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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:13:05 -0700 |
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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Die Germania + +Author: Cornelius Tacitus + +Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573] + +Language: German + +Character set encoding: UTF‐8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + + + + + Die Germania + + des + + Cornelius Tacitus + + + Mit einer Karte + + + [Illustration: Verlagssignet] + + + Übersetzung von Paul Stefan + + +Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + + + + _1_ + + +Ganz Germanien scheiden die Ströme Rhein und Donau vom gallischen und +rätisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder +das Mißtrauen hüben und drüben die Grenze. Das übrige umfließt in weiten +Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln umfangend; dort sind einige +Völkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug +erschloß. Der Rhein entspringt einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen +Alpen, wendet sich in mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins +nördliche Meer. Die Donau strömt in dem sanft und gemächlich ansteigenden +Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Völker heran, bis sie ins +Pontische Meer in sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf +verliert sich in Sümpfen. + + + + + _2_ + + +Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar +nicht berührt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stämmen. Denn nicht zu +Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die +einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche Meer dort droben, in +eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis +kaum. Und wer hätte denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem +schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und +nach Germanien ziehen mögen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, +wüst zu bewohnen und anzuschauen für alle, die da nicht heimisch sind? + +Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmälern ihrer Überlieferung +und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den +Urvater und Begründer ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach +denen die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im Innern Herminonen, +die übrigen Istävonen genannt würden. Andere behaupten (spielt doch hier +fernste Sage und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also auch mehr +Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das +seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor +einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein überschritten und die +Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden, +und allmählich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines +Volkes behauptet. So nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung +zuliebe, der großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und daß die ihn +dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt hätten. + + + + + _3_ + + +Es heißt auch, daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm +als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art +Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie +befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang ahnen +läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die +Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen +als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jäh abbrechendes +Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, daß die Stimme +rückprallend noch voller und tiefer schwelle. + +Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen +Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Länder betreten; +Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von +ihm gegründet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet, +auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben +Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmäler mit griechischer +Schrift gäbe es in der germanisch-rätischen Grenzmark noch heute. Dies +alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man +schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt. + + + + + _4_ + + +Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens Stämme, rein und vor +jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, +keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der +großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen, +rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestümem Drängen +taugend; mühsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst +und Hitze können sie gar nicht vertragen, Kälte aber und Hunger sind sie +in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt. + + + + + _5_ + + +Das Land sieht wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben starrt +schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche Sümpfe. Es ist feuchter gegen +Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut trägt es, +Fruchtbäume gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist unansehnlich. +Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an +der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und +ein sehr geschätztes Vermögen. Silber und Gold haben die Götter ihnen +nicht vergönnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte ich nicht +behaupten, daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer hätte +danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls +nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Gerät sehen (wie es ihre +Gesandten und Fürsten als Geschenk erhalten), das sie nicht höher achten +als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und +Silber zu schätzen, erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als echt an +und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen +alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte +gern, die Münzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch +halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer +Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermünzen besser dient, +wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln. + + + + + _6_ + + +Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff +zeigen. Wenige führen Schwerter oder längere Spieße; meist brauchen sie +Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so +scharf und so handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach Bedürfnis, im Nah- +wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter begnügt sich mit Schild und +Frame, das Fußvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und +wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung +prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den +buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur +einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schönheit, nicht durch +Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu +vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt +nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand +zurückbleibt. Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk; darum streitet +auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fußvolk, aus der gesamten +Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpaßt, vor der übrigen +Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem +Gau, und Hunderter heißen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist +nun Name und Ehrenname geworden. + +Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn +man nur wieder vordringt, eher für klug und nicht als Feigheit. Ihre +Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. Den +Schild im Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart Ehrloser +darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege +davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet. + + + + + _7_ + + +Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch +der Könige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkür, und die Führer +wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur +Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen und zur +Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, über Leben und +Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen +dürfen nur Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch auf +Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß der Gottheit, die +nach germanischem Glauben über den Streitenden waltet. So nehmen sie auch +Bilder und gewisse Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und +ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht ein +Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen +läßt, sondern daß Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für +jeden seine Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der +Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier +das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und +die schrecken nicht zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den +Kämpfern Speise und Zuspruch. + + + + + _8_ + + +Es ist uns überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon wankende und +weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, die Brüste entblößend und +auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn +ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht +so weit, daß Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Mädchen +stellen müssen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen +etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmähen nicht ihren Rat, überhören +nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus +Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt. Aber auch früher +haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus +Schmeichelei, noch als machten sie Göttinnen aus ihnen. + + + + + _9_ + + +Unter den Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius; sie glauben, ihm +an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu dürfen. Mars und +Herkules versöhnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient +auch der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht +recht erklären; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff +gleichend, daß sie über die See eingedrungen ist. Übrigens widerstrebt es +ihrer Anschauung von der Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu +sperren und mit menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen Wälder und +Haine und rufen mit Götternamen jene geheime Macht an, die sie nur in +entrückter Andacht schauen. + + + + + _10_ + + +Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das +Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden +Fruchtbaum zu Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und +streuen sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt, wenn in +gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner, +das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Göttern gegen Himmel +aufblickend, nacheinander drei Stäbchen auf und deutet sie gemäß dem zuvor +eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, so wird in derselben Sache +am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber günstig, noch die +Bestätigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier geläufig, +Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentümlich aber ist diesem +Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den +gleichen Hainen und Wäldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten +der Gemeinschaft weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit +berührt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit +dem König oder Fürsten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und +Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet größeren Glauben, nicht nur +im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese +halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, die Rosse aber für ihre +Vertrauten. + +Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den +Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen +sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem +auserlesenen Kämpfer des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen +heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als +Vorbedeutung. + + + + + _11_ + + +Über geringere Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere die Gesamtheit, +jedoch so, daß auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fürsten +vorbesprochen wird. Sie kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall +eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond; +denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für den Beginn eines +Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Nächte. +Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht führt gleichsam den Tag +herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Mißliche, daß sie nicht +gleichzeitig und nicht nach dem Geheiß beisammen sind, sondern daß oft ein +zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Säumige hingeht. So wie es der +Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch +das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der König +oder Fürst Gehör, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und +Redevermögen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu +befehlen. Mißfällt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt +er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen +des Beifalls ist Lob mit den Waffen. + + + + + _12_ + + +Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht +begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verräter +und Überläufer hängen sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge und am Körper +Geschändete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk +darüber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, daß man Frevel +durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen müsse. Aber auch +für leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen +werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebüßt. Ein Teil der Buße wird +dem König oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhält, oder +seinen Verwandten geleistet. + +In den gleichen Versammlungen werden auch die Fürsten bestimmt, die in +Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Männer aus +dem Volke als Rat und Beistand zur Seite. + + + + + _13_ + + +Nie aber, ob sie nun Geschäfte des Gemeinwesens oder eigene besorgen, +erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen, +ehe ihn nicht die Gemeinde für wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich +in der Versammlung entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter +den Jüngling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen +Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr +der Gemeinschaft. + +Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fürstengunst +auch noch nicht Mannbaren. Solche schließen sich dann den übrigen, +Älteren, längst schon Bewährten an. Und es ist für niemand beschämend, in +einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine +Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der Wetteifer +der Mannen um den ersten Platz zunächst dem Fürsten, wie auch der Fürsten +um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Würde, bringt Macht: +immerzu von einer großen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im +Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem +Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und berühmt, wer sich +durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er +erhält Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen. + + + + + _14_ + + +Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten, sich an +Tapferkeit übertreffen zu lassen, ein Schimpf fürs Gefolge, es der +Tapferkeit des Führers nicht gleichzutun. Höchste Schmach und Schande +vollends ist es für das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld +zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene Heldentat +seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Fürsten kämpfen für +den Sieg, das Gefolg für den Fürsten. + +Wenn ihre Heimat in langem, müßigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige +Jünglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg +führen. Denn ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der Gefahr +finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes Gefolge nur durch +Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des +Fürsten das Streitroß und die blutige, siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja +die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: +solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu +pflügen und die Jahreszeit abzuwarten, würde sie keiner so leicht +überreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es +dünkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut +zu gewinnen wäre. + + + + + _15_ + + +Wenn sie nicht Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, +häufiger noch müßig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die +Tapfersten und Kriegstüchtigsten tun gar nichts und überlassen die Sorge +um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den +Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und träge zu. +Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz die gleichen Menschen so sehr +das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen! + +Es ist Sitte, daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder für sich, den +Fürsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch +auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken +benachbarter Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im +Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, prächtigen +Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen +gelehrt. + + + + + _16_ + + +Daß die germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen, ist genugsam +bekannt, auch daß sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie +bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein +Gehölz gefällt. Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer Art mit +verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder für sich umgibt sein +Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr, +vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und +Ziegel sind ihnen unbekannt; überall verwenden sie ungefüges Holz, +unbekümmert um Gefallen und Ansehn. Doch überstreichen sie einzelne +Stellen recht sorgfältig mit einer Erdart von so reinem Glanz, daß es wie +Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Höhlen +und legen eine dichte Dungschicht darüber hin: als Zuflucht für den Winter +und als Vorratsspeicher. Denn solche Räume mildern die strengen Fröste; +und fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, was offen +daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhält er nicht Kunde, +oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen müßte. + + + + + _17_ + + +Als Überwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie +mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen +sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein +Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit +herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten läßt. Man +trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im +Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen +Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und verbrämen die abgezogenen +Hüllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an +unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als +Männer; nur gehen sie gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten +Säumen verziert sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel aus; +Schultern und Arme sind bloß, aber auch ein Teil der Brust bleibt +unverhüllt. + + + + + _18_ + + +Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung wohl am +meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnügt sich +jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Männern abgesehen, die nicht ihre +Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach +umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der +Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und prüfen die +Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck für +die Neuvermählte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes Roß +und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der +Mann die Frau entgegen, und dafür bringt sie selber dem Mann auch ein +Rüststück zu: dies gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime +Weihe, dies als Segen der Ehegötter. Auf daß sich das Weib nicht fremd in +einer Welt von Männergedanken und wechselndem Kriegsglück erachte, wird es +schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in +Mühsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu +dulden und mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann, das gerüstete +Roß, die dargereichten Waffen. So müsse sie leben, so in den Tod gehen; +was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen +wiedergeben, daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch die +Enkel erbten. + + + + + _19_ + + +So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den +Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von +geheimen Briefschaften weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten kommt es +in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe +unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem Haar, +entblößt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und +peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und für preisgegebene Keuschheit +gibt es keine Verzeihung: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe +könnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand über das Laster, +und Verführen und Sichverführenlassen heißt nicht „der Geist der Zeit“. +Besser steht es gewiß noch um Völkerschaften, bei denen nur Jungfrauen +heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde der Ehefrau einmal für immer +abschließen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben +erhalten haben, auf daß sich kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren +weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe +selber lieben. + +Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes zu töten, gilt +als verruchte Tat; mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute +Gesetze. + + + + + _20_ + + +In jedem Hause wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Größe, +zu diesem Wuchs heran, über den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene +Mutter die Brust, und es wird nicht Mägden und Ammen überlassen. Freie +scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die +anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die +Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spät erfahren +junge Männer die Lust; daher ihre unerschöpfte Kraft. Auch die Mädchen +werden nicht gedrängt; in gleicher Jugend, von ähnlicher Gestalt, +ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der +Stärke der Eltern zeugen die Kinder. + +Schwestersöhne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche +halten dieses Blutsverhältnis noch für heiliger und enger und fordern, +wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als hätten sie damit das +Gewissen stärker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben +aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein +Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im nächsten Glied die Brüder, +Väter- und Mütterbrüder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die +Verschwägerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat +keine Lockungen. + + + + + _21_ + + +Der Erbe muß auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten +übernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht +unversöhnlich fort: sühnt man doch selbst den Totschlag durch eine +bestimmte Anzahl von Groß- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die +Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher +Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich. + +Für Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose +Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt +als Frevel; je nach Vermögen rüstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das +Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen +Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins nächste +Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie +aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht. +Beim Abschied gehört es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa +ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die +Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an, +und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet +Gastfreund an Gastfreund. + + + + + _22_ + + +Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen) +baden sie, öfters warm, weil es bei ihnen die längste Zeit Winter ist. Auf +das Bad folgt ein Imbiß; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen +eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder auch, nicht minder +häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt +keinem Schande. Häufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der +bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und +Totschlag. Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind, neue +Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und Frieden wird +gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der +Sinn unbeeinflußter Überlegung besser zugänglich wäre oder leichter +entflammt für große Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eröffnet es +noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun +alle ihre Meinung ohne Rückhalt aufgedeckt, so wird sie am nächsten Tag +noch einmal geprüft, und jeder Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten, +wenn sie keiner Verstellung fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren +können. + + + + + _23_ + + +Ihr Getränk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein +vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach, +wilde Früchte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne +Würzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht +die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu +trinken verschaffte, so viel sie begehren, der könnte sie einmal durch +ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand überwinden. + + + + + _24_ + + +Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich. +Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen tun, schwingen sich im Tanz +zwischen Schwertern und drohenden Framen. Übung hat sie gewandt gemacht, +Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so +verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwürdig +sind sie beim Würfeln, treiben es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft, und +mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie, wenn alles hin +ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer +verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch jünger und stärker, er läßt +sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am +verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art übergeben +sie dem Handel, um auch selbst der Beschämung über den Gewinn ledig zu +werden. + + + + + _25_ + + +Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem +Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen +Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder +Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so weit geht die Pflicht des +Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des Herrenhauses die Frau und die +Kinder. Daß der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft +wird, ist selten. Eher noch schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe +oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jähzorn: wie einen Feind, nur +daß es hier ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel höher +als Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluß im Haus, nie in der +Gemeinde, ausgenommen bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind. Dort +nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen und selbst über Adelige +empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbürtigkeit der Freigelassenen für +die Freiheit des Volkes. + + + + + _26_ + + +Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und +darum besser verhütet, als wenn es verboten wäre. + +Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von +der Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß besetzt und dann jedesmal unter die +einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde macht solche +Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr für Jahr, und noch +immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der +Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten +anlegen, Wiesen ausscheiden, Gärten bewässern würden; einzig Getreide +fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere +vier Zeiten; nur für Winter, Frühling und Sommer haben sie den Begriff und +die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben. + + + + + _27_ + + +Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, daß man +die Reste bedeutender Männer mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf +den Holzstoß häufen sie nicht Teppiche noch Räucherwerk; immer werden die +Waffen, zuweilen auch das Streitroß ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhügel +bildet das Grab. Ragender Denkmäler kunstreiche Pracht verschmähen sie, +als drückend für die Verstorbenen. Von Klagen und Tränen lassen sie bald, +von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Männern +Erinnerung. + +So viel habe ich allgemein über Herkunft und Sitten des ganzen +Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den +Einrichtungen und Bräuchen der einzelnen Stämme und die Einwanderungen aus +Germanien ins gallische Land erörtern. + + + + + _28_ + + +Daß Galliens Macht vorzeiten größer war, meldet der beste Gewährsmann, der +erlauchte Julius [Cäsar]; und so darf man wohl glauben, daß auch Gallier +nach Germanien hinübergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot +nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im Gefühl seiner Macht, her- +und hinüber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich +abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und +Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt, +beides gallische Stämme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die +Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben. + +Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem +Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien +eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute +gleiche Sprache, gleiche Satzung und Bräuche): denn die nämliche Armut und +Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil +wie Nachteil. + +Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem Stolz ihre +germanische Abkunft, als würde solcher Adel des Blutes eine Ähnlichkeit +mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen +unzweifelhaft germanische Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst +die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der römischen Kolonien +erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hören, +schämen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten +herübergekommen und wurden dann zum Lohn bewährter Treue gerade am +Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als Bewachte. + + + + + _29_ + + +An Tapferkeit überragen die Bataver alle diese Stämme. Sie bewohnen nur +einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und +waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der +Heimat löste und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten sie dem +Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter +Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwürdigt sie, kein +Steuerpächter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst +im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen für den Kampf +aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht auch das Volk der Mattiaker; +hat doch das mächtige Römertum über den Rhein und über die alten Grenzen +hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in +eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält sie bei +uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch der Boden und Himmel +der Heimat helleren Mut weckt. + +Nicht unter die germanischen Völker möchte ich, wiewohl sie jenseits von +Rhein und Donau ansässig sind, jene zählen, die das Zehntland bebauen: +gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stück von dem Boden +ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind +Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des +Reichs und einen Teil der Provinz. + + + + + _30_ + + +Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald, +nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen +Flachland; immer wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich +spärlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie +dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau, +trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Für Germanen zeigen sie +viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Führer zu wählen, auf das +Wort der Obern zu hören, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu +erspähen, mit dem Angriff zurückzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich +für die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glück, +sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und +nur einer strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als die +Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie außer den Waffen auch +Schanzzeug und Vorräte mitgeben. Andere Völker ziehen in die Schlacht, die +Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzügen und +planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr für Reiterkräfte, rasch +einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht +gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute. + + + + + _31_ + + +Was sich auch bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck vereinzelten +Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald +sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen +sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet haben; das ist +ihr Gelübde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen +Beute enthüllen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis für +ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Väter verdient zu haben. +Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter +Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein +Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie sich erst, wenn er einen +Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug +und sind darin grau geworden, berühmt und Feinden wie Freunden bekannt. +Diese sinds, die jeden Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe, ein +überwältigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht +milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine +Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem +Gut, unbekümmert um eigenes, bis dann schließlich das blutlose Alter zu so +harter Tugend unfähig macht. + + + + + _32_ + + +Den Chatten zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen +Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die +Tenkterer zeichnen sich außer durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre +trefflich geübte Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten gebührt kein +größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vätern +her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück. Reiten ist das Spiel der +Kinder, Männer üben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben +Gesinde und Gehöft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde +vererbt: doch erhält sie nicht, wie das übrige Gut, der älteste Sohn, +sondern der streitbarste, der bessere Kämpe. + + + + + _33_ + + +Neben den Tenkterern traf man früher die Brukterer. Jetzt sollen da +Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch +einen Zusammenschluß der Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, sei +es aus Haß gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil +uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten uns sogar, dem +Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über sechzigtausend sind nicht der +Römer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude +und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen +Völkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Haß +gegeneinander; denn nichts Größeres kann uns in des Reiches drängendem +Verhängnis das Schicksal gewähren als unserer Feinde Zwietracht. + + + + + _34_ + + +An die Angrivarier und Chamaver schließen sich im Rücken Dulgubiner und +Chasuarier an und andere nicht sonderlich häufig genannte Völker. Vorne +nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heißen Groß- und Kleinfriesen nach +dem Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch +wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon römische Flotten +drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die +Sage verbreitet, daß da noch Säulen des Herkules stehen: sei es, daß +Herkules wirklich hinkam oder daß wir alles Großartige, wo sichs auch +finde, auf seinen Ruhm zurückzuführen gewohnt sind. An Kühnheit hat es dem +Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die +Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es +schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu glauben, als +um sie zu wissen. + + + + + _35_ + + +So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in +ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der +Chauken; obwohl es schon nächst den Friesen beginnt und noch einen Teil +der Küste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier +beschriebenen Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten. +Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem +Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen +in höchstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf +Gerechtigkeit zu stützen. Ohne Habgier, ohne unbändige Herrschsucht leben +sie ruhig für sich und reizen keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben und +plündern keinem sein Gut. Es ist das höchste Zeugnis für ihre Tapferkeit +und Stärke, daß sie ihre überlegene Macht keinem Übergriff danken. Doch +haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein +Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt +ihnen ihr Ruf. + + + + + _36_ + + +Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten +einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen +mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbändigen, +mächtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der +Überlegene friedlich und redlich nennen. So heißen die Cherusker, einst +als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den +siegreichen Chatten wurde ihr Glück als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom +Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glück die +Geringeren, sind sie nun rechte Gefährten des Mißgeschicks. + + + + + _37_ + + +In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst dem Nordmeer, +sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. +Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle und +Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge des Heeres und Volks und +für die so mächtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre +stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdröhnten; +unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zählt man von da +bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa +zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf +dieser langen Zeit hüben und drüben vielfach Verluste! Nicht der Samnite, +nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht +haben öfter zu schaffen gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei droht +der Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten vorhalten als den +erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von einem Ventidius +niedergeworfen, den Pacorus hingeben mußte! Germanen aber haben den Carbo +und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus +Mallius geschlagen oder gefangen, also fünf konsularische Heere dem +römischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar +geraubt; und nicht ohne Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der +erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen +Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rüstungen des C. Caesar +lächerlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis daß sie, die Gelegenheit +unseres Zwistes und Bürgerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der +Legionen stürmten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder +abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert als +gesiegt. + + + + + _38_ + + +Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und +Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den größeren Teil +Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Völkerschaften mit +eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heißen. + +Ein Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in einen Knoten +geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den übrigen +Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt +auch bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft +mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist +jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber +streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurück und +binden es, oft gerade über dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch +kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; +denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher +Sorgfalt schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und +schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde. + + + + + _39_ + + +Für die Ältesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen +aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu +bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und +Schauer der Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch +Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft +eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere +Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, +gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Fällt +einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen, +sondern muß sich auf der Erde hinauswälzen. Das ganze Treiben deutet +darauf, daß dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, +und alles andere untergeordnet und abhängig. Bestärkt wird diese Meinung +durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei +solcher Größe ihrer Körperschaft halten sie sich für das Haupt der +suebischen Völker. + + + + + _40_ + + +Dafür ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mächtigen +Völkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwürfigkeit, +sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, +Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flüsse oder +Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam +verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie, +mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk +gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin +steht ein geweihter Wagen, mit einer Hülle bedeckt, und nur der Priester +darf ihn berühren. Er merkt die Gegenwart der Göttin im Heiligtum und +geleitet ehrfürchtig ihren mit Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage +froh und festlich die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich zu +weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen; +verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und +Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann +wieder die Göttin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersättigt, in +ihren heiligen Bezirk zurückbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhüllung +und – wenn man es glauben darf – die Göttin selbst in einem unzugänglichen +See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der nämliche See +verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was +nur Todgeweihte erschauen. + + + + + _41_ + + +Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Länder +Germaniens hin. Näher – um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau +zu folgen – haust das Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum ist +ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze, +sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glänzendsten Kolonie +der rätischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht +herüber, und während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen und +Lagerplätze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Häuser und +Landsitze geöffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst +ein vielgerühmter, bekannter Strom; jetzt hört man nur eben von ihm. + + + + + _42_ + + +Nächst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen +und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr +Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch +schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist +gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und +Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Könige vom heimischen Stamm +behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fügen sie sich +auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Königen vom römischen +Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, öfter durch Geld +unterstützt; es tut ihnen nicht Eintrag. + + + + + _43_ + + +Noch weiter ab von uns schließen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier +im Rücken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und +Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch +ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, daß sie keine +Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil +davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen – als einem Fremdvolk – die +Quaden auferlegt: dabei fördern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, +noch obendrein Eisen! Alle diese Völker aber halten wenig Flachland +besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Höhenzüge. Denn mitten durch Suebien +zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der +anderen Seite wohnen sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier, +mehrere Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die +bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und +Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. +Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Götter, die sie +nennen, sind nach römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung +der Gottheit; ihr Name ist „Alken“. Es gibt von ihnen kein Bild, keine +Spur führt zu fremden Bräuchen; aber als Brüder werden sie und als +Jünglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor +aufgezählten Völkern ohnehin überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon +wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie schwärzen die +Schilde und überfärben sich den Körper; finstere Nächte wählen sie zum +Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines +Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhörten, +gleichsam höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die +Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Königen, und etwas +straffer als andere Germanenstämme, geleitet, doch nicht so, daß ihre +Freiheit bedroht wäre. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und +Lemovier. All dieser Völker Merkmal ist, daß sie runde Schilde und kurze +Schwerter haben und Königen gehorchen. + + + + + _44_ + + +Folgen die Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen +und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt, +derart, daß jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit +ist. Auch bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht reihenweise +an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Flüssen, und +setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk +steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen +den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf +Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen, +jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Wächter hält sie verschlossen; +es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde +das Meer; und Waffen in müßigen Händen führen gar leicht zum Mißbrauch. +Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen +als Waffenhüter zu bestellen, wäre dem König kein Vorteil. + + + + + _45_ + + +Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Daß +es den Erdkreis abgürtet und schließt, darf man wohl glauben, weil sich +dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, so hell, +daß davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden +Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu +erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt. + +Nun denn – rechts schlägt das suebische Meer an die Küste der +Ästierstämme. Diese haben die Bräuche und das Aussehen der Sueben, ihre +Sprache steht der britannischen näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als +Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und +Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch im Feindesgewühl. +Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Früchte +bauen sie sorgfältiger, als sonst germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie +suchen auch im Meer und sind unter allen Völkern die einzigen, die den +Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande +selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine +Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer +Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen +Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stücke, +bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich über den gezahlten +Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil häufig kleine Landtiere, +auch geflügelte, durchschimmern, die sich in der flüssigen Masse fangen +und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen +Ländern im Osten, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mögen +also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens merkwürdig ergiebige +Haine und Wälder sein: ihre Säfte werden von den Strahlen der nahen Sonne +ausgepreßt und rinnen noch flüssig den kurzen Weg hinab ins Meer; die +Gewalt der Stürme treibt dann das Harz hinüber ans andere Gestade. Prüft +man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzündet er sich wie ein +Kienspan und nährt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich +wieder zu einer Art Pech oder Harz. + +An die Suionen reihen sich die Stämme der Sitonen, sonst ähnlich und nur +dadurch unterschieden, daß ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen +nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet. + + + + + _46_ + + +Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stämme der Peuciner und der +Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich +nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen +in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen. +Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen träge; und +Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Mißgestalt geführt. Die +Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald- +und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen +sie in räuberischen Haufen. Doch zählt man sie eher noch als Germanen, +weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle, +rüstige Fußgänger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die +auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich +wildes, abstoßend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein +Heim; Kräuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre +Lagerstätte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen +mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise Männer wie Frauen +ernähren: diese ziehen überall mit und heischen ihren Teil von der Beute. +Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein +Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen +zurück, dort bergen sich die Alten. Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, +als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und +fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert um +Menschen, unbekümmert um Götter haben sie das Schwerste erreicht, selbst +auf Wünsche verzichten zu können. + +Darüber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und +Oxionen Menschenköpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und +Glieder von Tieren. Das ist unverbürgt, und ich will es nicht weiter +verfolgen. + + + + + + INHALT DER GERMANIA + + + + + Allgemeiner Teil (1–27) + + +_Das Land und seine Bewohner_ (1–5): Grenzen und Grenzströme (1) – +Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) – Frühe Besuche aus +der Fremde? (3) – Körperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) – +Natur und Erzeugnisse des Landes (5). + +_Leben und Sitten der Germanen_ (6–27): Waffen, Kriegswesen (6) – Könige, +Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (7) – Frauen im Kampf, heilige Frauen +(8) – Götter (9) – Lose, Vorzeichen (10) – Ratsversammlung (11) – +Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) – Wehrhaftmachung, +Gefolge (13) – Gefolge im Krieg (14) – Fürsten und Gefolge im Frieden (15) +– Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) – Kleidung (17) – Ehe (18) – +Frauen und Kinder (19) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) – +Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) – Leben im Hause, Trinkgelage (22) – +Getränke, Speisen, Trunksucht (23) – Waffentänze, Würfelspiel (24) – +Sklaven (25) – Ackerbau (26) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil +(27). + + + + + Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (28–46) + + +_Grenzvölker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, +Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine +Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) – Germanen, +die zu den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29). + +_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30–37): Chatten (30, 31) – +Usipier und Tenkterer (32) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) – +Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) – Chauken (35) – Cherusker (36) – +Kimbern, Kimbern- und spätere Germanenkriege (37). + +_Sueben_ (38–45): Ihre Haartracht (38) – Semnonen (39) – Langobarden und +Nerthusvölker (40) – Hermunduren (41) – Varisten, Markomannen und Quaden +(42) – Ost- und Nordostgermanen (43, 44) – Ende der Welt, Ästier, +Bernstein, Sitonen (45). + +_Mischvölker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht +mehr Germanen) und + +_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46). + + + + + + ANMERKUNGEN DES ÜBERSETZERS + + +Was ist dieses Buch, gewöhnlich „Germania“ genannt, das die Insel-Bücherei +hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift für +den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk. + +Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den deutschen +Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es +so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, +Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam +im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der +Insel „Thule“ (Island?) und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des +Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt +Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen +sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine +Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern sie, zum +erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im +104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; +verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und +seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. Erhalten aber des Plinius +_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die +Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit +sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_ +nachwirkt. + +Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, +Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der +Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch +fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestätigt wird. Aber auch +jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer +als Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und +seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen +haben als der bloße Inhalt. + +Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 +nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen +Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie +wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und daß der +Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und +an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des +Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man +darf annehmen, daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die +Schrift billigte. + +Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch +spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert +nur – und schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede +Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des +Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in +„romantische“ Ferne verlierend, seine einzelnen Stämme und Landschaften, +bis er im Märchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in +rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein +rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch +das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals +siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, +über den Meister. + +Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei +verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, +unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener +Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach +einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die +Germanen herauf: darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte +Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche +Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. +Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben. + +So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von +seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der +rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er +Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in +Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola +verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter Domitian fern. +Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint +noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben. + +Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode +hervortretend, mit dem _Dialog_ über die Redekunst und ihren Verfall. Es +folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch +im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine +Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die +_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten +beiden Werke sind nichts weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst +erschließt sich Tacitus ganz, „_le plus grand peintre de l’antiquité_“, +wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen +gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist +noch lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung +Lichtenbergs, „sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen“. + + * * * + +Die „Germania“ wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie +lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von +Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, +und bringt die „Germania“ und den „Dialog“ 1455 nach Italien. (Die +Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster +gefunden worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der +Schrift lautet einmal „_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_“, +ein andermal „_De origine et situ Germanorum_“. 1469 schon wird die +„Germania“ gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus +und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob +Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff (_Germania antiqua_, +1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der +Bearbeitung von Schwyzer (1912). + +Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht +von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den +Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen. + +Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die +Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen +Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf +der ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band seiner +Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Übersetzungen wurden +alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle +neuen und neu aufgelegten; von älteren namentlich die von Bötticher und +Bacmeister. + +Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in +Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, +schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen Dank. + + + + + + ERLÄUTERUNGEN + + + + + _1_ + + +Die römische Provinz _Rätien_ reicht nördlich bis zur Donau (Ries!), +östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht +genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in +Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbürgen. _Gebirge_ +die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? +_Abnoba_ Schwarzwald. + + + + + _2_ + + +Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. _Asien_, _Afrika_, +_Italien_ die römischen Südprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist +zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der +_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie +_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbände? Die _Tungrer_ +(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch: +„Rufer im Streit“ oder „Nachbarn“?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, +mit anderen „Germanen“ über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten +sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). „Eine verzweifelte Stelle!“ +(Grimm.) + + + + + _3_ + + +_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genügend erklärt. _Ulixes_ +(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Mörs im Rheinland. +_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten. + + + + + _5_ + + +Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei +Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber +waren auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen +Orten, die Sage!). Die erwähnten römischen Münzen, Silberdenare, wurden +bis zum Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt +verschlechtert! + + + + + _6_ + + +Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, +nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. +Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß +(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu. + + + + + _7_ + + +_Könige_ und _Fürsten_ haben gleiche Befugnis, Fürst ist der König eines +kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. +Königtum und Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten +sind Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung +mehrerer Heere wird ein König zum _dux_ gewählt (Müllenhoff). + + + + + _8_ + + +_Die Brüste entblößend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehören. +_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Göttinnen_ wie +die römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten. + + + + + _9_ + + +_Mercurius_ (besonders als Totenführer): Wotan (_dies Mercurii_ = +_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_: +Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh. _Isis_: +vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte +Schiffe. + + + + + _10_ + + +_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch +Pferde auch bei Persern und Slaven. + + + + + _11_ + + +_Nächte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch +jetzt „Spießbürger“. _Jeder_: Müllenhoff folgert aus dem grammatischen +Sinn, daß nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer. +Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12). + + + + + _12_ + + +_Am Körper Geschändete_: widernatürliche Männer, aber wohl auch „entehrte“ +Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. Dieses Versenken ist +eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel – Schandtat_: das +germanische Rechtsbewußtsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, +ohne List, leichter hin. _Die Fürsten bestimmt_ nämlich aus der Zahl der +vorhandenen Fürsten. _Recht sprechen_ ist römische, nicht germanische +Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die +Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_ +gibt das „Vollwort“: sie „finden“ das Recht, der entsendete Richter tut +nur den Spruch. + + + + + _15_ + + +_Brustschmuck_ (_phalerae_) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?). +_Geld_: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den +Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe. + + + + + _16_ + + +_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz +sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade +wortreich und gewöhnlich. + + + + + _17_ + + +_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch +bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, +trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda +der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den +Füßen. Ihre _Kleidung_ läuft oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die +germanischen Männer wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das +Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz +läßt die Brust zum Teil sichtbar werden. + + + + + _18_ + + +_Umworben werden_ von den Familien der Mädchen. _Mitgift – Geschenke_: +Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; _Mitgift_ ist der +Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für +den Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt +Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen +altrömischen Ehe. + + + + + _19_ + + +_Schauspiel_ das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen +Getriebe. + + + + + _20_ + + +Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die +Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich. + + + + + _22_ + + +_Eröffnet es noch_: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist +in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten +(Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen +Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor +Abend trinken. + + + + + _23_ + + +_Getränk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau +dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen. + + + + + _25_ + + +Tacitus denkt hier nur an die „Hintersassen“; es gibt aber auch +Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der +Freigelassenen in Rom. + + + + + _26_ + + +_Besser verhütet_: Müllenhoff und Baumstark können diesen Satz nur durch +Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von +allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt. _Nicht in vier +Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach +halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die +Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles +Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes. + + + + + _27_ + + +Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift. + + + + + _28_ + + +_Caesar_ wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine +Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als +unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, +wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt. _Herzynischer +Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe +Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Böhmen +(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweißenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese +beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdrücklich +bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ können nur auf den Wohnsitz +gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an +der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um +Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; +ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa, +Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die +Stifterin der Kolonie (Köln!). + + + + + _29_ + + +_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her +wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) +bleibt das Freundschaftsverhältnis zu den Römern. _Mattiaker_ um +Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Über die alten Grenzen_ +endgültig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian +begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder +Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km +lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter die +Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. _Zehntland_ +(_agri decumates_, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland am +mittleren Neckar. + + + + + _30_ + + +_Weiter hinaus_ über das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind, +außer den Friesen, nach Grimm „der einzige deutsche Volksschlag, der mit +behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie +in der Geschichte zuerst erwähnt werden“. Ihnen widerfährt hier unter +allen Stämmen das größte Lob. + + + + + _32_ + + +_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom +Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe. + + + + + _33_ + + +_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); später +zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. +Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später die +_Chamaver_ werden, damals nördlich der Lippe bis zum Zuydersee. +_Angrivarier_, an der Weser, später als Angern ein Hauptstamm der +Altsachsen. + + + + + _34_ + + +_Im Rücken – vorn_: die Völker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in +der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen +Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_ +besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; +so entstehen förmliche Inseln. _Römische Flotten_: Drusus Germanicus (12 +v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, +nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Säulen des +Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der +römische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus +jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.). + + + + + _35_ + + +Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel +(Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt. +_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Müllenhoff sind es +vielleicht überhaupt nur andere Friesen, „Chauken“ ein Ehrenname. Im Bogen +hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine wahrscheinlich +unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges +Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des +Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel. + + + + + _36_ + + +_Zur Seite_ östlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, früher noch +weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren +Kampf gegen die Römer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. +Arminius, der „Befreier Germaniens“, besiegt auch Marbod, den König der +Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurückgedrängt, innere +Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist +keine Rede. Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur +ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen? +_Fosen_ in der Wesergegend. + + + + + _37_ + + +_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem +großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 +der catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich an +die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul +L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio +und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius +Scaurus, gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und +Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist +98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der „Germania“ +im gleichen Jahre. _Arsaces_ begründet im 3. Jahrh. v. Chr. das große +Partherreich, lange neben Rom die einzige östliche Großmacht; Crassus wird +53 v. Chr. von den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt +die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 +v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. _Selbst dem Caesar_: +Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Rüstungen des C. Caesar_: Caligula; er +läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 +n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren Triumph. In +den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der +Nordwestgermanen. + + + + + _38_ + + +_Nunmehr_ eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, +auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die +Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und +Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit „Schwaben“. _Stammeszeichen_: der +Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder +bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im letzten +Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die +Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem +Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den „Vornehmen“. + + + + + _39_ + + +Müllenhoff hält den Namen _Semnonen_ für hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im +Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der +Germanen. Der besonders großartige Kultus ist denn auch der des +Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = +Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, +ein Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das +jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Vers _auguriis – sacram_ im +Deutschen durch „Zeichen – weihten“ wiedergegeben. Vgl. die allgemeine +Einleitung! + + + + + _40_ + + +_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld +(ihr „Feld“) und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben +Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht +auch Mecklenburg; die Angeln gehen später nach England. Nicht genannt sind +die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche +Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet, +weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und +Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Rügen, ebenso der See nicht der +Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es +glauben darf_: also kein Götterbild (Kap. 9). + + + + + _41_ + + +_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im +wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung +des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_ +zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur +Donau. Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf +unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den Strom nur +an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta +Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder +Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren römische +Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe +nur noch vom Hörensagen. + + + + + _42_ + + +_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der großen „Mark“ zwischen +Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein +suebisches Volk. Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht +mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet +ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den +Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, unter +Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg der Römer (Vorspiel +der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen slavisch, die Markomannen +sind nach Bayern gerückt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, +geblieben (Bayern und Deutschösterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit +den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und +Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen +nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein +Quadenkönig. + + + + + _43_ + + +_Noch weiter ab_: nördlich und östlich der Markomannen und Quaden, um das +schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist, +verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien. +_Gebirge_ der östliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das +Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die +Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der +alle hier genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder +umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, +Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, +heißen später Vandalen, eine Nebenform von „Vandilier“. Ihre Wanderung +führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der +Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem +Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet, +„Männer mit Frauenhaar“; das Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem +Brüderpaar „Kastor und Pollux“, einer alten indogermanischen +Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: „Alken“ und „Hasdingi“ soll +zusammenhängen. Das Totenheer und die straffere Königsherrschaft leitet +die Steigerung ein, die allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt. +_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der +Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; später in Südrußland, wo sich in +der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist +bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel +und Oder, die Rugier später an der österreichischen Donau. + + + + + _44_ + + +In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte +Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. +Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als +Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier führt zur Entartung, und +Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher gefallen. Aber der +schwedische König, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafür +Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschränkte Macht. +Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. +40). Vielleicht haben Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das +Mißverständnis verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der +Goten! + + + + + _45_ + + +_Jenseits_ nördlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine +θάλασσα πεπηγυῖα, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom +Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der +Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, daß man ihre Rosse +und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende +Sonne erklingt nach altem Glauben. „Tönend wird für Geistesohren schon der +neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“ (Faust). _Nun denn_: +der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. Die _rechte_ Küste +ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Ästier_ sind die Litauer; +erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das Folgende +zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die Ähnlichkeit mit der +britannischen Sprache wohl nur zufällig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck, +wird über die „Bernsteinwege“ zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. +Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den +Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das +Glänzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ östlich von den +Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches _qêns_, Weib, _queen_): +daher der Bericht über die Frauenherrschaft. Höhepunkt der Steigerung: +Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter +bis zur Frauenherrschaft. + + + + + _46_ + + +_Peuciner_ ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk +(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, +schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_ +Wenden, das germanische Wort für Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung +bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen +„Hirschartige“, die _Oxioner_ „Ochsenartige“ sein, vielleicht nach den +Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel. + + + + + [Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania] + + + + + Druck der Spamerschen + Buchdruckerei, Leipzig + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Wörter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter. + +Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht. + +Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers: + + Seite 45: „Göttinen“ geändert in „Göttinnen“ + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + CREDITS + + +April 29, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39573‐0.txt or 39573‐0.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/7/39573/ + + +Updated editions will replace the previous one — the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg™ electronic works to protect the Project +Gutenberg™ concept and trademark. Project Gutenberg is a registered +trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you +receive specific permission. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg™’s goals and ensuring +that the Project Gutenberg™ collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg™ and future generations. To learn more about the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations +can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at +http://www.pglaf.org. + + + Section 3. + + + Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation + + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of +Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. +The Foundation’s EIN or federal tax identification number is 64-6221541. +Its 501(c)(3) letter is posted at +http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full +extent permitted by U.S. federal laws and your state’s laws. + +The Foundation’s principal office is located at 4557 Melan Dr. +S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation’s web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg™ +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg™ eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook’s eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Die Germania + +Author: Cornelius Tacitus + +Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573] + +Language: German + +Character set encoding: ISO 8859-1 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + + + + + Die Germania + + des + + Cornelius Tacitus + + + Mit einer Karte + + + [Illustration: Verlagssignet] + + + bersetzung von Paul Stefan + + +Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + + + + _1_ + + +Ganz Germanien scheiden die Strme Rhein und Donau vom gallischen und +rtisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder +das Mitrauen hben und drben die Grenze. Das brige umfliet in weiten +Buchten der Oceanus, unermeliche Inseln umfangend; dort sind einige +Vlkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug +erschlo. Der Rhein entspringt einem unzugnglich jhen Hang der Rtischen +Alpen, wendet sich in miger Biegung gegen Westen und mndet ins +nrdliche Meer. Die Donau strmt in dem sanft und gemchlich ansteigenden +Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Vlker heran, bis sie ins +Pontische Meer in sechs Mndungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf +verliert sich in Smpfen. + + + + + _2_ + + +Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar +nicht berhrt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stmmen. Denn nicht zu +Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die +einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeliche Meer dort droben, in +eine, ich mchte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis +kaum. Und wer htte denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem +schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und +nach Germanien ziehen mgen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, +wst zu bewohnen und anzuschauen fr alle, die da nicht heimisch sind? + +Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmlern ihrer berlieferung +und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den +Urvater und Begrnder ihres Stammes. Mannus habe drei Shne gehabt, nach +denen die Vlker nchst dem Nordmeer Ingvonen, die im Innern Herminonen, +die brigen Istvonen genannt wrden. Andere behaupten (spielt doch hier +fernste Sage und Willkr), es habe mehr Shne des Gottes, also auch mehr +Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das +seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor +einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein berschritten und die +Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden, +und allmhlich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines +Volkes behauptet. So nmlich, da zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung +zuliebe, der groen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und da die ihn +dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt htten. + + + + + _3_ + + +Es heit auch, da Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm +als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art +Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie +befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloen Klang ahnen +lt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die +Reihen drhnt, gleich als wre das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen +als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jh abbrechendes +Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, da die Stimme +rckprallend noch voller und tiefer schwelle. + +Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen +Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Lnder betreten; +Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von +ihm gegrndet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet, +auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben +Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmler mit griechischer +Schrift gbe es in der germanisch-rtischen Grenzmark noch heute. Dies +alles mit Grnden zu sttzen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man +schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt. + + + + + _4_ + + +Selber schliee ich mich denen an, die Germaniens Stmme, rein und vor +jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, fr ein eigenes, unverflschtes, +keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der +groen Menschenzahl, berall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen, +rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestmem Drngen +taugend; mhsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Mae gewachsen. Durst +und Hitze knnen sie gar nicht vertragen, Klte aber und Hunger sind sie +in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt. + + + + + _5_ + + +Das Land sieht wohl nicht berall gleich aus; doch allenthalben starrt +schrecklicher Urwald, dehnen sich hliche Smpfe. Es ist feuchter gegen +Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut trgt es, +Fruchtbume gedeihen nicht, Vieh ist hufig, aber meist unansehnlich. +Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an +der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und +ein sehr geschtztes Vermgen. Silber und Gold haben die Gtter ihnen +nicht vergnnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch mchte ich nicht +behaupten, da Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer htte +danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls +nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Gert sehen (wie es ihre +Gesandten und Frsten als Geschenk erhalten), das sie nicht hher achten +als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und +Silber zu schtzen, erkennen gewisse Prgungen unseres Geldes als echt an +und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen +alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte +gern, die Mnzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch +halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer +Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermnzen besser dient, +wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln. + + + + + _6_ + + +Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff +zeigen. Wenige fhren Schwerter oder lngere Spiee; meist brauchen sie +Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so +scharf und so handlich, da sie dieselbe Waffe, je nach Bedrfnis, im Nah- +wie im Fernkampf verwenden knnen. Der Reiter begngt sich mit Schild und +Frame, das Fuvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und +wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rstung +prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den +buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur +einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schnheit, nicht durch +Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu +vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt +nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so da niemand +zurckbleibt. Im ganzen ruht die grere Kraft im Fuvolk; darum streitet +auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fuvolk, aus der gesamten +Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpat, vor der brigen +Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem +Gau, und Hunderter heien sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist +nun Name und Ehrenname geworden. + +Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn +man nur wieder vordringt, eher fr klug und nicht als Feigheit. Ihre +Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kmpfen in Sicherheit. Den +Schild im Stiche zu lassen, ist der rgste Frevel. Ein derart Ehrloser +darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege +davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet. + + + + + _7_ + + +Knige whlt man nach ihrem Adel, Fhrer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch +der Knige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkr, und die Fhrer +wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie berall zur +Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kmpfen und zur +Bewunderung fortreien. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, ber Leben und +Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlgen verurteilen +drfen nur Priester, gleichsam als geschhe es nicht zur Strafe noch auf +Befehl des Fhrers, sondern gewissermaen auf Gehei der Gottheit, die +nach germanischem Glauben ber den Streitenden waltet. So nehmen sie auch +Bilder und gewisse Gtterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und +ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, da nicht ein +Ungefhr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen +lt, sondern da Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch fr +jeden seine Lieben ganz nahe, und da hrt er das schrille Geschrei der +Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier +das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und +die schrecken nicht zurck, zhlen und prfen sie ihm und bringen den +Kmpfern Speise und Zuspruch. + + + + + _8_ + + +Es ist uns berliefert, da Frauen, mehr als einmal, schon wankende und +weichende Reihen durch ihr unablssiges Flehen, die Brste entblend und +auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn +ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unertrglich, und das geht +so weit, da Vlkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Mdchen +stellen mssen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen +etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmhen nicht ihren Rat, berhren +nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus +Zeit Veleda weit und breit als gttliches Wesen galt. Aber auch frher +haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus +Schmeichelei, noch als machten sie Gttinnen aus ihnen. + + + + + _9_ + + +Unter den Gttern verehren sie am hchsten den Mercurius; sie glauben, ihm +an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu drfen. Mars und +Herkules vershnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient +auch der Isis. Anla und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht +recht erklren; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff +gleichend, da sie ber die See eingedrungen ist. brigens widerstrebt es +ihrer Anschauung von der Gre der Himmlischen, die Gtter in Mauern zu +sperren und mit menschlichen Zgen abzubilden. Sie weihen ihnen Wlder und +Haine und rufen mit Gtternamen jene geheime Macht an, die sie nur in +entrckter Andacht schauen. + + + + + _10_ + + +Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das +Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden +Fruchtbaum zu Stbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und +streuen sie aufs Geratewohl ber ein weies Tuch hin. Dann hebt, wenn in +gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner, +das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Gttern gegen Himmel +aufblickend, nacheinander drei Stbchen auf und deutet sie gem dem zuvor +eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht gnstig, so wird in derselben Sache +am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber gnstig, noch die +Besttigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier gelufig, +Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentmlich aber ist diesem +Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den +gleichen Hainen und Wldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten +der Gemeinschaft weie Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit +berhrt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit +dem Knig oder Frsten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und +Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet greren Glauben, nicht nur +im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese +halten sich wohl fr die Mittler der Gottheit, die Rosse aber fr ihre +Vertrauten. + +Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den +Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen +sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem +auserlesenen Kmpfer des eigenen Volkes gegenber, jeden mit seinen +heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als +Vorbedeutung. + + + + + _11_ + + +ber geringere Sachen beraten die Frsten, ber wichtigere die Gesamtheit, +jedoch so, da auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Frsten +vorbesprochen wird. Sie kommen, auer wenn ein unerwarteter Zufall +eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond; +denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders gnstig fr den Beginn eines +Unternehmens. Sie zhlen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Nchte. +Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht fhrt gleichsam den Tag +herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Miliche, da sie nicht +gleichzeitig und nicht nach dem Gehei beisammen sind, sondern da oft ein +zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Sumige hingeht. So wie es der +Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch +das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der Knig +oder Frst Gehr, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und +Redevermgen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu +befehlen. Mifllt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefllt +er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen +des Beifalls ist Lob mit den Waffen. + + + + + _12_ + + +Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht +begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verrter +und berlufer hngen sie an Bumen auf, Feige, Weichlinge und am Krper +Geschndete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk +darber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, da man Frevel +durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen msse. Aber auch +fr leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die berwiesenen +werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebt. Ein Teil der Bue wird +dem Knig oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhlt, oder +seinen Verwandten geleistet. + +In den gleichen Versammlungen werden auch die Frsten bestimmt, die in +Gauen und Drfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Mnner aus +dem Volke als Rat und Beistand zur Seite. + + + + + _13_ + + +Nie aber, ob sie nun Geschfte des Gemeinwesens oder eigene besorgen, +erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen, +ehe ihn nicht die Gemeinde fr wehrhaft erklrt hat. Dann schmckt gleich +in der Versammlung entweder ein Frst oder der Vater oder ein Verwandter +den Jngling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen +Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr +der Gemeinschaft. + +Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Frstengunst +auch noch nicht Mannbaren. Solche schlieen sich dann den brigen, +lteren, lngst schon Bewhrten an. Und es ist fr niemand beschmend, in +einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine +Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und gro ist der Wetteifer +der Mannen um den ersten Platz zunchst dem Frsten, wie auch der Frsten +um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Wrde, bringt Macht: +immerzu von einer groen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im +Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem +Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und berhmt, wer sich +durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er +erhlt Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen. + + + + + _14_ + + +Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf fr den Frsten, sich an +Tapferkeit bertreffen zu lassen, ein Schimpf frs Gefolge, es der +Tapferkeit des Fhrers nicht gleichzutun. Hchste Schmach und Schande +vollends ist es fr das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld +zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behten, ja die eigene Heldentat +seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Frsten kmpfen fr +den Sieg, das Gefolg fr den Frsten. + +Wenn ihre Heimat in langem, migem Frieden verkommt, dann ziehen adlige +Jnglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Vlkern, die gerade Krieg +fhren. Denn ein ruhiges Leben gefllt diesem Volke nicht, in der Gefahr +finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein groes Gefolge nur durch +Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des +Frsten das Streitro und die blutige, siegbewhrte Frame. Auch ersetzt ja +die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: +solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu +pflgen und die Jahreszeit abzuwarten, wrde sie keiner so leicht +berreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es +dnkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schwei zu erarbeiten, was mit Blut +zu gewinnen wre. + + + + + _15_ + + +Wenn sie nicht Krieg fhren, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, +hufiger noch mig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die +Tapfersten und Kriegstchtigsten tun gar nichts und berlassen die Sorge +um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den +Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und trge zu. +Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, da ganz die gleichen Menschen so sehr +das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen! + +Es ist Sitte, da die Gemeindegenossen freiwillig, jeder fr sich, den +Frsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch +auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken +benachbarter Vlker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im +Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, prchtigen +Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen +gelehrt. + + + + + _16_ + + +Da die germanischen Stmme nirgends Stdte bewohnen, ist genugsam +bekannt, auch da sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie +bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein +Gehlz gefllt. Wohl legen sie Drfer an, aber nicht nach unsrer Art mit +verbundenen Gebuden, in einem Zusammenhang: jeder fr sich umgibt sein +Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr, +vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und +Ziegel sind ihnen unbekannt; berall verwenden sie ungefges Holz, +unbekmmert um Gefallen und Ansehn. Doch berstreichen sie einzelne +Stellen recht sorgfltig mit einer Erdart von so reinem Glanz, da es wie +Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Hhlen +und legen eine dichte Dungschicht darber hin: als Zuflucht fr den Winter +und als Vorratsspeicher. Denn solche Rume mildern die strengen Frste; +und fllt einmal der Feind ins Land, so plndert er zwar, was offen +daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhlt er nicht Kunde, +oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen mte. + + + + + _17_ + + +Als berwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie +mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen +sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein +Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit +herabfliet, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten lt. Man +trgt auch Pelze, nchst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im +Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen +Putz bringt. Sie whlen unter dem Wild und verbrmen die abgezogenen +Hllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an +unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als +Mnner; nur gehen sie gewhnlich in Linnengewnder gehllt, die mit roten +Sumen verziert sind. Ihre Kleidung luft oben nicht in rmel aus; +Schultern und Arme sind blo, aber auch ein Teil der Brust bleibt +unverhllt. + + + + + _18_ + + +Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensfhrung wohl am +meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begngt sich +jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Mnnern abgesehen, die nicht ihre +Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach +umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der +Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und prfen die +Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck fr +die Neuvermhlte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezumtes Ro +und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der +Mann die Frau entgegen, und dafr bringt sie selber dem Mann auch ein +Rststck zu: dies gilt ihnen als das strkste Band, dies als geheime +Weihe, dies als Segen der Ehegtter. Auf da sich das Weib nicht fremd in +einer Welt von Mnnergedanken und wechselndem Kriegsglck erachte, wird es +schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, da es als Gefhrtin in +Mhsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu +dulden und mit zu wagen: also verknden das Rindergespann, das gerstete +Ro, die dargereichten Waffen. So msse sie leben, so in den Tod gehen; +was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Shnen +wiedergeben, da es dann die Schwiegertchter bernhmen und noch die +Enkel erbten. + + + + + _19_ + + +So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den +Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von +geheimen Briefschaften wei weder Mann noch Weib. Hchst selten kommt es +in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe +unmittelbar und ist dem Mann berlassen. Mit abgeschnittenem Haar, +entblt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und +peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und fr preisgegebene Keuschheit +gibt es keine Verzeihung: nicht Schnheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe +knnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand ber das Laster, +und Verfhren und Sichverfhrenlassen heit nicht "der Geist der Zeit". +Besser steht es gewi noch um Vlkerschaften, bei denen nur Jungfrauen +heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelbde der Ehefrau einmal fr immer +abschlieen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben +erhalten haben, auf da sich kein Gedanke darber hinaus, kein Begehren +weiter verirre, da sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe +selber lieben. + +Die Zahl der Kinder zu beschrnken oder ein nachgeborenes zu tten, gilt +als verruchte Tat; mehr vermgen dort gute Sitten als anderswo gute +Gesetze. + + + + + _20_ + + +In jedem Hause wchst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Gre, +zu diesem Wuchs heran, ber den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene +Mutter die Brust, und es wird nicht Mgden und Ammen berlassen. Freie +scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die +anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die +Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spt erfahren +junge Mnner die Lust; daher ihre unerschpfte Kraft. Auch die Mdchen +werden nicht gedrngt; in gleicher Jugend, von hnlicher Gestalt, +ebenbrtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der +Strke der Eltern zeugen die Kinder. + +Schwestershne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche +halten dieses Blutsverhltnis noch fr heiliger und enger und fordern, +wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als htten sie damit das +Gewissen strker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben +aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein +Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im nchsten Glied die Brder, +Vter- und Mtterbrder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die +Verschwgerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat +keine Lockungen. + + + + + _21_ + + +Der Erbe mu auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten +bernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht +unvershnlich fort: shnt man doch selbst den Totschlag durch eine +bestimmte Anzahl von Gro- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die +Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher +Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefhrlich. + +Fr Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose +Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt +als Frevel; je nach Vermgen rstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das +Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen +Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins nchste +Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie +aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht. +Beim Abschied gehrt es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa +ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die +Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an, +und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet +Gastfreund an Gastfreund. + + + + + _22_ + + +Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen) +baden sie, fters warm, weil es bei ihnen die lngste Zeit Winter ist. Auf +das Bad folgt ein Imbi; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen +eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschfte oder auch, nicht minder +hufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt +keinem Schande. Hufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der +bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und +Totschlag. Aber auch die Vershnung des Feindes mit dem Feind, neue +Schwgerschaft, Anschlu an Frsten und sogar Krieg und Frieden wird +gewhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der +Sinn unbeeinfluter berlegung besser zugnglich wre oder leichter +entflammt fr groe Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, erffnet es +noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun +alle ihre Meinung ohne Rckhalt aufgedeckt, so wird sie am nchsten Tag +noch einmal geprft, und jeder Zeit widerfhrt ihr Recht: sie beraten, +wenn sie keiner Verstellung fhig sind, beschlieen, wenn sie nicht irren +knnen. + + + + + _23_ + + +Ihr Getrnk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein +vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach, +wilde Frchte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne +Wrzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht +die gleiche Migkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu +trinken verschaffte, so viel sie begehren, der knnte sie einmal durch +ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand berwinden. + + + + + _24_ + + +Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich. +Nackte Jnglinge, die es zum Vergngen tun, schwingen sich im Tanz +zwischen Schwertern und drohenden Framen. bung hat sie gewandt gemacht, +Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so +verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwrdig +sind sie beim Wrfeln, treiben es nchtern, wie ein ernstes Geschft, und +mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, da sie, wenn alles hin +ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer +verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch jnger und strker, er lt +sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am +verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art bergeben +sie dem Handel, um auch selbst der Beschmung ber den Gewinn ledig zu +werden. + + + + + _25_ + + +Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem +Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen +Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder +Zeug auf, wie wir unseren Pchtern, und nur so weit geht die Pflicht des +Hrigen. Sonst besorgen die Geschfte des Herrenhauses die Frau und die +Kinder. Da der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft +wird, ist selten. Eher noch schlgt der Herr einen tot, nicht zur Strafe +oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jhzorn: wie einen Feind, nur +da es hier ungeshnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel hher +als Sklaven. Selten haben sie einigen Einflu im Haus, nie in der +Gemeinde, ausgenommen bei den Stmmen, die Knigen botmig sind. Dort +nmlich steigen sie wohl ber die Freigeborenen und selbst ber Adelige +empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbrtigkeit der Freigelassenen fr +die Freiheit des Volkes. + + + + + _26_ + + +Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und +darum besser verhtet, als wenn es verboten wre. + +Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von +der Gesamtheit, immer in neuem Ausma besetzt und dann jedesmal unter die +einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Gre der Gefilde macht solche +Teilung leicht. Mit der Anbauflche wechseln sie Jahr fr Jahr, und noch +immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der +Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, da sie Obstgrten +anlegen, Wiesen ausscheiden, Grten bewssern wrden; einzig Getreide +fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere +vier Zeiten; nur fr Winter, Frhling und Sommer haben sie den Begriff und +die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben. + + + + + _27_ + + +Leichenbegngnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, da man +die Reste bedeutender Mnner mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf +den Holzsto hufen sie nicht Teppiche noch Rucherwerk; immer werden die +Waffen, zuweilen auch das Streitro ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhgel +bildet das Grab. Ragender Denkmler kunstreiche Pracht verschmhen sie, +als drckend fr die Verstorbenen. Von Klagen und Trnen lassen sie bald, +von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Mnnern +Erinnerung. + +So viel habe ich allgemein ber Herkunft und Sitten des ganzen +Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den +Einrichtungen und Bruchen der einzelnen Stmme und die Einwanderungen aus +Germanien ins gallische Land errtern. + + + + + _28_ + + +Da Galliens Macht vorzeiten grer war, meldet der beste Gewhrsmann, der +erlauchte Julius [Csar]; und so darf man wohl glauben, da auch Gallier +nach Germanien hinbergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot +nicht ein Strom, wenn eines der Vlker, eben im Gefhl seiner Macht, her- +und hinber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich +abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und +Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt, +beides gallische Stmme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die +Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben. + +Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem +Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien +eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute +gleiche Sprache, gleiche Satzung und Bruche): denn die nmliche Armut und +Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil +wie Nachteil. + +Treverer und Nervier behaupten sogar mit eiferschtigem Stolz ihre +germanische Abkunft, als wrde solcher Adel des Blutes eine hnlichkeit +mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen +unzweifelhaft germanische Vlker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst +die Ubier, die doch fr ihre Verdienste das Recht der rmischen Kolonien +erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hren, +schmen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten +herbergekommen und wurden dann zum Lohn bewhrter Treue gerade am +Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwchter, nicht als Bewachte. + + + + + _29_ + + +An Tapferkeit berragen die Bataver alle diese Stmme. Sie bewohnen nur +einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und +waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der +Heimat lste und in diese Gegenden hinberzog; dort sollten sie dem +Rmerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter +Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwrdigt sie, kein +Steuerpchter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst +im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen fr den Kampf +aufgespart. In gleicher Abhngigkeit steht auch das Volk der Mattiaker; +hat doch das mchtige Rmertum ber den Rhein und ber die alten Grenzen +hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in +eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hlt sie bei +uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur da ihnen noch der Boden und Himmel +der Heimat helleren Mut weckt. + +Nicht unter die germanischen Vlker mchte ich, wiewohl sie jenseits von +Rhein und Donau ansssig sind, jene zhlen, die das Zehntland bebauen: +gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stck von dem Boden +ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind +Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des +Reichs und einen Teil der Provinz. + + + + + _30_ + + +Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald, +nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen +Flachland; immer wieder erheben sich Hgel und werden nur mhlich +sprlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie +dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau, +trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Fr Germanen zeigen sie +viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Fhrer zu whlen, auf das +Wort der Obern zu hren, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu +ersphen, mit dem Angriff zurckzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich +fr die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glck, +sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und +nur einer strengen Zucht eigen ist: die Fhrung gilt ihnen mehr als die +Truppe. Ihre ganze Strke liegt im Fuvolk, dem sie auer den Waffen auch +Schanzzeug und Vorrte mitgeben. Andere Vlker ziehen in die Schlacht, die +Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzgen und +planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr fr Reiterkrfte, rasch +einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht +gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute. + + + + + _31_ + + +Was sich auch bei anderen germanischen Vlkern als Ausdruck vereinzelten +Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald +sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen +sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind gettet haben; das ist +ihr Gelbde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen +Beute enthllen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis fr +ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Vter verdient zu haben. +Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter +Held trgt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein +Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und lst sie sich erst, wenn er einen +Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug +und sind darin grau geworden, berhmt und Feinden wie Freunden bekannt. +Diese sinds, die jeden Kampf erffnen; sie bilden die erste Reihe, ein +berwltigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht +milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine +Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem +Gut, unbekmmert um eigenes, bis dann schlielich das blutlose Alter zu so +harter Tugend unfhig macht. + + + + + _32_ + + +Den Chatten zunchst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen +Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die +Tenkterer zeichnen sich auer durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre +trefflich gebte Reiterei aus; und dem Fuvolk der Chatten gebhrt kein +greres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vtern +her, und die Nachfahren bleiben nicht zurck. Reiten ist das Spiel der +Kinder, Mnner ben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben +Gesinde und Gehft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde +vererbt: doch erhlt sie nicht, wie das brige Gut, der lteste Sohn, +sondern der streitbarste, der bessere Kmpe. + + + + + _33_ + + +Neben den Tenkterern traf man frher die Brukterer. Jetzt sollen da +Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch +einen Zusammenschlu der Nachbarvlker geschlagen und ganz vernichtet, sei +es aus Ha gegen ihre berhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil +uns etwa die Gtter gndig waren; denn sie gnnten uns sogar, dem +Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: ber sechzigtausend sind nicht der +Rmer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude +und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen +Vlkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Ha +gegeneinander; denn nichts Greres kann uns in des Reiches drngendem +Verhngnis das Schicksal gewhren als unserer Feinde Zwietracht. + + + + + _34_ + + +An die Angrivarier und Chamaver schlieen sich im Rcken Dulgubiner und +Chasuarier an und andere nicht sonderlich hufig genannte Vlker. Vorne +nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heien Gro- und Kleinfriesen nach +dem Ma ihrer Krfte. Beide Stmme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch +wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon rmische Flotten +drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die +Sage verbreitet, da da noch Sulen des Herkules stehen: sei es, da +Herkules wirklich hinkam oder da wir alles Groartige, wo sichs auch +finde, auf seinen Ruhm zurckzufhren gewohnt sind. An Khnheit hat es dem +Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer lie sich, lie die +Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es +schien frmmer und ehrfrchtiger, an die Taten der Gtter zu glauben, als +um sie zu wissen. + + + + + _35_ + + +So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in +ungeheurem Bogen zurck. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der +Chauken; obwohl es schon nchst den Friesen beginnt und noch einen Teil +der Kste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier +beschriebenen Stmme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten. +Und diese gewaltige Lndermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem +Besitz, sondern sie fllen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen +in hchstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf +Gerechtigkeit zu sttzen. Ohne Habgier, ohne unbndige Herrschsucht leben +sie ruhig fr sich und reizen keinen zum Kriege, verwsten sie, rauben und +plndern keinem sein Gut. Es ist das hchste Zeugnis fr ihre Tapferkeit +und Strke, da sie ihre berlegene Macht keinem bergriff danken. Doch +haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein +Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt +ihnen ihr Ruf. + + + + + _36_ + + +Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten +einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen +mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbndigen, +mchtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der +berlegene friedlich und redlich nennen. So heien die Cherusker, einst +als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den +siegreichen Chatten wurde ihr Glck als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom +Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glck die +Geringeren, sind sie nun rechte Gefhrten des Migeschicks. + + + + + _37_ + + +In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nchst dem Nordmeer, +sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. +Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wlle und +Lagerrume, deren Umfang noch heute fr die Menge des Heeres und Volks und +fr die so mchtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre +stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdrhnten; +unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zhlt man von da +bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa +zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf +dieser langen Zeit hben und drben vielfach Verluste! Nicht der Samnite, +nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht +haben fter zu schaffen gegeben: rger denn eines Arsaces Tyrannei droht +der Germanen Freiheit. Was knnte uns sonst der Osten vorhalten als den +erschlagenen Crassus, fr den er doch selbst, von einem Ventidius +niedergeworfen, den Pacorus hingeben mute! Germanen aber haben den Carbo +und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus +Mallius geschlagen oder gefangen, also fnf konsularische Heere dem +rmischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar +geraubt; und nicht ohne Einbuen hat sie C. Marius in Italien, der +erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen +Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rstungen des C. Caesar +lcherlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis da sie, die Gelegenheit +unseres Zwistes und Brgerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der +Legionen strmten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder +abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat ber sie mehr triumphiert als +gesiegt. + + + + + _38_ + + +Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und +Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den greren Teil +Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Vlkerschaften mit +eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heien. + +Ein Stammeszeichen bildet das seitwrts gekmmte, in einen Knoten +geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den brigen +Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt +auch bei anderen Stmmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft +mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist +jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschrnkt. Bei den Sueben aber +streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurck und +binden es, oft gerade ber dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch +kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; +denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher +Sorgfalt schmcken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um grer und +schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde. + + + + + _39_ + + +Fr die ltesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen +aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Bruche gesttzt. Zu +bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vtertagen und +Schauer der Vorzeit weihten, alle Vlker vom gleichen Blut durch +Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft +erffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere +Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, +gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Fllt +einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen, +sondern mu sich auf der Erde hinauswlzen. Das ganze Treiben deutet +darauf, da dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, +und alles andere untergeordnet und abhngig. Bestrkt wird diese Meinung +durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei +solcher Gre ihrer Krperschaft halten sie sich fr das Haupt der +suebischen Vlker. + + + + + _40_ + + +Dafr ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mchtigen +Vlkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwrfigkeit, +sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, +Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flsse oder +Wlder geschtzt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam +verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie, +mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk +gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin +steht ein geweihter Wagen, mit einer Hlle bedeckt, und nur der Priester +darf ihn berhren. Er merkt die Gegenwart der Gttin im Heiligtum und +geleitet ehrfrchtig ihren mit Khen bespannten Wagen. Dann sind die Tage +froh und festlich die Sttten, wo die Gttin einzuziehen und gastlich zu +weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen; +verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und +Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann +wieder die Gttin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersttigt, in +ihren heiligen Bezirk zurckbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhllung +und - wenn man es glauben darf - die Gttin selbst in einem unzugnglichen +See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der nmliche See +verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was +nur Todgeweihte erschauen. + + + + + _41_ + + +Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Lnder +Germaniens hin. Nher - um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau +zu folgen - haust das Volk der Hermunduren, den Rmern ergeben. Darum ist +ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze, +sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glnzendsten Kolonie +der rtischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht +herber, und whrend wir den brigen Stmmen nur unsere Waffen und +Lagerpltze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Huser und +Landsitze geffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst +ein vielgerhmter, bekannter Strom; jetzt hrt man nur eben von ihm. + + + + + _42_ + + +Nchst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen +und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr +Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch +schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist +gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und +Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Knige vom heimischen Stamm +behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fgen sie sich +auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Knigen vom rmischen +Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, fter durch Geld +untersttzt; es tut ihnen nicht Eintrag. + + + + + _43_ + + +Noch weiter ab von uns schlieen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier +im Rcken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und +Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch +ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, da sie keine +Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil +davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen - als einem Fremdvolk - die +Quaden auferlegt: dabei frdern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, +noch obendrein Eisen! Alle diese Vlker aber halten wenig Flachland +besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Hhenzge. Denn mitten durch Suebien +zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der +anderen Seite wohnen sehr viele Vlker, von denen namentlich die Lygier, +mehrere Stmme umfassend, weithin verbreitet sind. Es gengt, die +bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und +Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. +Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Gtter, die sie +nennen, sind nach rmischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung +der Gottheit; ihr Name ist "Alken". Es gibt von ihnen kein Bild, keine +Spur fhrt zu fremden Bruchen; aber als Brder werden sie und als +Jnglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor +aufgezhlten Vlkern ohnehin berlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon +wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Knste nach. Sie schwrzen die +Schilde und berfrben sich den Krper; finstere Nchte whlen sie zum +Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines +Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhrten, +gleichsam hllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die +Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Knigen, und etwas +straffer als andere Germanenstmme, geleitet, doch nicht so, da ihre +Freiheit bedroht wre. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und +Lemovier. All dieser Vlker Merkmal ist, da sie runde Schilde und kurze +Schwerter haben und Knigen gehorchen. + + + + + _44_ + + +Folgen die Stmme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen +und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt, +derart, da jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit +ist. Auch bedienen sie keine Segel und fgen die Ruder nicht reihenweise +an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Flssen, und +setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk +steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen +den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf +Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen, +jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Wchter hlt sie verschlossen; +es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde +das Meer; und Waffen in migen Hnden fhren gar leicht zum Mibrauch. +Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen +als Waffenhter zu bestellen, wre dem Knig kein Vorteil. + + + + + _45_ + + +Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Da +es den Erdkreis abgrtet und schliet, darf man wohl glauben, weil sich +dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhlt, so hell, +da davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden +Sonne Klingen zu hren und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu +erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt. + +Nun denn - rechts schlgt das suebische Meer an die Kste der +stierstmme. Diese haben die Bruche und das Aussehen der Sueben, ihre +Sprache steht der britannischen nher. Sie verehren eine Gttermutter. Als +Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und +Schirm gegen alle Gefahr und behtet den Glubigen auch im Feindesgewhl. +Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Frchte +bauen sie sorgfltiger, als sonst germanische Lssigkeit zugibt. Aber sie +suchen auch im Meer und sind unter allen Vlkern die einzigen, die den +Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande +selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine +Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer +Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen +Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stcke, +bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich ber den gezahlten +Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil hufig kleine Landtiere, +auch geflgelte, durchschimmern, die sich in der flssigen Masse fangen +und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen +Lndern im Osten, wo die Bume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mgen +also wohl auch auf den Inseln und Ksten des Westens merkwrdig ergiebige +Haine und Wlder sein: ihre Sfte werden von den Strahlen der nahen Sonne +ausgepret und rinnen noch flssig den kurzen Weg hinab ins Meer; die +Gewalt der Strme treibt dann das Harz hinber ans andere Gestade. Prft +man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzndet er sich wie ein +Kienspan und nhrt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich +wieder zu einer Art Pech oder Harz. + +An die Suionen reihen sich die Stmme der Sitonen, sonst hnlich und nur +dadurch unterschieden, da ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen +nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet. + + + + + _46_ + + +Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stmme der Peuciner und der +Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, wei ich +nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen +in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen. +Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen trge; und +Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Migestalt gefhrt. Die +Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald- +und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen +sie in ruberischen Haufen. Doch zhlt man sie eher noch als Germanen, +weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle, +rstige Fugnger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die +auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich +wildes, abstoend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein +Heim; Kruter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre +Lagersttte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen +mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd mu gleicherweise Mnner wie Frauen +ernhren: diese ziehen berall mit und heischen ihren Teil von der Beute. +Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein +Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen +zurck, dort bergen sich die Alten. Aber glcklicher dnkt sie dieses Los, +als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und +fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekmmert um +Menschen, unbekmmert um Gtter haben sie das Schwerste erreicht, selbst +auf Wnsche verzichten zu knnen. + +Darber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und +Oxionen Menschenkpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und +Glieder von Tieren. Das ist unverbrgt, und ich will es nicht weiter +verfolgen. + + + + + + INHALT DER GERMANIA + + + + + Allgemeiner Teil (1-27) + + +_Das Land und seine Bewohner_ (1-5): Grenzen und Grenzstrme (1) - +Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) - Frhe Besuche aus +der Fremde? (3) - Krperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) - +Natur und Erzeugnisse des Landes (5). + +_Leben und Sitten der Germanen_ (6-27): Waffen, Kriegswesen (6) - Knige, +Frsten, Priester, Sippen, Frauen (7) - Frauen im Kampf, heilige Frauen +(8) - Gtter (9) - Lose, Vorzeichen (10) - Ratsversammlung (11) - +Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) - Wehrhaftmachung, +Gefolge (13) - Gefolge im Krieg (14) - Frsten und Gefolge im Frieden (15) +- Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) - Kleidung (17) - Ehe (18) - +Frauen und Kinder (19) - Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) - +Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) - Leben im Hause, Trinkgelage (22) - +Getrnke, Speisen, Trunksucht (23) - Waffentnze, Wrfelspiel (24) - +Sklaven (25) - Ackerbau (26) - Bestattung; bergang zum besonderen Teil +(27). + + + + + Besonderer Teil / Die einzelnen Vlkerschaften (28-46) + + +_Grenzvlker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, +Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine +Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) - Germanen, +die zu den Rmern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29). + +_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30-37): Chatten (30, 31) - +Usipier und Tenkterer (32) - Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) - +Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) - Chauken (35) - Cherusker (36) - +Kimbern, Kimbern- und sptere Germanenkriege (37). + +_Sueben_ (38-45): Ihre Haartracht (38) - Semnonen (39) - Langobarden und +Nerthusvlker (40) - Hermunduren (41) - Varisten, Markomannen und Quaden +(42) - Ost- und Nordostgermanen (43, 44) - Ende der Welt, stier, +Bernstein, Sitonen (45). + +_Mischvlker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht +mehr Germanen) und + +_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46). + + + + + + ANMERKUNGEN DES BERSETZERS + + +Was ist dieses Buch, gewhnlich "Germania" genannt, das die Insel-Bcherei +hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift fr +den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk. + +Eine Schilderung, und als solche das lteste Buch von den deutschen +Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es +so vieles wei und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon frh, +Griechen und Rmer ber die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam +im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der +Insel "Thule" (Island?) und an die Kste der Nordsee; die Nachrichten des +Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt +Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ltesten rmischen Quellen +sind sprlich auf uns gekommen. Erst Csars Kriege in Gallien und seine +Aufzeichnungen darber bringen grere Klarheit; deutlich sondern sie, zum +erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im +104. Buch seiner Rmischen Geschichte) finden konnte, ist lngst verloren; +verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus ber die Germanenkriege und +seine Fortsetzung durch den lteren Plinius. Erhalten aber des Plinius +_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die +Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit +sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_ +nachwirkt. + +Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, +Hndler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der +Wissenschaft unschtzbar geworden, zumal da es immer mehr durch +fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen besttigt wird. Aber auch +jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer +als Mensch, als Mann, als Knstler. Und die Gre seines Geistes und +seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen +haben als der bloe Inhalt. + +Dennoch dankt man es wohl einem Bedrfnis des Tages. Es war im Jahre 98 +nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen +Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie +wollte zeigen, wer diese gefhrlichsten Feinde Roms seien, und da der +Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und +an nichts anderes; da es insbesondere falsch sei, auer an den Schutz des +Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man +darf annehmen, da der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die +Schrift billigte. + +Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch +spricht viel fr diese Annahme des groen Mllenhoff. Tacitus schildert +nur - und schildert als Knstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede +Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des +Volkes, dann, vom Nchsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in +"romantische" Ferne verlierend, seine einzelnen Stmme und Landschaften, +bis er im Mrchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in +rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein +rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gert. Jeder Absatz ist durch +das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals +siegen nchterne Angaben ber den beziehungsreichen Bildner des Werkes, +ber den Meister. + +Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrmischen Sinn. Dabei +verbittert und ergrimmt ber seine feile, alle Freiheit erdrckende Zeit, +unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener +Sehnsucht erfllt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach +einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die +Germanen herauf: darum schildert er dieses khne, furchtbare und lichte +Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und ber kurz oder lang siegreiche +Feinde sind. Denn das rmische Reich, dem er angehrt, steht vor dem Ende. +Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben. + +So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von +seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der +rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er +Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in +Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola +verheiratet, hielt er sich whrend der Verfolgungen unter Domitian fern. +Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint +noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben. + +Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode +hervortretend, mit dem _Dialog_ ber die Redekunst und ihren Verfall. Es +folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch +im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine +Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die +_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten +beiden Werke sind nichts weniger als vollstndig erhalten. In ihnen erst +erschliet sich Tacitus ganz, "_le plus grand peintre de l'antiquit_", +wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen +gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist +noch lange nicht vorber. Freilich mu man, nach einer Anmerkung +Lichtenbergs, "sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen". + + * * * + +Die "Germania" wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie +lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von +Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, +und bringt die "Germania" und den "Dialog" 1455 nach Italien. (Die +Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster +gefunden worden.) Spter kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der +Schrift lautet einmal "_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_", +ein andermal "_De origine et situ Germanorum_". 1469 schon wird die +"Germania" gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus +und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob +Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Mllenhoff (_Germania antiqua_, +1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der +Bearbeitung von Schwyzer (1912). + +Diese unsere bersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht +von dem Knstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den +Gehalt seines Wesens fr Deutsche wieder lebendig zu machen. + +Sie lehnt sich fast berall an den Text von Schweizer-Sidler an; die +Deutung und namentlich die folgenden Erluterungen beruhen (von anderen +Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf +der ausfhrlichen Erklrung der Germania, die Mllenhoff im 4. Band seiner +Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen bersetzungen wurden +alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle +neuen und neu aufgelegten; von lteren namentlich die von Btticher und +Bacmeister. + +Den Herren Dr. Friedrich Lhr, Sekretr des Archologischen Instituts in +Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Mnchner Universitt, +schuldet der bersetzer fr freundliche Ratschlge besonderen Dank. + + + + + + ERLUTERUNGEN + + + + + _1_ + + +Die rmische Provinz _Rtien_ reicht nrdlich bis zur Donau (Ries!), +stlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht +genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in +Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbrgen. _Gebirge_ +die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? +_Abnoba_ Schwarzwald. + + + + + _2_ + + +Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig berzeugend. _Asien_, _Afrika_, +_Italien_ die rmischen Sdprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist +zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der +_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie +_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbnde? Die _Tungrer_ +(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch: +"Rufer im Streit" oder "Nachbarn"?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, +mit anderen "Germanen" ber dem Rhein. Die Vlker rechts des Rheins htten +sich dann wirklich so genannt (Mllenhoff). "Eine verzweifelte Stelle!" +(Grimm.) + + + + + _3_ + + +_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht gengend erklrt. _Ulixes_ +(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Mrs im Rheinland. +_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten. + + + + + _5_ + + +Tacitus selbst erwhnt in den spteren Annalen, da die Mattiaker (bei +Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber +waren auch die ltesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen +Orten, die Sage!). Die erwhnten rmischen Mnzen, Silberdenare, wurden +bis zum Jahre 54 v. Chr. geprgt; spter hat sich der Feingehalt +verschlechtert! + + + + + _6_ + + +Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, +nicht vom Schild gedeckte Seite des Krpers dem Feinde zuwenden wrde. +Wirklich zeigen Grberfunde den Sporn nur am linken Fu +(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu. + + + + + _7_ + + +_Knige_ und _Frsten_ haben gleiche Befugnis, Frst ist der Knig eines +kleineren Gebietes. Der Knig wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewhlt. +Knigtum und Frstenherrschaft gehen geradezu ineinander ber. Im Osten +sind Knige hufiger. Der Knig ist Heerfhrer. Nur bei der Vereinigung +mehrerer Heere wird ein Knig zum _dux_ gewhlt (Mllenhoff). + + + + + _8_ + + +_Die Brste entblend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehren. +_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Gttinnen_ wie +die rmischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten. + + + + + _9_ + + +_Mercurius_ (besonders als Totenfhrer): Wotan (_dies Mercurii_ = +_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_: +Donar. Diese drei Gtter nennt noch ein Taufgelbnis des 8. Jahrh. _Isis_: +vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte +Schiffe. + + + + + _10_ + + +_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch +Pferde auch bei Persern und Slaven. + + + + + _11_ + + +_Nchte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch +jetzt "Spiebrger". _Jeder_: Mllenhoff folgert aus dem grammatischen +Sinn, da nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer. +Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12). + + + + + _12_ + + +_Am Krper Geschndete_: widernatrliche Mnner, aber wohl auch "entehrte" +Frauen, fr die sich Todesstrafe noch lange erhlt. Dieses Versenken ist +eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel - Schandtat_: das +germanische Rechtsbewutsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, +ohne List, leichter hin. _Die Frsten bestimmt_ nmlich aus der Zahl der +vorhandenen Frsten. _Recht sprechen_ ist rmische, nicht germanische +Auffassung; nach dieser leitet der Frst (spter Gaugraf) nur die +Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_ +gibt das "Vollwort": sie "finden" das Recht, der entsendete Richter tut +nur den Spruch. + + + + + _15_ + + +_Brustschmuck_ (_phalerae_) hnlich den Orden (oder wie Medaillons?). +_Geld_: rmische Kaiser (Caligula, Domitian) schlieen um Geld mit den +Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe. + + + + + _16_ + + +_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhngigkeitssinn. Der Schlusatz +sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade +wortreich und gewhnlich. + + + + + _17_ + + +_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch +bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, +trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda +der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den +Fen. Ihre _Kleidung_ luft oben nicht in rmel aus wie in Rom. Die +germanischen Mnner wiederum hatten rmel, wenn auch kurze. Das +Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz +lt die Brust zum Teil sichtbar werden. + + + + + _18_ + + +_Umworben werden_ von den Familien der Mdchen. _Mitgift - Geschenke_: +Tacitus merkt nicht, da er vom Brautkauf erzhlt; _Mitgift_ ist der +Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen fr +den bergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt +Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen +altrmischen Ehe. + + + + + _19_ + + +_Schauspiel_ das rmische Theater mit seinem mehr als eindeutigen +Getriebe. + + + + + _20_ + + +Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die +Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich. + + + + + _22_ + + +_Erffnet es noch_: die Rmer halten sich selbst da zurck. berhaupt ist +in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel rmischer Sitten +(Passow). Die Rmer stehen frh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen +Tisch, drfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor +Abend trinken. + + + + + _23_ + + +_Getrnk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau +dulden keinen Wein, weil die Hndler als Gegenwert Sklaven fortschleppen. + + + + + _25_ + + +Tacitus denkt hier nur an die "Hintersassen"; es gibt aber auch +Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der +Freigelassenen in Rom. + + + + + _26_ + + +_Besser verhtet_: Mllenhoff und Baumstark knnen diesen Satz nur durch +Flchtigkeit erklren. Die folgende Schilderung der Anbauverhltnisse, von +allen Seiten her erlutert, ist nach Mllenhoff bersetzt. _Nicht in vier +Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zhlen sie auch, also nach +halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die +Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles +Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes. + + + + + _27_ + + +bergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift. + + + + + _28_ + + +_Caesar_ wird als einziger Gewhrsmann ausdrcklich genannt. Diese seine +Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als +unrichtig erkannt. Die Kelten, die frher auch rechts vom Rhein saen, +wurden vielmehr von den Germanen berall zurckgedrngt. _Herzynischer +Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe +Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Bhmen +(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweienburg, _Osen_ in Oberungarn; diese +beiden pannonische Stmme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdrcklich +bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ knnen nur auf den Wohnsitz +gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an +der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um +Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; +ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa, +Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die +Stifterin der Kolonie (Kln!). + + + + + _29_ + + +_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her +wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) +bleibt das Freundschaftsverhltnis zu den Rmern. _Mattiaker_ um +Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _ber die alten Grenzen_ +endgltig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian +begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder +Kehlheim ber Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km +lang. Man hat schon tausend Wachttrme und hundert Kastelle (darunter die +Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine frmliche Mauer. _Zehntland_ +(_agri decumates_, nur hier erwhnt) rmisches Staatspachtland am +mittleren Neckar. + + + + + _30_ + + +_Weiter hinaus_ ber das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind, +auer den Friesen, nach Grimm "der einzige deutsche Volksschlag, der mit +behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie +in der Geschichte zuerst erwhnt werden". Ihnen widerfhrt hier unter +allen Stmmen das grte Lob. + + + + + _32_ + + +_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom +Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe. + + + + + _33_ + + +_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); spter +zurckgedrngt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind bertrieben. +Alle diese Stmme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk spter die +_Chamaver_ werden, damals nrdlich der Lippe bis zum Zuydersee. +_Angrivarier_, an der Weser, spter als Angern ein Hauptstamm der +Altsachsen. + + + + + _34_ + + +_Im Rcken - vorn_: die Vlker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in +der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen +Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_ +besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; +so entstehen frmliche Inseln. _Rmische Flotten_: Drusus Germanicus (12 +v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, +nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Sulen des +Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der +rmische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus +jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.). + + + + + _35_ + + +Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel +(Schleswig-Jtland) von der Elbemndung an stark ostwrts geneigt. +_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Mllenhoff sind es +vielleicht berhaupt nur andere Friesen, "Chauken" ein Ehrenname. Im Bogen +htten sie die Chatten an der Weser treffen mssen, eine wahrscheinlich +unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges +Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des +Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel. + + + + + _36_ + + +_Zur Seite_ stlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, frher noch +weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren +Kampf gegen die Rmer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. +Arminius, der "Befreier Germaniens", besiegt auch Marbod, den Knig der +Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurckgedrngt, innere +Zwistigkeiten, Kmpfe mit den Chatten wten, vom Frieden des Tacitus ist +keine Rede. Ebenso scheint die Demtigung der Cherusker bertrieben. Nur +ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die spteren Sachsen? +_Fosen_ in der Wesergegend. + + + + + _37_ + + +_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem +groen Zuge stoen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 +der catonianischen ra] nach der Grndung der Stadt - Tacitus hlt sich an +die runde Zahl -) auf die Rmer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul +L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio +und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius +Scaurus, gleichfalls geschlagen und gettet, hatte kein eigenes Heer, und +Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist +98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis fr die Abfassung der "Germania" +im gleichen Jahre. _Arsaces_ begrndet im 3. Jahrh. v. Chr. das groe +Partherreich, lange neben Rom die einzige stliche Gromacht; Crassus wird +53 v. Chr. von den Parthern gettet, Ventidius, ein Emporkmmling, rcht +die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 +v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus ttet. _Selbst dem Caesar_: +Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Rstungen des C. Caesar_: Caligula; er +lt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 +n. Chr.); spter feiert auch Domitian einen hchst sonderbaren Triumph. In +den Brgerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der +Nordwestgermanen. + + + + + _38_ + + +_Nunmehr_ erffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, +auch die nichtgermanischen Stmme zu den Sueben. Aber schon die +Nerthusvlker gehren nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und +Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit "Schwaben". _Stammeszeichen_: der +Knoten, ohne Band, an der rechten Schlfe ber dem Ohr ist durch Bilder +bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wren nach Baumstark im letzten +Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die +Mnner, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn ber dem +Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den "Vornehmen". + + + + + _39_ + + +Mllenhoff hlt den Namen _Semnonen_ fr hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im +Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der +Germanen. Der besonders groartige Kultus ist denn auch der des +Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = +Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, +ein Zusammenschlu!) an den rtischen Limes und erobern von da ab das +jetzt noch alemannisch-schwbische Gebiet. Der Vers _auguriis - sacram_ im +Deutschen durch "Zeichen - weihten" wiedergegeben. Vgl. die allgemeine +Einleitung! + + + + + _40_ + + +_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. ber Sdmhren ins Alfld +(ihr "Feld") und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben +Nerthusvlker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht +auch Mecklenburg; die Angeln gehen spter nach England. Nicht genannt sind +die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche +Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet, +weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und +Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Rgen, ebenso der See nicht der +Herthasee, dessen Sage eine spte gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es +glauben darf_: also kein Gtterbild (Kap. 9). + + + + + _41_ + + +_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im +wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Sdnordrichtung +des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_ +zwischen Harz und Erzgebirge, sdwrts bis zum Main, vielleicht sogar zur +Donau. Die gute Ausnahme bei den Rmern deutet nicht gerade auf +unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches drfen den Strom nur +an bestimmten Stellen unter Aufsicht berschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta +Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder +Eger oder thringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren rmische +Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe +nur noch vom Hrensagen. + + + + + _42_ + + +_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der groen "Mark" zwischen +Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein +suebisches Volk. Marbod fhrt sie nach Bhmen, wo schon vorher, vielleicht +mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begrndet +ein mchtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den +Cheruskern zerstrt es, und Marbod flchtet zu den Rmern. Spter, unter +Marc Aurel, der Jahre whrende groe Markomannenkrieg der Rmer (Vorspiel +der Vlkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Bhmen slavisch, die Markomannen +sind nach Bayern gerckt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, +geblieben (Bayern und Deutschsterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit +den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mhren und +Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen +nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein +Quadenknig. + + + + + _43_ + + +_Noch weiter ab_: nrdlich und stlich der Markomannen und Quaden, um das +schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist, +verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien. +_Gebirge_ der stliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das +Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die +Sdgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der +alle hier genannten Stmme und wohl auch die nicht genannten Burgunder +umfat. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, +Mllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Bhmens bis zur Weichsel, +heien spter Vandalen, eine Nebenform von "Vandilier". Ihre Wanderung +fhrt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der +Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem +Namen des Knigsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet, +"Mnner mit Frauenhaar"; das Knigsgeschlecht aber nennt sich nach dem +Brderpaar "Kastor und Pollux", einer alten indogermanischen +Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: "Alken" und "Hasdingi" soll +zusammenhngen. Das Totenheer und die straffere Knigsherrschaft leitet +die Steigerung ein, die allmhlich in das Reich des Mrchens hinberfhrt. +_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der +Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; spter in Sdruland, wo sich in +der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist +bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel +und Oder, die Rugier spter an der sterreichischen Donau. + + + + + _44_ + + +In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte +Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. +Schiffe, hnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als +Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier fhrt zur Entartung, und +Entartete lassen sich einen unumschrnkten Herrscher gefallen. Aber der +schwedische Knig, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafr +Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschrnkte Macht. +Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. +40). Vielleicht haben Sdgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das +Miverstndnis verschuldet. Steigerung gegenber der Knigsmacht der +Goten! + + + + + _45_ + + +_Jenseits_ nrdlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine +{~GREEK SMALL LETTER THETA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} {~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER EPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}{~GREEK SMALL LETTER GAMMA~}{~GREEK SMALL LETTER UPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH PERISPOMENI~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom +Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der +Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, da man ihre Rosse +und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende +Sonne erklingt nach altem Glauben. "Tnend wird fr Geistesohren schon der +neue Tag geboren ... welch Getse bringt das Licht!" (Faust). _Nun denn_: +der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend ber. Die _rechte_ Kste +ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _stier_ sind die Litauer; +erst spter geht der Name auf die finnischen Esthen ber. Das Folgende +zeigt gerade, da die stier keine Germanen sind; die hnlichkeit mit der +britannischen Sprache wohl nur zufllig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck, +wird ber die "Bernsteinwege" zu Land und zur See nach Sdeuropa gebracht. +Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, da von den +Enden der Welt kostbare Schtze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das +Glnzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ stlich von den +Suionen sind Finnen (Kvnen; Anklang an gotisches _qns_, Weib, _queen_): +daher der Bericht ber die Frauenherrschaft. Hhepunkt der Steigerung: +Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschrnkter regiert, immer mrchenhafter +bis zur Frauenherrschaft. + + + + + _46_ + + +_Peuciner_ ein anderer Name fr die Bastarner, das stlichste Germanenvolk +(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumndung), auch das zuerst, +schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_ +Wenden, das germanische Wort fr Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung +bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen +"Hirschartige", die _Oxioner_ "Ochsenartige" sein, vielleicht nach den +Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel. + + + + + [Illustration: Karte zu Tacitus' Germania] + + + + + Druck der Spamerschen + Buchdruckerei, Leipzig + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Wrter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Wrter. + +Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht. + +Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers: + + Seite 45: "Gttinen" gendert in "Gttinnen" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + CREDITS + + +April 29, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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You may copy it, give it away or re-use + it under the terms of the Project Gutenberg License <a href= + "#pglicense" class="tei tei-ref">included with this eBook</a> or + online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a></p> + </div> + <pre class="pre tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> +Title: Die Germania + +Author: Cornelius Tacitus + +Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** +</pre> + </div> + </div> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"></div> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/cover.jpg" alt="Illustration: Einband" /></div> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-titlePage" style="text-align: center"> + <div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name= + "Pg001" id="Pg001" class="tei tei-anchor" style= + "text-align: center"></a> <span class="tei tei-docTitle" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-titlePart" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 173%">Die + Germania</span></span></span><br /> + <br /> + <span class="tei tei-titlePart" style= + "text-align: center"><span class="tei tei-hi" style= + "text-align: center"><span style= + "font-size: 120%">des</span></span><br /> + <br /> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 144%">Cornelius Tacitus</span></span></span></span><br /> + <br /> + <br /> + <span class="tei tei-titlePart" style="text-align: center">Mit einer + Karte</span><br /> + <br /> + <br /> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/signet.png" alt="Illustration: Verlagssignet" /></div><br /> + <br /> + + <div class="tei tei-byline" style="text-align: center"> + Übersetzung von Paul Stefan + </div><br /> + <br /> + <span class="tei tei-docImprint" style="text-align: center">Im + <span class="tei tei-publisher" style= + "text-align: center">Insel-Verlag</span> zu <span class= + "tei tei-pubPlace" style="text-align: center">Leipzig</span></span> + + <div class="tei tei-pb" style="text-align: center"></div><a name= + "Pg002" id="Pg002" class="tei tei-anchor" style= + "text-align: center"></a> + </div> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-body" style= + "margin-bottom: 6.00em; margin-top: 6.00em"> + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page3">[pg 3]</span><a name="Pg003" id= + "Pg003" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf1" id="pdf1"></a> + + <div id="cap01" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf2" id="pdf2"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm01" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 1</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ganz Germanien + scheiden die Ströme Rhein und Donau vom gallischen und + rätisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden + Gebirge oder das Mißtrauen hüben und drüben die Grenze. Das übrige + umfließt in weiten Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln + umfangend; dort sind einige Völkerschaften und Herrscher neulich + bekannt geworden, die ein Kriegszug erschloß. Der Rhein entspringt + einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen Alpen, wendet sich in + mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins nördliche Meer. Die + Donau strömt in dem sanft und gemächlich ansteigenden Gebirgszug + Abnoba hervor und kommt an mancherlei Völker heran, bis sie ins + Pontische Meer in sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter + Auslauf verliert sich in Sümpfen.</p> + </div> + + <div id="cap02" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf3" id="pdf3"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm02" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 2</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Volk der + Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar nicht + berührt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Stämmen. Denn nicht + zu Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die + Wanderer, die einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche + Meer dort droben, in eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen + Fahrzeuge aus unserem Erdkreis kaum. Und wer hätte denn auch, + ungerechnet die Gefahr auf dem schauerlichen, unbekannten Meere, + Asien, Afrika oder Italien verlassen und nach Germanien ziehen + mögen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, wüst zu + bewohnen und anzuschauen für alle, die da nicht heimisch sind?</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie feiern in + alten Liedern, den einzigen Denkmälern ihrer Überlieferung und + Geschichte, einen erdgeborenen Gott <span class="tei tei-pb" id= + "page4">[pg 4]</span><a name="Pg004" id="Pg004" class= + "tei tei-anchor"></a>Tuisto und seinen Sohn Mannus, den Urvater und + Begründer ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach denen + die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im Innern Herminonen, + die übrigen Istävonen genannt würden. Andere behaupten (spielt doch + hier fernste Sage und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also + auch mehr Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, + Vandilier, und das seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei + ziemlich neu und erst vor einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die + den Rhein überschritten und die Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, + seien damals Germanen genannt worden, und allmählich habe sich der + Name eines einzelnen Stammes und nicht eines Volkes behauptet. So + nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung zuliebe, der + großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und daß die ihn dann + angenommen und sich wirklich Germanen genannt hätten.</p> + </div> + + <div id="cap03" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf4" id="pdf4"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm03" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 3</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es heißt auch, + daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm als dem + ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art + Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, <span class= + "tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">barditus</span></span> genannt, sie befeuert, + ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang ahnen + läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es + durch die Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht so sehr der Hall + ihrer Stimmen als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein + jäh abbrechendes Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den + Mund halten, daß die Stimme rückprallend noch voller und tiefer + schwelle.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch auch + Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen <span class= + "tei tei-pb" id="page5">[pg 5]</span><a name="Pg005" id="Pg005" + class="tei tei-anchor"></a>sagenreichen Irrfahrt, in jenes Nordmeer + verschlagen, germanische Länder betreten; Asciburgium, am Ufer des + Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von ihm gegründet und + benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet, auch den + Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben + Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmäler mit + griechischer Schrift gäbe es in der germanisch-rätischen Grenzmark + noch heute. Dies alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe + ich nicht im Sinn: man schenke oder versage dem Glauben, wie es + jedem beliebt.</p> + </div> + + <div id="cap04" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf5" id="pdf5"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">4</span></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Selber schließe + ich mich denen an, die Germaniens Stämme, rein und vor jeglicher + Mischung mit Fremden bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, + keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet + der großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue + trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und + ungestümem Drängen taugend; mühsamer Arbeit sind sie nicht in + gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze können sie gar nicht + vertragen, Kälte aber und Hunger sind sie in ihren Breiten, auf + ihrem Boden gewohnt.</p> + </div> + + <div id="cap05" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf6" id="pdf6"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm05" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 5</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Das Land sieht + wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben starrt + schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche Sümpfe. Es ist feuchter + gegen Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut + trägt es, Fruchtbäume gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist + unansehnlich. Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen + und ihren Schmuck an der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, + <span class="tei tei-pb" id="page6">[pg 6]</span><a name="Pg006" + id="Pg006" class="tei tei-anchor"></a>nur sie bildet das einzige + und ein sehr geschätztes Vermögen. Silber und Gold haben die Götter + ihnen nicht vergönnt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte + ich nicht behaupten, daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes + berge; wer hätte danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, + macht ihnen jedesfalls nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes + Gerät sehen (wie es ihre Gesandten und Fürsten als Geschenk + erhalten), das sie nicht höher achten als irdenes. Nur die + Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und Silber zu schätzen, + erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als echt an und geben + ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen alten + Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte + gern, die Münzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. + Auch halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus + besonderer Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von + Silbermünzen besser dient, wenn sie allerhand wohlfeile Ware + erhandeln.</p> + </div> + + <div id="cap06" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf7" id="pdf7"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm06" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 6</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Selbst Eisen + haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff zeigen. + Wenige führen Schwerter oder längere Spieße; meist brauchen sie + Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, + aber so scharf und so handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach + Bedürfnis, im Nah- wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter + begnügt sich mit Schild und Frame, das Fußvolk schleudert auch + Geschosse, jeder gleich mehrere, und wirft, nackt oder nur im + leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung prunkt nicht; nur + die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den buntesten Farben. + Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur einer und der + andere. Die Pferde sind nicht durch Schön<span class="tei tei-pb" + id="page7">[pg 7]</span><a name="Pg007" id="Pg007" class= + "tei tei-anchor"></a>heit, nicht durch Geschwindigkeit + ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu vielerlei + Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt nur + einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand + zurückbleibt. Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk; darum + streitet auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fußvolk, + aus der gesamten Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam + anpaßt, vor der übrigen Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es + sind ihrer hundert aus jedem Gau, und Hunderter heißen sie bei den + Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist nun Name und Ehrenname + geworden.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Hauptmacht + wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn man nur + wieder vordringt, eher für klug und nicht als Feigheit. Ihre + Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. + Den Schild im Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart + Ehrloser darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, + der im Kriege davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge + beendet.</p> + </div> + + <div id="cap07" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf8" id="pdf8"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm07" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 7</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Könige wählt man + nach ihrem Adel, Führer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch der Könige + Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkür, und die Führer + wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie + überall zur Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne + kämpfen und zur Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen nicht + erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja + selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur Priester, gleichsam als + geschähe es nicht zur Strafe noch <span class="tei tei-pb" id= + "page8">[pg 8]</span><a name="Pg008" id="Pg008" class= + "tei tei-anchor"></a>auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen + auf Geheiß der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den + Streitenden waltet. So nehmen sie auch Bilder und gewisse + Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein besonders + wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht ein Ungefähr, + nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen + läßt, sondern daß Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind + auch für jeden seine Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille + Geschrei der Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die + heiligsten Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin + kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht zurück, zählen + und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern Speise und + Zuspruch.</p> + </div> + + <div id="cap08" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf9" id="pdf9"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm08" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 8</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es ist uns + überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon wankende und + weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, die Brüste + entblößend und auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder + hergestellt haben. Denn ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen + ganz unerträglich, und das geht so weit, daß Völkerschaften, die + unter ihren Geiseln auch adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer + gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges, + Seherisches zu und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht + ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten + Vespasianus Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt. + Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, + doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie Göttinnen aus + ihnen.</p> + </div> + + <div id="cap09" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page9">[pg 9]</span><a name="Pg009" + id="Pg009" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf10" id= + "pdf10"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm09" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 9</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unter den + Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius; sie glauben, ihm an + bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu dürfen. Mars und + Herkules versöhnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der + Sueben dient auch der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden + Anbetung kann ich nicht recht erklären; nur zeigt gerade das + Sinnbild, einem Liburnerschiff gleichend, daß sie über die See + eingedrungen ist. Übrigens widerstrebt es ihrer Anschauung von der + Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu sperren und mit + menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen Wälder und Haine + und rufen mit Götternamen jene geheime Macht an, die sie nur in + entrückter Andacht schauen.</p> + </div> + + <div id="cap10" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf11" id="pdf11"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm10" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 10</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Auf Vorzeichen + und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das Verfahren + beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden + Fruchtbaum zu Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und + streuen sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt, + wenn in gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in + Sachen einzelner, das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Göttern + gegen Himmel aufblickend, nacheinander drei Stäbchen auf und deutet + sie gemäß dem zuvor eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, + so wird in derselben Sache am gleichen Tage nicht mehr befragt, + wenn aber günstig, noch die Bestätigung durch Vorzeichen gefordert. + Und zwar ist auch hier geläufig, Vogelstimmen und Vogelflug zu + erkunden: eigentümlich aber ist diesem Volke, auch auf die Ahnungen + und Warnungen von Pferden zu achten. In den gleichen Hainen und + Wäldern, <span class="tei tei-pb" id="page10">[pg + 10]</span><a name="Pg010" id="Pg010" class= + "tei tei-anchor"></a>deren ich schon gedachte, werden auf Kosten + der Gemeinschaft weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit + berührt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der + Priester mit dem König oder Fürsten geht nebenher und merkt auf ihr + Wiehern und Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet größeren + Glauben, nicht nur im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen + und Priestern. Diese halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, + die Rosse aber für ihre Vertrauten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dann gibt es + noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den Ausgang + schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen + sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem + auserlesenen Kämpfer des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen + heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als + Vorbedeutung.</p> + </div> + + <div id="cap11" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf12" id="pdf12"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm11" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 11</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Über geringere + Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere die Gesamtheit, jedoch + so, daß auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fürsten + vorbesprochen wird. Sie kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall + eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum + Vollmond; denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für + den Beginn eines Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie wir die + Tage, sondern die Nächte. Darnach wird anberaumt und zugesagt: die + Nacht führt gleichsam den Tag herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat + das Mißliche, daß sie nicht gleichzeitig und nicht nach dem Geheiß + beisammen sind, sondern daß oft ein zweiter, ein dritter Tag mit + dem Warten auf Säumige hingeht. So wie es der Schar genehm ist, + setzen <span class="tei tei-pb" id="page11">[pg 11]</span><a name= + "Pg011" id="Pg011" class="tei tei-anchor"></a>sich alle, in Waffen. + Die Priester, die hier auch das Recht zu ahnden haben, gebieten + Schweigen. Darauf findet der König oder Fürst Gehör, jeder nach + seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und Redevermögen, mehr nach dem + Gewicht seines Rates als nach der Macht zu befehlen. Mißfällt der + Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt er, so schlagen + sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen des + Beifalls ist Lob mit den Waffen.</p> + </div> + + <div id="cap12" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf13" id="pdf13"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm12" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 12</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vor dieser + Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht + begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. + Verräter und Überläufer hängen sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge + und am Körper Geschändete versenken sie in Schlamm und Morast und + werfen Flechtwerk darüber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet + darauf, daß man Frevel durch die Strafe gleichsam kundtun, + Schandtaten verbergen müsse. Aber auch für leichtere Vergehungen + gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen werden um eine Anzahl + von Pferden und Vieh gebüßt. Ein Teil der Buße wird dem König oder + Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhält, oder seinen + Verwandten geleistet.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In den gleichen + Versammlungen werden auch die Fürsten bestimmt, die in Gauen und + Dörfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Männer aus dem + Volke als Rat und Beistand zur Seite.</p> + </div> + + <div id="cap13" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf14" id="pdf14"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">13</span></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nie aber, ob sie + nun Geschäfte des Gemeinwesens oder eigene besorgen, erscheinen sie + anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen, ehe ihn + nicht die Gemeinde <span class="tei tei-pb" id="page12">[pg + 12]</span><a name="Pg012" id="Pg012" class="tei tei-anchor"></a>für + wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich in der Versammlung + entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter den Jüngling + mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen Mannes + erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr + der Gemeinschaft.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Vornehme Abkunft + oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fürstengunst auch noch + nicht Mannbaren. Solche schließen sich dann den übrigen, Älteren, + längst schon Bewährten an. Und es ist für niemand beschämend, in + einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine + Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der + Wetteifer der Mannen um den ersten Platz zunächst dem Fürsten, wie + auch der Fürsten um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das + bringt Würde, bringt Macht: immerzu von einer großen Schar + erlesener Jugend umgeben zu sein; im Frieden eine Zier, im Kriege + Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem Stamm, sondern auch in + den Nachbargauen wird bekannt und berühmt, wer sich durch Zahl und + Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er erhält + Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen.</p> + </div> + + <div id="cap14" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf15" id="pdf15"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">14</span></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Kommt es zum + Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten, sich an Tapferkeit + übertreffen zu lassen, ein Schimpf fürs Gefolge, es der Tapferkeit + des Führers nicht gleichzutun. Höchste Schmach und Schande vollends + ist es für das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld zu + weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene + Heldentat seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eides<span class= + "tei tei-pb" id="page13">[pg 13]</span><a name="Pg013" id="Pg013" + class="tei tei-anchor"></a>pflicht. Fürsten kämpfen für den Sieg, + das Gefolg für den Fürsten.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn ihre Heimat + in langem, müßigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige Jünglinge + oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg + führen. Denn ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der + Gefahr finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes + Gefolge nur durch Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die + Mannen von der Milde des Fürsten das Streitroß und die blutige, + siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja die Speisung und grobe, aber + reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: solcher Freigebigkeit + schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu pflügen und die + Jahreszeit abzuwarten, würde sie keiner so leicht überreden; viel + eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es dünkt + ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut + zu gewinnen wäre.</p> + </div> + + <div id="cap15" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf16" id="pdf16"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm15" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 15</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Wenn sie nicht + Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, häufiger + noch müßig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die + Tapfersten und Kriegstüchtigsten tun gar nichts und überlassen die + Sorge um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht + den Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und + träge zu. Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz die gleichen + Menschen so sehr das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen!</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es ist Sitte, + daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder für sich, den Fürsten + Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch + auch dem Bedarf zustatten <span class="tei tei-pb" id="page14">[pg + 14]</span><a name="Pg014" id="Pg014" class= + "tei tei-anchor"></a>kommt. Besonders freuen sie sich mit + Geschenken benachbarter Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, + sondern auch im Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen + Pferden, prächtigen Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben + wir sie auch Geld zu nehmen gelehrt.</p> + </div> + + <div id="cap16" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf17" id="pdf17"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm16" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 16</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Daß die + germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen, ist genugsam bekannt, + auch daß sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie bauen + ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein + Gehölz gefällt. Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer + Art mit verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder für sich + umgibt sein Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen + Feuersgefahr, vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. + Selbst Bruchsteine und Ziegel sind ihnen unbekannt; überall + verwenden sie ungefüges Holz, unbekümmert um Gefallen und Ansehn. + Doch überstreichen sie einzelne Stellen recht sorgfältig mit einer + Erdart von so reinem Glanz, daß es wie Bemalung und farbige + Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Höhlen und legen + eine dichte Dungschicht darüber hin: als Zuflucht für den Winter + und als Vorratsspeicher. Denn solche Räume mildern die strengen + Fröste; und fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, + was offen daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhält + er nicht Kunde, oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst + suchen müßte.</p> + </div> + + <div id="cap17" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf18" id="pdf18"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm17" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 17</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Überwurf + tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie + mangelt, von einem Dorn zusammen<span class="tei tei-pb" id= + "page15">[pg 15]</span><a name="Pg015" id="Pg015" class= + "tei tei-anchor"></a>gehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen sie + ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein + Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit + herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten läßt. + Man trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; + weiter im Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen + kein Handel anderen Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und + verbrämen die abgezogenen Hüllen mit dem gefleckten Fell von + Tieren, die am Nordmeer und an unbekannten Gestaden daheim sind. + Frauen tragen sich nicht anders als Männer; nur gehen sie + gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten Säumen verziert + sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel aus; Schultern und + Arme sind bloß, aber auch ein Teil der Brust bleibt unverhüllt.</p> + </div> + + <div id="cap18" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf19" id="pdf19"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm18" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 18</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Doch ihre + Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung wohl am + meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnügt + sich jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Männern abgesehen, die + nicht ihre Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen + Stellung mehrfach umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die + Frau dem Manne, sondern der Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern + und Verwandte ein und prüfen die Geschenke. Geschenke aber, die + nicht als Weibertand noch zum Schmuck für die Neuvermählte dienen + sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes Roß und ein Schild samt + Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der Mann die Frau + entgegen, und dafür bringt sie selber dem Mann auch ein Rüststück + zu: dies gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime Weihe, + <span class="tei tei-pb" id="page16">[pg 16]</span><a name="Pg016" + id="Pg016" class="tei tei-anchor"></a>dies als Segen der Ehegötter. + Auf daß sich das Weib nicht fremd in einer Welt von Männergedanken + und wechselndem Kriegsglück erachte, wird es schon am feierlichen + Beginn der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in Mühsal und Gefahr + gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu dulden und + mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann, das gerüstete Roß, + die dargereichten Waffen. So müsse sie leben, so in den Tod gehen; + was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen + wiedergeben, daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch + die Enkel erbten.</p> + </div> + + <div id="cap19" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf20" id="pdf20"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm19" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 19</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So leben die + Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den + Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und + von geheimen Briefschaften weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten + kommt es in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die + Strafe unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem + Haar, entblößt, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus + dem Hause und peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und für + preisgegebene Keuschheit gibt es keine Verzeihung: nicht Schönheit, + nicht Jugend, nicht reiche Habe könnte ihr einen Mann gewinnen. + Denn dort lacht niemand über das Laster, und Verführen und + Sichverführenlassen heißt nicht <span class="tei tei-q">„der Geist + der Zeit“</span>. Besser steht es gewiß noch um Völkerschaften, bei + denen nur Jungfrauen heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde + der Ehefrau einmal für immer abschließen. So erhalten sie einen + Mann, wie sie einen Leib und ein Leben erhalten haben, auf daß sich + kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren <span class="tei tei-pb" + id="page17">[pg 17]</span><a name="Pg017" id="Pg017" class= + "tei tei-anchor"></a>weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den + Ehegemahl, sondern die Ehe selber lieben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Zahl der + Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes zu töten, gilt als + verruchte Tat; mehr vermögen dort gute Sitten als anderswo gute + Gesetze.</p> + </div> + + <div id="cap20" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf21" id="pdf21"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm20" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 20</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In jedem Hause + wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Größe, zu diesem + Wuchs heran, über den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene + Mutter die Brust, und es wird nicht Mägden und Ammen überlassen. + Freie scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen + wie die anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, + bis das Alter die Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich + macht. Spät erfahren junge Männer die Lust; daher ihre unerschöpfte + Kraft. Auch die Mädchen werden nicht gedrängt; in gleicher Jugend, + von ähnlicher Gestalt, ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben + sie sich dem Gemahl, und von der Stärke der Eltern zeugen die + Kinder.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Schwestersöhne + sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche halten + dieses Blutsverhältnis noch für heiliger und enger und fordern, + wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als hätten sie + damit das Gewissen stärker und die Familie in weiterem Kreise + verpflichtet. Erben aber und Nachfolger sind jedem die eigenen + Kinder, und es gibt kein Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen + im nächsten Glied die Brüder, Väter- und Mütterbrüder. Je mehr + Blutsverwandte, je weiter die Verschwägerung, desto freundlicher + das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat keine Lockungen.</p> + </div> + + <div id="cap21" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page18">[pg 18]</span><a name="Pg018" + id="Pg018" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf22" id= + "pdf22"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">21</span></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Erbe muß + auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten übernehmen, + gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht unversöhnlich + fort: sühnt man doch selbst den Totschlag durch eine bestimmte + Anzahl von Groß- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die + Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher + Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Für Gelage und + Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose Neigung. + Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt + als Frevel; je nach Vermögen rüstet jeder dem Fremden das Mahl. + Wenn das Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem + anderen Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie + ungeladen ins nächste Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher + Freundlichkeit werden sie aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im + Gastrecht unterscheidet man nicht. Beim Abschied gehört es sich, + dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa ausbittet, und eine + Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die Geschenke machen + ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an, und was sie + empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet + Gastfreund an Gastfreund.</p> + </div> + + <div id="cap22" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf23" id="pdf23"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm22" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 22</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Gleich vom + Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen) baden + sie, öfters warm, weil es bei ihnen die längste Zeit Winter ist. + Auf das Bad folgt ein Imbiß; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz + und seinen eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder + auch, nicht minder häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und + <span class="tei tei-pb" id="page19">[pg 19]</span><a name="Pg019" + id="Pg019" class="tei tei-anchor"></a>Nacht durchzuzechen, bringt + keinem Schande. Häufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und + der bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden + und Totschlag. Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind, + neue Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und + Frieden wird gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner + anderen Zeit der Sinn unbeeinflußter Überlegung besser zugänglich + wäre oder leichter entflammt für große Gedanken. Ein Volk ohne Arg + und Falsch, eröffnet es noch die Geheimnisse seiner Brust bei + ungezwungenen Scherzen. Haben nun alle ihre Meinung ohne Rückhalt + aufgedeckt, so wird sie am nächsten Tag noch einmal geprüft, und + jeder Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten, wenn sie keiner + Verstellung fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren + können.</p> + </div> + + <div id="cap23" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf24" id="pdf24"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm23" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 23</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihr Getränk ist + ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein vergoren. An + der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach, wilde + Früchte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne + Würzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie + nicht die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete + und ihnen zu trinken verschaffte, so viel sie begehren, der könnte + sie einmal durch ihre Ausschweifung fast leichter als mit + bewaffneter Hand überwinden.</p> + </div> + + <div id="cap24" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf25" id="pdf25"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">24</span></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Es gibt nur eine + Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich. Nackte + Jünglinge, die es zum Vergnügen tun, schwingen sich im Tanz + zwischen Schwertern und drohenden Framen. Übung hat sie gewandt + gemacht, Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und + Lohn: <span class="tei tei-pb" id="page20">[pg 20]</span><a name= + "Pg020" id="Pg020" class="tei tei-anchor"></a>ihres so verwegenen + Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwürdig sind + sie beim Würfeln, treiben es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft, + und mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie, + wenn alles hin ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und + Leben setzen. Und wer verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch + jünger und stärker, er läßt sich geduldig binden und verkaufen. Das + ist ihr Starrsinn noch am verkehrten Ende: sie aber nennen es + Treue. Sklaven dieser Art übergeben sie dem Handel, um auch selbst + der Beschämung über den Gewinn ledig zu werden.</p> + </div> + + <div id="cap25" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf26" id="pdf26"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm25" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 25</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ihre andern + Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem + Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am + eigenen Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an + Getreide, Vieh oder Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so + weit geht die Pflicht des Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des + Herrenhauses die Frau und die Kinder. Daß der Sklave gepeitscht, + gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft wird, ist selten. Eher noch + schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe oder aus Strenge, + sondern im aufwallenden Jähzorn: wie einen Feind, nur daß es hier + ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel höher als + Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluß im Haus, nie in der + Gemeinde, ausgenommen bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind. + Dort nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen und selbst + über Adelige empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbürtigkeit der + Freigelassenen für die Freiheit des Volkes.</p> + </div> + + <div id="cap26" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page21">[pg 21]</span><a name="Pg021" + id="Pg021" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf27" id= + "pdf27"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm26" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 26</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Geld auf Zins zu + verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und darum + besser verhütet, als wenn es verboten wäre.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ackerland wird, + entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von der + Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß besetzt und dann jedesmal unter + die einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde + macht solche Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr + für Jahr, und noch immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit + wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres + Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten anlegen, Wiesen ausscheiden, + Gärten bewässern würden; einzig Getreide fordern sie der Erde ab. + Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere vier Zeiten; nur + für Winter, Frühling und Sommer haben sie den Begriff und die + Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben.</p> + </div> + + <div id="cap27" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf28" id="pdf28"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm27" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 27</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, + daß man die Reste bedeutender Männer mit Holz von bestimmten Arten + verbrenne. Auf den Holzstoß häufen sie nicht Teppiche noch + Räucherwerk; immer werden die Waffen, zuweilen auch das Streitroß + ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhügel bildet das Grab. Ragender + Denkmäler kunstreiche Pracht verschmähen sie, als drückend für die + Verstorbenen. Von Klagen und Tränen lassen sie bald, von Schmerz + und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Männern + Erinnerung.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So viel habe ich + allgemein über Herkunft und Sitten des ganzen Germanenvolkes + erfahren. Nun will ich die <span class="tei tei-pb" id="page22">[pg + 22]</span><a name="Pg022" id="Pg022" class= + "tei tei-anchor"></a>Unterschiede in den Einrichtungen und Bräuchen + der einzelnen Stämme und die Einwanderungen aus Germanien ins + gallische Land erörtern.</p> + </div> + + <div id="cap28" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf29" id="pdf29"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm28" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 28</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Daß Galliens + Macht vorzeiten größer war, meldet der beste Gewährsmann, der + erlauchte Julius [Cäsar]; und so darf man wohl glauben, daß auch + Gallier nach Germanien hinübergedrungen sind. Denn welch geringes + Hindernis bot nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im + Gefühl seiner Macht, her- und hinüber zog und da blieb, wo das Land + noch frei und zu keinem Bereich abgegrenzt war? So haben denn in + dem Land zwischen Herzynischem Wald und Rhein- und Mainstrom die + Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt, beides gallische + Stämme. Noch lebt der Name <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Boihaemum</span></span> und gemahnt an die + Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt + haben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ob aber die + Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem Gebiet, + oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien + eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch + heute gleiche Sprache, gleiche Satzung und Bräuche): denn die + nämliche Armut und Freiheit bot einst an beiden Ufern des + Grenzstromes genau so viel Vorteil wie Nachteil.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Treverer und + Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem Stolz ihre germanische + Abkunft, als würde solcher Adel des Blutes eine Ähnlichkeit mit den + erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen + unzweifelhaft germanische Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja + selbst die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der + römischen Kolonien erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin + <span class="tei tei-pb" id="page23">[pg 23]</span><a name="Pg023" + id="Pg023" class="tei tei-anchor"></a>Agrippiner nennen hören, + schämen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon + vorzeiten herübergekommen und wurden dann zum Lohn bewährter Treue + gerade am Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als + Bewachte.</p> + </div> + + <div id="cap29" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf30" id="pdf30"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm29" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 29</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An Tapferkeit + überragen die Bataver alle diese Stämme. Sie bewohnen nur einen + kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und + waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist + von der Heimat löste und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten + sie dem Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die + Auszeichnung alter Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein + Tribut entwürdigt sie, kein Steuerpächter saugt sie aus; frei von + Lasten und Abgaben, nur dem Dienst im Kriege vorbehalten, werden + sie wie Wehr und Waffen für den Kampf aufgespart. In gleicher + Abhängigkeit steht auch das Volk der Mattiaker; hat doch das + mächtige Römertum über den Rhein und über die alten Grenzen hinaus + sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in + eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält + sie bei uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch der + Boden und Himmel der Heimat helleren Mut weckt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nicht unter die + germanischen Völker möchte ich, wiewohl sie jenseits von Rhein und + Donau ansässig sind, jene zählen, die das Zehntland bebauen: + gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stück von + dem Boden ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall + angelegt, sind Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das + Gebiet ein Vorland des Reichs und einen Teil der Provinz.</p> + </div> + + <div id="cap30" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page24">[pg 24]</span><a name="Pg024" + id="Pg024" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf31" id= + "pdf31"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm30" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 30</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Weiter hinaus + wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald, nicht + so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen + Flachland; immer wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich + spärlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und + setzt sie dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von + gedrungenem Gliederbau, trotzigen Mienen und besonders lebhaftem + Geist. Für Germanen zeigen sie viel Verstand und Gewandtheit. Sie + wissen ihre Führer zu wählen, auf das Wort der Obern zu hören, Reih + und Glied zu wahren, den Augenblick zu erspähen, mit dem Angriff + zurückzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich für die Nacht zu + sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glück, sondern + erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und + nur einer strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als + die Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie außer den + Waffen auch Schanzzeug und Vorräte mitgeben. Andere Völker ziehen + in die Schlacht, die Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten + kommt es zu Streifzügen und planlosem Gefecht. Und wirklich taugt + es mehr für Reiterkräfte, rasch einen Sieg zu gewinnen, rasch zu + entweichen. Aber Hast steht der Furcht gar nah, Bedachtsamkeit dem + besonnenen Mute.</p> + </div> + + <div id="cap31" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf32" id="pdf32"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><span style= + "font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400">31</span></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was sich auch + bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck vereinzelten Wagemuts + findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald + sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und + tragen sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet + haben; <span class="tei tei-pb" id="page25">[pg 25]</span><a name= + "Pg025" id="Pg025" class="tei tei-anchor"></a>das ist ihr Gelübde, + gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen Beute + enthüllen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis für + ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Väter verdient zu + haben. Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. + Ein rechter Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem + Volk sonst ein Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie + sich erst, wenn er einen Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten + gefallen sich in solchem Aufzug und sind darin grau geworden, + berühmt und Feinden wie Freunden bekannt. Diese sinds, die jeden + Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe, ein überwältigender + Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht milder + geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine + Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in + fremdem Gut, unbekümmert um eigenes, bis dann schließlich das + blutlose Alter zu so harter Tugend unfähig macht.</p> + </div> + + <div id="cap32" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf33" id="pdf33"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm32" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 32</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Den Chatten + zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen Lauf + hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die + Tenkterer zeichnen sich außer durch den gewohnten Kriegsruhm durch + ihre trefflich geübte Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten + gebührt kein größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben + sie von den Vätern her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück. + Reiten ist das Spiel der Kinder, Männer üben es um die Wette, + Greise lassen nicht nach. Neben Gesinde und Gehöft und den Rechten + der Nachfolge werden die Pferde vererbt: doch erhält sie nicht, wie + das übrige Gut, der älteste Sohn, sondern der streitbarste, der + bessere Kämpe.</p> + </div> + + <div id="cap33" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page26">[pg 26]</span><a name="Pg026" + id="Pg026" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf34" id= + "pdf34"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm33" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 33</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Neben den + Tenkterern traf man früher die Brukterer. Jetzt sollen da Chamaver + und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch einen + Zusammenschluß der Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, + sei es aus Haß gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden + Beute, oder weil uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten + uns sogar, dem Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über + sechzigtausend sind nicht der Römer Wehr und Waffen, sondern, was + weit herrlicher ist, uns zur Freude und Augenweide erlegen. Bliebe + nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen Völkern, wenn schon nicht + Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Haß gegeneinander; denn nichts + Größeres kann uns in des Reiches drängendem Verhängnis das + Schicksal gewähren als unserer Feinde Zwietracht.</p> + </div> + + <div id="cap34" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf35" id="pdf35"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm34" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 34</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An die + Angrivarier und Chamaver schließen sich im Rücken Dulgubiner und + Chasuarier an und andere nicht sonderlich häufig genannte Völker. + Vorne nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heißen Groß- und + Kleinfriesen nach dem Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis + ans Meer der Rhein; auch wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die + auch schon römische Flotten drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben + wir uns dort gewagt. Und es ist die Sage verbreitet, daß da noch + Säulen des Herkules stehen: sei es, daß Herkules wirklich hinkam + oder daß wir alles Großartige, wo sichs auch finde, auf seinen Ruhm + zurückzuführen gewohnt sind. An Kühnheit hat es dem Drusus + Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die + Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand + versucht; <span class="tei tei-pb" id="page27">[pg + 27]</span><a name="Pg027" id="Pg027" class="tei tei-anchor"></a>es + schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter zu + glauben, als um sie zu wissen.</p> + </div> + + <div id="cap35" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf36" id="pdf36"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm35" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 35</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So weit gegen + Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in + ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst findet sich hier das Volk + der Chauken; obwohl es schon nächst den Friesen beginnt und noch + einen Teil der Küste innehat, zieht es sich auch in der Flanke + aller hier beschriebenen Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis + zu den Chatten. Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken + nicht nur in ihrem Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein + Volk, das unter den Germanen in höchstem Ansehen steht und es dabei + vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen. Ohne Habgier, + ohne unbändige Herrschsucht leben sie ruhig für sich und reizen + keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben und plündern keinem sein + Gut. Es ist das höchste Zeugnis für ihre Tapferkeit und Stärke, daß + sie ihre überlegene Macht keinem Übergriff danken. Doch haben sie + alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein + Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, + bleibt ihnen ihr Ruf.</p> + </div> + + <div id="cap36" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf37" id="pdf37"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm36" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 36</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zur Seite der + Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten einen + allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen + mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen + unbändigen, mächtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht + gilt, darf sich nur der Überlegene friedlich und redlich nennen. So + heißen die Cherusker, einst als die Wackeren, Gerechten bekannt, + jetzt Weichlinge und Toren; den siegreichen Chatten wurde ihr Glück + als Weis<span class="tei tei-pb" id="page28">[pg 28]</span><a name= + "Pg028" id="Pg028" class="tei tei-anchor"></a>heit gedeutet. + Mitgerissen vom Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr + Nachbarvolk. Im Glück die Geringeren, sind sie nun rechte Gefährten + des Mißgeschicks.</p> + </div> + + <div id="cap37" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf38" id="pdf38"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm37" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 37</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der gleichen + Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst dem Nordmeer, sitzen die + Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. Von + ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle + und Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge des Heeres + und Volks und für die so mächtige Wanderung Zeugnis gibt. + Sechshundertvierzig Jahre stand unsere Stadt, als uns zuerst die + Waffen der Kimbern erdröhnten; unter den Konsuln Caecilius Metellus + und Papirius Carbo. Zählt man von da bis zum zweiten Konsulat des + Imperators Trajan, so sind das etwa zweihundertundzehn Jahre; so + lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf dieser langen Zeit + hüben und drüben vielfach Verluste! Nicht der Samnite, nicht die + Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht + haben öfter zu schaffen gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei + droht der Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten + vorhalten als den erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von + einem Ventidius niedergeworfen, den Pacorus hingeben mußte! + Germanen aber haben den Carbo und Lucius Cassius, den Scaurus + Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus Mallius geschlagen oder + gefangen, also fünf konsularische Heere dem römischen Volke, und + den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar geraubt; und + nicht ohne Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der erlauchte + Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen + <span class="tei tei-pb" id="page29">[pg 29]</span><a name="Pg029" + id="Pg029" class="tei tei-anchor"></a>Land geschlagen. Hernach sind + die gewaltigen Rüstungen des C. Caesar lächerlich ausgegangen. + Seitdem war Ruhe, bis daß sie, die Gelegenheit unseres Zwistes und + Bürgerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der Legionen stürmten + und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder abgeschlagen; + aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert als gesiegt.</p> + </div> + + <div id="cap38" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf39" id="pdf39"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm38" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 38</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nunmehr spreche + ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und Tenkterer, + ein einheitliches Volk, sondern haben den größeren Teil Germaniens + inne und zerfallen zudem noch in besondere Völkerschaften mit + eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heißen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Ein + Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in einen Knoten + geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den + übrigen Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. + Dergleichen kommt auch bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf + Grund einer Verwandtschaft mit den Sueben, vielleicht, wie das ja + oft geschieht, als Nachahmung, ist jedoch selten und bleibt auf die + Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber streichen sie noch, wenn sie + grau sind, das widerstrebende Haar zurück und binden es, oft gerade + über dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch kunstvoller + hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; denn + nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher + Sorgfalt schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und + schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde.</p> + </div> + + <div id="cap39" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf40" id="pdf40"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm39" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 39</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Für die Ältesten + und Edelsten unter den Sueben geben <span class="tei tei-pb" id= + "page30">[pg 30]</span><a name="Pg030" id="Pg030" class= + "tei tei-anchor"></a>sich die Semnonen aus; der Glaube an ihr hohes + Alter wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu bestimmten Zeiten + sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und Schauer der + Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch Abordnungen + vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft + eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine + andere Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in + Fesseln betreten, gleichsam als Untertan, und um von der Macht des + Gottes zu zeugen. Fällt einer zu Boden, so darf er sich nicht + erheben noch aufrichten lassen, sondern muß sich auf der Erde + hinauswälzen. Das ganze Treiben deutet darauf, daß dort die Wiege + des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, und alles andere + untergeordnet und abhängig. Bestärkt wird diese Meinung durch das + Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei solcher + Größe ihrer Körperschaft halten sie sich für das Haupt der + suebischen Völker.</p> + </div> + + <div id="cap40" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf41" id="pdf41"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm40" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 40</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dafür ehrt die + Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen mächtigen Völkern + eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwürfigkeit, sondern + in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, + Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch + Flüsse oder Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu + bemerken; gemeinsam verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter + Erde; diese, so meinen sie, mische sich in das Treiben der Menschen + und komme von Volk zu Volk gefahren. Es ruht auf einer Insel im + Nordmeer ein heiliger Hain; darin steht ein geweihter Wagen, mit + einer Hülle bedeckt, und nur <span class="tei tei-pb" id= + "page31">[pg 31]</span><a name="Pg031" id="Pg031" class= + "tei tei-anchor"></a>der Priester darf ihn berühren. Er merkt die + Gegenwart der Göttin im Heiligtum und geleitet ehrfürchtig ihren + mit Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage froh und festlich + die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich zu weilen + geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen; + verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie + Ruhe und Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der + Priester dann wieder die Göttin, des Umgangs mit sterblichen + Menschen ersättigt, in ihren heiligen Bezirk zurückbringt. Dann + wird der Wagen, seine Umhüllung und – wenn man es glauben darf – + die Göttin selbst in einem unzugänglichen See genetzt. Sklaven + helfen beim Dienst, die alsbald der nämliche See verschlingt. Daher + das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was nur + Todgeweihte erschauen.</p> + </div> + + <div id="cap41" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf42" id="pdf42"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm41" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 41</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Und dieser Teil + der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Länder Germaniens + hin. Näher – um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau zu + folgen – haust das Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum + ist ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der + Ufergrenze, sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der + glänzendsten Kolonie der rätischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, + kommen sie ohne Aufsicht herüber, und während wir den übrigen + Stämmen nur unsere Waffen und Lagerplätze zeigen, haben wir diesen + ohne ihr Begehren unsere Häuser und Landsitze geöffnet. Im Lande + der Hermunduren entspringt die Elbe, einst ein vielgerühmter, + bekannter Strom; jetzt hört man nur eben von ihm.</p> + </div> + + <div id="cap42" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page32">[pg 32]</span><a name="Pg032" + id="Pg032" class="tei tei-anchor"></a> <a name="pdf43" id= + "pdf43"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm42" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 42</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nächst den + Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen und + Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch + ihr Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer + vertrieb. Doch schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; + und dies ist gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. + Markomannen und Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Könige vom + heimischen Stamm behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. + Jetzt fügen sie sich auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt + ihren Königen vom römischen Ansehen. Selten werden sie von unseren + Waffen, öfter durch Geld unterstützt; es tut ihnen nicht + Eintrag.</p> + </div> + + <div id="cap43" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf44" id="pdf44"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm43" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 43</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Noch weiter ab + von uns schließen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier im + Rücken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner + und Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner + verraten durch ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische + Sprache, daß sie keine Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, + die sie ertragen. Einen Teil davon haben ihnen die Sarmater, einen + anderen – als einem Fremdvolk – die Quaden auferlegt: dabei fördern + die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, noch obendrein Eisen! Alle + diese Völker aber halten wenig Flachland besetzt, meist Hochwald, + Gipfel und Höhenzüge. Denn mitten durch Suebien zieht als + Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der anderen + Seite wohnen sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier, + mehrere Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die + <span class="tei tei-pb" id="page33">[pg 33]</span><a name="Pg033" + id="Pg033" class="tei tei-anchor"></a>bedeutendsten zu nennen, die + Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und Nahanarvaler. Bei den + Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. Darin waltet ein + Priester in Frauentracht; aber die Götter, die sie nennen, sind + nach römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung der + Gottheit; ihr Name ist <span class="tei tei-q">„Alken“</span>. Es + gibt von ihnen kein Bild, keine Spur führt zu fremden Bräuchen; + aber als Brüder werden sie und als Jünglinge verehrt. Die grimmen + Harier helfen, obzwar den zuvor aufgezählten Völkern ohnehin + überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon wilden Erscheinung + zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie schwärzen die Schilde und + überfärben sich den Körper; finstere Nächte wählen sie zum Kampf. + So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines + Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhörten, + gleichsam höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem + Anprall die Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von + Königen, und etwas straffer als andere Germanenstämme, geleitet, + doch nicht so, daß ihre Freiheit bedroht wäre. Dann dicht daran, + gegen das Meer, die Rugier und Lemovier. All dieser Völker Merkmal + ist, daß sie runde Schilde und kurze Schwerter haben und Königen + gehorchen.</p> + </div> + + <div id="cap44" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf45" id="pdf45"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm44" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 44</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Folgen die + Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen und + auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt, + derart, daß jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen + bereit ist. Auch bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht + reihenweise an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf + manchen Flüssen, und setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, + <span class="tei tei-pb" id="page34">[pg 34]</span><a name="Pg034" + id="Pg034" class="tei tei-anchor"></a>bald links ein. Bei diesem + Volk steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein + einziger, gegen den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft + unwiderruflichen Rechts auf Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, + wie bei den anderen Germanen, jedem zum Gebrauch freigegeben, + sondern ein Wächter hält sie verschlossen; es ist ein Sklave. Denn + da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde das Meer; und + Waffen in müßigen Händen führen gar leicht zum Mißbrauch. Einen + Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen + als Waffenhüter zu bestellen, wäre dem König kein Vorteil.</p> + </div> + + <div id="cap45" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf46" id="pdf46"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm45" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 45</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Jenseits der + Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Daß es den + Erdkreis abgürtet und schließt, darf man wohl glauben, weil sich + dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, + so hell, daß davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, + der aufsteigenden Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann und + ihr Strahlenhaupt zu erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht + hat, am Ende der Welt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Nun denn – + rechts schlägt das suebische Meer an die Küste der Ästierstämme. + Diese haben die Bräuche und das Aussehen der Sueben, ihre Sprache + steht der britannischen näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als + Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist + Schutz und Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch + im Feindesgewühl. Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals + Keulen. Korn und andere Früchte bauen sie sorgfältiger, als sonst + germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie <span class="tei tei-pb" + id="page35">[pg 35]</span><a name="Pg035" id="Pg035" class= + "tei tei-anchor"></a>suchen auch im Meer und sind unter allen + Völkern die einzigen, die den Bernstein (sie nennen ihn + <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">glesum</span></span>) an seichten Stellen und + am Strande selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein + Wesen und seine Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag + lange umher wie anderer Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht + nach Schmuck schuf ihm seinen Namen. Sie selber gebrauchen ihn + nicht; sie sammeln die rohen Stücke, bringen sie unbearbeitet zu + Markt und wundern sich über den gezahlten Preis. Indes erkennt man + ihn als Baumharz, weil häufig kleine Landtiere, auch geflügelte, + durchschimmern, die sich in der flüssigen Masse fangen und, wenn + sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen + Ländern im Osten, wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, + mögen also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens + merkwürdig ergiebige Haine und Wälder sein: ihre Säfte werden von + den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt und rinnen noch flüssig den + kurzen Weg hinab ins Meer; die Gewalt der Stürme treibt dann das + Harz hinüber ans andere Gestade. Prüft man den Stoff des Bernsteins + im Feuer, so entzündet er sich wie ein Kienspan und nährt eine + qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich wieder zu einer + Art Pech oder Harz.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">An die Suionen + reihen sich die Stämme der Sitonen, sonst ähnlich und nur dadurch + unterschieden, daß ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen + nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet.</p> + </div> + + <div id="cap46" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <a name="pdf47" id="pdf47"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#anm46" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 46</span></a></span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Hier endet denn + Suebien. Ob ich nun die Stämme der <span class="tei tei-pb" id= + "page36">[pg 36]</span><a name="Pg036" id="Pg036" class= + "tei tei-anchor"></a>Peuciner und der Veneter und Fennen zu den + Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich nicht recht. Die + Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen in + Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen. + Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen träge; und + Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Mißgestalt + geführt. Die Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise + angenommen: alles Wald- und Bergland, das sich zwischen Peucinern + und Fennen erhebt, durchstreifen sie in räuberischen Haufen. Doch + zählt man sie eher noch als Germanen, weil sie feste Wohnungen + haben, Schilde tragen und gern als schnelle, rüstige Fußgänger + auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die auf ihren + Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich wildes, + abstoßend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein + Heim; Kräuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden + ihre Lagerstätte. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil + Eisen mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise + Männer wie Frauen ernähren: diese ziehen überall mit und heischen + ihren Teil von der Beute. Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht + vor Regen und wildem Getier als ein Schutzdach von verflochtenen + Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen zurück, dort bergen sich + die Alten. Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, als hinter dem + Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und fremdes Gut + ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert um Menschen, + unbekümmert um Götter haben sie das Schwerste erreicht, selbst auf + Wünsche verzichten zu können.</p><span class="tei tei-pb" id= + "page37">[pg 37]</span><a name="Pg037" id="Pg037" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Darüber hinaus + beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und Oxionen + Menschenköpfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und Glieder + von Tieren. Das ist unverbürgt, und ich will es nicht weiter + verfolgen.</p> + </div> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page38">[pg 38]</span><a name="Pg038" + id="Pg038" class="tei tei-anchor"></a> <a name="toc48" id= + "toc48"></a><a name="pdf49" id="pdf49"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Inhalt der Germania</span></h1> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Allgemeiner Teil (</span><a href= + "#cap01" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 144%">1–27</span></a><span style="font-size: 144%">)</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Das Land und seine Bewohner</span></span> + (<a href="#cap01" class="tei tei-ref">1–5</a>): Grenzen und + Grenzströme (<a href="#cap01" class="tei tei-ref">1</a>) – + Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (<a href= + "#cap02" class="tei tei-ref">2</a>) – Frühe Besuche aus der Fremde? + (<a href="#cap03" class="tei tei-ref">3</a>) – Körperbau als + weiterer Beweis der Autochthonie (<a href="#cap04" class= + "tei tei-ref">4</a>) – Natur und Erzeugnisse des Landes (<a href= + "#cap05" class="tei tei-ref">5</a>).</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Leben und Sitten der + Germanen</span></span> (<a href="#cap06" class= + "tei tei-ref">6–27</a>): Waffen, Kriegswesen (<a href="#cap06" + class="tei tei-ref">6</a>) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, + Frauen (<a href="#cap07" class="tei tei-ref">7</a>) – Frauen im + Kampf, heilige Frauen (<a href="#cap08" class="tei tei-ref">8</a>) + – Götter (<a href="#cap09" class="tei tei-ref">9</a>) – Lose, + Vorzeichen (<a href="#cap10" class="tei tei-ref">10</a>) – + Ratsversammlung (<a href="#cap11" class="tei tei-ref">11</a>) – + Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (<a href="#cap12" + class="tei tei-ref">12</a>) – Wehrhaftmachung, Gefolge (<a href= + "#cap13" class="tei tei-ref">13</a>) – Gefolge im Krieg (<a href= + "#cap14" class="tei tei-ref">14</a>) – Fürsten und Gefolge im + Frieden (<a href="#cap15" class="tei tei-ref">15</a>) – Das Leben + des einzelnen: Wohnungen (<a href="#cap16" class= + "tei tei-ref">16</a>) – Kleidung (<a href="#cap17" class= + "tei tei-ref">17</a>) – Ehe (<a href="#cap18" class= + "tei tei-ref">18</a>) – Frauen und Kinder (<a href="#cap19" class= + "tei tei-ref">19</a>) – Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge + (<a href="#cap20" class="tei tei-ref">20</a>) – Vererbte Rache, + Gastfreundschaft (<a href="#cap21" class="tei tei-ref">21</a>) – + Leben im Hause, Trinkgelage (<a href="#cap22" class= + "tei tei-ref">22</a>) – Getränke, Speisen, Trunksucht (<a href= + "#cap23" class="tei tei-ref">23</a>) – Waffentänze, Würfelspiel + (<a href="#cap24" class="tei tei-ref">24</a>) – Sklaven (<a href= + "#cap25" class="tei tei-ref">25</a>) – Ackerbau (<a href="#cap26" + class="tei tei-ref">26</a>) – Bestattung; Übergang zum besonderen + Teil (<a href="#cap27" class="tei tei-ref">27</a>).</p> + </div> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Besonderer Teil / Die einzelnen + Völkerschaften (</span><a href="#cap28" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style= + "font-size: 144%">28–46</span></a><span style= + "font-size: 144%">)</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Grenzvölker</span></span> (<a href= + "#cap28" class="tei tei-ref">28</a>, <a href="#cap29" class= + "tei tei-ref">29</a>): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, + Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und + reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier + (<a href="#cap28" class="tei tei-ref">28</a>) – Germanen, die zu + den Römern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (<a href= + "#cap29" class="tei tei-ref">29</a>).</p><span class="tei tei-pb" + id="page39">[pg 39]</span><a name="Pg039" id="Pg039" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">West- und Nordwestgermanen</span></span> + (<span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Nicht-Sueben</span></span>, + <a href="#cap30" class="tei tei-ref">30–37</a>): Chatten (<a href= + "#cap30" class="tei tei-ref">30</a>, <a href="#cap31" class= + "tei tei-ref">31</a>) – Usipier und Tenkterer (<a href="#cap32" + class="tei tei-ref">32</a>) – Brukterer, Chamaver, Angrivarier + (<a href="#cap33" class="tei tei-ref">33</a>) – Dulgubiner, + Chasuarier, Friesen (<a href="#cap34" class="tei tei-ref">34</a>) – + Chauken (<a href="#cap35" class="tei tei-ref">35</a>) – Cherusker + (<a href="#cap36" class="tei tei-ref">36</a>) – Kimbern, Kimbern- + und spätere Germanenkriege (<a href="#cap37" class= + "tei tei-ref">37</a>).</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Sueben</span></span> (<a href="#cap38" + class="tei tei-ref">38–45</a>): Ihre Haartracht (<a href="#cap38" + class="tei tei-ref">38</a>) – Semnonen (<a href="#cap39" class= + "tei tei-ref">39</a>) – Langobarden und Nerthusvölker (<a href= + "#cap40" class="tei tei-ref">40</a>) – Hermunduren (<a href= + "#cap41" class="tei tei-ref">41</a>) – Varisten, Markomannen und + Quaden (<a href="#cap42" class="tei tei-ref">42</a>) – Ost- und + Nordostgermanen (<a href="#cap43" class="tei tei-ref">43</a>, + <a href="#cap44" class="tei tei-ref">44</a>) – Ende der Welt, + Ästier, Bernstein, Sitonen (<a href="#cap45" class= + "tei tei-ref">45</a>).</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Mischvölker im Osten</span></span>: + Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht mehr Germanen) + und</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Fabelreich</span></span>: Hellusier und + Oxionen (<a href="#cap46" class="tei tei-ref">46</a>).</p> + </div> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page40">[pg 40]</span><a name="Pg040" + id="Pg040" class="tei tei-anchor"></a> <a name="toc50" id= + "toc50"></a><a name="pdf51" id="pdf51"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Anmerkungen des Übersetzers</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was ist dieses + Buch, gewöhnlich <span class="tei tei-q">„Germania“</span> genannt, + das die Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, + vielleicht eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein + Kunstwerk.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Eine Schilderung, + und als solche das älteste Buch von den deutschen Landschaften und + ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es so vieles + weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon früh, + Griechen und Römer über die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia + kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt + bis zu der Insel <span class="tei tei-q">„Thule“</span> (Island?) und + an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios stehen an + der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt Germanien in + einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen Quellen sind + spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege in Gallien und seine + Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; deutlich sondern + sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und + Livius (im 104. Buch seiner Römischen Geschichte) finden konnte, ist + längst verloren; verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus über die + Germanenkriege und seine Fortsetzung durch den älteren Plinius. + Erhalten aber des Plinius <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Historia naturalis</span></span>, die Geschichte + des Velleius Paterculus und die Geographie des Pomponius Mela; auch + die Reichskarte des Agrippa, soweit sie in der vom Mittelalter + aufgezeichneten <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Tabula Peutingeriana</span></span> + nachwirkt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Was vor ihm + geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, Händler, + Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der + Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal da es immer mehr durch + fortgesetzte Forschungen und besonders <span class="tei tei-pb" id= + "page41">[pg 41]</span><a name="Pg041" id="Pg041" class= + "tei tei-anchor"></a>Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von + allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als + Mensch, als Mann, als Künstler. Und die Größe seines Geistes und + seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte + getragen haben als der bloße Inhalt.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Dennoch dankt man + es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war im Jahre 98 nach Christi + Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen + Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. + Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten Feinde Roms seien, und + daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze + zu wenden und an nichts anderes; daß es insbesondere falsch sei, + außer an den Schutz des Reiches noch an einen Angriff zu denken, den + eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, daß der Kaiser, dessen + Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Verfasser hat + seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch spricht viel + für diese Annahme des großen Müllenhoff. Tacitus schildert nur – und + schildert als Künstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede Einzelheit, + jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des Volkes, + dann, vom Nächsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in + <span class="tei tei-q">„romantische“</span> Ferne verlierend, seine + einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. Mit + knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer Sprache, + der manchmal fast Verse, einmal sogar (<a href="#cap39" class= + "tei tei-ref">Kap. 39</a>) ein rechter Hexameter, vielleicht wider + Willen, gerät. Jeder Absatz ist durch das zugespitzte Ergebnis einer + Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals siegen nüchterne Angaben + über den beziehungsreichen Bildner des Werkes, über den Meister.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Meister ist er + auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. Dabei verbittert und + ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende Zeit, unter + einer besseren Regierung eben wieder aufatmend <span class= + "tei tei-pb" id="page42">[pg 42]</span><a name="Pg042" id="Pg042" + class="tei tei-anchor"></a>und von jener Sehnsucht erfüllt, die + dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach einer neuen Welt der + Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die Germanen herauf: + darum schildert er dieses kühne, furchtbare und lichte Volk fast + wohlwollend, obwohl es Feinde und über kurz oder lang siegreiche + Feinde sind. Denn das römische Reich, dem er angehört, steht vor dem + Ende. Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt + haben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">So lassen ihn auch + seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von seinem Leben + erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der + rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann + war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch + Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters + Agricola verheiratet, hielt er sich während der Verfolgungen unter + Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem + Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu + haben.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Als Schriftsteller + begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode hervortretend, mit + dem <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Dialog</span></span> über die Redekunst und + ihren Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines + Schwiegervaters <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Agricola</span></span> und, noch im gleichen + Jahre 98, die <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Germania</span></span>. Dann die + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Historien</span></span>, eine Geschichte + seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Annalen</span></span>, vom Tode des Augustus + bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts + weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich + Tacitus ganz, <span class="tei tei-q">„<span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">le plus grand peintre + de l’antiquité</span></span>“</span>, wie ihn Racine nannte. Er hat + immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf diese aber + durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch lange nicht + vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung Lichtenbergs, + <span class="tei tei-q">„sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu + verstehen“</span>.</p> + + <div class="tei tei-tb"> + * * * + </div><span class="tei tei-pb" id="page43">[pg 43]</span><a name= + "Pg043" id="Pg043" class="tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die <span class= + "tei tei-q">„Germania“</span> wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. + Dann bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus + V. reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte + Handschriften zu suchen, und bringt die <span class= + "tei tei-q">„Germania“</span> und den <span class= + "tei tei-q">„Dialog“</span> 1455 nach Italien. (Die Handschrift, die + beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster gefunden + worden.) Später kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der + Schrift lautet einmal <span class="tei tei-q">„<span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">De origine, situ, + moribus ac populis Germanorum</span></span>“</span>, ein andermal + <span class="tei tei-q">„<span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">De origine et situ + Germanorum</span></span>“</span>. 1469 schon wird die <span class= + "tei tei-q">„Germania“</span> gedruckt. Wichtig sind die alten + Ausgaben von Beatus Rhenanus und Justus Lipsius, beide aus dem 16. + Jahrhundert; die neuen von Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), + Karl Müllenhoff (<span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Germania antiqua</span></span>, 1873); ferner + Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der + Bearbeitung von Schwyzer (1912).</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Diese unsere + Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht von dem + Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den + Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder lebendig zu machen.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Sie lehnt sich + fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; die Deutung und + namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von anderen Quellen + abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf der + ausführlichen Erklärung der Germania, die Müllenhoff im 4. Band + seiner Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen + Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, + benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; von älteren + namentlich die von Bötticher und Bacmeister.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Den Herren Dr. + Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts in Wien, und + Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Münchner Universität, + schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge besonderen + Dank.</p> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page44">[pg 44]</span><a name="Pg044" + id="Pg044" class="tei tei-anchor"></a> <a name="toc52" id= + "toc52"></a><a name="pdf53" id="pdf53"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Erläuterungen</span></h1> + + <div id="anm01" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap01" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 1</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die römische + Provinz <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Rätien</span></span> reicht nördlich bis + zur Donau (Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald + Noricum, von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und Save + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Pannonien</span></span>. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Sarmater</span></span> in Osteuropa, etwa + von der Weichsel an, <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Daker</span></span> in Siebenbürgen. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Gebirge</span></span> die Karpathen. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Ein Kriegszug</span></span>: der des + Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Abnoba</span></span> Schwarzwald.</p> + </div> + + <div id="anm02" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap02" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 2</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Der Beweis des + ersten Absatzes ist wenig überzeugend. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Asien</span></span>, <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Afrika</span></span>, <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Italien</span></span> die römischen + Südprovinzen. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Tuisto</span></span> (Zwist!) ist + zweigeschlechtig, <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Mannus</span></span> Mann, Mensch, der + erste Mensch. Die Namen der <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Marser</span></span> (Merseburg) und + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Gambrivier</span></span> verschwinden + bald; sind es, wie <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Sueben</span></span> und <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Vandilier</span></span> (Ostgermanen), + Kultverbände? Die <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Tungrer</span></span> (Tongern!) wurden + Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch: + <span class="tei tei-q">„Rufer im Streit“</span> oder <span class= + "tei tei-q">„Nachbarn“</span>?); sie drohten, um ihr Ansehen zu + heben, mit anderen <span class="tei tei-q">„Germanen“</span> über + dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten sich dann wirklich + so genannt (Müllenhoff). <span class="tei tei-q">„Eine verzweifelte + Stelle!“</span> (Grimm.)</p> + </div> + + <div id="anm03" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap03" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 3</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Herkules</span></span> wohl <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Donar</span></span>; <span class= + "tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">barditus</span></span> ist nicht genügend + erklärt. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Ulixes</span></span> (Odysseus) der + Schwanenritter? <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Asciburgium</span></span> Asberg bei Mörs + im Rheinland. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Griechische Schrift</span></span> + verwenden die Kelten.</p> + </div> + + <div id="anm05" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap05" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 5</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tacitus selbst + erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker (bei Wiesbaden) + Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber waren + auch die ältesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen + Orten, die Sage!). Die erwähnten <span class="tei tei-pb" id= + "page45">[pg 45]</span><a name="Pg045" id="Pg045" class= + "tei tei-anchor"></a>römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum + Jahre 54 v. Chr. geprägt; später hat sich der Feingehalt + verschlechtert!</p> + </div> + + <div id="anm06" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap06" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 6</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die Germanen + galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, nicht + vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde zuwenden würde. + Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am linken Fuß + (Schweizer-Sidler). Der <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Keil</span></span> kehrt seine Spitze dem + Gegner zu.</p> + </div> + + <div id="anm07" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap07" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 7</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Könige</span></span> und <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Fürsten</span></span> haben gleiche + Befugnis, Fürst ist der König eines kleineren Gebietes. Der König + wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewählt. Königtum und + Fürstenherrschaft gehen geradezu ineinander über. Im Osten sind + Könige häufiger. Der König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung + mehrerer Heere wird ein König zum <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">dux</span></span> + gewählt (Müllenhoff).</p> + </div> + + <div id="anm08" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap08" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 8</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Die Brüste entblößend</span></span>: ihr + Leib soll nicht fremden Siegern gehören. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Veleda</span></span> zuletzt gefangen nach + Rom gebracht. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Machten</span></span> ... <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><a name="corr045" id= + "corr045" class="tei tei-anchor"></a><span class= + "tei tei-corr"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Göttinnen</span></span></span> wie die + römischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser + schmeichelten.</p> + </div> + + <div id="anm09" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap09" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 9</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Mercurius</span></span> (besonders als + Totenführer): Wotan (<span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">dies Mercurii</span></span> = <span class= + "tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Wednesday</span></span>). Mars: Tiu, Ziu + (<span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">dies + Martis</span></span> = <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Tuesday</span></span>). <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Herkules</span></span>: Donar. Diese drei + Götter nennt noch ein Taufgelöbnis des 8. Jahrh. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Isis</span></span>: vielleicht Freya? + (Nerthus!) Die illyrischen <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Liburner</span></span> hatten leichte + Schiffe.</p> + </div> + + <div id="anm10" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap10" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 10</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Wilder Fruchtbaum</span></span>: Eiche, + Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch Pferde auch bei + Persern und Slaven.</p> + </div> + + <div id="anm11" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page46">[pg 46]</span><a name="Pg046" + id="Pg046" class="tei tei-anchor"></a> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap11" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 11</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nächte</span></span> noch jetzt Weihnacht, + Fastnacht, <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Fortnight</span></span>. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">In Waffen</span></span> noch jetzt + <span class="tei tei-q">„Spießbürger“</span>. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Jeder</span></span>: Müllenhoff folgert + aus dem grammatischen Sinn, daß nur <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">rex vel + princeps</span></span> reden durften, nicht jeder Teilnehmer. Aber + jedesfalls <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">licet accusare</span></span> usw. (<a href= + "#cap12" class="tei tei-ref">Kap. 12</a>).</p> + </div> + + <div id="anm12" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap12" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 12</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Am Körper Geschändete</span></span>: + widernatürliche Männer, aber wohl auch <span class= + "tei tei-q">„entehrte“</span> Frauen, für die sich Todesstrafe noch + lange erhält. Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher + besonders schimpflich. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Frevel + – Schandtat</span></span>: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt + die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Die Fürsten bestimmt</span></span> nämlich + aus der Zahl der vorhandenen Fürsten. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Recht sprechen</span></span> ist römische, + nicht germanische Auffassung; nach dieser leitet der Fürst (später + Gaugraf) nur die Volksverhandlung, der <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Rat</span></span> macht den + Urteilsvorschlag, der <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Beistand</span></span> gibt das + <span class="tei tei-q">„Vollwort“</span>: sie <span class= + "tei tei-q">„finden“</span> das Recht, der entsendete Richter tut + nur den Spruch.</p> + </div> + + <div id="anm15" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap15" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 15</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Brustschmuck</span></span> (<span class= + "tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">phalerae</span></span>) ähnlich den Orden + (oder wie Medaillons?). <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Geld</span></span>: römische Kaiser + (Caligula, Domitian) schließen um Geld mit den Germanen Frieden + oder erkaufen Triumphe.</p> + </div> + + <div id="anm16" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap16" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 16</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Vielleicht</span></span>: in Wirklichkeit + aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz sucht die gewohnte + Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade wortreich + und gewöhnlich.</p> + </div> + + <div id="anm17" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap17" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 17</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Kleid</span></span> die Unterkleidung, + unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch bei Frauen?) in + Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, trotzdem + Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda der + Loggia dei Lanzi in Florenz): lang <span class="tei tei-pb" id= + "page47">[pg 47]</span><a name="Pg047" id="Pg047" class= + "tei tei-anchor"></a>herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. Ihre + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Kleidung</span></span> läuft oben nicht in + Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer wiederum hatten + Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird nur an der Schulter + zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust zum Teil sichtbar + werden.</p> + </div> + + <div id="anm18" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap18" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 18</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Umworben werden</span></span> von den + Familien der Mädchen. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Mitgift – Geschenke</span></span>: Tacitus + merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Mitgift</span></span> ist der Preis. Das + Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen für den + Übergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt + Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der <span class= + "tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">confarreatio</span></span>, der strengen + altrömischen Ehe.</p> + </div> + + <div id="anm19" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap19" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 19</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Schauspiel</span></span> das römische + Theater mit seinem mehr als eindeutigen Getriebe.</p> + </div> + + <div id="anm20" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap20" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 20</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Anspielungen auf + die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die Erbschleicherei bei + Kinderlosen sind deutlich.</p> + </div> + + <div id="anm22" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap22" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 22</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Eröffnet es noch</span></span>: die Römer + halten sich selbst da zurück. Überhaupt ist in diesem Kapitel fast + jeder Satz ein Widerspiel römischer Sitten (Passow). Die Römer + stehen früh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen Tisch, dürfen + in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor Abend + trinken.</p> + </div> + + <div id="anm23" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap23" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 23</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Getränk</span></span> Bier. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Ufergrenze</span></span> wohl nur des + Rheins; die Sueben an der Donau dulden keinen Wein, weil die + Händler als Gegenwert Sklaven fortschleppen.</p> + </div> + + <div id="anm25" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap25" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 25</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Tacitus denkt + hier nur an die <span class="tei tei-q">„Hintersassen“</span>; es + gibt aber auch <span class="tei tei-pb" id="page48">[pg + 48]</span><a name="Pg048" id="Pg048" class= + "tei tei-anchor"></a>Haussklaven (<a href="#cap20" class= + "tei tei-ref">Kap. 20</a>). Im folgenden Anspielung auf das Treiben + der Freigelassenen in Rom.</p> + </div> + + <div id="anm26" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap26" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 26</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Besser verhütet</span></span>: Müllenhoff + und Baumstark können diesen Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. + Die folgende Schilderung der Anbauverhältnisse, von allen Seiten + her erläutert, ist nach Müllenhoff übersetzt. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nicht in vier Zeiten</span></span>: + sondern in Winter und Sommer. So zählen sie auch, also nach halben + Jahren. Doch ist <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Herbst</span></span> ein altgermanisches + Wort; nur brachte die Getreideernte bei den Germanen freilich schon + der Sommer, Wein und edles Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl + der Irrtum des Textes.</p> + </div> + + <div id="anm27" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap27" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 27</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Übergang vom + allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift.</p> + </div> + + <div id="anm28" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap28" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 28</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Caesar</span></span> wird als einziger + Gewährsmann ausdrücklich genannt. Diese seine Behauptungen nimmt + schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als unrichtig erkannt. + Die Kelten, die früher auch rechts vom Rhein saßen, wurden vielmehr + von den Germanen überall zurückgedrängt. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Herzynischer Wald</span></span> das ganze + deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Helvetier</span></span> bald darauf in der + Nordschweiz, <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Bojer</span></span> damals in Böhmen + (Beheim), <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Aravisker</span></span> um + Stuhlweißenburg, <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Osen</span></span> in Oberungarn; diese + beiden pannonische Stämme. Von den Osen ist es <a href="#cap43" + class="tei tei-ref">Kap. 43</a> ausdrücklich bezeugt; die Worte + <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">Germanorum natione</span></span> können nur + auf den Wohnsitz gedeutet werden. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Treverer</span></span> um Trier, + wahrscheinlich Gallier, <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nervier</span></span> an der Sambre, + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Vangionen</span></span> um Worms, + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Triboker</span></span> bei Hagenau, + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nemeter</span></span> um Speyer, + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Ubier</span></span> 38 v. Chr. durch + Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird die + <span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">colonia + Agrippinensis</span></span>, der Geburtsort der Agrippa, Tochter + des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die + Stifterin der Kolonie (Köln!).</p> + </div> + + <div id="anm29" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page49">[pg 49]</span><a name="Pg049" + id="Pg049" class="tei tei-anchor"></a> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap29" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 29</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Bataver</span></span> im Rheindelta; die + behauptete Auswanderung von den Chatten her wohl nicht richtig. + Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt + das Freundschaftsverhältnis zu den Römern. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Mattiaker</span></span> um Wiesbaden, + dessen Quellen schon bekannt sind. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Über + die alten Grenzen</span></span> endgültig durch den Bau des + Grenzwalls (<span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">limes</span></span>), der, von Domitian + begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch + oder Kehlheim über Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; + 550 km lang. Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle + (darunter die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche + Mauer. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Zehntland</span></span> (<span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">agri + decumates</span></span>, nur hier erwähnt) römisches + Staatspachtland am mittleren Neckar.</p> + </div> + + <div id="anm30" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap30" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 30</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Weiter hinaus</span></span> über das + Zehntland hin. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Chatten</span></span> = Hessen. Sie sind, + außer den Friesen, nach Grimm <span class="tei tei-q">„der einzige + deutsche Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute + an derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt + werden“</span>. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das + größte Lob.</p> + </div> + + <div id="anm32" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap32" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 32</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Usipier</span></span> (Usipeter) und + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Tenkterer</span></span>, immer gemeinsam + genannt, vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe.</p> + </div> + + <div id="anm33" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap33" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 33</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Brukterer</span></span> zwischen Ems und + Lippe (ihre Seherin Veleda!); später zurückgedrängt, aber + keineswegs vernichtet. Die 60000 sind übertrieben. Alle diese + Stämme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk später die + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Chamaver</span></span> werden, damals + nördlich der Lippe bis zum Zuydersee. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Angrivarier</span></span>, an der Weser, + später als Angern ein Hauptstamm der Altsachsen.</p> + </div> + + <div id="anm34" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page50">[pg 50]</span><a name="Pg050" + id="Pg050" class="tei tei-anchor"></a> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap34" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 34</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Im Rücken – vorn</span></span>: die Völker + mit dem Gesicht zur See. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Dulgubiner</span></span> in der Gegend von + Hannover (?), <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Chasuarier</span></span> an der Haase, + Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein + und Yssel. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Seen</span></span> besonders der + Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; so + entstehen förmliche Inseln. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Römische Flotten</span></span>: Drusus + Germanicus (12 v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 + n. Chr.). Auf eine andere, nicht recht zu bestimmende + Unternehmung deutet <a href="#cap01" class="tei tei-ref">Kap. + 1</a>. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Säulen + des Herkules</span></span> wie bei Gibraltar (die Klippen von + Helgoland?); hier ist der römische Herkules gemeint. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Niemand versucht</span></span>: nach + Drusus Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.).</p> + </div> + + <div id="anm35" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap35" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 35</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Zum Anfang + dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel + (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts geneigt. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Chauken</span></span> am Meer zwischen Ems + und Elbe. Nach Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere + Friesen, <span class="tei tei-q">„Chauken“</span> ein Ehrenname. Im + Bogen hätten sie die Chatten an der Weser treffen müssen, eine + wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als + armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das + auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum + folgenden Kapitel.</p> + </div> + + <div id="anm36" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap36" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 36</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Zur Seite</span></span> östlich. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Cherusker</span></span> in der Umgebung + des Harzes, früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und + Elbe. Am bekanntesten durch ihren Kampf gegen die Römer: + Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der + <span class="tei tei-q">„Befreier Germaniens“</span>, besiegt auch + Marbod, den König der Markomannen. Bald werden aber die Cherusker + zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe mit den Chatten wüten, + vom Frieden des Tacitus ist keine Rede. <span class="tei tei-pb" + id="page51">[pg 51]</span><a name="Pg051" id="Pg051" class= + "tei tei-anchor"></a>Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker + übertrieben. Nur ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die + späteren Sachsen? <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Fosen</span></span> in der + Wesergegend.</p> + </div> + + <div id="anm37" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap37" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 37</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Kimbern</span></span>: ein Rest also noch + auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem großen Zuge stoßen die + Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 der + catonianischen Ära] nach der Gründung der Stadt – Tacitus hält sich + an die runde Zahl –) auf die Römer unter Papirius Carbo. 107 wird + der Konsul L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul + Servilius Caepio und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei + konsularische Heere; Aurelius Scaurus, gleichfalls geschlagen und + getötet, hatte kein eigenes Heer, und Carbo erlitt nur eine geringe + Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist 98 n. Chr. Diese + Stelle gilt als Beweis für die Abfassung der <span class= + "tei tei-q">„Germania“</span> im gleichen Jahre. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Arsaces</span></span> begründet im + 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom + die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von + den Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die + Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 + v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Selbst dem Caesar</span></span>: Augustus. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nero</span></span> ist Tiberius. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Rüstungen des C. Caesar</span></span>: + Caligula; er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und + triumphiert (40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen + höchst sonderbaren Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod + beginnt der Aufstand der Nordwestgermanen.</p> + </div> + + <div id="anm38" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap38" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 38</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nunmehr</span></span> eröffnet den zweiten + Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, auch die + nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. Aber schon die + Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und + Nordgermanen. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Sueben</span></span> wortgleich mit + <span class="tei tei-q">„Schwaben“</span>. <span class="tei tei-pb" + id="page52">[pg 52]</span><a name="Pg052" id="Pg052" class= + "tei tei-anchor"></a><span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Stammeszeichen</span></span>: der Knoten, + ohne Band, an der rechten Schläfe über dem Ohr ist durch Bilder + bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher wären nach Baumstark im + letzten Satz des <a href="#cap43" class="tei tei-ref">43. + Kapitels</a> Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die + Männer, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn über + dem Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den + <span class="tei tei-q">„Vornehmen“</span>.</p> + </div> + + <div id="anm39" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap39" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 39</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Müllenhoff hält + den Namen <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Semnonen</span></span> für hieratisch: ihr + Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm + behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige Kultus + ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben + festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. + wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein + Zusammenschluß!) an den rätischen Limes und erobern von da ab das + jetzt noch alemannisch-schwäbische Gebiet. Der Vers <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">auguriis – + sacram</span></span> im Deutschen durch <span class= + "tei tei-q">„Zeichen – weihten“</span> wiedergegeben. Vgl. die + allgemeine Einleitung!</p> + </div> + + <div id="anm40" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap40" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 40</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Langobarden</span></span> an der unteren + Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren ins Alföld (ihr <span class= + "tei tei-q">„Feld“</span>) und weiter nach Pannonien und Italien + (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, in + Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln gehen + später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals in + Holstein. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Nerthus</span></span> nicht etwa Hertha + (eine falsche Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde + (<span class="tei tei-hi"><span style="font-style: italic">magna + mater Idaea</span></span>) bezeichnet, weil auch diese auf einem + Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und Wagen reinigt. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Insel</span></span> sicher nicht Rügen, + ebenso der See nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte + Erfindung ist. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Wenn + man es glauben darf</span></span>: also kein Götterbild (<a href= + "#cap09" class="tei tei-ref">Kap. 9</a>).</p> + </div> + + <div id="anm41" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page53">[pg 53]</span><a name="Pg053" + id="Pg053" class="tei tei-anchor"></a> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap41" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 41</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Wie noch zuvor</span></span>: vom + Zehntland bis zu den Chauken (<a href="#cap35" class= + "tei tei-ref">Kap. 35</a>), ja im wesentlichen sogar bis zu dieser + Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung des Rheins; im folgenden + der Westostrichtung der Donau. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Hermunduren</span></span> zwischen Harz + und Erzgebirge, südwärts bis zum Main, vielleicht sogar zur Donau. + Die gute Ausnahme bei den Römern deutet nicht gerade auf + unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches dürfen den + Strom nur an bestimmten Stellen unter Aufsicht überschreiten. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Kolonie</span></span> ist <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">Augusta + Vindelicorum</span></span> (Augsburg). <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Elbe</span></span>: man dachte sich wohl + die Moldau oder Eger oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. + So weit waren römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage + des Varus kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen.</p> + </div> + + <div id="anm42" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap42" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 42</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Varisten</span></span> am Fichtelgebirge, + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Markomannen</span></span> in der großen + <span class="tei tei-q">„Mark“</span> zwischen Main und Donau, die + nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein suebisches Volk. + Marbod führt sie nach Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch + die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet + ein mächtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg + mit den Cheruskern zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. + Später, unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg + der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Böhmen + slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier ist der + Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und + Deutschösterreicher). <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Quaden</span></span> wahrscheinlich mit + den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren + und Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit + den Vandalen nach Spanien. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Stirnwehr</span></span> gegen Rom. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Tudrus</span></span> wahrscheinlich ein + Quadenkönig.</p> + </div> + + <div id="anm43" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <span class="tei tei-pb" id="page54">[pg 54]</span><a name="Pg054" + id="Pg054" class="tei tei-anchor"></a> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap43" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 43</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Noch weiter ab</span></span>: nördlich und + östlich der Markomannen und Quaden, um das schlesische Gebirge. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Eisen</span></span>, das bei den Germanen + so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den + Abgaben zu befreien. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Gebirge</span></span> der östliche Teil + des Herzynischen Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch + Jesenik, Gesenke. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Lugier</span></span> oder Lygier die + Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, + <a href="#cap02" class="tei tei-ref">Kap. 2</a>), der alle hier + genannten Stämme und wohl auch die nicht genannten Burgunder + umfaßt. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer + Name, Müllenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur + Weichsel, heißen später Vandalen, eine Nebenform von <span class= + "tei tei-q">„Vandilier“</span>. Ihre Wanderung führt nach Gallien, + Spanien, Nordafrika. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">In + Frauentracht</span></span>: nur der Haarschmuck oder wirklich + Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem Namen des + Königsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet, + <span class="tei tei-q">„Männer mit Frauenhaar“</span>; das + Königsgeschlecht aber nennt sich nach dem Brüderpaar <span class= + "tei tei-q">„Kastor und Pollux“</span>, einer alten + indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: <span class= + "tei tei-q">„Alken“</span> und <span class= + "tei tei-q">„Hasdingi“</span> soll zusammenhängen. Das Totenheer + und die straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die + allmählich in das Reich des Märchens hinüberführt. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Goten</span></span>, das bedeutendste + ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel + und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis ins + 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt. <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Rugier</span></span> und <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Lemovier</span></span> damals an der + Ostsee zwischen Weichsel und Oder, die Rugier später an der + österreichischen Donau.</p> + </div> + + <div id="anm44" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap44" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 44</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">In der + Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte + Vorstellung hatte. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Suionen</span></span> sind Schweden, + Skandinavien gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier + beschriebenen, noch heute <span class="tei tei-pb" id="page55">[pg + 55]</span><a name="Pg055" id="Pg055" class="tei tei-anchor"></a>bei + den Norwegern als Scherenboote gebaut. <span class="tei tei-hi" + style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Reichtum</span></span>: Geldgier führt zur + Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten Herrscher + gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum + verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar + keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, und dann + sind alle Waffen verschlossen (<a href="#cap40" class= + "tei tei-ref">Kap. 40</a>). Vielleicht haben Südgermanen, die den + Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis verschuldet. + Steigerung gegenüber der Königsmacht der Goten!</p> + </div> + + <div id="anm45" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap45" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 45</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Jenseits</span></span> nördlich. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Starr</span></span>: Pytheas von Massilia + berichtet, es gebe eine <span lang="el" class="tei tei-foreign" + xml:lang="el"><span style= + "font-family: Gentium, 'New Athena Unicode', 'DejaVu Serif', 'Lucida Grande', 'Arial Unicode MS', 'Palatino Linotype', serif"> + θάλασσα πεπηγυῖα</span></span>, ein geronnenes Meer (im Mittelalter + die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der + Mitternachtssonne! <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Der + Erdkreis</span></span> ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, + daß man ihre Rosse und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes + wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt nach altem Glauben. + <span class="tei tei-q">„Tönend wird für Geistesohren schon der + neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!“</span> + (Faust). <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style="letter-spacing: 0.20em">Nun + denn</span></span>: der Bericht geht wieder zu einer bekannten + Gegend über. Die <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">rechte</span></span> Küste ist nach der + Westostrichtung die der Ostsee. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Ästier</span></span> sind die Litauer; + erst später geht der Name auf die finnischen Esthen über. Das + Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen sind; die + Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Bernstein</span></span>, ein uralter + Schmuck, wird über die <span class= + "tei tei-q">„Bernsteinwege“</span> zu Land und zur See nach + Südeuropa gebracht. Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die + Anschauung, daß von den Enden der Welt kostbare Schätze kommen, bei + Herodot. <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">glesum</span></span>: Glas, das Glänzende. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Landtiere</span></span>: Martial nennt die + Viper. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Sitonen</span></span> östlich von den + Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches <span class= + "tei tei-hi"><span style="font-style: italic">qêns</span></span>, + Weib, <span class="tei tei-hi"><span style= + "font-style: italic">queen</span></span>): daher der Bericht über + die Frauenherrschaft. Höhe<span class="tei tei-pb" id="page56">[pg + 56]</span><a name="Pg056" id="Pg056" class= + "tei tei-anchor"></a>punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen + immer unbeschränkter regiert, immer märchenhafter bis zur + Frauenherrschaft.</p> + </div> + + <div id="anm46" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span class="tei tei-hi" style="text-align: center"><a href= + "#cap46" class="tei tei-ref" style= + "text-align: center"><span style="font-size: 100%; font-style: normal; font-weight: 400"> + 46</span></a></span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Peuciner</span></span> ein anderer Name + für die Bastarner, das östlichste Germanenvolk (von der Weichsel + durch Galizien hin zur Donaumündung), auch das zuerst, schon den + Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Veneter</span></span> Wenden, das + germanische Wort für Slaven. <span class="tei tei-hi" style= + "margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Fennen</span></span>: Finnen. Die + Schilderung bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die + <span class="tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Hellusier</span></span> sollen + <span class="tei tei-q">„Hirschartige“</span>, die <span class= + "tei tei-hi" style="margin-right: -0.20em"><span style= + "letter-spacing: 0.20em">Oxioner</span></span> <span class= + "tei tei-q">„Ochsenartige“</span> sein, vielleicht nach den + Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel.</p> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pg057" id="Pg057" class= + "tei tei-anchor"></a> <a name="toc54" id="toc54"></a> <a name= + "pdf55" id="pdf55"></a> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"></p> + + <div class="tei tei-figure" style="text-align: center"><img src= + "images/map_th.png" alt= + "Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania" /></div> + + <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pg058" id="Pg058" class= + "tei tei-anchor"></a> + </div> + <hr class="page" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <div class="tei tei-pb"></div><a name="Pg059" id="Pg059" class= + "tei tei-anchor"></a> + + <p class="tei tei-p" style= + "text-align: center; margin-bottom: 1.00em">Druck der + Spamerschen<br /> + Buchdruckerei, Leipzig</p> + </div> + </div> + </div> + + <div class="tei tei-back" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 6.00em"> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="boxed tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <a name="toc56" id="toc56"></a><a name="pdf57" id="pdf57"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Bemerkungen zur Textgestalt</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Die + Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in + ihr einzelne Wörter aus fremden Sprachen (hier kursiv + wiedergegeben).</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Variationen bei + Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Korrektur eines + offensichtlichen Druckfehlers:</p> + + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style= + "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><a href="#corr045" class= + "tei tei-ref">Seite 45</a>: „Göttinen“ geändert in + „Göttinnen“</td> + </tr> + </tbody> + </table> + </div> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 5.00em; margin-top: 5.00em"> + <div id="pgfooter" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 4.00em; margin-top: 4.00em"> + <pre class="pre tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** +</pre> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> + <a name="rightpageheader58" id="rightpageheader58"></a><a name= + "pgtoc59" id="pgtoc59"></a><a name="pdf60" id="pdf60"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">Credits</span></h1> + + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" style= + "margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr> + <th class="tei tei-label tei-label-gloss">April 29, + 2012 </th> + </tr> + + <tr> + <td class="tei tei-item tei-item-gloss"> + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" + style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item">Project Gutenberg TEI + edition 1</td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label"></th> + + <td class="tei tei-item"><span class= + "tei tei-respStmt"><span class= + "tei tei-resp">Produced by <span class= + "tei tei-name">Norbert H. Langkau</span> and the + Online Distributed Proofreading Team at + http://www.pgdp.net</span></span></td> + </tr> + </tbody> + </table> + </td> + </tr> + </tbody> + </table> + </div> + <hr class="doublepage" /> + + <div class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> + <a name="rightpageheader61" id="rightpageheader61"></a><a name= + "pgtoc62" id="pgtoc62"></a><a name="pdf63" id="pdf63"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">A Word from Project + Gutenberg</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This file + should be named 39573-h.html or 39573-h.zip.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This and all + associated files of various formats will be found in: <a href= + "http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/7/39573/" class= + "block tei tei-xref" style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <span style= + "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span><span style= + "font-size: 90%">/dirs/3/9/5/7/39573/</span></a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Updated + editions will replace the previous one — the old editions will be + renamed.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Creating the + works from public domain print editions means that no one owns a + United States copyright in these works, so the Foundation (and + you!) can copy and distribute it in the United States without + permission and without paying copyright royalties. Special rules, + set forth in the General Terms of Use part of this license, apply + to copying and distributing Project Gutenberg™ electronic works + to protect the Project Gutenberg™ concept and trademark. Project + Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you + charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If + you do not charge anything for copies of this eBook, complying + with the rules is very easy. You may use this eBook for nearly + any purpose such as creation of derivative works, reports, + performances and research. They may be modified and printed and + given away — you may do practically <em class= + "tei tei-emph"><span style= + "font-style: italic">anything</span></em> with public domain + eBooks. Redistribution is subject to the trademark license, + especially commercial redistribution.</p> + </div> + <hr class="page" /> + + <div id="pglicense" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 3.00em; margin-top: 3.00em"> + <a name="rightpageheader64" id="rightpageheader64"></a><a name= + "pgtoc65" id="pgtoc65"></a><a name="pdf66" id="pdf66"></a> + + <h1 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 3.46em; margin-top: 3.46em"> + <span style="font-size: 173%">The Full Project Gutenberg + License</span></h1> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><em class= + "tei tei-emph"><span style="font-style: italic">Please read this + before you distribute or use this work.</span></em></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">To protect the + Project Gutenberg™ mission of promoting the free distribution of + electronic works, by using or distributing this work (or any + other work associated in any way with the phrase <span class= + "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span>), you agree to comply with + all the terms of the Full Project Gutenberg™ License (<a href= + "#pglicense" class="tei tei-ref">available with this file</a> or + online at <a href="http://www.gutenberg.org/license" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/license</a>).</p> + + <div id="pglicense1" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 1.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">General Terms of Use & + Redistributing Project Gutenberg™ electronic works</span></h2> + + <div id="pglicense1A" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.A.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">By reading + or using any part of this Project Gutenberg™ electronic work, + you indicate that you have read, understand, agree to and + accept all the terms of this license and intellectual + property (trademark/copyright) agreement. If you do not agree + to abide by all the terms of this agreement, you must cease + using and return or destroy all copies of Project Gutenberg™ + electronic works in your possession. If you paid a fee for + obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg™ + electronic work and you do not agree to be bound by the terms + of this agreement, you may obtain a refund from the person or + entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph + <a href="#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8.</a></p> + </div> + + <div id="pglicense1B" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.B.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + <span class="tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> is a + registered trademark. It may only be used on or associated in + any way with an electronic work by people who agree to be + bound by the terms of this agreement. There are a few things + that you can do with most Project Gutenberg™ electronic works + even without complying with the full terms of this agreement. + See paragraph <a href="#pglicense1C" class= + "tei tei-ref">1.C</a> below. There are a lot of things you + can do with Project Gutenberg™ electronic works if you follow + the terms of this agreement and help preserve free future + access to Project Gutenberg™ electronic works. See paragraph + <a href="#pglicense1E" class="tei tei-ref">1.E</a> below.</p> + </div> + + <div id="pglicense1C" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.C.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + Project Gutenberg Literary Archive Foundation (<span class= + "tei tei-q">„the Foundation“</span> or PGLAF), owns a + compilation copyright in the collection of Project Gutenberg™ + electronic works. Nearly all the individual works in the + collection are in the public domain in the United States. If + an individual work is in the public domain in the United + States and you are located in the United States, we do not + claim a right to prevent you from copying, distributing, + performing, displaying or creating derivative works based on + the work as long as all references to Project Gutenberg are + removed. Of course, we hope that you will support the Project + Gutenberg™ mission of promoting free access to electronic + works by freely sharing Project Gutenberg™ works in + compliance with the terms of this agreement for keeping the + Project Gutenberg™ name associated with the work. You can + easily comply with the terms of this agreement by keeping + this work in the same format with its attached full Project + Gutenberg™ License when you share it without charge with + others.</p> + </div> + + <div id="pglicense1D" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.D.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + copyright laws of the place where you are located also govern + what you can do with this work. Copyright laws in most + countries are in a constant state of change. If you are + outside the United States, check the laws of your country in + addition to the terms of this agreement before downloading, + copying, displaying, performing, distributing or creating + derivative works based on this work or any other Project + Gutenberg™ work. The Foundation makes no representations + concerning the copyright status of any work in any country + outside the United States.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.E.</span></h3> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Unless you + have removed all references to Project Gutenberg:</p> + + <div id="pglicense1E1" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.1.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + following sentence, with active links to, or other + immediate access to, the full Project Gutenberg™ License + must appear prominently whenever any copy of a Project + Gutenberg™ work (any work on which the phrase <span class= + "tei tei-q">„Project Gutenberg“</span> appears, or with + which the phrase <span class="tei tei-q">„Project + Gutenberg“</span> is associated) is accessed, displayed, + performed, viewed, copied or distributed:</p> + + <div class="block tei tei-q" style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 0.90em"> + <span style="font-size: 90%">This eBook is for the use of + anyone anywhere at no cost and with almost no restrictions + whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it + under the terms of the Project Gutenberg License included + with this eBook or online at</span> <a href= + "http://www.gutenberg.org" class= + "tei tei-xref"><span style="font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p> + </div> + </div> + + <div id="pglicense1E2" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.2.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an + individual Project Gutenberg™ electronic work is derived + from the public domain (does not contain a notice + indicating that it is posted with permission of the + copyright holder), the work can be copied and distributed + to anyone in the United States without paying any fees or + charges. If you are redistributing or providing access to a + work with the phrase <span class="tei tei-q">„Project + Gutenberg“</span> associated with or appearing on the work, + you must comply either with the requirements of paragraphs + <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> + through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work + and the Project Gutenberg™ trademark as set forth in + paragraphs <a href="#pglicense1E8" class= + "tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E3" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.3.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If an + individual Project Gutenberg™ electronic work is posted + with the permission of the copyright holder, your use and + distribution must comply with both paragraphs <a href= + "#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1</a> through 1.E.7 + and any additional terms imposed by the copyright holder. + Additional terms will be linked to the Project Gutenberg™ + License for all works posted with the permission of the + copyright holder found at the beginning of this work.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E4" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.4.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not + unlink or detach or remove the full Project Gutenberg™ + License terms from this work, or any files containing a + part of this work or any other work associated with Project + Gutenberg™.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E5" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.5.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not + copy, display, perform, distribute or redistribute this + electronic work, or any part of this electronic work, + without prominently displaying the sentence set forth in + paragraph <a href="#pglicense1E1" class= + "tei tei-ref">1.E.1</a> with active links or immediate + access to the full terms of the Project Gutenberg™ + License.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E6" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.6.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may + convert to and distribute this work in any binary, + compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, + including any word processing or hypertext form. However, + if you provide access to or distribute copies of a Project + Gutenberg™ work in a format other than <span class= + "tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or other format + used in the official version posted on the official Project + Gutenberg™ web site (http://www.gutenberg.org), you must, + at no additional cost, fee or expense to the user, provide + a copy, a means of exporting a copy, or a means of + obtaining a copy upon request, of the work in its original + <span class="tei tei-q">„Plain Vanilla ASCII“</span> or + other form. Any alternate format must include the full + Project Gutenberg™ License as specified in paragraph + <a href="#pglicense1E1" class="tei tei-ref">1.E.1.</a></p> + </div> + + <div id="pglicense1E7" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.7.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Do not + charge a fee for access to, viewing, displaying, + performing, copying or distributing any Project Gutenberg™ + works unless you comply with paragraph <a href= + "#pglicense1E8" class="tei tei-ref">1.E.8</a> or 1.E.9.</p> + </div> + + <div id="pglicense1E8" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.8.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">You may + charge a reasonable fee for copies of or providing access + to or distributing Project Gutenberg™ electronic works + provided that</p> + + <table summary="This is a list." class="tei tei-list" + style="margin-bottom: 1.00em; margin-top: 1.00em"> + <tbody> + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You pay a royalty fee of 20% of the gross profits + you derive from the use of Project Gutenberg™ works + calculated using the method you already use to + calculate your applicable taxes. The fee is owed to + the owner of the Project Gutenberg™ trademark, but + he has agreed to donate royalties under this + paragraph to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation. Royalty payments must be paid within 60 + days following each date on which you prepare (or + are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked + as such and sent to the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation at the address specified in + <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">Section + 4, <span class="tei tei-q">„Information about + donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation.“</span></a></p> + </td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You provide a full refund of any money paid by a + user who notifies you in writing (or by e-mail) + within 30 days of receipt that s/he does not agree + to the terms of the full Project Gutenberg™ + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a + physical medium and discontinue all use of and all + access to other copies of Project Gutenberg™ + works.</p> + </td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You provide, in accordance with paragraph <a href= + "#pglicense1F3" class="tei tei-ref">1.F.3</a>, a + full refund of any money paid for a work or a + replacement copy, if a defect in the electronic + work is discovered and reported to you within 90 + days of receipt of the work.</p> + </td> + </tr> + + <tr class="tei tei-labelitem"> + <th class="tei tei-label">• </th> + + <td class="tei tei-item"> + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + You comply with all other terms of this agreement + for free distribution of Project Gutenberg™ + works.</p> + </td> + </tr> + </tbody> + </table> + </div> + + <div id="pglicense1E9" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.E.9.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">If you + wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg™ + electronic work or group of works on different terms than + are set forth in this agreement, you must obtain permission + in writing from both the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation and Michael Hart, the owner of the Project + Gutenberg™ trademark. Contact the Foundation as set forth + in <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">Section 3</a> + below.</p> + </div> + </div> + + <div id="pglicense1F" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h3 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">1.F.</span></h3> + + <div id="pglicense1F1" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.1.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg volunteers and employees expend considerable + effort to identify, do copyright research on, transcribe + and proofread public domain works in creating the Project + Gutenberg™ collection. Despite these efforts, Project + Gutenberg™ electronic works, and the medium on which they + may be stored, may contain <span class= + "tei tei-q">„Defects,“</span> such as, but not limited to, + incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription + errors, a copyright or other intellectual property + infringement, a defective or damaged disk or other medium, + a computer virus, or computer codes that damage or cannot + be read by your equipment.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F2" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.2.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED + WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES — Except for the + <span class="tei tei-q">„Right of Replacement or + Refund“</span> described in <a href="#pglicense1F3" class= + "tei tei-ref">paragraph 1.F.3</a>, the Project Gutenberg + Literary Archive Foundation, the owner of the Project + Gutenberg™ trademark, and any other party distributing a + Project Gutenberg™ electronic work under this agreement, + disclaim all liability to you for damages, costs and + expenses, including legal fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO + REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT LIABILITY, BREACH OF + WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE PROVIDED IN + PARAGRAPH F3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE TRADEMARK + OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE + LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, + PUNITIVE OR INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF + THE POSSIBILITY OF SUCH DAMAGE.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F3" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.3.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">LIMITED + RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND — If you discover a defect + in this electronic work within 90 days of receiving it, you + can receive a refund of the money (if any) you paid for it + by sending a written explanation to the person you received + the work from. 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If the second copy + is also defective, you may demand a refund in writing + without further opportunities to fix the problem.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F4" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.4.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Except + for the limited right of replacement or refund set forth in + <a href="#pglicense1F3" class="tei tei-ref">paragraph + 1.F.3</a>, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO + OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING + BUT NOT LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS + FOR ANY PURPOSE.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F5" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.5.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Some + states do not allow disclaimers of certain implied + warranties or the exclusion or limitation of certain types + of damages. If any disclaimer or limitation set forth in + this agreement violates the law of the state applicable to + this agreement, the agreement shall be interpreted to make + the maximum disclaimer or limitation permitted by the + applicable state law. The invalidity or unenforceability of + any provision of this agreement shall not void the + remaining provisions.</p> + </div> + + <div id="pglicense1F6" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h4 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + 1.F.6.</h4> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + INDEMNITY — You agree to indemnify and hold the Foundation, + the trademark owner, any agent or employee of the + Foundation, anyone providing copies of Project Gutenberg™ + electronic works in accordance with this agreement, and any + volunteers associated with the production, promotion and + distribution of Project Gutenberg™ electronic works, + harmless from all liability, costs and expenses, including + legal fees, that arise directly or indirectly from any of + the following which you do or cause to occur: (a) + distribution of this or any Project Gutenberg™ work, (b) + alteration, modification, or additions or deletions to any + Project Gutenberg™ work, and (c) any Defect you cause.</p> + </div> + </div> + </div> + + <div id="pglicense2" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 2.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">Information about the Mission of + Project Gutenberg™</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg™ is synonymous with the free distribution of + electronic works in formats readable by the widest variety of + computers including obsolete, old, middle-aged and new + computers. It exists because of the efforts of hundreds of + volunteers and donations from people in all walks of life.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Volunteers + and financial support to provide volunteers with the assistance + they need, is critical to reaching Project Gutenberg™'s goals + and ensuring that the Project Gutenberg™ collection will remain + freely available for generations to come. In 2001, the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a + secure and permanent future for Project Gutenberg™ and future + generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary + Archive Foundation and how your efforts and donations can help, + see Sections <a href="#pglicense3" class="tei tei-ref">3</a> + and <a href="#pglicense4" class="tei tei-ref">4</a> and the + Foundation web page at <a href="http://www.pglaf.org" class= + "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a>.</p> + </div> + + <div id="pglicense3" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 3.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">Information about the Project + Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The Project + Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) + educational corporation organized under the laws of the state + of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal + Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax + identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is + posted at <a href="http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf" + class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf</a>. + Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation are tax deductible to the full extent permitted by + U.S. federal laws and your state's laws.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. + S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees + are scattered throughout numerous locations. Its business + office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT + 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact + links and up to date contact information can be found at the + Foundation's web site and official page at <a href= + "http://www.pglaf.org" class= + "tei tei-xref">http://www.pglaf.org</a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">For + additional contact information:</p> + + <div class="block tei tei-address" style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <span class="tei tei-addrLine"><span style= + "font-size: 90%">Dr. Gregory + B. Newby</span></span><br /> + <span class="tei tei-addrLine"><span style= + "font-size: 90%">Chief Executive and + Director</span></span><br /> + <span class="tei tei-addrLine"><span style= + "font-size: 90%">gbnewby@pglaf.org</span></span><br /> + </div> + </div> + + <div id="pglicense4" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 4.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">Information about Donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg™ depends upon and cannot survive without wide spread + public support and donations to carry out its mission of + increasing the number of public domain and licensed works that + can be freely distributed in machine readable form accessible + by the widest array of equipment including outdated equipment. + Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important + to maintaining tax exempt status with the IRS.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">The + Foundation is committed to complying with the laws regulating + charities and charitable donations in all 50 states of the + United States. Compliance requirements are not uniform and it + takes a considerable effort, much paperwork and many fees to + meet and keep up with these requirements. We do not solicit + donations in locations where we have not received written + confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the + status of compliance for any particular state visit <a href= + "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">While we + cannot and do not solicit contributions from states where we + have not met the solicitation requirements, we know of no + prohibition against accepting unsolicited donations from donors + in such states who approach us with offers to donate.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"> + International donations are gratefully accepted, but we cannot + make any statements concerning tax treatment of donations + received from outside the United States. U.S. laws alone swamp + our small staff.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Please check + the Project Gutenberg Web pages for current donation methods + and addresses. Donations are accepted in a number of other ways + including checks, online payments and credit card donations. To + donate, please visit: <a href= + "http://www.gutenberg.org/fundraising/donate" class= + "tei tei-xref">http://www.gutenberg.org/fundraising/donate</a></p> + </div> + + <div id="pglicense5" class="tei tei-div" style= + "margin-bottom: 2.00em; margin-top: 2.00em"> + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.88em; margin-top: 2.88em"> + <span style="font-size: 144%">Section 5.</span></h2> + + <h2 class="tei tei-head" style= + "text-align: center; margin-bottom: 2.40em; margin-top: 2.40em"> + <span style="font-size: 120%">General Information About Project + Gutenberg™ electronic works.</span></h2> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em"><span class= + "tei tei-name">Professor Michael S. Hart</span> is the + originator of the Project Gutenberg™ concept of a library of + electronic works that could be freely shared with anyone. For + thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg™ + eBooks with only a loose network of volunteer support.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Project + Gutenberg™ eBooks are often created from several printed + editions, all of which are confirmed as Public Domain in the + U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not + necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper + edition.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Each eBook + is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook + number, often in several formats including plain vanilla ASCII, + compressed (zipped), HTML and others.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Corrected + <em class="tei tei-emph"><span style= + "font-style: italic">editions</span></em> of our eBooks replace + the old file and take over the old filename and etext number. + The replaced older file is renamed. <em class= + "tei tei-emph"><span style= + "font-style: italic">Versions</span></em> based on separate + sources are treated as new eBooks receiving new filenames and + etext numbers.</p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">Most people + start at our Web site which has the main PG search facility: + <a href="http://www.gutenberg.org" class="block tei tei-xref" + style= + "margin-bottom: 1.80em; margin-left: 3.60em; margin-top: 1.80em; margin-right: 3.60em"> + <span style= + "font-size: 90%">http://www.gutenberg.org</span></a></p> + + <p class="tei tei-p" style="margin-bottom: 1.00em">This Web + site includes information about Project Gutenberg™, including + how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to + subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p> + </div> + </div> + </div> + </div> + </div> + </div> +</body> +</html> diff --git a/39573-h/images/cover.jpg b/39573-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1b5da9a --- /dev/null +++ b/39573-h/images/cover.jpg diff --git a/39573-h/images/map_th.png b/39573-h/images/map_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a604199 --- /dev/null +++ b/39573-h/images/map_th.png diff --git a/39573-h/images/signet.png b/39573-h/images/signet.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8e29c03 --- /dev/null +++ b/39573-h/images/signet.png diff --git a/39573-pdf.pdf b/39573-pdf.pdf Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..e10c325 --- /dev/null +++ b/39573-pdf.pdf diff --git a/39573-pdf.zip b/39573-pdf.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d806a0a --- /dev/null +++ b/39573-pdf.zip diff --git a/39573-tei.zip b/39573-tei.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..2cbf618 --- /dev/null +++ b/39573-tei.zip diff --git a/39573-tei/39573-tei.tei b/39573-tei/39573-tei.tei new file mode 100644 index 0000000..825a897 --- /dev/null +++ b/39573-tei/39573-tei.tei @@ -0,0 +1,2360 @@ +<?xml version="1.0" encoding="UTF-8" ?> +<!DOCTYPE TEI.2 SYSTEM "http://www.gutenberg.org/tei/marcello/0.4/dtd/pgtei.dtd"> +<TEI.2 lang="de"> + <teiHeader> + <fileDesc> + <titleStmt> + <title>Die Germania</title> + <author><name reg="Tacitus, Cornelius">Cornelius Tacitus</name></author> + </titleStmt> + <publicationStmt> + <publisher>Project Gutenberg</publisher> + <date value="2012-04-29">April 29, 2012</date> + <idno type='etext-no'>39573</idno> + <availability> + <p>This eBook is for the use of anyone anywhere + at no cost and with almost no restrictions whatsoever. + You may copy it, give it away or re-use it under + the terms of the Project Gutenberg License online at + www.gutenberg.org/license</p> + </availability> + </publicationStmt> + <sourceDesc> + <bibl> + <title>Die Germania</title> + <author><name reg="Tacitus, Cornelius">Cornelius Tacitus</name></author> + <imprint> + <pubPlace>Leipzig</pubPlace> + <publisher>Insel-Verlag</publisher> + </imprint> + </bibl> + </sourceDesc> + </fileDesc> + <encodingDesc> + </encodingDesc> + <profileDesc> + <langUsage> + <language id="it" /> + <language id="fr" /> + <language id="en" /> + <language id="de" /> + <language id="el" /> + </langUsage> + </profileDesc> + <revisionDesc> + <change> + <date value="2012-04-29">April 29, 2012</date> + <respStmt> + <resp>Produced by <name>Norbert H. 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Das übrige umfließt in weiten +Buchten der Oceanus, unermeßliche Inseln umfangend; +dort sind einige Völkerschaften und Herrscher neulich bekannt +geworden, die ein Kriegszug erschloß. Der Rhein entspringt +einem unzugänglich jähen Hang der Rätischen Alpen, wendet +sich in mäßiger Biegung gegen Westen und mündet ins +nördliche Meer. Die Donau strömt in dem sanft und gemächlich +ansteigenden Gebirgszug Abnoba hervor und kommt +an mancherlei Völker heran, bis sie ins Pontische Meer in +sechs Mündungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf verliert +sich in Sümpfen. +</p> +</div> + <div id="cap02"> + <index index="pdf" level1="2"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm02">2</ref></hi></head> + +<p> +Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein +und ganz und gar nicht berührt durch Zuzug oder Aufnahme +aus fremden Stämmen. Denn nicht zu Lande, sondern auf +vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die einen +neuen Wohnsitz suchten; und ins unermeßliche Meer dort +droben, in eine, ich möchte sagen andere Welt gelangen +Fahrzeuge aus unserem Erdkreis kaum. Und wer hätte denn +auch, ungerechnet die Gefahr auf dem schauerlichen, unbekannten +Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und +nach Germanien ziehen mögen, in ein ungestaltes Land unter +rauhem Himmel, wüst zu bewohnen und anzuschauen für +alle, die da nicht heimisch sind? +</p> + +<p> +Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmälern +ihrer Überlieferung und Geschichte, einen erdgeborenen Gott +<pb n='4'/><anchor id='Pg004'/>Tuisto und seinen Sohn Mannus, den Urvater und Begründer +ihres Stammes. Mannus habe drei Söhne gehabt, nach +denen die Völker nächst dem Nordmeer Ingävonen, die im +Innern Herminonen, die übrigen Istävonen genannt +würden. Andere behaupten (spielt doch hier fernste Sage +und Willkür), es habe mehr Söhne des Gottes, also auch +mehr Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, +Sueben, Vandilier, und das seien echte alte Namen. Das +Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor einiger Zeit +aufgekommen: die ersten, die den Rhein überschritten und +die Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen +genannt worden, und allmählich habe sich der Name eines +einzelnen Stammes und nicht eines Volkes behauptet. So +nämlich, daß zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung +zuliebe, der großen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt +und daß die ihn dann angenommen und sich wirklich Germanen +genannt hätten. +</p> +</div> + <div id="cap03"> + <index index="pdf" level1="3"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm03">3</ref></hi></head> + +<p> +Es heißt auch, daß Herkules bei ihnen gewesen sei, und +sie singen von ihm als dem ersten aller Tapferen, wenn sie +in den Kampf ziehen. Noch eine Art Schlachtgesang haben +sie, dessen Vortrag, <hi rend='antiqua'>barditus</hi> genannt, sie befeuert, ja den +Ausgang der kommenden Schlacht in dem bloßen Klang +ahnen läßt; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem +es durch die Reihen dröhnt, gleich als wäre das nicht +so sehr der Hall ihrer Stimmen als ihres Heldenmuts. Ein +gewollt rauher Schall, ein jäh abbrechendes Brausen entsteht, +wenn sie die Schilde vor den Mund halten, daß die +Stimme rückprallend noch voller und tiefer schwelle. +</p> + +<p> +Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen +<pb n='5'/><anchor id='Pg005'/>sagenreichen Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, +germanische Länder betreten; Asciburgium, am Ufer des +Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von ihm gegründet +und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes +errichtet, auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei +vorzeiten an diesem selben Ort aufgefunden worden, und +etliche Denk- und Grabmäler mit griechischer Schrift gäbe +es in der germanisch-rätischen Grenzmark noch heute. Dies +alles mit Gründen zu stützen oder abzuweisen, habe ich nicht +im Sinn: man schenke oder versage dem Glauben, wie es +jedem beliebt. +</p> +</div> + <div id="cap04"> + <index index="pdf" level1="4"/> +<head><hi rend="kapitel">4</hi></head> + +<p> +Selber schließe ich mich denen an, die Germaniens +Stämme, rein und vor jeglicher Mischung mit Fremden +bewahrt, für ein eigenes, unverfälschtes, keinem anderen +vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der +großen Menschenzahl, überall der gleiche Schlag: hellblaue +trotzige Augen, rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu +Tat und ungestümem Drängen taugend; mühsamer Arbeit +sind sie nicht in gleichem Maße gewachsen. Durst und Hitze +können sie gar nicht vertragen, Kälte aber und Hunger sind +sie in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt. +</p> +</div> + <div id="cap05"> + <index index="pdf" level1="5"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm05">5</ref></hi></head> + +<p> +Das Land sieht wohl nicht überall gleich aus; doch allenthalben +starrt schrecklicher Urwald, dehnen sich häßliche +Sümpfe. Es ist feuchter gegen Gallien hin, windiger gegen +Noricum und Pannonien: Saatgut trägt es, Fruchtbäume +gedeihen nicht, Vieh ist häufig, aber meist unansehnlich. +Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und +ihren Schmuck an der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, +<pb n='6'/><anchor id='Pg006'/>nur sie bildet das einzige und ein sehr geschätztes Vermögen. +Silber und Gold haben die Götter ihnen nicht vergönnt (ob +wohl aus Gunst oder Zorn?), doch möchte ich nicht behaupten, +daß Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer +hätte danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht +ihnen jedesfalls nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes +Gerät sehen (wie es ihre Gesandten und Fürsten als Geschenk +erhalten), das sie nicht höher achten als irdenes. Nur die +Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und Silber +zu schätzen, erkennen gewisse Prägungen unseres Geldes als +echt an und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt +es beim einfachen alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen +sie nur das alte, wohlbekannte gern, die Münzen mit gezahntem +Rand und die mit dem Zweigespann. Auch halten +sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer +Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermünzen +besser dient, wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln. +</p> +</div> + <div id="cap06"> + <index index="pdf" level1="6"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm06">6</ref></hi></head> + +<p> +Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen +zum Angriff zeigen. Wenige führen Schwerter oder längere +Spieße; meist brauchen sie Speere (wie sie sagen, Framen) +mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so scharf und so +handlich, daß sie dieselbe Waffe, je nach Bedürfnis, im Nah- +wie im Fernkampf verwenden können. Der Reiter begnügt +sich mit Schild und Frame, das Fußvolk schleudert auch Geschosse, +jeder gleich mehrere, und wirft, nackt oder nur im +leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Rüstung prunkt nicht; +nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den buntesten +Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder +nur einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch +Schön<pb n='7'/><anchor id='Pg007'/>heit, nicht durch Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie +werden auch nicht wie bei uns zu vielerlei Wendungen abgerichtet: +man treibt sie geradeaus oder schwenkt nur einmal +nach rechts, in streng geschlossener Linie, so daß niemand zurückbleibt. +Im ganzen ruht die größere Kraft im Fußvolk; +darum streitet auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges +Fußvolk, aus der gesamten Jungmannschaft erlesen, dem +Reiterkampf schmiegsam anpaßt, vor der übrigen Hauptmacht. +Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert +aus jedem Gau, und Hunderter heißen sie bei den Ihren. +Was also zuerst Zahl war, ist nun Name und Ehrenname +geworden. +</p> + +<p> +Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze +weichen gilt, wenn man nur wieder vordringt, eher für klug +und nicht als Feigheit. Ihre Verwundeten bringen sie auch +in bedenklichen Kämpfen in Sicherheit. Den Schild im +Stiche zu lassen, ist der ärgste Frevel. Ein derart Ehrloser +darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, +der im Kriege davonkam, hat seine Schmach mit einer +Schlinge beendet. +</p> +</div> + <div id="cap07"> + <index index="pdf" level1="7"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm07">7</ref></hi></head> + +<p> +Könige wählt man nach ihrem Adel, Führer nach ihrer +Tapferkeit. Doch auch der Könige Macht ist nicht ohne +Schranken, nicht Willkür, und die Führer wirken weit mehr +durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie überall zur +Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kämpfen +und zur Bewunderung fortreißen. Auch ist es ihnen +nicht erlaubt, über Leben und Tod zu richten, noch fesseln +zu lassen; ja selbst zu Schlägen verurteilen dürfen nur +Priester, gleichsam als geschähe es nicht zur Strafe noch +<pb n='8'/><anchor id='Pg008'/>auf Befehl des Führers, sondern gewissermaßen auf Geheiß +der Gottheit, die nach germanischem Glauben über den +Streitenden waltet. So nehmen sie auch Bilder und gewisse +Götterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und ein +besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, daß nicht +ein Ungefähr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader +und Keile entstehen läßt, sondern daß Familien und +Sippen zusammenhalten. Dann sind auch für jeden seine +Lieben ganz nahe, und da hört er das schrille Geschrei der +Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten +Zeugen, hier das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin +kommt er mit seinen Wunden, und die schrecken nicht +zurück, zählen und prüfen sie ihm und bringen den Kämpfern +Speise und Zuspruch. +</p> +</div> + <div id="cap08"> + <index index="pdf" level1="8"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm08">8</ref></hi></head> + +<p> +Es ist uns überliefert, daß Frauen, mehr als einmal, schon +wankende und weichende Reihen durch ihr unablässiges Flehen, +die Brüste entblößend und auf die drohende Gefangenschaft +deutend, wieder hergestellt haben. Denn ihre Frauen +gefangen zu denken, ist ihnen ganz unerträglich, und das geht +so weit, daß Völkerschaften, die unter ihren Geiseln auch +adlige Mädchen stellen müssen, wirksamer gebunden sind. +Ja, sie schreiben den Frauen etwas Heiliges, Seherisches zu +und verschmähen nicht ihren Rat, überhören nicht ihren Bescheid. +Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus +Zeit Veleda weit und breit als göttliches Wesen galt. +Aber auch früher haben sie Albruna und manche andre Frau +verehrt, doch nicht aus Schmeichelei, noch als machten sie +Göttinnen aus ihnen. +</p> + +</div> + <div id="cap09"> +<pb n='9'/><anchor id='Pg009'/> +<index index="pdf" level1="9"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm09">9</ref></hi></head> + +<p> +Unter den Göttern verehren sie am höchsten den Mercurius; +sie glauben, ihm an bestimmten Festen auch Menschenopfer +bringen zu dürfen. Mars und Herkules versöhnen sie +nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient auch +der Isis. Anlaß und Ursprung dieser fremden Anbetung +kann ich nicht recht erklären; nur zeigt gerade das Sinnbild, +einem Liburnerschiff gleichend, daß sie über die See eingedrungen +ist. Übrigens widerstrebt es ihrer Anschauung von +der Größe der Himmlischen, die Götter in Mauern zu sperren +und mit menschlichen Zügen abzubilden. Sie weihen ihnen +Wälder und Haine und rufen mit Götternamen jene geheime +Macht an, die sie nur in entrückter Andacht schauen. +</p> +</div> + <div id="cap10"> + <index index="pdf" level1="10"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm10">10</ref></hi></head> + +<p> +Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur +irgendein Volk. Das Verfahren beim Losen ist einfach. Sie +schneiden den Zweig von einem wilden Fruchtbaum zu +Stäbchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und streuen +sie aufs Geratewohl über ein weißes Tuch hin. Dann hebt, +wenn in gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, +wenn in Sachen einzelner, das Familienhaupt, mit +einem Gebet zu den Göttern gegen Himmel aufblickend, +nacheinander drei Stäbchen auf und deutet sie gemäß +dem zuvor eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht günstig, so +wird in derselben Sache am gleichen Tage nicht mehr befragt, +wenn aber günstig, noch die Bestätigung durch Vorzeichen +gefordert. Und zwar ist auch hier geläufig, Vogelstimmen +und Vogelflug zu erkunden: eigentümlich aber ist +diesem Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von +Pferden zu achten. In den gleichen Hainen und Wäldern, +<pb n='10'/><anchor id='Pg010'/>deren ich schon gedachte, werden auf Kosten der Gemeinschaft +weiße Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit berührt. +Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und +der Priester mit dem König oder Fürsten geht nebenher und +merkt auf ihr Wiehern und Schnauben. Und kein anderes +Vorzeichen findet größeren Glauben, nicht nur im niederen +Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese +halten sich wohl für die Mittler der Gottheit, die Rosse +aber für ihre Vertrauten. +</p> + +<p> +Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch +die sie den Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus +dem Volk ihrer Gegner stellen sie einen Gefangenen, den sie +irgendwie aufgegriffen haben, einem auserlesenen Kämpfer +des eigenen Volkes gegenüber, jeden mit seinen heimischen +Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als Vorbedeutung. +</p> +</div> + <div id="cap11"> + <index index="pdf" level1="11"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm11">11</ref></hi></head> + +<p> +Über geringere Sachen beraten die Fürsten, über wichtigere +die Gesamtheit, jedoch so, daß auch, was das Volk +entscheidet, im Rat der Fürsten vorbesprochen wird. Sie +kommen, außer wenn ein unerwarteter Zufall eintritt, in bestimmten +Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond; +denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders günstig für +den Beginn eines Unternehmens. Sie zählen auch nicht wie +wir die Tage, sondern die Nächte. Darnach wird anberaumt +und zugesagt: die Nacht führt gleichsam den Tag herauf. Ihre +ungeregelte Freiheit hat das Mißliche, daß sie nicht gleichzeitig +und nicht nach dem Geheiß beisammen sind, sondern +daß oft ein zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf +Säumige hingeht. So wie es der Schar genehm ist, setzen +<pb n='11'/><anchor id='Pg011'/>sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch das Recht +zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der +König oder Fürst Gehör, jeder nach seinem Alter, Adel, +Kriegsruhm und Redevermögen, mehr nach dem Gewicht +seines Rates als nach der Macht zu befehlen. Mißfällt +der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefällt +er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das +ehrenvollste Zeichen des Beifalls ist Lob mit den Waffen. +</p> +</div> + <div id="cap12"> + <index index="pdf" level1="12"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm12">12</ref></hi></head> + +<p> +Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht +und peinliches Gericht begehrt werden. Die Strafen scheiden +sich nach dem Verbrechen. Verräter und Überläufer hängen +sie an Bäumen auf, Feige, Weichlinge und am Körper Geschändete +versenken sie in Schlamm und Morast und werfen +Flechtwerk darüber. Die Verschiedenheit der Todesart +deutet darauf, daß man Frevel durch die Strafe gleichsam +kundtun, Schandtaten verbergen müsse. Aber auch für +leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Überwiesenen +werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebüßt. +Ein Teil der Buße wird dem König oder Gemeinwesen, +der andere dem, der sein Recht erhält, oder seinen +Verwandten geleistet. +</p> + +<p> +In den gleichen Versammlungen werden auch die Fürsten +bestimmt, die in Gauen und Dörfern Recht sprechen. Jedem +solchen treten hundert Männer aus dem Volke als Rat und +Beistand zur Seite. +</p> +</div> + <div id="cap13"> + <index index="pdf" level1="13"/> +<head><hi rend="kapitel">13</hi></head> + +<p> +Nie aber, ob sie nun Geschäfte des Gemeinwesens oder +eigene besorgen, erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch +soll niemand die Waffen anlegen, ehe ihn nicht die Gemeinde +<pb n='12'/><anchor id='Pg012'/>für wehrhaft erklärt hat. Dann schmückt gleich in der Versammlung +entweder ein Fürst oder der Vater oder ein Verwandter +den Jüngling mit Schild und Frame. Das ist dort +die Toga, das des jungen Mannes erste Ehrung; bis dahin +gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr der Gemeinschaft. +</p> + +<p> +Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert +die Fürstengunst auch noch nicht Mannbaren. Solche schließen +sich dann den übrigen, Älteren, längst schon Bewährten an. +Und es ist für niemand beschämend, in einem Gefolge zu erscheinen. +Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine Rangordnung +nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und groß ist der +Wetteifer der Mannen um den ersten Platz zunächst dem +Fürsten, wie auch der Fürsten um das zahlreichste und +mutigste Gefolge. Das bringt Würde, bringt Macht: immerzu +von einer großen Schar erlesener Jugend umgeben zu +sein; im Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. +Aber nicht nur bei seinem Stamm, sondern auch in den Nachbargauen +wird bekannt und berühmt, wer sich durch Zahl +und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn +auf, er erhält Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege +niederschlagen. +</p> +</div> + <div id="cap14"> + <index index="pdf" level1="14"/> +<head><hi rend="kapitel">14</hi></head> + +<p> +Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf für den Fürsten, +sich an Tapferkeit übertreffen zu lassen, ein Schimpf +fürs Gefolge, es der Tapferkeit des Führers nicht gleichzutun. +Höchste Schmach und Schande vollends ist es für das +ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld zu +weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behüten, ja die eigene +Heldentat seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste +Eides<pb n='13'/><anchor id='Pg013'/>pflicht. Fürsten kämpfen für den Sieg, das Gefolg für den +Fürsten. +</p> + +<p> +Wenn ihre Heimat in langem, müßigem Frieden verkommt, +dann ziehen adlige Jünglinge oft auf eigene Faust +hinaus zu anderen Völkern, die gerade Krieg führen. Denn +ein ruhiges Leben gefällt diesem Volke nicht, in der Gefahr +finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein großes Gefolge +nur durch Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die +Mannen von der Milde des Fürsten das Streitroß und die +blutige, siegbewährte Frame. Auch ersetzt ja die Speisung +und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: +solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. +Den Acker zu pflügen und die Jahreszeit abzuwarten, würde +sie keiner so leicht überreden; viel eher den Feind zu fordern +und sich Wunden zu holen. Ja, es dünkt ihnen wohl +faul und schlapp, im Schweiß zu erarbeiten, was mit Blut +zu gewinnen wäre. +</p> +</div> + <div id="cap15"> + <index index="pdf" level1="15"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm15">15</ref></hi></head> + +<p> +Wenn sie nicht Krieg führen, so verbringen sie ihre Zeit +auf der Jagd, häufiger noch müßig, einzig dem Schlaf und +dem Schmaus ergeben. Gerade die Tapfersten und Kriegstüchtigsten +tun gar nichts und überlassen die Sorge um Heim +und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den +Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und +träge zu. Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, daß ganz +die gleichen Menschen so sehr das Nichtstun lieben und doch +die Ruhe hassen! +</p> + +<p> +Es ist Sitte, daß die Gemeindegenossen freiwillig, jeder +für sich, den Fürsten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar +als Ehrengabe empfangen, doch auch dem Bedarf zustatten +<pb n='14'/><anchor id='Pg014'/>kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken benachbarter +Völker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch +im Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen +Pferden, prächtigen Waffen, Brustschmuck und Ringen. +Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen gelehrt. +</p> +</div> + <div id="cap16"> + <index index="pdf" level1="16"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm16">16</ref></hi></head> + +<p> +Daß die germanischen Stämme nirgends Städte bewohnen, +ist genugsam bekannt, auch daß sie selbst geschlossener +Siedelung abhold sind. Sie bauen ohne Richtung und Ordnung, +wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein Gehölz gefällt. +Wohl legen sie Dörfer an, aber nicht nach unsrer Art +mit verbundenen Gebäuden, in einem Zusammenhang: jeder +für sich umgibt sein Haus mit einem freien Raum, vielleicht +zum Schutz gegen Feuersgefahr, vielleicht weil er nicht besser +zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und Ziegel sind ihnen +unbekannt; überall verwenden sie ungefüges Holz, unbekümmert +um Gefallen und Ansehn. Doch überstreichen sie einzelne +Stellen recht sorgfältig mit einer Erdart von so reinem Glanz, +daß es wie Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben +sie unterirdische Höhlen und legen eine dichte Dungschicht +darüber hin: als Zuflucht für den Winter und als Vorratsspeicher. +Denn solche Räume mildern die strengen Fröste; und +fällt einmal der Feind ins Land, so plündert er zwar, was +offen daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch +erhält er nicht Kunde, oder es entgeht ihm gerade darum, +weil ers erst suchen müßte. +</p> +</div> + <div id="cap17"> + <index index="pdf" level1="17"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm17">17</ref></hi></head> + +<p> +Als Überwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von +einer Spange, wo sie mangelt, von einem Dorn +zusammen<pb n='15'/><anchor id='Pg015'/>gehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen sie ganze Tage +am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch +ein Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern +weit herabfließt, sondern eng anliegt und jedes Glied +hervortreten läßt. Man trägt auch Pelze, nächst den Stromgrenzen +ziemlich achtlos; weiter im Innern wenden sie besondere +Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen +Putz bringt. Sie wählen unter dem Wild und verbrämen die +abgezogenen Hüllen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die +am Nordmeer und an unbekannten Gestaden daheim sind. +Frauen tragen sich nicht anders als Männer; nur gehen sie +gewöhnlich in Linnengewänder gehüllt, die mit roten Säumen +verziert sind. Ihre Kleidung läuft oben nicht in Ärmel +aus; Schultern und Arme sind bloß, aber auch ein Teil der +Brust bleibt unverhüllt. +</p> +</div><div id="cap18"> + <index index="pdf" level1="18"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm18">18</ref></hi></head> + +<p> +Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensführung +wohl am meisten zu loben. Denn fast allein bei +diesem Barbarenvolk begnügt sich jeder mit einer Frau, von +ganz wenigen Männern abgesehen, die nicht ihre Lust befriedigen +wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach +umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem +Manne, sondern der Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern +und Verwandte ein und prüfen die Geschenke. Geschenke +aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck für die Neuvermählte +dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezäumtes +Roß und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese +Geschenke hin nimmt der Mann die Frau entgegen, und dafür +bringt sie selber dem Mann auch ein Rüststück zu: dies +gilt ihnen als das stärkste Band, dies als geheime Weihe, +<pb n='16'/><anchor id='Pg016'/>dies als Segen der Ehegötter. Auf daß sich das Weib nicht +fremd in einer Welt von Männergedanken und wechselndem +Kriegsglück erachte, wird es schon am feierlichen Beginn +der Ehe ermahnt, daß es als Gefährtin in Mühsal und Gefahr +gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit +zu dulden und mit zu wagen: also verkünden das Rindergespann, +das gerüstete Roß, die dargereichten Waffen. So +müsse sie leben, so in den Tod gehen; was sie empfange, +solle sie unentweiht und in Ehren ihren Söhnen wiedergeben, +daß es dann die Schwiegertöchter übernähmen und noch +die Enkel erbten. +</p> +</div> + <div id="cap19"> + <index index="pdf" level1="19"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm19">19</ref></hi></head> + +<p> +So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht +verderbt von den Lockungen des Schauspiels noch von den +Reizungen der Gelage; und von geheimen Briefschaften +weiß weder Mann noch Weib. Höchst selten kommt es in +dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die +Strafe unmittelbar und ist dem Mann überlassen. Mit abgeschnittenem +Haar, entblößt, vor den Augen der Verwandten +jagt er das Weib aus dem Hause und peitscht sie mit Ruten +durchs ganze Dorf. Und für preisgegebene Keuschheit gibt es +keine Verzeihung: nicht Schönheit, nicht Jugend, nicht reiche +Habe könnte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht +niemand über das Laster, und Verführen und Sichverführenlassen +heißt nicht <q>der Geist der Zeit</q>. Besser steht es gewiß +noch um Völkerschaften, bei denen nur Jungfrauen +heiraten und mit der Hoffnung und dem Gelübde der Ehefrau +einmal für immer abschließen. So erhalten sie einen +Mann, wie sie einen Leib und ein Leben erhalten haben, +auf daß sich kein Gedanke darüber hinaus, kein Begehren +<pb n='17'/><anchor id='Pg017'/>weiter verirre, daß sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern +die Ehe selber lieben. +</p> + +<p> +Die Zahl der Kinder zu beschränken oder ein nachgeborenes +zu töten, gilt als verruchte Tat; mehr vermögen dort gute +Sitten als anderswo gute Gesetze. +</p> +</div> + <div id="cap20"> +<index index="pdf" level1="20"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm20">20</ref></hi></head> + +<p> +In jedem Hause wächst, nackt und ungepflegt, die Jugend +zu dieser Größe, zu diesem Wuchs heran, über den wir staunen. +Jedem Kind gibt die eigene Mutter die Brust, und es wird +nicht Mägden und Ammen überlassen. Freie scheidet von +Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die +anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, +bis das Alter die Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie +kenntlich macht. Spät erfahren junge Männer die Lust; +daher ihre unerschöpfte Kraft. Auch die Mädchen werden +nicht gedrängt; in gleicher Jugend, von ähnlicher Gestalt, +ebenbürtig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, +und von der Stärke der Eltern zeugen die Kinder. +</p> + +<p> +Schwestersöhne sind dem Oheim nicht minder wert als +dem Vater. Etliche halten dieses Blutsverhältnis noch für +heiliger und enger und fordern, wenn sie Geiseln nehmen, besonders +solche Kinder, als hätten sie damit das Gewissen +stärker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben +aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es +gibt kein Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im +nächsten Glied die Brüder, Väter- und Mütterbrüder. Je +mehr Blutsverwandte, je weiter die Verschwägerung, desto +freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat keine +Lockungen. +</p> + +</div> + <div id="cap21"> +<pb n='18'/><anchor id='Pg018'/> +<index index="pdf" level1="21"/> +<head><hi rend="kapitel">21</hi></head> + +<p> +Der Erbe muß auch die Fehden des Vaters oder eines +Blutsverwandten übernehmen, gleichwie die Freundschaften. +Aber sie dauern nicht unversöhnlich fort: sühnt man doch +selbst den Totschlag durch eine bestimmte Anzahl von Groß- +und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die Genugtuung +an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher +Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefährlich. +</p> + +<p> +Für Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk +so hemmungslose Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es +auch sei, vom Hause zu weisen, gilt als Frevel; je nach Vermögen +rüstet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das +Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem +anderen Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten +sie ungeladen ins nächste Haus. Da liegt nichts dran; +mit gleicher Freundlichkeit werden sie aufgenommen. Bekannt +oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht. +Beim Abschied gehört es sich, dem Gaste zu bewilligen, was +er sich etwa ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen +gestellt. Die Geschenke machen ihnen Freude; aber +was sie geben, rechnen sie nicht an, und was sie empfangen, +schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet Gastfreund +an Gastfreund. +</p> +</div> + <div id="cap22"> +<index index="pdf" level1="22"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm22">22</ref></hi></head> + +<p> +Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag +hinein ausdehnen) baden sie, öfters warm, weil es bei ihnen +die längste Zeit Winter ist. Auf das Bad folgt ein Imbiß; +jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen eigenen +Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschäfte oder auch, nicht +minder häufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und +<pb n='19'/><anchor id='Pg019'/>Nacht durchzuzechen, bringt keinem Schande. Häufig gibts, +wenn sie da trunken sind, Streit, und der bleibt selten bei +Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und Totschlag. +Aber auch die Versöhnung des Feindes mit dem Feind, neue +Schwägerschaft, Anschluß an Fürsten und sogar Krieg und +Frieden wird gewöhnlich beim Trinkgelage beraten, als ob +zu keiner anderen Zeit der Sinn unbeeinflußter Überlegung +besser zugänglich wäre oder leichter entflammt für große +Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eröffnet es noch die +Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. +Haben nun alle ihre Meinung ohne Rückhalt aufgedeckt, +so wird sie am nächsten Tag noch einmal geprüft, und jeder +Zeit widerfährt ihr Recht: sie beraten, wenn sie keiner Verstellung +fähig sind, beschließen, wenn sie nicht irren können. +</p> +</div> + <div id="cap23"> +<index index="pdf" level1="23"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm23">23</ref></hi></head> + +<p> +Ihr Getränk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu +einer Art von Wein vergoren. An der Ufergrenze erhandeln +sie auch Wein. Die Kost ist einfach, wilde Früchte, frisches +Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne Würzen +stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie +nicht die gleiche Mäßigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub +leistete und ihnen zu trinken verschaffte, so viel sie begehren, +der könnte sie einmal durch ihre Ausschweifung fast leichter +als mit bewaffneter Hand überwinden. +</p> +</div> + <div id="cap24"> +<index index="pdf" level1="24"/> +<head><hi rend="kapitel">24</hi></head> + +<p> +Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei +jedem Feste gleich. Nackte Jünglinge, die es zum Vergnügen +tun, schwingen sich im Tanz zwischen Schwertern und drohenden +Framen. Übung hat sie gewandt gemacht, Gewandtheit +anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: +<pb n='20'/><anchor id='Pg020'/>ihres so verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. +Aber merkwürdig sind sie beim Würfeln, treiben +es nüchtern, wie ein ernstes Geschäft, und mit so toller +Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, daß sie, wenn alles +hin ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben +setzen. Und wer verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch +jünger und stärker, er läßt sich geduldig binden und verkaufen. +Das ist ihr Starrsinn noch am verkehrten Ende: sie aber +nennen es Treue. Sklaven dieser Art übergeben sie dem +Handel, um auch selbst der Beschämung über den Gewinn +ledig zu werden. +</p> +</div> + <div id="cap25"> +<index index="pdf" level1="25"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm25">25</ref></hi></head> + +<p> +Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu +genau verteiltem Gesindedienst an; sondern jeder schaltet +auf eigenem Anwesen, am eigenen Herd. Der Herr +legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder +Zeug auf, wie wir unseren Pächtern, und nur so weit geht +die Pflicht des Hörigen. Sonst besorgen die Geschäfte des +Herrenhauses die Frau und die Kinder. Daß der Sklave +gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft wird, ist +selten. Eher noch schlägt der Herr einen tot, nicht zur Strafe +oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jähzorn: wie +einen Feind, nur daß es hier ungesühnt bleibt. Die Freigelassenen +stehen nicht viel höher als Sklaven. Selten haben +sie einigen Einfluß im Haus, nie in der Gemeinde, ausgenommen +bei den Stämmen, die Königen botmäßig sind. +Dort nämlich steigen sie wohl über die Freigeborenen +und selbst über Adelige empor. Bei den anderen zeugt +die Unebenbürtigkeit der Freigelassenen für die Freiheit +des Volkes. +</p> + +</div> + <div id="cap26"> +<pb n='21'/><anchor id='Pg021'/> + <index index="pdf" level1="26"/> + +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm26">26</ref></hi></head> + +<p> +Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist +ihnen unbekannt und darum besser verhütet, als wenn es +verboten wäre. +</p> + +<p> +Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen +wollen, von der Gesamtheit, immer in neuem Ausmaß +besetzt und dann jedesmal unter die einzelnen nach +ihrem Range aufgeteilt. Die Größe der Gefilde macht solche +Teilung leicht. Mit der Anbaufläche wechseln sie Jahr für +Jahr, und noch immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre +Arbeit wetteifert nicht mit der Fruchtbarkeit und der Ausdehnung +ihres Bodens, so etwa, daß sie Obstgärten anlegen, +Wiesen ausscheiden, Gärten bewässern würden; einzig Getreide +fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das +Jahr nicht in unsere vier Zeiten; nur für Winter, Frühling +und Sommer haben sie den Begriff und die Worte; vom +Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben. +</p> +</div> + <div id="cap27"> +<index index="pdf" level1="27"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm27">27</ref></hi></head> + +<p> +Leichenbegängnisse wollen nicht prunken: nur darauf +wird geachtet, daß man die Reste bedeutender Männer mit +Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf den Holzstoß +häufen sie nicht Teppiche noch Räucherwerk; immer werden +die Waffen, zuweilen auch das Streitroß ins Feuer mitgegeben. +Ein Rasenhügel bildet das Grab. Ragender Denkmäler +kunstreiche Pracht verschmähen sie, als drückend für die Verstorbenen. +Von Klagen und Tränen lassen sie bald, von +Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, +Männern Erinnerung. +</p> + +<p> +So viel habe ich allgemein über Herkunft und Sitten +des ganzen Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die +<pb n='22'/><anchor id='Pg022'/>Unterschiede in den Einrichtungen und Bräuchen der einzelnen +Stämme und die Einwanderungen aus Germanien +ins gallische Land erörtern. +</p> +</div> + <div id="cap28"> +<index index="pdf" level1="28"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm28">28</ref></hi></head> + +<p> +Daß Galliens Macht vorzeiten größer war, meldet der +beste Gewährsmann, der erlauchte Julius [Cäsar]; und so +darf man wohl glauben, daß auch Gallier nach Germanien +hinübergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis +bot nicht ein Strom, wenn eines der Völker, eben im Gefühl +seiner Macht, her- und hinüber zog und da blieb, wo das +Land noch frei und zu keinem Bereich abgegrenzt war? So +haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und +Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die +Bojer gewohnt, beides gallische Stämme. Noch lebt der +Name <hi rend='antiqua'>Boihaemum</hi> und gemahnt an die Vorgeschichte des +Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben. +</p> + +<p> +Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, +aus germanischem Gebiet, oder die Osen aus dem Land der +Aravisker nach Germanien eingewandert sind, das ist nicht +zu entscheiden (beide haben noch heute gleiche Sprache, +gleiche Satzung und Bräuche): denn die nämliche Armut und +Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau +so viel Vorteil wie Nachteil. +</p> + +<p> +Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersüchtigem +Stolz ihre germanische Abkunft, als würde solcher Adel des +Blutes eine Ähnlichkeit mit den erschlafften Galliern aufheben. +Am Rheinufer selbst wohnen unzweifelhaft germanische +Völker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst +die Ubier, die doch für ihre Verdienste das Recht der römischen +Kolonien erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin +<pb n='23'/><anchor id='Pg023'/>Agrippiner nennen hören, schämen sich ihres germanischen +Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten herübergekommen +und wurden dann zum Lohn bewährter Treue gerade +am Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwächter, nicht als +Bewachte. +</p> +</div> + <div id="cap29"> +<index index="pdf" level1="29"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm29">29</ref></hi></head> + +<p> +An Tapferkeit überragen die Bataver alle diese Stämme. +Sie bewohnen nur einen kleinen Strich am Ufer, aber das +ganze Inselland des Rheins und waren einst ein Teil des +Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der Heimat löste +und in diese Gegenden hinüberzog; dort sollten sie dem +Römerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung +alter Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein +Tribut entwürdigt sie, kein Steuerpächter saugt sie aus; frei +von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst im Kriege vorbehalten, +werden sie wie Wehr und Waffen für den Kampf +aufgespart. In gleicher Abhängigkeit steht auch das Volk der +Mattiaker; hat doch das mächtige Römertum über den Rhein +und über die alten Grenzen hinaus sein Weltreich Ehrfurcht +gebietend erweitert. So sitzen sie, in eigener Gemarkung, +auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung hält sie bei +uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur daß ihnen noch +der Boden und Himmel der Heimat helleren Mut weckt. +</p> + +<p> +Nicht unter die germanischen Völker möchte ich, wiewohl +sie jenseits von Rhein und Donau ansässig sind, jene zählen, +die das Zehntland bebauen: gallisches Lumpenpack, aus Not +verwegen, hat sich sein Stück von dem Boden ungewisser +Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind +Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet +ein Vorland des Reichs und einen Teil der Provinz. +</p> + +</div> + <div id="cap30"> +<pb n='24'/><anchor id='Pg024'/> +<index index="pdf" level1="30"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm30">30</ref></hi></head> + +<p> +Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt +am Herzynischen Wald, nicht so eben und sumpfig wie die +anderen Gebiete im weiten germanischen Flachland; immer +wieder erheben sich Hügel und werden nur mählich spärlicher: +so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt +sie dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem +Gliederbau, trotzigen Mienen und besonders lebhaftem +Geist. Für Germanen zeigen sie viel Verstand und Gewandtheit. +Sie wissen ihre Führer zu wählen, auf das Wort der +Obern zu hören, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick +zu erspähen, mit dem Angriff zurückzuhalten, ihren Tag +einzuteilen und sich für die Nacht zu sichern; und haben gelernt, +nicht dem ungewissen Glück, sondern erprobter Tapferkeit +zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und nur einer +strengen Zucht eigen ist: die Führung gilt ihnen mehr als +die Truppe. Ihre ganze Stärke liegt im Fußvolk, dem sie +außer den Waffen auch Schanzzeug und Vorräte mitgeben. +Andere Völker ziehen in die Schlacht, die Chatten in einen +vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzügen und +planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr für Reiterkräfte, +rasch einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. +Aber Hast steht der Furcht gar nah, Bedachtsamkeit dem +besonnenen Mute. +</p> +</div> + <div id="cap31"> +<index index="pdf" level1="31"/> +<head><hi rend="kapitel">31</hi></head> + +<p> +Was sich auch bei anderen germanischen Völkern als Ausdruck +vereinzelten Wagemuts findet, ist bei den Chatten +allgemeiner Gebrauch geworden; sobald sie mannbar sind, +lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen sich +nicht anders, solange sie nicht einen Feind getötet haben; +<pb n='25'/><anchor id='Pg025'/>das ist ihr Gelübde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. +Erst an der blutigen Beute enthüllen sie wieder die Stirn; dann +erst glauben sie den Preis für ihr Dasein gezahlt und ihr +Vaterland und ihre Väter verdient zu haben. Feigen und +Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter +Held trägt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk +sonst ein Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und löst sie +sich erst, wenn er einen Feind erschlagen hat. Sehr viel +Chatten gefallen sich in solchem Aufzug und sind darin grau +geworden, berühmt und Feinden wie Freunden bekannt. Diese +sinds, die jeden Kampf eröffnen; sie bilden die erste Reihe, +ein überwältigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr +Aussehen nicht milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus +oder Land oder sonst eine Arbeit; wo er auch einkehrt, findet +er Unterhalt und schwelgt in fremdem Gut, unbekümmert um +eigenes, bis dann schließlich das blutlose Alter zu so harter +Tugend unfähig macht. +</p> +</div> + <div id="cap32"> +<index index="pdf" level1="32"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm32">32</ref></hi></head> + +<p> +Den Chatten zunächst wohnen am Rheinstrom, der dort +schon seinen festen Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, +die Usipier und Tenkterer. Die Tenkterer zeichnen sich außer +durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre trefflich geübte +Reiterei aus; und dem Fußvolk der Chatten gebührt kein +größeres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie +von den Vätern her, und die Nachfahren bleiben nicht zurück. +Reiten ist das Spiel der Kinder, Männer üben es um +die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben Gesinde und Gehöft +und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde vererbt: +doch erhält sie nicht, wie das übrige Gut, der älteste +Sohn, sondern der streitbarste, der bessere Kämpe. +</p> + +</div> + <div id="cap33"> +<pb n='26'/><anchor id='Pg026'/> +<index index="pdf" level1="33"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm33">33</ref></hi></head> + +<p> +Neben den Tenkterern traf man früher die Brukterer. +Jetzt sollen da Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. +Die Brukterer wurden durch einen Zusammenschluß der +Nachbarvölker geschlagen und ganz vernichtet, sei es aus Haß +gegen ihre Überhebung oder wegen der lockenden Beute, oder +weil uns etwa die Götter gnädig waren; denn sie gönnten +uns sogar, dem Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: über +sechzigtausend sind nicht der Römer Wehr und Waffen, +sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude und Augenweide +erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen +Völkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens +ihr Haß gegeneinander; denn nichts Größeres kann uns in +des Reiches drängendem Verhängnis das Schicksal gewähren +als unserer Feinde Zwietracht. +</p> +</div> + <div id="cap34"> +<index index="pdf" level1="34"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm34">34</ref></hi></head> + +<p> +An die Angrivarier und Chamaver schließen sich im +Rücken Dulgubiner und Chasuarier an und andere nicht +sonderlich häufig genannte Völker. Vorne nehmen die Friesen +die Reihe auf. Sie heißen Groß- und Kleinfriesen nach dem +Maß ihrer Kräfte. Beide Stämme begrenzt bis ans Meer +der Rhein; auch wohnen sie rings um gewaltige Seen, in +die auch schon römische Flotten drangen. Ja, selbst ins Nordmeer +haben wir uns dort gewagt. Und es ist die Sage verbreitet, +daß da noch Säulen des Herkules stehen: sei es, daß Herkules +wirklich hinkam oder daß wir alles Großartige, wo sichs +auch finde, auf seinen Ruhm zurückzuführen gewohnt +sind. An Kühnheit hat es dem Drusus Germanicus auch +nicht gefehlt; doch das Meer ließ sich, ließ die Spuren des +Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; +<pb n='27'/><anchor id='Pg027'/>es schien frömmer und ehrfürchtiger, an die Taten der Götter +zu glauben, als um sie zu wissen. +</p> +</div> + <div id="cap35"> +<index index="pdf" level1="35"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm35">35</ref></hi></head> + +<p> +So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen +Norden tritt es in ungeheurem Bogen zurück. Gleich zuerst +findet sich hier das Volk der Chauken; obwohl es schon +nächst den Friesen beginnt und noch einen Teil der Küste +innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier beschriebenen +Stämme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten. +Und diese gewaltige Ländermasse haben die Chauken nicht +nur in ihrem Besitz, sondern sie füllen sie auch aus; ein Volk, +das unter den Germanen in höchstem Ansehen steht und es +dabei vorzieht, seine Macht auf Gerechtigkeit zu stützen. +Ohne Habgier, ohne unbändige Herrschsucht leben sie ruhig +für sich und reizen keinen zum Kriege, verwüsten sie, rauben +und plündern keinem sein Gut. Es ist das höchste Zeugnis +für ihre Tapferkeit und Stärke, daß sie ihre überlegene Macht +keinem Übergriff danken. Doch haben sie alle rasch die Waffen +bereit, und wenn es die Not erfordert, ein Heer: Rosse und +Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt +ihnen ihr Ruf. +</p> +</div> + <div id="cap36"> +<index index="pdf" level1="36"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm36">36</ref></hi></head> + +<p> +Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker +lange unangefochten einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden +gehalten. Das brachte ihnen mehr Behagen als Sicherheit, +da es verkehrt ist, zwischen unbändigen, mächtigen Nachbarn +ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der Überlegene +friedlich und redlich nennen. So heißen die Cherusker, +einst als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge +und Toren; den siegreichen Chatten wurde ihr Glück als +Weis<pb n='28'/><anchor id='Pg028'/>heit gedeutet. Mitgerissen vom Sturz der Cherusker wurden +auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glück die Geringeren, +sind sie nun rechte Gefährten des Mißgeschicks. +</p> +</div> + <div id="cap37"> +<index index="pdf" level1="37"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm37">37</ref></hi></head> + +<p> +In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, nächst +dem Nordmeer, sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner +Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. Von ihrem alten Ruf +sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Wälle und +Lagerräume, deren Umfang noch heute für die Menge +des Heeres und Volks und für die so mächtige Wanderung +Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre stand unsere +Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdröhnten; +unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius +Carbo. Zählt man von da bis zum zweiten Konsulat +des Imperators Trajan, so sind das etwa zweihundertundzehn +Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im +Lauf dieser langen Zeit hüben und drüben vielfach Verluste! +Nicht der Samnite, nicht die Punier, nicht Hispanien und +Gallien, ja auch die Parther nicht haben öfter zu schaffen +gegeben: ärger denn eines Arsaces Tyrannei droht der +Germanen Freiheit. Was könnte uns sonst der Osten vorhalten +als den erschlagenen Crassus, für den er doch selbst, von +einem Ventidius niedergeworfen, den Pacorus hingeben +mußte! Germanen aber haben den Carbo und Lucius Cassius, +den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus +Mallius geschlagen oder gefangen, also fünf konsularische +Heere dem römischen Volke, und den Varus und mit ihm +drei Legionen selbst dem Caesar geraubt; und nicht ohne +Einbußen hat sie C. Marius in Italien, der erlauchte Julius +in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen +<pb n='29'/><anchor id='Pg029'/>Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Rüstungen +des C. Caesar lächerlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, +bis daß sie, die Gelegenheit unseres Zwistes und Bürgerkrieges +wahrnehmend, die Winterlager der Legionen stürmten +und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder +abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat über sie mehr triumphiert +als gesiegt. +</p> +</div> + <div id="cap38"> +<index index="pdf" level1="38"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm38">38</ref></hi></head> + +<p> +Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, +wie Chatten und Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern +haben den größeren Teil Germaniens inne und zerfallen +zudem noch in besondere Völkerschaften mit eigenem Namen, +wiewohl sie insgemein Sueben heißen. +</p> + +<p> +Ein Stammeszeichen bildet das seitwärts gekämmte, in +einen Knoten geschlungene Haar: dadurch unterscheiden +sich die Sueben von den übrigen Germanen und die suebischen +Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt auch +bei anderen Stämmen vor, vielleicht auf Grund einer +Verwandtschaft mit den Sueben, vielleicht, wie das ja +oft geschieht, als Nachahmung, ist jedoch selten und bleibt +auf die Jugend beschränkt. Bei den Sueben aber streichen +sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurück +und binden es, oft gerade über dem Scheitel, zusammen; +Vornehme tragen es noch kunstvoller hergerichtet. Das ist +nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; denn nicht um Liebe +und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher Sorgfalt +schmücken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um größer und +schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde. +</p> +</div> + <div id="cap39"> +<index index="pdf" level1="39"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm39">39</ref></hi></head> + +<p> +Für die Ältesten und Edelsten unter den Sueben geben +<pb n='30'/><anchor id='Pg030'/>sich die Semnonen aus; der Glaube an ihr hohes Alter +wird durch heilige Bräuche gestützt. Zu bestimmten Zeiten +sind in einem Walde, den Zeichen aus Vätertagen und Schauer +der Vorzeit weihten, alle Völker vom gleichen Blut durch +Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer +der Gemeinschaft eröffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche +Stiftung. Noch eine andere Verehrung gilt dem +Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, gleichsam +als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu +zeugen. Fällt einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben +noch aufrichten lassen, sondern muß sich auf der Erde hinauswälzen. +Das ganze Treiben deutet darauf, daß dort die +Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, +und alles andere untergeordnet und abhängig. Bestärkt +wird diese Meinung durch das Gedeihen der Semnonen: +in hundert Gauen wohnen sie, und bei solcher Größe ihrer +Körperschaft halten sie sich für das Haupt der suebischen +Völker. +</p> +</div> + <div id="cap40"> +<index index="pdf" level1="40"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm40">40</ref></hi></head> + +<p> +Dafür ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von +sehr vielen mächtigen Völkern eingeschlossen, haben sie sich +nicht durch Unterwürfigkeit, sondern in Kampf und Wagnis +gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, Angeln, Variner, +Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Flüsse +oder Wälder geschützt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu +bemerken; gemeinsam verehren sie die Nerthus, das ist die +Mutter Erde; diese, so meinen sie, mische sich in das Treiben +der Menschen und komme von Volk zu Volk gefahren. Es +ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin +steht ein geweihter Wagen, mit einer Hülle bedeckt, und nur +<pb n='31'/><anchor id='Pg031'/>der Priester darf ihn berühren. Er merkt die Gegenwart der +Göttin im Heiligtum und geleitet ehrfürchtig ihren mit +Kühen bespannten Wagen. Dann sind die Tage froh und +festlich die Stätten, wo die Göttin einzuziehen und gastlich +zu weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand +greift zu den Waffen; verschlossen ist jegliches Eisen: es ist +die einzige Zeit, da sie Ruhe und Frieden kennen, die einzige, +da sie ihn lieben. Bis der Priester dann wieder die Göttin, +des Umgangs mit sterblichen Menschen ersättigt, in ihren +heiligen Bezirk zurückbringt. Dann wird der Wagen, seine +Umhüllung und – wenn man es glauben darf – die Göttin +selbst in einem unzugänglichen See genetzt. Sklaven helfen +beim Dienst, die alsbald der nämliche See verschlingt. Daher +das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, +was nur Todgeweihte erschauen. +</p> +</div> + <div id="cap41"> +<index index="pdf" level1="41"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm41">41</ref></hi></head> + +<p> +Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene +Länder Germaniens hin. Näher – um, wie noch zuvor +dem Rhein, so jetzt der Donau zu folgen – haust das +Volk der Hermunduren, den Römern ergeben. Darum ist +ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an +der Ufergrenze, sondern auch tief ins Reich hinein und +selbst in der glänzendsten Kolonie der rätischen Provinz erlaubt. +Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht herüber, und +während wir den übrigen Stämmen nur unsere Waffen +und Lagerplätze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren +unsere Häuser und Landsitze geöffnet. Im Lande der Hermunduren +entspringt die Elbe, einst ein vielgerühmter, bekannter +Strom; jetzt hört man nur eben von ihm. +</p> + +</div> + <div id="cap42"> +<pb n='32'/><anchor id='Pg032'/> +<index index="pdf" level1="42"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm42">42</ref></hi></head> + +<p> +Nächst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter +hin die Markomannen und Quaden. Hoch ragen die Markomannen +an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr Land danken +sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch +schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und +dies ist gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der +Donau. Markomannen und Quaden haben noch bis auf +unsere Zeit Könige vom heimischen Stamm behalten, +des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fügen sie +sich auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren +Königen vom römischen Ansehen. Selten werden sie von +unseren Waffen, öfter durch Geld unterstützt; es tut ihnen +nicht Eintrag. +</p> +</div> + <div id="cap43"> +<index index="pdf" level1="43"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm43">43</ref></hi></head> + +<p> +Noch weiter ab von uns schließen sich Marsigner, Kotiner, +Osen und Burier im Rücken an die Markomannen und Quaden. +Von diesen erinnern Marsigner und Burier in Rede und +Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch ihre +gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, daß sie +keine Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie +ertragen. Einen Teil davon haben ihnen die Sarmater, einen +anderen – als einem Fremdvolk – die Quaden auferlegt: +dabei fördern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, noch +obendrein Eisen! Alle diese Völker aber halten wenig Flachland +besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Höhenzüge. Denn +mitten durch Suebien zieht als Scheidewand ein Gebirg +in geschlossener Kette; und auf der anderen Seite wohnen +sehr viele Völker, von denen namentlich die Lygier, mehrere +Stämme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genügt, die +<pb n='33'/><anchor id='Pg033'/>bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, +Helisier und Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist +man einen uralt-heiligen Hain. Darin waltet ein Priester +in Frauentracht; aber die Götter, die sie nennen, sind nach +römischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung +der Gottheit; ihr Name ist <q>Alken</q>. Es gibt von ihnen +kein Bild, keine Spur führt zu fremden Bräuchen; aber als +Brüder werden sie und als Jünglinge verehrt. Die grimmen +Harier helfen, obzwar den zuvor aufgezählten Völkern ohnehin +überlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon wilden Erscheinung +zudem durch wohlbedachte Künste nach. Sie +schwärzen die Schilde und überfärben sich den Körper; finstere +Nächte wählen sie zum Kampf. So jagen schon die gespenstischen +Schreckgestalten eines Totenheeres Grausen ein, +und kein Feind widersteht dem unerhörten, gleichsam +höllischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die +Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Königen, +und etwas straffer als andere Germanenstämme, geleitet, +doch nicht so, daß ihre Freiheit bedroht wäre. Dann dicht +daran, gegen das Meer, die Rugier und Lemovier. All dieser +Völker Merkmal ist, daß sie runde Schilde und kurze +Schwerter haben und Königen gehorchen. +</p> +</div> + <div id="cap44"> +<index index="pdf" level1="44"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm44">44</ref></hi></head> + +<p> +Folgen die Stämme der Suionen, mitten im Ozean, reich +an Mannen und Waffen und auch zur See gewaltig. Sie +haben Schiffe von besonderer Gestalt, derart, daß jedes Ende +Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit ist. Auch +bedienen sie keine Segel und fügen die Ruder nicht reihenweise +an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf +manchen Flüssen, und setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, +<pb n='34'/><anchor id='Pg034'/>bald links ein. Bei diesem Volk steht auch der Reichtum in +Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen den schon +kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts +auf Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den +anderen Germanen, jedem zum Gebrauch freigegeben, +sondern ein Wächter hält sie verschlossen; es ist ein Sklave. +Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde +das Meer; und Waffen in müßigen Händen führen gar leicht +zum Mißbrauch. Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja +auch nur einen Freigelassenen als Waffenhüter zu bestellen, +wäre dem König kein Vorteil. +</p> +</div> + <div id="cap45"> +<index index="pdf" level1="45"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm45">45</ref></hi></head> + +<p> +Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und +fast unbewegt. Daß es den Erdkreis abgürtet und schließt, +darf man wohl glauben, weil sich dort der letzte Glanz der +sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhält, so hell, daß davor +die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der +aufsteigenden Sonne Klingen zu hören und ihr Rossegespann +und ihr Strahlenhaupt zu erkennen. Damit sind wir, wenn +die Sage recht hat, am Ende der Welt. +</p> + +<p> +Nun denn – rechts schlägt das suebische Meer an die +Küste der Ästierstämme. Diese haben die Bräuche und das +Aussehen der Sueben, ihre Sprache steht der britannischen +näher. Sie verehren eine Göttermutter. Als Zeichen dieses +Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und +Schirm gegen alle Gefahr und behütet den Gläubigen auch +im Feindesgewühl. Selten haben sie Waffen von Eisen, +oftmals Keulen. Korn und andere Früchte bauen sie sorgfältiger, +als sonst germanische Lässigkeit zugibt. Aber sie +<pb n='35'/><anchor id='Pg035'/>suchen auch im Meer und sind unter allen Völkern die einzigen, +die den Bernstein (sie nennen ihn <hi rend='antiqua'>glesum</hi>) an +seichten Stellen und am Strande selbst sammeln. Doch haben +sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine Entstehung +weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie +anderer Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach +Schmuck schuf ihm seinen Namen. Sie selber gebrauchen +ihn nicht; sie sammeln die rohen Stücke, bringen sie unbearbeitet +zu Markt und wundern sich über den gezahlten +Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil häufig +kleine Landtiere, auch geflügelte, durchschimmern, die sich +in der flüssigen Masse fangen und, wenn sie dann hart wird, +eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen Ländern im Osten, +wo die Bäume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, mögen +also wohl auch auf den Inseln und Küsten des Westens +merkwürdig ergiebige Haine und Wälder sein: ihre Säfte +werden von den Strahlen der nahen Sonne ausgepreßt +und rinnen noch flüssig den kurzen Weg hinab ins Meer; +die Gewalt der Stürme treibt dann das Harz hinüber ans +andere Gestade. Prüft man den Stoff des Bernsteins im +Feuer, so entzündet er sich wie ein Kienspan und nährt eine +qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich wieder +zu einer Art Pech oder Harz. +</p> + +<p> +An die Suionen reihen sich die Stämme der Sitonen, +sonst ähnlich und nur dadurch unterschieden, daß ein Weib +sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen nicht nur die Freiheit, +sondern noch die Knechtschaft entartet. +</p> +</div> + <div id="cap46"> +<index index="pdf" level1="46"/> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="anm46">46</ref></hi></head> + +<p> +Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Stämme der +<pb n='36'/><anchor id='Pg036'/>Peuciner und der Veneter und Fennen zu den Germanen +oder Sarmatern rechnen soll, weiß ich nicht recht. Die Peuciner +zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen in +Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches +Wesen. Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen +träge; und Wechselheiraten haben auch schon +zu sarmatischer Mißgestalt geführt. Die Veneter haben viel +von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald- +und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen +erhebt, durchstreifen sie in räuberischen Haufen. Doch zählt +man sie eher noch als Germanen, weil sie feste Wohnungen +haben, Schilde tragen und gern als schnelle, rüstige Fußgänger +auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, +die auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen +sind ein erstaunlich wildes, abstoßend armes Volk. Sie haben +keine Waffen, keine Pferde, kein Heim; Kräuter sind +ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre Lagerstätte. +Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil +Eisen mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muß gleicherweise +Männer wie Frauen ernähren: diese ziehen überall +mit und heischen ihren Teil von der Beute. Ihre Kinder +haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier +als ein Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren +auch die Erwachsenen zurück, dort bergen sich die Alten. +Aber glücklicher dünkt sie dieses Los, als hinter dem Pfluge +zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und fremdes +Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekümmert +um Menschen, unbekümmert um Götter haben sie +das Schwerste erreicht, selbst auf Wünsche verzichten zu +können. +</p> + +<pb n='37'/><anchor id='Pg037'/> + +<p> +Darüber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen +Hellusier und Oxionen Menschenköpfe und menschliches +Antlitz haben, aber Leib und Glieder von Tieren. Das ist +unverbürgt, und ich will es nicht weiter verfolgen. +</p> + +</div></div><div rend="page-break-before: always"> +<pb n='38'/><anchor id='Pg038'/> +<index index="toc" level1="Inhalt der Germania"/><index index="pdf" level1="Inhalt der Germania"/> +<head>Inhalt der Germania</head> + + <div> +<head>Allgemeiner Teil (<ref target="cap01">1–27</ref>)</head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Das Land und seine Bewohner</hi> (<ref target="cap01">1–5</ref>): Grenzen und +Grenzströme (<ref target="cap01">1</ref>) – Autochthone Abstammung und Stammsagen der +Germanen (<ref target="cap02">2</ref>) – Frühe Besuche aus der Fremde? (<ref target="cap03">3</ref>) – Körperbau +als weiterer Beweis der Autochthonie (<ref target="cap04">4</ref>) – Natur und Erzeugnisse +des Landes (<ref target="cap05">5</ref>). +</p> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Leben und Sitten der Germanen</hi> (<ref target="cap06">6–27</ref>): Waffen, Kriegswesen +(<ref target="cap06">6</ref>) – Könige, Fürsten, Priester, Sippen, Frauen (<ref target="cap07">7</ref>) – +Frauen im Kampf, heilige Frauen (<ref target="cap08">8</ref>) – Götter (<ref target="cap09">9</ref>) – Lose, +Vorzeichen (<ref target="cap10">10</ref>) – Ratsversammlung (<ref target="cap11">11</ref>) – Versammlung als +Gericht, Verbrechen und Strafen (<ref target="cap12">12</ref>) – Wehrhaftmachung, Gefolge +(<ref target="cap13">13</ref>) – Gefolge im Krieg (<ref target="cap14">14</ref>) – Fürsten und Gefolge im +Frieden (<ref target="cap15">15</ref>) – Das Leben des einzelnen: Wohnungen (<ref target="cap16">16</ref>) – +Kleidung (<ref target="cap17">17</ref>) – Ehe (<ref target="cap18">18</ref>) – Frauen und Kinder (<ref target="cap19">19</ref>) – Erziehung, +Verwandtschaft, Erbfolge (<ref target="cap20">20</ref>) – Vererbte Rache, Gastfreundschaft +(<ref target="cap21">21</ref>) – Leben im Hause, Trinkgelage (<ref target="cap22">22</ref>) – Getränke, Speisen, +Trunksucht (<ref target="cap23">23</ref>) – Waffentänze, Würfelspiel (<ref target="cap24">24</ref>) – Sklaven (<ref target="cap25">25</ref>) – +Ackerbau (<ref target="cap26">26</ref>) – Bestattung; Übergang zum besonderen Teil (<ref target="cap27">27</ref>). +</p> +</div> + <div> +<head>Besonderer Teil / Die einzelnen Völkerschaften (<ref target="cap28">28–46</ref>)</head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Grenzvölker</hi> (<ref target="cap28">28</ref>, <ref target="cap29">29</ref>): Fremde in Germanien: Helvetier und +Bojer, Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, +und reine Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, +Triboker, Ubier (<ref target="cap28">28</ref>) – Germanen, die zu den Römern halten: Bataver +und Mattiaker; Zehntland (<ref target="cap29">29</ref>). +</p> + +<pb n='39'/><anchor id='Pg039'/> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>West- und Nordwestgermanen</hi> (<hi rend='gesperrt'>Nicht-Sueben</hi>, <ref target="cap30">30–37</ref>): +Chatten (<ref target="cap30">30</ref>, <ref target="cap31">31</ref>) – Usipier und Tenkterer (<ref target="cap32">32</ref>) – Brukterer, +Chamaver, Angrivarier (<ref target="cap33">33</ref>) – Dulgubiner, Chasuarier, Friesen +(<ref target="cap34">34</ref>) – Chauken (<ref target="cap35">35</ref>) – Cherusker (<ref target="cap36">36</ref>) – Kimbern, Kimbern- +und spätere Germanenkriege (<ref target="cap37">37</ref>). +</p> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> (<ref target="cap38">38–45</ref>): Ihre Haartracht (<ref target="cap38">38</ref>) – Semnonen (<ref target="cap39">39</ref>) – +Langobarden und Nerthusvölker (<ref target="cap40">40</ref>) – Hermunduren (<ref target="cap41">41</ref>) – +Varisten, Markomannen und Quaden (<ref target="cap42">42</ref>) – Ost- und Nordostgermanen +(<ref target="cap43">43</ref>, <ref target="cap44">44</ref>) – Ende der Welt, Ästier, Bernstein, Sitonen +(<ref target="cap45">45</ref>). +</p> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Mischvölker im Osten</hi>: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen +(wohl nicht mehr Germanen) und +</p> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Fabelreich</hi>: Hellusier und Oxionen (<ref target="cap46">46</ref>). +</p> + +</div></div> + <div rend="page-break-before: always"> +<pb n='40'/><anchor id='Pg040'/> +<index index="toc" level1="Anmerkungen des Übersetzers"/><index index="pdf" level1="Anmerkungen des Uebersetzers"/> +<head>Anmerkungen des Übersetzers</head> + +<p> +Was ist dieses Buch, gewöhnlich <q>Germania</q> genannt, das die +Insel-Bücherei hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht +eine Schrift für den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk. +</p> + +<p> +Eine Schilderung, und als solche das älteste Buch von den +deutschen Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; +aber auch, weil es so vieles weiß und bewahrt hat. Vor Tacitus +haben wohl, und schon früh, Griechen und Römer über die Germanen +berichtet. Pytheas aus Massilia kam im vierten vorchristlichen Jahrhundert +auf einer Entdeckerfahrt bis zu der Insel <q>Thule</q> (Island?) +und an die Küste der Nordsee; die Nachrichten des Poseidonios +stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt +Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die ältesten römischen +Quellen sind spärlich auf uns gekommen. Erst Cäsars Kriege +in Gallien und seine Aufzeichnungen darüber bringen größere Klarheit; +deutlich sondern sie, zum erstenmal, Germanen und Gallier. +Was Tacitus bei Sallust und Livius (im 104. Buch seiner Römischen +Geschichte) finden konnte, ist längst verloren; verloren auch ein +Werk des Aufidius Bassus über die Germanenkriege und seine Fortsetzung +durch den älteren Plinius. Erhalten aber des Plinius <hi rend='antiqua'>Historia +naturalis</hi>, die Geschichte des Velleius Paterculus und die Geographie +des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit sie +in der vom Mittelalter aufgezeichneten <hi rend='antiqua'>Tabula Peutingeriana</hi> nachwirkt. +</p> + +<p> +Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. +Soldaten, Händler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue +Kunde. So ist sein Buch der Wissenschaft unschätzbar geworden, zumal +da es immer mehr durch fortgesetzte Forschungen und besonders +<pb n='41'/><anchor id='Pg041'/>Grabungen bestätigt wird. Aber auch jenseits von allem Wissen, auch +dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer als Mensch, als Mann, als +Künstler. Und die Größe seines Geistes und seiner Erscheinung mag +sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen haben als der +bloße Inhalt. +</p> + +<p> +Dennoch dankt man es wohl einem Bedürfnis des Tages. Es war +im Jahre 98 nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte +lange an den Grenzen Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien +die Schrift des Tacitus. Sie wollte zeigen, wer diese gefährlichsten +Feinde Roms seien, und daß der Kaiser gut daran tue, viel Zeit an +die Sicherung der Grenze zu wenden und an nichts anderes; daß es +insbesondere falsch sei, außer an den Schutz des Reiches noch an einen +Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man darf annehmen, +daß der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die Schrift billigte. +</p> + +<p> +Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. +Dennoch spricht viel für diese Annahme des großen Müllenhoff. +Tacitus schildert nur – und schildert als Künstler. Der Plan des +Ganzen ist wie jede Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, +Abstammung, Leben des Volkes, dann, vom Nächsten und Bekannten +ausgehend und sich immer mehr in <q>romantische</q> Ferne verlierend, +seine einzelnen Stämme und Landschaften, bis er im Märchen endet. +Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in rhythmischer +Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (<ref target="cap39">Kap. 39</ref>) ein +rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, gerät. Jeder Absatz ist +durch das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. +Niemals siegen nüchterne Angaben über den beziehungsreichen Bildner +des Werkes, über den Meister. +</p> + +<p> +Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altrömischen Sinn. +Dabei verbittert und ergrimmt über seine feile, alle Freiheit erdrückende +Zeit, unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend +<pb n='42'/><anchor id='Pg042'/>und von jener Sehnsucht erfüllt, die dazumal die Geister bewegt, der +Sehnsucht nach einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht +bringen sie die Germanen herauf: darum schildert er dieses +kühne, furchtbare und lichte Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde +und über kurz oder lang siegreiche Feinde sind. Denn das römische +Reich, dem er angehört, steht vor dem Ende. Er aber, ein wissender +Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben. +</p> + +<p> +So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten +von seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo +geboren und in der rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters +herangebildet. Dann war er Staatsmann unter den flavischen Kaisern +und zuletzt noch Statthalter in Asien. Mit der Tochter des britannischen +Statthalters Agricola verheiratet, hielt er sich während der +Verfolgungen unter Domitian fern. Dann, unter Nerva und Trajan, +stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint noch die ersten Jahre +Hadrians erlebt zu haben. +</p> + +<p> +Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians +Tode hervortretend, mit dem <hi rend='gesperrt'>Dialog</hi> über die Redekunst und ihren +Verfall. Es folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters +<hi rend='gesperrt'>Agricola</hi> und, noch im gleichen Jahre 98, die <hi rend='gesperrt'>Germania</hi>. Dann +die <hi rend='gesperrt'>Historien</hi>, eine Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum +Ende Domitians (96), und die <hi rend='gesperrt'>Annalen</hi>, vom Tode des Augustus +bis zum Ausgang des Nero. Die letzten beiden Werke sind nichts +weniger als vollständig erhalten. In ihnen erst erschließt sich Tacitus +ganz, <q><hi rend='antiqua'>le plus grand peintre de l’antiquité</hi></q>, wie ihn Racine nannte. +Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen gewirkt, auf +diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist noch +lange nicht vorüber. Freilich muß man, nach einer Anmerkung +Lichtenbergs, <q>sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen</q>. +</p> + +<milestone unit="tb" rend="stars: 3"/> + +<pb n='43'/><anchor id='Pg043'/> + +<p> +Die <q>Germania</q> wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann +bleibt sie lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. +reist Enoche von Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte +Handschriften zu suchen, und bringt die <q>Germania</q> und den <q>Dialog</q> +1455 nach Italien. (Die Handschrift, die beide Werke enthielt, ist +wohl in einem deutschen Kloster gefunden worden.) Später kommen +andere Handschriften hinzu. Der Titel der Schrift lautet einmal <q><hi rend='antiqua'>De +origine, situ, moribus ac populis Germanorum</hi></q>, ein andermal +<q><hi rend='antiqua'>De origine et situ Germanorum</hi></q>. 1469 schon wird die <q>Germania</q> +gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus +und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von +Jakob Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Müllenhoff +(<hi rend='antiqua'>Germania antiqua</hi>, 1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, +zuletzt aufgelegt in der Bearbeitung von Schwyzer (1912). +</p> + +<p> +Diese unsere Übersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. +Sie geht von dem Künstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus +seiner Sprache und den Gehalt seines Wesens für Deutsche wieder +lebendig zu machen. +</p> + +<p> +Sie lehnt sich fast überall an den Text von Schweizer-Sidler an; +die Deutung und namentlich die folgenden Erläuterungen beruhen (von +anderen Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark +und vor allem auf der ausführlichen Erklärung der Germania, die +Müllenhoff im 4. Band seiner Deutschen Altertumskunde bietet. +Von den zahlreichen Übersetzungen wurden alle wichtigeren, soweit +sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle neuen und neu aufgelegten; +von älteren namentlich die von Bötticher und Bacmeister. +</p> + +<p> +Den Herren Dr. Friedrich Löhr, Sekretär des Archäologischen Instituts +in Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der +Münchner Universität, schuldet der Übersetzer für freundliche Ratschläge +besonderen Dank. +</p> + +</div> + <div rend="page-break-before: always"> +<pb n='44'/><anchor id='Pg044'/> +<index index="toc" level1="Erläuterungen"/><index index="pdf" level1="Erlaeuterungen"/> +<head>Erläuterungen</head> + + <div id="anm01"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap01">1</ref></hi></head> + +<p> +Die römische Provinz <hi rend='gesperrt'>Rätien</hi> reicht nördlich bis zur Donau +(Ries!), östlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, +von Tacitus nicht genannt; weiter zwischen Donau und Save +<hi rend='gesperrt'>Pannonien</hi>. <hi rend='gesperrt'>Sarmater</hi> in Osteuropa, etwa von der Weichsel an, +<hi rend='gesperrt'>Daker</hi> in Siebenbürgen. <hi rend='gesperrt'>Gebirge</hi> die Karpathen. <hi rend='gesperrt'>Ein Kriegszug</hi>: +der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? <hi rend='gesperrt'>Abnoba</hi> Schwarzwald. +</p> +</div> + <div id="anm02"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap02">2</ref></hi></head> + +<p> +Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig überzeugend. <hi rend='gesperrt'>Asien</hi>, +<hi rend='gesperrt'>Afrika</hi>, <hi rend='gesperrt'>Italien</hi> die römischen Südprovinzen. <hi rend='gesperrt'>Tuisto</hi> (Zwist!) +ist zweigeschlechtig, <hi rend='gesperrt'>Mannus</hi> Mann, Mensch, der erste Mensch. Die +Namen der <hi rend='gesperrt'>Marser</hi> (Merseburg) und <hi rend='gesperrt'>Gambrivier</hi> verschwinden +bald; sind es, wie <hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> und <hi rend='gesperrt'>Vandilier</hi> (Ostgermanen), Kultverbände? +Die <hi rend='gesperrt'>Tungrer</hi> (Tongern!) wurden Germanen genannt +(von den Kelten? die Form ist keltisch: <q>Rufer im Streit</q> oder +<q>Nachbarn</q>?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, mit anderen +<q>Germanen</q> über dem Rhein. Die Völker rechts des Rheins hätten +sich dann wirklich so genannt (Müllenhoff). <q>Eine verzweifelte +Stelle!</q> (Grimm.) +</p> +</div> + <div id="anm03"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap03">3</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Herkules</hi> wohl <hi rend='gesperrt'>Donar</hi>; <hi rend='antiqua'>barditus</hi> ist nicht genügend erklärt. +<hi rend='gesperrt'>Ulixes</hi> (Odysseus) der Schwanenritter? <hi rend='gesperrt'>Asciburgium</hi> Asberg +bei Mörs im Rheinland. <hi rend='gesperrt'>Griechische Schrift</hi> verwenden die +Kelten. +</p> +</div> + <div id="anm05"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap05">5</ref></hi></head> + +<p> +Tacitus selbst erwähnt in den späteren Annalen, daß die Mattiaker +(bei Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen +Gold und Silber waren auch die ältesten Zeiten der Germanen +nicht (Tacitus an anderen Orten, die Sage!). Die erwähnten +<pb n='45'/><anchor id='Pg045'/>römischen Münzen, Silberdenare, wurden bis zum Jahre 54 v. Chr. +geprägt; später hat sich der Feingehalt verschlechtert! +</p> +</div> + <div id="anm06"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap06">6</ref></hi></head> + +<p> +Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links +die linke, nicht vom Schild gedeckte Seite des Körpers dem Feinde +zuwenden würde. Wirklich zeigen Gräberfunde den Sporn nur am +linken Fuß (Schweizer-Sidler). Der <hi rend='gesperrt'>Keil</hi> kehrt seine Spitze dem +Gegner zu. +</p> +</div> + <div id="anm07"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap07">7</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Könige</hi> und <hi rend='gesperrt'>Fürsten</hi> haben gleiche Befugnis, Fürst ist der +König eines kleineren Gebietes. Der König wird aus dem Erbgeschlecht +jedesmal gewählt. Königtum und Fürstenherrschaft gehen +geradezu ineinander über. Im Osten sind Könige häufiger. Der +König ist Heerführer. Nur bei der Vereinigung mehrerer Heere wird +ein König zum <hi rend='antiqua'>dux</hi> gewählt (Müllenhoff). +</p> +</div> + <div id="anm08"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap08">8</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Die Brüste entblößend</hi>: ihr Leib soll nicht fremden Siegern +gehören. <hi rend='gesperrt'>Veleda</hi> zuletzt gefangen nach Rom gebracht. <hi rend='gesperrt'>Machten</hi> ... +<hi rend='gesperrt'><anchor id="corr045"/><corr sic="Göttinen">Göttinnen</corr></hi> wie die römischen Senatoren, die so den Frauen der +Kaiser schmeichelten. +</p> +</div> + <div id="anm09"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap09">9</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Mercurius</hi> (besonders als Totenführer): Wotan (<hi rend='antiqua'>dies +Mercurii</hi> = <hi rend="antiqua">Wednesday</hi>). Mars: Tiu, Ziu (<hi rend='antiqua'>dies Martis</hi> = <hi rend="antiqua">Tuesday</hi>). +<hi rend='gesperrt'>Herkules</hi>: Donar. Diese drei Götter nennt noch ein Taufgelöbnis +des 8. Jahrh. <hi rend='gesperrt'>Isis</hi>: vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen +<hi rend='gesperrt'>Liburner</hi> hatten leichte Schiffe. +</p> +</div> + <div id="anm10"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap10">10</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Wilder Fruchtbaum</hi>: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. +Zeichen durch Pferde auch bei Persern und Slaven. +</p> + +</div> + <div id="anm11"> +<pb n='46'/><anchor id='Pg046'/> + +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap11">11</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Nächte</hi> noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, <hi rend='antiqua'>Fortnight</hi>. <hi rend='gesperrt'>In Waffen</hi> +noch jetzt <q>Spießbürger</q>. <hi rend='gesperrt'>Jeder</hi>: Müllenhoff folgert aus dem +grammatischen Sinn, daß nur <hi rend='antiqua'>rex vel princeps</hi> reden durften, nicht +jeder Teilnehmer. Aber jedesfalls <hi rend='antiqua'>licet accusare</hi> usw. (<ref target="cap12">Kap. 12</ref>). +</p> +</div> + <div id="anm12"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap12">12</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Am Körper Geschändete</hi>: widernatürliche Männer, aber wohl +auch <q>entehrte</q> Frauen, für die sich Todesstrafe noch lange erhält. +Dieses Versenken ist eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. +<hi rend='gesperrt'>Frevel – Schandtat</hi>: das germanische Rechtsbewußtsein nimmt +die offene, nicht verheimlichte Tat, ohne List, leichter hin. <hi rend='gesperrt'>Die Fürsten +bestimmt</hi> nämlich aus der Zahl der vorhandenen Fürsten. <hi rend='gesperrt'>Recht +sprechen</hi> ist römische, nicht germanische Auffassung; nach dieser +leitet der Fürst (später Gaugraf) nur die Volksverhandlung, der +<hi rend='gesperrt'>Rat</hi> macht den Urteilsvorschlag, der <hi rend='gesperrt'>Beistand</hi> gibt das <q>Vollwort</q>: +sie <q>finden</q> das Recht, der entsendete Richter tut nur den +Spruch. +</p> +</div> + <div id="anm15"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap15">15</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Brustschmuck</hi> (<hi rend='antiqua'>phalerae</hi>) ähnlich den Orden (oder wie Medaillons?). +<hi rend='gesperrt'>Geld</hi>: römische Kaiser (Caligula, Domitian) schließen +um Geld mit den Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe. +</p> +</div> + <div id="anm16"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap16">16</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Vielleicht</hi>: in Wirklichkeit aus Unabhängigkeitssinn. Der Schlußsatz +sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird +aber gerade wortreich und gewöhnlich. +</p> +</div> + <div id="anm17"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap17">17</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Kleid</hi> die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark +unten (auch bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber +bei vornehmen, trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die +Germanin, sog. Thusnelda der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang +<pb n='47'/><anchor id='Pg047'/>herabwallende Kleidung bis zu den Füßen. Ihre <hi rend='gesperrt'>Kleidung</hi> läuft +oben nicht in Ärmel aus wie in Rom. Die germanischen Männer +wiederum hatten Ärmel, wenn auch kurze. Das Frauengewand wird +nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz läßt die Brust +zum Teil sichtbar werden. +</p> +</div> + <div id="anm18"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap18">18</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Umworben werden</hi> von den Familien der Mädchen. <hi rend='gesperrt'>Mitgift +– Geschenke</hi>: Tacitus merkt nicht, daß er vom Brautkauf erzählt; +<hi rend='gesperrt'>Mitgift</hi> ist der Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein +Speer) ist das Zeichen für den Übergang der Gewalt vom Vater +an den Ehemann. Alles dies vermengt Tacitus mit den Vorstellungen +und Formeln der <hi rend='antiqua'>confarreatio</hi>, der strengen altrömischen Ehe. +</p> +</div> + <div id="anm19"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap19">19</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Schauspiel</hi> das römische Theater mit seinem mehr als eindeutigen +Getriebe. +</p> +</div> + <div id="anm20"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap20">20</ref></hi></head> + +<p> +Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf +die Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich. +</p> +</div> + <div id="anm22"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap22">22</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Eröffnet es noch</hi>: die Römer halten sich selbst da zurück. Überhaupt +ist in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel römischer +Sitten (Passow). Die Römer stehen früh auf, speisen lieber an einem +gemeinsamen Tisch, dürfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und +sollen nicht vor Abend trinken. +</p> +</div> + <div id="anm23"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap23">23</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Getränk</hi> Bier. <hi rend='gesperrt'>Ufergrenze</hi> wohl nur des Rheins; die Sueben +an der Donau dulden keinen Wein, weil die Händler als Gegenwert +Sklaven fortschleppen. +</p> +</div> + <div id="anm25"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap25">25</ref></hi></head> + +<p> +Tacitus denkt hier nur an die <q>Hintersassen</q>; es gibt aber auch +<pb n='48'/><anchor id='Pg048'/>Haussklaven (<ref target="cap20">Kap. 20</ref>). Im folgenden Anspielung auf das Treiben +der Freigelassenen in Rom. +</p> +</div> + <div id="anm26"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap26">26</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Besser verhütet</hi>: Müllenhoff und Baumstark können diesen +Satz nur durch Flüchtigkeit erklären. Die folgende Schilderung der +Anbauverhältnisse, von allen Seiten her erläutert, ist nach Müllenhoff +übersetzt. <hi rend='gesperrt'>Nicht in vier Zeiten</hi>: sondern in Winter und +Sommer. So zählen sie auch, also nach halben Jahren. Doch ist <hi rend='gesperrt'>Herbst</hi> +ein altgermanisches Wort; nur brachte die Getreideernte bei den +Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles Obst aber +kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes. +</p> +</div> + <div id="anm27"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap27">27</ref></hi></head> + +<p> +Übergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift. +</p> +</div> + <div id="anm28"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap28">28</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Caesar</hi> wird als einziger Gewährsmann ausdrücklich genannt. +Diese seine Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute +sind sie als unrichtig erkannt. Die Kelten, die früher auch rechts vom +Rhein saßen, wurden vielmehr von den Germanen überall zurückgedrängt. +<hi rend='gesperrt'>Herzynischer Wald</hi> das ganze deutsche Mittelgebirge, +hier etwa Schwarzwald und Rauhe Alb. <hi rend='gesperrt'>Helvetier</hi> bald darauf in +der Nordschweiz, <hi rend='gesperrt'>Bojer</hi> damals in Böhmen (Beheim), <hi rend='gesperrt'>Aravisker</hi> +um Stuhlweißenburg, <hi rend='gesperrt'>Osen</hi> in Oberungarn; diese beiden pannonische +Stämme. Von den Osen ist es <ref target="cap43">Kap. 43</ref> ausdrücklich bezeugt; die +Worte <hi rend='antiqua'>Germanorum natione</hi> können nur auf den Wohnsitz gedeutet +werden. <hi rend='gesperrt'>Treverer</hi> um Trier, wahrscheinlich Gallier, <hi rend='gesperrt'>Nervier</hi> +an der Sambre, <hi rend='gesperrt'>Vangionen</hi> um Worms, <hi rend='gesperrt'>Triboker</hi> bei Hagenau, +<hi rend='gesperrt'>Nemeter</hi> um Speyer, <hi rend='gesperrt'>Ubier</hi> 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke +Rheinufer verpflanzt; ihr Hauptort wird die <hi rend='antiqua'>colonia Agrippinensis</hi>, +der Geburtsort der Agrippa, Tochter des Germanicus und Gemahlin +des Kaisers Claudius. Sie ist auch die Stifterin der Kolonie (Köln!). +</p> + +</div> + <div id="anm29"> +<pb n='49'/><anchor id='Pg049'/> + +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap29">29</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Bataver</hi> im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von +den Chatten her wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des +Civilis (69 und 70 n. Chr.) bleibt das Freundschaftsverhältnis zu +den Römern. <hi rend='gesperrt'>Mattiaker</hi> um Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt +sind. <hi rend='gesperrt'>Über die alten Grenzen</hi> endgültig durch den Bau des +Grenzwalls (<hi rend='antiqua'>limes</hi>), der, von Domitian begonnen, in seiner Vollendung +(3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder Kehlheim über +Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km lang. +Man hat schon tausend Wachttürme und hundert Kastelle (darunter +die Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine förmliche Mauer. <hi rend='gesperrt'>Zehntland</hi> +(<hi rend='antiqua'>agri decumates</hi>, nur hier erwähnt) römisches Staatspachtland +am mittleren Neckar. +</p> +</div> + <div id="anm30"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap30">30</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Weiter hinaus</hi> über das Zehntland hin. <hi rend='gesperrt'>Chatten</hi> = Hessen. +Sie sind, außer den Friesen, nach Grimm <q>der einzige deutsche +Volksschlag, der mit behauptetem alten Namen bis auf heute an +derselben Stelle haftet, wo sie in der Geschichte zuerst erwähnt +werden</q>. Ihnen widerfährt hier unter allen Stämmen das größte +Lob. +</p> +</div> + <div id="anm32"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap32">32</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Usipier</hi> (Usipeter) und <hi rend='gesperrt'>Tenkterer</hi>, immer gemeinsam genannt, +vom Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe. +</p> +</div> + <div id="anm33"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap33">33</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Brukterer</hi> zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); +später zurückgedrängt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind +übertrieben. Alle diese Stämme gehen in den Franken auf, deren +Hauptvolk später die <hi rend='gesperrt'>Chamaver</hi> werden, damals nördlich der Lippe +bis zum Zuydersee. <hi rend='gesperrt'>Angrivarier</hi>, an der Weser, später als Angern +ein Hauptstamm der Altsachsen. +</p> + +</div> + <div id="anm34"> +<pb n='50'/><anchor id='Pg050'/> + +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap34">34</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Im Rücken – vorn</hi>: die Völker mit dem Gesicht zur See. +<hi rend='gesperrt'>Dulgubiner</hi> in der Gegend von Hannover (?), <hi rend='gesperrt'>Chasuarier</hi> an der +Haase, Friesen zwischen Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen +Rhein und Yssel. <hi rend="gesperrt">Seen</hi> besonders der Zuydersee, aber auch viele +andere, da es an Deichen fehlt; so entstehen förmliche Inseln. +<hi rend='gesperrt'>Römische Flotten</hi>: Drusus Germanicus (12 v. Chr.) und sein +Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, nicht +recht zu bestimmende Unternehmung deutet <ref target="cap01">Kap. 1</ref>. <hi rend='gesperrt'>Säulen des +Herkules</hi> wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist +der römische Herkules gemeint. <hi rend='gesperrt'>Niemand versucht</hi>: nach Drusus +Germanicus jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.). +</p> +</div> + <div id="anm35"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap35">35</ref></hi></head> + +<p> +Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische +Halbinsel (Schleswig-Jütland) von der Elbemündung an stark ostwärts +geneigt. <hi rend='gesperrt'>Chauken</hi> am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach +Müllenhoff sind es vielleicht überhaupt nur andere Friesen, <q>Chauken</q> +ein Ehrenname. Im Bogen hätten sie die Chatten an der Weser +treffen müssen, eine wahrscheinlich unrichtige Angabe. Plinius schildert +die Chauken als armseliges Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. +Das auffallende Lob des Tacitus vielleicht beabsichtigter +Gegensatz zum folgenden Kapitel. +</p> +</div> + <div id="anm36"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap36">36</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Zur Seite</hi> östlich. <hi rend='gesperrt'>Cherusker</hi> in der Umgebung des Harzes, +früher noch weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten +durch ihren Kampf gegen die Römer: Vernichtung des +Varus im Teutoburger Walde. Arminius, der <q>Befreier Germaniens</q>, +besiegt auch Marbod, den König der Markomannen. Bald werden +aber die Cherusker zurückgedrängt, innere Zwistigkeiten, Kämpfe +mit den Chatten wüten, vom Frieden des Tacitus ist keine Rede. +<pb n='51'/><anchor id='Pg051'/>Ebenso scheint die Demütigung der Cherusker übertrieben. Nur ihr +(hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die späteren Sachsen? +<hi rend='gesperrt'>Fosen</hi> in der Wesergegend. +</p> +</div> + <div id="anm37"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap37">37</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Kimbern</hi>: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf +ihrem großen Zuge stoßen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, +640 der catonianischen Ära] nach der Gründung der +Stadt – Tacitus hält sich an die runde Zahl –) auf die Römer unter +Papirius Carbo. 107 wird der Konsul L. Cassius mit seinem Heer +vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio und der Konsul +Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius Scaurus, +gleichfalls geschlagen und getötet, hatte kein eigenes Heer, und +Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat +Trajans ist 98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis für die Abfassung +der <q>Germania</q> im gleichen Jahre. <hi rend='gesperrt'>Arsaces</hi> begründet +im 3. Jahrh. v. Chr. das große Partherreich, lange neben Rom +die einzige östliche Großmacht; Crassus wird 53 v. Chr. von den +Parthern getötet, Ventidius, ein Emporkömmling, rächt die Niederlage, +indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 v. Chr. +besiegt und ihren Prinzen Pacorus tötet. <hi rend='gesperrt'>Selbst dem Caesar</hi>: +Augustus. <hi rend='gesperrt'>Nero</hi> ist Tiberius. <hi rend='gesperrt'>Rüstungen des C. Caesar</hi>: Caligula; +er läßt seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert +(40 n. Chr.); später feiert auch Domitian einen höchst sonderbaren +Triumph. In den Bürgerkriegen nach Neros Tod beginnt der +Aufstand der Nordwestgermanen. +</p> +</div> + <div id="anm38"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap38">38</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Nunmehr</hi> eröffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle +folgenden, auch die nichtgermanischen Stämme zu den Sueben. +Aber schon die Nerthusvölker gehören nicht mehr dazu; auch nicht +die Ost- und Nordgermanen. <hi rend='gesperrt'>Sueben</hi> wortgleich mit <q>Schwaben</q>. +<pb n='52'/><anchor id='Pg052'/><hi rend='gesperrt'>Stammeszeichen</hi>: der Knoten, ohne Band, an der rechten Schläfe +über dem Ohr ist durch Bilder bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher +wären nach Baumstark im letzten Satz des <ref target="cap43">43. Kapitels</ref> Kennzeichen +angegeben. Baumstark unterscheidet die Männer, die diese Knoten +ohne Band tragen, von denen, die ihn über dem Scheitel (mit einem +Band) flechten, und diese wieder von den <q>Vornehmen</q>. +</p> +</div> + <div id="anm39"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap39">39</ref></hi></head> + +<p> +Müllenhoff hält den Namen <hi rend='gesperrt'>Semnonen</hi> für hieratisch: ihr +Wohnsitz, etwa im Spree- und Havelland, entspricht der von ihm +behaupteten Urheimat der Germanen. Der besonders großartige +Kultus ist denn auch der des Stammvaters Ziu, an dem die Sueben +festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern +die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, ein Zusammenschluß!) +an den rätischen Limes und erobern von da ab das jetzt noch alemannisch-schwäbische +Gebiet. Der Vers <hi rend='antiqua'>auguriis – sacram</hi> im +Deutschen durch <q>Zeichen – weihten</q> wiedergegeben. Vgl. die allgemeine +Einleitung! +</p> +</div> + <div id="anm40"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap40">40</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Langobarden</hi> an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. über Südmähren +ins Alföld (ihr <q>Feld</q>) und weiter nach Pannonien und +Italien (Lombardei). Die sieben Nerthusvölker: eine Kultgemeinschaft, +in Schleswig-Holstein, vielleicht auch Mecklenburg; die Angeln +gehen später nach England. Nicht genannt sind die Sachsen, damals +in Holstein. <hi rend='gesperrt'>Nerthus</hi> nicht etwa Hertha (eine falsche Bildung), +sondern Freya; als Mutter Erde (<hi rend='antiqua'>magna mater Idaea</hi>) bezeichnet, +weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester +Bild und Wagen reinigt. <hi rend='gesperrt'>Insel</hi> sicher nicht Rügen, ebenso der See +nicht der Herthasee, dessen Sage eine späte gelehrte Erfindung ist. +<hi rend='gesperrt'>Wenn man es glauben darf</hi>: also kein Götterbild (<ref target="cap09">Kap. 9</ref>). +</p> + +</div> + <div id="anm41"> +<pb n='53'/><anchor id='Pg053'/> + +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap41">41</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Wie noch zuvor</hi>: vom Zehntland bis zu den Chauken (<ref target="cap35">Kap. 35</ref>), +ja im wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Südnordrichtung +des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. +<hi rend='gesperrt'>Hermunduren</hi> zwischen Harz und Erzgebirge, südwärts bis +zum Main, vielleicht sogar zur Donau. Die gute Ausnahme bei den +Römern deutet nicht gerade auf unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn +des Reiches dürfen den Strom nur an bestimmten Stellen +unter Aufsicht überschreiten. <hi rend='gesperrt'>Kolonie</hi> ist <hi rend='antiqua'>Augusta Vindelicorum</hi> +(Augsburg). <hi rend='gesperrt'>Elbe</hi>: man dachte sich wohl die Moldau oder Eger +oder thüringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren +römische Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus +kannte man die Elbe nur noch vom Hörensagen. +</p> +</div> + <div id="anm42"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap42">42</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Varisten</hi> am Fichtelgebirge, <hi rend='gesperrt'>Markomannen</hi> in der großen +<q>Mark</q> zwischen Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier +entstanden war, ein suebisches Volk. Marbod führt sie nach +Böhmen, wo schon vorher, vielleicht mit durch die Markomannen, +die Bojer vertrieben worden waren. Er begründet ein mächtiges +Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den Cheruskern +zerstört es, und Marbod flüchtet zu den Römern. Später, +unter Marc Aurel, der Jahre währende große Markomannenkrieg +der Römer (Vorspiel der Völkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird +Böhmen slavisch, die Markomannen sind nach Bayern gerückt. Hier +ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, geblieben (Bayern und +Deutschösterreicher). <hi rend='gesperrt'>Quaden</hi> wahrscheinlich mit den Markomannen +zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Mähren und Oberungarn, +Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den +Vandalen nach Spanien. <hi rend='gesperrt'>Stirnwehr</hi> gegen Rom. <hi rend='gesperrt'>Tudrus</hi> wahrscheinlich +ein Quadenkönig. +</p> + +</div> + <div id="anm43"> +<pb n='54'/><anchor id='Pg054'/> + +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap43">43</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Noch weiter ab</hi>: nördlich und östlich der Markomannen und +Quaden, um das schlesische Gebirge. <hi rend='gesperrt'>Eisen</hi>, das bei den Germanen +so selten ist, verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben +zu befreien. <hi rend='gesperrt'>Gebirge</hi> der östliche Teil des Herzynischen +Waldes, besonders das Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. <hi rend='gesperrt'>Lugier</hi> +oder Lygier die Südgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband +(Vandilier, <ref target="cap02">Kap. 2</ref>), der alle hier genannten Stämme und +wohl auch die nicht genannten Burgunder umfaßt. Das Heiligtum +liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, Müllenhoff). Die +Lugier, von der Ostgrenze Böhmens bis zur Weichsel, heißen später +Vandalen, eine Nebenform von <q>Vandilier</q>. Ihre Wanderung +führt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. <hi rend='gesperrt'>In Frauentracht</hi>: nur +der Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi +(dem Namen des Königsgeschlechtes und darnach des ganzen +Volkes) abgeleitet, <q>Männer mit Frauenhaar</q>; das Königsgeschlecht +aber nennt sich nach dem Brüderpaar <q>Kastor und Pollux</q>, einer +alten indogermanischen Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: <q>Alken</q> +und <q>Hasdingi</q> soll zusammenhängen. Das Totenheer und die +straffere Königsherrschaft leitet die Steigerung ein, die allmählich +in das Reich des Märchens hinüberführt. <hi rend='gesperrt'>Goten</hi>, das bedeutendste +ostgermanische Volk, das Heldenvolk der Germanen, zwischen Weichsel +und Pregel; später in Südrußland, wo sich in der Krim Reste bis +ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist bekannt. <hi rend='gesperrt'>Rugier</hi> +und <hi rend='gesperrt'>Lemovier</hi> damals an der Ostsee zwischen Weichsel und Oder, +die Rugier später an der österreichischen Donau. +</p> +</div> + <div id="anm44"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap44">44</ref></hi></head> + +<p> +In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine +rechte Vorstellung hatte. <hi rend='gesperrt'>Suionen</hi> sind Schweden, Skandinavien +gilt als Insel. Schiffe, ähnlich den hier beschriebenen, noch heute +<pb n='55'/><anchor id='Pg055'/>bei den Norwegern als Scherenboote gebaut. <hi rend='gesperrt'>Reichtum</hi>: Geldgier +führt zur Entartung, und Entartete lassen sich einen unumschränkten +Herrscher gefallen. Aber der schwedische König, der ein Stammesheiligtum +verwaltet und dafür Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit +gar keine unbeschränkte Macht. Nur gebietet er Festfrieden, +und dann sind alle Waffen verschlossen (<ref target="cap40">Kap. 40</ref>). Vielleicht haben +Südgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das Mißverständnis +verschuldet. Steigerung gegenüber der Königsmacht der +Goten! +</p> +</div> + <div id="anm45"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap45">45</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Jenseits</hi> nördlich. <hi rend='gesperrt'>Starr</hi>: Pytheas von Massilia berichtet, es +gebe eine <foreign lang="el" rend="Greek">θάλασσα πεπηγυῖα</foreign>, ein geronnenes Meer (im Mittelalter +die Sage vom Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von +der Mitternachtssonne! <hi rend='gesperrt'>Der Erdkreis</hi> ist eine Scheibe, die Sonne +am Rand so nahe, daß man ihre Rosse und die Strahlen um das +Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende Sonne erklingt +nach altem Glauben. <q>Tönend wird für Geistesohren schon +der neue Tag geboren ... welch Getöse bringt das Licht!</q> (Faust). +<hi rend='gesperrt'>Nun denn</hi>: der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend über. +Die <hi rend='gesperrt'>rechte</hi> Küste ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. <hi rend='gesperrt'>Ästier</hi> +sind die Litauer; erst später geht der Name auf die finnischen Esthen +über. Das Folgende zeigt gerade, daß die Ästier keine Germanen +sind; die Ähnlichkeit mit der britannischen Sprache wohl nur zufällig. +<hi rend='gesperrt'>Bernstein</hi>, ein uralter Schmuck, wird über die <q>Bernsteinwege</q> +zu Land und zur See nach Südeuropa gebracht. Die Entstehung des +Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, daß von den Enden der +Welt kostbare Schätze kommen, bei Herodot. <hi rend='antiqua'>glesum</hi>: Glas, das +Glänzende. <hi rend='gesperrt'>Landtiere</hi>: Martial nennt die Viper. <hi rend='gesperrt'>Sitonen</hi> östlich +von den Suionen sind Finnen (Kvänen; Anklang an gotisches <hi rend='antiqua'>qêns</hi>, +Weib, <hi rend='antiqua'>queen</hi>): daher der Bericht über die Frauenherrschaft. + Höhe<pb n='56'/><anchor id='Pg056'/>punkt der Steigerung: Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschränkter +regiert, immer märchenhafter bis zur Frauenherrschaft. +</p> +</div> + <div id="anm46"> +<head><hi rend="kapitel"><ref target="cap46">46</ref></hi></head> + +<p> +<hi rend='gesperrt'>Peuciner</hi> ein anderer Name für die Bastarner, das östlichste +Germanenvolk (von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumündung), +auch das zuerst, schon den Griechen, 200 v. Chr. an der +unteren Donau bekannte. <hi rend='gesperrt'>Veneter</hi> Wenden, das germanische Wort +für Slaven. <hi rend='gesperrt'>Fennen</hi>: Finnen. Die Schilderung bezieht sich nur +auf ihr Leben im Sommer. Die <hi rend='gesperrt'>Hellusier</hi> sollen <q>Hirschartige</q>, +die <hi rend='gesperrt'>Oxioner</hi> <q>Ochsenartige</q> sein, vielleicht nach den Tierfellen, die +sie tragen; und daher wohl auch die Fabel. +</p> + +</div><div rend="page-break-before: always"> +<pb/><anchor id='Pg057'/> + <index index="toc" level1="Karte zu Tacitus’ Germania"/> + <index index="pdf" level1="Karte zu Tacitus' Germania"/> +<pgIf output="pdf"> + <then> + <p><figure url="images/map.jpg" rend="width: 100%"><figDesc>Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania</figDesc></figure></p> + </then> + <else><pgIf output="txt"> + <then><p rend="text-align: center">[Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania]</p></then> +<else><p> +<figure url="images/map_th.png"><figDesc>Illustration: Karte zu Tacitus’ Germania</figDesc></figure> +</p> +<p rend="text-align: center"><xref url="images/map.jpg">[Größere Version]</xref></p> +</else> + </pgIf></else> +</pgIf> + +<pb/><anchor id='Pg058'/> +</div><div rend="page-break-before: always"> + +<pb/><anchor id='Pg059'/> + +<p rend="text-align: center"> +Druck der Spamerschen<lb/> +Buchdruckerei, Leipzig +</p> + </div></div></body> + <back> + <div rend="page-break-before:right; x-class: boxed"> + <index index="toc"/><index index="pdf"/> + <head>Bemerkungen zur Textgestalt</head> + + <!--<p>Das Inhaltsverzeichnis am Anfang wurde in der elektronischen Version hinzugefügt.</p>--> + + <pgIf output="txt"> + <then> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr + einzelne Wörter aus + fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) gekennzeichnet, + ebenso wie gesperrt gesetzte Wörter.</p> + </then> + <else> + <p>Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr + einzelne Wörter aus + fremden Sprachen (hier kursiv wiedergegeben).</p> + </else> + </pgIf> + <p>Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht.</p> + <p>Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers:</p> + <list> +<item><ref target="corr045">Seite 45</ref>: „Göttinen“ geändert in „Göttinnen“</item> + </list> + + </div> +<div rend="page-break-before: right"> + <divGen type="pgfooter" /> + </div> + </back> + </text> +</TEI.2> diff --git a/39573-tei/images/cover.jpg b/39573-tei/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1b5da9a --- /dev/null +++ b/39573-tei/images/cover.jpg diff --git a/39573-tei/images/map.jpg b/39573-tei/images/map.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..1fd5e46 --- /dev/null +++ b/39573-tei/images/map.jpg diff --git a/39573-tei/images/map_th.png b/39573-tei/images/map_th.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..a604199 --- /dev/null +++ b/39573-tei/images/map_th.png diff --git a/39573-tei/images/signet.png b/39573-tei/images/signet.png Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..8e29c03 --- /dev/null +++ b/39573-tei/images/signet.png diff --git a/39573.txt b/39573.txt new file mode 100644 index 0000000..c68158e --- /dev/null +++ b/39573.txt @@ -0,0 +1,2454 @@ +The Project Gutenberg EBook of Die Germania by Cornelius Tacitus + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Die Germania + +Author: Cornelius Tacitus + +Release Date: April 29, 2012 [Ebook #39573] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + + + [Illustration: Einband] + + + + + + Die Germania + + des + + Cornelius Tacitus + + + Mit einer Karte + + + [Illustration: Verlagssignet] + + + Uebersetzung von Paul Stefan + + +Im Insel-Verlag zu Leipzig + + + + + + + _1_ + + +Ganz Germanien scheiden die Stroeme Rhein und Donau vom gallischen und +raetisch-pannonischen Gebiet; gegen Sarmater wie Daker bilden Gebirge oder +das Misstrauen hueben und drueben die Grenze. Das uebrige umfliesst in weiten +Buchten der Oceanus, unermessliche Inseln umfangend; dort sind einige +Voelkerschaften und Herrscher neulich bekannt geworden, die ein Kriegszug +erschloss. Der Rhein entspringt einem unzugaenglich jaehen Hang der Raetischen +Alpen, wendet sich in maessiger Biegung gegen Westen und muendet ins +noerdliche Meer. Die Donau stroemt in dem sanft und gemaechlich ansteigenden +Gebirgszug Abnoba hervor und kommt an mancherlei Voelker heran, bis sie ins +Pontische Meer in sechs Muendungen durchbricht. Ein siebenter Auslauf +verliert sich in Suempfen. + + + + + _2_ + + +Das Volk der Germanen scheint mir ureingeboren zu sein und ganz und gar +nicht beruehrt durch Zuzug oder Aufnahme aus fremden Staemmen. Denn nicht zu +Lande, sondern auf vielen Schiffen kamen in der Urzeit die Wanderer, die +einen neuen Wohnsitz suchten; und ins unermessliche Meer dort droben, in +eine, ich moechte sagen andere Welt gelangen Fahrzeuge aus unserem Erdkreis +kaum. Und wer haette denn auch, ungerechnet die Gefahr auf dem +schauerlichen, unbekannten Meere, Asien, Afrika oder Italien verlassen und +nach Germanien ziehen moegen, in ein ungestaltes Land unter rauhem Himmel, +wuest zu bewohnen und anzuschauen fuer alle, die da nicht heimisch sind? + +Sie feiern in alten Liedern, den einzigen Denkmaelern ihrer Ueberlieferung +und Geschichte, einen erdgeborenen Gott Tuisto und seinen Sohn Mannus, den +Urvater und Begruender ihres Stammes. Mannus habe drei Soehne gehabt, nach +denen die Voelker naechst dem Nordmeer Ingaevonen, die im Innern Herminonen, +die uebrigen Istaevonen genannt wuerden. Andere behaupten (spielt doch hier +fernste Sage und Willkuer), es habe mehr Soehne des Gottes, also auch mehr +Volksbezeichnungen gegeben, Marsen, Gambrivier, Sueben, Vandilier, und das +seien echte alte Namen. Das Wort Germanien sei ziemlich neu und erst vor +einiger Zeit aufgekommen: die ersten, die den Rhein ueberschritten und die +Gallier vertrieben, jetzt Tungrer, seien damals Germanen genannt worden, +und allmaehlich habe sich der Name eines einzelnen Stammes und nicht eines +Volkes behauptet. So naemlich, dass zuerst die Sieger, der Schreckenswirkung +zuliebe, der grossen Gesamtheit den eigenen Namen beigelegt und dass die ihn +dann angenommen und sich wirklich Germanen genannt haetten. + + + + + _3_ + + +Es heisst auch, dass Herkules bei ihnen gewesen sei, und sie singen von ihm +als dem ersten aller Tapferen, wenn sie in den Kampf ziehen. Noch eine Art +Schlachtgesang haben sie, dessen Vortrag, _barditus_ genannt, sie +befeuert, ja den Ausgang der kommenden Schlacht in dem blossen Klang ahnen +laesst; denn sie schrecken oder erschrecken selbst, je nachdem es durch die +Reihen droehnt, gleich als waere das nicht so sehr der Hall ihrer Stimmen +als ihres Heldenmuts. Ein gewollt rauher Schall, ein jaeh abbrechendes +Brausen entsteht, wenn sie die Schilde vor den Mund halten, dass die Stimme +rueckprallend noch voller und tiefer schwelle. + +Doch auch Ulixes, so meinen welche, habe auf seiner langen sagenreichen +Irrfahrt, in jenes Nordmeer verschlagen, germanische Laender betreten; +Asciburgium, am Ufer des Rheins gelegen und noch heute bewohnt, sei von +ihm gegruendet und benannt. Ja, ein Denkstein, der, von Ulixes errichtet, +auch den Namen seines Vaters Laertes trage, sei vorzeiten an diesem selben +Ort aufgefunden worden, und etliche Denk- und Grabmaeler mit griechischer +Schrift gaebe es in der germanisch-raetischen Grenzmark noch heute. Dies +alles mit Gruenden zu stuetzen oder abzuweisen, habe ich nicht im Sinn: man +schenke oder versage dem Glauben, wie es jedem beliebt. + + + + + _4_ + + +Selber schliesse ich mich denen an, die Germaniens Staemme, rein und vor +jeglicher Mischung mit Fremden bewahrt, fuer ein eigenes, unverfaelschtes, +keinem anderen vergleichbares Volk nehmen. Daher auch, unerachtet der +grossen Menschenzahl, ueberall der gleiche Schlag: hellblaue trotzige Augen, +rotblondes Haar, gewaltige Leiber, nur zu Tat und ungestuemem Draengen +taugend; muehsamer Arbeit sind sie nicht in gleichem Masse gewachsen. Durst +und Hitze koennen sie gar nicht vertragen, Kaelte aber und Hunger sind sie +in ihren Breiten, auf ihrem Boden gewohnt. + + + + + _5_ + + +Das Land sieht wohl nicht ueberall gleich aus; doch allenthalben starrt +schrecklicher Urwald, dehnen sich haessliche Suempfe. Es ist feuchter gegen +Gallien hin, windiger gegen Noricum und Pannonien: Saatgut traegt es, +Fruchtbaeume gedeihen nicht, Vieh ist haeufig, aber meist unansehnlich. +Selbst nicht die Rinder haben ihr stattliches Wesen und ihren Schmuck an +der Stirn: nur die Zahl der Herde erfreut, nur sie bildet das einzige und +ein sehr geschaetztes Vermoegen. Silber und Gold haben die Goetter ihnen +nicht vergoennt (ob wohl aus Gunst oder Zorn?), doch moechte ich nicht +behaupten, dass Germanien keine Ader Silbers oder Goldes berge; wer haette +danach gesucht? Es zu besitzen und zu brauchen, macht ihnen jedesfalls +nicht viel aus. Man kann bei ihnen silbernes Geraet sehen (wie es ihre +Gesandten und Fuersten als Geschenk erhalten), das sie nicht hoeher achten +als irdenes. Nur die Grenznachbarn wissen im Handelsverkehr Gold und +Silber zu schaetzen, erkennen gewisse Praegungen unseres Geldes als echt an +und geben ihnen den Vorzug. Tiefer im Innern bleibt es beim einfachen +alten Tauschhandel. Von dem Geld nehmen sie nur das alte, wohlbekannte +gern, die Muenzen mit gezahntem Rand und die mit dem Zweigespann. Auch +halten sie sich mehr an das Silber als an Gold, nicht aus besonderer +Vorliebe, sondern weil ihnen eine Anzahl von Silbermuenzen besser dient, +wenn sie allerhand wohlfeile Ware erhandeln. + + + + + _6_ + + +Selbst Eisen haben sie nicht allzuviel, wie ihre Waffen zum Angriff +zeigen. Wenige fuehren Schwerter oder laengere Spiesse; meist brauchen sie +Speere (wie sie sagen, Framen) mit schmaler, kurzer Eisenspitze, aber so +scharf und so handlich, dass sie dieselbe Waffe, je nach Beduerfnis, im Nah- +wie im Fernkampf verwenden koennen. Der Reiter begnuegt sich mit Schild und +Frame, das Fussvolk schleudert auch Geschosse, jeder gleich mehrere, und +wirft, nackt oder nur im leichten Mantel, unglaublich weit. Ihre Ruestung +prunkt nicht; nur die Schilde bemalen sie unterschiedlich mit den +buntesten Farben. Panzer haben sie kaum, Helme aus Erz oder Leder nur +einer und der andere. Die Pferde sind nicht durch Schoenheit, nicht durch +Geschwindigkeit ausgezeichnet, aber sie werden auch nicht wie bei uns zu +vielerlei Wendungen abgerichtet: man treibt sie geradeaus oder schwenkt +nur einmal nach rechts, in streng geschlossener Linie, so dass niemand +zurueckbleibt. Im ganzen ruht die groessere Kraft im Fussvolk; darum streitet +auch eine gemischte Schar, in der sich hurtiges Fussvolk, aus der gesamten +Jungmannschaft erlesen, dem Reiterkampf schmiegsam anpasst, vor der uebrigen +Hauptmacht. Auch ihre Zahl ist bestimmt: es sind ihrer hundert aus jedem +Gau, und Hunderter heissen sie bei den Ihren. Was also zuerst Zahl war, ist +nun Name und Ehrenname geworden. + +Die Hauptmacht wird in Keilform aufgestellt. Vom Platze weichen gilt, wenn +man nur wieder vordringt, eher fuer klug und nicht als Feigheit. Ihre +Verwundeten bringen sie auch in bedenklichen Kaempfen in Sicherheit. Den +Schild im Stiche zu lassen, ist der aergste Frevel. Ein derart Ehrloser +darf nicht mit opfern noch mit raten. Und schon mancher, der im Kriege +davonkam, hat seine Schmach mit einer Schlinge beendet. + + + + + _7_ + + +Koenige waehlt man nach ihrem Adel, Fuehrer nach ihrer Tapferkeit. Doch auch +der Koenige Macht ist nicht ohne Schranken, nicht Willkuer, und die Fuehrer +wirken weit mehr durch ihr Vorbild als durch ihr Amt: wenn sie ueberall zur +Hand, wenn sie allen sichtbar, wenn sie immer vorne kaempfen und zur +Bewunderung fortreissen. Auch ist es ihnen nicht erlaubt, ueber Leben und +Tod zu richten, noch fesseln zu lassen; ja selbst zu Schlaegen verurteilen +duerfen nur Priester, gleichsam als geschaehe es nicht zur Strafe noch auf +Befehl des Fuehrers, sondern gewissermassen auf Geheiss der Gottheit, die +nach germanischem Glauben ueber den Streitenden waltet. So nehmen sie auch +Bilder und gewisse Goetterzeichen aus den Hainen in die Schlacht mit, und +ein besonders wirksamer Anreiz zur Tapferkeit ist es, dass nicht ein +Ungefaehr, nicht irgendeine Zusammenrottung Geschwader und Keile entstehen +laesst, sondern dass Familien und Sippen zusammenhalten. Dann sind auch fuer +jeden seine Lieben ganz nahe, und da hoert er das schrille Geschrei der +Frauen, das Wimmern der Kinder. Hier hat er die heiligsten Zeugen, hier +das lauteste Lob: zur Mutter, zur Gemahlin kommt er mit seinen Wunden, und +die schrecken nicht zurueck, zaehlen und pruefen sie ihm und bringen den +Kaempfern Speise und Zuspruch. + + + + + _8_ + + +Es ist uns ueberliefert, dass Frauen, mehr als einmal, schon wankende und +weichende Reihen durch ihr unablaessiges Flehen, die Brueste entbloessend und +auf die drohende Gefangenschaft deutend, wieder hergestellt haben. Denn +ihre Frauen gefangen zu denken, ist ihnen ganz unertraeglich, und das geht +so weit, dass Voelkerschaften, die unter ihren Geiseln auch adlige Maedchen +stellen muessen, wirksamer gebunden sind. Ja, sie schreiben den Frauen +etwas Heiliges, Seherisches zu und verschmaehen nicht ihren Rat, ueberhoeren +nicht ihren Bescheid. Wir haben gesehen, wie zu des erlauchten Vespasianus +Zeit Veleda weit und breit als goettliches Wesen galt. Aber auch frueher +haben sie Albruna und manche andre Frau verehrt, doch nicht aus +Schmeichelei, noch als machten sie Goettinnen aus ihnen. + + + + + _9_ + + +Unter den Goettern verehren sie am hoechsten den Mercurius; sie glauben, ihm +an bestimmten Festen auch Menschenopfer bringen zu duerfen. Mars und +Herkules versoehnen sie nur mit erlaubten Tieren. Ein Teil der Sueben dient +auch der Isis. Anlass und Ursprung dieser fremden Anbetung kann ich nicht +recht erklaeren; nur zeigt gerade das Sinnbild, einem Liburnerschiff +gleichend, dass sie ueber die See eingedrungen ist. Uebrigens widerstrebt es +ihrer Anschauung von der Groesse der Himmlischen, die Goetter in Mauern zu +sperren und mit menschlichen Zuegen abzubilden. Sie weihen ihnen Waelder und +Haine und rufen mit Goetternamen jene geheime Macht an, die sie nur in +entrueckter Andacht schauen. + + + + + _10_ + + +Auf Vorzeichen und Losdeutungen achten sie wie nur irgendein Volk. Das +Verfahren beim Losen ist einfach. Sie schneiden den Zweig von einem wilden +Fruchtbaum zu Staebchen, ritzen auf jedes ein bestimmtes Zeichen und +streuen sie aufs Geratewohl ueber ein weisses Tuch hin. Dann hebt, wenn in +gemeiner Sache Rat gesucht wird, der Priester, wenn in Sachen einzelner, +das Familienhaupt, mit einem Gebet zu den Goettern gegen Himmel +aufblickend, nacheinander drei Staebchen auf und deutet sie gemaess dem zuvor +eingeschnittenen Mal. Sind sie nicht guenstig, so wird in derselben Sache +am gleichen Tage nicht mehr befragt, wenn aber guenstig, noch die +Bestaetigung durch Vorzeichen gefordert. Und zwar ist auch hier gelaeufig, +Vogelstimmen und Vogelflug zu erkunden: eigentuemlich aber ist diesem +Volke, auch auf die Ahnungen und Warnungen von Pferden zu achten. In den +gleichen Hainen und Waeldern, deren ich schon gedachte, werden auf Kosten +der Gemeinschaft weisse Rosse gehalten, von keiner irdischen Arbeit +beruehrt. Nun spannt man sie vor den heiligen Wagen, und der Priester mit +dem Koenig oder Fuersten geht nebenher und merkt auf ihr Wiehern und +Schnauben. Und kein anderes Vorzeichen findet groesseren Glauben, nicht nur +im niederen Volk, sondern auch bei den Vornehmen und Priestern. Diese +halten sich wohl fuer die Mittler der Gottheit, die Rosse aber fuer ihre +Vertrauten. + +Dann gibt es noch eine Art Schicksalserforschung, durch die sie den +Ausgang schwerer Kriege erfahren wollen. Aus dem Volk ihrer Gegner stellen +sie einen Gefangenen, den sie irgendwie aufgegriffen haben, einem +auserlesenen Kaempfer des eigenen Volkes gegenueber, jeden mit seinen +heimischen Waffen: der Sieg des einen wie des anderen gilt als +Vorbedeutung. + + + + + _11_ + + +Ueber geringere Sachen beraten die Fuersten, ueber wichtigere die Gesamtheit, +jedoch so, dass auch, was das Volk entscheidet, im Rat der Fuersten +vorbesprochen wird. Sie kommen, ausser wenn ein unerwarteter Zufall +eintritt, in bestimmten Fristen zusammen, zum Neumond oder zum Vollmond; +denn diese Zeiten scheinen ihnen besonders guenstig fuer den Beginn eines +Unternehmens. Sie zaehlen auch nicht wie wir die Tage, sondern die Naechte. +Darnach wird anberaumt und zugesagt: die Nacht fuehrt gleichsam den Tag +herauf. Ihre ungeregelte Freiheit hat das Missliche, dass sie nicht +gleichzeitig und nicht nach dem Geheiss beisammen sind, sondern dass oft ein +zweiter, ein dritter Tag mit dem Warten auf Saeumige hingeht. So wie es der +Schar genehm ist, setzen sich alle, in Waffen. Die Priester, die hier auch +das Recht zu ahnden haben, gebieten Schweigen. Darauf findet der Koenig +oder Fuerst Gehoer, jeder nach seinem Alter, Adel, Kriegsruhm und +Redevermoegen, mehr nach dem Gewicht seines Rates als nach der Macht zu +befehlen. Missfaellt der Antrag, so wird er durch Murren verworfen; gefaellt +er, so schlagen sie mit den Framen aneinander. Das ehrenvollste Zeichen +des Beifalls ist Lob mit den Waffen. + + + + + _12_ + + +Vor dieser Versammlung darf auch Klage angebracht und peinliches Gericht +begehrt werden. Die Strafen scheiden sich nach dem Verbrechen. Verraeter +und Ueberlaeufer haengen sie an Baeumen auf, Feige, Weichlinge und am Koerper +Geschaendete versenken sie in Schlamm und Morast und werfen Flechtwerk +darueber. Die Verschiedenheit der Todesart deutet darauf, dass man Frevel +durch die Strafe gleichsam kundtun, Schandtaten verbergen muesse. Aber auch +fuer leichtere Vergehungen gibt es angemessene Strafe: die Ueberwiesenen +werden um eine Anzahl von Pferden und Vieh gebuesst. Ein Teil der Busse wird +dem Koenig oder Gemeinwesen, der andere dem, der sein Recht erhaelt, oder +seinen Verwandten geleistet. + +In den gleichen Versammlungen werden auch die Fuersten bestimmt, die in +Gauen und Doerfern Recht sprechen. Jedem solchen treten hundert Maenner aus +dem Volke als Rat und Beistand zur Seite. + + + + + _13_ + + +Nie aber, ob sie nun Geschaefte des Gemeinwesens oder eigene besorgen, +erscheinen sie anders als gewaffnet. Doch soll niemand die Waffen anlegen, +ehe ihn nicht die Gemeinde fuer wehrhaft erklaert hat. Dann schmueckt gleich +in der Versammlung entweder ein Fuerst oder der Vater oder ein Verwandter +den Juengling mit Schild und Frame. Das ist dort die Toga, das des jungen +Mannes erste Ehrung; bis dahin gilt er als Glied des Hauswesens, nunmehr +der Gemeinschaft. + +Vornehme Abkunft oder hohes Verdienst des Vaters sichert die Fuerstengunst +auch noch nicht Mannbaren. Solche schliessen sich dann den uebrigen, +Aelteren, laengst schon Bewaehrten an. Und es ist fuer niemand beschaemend, in +einem Gefolge zu erscheinen. Ja im Gefolge selbst gibt es noch eine +Rangordnung nach dem Ermessen des Gefolgsherrn, und gross ist der Wetteifer +der Mannen um den ersten Platz zunaechst dem Fuersten, wie auch der Fuersten +um das zahlreichste und mutigste Gefolge. Das bringt Wuerde, bringt Macht: +immerzu von einer grossen Schar erlesener Jugend umgeben zu sein; im +Frieden eine Zier, im Kriege Schirm und Schutz. Aber nicht nur bei seinem +Stamm, sondern auch in den Nachbargauen wird bekannt und beruehmt, wer sich +durch Zahl und Wert seines Gefolges hervortut. Gesandte suchen ihn auf, er +erhaelt Geschenke, und schon sein Ruf kann oft Kriege niederschlagen. + + + + + _14_ + + +Kommt es zum Kampf, so ist es ein Schimpf fuer den Fuersten, sich an +Tapferkeit uebertreffen zu lassen, ein Schimpf fuers Gefolge, es der +Tapferkeit des Fuehrers nicht gleichzutun. Hoechste Schmach und Schande +vollends ist es fuer das ganze Leben, ohne den Herrn lebend vom Kampffeld +zu weichen: ihn zu verteidigen, ihn zu behueten, ja die eigene Heldentat +seinem Ruhm zuzurechnen, ist vornehmste Eidespflicht. Fuersten kaempfen fuer +den Sieg, das Gefolg fuer den Fuersten. + +Wenn ihre Heimat in langem, muessigem Frieden verkommt, dann ziehen adlige +Juenglinge oft auf eigene Faust hinaus zu anderen Voelkern, die gerade Krieg +fuehren. Denn ein ruhiges Leben gefaellt diesem Volke nicht, in der Gefahr +finden sie leichter Ruhm, und man kann auch ein grosses Gefolge nur durch +Gewalt und Krieg erhalten; heischen doch die Mannen von der Milde des +Fuersten das Streitross und die blutige, siegbewaehrte Frame. Auch ersetzt ja +die Speisung und grobe, aber reichlich ausgerichtete Bewirtung den Sold: +solcher Freigebigkeit schafft Krieg und Raub die Mittel. Den Acker zu +pfluegen und die Jahreszeit abzuwarten, wuerde sie keiner so leicht +ueberreden; viel eher den Feind zu fordern und sich Wunden zu holen. Ja, es +duenkt ihnen wohl faul und schlapp, im Schweiss zu erarbeiten, was mit Blut +zu gewinnen waere. + + + + + _15_ + + +Wenn sie nicht Krieg fuehren, so verbringen sie ihre Zeit auf der Jagd, +haeufiger noch muessig, einzig dem Schlaf und dem Schmaus ergeben. Gerade die +Tapfersten und Kriegstuechtigsten tun gar nichts und ueberlassen die Sorge +um Heim und Herd und Flur den Frauen und Greisen oder recht den +Gebrechlichsten aus der Sippe; sie selber sehen stumpf und traege zu. +Sonderbarer Zwiespalt ihres Wesens, dass ganz die gleichen Menschen so sehr +das Nichtstun lieben und doch die Ruhe hassen! + +Es ist Sitte, dass die Gemeindegenossen freiwillig, jeder fuer sich, den +Fuersten Vieh und Korn beisteuern, was, zwar als Ehrengabe empfangen, doch +auch dem Bedarf zustatten kommt. Besonders freuen sie sich mit Geschenken +benachbarter Voelker, wie sie nicht nur von einzelnen, sondern auch im +Namen einer Gemeinschaft gesendet werden, erlesenen Pferden, praechtigen +Waffen, Brustschmuck und Ringen. Schon haben wir sie auch Geld zu nehmen +gelehrt. + + + + + _16_ + + +Dass die germanischen Staemme nirgends Staedte bewohnen, ist genugsam +bekannt, auch dass sie selbst geschlossener Siedelung abhold sind. Sie +bauen ohne Richtung und Ordnung, wo ihnen eben ein Quell, eine Flur, ein +Gehoelz gefaellt. Wohl legen sie Doerfer an, aber nicht nach unsrer Art mit +verbundenen Gebaeuden, in einem Zusammenhang: jeder fuer sich umgibt sein +Haus mit einem freien Raum, vielleicht zum Schutz gegen Feuersgefahr, +vielleicht weil er nicht besser zu bauen versteht. Selbst Bruchsteine und +Ziegel sind ihnen unbekannt; ueberall verwenden sie ungefueges Holz, +unbekuemmert um Gefallen und Ansehn. Doch ueberstreichen sie einzelne +Stellen recht sorgfaeltig mit einer Erdart von so reinem Glanz, dass es wie +Bemalung und farbige Zeichnung wirkt. Auch graben sie unterirdische Hoehlen +und legen eine dichte Dungschicht darueber hin: als Zuflucht fuer den Winter +und als Vorratsspeicher. Denn solche Raeume mildern die strengen Froeste; +und faellt einmal der Feind ins Land, so pluendert er zwar, was offen +daliegt, vom geborgenen und vergrabenen Gut jedoch erhaelt er nicht Kunde, +oder es entgeht ihm gerade darum, weil ers erst suchen muesste. + + + + + _17_ + + +Als Ueberwurf tragen alle einen kurzen Rock, der von einer Spange, wo sie +mangelt, von einem Dorn zusammengehalten wird. Sonst unbedeckt, verbringen +sie ganze Tage am Herdfeuer. Nur sehr Wohlhabende haben zudem noch ein +Kleid, das aber nicht, wie bei den Sarmatern und Parthern weit +herabfliesst, sondern eng anliegt und jedes Glied hervortreten laesst. Man +traegt auch Pelze, naechst den Stromgrenzen ziemlich achtlos; weiter im +Innern wenden sie besondere Sorgfalt daran, weil ihnen kein Handel anderen +Putz bringt. Sie waehlen unter dem Wild und verbraemen die abgezogenen +Huellen mit dem gefleckten Fell von Tieren, die am Nordmeer und an +unbekannten Gestaden daheim sind. Frauen tragen sich nicht anders als +Maenner; nur gehen sie gewoehnlich in Linnengewaender gehuellt, die mit roten +Saeumen verziert sind. Ihre Kleidung laeuft oben nicht in Aermel aus; +Schultern und Arme sind bloss, aber auch ein Teil der Brust bleibt +unverhuellt. + + + + + _18_ + + +Doch ihre Ehesitten sind streng und in ihrer ganzen Lebensfuehrung wohl am +meisten zu loben. Denn fast allein bei diesem Barbarenvolk begnuegt sich +jeder mit einer Frau, von ganz wenigen Maennern abgesehen, die nicht ihre +Lust befriedigen wollen, sondern wegen ihrer hohen Stellung mehrfach +umworben werden. Eine Mitgift bringt nicht die Frau dem Manne, sondern der +Mann der Frau. Dazu finden sich Eltern und Verwandte ein und pruefen die +Geschenke. Geschenke aber, die nicht als Weibertand noch zum Schmuck fuer +die Neuvermaehlte dienen sollen; sondern Rinder und ein aufgezaeumtes Ross +und ein Schild samt Frame und Schwert. Auf diese Geschenke hin nimmt der +Mann die Frau entgegen, und dafuer bringt sie selber dem Mann auch ein +Rueststueck zu: dies gilt ihnen als das staerkste Band, dies als geheime +Weihe, dies als Segen der Ehegoetter. Auf dass sich das Weib nicht fremd in +einer Welt von Maennergedanken und wechselndem Kriegsglueck erachte, wird es +schon am feierlichen Beginn der Ehe ermahnt, dass es als Gefaehrtin in +Muehsal und Gefahr gekommen sei, bestimmt im Frieden wie im Kriege mit zu +dulden und mit zu wagen: also verkuenden das Rindergespann, das geruestete +Ross, die dargereichten Waffen. So muesse sie leben, so in den Tod gehen; +was sie empfange, solle sie unentweiht und in Ehren ihren Soehnen +wiedergeben, dass es dann die Schwiegertoechter uebernaehmen und noch die +Enkel erbten. + + + + + _19_ + + +So leben die Frauen, von ihrer Keuschheit umhegt, nicht verderbt von den +Lockungen des Schauspiels noch von den Reizungen der Gelage; und von +geheimen Briefschaften weiss weder Mann noch Weib. Hoechst selten kommt es +in dem so zahlreichen Volk zu Ehebruch; und dann folgt die Strafe +unmittelbar und ist dem Mann ueberlassen. Mit abgeschnittenem Haar, +entbloesst, vor den Augen der Verwandten jagt er das Weib aus dem Hause und +peitscht sie mit Ruten durchs ganze Dorf. Und fuer preisgegebene Keuschheit +gibt es keine Verzeihung: nicht Schoenheit, nicht Jugend, nicht reiche Habe +koennte ihr einen Mann gewinnen. Denn dort lacht niemand ueber das Laster, +und Verfuehren und Sichverfuehrenlassen heisst nicht "der Geist der Zeit". +Besser steht es gewiss noch um Voelkerschaften, bei denen nur Jungfrauen +heiraten und mit der Hoffnung und dem Geluebde der Ehefrau einmal fuer immer +abschliessen. So erhalten sie einen Mann, wie sie einen Leib und ein Leben +erhalten haben, auf dass sich kein Gedanke darueber hinaus, kein Begehren +weiter verirre, dass sie gleichsam nicht den Ehegemahl, sondern die Ehe +selber lieben. + +Die Zahl der Kinder zu beschraenken oder ein nachgeborenes zu toeten, gilt +als verruchte Tat; mehr vermoegen dort gute Sitten als anderswo gute +Gesetze. + + + + + _20_ + + +In jedem Hause waechst, nackt und ungepflegt, die Jugend zu dieser Groesse, +zu diesem Wuchs heran, ueber den wir staunen. Jedem Kind gibt die eigene +Mutter die Brust, und es wird nicht Maegden und Ammen ueberlassen. Freie +scheidet von Unfreien keinerlei feinere Erziehung: die einen wie die +anderen treiben sich mit den Tieren auf dem Boden herum, bis das Alter die +Freigeborenen scheidet und ihr Adel sie kenntlich macht. Spaet erfahren +junge Maenner die Lust; daher ihre unerschoepfte Kraft. Auch die Maedchen +werden nicht gedraengt; in gleicher Jugend, von aehnlicher Gestalt, +ebenbuertig an Kraft und Gesundheit, geben sie sich dem Gemahl, und von der +Staerke der Eltern zeugen die Kinder. + +Schwestersoehne sind dem Oheim nicht minder wert als dem Vater. Etliche +halten dieses Blutsverhaeltnis noch fuer heiliger und enger und fordern, +wenn sie Geiseln nehmen, besonders solche Kinder, als haetten sie damit das +Gewissen staerker und die Familie in weiterem Kreise verpflichtet. Erben +aber und Nachfolger sind jedem die eigenen Kinder, und es gibt kein +Testament. Fehlt es an Kindern, so folgen im naechsten Glied die Brueder, +Vaeter- und Muetterbrueder. Je mehr Blutsverwandte, je weiter die +Verschwaegerung, desto freundlicher das Leben im Alter; Kinderlosigkeit hat +keine Lockungen. + + + + + _21_ + + +Der Erbe muss auch die Fehden des Vaters oder eines Blutsverwandten +uebernehmen, gleichwie die Freundschaften. Aber sie dauern nicht +unversoehnlich fort: suehnt man doch selbst den Totschlag durch eine +bestimmte Anzahl von Gross- und Kleinvieh, und das ganze Haus nimmt die +Genugtuung an; das kommt dem Gemeinwesen zugute, denn bei solcher +Ungebundenheit sind Einzelfehden besonders gefaehrlich. + +Fuer Gelage und Bewirtungen zeigt kein anderes Volk so hemmungslose +Neigung. Irgendeinen Menschen, wer es auch sei, vom Hause zu weisen, gilt +als Frevel; je nach Vermoegen ruestet jeder dem Fremden das Mahl. Wenn das +Seine verzehrt ist, weist der Gastgeber den Weg zu einem anderen +Gastfreund und gibt dahin das Geleit. So treten sie ungeladen ins naechste +Haus. Da liegt nichts dran; mit gleicher Freundlichkeit werden sie +aufgenommen. Bekannt oder unbekannt: im Gastrecht unterscheidet man nicht. +Beim Abschied gehoert es sich, dem Gaste zu bewilligen, was er sich etwa +ausbittet, und eine Gegenbitte wird ebenso unbefangen gestellt. Die +Geschenke machen ihnen Freude; aber was sie geben, rechnen sie nicht an, +und was sie empfangen, schafft keine Verpflichtung. Wohlwollen nur kettet +Gastfreund an Gastfreund. + + + + + _22_ + + +Gleich vom Schlaf weg (den sie meist bis in den Tag hinein ausdehnen) +baden sie, oefters warm, weil es bei ihnen die laengste Zeit Winter ist. Auf +das Bad folgt ein Imbiss; jeder hat seinen besonderen Sitzplatz und seinen +eigenen Tisch. Dann gehen sie an ihre Geschaefte oder auch, nicht minder +haeufig, zum Gelage, immer in Waffen. Tag und Nacht durchzuzechen, bringt +keinem Schande. Haeufig gibts, wenn sie da trunken sind, Streit, und der +bleibt selten bei Worten, sondern endet recht oft mit Wunden und +Totschlag. Aber auch die Versoehnung des Feindes mit dem Feind, neue +Schwaegerschaft, Anschluss an Fuersten und sogar Krieg und Frieden wird +gewoehnlich beim Trinkgelage beraten, als ob zu keiner anderen Zeit der +Sinn unbeeinflusster Ueberlegung besser zugaenglich waere oder leichter +entflammt fuer grosse Gedanken. Ein Volk ohne Arg und Falsch, eroeffnet es +noch die Geheimnisse seiner Brust bei ungezwungenen Scherzen. Haben nun +alle ihre Meinung ohne Rueckhalt aufgedeckt, so wird sie am naechsten Tag +noch einmal geprueft, und jeder Zeit widerfaehrt ihr Recht: sie beraten, +wenn sie keiner Verstellung faehig sind, beschliessen, wenn sie nicht irren +koennen. + + + + + _23_ + + +Ihr Getraenk ist ein Saft aus Gerste oder Weizen, zu einer Art von Wein +vergoren. An der Ufergrenze erhandeln sie auch Wein. Die Kost ist einfach, +wilde Fruechte, frisches Wildbret, geronnene Milch. Ohne Aufwand, ohne +Wuerzen stillen sie gerade ihren Hunger. Gegen den Durst haben sie nicht +die gleiche Maessigkeit. Wer hier ihrem Hang Vorschub leistete und ihnen zu +trinken verschaffte, so viel sie begehren, der koennte sie einmal durch +ihre Ausschweifung fast leichter als mit bewaffneter Hand ueberwinden. + + + + + _24_ + + +Es gibt nur eine Art von Schauspiel, und die ist bei jedem Feste gleich. +Nackte Juenglinge, die es zum Vergnuegen tun, schwingen sich im Tanz +zwischen Schwertern und drohenden Framen. Uebung hat sie gewandt gemacht, +Gewandtheit anmutig; doch suchen sie nicht Erwerb und Lohn: ihres so +verwegenen Spieles Preis ist die Freude der Zuschauer. Aber merkwuerdig +sind sie beim Wuerfeln, treiben es nuechtern, wie ein ernstes Geschaeft, und +mit so toller Leidenschaft bei Gewinn und Verlust, dass sie, wenn alles hin +ist, im letzten entscheidenden Wurf Freiheit und Leben setzen. Und wer +verliert, wird freiwillig Sklave; sei er auch juenger und staerker, er laesst +sich geduldig binden und verkaufen. Das ist ihr Starrsinn noch am +verkehrten Ende: sie aber nennen es Treue. Sklaven dieser Art uebergeben +sie dem Handel, um auch selbst der Beschaemung ueber den Gewinn ledig zu +werden. + + + + + _25_ + + +Ihre andern Sklaven stellen sie, anders als wir, nicht zu genau verteiltem +Gesindedienst an; sondern jeder schaltet auf eigenem Anwesen, am eigenen +Herd. Der Herr legt ihm nur eine bestimmte Leistung an Getreide, Vieh oder +Zeug auf, wie wir unseren Paechtern, und nur so weit geht die Pflicht des +Hoerigen. Sonst besorgen die Geschaefte des Herrenhauses die Frau und die +Kinder. Dass der Sklave gepeitscht, gefesselt und mit Zwangsarbeit gestraft +wird, ist selten. Eher noch schlaegt der Herr einen tot, nicht zur Strafe +oder aus Strenge, sondern im aufwallenden Jaehzorn: wie einen Feind, nur +dass es hier ungesuehnt bleibt. Die Freigelassenen stehen nicht viel hoeher +als Sklaven. Selten haben sie einigen Einfluss im Haus, nie in der +Gemeinde, ausgenommen bei den Staemmen, die Koenigen botmaessig sind. Dort +naemlich steigen sie wohl ueber die Freigeborenen und selbst ueber Adelige +empor. Bei den anderen zeugt die Unebenbuertigkeit der Freigelassenen fuer +die Freiheit des Volkes. + + + + + _26_ + + +Geld auf Zins zu verleihen und Wucher zu treiben, ist ihnen unbekannt und +darum besser verhuetet, als wenn es verboten waere. + +Ackerland wird, entsprechend der Zahl derer, die es anbauen wollen, von +der Gesamtheit, immer in neuem Ausmass besetzt und dann jedesmal unter die +einzelnen nach ihrem Range aufgeteilt. Die Groesse der Gefilde macht solche +Teilung leicht. Mit der Anbauflaeche wechseln sie Jahr fuer Jahr, und noch +immer bleibt Ackerland brach. Denn ihre Arbeit wetteifert nicht mit der +Fruchtbarkeit und der Ausdehnung ihres Bodens, so etwa, dass sie Obstgaerten +anlegen, Wiesen ausscheiden, Gaerten bewaessern wuerden; einzig Getreide +fordern sie der Erde ab. Und so teilen sie auch das Jahr nicht in unsere +vier Zeiten; nur fuer Winter, Fruehling und Sommer haben sie den Begriff und +die Worte; vom Herbst kennen sie weder Namen noch Gaben. + + + + + _27_ + + +Leichenbegaengnisse wollen nicht prunken: nur darauf wird geachtet, dass man +die Reste bedeutender Maenner mit Holz von bestimmten Arten verbrenne. Auf +den Holzstoss haeufen sie nicht Teppiche noch Raeucherwerk; immer werden die +Waffen, zuweilen auch das Streitross ins Feuer mitgegeben. Ein Rasenhuegel +bildet das Grab. Ragender Denkmaeler kunstreiche Pracht verschmaehen sie, +als drueckend fuer die Verstorbenen. Von Klagen und Traenen lassen sie bald, +von Schmerz und Wehmut lange nicht. Frauen ziemt Trauer, Maennern +Erinnerung. + +So viel habe ich allgemein ueber Herkunft und Sitten des ganzen +Germanenvolkes erfahren. Nun will ich die Unterschiede in den +Einrichtungen und Braeuchen der einzelnen Staemme und die Einwanderungen aus +Germanien ins gallische Land eroertern. + + + + + _28_ + + +Dass Galliens Macht vorzeiten groesser war, meldet der beste Gewaehrsmann, der +erlauchte Julius [Caesar]; und so darf man wohl glauben, dass auch Gallier +nach Germanien hinuebergedrungen sind. Denn welch geringes Hindernis bot +nicht ein Strom, wenn eines der Voelker, eben im Gefuehl seiner Macht, her- +und hinueber zog und da blieb, wo das Land noch frei und zu keinem Bereich +abgegrenzt war? So haben denn in dem Land zwischen Herzynischem Wald und +Rhein- und Mainstrom die Helvetier, weiter hinaus die Bojer gewohnt, +beides gallische Staemme. Noch lebt der Name _Boihaemum_ und gemahnt an die +Vorgeschichte des Landes, obschon seine Siedler gewechselt haben. + +Ob aber die Aravisker nach Pannonien von den Osen her, aus germanischem +Gebiet, oder die Osen aus dem Land der Aravisker nach Germanien +eingewandert sind, das ist nicht zu entscheiden (beide haben noch heute +gleiche Sprache, gleiche Satzung und Braeuche): denn die naemliche Armut und +Freiheit bot einst an beiden Ufern des Grenzstromes genau so viel Vorteil +wie Nachteil. + +Treverer und Nervier behaupten sogar mit eifersuechtigem Stolz ihre +germanische Abkunft, als wuerde solcher Adel des Blutes eine Aehnlichkeit +mit den erschlafften Galliern aufheben. Am Rheinufer selbst wohnen +unzweifelhaft germanische Voelker, Vangionen, Triboker, Nemeter. Ja selbst +die Ubier, die doch fuer ihre Verdienste das Recht der roemischen Kolonien +erhielten und sich lieber nach ihrer Stifterin Agrippiner nennen hoeren, +schaemen sich ihres germanischen Ursprungs nicht. Sie waren schon vorzeiten +heruebergekommen und wurden dann zum Lohn bewaehrter Treue gerade am +Rheinufer angesiedelt, aber als Grenzwaechter, nicht als Bewachte. + + + + + _29_ + + +An Tapferkeit ueberragen die Bataver alle diese Staemme. Sie bewohnen nur +einen kleinen Strich am Ufer, aber das ganze Inselland des Rheins und +waren einst ein Teil des Chattenvolkes, der sich bei einem Zwist von der +Heimat loeste und in diese Gegenden hinueberzog; dort sollten sie dem +Roemerreiche einverleibt werden. Die Ehre und die Auszeichnung alter +Bundesfreundschaft ist ihnen geblieben: kein Tribut entwuerdigt sie, kein +Steuerpaechter saugt sie aus; frei von Lasten und Abgaben, nur dem Dienst +im Kriege vorbehalten, werden sie wie Wehr und Waffen fuer den Kampf +aufgespart. In gleicher Abhaengigkeit steht auch das Volk der Mattiaker; +hat doch das maechtige Roemertum ueber den Rhein und ueber die alten Grenzen +hinaus sein Weltreich Ehrfurcht gebietend erweitert. So sitzen sie, in +eigener Gemarkung, auf ihrem Uferland; Gesinnung und Neigung haelt sie bei +uns. Sonst ganz wie die Bataver; nur dass ihnen noch der Boden und Himmel +der Heimat helleren Mut weckt. + +Nicht unter die germanischen Voelker moechte ich, wiewohl sie jenseits von +Rhein und Donau ansaessig sind, jene zaehlen, die das Zehntland bebauen: +gallisches Lumpenpack, aus Not verwegen, hat sich sein Stueck von dem Boden +ungewisser Besitzer genommen. Dann ist der Grenzwall angelegt, sind +Festungen vorgeschoben worden, und so bildet das Gebiet ein Vorland des +Reichs und einen Teil der Provinz. + + + + + _30_ + + +Weiter hinaus wohnen die Chatten. Ihr Reich beginnt am Herzynischen Wald, +nicht so eben und sumpfig wie die anderen Gebiete im weiten germanischen +Flachland; immer wieder erheben sich Huegel und werden nur maehlich +spaerlicher: so geleitet der Herzynische Wald seine Chatten und setzt sie +dann ab zu Tal. Es ist ein harter Volksschlag von gedrungenem Gliederbau, +trotzigen Mienen und besonders lebhaftem Geist. Fuer Germanen zeigen sie +viel Verstand und Gewandtheit. Sie wissen ihre Fuehrer zu waehlen, auf das +Wort der Obern zu hoeren, Reih und Glied zu wahren, den Augenblick zu +erspaehen, mit dem Angriff zurueckzuhalten, ihren Tag einzuteilen und sich +fuer die Nacht zu sichern; und haben gelernt, nicht dem ungewissen Glueck, +sondern erprobter Tapferkeit zu vertrauen. Und, was sonst sehr selten und +nur einer strengen Zucht eigen ist: die Fuehrung gilt ihnen mehr als die +Truppe. Ihre ganze Staerke liegt im Fussvolk, dem sie ausser den Waffen auch +Schanzzeug und Vorraete mitgeben. Andere Voelker ziehen in die Schlacht, die +Chatten in einen vorbereiteten Krieg; selten kommt es zu Streifzuegen und +planlosem Gefecht. Und wirklich taugt es mehr fuer Reiterkraefte, rasch +einen Sieg zu gewinnen, rasch zu entweichen. Aber Hast steht der Furcht +gar nah, Bedachtsamkeit dem besonnenen Mute. + + + + + _31_ + + +Was sich auch bei anderen germanischen Voelkern als Ausdruck vereinzelten +Wagemuts findet, ist bei den Chatten allgemeiner Gebrauch geworden; sobald +sie mannbar sind, lassen sie Bart und Haupthaar frei wachsen und tragen +sich nicht anders, solange sie nicht einen Feind getoetet haben; das ist +ihr Geluebde, gleichsam ein Pfand ihrer Tapferkeit. Erst an der blutigen +Beute enthuellen sie wieder die Stirn; dann erst glauben sie den Preis fuer +ihr Dasein gezahlt und ihr Vaterland und ihre Vaeter verdient zu haben. +Feigen und Kriegsscheuen bleibt der entstellende Haarwust. Ein rechter +Held traegt obendrein noch einen eisernen Ring (diesem Volk sonst ein +Zeichen der Schmach) wie eine Fessel und loest sie sich erst, wenn er einen +Feind erschlagen hat. Sehr viel Chatten gefallen sich in solchem Aufzug +und sind darin grau geworden, beruehmt und Feinden wie Freunden bekannt. +Diese sinds, die jeden Kampf eroeffnen; sie bilden die erste Reihe, ein +ueberwaeltigender Anblick; denn auch im Frieden ist ihr Aussehen nicht +milder geworden. Keiner von ihnen hat Haus oder Land oder sonst eine +Arbeit; wo er auch einkehrt, findet er Unterhalt und schwelgt in fremdem +Gut, unbekuemmert um eigenes, bis dann schliesslich das blutlose Alter zu so +harter Tugend unfaehig macht. + + + + + _32_ + + +Den Chatten zunaechst wohnen am Rheinstrom, der dort schon seinen festen +Lauf hat und Grenzwehr zu sein vermag, die Usipier und Tenkterer. Die +Tenkterer zeichnen sich ausser durch den gewohnten Kriegsruhm durch ihre +trefflich geuebte Reiterei aus; und dem Fussvolk der Chatten gebuehrt kein +groesseres Lob als den Reitern der Tenkterer. Das haben sie von den Vaetern +her, und die Nachfahren bleiben nicht zurueck. Reiten ist das Spiel der +Kinder, Maenner ueben es um die Wette, Greise lassen nicht nach. Neben +Gesinde und Gehoeft und den Rechten der Nachfolge werden die Pferde +vererbt: doch erhaelt sie nicht, wie das uebrige Gut, der aelteste Sohn, +sondern der streitbarste, der bessere Kaempe. + + + + + _33_ + + +Neben den Tenkterern traf man frueher die Brukterer. Jetzt sollen da +Chamaver und Angrivarier eingewandert sein. Die Brukterer wurden durch +einen Zusammenschluss der Nachbarvoelker geschlagen und ganz vernichtet, sei +es aus Hass gegen ihre Ueberhebung oder wegen der lockenden Beute, oder weil +uns etwa die Goetter gnaedig waren; denn sie goennten uns sogar, dem +Schauspiel des Schlachtens zuzusehen: ueber sechzigtausend sind nicht der +Roemer Wehr und Waffen, sondern, was weit herrlicher ist, uns zur Freude +und Augenweide erlegen. Bliebe nur, dies mein Gebet, dauernd all diesen +Voelkern, wenn schon nicht Liebe zu uns, so doch wenigstens ihr Hass +gegeneinander; denn nichts Groesseres kann uns in des Reiches draengendem +Verhaengnis das Schicksal gewaehren als unserer Feinde Zwietracht. + + + + + _34_ + + +An die Angrivarier und Chamaver schliessen sich im Ruecken Dulgubiner und +Chasuarier an und andere nicht sonderlich haeufig genannte Voelker. Vorne +nehmen die Friesen die Reihe auf. Sie heissen Gross- und Kleinfriesen nach +dem Mass ihrer Kraefte. Beide Staemme begrenzt bis ans Meer der Rhein; auch +wohnen sie rings um gewaltige Seen, in die auch schon roemische Flotten +drangen. Ja, selbst ins Nordmeer haben wir uns dort gewagt. Und es ist die +Sage verbreitet, dass da noch Saeulen des Herkules stehen: sei es, dass +Herkules wirklich hinkam oder dass wir alles Grossartige, wo sichs auch +finde, auf seinen Ruhm zurueckzufuehren gewohnt sind. An Kuehnheit hat es dem +Drusus Germanicus auch nicht gefehlt; doch das Meer liess sich, liess die +Spuren des Herkules nicht erforschen. Seither hat es niemand versucht; es +schien froemmer und ehrfuerchtiger, an die Taten der Goetter zu glauben, als +um sie zu wissen. + + + + + _35_ + + +So weit gegen Westen hin kennen wir Germanien. Gegen Norden tritt es in +ungeheurem Bogen zurueck. Gleich zuerst findet sich hier das Volk der +Chauken; obwohl es schon naechst den Friesen beginnt und noch einen Teil +der Kueste innehat, zieht es sich auch in der Flanke aller hier +beschriebenen Staemme hin und reicht zuletzt im Bogen bis zu den Chatten. +Und diese gewaltige Laendermasse haben die Chauken nicht nur in ihrem +Besitz, sondern sie fuellen sie auch aus; ein Volk, das unter den Germanen +in hoechstem Ansehen steht und es dabei vorzieht, seine Macht auf +Gerechtigkeit zu stuetzen. Ohne Habgier, ohne unbaendige Herrschsucht leben +sie ruhig fuer sich und reizen keinen zum Kriege, verwuesten sie, rauben und +pluendern keinem sein Gut. Es ist das hoechste Zeugnis fuer ihre Tapferkeit +und Staerke, dass sie ihre ueberlegene Macht keinem Uebergriff danken. Doch +haben sie alle rasch die Waffen bereit, und wenn es die Not erfordert, ein +Heer: Rosse und Mannen in reicher Zahl. Auch wenn sie Ruhe halten, bleibt +ihnen ihr Ruf. + + + + + _36_ + + +Zur Seite der Chauken und Chatten haben die Cherusker lange unangefochten +einen allzu tiefen, erschlaffenden Frieden gehalten. Das brachte ihnen +mehr Behagen als Sicherheit, da es verkehrt ist, zwischen unbaendigen, +maechtigen Nachbarn ruhig zu bleiben. Wo Faustrecht gilt, darf sich nur der +Ueberlegene friedlich und redlich nennen. So heissen die Cherusker, einst +als die Wackeren, Gerechten bekannt, jetzt Weichlinge und Toren; den +siegreichen Chatten wurde ihr Glueck als Weisheit gedeutet. Mitgerissen vom +Sturz der Cherusker wurden auch die Fosen, ihr Nachbarvolk. Im Glueck die +Geringeren, sind sie nun rechte Gefaehrten des Missgeschicks. + + + + + _37_ + + +In der gleichen Ausbuchtung des Germanenlandes, naechst dem Nordmeer, +sitzen die Kimbern, jetzt nur ein kleiner Stamm, doch von gewaltigem Ruhm. +Von ihrem alten Ruf sind viele Spuren erhalten: an beiden Ufern Waelle und +Lagerraeume, deren Umfang noch heute fuer die Menge des Heeres und Volks und +fuer die so maechtige Wanderung Zeugnis gibt. Sechshundertvierzig Jahre +stand unsere Stadt, als uns zuerst die Waffen der Kimbern erdroehnten; +unter den Konsuln Caecilius Metellus und Papirius Carbo. Zaehlt man von da +bis zum zweiten Konsulat des Imperators Trajan, so sind das etwa +zweihundertundzehn Jahre; so lange wird nun Germanien besiegt. Und im Lauf +dieser langen Zeit hueben und drueben vielfach Verluste! Nicht der Samnite, +nicht die Punier, nicht Hispanien und Gallien, ja auch die Parther nicht +haben oefter zu schaffen gegeben: aerger denn eines Arsaces Tyrannei droht +der Germanen Freiheit. Was koennte uns sonst der Osten vorhalten als den +erschlagenen Crassus, fuer den er doch selbst, von einem Ventidius +niedergeworfen, den Pacorus hingeben musste! Germanen aber haben den Carbo +und Lucius Cassius, den Scaurus Aurelius, den Servilius Caepio und Gnaeus +Mallius geschlagen oder gefangen, also fuenf konsularische Heere dem +roemischen Volke, und den Varus und mit ihm drei Legionen selbst dem Caesar +geraubt; und nicht ohne Einbussen hat sie C. Marius in Italien, der +erlauchte Julius in Gallien, Drusus, Nero, Germanicus in ihrem eigenen +Land geschlagen. Hernach sind die gewaltigen Ruestungen des C. Caesar +laecherlich ausgegangen. Seitdem war Ruhe, bis dass sie, die Gelegenheit +unseres Zwistes und Buergerkrieges wahrnehmend, die Winterlager der +Legionen stuermten und sogar Gallien bedrohten. Da wurden sie wieder +abgeschlagen; aber die letzte Zeit hat ueber sie mehr triumphiert als +gesiegt. + + + + + _38_ + + +Nunmehr spreche ich von den Sueben. Sie bilden nicht, wie Chatten und +Tenkterer, ein einheitliches Volk, sondern haben den groesseren Teil +Germaniens inne und zerfallen zudem noch in besondere Voelkerschaften mit +eigenem Namen, wiewohl sie insgemein Sueben heissen. + +Ein Stammeszeichen bildet das seitwaerts gekaemmte, in einen Knoten +geschlungene Haar: dadurch unterscheiden sich die Sueben von den uebrigen +Germanen und die suebischen Freien von ihren Knechten. Dergleichen kommt +auch bei anderen Staemmen vor, vielleicht auf Grund einer Verwandtschaft +mit den Sueben, vielleicht, wie das ja oft geschieht, als Nachahmung, ist +jedoch selten und bleibt auf die Jugend beschraenkt. Bei den Sueben aber +streichen sie noch, wenn sie grau sind, das widerstrebende Haar zurueck und +binden es, oft gerade ueber dem Scheitel, zusammen; Vornehme tragen es noch +kunstvoller hergerichtet. Das ist nun wohl Putz, aber ein unschuldiger; +denn nicht um Liebe und Gegenliebe geht es ihnen, sondern mit solcher +Sorgfalt schmuecken sie sich, zu Kriegern bestimmt, um groesser und +schrecklicher auszusehn in den Augen der Feinde. + + + + + _39_ + + +Fuer die Aeltesten und Edelsten unter den Sueben geben sich die Semnonen +aus; der Glaube an ihr hohes Alter wird durch heilige Braeuche gestuetzt. Zu +bestimmten Zeiten sind in einem Walde, den Zeichen aus Vaetertagen und +Schauer der Vorzeit weihten, alle Voelker vom gleichen Blut durch +Abordnungen vertreten, und ein feierliches Menschenopfer der Gemeinschaft +eroeffnet des barbarischen Dienstes entsetzliche Stiftung. Noch eine andere +Verehrung gilt dem Hain: keiner darf ihn anders als in Fesseln betreten, +gleichsam als Untertan, und um von der Macht des Gottes zu zeugen. Faellt +einer zu Boden, so darf er sich nicht erheben noch aufrichten lassen, +sondern muss sich auf der Erde hinauswaelzen. Das ganze Treiben deutet +darauf, dass dort die Wiege des Volkes sei, dort der allbeherrschende Gott, +und alles andere untergeordnet und abhaengig. Bestaerkt wird diese Meinung +durch das Gedeihen der Semnonen: in hundert Gauen wohnen sie, und bei +solcher Groesse ihrer Koerperschaft halten sie sich fuer das Haupt der +suebischen Voelker. + + + + + _40_ + + +Dafuer ehrt die Langobarden ihre geringe Zahl. Von sehr vielen maechtigen +Voelkern eingeschlossen, haben sie sich nicht durch Unterwuerfigkeit, +sondern in Kampf und Wagnis gesichert. Es folgen Reudigner, Avionen, +Angeln, Variner, Eudosen, Suardonen und Nuithoner, alle durch Fluesse oder +Waelder geschuetzt. Zu den einzelnen ist sonst nichts zu bemerken; gemeinsam +verehren sie die Nerthus, das ist die Mutter Erde; diese, so meinen sie, +mische sich in das Treiben der Menschen und komme von Volk zu Volk +gefahren. Es ruht auf einer Insel im Nordmeer ein heiliger Hain; darin +steht ein geweihter Wagen, mit einer Huelle bedeckt, und nur der Priester +darf ihn beruehren. Er merkt die Gegenwart der Goettin im Heiligtum und +geleitet ehrfuerchtig ihren mit Kuehen bespannten Wagen. Dann sind die Tage +froh und festlich die Staetten, wo die Goettin einzuziehen und gastlich zu +weilen geruht. Niemand geht in den Krieg, niemand greift zu den Waffen; +verschlossen ist jegliches Eisen: es ist die einzige Zeit, da sie Ruhe und +Frieden kennen, die einzige, da sie ihn lieben. Bis der Priester dann +wieder die Goettin, des Umgangs mit sterblichen Menschen ersaettigt, in +ihren heiligen Bezirk zurueckbringt. Dann wird der Wagen, seine Umhuellung +und - wenn man es glauben darf - die Goettin selbst in einem unzugaenglichen +See genetzt. Sklaven helfen beim Dienst, die alsbald der naemliche See +verschlingt. Daher das geheime Grauen und das heilige Dunkel um etwas, was +nur Todgeweihte erschauen. + + + + + _41_ + + +Und dieser Teil der Sueben zieht sich bis in ziemlich entlegene Laender +Germaniens hin. Naeher - um, wie noch zuvor dem Rhein, so jetzt der Donau +zu folgen - haust das Volk der Hermunduren, den Roemern ergeben. Darum ist +ihnen allein von allen Germanen der Verkehr nicht nur an der Ufergrenze, +sondern auch tief ins Reich hinein und selbst in der glaenzendsten Kolonie +der raetischen Provinz erlaubt. Wo sie wollen, kommen sie ohne Aufsicht +herueber, und waehrend wir den uebrigen Staemmen nur unsere Waffen und +Lagerplaetze zeigen, haben wir diesen ohne ihr Begehren unsere Haeuser und +Landsitze geoeffnet. Im Lande der Hermunduren entspringt die Elbe, einst +ein vielgeruehmter, bekannter Strom; jetzt hoert man nur eben von ihm. + + + + + _42_ + + +Naechst den Hermunduren wohnen die Varisten und weiter hin die Markomannen +und Quaden. Hoch ragen die Markomannen an Ruhm und Kraft hervor; auch ihr +Land danken sie der eigenen Tapferkeit, die einst die Bojer vertrieb. Doch +schlagen auch Varisten und Quaden nicht aus der Art; und dies ist +gleichsam die Stirnwehr Germaniens entlang der Donau. Markomannen und +Quaden haben noch bis auf unsere Zeit Koenige vom heimischen Stamm +behalten, des Marbod und Tudrus edles Geschlecht. Jetzt fuegen sie sich +auch Fremden; aber Macht und Gewalt kommt ihren Koenigen vom roemischen +Ansehen. Selten werden sie von unseren Waffen, oefter durch Geld +unterstuetzt; es tut ihnen nicht Eintrag. + + + + + _43_ + + +Noch weiter ab von uns schliessen sich Marsigner, Kotiner, Osen und Burier +im Ruecken an die Markomannen und Quaden. Von diesen erinnern Marsigner und +Burier in Rede und Sitte an suebische Abkunft; die Kotiner verraten durch +ihre gallische, die Osen durch ihre pannonische Sprache, dass sie keine +Germanen sind, wie auch durch die Abgaben, die sie ertragen. Einen Teil +davon haben ihnen die Sarmater, einen anderen - als einem Fremdvolk - die +Quaden auferlegt: dabei foerdern die Kotiner, und das mehrt ihre Schmach, +noch obendrein Eisen! Alle diese Voelker aber halten wenig Flachland +besetzt, meist Hochwald, Gipfel und Hoehenzuege. Denn mitten durch Suebien +zieht als Scheidewand ein Gebirg in geschlossener Kette; und auf der +anderen Seite wohnen sehr viele Voelker, von denen namentlich die Lygier, +mehrere Staemme umfassend, weithin verbreitet sind. Es genuegt, die +bedeutendsten zu nennen, die Harier, Helvekonen, Manimer, Helisier und +Nahanarvaler. Bei den Nahanarvalern weist man einen uralt-heiligen Hain. +Darin waltet ein Priester in Frauentracht; aber die Goetter, die sie +nennen, sind nach roemischer Deutung Kastor und Pollux. Dies die Bedeutung +der Gottheit; ihr Name ist "Alken". Es gibt von ihnen kein Bild, keine +Spur fuehrt zu fremden Braeuchen; aber als Brueder werden sie und als +Juenglinge verehrt. Die grimmen Harier helfen, obzwar den zuvor +aufgezaehlten Voelkern ohnehin ueberlegen, dem Eindruck ihrer an sich schon +wilden Erscheinung zudem durch wohlbedachte Kuenste nach. Sie schwaerzen die +Schilde und ueberfaerben sich den Koerper; finstere Naechte waehlen sie zum +Kampf. So jagen schon die gespenstischen Schreckgestalten eines +Totenheeres Grausen ein, und kein Feind widersteht dem unerhoerten, +gleichsam hoellischen Anblick; denn zuerst erliegen bei jedem Anprall die +Augen. Jenseits der Lygier sitzen die Goten, von Koenigen, und etwas +straffer als andere Germanenstaemme, geleitet, doch nicht so, dass ihre +Freiheit bedroht waere. Dann dicht daran, gegen das Meer, die Rugier und +Lemovier. All dieser Voelker Merkmal ist, dass sie runde Schilde und kurze +Schwerter haben und Koenigen gehorchen. + + + + + _44_ + + +Folgen die Staemme der Suionen, mitten im Ozean, reich an Mannen und Waffen +und auch zur See gewaltig. Sie haben Schiffe von besonderer Gestalt, +derart, dass jedes Ende Vorderteil sein kann und immer zum Landen bereit +ist. Auch bedienen sie keine Segel und fuegen die Ruder nicht reihenweise +an beide Seiten, sondern brauchen sie lose, wie auf manchen Fluessen, und +setzen sie, je nach Bedarf, bald rechts, bald links ein. Bei diesem Volk +steht auch der Reichtum in Ehren, und so beherrscht es ein einziger, gegen +den schon kein Einspruch mehr statthat, kraft unwiderruflichen Rechts auf +Gehorsam. Auch werden die Waffen nicht, wie bei den anderen Germanen, +jedem zum Gebrauch freigegeben, sondern ein Waechter haelt sie verschlossen; +es ist ein Sklave. Denn da wehrt einem unerwarteten Einbruch der Feinde +das Meer; und Waffen in muessigen Haenden fuehren gar leicht zum Missbrauch. +Einen Adeligen allerdings oder Freien, ja auch nur einen Freigelassenen +als Waffenhueter zu bestellen, waere dem Koenig kein Vorteil. + + + + + _45_ + + +Jenseits der Suionen liegt ein anderes Meer, starr und fast unbewegt. Dass +es den Erdkreis abguertet und schliesst, darf man wohl glauben, weil sich +dort der letzte Glanz der sinkenden Sonne bis zum Aufgang erhaelt, so hell, +dass davor die Sterne verblassen. Manche behaupten sogar, der aufsteigenden +Sonne Klingen zu hoeren und ihr Rossegespann und ihr Strahlenhaupt zu +erkennen. Damit sind wir, wenn die Sage recht hat, am Ende der Welt. + +Nun denn - rechts schlaegt das suebische Meer an die Kueste der +Aestierstaemme. Diese haben die Braeuche und das Aussehen der Sueben, ihre +Sprache steht der britannischen naeher. Sie verehren eine Goettermutter. Als +Zeichen dieses Dienstes tragen sie Eberbilder bei sich: das ist Schutz und +Schirm gegen alle Gefahr und behuetet den Glaeubigen auch im Feindesgewuehl. +Selten haben sie Waffen von Eisen, oftmals Keulen. Korn und andere Fruechte +bauen sie sorgfaeltiger, als sonst germanische Laessigkeit zugibt. Aber sie +suchen auch im Meer und sind unter allen Voelkern die einzigen, die den +Bernstein (sie nennen ihn _glesum_) an seichten Stellen und am Strande +selbst sammeln. Doch haben sie, rechte Barbaren, sein Wesen und seine +Entstehung weder bedacht noch erkundet. Ja, er lag lange umher wie anderer +Auswurf des Meeres, und erst unsere Sucht nach Schmuck schuf ihm seinen +Namen. Sie selber gebrauchen ihn nicht; sie sammeln die rohen Stuecke, +bringen sie unbearbeitet zu Markt und wundern sich ueber den gezahlten +Preis. Indes erkennt man ihn als Baumharz, weil haeufig kleine Landtiere, +auch gefluegelte, durchschimmern, die sich in der fluessigen Masse fangen +und, wenn sie dann hart wird, eingeschlossen bleiben. Wie in den fernen +Laendern im Osten, wo die Baeume Weihrauch und Balsam ausschwitzen, moegen +also wohl auch auf den Inseln und Kuesten des Westens merkwuerdig ergiebige +Haine und Waelder sein: ihre Saefte werden von den Strahlen der nahen Sonne +ausgepresst und rinnen noch fluessig den kurzen Weg hinab ins Meer; die +Gewalt der Stuerme treibt dann das Harz hinueber ans andere Gestade. Prueft +man den Stoff des Bernsteins im Feuer, so entzuendet er sich wie ein +Kienspan und naehrt eine qualmende, riechende Flamme; dann verdickt er sich +wieder zu einer Art Pech oder Harz. + +An die Suionen reihen sich die Staemme der Sitonen, sonst aehnlich und nur +dadurch unterschieden, dass ein Weib sie beherrscht. So sehr ist bei ihnen +nicht nur die Freiheit, sondern noch die Knechtschaft entartet. + + + + + _46_ + + +Hier endet denn Suebien. Ob ich nun die Staemme der Peuciner und der +Veneter und Fennen zu den Germanen oder Sarmatern rechnen soll, weiss ich +nicht recht. Die Peuciner zwar, von manchen auch Bastarner genannt, zeigen +in Sprache und Sitte, nach Siedlung und Hausbau germanisches Wesen. +Freilich sind sie alle ungepflegt und ihre Vornehmen traege; und +Wechselheiraten haben auch schon zu sarmatischer Missgestalt gefuehrt. Die +Veneter haben viel von sarmatischer Lebensweise angenommen: alles Wald- +und Bergland, das sich zwischen Peucinern und Fennen erhebt, durchstreifen +sie in raeuberischen Haufen. Doch zaehlt man sie eher noch als Germanen, +weil sie feste Wohnungen haben, Schilde tragen und gern als schnelle, +ruestige Fussgaenger auftreten; dies alles im Gegensatz zu den Sarmatern, die +auf ihren Wagen und zu Pferde leben. Die Fennen sind ein erstaunlich +wildes, abstossend armes Volk. Sie haben keine Waffen, keine Pferde, kein +Heim; Kraeuter sind ihre Nahrung, Felle ihr Gewand, der Erdboden ihre +Lagerstaette. Nur ihren Pfeilen vertrauen sie (denen sie, weil Eisen +mangelt, beinerne Spitzen geben). Jagd muss gleicherweise Maenner wie Frauen +ernaehren: diese ziehen ueberall mit und heischen ihren Teil von der Beute. +Ihre Kinder haben keine andre Zuflucht vor Regen und wildem Getier als ein +Schutzdach von verflochtenen Zweigen. Dahin kehren auch die Erwachsenen +zurueck, dort bergen sich die Alten. Aber gluecklicher duenkt sie dieses Los, +als hinter dem Pfluge zu keuchen, an Bauten zu frohnen und eignes und +fremdes Gut ewig in Furcht und Hoffnung zu bedenken: unbekuemmert um +Menschen, unbekuemmert um Goetter haben sie das Schwerste erreicht, selbst +auf Wuensche verzichten zu koennen. + +Darueber hinaus beginnt das Reich der Fabel. So sollen Hellusier und +Oxionen Menschenkoepfe und menschliches Antlitz haben, aber Leib und +Glieder von Tieren. Das ist unverbuergt, und ich will es nicht weiter +verfolgen. + + + + + + INHALT DER GERMANIA + + + + + Allgemeiner Teil (1-27) + + +_Das Land und seine Bewohner_ (1-5): Grenzen und Grenzstroeme (1) - +Autochthone Abstammung und Stammsagen der Germanen (2) - Fruehe Besuche aus +der Fremde? (3) - Koerperbau als weiterer Beweis der Autochthonie (4) - +Natur und Erzeugnisse des Landes (5). + +_Leben und Sitten der Germanen_ (6-27): Waffen, Kriegswesen (6) - Koenige, +Fuersten, Priester, Sippen, Frauen (7) - Frauen im Kampf, heilige Frauen +(8) - Goetter (9) - Lose, Vorzeichen (10) - Ratsversammlung (11) - +Versammlung als Gericht, Verbrechen und Strafen (12) - Wehrhaftmachung, +Gefolge (13) - Gefolge im Krieg (14) - Fuersten und Gefolge im Frieden (15) +- Das Leben des einzelnen: Wohnungen (16) - Kleidung (17) - Ehe (18) - +Frauen und Kinder (19) - Erziehung, Verwandtschaft, Erbfolge (20) - +Vererbte Rache, Gastfreundschaft (21) - Leben im Hause, Trinkgelage (22) - +Getraenke, Speisen, Trunksucht (23) - Waffentaenze, Wuerfelspiel (24) - +Sklaven (25) - Ackerbau (26) - Bestattung; Uebergang zum besonderen Teil +(27). + + + + + Besonderer Teil / Die einzelnen Voelkerschaften (28-46) + + +_Grenzvoelker_ (28, 29): Fremde in Germanien: Helvetier und Bojer, +Aravisker und Osen. Treverer und Nervier, angeblich Germanen, und reine +Germanen in Gallien: Vangionen, Nemeter, Triboker, Ubier (28) - Germanen, +die zu den Roemern halten: Bataver und Mattiaker; Zehntland (29). + +_West- und Nordwestgermanen_ (_Nicht-Sueben_, 30-37): Chatten (30, 31) - +Usipier und Tenkterer (32) - Brukterer, Chamaver, Angrivarier (33) - +Dulgubiner, Chasuarier, Friesen (34) - Chauken (35) - Cherusker (36) - +Kimbern, Kimbern- und spaetere Germanenkriege (37). + +_Sueben_ (38-45): Ihre Haartracht (38) - Semnonen (39) - Langobarden und +Nerthusvoelker (40) - Hermunduren (41) - Varisten, Markomannen und Quaden +(42) - Ost- und Nordostgermanen (43, 44) - Ende der Welt, Aestier, +Bernstein, Sitonen (45). + +_Mischvoelker im Osten_: Peuciner (Bastarner), Veneter, Fennen (wohl nicht +mehr Germanen) und + +_Fabelreich_: Hellusier und Oxionen (46). + + + + + + ANMERKUNGEN DES UeBERSETZERS + + +Was ist dieses Buch, gewoehnlich "Germania" genannt, das die Insel-Buecherei +hiermit erneuert? Vielleicht eine Schilderung, vielleicht eine Schrift fuer +den Tag und seinen Zweck; sicher ein Kunstwerk. + +Eine Schilderung, und als solche das aelteste Buch von den deutschen +Landschaften und ihren Bewohnern, schon darum kostbar; aber auch, weil es +so vieles weiss und bewahrt hat. Vor Tacitus haben wohl, und schon frueh, +Griechen und Roemer ueber die Germanen berichtet. Pytheas aus Massilia kam +im vierten vorchristlichen Jahrhundert auf einer Entdeckerfahrt bis zu der +Insel "Thule" (Island?) und an die Kueste der Nordsee; die Nachrichten des +Poseidonios stehen an der Wende des zweiten zum ersten; Strabon behandelt +Germanien in einem Buche seiner Geographie. Die aeltesten roemischen Quellen +sind spaerlich auf uns gekommen. Erst Caesars Kriege in Gallien und seine +Aufzeichnungen darueber bringen groessere Klarheit; deutlich sondern sie, zum +erstenmal, Germanen und Gallier. Was Tacitus bei Sallust und Livius (im +104. Buch seiner Roemischen Geschichte) finden konnte, ist laengst verloren; +verloren auch ein Werk des Aufidius Bassus ueber die Germanenkriege und +seine Fortsetzung durch den aelteren Plinius. Erhalten aber des Plinius +_Historia naturalis_, die Geschichte des Velleius Paterculus und die +Geographie des Pomponius Mela; auch die Reichskarte des Agrippa, soweit +sie in der vom Mittelalter aufgezeichneten _Tabula Peutingeriana_ +nachwirkt. + +Was vor ihm geschrieben wurde, wird Tacitus gekannt haben. Soldaten, +Haendler, Beamte aus Germanien gaben ihm neue Kunde. So ist sein Buch der +Wissenschaft unschaetzbar geworden, zumal da es immer mehr durch +fortgesetzte Forschungen und besonders Grabungen bestaetigt wird. Aber auch +jenseits von allem Wissen, auch dort, wo er irrt, ist uns Tacitus teuer +als Mensch, als Mann, als Kuenstler. Und die Groesse seines Geistes und +seiner Erscheinung mag sein Werk sicherer durch die Jahrhunderte getragen +haben als der blosse Inhalt. + +Dennoch dankt man es wohl einem Beduerfnis des Tages. Es war im Jahre 98 +nach Christi Geburt. Trajan, der neue Kaiser, weilte lange an den Grenzen +Germaniens; in Rom fiel das auf. Da erschien die Schrift des Tacitus. Sie +wollte zeigen, wer diese gefaehrlichsten Feinde Roms seien, und dass der +Kaiser gut daran tue, viel Zeit an die Sicherung der Grenze zu wenden und +an nichts anderes; dass es insbesondere falsch sei, ausser an den Schutz des +Reiches noch an einen Angriff zu denken, den eine Kriegspartei erwog. Man +darf annehmen, dass der Kaiser, dessen Hause Tacitus nahe stand, die +Schrift billigte. + +Der Verfasser hat seinen Zweck freilich mit keinem Wort verraten. Dennoch +spricht viel fuer diese Annahme des grossen Muellenhoff. Tacitus schildert +nur - und schildert als Kuenstler. Der Plan des Ganzen ist wie jede +Einzelheit, jedes Wort bedacht. Land, Eigenart, Abstammung, Leben des +Volkes, dann, vom Naechsten und Bekannten ausgehend und sich immer mehr in +"romantische" Ferne verlierend, seine einzelnen Staemme und Landschaften, +bis er im Maerchen endet. Mit knappen, dunklen Worten, oft als Dichter, in +rhythmischer Sprache, der manchmal fast Verse, einmal sogar (Kap. 39) ein +rechter Hexameter, vielleicht wider Willen, geraet. Jeder Absatz ist durch +das zugespitzte Ergebnis einer Betrachtung deutlich bezeichnet. Niemals +siegen nuechterne Angaben ueber den beziehungsreichen Bildner des Werkes, +ueber den Meister. + +Meister ist er auch als Mensch: ein Mann im altroemischen Sinn. Dabei +verbittert und ergrimmt ueber seine feile, alle Freiheit erdrueckende Zeit, +unter einer besseren Regierung eben wieder aufatmend und von jener +Sehnsucht erfuellt, die dazumal die Geister bewegt, der Sehnsucht nach +einer neuen Welt der Einfachheit und Wahrheit. Vielleicht bringen sie die +Germanen herauf: darum schildert er dieses kuehne, furchtbare und lichte +Volk fast wohlwollend, obwohl es Feinde und ueber kurz oder lang siegreiche +Feinde sind. Denn das roemische Reich, dem er angehoert, steht vor dem Ende. +Er aber, ein wissender Warner, will nicht unbemerkt dahingelebt haben. + +So lassen ihn auch seine anderen Werke, so die kargen Nachrichten von +seinem Leben erkennen. Er wurde etwa 55 nach Christo geboren und in der +rhetorisch-politischen Schulung des Zeitalters herangebildet. Dann war er +Staatsmann unter den flavischen Kaisern und zuletzt noch Statthalter in +Asien. Mit der Tochter des britannischen Statthalters Agricola +verheiratet, hielt er sich waehrend der Verfolgungen unter Domitian fern. +Dann, unter Nerva und Trajan, stand er wieder in hohem Ansehen. Er scheint +noch die ersten Jahre Hadrians erlebt zu haben. + +Als Schriftsteller begann er, wahrscheinlich erst nach Domitians Tode +hervortretend, mit dem _Dialog_ ueber die Redekunst und ihren Verfall. Es +folgte die Lebensbeschreibung seines Schwiegervaters _Agricola_ und, noch +im gleichen Jahre 98, die _Germania_. Dann die _Historien_, eine +Geschichte seiner Zeit von Galba (67) bis zum Ende Domitians (96), und die +_Annalen_, vom Tode des Augustus bis zum Ausgang des Nero. Die letzten +beiden Werke sind nichts weniger als vollstaendig erhalten. In ihnen erst +erschliesst sich Tacitus ganz, "_le plus grand peintre de l'antiquite_", +wie ihn Racine nannte. Er hat immer nur auf Kenner und verwandte Naturen +gewirkt, auf diese aber durch Jahrhunderte, und seine Zeit und Sendung ist +noch lange nicht vorueber. Freilich muss man, nach einer Anmerkung +Lichtenbergs, "sehr viel selbst mitbringen, um ihn zu verstehen". + + * * * + +Die "Germania" wird 865 von Rudolf von Fulda zitiert. Dann bleibt sie +lange verschollen. Im Auftrage des Papstes Nikolaus V. reist Enoche von +Ascoli nach Frankreich und Deutschland, um alte Handschriften zu suchen, +und bringt die "Germania" und den "Dialog" 1455 nach Italien. (Die +Handschrift, die beide Werke enthielt, ist wohl in einem deutschen Kloster +gefunden worden.) Spaeter kommen andere Handschriften hinzu. Der Titel der +Schrift lautet einmal "_De origine, situ, moribus ac populis Germanorum_", +ein andermal "_De origine et situ Germanorum_". 1469 schon wird die +"Germania" gedruckt. Wichtig sind die alten Ausgaben von Beatus Rhenanus +und Justus Lipsius, beide aus dem 16. Jahrhundert; die neuen von Jakob +Grimm (1833), Moritz Haupt (1855), Karl Muellenhoff (_Germania antiqua_, +1873); ferner Baumstark (1876), Schweizer-Sidler, zuletzt aufgelegt in der +Bearbeitung von Schwyzer (1912). + +Diese unsere Uebersetzung ist nicht die Arbeit eines Philologen. Sie geht +von dem Kuenstler Tacitus aus und sucht den Rhythmus seiner Sprache und den +Gehalt seines Wesens fuer Deutsche wieder lebendig zu machen. + +Sie lehnt sich fast ueberall an den Text von Schweizer-Sidler an; die +Deutung und namentlich die folgenden Erlaeuterungen beruhen (von anderen +Quellen abgesehen) auf seinem Kommentar, auf Baumstark und vor allem auf +der ausfuehrlichen Erklaerung der Germania, die Muellenhoff im 4. Band seiner +Deutschen Altertumskunde bietet. Von den zahlreichen Uebersetzungen wurden +alle wichtigeren, soweit sie erreichbar waren, benutzt, insbesondere alle +neuen und neu aufgelegten; von aelteren namentlich die von Boetticher und +Bacmeister. + +Den Herren Dr. Friedrich Loehr, Sekretaer des Archaeologischen Instituts in +Wien, und Dr. Gustav Kafka, Privatdozenten an der Muenchner Universitaet, +schuldet der Uebersetzer fuer freundliche Ratschlaege besonderen Dank. + + + + + + ERLAeUTERUNGEN + + + + + _1_ + + +Die roemische Provinz _Raetien_ reicht noerdlich bis zur Donau (Ries!), +oestlich zum Inn; von da bis zum Wienerwald Noricum, von Tacitus nicht +genannt; weiter zwischen Donau und Save _Pannonien_. _Sarmater_ in +Osteuropa, etwa von der Weichsel an, _Daker_ in Siebenbuergen. _Gebirge_ +die Karpathen. _Ein Kriegszug_: der des Tiberius im Jahre 5 n. Chr.? +_Abnoba_ Schwarzwald. + + + + + _2_ + + +Der Beweis des ersten Absatzes ist wenig ueberzeugend. _Asien_, _Afrika_, +_Italien_ die roemischen Suedprovinzen. _Tuisto_ (Zwist!) ist +zweigeschlechtig, _Mannus_ Mann, Mensch, der erste Mensch. Die Namen der +_Marser_ (Merseburg) und _Gambrivier_ verschwinden bald; sind es, wie +_Sueben_ und _Vandilier_ (Ostgermanen), Kultverbaende? Die _Tungrer_ +(Tongern!) wurden Germanen genannt (von den Kelten? die Form ist keltisch: +"Rufer im Streit" oder "Nachbarn"?); sie drohten, um ihr Ansehen zu heben, +mit anderen "Germanen" ueber dem Rhein. Die Voelker rechts des Rheins haetten +sich dann wirklich so genannt (Muellenhoff). "Eine verzweifelte Stelle!" +(Grimm.) + + + + + _3_ + + +_Herkules_ wohl _Donar_; _barditus_ ist nicht genuegend erklaert. _Ulixes_ +(Odysseus) der Schwanenritter? _Asciburgium_ Asberg bei Moers im Rheinland. +_Griechische Schrift_ verwenden die Kelten. + + + + + _5_ + + +Tacitus selbst erwaehnt in den spaeteren Annalen, dass die Mattiaker (bei +Wiesbaden) Silbergruben hatten. Ganz so harmlos gegen Gold und Silber +waren auch die aeltesten Zeiten der Germanen nicht (Tacitus an anderen +Orten, die Sage!). Die erwaehnten roemischen Muenzen, Silberdenare, wurden +bis zum Jahre 54 v. Chr. gepraegt; spaeter hat sich der Feingehalt +verschlechtert! + + + + + _6_ + + +Die Germanen galoppieren rechts, weil sich beim Galopp links die linke, +nicht vom Schild gedeckte Seite des Koerpers dem Feinde zuwenden wuerde. +Wirklich zeigen Graeberfunde den Sporn nur am linken Fuss +(Schweizer-Sidler). Der _Keil_ kehrt seine Spitze dem Gegner zu. + + + + + _7_ + + +_Koenige_ und _Fuersten_ haben gleiche Befugnis, Fuerst ist der Koenig eines +kleineren Gebietes. Der Koenig wird aus dem Erbgeschlecht jedesmal gewaehlt. +Koenigtum und Fuerstenherrschaft gehen geradezu ineinander ueber. Im Osten +sind Koenige haeufiger. Der Koenig ist Heerfuehrer. Nur bei der Vereinigung +mehrerer Heere wird ein Koenig zum _dux_ gewaehlt (Muellenhoff). + + + + + _8_ + + +_Die Brueste entbloessend_: ihr Leib soll nicht fremden Siegern gehoeren. +_Veleda_ zuletzt gefangen nach Rom gebracht. _Machten_ ... _Goettinnen_ wie +die roemischen Senatoren, die so den Frauen der Kaiser schmeichelten. + + + + + _9_ + + +_Mercurius_ (besonders als Totenfuehrer): Wotan (_dies Mercurii_ = +_Wednesday_). Mars: Tiu, Ziu (_dies Martis_ = _Tuesday_). _Herkules_: +Donar. Diese drei Goetter nennt noch ein Taufgeloebnis des 8. Jahrh. _Isis_: +vielleicht Freya? (Nerthus!) Die illyrischen _Liburner_ hatten leichte +Schiffe. + + + + + _10_ + + +_Wilder Fruchtbaum_: Eiche, Buche, Haselstrauch, Wacholder. Zeichen durch +Pferde auch bei Persern und Slaven. + + + + + _11_ + + +_Naechte_ noch jetzt Weihnacht, Fastnacht, _Fortnight_. _In Waffen_ noch +jetzt "Spiessbuerger". _Jeder_: Muellenhoff folgert aus dem grammatischen +Sinn, dass nur _rex vel princeps_ reden durften, nicht jeder Teilnehmer. +Aber jedesfalls _licet accusare_ usw. (Kap. 12). + + + + + _12_ + + +_Am Koerper Geschaendete_: widernatuerliche Maenner, aber wohl auch "entehrte" +Frauen, fuer die sich Todesstrafe noch lange erhaelt. Dieses Versenken ist +eine Weiberstrafe, daher besonders schimpflich. _Frevel - Schandtat_: das +germanische Rechtsbewusstsein nimmt die offene, nicht verheimlichte Tat, +ohne List, leichter hin. _Die Fuersten bestimmt_ naemlich aus der Zahl der +vorhandenen Fuersten. _Recht sprechen_ ist roemische, nicht germanische +Auffassung; nach dieser leitet der Fuerst (spaeter Gaugraf) nur die +Volksverhandlung, der _Rat_ macht den Urteilsvorschlag, der _Beistand_ +gibt das "Vollwort": sie "finden" das Recht, der entsendete Richter tut +nur den Spruch. + + + + + _15_ + + +_Brustschmuck_ (_phalerae_) aehnlich den Orden (oder wie Medaillons?). +_Geld_: roemische Kaiser (Caligula, Domitian) schliessen um Geld mit den +Germanen Frieden oder erkaufen Triumphe. + + + + + _16_ + + +_Vielleicht_: in Wirklichkeit aus Unabhaengigkeitssinn. Der Schlusssatz +sucht die gewohnte Zuspitzung am Ende eines Abschnittes, wird aber gerade +wortreich und gewoehnlich. + + + + + _17_ + + +_Kleid_ die Unterkleidung, unter dem Rock, geht nach Baumstark unten (auch +bei Frauen?) in Hosen aus. Bei Frauen, namentlich aber bei vornehmen, +trotzdem Unterschiede in der Kleidung (vgl. die Germanin, sog. Thusnelda +der Loggia dei Lanzi in Florenz): lang herabwallende Kleidung bis zu den +Fuessen. Ihre _Kleidung_ laeuft oben nicht in Aermel aus wie in Rom. Die +germanischen Maenner wiederum hatten Aermel, wenn auch kurze. Das +Frauengewand wird nur an der Schulter zusammengehalten; der Armschlitz +laesst die Brust zum Teil sichtbar werden. + + + + + _18_ + + +_Umworben werden_ von den Familien der Maedchen. _Mitgift - Geschenke_: +Tacitus merkt nicht, dass er vom Brautkauf erzaehlt; _Mitgift_ ist der +Preis. Das Gegengeschenk der Braut (etwa ein Speer) ist das Zeichen fuer +den Uebergang der Gewalt vom Vater an den Ehemann. Alles dies vermengt +Tacitus mit den Vorstellungen und Formeln der _confarreatio_, der strengen +altroemischen Ehe. + + + + + _19_ + + +_Schauspiel_ das roemische Theater mit seinem mehr als eindeutigen +Getriebe. + + + + + _20_ + + +Anspielungen auf die Erziehung durch Sklaven in Rom und auf die +Erbschleicherei bei Kinderlosen sind deutlich. + + + + + _22_ + + +_Eroeffnet es noch_: die Roemer halten sich selbst da zurueck. Ueberhaupt ist +in diesem Kapitel fast jeder Satz ein Widerspiel roemischer Sitten +(Passow). Die Roemer stehen frueh auf, speisen lieber an einem gemeinsamen +Tisch, duerfen in der Stadt nicht bewaffnet gehen und sollen nicht vor +Abend trinken. + + + + + _23_ + + +_Getraenk_ Bier. _Ufergrenze_ wohl nur des Rheins; die Sueben an der Donau +dulden keinen Wein, weil die Haendler als Gegenwert Sklaven fortschleppen. + + + + + _25_ + + +Tacitus denkt hier nur an die "Hintersassen"; es gibt aber auch +Haussklaven (Kap. 20). Im folgenden Anspielung auf das Treiben der +Freigelassenen in Rom. + + + + + _26_ + + +_Besser verhuetet_: Muellenhoff und Baumstark koennen diesen Satz nur durch +Fluechtigkeit erklaeren. Die folgende Schilderung der Anbauverhaeltnisse, von +allen Seiten her erlaeutert, ist nach Muellenhoff uebersetzt. _Nicht in vier +Zeiten_: sondern in Winter und Sommer. So zaehlen sie auch, also nach +halben Jahren. Doch ist _Herbst_ ein altgermanisches Wort; nur brachte die +Getreideernte bei den Germanen freilich schon der Sommer, Wein und edles +Obst aber kannten sie nicht. Daher wohl der Irrtum des Textes. + + + + + _27_ + + +Uebergang vom allgemeinen zum besonderen Teil der Schrift. + + + + + _28_ + + +_Caesar_ wird als einziger Gewaehrsmann ausdruecklich genannt. Diese seine +Behauptungen nimmt schon Tacitus nur mehr hin, heute sind sie als +unrichtig erkannt. Die Kelten, die frueher auch rechts vom Rhein sassen, +wurden vielmehr von den Germanen ueberall zurueckgedraengt. _Herzynischer +Wald_ das ganze deutsche Mittelgebirge, hier etwa Schwarzwald und Rauhe +Alb. _Helvetier_ bald darauf in der Nordschweiz, _Bojer_ damals in Boehmen +(Beheim), _Aravisker_ um Stuhlweissenburg, _Osen_ in Oberungarn; diese +beiden pannonische Staemme. Von den Osen ist es Kap. 43 ausdruecklich +bezeugt; die Worte _Germanorum natione_ koennen nur auf den Wohnsitz +gedeutet werden. _Treverer_ um Trier, wahrscheinlich Gallier, _Nervier_ an +der Sambre, _Vangionen_ um Worms, _Triboker_ bei Hagenau, _Nemeter_ um +Speyer, _Ubier_ 38 v. Chr. durch Agrippa ans linke Rheinufer verpflanzt; +ihr Hauptort wird die _colonia Agrippinensis_, der Geburtsort der Agrippa, +Tochter des Germanicus und Gemahlin des Kaisers Claudius. Sie ist auch die +Stifterin der Kolonie (Koeln!). + + + + + _29_ + + +_Bataver_ im Rheindelta; die behauptete Auswanderung von den Chatten her +wohl nicht richtig. Auch nach dem Aufstand des Civilis (69 und 70 n. Chr.) +bleibt das Freundschaftsverhaeltnis zu den Roemern. _Mattiaker_ um +Wiesbaden, dessen Quellen schon bekannt sind. _Ueber die alten Grenzen_ +endgueltig durch den Bau des Grenzwalls (_limes_), der, von Domitian +begonnen, in seiner Vollendung (3. Jahrh.) von der Donau bei Lorch oder +Kehlheim ueber Odenwald und Taunus an den Rhein (Neuwied) ging; 550 km +lang. Man hat schon tausend Wachttuerme und hundert Kastelle (darunter die +Saalburg) festgestellt. Er ist zuletzt eine foermliche Mauer. _Zehntland_ +(_agri decumates_, nur hier erwaehnt) roemisches Staatspachtland am +mittleren Neckar. + + + + + _30_ + + +_Weiter hinaus_ ueber das Zehntland hin. _Chatten_ = Hessen. Sie sind, +ausser den Friesen, nach Grimm "der einzige deutsche Volksschlag, der mit +behauptetem alten Namen bis auf heute an derselben Stelle haftet, wo sie +in der Geschichte zuerst erwaehnt werden". Ihnen widerfaehrt hier unter +allen Staemmen das groesste Lob. + + + + + _32_ + + +_Usipier_ (Usipeter) und _Tenkterer_, immer gemeinsam genannt, vom +Siebengebirge gegen Ruhr oder Lippe. + + + + + _33_ + + +_Brukterer_ zwischen Ems und Lippe (ihre Seherin Veleda!); spaeter +zurueckgedraengt, aber keineswegs vernichtet. Die 60000 sind uebertrieben. +Alle diese Staemme gehen in den Franken auf, deren Hauptvolk spaeter die +_Chamaver_ werden, damals noerdlich der Lippe bis zum Zuydersee. +_Angrivarier_, an der Weser, spaeter als Angern ein Hauptstamm der +Altsachsen. + + + + + _34_ + + +_Im Ruecken - vorn_: die Voelker mit dem Gesicht zur See. _Dulgubiner_ in +der Gegend von Hannover (?), _Chasuarier_ an der Haase, Friesen zwischen +Zuydersee und Ems, die Kleinfriesen zwischen Rhein und Yssel. _Seen_ +besonders der Zuydersee, aber auch viele andere, da es an Deichen fehlt; +so entstehen foermliche Inseln. _Roemische Flotten_: Drusus Germanicus (12 +v. Chr.) und sein Sohn Germanicus (14 und 15 n. Chr.). Auf eine andere, +nicht recht zu bestimmende Unternehmung deutet Kap. 1. _Saeulen des +Herkules_ wie bei Gibraltar (die Klippen von Helgoland?); hier ist der +roemische Herkules gemeint. _Niemand versucht_: nach Drusus Germanicus +jedesfalls Tiberius (5 n. Chr.). + + + + + _35_ + + +Zum Anfang dieses Kapitels: man denkt sich die kimbrische Halbinsel +(Schleswig-Juetland) von der Elbemuendung an stark ostwaerts geneigt. +_Chauken_ am Meer zwischen Ems und Elbe. Nach Muellenhoff sind es +vielleicht ueberhaupt nur andere Friesen, "Chauken" ein Ehrenname. Im Bogen +haetten sie die Chatten an der Weser treffen muessen, eine wahrscheinlich +unrichtige Angabe. Plinius schildert die Chauken als armseliges +Fischervolk, immer von Sturmfluten bedroht. Das auffallende Lob des +Tacitus vielleicht beabsichtigter Gegensatz zum folgenden Kapitel. + + + + + _36_ + + +_Zur Seite_ oestlich. _Cherusker_ in der Umgebung des Harzes, frueher noch +weiter nordwestlich, zwischen Weser und Elbe. Am bekanntesten durch ihren +Kampf gegen die Roemer: Vernichtung des Varus im Teutoburger Walde. +Arminius, der "Befreier Germaniens", besiegt auch Marbod, den Koenig der +Markomannen. Bald werden aber die Cherusker zurueckgedraengt, innere +Zwistigkeiten, Kaempfe mit den Chatten wueten, vom Frieden des Tacitus ist +keine Rede. Ebenso scheint die Demuetigung der Cherusker uebertrieben. Nur +ihr (hieratischer?) Name verschwindet. Sind es die spaeteren Sachsen? +_Fosen_ in der Wesergegend. + + + + + _37_ + + +_Kimbern_: ein Rest also noch auf der kimbrischen Halbinsel. Auf ihrem +grossen Zuge stossen die Kimbern 113 v. Chr. (641 [der varronianischen, 640 +der catonianischen Aera] nach der Gruendung der Stadt - Tacitus haelt sich an +die runde Zahl -) auf die Roemer unter Papirius Carbo. 107 wird der Konsul +L. Cassius mit seinem Heer vernichtet, 105 der Prokonsul Servilius Caepio +und der Konsul Gnaeus Mallius. Das sind drei konsularische Heere; Aurelius +Scaurus, gleichfalls geschlagen und getoetet, hatte kein eigenes Heer, und +Carbo erlitt nur eine geringe Niederlage. Das zweite Konsulat Trajans ist +98 n. Chr. Diese Stelle gilt als Beweis fuer die Abfassung der "Germania" +im gleichen Jahre. _Arsaces_ begruendet im 3. Jahrh. v. Chr. das grosse +Partherreich, lange neben Rom die einzige oestliche Grossmacht; Crassus wird +53 v. Chr. von den Parthern getoetet, Ventidius, ein Emporkoemmling, raecht +die Niederlage, indem er die Parther am Jahrestage dieser Schlacht 38 +v. Chr. besiegt und ihren Prinzen Pacorus toetet. _Selbst dem Caesar_: +Augustus. _Nero_ ist Tiberius. _Ruestungen des C. Caesar_: Caligula; er +laesst seine germanische Leibwache Feind spielen und triumphiert (40 +n. Chr.); spaeter feiert auch Domitian einen hoechst sonderbaren Triumph. In +den Buergerkriegen nach Neros Tod beginnt der Aufstand der +Nordwestgermanen. + + + + + _38_ + + +_Nunmehr_ eroeffnet den zweiten Hauptteil: Tacitus rechnet alle folgenden, +auch die nichtgermanischen Staemme zu den Sueben. Aber schon die +Nerthusvoelker gehoeren nicht mehr dazu; auch nicht die Ost- und +Nordgermanen. _Sueben_ wortgleich mit "Schwaben". _Stammeszeichen_: der +Knoten, ohne Band, an der rechten Schlaefe ueber dem Ohr ist durch Bilder +bezeugt, aber auch bei Nichtsueben; eher waeren nach Baumstark im letzten +Satz des 43. Kapitels Kennzeichen angegeben. Baumstark unterscheidet die +Maenner, die diese Knoten ohne Band tragen, von denen, die ihn ueber dem +Scheitel (mit einem Band) flechten, und diese wieder von den "Vornehmen". + + + + + _39_ + + +Muellenhoff haelt den Namen _Semnonen_ fuer hieratisch: ihr Wohnsitz, etwa im +Spree- und Havelland, entspricht der von ihm behaupteten Urheimat der +Germanen. Der besonders grossartige Kultus ist denn auch der des +Stammvaters Ziu, an dem die Sueben festhalten; ihre Stadt ist Ziesburg = +Augsburg. Im 3. Jahrh. wandern die Semnonen als Alamannen (alle Mannen, +ein Zusammenschluss!) an den raetischen Limes und erobern von da ab das +jetzt noch alemannisch-schwaebische Gebiet. Der Vers _auguriis - sacram_ im +Deutschen durch "Zeichen - weihten" wiedergegeben. Vgl. die allgemeine +Einleitung! + + + + + _40_ + + +_Langobarden_ an der unteren Elbe; im 5. Jahrh. ueber Suedmaehren ins Alfoeld +(ihr "Feld") und weiter nach Pannonien und Italien (Lombardei). Die sieben +Nerthusvoelker: eine Kultgemeinschaft, in Schleswig-Holstein, vielleicht +auch Mecklenburg; die Angeln gehen spaeter nach England. Nicht genannt sind +die Sachsen, damals in Holstein. _Nerthus_ nicht etwa Hertha (eine falsche +Bildung), sondern Freya; als Mutter Erde (_magna mater Idaea_) bezeichnet, +weil auch diese auf einem Wagen gefahren wird und ein Priester Bild und +Wagen reinigt. _Insel_ sicher nicht Ruegen, ebenso der See nicht der +Herthasee, dessen Sage eine spaete gelehrte Erfindung ist. _Wenn man es +glauben darf_: also kein Goetterbild (Kap. 9). + + + + + _41_ + + +_Wie noch zuvor_: vom Zehntland bis zu den Chauken (Kap. 35), ja im +wesentlichen sogar bis zu dieser Stelle folgt Tacitus der Suednordrichtung +des Rheins; im folgenden der Westostrichtung der Donau. _Hermunduren_ +zwischen Harz und Erzgebirge, suedwaerts bis zum Main, vielleicht sogar zur +Donau. Die gute Ausnahme bei den Roemern deutet nicht gerade auf +unmittelbare Nachbarschaft; Grenznachbarn des Reiches duerfen den Strom nur +an bestimmten Stellen unter Aufsicht ueberschreiten. _Kolonie_ ist _Augusta +Vindelicorum_ (Augsburg). _Elbe_: man dachte sich wohl die Moldau oder +Eger oder thueringische Saale als Oberlauf der Elbe. So weit waren roemische +Heere gedrungen, aber seit der Niederlage des Varus kannte man die Elbe +nur noch vom Hoerensagen. + + + + + _42_ + + +_Varisten_ am Fichtelgebirge, _Markomannen_ in der grossen "Mark" zwischen +Main und Donau, die nach dem Abzug der Helvetier entstanden war, ein +suebisches Volk. Marbod fuehrt sie nach Boehmen, wo schon vorher, vielleicht +mit durch die Markomannen, die Bojer vertrieben worden waren. Er begruendet +ein maechtiges Reich, das bis zur Weichsel reicht, aber ein Krieg mit den +Cheruskern zerstoert es, und Marbod fluechtet zu den Roemern. Spaeter, unter +Marc Aurel, der Jahre waehrende grosse Markomannenkrieg der Roemer (Vorspiel +der Voelkerwanderung?). Im 6. Jahrh. wird Boehmen slavisch, die Markomannen +sind nach Bayern gerueckt. Hier ist der Stamm, vom Lech bis zur Enns, +geblieben (Bayern und Deutschoesterreicher). _Quaden_ wahrscheinlich mit +den Markomannen zusammen gewandert, gleichfalls Sueben, in Maehren und +Oberungarn, Bundesgenossen der sarmatischen Jazygen, 407 mit den Vandalen +nach Spanien. _Stirnwehr_ gegen Rom. _Tudrus_ wahrscheinlich ein +Quadenkoenig. + + + + + _43_ + + +_Noch weiter ab_: noerdlich und oestlich der Markomannen und Quaden, um das +schlesische Gebirge. _Eisen_, das bei den Germanen so selten ist, +verwenden die Kotiner nicht einmal, um sich von den Abgaben zu befreien. +_Gebirge_ der oestliche Teil des Herzynischen Waldes, besonders das +Eschengebirge, slavisch Jesenik, Gesenke. _Lugier_ oder Lygier die +Suedgruppe der Ostgermanen, wieder ein Kultverband (Vandilier, Kap. 2), der +alle hier genannten Staemme und wohl auch die nicht genannten Burgunder +umfasst. Das Heiligtum liegt bei den Nahanarvalern (hieratischer Name, +Muellenhoff). Die Lugier, von der Ostgrenze Boehmens bis zur Weichsel, +heissen spaeter Vandalen, eine Nebenform von "Vandilier". Ihre Wanderung +fuehrt nach Gallien, Spanien, Nordafrika. _In Frauentracht_: nur der +Haarschmuck oder wirklich Frauenkleidung? Das erste aus Hasdingi (dem +Namen des Koenigsgeschlechtes und darnach des ganzen Volkes) abgeleitet, +"Maenner mit Frauenhaar"; das Koenigsgeschlecht aber nennt sich nach dem +Bruederpaar "Kastor und Pollux", einer alten indogermanischen +Lichtgottheit, gleich den Dioskuren: "Alken" und "Hasdingi" soll +zusammenhaengen. Das Totenheer und die straffere Koenigsherrschaft leitet +die Steigerung ein, die allmaehlich in das Reich des Maerchens hinueberfuehrt. +_Goten_, das bedeutendste ostgermanische Volk, das Heldenvolk der +Germanen, zwischen Weichsel und Pregel; spaeter in Suedrussland, wo sich in +der Krim Reste bis ins 16. Jahrh. erhalten haben. Ihre Wanderung ist +bekannt. _Rugier_ und _Lemovier_ damals an der Ostsee zwischen Weichsel +und Oder, die Rugier spaeter an der oesterreichischen Donau. + + + + + _44_ + + +In der Westostrichtung zur Ostsee, von der man damals keine rechte +Vorstellung hatte. _Suionen_ sind Schweden, Skandinavien gilt als Insel. +Schiffe, aehnlich den hier beschriebenen, noch heute bei den Norwegern als +Scherenboote gebaut. _Reichtum_: Geldgier fuehrt zur Entartung, und +Entartete lassen sich einen unumschraenkten Herrscher gefallen. Aber der +schwedische Koenig, der ein Stammesheiligtum verwaltet und dafuer +Opfersteuern einnimmt, hat in Wirklichkeit gar keine unbeschraenkte Macht. +Nur gebietet er Festfrieden, und dann sind alle Waffen verschlossen (Kap. +40). Vielleicht haben Suedgermanen, die den Glanz dieser Feste sahen, das +Missverstaendnis verschuldet. Steigerung gegenueber der Koenigsmacht der +Goten! + + + + + _45_ + + +_Jenseits_ noerdlich. _Starr_: Pytheas von Massilia berichtet, es gebe eine +{~GREEK SMALL LETTER THETA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA WITH TONOS~}{~GREEK SMALL LETTER LAMDA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER SIGMA~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~} {~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER EPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER PI~}{~GREEK SMALL LETTER ETA~}{~GREEK SMALL LETTER GAMMA~}{~GREEK SMALL LETTER UPSILON~}{~GREEK SMALL LETTER IOTA WITH PERISPOMENI~}{~GREEK SMALL LETTER ALPHA~}, ein geronnenes Meer (im Mittelalter die Sage vom +Lebermeer). Also Kunde vom Eismeer und von der Mitternachtssonne! _Der +Erdkreis_ ist eine Scheibe, die Sonne am Rand so nahe, dass man ihre Rosse +und die Strahlen um das Haupt des Sonnengottes wahrnimmt. Die aufgehende +Sonne erklingt nach altem Glauben. "Toenend wird fuer Geistesohren schon der +neue Tag geboren ... welch Getoese bringt das Licht!" (Faust). _Nun denn_: +der Bericht geht wieder zu einer bekannten Gegend ueber. Die _rechte_ Kueste +ist nach der Westostrichtung die der Ostsee. _Aestier_ sind die Litauer; +erst spaeter geht der Name auf die finnischen Esthen ueber. Das Folgende +zeigt gerade, dass die Aestier keine Germanen sind; die Aehnlichkeit mit der +britannischen Sprache wohl nur zufaellig. _Bernstein_, ein uralter Schmuck, +wird ueber die "Bernsteinwege" zu Land und zur See nach Suedeuropa gebracht. +Die Entstehung des Bernsteins nach Plinius; die Anschauung, dass von den +Enden der Welt kostbare Schaetze kommen, bei Herodot. _glesum_: Glas, das +Glaenzende. _Landtiere_: Martial nennt die Viper. _Sitonen_ oestlich von den +Suionen sind Finnen (Kvaenen; Anklang an gotisches _qens_, Weib, _queen_): +daher der Bericht ueber die Frauenherrschaft. Hoehepunkt der Steigerung: +Goten, Suionen, Sitonen immer unbeschraenkter regiert, immer maerchenhafter +bis zur Frauenherrschaft. + + + + + _46_ + + +_Peuciner_ ein anderer Name fuer die Bastarner, das oestlichste Germanenvolk +(von der Weichsel durch Galizien hin zur Donaumuendung), auch das zuerst, +schon den Griechen, 200 v. Chr. an der unteren Donau bekannte. _Veneter_ +Wenden, das germanische Wort fuer Slaven. _Fennen_: Finnen. Die Schilderung +bezieht sich nur auf ihr Leben im Sommer. Die _Hellusier_ sollen +"Hirschartige", die _Oxioner_ "Ochsenartige" sein, vielleicht nach den +Tierfellen, die sie tragen; und daher wohl auch die Fabel. + + + + + [Illustration: Karte zu Tacitus' Germania] + + + + + Druck der Spamerschen + Buchdruckerei, Leipzig + + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Die Originalausgabe ist in Fraktur gesetzt. In Antiqua gesetzt sind in ihr +einzelne Woerter aus fremden Sprachen, hier durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, ebenso wie gesperrt gesetzte Woerter. + +Variationen bei Schreibweisen wurden nicht vereinheitlicht. + +Korrektur eines offensichtlichen Druckfehlers: + + Seite 45: "Goettinen" geaendert in "Goettinnen" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE GERMANIA*** + + + + CREDITS + + +April 29, 2012 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 39573.txt or 39573.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/9/5/7/39573/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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It exists because of the +efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks +of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance +they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring +that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for +generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation was created to provide a secure and permanent future for +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. 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Its business office is located at 809 North +1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information +can be found at the Foundation's web site and official page at +http://www.pglaf.org + +For additional contact information: + + + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + + Section 4. + + + Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive + Foundation + + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread +public support and donations to carry out its mission of increasing the +number of public domain and licensed works that can be freely distributed +in machine readable form accessible by the widest array of equipment +including outdated equipment. 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Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +concept of a library of electronic works that could be freely shared with +anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} +eBooks with only a loose network of volunteer support. + +Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions, +all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright +notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance +with any particular paper edition. + +Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook +number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed +(zipped), HTML and others. + +Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the +old filename and etext number. 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