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens merkwürdig ergiebige
+Haine und Wälder sein: ihre Säfte werden von den Strahlen der nahen Sonne
+ausgepreßt und rinnen noch flüssig den kurzen Weg hinab ins Meer; die
+Gewalt der Stürme treibt dann das Harz hinüber ans andere Gestade. Prüft
+man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzündet er sich wie ein
+Kienspan und nährt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich
+wieder zu einer Art Pech oder Harz.
+
+An die Suionen reihen sich die Stämme der Sitonen, sonst ähnlich und nur
+dadurch unterschieden, daß ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen
+nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stämme der Peuciner und der
+Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich
+nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen
+in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen.
+Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen träge; und
+Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Mißgestalt geführt. Die
+Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald-
+und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen
+sie in räuberischen Haufen. Doch zählt man sie eher noch als Germanen,
+weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle,
+rüstige Fußgänger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die
+auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich
+wildes, abstoßend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein
+Heim; Kräuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre
+Lagerstätte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen
+mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise Männer wie Frauen
+ernähren: diese ziehen überall mit und heischen ihren Teil von der Beute.
+Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein
+Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen
+zurück, dort bergen sich die Alten. Aber glücklicher dünkt sie dieses Los,
+als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und
+fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert um
+Menschen, unbekümmert um Götter haben sie das Schwerste erreicht, selbst
+auf Wünsche verzichten zu können.
+
+Darüber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und
+Oxionen Menschenköpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und
+Glieder von Tieren. Das ist unverbürgt, und ich will es nicht weiter
+verfolgen.
+
+
+
+
+
+ INHALT DER GERMANIA
+
+
+
+
+ Allgemeiner Teil (1–27)
+
+
+_Das Land und seine Bewohner_ (1–5): Grenzen und Grenzströme (1) –
+Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus
+der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) –
+Natur und Erzeugnisse des Landes (5).
+
+_Leben und Sitten der Germanen_ (6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige,
+Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen
+(8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) –
+Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung,
+Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15)
+– Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) –
+Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) –
+Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) –
+Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) –
+Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil
+(27).
+
+
+
+
+ Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46)
+
+
+_Grenzvölker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer,
+Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine
+Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen,
+die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).
+
+_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30–37): Chatten (30, 31) –
+Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) –
+Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) –
+Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37).
+
+_Sueben_ (38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und
+Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden
+(42) – Ost- und Nordostgermanen (43, 44) – Ende der Welt, Ästier,
+Bernstein, Sitonen (45).
+
+_Mischvölker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht
+mehr Germanen) und
+
+_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46).
+
+
+
+
+
+ ANMERKUNGEN DES ÜBERSETZERS
+
+
+Was ist dieses Buch, gewöhnlich „Germania“ genannt, das die Insel-Bücherei
+hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für
+den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
+
+Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen
+Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es
+so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh,
+Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam
+im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der
+Insel „Thule“ (Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des
+Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt
+Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen
+sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine
+Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum
+erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im
+104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren;
+verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und
+seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des Plinius
+_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die
+Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit
+sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_
+nachwirkt.
+
+Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten,
+Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der
+Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch
+fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestätigt wird. Aber auch
+jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer
+als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und
+seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen
+haben als der bloße Inhalt.
+
+Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98
+nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen
+Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie
+wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der
+Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und
+an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des
+Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man
+darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die
+Schrift billigte.
+
+Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch
+spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert
+nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede
+Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des
+Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in
+„romantische“ Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften,
+bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in
+rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein
+rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch
+das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals
+siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes,
+über den Meister.
+
+Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei
+verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit,
+unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener
+Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach
+einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die
+Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte
+Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche
+Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende.
+Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
+
+So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von
+seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der
+rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er
+Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in
+Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola
+verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern.
+Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint
+noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.
+
+Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode
+hervortretend, mit dem _Dialog_ über die Redekunst und ihren Verfall. Es
+folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch
+im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine
+Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die
+_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten
+beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst
+erschließt sich Tacitus ganz, „_le plus grand peintre de l’antiquité_“,
+wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen
+gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist
+noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung
+Lichtenbergs, „sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“.
+
+ * * *
+
+Die „Germania“ wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie
+lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von
+Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen,
+und bringt die „Germania“ und den „Dialog“ 1455 nach Italien. (Die
+Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster
+gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der
+Schrift lautet einmal „_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_“,
+ein andermal „_De origine et situ Germanorum_“. 1469 schon wird die
+„Germania“ gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus
+und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob
+Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (_Germania antiqua_,
+1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der
+Bearbeitung von Schwyzer (1912).
+
+Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht
+von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den
+Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.
+
+Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die
+Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen
+Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf
+der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner
+Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden
+alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle
+neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und
+Bacmeister.
+
+Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in
+Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität,
+schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank.
+
+
+
+
+
+ ERLÄUTERUNGEN
+
+
+
+
+ _1_
+
+
+Die römische Provinz _Rätien_ reicht nördlich bis zur Donau (Ries!),
+östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht
+genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in
+Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbürgen. _Gebirge_
+die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?
+_Abnoba_ Schwarzwald.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. _Asien_, _Afrika_,
+_Italien_ die römischen Südprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist
+zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der
+_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie
+_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbände? Die _Tungrer_
+(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:
+„Rufer im Streit“ oder „Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben,
+mit anderen „Germanen“ über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten
+sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). „Eine verzweifelte Stelle!“
+(Grimm.)
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genügend erklärt. _Ulixes_
+(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Mörs im Rheinland.
+_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei
+Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber
+waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen
+Orten, die Sage!). Die erwähnten römischen Münzen, Silberdenare, wurden
+bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt
+verschlechtert!
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke,
+nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde.
+Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß
+(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+_Könige_ und _Fürsten_ haben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines
+kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt.
+Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten
+sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung
+mehrerer Heere wird ein König zum _dux_ gewählt (Müllenhoff).
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+_Die Brüste entblößend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören.
+_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Göttinnen_ wie
+die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+_Mercurius_ (besonders als Totenführer): Wotan (_dies Mercurii_ =
+_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_:
+Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh. _Isis_:
+vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte
+Schiffe.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch
+Pferde auch bei Persern und Slaven.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+_Nächte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch
+jetzt „Spießbürger“. _Jeder_: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen
+Sinn, daß nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer.
+Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12).
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+_Am Körper Geschändete_: widernatürliche Männer, aber wohl auch „entehrte“
+Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist
+eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel – Schandtat_: das
+germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat,
+ohne List, leichter hin. _Die Fürsten bestimmt_ nämlich aus der Zahl der
+vorhandenen Fürsten. _Recht sprechen_ ist römische, nicht germanische
+Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die
+Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_
+gibt das „Vollwort“: sie „finden“ das Recht, der entsendete Richter tut
+nur den Spruch.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+_Brustschmuck_ (_phalerae_) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
+_Geld_: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den
+Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz
+sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade
+wortreich und gewöhnlich.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch
+bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen,
+trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda
+der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den
+Füßen. Ihre _Kleidung_ läuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die
+germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das
+Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz
+läßt die Brust zum Teil sichtbar werden.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+_Umworben werden_ von den Familien der Mädchen. _Mitgift – Geschenke_:
+Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; _Mitgift_ ist der
+Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für
+den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt
+Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen
+altrömischen Ehe.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+_Schauspiel_ das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
+Getriebe.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die
+Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+_Eröffnet es noch_: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist
+in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten
+(Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen
+Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor
+Abend trinken.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+_Getränk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau
+dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Tacitus denkt hier nur an die „Hintersassen“; es gibt aber auch
+Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der
+Freigelassenen in Rom.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+_Besser verhütet_: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch
+Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von
+allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt. _Nicht in vier
+Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach
+halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die
+Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles
+Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+_Caesar_ wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine
+Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als
+unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen,
+wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt. _Herzynischer
+Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe
+Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Böhmen
+(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweißenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese
+beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdrücklich
+bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ können nur auf den Wohnsitz
+gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an
+der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um
+Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt;
+ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa,
+Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die
+Stifterin der Kolonie (Köln!).
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her
+wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.)
+bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern. _Mattiaker_ um
+Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Über die alten Grenzen_
+endgültig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian
+begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder
+Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km
+lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die
+Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. _Zehntland_
+(_agri decumates_, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am
+mittleren Neckar.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+_Weiter hinaus_ über das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind,
+außer den Friesen, nach Grimm „der einzige deutsche Volksschlag, der mit
+behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie
+in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter
+allen Stämmen das größte Lob.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom
+Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später
+zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben.
+Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später die
+_Chamaver_ werden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee.
+_Angrivarier_, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der
+Altsachsen.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+_Im Rücken – vorn_: die Völker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in
+der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen
+Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_
+besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt;
+so entstehen förmliche Inseln. _Römische Flotten_: Drusus Germanicus (12
+v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere,
+nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Säulen des
+Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der
+römische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus
+jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel
+(Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.
+_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es
+vielleicht überhaupt nur andere Friesen, „Chauken“ ein Ehrenname. Im Bogen
+hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich
+unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges
+Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des
+Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+_Zur Seite_ östlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, früher noch
+weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren
+Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde.
+Arminius, der „Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der
+Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere
+Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist
+keine Rede. Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur
+ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?
+_Fosen_ in der Wesergegend.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem
+großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640
+der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an
+die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul
+L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio
+und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius
+Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und
+Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist
+98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der „Germania“
+im gleichen Jahre. _Arsaces_ begründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große
+Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird
+53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt
+die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38
+v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. _Selbst dem Caesar_:
+Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Rüstungen des C. Caesar_: Caligula; er
+läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40
+n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In
+den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der
+Nordwestgermanen.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+_Nunmehr_ eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden,
+auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die
+Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und
+Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit „Schwaben“. _Stammeszeichen_: der
+Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder
+bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten
+Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die
+Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem
+Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den „Vornehmen“.
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Müllenhoff hält den Namen _Semnonen_ für hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im
+Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der
+Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des
+Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg =
+Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen,
+ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das
+jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Vers _auguriis – sacram_ im
+Deutschen durch „Zeichen – weihten“ wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
+Einleitung!
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld
+(ihr „Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben
+Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht
+auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind
+die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche
+Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet,
+weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und
+Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der
+Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es
+glauben darf_: also kein Götterbild (Kap. 9).
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im
+wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung
+des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_
+zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur
+Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf
+unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur
+an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta
+Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder
+Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische
+Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe
+nur noch vom Hörensagen.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der großen „Mark“ zwischen
+Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein
+suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht
+mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet
+ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den
+Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter
+Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel
+der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen
+sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns,
+geblieben (Bayern und Deutschösterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit
+den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und
+Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen
+nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein
+Quadenkönig.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+_Noch weiter ab_: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das
+schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist,
+verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.
+_Gebirge_ der östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das
+Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die
+Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der
+alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder
+umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name,
+Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel,
+heißen später Vandalen, eine Nebenform von „Vandilier“. Ihre Wanderung
+führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der
+Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem
+Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,
+„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem
+Brüderpaar „Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen
+Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: „Alken“ und „Hasdingi“ soll
+zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet
+die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt.
+_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der
+Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in
+der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist
+bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel
+und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte
+Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel.
+Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als
+Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier führt zur Entartung, und
+Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der
+schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür
+Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht.
+Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap.
+40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das
+Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der
+Goten!
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+_Jenseits_ nördlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine
+θάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom
+Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der
+Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse
+und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende
+Sonne erklingt nach altem Glauben. „Tönend wird für Geistesohren schon der
+neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“ (Faust). _Nun denn_:
+der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. Die _rechte_ Küste
+ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Ästier_ sind die Litauer;
+erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende
+zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der
+britannischen Sprache wohl nur zufällig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck,
+wird über die „Bernsteinwege“ zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht.
+Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den
+Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das
+Glänzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ östlich von den
+Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches _qêns_, Weib, _queen_):
+daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhepunkt der Steigerung:
+Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter
+bis zur Frauenherrschaft.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+_Peuciner_ ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk
+(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst,
+schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_
+Wenden, das germanische Wort für Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung
+bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen
+„Hirschartige“, die _Oxioner_ „Ochsenartige“ sein, vielleicht nach den
+Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
+
+
+
+
+ [Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania]
+
+
+
+
+ Druck der Spamerschen
+ Buchdruckerei, Leipzig
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.
+
+Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.
+
+Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:
+
+ Seite 45: „Göttinen“ geändert in „Göttinnen“
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 29, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
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+This file should be named 39573‐0.txt or 39573‐0.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/7/39573/
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+Updated editions will replace the previous one — the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
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+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
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+redistribution.
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+
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
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+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg™ mission of promoting the free
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+License (available with this file or online at
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+
+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg™ electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
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+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
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+
+
+ 1.B.
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+„Project Gutenberg“ is a registered trademark. It may only be used on or
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+
+ 1.C.
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+that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws.
+
+The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation’s web site and official page at
+http://www.pglaf.org
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+For additional contact information:
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+public support and donations to carry out its mission of increasing the
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+***FINIS***
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new file mode 100644
index 0000000..f83e4bd
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@@ -0,0 +1,2454 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus
+
+
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Die Germania
+
+Author: Cornelius Tacitus
+
+Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO 8859-1
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Einband]
+
+
+
+
+
+ Die Germania
+
+ des
+
+ Cornelius Tacitus
+
+
+ Mit einer Karte
+
+
+ [Illustration: Verlagssignet]
+
+
+ bersetzung von Paul Stefan
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
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+
+
+ _1_
+
+
+Ganz Germanien scheiden die Strme Rhein und Donau vom gallischen und
+rtisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder
+das Mitrauen hben und drben die Grenze. Das brige umfliet in weiten
+Buchten der Oceanus, unermeliche Inseln umfangend; dort sind einige
+Vlkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug
+erschlo. Der Rhein entspringt einem unzugnglich jhen Hang der Rtischen
+Alpen, wendet sich in miger Biegung gegen Westen und mndet ins
+nrdliche Meer. Die Donau strmt in dem sanft und gemchlich ansteigenden
+Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Vlker heran, bis sie ins
+Pontische Meer in sechs Mndungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf
+verliert sich in Smpfen.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar
+nicht berhrt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stmmen. Denn nicht zu
+Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die
+einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeliche Meer dort droben, in
+eine, ich mchte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis
+kaum. Und wer htte denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem
+schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und
+nach Germanien ziehen mgen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel,
+wst zu bewohnen und anzuschauen fr alle, die da nicht heimisch sind?
+
+Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmlern ihrer berlieferung
+und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den
+Urvater und Begrnder ihres Stammes. Mannus habe drei Shne gehabt, nach
+denen die Vlker nchst dem Nordmeer Ingvonen, die im Innern Herminonen,
+die brigen Istvonen genannt wrden. Andere behaupten (spielt doch hier
+fernste Sage und Willkr), es habe mehr Shne des Gottes, also auch mehr
+Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das
+seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor
+einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein berschritten und die
+Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden,
+und allmhlich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines
+Volkes behauptet. So nmlich, da zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung
+zuliebe, der groen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und da die ihn
+dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt htten.
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+Es heit auch, da Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm
+als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art
+Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie
+befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloen Klang ahnen
+lt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die
+Reihen drhnt, gleich als wre das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen
+als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jh abbrechendes
+Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, da die Stimme
+rckprallend noch voller und tiefer schwelle.
+
+Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen
+Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Lnder betreten;
+Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von
+ihm gegrndet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet,
+auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben
+Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmler mit griechischer
+Schrift gbe es in der germanisch-rtischen Grenzmark noch heute. Dies
+alles mit Grnden zu sttzen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man
+schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt.
+
+
+
+
+ _4_
+
+
+Selber schliee ich mich denen an, die Germaniens Stmme, rein und vor
+jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, fr ein eigenes, unverflschtes,
+keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der
+groen Menschenzahl, berall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen,
+rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestmem Drngen
+taugend; mhsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Mae gewachsen. Durst
+und Hitze knnen sie gar nicht vertragen, Klte aber und Hunger sind sie
+in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Das Land sieht wohl nicht berall gleich aus; doch allenthalben starrt
+schrecklicher Urwald, dehnen sich hliche Smpfe. Es ist feuchter gegen
+Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut trgt es,
+Fruchtbume gedeihen nicht, Vieh ist hufig, aber meist unansehnlich.
+Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an
+der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und
+ein sehr geschtztes Vermgen. Silber und Gold haben die Gtter ihnen
+nicht vergnnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch mchte ich nicht
+behaupten, da Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer htte
+danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls
+nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Gert sehen (wie es ihre
+Gesandten und Frsten als Geschenk erhalten), das sie nicht hher achten
+als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und
+Silber zu schtzen, erkennen gewisse Prgungen unseres Geldes als echt an
+und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen
+alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte
+gern, die Mnzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch
+halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
+Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermnzen besser dient,
+wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff
+zeigen. Wenige fhren Schwerter oder lngere Spiee; meist brauchen sie
+Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so
+scharf und so handlich, da sie dieselbe Waffe, je nach Bedrfnis, im Nah-
+wie im Fernkampf verwenden knnen. Der Reiter begngt sich mit Schild und
+Frame, das Fuvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und
+wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rstung
+prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den
+buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur
+einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schnheit, nicht durch
+Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu
+vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt
+nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so da niemand
+zurckbleibt. Im ganzen ruht die grere Kraft im Fuvolk; darum streitet
+auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fuvolk, aus der gesamten
+Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpat, vor der brigen
+Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem
+Gau, und Hunderter heien sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist
+nun Name und Ehrenname geworden.
+
+Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn
+man nur wieder vordringt, eher fr klug und nicht als Feigheit. Ihre
+Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kmpfen in Sicherheit. Den
+Schild im Stiche zu lassen, ist der rgste Frevel. Ein derart Ehrloser
+darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege
+davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+Knige whlt man nach ihrem Adel, Fhrer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch
+der Knige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkr, und die Fhrer
+wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie berall zur
+Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kmpfen und zur
+Bewunderung fortreien. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, ber Leben und
+Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlgen verurteilen
+drfen nur Priester, gleichsam als geschhe es nicht zur Strafe noch auf
+Befehl des Fhrers, sondern gewissermaen auf Gehei der Gottheit, die
+nach germanischem Glauben ber den Streitenden waltet. So nehmen sie auch
+Bilder und gewisse Gtterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und
+ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, da nicht ein
+Ungefhr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen
+lt, sondern da Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch fr
+jeden seine Lieben ganz nahe, und da hrt er das schrille Geschrei der
+Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier
+das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und
+die schrecken nicht zurck, zhlen und prfen sie ihm und bringen den
+Kmpfern Speise und Zuspruch.
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+Es ist uns berliefert, da Frauen, mehr als einmal, schon wankende und
+weichende Reihen durch ihr unablssiges Flehen, die Brste entblend und
+auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn
+ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unertrglich, und das geht
+so weit, da Vlkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Mdchen
+stellen mssen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen
+etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmhen nicht ihren Rat, berhren
+nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus
+Zeit Veleda weit und breit als gttliches Wesen galt. Aber auch frher
+haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus
+Schmeichelei, noch als machten sie Gttinnen aus ihnen.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+Unter den Gttern verehren sie am hchsten den Mercurius; sie glauben, ihm
+an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu drfen. Mars und
+Herkules vershnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient
+auch der Isis. Anla und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht
+recht erklren; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff
+gleichend, da sie ber die See eingedrungen ist. brigens widerstrebt es
+ihrer Anschauung von der Gre der Himmlischen, die Gtter in Mauern zu
+sperren und mit menschlichen Zgen abzubilden. Sie weihen ihnen Wlder und
+Haine und rufen mit Gtternamen jene geheime Macht an, die sie nur in
+entrckter Andacht schauen.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das
+Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden
+Fruchtbaum zu Stbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und
+streuen sie aufs Geratewohl ber ein weies Tuch hin. Dann hebt, wenn in
+gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner,
+das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Gttern gegen Himmel
+aufblickend, nacheinander drei Stbchen auf und deutet sie gem dem zuvor
+eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht gnstig, so wird in derselben Sache
+am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber gnstig, noch die
+Besttigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier gelufig,
+Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentmlich aber ist diesem
+Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den
+gleichen Hainen und Wldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten
+der Gemeinschaft weie Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit
+berhrt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit
+dem Knig oder Frsten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und
+Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet greren Glauben, nicht nur
+im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese
+halten sich wohl fr die Mittler der Gottheit, die Rosse aber fr ihre
+Vertrauten.
+
+Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den
+Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen
+sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem
+auserlesenen Kmpfer des eigenen Volkes gegenber, jeden mit seinen
+heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als
+Vorbedeutung.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+ber geringere Sachen beraten die Frsten, ber wichtigere die Gesamtheit,
+jedoch so, da auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Frsten
+vorbesprochen wird. Sie kommen, auer wenn ein unerwarteter Zufall
+eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond;
+denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders gnstig fr den Beginn eines
+Unternehmens. Sie zhlen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Nchte.
+Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht fhrt gleichsam den Tag
+herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Miliche, da sie nicht
+gleichzeitig und nicht nach dem Gehei beisammen sind, sondern da oft ein
+zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Sumige hingeht. So wie es der
+Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch
+das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der Knig
+oder Frst Gehr, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und
+Redevermgen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu
+befehlen. Mifllt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefllt
+er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen
+des Beifalls ist Lob mit den Waffen.
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht
+begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verrter
+und berlufer hngen sie an Bumen auf, Feige, Weichlinge und am Krper
+Geschndete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk
+darber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, da man Frevel
+durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen msse. Aber auch
+fr leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die berwiesenen
+werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebt. Ein Teil der Bue wird
+dem Knig oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhlt, oder
+seinen Verwandten geleistet.
+
+In den gleichen Versammlungen werden auch die Frsten bestimmt, die in
+Gauen und Drfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Mnner aus
+dem Volke als Rat und Beistand zur Seite.
+
+
+
+
+ _13_
+
+
+Nie aber, ob sie nun Geschfte des Gemeinwesens oder eigene besorgen,
+erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen,
+ehe ihn nicht die Gemeinde fr wehrhaft erklrt hat. Dann schmckt gleich
+in der Versammlung entweder ein Frst oder der Vater oder ein Verwandter
+den Jngling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen
+Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr
+der Gemeinschaft.
+
+Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Frstengunst
+auch noch nicht Mannbaren. Solche schlieen sich dann den brigen,
+lteren, lngst schon Bewhrten an. Und es ist fr niemand beschmend, in
+einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine
+Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und gro ist der Wetteifer
+der Mannen um den ersten Platz zunchst dem Frsten, wie auch der Frsten
+um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Wrde, bringt Macht:
+immerzu von einer groen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im
+Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem
+Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und berhmt, wer sich
+durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er
+erhlt Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen.
+
+
+
+
+ _14_
+
+
+Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf fr den Frsten, sich an
+Tapferkeit bertreffen zu lassen, ein Schimpf frs Gefolge, es der
+Tapferkeit des Fhrers nicht gleichzutun. Hchste Schmach und Schande
+vollends ist es fr das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld
+zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behten, ja die eigene Heldentat
+seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Frsten kmpfen fr
+den Sieg, das Gefolg fr den Frsten.
+
+Wenn ihre Heimat in langem, migem Frieden verkommt, dann ziehen adlige
+Jnglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Vlkern, die gerade Krieg
+fhren. Denn ein ruhiges Leben gefllt diesem Volke nicht, in der Gefahr
+finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein groes Gefolge nur durch
+Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des
+Frsten das Streitro und die blutige, siegbewhrte Frame. Auch ersetzt ja
+die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold:
+solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu
+pflgen und die Jahreszeit abzuwarten, wrde sie keiner so leicht
+berreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es
+dnkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schwei zu erarbeiten, was mit Blut
+zu gewinnen wre.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+Wenn sie nicht Krieg fhren, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd,
+hufiger noch mig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die
+Tapfersten und Kriegstchtigsten tun gar nichts und berlassen die Sorge
+um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den
+Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und trge zu.
+Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, da ganz die gleichen Menschen so sehr
+das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!
+
+Es ist Sitte, da die Gemeindegenossen freiwillig, jeder fr sich, den
+Frsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch
+auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken
+benachbarter Vlker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im
+Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, prchtigen
+Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen
+gelehrt.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+Da die germanischen Stmme nirgends Stdte bewohnen, ist genugsam
+bekannt, auch da sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie
+bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein
+Gehlz gefllt. Wohl legen sie Drfer an, aber nicht nach unsrer Art mit
+verbundenen Gebuden, in einem Zusammenhang: jeder fr sich umgibt sein
+Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr,
+vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und
+Ziegel sind ihnen unbekannt; berall verwenden sie ungefges Holz,
+unbekmmert um Gefallen und Ansehn. Doch berstreichen sie einzelne
+Stellen recht sorgfltig mit einer Erdart von so reinem Glanz, da es wie
+Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Hhlen
+und legen eine dichte Dungschicht darber hin: als Zuflucht fr den Winter
+und als Vorratsspeicher. Denn solche Rume mildern die strengen Frste;
+und fllt einmal der Feind ins Land, so plndert er zwar, was offen
+daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhlt er nicht Kunde,
+oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen mte.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+Als berwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie
+mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen
+sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein
+Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit
+herabfliet, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten lt. Man
+trgt auch Pelze, nchst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im
+Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen
+Putz bringt. Sie whlen unter dem Wild und verbrmen die abgezogenen
+Hllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an
+unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als
+Mnner; nur gehen sie gewhnlich in Linnengewnder gehllt, die mit roten
+Sumen verziert sind. Ihre Kleidung luft oben nicht in rmel aus;
+Schultern und Arme sind blo, aber auch ein Teil der Brust bleibt
+unverhllt.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensfhrung wohl am
+meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begngt sich
+jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Mnnern abgesehen, die nicht ihre
+Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach
+umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der
+Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und prfen die
+Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck fr
+die Neuvermhlte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezumtes Ro
+und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der
+Mann die Frau entgegen, und dafr bringt sie selber dem Mann auch ein
+Rststck zu: dies gilt ihnen als das strkste Band, dies als geheime
+Weihe, dies als Segen der Ehegtter. Auf da sich das Weib nicht fremd in
+einer Welt von Mnnergedanken und wechselndem Kriegsglck erachte, wird es
+schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, da es als Gefhrtin in
+Mhsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu
+dulden und mit zu wagen: also verknden das Rindergespann, das gerstete
+Ro, die dargereichten Waffen. So msse sie leben, so in den Tod gehen;
+was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Shnen
+wiedergeben, da es dann die Schwiegertchter bernhmen und noch die
+Enkel erbten.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den
+Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von
+geheimen Briefschaften wei weder Mann noch Weib. Hchst selten kommt es
+in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe
+unmittelbar und ist dem Mann berlassen. Mit abgeschnittenem Haar,
+entblt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und
+peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und fr preisgegebene Keuschheit
+gibt es keine Verzeihung: nicht Schnheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe
+knnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand ber das Laster,
+und Verfhren und Sichverfhrenlassen heit nicht "der Geist der Zeit".
+Besser steht es gewi noch um Vlkerschaften, bei denen nur Jungfrauen
+heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelbde der Ehefrau einmal fr immer
+abschlieen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben
+erhalten haben, auf da sich kein Gedanke darber hinaus, kein Begehren
+weiter verirre, da sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe
+selber lieben.
+
+Die Zahl der Kinder zu beschrnken oder ein nachgeborenes zu tten, gilt
+als verruchte Tat; mehr vermgen dort gute Sitten als anderswo gute
+Gesetze.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+In jedem Hause wchst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Gre,
+zu diesem Wuchs heran, ber den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene
+Mutter die Brust, und es wird nicht Mgden und Ammen berlassen. Freie
+scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die
+anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die
+Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spt erfahren
+junge Mnner die Lust; daher ihre unerschpfte Kraft. Auch die Mdchen
+werden nicht gedrngt; in gleicher Jugend, von hnlicher Gestalt,
+ebenbrtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der
+Strke der Eltern zeugen die Kinder.
+
+Schwestershne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche
+halten dieses Blutsverhltnis noch fr heiliger und enger und fordern,
+wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als htten sie damit das
+Gewissen strker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben
+aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein
+Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im nchsten Glied die Brder,
+Vter- und Mtterbrder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die
+Verschwgerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat
+keine Lockungen.
+
+
+
+
+ _21_
+
+
+Der Erbe mu auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten
+bernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht
+unvershnlich fort: shnt man doch selbst den Totschlag durch eine
+bestimmte Anzahl von Gro- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die
+Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefhrlich.
+
+Fr Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose
+Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt
+als Frevel; je nach Vermgen rstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das
+Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen
+Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins nchste
+Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie
+aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht.
+Beim Abschied gehrt es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa
+ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die
+Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an,
+und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet
+Gastfreund an Gastfreund.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen)
+baden sie, fters warm, weil es bei ihnen die lngste Zeit Winter ist. Auf
+das Bad folgt ein Imbi; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen
+eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschfte oder auch, nicht minder
+hufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt
+keinem Schande. Hufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der
+bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und
+Totschlag. Aber auch die Vershnung des Feindes mit dem Feind, neue
+Schwgerschaft, Anschlu an Frsten und sogar Krieg und Frieden wird
+gewhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der
+Sinn unbeeinfluter berlegung besser zugnglich wre oder leichter
+entflammt fr groe Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, erffnet es
+noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun
+alle ihre Meinung ohne Rckhalt aufgedeckt, so wird sie am nchsten Tag
+noch einmal geprft, und jeder Zeit widerfhrt ihr Recht: sie beraten,
+wenn sie keiner Verstellung fhig sind, beschlieen, wenn sie nicht irren
+knnen.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+Ihr Getrnk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein
+vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach,
+wilde Frchte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne
+Wrzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht
+die gleiche Migkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu
+trinken verschaffte, so viel sie begehren, der knnte sie einmal durch
+ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand berwinden.
+
+
+
+
+ _24_
+
+
+Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich.
+Nackte Jnglinge, die es zum Vergngen tun, schwingen sich im Tanz
+zwischen Schwertern und drohenden Framen. bung hat sie gewandt gemacht,
+Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so
+verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwrdig
+sind sie beim Wrfeln, treiben es nchtern, wie ein ernstes Geschft, und
+mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, da sie, wenn alles hin
+ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer
+verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch jnger und strker, er lt
+sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am
+verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art bergeben
+sie dem Handel, um auch selbst der Beschmung ber den Gewinn ledig zu
+werden.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem
+Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen
+Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder
+Zeug auf, wie wir unseren Pchtern, und nur so weit geht die Pflicht des
+Hrigen. Sonst besorgen die Geschfte des Herrenhauses die Frau und die
+Kinder. Da der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft
+wird, ist selten. Eher noch schlgt der Herr einen tot, nicht zur Strafe
+oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jhzorn: wie einen Feind, nur
+da es hier ungeshnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel hher
+als Sklaven. Selten haben sie einigen Einflu im Haus, nie in der
+Gemeinde, ausgenommen bei den Stmmen, die Knigen botmig sind. Dort
+nmlich steigen sie wohl ber die Freigeborenen und selbst ber Adelige
+empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbrtigkeit der Freigelassenen fr
+die Freiheit des Volkes.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und
+darum besser verhtet, als wenn es verboten wre.
+
+Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von
+der Gesamtheit, immer in neuem Ausma besetzt und dann jedesmal unter die
+einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Gre der Gefilde macht solche
+Teilung leicht. Mit der Anbauflche wechseln sie Jahr fr Jahr, und noch
+immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der
+Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, da sie Obstgrten
+anlegen, Wiesen ausscheiden, Grten bewssern wrden; einzig Getreide
+fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere
+vier Zeiten; nur fr Winter, Frhling und Sommer haben sie den Begriff und
+die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Leichenbegngnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, da man
+die Reste bedeutender Mnner mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf
+den Holzsto hufen sie nicht Teppiche noch Rucherwerk; immer werden die
+Waffen, zuweilen auch das Streitro ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhgel
+bildet das Grab. Ragender Denkmler kunstreiche Pracht verschmhen sie,
+als drckend fr die Verstorbenen. Von Klagen und Trnen lassen sie bald,
+von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Mnnern
+Erinnerung.
+
+So viel habe ich allgemein ber Herkunft und Sitten des ganzen
+Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den
+Einrichtungen und Bruchen der einzelnen Stmme und die Einwanderungen aus
+Germanien ins gallische Land errtern.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+Da Galliens Macht vorzeiten grer war, meldet der beste Gewhrsmann, der
+erlauchte Julius [Csar]; und so darf man wohl glauben, da auch Gallier
+nach Germanien hinbergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot
+nicht ein Strom, wenn eines der Vlker, eben im Gefhl seiner Macht, her-
+und hinber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich
+abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und
+Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt,
+beides gallische Stmme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die
+Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben.
+
+Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem
+Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien
+eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute
+gleiche Sprache, gleiche Satzung und Bruche): denn die nmliche Armut und
+Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil
+wie Nachteil.
+
+Treverer und Nervier behaupten sogar mit eiferschtigem Stolz ihre
+germanische Abkunft, als wrde solcher Adel des Blutes eine hnlichkeit
+mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen
+unzweifelhaft germanische Vlker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst
+die Ubier, die doch fr ihre Verdienste das Recht der rmischen Kolonien
+erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hren,
+schmen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten
+herbergekommen und wurden dann zum Lohn bewhrter Treue gerade am
+Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwchter, nicht als Bewachte.
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+An Tapferkeit berragen die Bataver alle diese Stmme. Sie bewohnen nur
+einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und
+waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der
+Heimat lste und in diese Gegenden hinberzog; dort sollten sie dem
+Rmerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter
+Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwrdigt sie, kein
+Steuerpchter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst
+im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen fr den Kampf
+aufgespart. In gleicher Abhngigkeit steht auch das Volk der Mattiaker;
+hat doch das mchtige Rmertum ber den Rhein und ber die alten Grenzen
+hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in
+eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hlt sie bei
+uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur da ihnen noch der Boden und Himmel
+der Heimat helleren Mut weckt.
+
+Nicht unter die germanischen Vlker mchte ich, wiewohl sie jenseits von
+Rhein und Donau ansssig sind, jene zhlen, die das Zehntland bebauen:
+gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stck von dem Boden
+ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind
+Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des
+Reichs und einen Teil der Provinz.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald,
+nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen
+Flachland; immer wieder erheben sich Hgel und werden nur mhlich
+sprlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie
+dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau,
+trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Fr Germanen zeigen sie
+viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Fhrer zu whlen, auf das
+Wort der Obern zu hren, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu
+ersphen, mit dem Angriff zurckzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich
+fr die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glck,
+sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und
+nur einer strengen Zucht eigen ist: die Fhrung gilt ihnen mehr als die
+Truppe. Ihre ganze Strke liegt im Fuvolk, dem sie auer den Waffen auch
+Schanzzeug und Vorrte mitgeben. Andere Vlker ziehen in die Schlacht, die
+Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzgen und
+planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr fr Reiterkrfte, rasch
+einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht
+gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute.
+
+
+
+
+ _31_
+
+
+Was sich auch bei anderen germanischen Vlkern als Ausdruck vereinzelten
+Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald
+sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen
+sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind gettet haben; das ist
+ihr Gelbde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen
+Beute enthllen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis fr
+ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Vter verdient zu haben.
+Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter
+Held trgt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein
+Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und lst sie sich erst, wenn er einen
+Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug
+und sind darin grau geworden, berhmt und Feinden wie Freunden bekannt.
+Diese sinds, die jeden Kampf erffnen; sie bilden die erste Reihe, ein
+berwltigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht
+milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine
+Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem
+Gut, unbekmmert um eigenes, bis dann schlielich das blutlose Alter zu so
+harter Tugend unfhig macht.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+Den Chatten zunchst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen
+Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die
+Tenkterer zeichnen sich auer durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre
+trefflich gebte Reiterei aus; und dem Fuvolk der Chatten gebhrt kein
+greres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vtern
+her, und die Nachfahren bleiben nicht zurck. Reiten ist das Spiel der
+Kinder, Mnner ben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben
+Gesinde und Gehft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde
+vererbt: doch erhlt sie nicht, wie das brige Gut, der lteste Sohn,
+sondern der streitbarste, der bessere Kmpe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+Neben den Tenkterern traf man frher die Brukterer. Jetzt sollen da
+Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch
+einen Zusammenschlu der Nachbarvlker geschlagen und ganz vernichtet, sei
+es aus Ha gegen ihre berhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil
+uns etwa die Gtter gndig waren; denn sie gnnten uns sogar, dem
+Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: ber sechzigtausend sind nicht der
+Rmer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude
+und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen
+Vlkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Ha
+gegeneinander; denn nichts Greres kann uns in des Reiches drngendem
+Verhngnis das Schicksal gewhren als unserer Feinde Zwietracht.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+An die Angrivarier und Chamaver schlieen sich im Rcken Dulgubiner und
+Chasuarier an und andere nicht sonderlich hufig genannte Vlker. Vorne
+nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heien Gro- und Kleinfriesen nach
+dem Ma ihrer Krfte. Beide Stmme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch
+wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon rmische Flotten
+drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die
+Sage verbreitet, da da noch Sulen des Herkules stehen: sei es, da
+Herkules wirklich hinkam oder da wir alles Groartige, wo sichs auch
+finde, auf seinen Ruhm zurckzufhren gewohnt sind. An Khnheit hat es dem
+Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer lie sich, lie die
+Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es
+schien frmmer und ehrfrchtiger, an die Taten der Gtter zu glauben, als
+um sie zu wissen.
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in
+ungeheurem Bogen zurck. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der
+Chauken; obwohl es schon nchst den Friesen beginnt und noch einen Teil
+der Kste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier
+beschriebenen Stmme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten.
+Und diese gewaltige Lndermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem
+Besitz, sondern sie fllen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen
+in hchstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf
+Gerechtigkeit zu sttzen. Ohne Habgier, ohne unbndige Herrschsucht leben
+sie ruhig fr sich und reizen keinen zum Kriege, verwsten sie, rauben und
+plndern keinem sein Gut. Es ist das hchste Zeugnis fr ihre Tapferkeit
+und Strke, da sie ihre berlegene Macht keinem bergriff danken. Doch
+haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein
+Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt
+ihnen ihr Ruf.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten
+einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen
+mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbndigen,
+mchtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der
+berlegene friedlich und redlich nennen. So heien die Cherusker, einst
+als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den
+siegreichen Chatten wurde ihr Glck als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom
+Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glck die
+Geringeren, sind sie nun rechte Gefhrten des Migeschicks.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nchst dem Nordmeer,
+sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm.
+Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wlle und
+Lagerrume, deren Umfang noch heute fr die Menge des Heeres und Volks und
+fr die so mchtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre
+stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdrhnten;
+unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zhlt man von da
+bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa
+zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf
+dieser langen Zeit hben und drben vielfach Verluste! Nicht der Samnite,
+nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht
+haben fter zu schaffen gegeben: rger denn eines Arsaces Tyrannei droht
+der Germanen Freiheit. Was knnte uns sonst der Osten vorhalten als den
+erschlagenen Crassus, fr den er doch selbst, von einem Ventidius
+niedergeworfen, den Pacorus hingeben mute! Germanen aber haben den Carbo
+und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus
+Mallius geschlagen oder gefangen, also fnf konsularische Heere dem
+rmischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar
+geraubt; und nicht ohne Einbuen hat sie C. Marius in Italien, der
+erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rstungen des C. Caesar
+lcherlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis da sie, die Gelegenheit
+unseres Zwistes und Brgerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der
+Legionen strmten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder
+abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat ber sie mehr triumphiert als
+gesiegt.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und
+Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den greren Teil
+Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Vlkerschaften mit
+eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heien.
+
+Ein Stammeszeichen bildet das seitwrts gekmmte, in einen Knoten
+geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den brigen
+Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt
+auch bei anderen Stmmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft
+mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist
+jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschrnkt. Bei den Sueben aber
+streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurck und
+binden es, oft gerade ber dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch
+kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger;
+denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher
+Sorgfalt schmcken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um grer und
+schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Fr die ltesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen
+aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Bruche gesttzt. Zu
+bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vtertagen und
+Schauer der Vorzeit weihten, alle Vlker vom gleichen Blut durch
+Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft
+erffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere
+Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten,
+gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Fllt
+einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen,
+sondern mu sich auf der Erde hinauswlzen. Das ganze Treiben deutet
+darauf, da dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott,
+und alles andere untergeordnet und abhngig. Bestrkt wird diese Meinung
+durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei
+solcher Gre ihrer Krperschaft halten sie sich fr das Haupt der
+suebischen Vlker.
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+Dafr ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mchtigen
+Vlkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwrfigkeit,
+sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen,
+Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flsse oder
+Wlder geschtzt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam
+verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie,
+mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk
+gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin
+steht ein geweihter Wagen, mit einer Hlle bedeckt, und nur der Priester
+darf ihn berhren. Er merkt die Gegenwart der Gttin im Heiligtum und
+geleitet ehrfrchtig ihren mit Khen bespannten Wagen. Dann sind die Tage
+froh und festlich die Sttten, wo die Gttin einzuziehen und gastlich zu
+weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen;
+verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und
+Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann
+wieder die Gttin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersttigt, in
+ihren heiligen Bezirk zurckbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhllung
+und - wenn man es glauben darf - die Gttin selbst in einem unzugnglichen
+See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der nmliche See
+verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was
+nur Todgeweihte erschauen.
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Lnder
+Germaniens hin. Nher - um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau
+zu folgen - haust das Volk der Hermunduren, den Rmern ergeben. Darum ist
+ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze,
+sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glnzendsten Kolonie
+der rtischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht
+herber, und whrend wir den brigen Stmmen nur unsere Waffen und
+Lagerpltze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Huser und
+Landsitze geffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst
+ein vielgerhmter, bekannter Strom; jetzt hrt man nur eben von ihm.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+Nchst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen
+und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr
+Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch
+schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist
+gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und
+Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Knige vom heimischen Stamm
+behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fgen sie sich
+auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Knigen vom rmischen
+Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, fter durch Geld
+untersttzt; es tut ihnen nicht Eintrag.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+Noch weiter ab von uns schlieen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier
+im Rcken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und
+Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch
+ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, da sie keine
+Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil
+davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen - als einem Fremdvolk - die
+Quaden auferlegt: dabei frdern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach,
+noch obendrein Eisen! Alle diese Vlker aber halten wenig Flachland
+besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Hhenzge. Denn mitten durch Suebien
+zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der
+anderen Seite wohnen sehr viele Vlker, von denen namentlich die Lygier,
+mehrere Stmme umfassend, weithin verbreitet sind. Es gengt, die
+bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und
+Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain.
+Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Gtter, die sie
+nennen, sind nach rmischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung
+der Gottheit; ihr Name ist "Alken". Es gibt von ihnen kein Bild, keine
+Spur fhrt zu fremden Bruchen; aber als Brder werden sie und als
+Jnglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor
+aufgezhlten Vlkern ohnehin berlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon
+wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Knste nach. Sie schwrzen die
+Schilde und berfrben sich den Krper; finstere Nchte whlen sie zum
+Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines
+Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhrten,
+gleichsam hllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die
+Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Knigen, und etwas
+straffer als andere Germanenstmme, geleitet, doch nicht so, da ihre
+Freiheit bedroht wre. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und
+Lemovier. All dieser Vlker Merkmal ist, da sie runde Schilde und kurze
+Schwerter haben und Knigen gehorchen.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+Folgen die Stmme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen
+und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt,
+derart, da jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit
+ist. Auch bedienen sie keine Segel und fgen die Ruder nicht reihenweise
+an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Flssen, und
+setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk
+steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen
+den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf
+Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen,
+jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Wchter hlt sie verschlossen;
+es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde
+das Meer; und Waffen in migen Hnden fhren gar leicht zum Mibrauch.
+Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen
+als Waffenhter zu bestellen, wre dem Knig kein Vorteil.
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Da
+es den Erdkreis abgrtet und schliet, darf man wohl glauben, weil sich
+dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhlt, so hell,
+da davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden
+Sonne Klingen zu hren und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu
+erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt.
+
+Nun denn - rechts schlgt das suebische Meer an die Kste der
+stierstmme. Diese haben die Bruche und das Aussehen der Sueben, ihre
+Sprache steht der britannischen nher. Sie verehren eine Gttermutter. Als
+Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und
+Schirm gegen alle Gefahr und behtet den Glubigen auch im Feindesgewhl.
+Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Frchte
+bauen sie sorgfltiger, als sonst germanische Lssigkeit zugibt. Aber sie
+suchen auch im Meer und sind unter allen Vlkern die einzigen, die den
+Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande
+selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine
+Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer
+Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen
+Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stcke,
+bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich ber den gezahlten
+Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil hufig kleine Landtiere,
+auch geflgelte, durchschimmern, die sich in der flssigen Masse fangen
+und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen
+Lndern im Osten, wo die Bume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mgen
+also wohl auch auf den Inseln und Ksten des Westens merkwrdig ergiebige
+Haine und Wlder sein: ihre Sfte werden von den Strahlen der nahen Sonne
+ausgepret und rinnen noch flssig den kurzen Weg hinab ins Meer; die
+Gewalt der Strme treibt dann das Harz hinber ans andere Gestade. Prft
+man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzndet er sich wie ein
+Kienspan und nhrt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich
+wieder zu einer Art Pech oder Harz.
+
+An die Suionen reihen sich die Stmme der Sitonen, sonst hnlich und nur
+dadurch unterschieden, da ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen
+nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stmme der Peuciner und der
+Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, wei ich
+nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen
+in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen.
+Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen trge; und
+Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Migestalt gefhrt. Die
+Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald-
+und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen
+sie in ruberischen Haufen. Doch zhlt man sie eher noch als Germanen,
+weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle,
+rstige Fugnger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die
+auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich
+wildes, abstoend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein
+Heim; Kruter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre
+Lagersttte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen
+mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd mu gleicherweise Mnner wie Frauen
+ernhren: diese ziehen berall mit und heischen ihren Teil von der Beute.
+Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein
+Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen
+zurck, dort bergen sich die Alten. Aber glcklicher dnkt sie dieses Los,
+als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und
+fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekmmert um
+Menschen, unbekmmert um Gtter haben sie das Schwerste erreicht, selbst
+auf Wnsche verzichten zu knnen.
+
+Darber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und
+Oxionen Menschenkpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und
+Glieder von Tieren. Das ist unverbrgt, und ich will es nicht weiter
+verfolgen.
+
+
+
+
+
+ INHALT DER GERMANIA
+
+
+
+
+ Allgemeiner Teil (1-27)
+
+
+_Das Land und seine Bewohner_ (1-5): Grenzen und Grenzstrme (1) -
+Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) - Frhe Besuche aus
+der Fremde? (3) - Krperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) -
+Natur und Erzeugnisse des Landes (5).
+
+_Leben und Sitten der Germanen_ (6-27): Waffen, Kriegswesen (6) - Knige,
+Frsten, Priester, Sippen, Frauen (7) - Frauen im Kampf, heilige Frauen
+(8) - Gtter (9) - Lose, Vorzeichen (10) - Ratsversammlung (11) -
+Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) - Wehrhaftmachung,
+Gefolge (13) - Gefolge im Krieg (14) - Frsten und Gefolge im Frieden (15)
+- Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) - Kleidung (17) - Ehe (18) -
+Frauen und Kinder (19) - Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) -
+Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) - Leben im Hause, Trinkgelage (22) -
+Getrnke, Speisen, Trunksucht (23) - Waffentnze, Wrfelspiel (24) -
+Sklaven (25) - Ackerbau (26) - Bestattung; bergang zum besonderen Teil
+(27).
+
+
+
+
+ Besonderer Teil / Die einzelnen Vlkerschaften (28-46)
+
+
+_Grenzvlker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer,
+Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine
+Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) - Germanen,
+die zu den Rmern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).
+
+_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30-37): Chatten (30, 31) -
+Usipier und Tenkterer (32) - Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) -
+Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) - Chauken (35) - Cherusker (36) -
+Kimbern, Kimbern- und sptere Germanenkriege (37).
+
+_Sueben_ (38-45): Ihre Haartracht (38) - Semnonen (39) - Langobarden und
+Nerthusvlker (40) - Hermunduren (41) - Varisten, Markomannen und Quaden
+(42) - Ost- und Nordostgermanen (43, 44) - Ende der Welt, stier,
+Bernstein, Sitonen (45).
+
+_Mischvlker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht
+mehr Germanen) und
+
+_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46).
+
+
+
+
+
+ ANMERKUNGEN DES BERSETZERS
+
+
+Was ist dieses Buch, gewhnlich "Germania" genannt, das die Insel-Bcherei
+hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift fr
+den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
+
+Eine Schilderung, und als solche das lteste Buch von den deutschen
+Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es
+so vieles wei und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon frh,
+Griechen und Rmer ber die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam
+im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der
+Insel "Thule" (Island?) und an die Kste der Nordsee; die Nachrichten des
+Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt
+Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ltesten rmischen Quellen
+sind sprlich auf uns gekommen. Erst Csars Kriege in Gallien und seine
+Aufzeichnungen darber bringen grere Klarheit; deutlich sondern sie, zum
+erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im
+104. Buch seiner Rmischen Geschichte) finden konnte, ist lngst verloren;
+verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus ber die Germanenkriege und
+seine Fortsetzung durch den lteren Plinius. Erhalten aber des Plinius
+_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die
+Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit
+sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_
+nachwirkt.
+
+Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten,
+Hndler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der
+Wissenschaft unschtzbar geworden, zumal da es immer mehr durch
+fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen besttigt wird. Aber auch
+jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer
+als Mensch, als Mann, als Knstler. Und die Gre seines Geistes und
+seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen
+haben als der bloe Inhalt.
+
+Dennoch dankt man es wohl einem Bedrfnis des Tages. Es war im Jahre 98
+nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen
+Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie
+wollte zeigen, wer diese gefhrlichsten Feinde Roms seien, und da der
+Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und
+an nichts anderes; da es insbesondere falsch sei, auer an den Schutz des
+Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man
+darf annehmen, da der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die
+Schrift billigte.
+
+Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch
+spricht viel fr diese Annahme des groen Mllenhoff. Tacitus schildert
+nur - und schildert als Knstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede
+Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des
+Volkes, dann, vom Nchsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in
+"romantische" Ferne verlierend, seine einzelnen Stmme und Landschaften,
+bis er im Mrchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in
+rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein
+rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gert. Jeder Absatz ist durch
+das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals
+siegen nchterne Angaben ber den beziehungsreichen Bildner des Werkes,
+ber den Meister.
+
+Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrmischen Sinn. Dabei
+verbittert und ergrimmt ber seine feile, alle Freiheit erdrckende Zeit,
+unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener
+Sehnsucht erfllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach
+einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die
+Germanen herauf: darum schildert er dieses khne, furchtbare und lichte
+Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und ber kurz oder lang siegreiche
+Feinde sind. Denn das rmische Reich, dem er angehrt, steht vor dem Ende.
+Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
+
+So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von
+seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der
+rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er
+Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in
+Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola
+verheiratet, hielt er sich whrend der Verfolgungen unter Domitian fern.
+Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint
+noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.
+
+Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode
+hervortretend, mit dem _Dialog_ ber die Redekunst und ihren Verfall. Es
+folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch
+im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine
+Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die
+_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten
+beiden Werke sind nichts weniger als vollstndig erhalten. In ihnen erst
+erschliet sich Tacitus ganz, "_le plus grand peintre de l'antiquit_",
+wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen
+gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist
+noch lange nicht vorber. Freilich mu man, nach einer Anmerkung
+Lichtenbergs, "sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen".
+
+ * * *
+
+Die "Germania" wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie
+lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von
+Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen,
+und bringt die "Germania" und den "Dialog" 1455 nach Italien. (Die
+Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster
+gefunden worden.) Spter kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der
+Schrift lautet einmal "_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_",
+ein andermal "_De origine et situ Germanorum_". 1469 schon wird die
+"Germania" gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus
+und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob
+Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Mllenhoff (_Germania antiqua_,
+1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der
+Bearbeitung von Schwyzer (1912).
+
+Diese unsere bersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht
+von dem Knstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den
+Gehalt seines Wesens fr Deutsche wieder lebendig zu machen.
+
+Sie lehnt sich fast berall an den Text von Schweizer-Sidler an; die
+Deutung und namentlich die folgenden Erluterungen beruhen (von anderen
+Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf
+der ausfhrlichen Erklrung der Germania, die Mllenhoff im 4. Band seiner
+Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen bersetzungen wurden
+alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle
+neuen und neu aufgelegten; von lteren namentlich die von Btticher und
+Bacmeister.
+
+Den Herren Dr. Friedrich Lhr, Sekretr des Archologischen Instituts in
+Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Mnchner Universitt,
+schuldet der bersetzer fr freundliche Ratschlge besonderen Dank.
+
+
+
+
+
+ ERLUTERUNGEN
+
+
+
+
+ _1_
+
+
+Die rmische Provinz _Rtien_ reicht nrdlich bis zur Donau (Ries!),
+stlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht
+genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in
+Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbrgen. _Gebirge_
+die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?
+_Abnoba_ Schwarzwald.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig berzeugend. _Asien_, _Afrika_,
+_Italien_ die rmischen Sdprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist
+zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der
+_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie
+_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbnde? Die _Tungrer_
+(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:
+"Rufer im Streit" oder "Nachbarn"?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben,
+mit anderen "Germanen" ber dem Rhein. Die Vlker rechts des Rheins htten
+sich dann wirklich so genannt (Mllenhoff). "Eine verzweifelte Stelle!"
+(Grimm.)
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht gengend erklrt. _Ulixes_
+(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Mrs im Rheinland.
+_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Tacitus selbst erwhnt in den spteren Annalen, da die Mattiaker (bei
+Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber
+waren auch die ltesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen
+Orten, die Sage!). Die erwhnten rmischen Mnzen, Silberdenare, wurden
+bis zum Jahre 54 v. Chr. geprgt; spter hat sich der Feingehalt
+verschlechtert!
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke,
+nicht vom Schild gedeckte Seite des Krpers dem Feinde zuwenden wrde.
+Wirklich zeigen Grberfunde den Sporn nur am linken Fu
+(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+_Knige_ und _Frsten_ haben gleiche Befugnis, Frst ist der Knig eines
+kleineren Gebietes. Der Knig wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewhlt.
+Knigtum und Frstenherrschaft gehen geradezu ineinander ber. Im Osten
+sind Knige hufiger. Der Knig ist Heerfhrer. Nur bei der Vereinigung
+mehrerer Heere wird ein Knig zum _dux_ gewhlt (Mllenhoff).
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+_Die Brste entblend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehren.
+_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Gttinnen_ wie
+die rmischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+_Mercurius_ (besonders als Totenfhrer): Wotan (_dies Mercurii_ =
+_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_:
+Donar. Diese drei Gtter nennt noch ein Taufgelbnis des 8. Jahrh. _Isis_:
+vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte
+Schiffe.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch
+Pferde auch bei Persern und Slaven.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+_Nchte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch
+jetzt "Spiebrger". _Jeder_: Mllenhoff folgert aus dem grammatischen
+Sinn, da nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer.
+Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12).
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+_Am Krper Geschndete_: widernatrliche Mnner, aber wohl auch "entehrte"
+Frauen, fr die sich Todesstrafe noch lange erhlt. Dieses Versenken ist
+eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel - Schandtat_: das
+germanische Rechtsbewutsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat,
+ohne List, leichter hin. _Die Frsten bestimmt_ nmlich aus der Zahl der
+vorhandenen Frsten. _Recht sprechen_ ist rmische, nicht germanische
+Auffassung; nach dieser leitet der Frst (spter Gaugraf) nur die
+Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_
+gibt das "Vollwort": sie "finden" das Recht, der entsendete Richter tut
+nur den Spruch.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+_Brustschmuck_ (_phalerae_) hnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
+_Geld_: rmische Kaiser (Caligula, Domitian) schlieen um Geld mit den
+Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhngigkeitssinn. Der Schlusatz
+sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade
+wortreich und gewhnlich.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch
+bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen,
+trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda
+der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den
+Fen. Ihre _Kleidung_ luft oben nicht in rmel aus wie in Rom. Die
+germanischen Mnner wiederum hatten rmel, wenn auch kurze. Das
+Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz
+lt die Brust zum Teil sichtbar werden.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+_Umworben werden_ von den Familien der Mdchen. _Mitgift - Geschenke_:
+Tacitus merkt nicht, da er vom Brautkauf erzhlt; _Mitgift_ ist der
+Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen fr
+den bergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt
+Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen
+altrmischen Ehe.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+_Schauspiel_ das rmische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
+Getriebe.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die
+Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+_Erffnet es noch_: die Rmer halten sich selbst da zurck. berhaupt ist
+in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel rmischer Sitten
+(Passow). Die Rmer stehen frh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen
+Tisch, drfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor
+Abend trinken.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+_Getrnk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau
+dulden keinen Wein, weil die Hndler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Tacitus denkt hier nur an die "Hintersassen"; es gibt aber auch
+Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der
+Freigelassenen in Rom.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+_Besser verhtet_: Mllenhoff und Baumstark knnen diesen Satz nur durch
+Flchtigkeit erklren. Die folgende Schilderung der Anbauverhltnisse, von
+allen Seiten her erlutert, ist nach Mllenhoff bersetzt. _Nicht in vier
+Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zhlen sie auch, also nach
+halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die
+Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles
+Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+bergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+_Caesar_ wird als einziger Gewhrsmann ausdrcklich genannt. Diese seine
+Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als
+unrichtig erkannt. Die Kelten, die frher auch rechts vom Rhein saen,
+wurden vielmehr von den Germanen berall zurckgedrngt. _Herzynischer
+Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe
+Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Bhmen
+(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweienburg, _Osen_ in Oberungarn; diese
+beiden pannonische Stmme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdrcklich
+bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ knnen nur auf den Wohnsitz
+gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an
+der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um
+Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt;
+ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa,
+Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die
+Stifterin der Kolonie (Kln!).
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her
+wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.)
+bleibt das Freundschaftsverhltnis zu den Rmern. _Mattiaker_ um
+Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _ber die alten Grenzen_
+endgltig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian
+begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder
+Kehlheim ber Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km
+lang. Man hat schon tausend Wachttrme und hundert Kastelle (darunter die
+Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine frmliche Mauer. _Zehntland_
+(_agri decumates_, nur hier erwhnt) rmisches Staatspachtland am
+mittleren Neckar.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+_Weiter hinaus_ ber das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind,
+auer den Friesen, nach Grimm "der einzige deutsche Volksschlag, der mit
+behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie
+in der Geschichte zuerst erwhnt werden". Ihnen widerfhrt hier unter
+allen Stmmen das grte Lob.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom
+Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); spter
+zurckgedrngt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind bertrieben.
+Alle diese Stmme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk spter die
+_Chamaver_ werden, damals nrdlich der Lippe bis zum Zuydersee.
+_Angrivarier_, an der Weser, spter als Angern ein Hauptstamm der
+Altsachsen.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+_Im Rcken - vorn_: die Vlker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in
+der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen
+Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_
+besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt;
+so entstehen frmliche Inseln. _Rmische Flotten_: Drusus Germanicus (12
+v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere,
+nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Sulen des
+Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der
+rmische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus
+jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel
+(Schleswig-Jtland) von der Elbemndung an stark ostwrts geneigt.
+_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Mllenhoff sind es
+vielleicht berhaupt nur andere Friesen, "Chauken" ein Ehrenname. Im Bogen
+htten sie die Chatten an der Weser treffen mssen, eine wahrscheinlich
+unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges
+Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des
+Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+_Zur Seite_ stlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, frher noch
+weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren
+Kampf gegen die Rmer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde.
+Arminius, der "Befreier Germaniens", besiegt auch Marbod, den Knig der
+Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurckgedrngt, innere
+Zwistigkeiten, Kmpfe mit den Chatten wten, vom Frieden des Tacitus ist
+keine Rede. Ebenso scheint die Demtigung der Cherusker bertrieben. Nur
+ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die spteren Sachsen?
+_Fosen_ in der Wesergegend.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem
+groen Zuge stoen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640
+der catonianischen ra] nach der Grndung der Stadt - Tacitus hlt sich an
+die runde Zahl -) auf die Rmer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul
+L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio
+und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius
+Scaurus, gleichfalls geschlagen und gettet, hatte kein eigenes Heer, und
+Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist
+98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis fr die Abfassung der "Germania"
+im gleichen Jahre. _Arsaces_ begrndet im 3. Jahrh. v. Chr. das groe
+Partherreich, lange neben Rom die einzige stliche Gromacht; Crassus wird
+53 v. Chr. von den Parthern gettet, Ventidius, ein Emporkmmling, rcht
+die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38
+v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus ttet. _Selbst dem Caesar_:
+Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Rstungen des C. Caesar_: Caligula; er
+lt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40
+n. Chr.); spter feiert auch Domitian einen hchst sonderbaren Triumph. In
+den Brgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der
+Nordwestgermanen.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+_Nunmehr_ erffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden,
+auch die nichtgermanischen Stmme zu den Sueben. Aber schon die
+Nerthusvlker gehren nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und
+Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit "Schwaben". _Stammeszeichen_: der
+Knoten, ohne Band, an der rechten Schlfe ber dem Ohr ist durch Bilder
+bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wren nach Baumstark im letzten
+Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die
+Mnner, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn ber dem
+Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den "Vornehmen".
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Mllenhoff hlt den Namen _Semnonen_ fr hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im
+Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der
+Germanen. Der besonders groartige Kultus ist denn auch der des
+Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg =
+Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen,
+ein Zusammenschlu!) an den rtischen Limes und erobern von da ab das
+jetzt noch alemannisch-schwbische Gebiet. Der Vers _auguriis - sacram_ im
+Deutschen durch "Zeichen - weihten" wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
+Einleitung!
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. ber Sdmhren ins Alfld
+(ihr "Feld") und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben
+Nerthusvlker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht
+auch Mecklenburg; die Angeln gehen spter nach England. Nicht genannt sind
+die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche
+Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet,
+weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und
+Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Rgen, ebenso der See nicht der
+Herthasee, dessen Sage eine spte gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es
+glauben darf_: also kein Gtterbild (Kap. 9).
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im
+wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Sdnordrichtung
+des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_
+zwischen Harz und Erzgebirge, sdwrts bis zum Main, vielleicht sogar zur
+Donau. Die gute Ausnahme bei den Rmern deutet nicht gerade auf
+unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches drfen den Strom nur
+an bestimmten Stellen unter Aufsicht berschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta
+Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder
+Eger oder thringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren rmische
+Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe
+nur noch vom Hrensagen.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der groen "Mark" zwischen
+Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein
+suebisches Volk. Marbod fhrt sie nach Bhmen, wo schon vorher, vielleicht
+mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begrndet
+ein mchtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den
+Cheruskern zerstrt es, und Marbod flchtet zu den Rmern. Spter, unter
+Marc Aurel, der Jahre whrende groe Markomannenkrieg der Rmer (Vorspiel
+der Vlkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Bhmen slavisch, die Markomannen
+sind nach Bayern gerckt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns,
+geblieben (Bayern und Deutschsterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit
+den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mhren und
+Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen
+nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein
+Quadenknig.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+_Noch weiter ab_: nrdlich und stlich der Markomannen und Quaden, um das
+schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist,
+verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.
+_Gebirge_ der stliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das
+Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die
+Sdgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der
+alle hier genannten Stmme und wohl auch die nicht genannten Burgunder
+umfat. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name,
+Mllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Bhmens bis zur Weichsel,
+heien spter Vandalen, eine Nebenform von "Vandilier". Ihre Wanderung
+fhrt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der
+Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem
+Namen des Knigsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,
+"Mnner mit Frauenhaar"; das Knigsgeschlecht aber nennt sich nach dem
+Brderpaar "Kastor und Pollux", einer alten indogermanischen
+Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: "Alken" und "Hasdingi" soll
+zusammenhngen. Das Totenheer und die straffere Knigsherrschaft leitet
+die Steigerung ein, die allmhlich in das Reich des Mrchens hinberfhrt.
+_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der
+Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; spter in Sdruland, wo sich in
+der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist
+bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel
+und Oder, die Rugier spter an der sterreichischen Donau.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte
+Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel.
+Schiffe, hnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als
+Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier fhrt zur Entartung, und
+Entartete lassen sich einen unumschrnkten Herrscher gefallen. Aber der
+schwedische Knig, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafr
+Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschrnkte Macht.
+Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap.
+40). Vielleicht haben Sdgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das
+Miverstndnis verschuldet. Steigerung gegenber der Knigsmacht der
+Goten!
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+_Jenseits_ nrdlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine
+{~GREEK SMALL LETTER THETA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} {~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER EPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}{~GREEK SMALL LETTER GAMMA~}{~GREEK SMALL LETTER UPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH PERISPOMENI~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom
+Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der
+Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, da man ihre Rosse
+und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende
+Sonne erklingt nach altem Glauben. "Tnend wird fr Geistesohren schon der
+neue Tag geboren ... welch Getse bringt das Licht!" (Faust). _Nun denn_:
+der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend ber. Die _rechte_ Kste
+ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _stier_ sind die Litauer;
+erst spter geht der Name auf die finnischen Esthen ber. Das Folgende
+zeigt gerade, da die stier keine Germanen sind; die hnlichkeit mit der
+britannischen Sprache wohl nur zufllig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck,
+wird ber die "Bernsteinwege" zu Land und zur See nach Sdeuropa gebracht.
+Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, da von den
+Enden der Welt kostbare Schtze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das
+Glnzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ stlich von den
+Suionen sind Finnen (Kvnen; Anklang an gotisches _qns_, Weib, _queen_):
+daher der Bericht ber die Frauenherrschaft. Hhepunkt der Steigerung:
+Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschrnkter regiert, immer mrchenhafter
+bis zur Frauenherrschaft.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+_Peuciner_ ein anderer Name fr die Bastarner, das stlichste Germanenvolk
+(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumndung), auch das zuerst,
+schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_
+Wenden, das germanische Wort fr Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung
+bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen
+"Hirschartige", die _Oxioner_ "Ochsenartige" sein, vielleicht nach den
+Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
+
+
+
+
+ [Illustration: Karte zu Tacitus' Germania]
+
+
+
+
+ Druck der Spamerschen
+ Buchdruckerei, Leipzig
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Wrter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wrter.
+
+Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.
+
+Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:
+
+ Seite 45: "Gttinen" gendert in "Gttinnen"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 29, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 39573-8.txt or 39573-8.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
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+ Section 1.
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+ 1.A.
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+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
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+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
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+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
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+
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+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
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+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
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+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
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+ Section 5.
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
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+***FINIS***
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+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 2.00em">The Project
+ Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus</p>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This eBook is
+ for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+ restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use
+ it under the terms of the Project Gutenberg License <a href=
+ "#pglicense" class="tei tei-ref">included with this eBook</a> or
+ online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a></p>
+ </div>
+ <pre class="pre tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+Title: Die Germania
+
+Author: Cornelius Tacitus
+
+Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+</pre>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"></div>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
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+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/cover.jpg" alt="Illustration: Einband" /></div>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center">
+ <div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name=
+ "Pg001" id="Pg001" class="tei tei-anchor" style=
+ "text-align: center"></a> <span class="tei tei-docTitle" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-titlePart" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 173%">Die
+ Germania</span></span></span><br />
+ <br />
+ <span class="tei tei-titlePart" style=
+ "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style=
+ "text-align: center"><span style=
+ "font-size: 120%">des</span></span><br />
+ <br />
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 144%">Cornelius Tacitus</span></span></span></span><br />
+ <br />
+ <br />
+ <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center">Mit einer
+ Karte</span><br />
+ <br />
+ <br />
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/signet.png" alt="Illustration: Verlagssignet" /></div><br />
+ <br />
+
+ <div class="tei tei-byline" style="text-align: center">
+ Übersetzung von Paul Stefan
+ </div><br />
+ <br />
+ <span class="tei tei-docImprint" style="text-align: center">Im
+ <span class="tei tei-publisher" style=
+ "text-align: center">Insel-Verlag</span> zu <span class=
+ "tei tei-pubPlace" style="text-align: center">Leipzig</span></span>
+
+ <div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name=
+ "Pg002" id="Pg002" class="tei tei-anchor" style=
+ "text-align: center"></a>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-body" style=
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+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page3">[pg 3]</span><a name="Pg003" id=
+ "Pg003" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf1" id="pdf1"></a>
+
+ <div id="cap01" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf2" id="pdf2"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm01" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 1</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ganz Germanien
+ scheiden die Ströme Rhein und Donau vom gallischen und
+ rätisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden
+ Gebirge oder das Mißtrauen hüben und drüben die Grenze. Das übrige
+ umfließt in weiten Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln
+ umfangend; dort sind einige Völkerschaften und Herrscher neulich
+ bekannt geworden, die ein Kriegszug erschloß. Der Rhein entspringt
+ einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen Alpen, wendet sich in
+ mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins nördliche Meer. Die
+ Donau strömt in dem sanft und gemächlich ansteigenden Gebirgszug
+ Abnoba hervor und kommt an mancherlei Völker heran, bis sie ins
+ Pontische Meer in sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter
+ Auslauf verliert sich in Sümpfen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap02" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf3" id="pdf3"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm02" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 2</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Volk der
+ Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar nicht
+ berührt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stämmen. Denn nicht
+ zu Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die
+ Wanderer, die einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche
+ Meer dort droben, in eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen
+ Fahrzeuge aus unserem Erdkreis kaum. Und wer hätte denn auch,
+ ungerechnet die Gefahr auf dem schauerlichen, unbekannten Meere,
+ Asien, Afrika oder Italien verlassen und nach Germanien ziehen
+ mögen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, wüst zu
+ bewohnen und anzuschauen für alle, die da nicht heimisch sind?</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie feiern in
+ alten Liedern, den einzigen Denkmälern ihrer Überlieferung und
+ Geschichte, einen erdgeborenen Gott <span class="tei tei-pb" id=
+ "page4">[pg 4]</span><a name="Pg004" id="Pg004" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Tuisto und seinen Sohn Mannus, den Urvater und
+ Begründer ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach denen
+ die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im Innern Herminonen,
+ die übrigen Istävonen genannt würden. Andere behaupten (spielt doch
+ hier fernste Sage und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also
+ auch mehr Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben,
+ Vandilier, und das seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei
+ ziemlich neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die
+ den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben, jetzt Tungrer,
+ seien damals Germanen genannt worden, und allmählich habe sich der
+ Name eines einzelnen Stammes und nicht eines Volkes behauptet. So
+ nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung zuliebe, der
+ großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und daß die ihn dann
+ angenommen und sich wirklich Germanen genannt hätten.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap03" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf4" id="pdf4"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm03" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 3</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es heißt auch,
+ daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm als dem
+ ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art
+ Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, <span class=
+ "tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">barditus</span></span> genannt, sie befeuert,
+ ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang ahnen
+ läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es
+ durch die Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht so sehr der Hall
+ ihrer Stimmen als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein
+ jäh abbrechendes Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den
+ Mund halten, daß die Stimme rückprallend noch voller und tiefer
+ schwelle.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch auch
+ Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen <span class=
+ "tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name="Pg005" id="Pg005"
+ class="tei tei-anchor"></a>sagenreichen Irrfahrt, in jenes Nordmeer
+ verschlagen, germanische Länder betreten; Asciburgium, am Ufer des
+ Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von ihm gegründet und
+ benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet, auch den
+ Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben
+ Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmäler mit
+ griechischer Schrift gäbe es in der germanisch-rätischen Grenzmark
+ noch heute. Dies alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe
+ ich nicht im Sinn: man schenke oder versage dem Glauben, wie es
+ jedem beliebt.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap04" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf5" id="pdf5"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">4</span></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Selber schließe
+ ich mich denen an, die Germaniens Stämme, rein und vor jeglicher
+ Mischung mit Fremden bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes,
+ keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet
+ der großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue
+ trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und
+ ungestümem Drängen taugend; mühsamer Arbeit sind sie nicht in
+ gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze können sie gar nicht
+ vertragen, Kälte aber und Hunger sind sie in ihren Breiten, auf
+ ihrem Boden gewohnt.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap05" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf6" id="pdf6"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm05" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 5</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Land sieht
+ wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben starrt
+ schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche Sümpfe. Es ist feuchter
+ gegen Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut
+ trägt es, Fruchtbäume gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist
+ unansehnlich. Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen
+ und ihren Schmuck an der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut,
+ <span class="tei tei-pb" id="page6">[pg 6]</span><a name="Pg006"
+ id="Pg006" class="tei tei-anchor"></a>nur sie bildet das einzige
+ und ein sehr geschätztes Vermögen. Silber und Gold haben die Götter
+ ihnen nicht vergönnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte
+ ich nicht behaupten, daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes
+ berge; wer hätte danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen,
+ macht ihnen jedesfalls nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes
+ Gerät sehen (wie es ihre Gesandten und Fürsten als Geschenk
+ erhalten), das sie nicht höher achten als irdenes. Nur die
+ Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und Silber zu schätzen,
+ erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als echt an und geben
+ ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen alten
+ Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte
+ gern, die Münzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann.
+ Auch halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus
+ besonderer Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von
+ Silbermünzen besser dient, wenn sie allerhand wohlfeile Ware
+ erhandeln.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap06" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf7" id="pdf7"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm06" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 6</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Selbst Eisen
+ haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff zeigen.
+ Wenige führen Schwerter oder längere Spieße; meist brauchen sie
+ Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze,
+ aber so scharf und so handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach
+ Bedürfnis, im Nah- wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter
+ begnügt sich mit Schild und Frame, das Fußvolk schleudert auch
+ Geschosse, jeder gleich mehrere, und wirft, nackt oder nur im
+ leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung prunkt nicht; nur
+ die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den buntesten Farben.
+ Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur einer und der
+ andere. Die Pferde sind nicht durch Schön<span class="tei tei-pb"
+ id="page7">[pg 7]</span><a name="Pg007" id="Pg007" class=
+ "tei tei-anchor"></a>heit, nicht durch Geschwindigkeit
+ ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu vielerlei
+ Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt nur
+ einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand
+ zurückbleibt. Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk; darum
+ streitet auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fußvolk,
+ aus der gesamten Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam
+ anpaßt, vor der übrigen Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es
+ sind ihrer hundert aus jedem Gau, und Hunderter heißen sie bei den
+ Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist nun Name und Ehrenname
+ geworden.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Hauptmacht
+ wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn man nur
+ wieder vordringt, eher für klug und nicht als Feigheit. Ihre
+ Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit.
+ Den Schild im Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart
+ Ehrloser darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher,
+ der im Kriege davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge
+ beendet.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap07" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf8" id="pdf8"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm07" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 7</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Könige wählt man
+ nach ihrem Adel, Führer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch der Könige
+ Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkür, und die Führer
+ wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie
+ überall zur Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne
+ kämpfen und zur Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen nicht
+ erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja
+ selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur Priester, gleichsam als
+ geschähe es nicht zur Strafe noch <span class="tei tei-pb" id=
+ "page8">[pg 8]</span><a name="Pg008" id="Pg008" class=
+ "tei tei-anchor"></a>auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen
+ auf Geheiß der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den
+ Streitenden waltet. So nehmen sie auch Bilder und gewisse
+ Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein besonders
+ wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht ein Ungefähr,
+ nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen
+ läßt, sondern daß Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind
+ auch für jeden seine Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille
+ Geschrei der Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die
+ heiligsten Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin
+ kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht zurück, zählen
+ und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern Speise und
+ Zuspruch.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap08" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf9" id="pdf9"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm08" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 8</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es ist uns
+ überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon wankende und
+ weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, die Brüste
+ entblößend und auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder
+ hergestellt haben. Denn ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen
+ ganz unerträglich, und das geht so weit, daß Völkerschaften, die
+ unter ihren Geiseln auch adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer
+ gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges,
+ Seherisches zu und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht
+ ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten
+ Vespasianus Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt.
+ Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt,
+ doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie Göttinnen aus
+ ihnen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap09" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page9">[pg 9]</span><a name="Pg009"
+ id="Pg009" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf10" id=
+ "pdf10"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm09" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 9</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unter den
+ Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius; sie glauben, ihm an
+ bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu dürfen. Mars und
+ Herkules versöhnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der
+ Sueben dient auch der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden
+ Anbetung kann ich nicht recht erklären; nur zeigt gerade das
+ Sinnbild, einem Liburnerschiff gleichend, daß sie über die See
+ eingedrungen ist. Übrigens widerstrebt es ihrer Anschauung von der
+ Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu sperren und mit
+ menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen Wälder und Haine
+ und rufen mit Götternamen jene geheime Macht an, die sie nur in
+ entrückter Andacht schauen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap10" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf11" id="pdf11"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm10" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 10</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auf Vorzeichen
+ und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das Verfahren
+ beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden
+ Fruchtbaum zu Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und
+ streuen sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt,
+ wenn in gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in
+ Sachen einzelner, das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Göttern
+ gegen Himmel aufblickend, nacheinander drei Stäbchen auf und deutet
+ sie gemäß dem zuvor eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig,
+ so wird in derselben Sache am gleichen Tage nicht mehr befragt,
+ wenn aber günstig, noch die Bestätigung durch Vorzeichen gefordert.
+ Und zwar ist auch hier geläufig, Vogelstimmen und Vogelflug zu
+ erkunden: eigentümlich aber ist diesem Volke, auch auf die Ahnungen
+ und Warnungen von Pferden zu achten. In den gleichen Hainen und
+ Wäldern, <span class="tei tei-pb" id="page10">[pg
+ 10]</span><a name="Pg010" id="Pg010" class=
+ "tei tei-anchor"></a>deren ich schon gedachte, werden auf Kosten
+ der Gemeinschaft weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit
+ berührt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der
+ Priester mit dem König oder Fürsten geht nebenher und merkt auf ihr
+ Wiehern und Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet größeren
+ Glauben, nicht nur im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen
+ und Priestern. Diese halten sich wohl für die Mittler der Gottheit,
+ die Rosse aber für ihre Vertrauten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dann gibt es
+ noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den Ausgang
+ schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen
+ sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem
+ auserlesenen Kämpfer des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen
+ heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als
+ Vorbedeutung.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap11" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf12" id="pdf12"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm11" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 11</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Über geringere
+ Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere die Gesamtheit, jedoch
+ so, daß auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fürsten
+ vorbesprochen wird. Sie kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall
+ eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum
+ Vollmond; denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für
+ den Beginn eines Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie wir die
+ Tage, sondern die Nächte. Darnach wird anberaumt und zugesagt: die
+ Nacht führt gleichsam den Tag herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat
+ das Mißliche, daß sie nicht gleichzeitig und nicht nach dem Geheiß
+ beisammen sind, sondern daß oft ein zweiter, ein dritter Tag mit
+ dem Warten auf Säumige hingeht. So wie es der Schar genehm ist,
+ setzen <span class="tei tei-pb" id="page11">[pg 11]</span><a name=
+ "Pg011" id="Pg011" class="tei tei-anchor"></a>sich alle, in Waffen.
+ Die Priester, die hier auch das Recht zu ahnden haben, gebieten
+ Schweigen. Darauf findet der König oder Fürst Gehör, jeder nach
+ seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und Redevermögen, mehr nach dem
+ Gewicht seines Rates als nach der Macht zu befehlen. Mißfällt der
+ Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt er, so schlagen
+ sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen des
+ Beifalls ist Lob mit den Waffen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap12" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf13" id="pdf13"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm12" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 12</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vor dieser
+ Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht
+ begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen.
+ Verräter und Überläufer hängen sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge
+ und am Körper Geschändete versenken sie in Schlamm und Morast und
+ werfen Flechtwerk darüber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet
+ darauf, daß man Frevel durch die Strafe gleichsam kundtun,
+ Schandtaten verbergen müsse. Aber auch für leichtere Vergehungen
+ gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen werden um eine Anzahl
+ von Pferden und Vieh gebüßt. Ein Teil der Buße wird dem König oder
+ Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhält, oder seinen
+ Verwandten geleistet.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den gleichen
+ Versammlungen werden auch die Fürsten bestimmt, die in Gauen und
+ Dörfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Männer aus dem
+ Volke als Rat und Beistand zur Seite.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap13" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf14" id="pdf14"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">13</span></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nie aber, ob sie
+ nun Geschäfte des Gemeinwesens oder eigene besorgen, erscheinen sie
+ anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen, ehe ihn
+ nicht die Gemeinde <span class="tei tei-pb" id="page12">[pg
+ 12]</span><a name="Pg012" id="Pg012" class="tei tei-anchor"></a>für
+ wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich in der Versammlung
+ entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter den Jüngling
+ mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen Mannes
+ erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr
+ der Gemeinschaft.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vornehme Abkunft
+ oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fürstengunst auch noch
+ nicht Mannbaren. Solche schließen sich dann den übrigen, Älteren,
+ längst schon Bewährten an. Und es ist für niemand beschämend, in
+ einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine
+ Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der
+ Wetteifer der Mannen um den ersten Platz zunächst dem Fürsten, wie
+ auch der Fürsten um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das
+ bringt Würde, bringt Macht: immerzu von einer großen Schar
+ erlesener Jugend umgeben zu sein; im Frieden eine Zier, im Kriege
+ Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem Stamm, sondern auch in
+ den Nachbargauen wird bekannt und berühmt, wer sich durch Zahl und
+ Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er erhält
+ Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap14" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf15" id="pdf15"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">14</span></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Kommt es zum
+ Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten, sich an Tapferkeit
+ übertreffen zu lassen, ein Schimpf fürs Gefolge, es der Tapferkeit
+ des Führers nicht gleichzutun. Höchste Schmach und Schande vollends
+ ist es für das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld zu
+ weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene
+ Heldentat seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eides<span class=
+ "tei tei-pb" id="page13">[pg 13]</span><a name="Pg013" id="Pg013"
+ class="tei tei-anchor"></a>pflicht. Fürsten kämpfen für den Sieg,
+ das Gefolg für den Fürsten.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn ihre Heimat
+ in langem, müßigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige Jünglinge
+ oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg
+ führen. Denn ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der
+ Gefahr finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes
+ Gefolge nur durch Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die
+ Mannen von der Milde des Fürsten das Streitroß und die blutige,
+ siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja die Speisung und grobe, aber
+ reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: solcher Freigebigkeit
+ schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu pflügen und die
+ Jahreszeit abzuwarten, würde sie keiner so leicht überreden; viel
+ eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es dünkt
+ ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut
+ zu gewinnen wäre.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap15" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf16" id="pdf16"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm15" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 15</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn sie nicht
+ Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, häufiger
+ noch müßig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die
+ Tapfersten und Kriegstüchtigsten tun gar nichts und überlassen die
+ Sorge um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht
+ den Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und
+ träge zu. Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz die gleichen
+ Menschen so sehr das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es ist Sitte,
+ daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder für sich, den Fürsten
+ Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch
+ auch dem Bedarf zustatten <span class="tei tei-pb" id="page14">[pg
+ 14]</span><a name="Pg014" id="Pg014" class=
+ "tei tei-anchor"></a>kommt. Besonders freuen sie sich mit
+ Geschenken benachbarter Völker, wie sie nicht nur von einzelnen,
+ sondern auch im Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen
+ Pferden, prächtigen Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben
+ wir sie auch Geld zu nehmen gelehrt.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap16" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf17" id="pdf17"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm16" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 16</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Daß die
+ germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen, ist genugsam bekannt,
+ auch daß sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie bauen
+ ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein
+ Gehölz gefällt. Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer
+ Art mit verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder für sich
+ umgibt sein Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen
+ Feuersgefahr, vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht.
+ Selbst Bruchsteine und Ziegel sind ihnen unbekannt; überall
+ verwenden sie ungefüges Holz, unbekümmert um Gefallen und Ansehn.
+ Doch überstreichen sie einzelne Stellen recht sorgfältig mit einer
+ Erdart von so reinem Glanz, daß es wie Bemalung und farbige
+ Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Höhlen und legen
+ eine dichte Dungschicht darüber hin: als Zuflucht für den Winter
+ und als Vorratsspeicher. Denn solche Räume mildern die strengen
+ Fröste; und fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar,
+ was offen daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhält
+ er nicht Kunde, oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst
+ suchen müßte.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap17" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf18" id="pdf18"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm17" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 17</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Überwurf
+ tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie
+ mangelt, von einem Dorn zusammen<span class="tei tei-pb" id=
+ "page15">[pg 15]</span><a name="Pg015" id="Pg015" class=
+ "tei tei-anchor"></a>gehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen sie
+ ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein
+ Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit
+ herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten läßt.
+ Man trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen ziemlich achtlos;
+ weiter im Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen
+ kein Handel anderen Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und
+ verbrämen die abgezogenen Hüllen mit dem gefleckten Fell von
+ Tieren, die am Nordmeer und an unbekannten Gestaden daheim sind.
+ Frauen tragen sich nicht anders als Männer; nur gehen sie
+ gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten Säumen verziert
+ sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel aus; Schultern und
+ Arme sind bloß, aber auch ein Teil der Brust bleibt unverhüllt.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap18" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf19" id="pdf19"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm18" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 18</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch ihre
+ Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung wohl am
+ meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnügt
+ sich jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Männern abgesehen, die
+ nicht ihre Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen
+ Stellung mehrfach umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die
+ Frau dem Manne, sondern der Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern
+ und Verwandte ein und prüfen die Geschenke. Geschenke aber, die
+ nicht als Weibertand noch zum Schmuck für die Neuvermählte dienen
+ sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes Roß und ein Schild samt
+ Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der Mann die Frau
+ entgegen, und dafür bringt sie selber dem Mann auch ein Rüststück
+ zu: dies gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime Weihe,
+ <span class="tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pg016"
+ id="Pg016" class="tei tei-anchor"></a>dies als Segen der Ehegötter.
+ Auf daß sich das Weib nicht fremd in einer Welt von Männergedanken
+ und wechselndem Kriegsglück erachte, wird es schon am feierlichen
+ Beginn der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in Mühsal und Gefahr
+ gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu dulden und
+ mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann, das gerüstete Roß,
+ die dargereichten Waffen. So müsse sie leben, so in den Tod gehen;
+ was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen
+ wiedergeben, daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch
+ die Enkel erbten.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap19" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf20" id="pdf20"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm19" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 19</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So leben die
+ Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den
+ Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und
+ von geheimen Briefschaften weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten
+ kommt es in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die
+ Strafe unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem
+ Haar, entblößt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus
+ dem Hause und peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und für
+ preisgegebene Keuschheit gibt es keine Verzeihung: nicht Schönheit,
+ nicht Jugend, nicht reiche Habe könnte ihr einen Mann gewinnen.
+ Denn dort lacht niemand über das Laster, und Verführen und
+ Sichverführenlassen heißt nicht <span class="tei tei-q">„der Geist
+ der Zeit“</span>. Besser steht es gewiß noch um Völkerschaften, bei
+ denen nur Jungfrauen heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde
+ der Ehefrau einmal für immer abschließen. So erhalten sie einen
+ Mann, wie sie einen Leib und ein Leben erhalten haben, auf daß sich
+ kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren <span class="tei tei-pb"
+ id="page17">[pg 17]</span><a name="Pg017" id="Pg017" class=
+ "tei tei-anchor"></a>weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den
+ Ehegemahl, sondern die Ehe selber lieben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Zahl der
+ Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes zu töten, gilt als
+ verruchte Tat; mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute
+ Gesetze.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap20" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf21" id="pdf21"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm20" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 20</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In jedem Hause
+ wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Größe, zu diesem
+ Wuchs heran, über den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene
+ Mutter die Brust, und es wird nicht Mägden und Ammen überlassen.
+ Freie scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen
+ wie die anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum,
+ bis das Alter die Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich
+ macht. Spät erfahren junge Männer die Lust; daher ihre unerschöpfte
+ Kraft. Auch die Mädchen werden nicht gedrängt; in gleicher Jugend,
+ von ähnlicher Gestalt, ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben
+ sie sich dem Gemahl, und von der Stärke der Eltern zeugen die
+ Kinder.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Schwestersöhne
+ sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche halten
+ dieses Blutsverhältnis noch für heiliger und enger und fordern,
+ wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als hätten sie
+ damit das Gewissen stärker und die Familie in weiterem Kreise
+ verpflichtet. Erben aber und Nachfolger sind jedem die eigenen
+ Kinder, und es gibt kein Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen
+ im nächsten Glied die Brüder, Väter- und Mütterbrüder. Je mehr
+ Blutsverwandte, je weiter die Verschwägerung, desto freundlicher
+ das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat keine Lockungen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap21" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name="Pg018"
+ id="Pg018" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf22" id=
+ "pdf22"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">21</span></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Erbe muß
+ auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten übernehmen,
+ gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht unversöhnlich
+ fort: sühnt man doch selbst den Totschlag durch eine bestimmte
+ Anzahl von Groß- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die
+ Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+ Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Für Gelage und
+ Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose Neigung.
+ Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt
+ als Frevel; je nach Vermögen rüstet jeder dem Fremden das Mahl.
+ Wenn das Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem
+ anderen Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie
+ ungeladen ins nächste Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher
+ Freundlichkeit werden sie aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im
+ Gastrecht unterscheidet man nicht. Beim Abschied gehört es sich,
+ dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa ausbittet, und eine
+ Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die Geschenke machen
+ ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an, und was sie
+ empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet
+ Gastfreund an Gastfreund.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap22" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf23" id="pdf23"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm22" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 22</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gleich vom
+ Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen) baden
+ sie, öfters warm, weil es bei ihnen die längste Zeit Winter ist.
+ Auf das Bad folgt ein Imbiß; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz
+ und seinen eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder
+ auch, nicht minder häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und
+ <span class="tei tei-pb" id="page19">[pg 19]</span><a name="Pg019"
+ id="Pg019" class="tei tei-anchor"></a>Nacht durchzuzechen, bringt
+ keinem Schande. Häufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und
+ der bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden
+ und Totschlag. Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind,
+ neue Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und
+ Frieden wird gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner
+ anderen Zeit der Sinn unbeeinflußter Überlegung besser zugänglich
+ wäre oder leichter entflammt für große Gedanken. Ein Volk ohne Arg
+ und Falsch, eröffnet es noch die Geheimnisse seiner Brust bei
+ ungezwungenen Scherzen. Haben nun alle ihre Meinung ohne Rückhalt
+ aufgedeckt, so wird sie am nächsten Tag noch einmal geprüft, und
+ jeder Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten, wenn sie keiner
+ Verstellung fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren
+ können.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap23" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf24" id="pdf24"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm23" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 23</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihr Getränk ist
+ ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein vergoren. An
+ der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach, wilde
+ Früchte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne
+ Würzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie
+ nicht die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete
+ und ihnen zu trinken verschaffte, so viel sie begehren, der könnte
+ sie einmal durch ihre Ausschweifung fast leichter als mit
+ bewaffneter Hand überwinden.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap24" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf25" id="pdf25"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">24</span></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es gibt nur eine
+ Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich. Nackte
+ Jünglinge, die es zum Vergnügen tun, schwingen sich im Tanz
+ zwischen Schwertern und drohenden Framen. Übung hat sie gewandt
+ gemacht, Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und
+ Lohn: <span class="tei tei-pb" id="page20">[pg 20]</span><a name=
+ "Pg020" id="Pg020" class="tei tei-anchor"></a>ihres so verwegenen
+ Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwürdig sind
+ sie beim Würfeln, treiben es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft,
+ und mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie,
+ wenn alles hin ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und
+ Leben setzen. Und wer verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch
+ jünger und stärker, er läßt sich geduldig binden und verkaufen. Das
+ ist ihr Starrsinn noch am verkehrten Ende: sie aber nennen es
+ Treue. Sklaven dieser Art übergeben sie dem Handel, um auch selbst
+ der Beschämung über den Gewinn ledig zu werden.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap25" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf26" id="pdf26"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm25" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 25</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre andern
+ Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem
+ Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am
+ eigenen Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an
+ Getreide, Vieh oder Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so
+ weit geht die Pflicht des Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des
+ Herrenhauses die Frau und die Kinder. Daß der Sklave gepeitscht,
+ gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft wird, ist selten. Eher noch
+ schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe oder aus Strenge,
+ sondern im aufwallenden Jähzorn: wie einen Feind, nur daß es hier
+ ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel höher als
+ Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluß im Haus, nie in der
+ Gemeinde, ausgenommen bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind.
+ Dort nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen und selbst
+ über Adelige empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbürtigkeit der
+ Freigelassenen für die Freiheit des Volkes.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap26" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name="Pg021"
+ id="Pg021" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf27" id=
+ "pdf27"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm26" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 26</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Geld auf Zins zu
+ verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und darum
+ besser verhütet, als wenn es verboten wäre.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ackerland wird,
+ entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von der
+ Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß besetzt und dann jedesmal unter
+ die einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde
+ macht solche Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr
+ für Jahr, und noch immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit
+ wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres
+ Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten anlegen, Wiesen ausscheiden,
+ Gärten bewässern würden; einzig Getreide fordern sie der Erde ab.
+ Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere vier Zeiten; nur
+ für Winter, Frühling und Sommer haben sie den Begriff und die
+ Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap27" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf28" id="pdf28"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm27" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 27</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet,
+ daß man die Reste bedeutender Männer mit Holz von bestimmten Arten
+ verbrenne. Auf den Holzstoß häufen sie nicht Teppiche noch
+ Räucherwerk; immer werden die Waffen, zuweilen auch das Streitroß
+ ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhügel bildet das Grab. Ragender
+ Denkmäler kunstreiche Pracht verschmähen sie, als drückend für die
+ Verstorbenen. Von Klagen und Tränen lassen sie bald, von Schmerz
+ und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Männern
+ Erinnerung.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So viel habe ich
+ allgemein über Herkunft und Sitten des ganzen Germanenvolkes
+ erfahren. Nun will ich die <span class="tei tei-pb" id="page22">[pg
+ 22]</span><a name="Pg022" id="Pg022" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Unterschiede in den Einrichtungen und Bräuchen
+ der einzelnen Stämme und die Einwanderungen aus Germanien ins
+ gallische Land erörtern.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap28" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf29" id="pdf29"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm28" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 28</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Daß Galliens
+ Macht vorzeiten größer war, meldet der beste Gewährsmann, der
+ erlauchte Julius [Cäsar]; und so darf man wohl glauben, daß auch
+ Gallier nach Germanien hinübergedrungen sind. Denn welch geringes
+ Hindernis bot nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im
+ Gefühl seiner Macht, her- und hinüber zog und da blieb, wo das Land
+ noch frei und zu keinem Bereich abgegrenzt war? So haben denn in
+ dem Land zwischen Herzynischem Wald und Rhein- und Mainstrom die
+ Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt, beides gallische
+ Stämme. Noch lebt der Name <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Boihaemum</span></span> und gemahnt an die
+ Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt
+ haben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ob aber die
+ Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem Gebiet,
+ oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien
+ eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch
+ heute gleiche Sprache, gleiche Satzung und Bräuche): denn die
+ nämliche Armut und Freiheit bot einst an beiden Ufern des
+ Grenzstromes genau so viel Vorteil wie Nachteil.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Treverer und
+ Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem Stolz ihre germanische
+ Abkunft, als würde solcher Adel des Blutes eine Ähnlichkeit mit den
+ erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen
+ unzweifelhaft germanische Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja
+ selbst die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der
+ römischen Kolonien erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin
+ <span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pg023"
+ id="Pg023" class="tei tei-anchor"></a>Agrippiner nennen hören,
+ schämen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon
+ vorzeiten herübergekommen und wurden dann zum Lohn bewährter Treue
+ gerade am Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als
+ Bewachte.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap29" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf30" id="pdf30"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm29" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 29</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An Tapferkeit
+ überragen die Bataver alle diese Stämme. Sie bewohnen nur einen
+ kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und
+ waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist
+ von der Heimat löste und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten
+ sie dem Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die
+ Auszeichnung alter Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein
+ Tribut entwürdigt sie, kein Steuerpächter saugt sie aus; frei von
+ Lasten und Abgaben, nur dem Dienst im Kriege vorbehalten, werden
+ sie wie Wehr und Waffen für den Kampf aufgespart. In gleicher
+ Abhängigkeit steht auch das Volk der Mattiaker; hat doch das
+ mächtige Römertum über den Rhein und über die alten Grenzen hinaus
+ sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in
+ eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält
+ sie bei uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch der
+ Boden und Himmel der Heimat helleren Mut weckt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nicht unter die
+ germanischen Völker möchte ich, wiewohl sie jenseits von Rhein und
+ Donau ansässig sind, jene zählen, die das Zehntland bebauen:
+ gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stück von
+ dem Boden ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall
+ angelegt, sind Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das
+ Gebiet ein Vorland des Reichs und einen Teil der Provinz.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap30" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pg024"
+ id="Pg024" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf31" id=
+ "pdf31"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm30" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 30</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Weiter hinaus
+ wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald, nicht
+ so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen
+ Flachland; immer wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich
+ spärlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und
+ setzt sie dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von
+ gedrungenem Gliederbau, trotzigen Mienen und besonders lebhaftem
+ Geist. Für Germanen zeigen sie viel Verstand und Gewandtheit. Sie
+ wissen ihre Führer zu wählen, auf das Wort der Obern zu hören, Reih
+ und Glied zu wahren, den Augenblick zu erspähen, mit dem Angriff
+ zurückzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich für die Nacht zu
+ sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glück, sondern
+ erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und
+ nur einer strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als
+ die Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie außer den
+ Waffen auch Schanzzeug und Vorräte mitgeben. Andere Völker ziehen
+ in die Schlacht, die Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten
+ kommt es zu Streifzügen und planlosem Gefecht. Und wirklich taugt
+ es mehr für Reiterkräfte, rasch einen Sieg zu gewinnen, rasch zu
+ entweichen. Aber Hast steht der Furcht gar nah, Bedachtsamkeit dem
+ besonnenen Mute.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap31" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf32" id="pdf32"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style=
+ "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">31</span></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was sich auch
+ bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck vereinzelten Wagemuts
+ findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald
+ sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und
+ tragen sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet
+ haben; <span class="tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name=
+ "Pg025" id="Pg025" class="tei tei-anchor"></a>das ist ihr Gelübde,
+ gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen Beute
+ enthüllen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis für
+ ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Väter verdient zu
+ haben. Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust.
+ Ein rechter Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem
+ Volk sonst ein Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie
+ sich erst, wenn er einen Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten
+ gefallen sich in solchem Aufzug und sind darin grau geworden,
+ berühmt und Feinden wie Freunden bekannt. Diese sinds, die jeden
+ Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe, ein überwältigender
+ Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht milder
+ geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine
+ Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in
+ fremdem Gut, unbekümmert um eigenes, bis dann schließlich das
+ blutlose Alter zu so harter Tugend unfähig macht.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap32" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf33" id="pdf33"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm32" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 32</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Den Chatten
+ zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen Lauf
+ hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die
+ Tenkterer zeichnen sich außer durch den gewohnten Kriegsruhm durch
+ ihre trefflich geübte Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten
+ gebührt kein größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben
+ sie von den Vätern her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück.
+ Reiten ist das Spiel der Kinder, Männer üben es um die Wette,
+ Greise lassen nicht nach. Neben Gesinde und Gehöft und den Rechten
+ der Nachfolge werden die Pferde vererbt: doch erhält sie nicht, wie
+ das übrige Gut, der älteste Sohn, sondern der streitbarste, der
+ bessere Kämpe.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap33" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page26">[pg 26]</span><a name="Pg026"
+ id="Pg026" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf34" id=
+ "pdf34"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm33" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 33</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Neben den
+ Tenkterern traf man früher die Brukterer. Jetzt sollen da Chamaver
+ und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch einen
+ Zusammenschluß der Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet,
+ sei es aus Haß gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden
+ Beute, oder weil uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten
+ uns sogar, dem Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über
+ sechzigtausend sind nicht der Römer Wehr und Waffen, sondern, was
+ weit herrlicher ist, uns zur Freude und Augenweide erlegen. Bliebe
+ nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen Völkern, wenn schon nicht
+ Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Haß gegeneinander; denn nichts
+ Größeres kann uns in des Reiches drängendem Verhängnis das
+ Schicksal gewähren als unserer Feinde Zwietracht.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap34" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf35" id="pdf35"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm34" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 34</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An die
+ Angrivarier und Chamaver schließen sich im Rücken Dulgubiner und
+ Chasuarier an und andere nicht sonderlich häufig genannte Völker.
+ Vorne nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heißen Groß- und
+ Kleinfriesen nach dem Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis
+ ans Meer der Rhein; auch wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die
+ auch schon römische Flotten drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben
+ wir uns dort gewagt. Und es ist die Sage verbreitet, daß da noch
+ Säulen des Herkules stehen: sei es, daß Herkules wirklich hinkam
+ oder daß wir alles Großartige, wo sichs auch finde, auf seinen Ruhm
+ zurückzuführen gewohnt sind. An Kühnheit hat es dem Drusus
+ Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die
+ Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand
+ versucht; <span class="tei tei-pb" id="page27">[pg
+ 27]</span><a name="Pg027" id="Pg027" class="tei tei-anchor"></a>es
+ schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu
+ glauben, als um sie zu wissen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap35" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf36" id="pdf36"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm35" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 35</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So weit gegen
+ Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in
+ ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst findet sich hier das Volk
+ der Chauken; obwohl es schon nächst den Friesen beginnt und noch
+ einen Teil der Küste innehat, zieht es sich auch in der Flanke
+ aller hier beschriebenen Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis
+ zu den Chatten. Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken
+ nicht nur in ihrem Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein
+ Volk, das unter den Germanen in höchstem Ansehen steht und es dabei
+ vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen. Ohne Habgier,
+ ohne unbändige Herrschsucht leben sie ruhig für sich und reizen
+ keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben und plündern keinem sein
+ Gut. Es ist das höchste Zeugnis für ihre Tapferkeit und Stärke, daß
+ sie ihre überlegene Macht keinem Übergriff danken. Doch haben sie
+ alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein
+ Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten,
+ bleibt ihnen ihr Ruf.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap36" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf37" id="pdf37"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm36" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 36</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zur Seite der
+ Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten einen
+ allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen
+ mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen
+ unbändigen, mächtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht
+ gilt, darf sich nur der Überlegene friedlich und redlich nennen. So
+ heißen die Cherusker, einst als die Wackeren, Gerechten bekannt,
+ jetzt Weichlinge und Toren; den siegreichen Chatten wurde ihr Glück
+ als Weis<span class="tei tei-pb" id="page28">[pg 28]</span><a name=
+ "Pg028" id="Pg028" class="tei tei-anchor"></a>heit gedeutet.
+ Mitgerissen vom Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr
+ Nachbarvolk. Im Glück die Geringeren, sind sie nun rechte Gefährten
+ des Mißgeschicks.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap37" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf38" id="pdf38"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm37" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 37</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der gleichen
+ Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst dem Nordmeer, sitzen die
+ Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. Von
+ ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle
+ und Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge des Heeres
+ und Volks und für die so mächtige Wanderung Zeugnis gibt.
+ Sechshundertvierzig Jahre stand unsere Stadt, als uns zuerst die
+ Waffen der Kimbern erdröhnten; unter den Konsuln Caecilius Metellus
+ und Papirius Carbo. Zählt man von da bis zum zweiten Konsulat des
+ Imperators Trajan, so sind das etwa zweihundertundzehn Jahre; so
+ lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf dieser langen Zeit
+ hüben und drüben vielfach Verluste! Nicht der Samnite, nicht die
+ Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht
+ haben öfter zu schaffen gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei
+ droht der Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten
+ vorhalten als den erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von
+ einem Ventidius niedergeworfen, den Pacorus hingeben mußte!
+ Germanen aber haben den Carbo und Lucius Cassius, den Scaurus
+ Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus Mallius geschlagen oder
+ gefangen, also fünf konsularische Heere dem römischen Volke, und
+ den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar geraubt; und
+ nicht ohne Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der erlauchte
+ Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+ <span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pg029"
+ id="Pg029" class="tei tei-anchor"></a>Land geschlagen. Hernach sind
+ die gewaltigen Rüstungen des C. Caesar lächerlich ausgegangen.
+ Seitdem war Ruhe, bis daß sie, die Gelegenheit unseres Zwistes und
+ Bürgerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der Legionen stürmten
+ und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder abgeschlagen;
+ aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert als gesiegt.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap38" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf39" id="pdf39"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm38" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 38</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nunmehr spreche
+ ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und Tenkterer,
+ ein einheitliches Volk, sondern haben den größeren Teil Germaniens
+ inne und zerfallen zudem noch in besondere Völkerschaften mit
+ eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heißen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein
+ Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in einen Knoten
+ geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den
+ übrigen Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten.
+ Dergleichen kommt auch bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf
+ Grund einer Verwandtschaft mit den Sueben, vielleicht, wie das ja
+ oft geschieht, als Nachahmung, ist jedoch selten und bleibt auf die
+ Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber streichen sie noch, wenn sie
+ grau sind, das widerstrebende Haar zurück und binden es, oft gerade
+ über dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch kunstvoller
+ hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; denn
+ nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher
+ Sorgfalt schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und
+ schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap39" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf40" id="pdf40"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm39" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 39</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Für die Ältesten
+ und Edelsten unter den Sueben geben <span class="tei tei-pb" id=
+ "page30">[pg 30]</span><a name="Pg030" id="Pg030" class=
+ "tei tei-anchor"></a>sich die Semnonen aus; der Glaube an ihr hohes
+ Alter wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu bestimmten Zeiten
+ sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und Schauer der
+ Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch Abordnungen
+ vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft
+ eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine
+ andere Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in
+ Fesseln betreten, gleichsam als Untertan, und um von der Macht des
+ Gottes zu zeugen. Fällt einer zu Boden, so darf er sich nicht
+ erheben noch aufrichten lassen, sondern muß sich auf der Erde
+ hinauswälzen. Das ganze Treiben deutet darauf, daß dort die Wiege
+ des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, und alles andere
+ untergeordnet und abhängig. Bestärkt wird diese Meinung durch das
+ Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei solcher
+ Größe ihrer Körperschaft halten sie sich für das Haupt der
+ suebischen Völker.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap40" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf41" id="pdf41"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm40" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 40</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dafür ehrt die
+ Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mächtigen Völkern
+ eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwürfigkeit, sondern
+ in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen,
+ Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch
+ Flüsse oder Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu
+ bemerken; gemeinsam verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter
+ Erde; diese, so meinen sie, mische sich in das Treiben der Menschen
+ und komme von Volk zu Volk gefahren. Es ruht auf einer Insel im
+ Nordmeer ein heiliger Hain; darin steht ein geweihter Wagen, mit
+ einer Hülle bedeckt, und nur <span class="tei tei-pb" id=
+ "page31">[pg 31]</span><a name="Pg031" id="Pg031" class=
+ "tei tei-anchor"></a>der Priester darf ihn berühren. Er merkt die
+ Gegenwart der Göttin im Heiligtum und geleitet ehrfürchtig ihren
+ mit Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage froh und festlich
+ die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich zu weilen
+ geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen;
+ verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie
+ Ruhe und Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der
+ Priester dann wieder die Göttin, des Umgangs mit sterblichen
+ Menschen ersättigt, in ihren heiligen Bezirk zurückbringt. Dann
+ wird der Wagen, seine Umhüllung und – wenn man es glauben darf –
+ die Göttin selbst in einem unzugänglichen See genetzt. Sklaven
+ helfen beim Dienst, die alsbald der nämliche See verschlingt. Daher
+ das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was nur
+ Todgeweihte erschauen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap41" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf42" id="pdf42"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm41" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 41</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und dieser Teil
+ der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Länder Germaniens
+ hin. Näher – um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau zu
+ folgen – haust das Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum
+ ist ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der
+ Ufergrenze, sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der
+ glänzendsten Kolonie der rätischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen,
+ kommen sie ohne Aufsicht herüber, und während wir den übrigen
+ Stämmen nur unsere Waffen und Lagerplätze zeigen, haben wir diesen
+ ohne ihr Begehren unsere Häuser und Landsitze geöffnet. Im Lande
+ der Hermunduren entspringt die Elbe, einst ein vielgerühmter,
+ bekannter Strom; jetzt hört man nur eben von ihm.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap42" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page32">[pg 32]</span><a name="Pg032"
+ id="Pg032" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf43" id=
+ "pdf43"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm42" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 42</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nächst den
+ Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen und
+ Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch
+ ihr Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer
+ vertrieb. Doch schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art;
+ und dies ist gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau.
+ Markomannen und Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Könige vom
+ heimischen Stamm behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht.
+ Jetzt fügen sie sich auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt
+ ihren Königen vom römischen Ansehen. Selten werden sie von unseren
+ Waffen, öfter durch Geld unterstützt; es tut ihnen nicht
+ Eintrag.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap43" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf44" id="pdf44"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm43" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 43</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Noch weiter ab
+ von uns schließen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier im
+ Rücken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner
+ und Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner
+ verraten durch ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische
+ Sprache, daß sie keine Germanen sind, wie auch durch die Abgaben,
+ die sie ertragen. Einen Teil davon haben ihnen die Sarmater, einen
+ anderen – als einem Fremdvolk – die Quaden auferlegt: dabei fördern
+ die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, noch obendrein Eisen! Alle
+ diese Völker aber halten wenig Flachland besetzt, meist Hochwald,
+ Gipfel und Höhenzüge. Denn mitten durch Suebien zieht als
+ Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der anderen
+ Seite wohnen sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier,
+ mehrere Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die
+ <span class="tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pg033"
+ id="Pg033" class="tei tei-anchor"></a>bedeutendsten zu nennen, die
+ Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Nahanarvaler. Bei den
+ Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. Darin waltet ein
+ Priester in Frauentracht; aber die Götter, die sie nennen, sind
+ nach römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung der
+ Gottheit; ihr Name ist <span class="tei tei-q">„Alken“</span>. Es
+ gibt von ihnen kein Bild, keine Spur führt zu fremden Bräuchen;
+ aber als Brüder werden sie und als Jünglinge verehrt. Die grimmen
+ Harier helfen, obzwar den zuvor aufgezählten Völkern ohnehin
+ überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon wilden Erscheinung
+ zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie schwärzen die Schilde und
+ überfärben sich den Körper; finstere Nächte wählen sie zum Kampf.
+ So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines
+ Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhörten,
+ gleichsam höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem
+ Anprall die Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von
+ Königen, und etwas straffer als andere Germanenstämme, geleitet,
+ doch nicht so, daß ihre Freiheit bedroht wäre. Dann dicht daran,
+ gegen das Meer, die Rugier und Lemovier. All dieser Völker Merkmal
+ ist, daß sie runde Schilde und kurze Schwerter haben und Königen
+ gehorchen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap44" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf45" id="pdf45"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm44" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 44</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Folgen die
+ Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen und
+ auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt,
+ derart, daß jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen
+ bereit ist. Auch bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht
+ reihenweise an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf
+ manchen Flüssen, und setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts,
+ <span class="tei tei-pb" id="page34">[pg 34]</span><a name="Pg034"
+ id="Pg034" class="tei tei-anchor"></a>bald links ein. Bei diesem
+ Volk steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein
+ einziger, gegen den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft
+ unwiderruflichen Rechts auf Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht,
+ wie bei den anderen Germanen, jedem zum Gebrauch freigegeben,
+ sondern ein Wächter hält sie verschlossen; es ist ein Sklave. Denn
+ da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde das Meer; und
+ Waffen in müßigen Händen führen gar leicht zum Mißbrauch. Einen
+ Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen
+ als Waffenhüter zu bestellen, wäre dem König kein Vorteil.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap45" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf46" id="pdf46"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm45" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 45</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jenseits der
+ Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Daß es den
+ Erdkreis abgürtet und schließt, darf man wohl glauben, weil sich
+ dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält,
+ so hell, daß davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar,
+ der aufsteigenden Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann und
+ ihr Strahlenhaupt zu erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht
+ hat, am Ende der Welt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun denn –
+ rechts schlägt das suebische Meer an die Küste der Ästierstämme.
+ Diese haben die Bräuche und das Aussehen der Sueben, ihre Sprache
+ steht der britannischen näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als
+ Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist
+ Schutz und Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch
+ im Feindesgewühl. Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals
+ Keulen. Korn und andere Früchte bauen sie sorgfältiger, als sonst
+ germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie <span class="tei tei-pb"
+ id="page35">[pg 35]</span><a name="Pg035" id="Pg035" class=
+ "tei tei-anchor"></a>suchen auch im Meer und sind unter allen
+ Völkern die einzigen, die den Bernstein (sie nennen ihn
+ <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">glesum</span></span>) an seichten Stellen und
+ am Strande selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein
+ Wesen und seine Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag
+ lange umher wie anderer Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht
+ nach Schmuck schuf ihm seinen Namen. Sie selber gebrauchen ihn
+ nicht; sie sammeln die rohen Stücke, bringen sie unbearbeitet zu
+ Markt und wundern sich über den gezahlten Preis. Indes erkennt man
+ ihn als Baumharz, weil häufig kleine Landtiere, auch geflügelte,
+ durchschimmern, die sich in der flüssigen Masse fangen und, wenn
+ sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen
+ Ländern im Osten, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen,
+ mögen also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens
+ merkwürdig ergiebige Haine und Wälder sein: ihre Säfte werden von
+ den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt und rinnen noch flüssig den
+ kurzen Weg hinab ins Meer; die Gewalt der Stürme treibt dann das
+ Harz hinüber ans andere Gestade. Prüft man den Stoff des Bernsteins
+ im Feuer, so entzündet er sich wie ein Kienspan und nährt eine
+ qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich wieder zu einer
+ Art Pech oder Harz.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An die Suionen
+ reihen sich die Stämme der Sitonen, sonst ähnlich und nur dadurch
+ unterschieden, daß ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen
+ nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.</p>
+ </div>
+
+ <div id="cap46" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <a name="pdf47" id="pdf47"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#anm46" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 46</span></a></span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hier endet denn
+ Suebien. Ob ich nun die Stämme der <span class="tei tei-pb" id=
+ "page36">[pg 36]</span><a name="Pg036" id="Pg036" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Peuciner und der Veneter und Fennen zu den
+ Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich nicht recht. Die
+ Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen in
+ Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen.
+ Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen träge; und
+ Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Mißgestalt
+ geführt. Die Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise
+ angenommen: alles Wald- und Bergland, das sich zwischen Peucinern
+ und Fennen erhebt, durchstreifen sie in räuberischen Haufen. Doch
+ zählt man sie eher noch als Germanen, weil sie feste Wohnungen
+ haben, Schilde tragen und gern als schnelle, rüstige Fußgänger
+ auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die auf ihren
+ Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich wildes,
+ abstoßend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein
+ Heim; Kräuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden
+ ihre Lagerstätte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil
+ Eisen mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise
+ Männer wie Frauen ernähren: diese ziehen überall mit und heischen
+ ihren Teil von der Beute. Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht
+ vor Regen und wildem Getier als ein Schutzdach von verflochtenen
+ Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen zurück, dort bergen sich
+ die Alten. Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, als hinter dem
+ Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und fremdes Gut
+ ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert um Menschen,
+ unbekümmert um Götter haben sie das Schwerste erreicht, selbst auf
+ Wünsche verzichten zu können.</p><span class="tei tei-pb" id=
+ "page37">[pg 37]</span><a name="Pg037" id="Pg037" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Darüber hinaus
+ beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und Oxionen
+ Menschenköpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und Glieder
+ von Tieren. Das ist unverbürgt, und ich will es nicht weiter
+ verfolgen.</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pg038"
+ id="Pg038" class="tei tei-anchor"></a> <a name="toc48" id=
+ "toc48"></a><a name="pdf49" id="pdf49"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Inhalt der Germania</span></h1>
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Allgemeiner Teil (</span><a href=
+ "#cap01" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 144%">1–27</span></a><span style="font-size: 144%">)</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Das Land und seine Bewohner</span></span>
+ (<a href="#cap01" class="tei tei-ref">1–5</a>): Grenzen und
+ Grenzströme (<a href="#cap01" class="tei tei-ref">1</a>) –
+ Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (<a href=
+ "#cap02" class="tei tei-ref">2</a>) – Frühe Besuche aus der Fremde?
+ (<a href="#cap03" class="tei tei-ref">3</a>) – Körperbau als
+ weiterer Beweis der Autochthonie (<a href="#cap04" class=
+ "tei tei-ref">4</a>) – Natur und Erzeugnisse des Landes (<a href=
+ "#cap05" class="tei tei-ref">5</a>).</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Leben und Sitten der
+ Germanen</span></span> (<a href="#cap06" class=
+ "tei tei-ref">6–27</a>): Waffen, Kriegswesen (<a href="#cap06"
+ class="tei tei-ref">6</a>) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen,
+ Frauen (<a href="#cap07" class="tei tei-ref">7</a>) – Frauen im
+ Kampf, heilige Frauen (<a href="#cap08" class="tei tei-ref">8</a>)
+ – Götter (<a href="#cap09" class="tei tei-ref">9</a>) – Lose,
+ Vorzeichen (<a href="#cap10" class="tei tei-ref">10</a>) –
+ Ratsversammlung (<a href="#cap11" class="tei tei-ref">11</a>) –
+ Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (<a href="#cap12"
+ class="tei tei-ref">12</a>) – Wehrhaftmachung, Gefolge (<a href=
+ "#cap13" class="tei tei-ref">13</a>) – Gefolge im Krieg (<a href=
+ "#cap14" class="tei tei-ref">14</a>) – Fürsten und Gefolge im
+ Frieden (<a href="#cap15" class="tei tei-ref">15</a>) – Das Leben
+ des einzelnen: Wohnungen (<a href="#cap16" class=
+ "tei tei-ref">16</a>) – Kleidung (<a href="#cap17" class=
+ "tei tei-ref">17</a>) – Ehe (<a href="#cap18" class=
+ "tei tei-ref">18</a>) – Frauen und Kinder (<a href="#cap19" class=
+ "tei tei-ref">19</a>) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge
+ (<a href="#cap20" class="tei tei-ref">20</a>) – Vererbte Rache,
+ Gastfreundschaft (<a href="#cap21" class="tei tei-ref">21</a>) –
+ Leben im Hause, Trinkgelage (<a href="#cap22" class=
+ "tei tei-ref">22</a>) – Getränke, Speisen, Trunksucht (<a href=
+ "#cap23" class="tei tei-ref">23</a>) – Waffentänze, Würfelspiel
+ (<a href="#cap24" class="tei tei-ref">24</a>) – Sklaven (<a href=
+ "#cap25" class="tei tei-ref">25</a>) – Ackerbau (<a href="#cap26"
+ class="tei tei-ref">26</a>) – Bestattung; Übergang zum besonderen
+ Teil (<a href="#cap27" class="tei tei-ref">27</a>).</p>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Besonderer Teil / Die einzelnen
+ Völkerschaften (</span><a href="#cap28" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style=
+ "font-size: 144%">28–46</span></a><span style=
+ "font-size: 144%">)</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Grenzvölker</span></span> (<a href=
+ "#cap28" class="tei tei-ref">28</a>, <a href="#cap29" class=
+ "tei tei-ref">29</a>): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer,
+ Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und
+ reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier
+ (<a href="#cap28" class="tei tei-ref">28</a>) – Germanen, die zu
+ den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (<a href=
+ "#cap29" class="tei tei-ref">29</a>).</p><span class="tei tei-pb"
+ id="page39">[pg 39]</span><a name="Pg039" id="Pg039" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">West- und Nordwestgermanen</span></span>
+ (<span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Nicht-Sueben</span></span>,
+ <a href="#cap30" class="tei tei-ref">30–37</a>): Chatten (<a href=
+ "#cap30" class="tei tei-ref">30</a>, <a href="#cap31" class=
+ "tei tei-ref">31</a>) – Usipier und Tenkterer (<a href="#cap32"
+ class="tei tei-ref">32</a>) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier
+ (<a href="#cap33" class="tei tei-ref">33</a>) – Dulgubiner,
+ Chasuarier, Friesen (<a href="#cap34" class="tei tei-ref">34</a>) –
+ Chauken (<a href="#cap35" class="tei tei-ref">35</a>) – Cherusker
+ (<a href="#cap36" class="tei tei-ref">36</a>) – Kimbern, Kimbern-
+ und spätere Germanenkriege (<a href="#cap37" class=
+ "tei tei-ref">37</a>).</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Sueben</span></span> (<a href="#cap38"
+ class="tei tei-ref">38–45</a>): Ihre Haartracht (<a href="#cap38"
+ class="tei tei-ref">38</a>) – Semnonen (<a href="#cap39" class=
+ "tei tei-ref">39</a>) – Langobarden und Nerthusvölker (<a href=
+ "#cap40" class="tei tei-ref">40</a>) – Hermunduren (<a href=
+ "#cap41" class="tei tei-ref">41</a>) – Varisten, Markomannen und
+ Quaden (<a href="#cap42" class="tei tei-ref">42</a>) – Ost- und
+ Nordostgermanen (<a href="#cap43" class="tei tei-ref">43</a>,
+ <a href="#cap44" class="tei tei-ref">44</a>) – Ende der Welt,
+ Ästier, Bernstein, Sitonen (<a href="#cap45" class=
+ "tei tei-ref">45</a>).</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Mischvölker im Osten</span></span>:
+ Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen)
+ und</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Fabelreich</span></span>: Hellusier und
+ Oxionen (<a href="#cap46" class="tei tei-ref">46</a>).</p>
+ </div>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pg040"
+ id="Pg040" class="tei tei-anchor"></a> <a name="toc50" id=
+ "toc50"></a><a name="pdf51" id="pdf51"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Anmerkungen des Übersetzers</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was ist dieses
+ Buch, gewöhnlich <span class="tei tei-q">„Germania“</span> genannt,
+ das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung,
+ vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein
+ Kunstwerk.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine Schilderung,
+ und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und
+ ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles
+ weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh,
+ Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia
+ kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt
+ bis zu der Insel <span class="tei tei-q">„Thule“</span> (Island?) und
+ an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an
+ der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in
+ einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind
+ spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine
+ Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern
+ sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und
+ Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist
+ längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die
+ Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius.
+ Erhalten aber des Plinius <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Historia naturalis</span></span>, die Geschichte
+ des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch
+ die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter
+ aufgezeichneten <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Tabula Peutingeriana</span></span>
+ nachwirkt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was vor ihm
+ geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler,
+ Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der
+ Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch
+ fortgesetzte Forschungen und besonders <span class="tei tei-pb" id=
+ "page41">[pg 41]</span><a name="Pg041" id="Pg041" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von
+ allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als
+ Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und
+ seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte
+ getragen haben als der bloße Inhalt.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dennoch dankt man
+ es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi
+ Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen
+ Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus.
+ Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und
+ daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze
+ zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei,
+ außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den
+ eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen
+ Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Verfasser hat
+ seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel
+ für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und
+ schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit,
+ jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes,
+ dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in
+ <span class="tei tei-q">„romantische“</span> Ferne verlierend, seine
+ einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit
+ knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache,
+ der manchmal fast Verse, einmal sogar (<a href="#cap39" class=
+ "tei tei-ref">Kap. 39</a>) ein rechter Hexameter, vielleicht wider
+ Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer
+ Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben
+ über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Meister ist er
+ auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und
+ ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter
+ einer besseren Regierung eben wieder aufatmend <span class=
+ "tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pg042" id="Pg042"
+ class="tei tei-anchor"></a>und von jener Sehnsucht erfüllt, die
+ dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der
+ Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf:
+ darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast
+ wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche
+ Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem
+ Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt
+ haben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So lassen ihn auch
+ seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben
+ erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der
+ rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann
+ war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch
+ Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters
+ Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter
+ Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem
+ Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu
+ haben.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Schriftsteller
+ begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit
+ dem <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Dialog</span></span> über die Redekunst und
+ ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines
+ Schwiegervaters <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Agricola</span></span> und, noch im gleichen
+ Jahre 98, die <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Germania</span></span>. Dann die
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Historien</span></span>, eine Geschichte
+ seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Annalen</span></span>, vom Tode des Augustus
+ bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts
+ weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich
+ Tacitus ganz, <span class="tei tei-q">„<span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">le plus grand peintre
+ de l’antiquité</span></span>“</span>, wie ihn Racine nannte. Er hat
+ immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber
+ durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht
+ vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs,
+ <span class="tei tei-q">„sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu
+ verstehen“</span>.</p>
+
+ <div class="tei tei-tb">
+ * * *
+ </div><span class="tei tei-pb" id="page43">[pg 43]</span><a name=
+ "Pg043" id="Pg043" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die <span class=
+ "tei tei-q">„Germania“</span> wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert.
+ Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus
+ V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte
+ Handschriften zu suchen, und bringt die <span class=
+ "tei tei-q">„Germania“</span> und den <span class=
+ "tei tei-q">„Dialog“</span> 1455 nach Italien. (Die Handschrift, die
+ beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden
+ worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der
+ Schrift lautet einmal <span class="tei tei-q">„<span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">De origine, situ,
+ moribus ac populis Germanorum</span></span>“</span>, ein andermal
+ <span class="tei tei-q">„<span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">De origine et situ
+ Germanorum</span></span>“</span>. 1469 schon wird die <span class=
+ "tei tei-q">„Germania“</span> gedruckt. Wichtig sind die alten
+ Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16.
+ Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855),
+ Karl Müllenhoff (<span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Germania antiqua</span></span>, 1873); ferner
+ Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der
+ Bearbeitung von Schwyzer (1912).</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese unsere
+ Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem
+ Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den
+ Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie lehnt sich
+ fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und
+ namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen
+ abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der
+ ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band
+ seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen
+ Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren,
+ benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren
+ namentlich die von Bötticher und Bacmeister.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Den Herren Dr.
+ Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und
+ Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität,
+ schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen
+ Dank.</p>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name="Pg044"
+ id="Pg044" class="tei tei-anchor"></a> <a name="toc52" id=
+ "toc52"></a><a name="pdf53" id="pdf53"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Erläuterungen</span></h1>
+
+ <div id="anm01" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap01" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 1</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die römische
+ Provinz <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Rätien</span></span> reicht nördlich bis
+ zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald
+ Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und Save
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Pannonien</span></span>. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Sarmater</span></span> in Osteuropa, etwa
+ von der Weichsel an, <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Daker</span></span> in Siebenbürgen.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Gebirge</span></span> die Karpathen.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Ein Kriegszug</span></span>: der des
+ Tiberius im Jahre 5 n.&nbsp;Chr.? <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Abnoba</span></span> Schwarzwald.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm02" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap02" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 2</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Beweis des
+ ersten Absatzes ist wenig überzeugend. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Asien</span></span>, <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Afrika</span></span>, <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Italien</span></span> die römischen
+ Südprovinzen. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Tuisto</span></span> (Zwist!) ist
+ zweigeschlechtig, <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Mannus</span></span> Mann, Mensch, der
+ erste Mensch. Die Namen der <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Marser</span></span> (Merseburg) und
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Gambrivier</span></span> verschwinden
+ bald; sind es, wie <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Sueben</span></span> und <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Vandilier</span></span> (Ostgermanen),
+ Kultverbände? Die <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Tungrer</span></span> (Tongern!) wurden
+ Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:
+ <span class="tei tei-q">„Rufer im Streit“</span> oder <span class=
+ "tei tei-q">„Nachbarn“</span>?); sie drohten, um ihr Ansehen zu
+ heben, mit anderen <span class="tei tei-q">„Germanen“</span> über
+ dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich
+ so genannt (Müllenhoff). <span class="tei tei-q">„Eine verzweifelte
+ Stelle!“</span> (Grimm.)</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm03" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap03" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 3</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Herkules</span></span> wohl <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Donar</span></span>; <span class=
+ "tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">barditus</span></span> ist nicht genügend
+ erklärt. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Ulixes</span></span> (Odysseus) der
+ Schwanenritter? <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Asciburgium</span></span> Asberg bei Mörs
+ im Rheinland. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Griechische Schrift</span></span>
+ verwenden die Kelten.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm05" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap05" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 5</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tacitus selbst
+ erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden)
+ Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren
+ auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen
+ Orten, die Sage!). Die erwähnten <span class="tei tei-pb" id=
+ "page45">[pg 45]</span><a name="Pg045" id="Pg045" class=
+ "tei tei-anchor"></a>römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum
+ Jahre 54 v.&nbsp;Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt
+ verschlechtert!</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm06" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap06" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 6</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Germanen
+ galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht
+ vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde.
+ Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß
+ (Schweizer-Sidler). Der <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Keil</span></span> kehrt seine Spitze dem
+ Gegner zu.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm07" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap07" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 7</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Könige</span></span> und <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Fürsten</span></span> haben gleiche
+ Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König
+ wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und
+ Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind
+ Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung
+ mehrerer Heere wird ein König zum <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">dux</span></span>
+ gewählt (Müllenhoff).</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm08" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap08" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 8</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Die Brüste entblößend</span></span>: ihr
+ Leib soll nicht fremden Siegern gehören. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Veleda</span></span> zuletzt gefangen nach
+ Rom gebracht. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Machten</span></span> ... <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><a name="corr045" id=
+ "corr045" class="tei tei-anchor"></a><span class=
+ "tei tei-corr"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Göttinnen</span></span></span> wie die
+ römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser
+ schmeichelten.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm09" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap09" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 9</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Mercurius</span></span> (besonders als
+ Totenführer): Wotan (<span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">dies Mercurii</span></span> = <span class=
+ "tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Wednesday</span></span>). Mars: Tiu, Ziu
+ (<span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">dies
+ Martis</span></span> = <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Tuesday</span></span>). <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Herkules</span></span>: Donar. Diese drei
+ Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Isis</span></span>: vielleicht Freya?
+ (Nerthus!) Die illyrischen <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Liburner</span></span> hatten leichte
+ Schiffe.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm10" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap10" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 10</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Wilder Fruchtbaum</span></span>: Eiche,
+ Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei
+ Persern und Slaven.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm11" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page46">[pg 46]</span><a name="Pg046"
+ id="Pg046" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap11" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 11</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nächte</span></span> noch jetzt Weihnacht,
+ Fastnacht, <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Fortnight</span></span>. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">In Waffen</span></span> noch jetzt
+ <span class="tei tei-q">„Spießbürger“</span>. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Jeder</span></span>: Müllenhoff folgert
+ aus dem grammatischen Sinn, daß nur <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">rex vel
+ princeps</span></span> reden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber
+ jedesfalls <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">licet accusare</span></span> usw. (<a href=
+ "#cap12" class="tei tei-ref">Kap. 12</a>).</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm12" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap12" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 12</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Am Körper Geschändete</span></span>:
+ widernatürliche Männer, aber wohl auch <span class=
+ "tei tei-q">„entehrte“</span> Frauen, für die sich Todesstrafe noch
+ lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher
+ besonders schimpflich. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Frevel
+ – Schandtat</span></span>: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt
+ die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Die Fürsten bestimmt</span></span> nämlich
+ aus der Zahl der vorhandenen Fürsten. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Recht sprechen</span></span> ist römische,
+ nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später
+ Gaugraf) nur die Volksverhandlung, der <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Rat</span></span> macht den
+ Urteilsvorschlag, der <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Beistand</span></span> gibt das
+ <span class="tei tei-q">„Vollwort“</span>: sie <span class=
+ "tei tei-q">„finden“</span> das Recht, der entsendete Richter tut
+ nur den Spruch.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm15" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap15" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 15</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Brustschmuck</span></span> (<span class=
+ "tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">phalerae</span></span>) ähnlich den Orden
+ (oder wie Medaillons?). <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Geld</span></span>: römische Kaiser
+ (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden
+ oder erkaufen Triumphe.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm16" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap16" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 16</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Vielleicht</span></span>: in Wirklichkeit
+ aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte
+ Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich
+ und gewöhnlich.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm17" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap17" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 17</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Kleid</span></span> die Unterkleidung,
+ unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in
+ Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem
+ Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der
+ Loggia dei Lanzi in Florenz): lang <span class="tei tei-pb" id=
+ "page47">[pg 47]</span><a name="Pg047" id="Pg047" class=
+ "tei tei-anchor"></a>herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. Ihre
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Kleidung</span></span> läuft oben nicht in
+ Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten
+ Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter
+ zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar
+ werden.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm18" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap18" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 18</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Umworben werden</span></span> von den
+ Familien der Mädchen. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Mitgift – Geschenke</span></span>: Tacitus
+ merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Mitgift</span></span> ist der Preis. Das
+ Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den
+ Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt
+ Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der <span class=
+ "tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">confarreatio</span></span>, der strengen
+ altrömischen Ehe.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm19" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap19" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 19</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Schauspiel</span></span> das römische
+ Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm20" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap20" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 20</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Anspielungen auf
+ die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei
+ Kinderlosen sind deutlich.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm22" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap22" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 22</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Eröffnet es noch</span></span>: die Römer
+ halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast
+ jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer
+ stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen
+ in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend
+ trinken.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm23" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap23" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 23</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Getränk</span></span> Bier. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Ufergrenze</span></span> wohl nur des
+ Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die
+ Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm25" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap25" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 25</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tacitus denkt
+ hier nur an die <span class="tei tei-q">„Hintersassen“</span>; es
+ gibt aber auch <span class="tei tei-pb" id="page48">[pg
+ 48]</span><a name="Pg048" id="Pg048" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Haussklaven (<a href="#cap20" class=
+ "tei tei-ref">Kap. 20</a>). Im folgenden Anspielung auf das Treiben
+ der Freigelassenen in Rom.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm26" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap26" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 26</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Besser verhütet</span></span>: Müllenhoff
+ und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären.
+ Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten
+ her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nicht in vier Zeiten</span></span>:
+ sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben
+ Jahren. Doch ist <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Herbst</span></span> ein altgermanisches
+ Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon
+ der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl
+ der Irrtum des Textes.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm27" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap27" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 27</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Übergang vom
+ allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm28" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap28" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 28</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Caesar</span></span> wird als einziger
+ Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt
+ schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt.
+ Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr
+ von den Germanen überall zurückgedrängt. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Herzynischer Wald</span></span> das ganze
+ deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Helvetier</span></span> bald darauf in der
+ Nordschweiz, <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Bojer</span></span> damals in Böhmen
+ (Beheim), <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Aravisker</span></span> um
+ Stuhlweißenburg, <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Osen</span></span> in Oberungarn; diese
+ beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist es <a href="#cap43"
+ class="tei tei-ref">Kap. 43</a> ausdrücklich bezeugt; die Worte
+ <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">Germanorum natione</span></span> können nur
+ auf den Wohnsitz gedeutet werden. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Treverer</span></span> um Trier,
+ wahrscheinlich Gallier, <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nervier</span></span> an der Sambre,
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Vangionen</span></span> um Worms,
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Triboker</span></span> bei Hagenau,
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nemeter</span></span> um Speyer,
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Ubier</span></span> 38 v.&nbsp;Chr. durch
+ Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird die
+ <span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">colonia
+ Agrippinensis</span></span>, der Geburtsort der Agrippa, Tochter
+ des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die
+ Stifterin der Kolonie (Köln!).</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm29" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page49">[pg 49]</span><a name="Pg049"
+ id="Pg049" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap29" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 29</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Bataver</span></span> im Rheindelta; die
+ behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig.
+ Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n.&nbsp;Chr.) bleibt
+ das Freundschaftsverhältnis zu den Römern. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Mattiaker</span></span> um Wiesbaden,
+ dessen Quellen schon bekannt sind. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Über
+ die alten Grenzen</span></span> endgültig durch den Bau des
+ Grenzwalls (<span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">limes</span></span>), der, von Domitian
+ begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch
+ oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging;
+ 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle
+ (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche
+ Mauer. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Zehntland</span></span> (<span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">agri
+ decumates</span></span>, nur hier erwähnt) römisches
+ Staatspachtland am mittleren Neckar.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm30" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap30" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 30</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Weiter hinaus</span></span> über das
+ Zehntland hin. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Chatten</span></span> = Hessen. Sie sind,
+ außer den Friesen, nach Grimm <span class="tei tei-q">„der einzige
+ deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute
+ an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt
+ werden“</span>. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das
+ größte Lob.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm32" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap32" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 32</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Usipier</span></span> (Usipeter) und
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Tenkterer</span></span>, immer gemeinsam
+ genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm33" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap33" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 33</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Brukterer</span></span> zwischen Ems und
+ Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber
+ keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese
+ Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später die
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Chamaver</span></span> werden, damals
+ nördlich der Lippe bis zum Zuydersee. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Angrivarier</span></span>, an der Weser,
+ später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm34" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page50">[pg 50]</span><a name="Pg050"
+ id="Pg050" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap34" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 34</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Im Rücken – vorn</span></span>: die Völker
+ mit dem Gesicht zur See. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Dulgubiner</span></span> in der Gegend von
+ Hannover (?), <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Chasuarier</span></span> an der Haase,
+ Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein
+ und Yssel. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Seen</span></span> besonders der
+ Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so
+ entstehen förmliche Inseln. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Römische Flotten</span></span>: Drusus
+ Germanicus (12 v.&nbsp;Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15
+ n.&nbsp;Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende
+ Unternehmung deutet <a href="#cap01" class="tei tei-ref">Kap.
+ 1</a>. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Säulen
+ des Herkules</span></span> wie bei Gibraltar (die Klippen von
+ Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Niemand versucht</span></span>: nach
+ Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n.&nbsp;Chr.).</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm35" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap35" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 35</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zum Anfang
+ dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel
+ (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Chauken</span></span> am Meer zwischen Ems
+ und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere
+ Friesen, <span class="tei tei-q">„Chauken“</span> ein Ehrenname. Im
+ Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine
+ wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als
+ armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das
+ auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum
+ folgenden Kapitel.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm36" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap36" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 36</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Zur Seite</span></span> östlich.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Cherusker</span></span> in der Umgebung
+ des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und
+ Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer:
+ Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der
+ <span class="tei tei-q">„Befreier Germaniens“</span>, besiegt auch
+ Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker
+ zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten,
+ vom Frieden des Tacitus ist keine Rede. <span class="tei tei-pb"
+ id="page51">[pg 51]</span><a name="Pg051" id="Pg051" class=
+ "tei tei-anchor"></a>Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker
+ übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die
+ späteren Sachsen? <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Fosen</span></span> in der
+ Wesergegend.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm37" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap37" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 37</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Kimbern</span></span>: ein Rest also noch
+ auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die
+ Kimbern 113 v.&nbsp;Chr. (641 [der varronianischen, 640 der
+ catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich
+ an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird
+ der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul
+ Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei
+ konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und
+ getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe
+ Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n.&nbsp;Chr. Diese
+ Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der <span class=
+ "tei tei-q">„Germania“</span> im gleichen Jahre. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Arsaces</span></span> begründet im
+ 3.&nbsp;Jahrh. v.&nbsp;Chr. das große Partherreich, lange neben Rom
+ die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v.&nbsp;Chr. von
+ den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die
+ Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38
+ v.&nbsp;Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Selbst dem Caesar</span></span>: Augustus.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nero</span></span> ist Tiberius.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Rüstungen des C. Caesar</span></span>:
+ Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und
+ triumphiert (40 n.&nbsp;Chr.); später feiert auch Domitian einen
+ höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod
+ beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm38" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap38" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 38</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nunmehr</span></span> eröffnet den zweiten
+ Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die
+ nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die
+ Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und
+ Nordgermanen. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Sueben</span></span> wortgleich mit
+ <span class="tei tei-q">„Schwaben“</span>. <span class="tei tei-pb"
+ id="page52">[pg 52]</span><a name="Pg052" id="Pg052" class=
+ "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Stammeszeichen</span></span>: der Knoten,
+ ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder
+ bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im
+ letzten Satz des <a href="#cap43" class="tei tei-ref">43.
+ Kapitels</a> Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die
+ Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über
+ dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den
+ <span class="tei tei-q">„Vornehmen“</span>.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm39" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap39" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 39</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Müllenhoff hält
+ den Namen <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Semnonen</span></span> für hieratisch: ihr
+ Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm
+ behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus
+ ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben
+ festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh.
+ wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein
+ Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das
+ jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Vers <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">auguriis –
+ sacram</span></span> im Deutschen durch <span class=
+ "tei tei-q">„Zeichen – weihten“</span> wiedergegeben. Vgl. die
+ allgemeine Einleitung!</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm40" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap40" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 40</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Langobarden</span></span> an der unteren
+ Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr <span class=
+ "tei tei-q">„Feld“</span>) und weiter nach Pannonien und Italien
+ (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in
+ Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen
+ später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in
+ Holstein. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Nerthus</span></span> nicht etwa Hertha
+ (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde
+ (<span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">magna
+ mater Idaea</span></span>) bezeichnet, weil auch diese auf einem
+ Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Insel</span></span> sicher nicht Rügen,
+ ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte
+ Erfindung ist. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wenn
+ man es glauben darf</span></span>: also kein Götterbild (<a href=
+ "#cap09" class="tei tei-ref">Kap. 9</a>).</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm41" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page53">[pg 53]</span><a name="Pg053"
+ id="Pg053" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap41" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 41</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Wie noch zuvor</span></span>: vom
+ Zehntland bis zu den Chauken (<a href="#cap35" class=
+ "tei tei-ref">Kap. 35</a>), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser
+ Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden
+ der Westostrichtung der Donau. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Hermunduren</span></span> zwischen Harz
+ und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau.
+ Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf
+ unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den
+ Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Kolonie</span></span> ist <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Augusta
+ Vindelicorum</span></span> (Augsburg). <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Elbe</span></span>: man dachte sich wohl
+ die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe.
+ So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage
+ des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm42" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap42" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 42</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Varisten</span></span> am Fichtelgebirge,
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Markomannen</span></span> in der großen
+ <span class="tei tei-q">„Mark“</span> zwischen Main und Donau, die
+ nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk.
+ Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch
+ die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet
+ ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg
+ mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern.
+ Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg
+ der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen
+ slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der
+ Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und
+ Deutschösterreicher). <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Quaden</span></span> wahrscheinlich mit
+ den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren
+ und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit
+ den Vandalen nach Spanien. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Stirnwehr</span></span> gegen Rom.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Tudrus</span></span> wahrscheinlich ein
+ Quadenkönig.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm43" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pg054"
+ id="Pg054" class="tei tei-anchor"></a>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap43" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 43</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Noch weiter ab</span></span>: nördlich und
+ östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Eisen</span></span>, das bei den Germanen
+ so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den
+ Abgaben zu befreien. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Gebirge</span></span> der östliche Teil
+ des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch
+ Jesenik, Gesenke. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Lugier</span></span> oder Lygier die
+ Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier,
+ <a href="#cap02" class="tei tei-ref">Kap. 2</a>), der alle hier
+ genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder
+ umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer
+ Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur
+ Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von <span class=
+ "tei tei-q">„Vandilier“</span>. Ihre Wanderung führt nach Gallien,
+ Spanien, Nordafrika. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">In
+ Frauentracht</span></span>: nur der Haarschmuck oder wirklich
+ Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des
+ Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,
+ <span class="tei tei-q">„Männer mit Frauenhaar“</span>; das
+ Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar <span class=
+ "tei tei-q">„Kastor und Pollux“</span>, einer alten
+ indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: <span class=
+ "tei tei-q">„Alken“</span> und <span class=
+ "tei tei-q">„Hasdingi“</span> soll zusammenhängen. Das Totenheer
+ und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die
+ allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Goten</span></span>, das bedeutendste
+ ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel
+ und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins
+ 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt. <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Rugier</span></span> und <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Lemovier</span></span> damals an der
+ Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der
+ österreichischen Donau.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm44" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap44" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 44</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der
+ Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte
+ Vorstellung hatte. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Suionen</span></span> sind Schweden,
+ Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier
+ beschriebenen, noch heute <span class="tei tei-pb" id="page55">[pg
+ 55]</span><a name="Pg055" id="Pg055" class="tei tei-anchor"></a>bei
+ den Norwegern als Scherenboote gebaut. <span class="tei tei-hi"
+ style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Reichtum</span></span>: Geldgier führt zur
+ Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher
+ gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum
+ verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar
+ keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann
+ sind alle Waffen verschlossen (<a href="#cap40" class=
+ "tei tei-ref">Kap. 40</a>). Vielleicht haben Südgermanen, die den
+ Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet.
+ Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm45" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap45" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 45</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Jenseits</span></span> nördlich.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Starr</span></span>: Pytheas von Massilia
+ berichtet, es gebe eine <span lang="el" class="tei tei-foreign"
+ xml:lang="el"><span style=
+ "font-family: Gentium, 'New Athena Unicode', 'DejaVu Serif', 'Lucida Grande', 'Arial Unicode MS', 'Palatino Linotype', serif">
+ θάλασσα πεπηγυῖα</span></span>, ein geronnenes Meer (im Mittelalter
+ die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der
+ Mitternachtssonne! <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Der
+ Erdkreis</span></span> ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe,
+ daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes
+ wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben.
+ <span class="tei tei-q">„Tönend wird für Geistesohren schon der
+ neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“</span>
+ (Faust). <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Nun
+ denn</span></span>: der Bericht geht wieder zu einer bekannten
+ Gegend über. Die <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">rechte</span></span> Küste ist nach der
+ Westostrichtung die der Ostsee. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Ästier</span></span> sind die Litauer;
+ erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das
+ Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die
+ Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Bernstein</span></span>, ein uralter
+ Schmuck, wird über die <span class=
+ "tei tei-q">„Bernsteinwege“</span> zu Land und zur See nach
+ Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die
+ Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei
+ Herodot. <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">glesum</span></span>: Glas, das Glänzende.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Landtiere</span></span>: Martial nennt die
+ Viper. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Sitonen</span></span> östlich von den
+ Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches <span class=
+ "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">qêns</span></span>,
+ Weib, <span class="tei tei-hi"><span style=
+ "font-style: italic">queen</span></span>): daher der Bericht über
+ die Frauenherrschaft. Höhe<span class="tei tei-pb" id="page56">[pg
+ 56]</span><a name="Pg056" id="Pg056" class=
+ "tei tei-anchor"></a>punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen
+ immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur
+ Frauenherrschaft.</p>
+ </div>
+
+ <div id="anm46" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href=
+ "#cap46" class="tei tei-ref" style=
+ "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">
+ 46</span></a></span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Peuciner</span></span> ein anderer Name
+ für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel
+ durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den
+ Griechen, 200 v.&nbsp;Chr. an der unteren Donau bekannte.
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Veneter</span></span> Wenden, das
+ germanische Wort für Slaven. <span class="tei tei-hi" style=
+ "margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Fennen</span></span>: Finnen. Die
+ Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die
+ <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Hellusier</span></span> sollen
+ <span class="tei tei-q">„Hirschartige“</span>, die <span class=
+ "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style=
+ "letter-spacing: 0.20em">Oxioner</span></span> <span class=
+ "tei tei-q">„Ochsenartige“</span> sein, vielleicht nach den
+ Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.</p>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pg057" id="Pg057" class=
+ "tei tei-anchor"></a> <a name="toc54" id="toc54"></a> <a name=
+ "pdf55" id="pdf55"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p>
+
+ <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src=
+ "images/map_th.png" alt=
+ "Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania" /></div>
+
+ <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pg058" id="Pg058" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pg059" id="Pg059" class=
+ "tei tei-anchor"></a>
+
+ <p class="tei tei-p" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 1.00em">Druck der
+ Spamerschen<br />
+ Buchdruckerei, Leipzig</p>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div class="tei tei-back" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em">
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="boxed tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <a name="toc56" id="toc56"></a><a name="pdf57" id="pdf57"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die
+ Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in
+ ihr einzelne Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv
+ wiedergegeben).</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Variationen bei
+ Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Korrektur eines
+ offensichtlichen Druckfehlers:</p>
+
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style=
+ "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><a href="#corr045" class=
+ "tei tei-ref">Seite 45</a>: „Göttinen“ geändert in
+ „Göttinnen“</td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em">
+ <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em">
+ <pre class="pre tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+</pre>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <a name="rightpageheader58" id="rightpageheader58"></a><a name=
+ "pgtoc59" id="pgtoc59"></a><a name="pdf60" id="pdf60"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">Credits</span></h1>
+
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style=
+ "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr>
+ <th class="tei tei-label tei-label-gloss">April 29,
+ 2012&nbsp;&nbsp;</th>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td class="tei tei-item tei-item-gloss">
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list"
+ style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI
+ edition 1</td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label"></th>
+
+ <td class="tei tei-item"><span class=
+ "tei tei-respStmt"><span class=
+ "tei tei-resp">Produced by <span class=
+ "tei tei-name">Norbert H. Langkau</span> and the
+ Online Distributed Proofreading Team at
+ http://www.pgdp.net</span></span></td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </div>
+ <hr class="doublepage" />
+
+ <div class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <a name="rightpageheader61" id="rightpageheader61"></a><a name=
+ "pgtoc62" id="pgtoc62"></a><a name="pdf63" id="pdf63"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">A Word from Project
+ Gutenberg</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file
+ should be named 39573-h.html or 39573-h.zip.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This and all
+ associated files of various formats will be found in: <a href=
+ "http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/7/39573/" class=
+ "block tei tei-xref" style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <span style=
+ "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style=
+ "font-size: 90%">/dirs/3/9/5/7/39573/</span></a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated
+ editions will replace the previous one — the old editions will be
+ renamed.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Creating the
+ works from public domain print editions means that no one owns a
+ United States copyright in these works, so the Foundation (and
+ you!) can copy and distribute it in the United States without
+ permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+ set forth in the General Terms of Use part of this license, apply
+ to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works
+ to protect the Project Gutenberg™ concept and trademark. Project
+ Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+ charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If
+ you do not charge anything for copies of this eBook, complying
+ with the rules is very easy. You may use this eBook for nearly
+ any purpose such as creation of derivative works, reports,
+ performances and research. They may be modified and printed and
+ given away — you may do practically <em class=
+ "tei tei-emph"><span style=
+ "font-style: italic">anything</span></em> with public domain
+ eBooks. Redistribution is subject to the trademark license,
+ especially commercial redistribution.</p>
+ </div>
+ <hr class="page" />
+
+ <div id="pglicense" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em">
+ <a name="rightpageheader64" id="rightpageheader64"></a><a name=
+ "pgtoc65" id="pgtoc65"></a><a name="pdf66" id="pdf66"></a>
+
+ <h1 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em">
+ <span style="font-size: 173%">The Full Project Gutenberg
+ License</span></h1>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><em class=
+ "tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Please read this
+ before you distribute or use this work.</span></em></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the
+ Project Gutenberg™ mission of promoting the free distribution of
+ electronic works, by using or distributing this work (or any
+ other work associated in any way with the phrase <span class=
+ "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>), you agree to comply with
+ all the terms of the Full Project Gutenberg™ License (<a href=
+ "#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or
+ online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p>
+
+ <div id="pglicense1" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">General Terms of Use &amp;
+ Redistributing Project Gutenberg™ electronic works</span></h2>
+
+ <div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading
+ or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work,
+ you indicate that you have read, understand, agree to and
+ accept all the terms of this license and intellectual
+ property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree
+ to abide by all the terms of this agreement, you must cease
+ using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™
+ electronic works in your possession. If you paid a fee for
+ obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™
+ electronic work and you do not agree to be bound by the terms
+ of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+ entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
+ <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a
+ registered trademark. It may only be used on or associated in
+ any way with an electronic work by people who agree to be
+ bound by the terms of this agreement. There are a few things
+ that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works
+ even without complying with the full terms of this agreement.
+ See paragraph <a href="#pglicense1C" class=
+ "tei tei-ref">1.C</a> below. There are a lot of things you
+ can do with Project Gutenberg™ electronic works if you follow
+ the terms of this agreement and help preserve free future
+ access to Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph
+ <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class=
+ "tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a
+ compilation copyright in the collection of Project Gutenberg™
+ electronic works. Nearly all the individual works in the
+ collection are in the public domain in the United States. If
+ an individual work is in the public domain in the United
+ States and you are located in the United States, we do not
+ claim a right to prevent you from copying, distributing,
+ performing, displaying or creating derivative works based on
+ the work as long as all references to Project Gutenberg are
+ removed. Of course, we hope that you will support the Project
+ Gutenberg™ mission of promoting free access to electronic
+ works by freely sharing Project Gutenberg™ works in
+ compliance with the terms of this agreement for keeping the
+ Project Gutenberg™ name associated with the work. You can
+ easily comply with the terms of this agreement by keeping
+ this work in the same format with its attached full Project
+ Gutenberg™ License when you share it without charge with
+ others.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ copyright laws of the place where you are located also govern
+ what you can do with this work. Copyright laws in most
+ countries are in a constant state of change. If you are
+ outside the United States, check the laws of your country in
+ addition to the terms of this agreement before downloading,
+ copying, displaying, performing, distributing or creating
+ derivative works based on this work or any other Project
+ Gutenberg™ work. The Foundation makes no representations
+ concerning the copyright status of any work in any country
+ outside the United States.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.E.</span></h3>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unless you
+ have removed all references to Project Gutenberg:</p>
+
+ <div id="pglicense1E1" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.1.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ following sentence, with active links to, or other
+ immediate access to, the full Project Gutenberg™ License
+ must appear prominently whenever any copy of a Project
+ Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class=
+ "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> appears, or with
+ which the phrase <span class="tei tei-q">„Project
+ Gutenberg“</span> is associated) is accessed, displayed,
+ performed, viewed, copied or distributed:</p>
+
+ <div class="block tei tei-q" style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em">
+ <span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of
+ anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions
+ whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
+ under the terms of the Project Gutenberg License included
+ with this eBook or online at</span> <a href=
+ "http://www.gutenberg.org" class=
+ "tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.2.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an
+ individual Project Gutenberg™ electronic work is derived
+ from the public domain (does not contain a notice
+ indicating that it is posted with permission of the
+ copyright holder), the work can be copied and distributed
+ to anyone in the United States without paying any fees or
+ charges. If you are redistributing or providing access to a
+ work with the phrase <span class="tei tei-q">„Project
+ Gutenberg“</span> associated with or appearing on the work,
+ you must comply either with the requirements of paragraphs
+ <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a>
+ through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work
+ and the Project Gutenberg™ trademark as set forth in
+ paragraphs <a href="#pglicense1E8" class=
+ "tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.3.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an
+ individual Project Gutenberg™ electronic work is posted
+ with the permission of the copyright holder, your use and
+ distribution must comply with both paragraphs <a href=
+ "#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7
+ and any additional terms imposed by the copyright holder.
+ Additional terms will be linked to the Project Gutenberg™
+ License for all works posted with the permission of the
+ copyright holder found at the beginning of this work.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.4.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not
+ unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™
+ License terms from this work, or any files containing a
+ part of this work or any other work associated with Project
+ Gutenberg™.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.5.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not
+ copy, display, perform, distribute or redistribute this
+ electronic work, or any part of this electronic work,
+ without prominently displaying the sentence set forth in
+ paragraph <a href="#pglicense1E1" class=
+ "tei tei-ref">1.E.1</a> with active links or immediate
+ access to the full terms of the Project Gutenberg™
+ License.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.6.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may
+ convert to and distribute this work in any binary,
+ compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form,
+ including any word processing or hypertext form. However,
+ if you provide access to or distribute copies of a Project
+ Gutenberg™ work in a format other than <span class=
+ "tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format
+ used in the official version posted on the official Project
+ Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you must,
+ at no additional cost, fee or expense to the user, provide
+ a copy, a means of exporting a copy, or a means of
+ obtaining a copy upon request, of the work in its original
+ <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or
+ other form. Any alternate format must include the full
+ Project Gutenberg™ License as specified in paragraph
+ <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.7.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not
+ charge a fee for access to, viewing, displaying,
+ performing, copying or distributing any Project Gutenberg™
+ works unless you comply with paragraph <a href=
+ "#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.8.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may
+ charge a reasonable fee for copies of or providing access
+ to or distributing Project Gutenberg™ electronic works
+ provided that</p>
+
+ <table summary="This is a list." class="tei tei-list"
+ style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em">
+ <tbody>
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You pay a royalty fee of 20% of the gross profits
+ you derive from the use of Project Gutenberg™ works
+ calculated using the method you already use to
+ calculate your applicable taxes. The fee is owed to
+ the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but
+ he has agreed to donate royalties under this
+ paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or
+ are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked
+ as such and sent to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation at the address specified in
+ <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">Section
+ 4, <span class="tei tei-q">„Information about
+ donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation.“</span></a></p>
+ </td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You provide a full refund of any money paid by a
+ user who notifies you in writing (or by e-mail)
+ within 30 days of receipt that s/he does not agree
+ to the terms of the full Project Gutenberg™
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a
+ physical medium and discontinue all use of and all
+ access to other copies of Project Gutenberg™
+ works.</p>
+ </td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You provide, in accordance with paragraph <a href=
+ "#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a
+ full refund of any money paid for a work or a
+ replacement copy, if a defect in the electronic
+ work is discovered and reported to you within 90
+ days of receipt of the work.</p>
+ </td>
+ </tr>
+
+ <tr class="tei tei-labelitem">
+ <th class="tei tei-label">•&nbsp;&nbsp;</th>
+
+ <td class="tei tei-item">
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ You comply with all other terms of this agreement
+ for free distribution of Project Gutenberg™
+ works.</p>
+ </td>
+ </tr>
+ </tbody>
+ </table>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.E.9.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you
+ wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™
+ electronic work or group of works on different terms than
+ are set forth in this agreement, you must obtain permission
+ in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation and Michael Hart, the owner of the Project
+ Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth
+ in <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">Section 3</a>
+ below.</p>
+ </div>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1F" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h3 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">1.F.</span></h3>
+
+ <div id="pglicense1F1" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.F.1.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+ effort to identify, do copyright research on, transcribe
+ and proofread public domain works in creating the Project
+ Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project
+ Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they
+ may be stored, may contain <span class=
+ "tei tei-q">„Defects,“</span> such as, but not limited to,
+ incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription
+ errors, a copyright or other intellectual property
+ infringement, a defective or damaged disk or other medium,
+ a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+ be read by your equipment.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1F2" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h4 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ 1.F.2.</h4>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED
+ WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the
+ <span class="tei tei-q">„Right of Replacement or
+ Refund“</span> described in <a href="#pglicense1F3" class=
+ "tei tei-ref">paragraph 1.F.3</a>, the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+ Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a
+ Project Gutenberg™ electronic work under this agreement,
+ disclaim all liability to you for damages, costs and
+ expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO
+ REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF
+ WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN
+ PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK
+ OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+ LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL,
+ PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF
+ THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense1F3" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
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+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED
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+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
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+ <span style="font-size: 144%">Section 2.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">Information about the Mission of
+ Project Gutenberg™</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of
+ electronic works in formats readable by the widest variety of
+ computers including obsolete, old, middle-aged and new
+ computers. It exists because of the efforts of hundreds of
+ volunteers and donations from people in all walks of life.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers
+ and financial support to provide volunteers with the assistance
+ they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals
+ and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain
+ freely available for generations to come. In 2001, the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a
+ secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future
+ generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation and how your efforts and donations can help,
+ see Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a>
+ and <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">4</a> and the
+ Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class=
+ "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a>.</p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense3" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 3.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">Information about the Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project
+ Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3)
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+ of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+ Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax
+ identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is
+ posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf"
+ class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>.
+ Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+ U.S. federal laws and your state's laws.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ Foundation's principal office is located at 4557 Melan&nbsp;Dr.
+ S.&nbsp;Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees
+ are scattered throughout numerous locations. Its business
+ office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT
+ 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact
+ links and up to date contact information can be found at the
+ Foundation's web site and official page at <a href=
+ "http://www.pglaf.org" class=
+ "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For
+ additional contact information:</p>
+
+ <div class="block tei tei-address" style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <span class="tei tei-addrLine"><span style=
+ "font-size: 90%">Dr.&nbsp;Gregory
+ B.&nbsp;Newby</span></span><br />
+ <span class="tei tei-addrLine"><span style=
+ "font-size: 90%">Chief Executive and
+ Director</span></span><br />
+ <span class="tei tei-addrLine"><span style=
+ "font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br />
+ </div>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense4" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">Information about Donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread
+ public support and donations to carry out its mission of
+ increasing the number of public domain and licensed works that
+ can be freely distributed in machine readable form accessible
+ by the widest array of equipment including outdated equipment.
+ Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important
+ to maintaining tax exempt status with the IRS.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The
+ Foundation is committed to complying with the laws regulating
+ charities and charitable donations in all 50 states of the
+ United States. Compliance requirements are not uniform and it
+ takes a considerable effort, much paperwork and many fees to
+ meet and keep up with these requirements. We do not solicit
+ donations in locations where we have not received written
+ confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the
+ status of compliance for any particular state visit <a href=
+ "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">While we
+ cannot and do not solicit contributions from states where we
+ have not met the solicitation requirements, we know of no
+ prohibition against accepting unsolicited donations from donors
+ in such states who approach us with offers to donate.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">
+ International donations are gratefully accepted, but we cannot
+ make any statements concerning tax treatment of donations
+ received from outside the United States. U.S. laws alone swamp
+ our small staff.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Please check
+ the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+ and addresses. Donations are accepted in a number of other ways
+ including checks, online payments and credit card donations. To
+ donate, please visit: <a href=
+ "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class=
+ "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p>
+ </div>
+
+ <div id="pglicense5" class="tei tei-div" style=
+ "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em">
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em">
+ <span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2>
+
+ <h2 class="tei tei-head" style=
+ "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em">
+ <span style="font-size: 120%">General Information About Project
+ Gutenberg™ electronic works.</span></h2>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class=
+ "tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the
+ originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of
+ electronic works that could be freely shared with anyone. For
+ thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™
+ eBooks with only a loose network of volunteer support.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project
+ Gutenberg™ eBooks are often created from several printed
+ editions, all of which are confirmed as Public Domain in the
+ U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+ necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+ edition.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook
+ is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+ number, often in several formats including plain vanilla ASCII,
+ compressed (zipped), HTML and others.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected
+ <em class="tei tei-emph"><span style=
+ "font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace
+ the old file and take over the old filename and etext number.
+ The replaced older file is renamed. <em class=
+ "tei tei-emph"><span style=
+ "font-style: italic">Versions</span></em> based on separate
+ sources are treated as new eBooks receiving new filenames and
+ etext numbers.</p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people
+ start at our Web site which has the main PG search facility:
+ <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref"
+ style=
+ "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em">
+ <span style=
+ "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p>
+
+ <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web
+ site includes information about Project Gutenberg™, including
+ how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+ subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+ </div>
+</body>
+</html>
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+ <div id="cap01">
+<index index="pdf" level1="1"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm01">1</ref></hi></head>
+
+<p>
+Ganz Germanien scheiden die Ströme Rhein und Donau
+vom gallischen und rätisch-pannonischen Gebiet; gegen
+Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder das Mißtrauen
+hüben und drüben die Grenze. Das übrige umfließt in weiten
+Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln umfangend;
+dort sind einige Völkerschaften und Herrscher neulich bekannt
+geworden, die ein Kriegszug erschloß. Der Rhein entspringt
+einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen Alpen, wendet
+sich in mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins
+nördliche Meer. Die Donau strömt in dem sanft und gemächlich
+ansteigenden Gebirgszug Abnoba hervor und kommt
+an mancherlei Völker heran, bis sie ins Pontische Meer in
+sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf verliert
+sich in Sümpfen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap02">
+ <index index="pdf" level1="2"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm02">2</ref></hi></head>
+
+<p>
+Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein
+und ganz und gar nicht berührt durch Zuzug oder Aufnahme
+aus fremden Stämmen. Denn nicht zu Lande, sondern auf
+vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die einen
+neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche Meer dort
+droben, in eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen
+Fahrzeuge aus unserem Erdkreis kaum. Und wer hätte denn
+auch, ungerechnet die Gefahr auf dem schauerlichen, unbekannten
+Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und
+nach Germanien ziehen mögen, in ein ungestaltes Land unter
+rauhem Himmel, wüst zu bewohnen und anzuschauen für
+alle, die da nicht heimisch sind?
+</p>
+
+<p>
+Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmälern
+ihrer Überlieferung und Geschichte, einen erdgeborenen Gott
+<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Tuisto und seinen Sohn Mannus, den Urvater und Begründer
+ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach
+denen die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im
+Innern Herminonen, die übrigen Istävonen genannt
+würden. Andere behaupten (spielt doch hier fernste Sage
+und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also auch
+mehr Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier,
+Sueben, Vandilier, und das seien echte alte Namen. Das
+Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor einiger Zeit
+aufgekommen: die ersten, die den Rhein überschritten und
+die Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen
+genannt worden, und allmählich habe sich der Name eines
+einzelnen Stammes und nicht eines Volkes behauptet. So
+nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung
+zuliebe, der großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt
+und daß die ihn dann angenommen und sich wirklich Germanen
+genannt hätten.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap03">
+ <index index="pdf" level1="3"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm03">3</ref></hi></head>
+
+<p>
+Es heißt auch, daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und
+sie singen von ihm als dem ersten aller Tapferen, wenn sie
+in den Kampf ziehen. Noch eine Art Schlachtgesang haben
+sie, dessen Vortrag, <hi rend='antiqua'>barditus</hi> genannt, sie befeuert, ja den
+Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang
+ahnen läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem
+es durch die Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht
+so sehr der Hall ihrer Stimmen als ihres Heldenmuts. Ein
+gewollt rauher Schall, ein jäh abbrechendes Brausen entsteht,
+wenn sie die Schilde vor den Mund halten, daß die
+Stimme rückprallend noch voller und tiefer schwelle.
+</p>
+
+<p>
+Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen
+<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>sagenreichen Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen,
+germanische Länder betreten; Asciburgium, am Ufer des
+Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von ihm gegründet
+und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes
+errichtet, auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei
+vorzeiten an diesem selben Ort aufgefunden worden, und
+etliche Denk- und Grabmäler mit griechischer Schrift gäbe
+es in der germanisch-rätischen Grenzmark noch heute. Dies
+alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe ich nicht
+im Sinn: man schenke oder versage dem Glauben, wie es
+jedem beliebt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap04">
+ <index index="pdf" level1="4"/>
+<head><hi rend="kapitel">4</hi></head>
+
+<p>
+Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens
+Stämme, rein und vor jeglicher Mischung mit Fremden
+bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, keinem anderen
+vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der
+großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue
+trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu
+Tat und ungestümem Drängen taugend; mühsamer Arbeit
+sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze
+können sie gar nicht vertragen, Kälte aber und Hunger sind
+sie in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap05">
+ <index index="pdf" level1="5"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm05">5</ref></hi></head>
+
+<p>
+Das Land sieht wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben
+starrt schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche
+Sümpfe. Es ist feuchter gegen Gallien hin, windiger gegen
+Noricum und Pannonien: Saatgut trägt es, Fruchtbäume
+gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist unansehnlich.
+Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und
+ihren Schmuck an der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut,
+<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>nur sie bildet das einzige und ein sehr geschätztes Vermögen.
+Silber und Gold haben die Götter ihnen nicht vergönnt (ob
+wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte ich nicht behaupten,
+daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer
+hätte danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht
+ihnen jedesfalls nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes
+Gerät sehen (wie es ihre Gesandten und Fürsten als Geschenk
+erhalten), das sie nicht höher achten als irdenes. Nur die
+Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und Silber
+zu schätzen, erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als
+echt an und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt
+es beim einfachen alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen
+sie nur das alte, wohlbekannte gern, die Münzen mit gezahntem
+Rand und die mit dem Zweigespann. Auch halten
+sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
+Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermünzen
+besser dient, wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap06">
+ <index index="pdf" level1="6"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm06">6</ref></hi></head>
+
+<p>
+Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen
+zum Angriff zeigen. Wenige führen Schwerter oder längere
+Spieße; meist brauchen sie Speere (wie sie sagen, Framen)
+mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so scharf und so
+handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach Bedürfnis, im Nah-
+wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter begnügt
+sich mit Schild und Frame, das Fußvolk schleudert auch Geschosse,
+jeder gleich mehrere, und wirft, nackt oder nur im
+leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung prunkt nicht;
+nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den buntesten
+Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder
+nur einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch
+Schön<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>heit, nicht durch Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie
+werden auch nicht wie bei uns zu vielerlei Wendungen abgerichtet:
+man treibt sie geradeaus oder schwenkt nur einmal
+nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand zurückbleibt.
+Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk;
+darum streitet auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges
+Fußvolk, aus der gesamten Jungmannschaft erlesen, dem
+Reiterkampf schmiegsam anpaßt, vor der übrigen Hauptmacht.
+Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert
+aus jedem Gau, und Hunderter heißen sie bei den Ihren.
+Was also zuerst Zahl war, ist nun Name und Ehrenname
+geworden.
+</p>
+
+<p>
+Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze
+weichen gilt, wenn man nur wieder vordringt, eher für klug
+und nicht als Feigheit. Ihre Verwundeten bringen sie auch
+in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. Den Schild im
+Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart Ehrloser
+darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher,
+der im Kriege davonkam, hat seine Schmach mit einer
+Schlinge beendet.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap07">
+ <index index="pdf" level1="7"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm07">7</ref></hi></head>
+
+<p>
+Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer
+Tapferkeit. Doch auch der Könige Macht ist nicht ohne
+Schranken, nicht Willkür, und die Führer wirken weit mehr
+durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur
+Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen
+und zur Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen
+nicht erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln
+zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur
+Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch
+<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß
+der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den
+Streitenden waltet. So nehmen sie auch Bilder und gewisse
+Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein
+besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht
+ein Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader
+und Keile entstehen läßt, sondern daß Familien und
+Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für jeden seine
+Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der
+Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten
+Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin
+kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht
+zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern
+Speise und Zuspruch.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap08">
+ <index index="pdf" level1="8"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm08">8</ref></hi></head>
+
+<p>
+Es ist uns überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon
+wankende und weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen,
+die Brüste entblößend und auf die drohende Gefangenschaft
+deutend, wieder hergestellt haben. Denn ihre Frauen
+gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht
+so weit, daß Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch
+adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer gebunden sind.
+Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges, Seherisches zu
+und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht ihren Bescheid.
+Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus
+Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt.
+Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau
+verehrt, doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie
+Göttinnen aus ihnen.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap09">
+<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/>
+<index index="pdf" level1="9"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm09">9</ref></hi></head>
+
+<p>
+Unter den Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius;
+sie glauben, ihm an bestimmten Festen auch Menschenopfer
+bringen zu dürfen. Mars und Herkules versöhnen sie
+nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient auch
+der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden Anbetung
+kann ich nicht recht erklären; nur zeigt gerade das Sinnbild,
+einem Liburnerschiff gleichend, daß sie über die See eingedrungen
+ist. Übrigens widerstrebt es ihrer Anschauung von
+der Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu sperren
+und mit menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen
+Wälder und Haine und rufen mit Götternamen jene geheime
+Macht an, die sie nur in entrückter Andacht schauen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap10">
+ <index index="pdf" level1="10"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm10">10</ref></hi></head>
+
+<p>
+Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur
+irgendein Volk. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie
+schneiden den Zweig von einem wilden Fruchtbaum zu
+Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und streuen
+sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt,
+wenn in gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester,
+wenn in Sachen einzelner, das Familienhaupt, mit
+einem Gebet zu den Göttern gegen Himmel aufblickend,
+nacheinander drei Stäbchen auf und deutet sie gemäß
+dem zuvor eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, so
+wird in derselben Sache am gleichen Tage nicht mehr befragt,
+wenn aber günstig, noch die Bestätigung durch Vorzeichen
+gefordert. Und zwar ist auch hier geläufig, Vogelstimmen
+und Vogelflug zu erkunden: eigentümlich aber ist
+diesem Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von
+Pferden zu achten. In den gleichen Hainen und Wäldern,
+<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/>deren ich schon gedachte, werden auf Kosten der Gemeinschaft
+weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit berührt.
+Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und
+der Priester mit dem König oder Fürsten geht nebenher und
+merkt auf ihr Wiehern und Schnauben. Und kein anderes
+Vorzeichen findet größeren Glauben, nicht nur im niederen
+Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese
+halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, die Rosse
+aber für ihre Vertrauten.
+</p>
+
+<p>
+Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch
+die sie den Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus
+dem Volk ihrer Gegner stellen sie einen Gefangenen, den sie
+irgendwie aufgegriffen haben, einem auserlesenen Kämpfer
+des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen heimischen
+Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als Vorbedeutung.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap11">
+ <index index="pdf" level1="11"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm11">11</ref></hi></head>
+
+<p>
+Über geringere Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere
+die Gesamtheit, jedoch so, daß auch, was das Volk
+entscheidet, im Rat der Fürsten vorbesprochen wird. Sie
+kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall eintritt, in bestimmten
+Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond;
+denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für
+den Beginn eines Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie
+wir die Tage, sondern die Nächte. Darnach wird anberaumt
+und zugesagt: die Nacht führt gleichsam den Tag herauf. Ihre
+ungeregelte Freiheit hat das Mißliche, daß sie nicht gleichzeitig
+und nicht nach dem Geheiß beisammen sind, sondern
+daß oft ein zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf
+Säumige hingeht. So wie es der Schar genehm ist, setzen
+<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch das Recht
+zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der
+König oder Fürst Gehör, jeder nach seinem Alter, Adel,
+Kriegsruhm und Redevermögen, mehr nach dem Gewicht
+seines Rates als nach der Macht zu befehlen. Mißfällt
+der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt
+er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das
+ehrenvollste Zeichen des Beifalls ist Lob mit den Waffen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap12">
+ <index index="pdf" level1="12"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm12">12</ref></hi></head>
+
+<p>
+Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht
+und peinliches Gericht begehrt werden. Die Strafen scheiden
+sich nach dem Verbrechen. Verräter und Überläufer hängen
+sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge und am Körper Geschändete
+versenken sie in Schlamm und Morast und werfen
+Flechtwerk darüber. Die Verschiedenheit der Todesart
+deutet darauf, daß man Frevel durch die Strafe gleichsam
+kundtun, Schandtaten verbergen müsse. Aber auch für
+leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen
+werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebüßt.
+Ein Teil der Buße wird dem König oder Gemeinwesen,
+der andere dem, der sein Recht erhält, oder seinen
+Verwandten geleistet.
+</p>
+
+<p>
+In den gleichen Versammlungen werden auch die Fürsten
+bestimmt, die in Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem
+solchen treten hundert Männer aus dem Volke als Rat und
+Beistand zur Seite.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap13">
+ <index index="pdf" level1="13"/>
+<head><hi rend="kapitel">13</hi></head>
+
+<p>
+Nie aber, ob sie nun Geschäfte des Gemeinwesens oder
+eigene besorgen, erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch
+soll niemand die Waffen anlegen, ehe ihn nicht die Gemeinde
+<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>für wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich in der Versammlung
+entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter
+den Jüngling mit Schild und Frame. Das ist dort
+die Toga, das des jungen Mannes erste Ehrung; bis dahin
+gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr der Gemeinschaft.
+</p>
+
+<p>
+Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert
+die Fürstengunst auch noch nicht Mannbaren. Solche schließen
+sich dann den übrigen, Älteren, längst schon Bewährten an.
+Und es ist für niemand beschämend, in einem Gefolge zu erscheinen.
+Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine Rangordnung
+nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der
+Wetteifer der Mannen um den ersten Platz zunächst dem
+Fürsten, wie auch der Fürsten um das zahlreichste und
+mutigste Gefolge. Das bringt Würde, bringt Macht: immerzu
+von einer großen Schar erlesener Jugend umgeben zu
+sein; im Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz.
+Aber nicht nur bei seinem Stamm, sondern auch in den Nachbargauen
+wird bekannt und berühmt, wer sich durch Zahl
+und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn
+auf, er erhält Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege
+niederschlagen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap14">
+ <index index="pdf" level1="14"/>
+<head><hi rend="kapitel">14</hi></head>
+
+<p>
+Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten,
+sich an Tapferkeit übertreffen zu lassen, ein Schimpf
+fürs Gefolge, es der Tapferkeit des Führers nicht gleichzutun.
+Höchste Schmach und Schande vollends ist es für das
+ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld zu
+weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene
+Heldentat seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste
+Eides<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>pflicht. Fürsten kämpfen für den Sieg, das Gefolg für den
+Fürsten.
+</p>
+
+<p>
+Wenn ihre Heimat in langem, müßigem Frieden verkommt,
+dann ziehen adlige Jünglinge oft auf eigene Faust
+hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg führen. Denn
+ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der Gefahr
+finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes Gefolge
+nur durch Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die
+Mannen von der Milde des Fürsten das Streitroß und die
+blutige, siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja die Speisung
+und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold:
+solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel.
+Den Acker zu pflügen und die Jahreszeit abzuwarten, würde
+sie keiner so leicht überreden; viel eher den Feind zu fordern
+und sich Wunden zu holen. Ja, es dünkt ihnen wohl
+faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut
+zu gewinnen wäre.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap15">
+ <index index="pdf" level1="15"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm15">15</ref></hi></head>
+
+<p>
+Wenn sie nicht Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit
+auf der Jagd, häufiger noch müßig, einzig dem Schlaf und
+dem Schmaus ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegstüchtigsten
+tun gar nichts und überlassen die Sorge um Heim
+und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den
+Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und
+träge zu. Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz
+die gleichen Menschen so sehr das Nichtstun lieben und doch
+die Ruhe hassen!
+</p>
+
+<p>
+Es ist Sitte, daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder
+für sich, den Fürsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar
+als Ehrengabe empfangen, doch auch dem Bedarf zustatten
+<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken benachbarter
+Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch
+im Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen
+Pferden, prächtigen Waffen, Brustschmuck und Ringen.
+Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen gelehrt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap16">
+ <index index="pdf" level1="16"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm16">16</ref></hi></head>
+
+<p>
+Daß die germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen,
+ist genugsam bekannt, auch daß sie selbst geschlossener
+Siedelung abhold sind. Sie bauen ohne Richtung und Ordnung,
+wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein Gehölz gefällt.
+Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer Art
+mit verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder
+für sich umgibt sein Haus mit einem freien Raum, vielleicht
+zum Schutz gegen Feuersgefahr, vielleicht weil er nicht besser
+zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und Ziegel sind ihnen
+unbekannt; überall verwenden sie ungefüges Holz, unbekümmert
+um Gefallen und Ansehn. Doch überstreichen sie einzelne
+Stellen recht sorgfältig mit einer Erdart von so reinem Glanz,
+daß es wie Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben
+sie unterirdische Höhlen und legen eine dichte Dungschicht
+darüber hin: als Zuflucht für den Winter und als Vorratsspeicher.
+Denn solche Räume mildern die strengen Fröste; und
+fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, was
+offen daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch
+erhält er nicht Kunde, oder es entgeht ihm gerade darum,
+weil ers erst suchen müßte.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap17">
+ <index index="pdf" level1="17"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm17">17</ref></hi></head>
+
+<p>
+Als Überwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von
+einer Spange, wo sie mangelt, von einem Dorn
+zusammen<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>gehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen sie ganze Tage
+am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch
+ein Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern
+weit herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied
+hervortreten läßt. Man trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen
+ziemlich achtlos; weiter im Innern wenden sie besondere
+Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen
+Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und verbrämen die
+abgezogenen Hüllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die
+am Nordmeer und an unbekannten Gestaden daheim sind.
+Frauen tragen sich nicht anders als Männer; nur gehen sie
+gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten Säumen
+verziert sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel
+aus; Schultern und Arme sind bloß, aber auch ein Teil der
+Brust bleibt unverhüllt.
+</p>
+</div><div id="cap18">
+ <index index="pdf" level1="18"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm18">18</ref></hi></head>
+
+<p>
+Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung
+wohl am meisten zu loben. Denn fast allein bei
+diesem Barbarenvolk begnügt sich jeder mit einer Frau, von
+ganz wenigen Männern abgesehen, die nicht ihre Lust befriedigen
+wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach
+umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem
+Manne, sondern der Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern
+und Verwandte ein und prüfen die Geschenke. Geschenke
+aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck für die Neuvermählte
+dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes
+Roß und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese
+Geschenke hin nimmt der Mann die Frau entgegen, und dafür
+bringt sie selber dem Mann auch ein Rüststück zu: dies
+gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime Weihe,
+<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>dies als Segen der Ehegötter. Auf daß sich das Weib nicht
+fremd in einer Welt von Männergedanken und wechselndem
+Kriegsglück erachte, wird es schon am feierlichen Beginn
+der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in Mühsal und Gefahr
+gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit
+zu dulden und mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann,
+das gerüstete Roß, die dargereichten Waffen. So
+müsse sie leben, so in den Tod gehen; was sie empfange,
+solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen wiedergeben,
+daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch
+die Enkel erbten.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap19">
+ <index index="pdf" level1="19"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm19">19</ref></hi></head>
+
+<p>
+So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht
+verderbt von den Lockungen des Schauspiels noch von den
+Reizungen der Gelage; und von geheimen Briefschaften
+weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten kommt es in
+dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die
+Strafe unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem
+Haar, entblößt, vor den Augen der Verwandten
+jagt er das Weib aus dem Hause und peitscht sie mit Ruten
+durchs ganze Dorf. Und für preisgegebene Keuschheit gibt es
+keine Verzeihung: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht reiche
+Habe könnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht
+niemand über das Laster, und Verführen und Sichverführenlassen
+heißt nicht <q>der Geist der Zeit</q>. Besser steht es gewiß
+noch um Völkerschaften, bei denen nur Jungfrauen
+heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde der Ehefrau
+einmal für immer abschließen. So erhalten sie einen
+Mann, wie sie einen Leib und ein Leben erhalten haben,
+auf daß sich kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren
+<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern
+die Ehe selber lieben.
+</p>
+
+<p>
+Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes
+zu töten, gilt als verruchte Tat; mehr vermögen dort gute
+Sitten als anderswo gute Gesetze.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap20">
+<index index="pdf" level1="20"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm20">20</ref></hi></head>
+
+<p>
+In jedem Hause wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend
+zu dieser Größe, zu diesem Wuchs heran, über den wir staunen.
+Jedem Kind gibt die eigene Mutter die Brust, und es wird
+nicht Mägden und Ammen überlassen. Freie scheidet von
+Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die
+anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum,
+bis das Alter die Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie
+kenntlich macht. Spät erfahren junge Männer die Lust;
+daher ihre unerschöpfte Kraft. Auch die Mädchen werden
+nicht gedrängt; in gleicher Jugend, von ähnlicher Gestalt,
+ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl,
+und von der Stärke der Eltern zeugen die Kinder.
+</p>
+
+<p>
+Schwestersöhne sind dem Oheim nicht minder wert als
+dem Vater. Etliche halten dieses Blutsverhältnis noch für
+heiliger und enger und fordern, wenn sie Geiseln nehmen, besonders
+solche Kinder, als hätten sie damit das Gewissen
+stärker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben
+aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es
+gibt kein Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im
+nächsten Glied die Brüder, Väter- und Mütterbrüder. Je
+mehr Blutsverwandte, je weiter die Verschwägerung, desto
+freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat keine
+Lockungen.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap21">
+<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/>
+<index index="pdf" level1="21"/>
+<head><hi rend="kapitel">21</hi></head>
+
+<p>
+Der Erbe muß auch die Fehden des Vaters oder eines
+Blutsverwandten übernehmen, gleichwie die Freundschaften.
+Aber sie dauern nicht unversöhnlich fort: sühnt man doch
+selbst den Totschlag durch eine bestimmte Anzahl von Groß-
+und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die Genugtuung
+an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich.
+</p>
+
+<p>
+Für Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk
+so hemmungslose Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es
+auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; je nach Vermögen
+rüstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das
+Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem
+anderen Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten
+sie ungeladen ins nächste Haus. Da liegt nichts dran;
+mit gleicher Freundlichkeit werden sie aufgenommen. Bekannt
+oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht.
+Beim Abschied gehört es sich, dem Gaste zu bewilligen, was
+er sich etwa ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen
+gestellt. Die Geschenke machen ihnen Freude; aber
+was sie geben, rechnen sie nicht an, und was sie empfangen,
+schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet Gastfreund
+an Gastfreund.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap22">
+<index index="pdf" level1="22"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm22">22</ref></hi></head>
+
+<p>
+Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag
+hinein ausdehnen) baden sie, öfters warm, weil es bei ihnen
+die längste Zeit Winter ist. Auf das Bad folgt ein Imbiß;
+jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen eigenen
+Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder auch, nicht
+minder häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und
+<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>Nacht durchzuzechen, bringt keinem Schande. Häufig gibts,
+wenn sie da trunken sind, Streit, und der bleibt selten bei
+Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und Totschlag.
+Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind, neue
+Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und
+Frieden wird gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob
+zu keiner anderen Zeit der Sinn unbeeinflußter Überlegung
+besser zugänglich wäre oder leichter entflammt für große
+Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eröffnet es noch die
+Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen.
+Haben nun alle ihre Meinung ohne Rückhalt aufgedeckt,
+so wird sie am nächsten Tag noch einmal geprüft, und jeder
+Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten, wenn sie keiner Verstellung
+fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren können.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap23">
+<index index="pdf" level1="23"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm23">23</ref></hi></head>
+
+<p>
+Ihr Getränk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu
+einer Art von Wein vergoren. An der Ufergrenze erhandeln
+sie auch Wein. Die Kost ist einfach, wilde Früchte, frisches
+Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne Würzen
+stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie
+nicht die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub
+leistete und ihnen zu trinken verschaffte, so viel sie begehren,
+der könnte sie einmal durch ihre Ausschweifung fast leichter
+als mit bewaffneter Hand überwinden.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap24">
+<index index="pdf" level1="24"/>
+<head><hi rend="kapitel">24</hi></head>
+
+<p>
+Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei
+jedem Feste gleich. Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen
+tun, schwingen sich im Tanz zwischen Schwertern und drohenden
+Framen. Übung hat sie gewandt gemacht, Gewandtheit
+anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn:
+<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>ihres so verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer.
+Aber merkwürdig sind sie beim Würfeln, treiben
+es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft, und mit so toller
+Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie, wenn alles
+hin ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben
+setzen. Und wer verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch
+jünger und stärker, er läßt sich geduldig binden und verkaufen.
+Das ist ihr Starrsinn noch am verkehrten Ende: sie aber
+nennen es Treue. Sklaven dieser Art übergeben sie dem
+Handel, um auch selbst der Beschämung über den Gewinn
+ledig zu werden.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap25">
+<index index="pdf" level1="25"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm25">25</ref></hi></head>
+
+<p>
+Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu
+genau verteiltem Gesindedienst an; sondern jeder schaltet
+auf eigenem Anwesen, am eigenen Herd. Der Herr
+legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder
+Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so weit geht
+die Pflicht des Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des
+Herrenhauses die Frau und die Kinder. Daß der Sklave
+gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft wird, ist
+selten. Eher noch schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe
+oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jähzorn: wie
+einen Feind, nur daß es hier ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen
+stehen nicht viel höher als Sklaven. Selten haben
+sie einigen Einfluß im Haus, nie in der Gemeinde, ausgenommen
+bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind.
+Dort nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen
+und selbst über Adelige empor. Bei den anderen zeugt
+die Unebenbürtigkeit der Freigelassenen für die Freiheit
+des Volkes.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap26">
+<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/>
+ <index index="pdf" level1="26"/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm26">26</ref></hi></head>
+
+<p>
+Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist
+ihnen unbekannt und darum besser verhütet, als wenn es
+verboten wäre.
+</p>
+
+<p>
+Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen
+wollen, von der Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß
+besetzt und dann jedesmal unter die einzelnen nach
+ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde macht solche
+Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr für
+Jahr, und noch immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre
+Arbeit wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und der Ausdehnung
+ihres Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten anlegen,
+Wiesen ausscheiden, Gärten bewässern würden; einzig Getreide
+fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das
+Jahr nicht in unsere vier Zeiten; nur für Winter, Frühling
+und Sommer haben sie den Begriff und die Worte; vom
+Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap27">
+<index index="pdf" level1="27"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm27">27</ref></hi></head>
+
+<p>
+Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf
+wird geachtet, daß man die Reste bedeutender Männer mit
+Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf den Holzstoß
+häufen sie nicht Teppiche noch Räucherwerk; immer werden
+die Waffen, zuweilen auch das Streitroß ins Feuer mitgegeben.
+Ein Rasenhügel bildet das Grab. Ragender Denkmäler
+kunstreiche Pracht verschmähen sie, als drückend für die Verstorbenen.
+Von Klagen und Tränen lassen sie bald, von
+Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer,
+Männern Erinnerung.
+</p>
+
+<p>
+So viel habe ich allgemein über Herkunft und Sitten
+des ganzen Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die
+<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>Unterschiede in den Einrichtungen und Bräuchen der einzelnen
+Stämme und die Einwanderungen aus Germanien
+ins gallische Land erörtern.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap28">
+<index index="pdf" level1="28"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm28">28</ref></hi></head>
+
+<p>
+Daß Galliens Macht vorzeiten größer war, meldet der
+beste Gewährsmann, der erlauchte Julius [Cäsar]; und so
+darf man wohl glauben, daß auch Gallier nach Germanien
+hinübergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis
+bot nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im Gefühl
+seiner Macht, her- und hinüber zog und da blieb, wo das
+Land noch frei und zu keinem Bereich abgegrenzt war? So
+haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und
+Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die
+Bojer gewohnt, beides gallische Stämme. Noch lebt der
+Name <hi rend='antiqua'>Boihaemum</hi> und gemahnt an die Vorgeschichte des
+Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben.
+</p>
+
+<p>
+Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her,
+aus germanischem Gebiet, oder die Osen aus dem Land der
+Aravisker nach Germanien eingewandert sind, das ist nicht
+zu entscheiden (beide haben noch heute gleiche Sprache,
+gleiche Satzung und Bräuche): denn die nämliche Armut und
+Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau
+so viel Vorteil wie Nachteil.
+</p>
+
+<p>
+Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem
+Stolz ihre germanische Abkunft, als würde solcher Adel des
+Blutes eine Ähnlichkeit mit den erschlafften Galliern aufheben.
+Am Rheinufer selbst wohnen unzweifelhaft germanische
+Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst
+die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der römischen
+Kolonien erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin
+<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>Agrippiner nennen hören, schämen sich ihres germanischen
+Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten herübergekommen
+und wurden dann zum Lohn bewährter Treue gerade
+am Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als
+Bewachte.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap29">
+<index index="pdf" level1="29"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm29">29</ref></hi></head>
+
+<p>
+An Tapferkeit überragen die Bataver alle diese Stämme.
+Sie bewohnen nur einen kleinen Strich am Ufer, aber das
+ganze Inselland des Rheins und waren einst ein Teil des
+Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der Heimat löste
+und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten sie dem
+Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung
+alter Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein
+Tribut entwürdigt sie, kein Steuerpächter saugt sie aus; frei
+von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst im Kriege vorbehalten,
+werden sie wie Wehr und Waffen für den Kampf
+aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht auch das Volk der
+Mattiaker; hat doch das mächtige Römertum über den Rhein
+und über die alten Grenzen hinaus sein Weltreich Ehrfurcht
+gebietend erweitert. So sitzen sie, in eigener Gemarkung,
+auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält sie bei
+uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch
+der Boden und Himmel der Heimat helleren Mut weckt.
+</p>
+
+<p>
+Nicht unter die germanischen Völker möchte ich, wiewohl
+sie jenseits von Rhein und Donau ansässig sind, jene zählen,
+die das Zehntland bebauen: gallisches Lumpenpack, aus Not
+verwegen, hat sich sein Stück von dem Boden ungewisser
+Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind
+Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet
+ein Vorland des Reichs und einen Teil der Provinz.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap30">
+<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/>
+<index index="pdf" level1="30"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm30">30</ref></hi></head>
+
+<p>
+Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt
+am Herzynischen Wald, nicht so eben und sumpfig wie die
+anderen Gebiete im weiten germanischen Flachland; immer
+wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich spärlicher:
+so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt
+sie dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem
+Gliederbau, trotzigen Mienen und besonders lebhaftem
+Geist. Für Germanen zeigen sie viel Verstand und Gewandtheit.
+Sie wissen ihre Führer zu wählen, auf das Wort der
+Obern zu hören, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick
+zu erspähen, mit dem Angriff zurückzuhalten, ihren Tag
+einzuteilen und sich für die Nacht zu sichern; und haben gelernt,
+nicht dem ungewissen Glück, sondern erprobter Tapferkeit
+zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und nur einer
+strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als
+die Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie
+außer den Waffen auch Schanzzeug und Vorräte mitgeben.
+Andere Völker ziehen in die Schlacht, die Chatten in einen
+vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzügen und
+planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr für Reiterkräfte,
+rasch einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen.
+Aber Hast steht der Furcht gar nah, Bedachtsamkeit dem
+besonnenen Mute.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap31">
+<index index="pdf" level1="31"/>
+<head><hi rend="kapitel">31</hi></head>
+
+<p>
+Was sich auch bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck
+vereinzelten Wagemuts findet, ist bei den Chatten
+allgemeiner Gebrauch geworden; sobald sie mannbar sind,
+lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen sich
+nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet haben;
+<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>das ist ihr Gelübde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit.
+Erst an der blutigen Beute enthüllen sie wieder die Stirn; dann
+erst glauben sie den Preis für ihr Dasein gezahlt und ihr
+Vaterland und ihre Väter verdient zu haben. Feigen und
+Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter
+Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk
+sonst ein Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie
+sich erst, wenn er einen Feind erschlagen hat. Sehr viel
+Chatten gefallen sich in solchem Aufzug und sind darin grau
+geworden, berühmt und Feinden wie Freunden bekannt. Diese
+sinds, die jeden Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe,
+ein überwältigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr
+Aussehen nicht milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus
+oder Land oder sonst eine Arbeit; wo er auch einkehrt, findet
+er Unterhalt und schwelgt in fremdem Gut, unbekümmert um
+eigenes, bis dann schließlich das blutlose Alter zu so harter
+Tugend unfähig macht.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap32">
+<index index="pdf" level1="32"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm32">32</ref></hi></head>
+
+<p>
+Den Chatten zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort
+schon seinen festen Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag,
+die Usipier und Tenkterer. Die Tenkterer zeichnen sich außer
+durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre trefflich geübte
+Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten gebührt kein
+größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie
+von den Vätern her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück.
+Reiten ist das Spiel der Kinder, Männer üben es um
+die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben Gesinde und Gehöft
+und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde vererbt:
+doch erhält sie nicht, wie das übrige Gut, der älteste
+Sohn, sondern der streitbarste, der bessere Kämpe.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap33">
+<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/>
+<index index="pdf" level1="33"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm33">33</ref></hi></head>
+
+<p>
+Neben den Tenkterern traf man früher die Brukterer.
+Jetzt sollen da Chamaver und Angrivarier eingewandert sein.
+Die Brukterer wurden durch einen Zusammenschluß der
+Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, sei es aus Haß
+gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden Beute, oder
+weil uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten
+uns sogar, dem Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über
+sechzigtausend sind nicht der Römer Wehr und Waffen,
+sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude und Augenweide
+erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen
+Völkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens
+ihr Haß gegeneinander; denn nichts Größeres kann uns in
+des Reiches drängendem Verhängnis das Schicksal gewähren
+als unserer Feinde Zwietracht.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap34">
+<index index="pdf" level1="34"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm34">34</ref></hi></head>
+
+<p>
+An die Angrivarier und Chamaver schließen sich im
+Rücken Dulgubiner und Chasuarier an und andere nicht
+sonderlich häufig genannte Völker. Vorne nehmen die Friesen
+die Reihe auf. Sie heißen Groß- und Kleinfriesen nach dem
+Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis ans Meer
+der Rhein; auch wohnen sie rings um gewaltige Seen, in
+die auch schon römische Flotten drangen. Ja, selbst ins Nordmeer
+haben wir uns dort gewagt. Und es ist die Sage verbreitet,
+daß da noch Säulen des Herkules stehen: sei es, daß Herkules
+wirklich hinkam oder daß wir alles Großartige, wo sichs
+auch finde, auf seinen Ruhm zurückzuführen gewohnt
+sind. An Kühnheit hat es dem Drusus Germanicus auch
+nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die Spuren des
+Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht;
+<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/>es schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter
+zu glauben, als um sie zu wissen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap35">
+<index index="pdf" level1="35"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm35">35</ref></hi></head>
+
+<p>
+So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen
+Norden tritt es in ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst
+findet sich hier das Volk der Chauken; obwohl es schon
+nächst den Friesen beginnt und noch einen Teil der Küste
+innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier beschriebenen
+Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten.
+Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken nicht
+nur in ihrem Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein Volk,
+das unter den Germanen in höchstem Ansehen steht und es
+dabei vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen.
+Ohne Habgier, ohne unbändige Herrschsucht leben sie ruhig
+für sich und reizen keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben
+und plündern keinem sein Gut. Es ist das höchste Zeugnis
+für ihre Tapferkeit und Stärke, daß sie ihre überlegene Macht
+keinem Übergriff danken. Doch haben sie alle rasch die Waffen
+bereit, und wenn es die Not erfordert, ein Heer: Rosse und
+Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt
+ihnen ihr Ruf.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap36">
+<index index="pdf" level1="36"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm36">36</ref></hi></head>
+
+<p>
+Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker
+lange unangefochten einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden
+gehalten. Das brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit,
+da es verkehrt ist, zwischen unbändigen, mächtigen Nachbarn
+ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der Überlegene
+friedlich und redlich nennen. So heißen die Cherusker,
+einst als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge
+und Toren; den siegreichen Chatten wurde ihr Glück als
+Weis<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>heit gedeutet. Mitgerissen vom Sturz der Cherusker wurden
+auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glück die Geringeren,
+sind sie nun rechte Gefährten des Mißgeschicks.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap37">
+<index index="pdf" level1="37"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm37">37</ref></hi></head>
+
+<p>
+In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst
+dem Nordmeer, sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner
+Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. Von ihrem alten Ruf
+sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle und
+Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge
+des Heeres und Volks und für die so mächtige Wanderung
+Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre stand unsere
+Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdröhnten;
+unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius
+Carbo. Zählt man von da bis zum zweiten Konsulat
+des Imperators Trajan, so sind das etwa zweihundertundzehn
+Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im
+Lauf dieser langen Zeit hüben und drüben vielfach Verluste!
+Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht Hispanien und
+Gallien, ja auch die Parther nicht haben öfter zu schaffen
+gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei droht der
+Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten vorhalten
+als den erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von
+einem Ventidius niedergeworfen, den Pacorus hingeben
+mußte! Germanen aber haben den Carbo und Lucius Cassius,
+den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus
+Mallius geschlagen oder gefangen, also fünf konsularische
+Heere dem römischen Volke, und den Varus und mit ihm
+drei Legionen selbst dem Caesar geraubt; und nicht ohne
+Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der erlauchte Julius
+in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/>Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rüstungen
+des C. Caesar lächerlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe,
+bis daß sie, die Gelegenheit unseres Zwistes und Bürgerkrieges
+wahrnehmend, die Winterlager der Legionen stürmten
+und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder
+abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert
+als gesiegt.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap38">
+<index index="pdf" level1="38"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm38">38</ref></hi></head>
+
+<p>
+Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht,
+wie Chatten und Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern
+haben den größeren Teil Germaniens inne und zerfallen
+zudem noch in besondere Völkerschaften mit eigenem Namen,
+wiewohl sie insgemein Sueben heißen.
+</p>
+
+<p>
+Ein Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in
+einen Knoten geschlungene Haar: dadurch unterscheiden
+sich die Sueben von den übrigen Germanen und die suebischen
+Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt auch
+bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf Grund einer
+Verwandtschaft mit den Sueben, vielleicht, wie das ja
+oft geschieht, als Nachahmung, ist jedoch selten und bleibt
+auf die Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber streichen
+sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurück
+und binden es, oft gerade über dem Scheitel, zusammen;
+Vornehme tragen es noch kunstvoller hergerichtet. Das ist
+nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; denn nicht um Liebe
+und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher Sorgfalt
+schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und
+schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap39">
+<index index="pdf" level1="39"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm39">39</ref></hi></head>
+
+<p>
+Für die Ältesten und Edelsten unter den Sueben geben
+<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/>sich die Semnonen aus; der Glaube an ihr hohes Alter
+wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu bestimmten Zeiten
+sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und Schauer
+der Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch
+Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer
+der Gemeinschaft eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche
+Stiftung. Noch eine andere Verehrung gilt dem
+Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, gleichsam
+als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu
+zeugen. Fällt einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben
+noch aufrichten lassen, sondern muß sich auf der Erde hinauswälzen.
+Das ganze Treiben deutet darauf, daß dort die
+Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott,
+und alles andere untergeordnet und abhängig. Bestärkt
+wird diese Meinung durch das Gedeihen der Semnonen:
+in hundert Gauen wohnen sie, und bei solcher Größe ihrer
+Körperschaft halten sie sich für das Haupt der suebischen
+Völker.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap40">
+<index index="pdf" level1="40"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm40">40</ref></hi></head>
+
+<p>
+Dafür ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von
+sehr vielen mächtigen Völkern eingeschlossen, haben sie sich
+nicht durch Unterwürfigkeit, sondern in Kampf und Wagnis
+gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, Angeln, Variner,
+Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flüsse
+oder Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu
+bemerken; gemeinsam verehren sie die Nerthus, das ist die
+Mutter Erde; diese, so meinen sie, mische sich in das Treiben
+der Menschen und komme von Volk zu Volk gefahren. Es
+ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin
+steht ein geweihter Wagen, mit einer Hülle bedeckt, und nur
+<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>der Priester darf ihn berühren. Er merkt die Gegenwart der
+Göttin im Heiligtum und geleitet ehrfürchtig ihren mit
+Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage froh und
+festlich die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich
+zu weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand
+greift zu den Waffen; verschlossen ist jegliches Eisen: es ist
+die einzige Zeit, da sie Ruhe und Frieden kennen, die einzige,
+da sie ihn lieben. Bis der Priester dann wieder die Göttin,
+des Umgangs mit sterblichen Menschen ersättigt, in ihren
+heiligen Bezirk zurückbringt. Dann wird der Wagen, seine
+Umhüllung und – wenn man es glauben darf – die Göttin
+selbst in einem unzugänglichen See genetzt. Sklaven helfen
+beim Dienst, die alsbald der nämliche See verschlingt. Daher
+das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas,
+was nur Todgeweihte erschauen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap41">
+<index index="pdf" level1="41"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm41">41</ref></hi></head>
+
+<p>
+Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene
+Länder Germaniens hin. Näher – um, wie noch zuvor
+dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – haust das
+Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum ist
+ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an
+der Ufergrenze, sondern auch tief ins Reich hinein und
+selbst in der glänzendsten Kolonie der rätischen Provinz erlaubt.
+Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht herüber, und
+während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen
+und Lagerplätze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren
+unsere Häuser und Landsitze geöffnet. Im Lande der Hermunduren
+entspringt die Elbe, einst ein vielgerühmter, bekannter
+Strom; jetzt hört man nur eben von ihm.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="cap42">
+<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/>
+<index index="pdf" level1="42"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm42">42</ref></hi></head>
+
+<p>
+Nächst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter
+hin die Markomannen und Quaden. Hoch ragen die Markomannen
+an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr Land danken
+sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch
+schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und
+dies ist gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der
+Donau. Markomannen und Quaden haben noch bis auf
+unsere Zeit Könige vom heimischen Stamm behalten,
+des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fügen sie
+sich auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren
+Königen vom römischen Ansehen. Selten werden sie von
+unseren Waffen, öfter durch Geld unterstützt; es tut ihnen
+nicht Eintrag.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap43">
+<index index="pdf" level1="43"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm43">43</ref></hi></head>
+
+<p>
+Noch weiter ab von uns schließen sich Marsigner, Kotiner,
+Osen und Burier im Rücken an die Markomannen und Quaden.
+Von diesen erinnern Marsigner und Burier in Rede und
+Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch ihre
+gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, daß sie
+keine Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie
+ertragen. Einen Teil davon haben ihnen die Sarmater, einen
+anderen – als einem Fremdvolk – die Quaden auferlegt:
+dabei fördern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, noch
+obendrein Eisen! Alle diese Völker aber halten wenig Flachland
+besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Höhenzüge. Denn
+mitten durch Suebien zieht als Scheidewand ein Gebirg
+in geschlossener Kette; und auf der anderen Seite wohnen
+sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier, mehrere
+Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die
+<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer,
+Helisier und Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist
+man einen uralt-heiligen Hain. Darin waltet ein Priester
+in Frauentracht; aber die Götter, die sie nennen, sind nach
+römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung
+der Gottheit; ihr Name ist <q>Alken</q>. Es gibt von ihnen
+kein Bild, keine Spur führt zu fremden Bräuchen; aber als
+Brüder werden sie und als Jünglinge verehrt. Die grimmen
+Harier helfen, obzwar den zuvor aufgezählten Völkern ohnehin
+überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon wilden Erscheinung
+zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie
+schwärzen die Schilde und überfärben sich den Körper; finstere
+Nächte wählen sie zum Kampf. So jagen schon die gespenstischen
+Schreckgestalten eines Totenheeres Grausen ein,
+und kein Feind widersteht dem unerhörten, gleichsam
+höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die
+Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Königen,
+und etwas straffer als andere Germanenstämme, geleitet,
+doch nicht so, daß ihre Freiheit bedroht wäre. Dann dicht
+daran, gegen das Meer, die Rugier und Lemovier. All dieser
+Völker Merkmal ist, daß sie runde Schilde und kurze
+Schwerter haben und Königen gehorchen.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap44">
+<index index="pdf" level1="44"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm44">44</ref></hi></head>
+
+<p>
+Folgen die Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich
+an Mannen und Waffen und auch zur See gewaltig. Sie
+haben Schiffe von besonderer Gestalt, derart, daß jedes Ende
+Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit ist. Auch
+bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht reihenweise
+an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf
+manchen Flüssen, und setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts,
+<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>bald links ein. Bei diesem Volk steht auch der Reichtum in
+Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen den schon
+kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts
+auf Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den
+anderen Germanen, jedem zum Gebrauch freigegeben,
+sondern ein Wächter hält sie verschlossen; es ist ein Sklave.
+Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde
+das Meer; und Waffen in müßigen Händen führen gar leicht
+zum Mißbrauch. Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja
+auch nur einen Freigelassenen als Waffenhüter zu bestellen,
+wäre dem König kein Vorteil.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap45">
+<index index="pdf" level1="45"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm45">45</ref></hi></head>
+
+<p>
+Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und
+fast unbewegt. Daß es den Erdkreis abgürtet und schließt,
+darf man wohl glauben, weil sich dort der letzte Glanz der
+sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, so hell, daß davor
+die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der
+aufsteigenden Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann
+und ihr Strahlenhaupt zu erkennen. Damit sind wir, wenn
+die Sage recht hat, am Ende der Welt.
+</p>
+
+<p>
+Nun denn – rechts schlägt das suebische Meer an die
+Küste der Ästierstämme. Diese haben die Bräuche und das
+Aussehen der Sueben, ihre Sprache steht der britannischen
+näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als Zeichen dieses
+Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und
+Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch
+im Feindesgewühl. Selten haben sie Waffen von Eisen,
+oftmals Keulen. Korn und andere Früchte bauen sie sorgfältiger,
+als sonst germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie
+<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>suchen auch im Meer und sind unter allen Völkern die einzigen,
+die den Bernstein (sie nennen ihn <hi rend='antiqua'>glesum</hi>) an
+seichten Stellen und am Strande selbst sammeln. Doch haben
+sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine Entstehung
+weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie
+anderer Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach
+Schmuck schuf ihm seinen Namen. Sie selber gebrauchen
+ihn nicht; sie sammeln die rohen Stücke, bringen sie unbearbeitet
+zu Markt und wundern sich über den gezahlten
+Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil häufig
+kleine Landtiere, auch geflügelte, durchschimmern, die sich
+in der flüssigen Masse fangen und, wenn sie dann hart wird,
+eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen Ländern im Osten,
+wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mögen
+also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens
+merkwürdig ergiebige Haine und Wälder sein: ihre Säfte
+werden von den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt
+und rinnen noch flüssig den kurzen Weg hinab ins Meer;
+die Gewalt der Stürme treibt dann das Harz hinüber ans
+andere Gestade. Prüft man den Stoff des Bernsteins im
+Feuer, so entzündet er sich wie ein Kienspan und nährt eine
+qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich wieder
+zu einer Art Pech oder Harz.
+</p>
+
+<p>
+An die Suionen reihen sich die Stämme der Sitonen,
+sonst ähnlich und nur dadurch unterschieden, daß ein Weib
+sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen nicht nur die Freiheit,
+sondern noch die Knechtschaft entartet.
+</p>
+</div>
+ <div id="cap46">
+<index index="pdf" level1="46"/>
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm46">46</ref></hi></head>
+
+<p>
+Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stämme der
+<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>Peuciner und der Veneter und Fennen zu den Germanen
+oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich nicht recht. Die Peuciner
+zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen in
+Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches
+Wesen. Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen
+träge; und Wechselheiraten haben auch schon
+zu sarmatischer Mißgestalt geführt. Die Veneter haben viel
+von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald-
+und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen
+erhebt, durchstreifen sie in räuberischen Haufen. Doch zählt
+man sie eher noch als Germanen, weil sie feste Wohnungen
+haben, Schilde tragen und gern als schnelle, rüstige Fußgänger
+auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern,
+die auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen
+sind ein erstaunlich wildes, abstoßend armes Volk. Sie haben
+keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter sind
+ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre Lagerstätte.
+Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil
+Eisen mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise
+Männer wie Frauen ernähren: diese ziehen überall
+mit und heischen ihren Teil von der Beute. Ihre Kinder
+haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier
+als ein Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren
+auch die Erwachsenen zurück, dort bergen sich die Alten.
+Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, als hinter dem Pfluge
+zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und fremdes
+Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert
+um Menschen, unbekümmert um Götter haben sie
+das Schwerste erreicht, selbst auf Wünsche verzichten zu
+können.
+</p>
+
+<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/>
+
+<p>
+Darüber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen
+Hellusier und Oxionen Menschenköpfe und menschliches
+Antlitz haben, aber Leib und Glieder von Tieren. Das ist
+unverbürgt, und ich will es nicht weiter verfolgen.
+</p>
+
+</div></div><div rend="page-break-before: always">
+<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/>
+<index index="toc" level1="Inhalt der Germania"/><index index="pdf" level1="Inhalt der Germania"/>
+<head>Inhalt der Germania</head>
+
+ <div>
+<head>Allgemeiner Teil (<ref target="cap01">1–27</ref>)</head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Das Land und seine Bewohner</hi> (<ref target="cap01">1–5</ref>): Grenzen und
+Grenzströme (<ref target="cap01">1</ref>) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der
+Germanen (<ref target="cap02">2</ref>) – Frühe Besuche aus der Fremde? (<ref target="cap03">3</ref>) – Körperbau
+als weiterer Beweis der Autochthonie (<ref target="cap04">4</ref>) – Natur und Erzeugnisse
+des Landes (<ref target="cap05">5</ref>).
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Leben und Sitten der Germanen</hi> (<ref target="cap06">6–27</ref>): Waffen, Kriegswesen
+(<ref target="cap06">6</ref>) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (<ref target="cap07">7</ref>) –
+Frauen im Kampf, heilige Frauen (<ref target="cap08">8</ref>) – Götter (<ref target="cap09">9</ref>) – Lose,
+Vorzeichen (<ref target="cap10">10</ref>) – Ratsversammlung (<ref target="cap11">11</ref>) – Versammlung als
+Gericht, Verbrechen und Strafen (<ref target="cap12">12</ref>) – Wehrhaftmachung, Gefolge
+(<ref target="cap13">13</ref>) – Gefolge im Krieg (<ref target="cap14">14</ref>) – Fürsten und Gefolge im
+Frieden (<ref target="cap15">15</ref>) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (<ref target="cap16">16</ref>) –
+Kleidung (<ref target="cap17">17</ref>) – Ehe (<ref target="cap18">18</ref>) – Frauen und Kinder (<ref target="cap19">19</ref>) – Erziehung,
+Verwandtschaft, Erbfolge (<ref target="cap20">20</ref>) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft
+(<ref target="cap21">21</ref>) – Leben im Hause, Trinkgelage (<ref target="cap22">22</ref>) – Getränke, Speisen,
+Trunksucht (<ref target="cap23">23</ref>) – Waffentänze, Würfelspiel (<ref target="cap24">24</ref>) – Sklaven (<ref target="cap25">25</ref>) –
+Ackerbau (<ref target="cap26">26</ref>) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (<ref target="cap27">27</ref>).
+</p>
+</div>
+ <div>
+<head>Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (<ref target="cap28">28–46</ref>)</head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Grenzvölker</hi> (<ref target="cap28">28</ref>, <ref target="cap29">29</ref>): Fremde in Germanien: Helvetier und
+Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen,
+und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter,
+Triboker, Ubier (<ref target="cap28">28</ref>) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver
+und Mattiaker; Zehntland (<ref target="cap29">29</ref>).
+</p>
+
+<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>West- und Nordwestgermanen</hi> (<hi rend='gesperrt'>Nicht-Sueben</hi>, <ref target="cap30">30–37</ref>):
+Chatten (<ref target="cap30">30</ref>, <ref target="cap31">31</ref>) – Usipier und Tenkterer (<ref target="cap32">32</ref>) – Brukterer,
+Chamaver, Angrivarier (<ref target="cap33">33</ref>) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen
+(<ref target="cap34">34</ref>) – Chauken (<ref target="cap35">35</ref>) – Cherusker (<ref target="cap36">36</ref>) – Kimbern, Kimbern-
+und spätere Germanenkriege (<ref target="cap37">37</ref>).
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> (<ref target="cap38">38–45</ref>): Ihre Haartracht (<ref target="cap38">38</ref>) – Semnonen (<ref target="cap39">39</ref>) –
+Langobarden und Nerthusvölker (<ref target="cap40">40</ref>) – Hermunduren (<ref target="cap41">41</ref>) –
+Varisten, Markomannen und Quaden (<ref target="cap42">42</ref>) – Ost- und Nordostgermanen
+(<ref target="cap43">43</ref>, <ref target="cap44">44</ref>) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen
+(<ref target="cap45">45</ref>).
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Mischvölker im Osten</hi>: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen
+(wohl nicht mehr Germanen) und
+</p>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Fabelreich</hi>: Hellusier und Oxionen (<ref target="cap46">46</ref>).
+</p>
+
+</div></div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/>
+<index index="toc" level1="Anmerkungen des Übersetzers"/><index index="pdf" level1="Anmerkungen des Uebersetzers"/>
+<head>Anmerkungen des Übersetzers</head>
+
+<p>
+Was ist dieses Buch, gewöhnlich <q>Germania</q> genannt, das die
+Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht
+eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
+</p>
+
+<p>
+Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den
+deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar;
+aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus
+haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen
+berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert
+auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel <q>Thule</q> (Island?)
+und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios
+stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt
+Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen
+Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege
+in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit;
+deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier.
+Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen
+Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein
+Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung
+durch den älteren Plinius. Erhalten aber des Plinius <hi rend='antiqua'>Historia
+naturalis</hi>, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie
+des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie
+in der vom Mittelalter aufgezeichneten <hi rend='antiqua'>Tabula Peutingeriana</hi> nachwirkt.
+</p>
+
+<p>
+Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben.
+Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue
+Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal
+da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders
+<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch
+dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als
+Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag
+sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der
+bloße Inhalt.
+</p>
+
+<p>
+Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war
+im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte
+lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien
+die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten
+Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an
+die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es
+insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen
+Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen,
+daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.
+</p>
+
+<p>
+Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten.
+Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff.
+Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des
+Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart,
+Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten
+ausgehend und sich immer mehr in <q>romantische</q> Ferne verlierend,
+seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet.
+Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer
+Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (<ref target="cap39">Kap. 39</ref>) ein
+rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist
+durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet.
+Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner
+des Werkes, über den Meister.
+</p>
+
+<p>
+Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn.
+Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende
+Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend
+<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der
+Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht
+bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses
+kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde
+und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische
+Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender
+Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
+</p>
+
+<p>
+So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten
+von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo
+geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters
+herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern
+und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen
+Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der
+Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan,
+stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre
+Hadrians erlebt zu haben.
+</p>
+
+<p>
+Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians
+Tode hervortretend, mit dem <hi rend='gesperrt'>Dialog</hi> über die Redekunst und ihren
+Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters
+<hi rend='gesperrt'>Agricola</hi> und, noch im gleichen Jahre 98, die <hi rend='gesperrt'>Germania</hi>. Dann
+die <hi rend='gesperrt'>Historien</hi>, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum
+Ende Domitians (96), und die <hi rend='gesperrt'>Annalen</hi>, vom Tode des Augustus
+bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts
+weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus
+ganz, <q><hi rend='antiqua'>le plus grand peintre de l’antiquité</hi></q>, wie ihn Racine nannte.
+Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf
+diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch
+lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung
+Lichtenbergs, <q>sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen</q>.
+</p>
+
+<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/>
+
+<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/>
+
+<p>
+Die <q>Germania</q> wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann
+bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V.
+reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte
+Handschriften zu suchen, und bringt die <q>Germania</q> und den <q>Dialog</q>
+1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist
+wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen
+andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal <q><hi rend='antiqua'>De
+origine, situ, moribus ac populis Germanorum</hi></q>, ein andermal
+<q><hi rend='antiqua'>De origine et situ Germanorum</hi></q>. 1469 schon wird die <q>Germania</q>
+gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus
+und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von
+Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff
+(<hi rend='antiqua'>Germania antiqua</hi>, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler,
+zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912).
+</p>
+
+<p>
+Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen.
+Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus
+seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder
+lebendig zu machen.
+</p>
+
+<p>
+Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an;
+die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von
+anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark
+und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die
+Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet.
+Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit
+sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten;
+von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister.
+</p>
+
+<p>
+Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts
+in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der
+Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge
+besonderen Dank.
+</p>
+
+</div>
+ <div rend="page-break-before: always">
+<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/>
+<index index="toc" level1="Erläuterungen"/><index index="pdf" level1="Erlaeuterungen"/>
+<head>Erläuterungen</head>
+
+ <div id="anm01">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap01">1</ref></hi></head>
+
+<p>
+Die römische Provinz <hi rend='gesperrt'>Rätien</hi> reicht nördlich bis zur Donau
+(Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum,
+von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und Save
+<hi rend='gesperrt'>Pannonien</hi>. <hi rend='gesperrt'>Sarmater</hi> in Osteuropa, etwa von der Weichsel an,
+<hi rend='gesperrt'>Daker</hi> in Siebenbürgen. <hi rend='gesperrt'>Gebirge</hi> die Karpathen. <hi rend='gesperrt'>Ein Kriegszug</hi>:
+der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? <hi rend='gesperrt'>Abnoba</hi> Schwarzwald.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm02">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap02">2</ref></hi></head>
+
+<p>
+Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. <hi rend='gesperrt'>Asien</hi>,
+<hi rend='gesperrt'>Afrika</hi>, <hi rend='gesperrt'>Italien</hi> die römischen Südprovinzen. <hi rend='gesperrt'>Tuisto</hi> (Zwist!)
+ist zweigeschlechtig, <hi rend='gesperrt'>Mannus</hi> Mann, Mensch, der erste Mensch. Die
+Namen der <hi rend='gesperrt'>Marser</hi> (Merseburg) und <hi rend='gesperrt'>Gambrivier</hi> verschwinden
+bald; sind es, wie <hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> und <hi rend='gesperrt'>Vandilier</hi> (Ostgermanen), Kultverbände?
+Die <hi rend='gesperrt'>Tungrer</hi> (Tongern!) wurden Germanen genannt
+(von den Kelten? die Form ist keltisch: <q>Rufer im Streit</q> oder
+<q>Nachbarn</q>?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen
+<q>Germanen</q> über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten
+sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). <q>Eine verzweifelte
+Stelle!</q> (Grimm.)
+</p>
+</div>
+ <div id="anm03">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap03">3</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Herkules</hi> wohl <hi rend='gesperrt'>Donar</hi>; <hi rend='antiqua'>barditus</hi> ist nicht genügend erklärt.
+<hi rend='gesperrt'>Ulixes</hi> (Odysseus) der Schwanenritter? <hi rend='gesperrt'>Asciburgium</hi> Asberg
+bei Mörs im Rheinland. <hi rend='gesperrt'>Griechische Schrift</hi> verwenden die
+Kelten.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm05">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap05">5</ref></hi></head>
+
+<p>
+Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker
+(bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen
+Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen
+nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten
+<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr.
+geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert!
+</p>
+</div>
+ <div id="anm06">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap06">6</ref></hi></head>
+
+<p>
+Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links
+die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde
+zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am
+linken Fuß (Schweizer-Sidler). Der <hi rend='gesperrt'>Keil</hi> kehrt seine Spitze dem
+Gegner zu.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm07">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap07">7</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Könige</hi> und <hi rend='gesperrt'>Fürsten</hi> haben gleiche Befugnis, Fürst ist der
+König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht
+jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen
+geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der
+König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird
+ein König zum <hi rend='antiqua'>dux</hi> gewählt (Müllenhoff).
+</p>
+</div>
+ <div id="anm08">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap08">8</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Die Brüste entblößend</hi>: ihr Leib soll nicht fremden Siegern
+gehören. <hi rend='gesperrt'>Veleda</hi> zuletzt gefangen nach Rom gebracht. <hi rend='gesperrt'>Machten</hi> ...
+<hi rend='gesperrt'><anchor id="corr045"/><corr sic="Göttinen">Göttinnen</corr></hi> wie die römischen Senatoren, die so den Frauen der
+Kaiser schmeichelten.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm09">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap09">9</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Mercurius</hi> (besonders als Totenführer): Wotan (<hi rend='antiqua'>dies
+Mercurii</hi> = <hi rend="antiqua">Wednesday</hi>). Mars: Tiu, Ziu (<hi rend='antiqua'>dies Martis</hi> = <hi rend="antiqua">Tuesday</hi>).
+<hi rend='gesperrt'>Herkules</hi>: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis
+des 8. Jahrh. <hi rend='gesperrt'>Isis</hi>: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen
+<hi rend='gesperrt'>Liburner</hi> hatten leichte Schiffe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm10">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap10">10</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Wilder Fruchtbaum</hi>: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder.
+Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm11">
+<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap11">11</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Nächte</hi> noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, <hi rend='antiqua'>Fortnight</hi>. <hi rend='gesperrt'>In Waffen</hi>
+noch jetzt <q>Spießbürger</q>. <hi rend='gesperrt'>Jeder</hi>: Müllenhoff folgert aus dem
+grammatischen Sinn, daß nur <hi rend='antiqua'>rex vel princeps</hi> reden durften, nicht
+jeder Teilnehmer. Aber jedesfalls <hi rend='antiqua'>licet accusare</hi> usw. (<ref target="cap12">Kap. 12</ref>).
+</p>
+</div>
+ <div id="anm12">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap12">12</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Am Körper Geschändete</hi>: widernatürliche Männer, aber wohl
+auch <q>entehrte</q> Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält.
+Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich.
+<hi rend='gesperrt'>Frevel – Schandtat</hi>: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt
+die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin. <hi rend='gesperrt'>Die Fürsten
+bestimmt</hi> nämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten. <hi rend='gesperrt'>Recht
+sprechen</hi> ist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser
+leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, der
+<hi rend='gesperrt'>Rat</hi> macht den Urteilsvorschlag, der <hi rend='gesperrt'>Beistand</hi> gibt das <q>Vollwort</q>:
+sie <q>finden</q> das Recht, der entsendete Richter tut nur den
+Spruch.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm15">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap15">15</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Brustschmuck</hi> (<hi rend='antiqua'>phalerae</hi>) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
+<hi rend='gesperrt'>Geld</hi>: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen
+um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm16">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap16">16</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Vielleicht</hi>: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz
+sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird
+aber gerade wortreich und gewöhnlich.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm17">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap17">17</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Kleid</hi> die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark
+unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber
+bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die
+Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang
+<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. Ihre <hi rend='gesperrt'>Kleidung</hi> läuft
+oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer
+wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird
+nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust
+zum Teil sichtbar werden.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm18">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap18">18</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Umworben werden</hi> von den Familien der Mädchen. <hi rend='gesperrt'>Mitgift
+– Geschenke</hi>: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt;
+<hi rend='gesperrt'>Mitgift</hi> ist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein
+Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater
+an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen
+und Formeln der <hi rend='antiqua'>confarreatio</hi>, der strengen altrömischen Ehe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm19">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap19">19</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Schauspiel</hi> das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
+Getriebe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm20">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap20">20</ref></hi></head>
+
+<p>
+Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf
+die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm22">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap22">22</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Eröffnet es noch</hi>: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt
+ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer
+Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem
+gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und
+sollen nicht vor Abend trinken.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm23">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap23">23</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Getränk</hi> Bier. <hi rend='gesperrt'>Ufergrenze</hi> wohl nur des Rheins; die Sueben
+an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert
+Sklaven fortschleppen.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm25">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap25">25</ref></hi></head>
+
+<p>
+Tacitus denkt hier nur an die <q>Hintersassen</q>; es gibt aber auch
+<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/>Haussklaven (<ref target="cap20">Kap. 20</ref>). Im folgenden Anspielung auf das Treiben
+der Freigelassenen in Rom.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm26">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap26">26</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Besser verhütet</hi>: Müllenhoff und Baumstark können diesen
+Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der
+Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff
+übersetzt. <hi rend='gesperrt'>Nicht in vier Zeiten</hi>: sondern in Winter und
+Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch ist <hi rend='gesperrt'>Herbst</hi>
+ein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den
+Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber
+kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm27">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap27">27</ref></hi></head>
+
+<p>
+Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm28">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap28">28</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Caesar</hi> wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt.
+Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute
+sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom
+Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt.
+<hi rend='gesperrt'>Herzynischer Wald</hi> das ganze deutsche Mittelgebirge,
+hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb. <hi rend='gesperrt'>Helvetier</hi> bald darauf in
+der Nordschweiz, <hi rend='gesperrt'>Bojer</hi> damals in Böhmen (Beheim), <hi rend='gesperrt'>Aravisker</hi>
+um Stuhlweißenburg, <hi rend='gesperrt'>Osen</hi> in Oberungarn; diese beiden pannonische
+Stämme. Von den Osen ist es <ref target="cap43">Kap. 43</ref> ausdrücklich bezeugt; die
+Worte <hi rend='antiqua'>Germanorum natione</hi> können nur auf den Wohnsitz gedeutet
+werden. <hi rend='gesperrt'>Treverer</hi> um Trier, wahrscheinlich Gallier, <hi rend='gesperrt'>Nervier</hi>
+an der Sambre, <hi rend='gesperrt'>Vangionen</hi> um Worms, <hi rend='gesperrt'>Triboker</hi> bei Hagenau,
+<hi rend='gesperrt'>Nemeter</hi> um Speyer, <hi rend='gesperrt'>Ubier</hi> 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke
+Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird die <hi rend='antiqua'>colonia Agrippinensis</hi>,
+der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin
+des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!).
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm29">
+<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap29">29</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Bataver</hi> im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von
+den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des
+Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu
+den Römern. <hi rend='gesperrt'>Mattiaker</hi> um Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt
+sind. <hi rend='gesperrt'>Über die alten Grenzen</hi> endgültig durch den Bau des
+Grenzwalls (<hi rend='antiqua'>limes</hi>), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung
+(3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über
+Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang.
+Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter
+die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. <hi rend='gesperrt'>Zehntland</hi>
+(<hi rend='antiqua'>agri decumates</hi>, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland
+am mittleren Neckar.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm30">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap30">30</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Weiter hinaus</hi> über das Zehntland hin. <hi rend='gesperrt'>Chatten</hi> = Hessen.
+Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm <q>der einzige deutsche
+Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an
+derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt
+werden</q>. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte
+Lob.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm32">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap32">32</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Usipier</hi> (Usipeter) und <hi rend='gesperrt'>Tenkterer</hi>, immer gemeinsam genannt,
+vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm33">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap33">33</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Brukterer</hi> zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!);
+später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind
+übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren
+Hauptvolk später die <hi rend='gesperrt'>Chamaver</hi> werden, damals nördlich der Lippe
+bis zum Zuydersee. <hi rend='gesperrt'>Angrivarier</hi>, an der Weser, später als Angern
+ein Hauptstamm der Altsachsen.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm34">
+<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap34">34</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Im Rücken – vorn</hi>: die Völker mit dem Gesicht zur See.
+<hi rend='gesperrt'>Dulgubiner</hi> in der Gegend von Hannover (?), <hi rend='gesperrt'>Chasuarier</hi> an der
+Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen
+Rhein und Yssel. <hi rend="gesperrt">Seen</hi> besonders der Zuydersee, aber auch viele
+andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln.
+<hi rend='gesperrt'>Römische Flotten</hi>: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein
+Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht
+recht zu bestimmende Unternehmung deutet <ref target="cap01">Kap. 1</ref>. <hi rend='gesperrt'>Säulen des
+Herkules</hi> wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist
+der römische Herkules gemeint. <hi rend='gesperrt'>Niemand versucht</hi>: nach Drusus
+Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
+</p>
+</div>
+ <div id="anm35">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap35">35</ref></hi></head>
+
+<p>
+Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische
+Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts
+geneigt. <hi rend='gesperrt'>Chauken</hi> am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach
+Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen, <q>Chauken</q>
+ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser
+treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert
+die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht.
+Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter
+Gegensatz zum folgenden Kapitel.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm36">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap36">36</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Zur Seite</hi> östlich. <hi rend='gesperrt'>Cherusker</hi> in der Umgebung des Harzes,
+früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten
+durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des
+Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der <q>Befreier Germaniens</q>,
+besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden
+aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe
+mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede.
+<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr
+(hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen?
+<hi rend='gesperrt'>Fosen</hi> in der Wesergegend.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm37">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap37">37</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Kimbern</hi>: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf
+ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen,
+640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der
+Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter
+Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer
+vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul
+Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus,
+gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und
+Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat
+Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung
+der <q>Germania</q> im gleichen Jahre. <hi rend='gesperrt'>Arsaces</hi> begründet
+im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom
+die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den
+Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage,
+indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr.
+besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. <hi rend='gesperrt'>Selbst dem Caesar</hi>:
+Augustus. <hi rend='gesperrt'>Nero</hi> ist Tiberius. <hi rend='gesperrt'>Rüstungen des C. Caesar</hi>: Caligula;
+er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert
+(40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren
+Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der
+Aufstand der Nordwestgermanen.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm38">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap38">38</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Nunmehr</hi> eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle
+folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben.
+Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht
+die Ost- und Nordgermanen. <hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> wortgleich mit <q>Schwaben</q>.
+<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/><hi rend='gesperrt'>Stammeszeichen</hi>: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe
+über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher
+wären nach Baumstark im letzten Satz des <ref target="cap43">43. Kapitels</ref> Kennzeichen
+angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten
+ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem
+Band) flechten, und diese wieder von den <q>Vornehmen</q>.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm39">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap39">39</ref></hi></head>
+
+<p>
+Müllenhoff hält den Namen <hi rend='gesperrt'>Semnonen</hi> für hieratisch: ihr
+Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm
+behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige
+Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben
+festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern
+die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!)
+an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische
+Gebiet. Der Vers <hi rend='antiqua'>auguriis – sacram</hi> im
+Deutschen durch <q>Zeichen – weihten</q> wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
+Einleitung!
+</p>
+</div>
+ <div id="anm40">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap40">40</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Langobarden</hi> an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren
+ins Alföld (ihr <q>Feld</q>) und weiter nach Pannonien und
+Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft,
+in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln
+gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals
+in Holstein. <hi rend='gesperrt'>Nerthus</hi> nicht etwa Hertha (eine falsche Bildung),
+sondern Freya; als Mutter Erde (<hi rend='antiqua'>magna mater Idaea</hi>) bezeichnet,
+weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester
+Bild und Wagen reinigt. <hi rend='gesperrt'>Insel</hi> sicher nicht Rügen, ebenso der See
+nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist.
+<hi rend='gesperrt'>Wenn man es glauben darf</hi>: also kein Götterbild (<ref target="cap09">Kap. 9</ref>).
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm41">
+<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap41">41</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Wie noch zuvor</hi>: vom Zehntland bis zu den Chauken (<ref target="cap35">Kap. 35</ref>),
+ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung
+des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau.
+<hi rend='gesperrt'>Hermunduren</hi> zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis
+zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den
+Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn
+des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen
+unter Aufsicht überschreiten. <hi rend='gesperrt'>Kolonie</hi> ist <hi rend='antiqua'>Augusta Vindelicorum</hi>
+(Augsburg). <hi rend='gesperrt'>Elbe</hi>: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger
+oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren
+römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus
+kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm42">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap42">42</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Varisten</hi> am Fichtelgebirge, <hi rend='gesperrt'>Markomannen</hi> in der großen
+<q>Mark</q> zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier
+entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach
+Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen,
+die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges
+Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern
+zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später,
+unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg
+der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird
+Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier
+ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und
+Deutschösterreicher). <hi rend='gesperrt'>Quaden</hi> wahrscheinlich mit den Markomannen
+zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn,
+Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den
+Vandalen nach Spanien. <hi rend='gesperrt'>Stirnwehr</hi> gegen Rom. <hi rend='gesperrt'>Tudrus</hi> wahrscheinlich
+ein Quadenkönig.
+</p>
+
+</div>
+ <div id="anm43">
+<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/>
+
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap43">43</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Noch weiter ab</hi>: nördlich und östlich der Markomannen und
+Quaden, um das schlesische Gebirge. <hi rend='gesperrt'>Eisen</hi>, das bei den Germanen
+so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben
+zu befreien. <hi rend='gesperrt'>Gebirge</hi> der östliche Teil des Herzynischen
+Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. <hi rend='gesperrt'>Lugier</hi>
+oder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband
+(Vandilier, <ref target="cap02">Kap. 2</ref>), der alle hier genannten Stämme und
+wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum
+liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die
+Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später
+Vandalen, eine Nebenform von <q>Vandilier</q>. Ihre Wanderung
+führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. <hi rend='gesperrt'>In Frauentracht</hi>: nur
+der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi
+(dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen
+Volkes) abgeleitet, <q>Männer mit Frauenhaar</q>; das Königsgeschlecht
+aber nennt sich nach dem Brüderpaar <q>Kastor und Pollux</q>, einer
+alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: <q>Alken</q>
+und <q>Hasdingi</q> soll zusammenhängen. Das Totenheer und die
+straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich
+in das Reich des Märchens hinüberführt. <hi rend='gesperrt'>Goten</hi>, das bedeutendste
+ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel
+und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis
+ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt. <hi rend='gesperrt'>Rugier</hi>
+und <hi rend='gesperrt'>Lemovier</hi> damals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder,
+die Rugier später an der österreichischen Donau.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm44">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap44">44</ref></hi></head>
+
+<p>
+In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine
+rechte Vorstellung hatte. <hi rend='gesperrt'>Suionen</hi> sind Schweden, Skandinavien
+gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute
+<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>bei den Norwegern als Scherenboote gebaut. <hi rend='gesperrt'>Reichtum</hi>: Geldgier
+führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten
+Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum
+verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit
+gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden,
+und dann sind alle Waffen verschlossen (<ref target="cap40">Kap. 40</ref>). Vielleicht haben
+Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis
+verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der
+Goten!
+</p>
+</div>
+ <div id="anm45">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap45">45</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Jenseits</hi> nördlich. <hi rend='gesperrt'>Starr</hi>: Pytheas von Massilia berichtet, es
+gebe eine <foreign lang="el" rend="Greek">θάλασσα πεπηγυῖα</foreign>, ein geronnenes Meer (im Mittelalter
+die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von
+der Mitternachtssonne! <hi rend='gesperrt'>Der Erdkreis</hi> ist eine Scheibe, die Sonne
+am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das
+Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt
+nach altem Glauben. <q>Tönend wird für Geistesohren schon
+der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!</q> (Faust).
+<hi rend='gesperrt'>Nun denn</hi>: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über.
+Die <hi rend='gesperrt'>rechte</hi> Küste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. <hi rend='gesperrt'>Ästier</hi>
+sind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen
+über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen
+sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig.
+<hi rend='gesperrt'>Bernstein</hi>, ein uralter Schmuck, wird über die <q>Bernsteinwege</q>
+zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des
+Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der
+Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. <hi rend='antiqua'>glesum</hi>: Glas, das
+Glänzende. <hi rend='gesperrt'>Landtiere</hi>: Martial nennt die Viper. <hi rend='gesperrt'>Sitonen</hi> östlich
+von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches <hi rend='antiqua'>qêns</hi>,
+Weib, <hi rend='antiqua'>queen</hi>): daher der Bericht über die Frauenherrschaft.
+ Höhe<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter
+regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft.
+</p>
+</div>
+ <div id="anm46">
+<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap46">46</ref></hi></head>
+
+<p>
+<hi rend='gesperrt'>Peuciner</hi> ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste
+Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung),
+auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der
+unteren Donau bekannte. <hi rend='gesperrt'>Veneter</hi> Wenden, das germanische Wort
+für Slaven. <hi rend='gesperrt'>Fennen</hi>: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur
+auf ihr Leben im Sommer. Die <hi rend='gesperrt'>Hellusier</hi> sollen <q>Hirschartige</q>,
+die <hi rend='gesperrt'>Oxioner</hi> <q>Ochsenartige</q> sein, vielleicht nach den Tierfellen, die
+sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
+</p>
+
+</div><div rend="page-break-before: always">
+<pb/><anchor id='Pg057'/>
+ <index index="toc" level1="Karte zu Tacitus’ Germania"/>
+ <index index="pdf" level1="Karte zu Tacitus' Germania"/>
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+ <p><figure url="images/map.jpg" rend="width: 100%"><figDesc>Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania</figDesc></figure></p>
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+<figure url="images/map_th.png"><figDesc>Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania</figDesc></figure>
+</p>
+<p rend="text-align: center"><xref url="images/map.jpg">[Größere Version]</xref></p>
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+<p rend="text-align: center">
+Druck der Spamerschen<lb/>
+Buchdruckerei, Leipzig
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+ <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head>
+
+ <!--<p>Das Inhaltsverzeichnis am Anfang wurde in der elektronischen Version hinzugefügt.</p>-->
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+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet,
+ ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.</p>
+ </then>
+ <else>
+ <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+ einzelne Wörter aus
+ fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p>
+ </else>
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+ <p>Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.</p>
+ <p>Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:</p>
+ <list>
+<item><ref target="corr045">Seite 45</ref>: „Göttinen“ geändert in „Göttinnen“</item>
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@@ -0,0 +1,2454 @@
+The Project Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Die Germania
+
+Author: Cornelius Tacitus
+
+Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+
+
+ [Illustration: Einband]
+
+
+
+
+
+ Die Germania
+
+ des
+
+ Cornelius Tacitus
+
+
+ Mit einer Karte
+
+
+ [Illustration: Verlagssignet]
+
+
+ Uebersetzung von Paul Stefan
+
+
+Im Insel-Verlag zu Leipzig
+
+
+
+
+
+
+ _1_
+
+
+Ganz Germanien scheiden die Stroeme Rhein und Donau vom gallischen und
+raetisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder
+das Misstrauen hueben und drueben die Grenze. Das uebrige umfliesst in weiten
+Buchten der Oceanus, unermessliche Inseln umfangend; dort sind einige
+Voelkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug
+erschloss. Der Rhein entspringt einem unzugaenglich jaehen Hang der Raetischen
+Alpen, wendet sich in maessiger Biegung gegen Westen und muendet ins
+noerdliche Meer. Die Donau stroemt in dem sanft und gemaechlich ansteigenden
+Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Voelker heran, bis sie ins
+Pontische Meer in sechs Muendungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf
+verliert sich in Suempfen.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar
+nicht beruehrt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Staemmen. Denn nicht zu
+Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die
+einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermessliche Meer dort droben, in
+eine, ich moechte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis
+kaum. Und wer haette denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem
+schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und
+nach Germanien ziehen moegen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel,
+wuest zu bewohnen und anzuschauen fuer alle, die da nicht heimisch sind?
+
+Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmaelern ihrer Ueberlieferung
+und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den
+Urvater und Begruender ihres Stammes. Mannus habe drei Soehne gehabt, nach
+denen die Voelker naechst dem Nordmeer Ingaevonen, die im Innern Herminonen,
+die uebrigen Istaevonen genannt wuerden. Andere behaupten (spielt doch hier
+fernste Sage und Willkuer), es habe mehr Soehne des Gottes, also auch mehr
+Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das
+seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor
+einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein ueberschritten und die
+Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden,
+und allmaehlich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines
+Volkes behauptet. So naemlich, dass zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung
+zuliebe, der grossen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und dass die ihn
+dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt haetten.
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+Es heisst auch, dass Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm
+als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art
+Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie
+befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem blossen Klang ahnen
+laesst; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die
+Reihen droehnt, gleich als waere das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen
+als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jaeh abbrechendes
+Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, dass die Stimme
+rueckprallend noch voller und tiefer schwelle.
+
+Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen
+Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Laender betreten;
+Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von
+ihm gegruendet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet,
+auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben
+Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmaeler mit griechischer
+Schrift gaebe es in der germanisch-raetischen Grenzmark noch heute. Dies
+alles mit Gruenden zu stuetzen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man
+schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt.
+
+
+
+
+ _4_
+
+
+Selber schliesse ich mich denen an, die Germaniens Staemme, rein und vor
+jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, fuer ein eigenes, unverfaelschtes,
+keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der
+grossen Menschenzahl, ueberall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen,
+rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestuemem Draengen
+taugend; muehsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Masse gewachsen. Durst
+und Hitze koennen sie gar nicht vertragen, Kaelte aber und Hunger sind sie
+in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Das Land sieht wohl nicht ueberall gleich aus; doch allenthalben starrt
+schrecklicher Urwald, dehnen sich haessliche Suempfe. Es ist feuchter gegen
+Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut traegt es,
+Fruchtbaeume gedeihen nicht, Vieh ist haeufig, aber meist unansehnlich.
+Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an
+der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und
+ein sehr geschaetztes Vermoegen. Silber und Gold haben die Goetter ihnen
+nicht vergoennt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch moechte ich nicht
+behaupten, dass Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer haette
+danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls
+nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Geraet sehen (wie es ihre
+Gesandten und Fuersten als Geschenk erhalten), das sie nicht hoeher achten
+als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und
+Silber zu schaetzen, erkennen gewisse Praegungen unseres Geldes als echt an
+und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen
+alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte
+gern, die Muenzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch
+halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer
+Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermuenzen besser dient,
+wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln.
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff
+zeigen. Wenige fuehren Schwerter oder laengere Spiesse; meist brauchen sie
+Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so
+scharf und so handlich, dass sie dieselbe Waffe, je nach Beduerfnis, im Nah-
+wie im Fernkampf verwenden koennen. Der Reiter begnuegt sich mit Schild und
+Frame, das Fussvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und
+wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Ruestung
+prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den
+buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur
+einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schoenheit, nicht durch
+Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu
+vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt
+nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so dass niemand
+zurueckbleibt. Im ganzen ruht die groessere Kraft im Fussvolk; darum streitet
+auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fussvolk, aus der gesamten
+Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpasst, vor der uebrigen
+Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem
+Gau, und Hunderter heissen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist
+nun Name und Ehrenname geworden.
+
+Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn
+man nur wieder vordringt, eher fuer klug und nicht als Feigheit. Ihre
+Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kaempfen in Sicherheit. Den
+Schild im Stiche zu lassen, ist der aergste Frevel. Ein derart Ehrloser
+darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege
+davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+Koenige waehlt man nach ihrem Adel, Fuehrer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch
+der Koenige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkuer, und die Fuehrer
+wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie ueberall zur
+Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kaempfen und zur
+Bewunderung fortreissen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, ueber Leben und
+Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlaegen verurteilen
+duerfen nur Priester, gleichsam als geschaehe es nicht zur Strafe noch auf
+Befehl des Fuehrers, sondern gewissermassen auf Geheiss der Gottheit, die
+nach germanischem Glauben ueber den Streitenden waltet. So nehmen sie auch
+Bilder und gewisse Goetterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und
+ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, dass nicht ein
+Ungefaehr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen
+laesst, sondern dass Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch fuer
+jeden seine Lieben ganz nahe, und da hoert er das schrille Geschrei der
+Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier
+das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und
+die schrecken nicht zurueck, zaehlen und pruefen sie ihm und bringen den
+Kaempfern Speise und Zuspruch.
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+Es ist uns ueberliefert, dass Frauen, mehr als einmal, schon wankende und
+weichende Reihen durch ihr unablaessiges Flehen, die Brueste entbloessend und
+auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn
+ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unertraeglich, und das geht
+so weit, dass Voelkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Maedchen
+stellen muessen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen
+etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmaehen nicht ihren Rat, ueberhoeren
+nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus
+Zeit Veleda weit und breit als goettliches Wesen galt. Aber auch frueher
+haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus
+Schmeichelei, noch als machten sie Goettinnen aus ihnen.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+Unter den Goettern verehren sie am hoechsten den Mercurius; sie glauben, ihm
+an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu duerfen. Mars und
+Herkules versoehnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient
+auch der Isis. Anlass und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht
+recht erklaeren; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff
+gleichend, dass sie ueber die See eingedrungen ist. Uebrigens widerstrebt es
+ihrer Anschauung von der Groesse der Himmlischen, die Goetter in Mauern zu
+sperren und mit menschlichen Zuegen abzubilden. Sie weihen ihnen Waelder und
+Haine und rufen mit Goetternamen jene geheime Macht an, die sie nur in
+entrueckter Andacht schauen.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das
+Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden
+Fruchtbaum zu Staebchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und
+streuen sie aufs Geratewohl ueber ein weisses Tuch hin. Dann hebt, wenn in
+gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner,
+das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Goettern gegen Himmel
+aufblickend, nacheinander drei Staebchen auf und deutet sie gemaess dem zuvor
+eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht guenstig, so wird in derselben Sache
+am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber guenstig, noch die
+Bestaetigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier gelaeufig,
+Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentuemlich aber ist diesem
+Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den
+gleichen Hainen und Waeldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten
+der Gemeinschaft weisse Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit
+beruehrt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit
+dem Koenig oder Fuersten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und
+Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet groesseren Glauben, nicht nur
+im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese
+halten sich wohl fuer die Mittler der Gottheit, die Rosse aber fuer ihre
+Vertrauten.
+
+Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den
+Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen
+sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem
+auserlesenen Kaempfer des eigenen Volkes gegenueber, jeden mit seinen
+heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als
+Vorbedeutung.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+Ueber geringere Sachen beraten die Fuersten, ueber wichtigere die Gesamtheit,
+jedoch so, dass auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fuersten
+vorbesprochen wird. Sie kommen, ausser wenn ein unerwarteter Zufall
+eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond;
+denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders guenstig fuer den Beginn eines
+Unternehmens. Sie zaehlen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Naechte.
+Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht fuehrt gleichsam den Tag
+herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Missliche, dass sie nicht
+gleichzeitig und nicht nach dem Geheiss beisammen sind, sondern dass oft ein
+zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Saeumige hingeht. So wie es der
+Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch
+das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der Koenig
+oder Fuerst Gehoer, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und
+Redevermoegen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu
+befehlen. Missfaellt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefaellt
+er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen
+des Beifalls ist Lob mit den Waffen.
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht
+begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verraeter
+und Ueberlaeufer haengen sie an Baeumen auf, Feige, Weichlinge und am Koerper
+Geschaendete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk
+darueber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, dass man Frevel
+durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen muesse. Aber auch
+fuer leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Ueberwiesenen
+werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebuesst. Ein Teil der Busse wird
+dem Koenig oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhaelt, oder
+seinen Verwandten geleistet.
+
+In den gleichen Versammlungen werden auch die Fuersten bestimmt, die in
+Gauen und Doerfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Maenner aus
+dem Volke als Rat und Beistand zur Seite.
+
+
+
+
+ _13_
+
+
+Nie aber, ob sie nun Geschaefte des Gemeinwesens oder eigene besorgen,
+erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen,
+ehe ihn nicht die Gemeinde fuer wehrhaft erklaert hat. Dann schmueckt gleich
+in der Versammlung entweder ein Fuerst oder der Vater oder ein Verwandter
+den Juengling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen
+Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr
+der Gemeinschaft.
+
+Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fuerstengunst
+auch noch nicht Mannbaren. Solche schliessen sich dann den uebrigen,
+Aelteren, laengst schon Bewaehrten an. Und es ist fuer niemand beschaemend, in
+einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine
+Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und gross ist der Wetteifer
+der Mannen um den ersten Platz zunaechst dem Fuersten, wie auch der Fuersten
+um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Wuerde, bringt Macht:
+immerzu von einer grossen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im
+Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem
+Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und beruehmt, wer sich
+durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er
+erhaelt Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen.
+
+
+
+
+ _14_
+
+
+Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf fuer den Fuersten, sich an
+Tapferkeit uebertreffen zu lassen, ein Schimpf fuers Gefolge, es der
+Tapferkeit des Fuehrers nicht gleichzutun. Hoechste Schmach und Schande
+vollends ist es fuer das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld
+zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behueten, ja die eigene Heldentat
+seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Fuersten kaempfen fuer
+den Sieg, das Gefolg fuer den Fuersten.
+
+Wenn ihre Heimat in langem, muessigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige
+Juenglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Voelkern, die gerade Krieg
+fuehren. Denn ein ruhiges Leben gefaellt diesem Volke nicht, in der Gefahr
+finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein grosses Gefolge nur durch
+Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des
+Fuersten das Streitross und die blutige, siegbewaehrte Frame. Auch ersetzt ja
+die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold:
+solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu
+pfluegen und die Jahreszeit abzuwarten, wuerde sie keiner so leicht
+ueberreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es
+duenkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiss zu erarbeiten, was mit Blut
+zu gewinnen waere.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+Wenn sie nicht Krieg fuehren, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd,
+haeufiger noch muessig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die
+Tapfersten und Kriegstuechtigsten tun gar nichts und ueberlassen die Sorge
+um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den
+Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und traege zu.
+Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, dass ganz die gleichen Menschen so sehr
+das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!
+
+Es ist Sitte, dass die Gemeindegenossen freiwillig, jeder fuer sich, den
+Fuersten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch
+auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken
+benachbarter Voelker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im
+Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, praechtigen
+Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen
+gelehrt.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+Dass die germanischen Staemme nirgends Staedte bewohnen, ist genugsam
+bekannt, auch dass sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie
+bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein
+Gehoelz gefaellt. Wohl legen sie Doerfer an, aber nicht nach unsrer Art mit
+verbundenen Gebaeuden, in einem Zusammenhang: jeder fuer sich umgibt sein
+Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr,
+vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und
+Ziegel sind ihnen unbekannt; ueberall verwenden sie ungefueges Holz,
+unbekuemmert um Gefallen und Ansehn. Doch ueberstreichen sie einzelne
+Stellen recht sorgfaeltig mit einer Erdart von so reinem Glanz, dass es wie
+Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Hoehlen
+und legen eine dichte Dungschicht darueber hin: als Zuflucht fuer den Winter
+und als Vorratsspeicher. Denn solche Raeume mildern die strengen Froeste;
+und faellt einmal der Feind ins Land, so pluendert er zwar, was offen
+daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhaelt er nicht Kunde,
+oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen muesste.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+Als Ueberwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie
+mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen
+sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein
+Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit
+herabfliesst, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten laesst. Man
+traegt auch Pelze, naechst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im
+Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen
+Putz bringt. Sie waehlen unter dem Wild und verbraemen die abgezogenen
+Huellen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an
+unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als
+Maenner; nur gehen sie gewoehnlich in Linnengewaender gehuellt, die mit roten
+Saeumen verziert sind. Ihre Kleidung laeuft oben nicht in Aermel aus;
+Schultern und Arme sind bloss, aber auch ein Teil der Brust bleibt
+unverhuellt.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensfuehrung wohl am
+meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnuegt sich
+jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Maennern abgesehen, die nicht ihre
+Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach
+umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der
+Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und pruefen die
+Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck fuer
+die Neuvermaehlte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezaeumtes Ross
+und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der
+Mann die Frau entgegen, und dafuer bringt sie selber dem Mann auch ein
+Rueststueck zu: dies gilt ihnen als das staerkste Band, dies als geheime
+Weihe, dies als Segen der Ehegoetter. Auf dass sich das Weib nicht fremd in
+einer Welt von Maennergedanken und wechselndem Kriegsglueck erachte, wird es
+schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, dass es als Gefaehrtin in
+Muehsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu
+dulden und mit zu wagen: also verkuenden das Rindergespann, das geruestete
+Ross, die dargereichten Waffen. So muesse sie leben, so in den Tod gehen;
+was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Soehnen
+wiedergeben, dass es dann die Schwiegertoechter uebernaehmen und noch die
+Enkel erbten.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den
+Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von
+geheimen Briefschaften weiss weder Mann noch Weib. Hoechst selten kommt es
+in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe
+unmittelbar und ist dem Mann ueberlassen. Mit abgeschnittenem Haar,
+entbloesst, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und
+peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und fuer preisgegebene Keuschheit
+gibt es keine Verzeihung: nicht Schoenheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe
+koennte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand ueber das Laster,
+und Verfuehren und Sichverfuehrenlassen heisst nicht "der Geist der Zeit".
+Besser steht es gewiss noch um Voelkerschaften, bei denen nur Jungfrauen
+heiraten und mit der Hoffnung und dem Geluebde der Ehefrau einmal fuer immer
+abschliessen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben
+erhalten haben, auf dass sich kein Gedanke darueber hinaus, kein Begehren
+weiter verirre, dass sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe
+selber lieben.
+
+Die Zahl der Kinder zu beschraenken oder ein nachgeborenes zu toeten, gilt
+als verruchte Tat; mehr vermoegen dort gute Sitten als anderswo gute
+Gesetze.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+In jedem Hause waechst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Groesse,
+zu diesem Wuchs heran, ueber den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene
+Mutter die Brust, und es wird nicht Maegden und Ammen ueberlassen. Freie
+scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die
+anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die
+Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spaet erfahren
+junge Maenner die Lust; daher ihre unerschoepfte Kraft. Auch die Maedchen
+werden nicht gedraengt; in gleicher Jugend, von aehnlicher Gestalt,
+ebenbuertig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der
+Staerke der Eltern zeugen die Kinder.
+
+Schwestersoehne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche
+halten dieses Blutsverhaeltnis noch fuer heiliger und enger und fordern,
+wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als haetten sie damit das
+Gewissen staerker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben
+aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein
+Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im naechsten Glied die Brueder,
+Vaeter- und Muetterbrueder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die
+Verschwaegerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat
+keine Lockungen.
+
+
+
+
+ _21_
+
+
+Der Erbe muss auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten
+uebernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht
+unversoehnlich fort: suehnt man doch selbst den Totschlag durch eine
+bestimmte Anzahl von Gross- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die
+Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher
+Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefaehrlich.
+
+Fuer Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose
+Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt
+als Frevel; je nach Vermoegen ruestet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das
+Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen
+Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins naechste
+Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie
+aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht.
+Beim Abschied gehoert es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa
+ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die
+Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an,
+und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet
+Gastfreund an Gastfreund.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen)
+baden sie, oefters warm, weil es bei ihnen die laengste Zeit Winter ist. Auf
+das Bad folgt ein Imbiss; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen
+eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschaefte oder auch, nicht minder
+haeufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt
+keinem Schande. Haeufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der
+bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und
+Totschlag. Aber auch die Versoehnung des Feindes mit dem Feind, neue
+Schwaegerschaft, Anschluss an Fuersten und sogar Krieg und Frieden wird
+gewoehnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der
+Sinn unbeeinflusster Ueberlegung besser zugaenglich waere oder leichter
+entflammt fuer grosse Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eroeffnet es
+noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun
+alle ihre Meinung ohne Rueckhalt aufgedeckt, so wird sie am naechsten Tag
+noch einmal geprueft, und jeder Zeit widerfaehrt ihr Recht: sie beraten,
+wenn sie keiner Verstellung faehig sind, beschliessen, wenn sie nicht irren
+koennen.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+Ihr Getraenk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein
+vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach,
+wilde Fruechte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne
+Wuerzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht
+die gleiche Maessigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu
+trinken verschaffte, so viel sie begehren, der koennte sie einmal durch
+ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand ueberwinden.
+
+
+
+
+ _24_
+
+
+Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich.
+Nackte Juenglinge, die es zum Vergnuegen tun, schwingen sich im Tanz
+zwischen Schwertern und drohenden Framen. Uebung hat sie gewandt gemacht,
+Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so
+verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwuerdig
+sind sie beim Wuerfeln, treiben es nuechtern, wie ein ernstes Geschaeft, und
+mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, dass sie, wenn alles hin
+ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer
+verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch juenger und staerker, er laesst
+sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am
+verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art uebergeben
+sie dem Handel, um auch selbst der Beschaemung ueber den Gewinn ledig zu
+werden.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem
+Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen
+Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder
+Zeug auf, wie wir unseren Paechtern, und nur so weit geht die Pflicht des
+Hoerigen. Sonst besorgen die Geschaefte des Herrenhauses die Frau und die
+Kinder. Dass der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft
+wird, ist selten. Eher noch schlaegt der Herr einen tot, nicht zur Strafe
+oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jaehzorn: wie einen Feind, nur
+dass es hier ungesuehnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel hoeher
+als Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluss im Haus, nie in der
+Gemeinde, ausgenommen bei den Staemmen, die Koenigen botmaessig sind. Dort
+naemlich steigen sie wohl ueber die Freigeborenen und selbst ueber Adelige
+empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbuertigkeit der Freigelassenen fuer
+die Freiheit des Volkes.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und
+darum besser verhuetet, als wenn es verboten waere.
+
+Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von
+der Gesamtheit, immer in neuem Ausmass besetzt und dann jedesmal unter die
+einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Groesse der Gefilde macht solche
+Teilung leicht. Mit der Anbauflaeche wechseln sie Jahr fuer Jahr, und noch
+immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der
+Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, dass sie Obstgaerten
+anlegen, Wiesen ausscheiden, Gaerten bewaessern wuerden; einzig Getreide
+fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere
+vier Zeiten; nur fuer Winter, Fruehling und Sommer haben sie den Begriff und
+die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Leichenbegaengnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, dass man
+die Reste bedeutender Maenner mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf
+den Holzstoss haeufen sie nicht Teppiche noch Raeucherwerk; immer werden die
+Waffen, zuweilen auch das Streitross ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhuegel
+bildet das Grab. Ragender Denkmaeler kunstreiche Pracht verschmaehen sie,
+als drueckend fuer die Verstorbenen. Von Klagen und Traenen lassen sie bald,
+von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Maennern
+Erinnerung.
+
+So viel habe ich allgemein ueber Herkunft und Sitten des ganzen
+Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den
+Einrichtungen und Braeuchen der einzelnen Staemme und die Einwanderungen aus
+Germanien ins gallische Land eroertern.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+Dass Galliens Macht vorzeiten groesser war, meldet der beste Gewaehrsmann, der
+erlauchte Julius [Caesar]; und so darf man wohl glauben, dass auch Gallier
+nach Germanien hinuebergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot
+nicht ein Strom, wenn eines der Voelker, eben im Gefuehl seiner Macht, her-
+und hinueber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich
+abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und
+Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt,
+beides gallische Staemme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die
+Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben.
+
+Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem
+Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien
+eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute
+gleiche Sprache, gleiche Satzung und Braeuche): denn die naemliche Armut und
+Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil
+wie Nachteil.
+
+Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersuechtigem Stolz ihre
+germanische Abkunft, als wuerde solcher Adel des Blutes eine Aehnlichkeit
+mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen
+unzweifelhaft germanische Voelker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst
+die Ubier, die doch fuer ihre Verdienste das Recht der roemischen Kolonien
+erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hoeren,
+schaemen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten
+heruebergekommen und wurden dann zum Lohn bewaehrter Treue gerade am
+Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwaechter, nicht als Bewachte.
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+An Tapferkeit ueberragen die Bataver alle diese Staemme. Sie bewohnen nur
+einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und
+waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der
+Heimat loeste und in diese Gegenden hinueberzog; dort sollten sie dem
+Roemerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter
+Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwuerdigt sie, kein
+Steuerpaechter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst
+im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen fuer den Kampf
+aufgespart. In gleicher Abhaengigkeit steht auch das Volk der Mattiaker;
+hat doch das maechtige Roemertum ueber den Rhein und ueber die alten Grenzen
+hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in
+eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung haelt sie bei
+uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur dass ihnen noch der Boden und Himmel
+der Heimat helleren Mut weckt.
+
+Nicht unter die germanischen Voelker moechte ich, wiewohl sie jenseits von
+Rhein und Donau ansaessig sind, jene zaehlen, die das Zehntland bebauen:
+gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stueck von dem Boden
+ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind
+Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des
+Reichs und einen Teil der Provinz.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald,
+nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen
+Flachland; immer wieder erheben sich Huegel und werden nur maehlich
+spaerlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie
+dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau,
+trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Fuer Germanen zeigen sie
+viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Fuehrer zu waehlen, auf das
+Wort der Obern zu hoeren, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu
+erspaehen, mit dem Angriff zurueckzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich
+fuer die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glueck,
+sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und
+nur einer strengen Zucht eigen ist: die Fuehrung gilt ihnen mehr als die
+Truppe. Ihre ganze Staerke liegt im Fussvolk, dem sie ausser den Waffen auch
+Schanzzeug und Vorraete mitgeben. Andere Voelker ziehen in die Schlacht, die
+Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzuegen und
+planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr fuer Reiterkraefte, rasch
+einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht
+gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute.
+
+
+
+
+ _31_
+
+
+Was sich auch bei anderen germanischen Voelkern als Ausdruck vereinzelten
+Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald
+sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen
+sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getoetet haben; das ist
+ihr Geluebde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen
+Beute enthuellen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis fuer
+ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Vaeter verdient zu haben.
+Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter
+Held traegt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein
+Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und loest sie sich erst, wenn er einen
+Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug
+und sind darin grau geworden, beruehmt und Feinden wie Freunden bekannt.
+Diese sinds, die jeden Kampf eroeffnen; sie bilden die erste Reihe, ein
+ueberwaeltigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht
+milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine
+Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem
+Gut, unbekuemmert um eigenes, bis dann schliesslich das blutlose Alter zu so
+harter Tugend unfaehig macht.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+Den Chatten zunaechst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen
+Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die
+Tenkterer zeichnen sich ausser durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre
+trefflich geuebte Reiterei aus; und dem Fussvolk der Chatten gebuehrt kein
+groesseres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vaetern
+her, und die Nachfahren bleiben nicht zurueck. Reiten ist das Spiel der
+Kinder, Maenner ueben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben
+Gesinde und Gehoeft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde
+vererbt: doch erhaelt sie nicht, wie das uebrige Gut, der aelteste Sohn,
+sondern der streitbarste, der bessere Kaempe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+Neben den Tenkterern traf man frueher die Brukterer. Jetzt sollen da
+Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch
+einen Zusammenschluss der Nachbarvoelker geschlagen und ganz vernichtet, sei
+es aus Hass gegen ihre Ueberhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil
+uns etwa die Goetter gnaedig waren; denn sie goennten uns sogar, dem
+Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: ueber sechzigtausend sind nicht der
+Roemer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude
+und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen
+Voelkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Hass
+gegeneinander; denn nichts Groesseres kann uns in des Reiches draengendem
+Verhaengnis das Schicksal gewaehren als unserer Feinde Zwietracht.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+An die Angrivarier und Chamaver schliessen sich im Ruecken Dulgubiner und
+Chasuarier an und andere nicht sonderlich haeufig genannte Voelker. Vorne
+nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heissen Gross- und Kleinfriesen nach
+dem Mass ihrer Kraefte. Beide Staemme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch
+wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon roemische Flotten
+drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die
+Sage verbreitet, dass da noch Saeulen des Herkules stehen: sei es, dass
+Herkules wirklich hinkam oder dass wir alles Grossartige, wo sichs auch
+finde, auf seinen Ruhm zurueckzufuehren gewohnt sind. An Kuehnheit hat es dem
+Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer liess sich, liess die
+Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es
+schien froemmer und ehrfuerchtiger, an die Taten der Goetter zu glauben, als
+um sie zu wissen.
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in
+ungeheurem Bogen zurueck. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der
+Chauken; obwohl es schon naechst den Friesen beginnt und noch einen Teil
+der Kueste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier
+beschriebenen Staemme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten.
+Und diese gewaltige Laendermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem
+Besitz, sondern sie fuellen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen
+in hoechstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf
+Gerechtigkeit zu stuetzen. Ohne Habgier, ohne unbaendige Herrschsucht leben
+sie ruhig fuer sich und reizen keinen zum Kriege, verwuesten sie, rauben und
+pluendern keinem sein Gut. Es ist das hoechste Zeugnis fuer ihre Tapferkeit
+und Staerke, dass sie ihre ueberlegene Macht keinem Uebergriff danken. Doch
+haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein
+Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt
+ihnen ihr Ruf.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten
+einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen
+mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbaendigen,
+maechtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der
+Ueberlegene friedlich und redlich nennen. So heissen die Cherusker, einst
+als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den
+siegreichen Chatten wurde ihr Glueck als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom
+Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glueck die
+Geringeren, sind sie nun rechte Gefaehrten des Missgeschicks.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, naechst dem Nordmeer,
+sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm.
+Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Waelle und
+Lagerraeume, deren Umfang noch heute fuer die Menge des Heeres und Volks und
+fuer die so maechtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre
+stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdroehnten;
+unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zaehlt man von da
+bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa
+zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf
+dieser langen Zeit hueben und drueben vielfach Verluste! Nicht der Samnite,
+nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht
+haben oefter zu schaffen gegeben: aerger denn eines Arsaces Tyrannei droht
+der Germanen Freiheit. Was koennte uns sonst der Osten vorhalten als den
+erschlagenen Crassus, fuer den er doch selbst, von einem Ventidius
+niedergeworfen, den Pacorus hingeben musste! Germanen aber haben den Carbo
+und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus
+Mallius geschlagen oder gefangen, also fuenf konsularische Heere dem
+roemischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar
+geraubt; und nicht ohne Einbussen hat sie C. Marius in Italien, der
+erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen
+Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Ruestungen des C. Caesar
+laecherlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis dass sie, die Gelegenheit
+unseres Zwistes und Buergerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der
+Legionen stuermten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder
+abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat ueber sie mehr triumphiert als
+gesiegt.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und
+Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den groesseren Teil
+Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Voelkerschaften mit
+eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heissen.
+
+Ein Stammeszeichen bildet das seitwaerts gekaemmte, in einen Knoten
+geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den uebrigen
+Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt
+auch bei anderen Staemmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft
+mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist
+jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschraenkt. Bei den Sueben aber
+streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurueck und
+binden es, oft gerade ueber dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch
+kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger;
+denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher
+Sorgfalt schmuecken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um groesser und
+schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Fuer die Aeltesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen
+aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Braeuche gestuetzt. Zu
+bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vaetertagen und
+Schauer der Vorzeit weihten, alle Voelker vom gleichen Blut durch
+Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft
+eroeffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere
+Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten,
+gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Faellt
+einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen,
+sondern muss sich auf der Erde hinauswaelzen. Das ganze Treiben deutet
+darauf, dass dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott,
+und alles andere untergeordnet und abhaengig. Bestaerkt wird diese Meinung
+durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei
+solcher Groesse ihrer Koerperschaft halten sie sich fuer das Haupt der
+suebischen Voelker.
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+Dafuer ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen maechtigen
+Voelkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwuerfigkeit,
+sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen,
+Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Fluesse oder
+Waelder geschuetzt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam
+verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie,
+mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk
+gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin
+steht ein geweihter Wagen, mit einer Huelle bedeckt, und nur der Priester
+darf ihn beruehren. Er merkt die Gegenwart der Goettin im Heiligtum und
+geleitet ehrfuerchtig ihren mit Kuehen bespannten Wagen. Dann sind die Tage
+froh und festlich die Staetten, wo die Goettin einzuziehen und gastlich zu
+weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen;
+verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und
+Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann
+wieder die Goettin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersaettigt, in
+ihren heiligen Bezirk zurueckbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhuellung
+und - wenn man es glauben darf - die Goettin selbst in einem unzugaenglichen
+See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der naemliche See
+verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was
+nur Todgeweihte erschauen.
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Laender
+Germaniens hin. Naeher - um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau
+zu folgen - haust das Volk der Hermunduren, den Roemern ergeben. Darum ist
+ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze,
+sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glaenzendsten Kolonie
+der raetischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht
+herueber, und waehrend wir den uebrigen Staemmen nur unsere Waffen und
+Lagerplaetze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Haeuser und
+Landsitze geoeffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst
+ein vielgeruehmter, bekannter Strom; jetzt hoert man nur eben von ihm.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+Naechst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen
+und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr
+Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch
+schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist
+gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und
+Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Koenige vom heimischen Stamm
+behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fuegen sie sich
+auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Koenigen vom roemischen
+Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, oefter durch Geld
+unterstuetzt; es tut ihnen nicht Eintrag.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+Noch weiter ab von uns schliessen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier
+im Ruecken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und
+Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch
+ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, dass sie keine
+Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil
+davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen - als einem Fremdvolk - die
+Quaden auferlegt: dabei foerdern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach,
+noch obendrein Eisen! Alle diese Voelker aber halten wenig Flachland
+besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Hoehenzuege. Denn mitten durch Suebien
+zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der
+anderen Seite wohnen sehr viele Voelker, von denen namentlich die Lygier,
+mehrere Staemme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genuegt, die
+bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und
+Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain.
+Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Goetter, die sie
+nennen, sind nach roemischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung
+der Gottheit; ihr Name ist "Alken". Es gibt von ihnen kein Bild, keine
+Spur fuehrt zu fremden Braeuchen; aber als Brueder werden sie und als
+Juenglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor
+aufgezaehlten Voelkern ohnehin ueberlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon
+wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Kuenste nach. Sie schwaerzen die
+Schilde und ueberfaerben sich den Koerper; finstere Naechte waehlen sie zum
+Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines
+Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhoerten,
+gleichsam hoellischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die
+Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Koenigen, und etwas
+straffer als andere Germanenstaemme, geleitet, doch nicht so, dass ihre
+Freiheit bedroht waere. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und
+Lemovier. All dieser Voelker Merkmal ist, dass sie runde Schilde und kurze
+Schwerter haben und Koenigen gehorchen.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+Folgen die Staemme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen
+und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt,
+derart, dass jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit
+ist. Auch bedienen sie keine Segel und fuegen die Ruder nicht reihenweise
+an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Fluessen, und
+setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk
+steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen
+den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf
+Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen,
+jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Waechter haelt sie verschlossen;
+es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde
+das Meer; und Waffen in muessigen Haenden fuehren gar leicht zum Missbrauch.
+Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen
+als Waffenhueter zu bestellen, waere dem Koenig kein Vorteil.
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Dass
+es den Erdkreis abguertet und schliesst, darf man wohl glauben, weil sich
+dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhaelt, so hell,
+dass davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden
+Sonne Klingen zu hoeren und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu
+erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt.
+
+Nun denn - rechts schlaegt das suebische Meer an die Kueste der
+Aestierstaemme. Diese haben die Braeuche und das Aussehen der Sueben, ihre
+Sprache steht der britannischen naeher. Sie verehren eine Goettermutter. Als
+Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und
+Schirm gegen alle Gefahr und behuetet den Glaeubigen auch im Feindesgewuehl.
+Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Fruechte
+bauen sie sorgfaeltiger, als sonst germanische Laessigkeit zugibt. Aber sie
+suchen auch im Meer und sind unter allen Voelkern die einzigen, die den
+Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande
+selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine
+Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer
+Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen
+Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stuecke,
+bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich ueber den gezahlten
+Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil haeufig kleine Landtiere,
+auch gefluegelte, durchschimmern, die sich in der fluessigen Masse fangen
+und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen
+Laendern im Osten, wo die Baeume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, moegen
+also wohl auch auf den Inseln und Kuesten des Westens merkwuerdig ergiebige
+Haine und Waelder sein: ihre Saefte werden von den Strahlen der nahen Sonne
+ausgepresst und rinnen noch fluessig den kurzen Weg hinab ins Meer; die
+Gewalt der Stuerme treibt dann das Harz hinueber ans andere Gestade. Prueft
+man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzuendet er sich wie ein
+Kienspan und naehrt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich
+wieder zu einer Art Pech oder Harz.
+
+An die Suionen reihen sich die Staemme der Sitonen, sonst aehnlich und nur
+dadurch unterschieden, dass ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen
+nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Staemme der Peuciner und der
+Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiss ich
+nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen
+in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen.
+Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen traege; und
+Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Missgestalt gefuehrt. Die
+Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald-
+und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen
+sie in raeuberischen Haufen. Doch zaehlt man sie eher noch als Germanen,
+weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle,
+ruestige Fussgaenger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die
+auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich
+wildes, abstossend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein
+Heim; Kraeuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre
+Lagerstaette. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen
+mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muss gleicherweise Maenner wie Frauen
+ernaehren: diese ziehen ueberall mit und heischen ihren Teil von der Beute.
+Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein
+Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen
+zurueck, dort bergen sich die Alten. Aber gluecklicher duenkt sie dieses Los,
+als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und
+fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekuemmert um
+Menschen, unbekuemmert um Goetter haben sie das Schwerste erreicht, selbst
+auf Wuensche verzichten zu koennen.
+
+Darueber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und
+Oxionen Menschenkoepfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und
+Glieder von Tieren. Das ist unverbuergt, und ich will es nicht weiter
+verfolgen.
+
+
+
+
+
+ INHALT DER GERMANIA
+
+
+
+
+ Allgemeiner Teil (1-27)
+
+
+_Das Land und seine Bewohner_ (1-5): Grenzen und Grenzstroeme (1) -
+Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) - Fruehe Besuche aus
+der Fremde? (3) - Koerperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) -
+Natur und Erzeugnisse des Landes (5).
+
+_Leben und Sitten der Germanen_ (6-27): Waffen, Kriegswesen (6) - Koenige,
+Fuersten, Priester, Sippen, Frauen (7) - Frauen im Kampf, heilige Frauen
+(8) - Goetter (9) - Lose, Vorzeichen (10) - Ratsversammlung (11) -
+Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) - Wehrhaftmachung,
+Gefolge (13) - Gefolge im Krieg (14) - Fuersten und Gefolge im Frieden (15)
+- Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) - Kleidung (17) - Ehe (18) -
+Frauen und Kinder (19) - Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) -
+Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) - Leben im Hause, Trinkgelage (22) -
+Getraenke, Speisen, Trunksucht (23) - Waffentaenze, Wuerfelspiel (24) -
+Sklaven (25) - Ackerbau (26) - Bestattung; Uebergang zum besonderen Teil
+(27).
+
+
+
+
+ Besonderer Teil / Die einzelnen Voelkerschaften (28-46)
+
+
+_Grenzvoelker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer,
+Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine
+Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) - Germanen,
+die zu den Roemern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29).
+
+_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30-37): Chatten (30, 31) -
+Usipier und Tenkterer (32) - Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) -
+Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) - Chauken (35) - Cherusker (36) -
+Kimbern, Kimbern- und spaetere Germanenkriege (37).
+
+_Sueben_ (38-45): Ihre Haartracht (38) - Semnonen (39) - Langobarden und
+Nerthusvoelker (40) - Hermunduren (41) - Varisten, Markomannen und Quaden
+(42) - Ost- und Nordostgermanen (43, 44) - Ende der Welt, Aestier,
+Bernstein, Sitonen (45).
+
+_Mischvoelker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht
+mehr Germanen) und
+
+_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46).
+
+
+
+
+
+ ANMERKUNGEN DES UeBERSETZERS
+
+
+Was ist dieses Buch, gewoehnlich "Germania" genannt, das die Insel-Buecherei
+hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift fuer
+den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk.
+
+Eine Schilderung, und als solche das aelteste Buch von den deutschen
+Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es
+so vieles weiss und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon frueh,
+Griechen und Roemer ueber die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam
+im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der
+Insel "Thule" (Island?) und an die Kueste der Nordsee; die Nachrichten des
+Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt
+Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die aeltesten roemischen Quellen
+sind spaerlich auf uns gekommen. Erst Caesars Kriege in Gallien und seine
+Aufzeichnungen darueber bringen groessere Klarheit; deutlich sondern sie, zum
+erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im
+104. Buch seiner Roemischen Geschichte) finden konnte, ist laengst verloren;
+verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus ueber die Germanenkriege und
+seine Fortsetzung durch den aelteren Plinius. Erhalten aber des Plinius
+_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die
+Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit
+sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_
+nachwirkt.
+
+Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten,
+Haendler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der
+Wissenschaft unschaetzbar geworden, zumal da es immer mehr durch
+fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestaetigt wird. Aber auch
+jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer
+als Mensch, als Mann, als Kuenstler. Und die Groesse seines Geistes und
+seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen
+haben als der blosse Inhalt.
+
+Dennoch dankt man es wohl einem Beduerfnis des Tages. Es war im Jahre 98
+nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen
+Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie
+wollte zeigen, wer diese gefaehrlichsten Feinde Roms seien, und dass der
+Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und
+an nichts anderes; dass es insbesondere falsch sei, ausser an den Schutz des
+Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man
+darf annehmen, dass der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die
+Schrift billigte.
+
+Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch
+spricht viel fuer diese Annahme des grossen Muellenhoff. Tacitus schildert
+nur - und schildert als Kuenstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede
+Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des
+Volkes, dann, vom Naechsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in
+"romantische" Ferne verlierend, seine einzelnen Staemme und Landschaften,
+bis er im Maerchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in
+rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein
+rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, geraet. Jeder Absatz ist durch
+das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals
+siegen nuechterne Angaben ueber den beziehungsreichen Bildner des Werkes,
+ueber den Meister.
+
+Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altroemischen Sinn. Dabei
+verbittert und ergrimmt ueber seine feile, alle Freiheit erdrueckende Zeit,
+unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener
+Sehnsucht erfuellt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach
+einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die
+Germanen herauf: darum schildert er dieses kuehne, furchtbare und lichte
+Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und ueber kurz oder lang siegreiche
+Feinde sind. Denn das roemische Reich, dem er angehoert, steht vor dem Ende.
+Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben.
+
+So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von
+seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der
+rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er
+Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in
+Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola
+verheiratet, hielt er sich waehrend der Verfolgungen unter Domitian fern.
+Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint
+noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben.
+
+Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode
+hervortretend, mit dem _Dialog_ ueber die Redekunst und ihren Verfall. Es
+folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch
+im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine
+Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die
+_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten
+beiden Werke sind nichts weniger als vollstaendig erhalten. In ihnen erst
+erschliesst sich Tacitus ganz, "_le plus grand peintre de l'antiquite_",
+wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen
+gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist
+noch lange nicht vorueber. Freilich muss man, nach einer Anmerkung
+Lichtenbergs, "sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen".
+
+ * * *
+
+Die "Germania" wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie
+lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von
+Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen,
+und bringt die "Germania" und den "Dialog" 1455 nach Italien. (Die
+Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster
+gefunden worden.) Spaeter kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der
+Schrift lautet einmal "_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_",
+ein andermal "_De origine et situ Germanorum_". 1469 schon wird die
+"Germania" gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus
+und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob
+Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Muellenhoff (_Germania antiqua_,
+1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der
+Bearbeitung von Schwyzer (1912).
+
+Diese unsere Uebersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht
+von dem Kuenstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den
+Gehalt seines Wesens fuer Deutsche wieder lebendig zu machen.
+
+Sie lehnt sich fast ueberall an den Text von Schweizer-Sidler an; die
+Deutung und namentlich die folgenden Erlaeuterungen beruhen (von anderen
+Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf
+der ausfuehrlichen Erklaerung der Germania, die Muellenhoff im 4. Band seiner
+Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Uebersetzungen wurden
+alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle
+neuen und neu aufgelegten; von aelteren namentlich die von Boetticher und
+Bacmeister.
+
+Den Herren Dr. Friedrich Loehr, Sekretaer des Archaeologischen Instituts in
+Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Muenchner Universitaet,
+schuldet der Uebersetzer fuer freundliche Ratschlaege besonderen Dank.
+
+
+
+
+
+ ERLAeUTERUNGEN
+
+
+
+
+ _1_
+
+
+Die roemische Provinz _Raetien_ reicht noerdlich bis zur Donau (Ries!),
+oestlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht
+genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in
+Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbuergen. _Gebirge_
+die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.?
+_Abnoba_ Schwarzwald.
+
+
+
+
+ _2_
+
+
+Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig ueberzeugend. _Asien_, _Afrika_,
+_Italien_ die roemischen Suedprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist
+zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der
+_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie
+_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbaende? Die _Tungrer_
+(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch:
+"Rufer im Streit" oder "Nachbarn"?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben,
+mit anderen "Germanen" ueber dem Rhein. Die Voelker rechts des Rheins haetten
+sich dann wirklich so genannt (Muellenhoff). "Eine verzweifelte Stelle!"
+(Grimm.)
+
+
+
+
+ _3_
+
+
+_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genuegend erklaert. _Ulixes_
+(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Moers im Rheinland.
+_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten.
+
+
+
+
+ _5_
+
+
+Tacitus selbst erwaehnt in den spaeteren Annalen, dass die Mattiaker (bei
+Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber
+waren auch die aeltesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen
+Orten, die Sage!). Die erwaehnten roemischen Muenzen, Silberdenare, wurden
+bis zum Jahre 54 v. Chr. gepraegt; spaeter hat sich der Feingehalt
+verschlechtert!
+
+
+
+
+ _6_
+
+
+Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke,
+nicht vom Schild gedeckte Seite des Koerpers dem Feinde zuwenden wuerde.
+Wirklich zeigen Graeberfunde den Sporn nur am linken Fuss
+(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu.
+
+
+
+
+ _7_
+
+
+_Koenige_ und _Fuersten_ haben gleiche Befugnis, Fuerst ist der Koenig eines
+kleineren Gebietes. Der Koenig wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewaehlt.
+Koenigtum und Fuerstenherrschaft gehen geradezu ineinander ueber. Im Osten
+sind Koenige haeufiger. Der Koenig ist Heerfuehrer. Nur bei der Vereinigung
+mehrerer Heere wird ein Koenig zum _dux_ gewaehlt (Muellenhoff).
+
+
+
+
+ _8_
+
+
+_Die Brueste entbloessend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehoeren.
+_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Goettinnen_ wie
+die roemischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten.
+
+
+
+
+ _9_
+
+
+_Mercurius_ (besonders als Totenfuehrer): Wotan (_dies Mercurii_ =
+_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_:
+Donar. Diese drei Goetter nennt noch ein Taufgeloebnis des 8. Jahrh. _Isis_:
+vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte
+Schiffe.
+
+
+
+
+ _10_
+
+
+_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch
+Pferde auch bei Persern und Slaven.
+
+
+
+
+ _11_
+
+
+_Naechte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch
+jetzt "Spiessbuerger". _Jeder_: Muellenhoff folgert aus dem grammatischen
+Sinn, dass nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer.
+Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12).
+
+
+
+
+ _12_
+
+
+_Am Koerper Geschaendete_: widernatuerliche Maenner, aber wohl auch "entehrte"
+Frauen, fuer die sich Todesstrafe noch lange erhaelt. Dieses Versenken ist
+eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel - Schandtat_: das
+germanische Rechtsbewusstsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat,
+ohne List, leichter hin. _Die Fuersten bestimmt_ naemlich aus der Zahl der
+vorhandenen Fuersten. _Recht sprechen_ ist roemische, nicht germanische
+Auffassung; nach dieser leitet der Fuerst (spaeter Gaugraf) nur die
+Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_
+gibt das "Vollwort": sie "finden" das Recht, der entsendete Richter tut
+nur den Spruch.
+
+
+
+
+ _15_
+
+
+_Brustschmuck_ (_phalerae_) aehnlich den Orden (oder wie Medaillons?).
+_Geld_: roemische Kaiser (Caligula, Domitian) schliessen um Geld mit den
+Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe.
+
+
+
+
+ _16_
+
+
+_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhaengigkeitssinn. Der Schlusssatz
+sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade
+wortreich und gewoehnlich.
+
+
+
+
+ _17_
+
+
+_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch
+bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen,
+trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda
+der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den
+Fuessen. Ihre _Kleidung_ laeuft oben nicht in Aermel aus wie in Rom. Die
+germanischen Maenner wiederum hatten Aermel, wenn auch kurze. Das
+Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz
+laesst die Brust zum Teil sichtbar werden.
+
+
+
+
+ _18_
+
+
+_Umworben werden_ von den Familien der Maedchen. _Mitgift - Geschenke_:
+Tacitus merkt nicht, dass er vom Brautkauf erzaehlt; _Mitgift_ ist der
+Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen fuer
+den Uebergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt
+Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen
+altroemischen Ehe.
+
+
+
+
+ _19_
+
+
+_Schauspiel_ das roemische Theater mit seinem mehr als eindeutigen
+Getriebe.
+
+
+
+
+ _20_
+
+
+Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die
+Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich.
+
+
+
+
+ _22_
+
+
+_Eroeffnet es noch_: die Roemer halten sich selbst da zurueck. Ueberhaupt ist
+in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel roemischer Sitten
+(Passow). Die Roemer stehen frueh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen
+Tisch, duerfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor
+Abend trinken.
+
+
+
+
+ _23_
+
+
+_Getraenk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau
+dulden keinen Wein, weil die Haendler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.
+
+
+
+
+ _25_
+
+
+Tacitus denkt hier nur an die "Hintersassen"; es gibt aber auch
+Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der
+Freigelassenen in Rom.
+
+
+
+
+ _26_
+
+
+_Besser verhuetet_: Muellenhoff und Baumstark koennen diesen Satz nur durch
+Fluechtigkeit erklaeren. Die folgende Schilderung der Anbauverhaeltnisse, von
+allen Seiten her erlaeutert, ist nach Muellenhoff uebersetzt. _Nicht in vier
+Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zaehlen sie auch, also nach
+halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die
+Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles
+Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes.
+
+
+
+
+ _27_
+
+
+Uebergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.
+
+
+
+
+ _28_
+
+
+_Caesar_ wird als einziger Gewaehrsmann ausdruecklich genannt. Diese seine
+Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als
+unrichtig erkannt. Die Kelten, die frueher auch rechts vom Rhein sassen,
+wurden vielmehr von den Germanen ueberall zurueckgedraengt. _Herzynischer
+Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe
+Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Boehmen
+(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweissenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese
+beiden pannonische Staemme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdruecklich
+bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ koennen nur auf den Wohnsitz
+gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an
+der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um
+Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt;
+ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa,
+Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die
+Stifterin der Kolonie (Koeln!).
+
+
+
+
+ _29_
+
+
+_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her
+wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.)
+bleibt das Freundschaftsverhaeltnis zu den Roemern. _Mattiaker_ um
+Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Ueber die alten Grenzen_
+endgueltig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian
+begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder
+Kehlheim ueber Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km
+lang. Man hat schon tausend Wachttuerme und hundert Kastelle (darunter die
+Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine foermliche Mauer. _Zehntland_
+(_agri decumates_, nur hier erwaehnt) roemisches Staatspachtland am
+mittleren Neckar.
+
+
+
+
+ _30_
+
+
+_Weiter hinaus_ ueber das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind,
+ausser den Friesen, nach Grimm "der einzige deutsche Volksschlag, der mit
+behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie
+in der Geschichte zuerst erwaehnt werden". Ihnen widerfaehrt hier unter
+allen Staemmen das groesste Lob.
+
+
+
+
+ _32_
+
+
+_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom
+Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.
+
+
+
+
+ _33_
+
+
+_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); spaeter
+zurueckgedraengt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind uebertrieben.
+Alle diese Staemme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk spaeter die
+_Chamaver_ werden, damals noerdlich der Lippe bis zum Zuydersee.
+_Angrivarier_, an der Weser, spaeter als Angern ein Hauptstamm der
+Altsachsen.
+
+
+
+
+ _34_
+
+
+_Im Ruecken - vorn_: die Voelker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in
+der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen
+Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_
+besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt;
+so entstehen foermliche Inseln. _Roemische Flotten_: Drusus Germanicus (12
+v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere,
+nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Saeulen des
+Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der
+roemische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus
+jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).
+
+
+
+
+ _35_
+
+
+Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel
+(Schleswig-Juetland) von der Elbemuendung an stark ostwaerts geneigt.
+_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Muellenhoff sind es
+vielleicht ueberhaupt nur andere Friesen, "Chauken" ein Ehrenname. Im Bogen
+haetten sie die Chatten an der Weser treffen muessen, eine wahrscheinlich
+unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges
+Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des
+Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel.
+
+
+
+
+ _36_
+
+
+_Zur Seite_ oestlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, frueher noch
+weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren
+Kampf gegen die Roemer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde.
+Arminius, der "Befreier Germaniens", besiegt auch Marbod, den Koenig der
+Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurueckgedraengt, innere
+Zwistigkeiten, Kaempfe mit den Chatten wueten, vom Frieden des Tacitus ist
+keine Rede. Ebenso scheint die Demuetigung der Cherusker uebertrieben. Nur
+ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die spaeteren Sachsen?
+_Fosen_ in der Wesergegend.
+
+
+
+
+ _37_
+
+
+_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem
+grossen Zuge stossen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640
+der catonianischen Aera] nach der Gruendung der Stadt - Tacitus haelt sich an
+die runde Zahl -) auf die Roemer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul
+L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio
+und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius
+Scaurus, gleichfalls geschlagen und getoetet, hatte kein eigenes Heer, und
+Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist
+98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis fuer die Abfassung der "Germania"
+im gleichen Jahre. _Arsaces_ begruendet im 3. Jahrh. v. Chr. das grosse
+Partherreich, lange neben Rom die einzige oestliche Grossmacht; Crassus wird
+53 v. Chr. von den Parthern getoetet, Ventidius, ein Emporkoemmling, raecht
+die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38
+v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus toetet. _Selbst dem Caesar_:
+Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Ruestungen des C. Caesar_: Caligula; er
+laesst seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40
+n. Chr.); spaeter feiert auch Domitian einen hoechst sonderbaren Triumph. In
+den Buergerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der
+Nordwestgermanen.
+
+
+
+
+ _38_
+
+
+_Nunmehr_ eroeffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden,
+auch die nichtgermanischen Staemme zu den Sueben. Aber schon die
+Nerthusvoelker gehoeren nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und
+Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit "Schwaben". _Stammeszeichen_: der
+Knoten, ohne Band, an der rechten Schlaefe ueber dem Ohr ist durch Bilder
+bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher waeren nach Baumstark im letzten
+Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die
+Maenner, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn ueber dem
+Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den "Vornehmen".
+
+
+
+
+ _39_
+
+
+Muellenhoff haelt den Namen _Semnonen_ fuer hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im
+Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der
+Germanen. Der besonders grossartige Kultus ist denn auch der des
+Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg =
+Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen,
+ein Zusammenschluss!) an den raetischen Limes und erobern von da ab das
+jetzt noch alemannisch-schwaebische Gebiet. Der Vers _auguriis - sacram_ im
+Deutschen durch "Zeichen - weihten" wiedergegeben. Vgl. die allgemeine
+Einleitung!
+
+
+
+
+ _40_
+
+
+_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. ueber Suedmaehren ins Alfoeld
+(ihr "Feld") und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben
+Nerthusvoelker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht
+auch Mecklenburg; die Angeln gehen spaeter nach England. Nicht genannt sind
+die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche
+Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet,
+weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und
+Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Ruegen, ebenso der See nicht der
+Herthasee, dessen Sage eine spaete gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es
+glauben darf_: also kein Goetterbild (Kap. 9).
+
+
+
+
+ _41_
+
+
+_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im
+wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Suednordrichtung
+des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_
+zwischen Harz und Erzgebirge, suedwaerts bis zum Main, vielleicht sogar zur
+Donau. Die gute Ausnahme bei den Roemern deutet nicht gerade auf
+unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches duerfen den Strom nur
+an bestimmten Stellen unter Aufsicht ueberschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta
+Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder
+Eger oder thueringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren roemische
+Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe
+nur noch vom Hoerensagen.
+
+
+
+
+ _42_
+
+
+_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der grossen "Mark" zwischen
+Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein
+suebisches Volk. Marbod fuehrt sie nach Boehmen, wo schon vorher, vielleicht
+mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begruendet
+ein maechtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den
+Cheruskern zerstoert es, und Marbod fluechtet zu den Roemern. Spaeter, unter
+Marc Aurel, der Jahre waehrende grosse Markomannenkrieg der Roemer (Vorspiel
+der Voelkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Boehmen slavisch, die Markomannen
+sind nach Bayern gerueckt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns,
+geblieben (Bayern und Deutschoesterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit
+den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Maehren und
+Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen
+nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein
+Quadenkoenig.
+
+
+
+
+ _43_
+
+
+_Noch weiter ab_: noerdlich und oestlich der Markomannen und Quaden, um das
+schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist,
+verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien.
+_Gebirge_ der oestliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das
+Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die
+Suedgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der
+alle hier genannten Staemme und wohl auch die nicht genannten Burgunder
+umfasst. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name,
+Muellenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Boehmens bis zur Weichsel,
+heissen spaeter Vandalen, eine Nebenform von "Vandilier". Ihre Wanderung
+fuehrt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der
+Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem
+Namen des Koenigsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet,
+"Maenner mit Frauenhaar"; das Koenigsgeschlecht aber nennt sich nach dem
+Bruederpaar "Kastor und Pollux", einer alten indogermanischen
+Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: "Alken" und "Hasdingi" soll
+zusammenhaengen. Das Totenheer und die straffere Koenigsherrschaft leitet
+die Steigerung ein, die allmaehlich in das Reich des Maerchens hinueberfuehrt.
+_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der
+Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; spaeter in Suedrussland, wo sich in
+der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist
+bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel
+und Oder, die Rugier spaeter an der oesterreichischen Donau.
+
+
+
+
+ _44_
+
+
+In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte
+Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel.
+Schiffe, aehnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als
+Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier fuehrt zur Entartung, und
+Entartete lassen sich einen unumschraenkten Herrscher gefallen. Aber der
+schwedische Koenig, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafuer
+Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschraenkte Macht.
+Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap.
+40). Vielleicht haben Suedgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das
+Missverstaendnis verschuldet. Steigerung gegenueber der Koenigsmacht der
+Goten!
+
+
+
+
+ _45_
+
+
+_Jenseits_ noerdlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine
+{~GREEK SMALL LETTER THETA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} {~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER EPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}{~GREEK SMALL LETTER GAMMA~}{~GREEK SMALL LETTER UPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH PERISPOMENI~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom
+Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der
+Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, dass man ihre Rosse
+und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende
+Sonne erklingt nach altem Glauben. "Toenend wird fuer Geistesohren schon der
+neue Tag geboren ... welch Getoese bringt das Licht!" (Faust). _Nun denn_:
+der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend ueber. Die _rechte_ Kueste
+ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Aestier_ sind die Litauer;
+erst spaeter geht der Name auf die finnischen Esthen ueber. Das Folgende
+zeigt gerade, dass die Aestier keine Germanen sind; die Aehnlichkeit mit der
+britannischen Sprache wohl nur zufaellig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck,
+wird ueber die "Bernsteinwege" zu Land und zur See nach Suedeuropa gebracht.
+Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, dass von den
+Enden der Welt kostbare Schaetze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das
+Glaenzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ oestlich von den
+Suionen sind Finnen (Kvaenen; Anklang an gotisches _qens_, Weib, _queen_):
+daher der Bericht ueber die Frauenherrschaft. Hoehepunkt der Steigerung:
+Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschraenkter regiert, immer maerchenhafter
+bis zur Frauenherrschaft.
+
+
+
+
+ _46_
+
+
+_Peuciner_ ein anderer Name fuer die Bastarner, das oestlichste Germanenvolk
+(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumuendung), auch das zuerst,
+schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_
+Wenden, das germanische Wort fuer Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung
+bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen
+"Hirschartige", die _Oxioner_ "Ochsenartige" sein, vielleicht nach den
+Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.
+
+
+
+
+ [Illustration: Karte zu Tacitus' Germania]
+
+
+
+
+ Druck der Spamerschen
+ Buchdruckerei, Leipzig
+
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr
+einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter.
+
+Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.
+
+Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:
+
+ Seite 45: "Goettinen" geaendert in "Goettinnen"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+April 29, 2012
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 39573.txt or 39573.zip.
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
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+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
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+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
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+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
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+ 1.A.
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+
+
+ 1.B.
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+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
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